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Die wilden Nächte von Paris

Redlight Street #58

2018 0 Seiten

Leseprobe

Die wilden Nächte von Paris

REDLIGHT STREET #58

von G. S. Friebel


Der Umfang dieses Buchs entspricht 109 Taschenbuchseiten.


Im Gegensatz zu Gerda, die verrückt nach Männern ist, findet ihre Arbeitskollegin Dagmar keinen Spaß an der Liebe. Sie hält sich für frigide, dabei wirkt die hübsche Rothaarige auf das starke Geschlecht besonders attraktiv. Deshalb schlägt Gerda ihrer Freundin vor, gemeinsam in Paris, der Stadt der Liebe, Urlaub zu machen. Kaum angekommen, lernen sie den sympathischen Luc kennen, der ihnen einen Tag lang die schönen Seiten der Stadt zeigt, und Dagmar spürt, dass sie sich in diesen Mann verlieben könnte – doch dann gehen die beiden Mädchen Didier, dem größten, brutalsten Zuhälter vom Pigalle, in die Falle …


Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de



1

Gerda hatte gesagt: »Du musst unbedingt mal den Egon ausprobieren. Der ist ganz große Klasse, ehrlich! Wenn du mit dem zusammen warst, dann wirst du ganz anders reden. Glaube es mir, ich spreche da aus Erfahrung.« Und dann hatte sie gekichert. Sie hatte geantwortet: »Lass mich doch. Ich will es ja gar nicht wissen.«

»Doch, du musst es. Es wäre ja wirklich verrückt. Du hast nur noch nie den richtigen Partner gehabt, das ist alles. Frigide, dass ich nicht lache. Wer hat dir das denn gesagt? Bestimmt so ein unterentwickeltes Männchen, das selbst nicht viel von der Liebe versteht. Die sind mit dem Wort immer schnell zur Hand. Wirklich, Dagmar, du musst ihn ausprobieren.«

Sie ärgerte sich schon, dass sie mit Gerda darüber gesprochen hatte. Aber nun war ihr das Wort herausgerutscht, und die Freundin ließ nicht mehr locker.

Ich verstehe nicht, grübelte sie weiter, wieso sie so versessen darauf ist, mich mit Egon zusammenzubringen. Na, ich geb es zu, umwerfend sieht er ja aus, aber er weiß es und bildet sich eine ganze Menge darauf ein. Prahlt damit, dass er an jedem Finger zehn haben kann und lässt keine in Ruh. Wieso soll ich jetzt unbedingt mit ihm schlafen? Bloß weil Gerda es getan hat?

»Hör mal«, erwiderte sie zögernd. »Ich behaupte ja gar nicht, dass das ein Mann zu mir gesagt hat. Das ist meine eigene Meinung, verstehst du! Es macht mir einfach keinen Spaß, wirklich nicht, ich finde es blöde!«

Gerda ließ ihr Butterbrot sinken und starrte sie über die Kaffeetasse hinweg an.

»Das ist doch nicht dein Ernst!«

»Doch, ich langweile mich dabei entsetzlich!«

Gerda klappte ihren Mund zu.

»Du bist doch nicht etwa lesbisch?«, fragte sie vorsichtig.

»Wie kommst du darauf?«

Gerda seufzte: »Also, wenn man dich so reden hört, könnte man das wirklich glauben. Wenn du dir schon nichts aus Männern machst, sind dir vielleicht Frauen lieber. Solltest du so eine sein, ist es verständlich, dass du die Männer nicht ausstehen kannst.«

»Ach so, jetzt verstehe ich. Nein, das wäre mir zuwider, das ist nicht mein Fall.«

Dagmar machte sich an dem Aktenschrank zu schaffen. Beide Freundinnen arbeiteten im Büro einer Großhandlung für Kraftfahrzeugersatzteile. Hier hatten sie sich überhaupt erst kennengelernt. Wenn man sich jeden Tag gegenübersitzt, bleibt es nicht aus, dass man viel Persönliches zur Sprache bringt.

Dagmar mochte Gerda recht gern. Wenn man sie brauchte, war sie immer da. Sie selbst hatte keine Eltern mehr. Sie besaß eine entzückende kleine Wohnung, wie sich Gerda immer schwärmerisch ausdrückte. Sturmfreie Bude! Gerda lebte noch bei ihren Eltern, und obwohl sie schon zweiundzwanzig war, tat sie noch alles, was die Mutter wollte. Gerda war verrückt auf Männer. Das hatte Dagmar sofort bemerkt, als sie damals hier anfing. Und als sie das wusste, hatte sie sich etwas zurückgehalten. Gerda musste mit jedem Mann flirten. Sie wollte sehr gern heiraten, aber keiner wollte anbeißen. Eben, weil sie sich jedem Mann an den Hals warf.

Die Freundin hatte ihr schon oft gesagt: »Du machst es ganz falsch. Männer wollen die Frauen erobern. Du nimmst ihnen alles ab, und das wird ihnen schnell langweilig.«

»Das weiß ich ja«, hatte sie zu Dagmars größter Überraschung gesagt. »Natürlich weiß ich das, aber wenn ich nichts tue, dann tun sie doch auch nichts, und das macht mich wahnsinnig. Ich will nicht sitzenbleiben, verstehst du. Ich will nicht als alte Jungfer sterben.«

»Du tust wirklich noch so, als befänden wir uns im tiefsten Mittelalter. Sieh mich an, ich denke gar nicht daran, mich an einen Mann zu binden. Bin ich denn verrückt? So habe ich es ja viel schöner.«

Gerda hatte ein missmutiges Gesicht gemacht. »Ja, du, du kannst jederzeit jeden kriegen. Du bist so kalt wie ein Eisschrank im Winter, und die Männer umschwirren dich verrückterweise den ganzen Tag, obwohl sie wissen, dass alles umsonst ist.«

»Ich kann nichts dafür«, meinte Dagmar achselzuckend.

»Du bist eben zu schön«, seufzte Gerda. »Aus diesem Grunde sollte ich eigentlich die Freundschaft mit dir brechen.«

Dagmar war erschrocken. »Also, das kommt nicht in Frage, dass wir uns trennen, bloß wegen der blöden Männer.«

»Aber du musst doch zugeben, dass es eine Tatsache ist, dass du die Schönere von uns bist.«

In der Tat, das konnte sie wirklich nicht leugnen. Gerda war ein wenig pummelig, zog sich ziemlich altmodisch an und hatte braunes Haar. Ein Gesicht, das man sich nicht merkt. Sie hingegen war groß, superschlank, besaß rassige Beine und hatte graugrüne Augen, dazu die kupferfarbenen Haare, die wie Gold glänzten, wenn die Sonne darauf schien. Dagmar zog sich nach der neuesten Mode an. Aber das war nicht der Grund, warum die Männer so auf sie flogen. Man war eben der Meinung, Rothaarige seien überaus feurig, und das reizte sie ungemein. Sie wollten es genau wissen. Aber Dagmar war wirklich so kühl wie ein Eisschrank im Winter, wie sich Gerda ausdrückte. Mit Männern hatte sie nichts im Sinn. Sie hatte schon einige Freunde gehabt. Und jeder hatte sie schrecklich gelangweilt. Gerda begriff einfach nicht, warum sie die Männer nicht länger behielt, obwohl diese es als höchstes Glück ansahen, Dagmars Freund zu sein. Und da war es ihr eben herausgerutscht.

»Ich bin frigide!«

Gerda hatte sie sprachlos angesehen und dann laut auf gelacht. Ja, und dann hatte sie mit Egon angefangen.

Dagmar widmete sich schon wieder ihrer Arbeit, als Gerda fragte: »Wirst du wenigstens einen Versuch machen?«

»Was soll ich?«

»Dich überzeugen lassen. Also, wenn Egon dich auch langweilt, dann glaube ich dir.«

Dagmar seufzte. »Warum kannst du mir jetzt nicht schon glauben? Es ist so langweilig, weißt du.«

»Nein, nein, ich bin fest davon überzeugt, dass nur der richtige Mann noch nicht da war. Das ist das ganze Geheimnis.«

Dagmar mochte Gerda wirklich gern, und damit diese endlich einsah, dass sie mit Männern wirklich nichts im Sinn hatte und dass sie im Leben auch nicht daran dachte, ihr je einen vor der Nase wegzuschnappen, sagte sie: »Gut, weil du es bist.« Doch innerlich war ihr nicht wohl dabei. Es widerstrebte ihr, einfach mit jemandem ins Bett zu gehen, nur weil ihre Freundin ihn ihr empfohlen hatte. Doch sie wollte natürlich gern herausfinden, ob sie nun frigide war oder nicht. Gerdas Augen glühten.

»Du wirst angenehm überrascht sein.«

Dagmar lächelte etwas unbehaglich.

»Soll ich zu ihm gehen und ihm sagen, dass du ihn sprechen willst?«, fragte Gerda.

»Das wäre mir recht«, antwortete Dagmar. »Ich würde mir doch ziemlich komisch vorkommen, wenn ich so einfach zu ihm hinginge.«

Gerda ging sofort los. Sie mochte Egon furchtbar gern und grämte sich darüber, dass er mit ihr nichts mehr zu tun haben wollte.

Er war Abteilungsleiter in der Firma, verdiente also ganz gut und was noch wichtiger war, er war noch Junggeselle. Fuhr einen tollen Wagen, besaß eine eigene Wohnung. Gerda seufzte, als sie an die Wohnung dachte. Egon hatte sie eines Tages mitgenommen, mit ihr geschlafen, sie anschließend beiseite geschoben, ihr einen freundschaftlichen Klaps gegeben und gesagt: »Du bist nicht mein Fall, Gerda. Wirklich schade, aber dafür kannst du ja nichts.«

Gerda hatte es einfach nicht glauben wollen. Lange war sie ihm wie ein Hündchen nachgelaufen, bis man in der Firma zu spotten anfing, da hatte sie es dann aufgegeben.

Als sie jetzt sein Büro betrat, sah er unwillig auf.

»Was ist?«

Sie kam näher, lehnte sich an seinen Schreibtisch. Ihr Busen wogte auf und ab. Aber Egon ließ sich dadurch überhaupt nicht beeindrucken.

»Ich hab keine Zeit!«

Gerda lächelte überlegen.

»Schönen Gruß von Dagmar, sie möchte dich mal sprechen!«

Gerda wusste ganz genau, dass Egon es auf Dagmar abgesehen hatte. Er war derjenige, der ihr am meisten nachstellte.

Der Mann hob den Kopf und musterte sie scharf.

»Was willst du damit sagen?«

»Verstehst du kein Deutsch mehr?«

Er schluckte.

»Du willst mich verulken, verdammt noch mal.«

»Nein, Ehrenwort. Ich habe deine Qualitäten gepriesen, und jetzt möchte sie es genau wissen.«

Er lief rot an.

»Das hast du wirklich getan?«

»Ja, war doch nett von mir, oder?«

»Luder«, zischte er sie an.

Ihre Augen verengten sich.

»Das ist also der Dank?«

Er spürte, er hatte das Mädchen zur Feindin, wenn er nicht sofort einlenkte.

»Hör zu«, sagte er rasch und lächelte verlegen. »Das tut man nicht. Was soll sie denn von mir denken?«

»Dass du ein Superheld bist!«, antwortete sie naiv.

Egon schluckte.

Gerda war wirklich nicht besonders schlau.

»Ich soll also zu ihr kommen?«

»Das sag ich doch!«

»Gut! Wehe, wenn das nicht wahr ist!«

Gerda ging vor ihm her und versuchte mit den Hüften zu wackeln. Egon konnte sich das Lachen nicht verkneifen. Aber vor ihrer Bürotür drehte sie sich um und säuselte: »Ich lass euch allein.«

Egon seufzte erleichtert auf, dann betrat er das Zimmer.



2

Dagmar war in eine Akte vertieft und hörte gar nicht, dass er hereintrat.

»Hallo, Dagmar, sag mal, was ist eigentlich los?«

Sie hob den Kopf, sah Egon vor sich und musterte ihn mit kühlen Augen. Unter ihren Blicken fühlte er sich immer sehr verlegen. Er hielt sich für einen Supermann und hätte sie wirklich sehr gern zu seiner Hauptfreundin gemacht. Mit ihr konnte man Staat machen und die anderen Männer gründlich ärgern.

»Gerda hat mir gesagt, du wolltest mit mir sprechen?« Er lachte verlegen. »Oder war das vielleicht ein Scherz?«

Dagmar dachte: Und dieser blöde Heini bringt Gerda völlig aus dem Gleichgewicht. Sie ist ein prachtvolles Geschöpf und gäbe eine ausgezeichnete Hausfrau ab. Aber sie muss ausgerechnet an so einen windigen Kerl geraten. Sie empfand Verachtung für ihn, und das ließ sie die etwas unangenehme Situation vergessen und gab ihr ihre Überlegenheit zurück. Aber sie ließ sich natürlich nicht anmerken, was sie von ihm dachte.

»Nein, das war kein Scherz. Es stimmt.«

»Konntest du nicht persönlich zu mir kommen? Musstest du unbedingt dieses dumme Ding schicken?«

Dagmar wurde zornig. »Gerda ist meine Freundin, und ich verbitte mir, dass in meiner Gegenwart so über sie geredet wird.«

Er biss sich auf die Lippen.

»Außerdem ist es nicht meine Art, den Männern nachzulaufen.«

»Das weiß ich«, sagte er eifrig.

»Hast du heute Abend Zeit?«

Egon dachte: Ich bin mit der kleinen Sybille verabredet, aber der sag ich sofort ab. Dagmar ist ein Supergeschöpf, und wenn ich ihr erst mal meine Qualitäten vorgeführt habe, dann wird sie in Zukunft nicht mehr so widerspenstig sein. Na, die krieg ich auch noch kirre. Die wird mir noch genauso nach winseln wie Gerda, und wenn ich sie dann nicht mehr will, kriegt sie einen Fußtritt.

»Ja, ich habe Zeit.«

»Dann darfst du mich um acht Uhr besuchen. Du weißt doch, wo ich wohne?«

»Selbstverständlich.«

Egon lächelte und konnte seinen Triumph nicht verbergen.

»Gut, ich werde dich empfangen.«

Dagmars herablassende Art versetzte ihm nun doch einen kleinen Dämpfer. Er wurde ärgerlich. So viel Frechheit von einem weiblichen Wesen war ihm noch nicht widerfahren.

»Und wenn ich nicht komme?«

Sie seufzte. »Dann kommst du eben nicht«, antwortete sie kurz.

Gerda betrat wieder das Büro. Egon verließ wortlos den Raum.

»Na, hat er angebissen?«

»Natürlich.«

»Ich wusste es ja«, jammerte sie. »Du brauchst nur mit dem kleinen Finger zu winken, und er kommt schon angerannt.«

»Vergiss ihn, er ist nichts wert.«

»Das ist leicht gesagt, Dagmar, aber ich brauche einen Mann. Begreifst du das denn nicht?«

»Nein.«

»Wenn ich ein paar Tage nicht mit einem Mann geschlafen habe, dann werde ich furchtbar nervös. Das Leben ist nun mal so, wir sind dazu geschaffen. Und wozu nehme ich denn die Pille, wenn ich nicht mit einem Mann schlafe?«

Dagmar blickte sie groß an.

»Sag mal, ist das dein voller Ernst?«

»Aber ja doch«, sagte Gerda verdutzt.

Da kam der Chef herein, und sie mussten sich erst mal in die Arbeit stürzen. Später in der Kantine sagte Gerda: »Du musst natürlich Sekt kaufen, und dann musst du den Plattenspieler anstellen und schummeriges Licht machen. Du, da kommt man so richtig in Fahrt. Ich kann dir sagen, ich beneide dich wirklich.«

Dagmar lachte.

»Ich kann ja das Licht ganz löschen, und dann gehst du für mich rein, was hältst du davon?«

Für einen Augenblick bekam Gerda ganz blanke Augen. Aber dann meinte sie: »Ach nee, du sollst es doch jetzt auch mal so richtig erfahren, was Liebe ist. Nachher wirst du mich verstehen, dann bist du genauso wild darauf. Und dann will ich doch mal sehen, ob du kühl bleiben kannst, wenn er nichts mehr von dir wissen will.«

»Morgen wissen wir auf alle Fälle mehr«, gab Dagmar zurück. »Weißt du was, du hast mich jetzt richtig neugierig gemacht, Gerda.«

Nach Dienstschluss ließ es sich Gerda nicht nehmen und begleitete die Freundin in den Supermarkt. »Ich weiß, welche Marke Egon bevorzugt.«

Es war ziemlich teurer Sekt, und Dagmar wollte ihn zuerst gar nicht kaufen.

»Das musst du schon, der wird sprachlos sein.«

Dagmar fuhr einen kleinen Wagen. Sie brachte zuerst Gerda nach Hause, und dann fuhr sie selbst heim. Zuerst lüftete sie ihre Wohnung, machte das Bett, kochte sich ihr Abendessen. Der Sekt lag im Eisfach des Kühlschranks.

Dann suchte sie in ihren Platten herum und fand wirklich so eine schwülstige Platte. Sie fragte sich jetzt, von wem sie die wohl bekommen hatte. Sie wusste es nicht mehr. Dann blickte sie sich um. Ach ja, das Licht. Gut, sie konnte es mit Knopfdruck verstellen. Jetzt war es fast so dunkel wie in einer Bar, richtig schummrig.

Diesmal wollte sie sich wirklich anstrengen. Sie glaubte nämlich allen Ernstes, mit ihr wäre etwas nicht in Ordnung. Gerda hatte ihr eingetrichtert, eine normale junge Frau müsse etwas dabei empfinden.

So, was musste sie noch tun?

Ach ja, die Kleidung. Gerda hatte ihr geraten, sich möglichst aufreizend anzuziehen. Sie hatte da so einen schwarzen Hausanzug aus groben Maschen. Wenn sie den jetzt anzog ohne etwas darunter? Als sie sich damit vor den Spiegel stellte, musste sie selbst lachen.

»Verrückt«, murmelte sie vor sich hin. »Wirklich, ich bin total verrückt.«

In diesem Augenblick ging die Türglocke. Sie lief durch das Wohnzimmer und öffnete die Tür. Vor ihr stand Egon. Er hielt Blumen und eine Flasche Sekt in der Hand.

Er weiß wenigstens, was sich gehört, dachte sie unwillkürlich und ich kann meinen Sekt sparen. Egon hingegen hatte sich gesagt: Ich komme nur in Stimmung, wenn ich Sekt getrunken habe, und Dagmar, dieser Eisklotz, muss vorher ein wenig aufgetaut werden. Sonst macht die Sache keinen Spaß.

Womit er gerechnet hatte, konnte er später nicht mehr sagen. Auf alle Fälle fielen ihm bald die Augen aus dem Kopf, als er jetzt Dagmar vor sich sah.

»Hallo«, sagte sie mit rauchiger Stimme.

Er trat ein, gab ihr verdattert die Blumen und die Flasche Sekt und fuhr sich mit dem Zeigefinger hinter die Krawatte. Sie musterte ihn kühl.

»Haben dich die Treppen geschafft?«

»Eh, nein«, murmelte er hastig.

Sie blickte ihn seltsam an und sagte nur:

»Ich gebe den Blumen noch Wasser und hole uns Gläser.«

Egon stand da und blickte ihr nach. Ihm wurde abwechselnd kalt und heiß. Was sollte das bedeuten? Die ganze Zeit hatte sie ihn kalt abblitzen lassen, und jetzt dies? Also war sie doch so feurig, wie er vermutet hatte. Vielleicht war ihr Freund verduftet, und sie suchte jetzt einen Ersatz.

Egon, kühlen Kopf bewahren, du willst dich doch anschließend ein wenig an ihr rächen, sie zappeln lassen, das hast du dir doch vorgenommen. Für die schnippischen Antworten.

Dagmar kam ins Zimmer zurück. Sie lächelte geheimnisvoll.

»Willst du es dir nicht bequemer machen?«

»Wenn du erlaubst«, meinte er und lachte ziemlich verlegen. Ihm kam die ganze Situation sehr komisch vor. Das Schlimmste war noch, dass ihm siedend heiß wurde, wenn er nur das Mädchen anblickte. So einen aufregenden Anzug hatte er noch nie gesehen. Und sie war wirklich nackt darunter.

»Bring den Sekt her«, murmelte er mit heiserer Stimme.

»Hier ist er ja schon«, sagte sie heiter. Anfangs war ihr der Anzug ziemlich gewagt vorgekommen, doch nun hatte sie ihren Spaß daran, dass Egon sie so verwirrt anstarrte.

Mit zitternden Händen öffnete er die Flasche, und gleich darauf perlte der Sekt in den Gläsern. Dagmar nahm ein kleines Schlückchen und dachte: Der ist mir viel zu süß, ich mag ihn nicht. Doch Egon prostete ihr immer wieder zu. Sie ließ einen Arm über die Sofalehne hängen, dabei sah sie ihren Gummibaum an und dachte: Eigentlich schade, aber vielleicht verkraftet er es doch? Und schon schüttete sie den Rest in den Blumentopf, ohne dass Egon es bemerkte.

Seine Augen flammten auf. Also doch, dachte er. Sie ist viel hitziger, als sie es zugeben will. Und wie sie trinkt! Na ja, eine beschwipste Frau im Bett ist einfach himmlisch. Und er goss ihr eifrig nach.

Zum Schein nahm sie jedes Mal ein Schlückchen, dann lenkte sie ihn geschickt ab, und der Rest landete wieder im Blumentopf. Der Schalk saß ihr dabei im Nacken, aber sie sagte nichts.

Die Flasche war schon fast leer, da ging der Mann zum Angriff über. Er kam ziemlich überraschend, und sie war ein wenig verdutzt. Egon umschlang sie und murmelte: »Du bist ein Rasseweib. Toll siehst du aus, du machst mich wirklich ganz verrückt. Herrje, wie lang hab ich auf diesen Augenblick gewartet. Du meine Güte!«

Schon hatte er seine Hände an ihrem Busen. Sie hatte das gar nicht gerne und hätte ihn am liebsten gleich wieder fortgeschickt, als er begann, ihre Brüste heftig zusammenzupressen. Aber aus Erfahrung wusste sie, dass die Männer furchtbar verrückt danach waren. Und sie hatte eine vollendete Büste.

Egon vergaß sich ganz. Er wollte ja der Kühle und Überlegene bleiben, aber er kam jetzt richtig in Fahrt und konnte sich nicht mehr bremsen. Schon fummelte er an den Knöpfchen herum, und bald war sie oben herum nackt. Du meine Güte, dachte er, hat die einen schönen Körper. Der ist einfach für die Liebe geschaffen. Herrje, die muss ich mir jetzt wirklich warmhalten. So etwas hab ich schon lange nicht mehr gehabt.

Seine zitternden Hände suchten weiter, und er verhedderte sich. Dagmar dachte: Wenn der so weitermacht, zerreißt er mir noch den schönen Anzug. Sie schob Egon zur Seite und erhob sich. Seine Erregung war nicht auf sie übergesprungen, sie blieb völlig unbeteiligt.

»Lass mich mal, du verstehst ja doch nichts davon.«

Er starrte sie entgeistert an. Das hatte er noch nie erlebt. Die Mädchen, die er sonst vernaschte, waren meist ziemlich verklemmt und verschämt. Dagmar stellte sich mitten in den Raum und zog sich wahrhaftig aus. Die Augen fielen ihm bald aus dem Kopf. Ein Privat Strip, du meine Güte, das hatte ihm bisher keine geboten.

Er atmete heftig, und seine Hände waren ganz feucht.

»Willst du dich nicht auch ausziehen? Sonst bist du doch so scharf auf deine Bügelfalten«, lächelte sie ihn von oben herab an.

»Natürlich, natürlich«, stotterte er. »Bin ja sofort so weit.« Und mit fliegenden Händen riss er sich die Sachen vom Leib. Dagmar maß ihn mit einem kühlen Blick.

Ich hab es ja gewusst, seufzte sie innerlich, der ist auch nicht anders.

Außerdem will ich nicht ungerecht sein. Ich weiß ja, dass es an mir liegt. Also werde ich zusehen, dass ich es schnell hinter mich bringe.

Schon griffen seine gierigen Finger nach dem nackten Mädchenkörper. Und es dauerte nicht lange, da rollten sie auf dem Fußboden herum. Egon stöhnte lustvoll und wusste nicht, wo er diesen vollkommenen Körper überall küssen sollte. Der Schweiß rann ihm den Rücken herunter. Er war so sehr mit sich beschäftigt, dass er gar nicht bemerkte, wie gleichgültig das Mädchen alles über sich ergehen ließ.

Überall waren seine Hände und seine Lippen und seine Zunge. Er kriecht wie eine Schnecke über meinen Körper. Unangenehm ist das, dachte sie. Nachher muss ich mich sofort duschen. Du meine Güte, er soll endlich aufhören, meinen Busen zu pressen. Er tut mir schon richtig weh.

»Ist das schön, ist das schön. Na, da staunst du, was? Das hast du mir nicht zugetraut. Ich weiß ja, was Frauen gerne haben, wo ihre verborgenen Luststellen sind. Von mir ist noch nicht eine unbefriedigt weggegangen, das kann ich dir bescheinigen. Mit mir hast du einen guten Fang gemacht.« Egon spornte sich selbst an, denn sie sagte ja nichts. Aber das bemerkte er in seinem Eifer gar nicht. Er steigerte sich immer mehr in seine Erregung hinein und vergaß dabei die Umwelt. Er wollte jetzt nur noch seine Lust stillen und sonst gar nichts.

Dagmar lag auf dem Rücken und sah zur Decke. Du meine Güte, die muss ja auch mal wieder gestrichen werden, dachte sie bei sich. Die hat es aber wirklich nötig. Es kommt ja auch selten vor, dass ich auf dem Boden liege und nach oben starre. Also, wenn der nicht gleich fertig ist, dann weiß ich wirklich nicht, was ich machen soll.

»Los«, röchelte Egon, »machen wir eine Nummer von hinten. Du bist modern genug, und es schockt dich nicht, nicht wahr? Los, rasch, dreh dich um. Mensch, bin ich in Fahrt. Ich kann es schon gar nicht mehr aushalten.«

Sie wälzte sich auf den Bauch. So ist wenigstens mein Rücken entlastet. Das hat schon ganz weh getan, wirklich, dachte sie. Und wie sie nun da lag, und Egon sich weiter an ihr zu schaffen machte, sah sie zur Seite und entdeckte unter dem Sofa eine Zeitschrift. Die hab ich ja schon gesucht, also da ist sie. Wie mag sie nur unter das Bett geraten sein?, überlegte sie.

Mit den Fingerspitzen angelte sie sich das Blatt. Egon merkte nichts, und Dagmar, der die ganze Situation unangenehm war, vertrieb sich die Zeit, indem sie die neuesten Moden betrachtete, danach kamen die Rezepte an die Reihe, und ein Strickmuster, das ihr gefiel, entdeckte sie auch. Und wie sie noch dabei war und überlegte, in welcher Farbe sie den Pullover machen sollte, hörte Egon endlich auf, und ein Aufschrei ertönte.

Erstaunt drehte sie sich um. Hatte sich Egon in seiner Liebesglut vielleicht etwas verrenkt? Sie sah in seine entsetzten Augen.

»Was ist?«, fragte sie naiv.

Mit zitternder Hand wies er auf die Zeitschrift.

»Was soll das heißen?«, keuchte er.

Sie entschuldigte sich hastig. »Weißt du, es war so langweilig, und da sah ich die Zeitung unter dem Sofa liegen.«

»Langweilig«, wiederholte er.

»Ich hab nicht bemerkt, dass du schon fertig bist, sonst hätte ich sie schnell zur Seite geschoben, ehrlich. Es tut mir leid.«

»Langweilig«, schrie er ihr noch mal ins Gesicht. »Langweilig hast du gesagt?«

»Ja!«

Mit einem Ruck sprang er hoch. Seine stolze Männlichkeit hing jetzt schlaff herunter. Auch sie sah ärgerlich und demütig zugleich aus. Er machte wirklich eine lächerliche Figur. Aber Dagmar wusste ganz genau, dass sie jetzt nicht lachen durfte, sonst würde er sie vielleicht in seinem Zorn noch umbringen.

»Die zweite Tür links ist das Bad«, sagte sie mit ausdrucksloser Stimme. »Du darfst zuerst gehen, ich räume derweil auf.«

Mit einem Ruck sprang er herum und stürzte davon. Wenig später kam er zurück und suchte seine Sachen im Wohnzimmer zusammen. Dagmar duschte sich und zog sich den Hausanzug wieder über. Als sie ins Wohnzimmer zurückkam, sah sie, wie er mit zitternden Händen den Schlips zu knoten versuchte. Von seiner herablassenden Überlegenheit ihr gegenüber war nicht mehr viel vorhanden. Er war vollkommen fertig. Nun ja, dachte das Mädchen, angestrengt hat er sich ja genug. Wirklich, da hat er bestimmt ein Kilo abgenommen. Nun, soll er sich freuen, er ist sowieso zu dick. Er kann mir ja noch dankbar sein, dass ich ihn überhaupt zu mir eingeladen habe.

Egon mühte sich weiter mit seiner Krawatte ab, ohne dass er einen Knoten zustande brachte.

»Lass mich das mal machen, du wirst ja im Leben nicht fertig«, sagte sie ruhig und band ihm den Schlips perfekt.

Sie war ihm so nahe, und wieder in diesem Anzug, und dann das Parfüm, es stieg ihm zu Kopf. Ihm war schwindelig. Er musste sich setzen, und dabei hatte er doch fluchtartig das Zimmer verlassen wollen. Diese Schande ertrug er nicht. Keine Sekunde länger wollte er hierbleiben. Aber leider waren seine Knie so weich wie Pudding und gehorchten ihm nicht.

»Ich mach dir einen starken Kaffee«, sagte Dagmar freundlich. »Den hast du jetzt verdient.«

Er konnte noch immer nicht antworten. Er war noch vollkommen fertig und sprachlos. In seiner höchsten, wildesten und auch heftigsten Liebesglut schon lange hatte er sich nicht mehr selbst so emporgehoben über seine Gefühle, war so wild und stolz auf sich gewesen in diesem Augenblick, da hatte er auf das Mädchen geblickt, um sich zu vergewissern, dass sie auch so empfand. Natürlich hatte er es die ganze Zeit angenommen, er war eben ein toller Hengst, wie ihn einmal ein Mädchen genannt hatte. Und gerade in diesem Augenblick hatte er bemerkt, dass Dagmar in aller Seelenruhe und sehr vertieft in einer Zeitung las. Schlagartig war er aus den Höhen auf die Erde geschleudert worden. Sein Innerstes war noch immer in Aufruhr. Und was das Schlimme war, er hatte noch nicht einmal die Erlösung gefunden. Als er sie beim Lesen erwischte, in solch einem Augenblick, da versagte alles in ihm.

Dagmar kam mit dem Kaffee herein. Setzte sich ihm gegenüber, nahm die Kanne, bediente ihn, schenkte ihm Sahne ein, viel Sahne, er brauchte jetzt Kräfte, fragte lächelnd, ob er auch Zucker nehme, ergriff ihre eigene Tasse und trank in zierlichen Schlückchen.

»Was soll das alles?«, brachte er nach Minuten des Schweigens über die blassen Lippen.

»Was meinst du?«

Seine Augen funkelten. »Spiel jetzt nicht die Naive! Also ich weiß ganz genau, dass dir klar ist, was ich meine.«

»Nun ja«, meinte sie zögernd. »Es tut mir leid, wirklich.«

»Wie bitte?«

»Eigentlich ist es nicht meine Schuld, weißt du!«

Er blickte sie starr an. Sie war die Schlange und er das Kaninchen. Ja, so kam er sich wirklich vor.

»Mir macht die Sache keinen Spaß, weißt du, ehrlich nicht. Ich langweile mich dabei, darum war ich ja auch so froh, als ich die Zeitung unter dem Sofa sah.«

»Du langweilst dich?«, keuchte er. »Bei der Liebe? Willst du damit sagen, dass ich nicht gut war?« Sein Blick war mörderisch.

»Das weiß ich nicht«, sagte sie zögernd. »Woher soll ich das denn wissen?«

Er war perplex.

»Wie?«

Seine Brust war aufgebläht.

Dagmar seufzte. »Ich weiß es nicht, verstehst du, ich empfinde doch nichts dabei. Darum weiß ich auch nicht, ob du gut warst, Egon, ehrlich nicht.«

Nur ganz langsam kam er wieder zur Besinnung.

»Zum Teufel, warum hast du mich denn eingeladen? Ich verstehe gar nichts mehr. Das alles kam mir ein wenig komisch vor, aber ich hab gedacht, du hättest endlich eingesehen, wie langweilig es ist, wenn man keinen Freund hat. Darum bin ich auch sofort gekommen, um dir einen Gefallen zu tun.«

Dagmar biss sich auf die Lippen.

»Nun, das war so, ich habe zufällig mit Gerda darüber gesprochen.«

»Über mich?«

»Nein, über meine Probleme, verstehst du. Sie kann es einfach nicht glauben, dass es mir keinen Spaß macht. Ich hab versucht, es ihr zu erklären, aber sie will es nicht glauben, und dann hat sie mir gesagt, vielleicht hätte ich noch nie den richtigen Mann gehabt. Du verstehst, also ich hätte sozusagen bis jetzt nur Versager gehabt, und darum hätte ich keinen Spaß an der Sache gefunden. Bevor ich mich selbst also für frigide halte, sollte ich noch einen Versuch starten, meinte sie.«

»So, na ja, das kapier ich noch so eben.«

Sie lächelte.

»Weiter!«

»Ja, dann hat mir Gerda von dir erzählt. Sie hat dich in den glühendsten Farben geschildert. Du wärst sexy und wirklich ein toller Kerl.«

Dagmar sah, wie Egon aufblühte. Das tat seinem angeknacksten Gefühl sehr gut.

»Weiter?«

Sie lachte leise auf. »Gerda hat also eben keine Ruhe gegeben und gesagt, ich solle es mit dir probieren. Wenn ich bei dir auch nichts empfinde, dann wisse sie auch nicht mehr weiter.«

»So war das also! Ihr habt mich als eine Art Versuchskarnickel benutzt«, grollte er.

»Das muss dir doch eine Ehre sein«, sagte sie mit spöttischem Unterton.

Er stand auf und ging auf und ab.

»Ich hab mich wirklich angestrengt. In der Tat, ich begreif das einfach nicht. Und dann der feine Sekt, bis jetzt hat er noch immer gewirkt, Dagmar, hast du denn nicht das leiseste Kribbeln verspürt?«

Sie hob eine Augenbraue und sagte sanft: »Leider nicht.«

»Du hast also noch nie etwas empfunden?«

»Nein.«

»Das gibt es nicht!«

»Doch. Und es tut mir leid, Egon. Du bist mir doch nicht mehr böse?«

»Es war ein Schock für mich«, grollte er.

»Du wirst darüber hinwegkommen«, sagte sie lächelnd. »Sagst du nicht immer, du hast an jedem Finger zehn? Also kannst du gleich eine süße kleine Puppe aufsuchen und bei ihr all das finden, wonach du dich sehnst.«

»Du bist ein Biest!«

»O nein, nicht so.«

Er blickte sie starr an. »Und wenn du dich dagegen gewehrt hast? Ich meine, wenn du dir die ganze Zeit gesagt hast: Ich will nichts dabei empfinden, bloß weil ich recht habe? So war es doch, nicht wahr?«

»Wirklich, ich ...«

Egon kam näher, packte sie und drückte sie an sich. »Und wenn ich es noch einmal mit dir versuche? Alles von vorn beginne, mich wirklich anstrenge? Herrje, Dagmar, du wirst im siebten Himmel sein, wenn du die Lust in dir aufsteigen fühlst.«

Sie wehrte ihn ab.

»Bitte nein.«

»Nur noch ein Versuch, du reizt so sehr meine Nerven, du bist ein tolles Weib, ich kann einfach nicht glauben, dass es wahr ist. Du bist für die Liebe geschaffen. Alles an dir giert nach Liebe. Du musst mir schon glauben, ich hab einen Kennerblick, darum beneiden mich meine Freunde. Ich weiß, wann eine Frau so weit ist. Ich meine damit, ich weiß verdammt genau, wann eine Frau mal wieder einen Mann zwischen ihren Beinen haben will.«

Sie schlug ihm mitten ins Gesicht.

Dagmar war so zornig, so wütend über seine gemeine Art, und in ihr kochte das Blut.

»Raus, auf der Stelle gehst du raus.«

»Was hast du denn jetzt schon wieder?«

»Raus, oder ich werfe dich die Treppe hinunter«, sagte sie mit eiskalter Stimme.

»So ist es aber, frag sie doch«, höhnte er. »Es ist wirklich so, und ihr könnt ja gar nicht ohne uns leben.«

Sie schlug die Tür hinter ihm zu. Danach lehnte sie sich erschöpft gegen die Wand. Das war so widerwärtig, mein Gott, sie zitterte am ganzen Körper. Diese Kerle, was die sich doch alles einbilden, dachte sie.

Ich bin ja verrückt, sagte sie sich nach einer Weile. Für mich hat das alles keine Bedeutung. Über meine Schwelle kommt kein Mann mehr. Ich hab jetzt die Nase voll davon. Du meine Güte, ich will endlich meine Ruhe haben. Und Gerda kann von mir aus denken, was sie will. Ich will nicht mehr.



3

Dagmar hatte die Gläser und das Geschirr in die Küche gebracht, sie öffnete das Fenster und ließ den Rauch hinaus, dann ging sie ins Schlafzimmer und betrachtete sich im Spiegel.

»Was ist mit mir?«, murmelte sie leise vor sich hin.

Das Telefon läutete.

»Ja, hier Todd!«

»Hallo, Dagmar, du brauchst nur mit ja oder nein zu antworten, wenn er noch da ist«, wisperte Gerda am anderen Ende. »Ich halte es einfach nicht mehr aus, ich muss es noch heute wissen. War mein Tipp gut? Oder habt ihr noch gar nicht angefangen?«

»Du kannst ruhig laut reden«, sagte Dagmar, »dann verstehe ich dich besser.«

»Ach so, er ist also nebenan und wartet auf dich?« Gerda kicherte leise vor sich hin.

»Nein, er ist schon wieder gegangen.«

»Waaas?«

»Du hast richtig gehört.«

»Soll das heißen ...« Sie verhaspelte sich.

»Gerda, ich ...«

Aber die Freundin unterbrach sie schon wieder. »Du, ich komm sofort vorbei. Du meine Güte, du musst mir alles ganz genau erzählen ...«

Dagmar wollte rufen: Ich bin müde, ich will jetzt schlafen, aber da hatte Gerda schon den Hörer aufgelegt. Und wie sie die Freundin kannte, war sie jetzt schon unten auf der Straße und stürmte los.

Seufzend schloss sie das Fenster und wartete auf die Dinge, die da kommen würden. Und es dauerte auch nicht lange, da stürmte Gerda kurzatmig in die kleine Wohnung. Als sie Dagmar erblickte, die sich noch immer nicht umgezogen hatte, prallte sie förmlich zurück.

»Du liebe Güte«, keuchte sie verdattert.

Dagmar lachte.

»Schockiert?«

»Sag bloß, in diesem Aufzug hast du Egon empfangen?«

»Ja, du hast mir ja Ratschläge genug gegeben.«

»Himmel, der muss dich doch sofort in der Tür überfallen haben. Ja, ja, ich hab schon immer gesagt, stille Wasser sind sehr tief.« Sie grinste sie an. »Also, den Fummel musst du mir mal leihen, und dann schieb ich ab zu Egon, das heißt, wenn er mich jetzt überhaupt noch haben will.«

»Komm, setz dich. Möchtest du ein Gläschen Sekt?«

»Habt ihr denn keinen getrunken?«

»Er war Kavalier und hat welchen mitgebracht. Sogar Blumen.«

»Da sieht man mal wieder, wenn der Kerl zu einer Dame geht, dann weiß er, was sich gehört.«

Wieder ein schwerer Seufzer.

»Hol schon den Sekt, ich hab Durst vom Rennen. Die Bahn ist mir direkt vor der Nase entwischt, und da bin ich losgelaufen. Hatte einfach keine Lust, länger zu warten. Also, nun erzähl mal ganz ausführlich. Wieso ist er nicht mehr hier? War er nach einem Mal schon fix und fertig?«

»Nicht direkt, ich meine ...«

»Ja, was denn, entweder hast du ihn fix und fertig gemacht oder nicht«, sagte Gerda.

»Kann man das denn?«

»Und ob«, kicherte sie.

»Nein, also das war es nicht, er war furchtbar entsetzt, ja, das war er zuerst, und dann sehr wütend.«

Gerda riss ihre Augen weit auf. »Wie bitte?«, stotterte sie. »Was war das eben? Entsetzt? Du meine Güte, worüber denn? Ich versteh nur Bahnhof.«

»Nun«, sagte Dagmar verlegen lachend, »er war entsetzt, als er mich beim Lesen erwischte.«

»Beim Lesen erwischte?« Gerda schüttelte den Kopf. »Sag mal, du, sprechen wir wirklich von ein und derselben Sache?«

»Doch, ich glaube schon.«

»Gut, er hat dich beim Lesen erwischt. Wann denn, wenn ich fragen darf?«

»Nun«, sagte Dagmar achselzuckend, »ich lag da vorn auf dem Teppich und er war über mir, das kennst du doch, oder?«

»Na klar, das kribbelt mächtig, sage ich dir. Also hat er es richtig raffiniert angefangen. Na ja, ich hab dir ja gesagt, dass er ein ganz toller Bursche ist.«

»Bei mir hat es eben nicht gekribbelt«, sagte Dagmar, »und er wollte absolut nicht aufhören. Da wurde mir das so langweilig, und ich fand die Zeitschrift, ja, und da hab ich mir eben die Zeit vertrieben und nicht auf gepasst ...«

Gerda sprang auf.

»Du willst damit sagen, dass du in der Zwischenzeit Zeitung gelesen hast?«

»Ja!«

Zuerst dachte Dagmar schon: Gleich fallen ihr die Augen aus dem Kopf. Gerda stand da, vornübergebeugt, völlig perplex, und dann platzte sie los. Sie lachte und lachte, sie ließ sich auf das Sofa fallen und kreischte vor Lachen. Ja, sie konnte einfach nicht mehr aufhören. Die Tränen liefen ihr über das Gesicht, während sie lachte.

Das Lachen war so ansteckend, dass Dagmar einfach mitlachen musste. Erst nach einer ganzen Weile beruhigten sie sich allmählich.

»Ich kann nicht mehr«, japste Gerda. »Ich platze, ich muss was zu trinken haben, ich bin fix und fertig.«

Dagmar schenkte ihr Sekt nach.

»Dass du noch lebst«, kicherte sie wieder los.

»Er hatte Mörderaugen, wirklich, aber dann hab ich ihm alles erklärt«, sagte Dagmar sanft.

»Ich wollte dir zu einem ungeahnten Genuss verhelfen, Dagmar, Ehrenwort, das war meine Absicht. Aber jetzt hast du mich gründlich gerächt. Mein Gott, ich hätte Mäuschen spielen mögen. Egon toll in Fahrt. Hast du denn nicht zugehört, was er dir alles gesagt hat?«

»Nee, ich las doch gerade die Anleitung für ein interessantes Strickmuster, das muss ich mir nachher gleich hoch einmal ansehen«, sagte sie lachend.

»Du meine Güte, der Egon!« Gerda konnte sich nicht beruhigen.

Dagmar sagte: »Ich bin wirklich frigide, glaubst du mir jetzt endlich?«

Gerda sagte zuerst: »Hm hm, ich weiß nicht. Ich geb die Hoffnung noch nicht auf. Du musst erst mal einen Mann richtig lieben, dann klappt es bestimmt.«

»Waaas? Noch einen? Ich hab die Nase voll. Für immer, und was mir Egon über die Frauen gesagt hat, nein, das verschweige ich lieber.«

»Du bist wirklich so naiv wie ein Säugling, Dagmar. Sag mal, warst du noch nie verliebt?«

»Nein.«

»Hast du noch nie einen Mann geliebt? Ich meine jetzt nicht das Körperliche, sondern mit dem Herzen. Hast du dich noch nie nach einem Mann gesehnt? Dich gefreut, wenn du seinen Schritt hörtest, seine Stimme? Kennst du das wirklich nicht?«

»Nein.«

Gerda seufzte.

»Du bist tatsächlich ein schwerer Fall, das kannst du mir glauben. Und da liegt auch der Hase im Pfeffer. Du kannst erst körperlich richtig lieben, wenn du mit dem Herzen bei der Sache bist.«

»Wirklich?«

»Ja.« Dann murmelte sie zerstreut: »Das ist verdammt schwer, das kann man nicht arrangieren.«

Dagmar wurde jetzt richtig lebhaft.

»Hör mal, jetzt hast du so viel davon geredet, alle Welt spricht ja nur von der Liebe, ich will sie endlich verstehen. Du musst mir helfen.«

»Ich habe einen Schwips«, sagte Gerda. »Ich kann nicht mehr denken.«

Dagmar sagte: »Du kannst bei mir schlafen, aber du musst mir versprechen, dass du mir hilfst. Ich will nicht als verkorkstes Mädchen herumlaufen.«

»Na klar helfe ich dir, Dagmarchen, das ist doch Ehrensache, aber es wird verdammt schwer sein, ja, verdammt schwer, aber jetzt bin ich zu müde. Morgen reden wir weiter darüber.« Schon fiel sie hintenüber und schlief ein.

Dagmar zog sie aus. Das war ein schweres Stück Arbeit. Dann deckte sie sie zu, löschte das Licht und ging selbst zu Bett.



4

Am nächsten Morgen hatte Dagmar große Mühe, Gerda wach zu bekommen. Sie war verkatert und knurrte vor sich hin, aber dann riss sie doch die Augen auf und wunderte sich über die fremde Umgebung.

»Himmel, hast du vielleicht meine Mutter angerufen?«

»Nein, wieso sollte ich?«

Gerda sagte resigniert: »Na, da krieg ich heute ja wieder ganz dicken Ärger.«

»Sag bloß, mit deinen zweiundzwanzig musst du noch immer sagen, wohin du gehst, und musst abends pünktlich zu Hause sein.«

»Leb du mal bei ihr, dann kannst du ein Lied davon singen. Aber jetzt muss ich mich erst mal sputen, sonst können wir noch einen Rüffel vom Chef einstecken. Ich bin in zwei Sekunden fertig, gieß schon mal den Kaffee ein.«

Es dauerte zwar länger als zwei Sekunden, aber sie war doch sehr schnell zur Stelle, trank rasch eine Tasse Kaffee und griff schon nach der Tasche.

Plötzlich kicherte sie.

»Sag mal, bei mir im Kopf, da klingelt es noch mächtig. Hab ich das mit Egon nun alles nur geträumt, oder war es wirklich wahr?«

»Alles wahr!«

Details

Seiten
0
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783738924220
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v452760
Schlagworte
nächte paris redlight street

Autor

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Titel: Die wilden Nächte von Paris