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Kampf der Unbeugsamen

2018 120 Seiten

Leseprobe

Kampf der Unbeugsamen

Western von Luke Sinclair


Der Umfang dieses Buchs entspricht 127 Taschenbuchseiten.


Steve und Nat hatten die Bank nicht überfallen, und sie hatten keinen Mord begangen. Aber sie konnten nicht beweisen, dass sie unschuldig waren. Also wurden die beiden in einen erbarmungslosen Kampf getrieben. Es ging ums nackte Leben, denn alle wollten sie an den Galgen bringen. Es wurde ein bitterer Kampf für die beiden unbeugsamen Gefährten. Immer tiefer gerieten sie in den mörderischen Strudel blinder Gewalt, und mit eiskalter Faust holte der Tod seine Opfer. Bis Steve Barlock einen finsteren Schwur erfüllte. Ein Mann, der nicht mehr aufzuhalten war ...



Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker.

© by Author /COVER TONY MASERO

© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de



1

Es lag Ärger in der Luft. Er hatte es den ganzen Tag über gespürt, aber jetzt war dieses Gefühl besonders stark. Er kniff die Augen zusammen und blinzelte zu dem flachen, langgestreckten Gebäude hinunter, das sich genau neben den Wagenspuren befand, die den Weg nach Bowie markierten. Hinter dem Haus befand sich ein Corral und ein Brunnen mit einer hölzernen Tränkrinne. Vermutlich eine jener Handelsniederlassungen, wie man sie hin und wieder an den kaum markierten Trails dieses Landes fand. Niemand wusste, wann sie entstanden oder wieder verfielen, weil ihre Besitzer von Indianern oder Banditen umgebracht worden oder einfach weitergezogen waren. Oft brachten Reisende die Nachricht solcher Veränderungen erst Wochen oder Monate später in die nächstgelegenen Städte.

Eigentlich sah es dort unten ganz friedlich aus, aber Barlock wurde dieses dumme Gefühl nicht los. Doch was half es? Dort unten gab es Wasser und Schatten und sicher auch einen Whisky, der die Müdigkeit aus den Knochen jagte. Mochte alles andere der Teufel holen!

Die Sonne stand fast senkrecht über dem weiten, staubigen Tal. Er fuhr sich mit der Hand über das verschwitzte Gesicht, fluchte über die Hitze und trieb das Pferd über den Kamm des Hügels hinweg. Hinter dem Haus waren ein paar Pferde angebunden, die mit hängenden Köpfen in der Sonne standen. Vor der Vorderfront des Hauses befand sich ein Sonnendach aus Schilfrohr, das dürftigen Schatten spendete. Darunter hatte man zwei Meter lange Bretter über eine Reihe von Fässern genagelt und somit eine Art Tisch geschaffen. Ein paar Männer lungerten dort herum, die bei Barlocks Annäherung die Köpfe wandten und ihre lautstarke Unterhaltung einstellten.

Steve Barlock erinnerte sich, dass weiter südwestlich in den Chiricahuas eine Minenstadt lag, die allerhand Gesindel anzog. Es klang wie Ironie, dass man ihr den Namen Paradise gegeben hatte.

Der kräftige Braune schnaubte einmal und schüttelte die Mähne, als Barlock ihn vor der Hütte parierte. In der offenen Tür erschien ein älterer Mann und blinzelte in die Helligkeit.

„Tag, Mister“, krächzte der Mann und musterte Barlock mit einem abschätzenden Blick. „Soll ich den Braunen versorgen? Schätze, er hat ein wenig Pflege nötig.“

Barlock betrachtete den Mann mit dem schweißglänzenden Gesicht und dem wirren, spärlichen Haar, das schon seit langem keinen Kamm mehr gespürt zu haben schien. Dann warf er einen kurzen prüfenden Blick zu den Männern unter dem Schilfdach hin und sagte: „Geben Sie ihm Wasser und etwas Hafer, aber satteln Sie ihn nicht ab!“ Er ließ sich aus dem Sattel gleiten und warf dem alten Mann die Zügel zu. Staub rieselte aus den Falten seiner Kleider. Der Alte nahm die Zügel des Braunen und spie in den Sand.

„Bei mir können Sie ’nen kühlen Whisky trinken“, knurrte er, „der bringt jeden wieder auf die Beine.“

Barlock reckte die steif gewordenen Beine. Das Hemd klebte an seinem Rücken. Er hörte, wie der alte Mann das Pferd wegführte, und ging ins Haus. Die großen texanischen Radsporen an seinen Stiefeln klirrten leise, als er durch die Tür trat. Aus der gleißenden Halle kommend, erschien ihm der Raum fast dunkel. Er blieb einen Moment neben der Tür stehen, bis sich seine Augen darauf einstellten. Dann trat er an die aus zusammengenagelten Kisten gefertigte Bar und stützte sich mit den Unterarmen auf. Die Männer draußen setzten ihre Unterhaltung fort. Barlock hörte undeutliche Fetzen ihres Gesprächs, während er auf den Mann wartete, der sein Pferd versorgte.

„Wenn Purcell uns den Tipp gegeben hat, ist die Sache für mich in Ordnung“, hörte er jemanden sagen. Dann wurde die Stimme leiser. Jemand schürfte auf dem Tisch herum.

„Ich ... Bill Severs ... in der Stadt ... uns niemand kennt ...“

Da der Alte zu lange ausblieb, goss Barlock sich selbst ein Glas voll. Die Whiskyflasche stand in einem Wasserkübel, und der Whisky war tatsächlich kühl, aber er brannte in seiner ausgedorrten Kehle. Dann drehte er sich um und stützte die Ellenbogen auf die Bar. Er blickte sich in dem unordentlichen, schmutzigen Raum um.

Draußen, neben dem Haus, wieherte plötzlich ein Pferd. Das schrille Geräusch zerriss jäh die schläfrige Stille. Die Männer am Tisch fuhren in die Höhe. Ein Revolverschuss zerriss krachend die heiße Luft. Jemand fluchte. Schritte trampelten an der Tür vorbei. Ein zweiter Schuss krachte. Das Echo rollte über die Hügel.

„Dieser Bastard wollte einen von unseren Gäulen stehlen“, schimpfte jemand.

„Bring den Halunken her! Wir wollen ihm zeigen; was wir mit einem Pferdedieb machen!“

Der Mann, der das sagte, trug trotz der Hitze eine ärmellose Fellweste mit nach außen gekehrtem Pelz.

Zwei Männer brachten einen schlanken Jungen vor das Haus geschleppt, dessen Gesicht auffallend blass war. Ein dritter brachte einen Segeltuchsack, der offenbar jenem Jungen gehörte, und warf ihn in den Staub.

„Diese Ratte wollte einfach mit meinem Pferd verschwinden“, schnauzte er grob.

Der Mann mit der Fellweste rieb die rechte Faust in der linken Handfläche.

„Ihr müsst versuchen, ihn eine Weile auf den Beinen zu halten“, sagte er mit einem kalten Grinsen. Die beiden anderen zogen dem Jungen die Arme nach hinten und hielten ihn so fest.

Barlock hatte sich nicht von der Bar weggerührt. Aus zusammengekniffenen Augen starrte er durch die offene Tür. Dieser Bursche mit der Fellweste zählte zu den Typen, die erst aufhören, einen Mann zu quälen, wenn ihnen die Arme lahm wurden.

Draußen trat dieser Mann, den die anderen Tink nannten, näher an den Jungen heran.

„Man muss für alles im Leben bezahlen, Kid“, sagte er hämisch, „am meisten für die Fehler, die man macht.“ Seine Faust schoss plötzlich vor und traf das Gesicht des Jungen, dessen Kopf nach hinten flog. Der zweite Schlag folgte unmittelbar auf den ersten. Der Junge trat Tink hart gegen das Schienbein. Der Mann krümmte sich und stieß ein gereiztes Knurren aus. Dann richtete er sich wieder auf und schüttelte langsam den Kopf, wobei seine hasserfüllten Augen den Jungen nicht losließen.

„Das hättest du nicht tun sollen“, zischelte er leise. Das leichte Beben in seiner Stimme offenbarte etwas von dem Zorn des Mannes. Er schlug mit solcher Wucht zu, dass Barlock glaubte, er würde sich die Hand verletzen. Die Beine des Jungen gaben nach, aber die Männer hielten ihn hoch.

„Wollen wir ihn nicht lieber aufhängen?“, fragte einer der beiden.

„Wenn ich mit ihm fertig bin, könnt ihr machen, was ihr wollt, aber dann merkt er nichts mehr“, knurrte Tink.

Eine Serie von Schlägen prasselte gegen Kopf und Oberkörper des Jungen. Tink steigerte sich in eine regelrechte Hysterie hinein. Erst die harte, aber ruhige Stimme vom Haus her ließ ihn innehalten.

„Das ist genug!“

Barlock mochte keine Pferdediebe, aber dieser Junge da hatte es bestimmt nicht aus Freude am Stehlen versucht wie die Apachen.

Tink wandte langsam den Kopf, behielt aber seine leicht geduckte Kampfstellung bei und zeigte mit dem Finger auf Barlock.

„Halte dich da raus, Fremder, das bringt dir nichts ein! Wenn er dir leid tut, kannst du ihn ja beerdigen, wenn wir mit ihm fertig sind.“ Er drehte sich wieder dem Jungen zu, um abermals zuzuschlagen.

„Du hast mich wohl nicht richtig verstanden?“, sagte Barlock mit Nachdruck. „Ich sagte, es sei genug.“

„Du fühlst dich verdammt groß“, entgegnete Tink gereizt.

„Groß genug für dich.“

Tink wandte sich Barlock voll zu. Seine Hand griff zum Revolver, aber er war viel zu langsam. Er hatte seine Waffe gerade im Holster gelüftet, als er bereits verwirrt in Barlocks Mündung starrte. Er schluckte und nahm die Hand von der Waffe.

„Die Sache geht dich nichts an“, maulte er störrisch.

„Lasst ihn los!“, sagte Barlock zu den beiden anderen.

Die Männer gehorchten sofort. Der Junge schwankte hin und her, hielt sich aber auf den Beinen. Tink beobachtete Barlock mit lauernden Augen, aber er sah keine Chance.

„Geh zum Brunnen und steck den Kopf ins Wasser!“, sagte Barlock zu dem Jungen.

Der blickte ihn erst einen Moment verständnislos an, dann schienen sich seine Sinne zu ordnen, und er ging schwankend um das Haus herum. Minuten später kam er triefend zurück. Sein blasses Gesicht zeigte Schwellungen und dunkle Flecken. Die drei Männer standen immer noch vor Barlocks Revolver. Er hätte gern noch etwas gegessen, aber jetzt war es besser, von hier zu verschwinden. Er fühlte leichten Ärger in sich aufsteigen. Dieser Junge hatte ihn um seine Mahlzeit gebracht.

„Los, schnallt eure Gurte ab und werft sie auf das Dach, aber überlegt nicht lange!“

Die Männer folgten der Aufforderung widerwillig. Ihre Bewegungen waren langsam und vorsichtig. Tink fluchte unablässig. Barlock wandte sich an den Jungen.

„Hol mein Pferd her! Der große Braune mit dem silberbeschlagenen Sattel.“

Der Junge nickte verwirrt, warf noch einen Blick auf die Gruppe an der Hauswand und verschwand dann um die Ecke.

„Ich bin heute ein bisschen gereizt“, sagte Barlock zu den Männern, „das kommt von der Hitze. Wenn ihr also zufällig den gleichen Weg haben solltet wie ich, dann wartet lieber noch eine Weile, ehe ihr aufbrecht.“ Seine Stimme klang ganz ruhig, als spräche er von etwas völlig Bedeutungslosem. Die großen, hageren Hände nahmen dem Jungen die Zügel ab und schwangen sie über den Kopf des Braunen. Die Sporen rasselten leise, als er sich in den Sattel schwang. Dann winkte er dem Jungen, hinter ihm aufzusitzen, reichte ihm die Hand und machte ihm einen Steigbügel frei. Der Junge setzte sich hinter ihn auf Deckenrolle und Sattelkrone. Barlock zog das Pferd herum und ließ es den staubigen Weg entlangtraben.

Hinter ihnen schien es jemand eilig zu haben, denn Tink sagte: „Bleib hier, Ken! Du weißt, wir werden in Paradise erwartet. Die Sache bringt uns mehr ein, als wenn wir denen da das Fell durchlöchern.“

Barlock lächelte vor sich hin. Er erinnerte sich, dass dies schon einige versucht hatten, die von anderem Format gewesen waren als dieser Tink.

Nach einigen Meilen verließ er den Trail nach Bowie und bog in südliche Richtung ab. Dort irgendwo musste Paradise liegen, in jenen Bergen, die sich wie eine dunkle Kette weit hinter den gläsernen Hitzeschleiern entlangzogen. Der Braune hatte an diesem Tag schon viele Meilen hinter sich, und die doppelte Last ließ seine Bewegungen bald langsamer werden.

In einer Mulde hielt Barlock an. Sie hatten ungefähr die Hälfte der Strecke bis nach Paradise zurückgelegt.

„Der Gaul muss sich ausruhen“, sagte er über die Schulter.

Der Junge sprang vom Pferd. Barlock betrachtete ihn, die schief getretenen Stiefel und das blasse, vom ersten Sonnenrot überflogene Gesicht. Irgendwie passte das nicht zusammen. Sie hatten unterwegs kaum ein Wort miteinander gesprochen, und er wusste so gut wie nichts von diesem jungen Mann.

Er schwang das Bein über das Sattelhorn und rutschte herunter. Auch der Junge taxierte ihn. Zwei fremde Menschen, die selbst nicht wussten, wieso sie eigentlich zusammen waren.

„Ich heiße Nat Trencher. Weshalb hast du dich eigentlich da eingemischt?“

Barlock überging die Frage. Er zog dem Pferd die Zügelenden über den Kopf und schob den Hut in den Nacken.

„Hast du unterwegs dein Pferd verloren?“

„Da, wo ich herkomme, hat man mir keins gegeben.“ Es war so etwas wie Verbitterung in der Stimme. Barlock blickte ihn fragend an, aber der Junge schwieg beharrlich. Offenbar wollte er nicht sagen, woher er kam. Barlock zuckte die Schultern.

„Na ja, geht mich ja auch nichts an.“ Er war selbst ein Mann, der es hasste, ausgefragt zu werden.

Er stieg zum Rand der Mulde empor und blickte den Weg zurück, den sie gekommen waren. Es war nichts zu sehen, keine Bewegung, keine Staubwolke, nur Hitze zitterte über dem dürren Land. Er wandte sich um und ging zu dem Pferd zurück. Er nahm die Wasserflasche, schraubte den Verschluss ab und trank ein paar Schlucke.

„Ich war in Huntsville, im Gefängnis“, sagte der Junge.

Barlock setzte die Flasche ab und sah ihn an.

„Das ist deine Sache, du brauchst das nicht zu erzählen, wenn du nicht willst.“

„Du hast mir geholfen, ohne zu wissen, für wen du das alles riskiert hast.“

Barlock schüttelte die Flasche und lauschte auf das schwache Glucksen.

„Was bedeutet das schon. Da, trink erst mal!“

Der Junge griff nach der Flasche und warf Barlock einen forschenden Blick zu. Als er getrunken hatte, wischte er sich mit dem Handrücken über den Mund.

„Bin dort sehr plötzlich abgereist, und jemand war damit nicht einverstanden. Sie haben das Pferd erschossen.“ Er zuckte die Schultern. „Aber es war ja nicht meins.“

„Das ist aber ’n verdammt weiter Weg von Huntsville bis hierher.“ Barlock betrachtete den Jungen erneut, als wollte er ergründen, ob dieser die Wahrheit sagte.

„Ich war nicht allein, aber wir haben uns bald getrennt. Hielten das so für besser. In der Nähe von Paradise wollten wir uns wieder treffen.“ Er schwieg einen Moment und schaute sich um. „Ein Stück hat mich ein reisender Waffenhändler auf seinem Karren mitgenommen. Ich musste ihm dafür helfen, Patronen herzustellen. Jetzt war ich schon wieder zwei Tage zu Fuß unterwegs. Ich hatte die Latscherei satt, und außerdem wusste ich nicht, ob ich es bis Paradise noch schaffen würde.“ Er zuckte abermals mit den Schultern. „Na ja, da sah ich die Gäule hinter dem Haus.“

Barlock hängte die Wasserflasche an das Sattelhorn.

„Sind sie noch hinter dir her?“

Der Junge schüttelte den Kopf.

„Wir sollten weiterreiten“, sagte Barlock und griff nach den Zügeln. Sie hatten noch ein paar Meilen zurückzulegen, ehe sie Paradise erreichten.



2

Auf diese Weise hatte Barlock den Jungen kennengelernt, und das war vor zwei Tagen gewesen. Es war töricht, dass er noch immer mit ihm zusammen war, aber der Junge gefiel ihm, und er hatte irgendwie das Bedürfnis, sich um ihn zu kümmern. Schließlich war es nicht seine Sache, wenn das Gesetz etwas von ihm wollte. Vielleicht war auch der Grund darin zu suchen, dass der Mann, mit dem Nat Trencher sich getroffen hatte, ihm ganz und gar nicht gefiel. Er wurde das Gefühl nicht los, dass der Junge von diesem Mann auf irgendeine Weise ausgenutzt wurde. Bill Severs war noch einmal nach Paradise geritten, um - wie er sagte - für Nat ein Pferd zu besorgen, aber es gefiel Barlock nicht, dass er dafür eine ganze Nacht weggeblieben war.

„Wir hätten mit ihm reiten sollen“, sagte Steve Barlock, aber Nat Trencher schüttelte den Kopf.

„Sheriff Parnett ist’n verdammt scharfer Hund. Ich bin nicht erpicht darauf, mit ihm zusammenzugeraten.“ Hufschlag kam auf. Barlock griff nach dem Gewehr.

„Das ist Bill“, sagte der Junge und erhob sich.

Der Reiter parierte sein erregt schnaubendes Pferd. Das Tier war sehr forsch geritten worden.

„He, was ist passiert?“, fragte Nat Trencher. Bill Severs sprang aus dem Sattel.

„Wir müssen schnell weg hier!“

„Willst du mir nicht sagen, warum? Hast du jemanden umgebracht?“

Severs schüttelte den Kopf. „Ich nicht.“

„Dann können wir ja hierbleiben.“

Bill Severs packte den Arm des Jungen.

„Hör zu! Wir haben keine Zeit für lange Diskussionen. Ein paar Männer haben in Paradise das Büro einer Minengesellschaft überfallen und dabei zwei Angestellte erschossen.“

„Und was haben wir damit zu tun?“, fragte Barlock ruhig.

Severs ignorierte seine Frage und wandte sich erneut an Trencher.

„Es waren Fremde, man hat sie nicht erkannt. Wir zwei sind fremd.“ Er machte eine Kopfbewegung zu Barlock hin. „Und er auch. Diese Männer sind verdammt nervös, und sie fragen nicht lange. Sie schwärmen herum wie Hornissen.“

„Wir waren die ganze Nacht hier. Das kann jeder sehen“, sagte Nat.

„Du kannst ja auch hierbleiben“, sagte Severs gereizt, „ich jedenfalls werde reiten wie der Teufel.“ Er nahm etwas aus seiner Tasche und reichte es Nat. Der starrte auf die Goldmünzen in Severs Hand.

„Nimm schon! Es ist ziemlich beschissen, wenn man ganz ohne Geld auf der Flucht ist. Ist das einzige, was ich im Moment noch für dich tun kann.“ Er ging zu seinem Pferd und saß auf. „Überlege es dir noch mal, aber nicht zu lange! Wir treffen uns dann in Tucson.“ Er machte eine winzige Pause. „Und denk daran: Wenn sie dich erst mal geschnappt haben und herauskriegen, wo du herkommst, dann bist du dran, Amigo.“ Er jagte sein Pferd über einen sandigen Hügel und war weg.

Nat Trencher befühlte die Goldmünzen in seiner Tasche und sagte sinnend: „Ich glaube, er hat recht.“

Steve Barlock packte seine Sachen zusammen und befestigte die Deckenrolle hinter seinem Sattel.

„Natürlich hat er recht. Ich weiß, wie die Stimmung ist, wenn so etwas passiert. Aber mir gefällt die Sache trotzdem nicht. Er hat sich so merkwürdig schnell wieder aus dem Staub gemacht.“

Nat Trencher drehte sich um.

„Traust du ihm etwa nicht?“

„Er hat sich von uns getrennt, weil er glaubt, so schneller voranzukommen.“

„Jetzt hör aber auf!“, fuhr Nat ihn an. „Bill ist extra hierhergekommen, um uns zu warnen.“

„Ja, das ist er“, sagte Barlock mit einem seltsamen Unterton und zog sich in den Sattel. „Und nun komm schon, damit es nicht umsonst war!“

Sie brachen auf und ritten nach Nordwesten. Bill Severs hatte den gleichen Weg gewählt, seine Spur war deutlich zu erkennen. Er hatte es brennend eilig gehabt.

Ein paar Meilen weit folgten sie dem ausgetrockneten Lauf eines Baches, der sie aus den Bergen herausführte, und hielten sich dann genau nördlich. Der klare Himmel verkündete einen heißen Tag.

„Das ist Bills Fährte“, sagte Nat Trencher nach einer Weile. Barlock nickte vor sich hin.

„Er hat genau gewusst, dass wir denselben Weg haben wie er. Er wollte nur vor uns sein.“

„Wieso kannst du das behaupten?“, fragte der Junge aufsässig. „Ich kenne Bill länger als du.“

„Aber ich habe dafür einen gesunden Verstand“, entgegnete Barlock gleichmütig. „Nach Osten können wir nicht, im Westen gibt es auf mindestens vierzig Meilen kein Wasser. Also bleibt uns vorerst nur der Weg nach Comet Springs. Das hat Bill Severs gewusst.“

Nat Trencher schwieg, und Barlock merkte ihm an, wie seine Gedanken arbeiteten. Er mochte sich jetzt die gleichen Fragen stellen, die auch er sich nicht beantworten konnte. Aber er unterbrach ihn nicht, während sie den Hitzeschleiern entgegenritten, die über dem weiten Land wallten.

Es war ein brütender, windstiller Tag. Die Mittagshitze lastete wie ein spürbares Gewicht auf ihren Schultern, als sie Comet Spring erreichten. Es war nur ein kleines Wasserloch zwischen den Felsen, unübersichtlich und gefährlich für Männer, die mit Feinden zu rechnen hatten.

Barlock hielt an und gab Nat Trencher durch ein Zeichen zu verstehen, das Gleiche zu tun.

Der Junge blickte zu dem dürren Gehölz hinüber, das sich, zwischen Felsen eingeengt, bis fast an die Wasserstelle zog.

„Es ist niemand da“, sagte er leise.

Barlock nickte. Die Felsen lagen im Sonnenglast, und außer dem Vibrieren der heißen Luft war keine Bewegung da.

Sie ritten langsam in die kleine Senke hinunter und hielten in der Nähe des Wassers an. Die Pferde schnaubten leise, als sie das Wasser witterten. Zwischen dem Wasserloch und dem Gehölz befand sich eine verlassene Feuerstelle. Die beiden Reiter stiegen ab, und Barlock warf Nat Trencher die Zügel seines Pferdes zu.

„Bleib bei den Pferden!“, sagte er und ging zu dem verlassenen Lagerplatz. Er legte die Hand auf die blasse Holzasche. Sie war noch warm. Die Männer, die hier gelagert hatten, konnten noch nicht lange weg sein. Ihre Pferde hatten am Saum des Gehölzes gestanden.

Barlock suchte weiter. Es waren insgesamt fünf Tiere, aber nur vier Reiter. Das fünfte Pferd hatte eine Last getragen, die halb so schwer war wie ein Mann. Vermutlich ein Packpferd. Die Männer waren nach Norden geritten.

Barlocks Fuß stieß gegen eine Flasche, die in der Nähe der Feuerstelle lag, und er hob sie auf und betrachtete sie. Sie hatte einmal Roanoke Whisky enthalten und war erst vor kurzer Zeit weggeworfen worden, denn ihr Hals war noch feucht und fühlte sich klebrig an.

Barlock stutzte. Whisky klebt im Allgemeinen nicht, aber dieser hier tat es. Barlock roch daran und schüttelte den Kopf. Es war tatsächlich Whisky. Wenn man die Flasche schräg hielt, lief noch ein kleiner Rest zusammen. Er stülpte sie um und hielt die Fingerspitzen an die Öffnung. Auch dieser Rest klebte. Jemand musste den Whisky gesüßt haben. Eine seltsame Angewohnheit. Barlock konnte sich nicht erinnern, jemals etwas Ähnliches gehört zu haben. Er warf die Flasche fort und kehrte zu dem Jungen zurück.

„Drei Männer haben auf Bill Severs gewartet und sind dann mit ihm weitergeritten. Es wird das Beste sein, wenn wir das Gleiche tun.“

Der Junge blickte zur Sonne hinauf, wischte sich mit dem Ärmel die verschwitzte Stirn ab und schaute sehnsüchtig zu dem Schatten der Felsen hinüber. Dann nickte er stumm.

Sie stillten ihren Durst und füllten ihre Flaschen nach. Dann ließen sie die Pferde an das Wasser.

Während die Tiere mit ruhigen Zügen tranken, geschah es.

Barlocks Pferd hob den Kopf und spielte mit den Ohren. Irgendetwas stimmte nicht. Barlock zischelte dem Jungen eine Warnung zu, aber der Schuss, der von den Felsen hinter ihnen kam, übertönte sie. Die Kugel fuhr dicht neben ihnen klatschend in das Wasser.

Nat erstarrte einen Moment, und seine schmalen Hände hielten krampfhaft die Zügel fest.

Dem Schuss folgte eine halbe Sekunde Stille, dann rief jemand: „Keine Bewegung da unten!“

Nat Trencher und Steve Barlock wechselten einen Blick. Es lagen Hilflosigkeit und Verzweiflung in den Augen des Jungen, und Barlock wusste, woran dieser dachte: an eine kahle Zelle und ein vergittertes Fenster.

Dementsprechend war auch Nats Reaktion. Er schnellte sich nichtachtend der Gefahr mit einem Satz auf sein Pferd zu und flog in den Sattel. Er duckte sich, als erneut geschossen wurde. Barlock sprang ebenfalls auf sein Pferd zu. Das Tier, durch die Schüsse erschreckt, stieß ein schrilles Wiehern aus und steilte. Barlock prallte dagegen, ein harter Schlag traf seine linke Hüfte. Dann bekam er das Sattelhorn zu fassen und zog sich mit einem Ruck auf den Rücken des losstürmenden Pferdes. Während seine Füße nach den Bügeln angelten, sah er aus den Augenwinkeln Reiter aus den Felsen auftauchen. Jeden Augenblick erwartete Barlock den Einschlag einer Kugel in seinem Rücken. Seine Muskeln krampften sich zusammen. Aber nichts dergleichen geschah, während er Nat Trencher folgte und ihn einholte.

Nach zwei Meilen hielten sie die Pferde an und blickten zurück. Hinter ihnen senkte sich langsam der Staub auf den Boden zurück.

„Das müssen Kerle aus Paradise gewesen sein, von denen Bill sprach“, sagte Nat keuchend.

Barlock beruhigte sein tänzelndes Pferd.

„Sie versorgen ihre Gäule und sich erst mit Wasser“, sagte er, „das bedeutet, dass sie sich auf eine längere Verfolgung vorbereiten. Die werden so schnell nicht aufgeben.“ Er rieb sich mit der Hand die schmerzende Hüfte, blickte hinab und fluchte verhalten.

Nat sah ihn an. „Du bist verwundet.“

„Halb so schlimm“, knurrte Barlock, „erst müssen wir ein Stück weiterkommen.“ Er trieb sein Tier an und achtete nicht auf das Blut, das rasch den Stoff an der Hüfte und Oberschenkel tränkte.

Nat Trencher warf noch einen kurzen Blick zurück, ehe er Barlock mit einem unbehaglichen Gefühl folgte.



3

Ihr Tempo blieb nicht lange konstant. Die Hitze und Barlocks Verwundung ließen es nicht zu. Nat Trencher mahnte immer wieder zu einer kurzen Rast, aber sein Gefährte hörte nicht auf ihn. Die Männer hinter ihnen waren nicht zu Späßen aufgelegt. Aber es gab etwas, das stärker war als der Wille. Barlock merkte es, als ihm zum ersten Male schwarz vor den Augen wurde. Er kippte nach vorn und hielt sich mit aller Kraft am Sattelhorn fest. Nat griff ihm in die Zügel und hielt beide Pferde an. Er blickte sich um. Aber was half es.

Barlocks Schwächeanfall dauerte nur wenige Augenblicke, dann hatte er sich so weit erholt, dass er allein aus dem Sattel rutschen konnte. Als er gehen wollte, knickte er ein und fiel hin. Er biss die Zähne zusammen und wollte wieder aufstehen, doch Nat drückte ihn zurück.

„Hat keinen Sinn. Wir müssen erst die Wunde verbinden. Wenn du nicht so dickköpfig wärst, hätten wir das schon längst getan.“ Er sah mit gerunzelter Stirn Barlocks Bein. Das Blut war schon bis zum Stiefel herabgesickert. Nats Hände glitten hilflos an Barlocks Hüfte entlang. „Ich habe kein Messer“, sagte er.

Barlock deutete auf sein Pferd.

„In meiner Jacke, innen unter dem Kragen.“

Der Junge zog Barlocks Jacke unter den Lederschnüren hervor und breitete sie auf dem Boden aus. Dicht unter dem Kragen lugte ein flacher Griff aus einer Scheide hervor, die zwischen Stoff und Futter eingenäht war. Nat brachte ein handliches Messer zum Vorschein.

„Für alle Fälle, wie?“

Barlock grinste trotz der Schmerzen, und Nat machte sich daran, Barlocks Hosenbein aufzuschlitzen. Die Wunde war nicht sehr gefährlich, aber sie hatte viel Blut gekostet und würde Barlock auf einer Flucht wie dieser noch eine Menge zu schaffen machen.

„Wenn der Brand hineinkommt, bist du erledigt.“

Barlock machte eine ungeduldige Handbewegung.

„Sieh zu, dass du die Blutung eindämmen kannst! Wenn uns diese verrückten Hunde erwischen, dann sind wir beide erledigt.“

Sein hartknochiges, sonst braunes Gesicht hatte etwas die Farbe verloren. Aber der entschlossene, ausgeprägte Mund war fest zusammengepresst.

Nat Trencher riss das Futter aus seiner eigenen Jacke und verband damit die zehn Zentimeter lange tiefe Wunde an Barlocks Hüfte. Danach erhob sich Barlock und humpelte zu seinem Pferd.

„Du solltest dich noch ausruhen“, riet Nat Trencher.

Barlock nahm einen Schluck Wasser, wischte sich den Mund ab und sagte: „Willst du hier warten, bis sie dir auch eins verpasst haben? Wir werden ohnehin nicht mehr so schnell vorankommen.“

„Zum Teufel, wir haben diesen Halunken nichts getan“, stieß der Junge zornig hervor.

„Aber sie bilden es sich ein, und ich möchte nicht erst den Versuch machen, es ihnen auszureden. Ein guter Vorsprung nützt uns mehr.“

„Ich finde, versuchen könnten wir es“, beharrte Nat. „Vielleicht nehmen sie Vernunft an.“

Barlock stieg von rechts auf sein Pferd und blickte den Jungen an.

„Und wenn nicht, was dann?“ Als Nat schwieg, fuhr er fort: „Dann musst du auf diese Männer schießen, und von dem Moment an sind wir schuldig.“

„Für die sind wir es doch ohnehin schon.“ Nat zog sich in den Sattel, und sie trieben ihre müden Pferde über den harten Boden. Es war unerträglich heiß, und die Sonne war noch weit über dem Horizont. Barlock fühlte sich müde und erschöpft, das Reiten wurde zur Qual. Schließlich gingen die Pferde im Schritt, aber bald war auch das noch zu schnell.

Nat Trencher ritt voraus und blickte sich von Zeit zu Zeit nach seinem älteren Gefährten um, der zusammengesunken auf seinem Tier saß und sich nicht mehr um den Weg kümmerte, den sie ritten. Das Pferd des Jungen stolperte immer häufiger. Sie mussten eine Pause einlegen. Auch die Verfolger mussten Rücksicht auf ihre Tiere nehmen. Neben einem steinigen Hang hielten sie abermals an und führten die Pferde in den Schatten. Barlock fühlte sich elend, aber er konnte noch stehen. In seinem Schädel schien ein Mückenschwarm zu summen. Nat Trencher reichte ihm eine Flasche, die er aus seiner Satteltasche genommen hatte. Barlock zog mit den Zähnen den Korken heraus und nahm ein paar Schlucke. Der Schnaps brannte einen Moment wie Feuer in seinen Eingeweiden, aber er stachelte seine Energie auf.

„Wo sind wir?“, fragte er und gab die Flasche zurück.

„Am Fuße der Dos Cabezas, schätze ich.“

Barlock nickte, nahm sein Gewehr in die Hand und humpelte den Hang hinauf. Auf allen vieren erreichte er schließlich den oberen Rand und spähte über das Land, das im Süden weit und trocken war. Im Osten und Südosten zogen sich die Ketten der Chiricahuas dahin und verschwanden schließlich im blauen, flimmernden Dunst des heißen Tages. Die Sonne prallte auf Barlocks Rücken, und das nackte Gestein unter ihm schien sich durch seine Kleidung zu brennen. Die zerschlissene Hose an seinem Bein war hart und verkrustet, aber die Wunde blutete nicht mehr.

Er kroch in den Schatten eines stacheligen Busches und blieb dort liegen. Die ruhende Stellung ließ die Müdigkeit in ihm wachsen, und er verfiel in einen leichten, unruhigen Schlaf. Irgendetwas weckte ihn. Er öffnete die Augen und blickte in das verbissene Gesicht von Nat Trencher. Im Moment war es noch etwas verschwommen, wurde aber sofort deutlich.

„Was ist?“ Eine dumme Frage, aber sein Kopf war noch nicht ganz klar.

Der Junge deutete an Stelle einer Antwort mit dem Gewehrlauf nach Südosten. Barlock konnte die Staubwolke am Rand der Berge erkennen, und der Wind strich über sein heißes Gesicht.

„Das sind sie.“ Beim Sprechen merkte Barlock, dass seine Lippen und seine Zunge geschwollen waren. Der Junge nickte und stützte ihn, als sie zu den Pferden hinunterstolperten.

„Das Reiten kann ich dir leider nicht ersparen“, sagte er.

„Schon gut.“

Barlock zog sich in den Sattel und ließ Nat die Richtung bestimmen. Er wusste nicht, wie lange sie geritten waren. Müde hob er den Kopf und blickte zum Himmel auf. Die Sonne war weitergewandert und warf bereits lange Schatten. Nat Trencher war noch immer vor ihm, doch er glaubte nicht, dass sie weit vorangekommen waren.

Die Verfolger rückten immer näher. Barlock wurde es klar, dass er den Jungen aufhielt.

„Heh“, rief er.

Nat wandte den Kopf.

„Lass dich durch mich nicht aufhalten! Sieh zu, dass du davonkommst!“

Trencher antwortete nicht, und sie ritten schweigend weiter. Als es dämmerte, hielt Nat an.

„Ich glaube, sie haben haltgemacht“, sagte er und deutete mit dem Kopf dorthin, wo die Verfolger sein mussten. Barlock nickte. Er war an einem Punkt angelangt, wo ihm alles egal war.

„Bleiben wir hier“, sagte er mit schwacher Stimme. Seine Augen waren gerötet und ein wenig fiebrig. Trencher zeigte auf einen Hügel.

„Von dort aus müssen wir sie sehen, falls sie kommen.“ Auch seinem Gesicht war die Schwäche bereits anzusehen. Sie nahmen ihre Gewehre und kletterten auf den Hügel. Barlocks Knie waren weich, und das Gewehr in seiner Hand schien mindestens einen Zentner zu wiegen. Irgendwie schaffte er es, auf den Hügelkamm zu kommen, und ließ sich auf den Boden fallen. Sie hatten sich zweihundert Meter von ihren Pferden entfernt, und diese Strecke hatte ihn restlos erschöpft.

„Wenn es dunkel ist, können sie uns nicht verfolgen“, stellte Nat fest. Barlock wusste, dass ihnen das wenig half, denn sie würden auch nicht mehr weit kommen. Laut sagte er: „Lass mich hier, verdammt noch mal, ich kann sie eine Weile aufhalten.“

Trencher schüttelte den Kopf.

„Diesen Kerlen würde ich nicht mal einen Hund überlassen.“

Das Land, auf das sie blickten, versank immer mehr in der zunehmenden Dunkelheit. Die Zacken der Chiricahuas hoben sich wie eine Säge gegen den noch helleren Himmel ab.

Plötzlich hob Nat Trencher den Kopf. Auch Barlock hatte das Geräusch gehört, und es alarmierte seinen feinen Instinkt. Trencher reckte sich hoch, fast im gleichen Augenblick krachte ein Schuss. Beide hörten die Kugel vorbeipfeifen.

„Sie müssen einen Weg gefunden haben, wo sie keinen Staub aufgewirbelt haben“, stieß der Junge hervor. „Schnell weg, ehe sie die Pferde schnappen!“

Er rannte den Hügel hinunter, und seine Gestalt versickerte rasch in der Dunkelheit. Barlock fiel und raffte sich wieder auf. Er stützte sich auf sein Gewehr und humpelte völlig entkräftet hinter dem Jungen her. Bei jedem Schritt stach ein zermürbender Schmerz in seine Hüfte. Er presste die Zähne zusammen und fluchte. Der Wind trug die Stimmen der Verfolger heran. Barlock hörte ihre Pferde. Dann gaben seine Knie endgültig nach, und er stürzte hart zu Boden. Er versuchte, wieder hochzukommen, aber um ihn drehte sich alles. Er stützte sich auf die Hände und wusste nicht, nach welcher Seite er wieder umkippte. Aber er spürte, wie sein Kopf wieder auf den harten Boden schlug.

Von Trencher war weder etwas zu sehen, noch zu hören. Die anderen Geräusche kamen näher. Er tastete nach seinem Gewehr und hielt dessen Lauf fest umklammert. Dieser verdammte Schwindel musste irgendwann einmal nachlassen, und dann konnte er wenigstens noch schießen.

„Steve!“, rief jemand, und Schritte knirschten irgendwo.

Barlock hob den Kopf.

„Hier, Junge.“ Er sah die hohe Gestalt von Nat Trencher auftauchen und versuchte wieder, auf die Füße zu kommen. Es gelang ihm auch diesmal nicht. Blutverlust, Fieber und Erschöpfung hatten ihn restlos fertiggemacht. Trencher packte zu und lud den schweren Mann auf seine mageren Schultern. Mit taumelnden Schritten erreichte er die Pferde und wuchtete Barlock in dessen Sattel. Steve klammerte sich fest und bemerkte, dass er sein Gewehr noch in der Hand hatte. Er schob es in den Scabbard und hörte Nats Stimme wieder.

„Festhalten!“

Dann setzte sich das Pferd unter ihm in Bewegung und folgte mechanisch dem voranreitenden Jungen. Barlock wusste nicht, wohin, und es war ihm auch gleichgültig.

Irgendwie ging die Nacht vorbei, und als sie schließlich aus den Bergen herauskamen, bemerkten sie die Staubwolke der Verfolger und erkannten, dass ihr Vorsprung nur noch sehr klein war.

Die Bewegungen des Grauen, den Nat ritt, wurden immer unsicherer, und hin und wieder strauchelte er. Vor ihnen lag die Wüste. So weit das Auge reichte, nichts als Felsen, Sand, Steine, dorniges Gestrüpp und Kakteen. Das alles lastete unter den erbarmungslosen Strahlen der Sonne, die von einem fast weißen Himmel herabglühte.

Barlock fühlte, wie seine Kräfte zusehends schwanden. Nat Trencher blickte sich alle paar Meter um und wurde immer nervöser. Die dünne, gelbliche Staubwolke der Verfolger blieb unerbittlich hinter ihnen.

Der Mittag wurde zur Qual. Die heiße, trockene Luft brannte in den Atemwegen. In Barlocks stoppelbärtigem Gesicht klebte der Staub und gab ihm das Aussehen einer grauen Maske, aus der rot umränderte Augen hervorblickten. Am Fuße eines sandigen Hügels brach der Graue endgültig zusammen. Nat Trencher stand daneben, starrte auf sein Pferd und sagte kein Wort.

„Nimm das Gewehr und die Flasche!“, sagte Barlock.

Der Junge blickte zu ihm hoch, aber seine Gedanken waren woanders. Er murmelte abwesend, nahm Gewehr und Wasserflasche und nickte Barlock zu. Der hob sein Gewehr und tötete das leidende Tier durch einen Schuss in den Kopf. Nat zuckte bei dem Knall zusammen.

„Sie werden den Schuss gehört haben.“

Barlock winkte ab. „Sie finden den Gaul sowieso.“

„Wie weit ist es noch bis nach Benson?“

„Mindestens fünfzig Meilen.“

Nat Trencher hängte sich die Wasserflasche am Riemen über die Schulter und fasste das Gewehr fester. Seine Kinnmuskeln arbeiteten.

„Gehen wir“, sagte er knapp und stampfte durch den Sand.

Barlock wusste, dass es nur noch eine verzweifelte symbolische Geste war, aber er sagte nichts.

Sie kamen bis auf den Kamm des Hügels und hielten erneut an. Eine Weile blickten beide schweigend auf die dünne Rauchsäule, die von einem gigantischen Tafelberg aufstieg und wie ein mahnend erhobener Finger in den gleißenden Himmel wies. Im Hintergrund zog sich die Kette der Dragoon Mountains entlang. Die breite, klaffende Scharte am Big Draw war deutlich erkennbar. Auch dort stieg eine Rauchsäule auf, fast mit dem flimmernden Dunst in der Ferne verschwimmend.

Barlock sprach als Erster: „Da kommen wir niemals lebend durch.“

„Wir müssen nach Süden abbiegen“, sagte Nat. „Vielleicht schaffen wir es bis nach Bisbee. Ich kenne dort jemanden, der uns weiterhilft.“

Barlock schüttelte den Kopf und wies mit dem Gewehr nach Süden, wo ebenfalls Rauchzeichen aufquollen.

„In den Sulphur Hills sind sie auch. Schlag dir diese Idee aus dem Kopf! Die Apachen haben sämtliche Wasserstellen in der Gegend besetzt. Uns bleibt nur noch der Weg zurück nach Osten, denn im Norden gibt es kein Wasser.“

Nat Trencher fuhr herum, und in seinen Augen glomm ein wildes Licht.

„Zurück nach Comet Spring, wie?“, keuchte er gereizt. „Und von dort nach Paradise direkt an den Galgen, oder wie hast du dir das gedacht? Aber ich denke nicht daran, mich aufhängen zu lassen, lieber ...“

„Hast du schon mal gehört, was die Apachen mit ihren Gefangenen tun?“, schnitt Barlock ihm gelassen das Wort ab. „Dagegen ist Gehängtwerden die größte Belohnung. Und bis wir in Paradise sind, haben wir noch immer eine Chance.“ Die nüchtern gesprochenen Worte verfehlten ihre Wirkung nicht. Der Junge ließ mutlos die Schultern sinken und lief ein paarmal hin und her. Dann blieb er plötzlich stehen und sagte gefasst: „Dann sind wir also fertig?“

„Man könnte es so ausdrücken.“ Barlock rutschte aus dem Sattel, setzte sich in den heißen Sand und ließ ein bitteres und humorloses Lachen hören.



4

Sie kamen kurz vor der Abenddämmerung, als die Sonne dicht über den Dragoon Mountains stand. Es waren fünf Reiter, und sie hatten es nicht sehr eilig. Auch sie mussten die Rauchzeichen gesehen haben und konnten sich ausrechnen, dass die beiden Männer ihnen nicht entkommen würden.

Nat Trencher blickte ihnen mit zusammengekniffenen Augen entgegen. Seine Hand tastete nach dem Gewehr.

„Lass es bleiben!“, sagte Barlock. „Wir haben doch keine Chance, jedenfalls jetzt nicht.“

Nat nickte apathisch.

„Dann können wir nur hoffen“, sagte er, „dass ein anderes Aufgebot die wirklichen Täter erwischt hat, ehe wir nach Paradise kommen.“

Barlock schob sich den schwarzen, flachkronigen Hut, der vom Staub inzwischen grau aussah, nach hinten und fuhr sich mit seiner kräftigen, braunen Hand über das hartknochige Gesicht.

„Hoffentlich schleppen sie sich bis dahin mit uns ab.“

Zwei der Reiter trugen blanke Sterne, die in der untergehenden Sonne immer wieder aufblinkten.

„Der Kleine mit dem dunklen Tuchanzug ist Sheriff Parnett“, sagte Nat. „Der andere mit dem Stern wahrscheinlich ein Deputy, aber ich kenne ihn nicht.“

Die Reiter zogen sich zu einer breiten Linie auseinander und hielten ihre Gewehre im Anschlag. Als sie sahen, dass die beiden Männer keine Anstalten trafen, sich zur Wehr zu setzen, kamen sie langsam näher. In einem Halbkreis hielten sie dicht vor ihnen, und Parnett blickte sie eine Weile mit ausdruckslosem Gesicht an. Dann sagte er: „Ihr hättet uns den Weg von Comet Spring bis hierher ersparen können. Meine Leute sind deshalb nicht gut auf euch zu sprechen.“

Sheriff Parnett war ein kleiner, drahtiger Mann mit einer auffallend kräftigen, harten Stimme. Sein knochiges Gesicht war mit einer gelblichen, pergamentartigen Haut überzogen.

Nat Trencher erwiderte: „Frag uns lieber nicht, wie wir auf euch zu sprechen sind!“

Der Deputy hob impulsiv sein Gewehr, und Barlock glaubte schon, er würde den Jungen erschießen. Aber er stieß nur grob hervor: „Halt die Klappe, oder ich knalle dich gleich ab!“ Er blickte mit seinen hasserfüllten Augen Barlock an. „Los, weg mit den Waffen!“

Steve schnallte seinen Gurt ab und warf ihn in den Sand. Nat tat das Gleiche und legte seine Winchester dazu.

„Wir sollten sie gleich aufhängen, Marron“, sagte einer der anderen, „leider ist hier kein Baum.“ Er trug schmutzige, verschwitzte Kleidung, und aus seinem verwilderten Gesicht stach eine rote, fleischige Nase hervor. Einen Moment war es still, und Barlock spürte, wie ihn ein komisches Gefühl beschlich. Doch dann sagte Marron Parnett geduldig: „Du weißt, dass ich so etwas nicht dulde, Wylie.“

Barlock atmete auf, aber Parnetts Stimme war anzumerken, dass er genauso auf den Tod der beiden Männer erpicht war. Nur war er ein Mann, der sich beherrschen und warten konnte. Sein Blick ruhte mit einer eisigen Entschlossenheit auf Barlock.

„Heh, du!“ Der Hilfssheriff blickte Nat an und zeigte mit dem Gewehr auf die Waffen im Sand. „Aufheben und herbringen!“

Barlock sah die Wut im Gesicht des Jungen. Aber der schwieg und folgte der Aufforderung. In den Augen des Deputys leuchtete es auf, als Nat ihm die Waffen auf das Pferd reichte. Er zog den Stiefel aus dem Steigbügel und trat Nat vor die Brust, dass er in den Sand fiel.

„Aufstehen!“, befahl er barsch. Er war ein großer, grobknochiger Mann mit einer stark hervorspringenden Nase über einem dünnen, grausamen Mund. Er trug die Kleidung eines Minenarbeiters, der er vermutlich früher auch gewesen war.

„Du Schwein!“, stieß Nat Trencher hervor und fuhr wütend hoch, aber der Blick auf die kleine runde Öffnung der Gewehrmündung ließ ihn innehalten.

„Na los, weiter! Man soll immer tun, was man sich vorgenommen hat.“ Der Mann wartete nur auf einen Anlass, um schießen zu können.

„Ihr habt die Falschen erwischt“, sagte Barlock. Er wusste, dass sie ihm nicht glauben würden, aber er wollte die gefährliche Situation beenden.

Wylie Cedar lachte.

„Hast du das gehört, Limes?“ Er blickte den großen Deputy an, der ebenfalls lachte, und es klang verdammt grausam.

„Die beiden Männer, die ihr niedergeschossen habt, sind tot“, sagte Sheriff Parnett. „Mord und Raub. Ihr sitzt ganz schön in der Tinte.“

„Wir haben damit nichts zu tun“, antwortete Barlock.

Die dunklen Augen des Sheriffs funkelten ihn an.

„Hör mal, Freundchen, wir haben nicht mehr viel Geduld mit euch. Wo sind die anderen?“

„Ich weiß nicht, von wem du sprichst.“

„Durchsucht sie!“, befahl Parnett knapp. Er schien wirklich die Geduld zu verlieren. Drei Männer saßen ab und begannen sie und ihr Gebäck zu durchsuchen. Nur Limes und Parnett blieben auf den Pferden. Wylie Cedar brachte die Münzen zum Vorschein, die Bill Severs dem Jungen gegeben hatte, und pfiff durch die Zähne.

„Zehndollarmünzen, ganz neu, aus der Münzanstalt Denver.“

„Weißt du, was das ist?“, fragte Marron Parnett den Jungen.

„Natürlich“, deutete dieser mit dem Kopf auf Wylie. „Er hat es doch eben gesagt.“

Wylie stieß ihm den Gewehrschaft in den Magen.

„Du vorlautes Bürschchen. Diese Münzen stammen von dem Raubüberfall, mit dem ihr angeblich nichts zu tun haben wollt. Und den toten Gaul dahinten hat einer dieser Männer geritten. Ich habe ihn genau wiedererkannt.“

Nat starrte auf die Goldstücke in Wylies Hand und dann zu Barlock hinüber. Eine plötzliche Erkenntnis kam ihm und machte sein Gesicht bleich.

„Bill!“ Es klang wie ein Aufschrei, in dem Schmerz und Wut lagen. Jetzt war auch der Deputy abgestiegen und kam auf Nat zu.

„Wo sind die anderen mit dem Geld?“, fragte er.

Nat Trencher schüttelte den Kopf.

„Ich habe das Geld bekommen und wusste nicht, woher es stammte.“

Der große Mann schlug ihm mit dem Handrücken ins Gesicht.

„Versuch nicht zu lügen! Ich bin Deputy Limes Hogan, und einer der Erschossenen war mein Bruder. Ich werde dir die Wahrheit aus dem Schädel herausprügeln. Also, wo sind sie?“

Zwei der Männer hielten Barlock fest. Einer von ihnen war ein Indianer, der einen penetranten Geruch ausströmte. Nat Trencher wischte sich das Blut von den Lippen.

„Verdammt noch mal, ich weiß es nicht“, fauchte er mit mühsam unterdrückter Wut.

Hogan wollte ein zweites Mal zuschlagen, aber Parnetts laute Stimme hielt ihn zurück.

„Das hat Zeit bis später.“ Er blickte zu den fernen Bergen im Westen. „Ich habe keine Lust, mich mit den Apachen auseinanderzusetzen.“



5

Spät in der Nacht erreichten sie Comet Spring. Nat Trencher schlief sofort ein, wo er hinfiel. Er hatte fast die ganze Strecke zu Fuß laufen müssen. Barlock hatte versucht, sich mit ihm im Reiten abzuwechseln, aber nach den ersten Meilen war er zusammengebrochen. Zuletzt hatte er den Jungen ein Stück auf seinem Pferd mitgenommen. Gefesselt hatte man sie nicht. Die Männer wussten genau, dass sie viel zu erledigt waren, um an Flucht zu denken. Barlock war obendrein verwundet.

Details

Seiten
120
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783738924152
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v452734
Schlagworte
kampf unbeugsamen

Autor

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Titel: Kampf der Unbeugsamen