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Lockspitzel Brenda

Redlight Street #57

©2018 120 Seiten

Zusammenfassung

REDLIGHT STREET #57

von G. S. Friebel

Der Umfang dieses Buchs entspricht 120 Taschenbuchseiten.

Brenda will nur ein Jahr diesem Gewerbe auf der Straße nachgehen, um sich das Studium zu finanzieren. Doch plötzlich tauchen drei Männer auf, die die Dirnen zwingen, ihnen ihre Einnahmen zu übergeben. Dagegen lehnt sich Brenda auf und versucht, auch die anderen Dirnen zu überzeugen, sich das nicht gefallen zu lassen. Aber die trauen ihr nicht und haben viel zu viel Angst. Vor allem vor Wayne Ford. Als Ford davon erfährt, bringt er zusammen mit seinen Kumpanen Brenda in den Wald, um sie tot zu schlagen.

Leseprobe

Lockspitzel Brenda

REDLIGHT STREET #57

von G. S. Friebel


Der Umfang dieses Buchs entspricht 120 Taschenbuchseiten.


Brenda will nur ein Jahr diesem Gewerbe auf der Straße nachgehen, um sich das Studium zu finanzieren. Doch plötzlich tauchen drei Männer auf, die die Dirnen zwingen, ihnen ihre Einnahmen zu übergeben. Dagegen lehnt sich Brenda auf und versucht, auch die anderen Dirnen zu überzeugen, sich das nicht gefallen zu lassen. Aber die trauen ihr nicht und haben viel zu viel Angst. Vor allem vor Wayne Ford. Als Ford davon erfährt, bringt er zusammen mit seinen Kumpanen Brenda in den Wald, um sie tot zu schlagen.



Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de



1

Auch für einen Mercedes war dieser Weg nicht ganz einfach. Hin und wieder sah es so aus, als würde er in den Graben abrutschen. Wenn das geschah, dann könnte die Sache recht böse auslaufen. Aber noch hatte der Fahrer den Wagen in der Hand. Verbissen umkrampfte er das Lenkrad. Schweißperlen standen ihm auf der Stirn.

»Weiter«, befahl Wayne mit kalter Stimme.

»Du bist verrückt!«, keuchte Nutzio, der Italiener. »Und wenn wir nicht zurückkönnen? Was dann?«

»Dann fahre ich«, sagte sein Beifahrer. »Also mach jetzt weiter, und zwar etwas schneller!«

Die Zweige streiften den Wagen und Mustafa Ali Atmaca, der Türke auf dem Hintersitz, duckte sich jedes Mal. Manchmal waren auch die Baumstämme so dicht, dass er ängstlich die Augen schloss.

Wayne war der Boss, und wenn er wollte, dass sein Wagen zuschanden gefahren wurde, dann mussten sie es tun. Nutzio fluchte innerlich, aber er wagte nicht aufzumucken.

Endlich hatten sie so etwas wie eine Lichtung erreicht.

»Halte hier an!«

Mit einem Ruck blieb der Wagen stehen. Sofort stiegen die drei Männer aus. Hass und Brutalität stand auf ihren Gesichtern geschrieben. Sie waren hierher gefahren, um ein Strafgericht abzuhalten. Und dazu brauchten sie die Öffentlichkeit nicht.

»Los, holt sie raus!«, zischte Wayne Ford die beiden Begleiter an.

Sofort sprangen sie um den Wagen herum, schlossen den Kofferraum auf und zogen ein Mädchen heraus. Sie hatten es gefesselt. Das Mädchen hieß Brenda Gregory und war eine Dirne. Sie war ein sehr hübsches Mädchen mit schönen dunklen Augen. Obwohl sie erst neunzehn Jahre alt war, hatte sie genügend Mut besessen, sich gegen den brutalen Zuhälter aufzulehnen.

Ganz plötzlich waren sie in der Stadt aufgetaucht: der Amerikaner, der Italiener und der Türke. Irgendwo mochten sie sich gefunden haben. Sie hatten sich also in den Kopf gesetzt, in der Stadt so etwas wie einen Mafiaring aufzuziehen. Alle Dirnen sollten in Zukunft nur noch für sie arbeiten und durften keinen anderen mehr daneben dulden. Natürlich waren sie klug genug und hatten nicht sofort die Strichstraße terrorisiert. Dort saßen die wirklich großen Zuhälter mit ihren Schlägergruppen. Sie mussten zunächst festen Boden unter den Füßen gewinnen, erst dann konnten sie sich an die anderen heranwagen. So waren sie erst in die einfachen Strichstraßen eingedrungen, die sich rund um das Viertel gruppierten und in denen alles noch zwanglos geschah und man nie genau wusste, ob die einzelne eine Dirne war oder nicht. Aber fast alles, was weiblich war, verdiente sich in dieser Gegend auf diese Art und Weise sein Geld.

Hart und erbarmungslos waren die drei vorgegangen. Sie hatten die Mädchen geschlagen, ihnen aufgelauert, wenn sie nachts von Kunden nach Hause kamen. Sie hatten sich so lange an ihnen gründlich versündigt, wie der Wille der Dirne stark war. Und die waren ja labile Geschöpfe und nahmen dann einfach alles willenlos hin. Hauptsache, sie wurden wieder in Ruhe gelassen. Dass sie jetzt fast ihre gesamte Einnahme dem Zuhälter abgeben mussten, schmerzte sie wohl. Aber was sollten sie denn tun? Sie wollten auch leben. Eines Tages würde er nicht mehr sein, und dann hatten sie wieder ihre Ruhe. So waren sie, gleichgültig, apathisch, schon zufrieden, wenn sie genug zurückbehielten, um sich dafür ihre Fuselflaschen kaufen zu können. Mit Schnaps kann man das Leben leichter ertragen - zumindest dasjenige, das sie führten.

Brenda war anders, sie war aus härterem Holz geschnitten. Und sie wollte nicht auf dieser Stufe stehenbleiben. Sie war nur hierher gekommen, weil sie Geld brauchte. Was keiner der vielen, kleinen Nutten wusste, war, dass sie eine Studentin war. Aber sie konnte im Augenblick nicht studieren, weil sie kein Geld hatte. Und es war nicht das erste Mal, dass ein Mädchen sich ihr Studium auf diese Art verdiente. Im Augenblick waren andere Stellen sehr rar. Alles war auch ganz gut angelaufen. Brenda hatte sich genau ausgerechnet, dass sie, wenn sie sparsam war, nur ein Jahr auf den Strich zu gehen brauchte. Dann hatte sie so viel Geld zusammen, dass sie in Ruhe ihr Studium aufnehmen konnte. Mit der Zeit würde sie dann auch diese Etappe ihres Lebens vergessen haben.

Und dann waren diese Männer gekommen und hatten verlangt, sie solle fast ihre gesamte Einnahme abliefern.

»Ich tue es nicht«, hatte sie zu Wiebke gesagt. »Die können sich auf den Kopf stellen. Ich brauche das Geld für mich. Und ihr seid blöd, wenn ihr es ihm so leicht in den Rachen werft.«

»Was sollen wir denn tun?«, hatte Gretchen aus Bremen gefragt. »Uns bleibt doch keine andere Wahl. Die sind stärker.«

»Wir müssen nur zusammenhalten, das ist es. Wenn wir eine geschlossene Gemeinschaft bilden, dann können sie an uns nicht heran. Aber wenn jeder für sich bleibt, dann sind wir Freiwild.«

O ja, Brenda verstand zu reden! Und sie sprach stundenlang. Bald hatte sie auch alle Mädchen so weit, dass sie sich nicht willenlos dem Zuhälter ausliefern wollten. Sie lehnten sich auf.

Diese kochten vor Wut. Sie hatten nicht damit gerechnet, so einen Widerstand vorzufinden. Überall, wo sie bis jetzt aufgetaucht waren, hatten die Mädchen aus Angst freiwillig ihren Verdienst abgeliefert. Sie brauchten auch nicht lange, um herauszufinden, wer hier die Triebfeder war. Zuerst hatten sie Brenda nur gewarnt und ihr unmissverständlich zu verstehen gegeben, wenn sie nicht damit aufhöre, die anderen Mädchen aufzuwiegeln, würde ihr etwas Schreckliches passieren.

»Sie bringen dich um«, hatte Janine, die kleine Französin, geflüstert. »Wirklich, Brenda, es lohnt sich nicht. Die danken es dir nicht, wenn du dich dafür einsetzt.«

»Ich lasse mich nicht unterkriegen! Sie wollen mir doch nur Angst einjagen«, war ihre Antwort.

»Oh, du bist noch nicht lange hier, Brenda. Du kennst noch nicht das Gemeine im Menschen.«

Nein, sie kannte es wirklich nicht, und dann hatte sie einfach es nicht glauben wollen. Man bringt doch nicht einfach einen Menschen um? Musste der Mörder nicht damit rechnen, dass das Verbrechen aufgedeckt wird? Und dann bekam er lebenslänglich. Brenda war wirklich in dieser Weise naiv, obwohl sie schon seit Monaten in diesem Viertel mit den anderen Mädchen dem ältesten Gewerbe der Welt nachging.

Und dann waren sie ganz überraschend gekommen, alle drei. Und die anderen Mädchen hatten nichts getan, als man sie in den Mercedes geworfen hatte. Ihr Herz klopfte hart gegen die Rippen.

Jetzt, als man sie herausließ, und sie den schweigenden Wald um sich herum erblickte, da erbleichte sie doch.

»Jetzt kriegst du es wohl mit der Angst, was?«, verhöhnte Wayne sie auch noch.

Sie starrte ihn an. Von ihm würde sie keine Gnade kennenlernen, o nein, auch von den anderen nicht.

»Los, bindet sie an den Baum! Ich will nicht eine Ewigkeit hier verbringen.«

Nutzio und Mustafa schleppten sie fort. Brenda wollte schreien, aber sie brachte seltsamerweise keinen Ton über die Lippen. Ihre Kehle war wie zugeschnürt.

»Eigentlich ist es schade um dich«, meinte Wayne. »Hättest wirklich eine feine Dirne abgegeben, ehrlich. Aber du bist eine Natter. Und die muss man zertreten, zermatschen muss man die. Du hast mich lange genug geärgert, und nun sollst du auch viel davon haben. O ja, das verspreche ich dir. Sehr viel sogar. Und du kannst so laut schreien, wie du willst, dich hört man hier nicht. Wir sind weit von der Zivilisation entfernt. Wenn du Glück hast, wird man dich vielleicht in hundert Jahren hier finden.«

»Boss«, gurgelte Nutzio, »was hast du mit ihr vor? Du willst sie doch nicht umbringen? Mensch, von einem Mord war nie die Rede, als wir uns zusammentaten. Du hast gesagt: >Umgebracht wird keiner, die parieren auch so. Mit Mord wollen wir nichts zu tun haben.< Das waren deine eigenen Worte.«

»Aber diese Schlange muss umgebracht werden! Begreift ihr denn nicht? Sie macht doch die ganze Straße verrückt. An ihr müssen wir so etwas wie ein Exempel statuieren, dann sind die anderen sofort zahm. Die werden dann keinen Ärger mehr machen. Aber wenn ihr die Hosen schon jetzt voll habt, dann haut doch ab! Bildet euch aber bloß nicht ein, dass ihr dann noch meine Partner seid!«, schrie er sie wütend an. »Ich soll wohl den ganzen Dreck allein machen, und ihr wollt nur kassieren! Aber so blöd bin ich nicht!«

Die beiden Männer wurden aschfahl. So wütend hatten sie ihren Boss noch nie erlebt. Sie gingen drei Schritte zurück. Nutzios Augen verdrehten sich leicht. Langsam schienen sie zu begreifen, dass sie in Wayne einen Teufel der gemeinsten Art vor sich hatten.

»Los, haut doch ab! Worauf wartet ihr noch! Geht doch endlich! Aber der Wagen bleibt hier!«

Sie standen da und rührten sich nicht von der Stelle. Und dann dachten beide: Wegen so einer blöden Nutte sollen wir wirklich alles hinschmeißen? Wo sich das Geschäft so gut angelassen hat? Dann pfeifen wir auf dem letzten Loch, und davon haben wir auch nichts. Ist doch ihre Sorge. Wayne hat sie oft genug gewarnt, aber sie wollte es eben besser wissen. Wenn er sie wirklich umbringt, nun denn, soll er es tun. Wir sind dann nicht die Mörder. Nutzio dachte so, Mustafa dachte überhaupt nicht. Er wollte nur Geld, Geld und nochmals Geld. Nichts anderes zählte für ihn.

Brenda wusste nun, von diesen beiden Gestalten durfte sie keine Rettung erhoffen. Sie war dem gemeinen Wayne hilflos ausgeliefert. Bis zu diesem Augenblick hatte sie immer noch auf ein Wunder gehofft. Aber als sie in seine Augen blickte, da wusste sie, dass er sie töten würde.

Nackte Todesangst stieg in ihr hoch. Was hatte sie denn getan? Was denn? Sie hatte sich nur gegen diesen Teufel gewehrt, das war ihr gutes Recht.

O ja, dachte sie und bäumte sich wild auf. Sie fühlen sich immer stark zu dritt, mit einer Kanone in der Tasche. Dann spielen sie den wilden, gemeinen Mann. Aber allein? Auf einen Kampf lassen sie sich nie ein, diese gemeinen Kerle; denn dann sind sie die größten Feiglinge der Welt.

Und das verzweifelte Mädchen dachte: Alles war umsonst, das Kämpfen, das Reden, alles! Hier also soll ich sterben. Mein Gott, ich bin doch noch nicht mal zwanzig Jahre alt.

Der Zuhälter sah sie höhnisch an. Dann nickte er mit dem Kopf nach hinten. Nutzio reichte ihm eine lange Peitsche. Sie schauderte zusammen.

»Es wird mir ein Vergnügen sein, dich zu töten«, sagte er grinsend.

Sie sprach kein Wort, schaute ihn nur an. Das irritierte ihn, machte ihn nervös. Aber dann hob er den Arm und begann, sie zu peitschen.

Sie war an den Baum gefesselt und konnte sich nicht vor den Schlägen schützen. Beim ersten Schlag glaubte sie, er würde sie mittendurch reißen. Aber alles, was dann kam, war so schrecklich, die reinste Hölle. Aber sie starrte ihn nur an und schrie nicht.

Er wollte aber, dass sie schrie. Er wollte es unter allen Umständen. Das würde seine Lust noch mehr hochpeitschen. Sie sollte schreien, schreien, ihn anwinseln - und er würde doch keine Gnade kennen.

»Schrei, schrei, schrei!«

Sie hörte seine schrille Stimme. Brenda dachte: Vielleicht bin ich schon tot? Vielleicht schwebe ich schon über ihren Köpfen, und nur mein Körper hängt noch da am Baum und wird gemartert?

Komischerweise spürte sie gar nicht mehr die Schläge. Er schlug überall hin, und sie sah das Blut an sich herunterlaufen. Er verschonte auch das Gesicht nicht. Denn er wollte nicht, dass man sie jemals erkennen würde. Für alle Zeiten sollte sie verschollen bleiben. Die Peitschenschläge trafen ihr Gesicht wie ein Messer. Er hörte erst auf, als ihr Kopf nach vorn fiel und sie das Bewusstsein verlor.

»Mensch, die ist doch schon tot!«, ächzte Nutzio, dem richtig schlecht wurde, als er das viele Blut sah.

Wayne wandte sich rasch ab. Vor Toten hatte er eine heillose Angst. Hatte er sie vielleicht noch berührt, als sie schon tot war? Er erschauerte.

»Kommt!«, sagte er mit gepresster Stimme.

»Willst du sie so hängenlassen?«, keuchte der Italiener.

»Bringt sie weg!«

Nutzio winkte dem Türken. Sie schnitten die Fesseln durch. Sofort kippte ihnen das Mädchen entgegen.

«Pfui«, schauderte Nutzio zusammen. Aber was blieb ihnen anderes übrig, als die Dreckarbeit zu erledigen? Wayne war nun einmal der Chef. So schleppten sie das Mädchen ins nächste Gebüsch.

»Sollen wir vielleicht mit den Händen ein Loch kratzen?«, knurrte Mustafa.

»Nix, ich bin doch nicht blöd! Komm, legen wir ein paar Blätter und Sträucher darüber. Hier findet man sie doch nie.«

Hastig wurde das Werk vollbracht. Dann wuschen sie sich im nächsten Bach gründlich die Hände, zupften sich die eleganten Krawatten zurecht, bestiegen das große Auto und fuhren davon.

»Ich hab Hunger«, sagte Mustafa.

Nutzio dachte: Der hat Nerven wie ein Pferd. Ich könnte jetzt wirklich nichts runterbringen.

Wayne saß totenbleich auf dem Nebensitz. Nutzio fuhr. Einmal bemerkte er, dass ihm die Hände zitterten. Er wollte sich eine Zigarette anstecken und schaffte es nicht, warf sie wütend aus dem Auto.

»Nicht weit von hier ist eine Waldkneipe«, sagte Wayne. »Fahren wir hin!«

Nutzio nickte. Er dachte noch immer an das Mädchen. Diese Augen, dachte er und erschauerte. Sie werden mich verfolgen. Ich weiß das jetzt schon. Ich werde jede Nacht von ihnen träumen. Herrje, warum bin ich bloß nach Deutschland gekommen! Jetzt musste er auf einmal an seine Schwester denken. Sie war im gleichen Alter. Und wenn er sich vorstellte, dass so ein gemeiner Kerl wie Wayne ...? Komisch, wenn man selbst betroffen ist, dann ist alles schrecklich, ist alles ein Verbrechen. Und eben noch hatte er da im Wald gestanden und zugelassen, dass dieser Kerl das Mädchen getötet hatte.

»Du sollst halten!«

Es war Wayne, der ihn angeschrien hatte.

Mit einem Ruck hielt er. Schweigend stiegen sie aus. Sie betraten die Kneipe, sie war ziemlich komfortabel, und Mustafa fühlte sich nicht recht wohl. Er konnte sich noch nicht gut benehmen, und so hielt er sich am liebsten in Spelunken auf. Dort fiel das nicht auf.

»Du hast Hunger«, zischte ihn Wayne an. »Und jetzt wird gegessen, oder du kannst hungern.«

Nutzio spürte, dass der Boss doch nervös war. Es ging ihm also doch gegen den Strich. Na ja, aber das war eben nicht seine Sache.

»Willst du auch essen?«

Nutzio war noch immer mit seinen Gedanken beschäftigt.

»Woran denkst du?«

Er zuckte zusammen. »An nichts.«

»Hör mir gut zu, Bürschchen!«

Nutzio starrte ihn an.

»Wie sprichst du mit mir? Wir sind Partner. Ich bin nicht dein Hund, verstanden?«

»Ich möchte wissen, woran du eben gedacht hast!«

»An gar nichts«, sagte er mürrisch.

»Ich bin nicht blöd. Los, sag es, spuck’s aus!«

Nutzio grinste. Der Kellner kam, er bestellte sich eine Flasche leichten Rotwein. Als sie wieder allein waren, zischte ihn Wayne wieder an: »Los, was denkst du!«

»Das ist doch noch frei, oder?«

»Wenn du glaubst, du könntest mich in die Pfanne hauen, dann irrst du dich«, sagte Wayne kalt.

»Was soll das denn schon wieder heißen?«

Mustafa wählte Eisbein mit Sauerkraut, unverständlich für Nutzio. Er würde sich nie an die deutsche Küche gewöhnen.

Nutzio hätte sich am liebsten die Ohren zugehalten. Das war nicht zum Aushalten! Man hatte das Gefühl, mit einem Schwein am Tisch zu sitzen. dass er trotzdem nichts sagte, lag wohl an der knisternden Spannung, die in der Luft lag. Mit unbewegtem Gesicht trank Wayne sein Getränk. Ganz plötzlich sprach er in die Stille hinein: »Damit ihr es wisst: Wir sitzen alle in einem Boot. Habt ihr mich verstanden?«

Mustafa hörte mit dem Schlürfen auf und schaute ihn blöde an.

»Wieso?«, meinte er. »Du hast sie doch auf dem Gewissen.«

»Ihr habt dabeigestanden, und außerdem sind eure Fingerabdrücke bei ihr.« Wayne sagte selbstverständlich nicht, dass man an einer Leiche und deren Kleidung nie Fingerabdrücke abnehmen konnte. Die beiden glaubten es aber. Er sah es ihren Gesichtern an.

»Wir sitzen alle zusammen in diesem Boot. Und wenn einer versucht, die anderen beiden zu verpfeifen, dann schieß ich ihm ein Loch in seine Gedärme. Ich bin schnell mit der Knarre, und das wisst ihr.«

Selbst dem Türken war jetzt das Essen verleidet. Angeekelt schob er den Teller von sich.

»Wie? Hast du keinen Hunger mehr?«, höhnte Wayne. Dann grinste er ihn an. »Habt es euch wohl so einfach vorgestellt, wie?«

Sie schwiegen beharrlich. Nutzio dachte: Jetzt hab ich einen Mord auf dem Gewissen. Das ertrag ich nicht. Wayne ist ein Schwein. Er hätte die Kleine nicht umzubringen brauchen. Eine Abreibung, die sich gewaschen hat, hätte genügt, und sie hätte endlich pariert.

»Wir hätten sie lassen sollen«, sagte er langsam.

»Was lassen sollen?«

»Ich meine, wir haben doch schon eine Menge Mädchen, die für uns auf den Strich gehen. Da kommt es doch auf eine nicht mehr an. Du hättest sie wirklich übergehen können.«

»Ja, Boss«, kläffte Mustafa sofort hinterher. »Warum hast du das nicht getan?«

Wayne starrte sie wütend an. Mit solchen Holzköpfen hab ich mich belastet, dachte er bei sich. Die können ja nicht mal bis drei zählen. Du meine Güte, warum habe ich das nicht schon früher bemerkt?

»Weil es unser Untergang gewesen wäre!«, zischte er. »Ein Zuhälter darf nie nachsichtig sein, kapiert? Entweder alle oder gar keine. Wenn das die anderen erfahren hätten - und sie hätten, dafür hätte diese verdammte Hure schon gesorgt - dann wären alle störrisch wie Maulesel geworden. Mit Recht hätten sie sich gesagt: Wenn die nicht ihr Geld abgeben muss, warum sollen wir es dann tun? Der ganze Block, die ganze Straße wäre in Aufruhr gewesen. Habt ihr es denn nicht bemerkt, wie sie schon aufzumucken begannen?«

»Schon, aber ein Mord?«

»Halt deine Klappe!«, zischte der Boss. »Soll der Wirt hören, wovon hier die Rede ist?«

»Und was sagen wir den anderen Schlampen?«, wollte der Türke wissen. »Die wollen doch wissen, wo sie geblieben ist.«

»Den Strichhuren? Natürlich sagen wir ihnen, dass wir sie geköpft haben. Und wir sagen auch sofort dazu, dass wir jede köpfen, die ab jetzt nicht willig für uns auf den Strich geht. Außerdem ziehen wir jetzt die Daumenschrauben stärker an. Die haben jetzt alle Angst. Keine will ins Gras beißen, und darum werden wir sie jetzt ausquetschen wie Zitronen.«

Schweigend sahen die beiden Kumpanen ihren Chef an. Mustafa rollte mit den Augen.

Wayne spürte ihren Hass, aber er hatte sie in der Hand. Sie waren eben nicht so schlau und gewandt; und eines Tages, wenn er sie nicht mehr brauchte, würde er sie bei der Polizei verraten. Er würde sie vorher in eine Falle locken und die Bullen dann als Zuschauer hinbestellen. Wenn der Ring erst einmal aufgebaut war, dann brauchte er sie nicht mehr. Hatte er erst mal die kleinen Straßen im Griff, würde er sich immer weiter Vorarbeiten. Eines Tages wären ihm alle Nutten dieser Stadt untertan. Und dann ging es weiter, in eine andere Stadt. Er würde reich sein, unermesslich reich. Alle in der Unterwelt würden ihm katzbuckeln. Und er würde sich einen Palast kaufen und dort große Empfänge geben. Er würde ...

Nutzio war aufgestanden.

»Ich will in die Stadt zurück.«

Der Amerikaner bezahlte die Rechnung.

Draußen sagte er noch einmal: »Wenn ihr tut, was ich will, dann soll es euch nicht schlecht ergehen.«

Mustafa machte ein mürrisches Gesicht. Ungestüm riss Wayne ihn am Hemdkragen zu sich herum.

»Hast du mich verstanden!«, fauchte er ihn an. Wie hingezaubert lag plötzlich ein langes, dolchartiges Messer in Mustafas rechter Hand.

»Lass deine dreckigen Pfoten von meinem Hemd!«, sagte er.

Wayne starrte ihn an. Er spürte die Mordlust in den Augen des anderen. Langsam fielen seine Hände herab.

»Schon gut«, murmelt er schnell.

»In Ordnung«, sagte Mustafa. »Aber Wayne, damit du es weißt: Alles lass ich mir nicht gefallen. Ich mag vielleicht langsam mit dem Schießeisen ein, aber mit dem Messer bin ich schnell. Und das ist lautlos. Nur, damit du Bescheid weißt.«

Hass, mörderischer, eiskalter Hass stieg in ihm hoch.



2

Das Erste, was ihr klar bewusst wurde, war, dass ein kleines Zipfelchen blauer Himmel zwischen den Baumkronen hindurchschimmerte. Sie hörte außerdem ein leises Summen, brachte aber die Gedanken noch nicht zusammen. Es vergingen ein paar Stunden, bis sie wieder die Augen aufschlug. Sie spürte eine klebrige, kalte Nässe auf sich.

Brenda lag mit weit aufgerissenen Augen auf dem Waldboden, halb von Blättern und Zweigen bedeckt. Sie waren es auch, die sie vor der völligen Nässe durch den Nachttau geschützt hatten. In ihrem Kopf war ein Dröhnen und Hämmern. Verzweifelt versuchte sie, sich ins Gedächtnis zurückzurufen, wo sie war, was geschehen war, und warum es so still um sie herum war. Wo war die lärmende Straße mit den kreischenden Kinderstimmen, den Autos, den Menschen und deren Gezänk? Nichts von dem drang in ihr Bewusstsein. Sie wusste instinktiv, dass sie hier nicht bleiben konnte. Aber sie war so schwach, dass sie lange brauchte, um sich ein wenig aufzurichten. Erst als ihr verschwimmender Blick den Waldboden erkannt hatte, fiel ihr wieder ein, was passiert war.

Sie war nicht tot. Bestimmt nicht. Sie spürte die Tannennadeln, den Tau, sie hörte die Vögel in den Bäumen. Sie lebte noch. Aber sie ahnte richtig, dass der Zuhälter sie für tot gehalten hatte.

Brenda hatte einen Tag und eine Nacht hier gelegen. Die Kälte der Nacht hatte das Blut an den Wunden verkrusten lassen. Aber sobald sie sich nur ein klein wenig bewegte, fühlte sie einen mörderischen Schmerz. Ihr ganzer Körper wurde von einer Schmerzwelle zerrissen. Fortlaufen war unmöglich. War sie vielleicht dazu verdammt, hier langsam zu sterben? Wenn das so war, warum war sie dann nicht sofort gestorben? Warum nicht? Wenn es einen Gott gab, konnte er wirklich diese entsetzliche Grausamkeit zulassen?

Brenda wollte weinen, aber die Tränenkanäle waren zugeklebt. So lag sie nur da und starrte das kleine Stückchen Himmel an. Es musste noch sehr früh am Morgen sein. Und sie hoffte: Wenn es richtig Tag wird, dann kommt die Sonne; sie wird mich wärmen. Und dann kann ich mich auch bewegen. Ich muss fort, ich muss eine Straße erreichen. Irgendwo muss es hier doch eine Straße geben. Und dort sind dann auch Menschen, die mir weiterhelfen werden.

Wieder dämmerte sie vor sich hin. Aber auch nach zwei Stunden war nichts anders. Sie konnte sich nicht bewegen.

»Ich muss elendig sterben«, flüsterte sie vor sich hin. »Diese Hunde! O mein Gott, warum sterbe ich nicht sofort? Warum muss ich hier langsam verhungern, verdursten?«

Der kleine Fleck wurde immer heller. Manchmal sah sie sogar eine kleine Wolke. Der Wald hielt die Hitze ab. Und sie brauchte doch Wärme. Brenda fühlte sich so schwach, dass sie nicht einmal mehr die Augen aufhalten konnte. Wie lange sie dann wieder vor sich hindämmerte, konnte sie nicht mehr sagen.

Irgendwann, bestimmt waren inzwischen tausend Jahre vergangen, hörte sie ein Rascheln und Knacken. Ihr Herz flog, und sie dachte: Kommen sie vielleicht zurück, um ihr Werk zu vollenden? Bringen sie mich jetzt wirklich um?

Vor Stunden hatte sie sich noch gewünscht, sofort zu sterben, aber jetzt krallte sie sich an das bisschen Leben. Das Rascheln wurde stärker. Brenda dachte: Ich muss wie tot daliegen, ich darf mich nicht bewegen. Dann werden sie denken, ich sei tot. Sie dürfen mich nur nicht berühren!

Ruckartig hörte das Rascheln auf. Sie spürte, dass ganz in ihrer Nähe etwas war. Und dieses Etwas beobachtete sie scharf. Vielleicht war es auch nur ein Tier? Ein Reh?

Starr und steif lag sie da und wagte nicht, die Augen aufzuschlagen. Diese entsetzliche Stille hielt nur einen Augenblick an, dann stürzte das Etwas kopflos davon, hastig und ohne auf den Weg zu achten. Als hätte es sich tödlich erschrocken. Nein, ein Tier war das bestimmt nicht.

Es war ein kleiner Junge gewesen. Er hatte Brenda beim Pilze suchen entdeckt und hielt sie für eine Leiche. Nun lief er, was er nur konnte, zu seinen Eltern zurück.

»Papa, Mama, Papa, Mamaaa!« Fast hysterisch klang sein Geschrei. Brenda hörte, wie die Stimme sich immer weiter entfernte.

Diese winzige Chance hatte sie vertan.

Aber der Bub rannte weiter, die Augen weit aufgerissen, entsetzliche Angst stand darin. Endlich hatte er die Großen gefunden. Zuerst konnte er nicht sprechen, so sehr war er gerannt.

»Warum schreist du hier so herum?«, sagte die Mutter.

Der Vater bemerkte sofort, dass mit seinem Jungen etwas nicht stimmte.

»Was ist denn los? Du bist ja ganz verstört? Wir sind doch hier.«

»Vater«, brach es jetzt stammelnd aus dem Knaben hervor. »Papa, ich habe eine Leiche gesehen! Im Wald! Es war schrecklich.«

»Was sagt der Junge?«, rief die Mutter erschrocken.

»Eine Leiche«, stammelte er, »sie ist ganz voller Blut. Eine Frau. Sie liegt da hinten. Ich dachte, da wären Pilze, deshalb bin ich weiter gegangen. Und plötzlich lag sie da. Man sieht nur ihren Kopf, das andere nicht.«

»Bub!«, sagte der Vater. »Kannst du mir die Stelle zeigen, an der du sie gefunden hast?«

»Ja, aber ich geh nicht mehr hin. Die sieht so schrecklich aus.« Und jetzt kamen auch die erlösenden Tränen.

»Das brauchst du auch nicht. Zeig mir nur, wo sie gelegen hat! Dann schau ich nach.«

Leise sagte seine Frau: »Glaubst du wirklich, was er sagt?«

Er machte ein ernstes Gesicht.

»Die Welt ist schlecht, und man hört und sieht doch alle Tage im Fernsehen solche Dinge. Ich will sehen, was ihn so erschreckt hat.«

Eine kurze Weile ging der Junge willig mit. Aber je näher sie kamen, um so scheuer wurde er, und dann blieb er abrupt stehen und sagte: »Da hinten zwischen den Bäumen hab ich sie gesehen. Ganz bestimmt, ich lüge nicht.«

Brenda lag in ihrem Grab und betete zu Gott, der Junge möge zurückkommen. Wenn er den Mut aufbrachte, noch einmal zu kommen, dann würde sie mit ihm sprechen, ihn bitten, er möge Leute holen, Hilfe. Dann war sie gerettet.

Der Puls ging flatternd. Sie hatte so viel Blut verloren. Aber diese Hoffnung gab ihr noch einmal Auftrieb. Sie durfte jetzt nicht wieder ohnmächtig werden. Sie durfte nicht.

Und dann hörte sie wieder das Brechen der dürren Äste. Er kam zurück!

Brenda riss die Augen weit auf. Nebelhaft umtanzten Baumstämme ihren Blick. Langsam stieg die Ohnmacht hoch, und bald hätte sie das Mädchen wieder im Griff.

Aus dem Wald schälte sich eine Gestalt. Sie sah verschwommen ein Gesicht. Der Vater des Knaben hatte sie gefunden. Brenda öffnete den Mund.

»Bitte, helfen Sie mir«, röchelte sie. Das waren ihre ersten Worte nach vielen Stunden.

Der Mann war zu Tode erschrocken. An eine Leiche hatte er bis zum letzten Augenblick nicht geglaubt. Irgendetwas, das vielleicht so aussah, hatte möglicherweise seinen Jungen erschreckt. Aber hier lag wahrhaftig ein Mädchen! Sie hatte ihn angesehen, gesprochen, und dann war sie still geworden. Träumte er das vielleicht? Glaubte er das nur? Oder war es Wirklichkeit gewesen?

Scheu bückte er sich und suchte unter dem Laub nach ihrer Hand. Sie fühlte sich warm an, seine Finger fanden den Puls. Er ging noch. Auch er sah das viele Blut und die dicken Krusten auf ihrem Gesicht. Sofort wusste er, dass hier ein Verbrechen geschehen war. Und er wusste auch, dass sie sofort ärztliche Hilfe brauchte, oder sie würde sterben. Hastig rannte er zum Weg zurück. Dort stand seine Frau mit dem Jungen.

»Sie lebt noch!«, schrie er ihr entgegen. »Sie lebt noch, und ich muss sofort einen Arzt holen! Bleib du hier, ich fahre ins nächste Dorf, rufe dort nach der Polizei und einem Arzt.«

Die Frau klammerte sich an ihn.

»Lass mich nicht allein, ich flehe dich an! Ich habe Angst.«

Scheu blickte sie sich um, glaubte, hinter jedem Baum einen Mörder zu entdecken. Der Mann sagte sich: Vielleicht sind sie tatsächlich noch in der Nähe. Wenn sie wissen, dass wir sie gefunden haben, schweben wir in Lebensgefahr.

»Komm!«, sagte er hastig.

Vorhin war der Wald noch schön, still und lieblich gewesen. Nun verbreitete er Angst und Schrecken. Mit fliegenden Haaren rannten sie zum Wagen zurück. Sie fühlten sich erst sicher, als sie die Türen geschlossen hatten, der Motor ansprang. Er jagte aus dem Wald ins nächste kleinere Dorf. Dort gab es keine Polizeistation.

»Wer hat ein Telefon?«, sprach er einen Mann an.

»Der Schulzenhof und der Pfarrer. Der Lehrer auch«, war die Antwort.

»Wer liegt am nächsten?«

»Der Schulzenhof.«

Er fuhr weiter. Wenig später bog er in einen großen Hof ein. Ein Mann kam ihm entgegen. Er stellte sich vor, sagte in wenigen Worten, welche Entdeckung er im Wald gemacht hatte. Sofort gingen sie ins Haus. Der Bauer selbst benachrichtigte die Polizei in Hamburg.

»Wenn es sich um Mord handelt, kommen die sowieso. Kann ich sie also gleich anrufen«, sagte er zur Erklärung.

»Und der Arzt? Wo wohnt der?«

»Sie haben gesagt, sie brächten alles mit: Arzt, Krankenwagen, Polizei, alles.«

»Danke.«

Sie schwiegen. Der Schreck saß ihm noch immer in den Gliedern.

»Soll ich zum Wald zurückfahren?«

»Nein, Sie sollen hier warten. Man braucht Sie noch. Sie sollen zeigen, wo sie liegt.«

»Ja, ich weiß. Können meine Frau und der Junge hierbleiben?«

»Selbstverständlich. Ich werde meiner Frau Bescheid sagen, dann wird sie sich um alles kümmern.«

Wenig später saßen sie im Wohnzimmer, und man brachte ihnen Kaffee. Aber dann war auch schon die Polizei zur Stelle. Vier Wagen auf einmal, dahinter der Krankenwagen. Da dem Großbauern der Wald gehörte, ging er mit. Der einsame Waldweg stand voller Autos, Lärm und Geschrei lag in der Luft. Man hatte eine Hundestaffel mitgebracht. Sie suchte sofort das Gelände ab. Es konnte ja sein, dass der Täter sich noch irgendwo versteckt hielt.

Brenda hörte und sah nichts. Sie lag in einem tiefen Koma. Als der Mann den Arzt und die Polizei zu ihr führte, spürte sie nichts. Jetzt lag sie wirklich wie tot da.

Der Arzt scharrte das Laub fort und sagte: »Mein Gott, hier muss eine Bestie am Werk gewesen sein!«

»Lebt sie noch?«, wollte Kommissar Rötger, der die Untersuchung leitete, wissen.

»Ja, sie lebt noch. Sagt über Funk dem Krankenhaus Bescheid! Sie müssen alles für eine langwierige Operation vorbereiten.«

»Wird gemacht.«

Als sie mit der Trage kamen und sie aufheben wollten, erwachte sie aus ihrer Erstarrung. Man konnte nur ihre Augen sehen, alles andere lag unter einer dicken Blutkruste.

»Sie will etwas sagen!«, rief der Arzt. »Schnell, Rötger!«

Er warf sich neben das Mädchen auf den Waldboden. Brenda öffnete den Mund.

»Niemandem was sagen«, röchelte sie. »Nichts der Zeitung. Sonst kommen sie und bringen mich um.«

Die Anwesenden schauderten zusammen.

»Wer war es?«

Ihr Kopf ruckte zur Seite.

»Sie ist wieder ohnmächtig.«

»Verflucht, jetzt kann ich ein paar Tage warten, bis sie wieder sprechen kann.«

»Was wollte sie damit sagen?«, wollten der Mann und der Bauer wissen.

»Dass niemand wissen darf, dass wir sie gefunden haben. Oder doch, das können wir ruhig der Presse mitteilen, denn irgendetwas riechen diese Leute ja immer. Eine Mitteilung müssen wir abgeben. Aber wir werden eine falsche geben. Und zwar werde ich sagen, dass wir eine Tote gefunden hätten. Selbstverständlich erwarte ich von Ihnen, dass Sie darüber schweigen. Das Mädchen befindet sich in Lebensgefahr. Sie alle haben es gehört. Auch jetzt hat sie noch Angst.«

Sie versprachen sofort, von dem Vorfall nichts zu erzählen, sondern nur, dass man eine Leiche gefunden hätte. Noch lange suchte die Polizei den Tatort ab. Sehr schnell fanden sie auch heraus, dass sie an einen Baum gefesselt worden war. Sie entdeckten auch die Radspuren und machten Gipsabdrücke davon.

Aber der Notarztwagen war schon längst auf dem Weg zur Stadt. Unterwegs nahm der Arzt schon eine Blutprobe von der Schwerverletzten und erhielt so das Ergebnis ihrer Blutgruppe, das er sofort über Funk an das Krankenhaus weitergab. In diesem Falle spielten Sekunden und Minuten eine große Rolle.

Als sie endlich eintrafen, war alles bereit. Die Ärzte standen operationsfertig im Raum. Rasch wurde die Bahre hineingerollt. Die Türen schlossen sich. Nach zwei Stunden erschien der Kommissar in der Klinik. Aber die Schwestern sagten ihm, die Ärzte operierten noch immer.

Er wurde blass.

Im Ganzen brauchten sie fast vier Stunden, dann öffneten sich die Flügeltüren, und man schob sie über den Gang in ein Einzelzimmer. Um wirklich sicher zu gehen, hatte der Kommissar eine Wache beauftragt. Ein Polizeibeamter würde das Zimmer so lange bewachen, bis der Kommissar es nicht mehr für nötig hielt. Wenig später sprach er mit Professor Alexander von Lutzki. Er selbst hatte die schwierige Operation durchgeführt.

»Wird sie überleben?«

»Das ist schwer zu sagen. Sie hat ziemlich lange mit den Wunden da draußen gelegen. Bestimmt seit gestern.«

»Du mein Gott!«

»Es grenzt wirklich an ein Wunder, dass sie noch lebt. Der Mörder hat wie ein Verrückter auf sie eingeschlagen. Schulter, Brust, Becken, Bauch, Schenkel, überall haben wir die Wunden vernähen müssen. Aber innere Verletzungen hat sie nicht. Nur kleine Risse, die wir auch nähen konnten. Und es wurden keine lebenswichtigen Organe verletzt, was wir zuerst alle angenommen hatten. Sie kann wirklich noch von Glück sprechen. Aber dann ist da noch ...«

Er brach ab, fühlte sich ausgelaugt, müde, zu Tode erschöpft und auf einmal sehr alt. Eine Schwester kam herein und brachte den beiden eine Kanne frischen Kaffee.

»Danke, der wird uns wieder aufmuntern.«

»Was ist da noch?«, wollte der Kommissar nach der ersten Tasse von ihm wissen. »Ist sie vielleicht schwanger?«

»Nein. Wir haben keine Anzeichen dafür entdecken können. Oder es muss sich in einem sehr frühen Stadium befinden. Aber das glaube ich nicht.«

»Was dann?«

»Das Gesicht. Er hat es fürchterlich zugerichtet. Wir haben unser Möglichstes getan. Aber die Narben. Sie wird furchtbar aussehen, ich meine, nachher.«

Martin Rötger steckte sich eine Pfeife an.

»Dies ist mal wieder so ein Augenblick, in dem ich meinen Beruf abgrundtief verfluche. Ich verstehe mich selbst nicht mehr. Warum habe ich ihn eigentlich gewählt?«

Der Professor nickte.

»Mir geht es ebenso. Immer, wenn ich merke, jetzt kann ich nicht mehr helfen, mir sind die Hände gebunden, nur noch ein Wunder kann helfen, dann denke ich auch so. Ich fühle mich so ohnmächtig. Aber dies ist für mich ein ganz anderer Fall. Sie sehen das Verbrechen, Herr Rötger, aber ich denke dazu: Wie kann ein Mensch sich nur so tief erniedrigen und sich selbst zum Tier stempeln. Das muss er doch sein.«

»Sie tun den Tieren unrecht«, sagte der Kommissar. »Die sind nämlich viel humaner als wir Menschen. Die töten nur, um zu leben. Es ist das Naturgesetz, aber sie töten nicht um der Lust willen, aus Rache oder aus einem anderen Grunde. Und sie töten ihr Opfer schnell und spielen nicht damit herum. Eine Ausnahme macht die Katze, aber sie tötet auch immer zum Schluss. Ich brauche nur an die hohe Ziffer der Kindesmisshandlungen zu denken. Tun Tiere so etwas?«

Beide schwiegen lange Zeit und blickten aus dem Fenster.

»Haben Sie schon irgendeinen Anhaltspunkt?«, wollte nach einer Weile der Professor wissen. »Ich meine: Wird sie vielleicht gesucht? Ist sie eine von diesen Leuten?«

Details

Seiten
120
Jahr
2018
ISBN (ePUB)
9783738924244
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2018 (Dezember)
Schlagworte
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Titel: Lockspitzel Brenda