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HK GREIFF: Guter Rat ist Goldes wert

2018 80 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

HK GREIFF: Guter Rat ist Goldes wert

Copyright

Mitgegangen – mitgehangen

So ein liebes Ding

Der Schlüssel zum Erfolg

Astrid antwortet nicht

Verhängnisvolle Liebesschwüre

Eine furchtbare Entdeckung

Millionäre gibt es nicht umsonst

An Omas vergreift man sich nicht

Guter Rat ist Goldes wert

Kurzschluss auf der Party

Fluchthilfe mit Vollpension

Festmahl mit Folgen

Mordplan am Traualtar

HK GREIFF: Guter Rat ist Goldes wert

Kriminalstories von Wolf G. Rahn

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 83 Taschenbuchseiten.

 

- Nur mit Mühe kann Arthur seine langjährige Komplizin, die leider aussteigen will, überreden, bei einem letzten Einbruch mitzumachen. In Wahrheit allerdings plant er bei dem angeblichen Coup den Tod der gefährlichen Mitwisserin …

- Gerade noch von dem Besuch ihres Freundes mit dessen schrecklicher kleiner Tochter genervt, sieht sich Marlene plötzlich in ihrer Wohnung einem Vergewaltiger gegenüber. Hilfe ist nicht in Sicht und eine Flucht aussichtslos …

- Durch den Tipp seines Kumpels ist der Überfall bei der schwerreichen Witwe für Eduard ein Kinderspiel. Zu dumm, dass er bei der Alten nicht den Tresorschlüssel findet. Dass er deswegen den Schneidbrenner holen muss, erweist sich als fataler Fehler …

 

Als Hauptkommissar bei der Mordkommission bin ich zwar nur für die Verbrechen gegen das Leben zuständig. Aber von den Kollegen der anderen Ressorts erfahre ich auch von Einbrüchen, Vergewaltigungen oder Drogendelikten. Eins haben alle Verbrechen gemeinsam: Früher oder später werden sie aufgeklärt, auch wenn die Täter es noch so raffiniert anstellen.

Und 10 weitere spannende Kurzkrimis

 

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© Roman by Author/ Titelbild: Nach Motiven von Pixabay, 2018

© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

Mitgegangen – mitgehangen

"Weiß er über deine Vergangenheit Bescheid?" Arthur zündete sich nervös eine Zigarette an. Die überraschende Mitteilung seiner Partnerin brachte ihn ziemlich aus dem Gleichgewicht.

Yvonne verneinte erschrocken. "Natürlich nicht. Reinhold ist ein durch und durch anständiger Bursche. Mit ihm werde ich ein völlig neues Leben beginnen. Ohne diese ständige Angst vor der Polizei. Er ist meine große Chance. Verstehst du das?"

"Ich verstehe nur, dass du mich im Stich lassen willst", grollte der Mann. "Das kannst du nicht tun. Wir sind doch ein so erfolgreiches Team. Uns werden sie nie erwischen. Das verspreche ich dir."

"Selbst wenn du recht hättest", blieb Yvonne unnachgiebig, "ich ziehe einen Schlussstrich. Lass uns Freunde bleiben. Wenn du klug bist, machst du es wie ich. Unsere Fischzüge haben uns genug eingebracht."

"Meinst du, das hätte ich in den Sparstrumpf gesteckt?", fauchte der 30-Jährige. "Wo soll ich eine neue Partnerin finden, die dich ersetzen kann?"

"Das ist dein Problem. Vergiss nicht, dass wir ursprünglich nur einen einzigen Einbruch geplant hatten. Damals bei der alten Baronesse, die ihren Schmuck daheim aufbewahrte."

"Ja, aber weil alles so prima lief, blieben wir dann zusammen. Dir gelang es mit deinen Kletterkünsten immer wieder, in eines der oberen ungesicherten Fenster einzusteigen, drinnen eine eventuelle Alarmanlage auszuschalten und mir Zutritt zu den ausgewählten Objekten zu verschaffen. Gemeinsam suchten wir dann nach Geld und Wertgegenständen und führten die Bullen an der Nase herum. Mach weiter, Mädchen! Mir zuliebe."

"Nein!" Dieses eine Wort klang endgültig. Yvonne war fest entschlossen, sich nicht mehr umstimmen zu lassen.

Arthur seufzte resignierend. "Da kann man wohl nichts machen", sah er ein, blickte Yvonne aber beschwörend an. "Dann bitte ich dich nur um eins. Ich habe da nämlich ein tolles Ding ausbaldowert. Das kann ich unmöglich allein durchziehen, und die Zeit ist zu knapp, um einen vollwertigen Ersatz für dich zu finden. Das Ding muss innerhalb der nächsten Tage über die Bühne gehen, bevor sämtliche Türen und Fenster mit Hilfe der modernsten Technik gesichert werden. Es handelt sich nämlich um ein Gebäude, das als Museum eingerichtet wird. Die Vorbereitungen laufen auf Hochtouren. Ein Wunder, dass die Presse noch keinen Wind davon bekommen hat. Es sollen nämlich antike Kunstgegenstände, Gold und Silberschmuck und andere Dinge von erheblichem Wert ausgestellt werden. Das Zeug wird zum größten Teil bereits dort gelagert. Die Renovierungsarbeiten sind aber noch nicht abgeschlossen."

"Kein Interesse", meinte die Frau kühl. "Außerdem sind derartige Stücke nur schwer abzusetzen."

"Irrtum! Ich habe bereits einen Käufer. Der Mann stammt aus dem Nahen Osten und ist ganz wild auf solchen Kram. Der zahlt ordentliche Preise. Es ist das letzte Mal, Yvonne. Ich schwöre es dir. Tue es um unserer alten Freundschaft willen."

Es bedurfte noch erheblicher Überredungskunst, ehe sich Yvonne endlich bereiterklärte, bei dem Coup mitzumachen. Arthur meinte es ehrlich. Es würde der letzte sein. Jedenfalls für sie.

Er konnte nicht zulassen, dass sie einfach ausstieg. Irgendwann würde sie ihrem Lover alles anvertrauen. Das war zu gefährlich.

Der Plan, von dem er gesprochen hatte, existierte überhaupt nicht. Doch jetzt musste er schnellstens etwas anleiern, um seine ungetreue Komplizin in die tödliche Falle zu locken.

Er erinnerte sich an ein leerstehendes Gebäude nahe der Küste. Früher war es ein Hotel gewesen, das dilettantisch geführt wurde. Nach dem Tode des Besitzers fand sich niemand, der es übernehmen wollte. Seines Wissens hatte es bis heute keinen Käufer gefunden und verfiel mehr und mehr.

Am nächsten Tag fuhr er los, um sich zu überzeugen, dass seine Informationen nicht überholt waren. Verschmutzte Fenster, eine völlig verwahrloste Gartenanlage und zur Eingangstür führende Steinstufen, zwischen denen Grasbüschel wuchsen, bestätigten seine Hoffnung. Dies war der Platz, an dem Yvonne sterben sollte.

Das Türschloss war zwar eingerostet, musste jedoch vor dem professionellen Einbruchswerkzeug kapitulieren. In der Halle wurde Arthur von quiekenden Mäusen empfangen. Dagegen musste er etwas unternehmen. Yvonne fürchtete sich vor diesen Biestern.

Für heute kümmerte er sich erst einmal um die Fensterscheiben, denen er mit viel Wasser einen leidlichen Glanz verlieh. Nachmittags widmete er sich dem Rasen und tat auch sonst einiges, damit sein Opfer nicht sofort merkte, dass hier unmöglich etwas zu holen war.

Während der folgenden Tage hatte Arthur alle Hände voll zu tun, um Kisten mit vermeintlicher Beute heranzuschaffen, die Mäuse zu vertreiben, vor allem aber Vorsorge für Yvonnes sicheren Tod zu treffen.

In einem rückwärtigen Zimmer der obersten Etage gab es zwei Balkontüren. Ein Balkon existierte allerdings schon seit Jahren nicht mehr. Die Baupolizei hatte dafür gesorgt, dass sämtliche Balkons abgerissen werden mussten, da sie die Sicherheit der Hotelgäste gefährdeten. Stabile, halbhohe Eisengeländer sicherten nun die Türen.

Der Gangster benötigte einen vollen Tag, um die Eisenkonstruktionen aus ihrer Verankerung in der Mauer zu lösen. Anschließend setzte er sie wieder ein, befestigte sie aber nur mit ein wenig Mörtel. Den verursachten Schmutz beseitigte er sorgfältig.

Es war ein Glück, dass das Haus so abgelegen war. Dadurch konnte Arthur ungestört arbeiten, ohne die Aufmerksamkeit Neugieriger auf sich zu ziehen. Er ging in Gedanken noch einmal Schritt für Schritt seinen Plan durch und war zufrieden. Wenn es ihm schon nicht gelungen war, Yvonne zum Weitermachen zu überreden, so konnte er wenigstens sicher sein, dass ihm niemals ein unbedachtes Wort von ihr zum Verhängnis werden würde.

Der Coup sollte in der Nacht vom Sonnabend zum Sonntag steigen. Arthur war mit seiner langjährigen Komplizin zuvor zum Tatort gefahren und hatte ihr alles genau erklärt. Yvonne schöpfte nicht den geringsten Verdacht.

Mit einem Lieferwagen holte er sie ab. "Ahnt dein Macker etwas?", wollte er wissen.

Yvonne schüttelte den Kopf. "Ich bin froh, dass ich endlich damit aufhören kann", vertraute sie ihm an. "Ich will eine richtige Familie haben. Mit Kindern und so."

Deine Bälger sind Waisen, bevor sie überhaupt geboren sind, dachte der Mann gehässig, als er den Wagen hinter dem verlassenen Haus stoppte und die Scheinwerfer ausschaltete.

Yvonne trug einen dunklen, enganliegenden Overall aus Stretchmaterial. Es handelte sich um ihre Berufskleidung. Häufig musste sie sich durch enge Luken zwängen und an Fassaden emporklettern. Deshalb war sie ja für Arthur so unersetzlich.

"Und du bist wirklich sicher, dass es hier etwas zu holen gibt?", fragte sie zweifelnd und ließ ihren Blick nach oben gleiten. Überall bröckelte der Putz ab.

"Wenn ich es dir doch sage", bekräftigte Arthur. "Ich habe mich während der letzten Tage auf die Lauer gelegt. Die Handwerker gaben sich die Klinke in die Hand. Auch wurden Kisten ins Haus geschafft. Darin befinden sich die zukünftigen Ausstellungsstücke."

"Und eine Alarmanlage wurde in der Zwischenzeit nicht eingebaut?"

"Aufgefallen ist mir nichts, aber wir sollten nichts riskieren. Traust du dir zu, durch eines der Fenster im zweiten Stock einzusteigen?"

"Klar doch!" Yvonnes schlanker Körper straffte sich. Diese Klettertouren waren für sie kleine Fische.

Vielleicht bricht sie sich schon dabei den Hals, überlegte ihr Komplize. Er war sicher, dass sich im ganzen Gebäude kein Fingerabdruck von ihm fand. Er hatte auch an die Zeit danach gedacht.

Mit grimmigem Lächeln beobachtete er Yvonne, die wie eine riesige Spinne an der Fassade emporkroch. Dabei hätte sie bequem durch die Tür gehen können. Das Schloss hatte er selbst eingebaut. Doch das hätte ihr Misstrauen wecken müssen.

Ein paar Minuten später öffnete sich ein Fenster im Erdgeschoss. "Du hattest recht", flüsterte die Frau. "Keine Alarmanlage. Das ist verdammt leichtsinnig. Hoffentlich hast du dich auch bei der Beute nicht geirrt. Ich habe nämlich bis jetzt nur leere Räume gesehen."

Arthur kletterte durchs Fenster und eilte zur Treppe. "Wahrscheinlich liegt das Zeug ganz oben. Dort ist es am sichersten."

Natürlich behielt er recht. Das glaubte jedenfalls Yvonne, als sie die aufgestapelten Kisten entdeckten.

"Am besten, du lässt sie am Seil hinunter, und ich verstaue sie im Wagen", schlug Arthur vor. "Dann brauchen wir sie nicht die Treppen hinunterzuschleppen." Er trat an eine der beiden Balkontüren und öffnete sie. Dabei hütete er sich, dem Geländer zu nahe zu kommen.

Die Kisten erwiesen sich als nicht allzu schwer. Nachdem sich Arthur zurückgezogen hatte, um die Beute unten in Empfang zu nehmen, befestigte Yvonne das mitgebrachte Seil an der ersten Kiste und schleppte sie zur Tür, um sie über das Geländer zu wuchten.

Es knirschte, als sie sich dagegenstemmte. Sekunden später schrie sie gellend auf und stürzte.

Arthur nahm zwei Stufen auf einmal, als er den Schrei hörte. Geschafft! Diesen Sturz hatte sie niemals überlebt. Er schwang sich durch das Fenster und lief im Dunkeln zu der Stelle, an der sein Opfer liegen musste.

Hoch über ihm klammerte sich Yvonne verzweifelt in die Mauer. Ihr linkes Handgelenk hatte sich zwischen den schmiedeeisernen Ranken des schweren Geländers eingeklemmt, das sie nun unbarmherzig in die Tiefe zog.

"Arthur!", schrie sie verzweifelt. "Hilf mir!"

Endlich gelang es ihr, sich zu befreien. Stark blutend kroch sie in den Raum zurück. Das Geländer polterte in die Tiefe.

Schluchzend hastete sie nach unten. An die Beute, die sie zurückließ, verschwendete sie keinen Gedanken mehr. Sie hatte genug.

Ein ersterbendes Stöhnen ließ sie draußen zusammenzucken. Unter dem Geländer lag Arthur und wimmerte nach einem Arzt. Yvonne sah aber mit einem Blick, dass hier kein Arzt mehr helfen konnte ...

 

 

So ein liebes Ding

Ludwig Römer nagte enttäuscht an seiner Unterlippe. "Du magst keine Kinder, nicht wahr? Ich hätte es wissen müssen."

"Unsinn!", wehrte Marlene Kauer ab. Ihre Stimme klang schrill, als müsse sie sich verteidigen. Doch sie war einfach nur nervös. Schließlich hatte sie eine anstrengende Arbeitswoche hinter sich. Der Autounfall vor zwei Tagen, das defekte Telefon, das immer noch nicht repariert war, und schließlich das ewige Lamentieren ihrer Mutter, sie würde sie zu selten besuchen. Dabei hatte sie nur einen einzigen Sonntag mit Ludwig verbringen wollen. War das zu viel verlangt?

Aber musste der Unglücksrabe ausgerechnet heute seine vierjährige Tochter mitbringen? "Sie ist ein so liebes Ding", hatte er behauptet. "Du ahnst nicht, wie sehr sie ihre Mutter vermisst."

Silke, das liebe Ding, hatte es mühelos fertiggebracht, innerhalb weniger Stunden ihre Wohnung in ein Schlachtfeld zu verwandeln. Es begann mit zwei kakaotriefenden Tischdecken, nahm mit Marlenes zerbrochener Lieblingsvase ihren Fortgang, erging sich in pausenlosen Fragen, machte selbst ein harmloses Streicheln Ludwigs unmöglich und erreichte seinen Höhepunkt im Verteilen der mitgebrachten Spielsachen auf sämtliche Räume. Als Marlene im Flur auf einigen Murmeln ausrutschte und beim Fallen mit der Hand voll in den Garderobenspiegel schlug, war ihr der Kragen geplatzt. Nun zog Silke einen Flunsch, und Ludwig sprach von Kinderfeindlichkeit.

"Deine Tochter ist ein reizendes Geschöpf", versicherte Marlene mit zusammengebissenen Zähnen und tränenfeuchten Augen. "Ich habe heute nur nicht meinen besten Tag. Wann sehen wir uns wieder?"

"Ich rufe dich an", stellte Ludwig in Aussicht und drängte Silke, ihr Spielzeug aufzuräumen, wozu das Kind nicht die geringste Lust verspürte.

Minuten später fand sich Marlene allein inmitten des Chaos. Sie begann mit den Aufräumarbeiten und entdeckte dabei im Schlafzimmer die mit Farbstiften beschmierte Tapete. Außerdem lag ein betäubender Geruch in der Luft. Silke musste ihr bestes Parfüm entdeckt und damit den Gummibaum gegossen haben.

Marlene riss das Fenster auf und beugte sich weit hinaus. Unten betrat ein Mann das Haus. Sie kannte ihn nicht. Bestimmt wollte er zu Steinmanns, die aber verreist waren.

Sie widmete sich erneut dem Durcheinander und füllte eine Plastiktüte mit Malbüchern, Stofftieren und den Einzelteilen einer Puppe.

Da stutzte sie. Draußen knarrte leise die Treppe. Sie erinnerte sich wieder an den Fremden und fragte sich, was er im oberen Stockwerk zu suchen hatte. Die Steinmanns wohnten ebenerdig.

Marlene richtete sich auf, lauschte misstrauisch und sagte sich endlich, dass sich der Mann wohl erkundigen wollte, wann er die Leute antreffen könne. Trotzdem blieb ein ungutes Gefühl in ihr zurück, das sie allerdings den vorausgegangenen Erlebnissen zuschrieb.

Sie wartete auf das Klingeln. Stattdessen machte sich jemand am Türschloss zu schaffen. Marlene hielt den Atem an und bekam es mit der Angst zu tun.

Ein Einbrecher! War nicht erst kürzlich zwei Straßen entfernt eine junge Frau in ihrer Wohnung von einem Unbekannten überfallen und brutal vergewaltigt worden?

Marlene schlich auf Zehenspitzen ins Wohnzimmer und erinnerte sich erst, als sie den Telefonhörer abhob, dass die Leitung noch immer tot war.

O Gott! Damit war sie außerstande, die Polizei zu alarmieren.

Während sie fieberhaft über die Möglichkeit nachdachte, sich zur Verteidigung mit einem Küchenmesser zu bewaffnen oder aus dem Fenster laut um Hilfe zu rufen, überwand der ungebetene Besucher die Wohnungstür und verharrte sekundenlang.

Du könntest eine Unterhaltung vortäuschen, überlegte Marlene mit wachsendem Entsetzen. Vielleicht lässt er von seinem Vorhaben ab, wenn er dich in Gesellschaft glaubt.

Doch diese Hoffnung begrub sie sofort wieder. Natürlich hatte der Kerl das Haus beobachtet und Ludwig mit seiner Tochter fortfahren sehen. Er wusste, dass Steinmanns nicht zu Hause waren. Auch bei der jungen Seidel hatte er gewartet, bis sie allein war, bevor er zuschlug.

Sie hörte ihn durch den Flur schleichen. Die Tür flog auf. Da stand er und bestätigte ihre schlimmsten Befürchtungen.

Der Strolch trug eine Strumpfmaske, die sein Gesicht grausig verzerrte. In der Hand hielt er einen Revolver. Lauernd blieb er an der Tür stehen und entspannte sich erst, als er seine Rechnung aufgehen sah.

"Du bist allein", stellte er mit Genugtuung fest. "Das dachte ich mir."

"Mein Freund kommt gleich wieder", log Marlene. "Er bringt nur seine Tochter nach Hause."

"Mag sein, Süße. Aber zum Glück wohnt er am anderen Ende der Stadt. Wir haben also mindestens zwei Stunden Zeit. Zwei unvergessliche Stunden, das verspreche ich dir."

"Irrtum!", gab sich Marlene selbstbewusst, obwohl der Stoff ihrer Bluse am vor Angst schweißnassen Rücken klebte. "Die Polizei wird gleich hier sein. Ich habe sie sofort verständigt, als ich Sie an der Tür hörte."

"Rede kein Blech!", fuhr der Mann sie an und kam näher. "Deine Leitung ist gestört. Ich habe versucht, dich anzurufen. Das tue ich vorher immer."

"Was wollen Sie?" Diese Frage erübrigte sich. Marlene kannte den Grund seines Hierseins, doch sie hoffte, ihn in ein Gespräch verwickeln zu können.

"Ich will dich, Süße", war die gierige Antwort, der der Verbrecher mit seiner Waffe zusätzliches Gewicht gab. "Zieh dich aus!"

Marlene schossen hundert gute Ratschläge durch den Kopf. Oft genug hatte sie gelesen, wie man sich Sexualtätern gegenüber verhalten sollte. Vor allem durfte man ihm nicht widersprechen und musste dafür sorgen, dass ein Bewaffneter nicht durchdrehte.

"Etwa hier?", fragte sie heiser.

"Wo wäre es dir denn lieber?"

"Gehen wir nach nebenan", schlug Marlene zitternd vor. "Ich habe ein französisches Bett."

Der Mann witterte eine Falle. Zweifellos ahnte er, dass sie ihn zu überrumpeln hoffte, um die Wohnung fluchtartig zu verlassen.

"Du willst mich reinlegen", zischte er gehässig. "Das haben die anderen Puppen auch versucht. Aber das läuft bei mir nicht." Er packte sie grob am Arm und zerrte sie aus dem Raum. Zielsicher fand er das Schlafzimmer.

Er schnüffelte. "Pfui Teufel! Das stinkt ja hier wie in einem ..." Er stockte und musterte sein Opfer zweifelnd. "Nimmst du etwa normalerweise Geld dafür?"

Marlene spürte, wie sie unter der Anschuldigung errötete. Diese Demütigung hatte sie Silke zu verdanken.

Der Fremde befahl ihr, das Fenster zu schließen, und Marlene erwog einen Sprung aus dem ersten Stock, brachte aber nicht den Mut auf. Ja, wenn sie sich an einem Leintuch abseilen könnte! Sie musste den Schuft aus dem Zimmer locken. Wenigstens für ein paar Augenblicke.

"Ausziehen!", verlangte er nun ungeduldig und stieß sie aufs Bett.

Marlene begann bei der Bluse. Ihre Finger bebten. Ihr Peiniger beobachtete sie hämisch. "Schneller!", herrschte er sie an.

Marlene presste die Lippen aufeinander, während sie den Reißverschluss ihres Rockes nach unten zog. Die Augen des Unholds wurden unter dem Perlongewebe der Maske kugelrund.

Würde er den Revolver aus der Hand legen, wenn es geschah? Bot sich ihr dann eine verzweifelte Chance? Notfalls würde sie schießen. Aber sie ahnte, dass das auch seine übrigen Opfer getan hätten. Er würde sich keine Blöße geben.

Nun half er mit derbem Ruck nach. Die letzten Stofffetzen fielen ... und er ließ die Waffe nicht los, als er sich über sie beugte.

Marlene hätte am liebsten geschrien, doch sie tat es nicht. Ihr Blick glitt über seine Schulter. Dabei lächelte sie kaum merklich.

Der Verbrecher kniff die Augen zusammen. "Ist was?", fragte er argwöhnisch.

Sie atmete tief durch. Dieser Bluff war ihre einzige Rettung. Wenn der Kerl das Zimmer verließ, blieb ihr das Fenster.

"Pech für Sie", presste sie hervor. "Sie konnten nicht wissen, dass mein Freund seine Tochter zu seinen Eltern bringt. Sie wohnen nur ein paar Minuten entfernt. Hören Sie ihn auf der Treppe?"

"Ich höre nichts."

"Das spielt auch keine Rolle. Diesmal sind Sie dran. Er trägt nämlich ebenfalls eine Pistole bei sich."

Der Mann erhob sich. Ihm war anzumerken, dass er ihr kein Wort glaubte.

"Das haben wir gleich", erklärte er gelassen und wandte sich zur Tür.

Noch bevor Marlene das Leintuch vom Bett reißen und damit zum Fenster eilen konnte, hörte sie im Flur den Schuss. Der Einbrecher fluchte, etwas polterte, während sich ein zweiter Schuss löste. Danach war alles still.

"Ludwig!", schrie Marlene erleichtert auf und rannte ihm entgegen. Ihr kam gar nicht in den Sinn, dass ihr Freund noch nie eine Waffe besessen hatte.

Der Unbekannte lag auf dem Rücken und rührte sich nicht. Niemand sonst war zu sehen. Marlene brachte seinen Revolver an sich, warf sich ihren Mantel über und stürmte aus der Wohnung. In einem der Nachbarhäuser fand sie Hilfe.

Die Polizei beeilte sich. Sie traf ein, als der Verbrecher aus seiner Bewusstlosigkeit erwachte. Weder er noch die Beamten konnten sich erklären, wer ihn überwältigt hatte. Die Zusammenhänge wurden erst später rekonstruiert.

Noch am gleichen Abend fuhr Marlene zu Ludwig, fiel ihm schluchzend um den Hals und berichtete dem Erschütterten von ihrem Erlebnis.

"Schläft Silke schon?", wollte sie wissen, und als Ludwig sie voll düsterer Ahnungen anschaute, lächelte sie erleichtert. "Ich möchte mich bei ihr bedanken. Es kann nur so gewesen sein, dass der Kerl beim Betreten des Flurs mit dem Schuh einen ihrer aufgeblasenen Luftballons auf die Spiegelscherben stieß. Er hielt den platzenden Ballon für einen Schuss, geriet in Panik, wollte fliehen und glitt auf den Murmeln aus. Dabei schlug er mit dem Hinterkopf gegen den Schirmständer und wurde bewusstlos. Ohne Silke wäre es anders ausgegangen. Ich hoffe, ihr kommt mich bald wieder besuchen. Du und deine Tochter. Sie ist ja so ein liebes Ding."

 

 

Der Schlüssel zum Erfolg

"Sie trägt den Schlüssel zum Safe ständig bei sich", beteuerte Eduard Knoskes Kumpel Rudi Schnösig, der für den Tipp eine 20-prozentige Beteiligung verlangte. "Ich weiß es von einer ehemaligen Angestellten der Basefeld."

"Auch nachts?", forschte der andere.

Rudi Schnösig nickte. "Du musst sie nur davon überzeugen, dass es besser für sie ist, den Schlüssel rauszurücken. Dann kannst du den Schmuck mühelos an dich bringen. Juwelen sind ihre große Leidenschaft. Der Wert soll bei mehreren Millionen liegen."

In Eduard Knoskes Augen funkelte es gierig. Doch er war kein Dummkopf. Wenn der Coup so einfach war, warum holte sich Rudi Schnösig die Klunker nicht selbst?

"Weil sie mich kennt", war die einfache Erklärung. "Ich müsste sie umlegen, um nicht von ihr an die Bullen verraten zu werden, aber mit einem Mord will ich nichts zu tun haben."

"Ich auch nicht", pflichtete Eduard Knoske ihm bei. Insgeheim allerdings dachte er anders darüber. Für ein paar Millionen durfte man seinen Grundsätzen getrost untreu werden. Nur wenn es keine Zeugen gab, konnte man völlig sicher sein, nicht erwischt zu werden.

Er dachte auch nicht daran, seinen Kumpel mit 20 Prozent an dem Erlös der Beute zu beteiligen. Es war klüger, auch ihn zum Schweigen zu bringen, sobald die Sache gelaufen war.

Eduard Knoske war bei der Polizei kein unbeschriebenes Blatt, das ganz große Ding war ihm bisher allerdings noch nicht geglückt. Die Edelsteine der Bankierswitwe, die sich angeblich wieder mit Heiratsabsichten trug, würden ihn aller finanziellen Sorgen entheben. Danach wollte er sich zur Ruhe setzen. Irgendwo, wo es ihm gefiel und er in keinem Fahndungscomputer gespeichert war.

Als Erstes galt es, den geeigneten Zeitpunkt für das Unternehmen zu ermitteln. Conny Basefeld beschäftigte zwei Hausangestellte, die aber nicht in der Villa der Witwe nächtigten. Spätestens um 21 Uhr fuhren sie heim.

Eduard Knoske legte sich auf die Lauer und beobachtete, wie das Personal an diesem Abend bereits eine Stunde früher Feierabend machte. Er wartete noch eine Weile, bis er sicher war, nun ungestört die Juwelen holen zu können.

Er hetzte zur Haustür und läutete Sturm.

In der Diele regte sich etwas: "Wer ist da?"

"Meine Frau hat im Auto einen Herzanfall erlitten", presste der Verbrecher hervor. "Ich fürchte, es ist ein Infarkt. Ich muss dringend den Notarzt verständigen. Darf ich bei Ihnen telefonieren?"

Conny Basefeld öffnete erschrocken die Tür, wenn auch ihre Miene noch misstrauisch blieb.

Eduard Knoske ließ ihr keine Zeit für weitere Fragen. Mit zwei Schritten war er im Haus und schloss die Tür hinter sich. Aus seiner Tasche holte er eine Pistole und drückte sie der Frau gegen die Brust. "Wo ist der Safe?", wollte er wissen.

Die Witwe erbleichte. "Legen Sie doch die Waffe weg!", stammelte sie. "Wie leicht kann sie losgehen."

"Der Safe!", wiederholte der Gangster ungeduldig. "Ich habe nicht viel Zeit, und wenn Sie nicht parieren, knallt's."

Conny Basefeld sagte sich, dass es wohl klüger war, den Mann nicht zu reizen. Ohne den Schlüssel bekam er die stählerne Tür ohnehin nicht auf.

"Im Arbeitszimmer meines verstorbenen Mannes", wisperte sie. "Aber den Schlüssel habe ich auf meiner Bank deponiert."

"Blödsinn!", knurrte Eduard Knoske. "Das weiß ich besser. Sie laufen doch nicht erst zur Bank, wenn Sie ein Armband anlegen wollen." Er tippte mit dem Pistolenlauf auf die Goldkette mit dem Saphir, die die Überfallene trug. Die schweren Ohrgehänge fand er für eine über 60-Jährige zwar reichlich bizarr, aber die vielen kleinen Diamanten machten sie jedenfalls wertvoll. Nur das interessierte ihn. Auch ihr Ring war gediegene Goldschmiedearbeit, und die Armbanduhr würde ihm mindestens zwei Tausender einbringen. "Heraus mit dem Schlüssel!", befahl er drohend.

Die Frau überlegte fieberhaft. Wenn sie dem Kerl den Safeschlüssel aushändigte, war ihr Leben keinen Cent mehr wert. Würde er offen sein Gesicht zeigen, wenn er beabsichtigte, sie zu schonen? Nein, sobald sich der Schmuck in seinen Händen befand, würde er ihr eine Kugel verpassen.

Sollte sie ausgerechnet jetzt sterben, wo sie sich an Sigberts Seite ein neues Glück erhoffte? Sie dachte nicht daran, ihren letzten Trumpf aus der Hand zu geben. Er war ihre Lebensversicherung, denn der Gangster würde nicht die ganze Villa nach einem Schlüssel durchsuchen wollen.

Sie ahnte nichts von Eduard Knoskes Informationen. Im Arbeitszimmer musste sie das Gemälde von der Wand nehmen, und der Verbrecher schmunzelte zufrieden. Bis jetzt stimmte alles, was Rudi Schnösig ihm anvertraut hatte. Dann würde er auch den Schlüssel bei der Alten finden.

Er steckte die Pistole wieder ein. Selbst wenn sie geladen gewesen wäre, hätte er wegen des Lärms nicht abgedrückt, aber so ein Schießeisen machte normalerweise größeren Eindruck als zum Beispiel ein Messer.

Conny Basefeld atmete auf. Ihre Rechnung schien aufzugehen. Jetzt musste sie Zeit gewinnen.

Eduard Knoske blieb gelassen, als sie sich beharrlich weigerte, den Schlüssel herauszurücken. "Dann eben nicht", fauchte er, packte den marmornen Bodenascher, der neben dem Schreibtisch stand, und schlug damit zu.

Die Frau sackte zusammen. Der Mörder überzeugte sich, dass kein zweiter Hieb nötig war. Sie würde ihn nicht mehr verraten können.

Er hatte erwartet, dass sie den Schlüssel an einer Kette um den Hals trug, sah sich aber getäuscht. In der einzigen Tasche ihres Hauskleides fand er zwar einen Schlüsselbund, doch keiner passte zum Safe.

Notgedrungen musste er die Tote Stück für Stück entkleiden. Nichts!

Er tastete die Säume ab, riss die Absätze von ihren Schuhen. Vergeblich!

Er wünschte Rudi Schnösig zur Hölle. Die Basefeld musste aus irgendeinem Grund ihre Gewohnheit geändert haben. Wenn es stimmte, dass sie eine neue Ehe hatte eingehen wollen, hatte ihr Zukünftiger ihr womöglich tatsächlich dazu geraten, den Schlüssel in einem Bankschließfach aufzubewahren.

Sollte er unverrichteter Dinge wieder abziehen? Er nahm den Schmuck an sich, den die Erschlagene am Körper trug. Es war wenig genug. Damit wollte er sich nicht zufriedengeben. Er hatte schließlich noch die ganze Nacht Zeit.

In fliegender Hast durchwühlte er sämtliche Verstecke, die in dem Haus nach seiner Erfahrung in Frage kamen, doch weder in den Schubläden, noch unter der Matratze, zwischen der Wäsche oder in der Blumentopferde wurde er fündig.

Nun blieb ihm nichts anderes übrig, als dem Safe mit einem Schweißbrenner zu Leibe zu rücken. An dem gefundenen Schlüsselbund befand sich auch der Haustürschlüssel. Damit konnte er sich erneut Zutritt verschaffen.

Er musste durch die halbe Stadt fahren, um alles Erforderliche zu holen. Auf dem Rückweg quälte ihn der Gedanke, der Safe könnte zusätzlich durch eine Alarmeinrichtung gesichert sein. Das fehlte ihm gerade noch.

Zum Glück umgab das Grundstück der Toten eine hohe Hecke, so dass kein zufälliger Passant stutzig werden konnte, wenn er die Sauerstoffflasche aus dem dicht vor die Haustür gefahrenen Wagen in die Villa schleppte.

Der Anblick seines vor dem Schreibtisch liegenden Opfers flößte dem Mörder Unbehagen ein. Sollte die Basefeld für ein paar lumpige Tausender gestorben sein? Vielleicht hatte sie ja auch den größten Teil ihres Schmucks in den Banktresor gebracht.

Eduard Knoske zündete den Schweißbrenner und beobachtete durch die Schutzbrille, wie sich die Flamme unaufhaltsam durchs schmelzende Metall fraß. Er ging vorsichtig zu Werke, um Bargeld oder Wertpapiere nicht zu vernichten.

Seine Befürchtung wegen der Alarmanlage erwies sich als unbegründet. Die Stahltür war auch nicht sehr dick. Gleich hatte er es geschafft.

Als er die zahlreichen Etuis mit den glitzernden Kostbarkeiten aus dem Safe holte, atmete er tief durch. Sein Kennerblick erkannte, dass es sich ausnahmslos um echte Steine handelte, die in Gold oder Platin gefasst waren. Selbst wenn ihm die Hehler nur einen Bruchteil des wirklichen Wertes zahlen würden, war er ein gemachter Mann. Jetzt brauchte er nur noch Rudi Schnösig umzulegen und sich damit den einzigen Menschen vom Halse schaffen, der ihm eines Tages gefährlich werden könnte.

Eduard Knoske stopfte seine Beute in zwei mitgebrachte Taschen. Sein Einbruchswerkzeug nahm er ebenfalls mit. Es könnte die Polizei auf seine Spur bringen. Man durfte die Bullen nicht unterschätzen, aber an dieser Nuss sollten sie sich die Zähne ausbeißen.

Als er sich hinter das Steuer seines Autos klemmen wollte, tauchten plötzlich von allen Seiten bewaffnete Polizisten auf. Einer warnte ihn vor Dummheiten und forderte ihn auf, sich zu ergeben.

Details

Seiten
80
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783738924114
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v452322
Schlagworte
greiff guter goldes

Autor

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Titel: HK GREIFF: Guter Rat ist Goldes wert