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Die Gestalt im Nebel

2018 100 Seiten

Leseprobe

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Die Gestalt im Nebel

Copyright

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Die Gestalt im Nebel

Roman von A. F. Morland

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 100 Taschenbuchseiten.

 

Cassandra Blake will mit in einem kleinen abgelegenen Ort mit ihrer Schwester zusammen treffen und verspätet sich. Angeblich ist ihre Schwester jedoch nie aufgetaucht, aber Cassandra findet ihre Brosche unter dem Bett, und alle Leute benehmen sich sehr merkwürdig. Dann wird eine tote junge Frau aus dem Wasser gefischt, und Cassandra glaubt ihre Schwester zu erkennen.

 

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

© Cover: Tony Masero

© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

1

Ich stockte kurz und blieb dann einfach stehen.

Vielleicht war ich nicht allein. Ich lauschte intensiv – leise Geräusche kamen näher. Mein Herz schlug bis zum Hals hinauf. Ich regte mich nicht, atmete so flach wie möglich und wartete auf den Unbekannten. Ich presste mich vorsichtig an einen mächtigen alten Baum. So würde er mich nicht sehen und an mir vorbeigehen, und wenn er sich von mir weit genug entfernt hatte, würde ich nach Weston Bay zurückkehren und es nicht mehr verlassen, sondern nur noch auf das Eintreffen der Milva warten, denn auf ihr würde meine Schwester sein. Ich konzentrierte mich auf die näher kommenden Geräusche. Auf das Tappen von Schritten, auf das Keuchen eines Menschen, auf das Schleifen von Blättern. Ganz fest presste ich mich gegen die Eiche, während sich ein Schatten am Baum vorbeischob. Zuerst sah ich ihn links, dann, als ich den Kopf drehte, rechts. Es war der Schatten eines Mannes. Was wollte er von mir?

Weston Bay war kein Dorf, sondern ein Nest, und gar nicht so leicht zu finden, ein winziger Punkt auf der Landkarte, irgendwo zwischen Ipswich und Southend-on-Sea. Ich hatte mich zweimal tüchtig verfahren, ehe ich den richtigen Weg hierher fand.

Noch nie hatte ich einen hässlicheren Ort gesehen, und wenn er über Nacht verschwunden wäre, hätte ihn wahrscheinlich niemand vermisst.

Weston Bay war eine Ansammlung von grauen Häusern mit schmutzigen Dächern und eingesunkenen Dachstühlen.

Manche Dächer sahen aus wie der durchgerittene Rücken einer alten Schindmähre, und es musste an Vermessenheit und verrücktem Optimismus grenzen, wenn man annahm, dass auch nur eines dieser schäbigen Gebäude bewohnt war.

Wie konnte es mich bloß hierher verschlagen?

Ja, verschlagen war genau der richtige Ausdruck. Alle, die hierher kamen, verschlug es, oder sie hatten sich verirrt.

Es gab keine Wegweiser nach Weston Bay. Es hatte den Anschein, als sollte der Welt schamhaft verschwiegen werden, dass es Weston Bay gab.

Es wäre wirklich nicht richtig gewesen, viel Aufhebens darum zu machen. Weston Bay war zu vergessen.

Dass ich ausgerechnet hier Urlaub machen wollte, sah auf den ersten Blick so aus, als wäre ich verrückt oder furchtbar überspannt.

Doch ich hatte einen richtigen Grund, hierher zu kommen. Ich war keine exaltierte Ziege, die nur noch am Außergewöhnlichen Gefallen fand.

Im Gegenteil, ich hielt mich für völlig normal, und so besehen passten Weston Bay und ich zusammen.

Es dämmerte, und lange Schatten fielen auf die Straße. Vom Meer stiegen die ersten unheimlichen Nebelgespenster hoch und fanden sich zu einem traurigen, geisterhaften Reigen.

Irgendwo bellte ein Hund, den man in Weston Bay vergessen zu haben schien.

Dieses Dorf war ein Versteck. Niemand würde mich hier finden, denn niemand würde auf die Idee kommen, mich hier zu suchen.

Das war mit ein Grund, weshalb ich mich hierher begeben hatte. Ich befand mich nicht auf der Flucht, hatte nichts angestellt und kein schlechtes Gewissen.

Verstecken wollte ich mich aber doch …

Es stimmt, dass ich kein schlechtes Gewissen hatte, aber vielleicht hätte ich eines haben sollen, denn ich tat zum ersten Mal etwas, womit meine Eltern nicht einverstanden gewesen wären, wenn sie davon Kenntnis gehabt hätten.

Zum Glück wussten sie nichts davon. Es ist nicht immer gut, wenn Eltern alles wissen. Manchmal sehen sie die Grenzen nicht. Solange man ein Kind ist, geht es völlig in Ordnung, wenn sie einem dies und jenes verbieten und einem den rechten Weg zeigen.

Aber irgendwann ist man erwachsen, und sie merken es nicht oder wollen es einfach nicht wahrhaben, und sie machen mit ihren Regeln und Verboten weiter, als wäre man immer noch ein Kind.

Ich war völlig unbemerkt zweiundzwanzig geworden, wie mir schien. Wir hatten zu Hause zwar immer meine Geburtstage gefeiert, doch zwischen den Geburtstagen schien ich für meine Eltern immer das gleiche Kleinkindalter zu behalten.

Sie waren sauer, wenn ich zu spät nach Hause kam.

Kind, du brauchst auch deinen Schlaf.

Sie wollten wissen, mit wem ich mich traf.

Kind, das ist kein Umgang für dich. Du musst auf deinen guten Ruf achten.

Wenn ich mal aufbegehrte, was viel zu selten vorkam, weil Mutter so leicht weinte, hieß es immer gleich, ich wäre undankbar und wüsste nicht zu schätzen, was man für mich tue, welche Opfer man für mich schon gebracht habe und immer noch bringe.

Das ist die heutige Jugend. Sie ist unbelehrbar und starrköpfig. Zu unserer Zeit gab es das nicht. Damals hatte das Wort der Eltern noch Gewicht.

Ich kannte all die Sprüche. Ich hatte sie schon oft gehört und würde sie auch künftig hören. Es machte mir nichts aus. Ich hatte mich daran gewöhnt.

Es war vielleicht nicht richtig, aber sie gingen mir bei einem Ohr hinein und beim anderen wieder heraus, ohne auch nur den geringsten Eindruck zu hinterlassen.

Man stumpft ab. Ich ließ meine Eltern einfach reden. Es war ein Spiel. Sie redeten. Ich hörte nicht zu.

Wenn sie wirklich etwas zu sagen hatten, hörte ich selbstverständlich schon zu. Nur wenn sie den Zeigefinger warnend hoben, schaltete ich vorübergehend geistig ab.

Dadurch kamen wir prima miteinander aus. Es gab niemals Streit, und für mich waren Vater und Mutter die besten Eltern der Welt.

Ich hätte bereits vor zwei Tagen in Weston Bay eintreffen sollen, war jedoch beruflich verhindert gewesen.

Als freiberufliche Modezeichnerin durfte ich meine Kunden nicht vergrämen. Man wusste, dass man sich auf mich verlassen konnte. Ich hatte noch keinen zugesagten Termin platzen lassen, selbst wenn ich die Nächte durcharbeiten musste.

Merkwürdig. In so einem Fall sagte niemand: Kind, du brauchst deinen Schlaf.

Den brauchte ich nur, wenn ich mit jungen Männern ausging. Mit Ray Johnson zum Beispiel, mit dem ich mich in letzter Zeit häufiger traf.

Ray war ein furchtbar netter Junge und bis über beide Ohren in mich verliebt. Es gab nichts, was er für mich nicht getan hätte. Er hätte mich auf Händen getragen, wenn ich es ihm erlaubt hätte, doch das hatte ich bisher noch nicht getan.

Ray sah unwahrscheinlich gut aus, und eine Menge Mädchen beneideten mich darum, dass er mir so unermüdlich den Hof machte. Aber ich ließ ihn zappeln.

Bestimmt nicht aus Grausamkeit oder weil ich ihn nicht mochte. Ich fand lediglich, dass unsere Beziehung auf einem toten Punkt angelangt war.

Es ging nicht mehr weiter – weder vor noch zurück. Der Karren saß fest und war, was mich betraf, nicht wieder flott zu kriegen.

Ray gab sich redlich Mühe, doch allein würde er es niemals schaffen. Dazu gehörten zwei. Ich weiß nicht, warum ich nicht bereit war, ihm zu helfen. Er hätte es verdient, denn er war ein netter, anständiger Junge.

Vielleicht brauchte ich etwas Zeit. Manchmal muss man die Dinge reifen lassen. Was einem heute unlösbar vorkommt, löst sich morgen unter Umständen von selbst – oder übermorgen.

Ich hielt Ausschau nach dem Gasthaus. Three Oaks hieß es und musste sich in der Nähe des kleinen Hafens befinden.

Die Straße mit dem abgefahrenen Kopfsteinpflaster senkte sich zur Bucht hinunter. Ich ließ meinen Kleinwagen langsam hinabrollen.

Manchmal war mir, als bewegte sich hinter den Fenstern, an denen ich vorbeikam, ein Vorhang.

Weston Bay nahm auf diese merkwürdige Weise Kenntnis von meiner Ankunft: Als ich das verwitterte Schild mit den drei Eichen sah, wusste ich, dass ich mein Ziel erreicht hatte.

Das Holzschild hing an zwei Ketten, die an einem vorragenden schmiedeeisernen Arm befestigt waren.

Der Wind spielte damit und rief dabei ein ächzendes, jammerndes Geräusch hervor, das mir durch Mark und Bein ging und mich frösteln ließ.

Weston Bay! Hier sagten sich die Füchse gute Nacht, wie das so schön heißt. Es war wirklich das beste Versteck in ganz England.

 

 

2

Ich stieg aus, holte Koffer und Reisetasche aus dem Kofferraum und betrat das Gasthaus. Mein Gepäck hätte den Schluss zugelassen, dass ich die Absicht hatte, mindestens vier Wochen zu bleiben, aber ich war nur auf ein stark verlängertes Wochenende hergekommen, und ich wollte diese Zeit nicht allein verbringen.

Ich war nach Weston Bay gekommen, um jemanden zu treffen. In aller Heimlichkeit!

Nicht Ray Johnson. Der wusste überhaupt nicht, wo ich war.

Es handelte sich nicht um einen Mann, mit dem ich mich hier verabredet hatte, sondern um ein Mädchen.

Der Holzboden in der Wirtsstube knarrte unter meinen Schritten. Ein steinalter, grauhaariger Mann saß in einer düsteren Ecke.

Der einzige Gast.

Er hatte ein großes Glas Bier vor sich stehen und brütete gedankenverloren vor sich hin. Er schien mich nicht bemerkt zu haben, oder ich war ihm egal. Beides war möglich.

Ich trat an die Theke und stellte seufzend mein Gepäck ab.

»Hallo!«, rief ich, um mich bemerkbar zu machen.

»Frank kommt gleich«, sagte der Mann in der Ecke.

Seine Stimme klang so kratzig, dass ich versucht war, mich für ihn zu räuspern.

»Frank?«, fragte ich irritiert.

»Frank Meadows, der Wirt. Zu dem wollen Sie doch, oder?«

»Ja.«

»Er hat hinter dem Haus zu tun. Möchten Sie sich inzwischen zu mir setzen?«

»Ich … ich möchte nicht stören.«

»Wobei denn? Beim Maulaffen feilhalten? Sie kommen aus London, nicht wahr?«

»Ja.«

»Das merkt man.«

»Wieso?«

»Die Aussprache. Ihr Londoner sprecht das scheußlichste Englisch, das es gibt.«

Ich war davon überzeugt, dass er mit seiner Meinung allein dastand, widersprach ihm aber nicht. Für mich war sein Akzent eine Beleidigung für meine Ohren.

»Hauptsache, Sie verstehen, was ich sage«, gab ich zurück.

Der Mann war mir nicht sympathisch, und sein Äußeres war wenig vertrauenerweckend. Er war unordentlich gekleidet, und wenn er behauptet hätte, er wäre von Beruf Straßenräuber, hätte ich ihm das sofort geglaubt.

»Nun setzen Sie sich schon«, brummte er.

Es passte mir nicht, wie er mich behandelte.

Er schien ein recht herrschsüchtiger Mensch zu sein.

Seine Frau hat bei ihm bestimmt nichts zu lachen, dachte ich, während ich an dem großen Tisch Platz nahm, so weit wie möglich von ihm entfernt.

»Sie denken wohl, ich beiße«, sagte der Alte.

»Ich denke gar nichts.«

»Sie mögen keine alten Leute, nicht wahr?«, fragte er brüsk.

»Doch.«

»Ihr Jungen haltet euch immer für etwas Besseres und überseht dabei, dass ihr eines Tages selbst alt sein werdet. Das geht schneller, als man denkt.«

Er kann unmöglich eine Frau haben, dachte ich. Er ist unausstehlich. Keine Frau kann es bei ihm aushalten. Er ist verbittert, weil er allein leben muss. Und er muss allein leben, weil er so unleidlich ist.

»Mein Name ist Alfred Kester«, sagte er.

Ist mir egal!, dachte ich trotzig.

Er erwartete wahrscheinlich, dass ich ihm meinen Namen nannte, doch das tat ich nicht. Ich bereute es schon, mich an seinen Tisch gesetzt zu haben.

Mit Leuten wie Alfred Kester wollte ich nichts zu schaffen haben. Um sie machte ich für gewöhnlich einen großen Bogen.

Es brachte ja doch nur Ärger ein, wenn man sich mit ihnen unterhielt. Sie waren rechthaberisch und zänkisch und ließen nur ihre Meinung gelten.

Es gab sie auch in London, diese Alfred Kesters.

»Sie sind sehr hübsch, Miss«, sagte er.

»Vielen Dank«, erwiderte ich.

Ich hätte nichts dagegen gehabt, wenn er wieder den Mund gehalten hätte, doch er schien sich bemüßigt zu fühlen, mich zu unterhalten.

»Wie gefällt Ihnen Weston Bay?«, wollte er wissen.

»Ich habe noch nicht viel davon gesehen«, antwortete ich ausweichend.

»Es gibt auch nicht viel zu sehen. Warum sagen Sie nicht, dass Sie unser Dorf scheußlich finden?«

»Weil es nicht stimmt.«

»Nur keine falsche Rücksichtnahme, Miss. Ich bin nicht beleidigt, wenn Sie bei der Wahrheit bleiben. Ich habe Weston Bay nicht gegründet. Es war schon da, als ich geboren wurde, und es sieht immer noch so mies aus wie damals.«

»Warum haben Sie das Dorf nicht verlassen, wenn es Ihnen nicht gefällt?«, fragte ich.

»Nicht gefällt? Ich hasse Weston Bay. Soll ich Ihnen verraten, warum? Weil es für mich ein Gefängnis ist. Es lässt mich nicht fort. Ich bin dazu verdammt, mein ganzes Leben hier zu verbringen, in Angst und Unfreiheit. Ich wurde nur aus einem Grund geboren: um hier zu leben und auf den Tod zu warten – und der verdammte Halunke lässt sich sehr viel Zeit damit, mich von hier fortzuholen und zu erlösen.«

Mir rieselte es kalt über den Rücken. Kein Mensch freut sich auf den Tod. Alfred Kester hingegen schien ihn sehnlichst zu erwarten.

Er musste verrückt sein.

Und Gedankenlesen schien er auch zu können, denn er lachte kratzig und sagte: »Sie halten mich für verrückt, aber das bin ich nicht.«

Wenn er es behauptete, musste das noch lange nicht stimmen. Die Irrenanstalten sind voll von Menschen, die behaupten, völlig normal zu sein, und doch sind sie es nicht.

Kester griff nach seinem Bierglas und trank einen großen Schluck, dann wischte er sich mit dem Handrücken über die nassen Lippen.

»Sie hätten nicht nach Weston Bay kommen sollen, Miss«, sagte er ernst.

»Im Moment fällt es Ihnen noch nicht auf, aber dieses Dorf ist eine unheimliche Falle. Sie werden es schon noch merken. Weston Bay ist wie ein Lebewesen. Das mag sich wie die Behauptung eines Geisteskranken anhören, aber es ist eine unbestreitbare Tatsache. Sie befinden sich im Bauch eines grausamen Ungeheuers. Es hat Sie verschluckt, ohne dass Sie es mitbekamen, und nun sind Sie in ihm und werden von ihm langsam verdaut. Das, was dieses Scheusal von Ihnen übrig lässt, wird irgendwann nach London zurückkehren. Aber es wird nicht mehr dasselbe Mädchen sein, das heute nach Weston Bay kam.«

Ich schluckte. Nicht das Dorf war mir unheimlich, sondern dieser Mann.

»Ich bitte Sie, hören Sie auf«, stieß ich unangenehm berührt hervor. »Das ist ja …«

»Grauenvoll?« Er blickte mich, den Kopf schief haltend, lauernd an.

»Ja.«

»Nun, in Weston Bay wohnt das Grauen, meine Liebe.«

Er tat es absichtlich. Er wollte mir Angst machen. Ich bin ein sehr friedfertiger Mensch, aber mit Alfred Kester hätte ich mich großartig streiten können.

Er reizte mich so sehr, dass ich anfing, meine Stacheln aufzustellen. Er weckte meinen Widerspruchsgeist.

Gerade als ich ihm gründlich meine Meinung sagen wollte, erschreckte mich ein dumpfer Knall. Mir blieb das Herz fast stehen.

Ohne es zu wollen, sprang ich auf und fuhr herum.

Ein vierschrötiger Mann kam mit schweren Schritten auf mich zu, und sein Blick kam mir ungemein feindselig vor.

Er starrte mich an, als würde er mich entsetzlich hassen. In Weston Bay schienen die sonderbarsten Menschen zu leben. Leute, die man nirgendwo sonst haben wollte.

Hier hatten sie ein Zuhause gefunden, und es war nicht ratsam, in ihr schäbiges Dorf zu kommen. Wenn ich das bloß früher gewusst hätte.

Die Stirn des Vierschrötigen wies eine wulstige blutrote Narbe auf. Irgendwie erinnerte mich der Mann an Frankensteins Monster. Er hatte riesige Hände.

Der Vierschrötige sagte, er wäre der Wirt und fragte mich, was ich wollte.

Na, was wohl? Bei ihm wohnen natürlich. Ich sagte es ihm allerdings nicht so unfreundlich, wie ich es dachte.

Er nickte, wies mit dem Daumen auf meine Reisetasche und meinen Koffer und fragte: »Ihr Gepäck?«

Er schien in seinem Leben schon viele unnütze Fragen gestellt zu haben. Alfred Kesters Gepäck konnte es nicht sein, und außer mir befand sich niemand in der Gaststube.

Logisches Denken war anscheinend nicht gerade Frank Meadows’ stärkste Seite. Ich stufte ihn als Einfaltspinsel ein. An und für sich stört mich so etwas nicht.

Auch Einfaltspinsel haben ein Recht darauf, zu leben. Nicht jeder kann ein Einstein sein.

Ich hätte bestimmt nichts gegen den Wirt gehabt, wenn er mich vorhin nicht so hasserfüllt angestarrt hätte.

Oder hatte ich mir das nur eingebildet? Meadows hatte keinen Grund, mir feindlich gesinnt zu sein.

»Sie möchten ein Zimmer?«, fragte er.

»Ja. Haben Sie eines frei?« Jetzt war ich es, die dumme, überflüssige Fragen stellte.

Es waren bestimmt alle Zimmer frei. Alle, bis auf eines.

Frank Meadows nahm mein Gepäck auf. »Kommen Sie.«

Es gehörte anscheinend zum guten Ton in diesem Dorf, unfreundlich zu sein. Der Wirt wartete nicht, bis ich ihm folgte. Er marschierte einfach los. Wäre ich ihm nicht nachgegangen, wäre es ihm wahrscheinlich egal gewesen.

Ich verabschiedete mich von Alfred Kester ohne ein Wort, nur mit einem grüßenden Blick.

Er nickte, und ich bildete mir ein, ihn sagen zu hören: »Ja, geh nur, geh mit deinem Henker …«

Darüber erschrak ich so sehr, dass ich an meinem Verstand zweifelte. Wie konnte ich nur so etwas Entsetzliches denken? Es lag kein Grund dafür vor.

Zugegeben, Frank Meadows sah nicht zum gernhaben aus, aber was ich mir einbildete, schlug dem Fass den Boden aus.

Alfred Kester hatte Schuld daran, weil er so viel idiotisches Zeug dahergeredet hatte. Ich hätte mich nicht zu ihm setzen und ihm erst recht nicht zuhören sollen.

Wir verließen die Gaststube durch eine Tür, die Frank Meadows mit dem Fuß auftrat. Sie knallte gegen die Wand. Wenn er sie immer so öffnete, musste sie ganz schön was aushalten.

»Sie haben sich mit Kester unterhalten?«, fragte der Wirt. Es konnte auch eine Feststellung sein.

»Ja.«

»Er hat bestimmt dämliches Zeug gequatscht.«

»Nun ja, ich …«

»Er redet immer blöd daher. Er kann nicht anders, hat einen Dachschaden. Er ist unser Dorftrottel. Fühlt sich verfolgt, redet mit Geistern, behauptet, schon mal mit seinem toten Vater gesprochen zu haben. Manchmal bringt er’s so überzeugend, dass man’s ihm beinahe glaubt. Doch wer ihn kennt, weiß, dass aus seinem Mund nur lauter Blödsinn kommt. Ich lass ihn reden, hör’ ihm zu und denk’ mir meinen Teil. Er vertreibt mir die Langeweile.«

»Es ist nicht viel los in Weston Bay«, sagte ich.

»Wenn Sie hier sind, weil Sie was erleben wollen, werden Sie bald enttäuscht heimfahren.«

»Ich möchte nichts erleben, ich will nur ein paar Tage ausspannen.«

»Das kann man hier noch. Bei uns ist es so ruhig wie in einer Gruft.«

Er hätte ruhig einen angenehmeren Vergleich finden können, dachte ich.

Meadows ging mit mir durch einen schummrigen Flur. Wir blieben im Erdgeschoss, kamen an einer Holztreppe vorbei, deren Geländer abenteuerlich wackelte, als ich mich daran festhielt.

Das ganze Haus hätte einer Sanierung bedurft, doch mit Sicherheit fehlte Frank Meadows das Geld dafür.

Mich wunderte, dass Frank Meadows bisher mit keinem Wort Miriam erwärmt hatte. Mit ihr war ich hier verabredet. Mit ihr wollte ich ein paar schöne, unbeschwerte Tage verbringen, ohne dass meine Eltern, Ray Johnson oder sonst jemand davon wusste.

Vor zwei Tagen hätte ich sie hier schon treffen sollen. Seit mindestens zwei Tagen musste Miriam also bereits hier sein, doch der Wirt sprach nicht über sie.

Merkwürdig.

Ich sagte mir, in Weston Bay würden andere Gesetze gelten. Hier steht alles Kopf. Hier ist alles ein bisschen anders als anderswo, dachte ich. Also hör auf, dich über irgend etwas zu wundern, das bringt nichts.

Frank Meadows öffnete eine Tür. Diesmal allerdings nicht mit dem Fuß, sondern mit dem Ellenbogen.

Ich erwartete kein Zimmer mit Hilton-Standard, deshalb war ich auch nicht enttäuscht, als ich eintrat.

Vor dem Fenster hingen gelbliche Gardinen, die irgendwann einmal weiß gewesen waren. Die Schranktüren waren offen. Entweder ließen sie sich nicht schließen, oder sie gingen von selbst immer wieder auf.

Ich werde einen Stuhl vorstellen, nahm ich mir vor.

An den Wänden klebten Tapeten mit drei verschiedenen Mustern. Das war nicht gewollt, sondern hatte sich so ergeben.

Normalerweise hätte ich das Zimmer nicht genommen. Ich blieb wegen Miriam. Zum Glück fragte mich Frank Meadows nicht, wie es mir gefiel, denn dann hätte ich zu einer Notlüge greifen müssen.

Er schien zu wissen, dass mir das Zimmer nicht gefiel, und ersparte uns beiden die Peinlichkeit.

Da er Miriam mit keiner Silbe erwähnte, entschloss ich mich, ihn nach ihr zu fragen.

»In welchem Zimmer wohnt Miriam Blake?«

Er stellte mein Gepäck ab und drehte sich langsam um.

Warum durchbohrten mich seine Augen schon wieder auf diese höchst unangenehme Weise?

»Miriam Blake?«

»Sie muss seit mindestens zwei Tagen hier sein.«

»Hier gibt es keine Miriam Blake.«

»Aber ich bin mit ihr in Weston Bay verabredet.«

»Ich kenne keine Miriam Blake.«

»Vielleicht hat sie Ihnen einen anderen Namen genannt.«

»Es gibt hier zur Zeit außer Ihnen keinen weiblichen Gast, Miss«, sagte der Wirt eisig.

Ich war wie vor den Kopf geschlagen. Was hatte denn das zu bedeuten? Hatte mich Miriam aufsitzen lassen? Oder sagte mir Frank Meadows nicht die Wahrheit? Welchen Grund sollte er haben, mich zu belügen?

»Miriam muss hier sein«, sagte ich eindringlich.

»Wieso muss sie das?«, fragte der Wirt unfreundlich. »Wenn ich sage, sie ist nicht hier, dann ist sie nicht hier.«

»Und sie war auch nicht hier? Ich meine, es könnte ja sein, dass sie schon wieder abgereist ist. Sie ist ein hübsches Mädchen mit langen blonden Haaren.«

Meadows schüttelte den Kopf. »So ein Mädchen habe ich noch nie gesehen.«

Mir war, als versuchte mir jemand den Boden unter den Füßen wegzuziehen. Ich schwankte leicht und setzte mich auf die Bettkante.

»Entschuldigen Sie, Mr. Meadows«, sagte ich. »Aber ich bin etwas verwirrt. Selbstverständlich glaube ich Ihnen, doch es fällt mir nicht leicht. Und ich fange an, mir Sorgen um Miriam zu machen, denn sie ist … meine Schwester.«

 

 

3

Weit haben wir es gebracht, Miriam, dachte ich, als ich allein war. Wenn wir uns sehen wollen, müssen wir uns in einem Nest wie Weston Bay treffen, damit es niemand erfährt.

Der Wirt war dabei geblieben: Weder Miriam Blake noch sonst ein Mädchen hätte sich bei ihm einquartiert.

Ich befand mich allein in dem Versteck, das meine Schwester für uns ausgesucht hatte. Mit einer Verspätung von zwei Tagen war ich eingetroffen, aber immer noch früher als Miriam.

Miriam … Sie war das schwarze Schaf der Familie, und ihr Name durfte zu Hause nicht mehr genannt werden.

Sie hatte das Leben immer sehr leicht genommen, sehr zum Leidwesen unserer Eltern, deren Erziehungsmethoden bei meiner dickköpfigen Schwester völlig versagten.

Vater, ein Mann, der allabendlich in der Bibel las und es nach wie vor bedauerte, nicht Priester geworden zu sein, nannte Miriam missraten, verdorben und hemmungslos.

Er behauptete, sie würde sich jedem Mann an den Hals werfen, suche immer nur die körperliche Liebe und wäre zu einer wahren, aufrechten, innigen geistigen Liebe nicht fähig.

Mutter und ich wussten, dass das nicht stimmte, doch wir konnten es ihm nicht ausreden.

Als Miriam eines Tages Jacques Dupont, einen reichen französischen Lebemann, kennenlernte, verbot Vater ihr den Umgang mit ihm, aber sie war um zwei Jahre älter als ich und setzte sich trotzig über dieses Verbot hinweg.

Sie ging mit Dupont sogar nach Frankreich, und von diesem schwarzen Tag an hatte Vater nur noch eine Tochter, nämlich mich, Cassandra.

Miriam war für ihn gestorben. Er löschte ihren Namen aus seinem Gedächtnis. Es gab sie nicht mehr für ihn. Dass Mutter und ich darunter litten, war ihm gleichgültig. Er verlangte von uns, dass auch wir uns Miriam aus dem Herz rissen.

Ich war erschüttert. So kalt konnte ein Mann sein, der täglich die Bibel las …

Die Romanze mit Jacques Dupont war schnell vorbei. Mutter und ich hatten gewusst, dass das nicht von Dauer sein würde, und vielleicht wäre Miriam nicht nach Frankreich gegangen, wenn Vater nicht so gebrüllt und getobt hätte, denn damit erreichte er bei meiner willensstarken Schwester genau das Gegenteil.

Sie musste wieder einmal ihren Kopf durchsetzen, und sie blieb in Frankreich, nachdem sie sich von Dupont getrennt hatte – vielleicht um sich selbst zu beweisen, dass sie auch allein zurechtkam. Nach Hause zurückzukehren und sich bei Vater zu entschuldigen wäre für sie sowieso niemals in Frage gekommen, dafür war sie viel zu stolz.

Außerdem hätte Vater die Entschuldigung nicht angenommen. Sie hatte seinen Dickschädel, und es war lächerlich, dass er ihr ausgerechnet das ankreidete.

Sie konnte nichts dafür, dass sie dieses Erbstück mitbekommen hatte.

Über Freunde und Bekannte ließ uns Miriam von Zeit zu Zeit eine Nachricht zukommen. Nur Mutter und mir. Vater klammerte sie aus. Als ich meiner Schwester auf dem gleichen verschlungenen Weg mitteilte, dass ich sie gern wiedersehen würde, schlug sie dieses Treffen in Weston Bay vor, und ich freute mich seit Wochen darauf.

Merkwürdig. Bis zuletzt hatte ich befürchtet, irgend etwas könnte schiefgehen. Ich musste meine Abreise dann auch tatsächlich um zwei Tage verschieben, da wir aber eine Woche in Weston Bay verbringen wollten, blieben immer noch fünf Tage.

Fünf Tage mit Miriam. Ich stellte sie mir herrlich vor. Wir würden von früher reden, als Miriam noch zu Hause gewohnt hatte, und ich war begierig zu erfahren, wie es ihr jetzt in Frankreich ging.

Ich vermisste Miriam sehr. Sie war nicht nur meine Schwester und beste Freundin, sondern auch meine beste Vertraute gewesen.

Nie hatten wir Geheimnisse voreinander gehabt. Mit allen Sorgen hatte ich zu ihr kommen können, und wenn es möglich gewesen war, hatte mir Miriam geholfen.

Mein Leben war leer geworden, seit Miriam nicht mehr bei uns wohnte, und bestimmt litt Mutter noch mehr an dieser von Vater erzwungenen und starrköpfig aufrechterhaltenen Trennung.

Er hätte auch mich verstoßen, wenn er erfahren hätte, dass ich mich mit meiner Schwester getroffen hatte, doch von mir würde er es nicht erfahren, und sonst wusste es niemand.

Ratlos saß ich nach wie vor auf der Bettkante.

Allein in Weston Bay …

Sollte ich gleich wieder abreisen, oder sollte ich bleiben und auf Miriam warten? Vielleicht traf sie heute noch ein. Oder morgen.

Ich vernahm ein leises knirschendes Geräusch, drehte mich um und blickte zum Fenster. Befand sich jemand dort draußen?

Der Nebel war inzwischen an Land gekrochen und verdichtete sich vor dem Fenster zu einer undurchdringlichen Mauer.

Da! Wieder ein Geräusch! Ich erhob mich und biss auf meine Unterlippe. Wer trieb sich im Nebel herum?

Mein Herz schlug ein klein wenig schneller. Ich fühlte mich unbehaglich in dieser fremden Umgebung.

Vielleicht ist es Miriam! durchzuckte es mich. Sie ist soeben eingetroffen und sucht im Nebel nun den Gasthauseingang.

Ich ging um das Bett herum, strengte meine Augen an und vermeinte, die schemenhaften Umrisse einer Gestalt zu erkennen.

Jemand stand dort draußen im Nebel.

Es konnte ein Mädchen sein.

Miriam!

Das Mädchen kam näher. Erfreut drang dieses leise Knirschen an mein Ohr.

Jetzt streckte die Gestalt die Hände vor, legte sie auf das Glas. Schlanke Mädchenhände waren es, schmal, mit langen Fingern.

Die Person kam noch näher. Ich sah das bleiche Oval eines Gesichts. Obwohl es von Nebelschlieren verhangen war, erkannte ich, dass es sich nicht um meine Schwester handelte.

Ich hatte eine Fremde vor mir!

 

 

4

Sie zog sich sofort wieder vom Fenster zurück. Zuerst verschwand das verschwommene Antlitz, dann lösten sich die Hände vom Glas. Der Nebel nahm das unbekannte Mädchen auf. Ich konnte nichts mehr von ihr sehen.

Nervös schob ich den Vorhang zur Seite. Einen Augenblick später öffnete ich das Fenster, so schnell ich konnte.

Ich lauschte. Nichts war zu hören, nur mein Herz klopfte ziemlich laut. Da kein Geräusch zu vernehmen war, nahm ich an, dass sich das Mädchen im Moment nicht von der Stelle rührte.

Vermutlich stand sie nur wenige Meter von mir entfernt im dichten Nebel und wartete, bis ich das Fenster schloss, damit sie sich ungehört entfernen konnte.

»Hallo, Sie!«, rief ich so energisch wie möglich. »Ich weiß, dass Sie da sind! Kommen Sie her! Ich möchte mit Ihnen reden!«

Nichts geschah.

»Ich finde Ihr Benehmen reichlich albern!«, sagte ich ärgerlich. »Was soll dieses Versteckspiel?«

Plötzlich hörte ich wieder etwas: schnelle Schritte, die sich entfernten. Dann nichts mehr.

Doch eine Sekunde später klopfte jemand an meine Tür. Ich schloss hastig das Fenster und drehte mich um.

»Ja!«, rief ich heiser.

Die Tür öffnete sich, und Frank Meadows erschien. Er musterte mich misstrauisch und ließ seinen Blick durch das Zimmer schweifen, als suchte er jemanden.

»Bitte?«, sagte ich steif.

»Mir war, als hätten Sie nach mir gerufen«, sagte der vierschrötige Wirt. »Es ist doch alles in Ordnung, ja?«

Ich nickte und versuchte, meine Erregung vor ihm zu verbergen. Dieses Weston Bay war das reinste Geisterdorf.

Da hatte mir Miriam ja etwas Schönes eingebrockt. Wenn sie wenigstens bei mir gewesen wäre, dann hätten sich all die unheimlichen Dinge leichter ertragen lassen.

»Ja«, sagte ich unsicher. »Es ist alles in Ordnung.«

»Was möchten Sie essen?«, fragte der Wirt.

»Was haben Sie?«

»Was Sie wollen. Vorausgesetzt, Ihre Wünsche sind nicht zu ausgefallen. Mit Fasan oder Wildschweinbraten kann ich leider nicht dienen, aber wenn Sie eine gesunde Hausmannskost mögen, werden Sie zufrieden sein.«

»Mir genügt eine Kleinigkeit, irgend etwas«, sagte ich. »Ich muss mich erst akklimatisieren. Morgen ist mein Appetit bestimmt schon größer.«

»Wären Sie mit Bratwurst und Röstkartoffeln einverstanden?«

Ich war es, und ich war froh, dass sich der Wirt damit zufriedengab und sich zurückzog.

Hätte ich ihn fragen sollen, wer das Mädchen gewesen war, das an meinem Fenster erschienen war?

Hätte er mir die Wahrheit gesagt? Mir kam es vor, als wäre ganz Weston Bay in ein riesiges, unüberschaubares Lügengespinst eingehüllt, als wäre das Dorf überhaupt eine einzige große Lüge, eine lebendig gewordene Unwahrheit, ein Nährboden für die Angst, die nirgendwo besser gedeihen und wuchern konnte.

Ich räumte meine Sachen in den Schrank. Die Türen blieben nicht zu. Immer wieder gingen sie wimmernd auf. Im Schloss steckte zwar ein Schlüssel, doch er griff nicht, ließ sich leer durchdrehen.

Ich wusste mir zu helfen, löste das Problem mit einem der beiden Stühle, die zur Einrichtung gehörten.

Zwanzig Minuten später klopfte Frank Meadows wieder und teilte mir durch die Tür mit, das Essen wäre fertig.

»Komme gleich!«, rief ich und schlüpfte in eine bequeme Bluse.

Der Wirt servierte mir das Essen in der Gaststube und ließ mich allein. Alfred Kester war inzwischen nach Hause gegangen. Ich war darüber nicht traurig.

Die Portion war groß und schmeckte gut, aber ich schaffte nicht alles.

Ich kehrte in mein Zimmer zurück. Als ich die Tür öffnete, fuhr mir ein eisiger Schreck in die Glieder, denn der Raum war nicht leer.

Jemand war da!

Ein Mädchen. Vielleicht die Unbekannte von vorhin. Sie starrte mich entgeistert an.

Wobei hatte ich sie erwischt?

 

 

5

»Wer sind Sie?«, fragte ich schneidend.

»Mein Name ist Rebecca. Rebecca Farrow«, antwortete das Mädchen schnell. Sie war billig und einfach gekleidet, trug über dem Kleid eine selbstgestrickte Weste, und ihr Haar war lang, strähnig und rot. Sommersprossen bedeckten ihr nichtssagendes Gesicht.

»Was haben Sie hier zu suchen?«, wollte ich wissen.

»Ich wollte nur kurz nach dem Rechten sehen, ob alles in Ordnung ist. Ich … ich hoffe, Sie glauben nicht, dass ich etwas stehlen wollte.«

»Auf die Idee bin ich noch gar nicht gekommen, aber …«

»Ich bin ein ehrliches Mädchen, ganz bestimmt. Noch nie habe ich mich an fremdem Eigentum vergriffen. Sie müssen mir das glauben.«

»Waren Sie das vorhin am Fenster?«

»N-ja.«

»Ich habe Sie gerufen. Warum haben Sie nicht geantwortet?«

»Ich … weiß es nicht. Es war mir unangenehm …«

»Warum haben Sie mich beobachtet?«

Rebecca schüttelte den Kopf und fuchtelte abwehrend mit den Händen herum. »Nicht beobachtet. Es kommen so selten Fremde nach Weston Bay … Ich war neugierig, ich gebe es zu. Ich wollte nur sehen, ob Sie in Ihrem Zimmer sind. Wären Sie es nicht gewesen, hätte ich mich während Ihrer Abwesenheit rasch hier drinnen umgesehen. Es ist meine Aufgabe, die Zimmer in Ordnung zu halten.«

»Wenn ich Sie recht verstehe, sind Sie hier das Zimmermädchen«, sagte ich.

»Ja, und ich möchte natürlich nicht, dass Sie hingehen und sich bei Mr. Meadows beschweren, weil Ihnen hier irgend etwas nicht passt.«

»Es kommen kaum mal Gäste, und er leistet sich ein Zimmermädchen?«

»Oh, es gibt für mich genug anderes zu tun. Frank Meadows bezahlt mich miserabel. Und jeden Penny lässt er mich sauer verdienen. Sie … Sie werden sich doch nicht bei ihm beschweren?«

»Nein, aber Sie sollten es sich abgewöhnen, wie ein Gespenst umherzuschleichen.«

»Ich werde Ihren Rat beherzigen. Ganz bestimmt, Miss …«

»Blake. Cassandra Blake.«

»Cassandra? Ein ungewöhnlicher Name.«

»Sie sind nicht die erste, die das sagt. Es war die Idee meines Vaters, mich so zu nennen.«

Rebecca bewegte sich seitlich auf die Tür zu. Sie schien sich vor mir zu fürchten. Es war das erste Mal, dass jemand Angst vor mir hatte. Ich konnte es mir nicht erklären.

»Nicht wahr, Sie werden sich nicht über mich beschweren, Miss Blake?«

»Aber nein«, beruhigte ich das Zimmermädchen. »Dafür liegt nicht der geringste Grund vor.«

Sie atmete erleichtert auf. »Ich bin auf diesen Job angewiesen, habe eine kranke Mutter zu Hause. Es ist so gut wie unmöglich, in Weston Bay Arbeit zu finden. Mr. Meadows ist sehr streng mit mir. Sowie ich mir etwas zuschulden kommen lasse, wirft er mich hinaus.«

»Hat er Ihnen das angedroht?«

»Ja, und Sie können sicher sein, dass er das auch tut. Dieser Mann hat kein Herz im Leibe.«

Das Zimmermädchen wollte an mir vorbeihuschen, doch ich griff schnell nach ihrem Arm und hielt sie fest.

»Warten Sie, Rebecca.«

»Ich bitte Sie, lassen Sie mich gehen. Mr. Meadows sieht es nicht gern, wenn ich mich mit den Gästen unterhalte.«

»Warum nicht? Hat er etwas zu verbergen?«

»Das nicht. Es ist nur … Es ist … Ein Zimmermädchen hat eben völlig unauffällig zu sein.«

»Ich möchte Sie etwas fragen, Rebecca.«

Sie versuchte sich zu befreien. »Bitte, Miss Blake. Bitte!«

»Ich bin nach Weston Bay gekommen, um hier meine Schwester Miriam zu treffen«, sagte ich, sie weiter festhaltend. »Mr. Meadows behauptete, sie wäre nicht hier gewesen. Stimmt das?«

»Wenn er es sagt, muss es wohl stimmen.«

»Oh, so sehe ich das nicht.«

»Tut mir Leid, Miss Blake. Ich kann Ihnen nichts sagen.« Es gelang ihr, sich loszureißen, und dann sah sie zu, dass sie ganz schnell verschwand.

Das Sammelsurium merkwürdiger Menschen hatte sich um eine Person vergrößert. Was war los in diesem Dorf? Musste ich mir tatsächlich Sorgen um meine Schwester machen?

Immer mehr war ich von der Tatsache überzeugt, dass Frank Meadows und Rebecca Farrow nicht die Wahrheit sagten.

Miriam war hier!, dachte ich und ballte die Hände zu Fäusten. Aber wie soll ich das beweisen?

Ich schloss die Tür und setzte mich. Hatte mich Rebecca wirklich nicht bestehlen wollen?

Wer war in Weston Bay ehrlich? Gab es so einen Menschen überhaupt in diesem Nest?

Es dauerte eine Weile, bis ich mich einigermaßen beruhigt hatte. Ich fand, dass mir eine Dusche guttun würde, stand auf und zog die Übergardinen zu, bevor ich mich auszog.

Nach der Dusche schlüpfte ich zuerst in mein Nachthemd und dann unter das dicke Federbett.

Doch ich konnte nicht einschlafen. Zu viele Gedanken gingen mir durch den Kopf. Wie schwere Mühlräder drehten sie sich, unermüdlich. Es war egal, ob ich die Augen offen hatte oder ob ich sie schloss.

Ich sah den alten Alfred Kester und hörte ihn wieder diese verrückten Dinge sagen. Mein Geist legte ihm weitere Verrücktheiten in den Mund.

Dann kamen Frank Meadows und Rebecca Farrow zu Wort, und die beiden belogen mich nach Strich und Faden.

Mir war, als befände ich mich in Trance, konnte Wachtraum und Wirklichkeit nicht voneinander unterscheiden.

Da waren unheimliche Geräusche, die ich nicht genau lokalisieren konnte. Flüstern, Raunen, Stöhnen …

Einbildung oder Wirklichkeit? Flüsterte jemand meinen Namen? Etwa gar Miriam? Brauchte sie Hilfe? Wollte sie mich auf sich aufmerksam machen?

Miriam, wo bist du?, rief ich im Geist, doch wie sollte meine Schwester das hören.

»Miriam!« Diesmal kam der Name meiner geliebten Schwester über meine Lippen.

Ich setzte mich auf, bildete mir ein, nicht allein im Raum zu sein, doch die Dunkelheit war so undurchdringlich, dass ich nichts sehen konnte. Nicht einmal die Hand vor den Augen.

Atem!

Hörte ich jemanden atmen? Mir blieb die Luft weg. Mein Gott, wer stand da in der undurchdringlichen Schwärze der Nacht?

Vorsichtig streckte ich die linke Hand aus. Meine Finger berührten den Nachttisch und suchten die Lampe.

Ich stieß mit dem Handrücken dagegen, und Augenblicke später befand sich der Druckknopf unter meinem Zeigefinger.

Was würde ich sehen, wenn ich Licht machte? Würde mich vor Schreck der Schlag treffen?

Die Aufregung schnürte mir die Kehle zu, und die Ungewissheit war kaum noch zu ertragen. Ich musste den Schritt nach vorn tun.

Bevor ich es mir anders überlegen konnte, drückte ich auf den Knopf, und das Licht flammte auf.

Ich hielt die Luft an und riss ungläubig die Augen auf, denn niemand befand sich im Raum. Ich war allein. Ich kann nicht sagen, wie ungemein mich diese Feststellung erleichterte.

Der Hund, den ich schon bei meiner Ankunft gehört hatte, bellte wieder. Es schien nur diesen einen in Weston Bay zu geben.

Viele fremde Geräusche geisterten durch die Nacht.

Ich wagte lange nicht, das Licht zu löschen, sagte mir dann aber, dass ich es nicht bis zum Morgen brennen lassen könne.

Es geht nicht an, dass du bis zum Morgengrauen im Bett sitzt und Wache hältst, sagte ich mir. Sei vernünftig und leg dich hin, damit du morgen früh wenigstens einigermaßen ausgeschlafen bist. Morgen, am Tag, wirst du Weston Bay ganz anders kennenlernen. Wer weiß, vielleicht kannst du diesem einsamen Nest sogar eine sympathische Note abgewinnen. Es kann doch nicht alles mies und trostlos sein, was Weston Bay ausmacht. Irgendeinen Vorzug muss es haben, sonst würden Leute wie Alfred Kester, Frank Meadows, Rebecca Farrow und deren kranke Mutter doch nicht hier leben.

Den Unsinn, dass Weston Bay eine menschenverschlingende Falle sei, verbannte ich aus meinem Gedächtnis.

Ich löschte das Licht und legte mich hin. Ganz tief kroch ich unter die Daunendecke, räkelte mich wohlig und suchte mir die angenehmste Einschlafposition.

Denk an nichts mehr, riet ich mir. Vergiss, was dir die letzten Stunden an Unangenehmem beschert haben. Vielleicht kommt morgen Miriam.

Irgendwo im Haus ächzte der Holzboden. Außer mir schien noch jemand keinem Schlaf zu finden. Unermüdlich wanderte die Person hin und her.

War es das Zimmermädchen? Wohl kaum. Nachts schlief sie wahrscheinlich zu Hause, um bei ihrer kranken Mutter zu sein, falls diese sie brauchte.

War es Frank Meadows? Warum war er so unruhig? Was machte ihn nervös? Meine Anwesenheit?

Er führte ein Gasthaus. Folglich musste er damit einverstanden sein, dass ab und zu Fremde unter seinem Dach wohnten.

Befand sich außer Meadows und mir unter Umständen noch jemand im Haus? Miriam?

Und der Wirt und das Zimmermädchen verheimlichten es mir? Warum?

Wenn nur nicht diese vielen Fragen gewesen wären.

Aber dann übermannte er mich doch, der tiefe traumlose Schlaf, und ich erwachte erst, als es draußen bereits taghell war.

Ich dehnte und streckte meine Glieder, dann wälzte ich mich träge auf die Seite, um die Beine über den Bettrand hinauszuschwingen.

Noch schlaftrunken schob ich die Pantoffeln unter das Bett, als ich sie mit nackten Füßen suchte.

Das passierte mir öfter. Ich stand auf, machte eine lasche Kehrtwendung um 180 Grad und sank auf die Knie, als wollte ich das Bett anbeten oder einen frommen Gruß nach Mekka schicken.

Einen Pantoffel fand ich sofort. Der zweite befand sich nicht ganz in meiner Reichweite.

Fingerdick lag der Staub unter dem Bett.

Rebecca, Rebecca, der Saubersten eine bist du auch nicht gerade, dachte ich.

Details

Seiten
100
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783738924107
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v452300
Schlagworte
gestalt nebel

Autor

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Titel: Die Gestalt im Nebel