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Haben Sie Ihr Kind vergessen, Dr. Göbel?

2018 120 Seiten

Leseprobe

Haben Sie Ihr Kind vergessen, Dr. Göbel?

Arztroman von G. S. Friebel


Der Umfang dieses Buchs entspricht 131 Taschenbuchseiten.


Bei einem schrecklichen Unfall kommt Elisabeths Verlobter ums Leben. Wenig später weiß sie, dass sie schwanger ist. Aber wie soll sie ein Kind großziehen, wo sie doch studiert und auch kein Geld hat. Mit einer ungewöhnlichen Maßnahme beschließt sie, selbstständig Pflegeeltern für ihr Kind zu suchen. Aber wird sie selbst damit fertig werden, ihr Kind abzugeben?


Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

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1

Eisige Winterstürme fegten durch das Land, frostklirrendes Eis überall. Blank und leer die Straßen, wie ausgestorben wirkte die Stadt. Jeder, der nicht unbedingt nach draußen musste, verkroch sich in die warme Wohnung, sah durch die Scheiben der Kälte und dem Schneetreiben zu. Zögernd, fast widerwillig fuhren die Autos durch die engen Gassen. Elisabeth Göbel sah dies alles mit einem Blick. Ihre Nase war sofort rot gefroren, und sie hielt die Büchertasche fest an sich gepresst. Doch der eisige Wind fegte durch die Kleidung, als wäre sie aus Papier. Was nutzte es zu jammern?

Sie musste das Stück Weg gehen, wenn sie nach Hause wollte. Leider hatte sie den Bus verpasst. Und von der Universität bis zu ihrem Zimmer war es ziemlich weit.

Entschlossen machte sie sich auf den Weg. Die Mütze tief über die Ohren gezogen, eilte sie so schnell, wie der glatte Bürgersteig es nur zuließ, der Wärme entgegen.

An einer Straßenkreuzung schreckte sie eine laute Autohupe auf. Erschrocken sprang sie zurück und starrte dem Autofahrer wütend nach. Sah er denn nicht, dass sie hier ging? Ja, er hatte sie gesehen, denn zu ihrer Überraschung stoppte er ab, setzte das Stück zurück, blieb direkt neben ihr stehen und öffnete die Wagentür. Wärme schlug ihr entgegen.

„Martin“, lächelte sie erfreut. „Himmel, dich habe ich natürlich nicht erkannt! Woher kommst du denn?“

„Kunststück, ich habe mich ja auch mit dem Wagen meines Chefs geschmückt. Aber komm, bleib doch nicht in der Kälte stehen, steig ein, ich fahre dich nach Hause.“

Das ließ sie sich nicht zweimal sagen. Schnell kuschelte sie sich auf den Beifahrersitz und schimpfte. „Ist das eine Kälte! Am liebsten würde ich mich bis zum Frühjahr verkriechen. Ich habe ganz kalte Füße!“

„Arme Eli“, lachte Martin. „Du, ich habe eine feine Idee. Ich habe noch ein wenig Zeit und brauche nicht pünktlich zu sein. Wir fahren zu mir, und ich braue dir einen zünftigen Punsch oder Glühwein, was du willst. Der wird dich wieder aufwärmen.“

„Das willst du wirklich tun?“

Lächelnd griff der junge Mann nach der Hand des Mädchens. Er zog sie an seine Lippen.

„Sie sind wirklich scheußlich kalt“, sagte er mitfühlend.

„Ja, im Hörsaal hat die Heizung versagt; Wir saßen alle da wie vermummte Landstreicher. Es hätte lustig sein können, wenn die Kälte nicht so bitter gewesen wäre.“

Mit diesen Worten riss sich Elisabeth die gestrickte Mütze vom Kopf. Sie hatte das dunkelblonde Haar oft streng nach hinten zusammengebunden, aber heute trug sie es offen.

Martin Heine lenkte den Wagen durch die Stadt und hielt dann in einer Seitengasse. Er hatte hier bei einer Witwe eine kleine Wohnung gemietet. Elisabeth war das winzige Wohnzimmer noch nie so wohnlich erschienen wie in diesem Augenblick. Der altmodische Ofen in der Ecke glühte. Elisabeth streckte die Hände nach der Wärme aus. Ihr Verlobter ging derweil in die puppenstubenartige Küche und setzte das Wasser auf. Dann kam er zurück ins Wohnzimmer, nahm Eli bei der Hand und führte sie zum Fenster. Lange Eiszapfen hingen an der Dachrinne herunter. Winterlich schön, ja, aber nur, wenn man diese Pracht von einem warmen Zimmer aus betrachten konnte. Aber das war es nicht, was er ihr zeigen wollte.

Martin Heine war Architekt, gerade mit dem Studium fertig geworden. Nun verdiente er sich bei einer großen Firma die ersten Sporen. Bis er sich selbständig machen konnte, würde es noch ein wenig dauern. Beide hatten sich auf der Universität kennengelernt. Elisabeth war zweiundzwanzig Jahre alt und studierte Medizin. Eines Tages, irgendwann, wenn sie Geld hatten, würden sie heiraten. Doch vorerst wollte Elisabeth auf jeden Fall ihre Ausbildung beenden. Eine Heirat lag für sie noch in weiter Ferne. Aber sie hatten sich ja auch so, und jeder konnte sich auf den anderen verlassen. Sie liebten sich leidenschaftlich. Martin war ein lustiger und gemütlicher Geselle, Eli, wie er sie nannte, hingegen ein etwas schwermütiger Typ. Sie ergänzten sich wunderbar.

„Schau mal, Eli, ist es nicht wundervoll?“

Damit zeigte er mit einer Hand auf das große Reißbrett. Elisabeth hatte es inzwischen gelernt, Bauzeichnungen lesen zu können. Anfangs hatten sie über ihre Unerfahrenheit oft herzlich gelacht. Jetzt beugte sie sich vor, sah ein Häuschen, fast puppenhaft, aber wunderschön angelegt. Je länger man es betrachtete, um so größer wurde es. Nur der erste Eindruck ließ es klein erscheinen, und das hatte der Erfinder auch bezweckt. Es lag an einem Hang, inmitten einer Wald- und Wiesenanlage, in die sogar ein kleiner Bach eingezeichnet worden war. Es hatte ganz lichte, helle Räume, einen Hauptraum mit einem echten Kamin.

Elisabeth Göbel sah Martin mit ihren tiefblauen Augen lächelnd an. „Du, das ist das Schönste, was ich bis jetzt von deinen Arbeiten gesehen habe. Bis ins Kleinste ist alles gut durchdacht. Wer hat dir den Auftrag gegeben?“

„Niemand“, lachte Martin und zündete sich gemütlich seine kleine Stummelpfeife an. „Das ist unser Traumhaus, weißt du, so werden wir einmal wohnen, du und ich!“

Das Mädchen lachte hellauf. „Du, ach, da sind wir beide bestimmt schon alt und grau. Und der große Garten, der ist sicher für unsere Enkelkinder gedacht?“

„Spotte du nur, meine Liebe. Ich kann es wohl vertragen. Hauptsache ist, es gefällt dir. Und wenn es auch nicht heute oder morgen etwas wird, Eli, eines Tages werde ich es für uns bauen, es ist für mich ein festes Ziel. Seit Tagen will ich dir diese Entwürfe zeigen. Immer wenn ich keine Lust oder Ärger mit dem Chef habe und nach Hause komme, sehe ich das Haus und denke gleich, dass es sich lohnt, sich abzurackern. Eines Tages sind wir am Ball. Was sind denn schon ein paar Jahre?“

„Ich wäre schon glücklich, wenn wir heiraten und in einer kleinen Dachwohnung leben könnten. Wir zwei!“ Das Mädchen seufzte leise vor sich hin.

Martin küsste sie, wurde aber dann durch den Flötenkessel aufgeschreckt. Während er den Glühwein herrichtete, deckte Elisabeth den Tisch in der Nische.

„Willst du mich heiraten, weil du versichert oder gesichert sein möchtest, Eli?“

„Nein, weil ich dich liebe. Ich möchte immer bei dir sein. Morgens zum Beispiel, wenn ich die Augen aufmache, möchte ich dich schon sehen. Wenn ich nach Hause komme, müsstest du schon wieder da sein. Es erträgt sich doch alles viel leichter, wenn man es gemeinsam macht!“

Martin nickte. „Selbstverständlich hast du recht, ich werde mich nach einer größeren Wohnung umsehen.“

Elisabeth streckte die Hand aus und hielt ihn fest. Sie lächelte. „Ich bin eine blöde Gans, verzeih, ich wollte dir nichts vorjammern. Natürlich sollst du nichts dergleichen unternehmen. Ich hasse Studentenehen, es kommt nichts dabei heraus. Warten wir noch, so, wie wir es uns vorgenommen haben!“

Martin blickte auf die Uhr.

„Himmel, ich muss mich jetzt aber sputen. Komm, ich bring dich nach Hause.“ Doch dann blickte er sie an und meinte: „Bleib, Eli, ich bin in zwei Stunden wieder da. Wir machen es uns heute hier gemütlich, hörst du? Ruh dich aus, hör Musik oder entspann dich sonst irgendwie.“

Weiche, duftende Haare streichelten seine Wange. „Ich tue alles, was der Herr und Gebieter mir befiehlt.“

Eine rasche Umarmung, ein Kuss, dann fegte er die Treppe hinunter. Sie hörte seine polternden Schritte und lächelte. Von dem kleinen Fenster aus sah sie ihn in den Wagen steigen. Er blickte auf, hob die Hand und winkte ihr übermütig zu. Eine spontane Geste, aber sie zeigte, wie sehr er sie liebte. Fast schmerzhaft zog sich ihr Herz zusammen. Mein Gott, gab es das wirklich, dass man so lieben konnte? So köstlich und selbstlos, so bedingungslos und voll Harmonie? Ein Leben ohne Martin konnte sie sich gar nicht mehr vorstellen. Er war in ihr Leben getreten, und sie hatte sich vom ersten Augenblick an ernstlich in den unbekümmerten jungen Mann verliebt.

Seine Bekanntschaft war wie der Strohhalm vor dem Ertrinken gewesen. Früh verwaist, hatte sie nur wenig Liebe genossen. Unter den Studentinnen war sie anfangs noch einsamer geworden. Wegen der kleinen Rente, die ihr bis zum 25. Lebensjahr zustand, konnte sie sich keine Extravaganzen erlauben, musste auf vieles verzichten, was die anderen unbekümmert genossen. Sie konzentrierte sich nur auf das Studium. Aus dieser Isolierung hatte Martin sie herausgeführt, sie in den Sonnenschein der Liebe gestellt. Plötzlich sahen alle, wie hübsch Elisabeth Göbel doch war. Groß, schlank und zartgliedrig, mit schmalen Hüften, einem aparten Gesicht. Besonders die großen blauen Augen, die so hell strahlen konnten, wenn sie nur Gelegenheit dazu hatten, konnten bezaubern. Sie war ein offenes und herzliches Mädchen, zu jedermann freundlich, nett und hilfsbereit, wenn man sie um etwas bat.

Im Laufe der Zeit hatte sie sich dann einer Ausländerin angeschlossen. Beide verband inzwischen eine innige Freundschaft. Aaga Lind, Schwedin, anfangs auch einsam, war froh, in Elisabeth eine gute Freundin gefunden zu haben. Sie war von zu Hause begütert, spielte diese Wohlhabenheit aber nie vor Elisabeth aus. Sie war fröhlich und unkompliziert. Nun bewohnten sie beide gemeinsam im Studentenheim eine Bude. Aaga besorgte oft die Lebensmittel für ihren Unterhalt und verstand es meisterhaft, die köstlichen Dinge für erstaunlich wenig Geld einzukaufen. Da Elisabeth so stolz sein konnte, wenn es um Gelddinge ging, schob sie der Freundin auf diese Weise unauffällig etwas zu.

Aaga kannte auch Martin. Zu dritt hatten sie schon oft wunderbare Wochenenden erlebt.

Elisabeth schrak aus ihren Gedankengängen auf. Sie stand immer noch hier und sah Martin nach, der schon längst über alle Berge war. Sicher konnte sie sich nützlich machen und abwaschen. Sie kannte Martin, davor drückte er sich gern. Und als sie die Küche betrat, merkte sie, wie recht sie mit ihrer Vermutung mal wieder hatte. Der Spülstein quoll über von schmutzigem Geschirr.



2

„Warum liebst du ihn?“

Elisabeth drehte den Stuhl herum und blickte Aaga an.

„Ich verstehe dich nicht, wie meinst du das?“

Aaga saß mit untergeschlagenen Beinen auf ihrem Bett und knabberte Konfekt.

„Hier, probiere mal, frisch von zu Hause, schmeckt prima.“

„Danke.“ Elisabeth strich sich das Haar aus dem Gesicht und bediente sich aus der vollen Schachtel.

„Warum willst du das wissen, Aaga, warum deine Frage?“

„Ganz einfach, weil ich das Phänomen Liebe ergründen will, darum! Ich will wissen, warum? Es muss doch einen Grund haben, warum du ausgerechnet Martin liebst, klar?“

„Nein, es gibt keinen besonderen Grund, ich liebe ihn einfach“, sagte sie schlicht. „Darin liegt alles: Er liebt mich und ich liebe ihn.“

„Klar wie Kloßbrühe, Elisabeth“, seufzte Aaga. „Ich bin jetzt kein Stückchen weiter.“

„Aber das musst du doch selbst wissen, Aaga, du hast doch auch bestimmt schon mal jemanden geliebt. Liebe kann man nicht ergründen, nicht lokalisieren. Man kann nicht sagen, deswegen, darum, deshalb – und nur unter diesen Voraussetzungen ist sie möglich. – Liebe kommt und ist da!“

„Nein, eben weil ich es nicht weiß, darum will ich es ja wissen. Ich mag die Männer nicht, Martin selbstverständlich ausgeschlossen. Er ist noch Kavalier, aber die anderen?“ Sie machte eine wegwerfende Handbewegung. „Sie wollen, dass ich mit ihnen ins Bett steige, mehr nicht. Liebe, Mondschein, Händchenhalten, das ist Omas Mottenkiste, hier wie bei uns. Bis jetzt habe ich ja auch nicht an Liebe geglaubt, aber seit ich dich und Martin kenne, da bekomme ich Zweifel. Das, was euch bindet, ist ganz bestimmt nicht Sex, was dann?“

Elisabeth ereiferte sich. „Aaga, du bist jetzt vielleicht verbittert. Ich kenne das, aber glaube mir, eines Tages wird alles ganz anders sein. Eines Tages wirst du dem richtigen Mann begegnen, und dann wirst du anders über die Liebe sprechen. Sie gibt es wirklich, überall, man muss sie nur sehen können. Warte, man kann sie eben nicht zwingen. Ich war schrecklich einsam und verlassen und haderte mit meinem Schicksal, und dann kam Martin. Er war auf einmal da, verstehst du? Ganz einfach da und er ist für mich so etwas wie die Erlösung gewesen.“

„Dann hast du dich nur an ihn geklammert, weil du niemand anders bei dir hattest, weil du einfach nicht mehr einsam sein wolltest?“, erwiderte Aaga.

Elisabeth schüttelte verneinend den Kopf. Lange betrachtete sie die Freundin. Sie war hübsch, wirkte aber ein wenig oberflächlich. Erst wenn man Aaga genau kannte, wusste man welch guter Kern in dem Mädchen steckte. Sie saß noch immer auf dem Sofa und starrte dabei aus dem Fenster. Sie war eine nordische Schönheit, wie die Männer sagen würden. Schön; aber kalt. Das hellblonde Haar streng zu einem Knoten zusammengebunden, der hellblaue Pullover, die dunkle Tuchhose. Nichts zeugte von Lieblichkeit, sie wirkte kühl. Aaga wollte es bewusst so. Sie konnte verrückt werden, wenn man ihr mit dem Ausspruch kam, dass schwedische Mädchen sofort zu haben wären. Sie versuchte nun, schon durch ihr Äußeres abwehrend zu wirken. Elisabeth spürte, es war tiefe Verbitterung der Freundin, die sie so abfällig von der Liebe reden ließ.

Langsam drehte sie sich zum Schreibtisch zurück und wollte weiterlesen. Sie musste etliche Kapitel nachholen. Seit sie Martin kannte, bummelte sie manchmal. Er war so voller Ideen und Frische, er riss sie einfach mit.

Martin!

Ihre Hand umkrampfte den Bleistift. Fast hätte sie auf gestöhnt. Nein, einem Außenstehenden konnte man einfach nicht erklären, was sie miteinander verband.

Martin war einfach ihr zweites Ich geworden. Ohne ihn konnte sie sich das Leben einfach nicht mehr vorstellen. Hatte sie je ohne ihn gelebt? Die Zeit davor, die war so weit, so fern.

„Du hast recht“, murmelte Aaga, „ich glaube, es liegt an mir. Vielleicht sind wirklich nicht alle Männer so, wie ich sie eben geschildert habe. Ich habe einfach keine Geduld, das ist es. Ich will vielleicht alles sofort haben, das liegt in meiner Natur, und ich kann einfach nicht dagegen an. Und dann versuche ich auch, die Männer an der Nase herumzuführen, sie zu quälen. Und welcher Mann lässt sich das schon gefallen? Es hat mir schon zu Hause auf der Schule Spaß gemacht. Aber jetzt, wenn ich dich so sehe, diese Ruhe, diese Sicherheit, die eure Verbindung ausstrahlt, werde ich unsicher. Wenn du nicht meine beste Freundin wärst, Elisabeth, könnte ich schrecklich neidisch auf dich sein. Und vielleicht hatte ich sogar versucht, euch zu trennen. Ich bin nun mal so, ich kann nichts dafür. Meine Eltern haben sich nicht geliebt, wir wurden ohne viel Liebe, aber mit viel Komfort aufgezogen. Das sitzt tief drin, aber ich möchte anders werden. Ich möchte glücklich werden wie du. Glaubst du, dass ich es je schaffen kann?“

„Bestimmt, Aaga, du hast doch so viele Chancen, vertue sie nicht, aber erzwinge auch nichts. Sieh dich um, und den, der dir am besten gefällt, den nimm unter die Lupe. Prüfe, wie er es mit dir meint. Will er nur ein kurzes Vergnügen, dann lass ihn fallen, er ist deiner dann nicht wert.“

„Geduld“, seufzte sie, „das ist eine der Tugenden, die ich überhaupt nicht beherrsche. Na ja, wenn du es sagst, dann muss es wohl stimmen.“

Dann war es eine ganze Weile still im Zimmer. Man hörte nur die Feder über das Papier kratzen. Aaga räkelte sich und stand auf.

„Ich habe diese Woche Küchendienst, was soll ich heute kochen? Kannst du mir keinen Tipp geben?“

„Warte mal, was haben wir denn schon lange nicht mehr gehabt?“

Mitten in ihre Überlegungen hinein hörten sie auf dem Flur laute Schritte. Unwillkürlich horchten sie darauf, und als sie auch noch vor ihrer Tür hielten, sahen sie sich groß an.

„Erwartest du Besuch, Aaga?“

„Du?“

„Nein!“

Es wurde hart geklopft.

Aaga sprang auf und öffnete die Tür. Vor ihr stand der Hausmeister des Studentenheims, hinter ihm zwei unbekannte Männer. Sie trugen die Hüte tief ins Gesicht gezogen und hatten rote Nasen von der Kälte draußen. Sie schienen beide bereits älter zu sein. Der Hausmeister trat näher, ließ die fremden Männer vorbei und diese betraten den Raum.

„Entschuldigen Sie die Störung, meine Damen, aber es geht um eine wichtige Angelegenheit. Darf ich mich jetzt verabschieden?“, fragte der Hausmeister.

Einer der Männer nickte, und der Hausmeister schloss die Tür. Er entfernte sich mit schlurfenden Schritten.

„Wer von Ihnen ist Elisabeth Göbel?“

„Ich!“, sagte das Mädchen. „Was wünschen Sie von mir?“

„Wir sind von der Polizei“, stellten sie sich vor.

Die Mädchen sahen sich erschrocken an und schwiegen. Aaga fasste sich als erste.

„Worum geht’s denn, meine Herren?“

„Wir haben heute einen Unfall registriert, und der Besitzer des Wagens hatte leider keinerlei Papiere bei sich. Er liegt im Krankenhaus und ist noch bewusstlos. Wir fanden bei ihm nur einen Brief mit Ihrer Anschrift, Fräulein Göbel. Und nun möchten wir Sie bitten, uns kurz zu begleiten. Vielleicht kennen Sie den Herrn und können uns sagen, wo wir seine Eltern antreffen können. Es ist unsere Pflicht, sie in Kenntnis zu setzen.“

„Selbstverständlich komme ich mit. Vielleicht ist es einer von unseren Kommilitonen. Wir tauschen oft die Notizen gegenseitig aus. Warten Sie einen Augenblick, ich will mir nur kurz etwas überziehen.“

„Wir warten in der Zwischenzeit auf dem Flur!“

Sie grüßten kurz zu Aaga hinüber und gingen dann hinaus. Elisabeth zog sich die Winterstiefel an und schlüpfte in die warme Jacke.

„Wer es wohl ist?“, meinte Aaga. „Aber bei diesem Wetter ist das ja auch kein Wunder.“

„Ich gehe jetzt, bestimmt bin ich in einer Stunde wieder da.“

„Und ich weiß immer noch nicht, was ich kochen soll!“

„Schließ die Augen und schlage eine Seite vom Kochbuch auf. Was dann da steht, das kochst du einfach.“

„Prima Idee!“

„Aber wenn’s geht, vermeide die Seite mit den Soßen. Nur Soße ist wohl ein bisschen wenig.“

Lachend lief sie aus dem Zimmer.

Die Männer standen am Fenster und rauchten. Von hier aus hatte man einen wunderbaren Blick über die Stadt. Sie wohnten im achten Stockwerk.

„Ich bin soweit!“

„Na, dann wollen wir mal. Eine Kälte ist das!“

Der Dienstwagen war geheizt, es war direkt gemütlich. Elisabeth versuchte, etwa über den Unfall zu erfahren, aber die Männer schwiegen sich darüber aus. Sie war ja auch eine Außenstehende, keine nahe Verwandte, deshalb durfte wohl keine Auskunft gegeben werden. Da sehr wenig Betrieb in der Stadt herrschte, erreichten sie sehr schnell das Krankenhaus. Eines Tages würde sie auch Ärztin sein, und darauf freute sie sich schon jetzt. Sie stellte sich ihren zukünftigen Beruf so phantastisch vor. Anderen Menschen helfen zu dürfen war doch wohl eine der schönsten Aufgaben im Leben.

Sie schritten durch endlos lange Flure und erreichten endlich die Unfallstation. Die beiden Beamten blieben vor einer Tür stehen. Gerade als sie den Raum betreten wollten, kamen ein Arzt und eine Schwester heraus. Der Arzt stutzte einen Augenblick als er die Beamten sah, erkannte sie aber gleich wieder.

„Meine Herren, Sie wünschen?“

„Wir haben eine junge Dame mitgebracht. Ihre Adresse lag bei dem Verletzten, vielleicht kann sie uns den Namen des jungen Mannes nennen. Oder kann er schon selbst Auskunft geben?“

„Er ist vor einer Minute gestorben!“

„Mein Gott!“

Die Beamten nahmen ihre Hüte ab und nickten stumm. Unentschlossen blickten sie auf Elisabeth. „Die Situation hat sich geändert, aber wir müssen trotzdem wissen, wie der Verstorbene heißt – jetzt erst recht. Dürfen wir Ihnen zumuten, sich den Toten kurz anzusehen?“

Elisabeth wurde blass. Sie hatte noch nie einen Toten gesehen.

„Ist er ...?“

„Schwer verunstaltet, meinen Sie?“

„Ja!“

„Nein“, sagte der Arzt. „Er ist an seinen inneren Verletzungen gestorben. Er liegt so da, als schliefe er. Jetzt ist noch nichts Ungewöhnliches an ihm. Kommen Sie, wenn Sie schlappmachen, führe ich Sie gleich heraus und gebe Ihnen ein Stärkungsmittel.“

Elisabeth biss sich auf die Lippen. „Ich muss es einfach lernen, ich studiere ja selbst Medizin. Ich darf mich nicht derart zimperlich benehmen und stehe Ihnen natürlich zur Verfügung.“

Die Schwester öffnete wieder die Tür. Im Hintergrund stand das Bett. Man hatte bereits ein Laken über das Gesicht des Toten gezogen. Die Konturen waren ganz deutlich zu erkennen. Schlaff hing eine Hand über den Bettrand. Die Lampe neben dem Kopfende brannte noch. Viele Ampullen und Spritzen lagen noch herum, man hatte bis zum letzten Augenblick um das Leben dieses Mannes gekämpft.

Das Zimmer roch stark nach Medikamenten, die Luft legte sich auf ihre Lungen. Das Mädchen hatte das Gefühl zu ersticken, drehte sich nicht schon das Zimmer vor ihren Augen? Die Schwester ging vor ihr her, sie sah den breiten Rücken, darüber das dunkle Haar.

Ich darf nicht schlappmachen, dachte sie immerzu. Es wäre eine Blamage, ich muss mich zusammennehmen!

Sie standen vor dem Bett. Der Arzt nickte kurz mit dem Kopf. Die Schwester schlug das Tuch zurück, und der Kopf des Mannes kam zum Vorschein. Der. Arzt hatte recht, es sah aus, als schliefe er nur, sogar ein leises Lächeln lag um die halb geöffneten Lippen des Mundes.

Elisabeth sah dies alles!

Dann zerriss ein Schrei die Luft! Wie sie zu Boden stürzte, das spürte sie schon nicht mehr.

Erschrocken griffen die Männer nach dem Mädchen, doch sie entglitt ihnen und fiel dumpf zu Boden. Der Arzt sprang hinzu, rief der Schwester etwas zu. Sie rannte davon. Man hob sie hoch, brachte sie ins Untersuchungszimmer und legte sie dort auf das Sofa.

Eine Spritze wurde aufgezogen, man band den Arm ab. Unaufhörlich sah der Arzt in das blasse Gesicht des Mädchens. Noch regte sich dort nichts. Es dauerte noch eine Weile, bis das Herzmittel seine Wirkung tun würde. Der Puls ging sehr schwach.



3

Elisabeth schlug die Augen auf, sah sich verwirrt um, erblickte den fremden Mann im weißen Kittel über sich, runzelte die Stirn, dachte nach. Da war doch etwas gewesen, vorhin? Nebelschleier hingen vor ihren Augen.

„Geht es Ihnen jetzt wieder besser?“

Sie wandte den Kopf, sah den Arzt an, schluckte. Dann erblickte sie auch die anderen im Raum.

„Wo bin ich?“

Der Arzt fühlte ihren Puls, zählte und schüttelte leicht den Kopf.

„Bleiben Sie noch ein wenig liegen, Ruhe ist das beste Mittel. Gleich wird Ihnen wieder besser werden, kommen Sie, denken Sie jetzt einfach an nichts!“

Er stand auf, wollte die Beamten veranlassen, das Zimmer zu verlassen. Elisabeth sah dies, starrte sie an. Dann war plötzlich alles wieder da! Alles! Bevor sich jemand versah, war sie aufgesprungen. Wie eine Irre rannte sie aus dem Zimmer. Dort war die Tür, das Bett. Mit einem tierischen Wehlaut warf sie sich über den Toten, bedeckte sein Gesicht mit Küssen, schrie und schluchzte in einem fort.

Den Männern lief ein Schauer den Rücken herunter. Sie gingen ihr nach. Fast gewaltsam musste man sie von dem Toten reißen.

„Beruhigen Sie sich doch, bitte, ich flehe Sie an. Kommen Sie doch endlich zu Vernunft!“

Sie hatte Riesenkräfte, wehrte sich verbissen, schrie und schrie. „Lasst mich, lasst mich, lasst mich los, los, los!“

Vor dem Bett brach sie in die Knie, wühlte ihren Kopf in das Kissen. Die Schultern zuckten, bebten. Der Arzt strich über ihr Haar, über die Schultern.

„Wer ist es?“, fragte er leise.

Sie hörte diese Stimme, sie rührte ihr Herz. Sie blickte in die grauen Augen des Mannes. Tränen stürzten über die Wangen, sie konnte ihnen kein Einhalt gebieten.

Ihre Lippen zitterten. „Mein Verlobter“, keuchte sie. „Martin, Martin, das darf doch nicht sein! Martin, du doch nicht! Nicht du! Sagen Sie mir, dass er schläft! Er ist nicht tot, darf doch nicht tot sein. Nicht Martin, doch nicht Martin!“

Behutsam führte man sie aus dem Zimmer. Ihr Wille war gebrochen. Das Herz tot. Starb sie denn noch nicht? Sie konnte doch nicht ohne ihn leben. Martin war nicht tot, es konnte nur eine Verwechslung sein, ein Mann der ihm ähnlich sah, sonst nichts! Martin doch nicht!

Gebrochen saß sie im Sessel, war keines klaren Gedankens mehr fähig. Alles in ihrem Kopf war durcheinander. Noch war nicht die volle Erkenntnis bis zu ihrem Herzen gedrungen. Noch wühlte der Schmerz nicht in ihrem Innern herum. Das alles würde noch kommen, später. Nun saß sie nur da, dumpf und wie ergeben. Man sprach sie an. Sie gab Antwort, nannte Namen und Adresse, Wohnort der Eltern. Alles sprach sie herunter, so als ginge es sie nichts an. Sie merkte gar nicht, dass sie sprach.

„Das reicht jetzt. Wir werden uns um alles kümmern. Kommen Sie, Fräulein Göbel, wir bringen Sie wieder nach Hause!“

„Nach Hause?“ Wie ein Kind sprach sie ihnen alles nach.

„Ich gebe Ihnen noch ein Beruhigungsmittel mit“, sagte der freundliche Arzt.

Gleichgültig schob sie die Schachtel in ihre Jackentasche. Mechanisch setzte sie Fuß vor Fuß, ging neben den Beamten wie eine Schlafwandlerin her. Diese waren sichtlich betroffen. Wenn sie das gewusst hätten, wäre ihr dieser Schock erspart geblieben. Wie hart das Schicksal doch sein konnte.

Im Portal des Studentenwohnheimes drehte sie sich um.

„Ich gehe allein“, sagte sie monoton, aber bestimmt.

„Können Sie das auch wirklich?“ Die Männer zweifelten.

Ohne sich noch einmal umzudrehen, ging sie zum Fahrstuhl, drückte den Knopf. Langsam schwebte er nach oben. Sie war ihren Blicken entschwunden. Hölzern wirkten ihre Schritte, Elisabeth tat alles mechanisch. Sie schloss die Tür, ging weiter, sah Gesichter um sich, lächelte schemenhaft. Erstaunt drehte man sich nach ihr um, sprach sie an. Sie nickte mit dem Kopf, lief wie durch Watte immer weiter.

Dort war die Tür. Ihr einziges Zuhause, das sie jetzt noch hatte. Eine Bude in einem großen Wabenstock.

Aaga kam ihr entgegen.

„Du, wir haben Glück gehabt. Ich habe die Seite mit den Omeletten aufgeschlagen. Ich habe ein Schinkenomelett gemacht. Das schmeckt bestimmt. Ich hätte schon angefangen, habe aber nun doch auf dich gewartet.“

Elisabeth ging wortlos zum Schrank, hängte die Jacke auf, zog die Stiefel aus. Aaga bemerkte nun das auffallend blasse Gesicht der Freundin. Sie stockte in ihrem Redefluss, starrte sie an, würgte und wurde plötzlich von Angst befallen. Elisabeth spürte nichts. Sie stand auf, stellte die Schuhe sorglich in die Ecke neben der Heizung, und schaute dann aus dem Fenster. Ganz langsam glitten die Tränen über die Wangen. Sie ließ sie einfach laufen. Unaufhörlich kamen sie. Mit voller Wucht war nun endlich die Erkenntnis bis zum Herzen gedrungen.

Martin war tot!

Sie warf sich über das Bett, grub sich tief ein. Es war nichts Menschliches mehr, es waren Unlaute, die sich ihrer Brust entrangen. Ein Schmerz, der ausgelitten werden musste, der nicht zu trösten war. Wie tot lag sie nachher auf dem Bett. Mit starren Augen sah sie zur Decke, spürte weder den Hunger noch sonst etwas. Ein Herz war in diesem Augenblick zerbrochen.

Aaga wagte nicht, sich zu rühren, vielleicht begriff sie langsam alles. Noch hatte Elisabeth kein Wort gesprochen.

Scheu kam sie näher, wollte die Freundin streicheln, ihr zeigen, wie gern sie sie hatte. Sie streckte die Hand aus, zog sie aber wieder zurück. Es war ihr, als würde sich Elisabeth hinter einer gläsernen Wand befinden.

„Elisabeth“, sagte sie ganz weich und zärtlich. „Soll ich dir einen Tee machen? Warum bist du so verstört? Hat es dich so mitgenommen? Wer ist es denn gewesen?“

Ihre Augen kamen von der Decke zurück, blieben an der Schwedin haften, lächelten rätselhaft. Aaga schluckte. Was war geschehen?

„Als wir hinkamen, war er schon tot!“, sagte Elisabeth.

Aagas Magen zog sich zusammen. Sie hockte sich auf den Bettrand und schluckte.

„Ich bin zu spät gekommen, alles ist aus, alles!“

„Elisabeth, du musst nicht sprechen, wenn es dir weh tut, ich will es nicht wissen. Später kannst du mir alles erzählen. Schlaf jetzt, dann wird dir nachher besser sein, dann wirst du es vergessen haben.“

„Ich will doch nicht vergessen“, schrie sie ihr ins Gesicht. „Ich will doch nicht, Aaga.“ Sie klammerte sich an die Freundin, presste sie an sich. „Aaga“, ein Schlucken, von ganz tief drinnen zwang sich empor. „Aaga, Aaga, Martin ist tot! Martin!“

Die Schwedin fühlte, wie ein kalter Schauer durch ihre Glieder rann.

„Martin?“, flüsterte sie ganz leise, und noch einmal fragend: „Martin?“

Elisabeth weinte, so wie sie noch nie geweint hatte. Es war schrecklich, dies ansehen zu müssen.

Aaga stand auf, deckte die Freundin mit einer flauschigen Decke zu, löschte das Licht, verließ das gemeinsame Zimmer. Elisabeth musste jetzt allein sein, sie musste sich erst einmal ausweinen!

„O mein Gott“, flüsterte sie auf dem Flur.



4

Wie viel Zeit war inzwischen vergangen? Stunden, Monate oder schon Jahre? Elisabeth wusste es nicht mehr. Die gewöhnliche Zeitrechnung hatte für sie aufgehört. Sie tat alles mechanisch, doch genau, präzise. Warum ging sie diesen Weg? Warum gingen so viele Leute vor ihr? Die bittere Kälte, der eisige Wind. Man müsste umkehren und fortlaufen, einfach fortlaufen. Warum taten die Menschen vor ihr es nicht? Wie ein Sog nahmen sie sie mit, rissen sie weiter, immer weiter.

Nackte Bäume streckten ihre Arme zum Himmel, zu einem grauen, tiefhängenden Himmel. Vereiste Bänke am Rande des Weges. Ihre Augen waren blind. Stolpernd ging sie weiter. Steine sah sie auf einmal, Namen! Sie war auf dem Friedhof. Warum?

Dort war das offene Grab, sie hörte den Pfarrer reden, Menschen in ihrer Umgebung laut und klagend schluchzen. Sie sah ihnen verwundert in die Gesichter. Der Sarg wurde heruntergelassen.

Martin!

Sie wollte aufschreien, vorstürzen, ihn zurückhalten. Aber das durfte man doch nicht!

Martin!

Er lachte, der Wind spielte mit seinem Haar, er steckte sich die Pfeife an, zog sie an sich, küsste sie. Martin mit dem schelmischen Lächeln, dem selbstlosen Wesen. ^

Elisabeth war ganz allein!

Dort waren seine Eltern, die Geschwister. Sie drängten sich zusammen, weinten, gaben sich aber Halt. Elisabeth sah dies alles und fühlte sich noch einsamer. Weihnachten hatte er sie den Eltern vorstellen wollen. Weihnachten!

Die Kälte kroch an ihr hoch. Sie sah über das offene Grab, man blickte sie an. Nein, sie hatte nicht gesagt, dass sie seine heimliche Verlobte war. Aaga nahm ihre Hand, presste sie zusammen. Aaga war noch lebendig, das spürte sie ganz deutlich.

„Vielen Dank, dass Sie gekommen sind. Er war ein so guter Junge! Sicher haben Sie ihn auch gut gekannt!“ Das war der Vater. Er bedankte sich bei Elisabeth und Aaga.

Aaga nickte. Elisabeth blickte durch ihn hindurch.

Nun hatte die Kälte ihr Herz erreicht. Und da wusste sie, es war nicht die Kälte von draußen, nein, sie kam von drinnen.

Ich erwarte ein Kind!, drang es in ihr Bewusstsein.

In diesen Sekunden stand es klar vor ihren Augen. Niemand brauchte es ihr zu sagen.

Die Knie wurden ihr weich, schlaff hingen die Arme an ihrem Körper herunter. Der Himmel drehte sich vor ihren Augen. Das Mädchen setzte sich auf die eisige Bank unter der kahlen Birke.

Die Leute verliefen sich, gingen tröstend zu den Eltern.

Dann waren sie allein auf dem Friedhof, ganz allein!

„Komm, Elisabeth, du wirst dir noch den Tod holen, hörst du mich? Du musst jetzt aufstehen!“

„Lass mich!“

Sie ging zum Grab zurück, sah den braunen Sarg, die Blumen. Die Erde war hart, der Totengräber würde sich anstrengen müssen.

„Martin“, stammelte sie leise. „Martin!“

Aaga zog sie einfach mit. Elisabeth ging, ohne sich noch einmal umzudrehen. Sie wusste, sie würde nie mehr zu diesem Ort zurückkehren. Es würde über ihre Kraft gehen.

Und nun erwartete sie ein Kind!

Im Wirtshaus bestellte Aaga für sich und die Freundin das Frühstück. Der Kaffee machte sie wieder warm.

„In einer Stunde geht unser Zug!“, sagte Aaga.

„Ja“, erwiderte Elisabeth tonlos.

„Meine Eltern haben mir gestern geschrieben, zu Weihnachten sollst du zu uns kommen! Ich habe von dir geschrieben, und heute haben sie geantwortet. Sie freuen sich schon darauf, dich kennenzulernen!“

„Weihnachten wollten wir zu seinen Eltern fahren!“

Aaga wusste es. „Warum hast du ihnen nicht gesagt, dass ihr verlobt gewesen seid?“

„Warum? Das bringt mir Martin nicht zurück. Nein, ich konnte es nicht. Martin gehört mir, auch jetzt noch. Niemand kann mir die Erinnerung an ihn nehmen. Niemand! Er wird immer um mich sein. Erst dann sind Tote wirklich tot, wenn man sie vergessen hat. Ich werde ihn nie vergessen und will die Erinnerung auch mit niemand teilen.“

„Wirst du mit mir fahren?“

„Wohin?“

„Nach Schweden!“

Sie hatte es gar nicht vernommen.

„Ich weiß es noch nicht“, murmelte sie vage.

„Es hat ja auch noch Zeit, wir brauchen erst in einer Woche zu fahren. Ich werde die Karten besorgen. Wir werden zu Hause bei mir skifahren und rodeln. Mein Bruder wird da sein, er bringt auch Freunde mit!“

„Ja!“, lächelte sie geisterhaft. „Ja, natürlich!“

„Komm, wir müssen jetzt auf brechen, sonst fährt der Zug ohne uns ab.“

Elisabeth stand gehorsam auf.



2

Aaga Lind konnte das Leid der Freundin nicht mehr mit ansehen. Es war einfach schrecklich. Sie verfiel sichtlich. Wenn sie das Mädchen nicht jeden Tag zum Essen förmlich gezwungen hätte, wäre Elisabeth bestimmt verhungert. Reglos hockte sie am Fenster und starrte mit brennenden Augen hinaus. Für sie hatte einfach die Welt aufgehört zu existieren. Sie fand sich nicht mehr zurecht. Martin war ihr zweites Ich gewesen. Er war tot, sie lebte also nur noch zur Hälfte.

„Elisabeth, komm, sei doch nicht so schrecklich tatenlos, komm, hilf mir lieber den Koffer schließen, ich schaffe es allein nicht!“

„Warum?“, fragte sie tonlos.

„Weil er zu sein muss, wenn wir ihn zur Bahn bringen wollen. Verstanden? Deine Sachen habe ich schon gepackt. Ich hoffe, ich habe an alles gedacht. Du brauchst dich um nichts zu kümmern.“

„Meine Sachen?“ Elisabeth hob die durchsichtige Hand und wischte sich das Haar aus dem Gesicht. Es war eine ihrer Gesten, die man Verlegenheitsgesten nennt.

„Warum hast du meine Sachen eingepackt, Aaga, ziehen wir aus, oder was ist los?“

Aaga setzte sich ergeben auf das Bett und bemühte sich allein, das Schloss zu schließen. Es war verdammt schwer. Jedes Mal nahm sie sich vor, nicht soviel einzupacken, aber dann wurde es doch wieder mehr als geplant.

„Wir fahren morgen früh nach Schweden. Bitte sage jetzt nicht, du weißt es nicht, oder du hättest es nicht gewusst. Wir fahren nach Sylarna, um es genau zu sagen. Dort haben meine Eltern eine Skihütte, dort werden wir Weihnachten und Neujahr verbringen.“

„Nein, ich habe es nicht vergessen, Aaga, aber ich habe dir auch gesagt, dass ich nicht reisen möchte. Ich kann jetzt einfach nicht. Du musst mich verstehen, ich werde euch nur die Feiertage verderben. Und das will ich nicht. Du bist die einzige, die mich versteht. Bitte, zwinge mich jetzt nicht mitzugehen. Ich möchte hierbleiben, allein. Ich brauche das, du weißt gar nicht, wie sehr!“

„Nein“, sagte die Freundin hart. „Du fährst mit, und wenn ich dich zur Bahn schleifen muss. Du willst dich nur in deinem Schmerz vergraben, das weiß ich. Aber Elisabeth, das Leben geht doch weiter. Du darfst nicht aufhören, auch wenn Martin tot ist. Du musst an dich denken, dein Studium beenden. Du hast es dir doch so gewünscht, und Martin auch. Gerade du musst doch wissen, dass Leben und Tod sich die Hand reichen, So ist der Weltenlauf nun mal. Ich bin nicht hart, wenn ich so rede, ich will nur, dass du zu dir selbst zurückfindest. Und ich werde dir dabei helfen!“

Details

Seiten
120
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783738924213
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v452759
Schlagworte
haben kind göbel

Autor

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Titel: Haben Sie Ihr Kind vergessen, Dr. Göbel?