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HK Greiff: Perfekte Mörder sind nicht billig

2018 87 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

HK Greiff: Perfekte Mörder sind nicht billig

Copyright

Ein tödlicher Köder

Kein Dank für Lebensretter

Berts Glückstag

Vollmacht für den Tod

Der Mann im Schrank

Die Selbstmörderbrücke

Kein Platz für Probleme

Der Tote im falschen Grab

Besuch bei einer alten Dame

Nicht schießen, Bajazzo!

Perfekte Mörder sind nicht billig

Unterschlupf für zwei Halunken

Lösegeld für den Boss

HK Greiff: Perfekte Mörder sind nicht billig

Kriminalstories von Wolf G. Rahn

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 83 Taschenbuchseiten.

 

- Frank kann die kostspieligen Wünsche seiner Geliebten nicht mehr erfüllen. Doch eines Tages bringt er ihr eine prallgefüllte Tasche zur Aufbewahrung. Leider ist sie verschlossen.

- Martin ist es leid, auf den Tod seines schwerreichen Onkels zu warten. Er hat einen todsicheren, todbringenden Plan, denn niemand ahnt, dass er, der Wasserscheue, in Wahrheit ein ausgezeichneter Schwimmer ist …

- Die anschmiegsame Karina lässt Bert seine beruflichen Sorgen vergessen. Doch bevor es zur erhofften Liebesnacht kommt, baut er einen folgenschweren Autounfall. Folgenschwer auch für Karina …

 

Als Hauptkommissar bei der Mordkommission bin ich zwar nur für die Verbrechen gegen das Leben zuständig. Aber von den Kollegen der anderen Ressorts erfahre ich auch von Einbrüchen, Vergewaltigungen oder Drogendelikten. Eins haben alle Verbrechen gemeinsam: Früher oder später werden sie aufgeklärt, auch wenn die Täter es noch so raffiniert anstellen.

 

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© Roman by Author/ Titelbild: Nach Motiven von Pixabay, 2018

© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

Ein tödlicher Köder

"Bekomme ich nun das entzückende Collier von dir oder nicht?" Ilona Jentes Stimme nahm einen drohenden Klang an. Frank Gasdorf wusste, was das zu bedeuten hatte. Sie setzte ihm wieder einmal die Pistole auf die Brust.

"Eine derartige Ausgabe kann ich mir momentan nicht leisten", bat er seine attraktive Geliebte um Verständnis. "Vielleicht geht es mir in ein paar Monaten finanziell wieder besser."

Ilona griff wütend nach einer Zigarette. "Du bist geizig geworden", stellte sie fest. "Und fantasielos. Du willst doch hoffentlich nicht, dass ich deinem Chef einen Tipp gebe?" Ein lauernder Blick traf ihn.

Frank knirschte in ohnmächtiger Wut mit den Zähnen. Sie wusste nicht mit Sicherheit von seinen früheren Unterschlagungen. Sie ahnte sie nur. Irgendwann, als er ziemlich angetrunken war, musste er wohl eine entsprechende Bemerkung gemacht haben. Das rächte sich jetzt. Ilona erpresste ihn, sobald sie nicht ihren Willen bekam. Das musste endlich aufhören.

"Ich werde mich scheiden lassen", wechselte er das Thema.

Ilona lachte nur abfällig. "Das hast du mir schon hundertmal versprochen. Aber ich weiß genau, dass du dich nie von Barbara trennen wirst. Höchstens sie von dir, falls sie die Wahrheit erfährt."

Wie recht sie hatte! Seine Frau war entsetzlich eifersüchtig, und den Liebreiz früherer Jahre hatte sie leider auch schon längst verloren. Aber einen nicht zu unterschätzenden Vorteil besaß sie. Ihr Vater war sein Chef, und dieser gewährte seinem Schwiegersohn einen leitenden Posten in der Firma. So etwas setzte man doch nicht freiwillig aufs Spiel.

Zwei Tage später tauchte Frank wieder bei Ilona auf. Ohne Collier. Dafür mit einer schwarzen Aktentasche. "Kann ich die für ein paar Tage bei dir unterstellen?", fragte er und machte dabei einen nervösen Eindruck.

Ilona kniff ihre hübschen Augen zusammen. "Was ist denn drin?", wollte sie wissen.

"Geschäftsunterlagen. Eigentlich hätte ich sie schon längst bearbeiten sollen, habe es zeitlich aber noch nicht geschafft. Ich will nicht, dass man die unerledigten Akten in meinem Büro findet. Bei mir daheim kann ich sie unmöglich lassen. Du weißt ja, wie Barbara ist. Sie wühlt ständig in meinen Sachen in der Erwartung, einen Beweis für meine Untreue zu finden."

Barbara nahm die Tasche entgegen und staunte. "Die ist aber schwer."

Frank schmunzelte. "Es sind eben gewichtige Papiere. Übrigens war ich heute beim Juwelier und habe das Collier reservieren lassen. Vielleicht kann ich es dir schon bald schenken."

"Du bist ein Schatz", freute sich die Blondine. Eine Spur von Triumph in ihrer Stimme war nicht zu überhören.

Als ihr Geliebter Stunden später gegangen war, plagte sie die Neugier. Sie versuchte, die Aktentasche zu öffnen. Leider war sie abgeschlossen und widerstand auch allen Versuchen mit einer zurechtgebogenen Büroklammer.

Unerledigte Akten?, zweifelte sie. Vielleicht trägt er sich mit der Absicht, Betriebsgeheimnisse an die Konkurrenz zu verkaufen. Sie lächelte in sich hinein, wusste sie doch genau, dass sie davon profitierte, wenn Frank, auf welche Weise auch immer, Geld heranzuschaffen trachtete.

Als es läutete, glaubte sie, Frank sei noch einmal zurückgekommen. Vielleicht, um ihr nun doch schon jetzt das Collier zu bringen.

Das erwartungsvolle Lächeln erstarb auf ihren frisch geschminkten Lippen, als sie den wenig vertrauenerweckenden Burschen vor sich stehen sah. "Wer sind Sie? Was wollen Sie?"

Der Fremde stieß sie grob zurück und folgte ihr in die Wohnung. Mit einem Schwung flog die Tür ins Schloss. "Ich habe mir sagen lassen, dass bei dir einiges zu holen ist", knurrte er. "Raus mit dem Zaster, aber ein bisschen plötzlich!"

"Bargeld?" Ilona lachte auf, obwohl sie vor Angst schlotterte. Hätte sie doch nur nicht geöffnet! Jetzt galt es, Nerven zu behalten. "Ich habe stets nur ein paar Euro im Haus. Ich könnte Ihnen höchstens einen Scheck ..."

"Sehr witzig", unterbrach sie der Eindringling ungeduldig. "Den kann ich am Wochenende nicht einlösen, und bis Montag hast du dein Konto längst sperren lassen. Versuche nicht, mich für dumm zu verkaufen. Ich weiß genau, dass sich ein Besuch bei dir lohnt." Er bemerkte ihre glitzernden Ohrclips und brachte sie mit einem Ruck an sich. "Scheinen echt zu sein. Hast du noch mehr Klunker?"

"Nicht der Rede wert", behauptete Ilona und hoffte, dass der Gangster ihre Schmuckkassette in der Frisierkommode nicht entdeckte. Sie enthielt einige Präsente von beachtlichem Wert, die sie ihrem Geliebten zu verdanken hatte.

"Vorwärts!" Er drängte sie ins Wohnzimmer. "Wo ist das Zeug?"

Ilona gab ihm widerstrebend ihre Armbanduhr und zwei Ringe. Vor Wut hätte sie ihn am liebsten umgebracht. "Mehr besitze ich nicht", versicherte sie. "Sie können ja nachsehen."

Sein Blick fiel auf die schwarze Aktentasche, die sie noch nicht weggeräumt hatte. "Was ist da drin?", wollte er wissen, während die Schlösser auch bei ihm nicht aufspringen wollten.

"Akten."

Ihr ungebetener Besucher machte kurzen Prozess. Er zog ein Fallschirmspringermesser aus der Tasche und ließ die Klinge herausschnellen. Mit zwei raschen Schnitten schlitzte er das Leder auf und stieß einen überraschten Pfiff aus. "Akten, wie?", höhnte er.

Ilona riss die Augen auf, als sie die Hunderteuroscheine herausquellen sah. Die ganze Tasche war voll davon. Offensichtlich hatte Frank diesmal in der Firma ordentlich zugelangt. Klar, dass er seine Beute nicht daheim aufbewahren wollte. Wenn sie das nur geahnt hätte! "Davon hatte ich keine Ahnung", beteuerte sie wahrheitsgemäß.

"Ich brauche 'ne andere Tasche", blaffte der Gangster.

Während sie das Gewünschte holte, überlegte Ilona fieberhaft, wie sie wenigstens einen Teil des Geldsegens für sich behalten konnte. Frank gegenüber würde sie einfach behaupten, dass der Verbrecher alles mitgenommen hatte.

Mit vor Aufregung feuchten Handflächen beobachtete sie, wie der Mann die knisternden Hunderter hastig in die Einkaufstasche stopfte. Sie musste ihn dazu bringen, für einen Moment wegzusehen.

"Ist da nicht jemand an der Tür?", fragte sie scheinheilig.

Wie gehofft, wandte der Verbrecher misstrauisch den Kopf. Blitzschnell griff Ilona zu, um eine Handvoll Scheine unter ihrem Pulli verschwinden zu lassen.

Aber sie war nicht schnell genug. "Du raffiniertes Luder!", schrie der Eindringling sie an. Er kochte vor Wut. "Wolltest mich reinlegen." Plötzlich hielt er wieder das Messer in der Hand und stach zu.

Augenblicke später verließ er mit der prallgefüllten Tasche die Wohnung. Seinem leblosen Opfer schenkte er keinen Blick mehr.

Erst nach dem Wochenende wurde die Tote gefunden. Sie war nicht zur Arbeit erschienen und meldete sich auch nicht am Telefon. Da niemand in der Nachbarschaft sie während der vergangenen Tage gesehen hatte, in ihrer Wohnung aber Licht brannte, verständigte man die Polizei.

"Was haben wir denn da?" Kommissar Schröter zupfte einen Hunderteuroschein unter dem Leichnam hervor. Er fand noch zwei weitere Banknoten, und auch die aufgeschnittene Aktentasche entging ihm nicht. "Interessant!", murmelte er und überlegte, wie hoch die geraubte Summe gewesen sein mochte und auf welche Weise eine einfache Büroangestellte zu so viel Geld gekommen war.

Ein paar Stunden später tauchte er bei Frank Gasdorf im Büro auf und brachte einen Haftbefehl mit. "Reden wir nicht lange drum herum", sagte er hart. "Wegen Mordes kann ich Sie zwar nicht verhaften, dafür aber wegen Anstiftung zum Mord."

"Sind Sie verrückt?", brauste der Beschuldigte auf. "Ich weiß überhaupt nicht, wovon Sie reden?"

"Von Ilona Jente. War sie Ihre Geliebte? Wurde sie Ihnen lästig? Diese Tasche gehört doch Ihnen, oder etwa nicht? Ich bin sicher, dass wir Ihre Fingerabdrücke darauf finden werden. Genau wie auf den Hunderteuroscheinen, die der Mörder übersah. Übrigens ganz schlechte Arbeit mit einem Farbkopierer. Aber Sie hatten ja auch gar nicht die Absicht, Falschgeld produzieren. Es kam Ihnen nur auf eine flüchtige Täuschung an, die Ihnen ja auch prompt gelungen ist. Wer glaubt schon an wertloses Papier, wenn er auf eine Tasche voller Geld stößt? Ich schätze allerdings, dass der Mörder, dem Sie heimtückisch den Tipp mit der zu erwartenden Beute gaben, seinen Irrtum längst gemerkt hat. Wahrscheinlich wird er trotzdem versuchen, die Blüten in Umlauf zu bringen. Dabei werden wir ihn schnappen."

"Wie kommen Sie darauf, dass ich etwas damit zu tun hätte?", begehrte der andere auf.

"Das von Ihnen verwendete Kopiergerät hat sie verraten", erklärte der Kommissar. "Die Herstellerfirma will die Serie zurückrufen, weil die Farbwiedergabe zu wünschen übrig lässt. In unserer Stadt wurden zum Glück erst drei Geräte verkauft. Eines davon steht bei Ihnen daheim. Dort fanden wir auch das von Ihnen benutzte Papier. Sie haben Ilona Jente einen tödlichen Köder für den Gewaltverbrecher ins Haus gebracht, aber aufgegangen ist Ihre Rechnung doch nicht. Sie haben sie nämlich ohne die Polizei gemacht."

 

 

 

Kein Dank für Lebensretter

"Komm doch ins Wasser, Schatz!", rief Sabine Kappel ihrem Mann übermütig zu. "Es ist ganz flach und angenehm temperiert."

Martin Kappel wehrte erschrocken ab. "Keine zehn Pferde bringen mich da hinein. Und du solltest es auch nicht tun. Ich sterbe jedes Mal vor Angst, wenn du zu weit hinausschwimmst. Wasser ist tückisch und hat keine Balken."

"Dein Mann könnte wirklich schwimmen lernen", fand Sabines Freundin Jutta. "Schon dir zuliebe. Er weiß doch, wie sehr dich der Wassersport begeistert, er ist aber in dieser Beziehung ein richtiger Langweiler."

Sabine lächelte. "Es soll Männer mit weitaus schlimmeren Fehlern geben. Martin liebt mich. Von ihm könnte ich alles haben."

Nun war es Jutta, die lachen musste. "Und wie würde er deine Wünsche finanzieren? Er verdient doch gerade genug zum Leben. Also wirklich, du hättest dich damals für Bernhard entscheiden sollen. Der sitzt jetzt schon im Aufsichtsrat einer Bank."

"Dafür wird Martin eines Tages ein gewaltiger Industriebetrieb gehören", trumpfte Sabine auf, musste sich von der anderen aber daran erinnern lassen, dass Martins Onkel gerade fünfzig geworden war und sich bester Gesundheit erfreute. Die Erbschaft würde also wohl noch einige Jahrzehnte auf sich warten lassen.

Ähnliche Gedanken beschäftigten auch Martin Kappel, der mit nunmehr geschlossenen Augen im Liegestuhl lag. Auf Onkel Ludwigs baldigen Tod brauchte er nicht zu hoffen. Aber was nützten ihm dessen Millionen, wenn er selbst ein alter Mann war? Jetzt wollte er das Leben genießen, jetzt wollte er seine hübsche Sabine verwöhnen. Nicht erst in zwanzig, dreißig Jahren.

Dass sich Sabine vor zwei Jahren für ihn entschied, war sein bisher einziger wirklicher Erfolg. Im Beruf kam er einfach nicht voran.

Doch das sollte sich ändern, und Martin wusste auch schon, auf welche Weise. Onkel Ludwig musste unbedingt demnächst das Zeitliche segnen und seinem Neffen alles hinterlassen, wofür er sein Leben lang geschuftet, intrigiert und zweifellos auch betrogen hatte.

Es würde Mord sein, aber das ließ sich nicht vermeiden. Entscheidend war nur, dass man ihm dieses Verbrechen nicht anhängen konnte. Bei einem derart faustdicken Motiv wurde die Polizei sofort misstrauisch.

Sein Plan stand seit Monaten fest, und genauso lange trainierte er hart dafür. Er lernte heimlich schwimmen. Niemand ahnte etwas davon. Einem Lehrer vertraute er sich aus diesem Grund nicht an. Die Theorie bezog er aus Büchern und durch das Beobachten von Schwimmkursen. Die Praxis folgte dann in einsamen Gewässern, wo ihn niemand kannte. Zudem bevorzugte er die miserabelsten Wetterbedingungen, um möglichst sicher zu sein, bei seinen Ausdauerübungen nicht gestört zu werden.

Es hatte ihn große Überwindung gekostet. Seit seine Schwester als Kind bei einem Badeunfall ums Leben kam, galt das Wasser als sein ärgster Feind. Alle Welt kannte seinen Horror vor dem nassen Element. Dies sollte sein Alibi sein.

Onkel Ludwig gehörte eine prächtige Villa mitsamt der fünfhundert Hektar großen Insel, auf der sie erbaut war. Das Inselchen befand sich vier Kilometer vor der Küste. Der Industrielle hatte sich im Laufe der Jahre viele Feinde und Neider gemacht, von denen ihn einige lieber tot als lebendig gesehen hätten. Auf seinem Eiland fühlte sich Onkel Ludwig sicher. Von hier aus plante er die Aktivitäten seines Unternehmens.

Martin Kappel lächelte still in sich hinein. Er würde nichts überstürzen, sondern geduldig auf den einzig richtigen Zeitpunkt warten, bevor er zuschlug.

Dieser Zeitpunkt ergab sich an einem Wochenende, an dem Sabine bei ihrer Freundin zum Geburtstag eingeladen war. Da es Bindfäden regnete, gab Martin vor, sich in Ruhe seiner Briefmarkensammlung widmen, vor allem sich aber einmal richtig ausschlafen zu wollen.

In Wahrheit fuhr er mit dem Wohnmobil an die Küste und wartete hier auf die Dämmerung. Zwischen den Klippen hatte er bereits vor Wochen einen Taucheranzug versteckt. Diesen zog er nun an, nachdem er sich überzeugt hatte, dass sich kein unliebsamer Zeuge in der Nähe befand.

Ungefähr eine Stunde würde er bis zur Insel seines Onkels benötigen. Ihm graute vor dem von Minute zu Minute schwärzer und bedrohlicher werdenden Wasser. Nur der Gedanke an die Millionen sorgte für die erforderliche Courage.

Körperlich fühlte er sich fit, als er losschwamm. Auf der Haut spürte er die beiden wasserdicht verpackten Waffen, eine flache Pistole und ein starkes Messer mit versenkbarer Klinge.

Er teilte seine Kräfte klug ein, fühlte sich aber dennoch ziemlich erschöpft, als er die Insel erreichte. Sorgsam achtete er darauf, dass er nicht entdeckt wurde. Schlimmstenfalls würde ihn die Taucherbrille unkenntlich machen.

Onkel Ludwig war nicht verheiratet, doch er beschäftigte Personal, das um diese Zeit noch nicht schlief.

Es kam Martin durchaus gelegen, dass er sich noch eine Weile im Schilfgürtel ausruhen und für den strapaziösen Rückweg Kräfte sammeln konnte. Nicht auszudenken, wenn ihn auf halber Strecke ein Schwächeanfall übermannte.

Aus seiner Deckung heraus beobachtete er, wie die Lichter in der Villa nach und nach erloschen. Nun konnte es nicht mehr lange dauern, dann würde Onkel Ludwig vor die Tür treten, um die Stille der hereinbrechenden Nacht zu genießen und wohl auch in Gedanken die heute erzielten Profite zusammenzurechnen.

Die Pistole mit dem Schalldämpfer war schussbereit, als der Ahnungslose tatsächlich erschien. Arglos näherte er sich dem Ufer. Der Heckenschütze zielte mit beiden Händen. Der Onkel durfte keine Gelegenheit finden, Alarm zu schlagen.

Der Wind im Schilf übertönte das gedämpfte Schussgeräusch. Es schien, als würde Ludwig Lammert überrascht stehen bleiben und lauschen. Doch dann sackte er zusammen und rührte sich nicht mehr.

Der Mörder überzeugte sich davon, dass sein Opfer tatsächlich tot war. Dann verharrte er noch einige Zeit, um seiner Erregung Herr zu werden, bevor er sich erneut ins schaurige Nass gleiten ließ.

Pistole und Messer ließ Martin auf halbem Wege auf den Grund des Meeres sinken. Den Taucheranzug wollte er später in mehrere Stücke schneiden und unterwegs in verschiedenen Müllcontainern verschwinden lassen. Der Besitz eines derartigen Kleidungsstückes hätte ihn entlarvt.

Diesmal brauchte er erheblich länger als für den Hinweg. Ein paarmal glaubte er, es unmöglich zu schaffen. Er musste gegen die Strömung ankämpfen, und nur sein hartes Training ließ ihn die mörderische Kraftprobe bestehen.

Niemand beobachtete ihn, als er restlos erschöpft sein Fahrzeug erreichte, sich umzog und heimwärts fuhr, wo ihm der Anrufbeantworter verriet, dass niemand versucht hatte, ihn während seiner Abwesenheit zu erreichen.

Am nächsten Tag wurde er von der Polizei über die Ermordung seines Onkels informiert und mit misstrauischen Fragen bombardiert. Da der Zeitpunkt des Todes ziemlich exakt ermittelt werden konnte und ein sich näherndes Boot bereits von Weitem gesichtet worden wäre, kam für die Tat nur ein ausgezeichneter Schwimmer oder aber jemand vom Personal des Ermordeten in Betracht. Martin schied nach entsprechenden Zeugenbefragungen von vornherein aus.

Er hatte es also geschafft. Niemand schöpfte Verdacht. Auch Sabine nicht, für die er die Tat ja im Grunde begangen hatte. Er liebte seine Frau abgöttisch und freute sich, ihr nun endlich jeden Wunsch erfüllen zu können. Wie glücklich würden sie sein.

Nach mehreren Monaten wurde der Fall ungeklärt zu den Akten gelegt. Es gab zwar viele Verdächtige, denen Ludwig Lammert irgendwann geschäftlichen Schaden zugefügt hatte, doch keinerlei Beweise.

So trat Martin Kappel als einziger lebender Verwandter die Erbschaft an. Da er sich der gewaltigen Aufgabe, den Betrieb weiterzuführen, jedoch nicht gewachsen sah, verkaufte er ihn und hatte mit dem Erlös für den Rest des Lebens ausgesorgt.

Sabine bedauerte zwar die Umstände, unter denen sie zum Reichtum gelangt waren, genoss aber dennoch die ungewohnten Möglichkeiten. Gemeinsam mit ihrem Martin schaute sie sich ferne Länder an. Nur zu einer Kreuzfahrt vermochte sie ihn nicht zu überreden, was bei seiner schon krankhaften Abneigung gegen das nasse Element nur logisch war.

Irgendwann verstummten auch die bösen Zungen, die für denkbar hielten, Martin Kappel könnte einen Killer für seinen Onkel gekauft haben. Damit hätte er sich schließlich erpressbar gemacht.

Trotzdem gab es immer wieder Reporter, die auf irgendeine Sensation im Leben der Kappels hofften. Ihre Hoffnung, die so plötzlich zu Reichtum Gekommenen würden für Schlagzeilen sorgen, erfüllten sich allerdings nicht.

Sabine huldigte verstärkt ihrem geliebten Wassersport. Besonders das Surfen hatte es ihr angetan. In aller Herren Länder ging sie dieser Leidenschaft nach, während Martin an einsamen Stränden auf ihre Rückkehr wartete und sich in dem Bewusstsein sonnte, von dieser zauberhaften Frau wahrhaft geliebt zu werden.

Auch jetzt blickte er wieder übers Meer, auf dem ein grellbuntes Segel tanzte. Die sportliche Sabine war nur mit dem Fernglas zu erkennen. Wie schön sie war!

Doch plötzlich klatschte das Segel aufs Wasser. Der Wind wehte einen dünnen Schrei zu Martin herüber, der entsetzt aufsprang und beobachtete, wie sich Sabine verzweifelt bemühte, über Wasser zu bleiben. Vergeblich. Offenbar lähmte sie ein Krampf.

"Liebling, halte aus!", schrie er außer sich. Sabine war sein wertvollster Besitz. Wenn sie starb ...

Kopfüber stürzte er sich ins Wasser und trieb sich mit kraftvollen Kraulbewegungen voran. Immer wieder hielt er nach der Ertrinkenden Ausschau, ehe er sie endlich zu fassen bekam und zum rettenden Ufer schleppte.

Sofortige Wiederbelebungsversuche zeigten Erfolg. Sabine schlug verstört die Augen auf. "Ich war plötzlich wie gelähmt", berichtete sie und richtete sich auf. Ungläubig starrte sie ihren Retter an. "Du?", stieß sie begreifend hervor. "Du hast mich herausgeholt?"

Martin wehrte bescheiden ab. "Das bleibt unter uns, hörst du?"

Sabine lächelte verkrampft und deutete auf einen Mann in einiger Entfernung, der wie verrückt ein Foto nach dem anderen schoss. "Der Bildreporter, dem du heute Morgen das Interview verweigert hast, scheint uns gefolgt zu sein. Morgen wirst du der Held des Tages sein."

Martins Miene verzerrte sich, als er rau ergänzte: "Ja, und übermorgen wird sich erneut die Polizei für mich interessieren."

 

 

 

Berts Glückstag

Schöner Mist! Von dieser Geschäftsreise hatte er sich mehr erhofft. Aber noch war nicht alles verloren. Er musste Frasche preislich ein wenig entgegenkommen, dann würde der schon noch anbeißen.

"Sorgen?" Eine weiche, klangvolle Stimme riss Bert Mahlig aus seinen trüben Gedanken. Neben ihm schob sich eine atemberaubend aussehende Brünette auf den Barhocker und lächelte ihn hinreißend an.

"Jetzt nicht mehr", meinte er und fragte, was sie trinken wolle. "Genau genommen ist heute sogar mein Glückstag. Ich habe dich kennengelernt."

Ihr Lächeln wurde intensiver. "Ich heiße Karina. Und du?"

"Bert. Kommst du öfter hierher?"

"Nur, wenn ich ganz schlecht drauf bin", bekannte die höchstens 25-Jährige. "Ich habe Zoff mit meinem Freund. Er ist so schrecklich besitzergreifend."

Bert Mahlig nickte düster, als er an seine Ruth daheim dachte. "Das kenne ich", murmelte er und dachte an das Theater, das Ruth veranstalten würde, wenn sie von dem geplatzten Auftrag erfuhr. Das meiste Geld, das in seinem kleinen Betrieb steckte, gehörte ihr.

Sie tranken sich zu, und nach dem dritten Glas ließ sich Karina bereitwillig küssen. "Eigentlich bin ich meinem Stefan ja treu", beteuerte sie. "Aber heute war er so gemein zu mir. Du bist so anders. So verständnisvoll. Deine Frau ist zu beneiden."

Er seufzte. Ruth war da völlig anderer Meinung. Nicht auszudenken, wenn sie ihn hier in der Bar an der Seite dieses Prachtgirls erwischte. Sie würde ihm ordentlich die Hölle heiß machen.

Gegen Mitternacht schaute Karina auf die Uhr. "Willst du schon nach Hause?", wollte Bert wissen.

"Ich muss morgen wieder zeitig raus, sonst feuert mich mein Chef. In zehn Minuten fährt der letzte Bus. Taxis sind um diese Zeit schwer zu erwischen."

"Ich bin mit dem Wagen da", bot Bert spontan an und überlegte, ob sie ihn noch zu einem Kaffee einladen würde.

Karina hängte sich bei ihm ein, als sie die Bar verließen. Sie roch aufregend und war von seiner teuren Limousine, die er in einer Seitenstraße geparkt hatte, schwer beeindruckt. "Bist du Millionär?", kicherte sie beschwipst.

Er gab ihr einen schmachtenden Kuss. "Zumindest fühle ich mich im Augenblick so."

Er erfuhr, dass sie in einem der Nachbarorte wohnte. "Zusammen mit deinem Freund?", hakte er nach.

Sie verneinte, was seine Hoffnungen auf ein paar nette Stunden mit ihr verstärkte. Ruth würde nie etwas davon erfahren.

Die Straßen waren menschenleer. Es regnete leicht. Die Scheibenwischer glitten hin und her.

Als Bert Mahlig das Ortsschild passierte, legte er den rechten Arm um die Schultern seiner zierlichen Begleiterin und zog sie etwas dichter zu sich heran. "Ich mag dich", säuselte er. Hoffentlich nahm sie an dem Altersunterschied keinen Anstoß. Immerhin hatte er die fünfzig bereits überschritten.

Sie kuschelte sich an ihn. "Du bist ein netter Typ", fand sie und sträubte sich nicht, als er sie erneut küsste.

Jäh wurden sie auseinandergerissen. Ein Schlag gegen den Kühlergrill, etwas Dunkles wirbelte über die Windschutzscheibe hinweg. Schreckensweite Augen starrten den Fahrzeuglenker an. "Was war das?"

Details

Seiten
87
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783738924091
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v452299
Schlagworte
greiff perfekte mörder

Autor

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Titel: HK Greiff: Perfekte Mörder sind nicht billig