Lade Inhalt...

Dr. Richard Mohr und der Fall der Hypochonderin

2018 120 Seiten

Zusammenfassung

Ramona Bellinghausen ist jung, attraktiv und wohlhabend. Doch leider ist sie auch eine hochgradige Hypochonderin. Als die alljährliche Grippewelle grassiert, bildet sich Ramona natürlich sofort ein, dass auch sie bereits schon Symptome davon verspürt. Doch die junge Frau schwebt in akuter Gefahr und zugleich muss Sie sich ihrer größten Herausforderung bisher stellen. Kann Dr. Richard Mohr auch dieser Patientin helfen?

Leseprobe

Copyright


Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author / COVER EDHAR YURALAITS 123rf

© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de


Dr. Richard Mohr und der Fall der Hypochonderin

Stefan Hensch







Ramona Bellinghausen ist jung, attraktiv und wohlhabend. Doch leider ist sie auch eine hochgradige Hypochonderin. Als die alljährliche Grippewelle grassiert, bildet sich Ramona natürlich sofort ein, dass auch sie bereits schon Symptome davon verspürt. Doch die junge Frau schwebt in akuter Gefahr und zugleich muss Sie sich ihrer größten Herausforderung bisher stellen. Kann Dr. Richard Mohr auch dieser Patientin helfen?







Der flotte Beat aus den Boxen des Cabrios verführte die junge Frau zu einem gewagten Überholmanöver, was ihr auch sogleich protestierendes Hupen einbrachte.

Dann wurde das Lied unterbrochen und die Stimme des Radiomoderators erklang aus den Boxen des Cabrios.

„Aufgrund einer grassierenden Grippewelle steigt die Zahl der Krankmeldungen drastisch an. Erste Symptome der Grippe sind geschwollene Lymphknoten am Hals, Kopf- und Gliederschmerzen, Halsschmerzen und Fieber. Da es sich um eine völlig unerwartete Virengruppe handelt, können Kliniken und Arztpraxen bisher nicht mit einer ausreichenden Menge von Impfstoffen versorgt werden. Vorranging erhalten deshalb vor allem alte Menschen und Kranken eine Impfung.“

Ramona fasste sich instinktiv an den Hals und tastete dort nach ihren Lymphknoten. Waren die Knoten nicht deutlich vergrößert? Hatte die junge Frau am Morgen nicht auch Schluckbeschwerden gehabt und schmerzten sie nicht schon länger ihre Muskeln am Rücken?

Die gute Laune von Ramona war sofort wie weggeblasen. Mit einem Mal fühlte sie sich schon richtig krank. Sie musste etwas unternehmen, denn sie hasste Krankheiten wirklich abgrundtief. Angestrengt überlegte sie, was zu tun war. Dann kam sie auf eine Idee. In ihrer Nachbarschaft hatte doch kürzlich eine Arztpraxis eröffnet. Wie hieß der Arzt noch gleich?

Nach kurzer Zeit fiel es Ramona ein. Mohr, dachte sie. Richard Mohr, das war der Name des Mediziners. Sie brauchte sowieso einen neuen Hausarzt, nachdem sie sich mit ihrem alten Arzt überworfen hatte. Neue Besen kehren gut, dachte Ramona und änderte kurzentschlossen ihre Route.


*


Doktor Richard Mohr saß hinter seinem Schreibtisch und musterte den Patienten vor sich aufmerksam aus seinen stahlgrauen Augen.

„Ist eine Impfung denn wirklich nötig, Herr Doktor? Ich bin doch bester Gesundheit und man liest in letzter Zeit so viel Negatives über Impfungen“. Der betagte Herr atmete tief durch. „Da soll doch so viel Quecksilber in den Impfstoffen sein!“

Richard Mohr nickte verständnisvoll, denn er kannte die Diskussion um die schädliche Wirkung von Impfstoffen. Als Mensch verstand er die Ängste und Sorgen der Patienten zu diesem Thema.

„Die Impfstoffe unterlaufen einer ganzen Reihe von Tests und Untersuchungen, ehe sie zugelassen werden können. Bei der Produktion finden dann ebenfalls regelmäßig Qualitätskontrollen statt“.

Der Arzt lehnte sich nach vorne und legte seine Hand auf den Unterarm des Patienten. „Sie gehören zu den Risikogruppen bei dieser Grippe, Herr Johnel. Ihr Herz ist zwar wieder fit, aber schon lange nicht mehr das Herz eines jungen Mannes!“

Peter Johnel nickte langsam. Von Dr. Mohr fühlte er sich verstanden und deshalb auch gut aufgehoben. Er traute der Pharmaindustrie zwar immer noch nicht so ganz über den Weg, aber wenn ihm sein Hausarzt zu einer Impfung riet, dann würde er zustimmen.

„Sie haben gewonnen, Herr Doktor“, sagte Johnel und begann sich die Manschettenknöpfe zu öffnen. Dr. Mohr lächelte aufmunternd und stand von seinem Platz auf, um die Injektion vorzubereiten.


Als Peter Johnel aus dem Sprechzimmer kam, rieb er sich kurz über den Oberarm und blieb dann an der Theke am Empfang der Praxis stehen. Sofort richteten sich die dunklen Augen von Nadja Kahrmann auf den älteren Mann.

„Der Herr Doktor ist ein echter Künstler mit der Nadel. Ich habe den Stich so gut wie gar nicht gespürt!“

„Das sagen viele Patienten, Herr Johnel. Das liegt wohl an der umfangreichen praktischen Erfahrung von Herrn Doktor Mohr!“

Johnel nickte. So etwas hatte er auch schon in der Nachbarschaft gehört. Seine Nachbarin Frau Elsen hatte erzählt, dass Dr. Mohr einige Jahre in der Notaufnahme einer großen amerikanischen Klinik gearbeitet hatte.

„Guter Mann, der Herr Doktor! Wirklich guter Mann“, sagte Johnel und verabschiedete sich dann von der Sprechstundenhelferin mit den braunen Augen und den langen dunkelbraunen Haaren.

Gerade als Johnel seine Hand auf die Klinke der Ausgangstür legte, wurde diese von außen aufgestoßen. Peter Johnel atmete tief ein. Auch wenn er bereits siebzig Jahre alt war, war er dennoch immer noch ein Mann. Nach der überaus attraktiven Sprechstundenhilfe kam ihm nun innerhalb kürzester Zeit eine kaum weniger attraktive junge Frau entgegen. Peter Johnel lächelte höflich im Vorbeigehen und wäre in diesem Moment gerne dreißig Jahre jünger gewesen, oder zumindest zwanzig.


Ramona Bellinghausen trat an den Tresen und grüßte die Sprechstundenhilfe. In diesem Moment öffnete sich die Tür des ersten Sprechzimmers und ein sportlicher Mittvierziger in komplett weißer Kleidung trat neben sie. Was Ramona sah, gefiel ihr durchaus. Der Anflug eines anzüglichen Lächelns umspielte ihre Lippen, als sie den Arzt von der Seite beobachtete.

„Wir brauchen einen Krankentransportwagen für Frau Neumann“, sagte der Arzt ernst zu der Sprechstundenhilfe.

„Oder sollen wir ihren Sohn anrufen?“

Der Arzt schüttelte entschieden den Kopf. „Das könnte zu lange dauern. Ihre Werte sind seit dem letzten Blutbild förmlich explodiert!“

Aufmerksam musterte Ramona den Körper des Mediziners. Um den Hals trug der Arzt noch sein Stethoskop, dessen Ende in der Brusttasche des weißen Polohemds verschwand. Unter dem Stoff zeichneten sich genau dort deutlich sichtbar Muskelpartien hab, wo sie auch definitiv hingehörten.

„Mein Name ist Richard Mohr. Was kann ich für Sie tun?“, fragte der Arzt und reichte ihr die Hand, während Nadja telefonisch einen Krankenwagen bestellte.

Ramona ergriff die Hand und spürte den angenehm festen Druck ihres Gegenübers.

„Mein Name ist Ramona Bellinghausen. Ich bin hier um mich gegen die Grippe impfen zu lassen!“

Die grauen Augen des Arztes lagen auf ihr, während er der jungen Frau zuhörte. Dann nickte er langsam und sah sich in der Praxis um. Außer der Sprechstundenhilfe und Frau Neumann im Wartezimmer war niemand mehr anwesend. Er musste also nicht zwingend den geschützten Raum eines Sprechzimmers aufsuchen, um mit seiner Patientin ein diskretes Gespräch zu führen.

„Sehen sie Frau Bellinghausen, die Versorgung mit dem Impfstoff ist momentan sehr schlecht. Ich würde sie gerne impfen, aber momentan impfen wir nur Patienten aus Risikogruppen: also vor allem alte und kranke Menschen“. Richard machte eine Pause und nickte Ramona aufmunternd zu. „Sie sind jung und ich habe keinen Zweifel, dass sie bester Gesundheit sind. Machen sie sich also bitte keine Sorgen!“

Ramona presste die Lippen zu einem Strich zusammen und überlegte angestrengt. Was Dr. Mohr sagte, machte absolut Sinn für sie. Aber dennoch blieb da ein letzter Rest an Zweifeln und ein schaler Beigeschmack. Wer sagte denn, dass wirklich nur alte Menschen gefährdet waren?

„Ich mache ihnen einen Vorschlag, Frau Bellinghausen. Sie bekommen von meiner Sprechstundenhelferin Frau Kahrmann den Aufnahmebogen und danach setzten wir sie auf die Warteliste. Sobald wir über ausreichend Impfstoff verfügen, rufen wir sie an!“

Ramona lächelte, denn dieses Angebot beruhigte sie dann doch etwas. Dr. Mohr verfügte also doch über die Fähigkeit, die so vielen anderen Medizinern abging: Empathie!

„Vielen Dank, Herr Doktor! Das beruhigt mich dann doch erheblich.“ Die junge Frau suchte nach Worten. „Sie müssen mich ja schon fast für eine Hypochonderin halten. Aber verstehen sie mich bitte nicht falsch, denn ich mache mir wirklich Sorgen!“

„Machen sie sich darüber mal keine Gedanken, Ramona. Als Arzt muss ich schließlich den Bedürfnissen meiner Patienten gerecht werden.“


*


Ramona parkte den silbernen Mercedes in der Einfahrt ihres Hauses. Hinter dem Wagen schloss sich automatisch wieder das schwere Tor.

Der Besuch bei Dr. Mohr hatte sie wieder etwas beruhigt. Sie hoffte jedoch inständig, dass der Hersteller des Impfstoffs schon in den nächsten Tagen genug produzieren würde. Dann würde ihr Telefon klingeln und sie konnte sich gegen diese verfluchte Grippe impfen lassen.

Mit der Funkfernbedienung öffnete Ramona den Kofferraumdeckel des Cabrios und nahm die prallgefüllten Tüten heraus. Ihre Einkaufstour in Köln war mehr als nur erfolgreich gewesen. Aber nun hatte Ramona einen Bärenhunger und ging elegant den Weg aus Natursteinen zum Eingang ihres Hauses entlang. Was ihre gute Seele Isolde ihr wohl zum Abendessen vorbereitet hatte?

Im Flur legte Ramona ihre Schlüssel in die dort eigens zu diesem Zweck aufgestellte Schüssel aus Kristallglas.

Seltsam, dachte Ramona. Normalerweise wurde sie von ihrer Haushälterin immer schon im Flur empfangen. Achselzuckend stellte die junge Frau ihre Einkaufstaschen an der Garderobe ab. Isolde würde sich später darum kümmern, denn Ramona bestand darauf, dass neue Kleidung immer vor dem Tragen gewaschen wurde. Man wusste ja schließlich niemals, wer alles die Kleidung schon in den Händen gehabt hatte und was er darauf für Krankheitserreger hinterlassen hatte. Von all den krankmachenden Chemikalien einmal ganz zu schweigen!

Seufzend ging sie in die Küche und öffnete den völlig überdimensionierten Kühlschrank. Er war leer, Isolde hatte überhaupt nichts vorbereitet. Kopfschüttelnd schloss die junge Frau den Kühlschrank. Dies entsprach nämlich ganz und gar nicht die Art ihrer Haushälterin.

Mit laut klappernden Absätzen machte sich Ramona auf den Weg zur Einliegerwohnung von Isolde. Seitdem sie denken konnte, lebte die ältere Frau dort. Schon ihre Eltern hatten die Haushälterin angestellt und nach deren Tod hatte Ramona niemals auch nur an eine Beendigung des Dienstverhältnisses gedacht. Die junge Frau hielt einen Moment inne. Im Rauschen des Alltags dachte sie kaum an ihre Eltern, denn die Erinnerung war einfach zu schmerzhaft. Der unerwartete Unfalltod ihrer Eltern hatte sie damals völlig aus der Bahn geworfen. Ihr Studium der Betriebswirtschaftslehre hatte sie damals endgültig abgebrochen. Unwillkürlich schüttelte sie sich, so als wolle sie damit vor allem auch die plötzliche Erinnerung abschütteln.

Dann stand Ramona vor der Einliegerwohnung von Isolde und legte den Finger auf den Klingelknopf. Selbstverständlich hatte sie auch einen Schlüssel, aber es wäre ihr niemals eingefallen, Isolde ungefragt innerhalb ihrer Privatsphäre zu stören. Da hörte sie es. In Ramona zog sich etwas zusammen und sie bekam eine Gänsehaut. Isolde hustete lautstark hinter der Tür!



*


Dr. Mohr setzte die Membran seines Stethoskops auf den Rücken von Isolde Winkler. „Tief einatmen“, forderte er die Patientin auf und lauschte konzentriert. Dann nahm er das Stethoskop ab.

„Sie haben Fieber, ihre Lunge ist angegriffen und ihre Lymphknoten sind deutlich tastbar angeschwollen.“

„Ist es die Grippe?“, platzte es aus Ramona heraus.

Irritiert sah Richard zu der jungen Frau und nickte dann. „Davon müssen wir leider tatsächlich ausgehen!“

Instinktiv schlug Ramona die Hand vor den Mund.

„Ach Kindchen, mach dir mal keine Gedanken“, sagte Isolde. Ihre Worte wurden dann aber durch einen Hustenanfall deutlich in Frage gestellt.

„Ich werde eine Pflegerin beauftragen. Es soll dir an nichts fehlen!“

Doktor Richard Mohr schüttelte bedauernd den Kopf. „Sie werden momentan kaum jemanden finden. Durch den Krankenstand sind die Kapazitäten bei den örtlichen Pflegediensten völlig erschöpft!“

Isolde zog wieder das Nachthemd über den Kopf und deckte sich bis zum Hals mit der Bettdecke zu. Trotz der Hitze des vergangenen Tages fror sie durch das hohe Fieber.

„Aber ich kann Isolde doch nicht einfach sich selbst überlassen, nachdem sie Jahrzehnte im Dienst meiner Familie steht!“

Dr. Mohr lächelte. „Ich hätte da vielleicht noch eine andere Idee!“

Fragend sah Ramona den Arzt an.

„Was meinen sie, Dr. Mohr?“

„Sie sind jung und erfreuen sich bester Gesundheit, Ramona. Wäre das nicht auch die Gelegenheit, um sich einmal bei Isolde für ihre treuen Dienste zu revanchieren?“, sagte Dr. Mohr und das Lächeln wurde nun deutlich spitzbübischer.

„Ich soll mich um Isolde kümmern und sie pflegen?“

„Doch nur für ein paar Tage, bis das Gröbste ausgestanden ist. Wenn sie möchten, lasse ich ihnen gerne ein paar Handschuhe und einen Mundschutz da.“

Im Kopf von Ramona arbeitete es. Konnte jemand wirklich von ihr erwarten, dass sie Isolde pflegte? Die alte Frau hatte schließlich die Grippe und die konnte Ramona so gar nicht gebrauchen!

Richard Mohr trat näher an Ramona heran. „Das schaffen sie, Ramona. Sie können ja durchaus etwas Abstand halten. Geben sie sich einen Ruck!“

Bestürzt schlug Ramona die Hände vor ihr Gesicht. In ihr tobte jetzt die nackte Angst. Sie wollte sich um keinen Preis mit der Grippe identifizieren!

Dr. Mohr trat näher an Ramona heran. „Wenn sie Isolde pflegen, besteht natürlich tatsächlich ein höheres Infektionsrisiko für sie. Schon in den nächsten Tagen erwarten wir eine neue Lieferung Impfstoffe. In diesem Fall würden sie selbstverständlich umgehend geimpft werden!“

Die Gedanken jagten durch den Kopf der attraktiven Blondine. Dann sah sie zuerst Dr. Mohr und dann Isolde an.

Isolde versuchte heiser zu protestieren, aber Ramona nickte selbstbewusst. „Keine Widerrede! Genau so wird es gemacht. Du hast dich immer um mich gekümmert, jetzt bin ich mal dran“, sagte Ramona mit Bestimmtheit.

Dr. Mohr nickte. „Ich komme am Donnerstag wieder. Rufen Sie mich bitte umgehend an, wenn sich der Zustand von Isolde verschlechtern sollte!“


*


Dr. Mohr setzte sich in seinen Audi. Die letzten Tage hatten ihm ganz schön zugesetzt. Zu der vollen Sprechstunde kamen durch die Grippe täglich neue Hausbesuche hinzu.

Entgegen dem Verhalten vieler seiner Standeskollegen übernahm Richard Mohr auch diese ungeliebten Termine außer Haus. Dies gehörte einfach zu der Vorstellung, die er von seinem Beruf hatte. Was seine Kollegen machten, war ihre Sache. Richard wollte aber nicht zur modernen Gattung der optimierten Medizindienstleister gehören, sondern weiterhin als Arzt angesehen werden.

Er drehte den Zündschlüssel um und startete den Motor. Der Tag war anstrengend gewesen und er wollte noch den Kopf freibekommen, bevor er sich hinlegte. Sport hatte bei ihm immer Wunder gewirkt. Im Kofferraum standen seine Laufschuhe, deshalb steuerte er den Kombi Richtung Stadtpark. Ein paar Runden in dem auch nachts gut beleuchteten Park würden ihr Übriges tun, damit auch er noch die nötige Bettschwere erreichte.


*


Ramona hatte das Internet nach Rezepten für eine gute Hühnersuppe durchforstet und war fündig geworden. In der Tiefkühltruhe hatte Isolde ein paar gekochte Hühnerbrüste beiseitegelegt und den Rest der Zutaten fand die junge Frau nach einer kurzen Suche in der modernen Edelstahlküche.

Kurze Zeit später hatte sie einen großen Kessel Suppe zustande gebracht, der Isolde sicherlich beim Gesundwerden helfen würde. Lächelnd betrat Ramona mit einem Tablett die Wohnung der Haushälterin.

Im Schlafzimmer saß Isolde mit einem Kissen im Rücken am Kopfende und lächelte die junge Frau mit fiebrig glänzenden Augen an.

„Du hast für mich gekocht, dass ich das noch erleben darf!“, frotzelte Isolde. Ramona musste lächeln, denn die beiden Frauen hatten seit langer Zeit schon eine freundschaftliche Basis entwickelt.

„Die Dinge ändern sich eben“, kommentierte Ramona und stellte das Tablett vorsichtig über den Beinen von Isolde ab. Die Suppe dampfte und der Schein der Deckenlampe wurde im silbernen Suppenlöffel reflektiert.

In diesem Moment schniefte Isolde und verzog das Gesicht, dann nieste die alte Frau mehrfach lautstark, brachte aber rechtzeitig die Hand vor Augen und Nase. Für einen Moment befürchtete Ramona, die plötzlichen Erschütterungen durch das Niesen würden die Suppe zum Überlaufen bringen, sogar oder ganz umschütten. Dann plötzlich hatte die junge Frau einen Kloß im Hals und ging mehrere Schritte rückwärts, weg von Isolde. Die Wände des Raumes schienen mit einem Mal enger und enger geworden zu sein. Ihr Herz schlug ihr bis zum Hals. Sie hatte in einer Dokumentation gesehen, wie effektiv sich Krankheitserreger durch das Niesen in einem Raum verteilen konnten. Die Bakterien und Viren waren jetzt sicherlich überall im ganzen Raum. Du musst hier raus und zwar ganz schnell, hallte es durch den Kopf von Ramona.

„Ich kann nicht…“, begann Ramona und rannte dann weinend aus dem Raum. Die Tür warf sie hinter sich ins Schloss.

Isolde blieb allen zurück und sah die Suppe auf dem Tablett an. Sie machte Ramona überhaupt keine Vorwürfe, schließlich hatte sich das Kind ja redlich bemüht. Sie war aber einfach nicht für diese Art Arbeit gemacht. Kurzentschlossen griff die alte Frau zum Telefon auf ihrem Nachttisch und wählte eine Nummer.



*


Die Arzthelferin Nadja Kahrmann und ihre Kollegin Susanne Tauber hatten am vergangenen Tag ganze Arbeit geleistet. Um den zur Verfügung stehenden Impfstoff möglichst sinnvoll und schnell einzusetzen, hatten die beiden Frauen zuerst eine Liste mit Risikopatienten erstellt und diese dann telefonisch für den heutigen Tag einbestellt. Nun platzte das Wartezimmer aus allen Nähten und auch die Stühle direkt an der Anmeldung waren bereits belegt. Ansonsten waren nur Termine gemacht worden, die definitiv nicht aufgeschoben werden konnten.

Obwohl die Praxis an ihrer Belastungsgrenze angekommen war, ging Richard Mohr bei seiner Arbeit mit der gebührenden Aufmerksamkeit und Sorgfalt vor. Jeder Patient musste individuell behandelt werden und dabei durfte keinesfalls die gefürchtete Betriebsblindheit einkehren. Ansonsten war es nur eine Frage der Zeit, bis etwas übersehen wurde. Die Folgen von einem solchen Versäumnis waren leider manchmal nicht mehr zu korrigieren.

„Fühlen sie sich gesund?“ Die Augen des Mediziners ruhten aufmerksam auf der Patientin, die soeben das Sprechzimmer betreten hatte. Iris Winkelmeier lächelte ein herzliches Lächeln und ihre Augen leuchteten. „So gesund wie eine Achtzigjährige sich nur fühlen kann, Herr Dr. Mohr!“

Er nickte anerkennend. Frau Winkelmeier hatte vor zwei Jahren im Alleingang den Jakobsweg bezwungen. Richard kannte nicht so viele Menschen in der Altersgruppe von Iris, denen das so mühelos gelingen würde.

„Das freut mich sehr zu hören, Frau Winkelmeier. Ich wollte sie auch keinesfalls verunsichern, aber ich muss abklären, ob bei ihnen irgendetwas gegen eine Impfung spricht.“

„Das kann ich mir denken. Mir geht es aber wirklich sehr gut!“

„Dann spricht also wirklich nichts die Impfung. Dann also mal los!“

Frau Winkelmeier zog den Arm aus dem Ärmel ihrer Bluse und zog deutlich hörbar die Luft durch die Nase ein, als Richard eine Hautpartie desinfizierte. „Entspannen sie sich. Das ist auch fast schon der schlimmste Teil gewesen!“

Richard setzte die Spritze in das Muskelgewebe des Muskulus Deltoideus und ging dabei behutsam und sicher vor.

„Das habe ich aber schon viel schmerzhafter erlebt!“

Richard lächelte in sich hinein.

„Das Geheimnis ist das Tempo der Injektion. Wenn ich ihnen den Impfstoff zu schnell verabreiche, vermischt er sich wesentlich schlechter mit ihrem Blut und das spüren sie dann als unangenehmes Brennen!“

Iris Winkelmeier lächelte. „Es ist heutzutage doch schon selten, dass sich Ärzte mit so profanen Dingen wie einer Impfung aufhalten. Da grenzt es doch schon an einem absoluten Wunder, wen dabei auch noch mit einer solchen ausgesprochenen Kunstfertigkeit vorgegangen wird“, sagte sie und zog sich wieder an.

„Es ist doch wie immer im Leben, wenn ich einen Unterschied ausmachen will, muss ich die Menschen so behandeln, wie ich eben auch selbst behandelt werden möchte.“ Dann verabschiedete sich Richard Mohr verbindlich von der älteren Dame und verließ das Sprechzimmer. Zurück blieb eine Iris Winkelmeier, die von so viel Hingabe an eine Profession nur noch staunen konnte.


Zwischen den Behandlungen kehrte Richard immer wieder an die Anmeldung zurück. Auf diese Weise behielt der Arzt immer den Finger am Puls seiner Helferinnen und konnte sich ein Bild über den Andrang in seiner Praxis machen.

„Sind schon alle Patienten von der Telefonliste eingetroffen“, wollte Richard wissen.

Nadja überlegte kurz und schüttelte den Kopf.

„Nicht alle, aber nahezu 85% der Patienten“, antwortete die Arzthelferin.

„Sehr gut Nadja. Um 11:00 Uhr rufen sie die fehlenden Patienten bitte an, um sie an die Impfung zu erinnern.“

Die Arzthelferin nickte. Richard wusste, dass Nadja es wahrscheinlich ohnehin selbstständig so gehandhabt hätte. Dennoch war er sich bewusst, dass er als Arzt nicht die Verantwortung für seine Patienten auf seine Angestellten abwälzen durfte.

Zufrieden nahm sich der Mediziner die Patientenakte des nächsten Patienten und ging zum Sprechzimmer. Nun würde es eine Unterbrechung des Impfmarathons geben. Bei dem nächsten Patienten handelte es sich nämlich um einen Berufskollegen von Richard.

„Herr Doktor Bendler“, rief der Arzt seinen Kollegen von der Tür des Wartezimmers aus auf.

Augenblicklich stand ein junger schlaksiger Mann auf und steuerte die Tür an. Richard musste schmunzeln, denn sein Kollege erinnerte ihn immer irgendwie an den Hollywoodschauspieler Leonardo DiCaprio. Egal ob das an der Frisur, oder den extravaganten Anzügen von Christoph Bendler lag, er war definitiv einer der attraktivsten Neurologen und zugleich auch Psychiater im weiteren Umkreis. Und leider möglicherweise auch einer seiner Patienten mit einer der ernsthaftesten Erkrankung.

Richard reichte seinem Berufskollegen die Hand und erntete gleichzeitig ein strahlendes Lächeln. „Guten Morgen, Herr Doktor“, entgegnete der Neurologe.

Die beiden Mediziner gingen nebeneinander in Richtung von Sprechzimmer 2, dann ließ Richard Christoph den Vortritt.

Dann setzten sich die beiden Ärzte gegenüber und augenblicklich veränderte sich die Stimmung im Zimmer, wurde nüchterner und zugleich sachlicher.

Dr. Mohr zog das Ergebnis der letzten Untersuchung heraus und legte es vor Christoph auf den Schreibtisch, denn er selbst kannte die Ergebnisse bereits. Der Kollege sollte sich die Ergebnisse auch selbst anschauen, dass gebot für Richard allein schon der gegenseitige Respekt.

Die Augen des Neurologen überflogen den Befund. Dann sah der junge Arzt auf und ein Lächeln breitete sich auf seinem Gesicht aus.

„Vollkommen richtig gelesen! Keine entartete Zellen in der entnommenen Probe aus deinem Knochenmark!“ Richard lächelte.

Doch dies war aber noch nicht das Ende der Reise.

„Nach allen fachlichen Kriterien ist es also kein Morbus Hodgkin“, sagte Bendler erleichtert.

Richard Mohr setzte die Fingerspitzen aufeinander und sah seinen Kollegen ernst an. „Ich muss jetzt leider die Spaßbremse spielen, auch wenn mich der Befund definitiv erleichtert. Wir wissen aber immer noch nicht, was das wiederkehrende nächtliche Fieber bei dir auslöst. Erst wenn wir das wissen, können wir auch eine wirksame Therapie beginnen!“

Der Neurologe und Psychiater nickte nachdenklich. Ärzte waren generell immer die schlechtesten Patienten, inklusive einem Maximum an Ungeduld. Aber daran gemessen schlug sich Christoph Bendler wirklich tapfer.

„So langsam geht mir die Schwitzerei auch wirklich auf den Geist. Ich habe ja fast keine Schlafanzüge mehr, so oft muss ich sie nachts wechseln!“

„Wie viel Gewicht hast Du jetzt mittlerweile abgenommen?“

„Es müssen jetzt schon gut 8 Kilogramm sein“, antwortete Christoph und fuhr sich mit der Hand über die Brust. Der edle Anzug war natürlich ein Maßanzug, aber mittlerweile wirkte er darin fast schon etwas verloren.

„Du erinnerst dich wirklich nicht an Produkte aus Rohmilch, die du in letzter Zeit auf dem Speiseplan hattest?“

„Nein, Richard. Ich bin nochmal tief in mich gegangen. Es gab keine Exkursion in den Gourmettempel eines Sternekochs mit Faible für südländische Küche. Du denkst wieder an Brucellose?“

„Die Diagnose wäre passend und wäre auch aufgrund ihrer relativen Harmlosigkeit absolut wünschenswert“. Richard nahm sich erneut die Patientenakte vor und blätterte, bis er fand was er suchte. „Aber die Blutkultur war definitiv negativ für Brucellose Erreger.“

Der Arzt starrte auf die Patientenakte, als könne er sie auf diesem Weg geradezu hypnotisieren. Er wünschte seinem Kollegen von ganzen Herzen eine harmlose Diagnose.

„Du kannst mich jetzt stur und verbohrt nennen, aber wie legen eine neue Blutkultur an“, sagte Richard und nahm sich die für eine Blutabnahme nötigen Utensilien aus dem Schrank hinter sich.

„Du glaubst also allen Ernstes, dass ich der 1% Patient bin? Ausgerechnet bei mir soll das Labor Proben vertauscht haben?“, sagte Christoph und ein leicht ironischer Unterton schlich sich bei ihm ein.

Richard Mohr sah Christopher Bendler ernst an. „Gehen wir mal von einer angenommenen Fehlerhaftigkeit von 1% aus. Bei 100 Patienten ist das 1 vertauschte Probe. Bei 1000 Patienten schon 10 und bei 10000 schon 100 falsche Testwerte.“ Der Hausarzt verschränkte seine Arme vor der Brust. „Wo Menschen arbeiten, passieren Fehler.“

„Du meinst Murphys Law?“

Richard musste schmunzeln. „Was schiefgehen kann, geht auch irgendwann schief!“

Dann ließ der Neurologe die Blutentnahme über sich ergehen. Als Richard den Stauschlauch löste, sah ihn sein Kollege an.

„Mir ist da übrigens eine gewisse Unregelmäßigkeit aufgefallen, Herr Kollege Mohr!“

Richard stellte die gefüllten Blutröhrchen in den dafür vorgesehenen Halter und runzelte die Stirn.

„Bisher hast du mir lediglich die Dienstleistungen des Labors in Rechnung gestellt, nicht aber deine eigenen Bemühungen.“

Dr. Mohr zog eine Augenbraue in die Höhe und ein feines Lächeln umspielte seinen Mund.

„Ich liquidiere meine Leistungen nicht bei Berufskollegen.“

„Wirklich ein Kollege der alten Schule. Das gefällt mir!“

Bevor Dr. Mohr seinen Kollegen entließ, fiel ihm noch etwas ein. „Ich habe gestern etwas im psychotherapeutischen Bereich gewildert“, sagte er und grinste ein Lausbubengrinsen. Dann erzählte er von dem Zusammentreffen mit Ramona Bellinghausen, die wahrscheinlich zum ersten Mal in ihrem Leben Verantwortung übernommen hatte.

Doch die Reaktion bei Christoph fiel deutlich reservierter als erwartet aus.

„Deine Bemühungen in allen Ehren, aber die Angst vor Krankheiten scheint zumindest ein sehr starker Motor für das Verhalten der Patientin zu sein. Mich würde es nicht überraschen, wenn sie ihren guten Vorsatz schon bald aus Angst wieder über Bord wirft!“

Dr. Mohr lehnte sich in seinem Bürostuhl zurück und dachte nach. Hatte er der Patientin also zu viel abverlangt? Hatte er den Schweregrad ihrer Angst zu niedrig eingeschätzt?

Er würde es jedenfalls bald selbst herausfinden, denn der nächste Hausbesuch bei Isolde war ja schon geplant.

Zum Abschied reichte Richard seinem Kollegen die Hand. „Sobald die Blutergebnisse da sind, rufe ich Dich an!“

Entgegen seiner sonstigen Gewohnheit blieb Dr. Mohr allein im Sprechzimmer zurück und nahm sich erneut den Auftragszettel für die Blutuntersuchung vor. Es gab da nämlich noch eine andere Untersuchung, die er gerne anordnen wollte. Zugegeben, seine Spekulation war etwas abwegig, deshalb hielt er die Untersuchung etwas unter dem Teppich. Bei allem gegenseitigen Respekt war Dr. Richard Mohr natürlich auch noch ein Mann, der das fachliche Duell mit einem Kollegen liebte. Sollte sich seine Vorahnung bezüglich der Blutuntersuchung bewahrheiten, konnte er bei seinem Kollegen extremen Eindruck machen. Irrte er sich jedoch, würde er die spezielle Blutuntersuchung aus der eigenen Kasse bezahlen.

So oder so war jetzt aber das Thema Lymphdrüsenkrebs definitiv vom Eis. Der Mediziner nahm einen Kugelschreiber von seinem Schreibtisch und kreuzte eine spezifische Untersuchung in der Mitte des Auftragszettels an.

Richard atmete auf und ging zum Empfang um sich seinem nächsten Patienten zu widmen. Es warteten schließlich noch mehr als genug Menschen im Wartezimmer!


*


Ramona hörte die Klingel und ging zur Sprechanlage. Im Display des Geräts konnte sie das Gesicht einer älteren Frau sehen, das eine gewisse Ähnlichkeit mit dem von Isolde aufwies. Es war Martha, die Schwester ihrer Haushälterin!

Martha wohnte im Westerwald und die beiden Schwestern besuchten sich regelmäßig. Bisher waren die Besuche jedoch immer lange im Voraus geplant gewesen. Ramona drückte den Knopf des Toröffners, damit Martha das Grundstück betreten konnte. Ob die Frau von der Erkrankung Isoldes wusste?

Neugierig ging Ramona zur Haustüre und öffnete. Wenige Momente später hatte Martha die Treppenstufen erklommen und reichte ihr die Hand.

„Kind, du siehst einfach jedes Mal phantastischer aus. Du könntest wirklich als Schauspielerin oder Model durchgehen!“

Ramona spürte wie sie errötete. Aber ebenso war da die Genugtuung, dass es stimmte. Ramona tat aber auch eine Menge dafür, absolvierte mehrfach wöchentlich ein umfangreiches Training im Fitnesscenter, achtete penibel auf eine ausgewogene Ernährung und besuchte auch regelmäßig ihren Friseur und auch ihre Kosmetikerin. Das Geld und die Mühen mussten sich ja schließlich lohnen!

„Du siehst aber auch gut aus, Martha“, sagte die junge Frau und drückte die Dame herzlich.

„Ich habe gehört, Isolde geht es nicht gut?“

Ramona legte den Kopf schief. „Aber bitte komme doch herein, wir wollen das doch nicht zwischen Tür und Angel besprechen!“

Martha nickte und Isolde machte hinter ihr die Türe zu. „Ich kümmere mich um Isolde. Gestern Abend habe ich ihr eine frische Hühnersuppe gekocht. Damit kommt sie bestimmt wieder schnell auf die Beine!“

Martha lächelte warm und rieb der jungen Frau sanft die Schulter. „Jetzt bin ich ja da. Lass mich das mal machen!“

Bevor Ramona etwas erwidern konnte, klingelte das Telefon. Sie entschuldigte sich bei Martha und nahm das Gespräch an.

„Du ahnst nicht, wofür ich Karten bekommen habe“, hauchte die atemlose Stimme von Petra, ihrer besten Freundin.

„Nun sag schon, was ist es?“

Details

Seiten
120
Jahr
2018
ISBN (ePUB)
9783738924237
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2018 (Dezember)
Schlagworte
richard mohr fall hypochonderin

Autor

Zurück

Titel: Dr. Richard Mohr und der Fall der Hypochonderin