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Berlin Amour Fou – Sinnliche Affären

2018 466 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Berlin Amour Fou – Sinnliche Affären

Klappentext:

Inhalt:

Der Autor

Sabine

Vera

Renate

Harry und Marie

Maja

Marie und Roberta

Sandra

Maria und Magdalena

Sandra

Renate

Johanna

Betsy

Lena

Cornelia

Steff

Falk

Kathrin

Emma

Anja

Marc

Yvonne

Petty

Amelie

Dzana

Sissy

Blue

Sofia

Martha

Berlin Amour Fou – Sinnliche Affären

 

von Hugo Ventura

 

 

 

IMPRESSUM

 

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© Roman by Author

© Cover: Pixabay mit Kathrin Peschel, 2018

Lektorat: Kerstin Peschel

© dieser Ausgabe 2018 by Alfred Bekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

 

Klappentext:

 

„Berlin Amour Fou – Sinnliche Affären“ ist ein ebenso brillanter wie eleganter erotischer Schlüsselroman über die Berliner Szene und ein Tatsachenbericht mit gefährlichen Konsequenzen. Geschrieben von einem unbekannten Meister seines Fachs.

Hugo erzählt während eines Urlaubs im Winter auf Sylt seiner Freundin Sabine, der Frau, die er liebt, von seinen erotischen Abenteuern und seinen Frauen. Sabine drängt ihn dazu. Mit von der Partie ist Harry, Juraprofessor aus Potsdam, Hugos bester Freund. Nach ein paar harmonischen Tagen keimt in Hugo der Verdacht, Sabine könne ihn mit Harry betrügen. Eifersucht flammt auf. Und die Angst, Sabine könnte mit Hugos Geschichten etwas völlig anderes beabsichtigen, als nur in langen Winterabenden unterhalten zu werden …

 

 

***

 

 

Inhalt:

Der Autor

Sabine

Vera

Renate

Harry und Marie

Maja

Marie und Roberta

Sandra

Maria und Magdalena

Sandra

Renate

Johanna

Betsy

Lena

Cornelia

Steff

Falk

Kathrin

Emma

Anja

Marc

Yvonne

Petty

Amelie

Dzana

Sissy

Blue

Sofia

Martha

 

***

 

 

Der Autor

 

Hugo Ventura ist das Pseudonym eines Berliner Filmkritikers. Er schreibt für große Blätter, aber auch im Netz. Seine Kritiken sind gefürchtet und geliebt. Ein Mann der viel herumkommt und viel zu erzählen hat.

 

 

***

 

 

Sabine

 

Zu Sabines Lieblingsfilmen zählt der Film „Der Mann, der die Frauen liebte“ von François Truffaut. Es geht darin um einen schüchternen Ingenieur namens Bertrand Morane aus Montpellier, gespielt von dem dunklen Charles Denner. Sabine sagt, der Film sei für sie eine Hommage an das Weibliche. Und an die unergründliche Anziehungskraft der Frauen auf Männer, möchte ich hinzufügen.

Bertrand, der die Frauen liebte. Alle und jede einzeln. Und zwar wegen ihrer Beine. Die erste Sequenz des Films besteht aus Aufnahmen von wunderschönen Frauenbeinen. Sie stöckeln alle zum Begräbnis von Bertrand Morane. Ihm wird im Film seine Empathie (vielleicht sogar Obsession) für Frauenbeine zur tödlichen Falle. Und als er ins Grab gesenkt wird, geben die Frauen ihm ein wenig sentimentale Liebe zurück und mit auf den weiten Weg, dafür, dass er ihre Beine und sie selbst liebte, wie nichts anderes auf der Welt. Sabine muss jedes Mal lachen und weinen, wenn sie den Film anschaut. Nur bei ganz großen Filmen können die Zuschauer zugleich lachen und weinen. „Il Postino“ von Michael Radford und „Alexis Sorbas“ von Michael Cacoyannis sind gute Beispiele dafür.

„Los, Hugo, hör’ auf zu zicken und fang’ endlich an“, drängte Sabine. Eigentlich möchte ich keine Geschichten erzählen. Ich bin Kritiker. Und wie alle Kritiker fürchte ich selber nichts so sehr wie Kritik. Wäre ich Filmemacher, hätte ich das eine oder andere aus meinem Liebesleben vor Sabine vielleicht in einem Episodenfilm verarbeitet. Aber darum ging es nicht an diesem Abend. Denn ich sollte mich nicht filmisch ausdrücken sondern in Prosa. Nicht die Passion meiner geliebten Freundin für Filme, schlichte Neugier war die Ursache für ihre Quengelei. Ich sträubte mich wieder einmal anhaltend. Sabine ging in die Küche noch eine Flasche Wein holen, um mich trotzdem zum Reden zu bringen. Dazu zog sie sich nichts über. Harry schnarchte ja im Zimmer nebenan und würde von allem nichts mitbekommen. Ich blickte ihr nach. Welch’ eine Frau! Aber ich bin befangen. Ich liebe Sabine. Und deswegen war mir klar, dass ich irgendwann kapitulieren würde.

Also, die Sache ist so: Sabine versuchte mich schon seit Wochen zu überreden, dass ich ihr von meinen Verflossenen erzähle. Sie war neugierig auf die Frauen in meinem Leben vor ihr. Mir war es immer schon lieber, nichts über Sabines Vorleben zu wissen. Für mich ist Sabine Sabine, egal mit wem sie früher zusammen war. Ich selbst neige wirklich nicht zur Eifersucht. In meinen Augen ist es völlig unnötig, negative Emotionen zu wecken. Aber Sabine war scharf darauf, von mir zu erfahren, wie das mit den Frauen vor ihr war. Ob Sabine tatsächlich nur pure Neugier trieb, wusste ich nicht. Harry, mein bester Freund, meinte: „Es könnt’ sein, dass sie will, dass du mit ’m Erzählen über deine Verflossenen mit denen auch endgültig abschließt.“

„So eine Art Teufelsaustreibung?“

„I red’ net vom Deifi, i red’ davon, dass es sie vielleicht mehr beschäftigt, als sie zugibt.“ Harry war Österreicher, und er verfiel manchmal in seinen Dialekt.

„Was?“

„Na, dass du kaa Juwel männlicher Treue bist.“

„Warst!“, korrigierte ich. Und es war mir sehr ernst damit zu betonen, dass ich Sabine noch nie betrogen hatte. Ich habe nie eine Frau betrogen, solange ich sie liebte. Aber wenn die Liebe langsam und leise verging, dann habe ich mich anderen zugewendet. Und das war kein Betrug. Denn dann bestand ja auch nicht mehr die Verabredung, beieinander zu bleiben. Und meistens habe ich vorher Schluss gemacht, oder ich wurde verlassen, bevor ich mit einer neuen Frau zusammen war.

Während Sabine in der Küche nach dem Korkenzieher suchte, fragte ich mich, wie viel Ehrlichkeit verträgt unsere Beziehung? Wie würde Sabine reagieren, wenn ich ihr beispielsweise erzähle, wie sehr ich Betsy geliebt und wie ich um Anja geweint habe, wie aufregend es war, als mich Lena im Flieger ansprach, wie ich Kathrin angehimmelt habe und wie sexy Steff war? Keine Ahnung, ob ich in eine emotionale Falle laufe. Unbekanntes Terrain. Vermintes sogar?

Es gibt viele Männer wie mich, mit einem Beruf, dessen Attraktivität häufig überschätzt wird. Sie leben in Berlin und kommen herum, reisen, treffen immer wieder neue Leute. Kontakte zu den unterschiedlichsten Frauen lassen sich nicht vermeiden. Deshalb dachte ich, dass meine Erlebnisse nicht so ungewöhnlich sind. Dass die meisten Männer gelegentlich Frauen verfallen oder sie verführen. Je nach dem. Doch Sabine blieb hartnäckig. Bisher ergebnislos, aber heute hatte sie einen Trumpf in der Hand.

Sabine kam mit neuen Gläsern und schenkte ein. „Du hast versprochen, dass du mir auf Sylt ein paar Geschichten erzählst.“

Das war richtig. Jenes Versprechen kam zustande, als wir in einer Bar in der Oranienstraße in Kreuzberg ziemlich viele Mojitos gebechert hatten. Ich hatte das Versprechen abgegeben, um mit Sabine aus der Bar raus in unser Bett zu kommen.

Sabine machte ein finsteres Gesicht und hob die Schwurhand, nachdem sie mir mein Glas gegeben hatte: „Ein Mann ein Wort! Und versprochen ist versprochen! Ich habe mich schon die ganze Zeit darauf gefreut. – Und Harry hat gesagt, dass du eine Menge zu erzählen hast.“

Harry wieder!

„Wann hat Harry das behauptet?“

„Vorgestern oder so.“

Die ganze letzte Woche waren die beiden alleine in einem kleinen Ferienappartement auf Sylt gewesen, bevor ich nachgekommen war. Ich fragte: „Mhm, und was hat er sonst noch über mich gesagt?“

„Nichts weiter. Außer: ‚Hugo ist ein Mann, der die Frauen liebt.‘ Da kannst du dir ja denken, dass ich noch neugieriger geworden bin, oder? Gerade ich!“

Von wem wohl die Idee stammte, mich mit dem Filmtitel in Verbindung zu bringen?

Sie rief: „Überleg’ dir nicht genau Wort für Wort wie du anfangen willst. Das ist kein Artikel für eine Zeitung. Sei spontan.“

„Bschscht! Harry!“ Ich wollte nicht, dass er aufwachte.

Sabine hatte Ansprüche gestellt. Sie erwartet vom mir (Zitat): „Ein wahres, ehrliches Bild von einem Mann und seinen Frauen, etwas über seine heimlichen Phantasien und das alles, was zu Beziehungen und Sex dieses Mannes gehört, egal ob zum Weinen oder zum Lachen. Klartext. Ohne Airbag fürs Gemüt. Ich will einen unverschleierten Blick in dein Inneres.“

„Sabine, meine Frauengeschichten sind kein analytischer Blick auf das Biotop Männerseele.“

„Männerseelen sind meistens ein staubiges Gestrüpp!“

„Wie abstoßend!“

„Nicht alle Männerseelen sind so. Deine Seele ist auch kein Biotop, sie ist wie der Sternenhimmel, rein und klar.“

Ich wusste, dass Sabine es heute Abend drauf anlegen würde gekitzelt zu werden. Ich packte sie, warf sie auf den Rücken, und griff in ihre Flanken. Sie mochte noch so strampeln und kreischen. Ich kitzelte sie, bis wir beiden außer Atem waren. Sabine sammelte lachend die Kissen und Decken vom Boden, ich kümmerte mich um die umgefallene, erloschene Kerze. Harry saß wahrscheinlich senkrecht im Bett, er schnarchte jedenfalls nicht mehr.

„Zur Strafe fängst du jetzt an zu erzählen. Und zwar sofort und von Anfang an“, flüsterte sie.

„Meine zarte Jugend? Das würde dich langweilen.“

„Hugo, mein Lieber, du drückst dich jetzt nicht! Hast du eigentlich schon mal was mit einer Frau in der Redaktion angefangen?“

„Don’t fuck the office“, ein heikles Thema. Ich zögerte. Sabine hakte nach: „Wenn du jetzt leugnest, lach’ ich mich tot.“

Da ich meine Freundin liebte und sie nicht sterben sehen wollte, auch nicht lachend, ließ ich mich breitschlagen und begann mit der Geschichte von Vera.

 

 

Vera

 

„Vera?“

„Sie war eine junge Kollegin, die für ein cooles Online-Stadtmagazin schrieb. Filmkritiken. Sie bat mich um ein Interview. Ganz altmodisch per Fax. Unterschrift „herzlichst, Ihre Dr. V. Myrland. Sofort ist mein Vegetativum angesprungen.“

„Deine vegetativen Nerven haben wegen eines Fax verrückt gespielt? Kann ich den genauen Text haben?“

„Sie hatte ein Foto dazu kopiert.“

„Ein Foto von sich? Sie hätte es auch mailen können, oder? War sie eine alte Schachtel?“

„Wart’ doch ab. Es war nicht nur aus technischen Gründen eine eigenartige Anfrage, sondern auch inhaltlich: wann wird ein Journalist, und dann noch ausgerechnet ein Filmkritiker, jemals um ein Interview gebeten? Es war das zweite Mal in meinem Leben, dass ich ein Interview geben sollte. Mein erstes hatte ich mit der „Ostfriesen Zeitung“, nachdem mein erster und einziger Kurzfilm mit dem Titel „Echo“ beim idyllischen Emdener Filmfest den Förderpreis gewonnen hatte. Jahre her.

Und nun bat Frau Dr. Myrland um ein Gespräch. Damit man nicht aneinander vorbeiläuft, die Stadt ist ja groß, schickte sie ein Foto per Fax. Das Foto war hübsch, aber keine Anmache. Soweit man das bei einem Faxausdruck beurteilen kann, schaute eine knapp 30-Jährige Blonde mit halblangen Haaren und kritisch schräg gelegtem Kopf in die Kamera und kaute an einem Stift. Ihr Lächeln war für meinen Geschmack etwas zu verspielt. Doch Anmache? Ich war neugierig und fand Vera auch spielend mitten im Gewühl vom Bahnhof Zoo am ersten Tag der Sommerferien vor ein paar Jahren.

An unserem dritten oder vierten Morgen, ich erinnere mich nicht mehr genau, ich weiß nur noch, dass es ein Sonntag war, fragte ich sie gespielt beiläufig, ob sie mich mit dem Fax auf ihre äußeren Vorzüge hatte aufmerksam machen wollen?

‚Nein, darauf, dass ich promoviert bin‘, sie lachte.

Ich glaubte den Doktor, aber nicht die Behauptung.“

„Was hat Harry gesagt?“, fragte Sabine dazwischen.

„Harry ist meiner Meinung gewesen. Er fand übrigens Vera so anziehend, dass er sie mehrfach zu einem Interview zum Thema „Das Bürgerliche Recht im Film“ oder so ähnlich überreden wollte.“

„Kam es dazu?“

„Rate mal.“

„Dann wohl eher nicht“, räumte Sabine ein.

„Kurz und gut: Das Interview von Frau Dr. Vera mit mir las sich nicht schlecht. Ich bin seither davon überzeugt, dass es oft nützlicher wäre, einen Kritikerkollegen zu fragen, wenn es um Film im Allgemeinen geht, als selbstverliebte Schauspielerinnen oder bedeutende Regisseure und Autoren.

Unsere Liaison endete in einem Hotel am Meer in Holland. Ein Wochenendausflug, kombiniert mit einer meiner Dienstreisen zu einem kleinen Festival. Ich spürte an der Art, wie Vera meinen Schwanz lutschte, dass sie an einen andren Mann dachte. Als sie Zähneputzen ging, fragte ich, ob sie einem anderen Mann ein Fax mit Foto geschickt habe.

‚Nein. Aber es gibt eine Interviewanfrage bei Udo Lindenberg, und er hat zugesagt.‘

Ich hatte verstanden. Ich behauptete giftig, Lindenberg habe eine Glatze, sein Haarkranz sei falsch und innen am Hut festgeklebt. Vera entgegnete wütend aus dem Bad, ‚Männer mit Glatze haben einen höheren Testosteronspiegel.‘

Das ist richtig. Sie erklärte wortreich, dass sie nicht die geringsten Ambitionen habe, mit jedem Interviewpartner ins Bett zu gehen, und für wen ich sie denn halte?

‚Bei uns im Blatt schickt man keine Jungredakteure …‘

‚Jungredakteurinnen!‘

‚… zu Stars.‘

‚Bei uns schon, man baut junge Leute auf. Wir sind cool.‘

Ein Wort gab das andere. ‚Und außerdem schicke ich mein Bild nur an Typen, die sich nicht in einem Café, sondern am Bahnhof mit mir treffen wollten.‘

Doch ich greife vor. Ich wollte von einem kühlen, hellen Sommersonntagmorgen in Veras kleinen Schöneberger Hinterhofwohnung erzählen, deren Fenster fast vollständig von einem wuchernden Ahorn zugewachsen waren. Damals hatte Udo Lindenberg noch keine Interviewanfrage von Vera auf dem Tisch.

Vera saß nackt im Bett, im Schneidersitz. Ich sah sie zum ersten Mal mit Brille. Und ich wusste in diesem Moment, dass ich in Veras Herz angekommen war.

Ich bin davon überzeugt, dass jede Frau so ein No-go hat. Heutzutage sind sie zwar so drauf, dass sie mit dir über fast alles sprechen. Sowieso darüber, wann sie ihre Tage haben und welche Symptome vorher auftreten und erst dann, wenn es losgeht und über die Beziehungen der Vergangenheit (eingeschlossen, die gerade endende). Aber über ihre Brillen, ihre Lockenwickler oder heimliche Laser- oder Zellulitetherapie schweigen die meisten Frauen beharrlich. Und wer sich zu chirurgischen Korrekturen hinreißen lässt, oder Botox spritzt, verheimlicht das gegenüber jedem Mann ausgenommen dem Arzt.

Der Anblick einer Brille am Sonntag gegen elf auf der Nase einer hübschen Frau, die vorher ihre Brille nie erwähnt hat, ist ein Tabubruch und ein Liebesbeweis zugleich. Ich habe Vera mit ihrer randlosen, viel zu schmalen Brille in diesem Moment unglaublich sexy gefunden. Bestimmt war es das damit unbewusst verbundene Signal: ‚Schau her, ich liefere mich dir aus, dir und deinen Blicken und deinen verdammten Vorurteilen.‘“

„Als ob du Vorurteile hättest“, spottete Sabine.

Ich ließ mich nicht beirren: „Ich war in Veras Bann. Nicht wegen ihrer im Schneidersitz weit gespreizten Beine, zwischen denen, eingebettet im weichen blonden Flaum ihre rosa Schamlippen zu sehen waren, nicht ihre altersgemäß sehr straffen, runden Busen, nein die Brille … ich konnte mich nicht losreißen.

Vera bemerkte das natürlich sofort und fragte so beiläufig wie möglich, ob was los ist. Ich ließ den grünen Tee grünen Tee sein, ging zu ihr und legte sie auf den Rücken und fickte sie durch. Einfach nur rambamrambam. Bis sie kam. Und sie hielt dagegen und klammerte sich an mich, bis ich kam. Es war das intensivste Abspritzen mit Vera. Als wir endlich voneinander lassen konnten, zuckte sie zusammen und flüsterte: ‚Um Gottes Willen, meine Brille.‘ Zack war die Brille unter dem Kopfkissen verschwunden. Das Spiel war für dieses Mal beendet. Aber ich konnte Vera ohne große Mühe davon überzeugen, in gewissen Stunden wieder die Brille aufzusetzen.

Veras Körper war makellos. Wie ihr promovierter Kopf. Ich liebte es, dass sie auf alles eine gescheite Antwort hatte. Und ich liebte ihre ungemein glatte Haut. Ich habe so etwas nie wieder gesehen. Kein Leberfleck, kein Muttermal, keine Unreinheit und schon gar kein Pickel.

Nur eine unserer Starschauspielerinnen, die ich hier einfach Emma nenne, um jedes Gerücht zu vermeiden, nur sie hat eine vergleichbar makellose Haut. Ich weiß es, weil ich eine kurze Affäre mit ihr hatte. Aber Emma hat ein drolliges ziemlich großes Muttermal auf einem Busen, ich erinnere mich heute nicht mehr genau ob auf der linken oder rechten Seite. Es störte die Harmonie und war gerade deswegen so wunderbar. Trotzdem war das Muttermal der Grund, weshalb sich Emma nie vor der Kamera auszog.

Aber Veras Damenbart! Auch echte Blondinen können Damenbärte haben. So spärlich Veras Haarwuchs zwischen ihren Beinen war, so stark spross das Haar auf ihrer Oberlippe. Gleichgültig was Vera dagegen unternahm, es kam unweigerlich der Tag, an dem es beim Küssen kratzte.

Und ich hatte an diesem Tag zum ersten Mal im Leben das Gefühl, einen Kerl zu küssen. Und zwar mitten auf den Mund.

‚Man gewöhnt sich an alles‘, sagte Harry. An Männerküsse würde ich mich nie gewöhnen.

Harry: ‚Schade eigentlich.‘ Er wollte mich natürlich hochnehmen.

An Veras Küsse gewöhnte ich mich schon. Denn sie behandelte ihre Problemzonen auf der Oberlippe mit Wachs oder Chemikalien und alles war wieder weich und weiblich.

 

Dr. Vera war nicht nur klug, sondern auch noch eine Schönheit. Ich hatte vorher noch nie so eine schöne Frau wie Vera. Ich war stolz wie Bolle. Und verliebt wie ein Pennäler. Aber die Geschichte dauerte nicht sehr lange.“

„Aber doch nicht wegen ihres Damenbarts.“

„Ich habe doch gesagt wegen Udo Lindenberg.“

Sabine grübelte und schwieg. Schließlich fragte sie in die Dunkelheit: „Was war der wahre Grund, dass sie Schluss gemacht hat? Sag’ die Wahrheit, Hugo.“

„Weil sie opportunistisch war. Menschen sind so.“ Ich gähnte.

„Oder weil Frauen immer dem noch mächtigere Alphatierchen verfallen?“ Sabine provozierte.

„Wenn du es sagst.“

Sabine unbeirrt und sarkastisch: „Der grooooße Kollege Hugo Ventura! Der Mann, der jede Woche den prominentesten Film vor die Feder bekommt. Der Schöngeist, immer in intellektuelles Schwarz gekleidet. Unser aller Chefkritiker, vor dem die Filmleute in Babelsberg, Cannes und Venedig zittern, Ventura, der bei der Eröffnung der Berlinale von Dieter Kosslick persönlich auf den Roten Teppich begrüßt und umarmt wird, wenn die Kameras laufen.“

„Dieter umarmt jeden, den er kennt“, knurrte ich.

„Was ist Udo gegen dich? Vera hätte in Deinen Windschatten doch eine schöne Karriere machen können.“

„Sie arbeitet jetzt bei der Presse von Grönemeyer. Und zwar nicht weil sie mit ihm schläft, sondern, weil sie einen guten Job macht, wie man hört.“

„Da siehste mal … du und Vera … eigentlich schade.“

 

 

Renate

 

„Bei ‚schade eigentlich‘, fällt mir Renate ein. Renate in Baden-Baden. Das hat auch was mit meinem Job zu tun. Renate sagte nach jedem passenden oder unpassenden Satz ‚schade eigentlich‘. Darüber kamen Renate und ich in einer idyllischen Weinwirtschaft ins Gespräch. Über zwei Tische weg. Sie hatte mich angesprochen, weil sie an meinem Badge sah, dass ich beim örtlichen Fernsehfilmfestival war. Renate interessierte sich „rasend“ für Fernsehen und Filme, ‚schade eigentlich‘, dass sie in einer anderen Branche unterwegs war.

Sie sah überhaupt nicht wie eine Buchhalterin aus, geschweige denn wie eine „vereidigte Buchprüferin.“ Nur der gedeckte Hosenanzug passte zum Beruf. Sie erzählte mir später, dass selbst gestandene Manager vor ihr zitterten, wenn sie in die Bücher schaute. Zu ihrem Leidwesen war sie nicht beim Finanzamt. Der Tremor, den Betriebsprüferinnen vom Finanzamt bei gestandenen Männern auslösen, ist noch hochfrequenter, denke ich.

Harry meinte, als ich ihm von Renate und dem Tremor der Männer bei ihrem Erscheinen erzählte, dass sie eine gute Domina abgeben würde. Und so wie ich die Sache schilderte, könne es sogar sein, dass Renate zu jenen Dominas zählen könnte, die bei der Ausübung ihres Berufes eine perverse Lust empfinden. Ich glaube Harry wirklich nicht alles, aber so wie ich Renate lächeln sah, wenn sie über die Einschüchterung von Männern sprach, wenn ich beobachtete, wie ihre Zunge die Lippen dabei netzte – an Harrys Theorie war anscheinend doch was dran.

Wir waren nur vorübergehend in Baden-Baden. Sie zu einer Buchprüfung, ich zum Festival. Vertretungsweise für den Kollegen Muser von unserer Medienseite. Eigentlich weiß keiner in Baden-Baden, dass Festival ist. Festival ist auch die falsche Bezeichnung für dieses Familientreffen im Kurhaus. Hier gibt’s keine roten Teppiche und die Preisverleihungsveranstaltung fällt aus wie eine Gemeinschaftsproduktion vom örtlichen Lions Club und der Volksbank. Irgendwie gut gemeint, aber trotzdem sympathisch daneben.

Es gibt keine Türkontrollen bei den Filmvorführungen, und man kann deswegen Leute mitbringen. Nur den Mantel muss man an der Garderobe abgeben, darauf achtet eine Aufsicht. Die Veranstaltungen finden im Kurhaus und nicht im Kino statt. Die Filme werden gebeamt oder laufen in HD auf Flachbildschirmen. Nicht alle, aber viele Stars und Sternchen kommen. Renate bestaunte die Größen der Mattscheibe. Sie hielt mich für einen ganz großen Kotzbrocken in meinem Job, weil einige der Anwesenden mich demonstrativ schnitten oder angifteten. Doch das ist bei einem Kritiker auch auf einem so sympathischen Festival total normal. Nur zwei oder drei Fernsehredakteure und eine Regisseurin kamen und schleimten herum.

‚Schade eigentlich‘, fand Renate, ‚dass du so schlechte Karten bei diesen tollen Leuten hast‘, und es kostete mich später an der Bar von „Brenner’s Parkhotel“ ziemlich viele Drinks und viel Überredungskunst um sie trotzdem ins Bett zu bekommen.

Renate gehört zu dem Typ Frau, der ins Bett gequatscht werden muss. Diese Frauen senden nur kleine oder kryptisch verschlüsselte körperliche Signale aus. Ihr Interesse an einem Mann ist deshalb nicht weniger intensiv als bei anderen. Renate erzählte mir später einmal, dass sie als kleines Mädchen im Auto ihrer Eltern gerne den nackten Hintern an die Seitenscheibe gehalten und sich herrlich darüber amüsiert habe, was passierte, wenn sie auf der Autobahn überholt wurden. Aufmerksamkeit überall. Besonders bei den Eltern. Sie waren beide Lehrer und noch im Dienst, als ich mit Renate ein Verhältnis hatte. Ich lernte die beiden als sehr vernünftige Menschen kennen und konnte die damaligen Sorgen um ihre Tochter verstehen. Aber die Sorgen waren, wie so oft im Leben, langfristig gesehen, überflüssig.

Aber als kleines Mädchen brachte Renate ihre Pädagogeneltern mit der Nummer mit dem Hintern an der Seitenscheibe zur Verzweiflung. Und als Renate in das Alter kam, in dem sich Mädchen für ihre Sexualität zu schämen beginnen, begann sie sich auch dafür zu schämen, dass sie jede Gelegenheit genutzt hatte, ihren nackten Hintern an die Seitenscheibe des Autos ihrer Eltern zu halten. Sie schämte sich und äußerliche Zurückhaltung wurde zu ihrem sexuellen Prinzip.

Frauen wie Renate kleiden sich nicht auffällig, schon gar nicht sexy. Das hat aber nichts damit zu tun, wie ihre erotischen Bedürfnisse und Praktiken sind. Sie stellen sie nur nicht aus wie beispielsweise Maulhuren. Sie leben sie aus, wenn sich die Gelegenheit dazu gibt und ein Mann den richtigen Moment trifft. Ihr wacher Verstand will nicht erobert werden, eher phantasievoll eingelullt. Komplimente müssen in homöopathischen Dosen verabreicht werden und auf alle Fälle stimmen. Jeder noch so kleine falsche Ton oder jede noch so beiläufige Kritik an ihrem Äußeren hätte bei Renate eine seelische Kettenreaktion nach sich gezogen bis zurück zu den Zeiten, als ihr Vater sich nicht anders zu helfen wusste, und ihr den nackten Hintern vertrimmte, als wieder Mal ein Lieferwagen fröhlich hupend am elterlichen Volvo vorbeizog.

Der Flirt mit Renate in Baden-Baden war eine Gratwanderung. Und dann gab’s einen Minislot, auf dem man bei einer Frau wie ihr landen kann. Genau getimt wie die Landung eines Linienjets. Wer zu spät küsst, den bestraft sie mit einer knappen Kopfdrehung. Wer zu früh kommt, hat sowieso verloren. Aber Alkohol und einfühlsame Gespräche verlängern den Slot. Ich hatte gegen halb fünf morgens den Eindruck, dass ich mit dem richtigen Neigungswinkel im Landeanflug war. Renate hatte genügend getrunken. Es musste aber erst mal eine rationale Begründung her, sich gemeinsam aus der Bar zu entfernen.

„Uff, ich muss“, Blick auf die Uhr, „nachher früh raus. Arbeiten.“

„Ich auch.“ Treffer! Renate schnappte ihre Handtasche und fragte noch einmal, ob sie sich an den Kosten für die Drinks beteiligen solle. Natürlich nicht.

Air controll to Hugo: Take your chance.

Ich erwischte den richtigen Zeitpunkt im Aufzug im Brenner’s, wo bekanntlich kleine Bänke stehen, damit sich das gesetzte Klientel währenden der gemächlichen Fahrt ausruhen kann. Ich küsste sie. Und Renate setzte sich auf die Bank im Aufzug und öffnete spontan die Beine, um mir ihre Unterwäsche unter dem strengen schwarzen Kostümrock zu zeigen. Die Wäsche sei von Agent Provocateur erklärte sie mir mit schwerer Zunge. Ich nutzte die Chance, sie so gut es im Aufzug ging aus der Nähe zu bewundern. Und das was darunter verborgen war, flüchtig zu berühren, bevor im dritten Stock ein betagtes Ehepaar zustieg, das auf dem Weg zum Pool war, denn der junge Tag hatte über der Kurstadt schon lange begonnen.

Renate zeigte mir auf dem Zimmer ausführlich ihre Wäsche und ihren Körper. Er war sehr gepflegt, schlank, nur ein wenig grobknochig. Sie zeigte mir jeden Zentimeter, jede Falte, jeden Muskel. Immer wenn ich etwas an ihr bewundern wollte, um die Sache zu beschleunigen, bat sie mich zu schweigen und erzählte mir was sie an ihrem Körper nicht mochte. Manche Frauen machen das sehr gerne, weil sie von dem Mann Widerspruch und ein positiveres Urteil erhoffen. Die meisten Männer sind aber heuchlerisch, man will ja mit der Dame schlafen und ist zu Komplimenten und Kompromissen in den langen Minuten vor Beginn des Vorspiels bereit.

Und oft ist es dann noch so, dass einem Mann an einer Frau andere Dinge gefallen als ihr. Harry meint, dass man das besser überhaupt nicht sagt, sondern nur irgendwie zustimmend seufzt. Für Renate war diese morgendliche Demonstration ihrer Physis reine Exhibition. Sie war endlich wieder das kleine Mädchen, das mit seinem Körper Aufmerksamkeit erzeugte. Das war rührend. Anrührende Gefühle sind schlecht für den Sex.

Als Renate mich wie beim Doktorspielen untersuchte, war meine Erektion lange vergangen. Aber Renate war ein pflichtbewusstes Mädchen. Sie versuchte mit ihrem Mund meinem Schwanz wieder Energie einzublasen. Das gelang nur unvollständig. Und als ich sie endlich vögelte, war ich froh, dass ich schnell kam und alles in das verwurstelt an mir hängende Kondom gegangen war und nichts daneben. Denn Renate bestand darauf, dass der Mann auf alle Fälle in ihr kommt.“

„Ist ja auch ein schönes Gefühl“, warf Sabine dazwischen und kuschelte sich noch etwas enger an mich.

„Bei einem Kaffee im Kurhaus gegen 14 Uhr erzählte mir Renate, dass sie verheiratet war. Mit einem wesentlich älteren Mann. Sie lebte mit ihm auf dem Land nördlich von Berlin. Sie sagte, sie liebe ihren Mann. Und sie erzählte mir, dass er für sein Alter ausgesprochen viril sei. Ständig einen Ständer in der Hose. Sie haben es schon überall getrieben. Am irrsten, sagte Renate, war es in einer Vierergondel beim Skilaufen in Dorfgastein bei 20 Grad Minus. Wenn man so etwas als normaler Mann hört, kann man nur neidisch staunen. Ich fragte sarkastisch, ob der Gatte denn als Pornostar wirkt. Das war zwar beruflich nicht mein Filmgenre, aber ich könnte ja mal in einen Streifen reinschauen … Renate nahm das erstaunlicherweise nicht krumm und antwortete:

‚Er ist ein hohes Tier beim Finanzamt Körperschaften zwo in Tiergarten.‘ Hier fehlte ausnahmsweise das ‚schade eigentlich‘.“

„Also der perfekte Mann?!“

„‚Schon, aber er kommt nie, weder in mir noch sonst‘, sagte Renate. ‚Er hat kein Ejakulat und kommt nie. Er hatte einen Hodentumor. Wenn man den radikal operiert, treten oft solche paradoxen Nervenschäden auf. Bollenharte Erektion aber kein Sperma. Schade eigentlich.‘

‚Soweit ich weiß, ist man auch noch mit einem Hoden zeugungsfähig. Mein Freund Harry kennt einen, der kann ein Lied davon singen.‘

‚Das Ejakulat meines Mannes geht in die Blase. Folge der Operation. Das Einzige was mir mein Mann nicht geben kann ist Samen im Bauch. Kannst du verstehen, dass ich nichts mehr vermisse, als wenn Männer in mir kommen‘, sagte Renate und biss in ihr Croissant. ‚Deswegen war ich dir gewogen.‘“

Sabine unterbrach: „Sie sagte ‚gewogen‘? Oder hast du das jetzt erfunden?“

„Ich habe sie extra noch gefragt, wie sie zu der Formulierung ‚gewogen‘ kam.“

„Es ist eigentlich schön altmodisch.“

„Genau das hat Renate geantwortet. – Sie verlor sich dann in Details wo, wann und wie sie es besonders mochte, wenn ein Mann in ihr kam.

‚Ich mag aber überhaupt nicht, wenn sich einer einen runterholt, wenn ich ihm meinen Körper zeige‘, fügte Renate hinzu. Das war wieder einer jener Augenblicke, in denen ich wusste, ich werde Frauen nie richtig verstehen.“

„Nicht wirklich“, spottete Sabine.

„Ich verdanke Renate einige aufregende vaginale Ejakulationen und verschiedene Steuertipps, die sogar an Steuerhinterziehung und Steuerbetrug grenzten, aber halt nur daran grenzten. Renate verstand mich gut, nachdem ich ihr erklärt hatte, warum die Stars mich schnitten, weil sie als Buchprüferin auch immer ihr Bestes gab und dafür nicht immer so gemocht wurde, wie sie es sich vorstellte.

Unser Verhältnis dauerte nicht sehr lange.“

„Dein Schicksal, Hugo Ventura. Aber ich habe mehr verdient!“

So spricht die Frau, die mich liebt!

„Ich weiß nicht, ob ihr Gatte uns auf die Sprünge gekommen ist oder Renate einen besseren Ejakulator gefunden hat. Eines Tages war ihr Handy abgeschaltet, wenn ich anrief, und meine Mails an ihre Privatadresse bleiben ohne Antwort. Ich war mir keiner Schuld bewusst. Ich hatte ihren Körper immer vorsichtig bewundert, den immersteifen Schwanz ihres Mannes aus meiner Vorstellungswelt gestrichen und jedes Mal in ihrer Vagina abgespritzt wo und wie es ihr passte. Sie liebte ihren Mann, hatte sie gesagt. Vielleicht hat er sich operieren lassen, um den Blutstau im Schwellkörper zu beseitigen und dem Ejakulat Bahn zu brechen?“

Sabine: „Sie hat wahrscheinlich auch ohne dich ein ausgewogenes Sexualleben. Immer mit Höhepunkten. Mach’ dir einfach keine Sorgen.“

„Und ich?“

„Du hast doch mich“, sagte Sabine und streichelte mich und schaute mir tief in die Augen. Wenn mir Sabine direkt tief in die Augen schaut, bekommt sie ein Silberblick. Wunderbar! Ich muss mal Harry fragen, warum wir Männer Frauen mit Silberblick besonders sexy finden.

Nachdem ich mich für Sabines Streicheln und in die Augen schauen bedankt hatte, kam ich noch mal auf Renate zurück.

„Wir hatten übrigens ein kleines Revival. Zwei Jahre später ging Renate plötzlich mit unseren Geschäftsführern und dem Prokuristen über den Flur der Redaktion. Wahrscheinlich mussten unsere Bücher geprüft werden. Jetzt trug sie zu ihrem Hosenanzug eine getönte Brille. Ich nickte, sie lächelte, ich sah ihr nach und malte mir aus, wie sie heute Morgen beim Duschen vor dem Spiegel gestanden haben mochte, um ihren Körper kritisch zu begutachten und welche Gedanken ihr durch den Kopf gegangen sein mochten, als sie vor ihrem Wäscheschrank stand. Denn sie konnte ja annehmen, dass sie mich irgendwo im Haus treffen würde. Am Ende des Flurs dreht sie sich flüchtig um, warf ihre Haare aus dem Gesicht, nahm die Brille ab und lächelte mir noch einmal zu.

Als in mein Büro ging kam eine SMS: „Agent Provocateur, dunkelrot, schwarze Spitze.“ Ich bekam keine Chance, es zu checken. Schade eigentlich.“

 

 

Harry und Marie

 

Am nächsten Tag gingen wir über die Dünen ans Meer spazieren und kamen schnell wieder zurück, weil die Brandung donnerte, es viel zu kalt war und der Wind durch alle Nähte unserer Kleider zog. Harry spendierte in einer Kneipe an der Straße zum Hörnummer Hafen einen heißen, aber schlecht gebrauten Grog. Dann liefen wir gegen den steifen Westwind gebeugt zurück in unsere Unterkunft. Jeder verzog sich in eine Ecke. Es war gemütlich und still, wenn man vom Windgeheul absah. Ein Geräusch, das Stadtmenschen lieben, wenn sie im Warmen oder im Kino sitzen.

Es dämmerte bereits. Mein Freund Harry ruderte mit den Armen, um auf sich aufmerksam zu machen. Ich nahm die Ohrstöpsel heraus und drückte auf „Pause.“ Harry sagte, dass es langsam zu dunkel wird zum Lesen und fragte, ob ich etwas dagegen hätte, wenn er das Licht anmache. Hatte ich nicht.

Er stand auf und knipste die Lampe an. Ich nickte Harry zu und sah durch das bodentiefe Fenster auf kahle Dünen. Sie wirkten in der Dämmerung wie das lässig ausgebreitete Fell eines Raubtiers. Ocker mit braunen, silbernen und schwarzen Flecken. Ich wollte mich wieder dem Bildschirm meines Notebooks zuwenden und die Kopfhörer aufsetzen.

„Da! Schau her“, rief Harry fassungslos.

Er löschte wieder das Licht, damit man besser nach draußen sehen konnte. Es schneite. Damit man in der Dämmerung die Flocken erkennen kann, muss das Gestöber dicht genug sein. So war es. Der Wind trieb plötzlich Schnee fast waagrecht am Fenster entlang von West nach Ost. Von der offenen See zum Wattenmeer hinüber. Hinter einem geflochtenen Holzzaun, der den Gästen im Sommer Windschutz bot, verwirbelte sich der Schnee und verklebte schnell die Lücken. Die Briese hatte weiter aufgefrischt und brach sich mit einem summenden Geräusch an der Hauskante. Eine Blumengondel mit erfrorenen Herbstastern legte einen weißen Schleier um.

Harry hielt vor Staunen den Atem an. Schnee auf Sylt! Mein Freund Harald (Harry) Quehenhofleitner kam wie gesagt aus Österreich. Er konnte nicht glauben, dass es auf Sylt Schnee gab, jedenfalls so viel, dass auch ein Österreicher von Schnee spricht, ein Mann aus dem Land, das dem Kosmos unzählige Weltmeister und Olympiasieger in den weißen Disziplinen geschenkt hat. Schon als wir nach meiner Ankunft mit der Bahnverladung in Westerland auf der Insel von Harrys iPhone den aktuellen Wetterbericht bei einem Cappuccino ablasen, zog er in Zweifel, ob es dieses winterliche Phänomen an der See überhaupt gäbe. Schnee? Nordsee?

Harry, Grönland und die Polkappen liegen auch am Meer!

Trotzdem staunte er nun über die langen weißen Fahnen vor dem Fenster und den Schneenestern in den Winkeln der Terrassenverkleidung, wo sich im Sommer und Herbst der Flugsand von den Dünen verfängt.

Harry klapperte mit Tassen und Unterteller und goss mir und sich Tee ein, den er kräftig mit karibischem Rum gewürzt hatte. Ich bedankte mich, pustete ein wenig in die Tasse und klappt mein Laptop wieder auf. Gerade, als ich auf „play“ drücken wollte, wendete sich Harry mir zu und fragte:

„Hugo, bist’ schon mal eingeschneit gewesen?“

„Nöö.“ Harry sollte eigentlich wissen, dass ich Berlin im Winter selten verlasse. Viele sehen das als Fehler an. Sie flüchten in die Berge oder in die Tropen. Harry gehört zu den Leuten, die Berlin im Winter nicht aushalten. Er erzählte mir dass er vor ein paar Jahren in Zürs im Hotel „Valluga“ länger als eine Woche eingeschneit war.

„Hört sich romantisch an“, sagte ich und versuchte mich auf den Film zu konzentrieren, den ich auf meinem Rechner ansehen musste, weil ich wegen meines Urlaubs nicht in die Pressevorführung gehen konnte.

Harry verbrannte sich die Zunge am heißen Tee, dann knurrte er: „Es war zur selben Zeit als eine Lawine in Galtür, nur ein paar Kilometer Luftlinie entfernt mehrere Häuser und über 30 Menschen weggerissen hat. Da geht dir ganz schön der Reiß’n, wenn sie di net aus dem Hotel lassen und über dem Haus die Lawinenschutzgitter langsam im Schnee versinken.“

„Halt’ dich bloß von den Dünen hier auf Sylt fern“, lachte ich.

Harry stellte seine Tasse auf den Tisch und ging in die kleine Küche, um sich den Mund mit kaltem Wasser auszuspülen. Er rief:

„… mit Marie in einem Hotel, aus dem man nicht raus darf!“

 

Marie Quehenhofleitner-Stiegler war Österreicherin wie der Herr Gemahl und sagte immer Sätze, die man so nicht von ihr erwartet.

Wenn Harry sie fragte: „Schatzi (Österreicher sagen das oft), hast’ a mal für den Obdachlosen zwei Euro?“

Dann antwortete sie: „Schau’ an, wie die Wolken am Himmel fliegen – und kannst du mir bitte sagen wie viel Uhr es ist?“ Aber sie gab ihm die Münze. Harry bewunderte die Wolken und sagte ihr die Uhrzeit und Marie antwortete: „Weißt’ Harry, eigentlich ist es völlig egal, wie viel Uhr es ist. Wir ändern die Zeit eh nicht. Und auch die Wolken vergeh’n.“

Marie war ein heiterer Mensch voller Phantasie.

Okay, ich wusste, dass Marie grundsätzlich nie mit dem Aufzug fuhr, nie flog, sich vor Höhen über drei Meter fürchtete und immer nachsah, ob sich Türen von innen öffnen lassen. Marie beim Skifahren, wo man Lifte und sogar Seilbahnen benutzt … undenkbar. Und dann noch eingeschneit! Die arme Marie! Marie konnte nicht still sitzen, war sehr praktisch veranlagt und erzählte gerne Geschichten aus ihrem Leben in rasender Geschwindigkeit. Öfter mal dieselben und mit den verrücktesten Wendungen in paradoxe Sätze gekleidet. Marie lachte gerne. Sie war unterhaltsam. Nur wenn sie Angst bekam, wurde sie nervig. Harry war seit undenklichen Zeiten mit Marie verheiratet. Es gab Momente, in denen ich Harry um seine lebhafte, erfolgreiche und ängstliche Marie beneidet habe.

Harry seufzte in Erinnerung an das Hotel Valluga im Schnee in Zürs, ich seufzte in Erinnerung an Johanna, von der ich seit langem geschieden war. Sie hätte die Situation in einem eingeschneiten Hotel spielend in den Griff bekommen. Johanna hätte telefonisch alles geregelt, sodass stundenlang die Auslandsleitung blockiert gewesen wäre. Sie war eine Großmeisterin im Delegieren.

Harry schaltete das Licht wieder ein und setzte sich in seinen Sessel und pustete eifrig in seine Teetasse. Ich stöpselte meine Kopfhörer wieder in die Ohren und drückte endgültig auf „play.“ Der Film lief weiter.

Ich blieb noch ein paar Sekunden in Gedanken bei meinem besten Freund Harry, der gerade vorsichtig seine verbrühte Zunge mit dem Tee anfreundete. Harry war Professor für Bürgerliches Recht, Zivilprozessrecht und Rechtsphilosophie – zu seinem Leidwesen „nur“ in Potsdam und nicht in Berlin an der Humboldt-Universität. Zweite Liga statt Exzellenzfakultät. Das macht Harry empfindlich. Andere flüchten bei beruflichen Minderwertigkeitsgedanken in Statussymbole. Harry flüchtete sich in Sex. Harry behauptet jedenfalls er sei sexsüchtig, solange er nur Professor in Potsdam sei und nicht in Berlin. Das klingt eigenartig, aber Harrys Theorien sind stets wahr, aber auch immer etwas seltsam. Dass ein Mann zum Trinker werden kann, weil er ein Lebensziel verfehlt, kommt vor. Dass Sexsucht ihre Ursache in einer noch unerfüllten akademischen Karriere haben könnte, ist ungewöhnlich. Armer Harry!

Ich bin Filmkritiker und kein Psychologe. Ich kann nicht beurteilen, ob Harry wirklich sexsüchtig ist. Denn selbst ich als sein bester Freund habe noch nie mitbekommen, dass Harry es geschafft hätte, eine Frau außer seiner Gattin Marie ins Bett zu bekommen. Ich habe weder erlebt, dass er pornografische Heftchen las oder Sexfilme ansah. Um Bordelle und Huren machen wir beide einen großen Bogen. Es könnte sein, ja, ich bin fast hundertprozentig sicher, seine Sexsucht läuft nur in seinem Kopf ab. Aber was ist Fiktion? Was die Realität?

Wahr ist aber, dass Harry gerne und oft mit mir über Sex spricht. Neuerdings, wie ich hier auf Sylt erfahren habe, auch mit meiner Freundin Sabine. Seine sexuellen Assoziationen kommen oft spontan und überraschend. Aber nicht so unvermittelt wie die Gesprächsbeiträge seiner Frau.

Es könnte sein, dass er in diesem Augenblick seine Tasse auf die geblümte Tischdecke unseres Ferienappartements abstellt, mit mir Blickkontakt aufnimmt und davon anfängt, dass er glaubt, dass wir Europäer viel häufiger im Winter beim Skifahren Sex haben als im Sommer beim Badeurlaub. Harry schafft es immer wieder überraschende Begründungen für seine Behauptungen zu liefern. Etwas so:

„Weist’, Hugo, gevögelt wird ja ganz selten im Freien, deswegen ist die Außentemperatur a zweitrangiger Faktor in dem Spiel. Statistisch, wie auch praktisch. Im Gegenteil, die Kälte rückt die Pärchen näher zueinander. Im Durchschnitt sind die Hotelzimmer in an’ Skigebiet bei uns wärmer geheizt als die Zimmer an der See im Sommer mit aner Klimaanlagen. A Klimaanlagen is nit so sinnlich, wie a Kaminfeuer. Und die Sinnlichkeit ist eine der Turbinen, was die Humansexualität angeht.“

Wer solche Gedanken ausbreitet, steckt gedanklich tief in der Materie. Ich merkte, dass ich gerade dabei war, ein Teil unserer Welt wie Harry zu sehen und konnte mir ein Lächeln nicht verkneifen. Harry nimmt so ein Lächeln mit leicht geneigtem Kopf dankbar entgegen, wie ein berühmter Bühnenkünstler Standing Ovations. Ich habe in der Vergangenheit oft von Harrys Analysen und seinem Rat profitiert. Mag sein, dass Marie von seiner Kopf-Sexsucht sogar libidinös profitiert … sie macht gelegentlich, aber nicht immer den Eindruck, als sei das so, wenn sie ihm auch ein Applauslächeln zuwirft. Dann schenkt ihr Harry die zarte Andeutung einer zärtlichen Geste. Ich war eine ganze Zeit lang sicher, dass Harry der treuste Ehemann ist, den man sich vorstellen kann.

Ich machte mir deswegen auch keine Gedanken, als es sich ergab, dass mein durchaus nicht unattraktiver Freund Harry mit meiner durchaus nicht unattraktiven Freundin Sabine eine Woche in einem ziemlich romantischen Appartement auf Sylt alleine verbrachten, bevor ich Zeit hatte zu den beiden zu stoßen.

Harry schlürfte seinen Tee und wedelte dann mit einer Hand vor meinen Augen. Ich nahm wieder Mal die Ohrstöpsel heraus, stoppte den Film und sah ihn fragend an.

„Hugo, weißt’ was ich gerade denken muss?“

„Nein, Harry.“

Harry grinste verschwörerisch: „Ich hab’ gedacht, dass die Menschen im Winter mehr Sex haben als im Sommer. Man müsste mal die Geburtenstatistik checken.“ Auf diesen wissenschaftlichen Aspekt war ich nicht gekommen. Harry erklärte mir warum es so sei, dass der moderne Mensch sexuell winteraktiv ist.

Nebenan im Dunkel der sorgfältig imitierten „Friesenstube“ unseres Appartements mit Buddelschiff und einem hölzernen Tableau mit Seemannsknoten saß Sabine und spielte gegen sich selbst „Siedler“. Sabine kannte alle Fallen und Tricks bei diesem Spiel. Sie schaffte es deswegen immer. bei „Siedler“ zu gewinnen. Nur nie gegen sich selbst. Sabine war so vertieft, dass sie nicht mitbekam, was wir redeten und dass es draußen schneite.

Harry und ich waren zum Arbeiten von Berlin nach Sylt gefahren. Harry musste zwei Doktorarbeiten lesen, auf korrekte Zitierweise überprüfen und benoten, ich musste versäumte und in naher Zukunft anlaufende Filme sehen. Wir hätten genauso gut nach Rhodos oder nach Nizza fliegen können. Sylt war meine Idee gewesen. Da ist im Winter so gut wie nichts los, die Gastronomie ist ordentlich, die Luft ist gut. Und ein Freund von Harry kennt die Betreiberin von EDEKA in Hörnum und die wiederum vermietet das Appartement mit der „Friesenstube“ in Hörnum um diese Zeit zum halben Preis.

Also Sylt. Vierzehn Tage.

Terminlich war die Sache aber dann doch etwas komplizierter wie sich erst später herausstellte. Harry konnte nur die ersten neun Tage, weil er für einen Kollegen bei einem Kongress mit einem Vortrag einspringen musste. Ich kam nur eine Woche aus der Redaktion weg. Und zwar die zweite. Bloß Sabine hatte Zeit und Muße. Also flog Sabine mit Harry von Berlin schon mal vor nach Sylt. Ich war mit dem Auto nachgekommen. Harry würde übermorgen wieder zurückfliegen. Und ich würde mit meiner Freundin Sabine eine knappe Woche später mit dem Auto nach Berlin fahren. Zwei Tage verbrachten wir zu dritt in dem Appartement.

Harry und ich kannten uns seit Jahren. Und Sabine war die Frau, bei der ich endlich „angekommen“ war. Sie und ich wohnten seit einem halben Jahr zusammen in der Mitte von Berlin-Mitte. Und wir waren glücklich. Sehr glücklich sogar.

Als Harry und ich in der Küche standen und unser Abendessen zubereiteten, löschte er wieder das Licht, um fasziniert nach dem Nordseeschnee zu sehen. Die weißen Wolken wurden dichter, Flocken wirbelten um die Straßenlaterne vor dem Haus. Auf dem Asphalt lag inzwischen ein weißer Teppich mit kleinen Fransen und Kanten an den Bürgersteigen, wo der Wind längliche, elegant geschwungene kleine Verwehungen bildete. Harry schaltete das Licht wieder an und lachte fassungslos, wie ein Forscher, der einem nie für möglich gehaltenen Naturphänomen begegnet.

„Hast’ auch Platzangst … ich mein’, für den Fall, dass wir hier einschneien?“, fragte Harry Sabine durch die offene Tür und half mir beim Auspacken der Leckereien, die wir bei „Feinkost Mayer“ in Wenningstedt für ein kleines Vermögen gekauft hatten.

„Wieso?“, kam es aus der „Friesenstube“.

„Marie hat sich in Zürs damals derartig angestellt.“

„… hast du erzählt.“ Man spürte, Sabine war nicht bei der Sache, sie grübelte, ob sie beim „Siedlern“ Holz oder Erz kaufen sollte, und wie sie sich selbst damit überrumpeln könnte.

Ich fühlte mich veranlasst, auch etwas zur Konversation beizutragen und sagte: „Ich war in Saigon schon einmal über eine halbe Stunde im Hotelaufzug mit fünf Amerikanerinnen hängen geblieben und … also schön war das nicht, aber habe es ohne psychische Schäden weggesteckt.“

„Dann bin ich aber beruhigt“, sagte Harry, grinste und suchte nach einem Korkenzieher, wie man halt in einem fremden Haushalt sucht. Er öffnete und schloss geräuschvoll alle möglichen Türen und Schubladen. Sabine schaute herein. Sie begriff instinktiv worum es ging und fand den Korkenzieher mitten auf dem Tisch. Harry zog eine Flasche Rioja ‚Gran Reserva‘ auf und kostete drei Mal, bevor er sie genussvoll dekantierte.

„Männer, macht mal, ich räum’ später ab“, sagte Sabine und verschwand wieder in der „Friesenstube“, kam aber gleich darauf wieder zurück, weil Harry die Knoblauchpresse für die rote Mayonnaise suchte. Mit einem Seufzen und einem Augenaufschlag drückte sie ihm das Gerät in die Hand und kostete auch ein Schlückchen Wein. Sabine blieb dann doch und lehnte mit dem Glas in der Hand am Küchenschrank. Sie beobachtete unsere Handgriffe und war, so schien es mir, mit den Gedanken beim „Siedlern“.

Ich verteilte frisch gepuhlte Büsumer Krabben auf drei Teller, gab Gewürzmarmelade und Harrys rote Mayonnaise dazu. Für die Matjes-Filets schnitt ich dünne Zwiebelringe und streute noch ein paar Pfefferkörner drüber. Käse und Obst richtete Harry auf einem Brettchen an, und ich garnierte die getrüffelte Leberpastete mit Petersilie und richtete einen Bückling an.

Sabine strich um uns herum und klaute mit einem blitzschnellen Überfall mit spitzen Fingern Krabben. Harry reagiert sofort, fing ihre Hand ab und rief:

„Tribut!“

„Yes, Deichgraf“, rief Sabine. Sie machte sich los, nahm ein paar Krabben und stopfte sie Harry in den Mund. Dann kam sie an die Reihe. Ich staunte. Die zwei lachten, als sie mein Gesicht sahen. Sabine fütterte mich auch mit einem Appetithappen. Es kam mir vor, als wäre ich in diesem Moment nicht Sabines Deichgraf.

„Ihr hattet anscheinend keine schlechte Zeit, während ich mich in Berlin in Kinos, der Redaktion und der Pizzeria gegenüber herumgedrückt habe“, sagte ich noch lachend.

„Selber schuld“, sagte Sabine und tauschte mit Harry einen Blick.

Harry grinste mich an und sagte: „Gute Zeiten … schlechte Zeiten … wie findest du eigentlich die Serie?“

Mir fiel nur ein humorloses: „Ich mache nur Kino“ ein.

„Komm’ Herr Jesus, sei unser Gast …“, sagte Sabine in ironischem Ton und umschrieb mit einer Geste das üppige Mahl.

„Für den tät’s auch noch reichen“, meinte Harry. Er stellte die angestoßenen Friesenteller auf den Tisch und räumte die Teetassen beiseite. Sabine machte sich nützlich und riss Blätter von der Küchenrolle als improvisierte Servietten ab.

Als wir aßen fiel mir auf, dass Sabine plötzlich sehr einsilbig war und mich oft mit einem prüfenden Blick bedachte. Und Harry war sehr redselig, total aufgedreht. Wie ein kleiner Junge an Weihnachten vor der Bescherung. Ich dachte mir noch nichts dabei, aber ich bemerkte eine Veränderung im Verhalten der beiden. In Berlin waren sie distanzierter miteinander umgegangen. Aber ich gab in diesem Moment noch nicht viel drauf. So ein paar Tage alleine zu zweit schweißen halt zusammen. Wenn man da als Dritter rein kommt, ist man ein paar Stunden automatisch der Außenseiter.

 

Ich lag schon im Bett und sah Sabine zu. Sie stand im Slip im Bad und nahm die Kontaktlinsen heraus, dann schminkte sie sich ab, wusch ihr Gesicht und studierte ihre Haut Zentimeter um Zentimeter, forschte nach Zeichen des Alterns, nickte zufrieden und cremte sich ein.

„Sag’ was“, rief sie.

„Ich bin glücklich endlich wieder bei meiner Frau Freundin zu sein.“

„Heuchler!“

Ich nenne Sabine nur sehr selten „meine Frau“, weil wir nicht miteinander verheiratet sind. Komisch, man unterscheidet da doch noch. Mir gefällt „meine Frau Freundin“ ganz gut. Das hat noch eine kleine, ironische Distanz. Sabine nahm die Anrede nicht zur Kenntnis. Sie begann ihre Zähne zu putzen, trat ans Fenster und verschwand aus meinem Gesichtsfeld. Ich hörte ein verwaschenes „irre, esch schneit immer noch“.

Stolz war ich auf meine Sabine. Sie war frech und klug, Sabine war schön wie eine venezianische Gräfin, ein paar Jahre jünger als ich, mitten in ihren herrlichen Dreißigern. Ich verkneife mir den Verglich mit einer erblühten Rose. Sabine war … ich war unbeschreiblich verliebt in diese Frau.

Sabine zog sich vollends aus und kuschelte sich zu mir ins Friesenbett. Sie küsste mich. Ich küsste sie. Wir machten es kurz, wie es Leute machen, die schon eine ganze Zeit zusammen sind und nicht mehr so spontan scharf aufeinander. Kurz aber intensiv. Jeder kennt den anderen, weiß wie er ihn zum Punkt bekommt. Und wann oder wie er oder sie sich selber am besten gehen lassen kann. Ein schöner Zustand!

Sabine ging aufs Klo, dann ins Bad und in die Küche und kam mit der offenen Flasche und zwei frischen Gläsern in unser Sylter Schlafzimmer zurück. Sie klappte ihren Mac auf und machte leise Musik. Ich glaube es war George Michaels „Songs From The Last Century“.

Klong machten die Gläser. Sabine klopfte unsere Bettdecken zurecht. Eine Kerze brannte, das elektrische Spar-Öko-Licht war längst gelöscht. Draußen vor dem Fenster huschten kurz hintereinander in regelmäßigen Abständen die Strahlen des Leuchtturms von Hörnum durch das Schneegestöber. Sabine vergrub ihren Kopf unter meiner rechten Achsel. Im Nebenzimmer schnarchte Harry wie gestern Abend. Wir lachten leise und konspirativ.

Ich fragte: „Wie war’s denn so mit Harry?“

Aus mehreren SMS und drei Telefonaten wusste ich, dass er viel gearbeitet hatte und Sabine alleine lange Strandspaziergänge um die Südspitze der Insel gemacht hatte. Sie war so beeindruckt, dass sie mir dort bei Ebbe zeigen wollte, mit welcher Geschwindigkeit die Strömung und der Wind aus dem Wattenmeer die Eisschollen auf die offene See hinaustreiben.

„Wenn man Glück hat sieht man Schweinswale. Oder Robben. Sie haben oft Krankheiten und schwimmen dann zum Sterben an Land. Sie tun uns leid. Aber wenn man ihnen zu nahe kommt, beißen sie. So eine Robbe beißt zehnmal härter zu als ein Schäferhund.“

Naturkunde, schön und gut. „Ich meine, wie habt ihr die Abende verbracht?“

„Ganz normal.“

Ich wäre mir blöd vorgekommen, wenn ich Sabine um nähere Erläuterungen dazu gebeten hätte, was ‚ganz normal‘ war.

Sie sagte: „Erzähl’ weiter. Gab’s denn noch andere Frauen im Büro?“

„Hat dir Harry auch abends was erzählt?“

Sabine stützte sich auf den Ellenbogen und schaute mich mit großen Augen an: „Hey, Hugo, du sagst immer, Harry ist der größte Theoretiker, wenn es um Sex geht. Sind wir etwa eifersüchtig?“

Ich lachte. Nicht so ganz echt, aber auch nicht falsch. „Ich weiß nur, er plaudert so … charmant …“

„… über seine Fantasien und Träume, sagst du immer.“

„Ja.“

„Hätte ich gerne gehört, aber … weißt du, ich bin eine Frau, da ist er nicht so locker wie bei dir. Gerade weil er ein Theoretiker ist, denke ich mal. – Nee Harry hat viel gelesen. Gekocht haben wir zusammen.“

„Mit Tribut!“

„Mit und ohne.“ Sabine strahlte mich an. Das schien mir echt, frei, offen. „Du bist dran, erzähl endlich weiter! Versprochen ist versprochen!“

 

 

Maja

 

„Es fing damit an, dass ich mir bei Schwartz’s Charcuterie Hébraique in der Ave Saint Laurent in Montreal eine Karnatzel mit einer Semmel, Kraut und Senf kaufte und auf einer Bank in der prallen kanadischen Herbstsonne im Parc du Montréal mit Blick auf die Stadt und den Strom genießen wollte. Die Karnatzel von Schwartz’s widerlegt schlagend das Gerücht, dass koschere Küche fad ist. Aber wer kein Knoblauch mag, sollte eher die Finger davon lassen. Ich mag Knoblauch, nehme aber Rücksicht auf Frauen und Zahnärzte und anderen Menschen, die einem nahe kommen können – falls dies absehbar ist.

An jenem Herbsttag in Montreal war nichts dergleichen absehbar. Als ich Sonne und Karnatzel genoss, setzte sich eine Frau neben mich auf die Bank. Sie tippte auf ihrem Telefon herum. Hinter ihrer enormen Sonnenbrille konnte ich ihre Augen nicht erkennen. Aber an der Kopfhaltung las ich ab, dass sie ein oder zwei Mal zu mir herüberschaute.

Sie war ein gutes Stück jünger als ich und hatte ein interessantes Gesicht, soweit ich das beurteilen konnte, ohne sie aufdringlich anzustarren. An ihrem Badge, den sie um den Hals trug, erkannte ich, dass sie dieselbe Veranstaltung schwänzte wie ich. Ich sagte ihr das, soweit mein Französisch reicht.

‚Ich weiß, ich sollte dort sein, ich habe auch ein ziemlich schlechtes Gewissen‘, antwortete die Frau ohne ein Lächeln auf Deutsch und sah nicht vom Display ihres Telefons hoch.

Ich wischte mir den Mund mit der zweisprachig bedruckten Serviette von Schwartz und wollte etwas Schlagfertiges erwidern.

Sie kam mir zuvor und fragte: ‚Hugo Ventura?‘

Ich nickte, kaute und schluckte und zeigte ihr wortlos wie zur Legitimation das Badge mit einem miserablen Foto von mir (es gibt nur miserable Fotos von mir) und meinem Namen. Die Frau wendete sich ab, ohne ein Wort zu sagen.

‚Gibt’s ein Problem?‘, fragte ich. Sie wendete sich mir wieder zu.

‚Arschloch.‘

Sie stand einfach auf und ging als hätte ich etwas Beleidigendes zu ihr gesagt und nicht umgekehrt. Ich kannte die Frau nicht und sie ließ mich mit der Frage alleine, mit welcher Filmkritik ich sie so getroffen haben könnte, dass sie derartig verächtlich mit mir umging. Ich sah ihr nach und grübelte. Ich wusste nicht, wo ich das Gesicht hintun sollte. In meinem Beruf nimmt man im Laufe der Zeit sogar hin, dass daran was man zu Papier bringt, sogar Freundschaften zerbrechen können. Echte verbale Ausfälle dagegen sind selten. Man legt sich ein dickes Fell zu und tut, als ob es einem nichts ausmacht, angemacht zu werden.

Ich blinzelte in die Sonne, sah zwei adipösen Skatern zu, wie sie trotz ihrer Körperfülle auf einem Basketballplatz akrobatische Nummern übten. Ein bekiffter, tadellos gekleideter Collegestudent setzte sich zu mir auf die Bank und sah aufmerksam zu, wie ich den letzten Zipfel der „Karnatzel“ aß und die verbliebenen Krümel von Kraut und Brot aufpickte.

Der Student lachte auf einmal schallend, stand auf und ging weiter. Die Frau mit dem Badge und der Sonnenbrille kam von seitlich hinten zurück und setzte sich wieder hin. Ich knüllte die Serviette zusammen und warf sie haarscharf neben den Papierkorb.

‚Hat dir schon mal jemand gesagt, was für ein Arschloch du bist?‘

Ich hob die Serviette auf und beförderte sie in den Müll. Eigentlich wollte ich nicht antworten und weggehen. Doch ich bleib stehen, lächelte und sagte:

‚Ja, erst vor wenigen Minuten, eine Frau, die aussieht wie Sie.‘ Ich hasse die spontane Duzerei in meiner Branche.

Ich griff ungefragt nach ihrem Badge. Darauf stand, dass sie Maja hieß und von einer der vielen Berliner Mikroproduktionsfirmen war. Ich kannte den Laden vom Namen und von einem Film, den sie herausgebracht haben. Der Film war erfolglos, obwohl meine Kollegen und ich ihn wohlwollend besprochen hatten. Den Titel habe ich vergessen. Es war irgendeine Berliner Geschichte von einer Frau, die ihr Baby nicht annehmen kann. Nicht wirklich gut, aber annehmbar. Man ist ja bescheiden geworden.

‚Produzentin?‘, fragte ich.

‚Producerin‘, stieß sie heraus.

Mir war jetzt klar, warum sie mich hasste.

Producer heißen in der deutschen Filmindustrie Menschen, die für alles verantwortlich sind, aber nie ordentlich bezahlt und von niemandem wirklich geachtet werden. Jeder Producer will Produzent sein. Richtige Produzenten wie beispielsweise David O. Selznick, die viel eigenes Geld in die Hand genommen haben, damit Filme entstehen und, wenn es schief läuft, daran bankrottgegangen sind, gibt es in Deutschland kaum, sieht man vielleicht von so atypischem Urgestein wie Arthur Brauner oder dem verstorbenen Bernd Eichinger ab. Wer existenziell von dem abhängt, was er macht, geht anders an die Sache heran, als wenn er fremdes Geld einsetzt.

Ein Autor sagte neulich auf einem Berlinale-Empfang zu einem der „Produzenten“ der Bavaria-Studios: ‚Du bist kein Produzent, du bist ein leitender Angestellter in einer Firma, die Filme herstellt.‘

Er überging bei der Bemerkung, dass diese Firmen das nicht mit eigenem Kapital tun, sondern mit Geld der Beitragszahler und „bedingt rückzahlbaren Darlehen“ der Filmförderer, also auch von uns Steuerzahlern. Von dem Kapital sieht die öffentliche Hand, weil nur „bedingt rückzahlbar“ in vielen Fällen nie wieder einen Cent. Ohne es zu wissen sind wir alle in Filmen engagiert wie „Groupies bleiben nicht zum Frühstück“, oder Streifen wie „Jud Süß – Film ohne Gewissen“, ein schlecht gemachter Pseudoaufreger oder fade Sauce wie „Poll“ oder „Amour Fou“ (nicht zu verwechseln mit dem hier vorgelegten Tatsachenbericht von Hugo Ventura).

Die letztlich dafür die Verantwortung tragen sind die Producer. Wenn die Sache schief geht, werden sie gefeuert und die leitenden Angestellten der Firmen, die Filme herstellen, bekommen frisches Geld von uns Steuerzahlern dafür dass sie mit ihrem Unfug weitermachen können. Das Lebensziel eines Producers ist also, leitender Angestellter zu werden, damit er noch mehr Unfug anrichten kann als seine Vorgänger aber nicht so leicht gefeuert werden kann.

Deutsche Produzenten gehen ans Filmemachen heran wie leitende Angestellte. Denen ist es auch meistens egal, ob sie für Danone oder Nivea arbeiten. Nur dass Manager von Danone oder Nivea viel seltener in der „Bunten“ kommen. Es gibt Leute, die behaupten, unsere Filme wären besser, wenn es keine „Bunte“ oder „Gala“ gäbe oder wenn wir mehr richtige Produzenten hätte, risikofreudige, uneitle Kreative mit eigenem Geld in der Tasche – oder von mir aus auch mit Mafiageld. Denn wenn man das versaubeutelt, gibt es auch harte persönliche Konsequenzen, hört man.

Producer und Produzenten sehen das selbstverständlich anders.

Ich schweife nicht ab.

Es war nicht meine Tätigkeit als Filmkritiker im engeren Sinne, die derartig auf eine ins Persönliche gehende Ablehnung bei der Frau auf der Bank im Parc du Montréal stieß, es war mein Vortrag über „Das Elend der deutschen Filmproduktion“, den ich am Tag davor auf dem Symposium „New Fiction, New Media in Germany“ gehalten hatte. Ich hatte kein gutes Haar an den Produzenten und ihren Erfüllungsgehilfen gelassen.

Ich lachte und sagte ihr das. Maja bekräftigte spontan ihre Einschätzung meiner Person und riss vor Empörung ihre Sonnenbrille von der Nase. Ich stellte fest:

‚Sie haben aber schöne blaue Augen.‘

Das entsprach zwar nicht ganz der Realität, aber ich wusste nicht, womit ich Maja sonst hätte ein entwaffnendes Kompliment machen können. Die Frisur? Ihre tadellose Figur? Zu anzüglich. Maja war nicht besonders attraktiv, weil sie viel zu viel arbeitete und sich dabei eine Winzigkeit zu sehr vernachlässigte. Aber sie hatte etwas. Dieser Zorn, diese Leidenschaft! Und ihre Augen waren schön und voller Ausdruck, auch wenn sie eher farblos waren.

‚Das ist ganz schön billig‘, sagte Maja und ordnete flüchtig ihre Haare. Ich musste an Harrys Theorie denken, mit der er das Verhältnis von Frauen zu ihren Frisuren analysierte. Maja setzte ihre Sonnenbrille nicht wieder auf.

‚Aber es entspricht der Wahrheit.‘

‚Warum hasst du uns?‘

‚Weil ich selber gerne Produzent geworden wäre und über einen Kurzfilm mit dem Titel „Echo“ nicht hinaus gekommen bin. Menschen reagieren wie der Fuchs unter den Trauben. Hängen sie zu hoch, macht man sie mies.‘ Ich spielte mit dem Klischee. Das kam anscheinend an.

‚Producer war dir zu popelig?‘

‚Ja.‘

‚Filmkritiker ist besser, meinst du?‘

‚Nein.‘

Ich sah sie an und brachte sie mit einer französischen Grimmasse dazu, dass sie lachte. Frauen werden immer schön, wenn sie lachen. Das sagte ich Maja. Sie wusste nicht, ob sie sich wieder ärgern oder noch einmal lachen sollte.

Wir gingen gemeinsam zurück zu dem Symposium mit dem hochtrabenden Titel, das vom Goethe-Institut veranstaltet wurde. Dabei redeten wir darüber, wie sehr uns Montreal gefiel. Besser gesagt, ich redete. Maja hörte zu und warf nur nachdenklich ein paar Brocken dazwischen, als ich Betrachtungen über den angenehm lässigen Lebensstil der Quebéquois im Allgemeinen anstellte.

Wir sahen uns gemeinsam noch einmal „Vier Minuten“ an. Der schon etwas ältere Film handelt von einer jungen Mörderin namens Jenny, von Hannah Herzsprung hinreißend gespielt. Jenny ist musikalisch hoch begabt, ein Mädchen, das im Knast bei einer alten Lehrerin Klavierspielen lernt. Ich glaube die Rolle der Traude Krüger war die letzte Partie der großen Monica Bleibtreu. Es geht um das Leben dieser beiden Frauen und die Unfähigkeit Jennys die Liebe Traudes und die Chance ihres Lebens anzunehmen.

Ich erlebte danach Maja auf dem Podium als sachkundige, gewandte Disputantin. Mein Interesse an ihr als Frau war schon lange geweckt, wenngleich ich genau wusste, dass die Regel „never fuck the office“ eine goldene Regel ist. Ich wusste, dass ich sie schon gebrochen hatte. Ich beobachtete ihre Gesten, ihr Temperament und ihre Schlagfertigkeit.

Maja wendete sich mit beachtlichen Argumenten gegen das Klischee, das Producern anhaftet, beschrieb die Verantwortung, die sie täglich zu schultern hatte. Sie beschrieb die Summe der Ignoranz, die ihresgleichen entgegengebracht wurde am Beispiel eines alternden Filmkritikers, – ich dachte, ich höre nicht richtig alternden Filmkritiker – der Wurst kauend auf einer Parkbank, sich den Sabber mit einer Papierserviette vom Mund abtupfend, die ollen Kamellen über Seltznick und Arthur Brauner zum Besten gibt, ahnungslos, wie die Branche heute tickt, aber sich, ganz Filmkritiker, einbildet, dass er der Einzige ist, der sich auskennt.

Ein langer, schwer zu deutender Blick streifte mich. Maja begann auf dem Podium mit einer kleinen Parodie auf das, was mir an diesem Nachmittag durch den Kopf gegangen war, als hätte sie Gedanken lesen können. Sie gab sich die Pose eines kümmerlichen, hüstelnden, näselnden Intellektuellen mit einer Wurst in der einen und einer Papierserviette in der anderen Hand und schwadronierte drauf los:

‚Öh, ök … Also der deutsche Produzent ist bloß so eine Art Manager, sozusagen. Kein Rückgrat, kein Risiko. Hüstel, hüstel. Denen ist es einfach egal, ob sie quasi für Lidl oder Mercedes arbeiten.‘

So etwas ganz entfernt ähnliches, aber präzise und differenziert, hatte ich auch in meinem Statement geäußert. Das mit „Lidl“ und „Mercedes“ stammte wörtlich von mir, als ich mich wiederholte. Die ersten Köpfe drehten sich zu mir herum. Ich beschloss, gelassen-gelangweilt zu wirken, obwohl ich innerlich zu kochen begann. Maja spürte, dass sie auf einer Welle ritt und beschleunigte.

‚Nur dass die Typen von Lidl oder Mercedes viel seltener irgendwie in der „Bunten“ kommen. Ich sage ganz klipp und klar … ök-ök, unsere verdammt schlechten deutschen Filme wären verdammt viel besser, wenn es mehr sozusagen richtige Produzenten gäbe, okay? So risikofreudige, kantige Typen mit echtem eigenem Geld in der Tasche. Echte Zigarrenraucher wie Gerhard Schröder … höhöhö, richtige Filmunternehmer, wenn Sie wissen, was ich meine, quasi sozusagen.‘

Das Publikum bog sich vor Lachen. Ein paar Leute zeigten mit dem Finger auf mich, damit auch der Begriffsstutzigste den Depp des Tages erkannte. Wie Maja mich durch den Kakao zog war derart diffamierend. Ich vermeide schon immer Füllwörter wie „sozusagen“ und „quasi“ … und überhaupt rede ich nicht wie ein Mümmelgreis. Ich überlegte, ob ich nach vorne gehen sollte, aufs Podium, um Maja zu ohrfeigen.

Der Moderator fragte mit Blick zu mir, ob jemand aus dem Publikum eine Frage stellen wolle. Ich ließ mir das Mikrofon reichen und zwang mich zu einem Lächeln.

‚Gut gebrüllt, Löwin‘, sagte ich und gab das Mikro wieder zurück.

Wenigstens zeigten ein paar Gesichter Verblüffung. Ich verließ den Saal und ging in ein kleines Restaurant in einem viktorianischen Haus um die Ecke vom Goethe-Institut in der Rue St. Denis. Es war noch früh, als ich ins Hotel zurückkam.“

Ich machte eine lange, nachdenkliche Pause, in der Sabine fragte: „Hast du das einfach so weggesteckt. Ich meine, da spotten die Leute ja lange hinter deinem Rücken, wenn so was passiert?“

„Diese blöde Parodie wegzustecken wäre nicht so schwer gewesen.“

„Du hast einfach den nächsten Film ihrer Firma verrissen, gibs zu, Hugo Ventura?“

„Hältst du mich für so primitiv?“

„Rache muss nicht immer primitiv sein. Du sagst ja selber, Rache ist eine Speise, die man kalt genießt“, widersprach Sabine und gab mir einen kleinen zärtlichen Kuss.

„Ich?“

„Hast du ein Foto von ihr?“

Ich hatte in meinem Fotoordner auf meinem Rechner kein Bild von Maja. Aber im Netz bei Google gab es eins, eines, auf dem Maja am Set zu sehen war. Dicke Boots, dicker Mantel, Mütze, gefrorener Atem vor dem Mund. Ein Winterdreh für eine Serie. Neben ihr standen friedend zwei Mädels in ähnlichem Outfit. Majas Gesicht war kaum zu erkennen. Bei Facebook hatte sie ein „Titelfoto“ für das sie sich geschminkt und schwer zurechtgemacht hatte. Ohne Brille mit geföhnten Haaren und viel Make-up in schwarz-weiß. Auf dem einen Foto war sie nichtssagender als in der Realität, auf den anderen zu schön. Ich konnte nicht anders, ich musste Sabine die ganze Geschichte von Maja und mir in Montreal erzählen.

„Ich putzte mir gerade die Zähne in meinem Hotelzimmer, als das Telefon auf dem Nachttisch klingelte. Ich dachte, es sei die Redaktion und ging dran. Am anderen Ende lachte eine Frau. Ich brauchte ein paar Sekunden, bis ich die Stimme von Maja erkannt hatte.

‚Noch Lust auf ein Glas Wein?‘

‚Arschloch.‘

Ich habe vorher in meinem Leben nie zu einer Frau „Arschloch“ gesagt.“ Ich hob die Schwurhand und sah, dass Sabine mir glaubte. „Damals im Hotel in Montreal wartete ich die Antwort nicht ab. Ich legte auf und ging zurück ins Bad, meinen Mund ausspülen.

Fünf Minuten später klopfte es. Ich wusste wer das war. Ich ahnte, da will jemand noch den letzten Triumph auskosten. Ich ging nicht an die Tür. Wozu auch. Es klopft noch einmal.

‚Housekeeping.‘

Also doch nicht Maja. Ich zog meine Jeans und ein Polohemd …“

„Das Schwarze?“

„Ja, ich zog mein Polohemd über und ging ärgerlich wegen der Störung an die Tür und öffnete. Draußen stand Maja mit einer Flasche Rum aus Jamaica einem Korkenzieher und zwei Gläsern. Sie war barfuß und trug ein T-Shirt und einen kurzen Rock. Ich versuchte sofort die Tür zuzuwerfen. Doch Maja hatte das Knie dazwischen und schob sich nach einem kurzen Gerangel in mein Zimmer. Nun stand sie mir gegenüber, leicht außer Atem und blies eine Strähne ihrer Haare aus dem Gesicht.

‚Raus!‘, fauchte ich.

‚Stell dich bloß nicht so an.‘

Maja schlüpfte an mir vorbei und zog mit dem Korkenzieher die Flasche auf. Ich schüttelte nur den Kopf.

‚Beim Empfang vorhin bei Goethe haben eine ganze Menge Leute nach dir gefragt. Du warst cool. Deine Kritik war völlig überzogen, aber nicht persönlich. Du hast referiert, was viele denken. Ich war bescheuert, dich deswegen anzugreifen. Das macht mich klein.‘

Das „macht jemanden klein“ ist ein typischer Spruch, wie ihn Redakteure und Producer verwenden, um eine Filmfigur zu kritisieren. Sie wollen immer „große Figuren“ und sehen nicht, dass die kleinen oft viel interessanter sind. Als ich ihr das sagte, war ich auf der Verliererstraße. Ich hatte mich auf ein Gespräch eingelassen, statt Maja in den Hintern zu treten und rauszuwerfen.

Maja schenkte die Gläser ein und gab mir eines. Sie trank den Rum ohne Eis und ohne mir zuzuprosten. Ein musternder Blick traf mich. Ich trank auch einen Schluck. Der Schnaps war okay, hatte aber ziemlich viele Umdrehungen. Er wärmte meine Magengrube.

‚Ich muss nicht immer über den Job reden‘, sagte sie und setzte sich in den kleinen Sessel, der zur Einrichtung des Zimmers gehörte. Ihr Rock verrutschte dabei. Vorhin beim Gerangel an der Tür, hatte ich schon gespürt, dass sie keinen BH trug. Nun konnte ich sehen, dass sie unter ihrem Rock nackt war. Und es sah darunter auch wie vollständig rasiert aus.

Ich versuchte, mich zu beherrschen, aber ich musste noch einmal zwischen ihre halb geöffneten Beine sehen. Maja beobachtete mich dabei über ihr Glas hinweg.

Sie lächelte: ‚Eine Frau, die zu einem wildfremden Typ „Arschloch“ sagt, die sagt auch „fick mich“, wenn ihr danach ist, – schwierig nicht wahr?‘ Maja zupfte an ihrem Rock, damit ich besser sehen konnte. ‚Komm’ her, spür’ mal, wie ich mich anfühle.‘

Ich fühlte wie feucht sie war und massierte ihre Klitoris, dann schob ich erst einen, dann zwei Finger in ihre Vagina. Maja setzte sich zurecht, sodass ich tiefer in sie eindringen konnte. Sie trank einen langen Schluck, stellte das Glas zur Seite und versuchte mich zu küssen. Ich wollte sie nicht küssen.

‚Hau mir doch eine rein, wenn du willst‘, flüsterte sie.

‚Ich habe nie Lust, Frauen zu schlagen.‘

Maja zog meine Hand aus ihrem Schritt und brüllte mich an: ‚Sei verdammt noch mal nicht so cool.‘“

„Geil“, warf Sabine dazwischen.

„Und ich spürte, dass es mir und Maja guttat, wenn ich jetzt zupacken würde. Maja stöhnte leise und zog ihr T-Shirt hoch.“

Sabine seufzte.

„Mit zwei Griffen hatte sie meine Jeans offen und halb heruntergezogen. Mein Schwanz hing jämmerlich über den Eiern. Maja schien das nicht abzuschrecken. Sie nahm ihn in den Mund und saugte ihn tief ein. Er war so winzig, dass sie dazu wirklich kein „deep throat“ brauchte.“

Sabine: „Scheiße aber auch, so kenn’ ich dich nicht.“

„Maja bearbeitet ihn mit ihrem Mund mit einer Zärtlichkeit und Ausdauer, die ich nach unserem kurzen und heftigen Kennenlernen nie vermutet hätte. Es rührte sich nichts. Auch nicht als sie ihr Shirt ganz auszog und mir ihre Titten zeigte, ohne ihre Tätigkeit wesentlich zu unterbrechen.“

„Woran lag’s?“, wollte Sabine wissen.

Ich zögerte, bevor ich ihr die Wahrheit sagte: „Ich traute einer Frau, die einen fremden Typen „Arschloch“ nennt und ihn derartig lächerlich macht, nicht über den Weg, es gab eine tiefe emotionale Verunsicherung.“

„Hast du Angst gehabt, die beißt dir rein?“

„Der Gedanke geht jedem Mann gelegentlich durch den Kopf.“

„Mir auch, aber ich nehme an, wir Frauen haben beim Blasen eine Art Beißhemmung“, überlegte Sabine, „sonst gäbe es mehr Zwischenfälle.“

„Ich habe Angst gehabt, sie hat noch irgendetwas in Petto, sie legt noch eine Schaufel nach und macht mich richtig fertig.“

Ich erzählte Sabine, wie ich sanft aber bestimmt mein bestes Stück aus Majas Mund zog und sie fragte, ob ich sie mit meiner Zunge befriedigen soll. Ich wollte mich nicht lumpen lassen.

Sabine lachte schallend. „Und?“

Maja lehnte dankend ab, trank ihr Glas aus, gab mir einen Kuss auf die Stirn und schrieb mir ihre Handynummer auf den Hotelblock auf dem Nachttisch. An der Tür drehte sie sich um und sagte:

„Wenn du mal so einen richtig dicken Prügel hast, weil du jemanden in deinem verdammten Blatt gevierteilt hast, ruf mich an. Zu jeder Tages- und Nachtzeit. Besorg’s mir. Dann ist alles wieder gut.“

„Hast du angerufen?“, wollte Sabine wissen.

Habe ich das nötig?

„Hast du sie angerufen?“, insistierte Sabine, weil ich schwieg. Ich hatte in der Tat die Nummer in mein Mobiltelefon eingegeben.

„Nein, aber ich habe es mir ein paar Mal überlegt, ob ich sie ficken soll.“

„Was macht ihr, wenn ihr euch seht?“

„Wir reden über Film. Es ist ja in Montreal nichts passiert.“

Der neue Tag auf Sylt begann mit einen sehr ausführlichen Frühstück gegen Mittag. Das machte mich so müde, dass ich mich danach zum Zeitungslesen ins Bett verzog.

Ich schlief den ganzen Nachmittag, was ich sonst nicht mache. Als ich aufwachte, war es merkwürdig still im Haus. Man hat ja sofort ein unbestimmtes Gefühl, wenn jemand in so einer kleinen Gemeinschaft fehlt.

Sabine saß in der Dämmerung am fast erloschenen Kamin in der Friesenstube in „Siedler“ vertieft und machte sich Notizen, in größter Konzentration ihre Zunge zwischen den Lippen. Harry war weg. Sabine sagte, er sei nur schnell mal um die Ecke, frische Luft schnappen. Als unser Freund abends um acht nach der Tagesschau immer noch Luft schnappen war und sein Telefon nicht eingeschaltet hatte, bestand ich darauf die Polizei zu verständigen. Der Sturm heulte an den Kanten der Veranda. Schnee fiel keiner mehr, aber die Temperatur war drastisch gefallen. Nebelfetzen huschten von West nach Ost. Sabine fragte:

„Wozu Polizei?“

„Dann halt die Feuerwehr. Jedenfalls will ich mit jemandem sprechen, der sich mit Vermissten auf der Insel auskennt.“

„Lass Harry machen was er will, hörst du?“

„Harry versäumt nie die Tagesschau im Urlaub, da ist was passiert.“

„Harry passiert nichts!“

„Und wenn doch? Die Insel ist groß.“

Jetzt ging’s ab. Sabine machte mir ohne dass ich darauf vorbereitet war plötzlich eine derartige Szene, weil sie behauptete, meine Sorge sei eine unverschämte Einmischung in fremde Angelegenheiten.

„Welche Angelegenheiten?“

„Nichts, was dich angeht.“

„Aber dich?“

„Mich auch nicht.“

„Dann sag’ endlich, wo ist er, … was ist mit Harry los!“

Schweigen.

„Ich will wissen, was da läuft, Sabine?“

„Er ist mal frische Luft schnappen … und weiter?“

„… sieben … acht Stunden Luft schnappen bei dem Wetter?!“

„… ja, Luft schnappen … er stammt einem wettergegerbten Gebirgsvolk ab. Und er will nicht, dass sein Freund Hugo hinter ihm her rennt wie eine Amme. Klar?“

Ich war so wütend, dass ich hinaus in den Sturm rannte und gegen den Wind vor Zorn anbrüllte – auch in der Hoffnung, Harry könnte mich hören und reagieren. Ich kam zurück. Sabine hatte mein Telefon schon lange an sich genommen und versteckt. Sie funkelte mich an: „In Sylt gibt’s keine Gletscherspalten, keine Schluchten, in die man beim Spazierengehen stürzen könnte. Bei den vielen Kneipen auf der Insel erfriert auch keiner. Und Harry geht nie im Winter Schwimmen.“

„Und wenn es eine Sturmflut gibt?“

„Es ist Ebbe“, fauchte Sabine. „Lass den Deichgraf machen was er will. Er ist erwachsen.“

Aha … Deichgraf!

„Warum ist er eigentlich der Deichgraf?“

„Weil’s lustig ist, kapiert? Lass ihn in Frieden.“

Irgendwie hatte ich ein dummes Gefühl dabei, wie sich Sabine verhielt. Ich meine Harry war unser Freund. Man darf sich doch Sorgen machen, ob ihm etwas zugestoßen ist. Bei dem Wetter. Vielleicht braucht er Hilfe und wir sitzen hier rum und spielen und lesen. Und Sabine stresst.

„Ich kann keinen Film in Ruhe gucken, wenn Harry nicht kommt“, beharrte ich.

„Hugo, zick’ nicht!“ Sabine beschwor mich zum x-ten Mal, keinen Ärger zu machen. Und ich wollte wissen, ob sie mit Harry unter einer Decke steckte, was sein „frische Luft schnappen“ anging. Und überhaupt, was es die ganze Zeit zu tuscheln gäbe?

„Nichts, aber ich respektiere seine Freiheit. Er soll im Urlaub machen können was er will, oder?“

Was soll man dazu sagen? Sabine wechselte überraschend ihre Taktik. Sie schnurrte überraschend küsste mich tief und schloss die Augen dabei. Ich spürte ihre Hände in meinem Nacken und in meinen Haaren. Sie wusste genau, dass ich diese liebevolle Routine sehr mag. Ich versuchte die Sorgen um Harry zu verdrängen und ließ mich zu einer Partie „Siedler“ überreden. Um Harry definitiv aus dem Kopf zu kriegen konzentrierte ich mich mit großer Energie auf das Spiel und verlor erst nach einer guten halben Stunde. Ich bin sicher, dass Sabine gezinkte Würfel hat. So schnell und reibungslos kann keiner gewinnen, wenn der Gegner sich konzentriert und es mit rechten Dingen zugeht.

Harry kam kurz nach zehn. Er hatte einen roten Kopf. Das komme vom scharfen Wind, sagte Sabine und umarmte ihren Harry ganz doll. Auf mich wirkte Harry nicht, als sei er knapp zehn Stunden bei gefühlten 30 Grad minus durch die Dünen gelaufen. Im Tiefschnee. Auch Österreicher sind dann durchgefroren und blau im Gesicht. Nicht rot. Harry verschwand in seinem Zimmer und stellt Musik an.

Ich rief: „Ich wollte schon die Bergrettung alarmieren.“

Sofort tauchte Harrys Kopf in der Tür auf. Er sagte zu Sabine mit besorgtem Gesicht: „Du hast ihm das doch hoffentlich ausgeredet?“

„Claro.“ Sabine machte was zu Trinken. Und ich machte mir Gedanken. Wenn, was wirklich nur ein theoretisch, aber wirklich völlig theoretisch sein könnte, Sabine und Harry, also die beiden Menschen, die mir am nächsten standen, ein Verhältnis miteinander hätten, dann wären sie zu zweit verschwunden. Egal ob und wie man es bei gefühlten 30 Grad minus im sandigen Schnee von Sylt treibt, man treibt es zusammen. Es war Unfug, den beiden so etwas zu unterstellen. Auch wenn ich an Harrys Theorie von der gesteigerten Sexualaktivität in kalten Winternächten dachte.

Harry spielte „Strangers in the Night“ und sang erstaunlich textsicher mit und bestand darauf, alleine zu kochen. Es gab Omelett mit Frühlingszwiebeln und zur Abwechslung Büsumer Krabben, Schillerlocken auf Pumpernickel mit gesalzener Butter und Blutwurst mit Senf.

Aber was hatte Harry die ganze Zeit gemacht? Mir war klar, dass Sabine eingeweiht war und dass es ein Geheimnis geben musste. Und wie ich Sabine kannte, würde sie mir erst erzählen was los war, wenn die Sache durchgestanden sein würde.

Und wenn Harry eine heimliche Affäre hatte? – Ausgeschlossen, dass er nicht mit mir alle Details durchdiskutiert hätte, hinterfragt, durchleuchtet, kommentiert, lange bevor er mit Sabine gesprochen hätte. – Oder war es dieser scheinbare kleine Vertrauensbuch, den ich befürchtete, aber nicht beweisen konnte, weshalb ich so ärgerlich war?

Was wäre mit seiner Unabhängigkeit als Mensch und Hochschullehrer, selbst wenn die Dame nichts mit der Uni Potsdam zu tun haben musste? Und seine Gefühle? Und ob er sich zu abhängig von einer Frau machte, wenn er sagte, dass er sie ein bisschen liebte oder wenigstens sagte, dass er sie irgendwie mochte? Das wären Fragen, die Harry mir mit größter Selbstverständlichkeit gestellt hätte, wenn ich in einer ähnlichen Situation gewesen wäre. Und außerdem: Musste Harry nicht befürchten, dass Marie etwas merken könnte … Roberta ihr etwas sterndeuten?

 

 

Marie und Roberta

 

Marie war hochsensibel, Marie war eigenwillig. Wenn man nicht mit ihr länger zusammen sein musste, war sie sogar eine sehr interessante Frau. Und Marie konnte brandgefährlich sein, weil man dazu neigte, sie zu unterschätzen.

Man durfte nicht übersehen, dass sie trotz allem selbständig war und unabhängig. Sie betrieb im Holländischen Viertel in Potsdam einen Laden für Holzerzeugnisse, der schon hervorragend lief, als Harry dort an der Uni aufschlug und Marie kennenlernte. Die beiden heirateten, und Marie lernte Roberta kennen. Ohne Nachnamen, nur Roberta. Roberta gewann Einfluss auf Marie. Marie richtete den Laden etwas aufs Esoterische aus. Da lief der Laden noch besser.

Roberta behauptete sie könne prima Horoskope erstellen. Sie las in den Sternen. Robertas Horoskope wurden der Renner neben edlen Olivenholzschüsseln, sauteuren Kopfholzbrettern, exklusiven Fleischklopfern aus garantiert fairem Anbau, Schachfiguren aus Tropenhölzern (nachhaltig gesägt) und Pfeffermühlen in allen Größen. Der Trick mit Roberta war, dass nicht jeder einfach sein Horoskop im Laden bestellen konnte wie ein Schneidebrett aus Wurzelholz.

Die Horoskope waren exklusiver und komplizierter. Ich versuche das mal so zu beschreiben: Basierend auf dem Studium der Sterne pickte Roberta bestimmte Konstellationen heraus, Beispiel „Sternbild Widder, Aszendent Skorpion“, allerdings ohne den Geburtsort zu berücksichtigen. Für diese Konstellation erstellte sie ein ausführliches Horoskop. Sozusagen blind, ohne den potenziellen Abnehmer zu kennen. Eine Art Vorhersage-Rohling. Wenn eine Kundin selbst in das Schema des Rohlings passte oder jemanden kannte, auf den das zutraf, weil sie oder er im Sternzeichen des Widders mit Akzenten Skorpion geboren war, vermittelte Marie den Kontakt zu Roberta, die dann aufgrund von konkreten Daten zu Geburtsstunde und Geburtsort den Feinschliff des Horoskops vornahm.

Damit vermittelten die beiden Frauen der Kundschaft den Eindruck bestechender Individualität. Und die Fans kamen immer wieder, um mal nachzuschauen, ob Roberta gerade für die eigene Sternenstellung etwas ausgearbeitet hatte. Telefonische Auskünfte wurden nicht erteilt. Im Internet schon gar nicht. Marie verkaufte ihr Holz an diese Kundschaft. Man musste Geduld aufbringen, denn Roberta arbeitete nicht auf Bestellung, sieht man von ganz engen Freunden ab. Robertas Prinzip fußte auf Intuition. Maries Shop brummte mit Robertas Sterndeuterei.

Ich hatte übrigens schon mal den Vorzug, als enger Freund des Hauses Quehenhofleitner-Stiegler von Roberta ein Charakterbild entwerfen zu lassen. – Und ich war total platt, weniger über die Schilderung meiner Persönlichkeit, darüber kann man streiten, aber darüber was Roberta aus meiner Vergangenheit wusste, weil weder Marie noch Roberta diese Umstände kennen konnten. Mir ist es bis heute ein Rätsel, woher Roberta das hatte. Von Harry jedenfalls nicht. Harry mochte Roberta nicht und teilte folglich mit ihr auch keines unserer Männergeheimnisse.

In Maries Horoskop tauchten eines Tages Chancen für die Expansion ihrer Geschäftsideen auf. Vielleicht gibt es auch in Ihrem Ort, liebe Leserin, lieber Leser, einen edlen, gut nach Holz, getrockneten Blüten, tropischen Ölen und geheimnisvollen Gewürzen riechenden Shop, Marie’s Holzmanufaktur, typischerweise sündteuer, typischerweise mit Roberta’s Horoskopen (jeweils nur echt mit dem Apostroph)? Sie finden die Niederlassungen in gentrifizierten Arbeiterquartieren, durchsanierten Altstädtchen oder guten Lauflagen wohlhabender Städte mit Schwerpunkten im Süden und Südwesten von Deutschland.

Aber täuschen Sie sich nicht. Heute haben die Shops nichts mehr mit Marie oder Roberta zu tun. Die Sterne sagten vor ein paar Jahren, dass so eine Art monetäre Krise in den USA und dann in Europa kommen würde. Marie konnte und kann sich zwar nichts Genaues unter einer monetären Krise vorstellen, bekam aber einen für sie typischen massiven Panikanfall. Sie verkaufte ihre Läden zu einem stattlichen Preis an eine Drogeriekette. Auf Robertas Rat investierte Marie den Ertrag in bestimmte Staatsanleihen, auch griechische, weil der Zinssatz ordentlich hoch war. Roberta hatte vorhergesagt, dass europäische Staaten nicht bankrottgehen können. Kurz bevor es soweit schien, deutet Roberta die Zukunft radikal um und empfahl deutsche Staatsanaleihen. Ja, dann schau’n wir mal.

Ich schweife ab. Harry hatte eine attraktive, selbständige, erfolgreiche Frau, kein Heimchen am Herd, jedenfalls keine, die ihr Ego nach Professor Harald Quehenhofleitner definierte.

Nach zwei Gläsern Rotwein lockte mich Sabine ins Bett, zog ihre Jeans und die Stumpfhosen runter, streckte mir ihren Po entgegen und zog den Steg ihres Tanga zur Seite, sodass man bis nach Jericho sehen konnte, wie Sabine das Innere ihrer Muschi nannte. Harry hörte immer noch laut Sinatra und Dean Martin, sodass er wahrscheinlich nicht mitbekam, welchen Krach wir machten. Und wenn, es würde ihn nur zu theoretischen Mutmaßungen über den Sexualverkehr zwischen unverheirateten Paaren nach dem Genuss von Omeletts mit Frühlingszwiebeln animieren.

„Redet er eigentlich mit Marie über Sex?“, frage Sabine, als sie aus der Dusche kam.

„Nein. Er sagt, er hat Hemmungen mit ihr über Sex zu sprechen, weil Sex in seiner Ehe so eine Art Tabu ist. Man tut’s, aber man spricht halt nicht drüber.“

„Reden die zwei auch nicht über Kino?“

„Wieso?“

„Harry sagt immer zu mir, seine Frau geht nie mit ihm ins Kino, vielleicht ist es auch ein Tabu.“ Sabine lachte.

„Habt ihr über Sex geredet, als ihr allein wart?“, wollte ich wissen.

„Ich kenne Marie doch nur flüchtig“, wich Sabine aus und frottierte ihre Haare. Ich sehe gerne zu, wenn Frauen sich mit nacktem Oberkörper die Haare frottieren.

„Ich meine, Du und Harry, ob ihr über Sex geredet habt?“

Sabine sah mich an. Sie setzte eine Miene auf, die völlige Verständnislosigkeit zum Ausdruck bringen sollte. „Wir reden doch nicht über Sex, wir haben Sex.“

Also doch!

Ich war völlig perplex.

Mein Liebesleben war mal wieder von einer auf die andere Sekunde geschreddert. Wie sie das so einfach dahin sagt, „wir reden nicht über Sex, wir tun es …“ So grausam können nur Frauen sein.

Ich dachte, ich wäre einigermaßen immun, aber ein giftgelber Eifersuchtsblitz durchzuckte mich wie Strom eine Comicfigur, die an eine Steckdose kommt. In Sekundenbruchteilen spulte mein Hirn B-Pläne und C-Pläne in verschiedensten Varianten durch. Sofortige Abreise, das war das Mindeste. Ich nehme das Auto, sollen sie doch sehen wie sie nach Berlin kommen. Mein Cursor im Kopf raste über Kolonnen von Gegenständen, die Sabine in meiner Wohnung hatte. Alles muss raus! Ich werde es durchs offene Fenster werfen, egal was der Kram gekostet hat. Kleider, Schuhe, Kosmetik, Vasen … ihre Geschenk bekommt sie auch hinterhergeschmissen. Nein, tätlich werde ich nicht. Ich doch nicht! Ich bleibe ganz der Gentleman. Ich strafe mit Verachtung, Missachtung, Nichtachtung.

Und Harry erst! Ich werde alles von ihm löschen, jedes Vortragsmanuskript, jede SMS, alle Mails, die sowieso. Harry wird in meinem Leben keinerlei Rolle mehr spielen. Marie? Ich entblöde mich doch nicht und ziehe sie mit in diese dreckige kleine Affäre. Aber wenn unser heimliches Liebespaar einen Fehler macht und die Liaison fliegt auf, und das wird passieren, so sicher ich hier wie vom Elektroschock getroffen auf Sylt im Bett sitze, dann werde ich mit klammheimlicher Freude sehen, wie Marie via Roberta beiden die Pest an den Hals hext. Wenn Harry ausziehen muss, dann kann er sehen, wer ihn tröstet. Denn Harry wohnt sehr gerne in der Potsdamer Wohnung. Ich werde Marie den Anwalt meiner Exfrau Johanna empfehlen. Ein honorargieriger Sadist im Nadelstreifen. Dann bleibt Harry nicht mal ein Steinchen von seinem Besitz, kein Buch noch nicht mal eine einzige Dean Martin-CD. Marie wird alles bekommen.

Und ich darf nicht vergessen, Sabines Fotoalben und ihre Bücher aus meinem Haus in Wassen, draußen in Brandenburg zu eliminieren. Am besten in die Müllverbrennung des Kreises Dahme-Spreewald.

Sabine wieherte vor Vergnügen, als sie mein mit Sicherheit gelblich angelaufenes Gesicht sah. Sie behauptete, ich sähe gerade aus wie Charlie Braun. Ich wollte mich gerade aufpumpen, um loszubrüllen, da warf sie sich krachend auf mich und begann einen Ringkampf. Dabei stieß sie lachend heraus:

„Charlie Braun, du bist ein derartiger Vollidiot … unglaublich … wie kommst du auf die Idee, ich könnte mit Harry ficken?“

„Ich kenn’ mich mit Frauen aus“, ich knurrte extrem grimmig.

„Dann müsstest du auch wissen … Harry ist nicht mein Typ.“

„Aha, und wenn er dein Typ wäre, dann würde meine beste Freundin mit meinem besten Freund ficken. Willst du das sagen?“

Obwohl ich mich wehrte, küsste mich Sabine, dass ich nicht mehr sprechen konnte. Dann flüsterte sie mir ins Ohr:

„Wenn du dich anstrengst wie eben gerade, dann ist keiner mein Typ. Okay? – Also immer schön fit bleiben, … und du bist so süüüß, wenn du eifersüchtig bist.“

„Ich kenne das Gefühl Eifersucht nicht.“ Ich warf mich vergeblich mit diesem Satz in die Brust. Und es ist auch die Wahrheit. Nur wenn ich derartig reingelegt werde, zündet bei mir dieses verachtenswerte, nichtswürdige Gefühl von Vertrauensverlust, Verletztheit und gekränktem Stolz, das ich absolut nicht leiden kann. Ich bin nicht so! Jedenfalls will ich nicht so sein.

Es war wieder einer von Sabines schrägen Scherzen. Und ich war wieder mal drauf reingefallen. Zur Strafe musste ich von Sandra erzählen. Sabine nistete sich in unserem Friesenbett ein und versuchte mich zu kitzeln, weil ich nicht schon wieder den Märchenerzähler geben wollte.

„Also, wie war das mit Sandra?“, insistierte sie, ritt halb auf mir und hatte die Stelle bei mir seitlich unten an den Rippen gefunden, wo ich derartig kitzlig bin, dass ich wie ein kleines Kind kichern und strampeln muss.

Ich fiel keuchend aus dem Bett und hisste die weiße Flagge. Harry klopfte an die Tür und fragte, ob er irgendwie helfen könne.

„Komm’ rein“, rief Sabine.

Harry steckte den Kopf durch die Tür und sah grinsend, wie ich mich aufrappelte. Sabine rief ihm zu:

„Harry, da war doch was mit Sandra und Hugo, oder?“

Harry schmunzelte nur.

„Harry, komm, du darfst ausnahmsweise mal zuhören“, bestimmte Sabine. „Hol’ dir aber erst was zu trinken.“

Ich wurde erst gar nicht gefragt. Sabine sammelte Kissen und Decken vom Boden auf und bettete uns beide weich. Für Harry zog sie den ehrwürdigen bordeausroten englischen Sessel aus der Friesenstube herüber.

 

 

Sandra

 

„Harry ist ein wahrer Freund, der auch gerne mal was abgibt.“

„Richtig“, rief Harry, setzte sich und schlug den Morgenmantel über dem Bauch zusammen.

„Fängt ja schon gut an“, nickte Sabine.

Ich fuhr fort: „Meistens kommen seine Aktionen spontan bis sehr spontan. Es hängt immer von Maries Horoskop ab. Maries Leben wird wie das von Marlene Dietrich von den Sternen bestimmt. Die Dietrich war in der Hand des Astrologen Caroll Righters. Die Filmgeschichte weiß nicht, zu welchen Rollen er ihr geraten hat und von welchen Rollen er ihr abgeraten hat. Sie weiß nur, dass die Diva nur zwei wirklich gute und wichtige Filme gemacht hat: Den „Blauen Engel“ und „Zeugin der Anklage“ – und das war vor Caroll Righters Zeit. Der hat übrigens parallel zur Dietrich auch einen Schauspieler namens Ronald Reagan und die Knef beraten.“

„Komm’ zur Sache!“, mahnte Harry.

„Marie Quehenhofleitner-Stiegler ist wie wir wissen in der Hand von Roberta, der Wahrsagerin. Wenn Marie auf Robertas Rat zur Energieübertragung oder zum Transzendenzyoga fuhr, hat Harry sturmfreie Bude.“

Harry fügte hinzu: „Weil Robertas Vorhersagen und Prophezeiungen sich aber nicht nach meinem Terminkalender richteten, was völlig normal ist, kommen diese Auszeiten überraschend.“

„Jedenfalls, eines Abends im Oktober hast du mich angerufen“, sagte ich zu Harry, „und erklärt, dass du einen Tafelspitz gekocht hast.“ Zu Sabine gewandt fügte ich hinzu: „Das kann Harry fantastisch.“

Sabine: „Anrufen oder Tafelspitz?“

Harry wirkte geschmeichelt und sagte bescheiden, Tafelspitz kochen sei etwas ganz normales für jemanden, der aus Krems ist. Schon die Großmama Quehenhofleitner habe ein Rezept gehabt. Harry schnalzte mit der Zunge.

„Ich versuchte das Telefongespräch in Kremser Tonfall nachzuerzählen: ‚Kommst?‘ Ich hörte in dem einen Wort schon einen seltsamen Unterton von Harry am Telefon.

‚Wo ist er Haken?‘

‚Wir fangen in ana Stund’n an.‘

‚Wir?!‘

‚Sandra, Kathi, Melanie und i. Und die Sandra ist extrem attraktiv.‘

‚Warum lädst du nicht einfach nur Sandra ein?‘

‚Die Madln san unzertrennlich momentan.‘

‚Mein Gott!‘

Ich also ins Taxi, raus nach Potsdam. Nur um Harry beizustehen. Wie hatte er gesagt? Sandra sei extrem attraktiv. Und Tirolerin, hatte er hinzugefügt. Harry hat einen sehr guten Geschmack. Zum Beispiel Harrys Wohnung: Sie ist auf Effekt getrimmt, wie ein gutes Szenenbild. Wenn du reinkommst erkennst du schon: Hallo, hier wohnt ein Mann mit Geschmack. Im Foyer, auch für den Laien erkennbar, richtige Kunst. Klassische Moderne. Aber nicht die öd-langweiligen Kandinsky- und Feininger-Drucke. Harry hängt nur Unikate auf, und zwar Ausstellungsplakate. Picasso in Mougins, Baumeister in Stuttgart 1983 in der Galerie Valentien, Léger in Biot 1958, Otto Dix in der Tate. Großformatig. Originale. Rechts hinter der Eingangstür: Die Küche eines Gourmets, dabei ist Harry ein Gourmand, mit einer Gourmand-Figur.“

Harry zeigte mir den Finger und sagte zu Sabine, sie müsse unbedingt auch mal nach Potsdam kommen und sich das anschauen. Am besten wenn Marie nicht da sei, weil Marie manchmal seltsam auf andere Frauen in der ehelichen Wohnung reagiere.

Uops?

„Wenn man ins Wohnzimmer kommt, sieht man gleich die Kuschelecke am Kamin für nach dem Dinner mit Blick auf den See. Bei Harry zu Hause ist alles wie es sein soll, möchte man meinen. Nur die Restdünste von Räucherstäbchen irritierten immer wieder. Die kommen von Marie. Marie verabscheut natürlich den Stil ihres Mannes. Deswegen hat sie ihr eigenes Reich, aus dem Räucherdüfte und sphärische Klänge dringen, wenn sie zu Hause ist. Über die Einrichtung ihrer Suite wollen wir jetzt nicht reden. An jenem Abend war sie nicht da, weil Roberta sie in eine Maharishi Ayurveda Kurklinik zum Entschlacken ihres Panchaparka oder so ähnlich geschickt hatte. Jedenfalls hatte Harry sturmfrei. Nur Maries Räuchermief kokelte noch in der Wohnung herum und kämpfte mit dem Tafelspitz aus der Küche.

Die drei von Harry angekündigten Frauen saßen in der Kuschelecke mit dem Blick auf den See, süffelten Aperol mit Champagner und ließen sich vom Hausherrn bespaßen. Das machte er gekonnt mit österreichischem Schmäh. Man darf auch nicht vergessen, Harry ist ein attraktiver Mann, trotz oder wegen seines „en bon point.“ Er bringt Frauen zum Lachen.“

„Da schau’ her, wie du mich einschätzt!“ Harry grinste, „und außerdem habe ich breite Schultern.“

Sabine: „Was will man mehr?“

„Ich setze mich in der Kuschelecke so, dass ich ziemlich nah bei Sandra war. Obwohl ich nicht wusste, auf wen der drei Frauen in dieser Nacht die Wahl meines Freundes Harry fallen würde. Denn ich fand auch, dass Sandra extrem attraktiv war. Aber Harry hatte die erste Wahl. Die Sache mit Betsy war längst ausgestanden, aber nicht vergessen. Nicht wahr, Harry?“

„Betsy?“ Sabine war irritiert.

Harry schaute in sein Rotweinglas und antwortete brummig, dass diese Frau keinem Glück bringt.

„Und ich bin Harrys Freund“, fügte ich hinzu. „Da macht man sich bei Frauen keine Konkurrenz.“

Schräger Blick von unten, mal sehen, wie sie reagieren?

Neutral.

„Kann man das so stehen lassen?“, fragte Sabine Harry.

„Ich weiß nicht, was er dir alles erzählt hat, aber das mit dem Freund stimmt.“

„Harry kochte, bespaßte von der Küche her und ich süffle in der Kuschelecke am Apero herum und bewunderte Sandra. Sie lauschte mit Hingabe, lachte, warf witzige Sätze dazwischen. Was kann einem Mann schöneres passieren? Jedenfalls war das mein Eindruck. Harrys Tafelspitz war wie im Sacher in Wien. Sein Kremser Veltliner ist ohnehin Legende in Berlin. Harry bezieht ihn direkt bei der Erzeugerin. Beim Hauptgang blickte ich endlich durch: Heute Abend hatte Harry Melanie auf der Rechnung nicht Sandra. Sein Schmäh war ein wenig zweideutig nach meiner Meinung, aber in der Richtung unzweifelhaft.“

„Ouhhh“, ächzte mein Freund.

„Also Melanie. Sie war die Rudelführerin der Mädels. Groß, elegant, attraktiv aber nicht wirklich schön. Melanie arbeitete im KaDeWe als Eventchefin. Sie musste den ganzen People’s-Press-Kram für Gucci, Vuitton und wie sie alle heißen, organisieren und war deswegen per Du mit allen Ortspromis und auch noch ein paar Hollywoodgrößen. Weil ich bei der Presse bin, schenkte sie mir ein gewisses Interesse. Aber das war nur beruflich und hielt sich schwer in Grenzen, weil ich nur Filmkritiker bin.

Die etwas voluminöse Kathi war Schaufenstergestalterin im KaDeWe und Melanies beste Freundin. Sandra war Geschäftsführerin einer Unternehmensberatung, die auch für das KaDeWe arbeitete und auch Melanies beste Freundin. Melanie und Sandra waren auch Kathis beste Freundinnen. Und zwar nicht nur auf Facebook. ‚Unzertrennlich die drei‘, wie Harry später bei Tisch säuerlich scherzte, weil Melanie nach seinem Geschmack viel zu viel mit Kathi redet und mir mit einer Geste heimlich bedeutete, ich sollte den Keil spielen. Quasi wie eine hängende Spitze beim Fußball, die den Stürmer freisperrt, damit er einschießen kann.

Kompliziert, kompliziert. Als hängende Spitze bemühte ich mich zunächst um die prägnanteste Persönlichkeit. Wer ahnt es nicht?“

„Doch nicht etwa Sandra?“, warf Sabine ironisch dazwischen.

Ich fuhr fort: „Kathi dagegen gab sich gelangweilt und orientierte sich ständig Richtung Melanie. Harry begann mit der Hand zu winken. Ich sollte aktiv werden. Also versuchte ich Kathi in ein Gespräch über Chabrol-Filme zu verwickeln. Das gelingt oft, weil Frauen Chabrol-Filme mögen und oft auch gesehen haben. Kathi durchschaute das Spiel, gab Chabrol und mir sozusagen einen Korb und betrank sich, nebenbei diverse SMS an ihren Freund schickend, von dem sie uns beim Essen vorgeschwärmt hatte. Und sie unterbrach mit vollem Mund immer wieder Melanie und Harry.

Sandra schwieg und lächelte. Ich ging zu Til Schweiger Filmen über. Weil ich Kathi von Typ her so einschätzte, dass sie Tils Filme lieben könnte, weil sie sich in einer der weiblichen Hauptrollen wiederfinden könnte. Wieder daneben. Denn Kathi verband mit Til ein traumatisches Erlebnis: Bei einem der Events im KaDeWe, die ihre Freundin Melanie organisiert hatte, hatte Til einen Scherz über dicke Mädchen gemacht.

‚Du bist doch gar nicht dick‘, warf ich wahrheitswidrig ein.

‚Natürlich nicht, aber der Typ ist total frauenfeindlich. Du musst dir mal ansehen, mit was für Mädels er auftaucht.‘

Kathi warf mir dann noch Arroganz vor, weil ich mich nicht für die Beziehungsspielchen der Stars interessierte. Außerdem war Kathi Vegetarierin und deswegen distanziert gegenüber Tafelspitz. Dafür vertilgte sie die Beilagen und das Dessert ratzeputz. Sie ließ durchblicken, sie sei halt nur anhänglich, was ihre besten Freundinnen betraf und sei nur deswegen mitgekommen. Harry war glücklich, dass ich inzwischen die volle Aufmerksamkeit von Kathi auf mich gezogen hatte, die es für ihre Pflicht hielt mir auseinanderzusetzen, dass Bully Herbig heimlich verheiratet sei und zwei oder drei Kinder habe, das aber den Journalisten verschweige und was in der Ehe von Maria Furtwängler mit Hubert Burda in Wirklichkeit läuft und so weiter. Ich war froh, dass Harry nach ein paar Minuten das Gespräch übernahm.

Ob Sandra in festen Händen war, was mich rasend interessierte, bleib den ganzen Abend offen. Eigentlich unvorstellbar, dass eine so schöne Frau alleine sein sollte. Sandra war so um die 1,75 m groß, sehr schlank, blaue Augen, dunkelbraune Haare, Pagenschnitt, sehr gepflegt. Fein gezeichnetes Gesicht mit breitem Mund, etwa wie Julia Roberts. Okay, kein schlechter Vergleich, Sandra sah aus wie Julia Roberts in dunkel.

Harry hatte anscheinend schon mordsmäßig angegeben, als er mich angekündigt hatte. Weiß Gott was für ein wichtiger Kritiker ich sei.“

„Er übertreibt“, sagte mein bester Freund zu meiner Frau Freundin.

„Sandra hatte zum Glück schon Kritiken von mir gelesen. Eine fand sie gut. Sie betraf „Das Leben der anderen.“ Schon länger her. Ich bewunderte ihr Gedächtnis. In meiner Kritik teilte ich nicht die allgemeine Euphorie für den Film. Andere meiner Kritiken fand sie überzogen. Sandra sprach fließend Deutsch. Kein Wunder, ihre Mutter stammte aus Innsbruck Sie beeindruckte mich mit politischen Analysen und Kulturtratsch, Witzen und Reisegeplauder. Sie hatte mit ihrem Chef viel in New York zu tun. Aha, der Chef! Fuhr es mir durch den Kopf. Nein, der Mehrheitsgesellschafter war schon jenseits der sechzig, seit einundvierzig Jahren fest verheiratet und sehr zurückhaltend. Ein reines Businessverhältnis zwischen ihm und ihr, erklärte Sandra. Sie lachte und fügte hinzu: ‚Ich seh’ dir an, dich interessiert, ob ich jemanden hab’?‘

Ich hätte sie für ihre Offenheit küssen mögen. Zumal sie mir leicht über den Unterarm streichelte, als sie den Satz sagte. Und ich Idiot dementierte, was völlig durchschaubar war.

Sandra: „Ich glaub’ dir kein Wort.“

Harry wurde auf uns aufmerksam, zwinkerte in meine Richtung, unterbrach die Zutexterei von Melanie und fragte, ob jemand Kaffee will. Alle wollten. Harry ging in seine Gourmetküche und setzte eine gurgelnde Maschine in Gang. Ich schwöre, ich kann nichts dafür, aber als er die Espressotassen ins Esszimmer balancierte, waren die Mädels schon bereit zum Aufbruch und räumten das Geschirr zusammen, Kathi rauchte und simste auf dem Balkon.

Ich hatte vorher nur Sandra gefragt, ob wir nachher noch was trinken sollten. Da wurde Kathi hellhörig und sagte: ‚Wenn ihr nach Berlin reinfahrt, nehmt mich doch einfach mit.‘

Und Melanie fand das super: ‚Wir teilen uns ein Taxi.‘

Ich hätte die Droschke für Sandra und mich sehr gerne alleine bezahlt.“

Harry: „Ich war von den Socken.“

„Ich streckte die Hände nach vorne und hob entschuldigend die Schultern. Der Espresso war schnell halb im Stehen getrunken, Harry wurde mit Komplimenten wegen des Tafelspitz’ überschüttet und Kathi lobte höflich den Salat und das Dessert.

Der Taxifahrer klingelte. Ich saß vorne, die drei Mädels hinten. Harry schickte mir eine wütende Einwort-SMS, die ich nicht beantwortete. Ich war mir keiner Schuld bewusst und wollte das „Kameradenschwein“ keinesfalls auf mir sitzen lassen. Behielt mir das aber für die nächsten Tage vor.“

„Bis hierher stimmt’s einigermaßen“, erklärte Harry, nippte den letzten Schluck Wein, gähnte und stand auf.

„Kennst du die Geschichte?“

Klar kannte Harry die Geschichte ziemlich gut.

Er sagte: „Andeutungsweise. – Ich komme da aber nicht mehr vor, deswegen gehe ich jetzt in mein Bett. Wollte nur mal wissen, was Hugo dir so alles über mich erzählt.“ Harry küsste Sabine flüchtig auf die Wange, klopfte mir aufs Knie, das unter der Bettdecke hervorschaute und verschwand.

„Und nun?“

Ich fuhr fort: „Natürlich kommt Harry noch vor, aber du weißt doch wie bescheiden er ist.“

Sabine lachte. Ich lachte.

„Wie ging es im Taxi weiter? Habt ihr es gleich gemacht, Sandra und du?“

„Nicht sofort. Während Kathi über ihren Freund redete und diesmal Melanie simste, streichelte mir Sandra den Haaransatz im Nacken und schwieg. Ich dachte an Harry. Ich wusste aus Männergesprächen, dass er es hasste zu onanieren und ich überlegte mir, was er jetzt macht, um den Frust abzubauen, den drei Frauen und ich bei ihm hinterlassen haben müssen. Harry ist wie gesagt theoretisch sexsüchtig und erschwert sich das Leben unnötig, weil er sich das Wichsen verbietet. Das ist umso komplizierter, weil bei ihm in der Ehe mit Marie nur was läuft, wenn Roberta es vorhersagt, wie wir Außenstehenden annehmen müssen.“

„Dann macht er es sich halt heimlich wie alle“, gab Sabine zu bedenken.

„Und ich weiß nichts davon?“

„Es ist ihm peinlich, vor mir darüber zu reden, das hast du eben selbst gesagt, aber er ist auch nur ein Mann.“

Ich beharrte darauf, dass Harry zwei Sexualpraktiken ablehnt: Onanieren und zu Huren gehen.

Sabine zitierte Woody Allen: „Masturbieren ist Sex mit einem Menschen, den man wirklich liebt.“

Meine wunderbare Frau Freundin!

„Irgendwie ist Selbstbefriedigung immer noch ein gewisses Tabu. Früher hat sich keiner auch nur das Wort in den Mund zu nehmen getraut.“

„Eher was anderes“, ich liebte es, wenn Sabine vulgär war. „Hugo, mein Schatz“, jetzt kam eine Belehrung, wie ich schon an der Anrede hörte. „Leyla, eine von meinen ‚besten Freundinnen‘ …“

„Die Blondierte, … die Türkin?“

„Ja, beim Wintergrillen, als du auf der Berlinale mit diesen langweiligen Filmtypen rumgehangen hast, wie jedes Jahr, da hat Leyla mit dem Thema weibliche Selbstbefriedigung angefangen. Sie hatte in der Universität der Künste einer Bildhauerstudentin für eine Plastik Modell gelegen. Die Skulptur heißt ‚die Linkshänderin‘ und stellt eine linkshändig masturbierende nackte Frau dar. Beim jährlichen Rundgang durch die Ausstellung der Studenten haben die Besucher Leyla in der Figur spontan wiedererkannt, denn sie saß das ganze Wochenende neben ihr und ließ sich zusammen mit dem Kunstwerk bewundern. So stolz war sie.“

„Cool, hätte ich ihr nie zugetraut.“

„Weil sie aus der Türkei kommt?“

„Nein, weil das für Leyla sehr exhibitionistisch ist, finde ich.“

„‚Masturbieren gehört zum Leben und macht Spaß‘, sagte Leyla damals beim Wintergrill zu den Frauen, die an brühend heißen, in der kalten Luft dampfenden Thüringer Bratwürsten knabberten und pusteten. ‚Wer von uns macht es sich nicht gerne selber?‘ Die meisten haben genickt und gelächelt.“ Sabine boxte mich in die Seite. „Ich möchte nicht wissen, wie Männer auf eine derartig direkte Frage reagieren würden.“

„Waren denn keine dabei?“

„Keine richtigen jedenfalls“, entschied Sabine.

„Ich denke Harry war damals dabei?“

„Klar, Harry, du hast Recht. Harry hat förmlich brilliert mit seinen Betrachtungen und Analysen. Und weil es so wissenschaftlich daherkam war es ihm auch nicht peinlich.“

„Ich denke, es ist nichts dabei über Onanie zu diskutieren.“

„Schmock! Du weißt dass das nicht für alle gilt. Marie beispielweise war das Gespräch saupeinlich. Du hättest Marie erleben sollen, wie sie zickte.“

Ich lachte. „Du magst Marie nicht.“

„Du etwa?“

Ich schüttelte den Kopf. Sabine erzählte weiter: „Die Diskussion lief weiter wie eine Spielzeugeisenbahn im Kreis um das Thema Masturbation. Wir haben zwei Stunden in der Kälte über Selbstbefriedigung, nicht nur der weiblichen auch der männlichen, geredet und am Schluss kam die Frage auf, ob katholische Priester häufiger onanieren als sich an Kindern zu vergreifen und ob der Papst als junger Priester sich genauso befriedigt hat wie alle anderen jungen Männer.“

„Wer hat das behauptet?“

Sabine fiel etwas ein, sie prustete und strampelte im Bett, dann beugte sie sich über mich und starrte mich an, bevor sie sagte: „Ich denke gerade an Herrn Baumann.“

Baumann?

„Sagt der Urologe zu seinem Patienten: ‚Herr Baumann, Sie müssen jetzt aber wirklich aufhören zu onanieren.‘ Darauf Baumann: ‚Um Gottes willen Herr Doktor, warum denn?‘ ‚Ich kann Sie sonst nicht untersuchen.‘“

Ich kenne nicht viele Frauen, die Witze mögen. Die meisten behaupten sie kapieren sie nicht. Es gibt noch weniger Frauen, die Witze gut erzählen können. Sabine und die Gräfin gehörten dazu. Zur Gräfin komme ich noch.

Sabine weiß, dass eine andere meiner Männerfreundschaften übers Witzeerzählen funktionierte. Die mit Jan. Er und ich waren nämlich hauptsächlich Witzefreunde. Immer wenn ich einen guten neuen Witz gehört hatte, rief ich den seligen Jan an. Das war Pflicht.“

„Kenne ich Jan?“

„Nein, er ist tot, ich habe doch gesagt, der „selige“ … Jan war der vagabundierende Vorstandsvorsitzende von kleinen AGs. Jan musste oft Leute feuern und Produktionen schließen. Dann wurde der Rest aufgeteilt und verhökert. Er litt sehr darunter, eine kleine Heuschrecke zu sein und hatte kein gutes Leben. Sein Repertoire an Trostworten für die Betroffenen war immens, wenn er bei Betriebsversammlungen auf Thema Kündigung kam. Sein Repertoire an Witzen glich dem.

Er sammelte Witze. Er erzählte Witze wie niemand sonst, den ich kenne. Eingeschlossen des großen Fritz Muliar. Jan zelebrierte Pointen, er bereitete sie meisterhaft vor, knapp oder wenn es ihm gefiel grotesk umständlich, dann kam die Wendung, die Überraschung, die das Lachen provoziert. Er war ein begnadeter Erzähler und Komödiant. Bitterernst und beherrscht trug er mit nonchalanter Beiläufigkeit die krassesten Dinger vor. Jan hatte auf jedem Schreibtisch, den er im Laufe seiner Heuschreckenkarriere benutzte, ein rotes Telefon. So ein richtig altes mit Strippe und Wählscheibe. Und Jan hatte Witzfreunde. Kumpels, die auch auf Witze standen. Mich zum Beispiel. Auf dem roten Telefon musste man als Jans Witzfreund anrufen, wenn man was Neues gehört hatten. In jeder Besprechung, in jeder Situation nahm er ab, lauschte, lachte nie, bedankte sich und legte auf.

Wenn ich ihn traf und er andren im meinem Beisein meinen neuen Witz erzählte, präzise im Timing, genau beim Gespür, ob die Situation passte, dann war das seine Art, einem Witz die Honneurs zu machen. Welch eine besondere Auszeichnung! Aus wie vielen schiefen Jokes machte er erst einen richtigen Witz? Und manchmal, da bin ich sicher, hat er auch welche erfunden. Heimlich. Schade, dass er nicht Drehbuchautor für Komödien geworden ist. Solche Leute wie Jan selig bräuchte der deutsche Film in Zeiten von Leander Haussmann, Bully Herbig, Matthias Schweighöfer und Til Schweiger!

Jan stammte aus der alten Charlottenburger Zeit, als die Mauer noch stand. Er sah aus wie Harald Juhnke. Er soff wie Juhnke. Er starb nicht wie Juhnke. Er war, so sagte seine Assistentin am Grab, klaren Geistes als er von seinem Internisten kam und beiläufig auf dem Weg in sein vorübergehendes Chefzimmer bei einem Druckmaschinenhersteller sagte, sie möge mit der Charité einen Termin für einen Herzschrittmacher vereinbaren und dann den Betriebsrat rufen. Er schloss die Tür, setzte sich und starb. Man fand den Leichnam mit einer Hand auf dem roten Telefon. Wer ihn angerufen hatte ließ sich nie klären. Auch nicht, ob er abgenommen oder aufgelegt hatte. Ich tröstete mich damit, dass er sicher aufgelegt hatte und sich zum ersten Mal vor Lachen verschluckt haben könnte, als ihm einer einen neuen Witz erzählte. Und das war zu viel für sein von der ständigen Saniererei geschundenes Herz.

Unglücklicherweise nahm er den ultimativen, grandiosen Witz mit ins Grab. Zum Glück aber nicht alle seine Witze. Die meisten davon leben noch. Ein paar sind unsterblich. Was er sich am meisten gewünscht hatte, bekam er nie. Eine Frau, die Witze erzählen konnte.“

Sabine verlangte, dass ich Jans besten Witz erzählen sollte. Jedenfalls den besten der überlieferten Jan-Witze. Das ist heikel. Denn es ist enorm schwer zu sagen, welcher von Jans Witzen der Beste ist. Das kommt auf die Zuhörer, die Raumtemperatur, die Tageszeit und weiß der Himmel was sonst noch an.

„Erzähl’ mir den besten für jetzt: Schönes Paar in warmem Bett, sexuell entspannt, weltoffen …“

„Bei ‚weltoffen’ fällt mir einer von Jans Witzen ein, den man nur auf Englisch richtig erzählen kann. – „Queen Elisabeth usually takes her states guests with a magnificent coach, drawn by eight horses, to Buckingham Palace. One day, a gentle visitor, king of an island in the Caribbean, was sitting by the side of Her Majesty, when the horse just in front of the Queen farted loudly. The Queen to her guest: „Ouhh Sir, I am sorry for that!“ The king turned to Elisabeth an replied surprised: Ouhh Madam, I thought it was the horse.“

 

Sabine lachte und erzählte einen Witz, der auch nur auf Englisch funktioniert: „Long after midnight. A gentleman sat lonely in a bar, drinking. Suddenly the door swung up and a pretty young lady with fair long hair, miraculous eyes and a perfect body came in and put herself on the edge of the bar. The gentleman waves the barman and whispered with his heavy tongue: ‚C’mon, bring that lady a glass of champagne.‘ The waiter said quietly: ‚Sir … she is a lesbian!‘ The gentleman nodded and requested the barman to bring the lady the glass of champagne. The waiter served the drink ‚with the best compliments from the gentleman over there.‘ The guy stood up, closed his jacket, went to the girl, grinned: ‚Hi, I’m Bob from Grand Rapids, Michigan … and from which part of Lesbia you are from?‘“

Ich lachte herzlich und leise, schaltete meine Nachttischlampe aus, lachte noch mal, drehte mich auf die Seite und kramte nach Sabine unter den Decken, um mich an sie zu kuscheln.

Ich wachte gegen neun auf und drückte mich im Bett herum und sah aus dem Fenster. Draußen hing der graue Himmel fast bis zum Boden. Triefnasse Wolken zogen über die Insel und klatschten halb tauenden Schnee aufs Land. Über einen Dünenweg trotteten zwei Klepper mit halbwüchsigen Mädchen auf dem Rücken. Das sah alles andere als gemütlich aus.

Im Wohnzimmer hörte ich leise Harry auf Sabine einreden. Sie antwortete eher einsilbig. Ich konnte nicht verstehen, über was sie sprachen. Interessiert hätte es mich aber schon.

Ich stand auf und ging rüber ins Bad. Sie wechselten das Thema, wie ich an der Stimmlage erkennen konnte. Ich putzte die Zähne und starrte dabei in das Schneegestöber. Während ich heiß duschte dachte ich nach. Ich hatte keine Idee, was zwischen Harry und Sabine ablief.

Als ich eintrat und „Mojn Mojn“ sagte, wie die Friesen zu jeder Tages- und Nachtzeit, wechselten die beiden schnell einen Blick. Sabine stand auf und küsste mich flüchtig auf den Mund.

„Setz dich, ich mach dir einen Kaffee“, sagte sie. Normalerweise mache ich morgens immer Kaffee. Ich setzte mich zu Harry auf die Bank und schielte über seine Schulter in die Zeitung. Sie meldeten für den Norden Deutschlands Schnee. Viel Schnee.

Harry orakelte: „Ich sag grad’ zu Sabine, einschneien auf Sylt. Das wär’ a Witz. Des glaubt keiner am End.“ Harrys Zeit hier in Hörnum ging langsam ihrem Ende entgegen.

Er rief vorsichtshalber schon mal am Flughafen an und erfuhr, dass auf Sylt selbst bei Schneesturm alles klar sei, dass aber wegen der geringen Enteisungskapazität am Berliner Flughafen eventuell mit Verspätungen zu rechnen sei. Harry grinste Sabine an, Sabine grinste Harry an und hob den Daumen.

„Was ist los?“

„Öhh nichts.“

Harry schüttelte abwesend den Kopf, denn er schrieb noch schnell eine SMS, achtete aber sorgfältig drauf, dass ich nicht mitbekam, was er schrieb und an wen. Dabei ist Harry immer der Erste, der seinen SMS-Verkehr laut verliest. Aus der Küche duftete es nach Kaffee und frisch aufgebackenen Croissants. Ich ging Sabine beim Frühstück zu helfen.

Harry trat ans Fenster und stellte Betrachtungen darüber an, ob und wo man auf Sylt Skilifte auf die Dünen bauen könnte, falls der Golfstrom eines Tages wegen des Klimawandels abreißt und wir in Europa eine neue Eiszeit bekommen. Und wo man eine Loipe ziehen könnte.

Marie rief an und riss Harry aus seinen Gedanken. Dann das Institut. Es dauerte, bis wir Harry soweit hatten, dass er sein Handy ausschaltete, wie es vereinbart war. Zum Frühstück aßen wir die Reste der Krabben und der Leberpastete. Sabine nahm zum Kaffee nicht nur Milch, sondern einen Schluck Rum gegen die Kälte. Jeder vertiefte sich in einem Teil der „Süddeutschen“, die heute mit Verspätung gekommen war. Der Morgen begann, wie ich es mir gewünscht hatte, ruhig und harmonisch.

Spaziergänge waren mühsam im sandigen Tiefschnee. Ich kam mir blöd vor, aber ich achtete darauf, dass die beiden nicht längere Zeit alleine waren. Sabine ging zu ‚Edeka‘ an der Bushaltestelle und kaufte Vorräte ein. Harry sagte, jede Frau müsse in so einer Situation instinktiv Vorräte einkaufen. Falls doch zu viel Schnee kommt. Um zu überleben. Die Natur will, dass jede Spezies sich um den eigenen Fortbestand sorgt.

„Die Spezies Mensch auf Sylt als bedrohte Art“, sagte ich mit ironischem Ton. „Wenn Roland Emmerich nicht schon seinen unsäglichen Streifen ‚The Day After Tomorrow‘ gedreht hätte …“

„Ich fand ihn gar nicht so schlecht“, erwiderte Harry.

„Naja.“

„Du musst auch immer das letzte Wort haben.“

Sabine begann für den Abend zu kochen. Einen Sugo aus getrockneten Tomaten, schwarzen und grünen Oliven, Kapern und Sardellen mit Knoblauch und einer Prise Pfeffer und einem Schluck Rotwein. „Wenn er gut werden soll, muss der Sugo mehrere Stunden bei ganz kleiner Hitze ziehen“, predigt Sabine immer. Einschließlich ein paar Peperoncini. Deren Zahl ist bei uns immer umstritten, weil ich nicht so wahnsinnig scharf esse wie Sabine. Ich sah ihr über die Schulter und klaute mit spitzen Fingern Olivenringe, die Sabine mit den Ellenbogen verteidigte. Plötzlich prustete sie.

„Trifft ein Türke den anderen in München. Sagt der eine: ‚Ey Alter, ich komm’ aus Kreuzberg‘, Antwort: ‚Ich komm’ aus Muschi!‘“

Ich lachte und fragte, wie sie jetzt darauf kommt?

„Ging mir so durch den Kopf.“

Ich klaute eine Sardelle. Da war der Spaß vorbei. Sardellen waren eh nicht genug da. Ich flog raus.

Harry sah meine Filme. Ich hatte keine Lust, in seinen Dissertationen zu lesen. Ich trödelte herum. Es gab keine konspirativen Situationen mehr zwischen Harry und Sabine. Den heimlichen Dialog nach dem Aufstehen hatte ich längst abgetan. Es war noch herrlich lang bis zum Abend. Es war wunderbar langweilig. Ich spürte wie sich meine Magennerven entspannte und sich mein Geist vom Alltag löste.

„Was macht eigentlich Sandra?“, fragte ich Harry.

Zur Abwechslung zog ich ihm mal die Kopfhörer raus. Er sah mich entgeistert an, weil er in einen französischen Film mit dem Titel „Willkommen bei den Sch’tis“ vertieft war.

„Was Sandra macht?“

„Ouuu Sandra? … Arbeiten. Bestimmt arbeiten. Moment mal, die eine Frau, die …“ Harry suchte nach einem Namen, „die aus dem KaDeWe, die hat mir neulich erzählt, dass Sandra jetzt den Pilotenschein macht.“

„Passt zu ihr.“

„Weil wir gerade bei deinen Verflossenen sind …“

„Ja?“ Ich war immer neugierig, was meine früheren Frauen so treiben.

„Ich habe vor ein paar Wochen Johanna gesehen.“

„Oh neee!“ Auf Informationen über meine Ex war ich nicht neugierig.

„Sie hat ihre Apotheke verkauft und ist …“

„Verdirb’ mir bitte nicht den Tag“, bat ich.

Harry schüttelte den Kopf und sah mich verständnislos an. Er hatte Recht, ich war ein aussichtsloser Fall. Ich ging und setze mich an den erloschenen Kamin. Nach ein paar Minuten legte ich den Kopf in den Nacken und rief laut:

„Sabine, ich liebe dich!“

Harry nestelte die Kopfhörer raus, kam zum Kamin und fragte, ob ich gerufen hätte.

„Ja, aber nicht dich.“

Sabine kam und warf sich auf meinen Schoß und knutschte mich. Harry zog grinsend ab und ich tastete ungeniert unter Sabines T-Shirt nach ihren warmen Brüsten, bis Sabines Handy läutete und sie mit ihrem Spieleverlag zu telefonieren begann.

Es roch nicht im Geringsten nach Frühling, nur nach Zigarettenrauch, als Sabine und Harry von der Terrasse herein kamen, wo sie die Mittagszigarette unter dem Vordach geraucht hatten. Es regnete in Strömen auf den nassen Schnee. Wetter wie im finstersten Berlin. Der Wetterbericht machte allerdings Hoffnung, dass bald wieder neuer Schnee vom Nordatlantik über Nordfriesland hereinwehen würde. Harry simste herum und machte sich zum Spazierengehen fertig.

„Bei diesem Wetter? Wir waren doch schon draußen.“

„I bin halt a Naturkind“, verkündete Harry und erklärte uns, dass er über den Deichweg bei Rantum wandern wollte, wofür man Zeit braucht. Nur falls ich wieder vorhaben sollte, die Bergrettung zu alarmieren. Sabine kicherte. Ich überhörte das, wurde allerdings skeptisch, als Sabine zehn Minuten nachdem Harry ins Auto gestiegen war und mit meinem Auto Richtung Westerland abschwirrte, um irgendwelche Sportschuhe zum Joggen im Sand zu kaufen.

Ich rief mir fünf Minuten später ein Taxi.

Von Rantum aus ist der Damm um das Becken im Wattenmeer sehr gut zu überblicken. Er schwingt sich weit in die See und trennt das vereiste Vogelparadies auf der Landseite vom offenen Meer, wo sich graublaue Eisschollen übereinandergeschoben hatten. Dazwischen verlief, selbst im strömenden Regen gut auszumachen, der Damm im weiten Bogen. Unter den Vorwand, die Vögel beobachten zu wollen, lieh ich mir beim Taxifahrer ein Fernglas, um zu verifizieren, was man schon mit bloßem Auge sah. Keine Menschenseele weit und breit!

Westerland ist nicht groß. Ich streifte vorsichtig durch die Straßen, behielt die Sportgeschäfte genau im Auge, ich schaute sogar in Cafés und Bars, soweit sie im Winter offen hatten. Ich sah keine Frau, die auch im Entferntesten an meine Sabine erinnerte. Und keinen Mann, der Harry sein könnte.

Also doch! Harry und Sabine! Irgendwo mussten sie untergetaucht sein.

Ich trank in einem Imbiss einen doppelten Korn. Zu Hause nahm ich eine Baldrian/Hopfen-Kapsel zur Beruhigung und wartet, wer sich zuerst zeigen würde. Sabine kurvte gut gelaunt in die Zufahrt. Ich öffnete die Tür, nahm sie in den Arm, roch, dass sie geraucht hatte, aber ich roch nicht Harrys Aftershave.

Sabine stieß mich von sich.

„Hugo Ventura, es ist eklig, wenn du mir nachspionierst.“ Sabine feuerte Plastiktüten mit Laufschuhen, Drogerieartikeln und Lebensmittel auf den Tisch.

Ich stellte mich scheinheilig. „Wie? Nachspionieren?“

„In Westerland.“

„Seit wann darf ich nicht nach Westerland?“

„Warum nimmst du ein Taxi und fährst nicht mit mir?“

„Weil mir was eingefallen ist, was ich holen wollte.“

„Es gibt keine Mobiltelefone? Hä?“ Sabine war ziemlich geladen. Und ich fragte mich, wo sie sich herumgetrieben hatte, als sie mich in Westerland beobachtet hatte. Bestimmt aus dem Fenster einer billigen Pension geschaut, wo sie mit Harry war.

Ich ging in die Offensive: „Harry war nicht auf dem Damm und du nicht in Westerland, jedenfalls nicht als ich da war.“

„Okay, wir können also festhalten, dass du Harry und mir nachspionierst?

„Ja.“ Ich verschränkte die Arme. „Und jetzt will ich eine Antwort haben.“

Sabine rollte die Augen nach oben und seufzte: „Harry hat heute Morgen eine SMS von Marie bekommen, wonach er sich auf eine längere Abstinenz in sexueller Hinsicht einstellen soll, weil Roberta … du weißt schon.“

„Und das soll ich glauben? Marie soll sich per SMS über Sex geäußert haben?“

„Wenn Roberta das will macht sie es.“ Sabine legte nach: „Harry muss den Frust rausbekommen. Wie du weißt, hasst er es zu onanieren.“

„Harry hat seinen Frust nicht auf dem Deich rausgelaufen. Er war nicht dort, Sabine!“

Sabine packte wütend ihre Einkäufe aus und warf sie in den Kühlschrank. Sie schwieg. Ich schwieg und stand mit auffordernd vor der Brust verschränkten Armen in der Tür. Es dauerte fast zehn Minuten, bis Sabine ihr Schweigen brach.

„Harry hat eine Stunde bei einer Prostituierten gebucht“, Sabine schaute auf die Uhr, „und die hat erst im Moment Zeit für ihn.“

Ich fiel aus allen Wolken. „Harry geht niemals zu einer Hure! Ich weiß das definitiv.“

„Harry ist ein Mann!“

„Selbst wenn … warum weiß ich als sein angeblich bester Freund nichts davon?“

„Harry ist Schütze.“

„Du redest wie Roberta!“

„Harry will erobern. Und er ist Theoretiker, weil er vor lauter Nachdenken nicht dahinter kommt, wie man es macht.“ Ich hätte dazusetzen können, dass sein eigener Bruder daran gestorben ist, dass er es nicht schaffte eine Frau zu bekommen. Aber ich ließ es bleiben, denn das ist eine ganz andere Geschichte.

„Ich selbst habe ihm ein Mädchen ausgesucht, das …“, Sabine schnalzte mit der Zunge … „die Klasse besitzt, die Harry braucht, um sexuell in Fahrt zu kommen.“ Sabines Hände formten einen weiblichen Körper. „Und du hältst dich bitte mit kleinbürgerlichen Emanzenvorurteilen zurück.“

„Und diese Dame hat er auch neulich im Schneesturm besucht?

„Jepp.“

Ich beschloss Sabine zu provozieren: „Kann ich sie auch mal ausprobieren?

Sabine warf mir einen schwer deutbaren Blick zu. Sie gab sich einen Ruck. „Von mir aus.“

Ich knickte ein. „Danke, nein, ich will um meiner Selbst rangelassen werden. Und nicht wegen Geld. Wenigstens die Illusion sollte man haben.“

„Das will ich dir auch geraten haben“, knurrte Sabine. „Ich bin nämlich nicht Marie und kann gut selber entscheiden, mit wem ich Sex haben will. Momentan bist du das.“

Ich, spitz: „Momentan!“

„Keiner kennt die Zukunft.“

„Dann schau’n wir mal.“

Sabine nahm das wörtlich. Da gab es nicht mehr viel zu sagen. Und weil wir eine sturmfreie Bude hatten, nahmen wir keine Rücksicht. Es wurde schon dunkel. Harry war immer noch bei der Dame. Sabine erklärte mir, dass sie eine zusätzliche Stunde als Option gebucht hatte. Wir lagen nackt unter Decken auf der Couch im „Friesenstübchen“ und tranken Tee mit Rum.

„Du bist wirklich noch nie bei einer Hure gewesen?“, fragte Sabine, als sie in eine Decke gehüllt zum Fenster ging, um zu rauchen.

 

 

Maria und Magdalena

 

„Ich habe mir noch keinen Körper gekauft, nicht in dem Sinne, dass ich einer Frau Bargeld vor dem Akt zugesteckt hätte. Wenigsten die Illusion sollte eine Rolle spielen, dass sie genauso viel Lust auf Sex hat wie ich. Und dass das Finanzielle nicht im Vordergrund steht.“

Sabine sagte, das glaube sie nicht. „Noch nicht mal als junger Kerl bist du in einen Puff gegangen? Da probiert man doch so was aus?“

Ich lenkte ein. „Es hat einmal in meinem Leben eine Begebenheit gegeben, … also Klartext, einmal glaube ich, habe ich mit einer Prostituierten geschlafen.“

„Wieso glaubst du das nur?“

„Es war 1985 in Budapest, vor dem Fall der Mauer. Das „Gellert Hotel“ war damals ein heruntergekommener Kasten, in dem aber noch viel an den Glanz der KuK-Zeit erinnerte, einschließlich der herrlichen Thermalbäder. Doch der Sozialismus hatte die Pracht der vergangenen Zeit abgewetzt und zerschlissen. Ich war zu einem Interview mit István Szabó angereist, den ich am nächsten Tag treffen sollte. Es war überhaupt mein erstes langes Interview mit einem großen Regisseur. Wir wollten über „Oberst Redl“ und Klaus Maria Brandauer sprechen. Ich war nervös ohne Ende.

Ich ging zur Entspannung in die Thermalbecken, wo Männlein und Weiblein getrennt badeten, die Männer mit einem Lendenschurz und ohne Badehose. Auch die Massage half nicht. An der Bar des Hotels trank ich ein Bier und dann noch eines und einen Barackpálinka.

Zwei junge Frauen setzten sich in meine Nähe. Sie sprachen gebrochen Deutsch und hießen Maria und Magdalena. Es ist in einem katholischen Land wie Ungarn sicher nur eine Frage der Statistik, wann man zwei Frauen trifft, die Maria und Magdalena heißen. Ich dachte noch, komisch, zwei ungarische Mädels alleine an der Bar in einem Ausländerhotel. Aber Magdalena, die mir am nächsten saß, erkläre mir, ohne dass ich gefragt hätte: ‚Wir sparen uns einmal im Monat den Besuch hier vom Stipendium ab. Es ist wie ins Ausland zu reisen‘, sinngemäß in flüssiges Deutsch übersetzt.

‚Aha.‘ Wir lachten und ich gab einen aus.

‚Das war zwar nicht so gemeint‘, sagte Maria, ‚aber wenn du darauf bestehst …‘

Ich hatte schon ziemlich einen in der Krone. Und bei den Preisen damals in Ungarn hätte man mit D-Mark die ganze Universität an der Bar im „Gellert“ einladen können. Wir tranken und M&M wollten wissen, ob ich Ingenieur sei? ‚Meistens sitzen Ingenieure hier.‘

‚Nein, ich bin Filmkritiker.‘

Das machte Eindruck. Ich gebe zu, dass mir gefällt, wenn jemand von meinem Beruf beeindruckt ist und mich nicht ankäst, weil er Kritik nicht vertragen kann, wie die meisten meiner Bekannten in der Branche. Ich musste also noch einen Gang raufschalten und erzählen, dass ich mich am nächsten Morgen mit István Szabó treffen würde. Magdalena war begeistert, wollte alle möglichen Details wissen, wie man einen derartig berühmten Mann überhaupt dazu bringt, sich mit einem zu treffen. Ich hatte keinerlei Hintergedanken und gab gute Tipps und am Schluss verbotenerweise die Telefonnummer von Szabó heraus. Maria schwieg nur höflich und sah sich nach einem Tisch um, wo Männer Platz genommen hatten, die wie Ingenieure aussahen. Magdalena und ich nahmen einen weiteren Drink und noch einen.

Dann schlug meine innere Uhr Alarm. Ich konnte dem Meister nicht vollkommen übernächtigt und mit einer Fahne gegenübertreten. Ich erklärte dies Magdalena. Maria saß inzwischen an dem anderen Tisch und sprach mit einem Ingenieur. Bei der Bar-Reise im Gellert kann man rumkommen, dachte ich. Viel müssen Mädchen für so einen Abend nicht sparen, wenn sie aussehen wie M&M. Sie waren pausbäckig, blond, frisch und jugendlich wie auf einer Fernreisereklame aus den 50ern.

Sie wirkten nicht wie Huren. Und ob sie Huren waren, ich weiß es nicht. Dazu würde allerdings passen, dass Magdalena mit mir schlafen wollte. Von ihr ging die Aktivität aus. Dagegen sprach, dass sie genauso natürlich und leidenschaftlich mit mir vögelte, wie ein Mädchen vom Lande, das es faustdick hinter den Ohren hat. Und dass sie nicht blasen wollte. Und vor allem, dass sie kein Geld verlangte. Hätte sie von mir Geld verlangt, hätte ich sie ernüchtert stehen lassen.

Dass mir am nächsten Morgen 280 Mark in der Geldbörse fehlten … strenggenommen beweist das nur, dass Magdalena eine Diebin war, aber noch nicht, dass sie anschaffte. Da wären die Tarife auch billiger gewesen als die Beute beim Beischlafdiebstahl. Sollte ich mich in einem strengen sozialistischen Staat in die Mühle von Polizeiverhören begeben? Prostitution war damals in Ungarn verboten. Beischlafdiebstahl auch. Ich hatte ein paar Devisen schwarz mitgenommen, wie jeder damals. Aber wer will diese Fragen mit einem ungarischen Kriminalpolizisten mit undurchsichtigen Kontakten zur Ausländerpolizei vertiefen? Magdalena dürfte diese Umstände mit in ihre Kalkulation für ihren „Ferntrip“ in der Bar einbezogen haben.

In den folgenden Jahren war ich noch zwei Mal im „Gellert.“ Jedes Mal bin ich abends in der Bar gewesen und habe auf die neugierigen Studentinnen gewartet. Vergebens. Sie werden wohl ihr Examen gemacht haben. In welchem Fach – wer weiß?“

Nein, sie sind mir nicht gleichgültig, die Damen, die man kaufen kann. Sabine, ist eine der wenigen Frauen, die ohne spöttische Bemerkung auskommt, wenn ich aus dem Augenwinkel nach den Pflasterschwalben sehe, wenn wir in der Kurfürstenstraße oder der Oranienburger an ihnen vorbeifahren. Wir reden dann auch ein paar Sätze wie:

„Bei der Hitze möchte ich den Job nicht machen.“

„Wir müssen doch auch arbeiten, wenn es heiß ist.“

„Ich kann mir vorstellen, wie die Männer bei dem Wetter stinken.“

„Die Mädchen vielleicht nicht?“

„Die Mädchen waschen sich ja immer danach.“

„Woher weißt du das denn, ich denke du warst noch nie bei einer?“

„Ich stelle mir vor, dass das Gesundheitsamt darauf besteht. Hygiene!“

„Oh Mann!“

Oder Sabine fragt sich, wo die Mädchen ihre langen Stiefel her haben. Oder wie sie es den ganzen Tag in den Dingern mit den dramatisch hohen Absätzen aushalten. Es klingt also alles ziemlich entspannt. Aber ich möchte nicht wissen, was Sabine dazu sagt, wenn ich eine Hure ausprobieren würde. Ganz was junges Dralles beispielsweise mit dicken Titten oder eine mit knabenhaftem Körper? Oder eine so richtig Abgetakelte? Ich habe mal mit Sabine die Websites von Berliner Escortstudios durchgesehen. Da gibt’s ganz schön rassige Mädels. Wenn man von dem Werbetexterschmuß auf den Sites absieht und sich auf die Fotos konzentriert, fragt man sich schon, warum diese oder jene Frau nichts anderes macht als gegen Geld irgendwelchen Typen einen zu blasen oder sich vorne und hinten rein vögeln zu lassen. Die meisten publizieren eine Art Menü ihrer Dienstleistungen. Da ist neben extremer Perversion erstaunlich viel im Angebot. 350 Euro die Stunde ist ja auch nicht so wahnsinnig viel, finde ich. Das sind die Tarife im Internet. Für die Ribérys und Berlusconis dieser Welt kostet es sicher mehr.

Ich weiß nicht warum, aber es sind die praktischen Dinge, die mich an Prostituierten interessieren, nicht die verruchte Romantik. Die ist sowieso verlogen. Sie ist eine Erfindung von Literaten und Filmleuten wie Claude Soutet mit seinem „Mädchen und der Kommissar“ oder Billy Wilder mit seinem „Mädchen Irma la Douce.“

Sabine sah es pragmatisch, sie stimmte mir zu: „Ich weiß nicht was daran romantisch sein soll, täglich und ständig mit anderen Männern zu ficken. Es könnte vielleicht sexuelle Obsessionen, na sagen wir … befriedigen. Aber so oft und mit jedem?“

„Es bringt auf alle Fälle Bares.“

„Es soll in manchen Fällen sogar in perverse Abhängigkeiten führen. Aber Romantik? Nein. – Und die Männer?“

„Sie müssen eine gewisse Fantasie haben, die mir abgeht. Sie müssen auf diese eben entlohnte Frau doch irgendeine bestimmte sexuelle Vorstellung projizieren.“

„Oder macht sie scharf, dass sie das Geld und damit die Macht haben, sich eine Frau gefügig zu machen?“

„Nicht meine Welt. Und nicht Harrys Welt.“

Ich bin mir da sehr sicher.

„Aber wenn Marie von Roberta hört, dass …“

Naja, Roberta hat schon viel prophezeit, ohne dass Harry sich eine Hure genommen hätte.

Ich überlegte, wechselte das Thema und fragte nachdenklich: „Deichgraf, ist das so eine Art Codewort zwischen euch?“

„Blödelei, sonst nichts.“

Harry kam zwei Stunden später zurück. Händereibend, ein paar Einkaufstüten mit Leckereien auf den Tisch platzierend. Er strahlte innerlich, zuckte kurz zusammen, nachdem Sabine hinter meinem Rücken anscheinend ein Zeichen gegeben hatte, schwärmte vom langen Marsch über den windumtosten Damm (ja, er benutzte die Vokabel „windumtost“).

„Kopf und Körper mal richtig durchblasen … herrlich“, säuselte er.

Dann folgte ein konspirativer Blickwechsel zwischen Harry zu Sabine, den ich zu deuten können glaubte.

Ich biss mir auf die Zunge, um nicht wegen „durchblasen“ eine süffisante Bemerkung zu machen. Harry und eine Hure … ich fasse es nicht, ich fasse es nicht. Sabine zog unseren Freund mit sich zum Rauchen auf die Terrasse und überließ mir die Auspackerei der Lebensmittel, was ich zugegebenermaßen sehr gerne mache.

Den ganzen Abend versuchte ich das Gespräch auf Huren zu bringen. Sabine grätschte jedes Mal dazwischen wie ein Abräumer in der Innenverteidigung. Als Harry mal kurz draußen war, fauchte sie mich an, ich solle ihn in Ruhe lassen. Mit all dem Leid, das er mit Marie hat. Ich begann mich nach Harry alleine und unseren Gesprächen beim Bier in Berlin zu sehnen. Ich war sicher, er würde mir eine Menge zu erzählen haben. Eine sinngemäße Äußerung entlockte Sabine nur ein verächtliches „Tsts.“

Beim Essen ließen mich die beiden an einem seltsamen Gespräch teilhaben. Es fing damit an, dass Harry unbedingt noch einmal loswerden musste, dass er vor ein paar Tagen meine Ex in Berlin auf der Straße getroffen hatte. Er wusste, dass ich meine Ex nicht sehr mochte. Dieser Ausdruck ist ein echter Euphemismus. Es ist untypisch für Harry, dass er mich quälen will, aber vielleicht wollte er mich vor Sabine piesacken, als er Johanna erwähnte.

„Ich bin froh, dass mich das Schicksal bisher vor einer derartigen Begegnung bewahrt hat“, knurrte ich umständlich.

„Willst du nicht wissen, was Johanna jetzt macht, nachdem sie ihre Apotheke verkauft hat?“ Harry war guter Stimmung, so als hätte er etwas Tolles erlebt.

Ich verdrehte die Augen und erklärte, dass ich mein Abendbrot ohne Brechreiz im Kreise lieber Freunde zu mir nehmen wolle.

„Wie? Johanna? Du hast Johanna getroffen? Erzähl’!“ Der Mensch ist machtlos gegen weibliche Neugier.

Harry warf mir einen kurzen Blick zu und sagte, dass er es nicht riskieren könne, dass meine Magennerven durchdrehen. „Später.“

„Okay, später“, willigte Sabine ein. Sie wandte sich an mich und wollte wissen, warum ich praktisch nie von Johanna rede. Ich schwieg eisern. Sabine lachte. Harry lachte. Aber sie berührten das Thema nicht mehr.

Wir sprachen bei Tisch über dies und das. Mich interessierte natürlich, was meine Exfrau so treibt. Ob ein gewisser Herr Apotheker Stockmund wie nach unserer Trennung noch ihr Gefährte war oder schon der Gatte? Ob sich ihr Großvater mal wieder mit dem Rollator verbremst hat? Ob Johanna mein Haus noch besaß oder auf dem dynamischen Berliner Immobilienmarkt mit gutem Gewinn verscherbelt hat? Der Teufel hatte sie offenbar nicht geholt, wenn sie vor ein paar Tagen mit Harry gesprochen hatte. Trotzdem, ich kam nicht im Traum auf die Idee, Harry zu bitten mit der Sprache herauszurücken.

Als die beiden nach dem Essen vom Rauchen kamen, räumte ich in der Küche das Geschirr in die Spülmaschine. Ich hielt inne, als ich hörte, wie im Friesenstübchen der Name meiner Exfrau fiel.

Harry sagte: „Ich kenne sie ja noch von früher. Sie ist heute ein völlig anderer Mensch.“

Sabine: „Ach!“

Ich achtete darauf, dass ich an der Spülmaschine keinen zu großen Lärm machte, um zu verstehen, worum es ging. Zum Glück flüsterten die beiden nicht.

Harry schwärmte geradezu: „Ihre Ruhe hat sie behalten, aber jetzt ist viel Substanz dabei. Johanna spricht nicht viel, aber was sie sagt … oh Mann!“

Man sollte Harry als Dialogschreiber für „Gute Zeiten, schlechte Zeiten“ vorschlagen! Ich stellte drei Gläser leise in den Schrank.

„Hugo hat von einem Apotheker erzählt, mit dem sie nach der Trennung schwer unterwegs war. Kussmaul oder so …“

„Stockmund, glaube ich. A Lachnummer! Ich versteh’ Hugo net, dass er sich so aufregt über so an Nobody.“

Sabine lachte konspirativ und fragte leise: „Wo ist er? Kann er uns hören?“

„Er hat bestimmt wieder die Kopfhörer auf.“

Ich schloss die Klappe der Spülmaschine geräuschlos und trat zwei Schritte näher zur Tür. Sie sprachen zum Glück sehr deutlich. Ich konnte jedes Wort verstehen, schöpfte aber keinen Verdacht. Meine Neugier war größer als möglicher Argwohn.

„Es heißt, Johanna hat wieder an Typ.“

Der arme Irre.

„Wen?“

„Den Raoul de Winters, an Belgier, dem die Firma gehört hat, die sie gekauft hat.“

Wie? Was? Hat Johanna geerbt, wenn sie eine Firma kaufen kann?

„Das Kosmetiklabel?“

Ich kaufe meine Anti-Age-Creme im Drogeriemarkt, keine Ahnung wer Raoul de Winters ist. Muss man den kennen?

„Genau.“

„Sie ist jetzt steinreich?“

Klar, mit meinem Geld!

Harry: „Hugo würde bestimmt behaupten mit seinem Geld.“

Arschloch!

Harry fuhr fort: „Das Geld hat sie von ihrem Großvater.“

„Geerbt?“

„Nein, er lebt noch. Er hat es ihr geschenkt, weil er dem Belgier traut. Anders als dem armen Hugo. Der hat ausbaden müssen, dass er bei der Presse ist und der Patriarch halt die Presse net leiden mag.“ Harry seufzte tief: „Ich kann es net anders sagen, aber die Johanna ist a tolle Frau geworden. A Statur hat sie. Und sexy ist sie. Tierisch sexy.“

Oh ja, ich kriege gleich einen Ständer!

Ich war kurz davor zu hyperventilieren. Ich musste mich zusammenreißen, dass ich nicht schrie. Ich hörte Harry sagen, dass Johanna ein paar Jahre gebraucht hatte, um sich zu fangen. Und dass sie dabei nach und nach gespürt habe, dass die Enge, in der sie lebte, Apotheke, Buchhaltung, Steuer zu wenig war. Nach einer Pause setzte er hinzu: „Sie sagt, dass sie Hugo inzwischen irgendwie verstehen kann, dass ihm das damals auch zu wenig war. Zu wenig Leben.“

Ich kam etwas runter, nicht wegen der Erkenntnis, die meine Exfrau geäußert hatte, sondern weil eine Stimme in meinem Inneren zu lärmen begann und mich anbrüllte, was ich denn für ein Typ sei, der wie eine Salzsäule in der Küche eines Ferienapartments auf Sylt steht, die Ohren aufsperrt, damit er hört, was sein Freund ihm gerne direkt gesagt hätte?

Okay. Ich nahm ein Küchenhandtuch trocknete meine Hände ab und ging in die Friesenstube. Das Gespräch verstummte schlagartig. Ich war nicht so weit, dass ich in der Lage gewesen wäre zu Harry zu sagen: Schöne Grüße an Johanna, wenn du sie das nächste Mal siehst. Aber für ein ironisches: „Alles klar, Deichgraf?“, reichte es.

Der „Deichgraf“ salutierte und grinste mich an. Ich grüßte zurück, schnappte die Frau, die ich so liebte, küsste sie und nahm sie mit ins Bad.

 

 

Sandra

 

Im Bett sagte Sabine: „Wir waren bei Sandra stehen geblieben. Du mit drei Mädels im Taxi und Sandra streichelt dir die Haare im Nacken.“

Sollte ich jetzt zicken? Wegen Johanna schon gar nicht! Da kann ich doch nur souverän bleiben. Ich fuhr fort:

„Okay, nachdem Sandra mich im Taxi gestreichelt hatte, wurde ich den Eindruck nicht los, dass ich bei ihr landen könnte. Ihre Handynummer hatte sie mir mit der Taxiquittung überlassen.

Sie freute sich wie ein Schnitzel als ich anrief. Und es war für mich kein Problem, dass sie sofort auflegen musste, weil sie in einem Meeting war. Ich kann auch nicht in der Redaktionskonferenz telefonieren.

Wir simsten viel. Ihre SMS hörte mit „hug“ auf, dann mit „X“, schließlich sogar mit „XXO.“ Sie schrieb, sie liebe Gedichte. Ich simste ein paar Zeilen von Jandl.

 

manche meinen

lechts und rinks

kann man nicht velwechsern

werch ein illtum!

 

Sandra schicke mir sofort drei Smileys. Und ein paar eigene Zeilen. Sie handelten vom Sommer in Tirol. Weil es im Sommer in den Tiroler Bergen wahnsinnig schön sein kann, darf man Abstriche machen, wenn das in Form von Lyrik zum Ausdruck gebracht werden soll. Ich sah uns beide nackt in einem glasklaren Bergsee schwimmen, und ich holte mir bei der Vorstellung einen herunter, dass ich es mit ihr nach dem Bad auf einer Almwiese trieb und dass wir dabei von der Sennerin beobachtet wurden, die dann zu uns stieß und einfach mitmachte. Denn Bergsee und Sennerin kamen in dem SMS-Gedicht von Sandra vor. Nicht die Vögelei.

In Wirklichkeit vögelten wir zum ersten Mal bei mir im Wohnzimmer auf dem Teppich, wobei ich mir beide Knie aufrieb. Es war alles extrem unkompliziert. Ich meine jetzt das Balzritual, das zum Geschlechtsverkehr führt. Ich hatte sie zum Essen eingeladen. Ich koche vorwiegend Pasta, wenn ich eine Frau einlade. Bei Pasta kann man nicht viel falsch machen. Auch nicht bei Vegetarierinnen.

Sandra brachte eine Flasche Tiroler Roten mit. Ich holte sie unten an der Tür ab. Wir knutschten im Lift. Wir fickten gleich hinter dem Eingang auf dem Teppich, als würden wir das ständig machen. Sandra hatte einen sehr mageren Körper und kleine Brüste. Dafür aber imponierende Schamlippen. Sie lugten rot und gut durchblutete zwischen den äußeren Labien hervor. Wie die meisten Mädels heute war Sandra sorgfältig rasiert, sodass die Lippen noch mehr auffielen. Als wir mit Ficken fertig waren, erklärte sie mir, dass sie ihre Schamlippen nicht gut finde. Ich spielte mit meiner feuchten Schwanzspitze daran herum und sagte, dass sie doch ziemlich okay sind. Und weil wir es immer mit der Dichterei hatten, fiel mir spontan ein, dass man mit „Schamlippen“ und „lahm schippen“ einen schönen Schüttelreim würde zimmern können.

Dann kochten wir wie ein altes Ehepaar Pasta aglio et olio. Dabei probierten wir an dem Schüttelreim herum. Es kamen ein paar komische Sachen heraus. Sandra ist eine Frau, mit der man lachen kann. Ich spürte, dass ich mich zu verlieben begann.

Extrem kompliziert war es aber, unser nächstes Date terminmäßig einzutüten. Es dauerte ein knappes Vierteljahr. Und das hätte mich stutzig machen müssen. Sandras Job in ihrer Unternehmensberatung war aufreibend und verlangte die ganze Frau. Sie war ständig in Meetings, unterbrochen von Conference-Calls und Briefings. Ihre Zeit reichte, so klagte sie gerne, kaum für die Termine bei der Kosmetikerin und im Fitnessstudio. Bevor ich Harry beiläufig erzählte, dass ich mit Sandra eine Affäre hatte, fragte ich ihn, wie zum Teufel es ihm gelungen war, Sandra zum Essen einzuladen, ohne dass der Termin fünf Mal verlegt werden musste.

‚Er musste sechs Mal verlegt werden‘, knurrte Harry. ‚Dabei ging’s mir gar nicht um Sandra. Aber Melanie wär’ nit ohne sie gekommen.‘

‚Was ist eigentlich mit Melanie?‘, wollte ich wissen.

‚Vergiss es‘, sagte Harry. ‚Und Sandra?‘

Ich grinste stolz, ‚alles in der Spur.‘ Harry Klopfte mir anerkennend auf die Schulter und fragte:

‚Ist sie dir nicht a bisserl zu dünn?‘

‚Nööö.‘ War sie auch nicht.

‚I hab’s gern a wenig fester.‘ Das war mir bekannt.

Sandra reiste ständig. Die schlechte Nachricht war: Zwei Flugzeuge sind zusammengestoßen. Die noch schlechtere: Sandra saß in beiden. Sie flog nur in höheren Klassen und hatte es bei der Lufthansa zu einem so genannten Hon-Status gebracht. Das ist mehr als Senator und viel mehr als Frequent Traveller. Als Hon in der käuflichen Luftlinienhierarchie konnte man umsonst an nahezu allen Flughäfen der Welt duschen, natürlich ausgenommen der Berliner Flugläfen. Sandra war unheimlich stolz darauf, ein Hon zu sein. Für einen Menschen mit massiver, ständig unterdrückter Flugangst wie mich, war das eher ein marginales Privileg. Und man konnte als Hon für lau trinken, so viel man wollte. Auch Qualitätsgetränke. Sandra trank nur wie ein Vögelchen, legte aber unheimlichen Wert auf Qualität. Auch beim Vögeln, betonte sie gerne. Dabei hatte sie ein bestimmtes Repertoire der Lust, das sie mit Inbrunst abarbeitete. Jedes Kapitel mindestens fünf Minuten, lieber sechs oder sieben: Blasen, Lutschen, den Missionar, von der Seite und von hinten und am Schluss in den Po und dort kommen. Sie nahm keine Pille und die Methode schien ihr sicher.

Sandra war filigran. Harry sagte ja dünn. Sie vergaß oft zu essen, sagte sie. Quatsch. Sie zeigte alle Symptome der Magersucht: Shoppinganfälle, Depressionen, Sportexzesse. Ich war zeitweise eifersüchtig auf ihr Studio. Denn nach der Arbeit ging sie noch mit eiserner Pünktlichkeit zum Spinning. Solange wir zusammen waren, bekam sie nie ihre Tage. Ich hätte ihr hundert Mal in die Möse spritzen können, sie wäre nicht schwanger geworden. Sandra nicht. Aber die Illusion gehört wohl dazu, trotz Magersucht feminin zu sein. Fruchtbar und befruchtbar. Deswegen achtete sie streng darauf, dass ich nie in ihrer Möse kam.

Sandra nervte mit ihrer Arbeit sowie ihrer Körperdisziplin; egal, ich liebte sie eine Weile. Ich hatte sogar zwei oder drei Wochen lang die Zwangsvorstellung, sie heiraten zu wollen, um sie aus ihrer getriebenen Existenz erlösen zu können. Wie ein Dornröschen, das der Prinz aus dem dornigen Rosengestrüpp befreit und mit sich nimmt – in eine andere, bessere Welt.

Allerdings: Das Tiroler Bergkind schlug bei ihr gelegentlich durch. Dann war Sandra urwüchsig, kraftvoll, ordinär, wenn sie von ihren Bergen erzählte und vom Hinterer Sepp, mit dem sie zur Schule gegangen war und mit dem sie immer vögelte. Seit der Schule und bis heute. Immer wenn sie in Innsbruck war, verbrachte sie eine Nacht mit dem Hinterer Sepp. Immer. Das erklärte sie mir, als wenn sie über eine Bergtour sprechen würde. Mit sachlicher Sympathie. Selbst wenn sie eines Tages verheiratet sein würde und die vielen Kinder endlich geboren hätte, von denen sie träumte und die sie ganz, ganz sicher bekommen würde … ihren Sex mit Sepp würde auch der Ehemann dulden müssen.“

„Und du?“, fragte Sabine.

„Ich schwöre, dass ich nicht im Ansatz eifersüchtig war, wenn Sandra nach Innsbruck fuhr.“

„Klar!“, spottete Sabine. Trotzdem: Es war, wie ich sage. Ich fuhr fort, denn wir waren bei Sandras Träumen.

„‚Und überhaupt, egal wie es kommt‘, sagte Sandra, sie würde den Austrag, den Altentel, ihrer Eltern am Hof ausbauen. Und die Pläne würde der Hinterer machen, der anscheinend Architekt oder Baumeister war. Das waren pralle Kleinmädchenträume voller Kuhglockengeläut, kraftstrotzenden Menschen, Sonne und perlendem Wein. Wenn Sandra so träumte liebte ich sie besonders, und ich hasste den Hinterer Sepp.“

„Also doch!“

Ja, mein Gott!

„Ich erinnere mich an einen sonnigen Wintermorgen in Sandras Wohnung. Ihr weiches, geräumiges Bett voller Kissen und Decken. Strahlende Helle; die Sonne stand tief und schräg vor dem Fenster ihres Schlafzimmers. Sandra lebte schon zwei Jahre in ihrer Dachwohnung und war noch nicht dazu gekommen, Vorhänge zu kaufen. Sie hatte auch keine Möbel außer diesem Bett und einer Couch. Ihre umfangreiche, sehr elegante und ausgefallene Garderobe hing in einem völlig leeren Zimmer zur Straße an Kleiderbügelständern von IKEA. Daneben lagen ihre Schuhe, Stiefel und Sandalen. So etwa 200 Paar, schätze ich. Die Unterwäsche stapelte sie in Leinensäcken neben Waschmaschine und Trockner im Bad. Dort herrschte drangvolle Enge. Überall Kosmetika. Es gab auch einen großen Medizinschrank. Die Küche war eingebaut. Im Kühlschrank standen zwei Flaschen Weißwein, ein angebrochener Becher Joghurt und ein Körbchen mit verschimmelten Chilis. Noch nicht mal Senf und Ketchup hatte sie vorrätig. Sonst war die Wohnung leer. Denn Sandra lebte mit dem Herzen in den Bergen, mit dem Verstand im Büro und den Lufthansa Lounges, mit dem Körper im Spinningroom ihres Studios und sexuell für ein paar Monate bei mir. Ihre Dachwohnung am Landwehrkanal kam in ihrem Leben nicht vor.

Wenn ich mich richtig entsinne, dann haben wir uns in der ganzen Zeit wenn es hochkommt sieben bis zehn Mal getroffen. Telefoniert haben wir unendlich oft, um Termine zu machen und zu verschieben. Und die SMS habe ich nicht gezählt.“

Ich gähnte und streckte mich.

„Warum erzählst du denn keine Geschichten?“, fragte ich Sabine.

„Meine sind nur langweilig, und ich kann nicht so gut ausschmücken wie du.“

„Ich erzähle die reine Wahrheit.“

„Siehst du, mein Leben war halt langweilig.“ Eine Pause, ein ironisches Lächeln. „Bis ich dich kennengelernt habe, my love. – Was war jetzt mit Sandra?“

Ich saß am Fenster und wischte mit der Hand auf der von Feuchtigkeit beschlagenen Innenfläche der Scheibe herum, um mir einen Blick auf den weißgelben Sand und den grauen Himmel zu verschaffen.

Tja, da war noch ein weiteres Kapitel „Sandra und unsere Beziehung“, sofern unsere gelegentlichen Treffen das Wort verdienten.

„Jenes Kapitel begann in Brandenburg, in Wassen, in meinem kleinen Ferienhaus. Es dauerte eine Nacht und einen halben nebligen Samstag. Sandra hatte sich ein ganzes Wochenende freigenommen. Für uns beide. Das war wie eine Weltreise und Flitterwochen in einem. Ich hatte Gedichte von Morgenstern und Brecht dabei. Wir hörten Lohengrin, und Sandra war neugierig wie ein kleines, schüchternes, dünnes Mädchen. Ich liebkoste ihre Mähne und ihre schlanken Schultern und begann vorzulesen.

Die Nacht war lang und voller Träume. Wir gingen morgens gegen elf in ein kleines herrlich spießiges Café am Ufer des Sees. Dort haben sie wunderbaren selbst gebackenen Kuchen und einen brauchbaren Cappuccino. An den Wänden hingen Plakate des Kinos in der Nähe neben fragwürdigen Exponaten örtlicher Künstlerinnen und Künstlern. Wir hielten unsere Hände und blickten in die helle Nebelsuppe über dem Wasser des Sees. Je ferner die moderne Kommunikation rückte, umso näher kam mir Sandra.

Eng umschlungen gingen wir über die abgeernteten Felder zurück zu meinem Haus. Irgendwo schlich der Frühling herum, man konnte ihn schon riechen.

Nach der Siesta, die praktisch nur aus Vögeln bestand, gingen wir noch mal raus. Der Nebel hatte sich verzogen. Die Sonne sank.

Ich überlegte, wie ich es formulieren könnte, legte mir Sätze zurecht, verwarf sie wieder. Sandra sah mich zwischen zwei Küssen prüfend an.

‚Ist dir schlecht?‘

Anscheinend bekamen mir meine Gedanken nicht gut. ‚Nein, ich fühle mich prima‘, ich lachte.

‚Irgendwas anders?‘

Ja, schon. Ich beschloss Sandra spontan zu fragen, ob sie es nicht für eine gute Idee halten würde, ihre leere Wohnung aufzugeben und mit ihren Kleidern, Schuhen und ihren Bergen von BHs und Slips zu mir zu ziehen. Ihr Bett war besser als meines. Und für die Couch würde man einen Platz finden. – Oder so ähnlich. Ich wusste, die Idee an sich war idiotisch. Nicht weil es in meiner Wohnung an Platz fehlte, sondern weil Sandra mich nur wahnsinnig gemacht hätte. Aber es war mir in diesem Moment auf dem Acker in Brandenburg egal, wo das enden würde. Ich fand aber nicht die richtigen Worte.

‚Nein‘, sagte ich auf ihre Frage, weil ich mir noch nicht sicher war, ob die Formulierung stimmte, an der ich rumbastelte. Sandra war ein Mensch, der immer seine Freiheit oben an stellte. Vorsicht also!

Wir gingen ein Stück weiter. Ich machte innerlich einen Rückzieher und redete über die Störche, die im Sommer hier brüten.

Ob mein Leben eine andere Wendung genommen hätte, wenn ich mich in diesem Moment nicht mit brütenden Störchen herausgeredet und Klartext gesprochen hätte? Hätte Sandra ihr Handy ausgemacht und mich geküsst? Hätte sie begonnen über Termine für einen Umzug zu diskutieren? Hätte sie sich überlegt, wohin mit ihren Kleidern in meiner nicht sehr großen Wohnung?

Sandra küsste mich und ließ ihr Handy an. Eine SMS kam. Ich sehe nie zu, wenn jemand seine SMS liest. Ich beobachte denjenigen. Ein kurzes Strahlen huschte über Sandras Gesicht. Dann wurde sie ernst. Sie sagte:

‚Tut mir leid, ich muss weg.‘

‚Oh Mann!‘ Ich war wütend und enttäuscht und begann die Verhandlungen um die Fortsetzung unseres an sich fest im Kalender vermerkten Wochenendtermins in Brandenburg. Zwecklos. Sandras Schwester war überraschend mit ihrem Mann aus Wien nach Innsbruck zu den Eltern gereist. Sie hatte eine SMS geschrieben und Sandra vorgeschlagen, dass sie auch kommt. „Zum quatschen“, stand in der SMS, die Sandra mir zeigte.

‚Es war so wunderschön hier‘, schmeichelte sie und versuchte, mich zu küssen. Ich ließ mich nicht küssen. Sandra erklärte mir, dass sie spätestens Sonntagnacht wieder in Berlin sein müsse. Ganz schön anstrengend. Aber sie habe ihre Schwester seit fünf Monaten nicht mehr gesehen.

‚Man kann doch auch am Telefon quatschen‘, knurrte ich. Für Sandra sicher nichts Neues.

‚Du verstehst nichts von Frauen‘, entgegnete sie mit sachverständigem Ton. ‚Du denkst nur, ich penne mit dem Sepp. Das kannst du knicken, weil ich heute Nacht viel zu spät ankomme. Und dann quatsche ich erst mal mit meiner Schwester.‘

 

 

Renate

 

Ich sah ihr wortlos zu, als sie packte. Es war ja nicht viel. Sie war mit ihrem eigenen Wagen da. Sandra fuhr gut gelaunt vom Hof, gab richtig Gas, kaum dass sie die Straße erreicht hatte und hupte und winkte, solange sie mich mit verschränkten Armen vor meiner Haustür sehen konnte.

Ich war derartig sauer!

Ich fuhr mit dem Rad ins Dorf. Im „Gutshof Wassen“ ist in der Scheune abends „Disco“. Ab neunzehn Uhr, nicht erst ab Mitternacht wie bei uns in Berlin. Dort trifft man alles, was in der Gegend wohnt und keine Lust zum Fernsehen hat. Nur wenn „Wetten dass …“ kommt, ist es bis um elf im Gutshof immer noch leer. Zugegeben, es ist schon lange her. Aber damals war „Wetten dass …“ auf dem Dorf noch ein Renner. An diesem Samstag kam „Wetten dass ….“ Am Tresen langweilte sich eine Frau, die ich gelegentlich im Ort gesehen und gegrüßt hatte. Sie war klein und prall, nicht dick. Ich setzte mich in dem leeren Lokal unmittelbar neben sie und fragte, was sie trinken möchte. Sie sah mich an und sagte:

‚Ein Bier.‘

‚Zwei Bier!‘, rief ich.

‚Dir gehört doch das Haus an der Kuhle?‘

Ich nickte. Sie sagte, dass ihr das Haus hinter der Kirche gehört.

‚Ein schönes Haus. Alt?‘

‚Ja.‘

‚Prost.‘

Wir tranken. Sie sagte sie hieße Renate. Sie hatte ein schönes Profil unter ihren nachlässig rot gefärbten Haaren. Eigentlich schien sie mir zu alt für den Piercingring im Nasenflügel.

‚Ich kenne auch eine Renate.‘

‚Von hier?‘

‚Nein, von Baden-Baden.‘

‚Und?‘

In meinem Frust hatte ich keinen Bock auf Konversation am Tresen einer Dorfdisco. Ich dachte, entweder sie steht auf und geht oder ich kriege sie ins Bett.

‚Sie wollte beim Vögeln immer, dass man in ihr kommt. Egal wann.‘

Einen Wimpernschlag lang sah mich Renate prüfend an. Ich spürte, wie hinter ihrer Stirn eine Checkliste runterrasselte. Dann sagte sie im Plauderton: ‚Ich auch. Das ist doch völlig normal.‘

Ich sagte, dass die meisten Frauen, die ich kenne, keine Empfängnisverhütung betreiben. Nur deswegen hätte ich Renates Vorliebe erwähnt.

‚Wenn du willst kannst in mir spritzen. Ich hab’ eine Spirale.‘

Wir tranken aus. Auf dem Weg sagte sie, dass es in diesem verdammten Nest kaum einen richtigen Mann zum ficken gibt. ‚Das sind alles Schlappschwänze, die haben Angst davor, dass blöd geredet wird‘, sagte Renate.

‚Aber in so einem Dorf wird doch immer getratscht.‘

‚Eben. – Aber du bist aus Berlin oder so.‘

Mir war ehrlich gesagt egal, warum es einen Unterschied beim Dorfklatsch machen sollte, ob einer von außerhalb stammt. Wir kamen bei mir an, ich schloss auf. Renate sagte: ‚Du, dass du mich nicht falsch verstehst, ich schluck’s auch wenn’s dir mehr Spaß macht. Du musst nicht denken, du musst immer reinspritzen.‘

Ich versicherte, dass es keine Missverständnisse gäbe. Dann nahm ich das ganze Programm durch. Und zwar aus Rache exakt Sandras Programm. Stellung um Stellung. Und ich wollte Renate in den Hintern spitzten. Ich dachte dabei an Sandra. Aber ich schaffte es nicht zu kommen. Die Vorstellungen der roten Renate von einem „richtigen Mann“ blieben unerfüllt. Unter dem Strich war es von meiner Seiten eine sehr mäßige Vorstellung. Renate sah das in einem etwas milderen Licht.

‚Wir trainieren halt noch ein bisschen.‘

Sie stand nackt am Fenster und trank Bier. Sie fragte mich nach Swingerclubs in Berlin aus und wollte wissen, ob der Türsteher sie als „Landkartoffel“ ins „Berghain“ lassen würde und was man dafür am besten anzieht. Und was man im „Kit Cat Club“ trägt.

Ich fragte sie, ob sie einen Mann habe.

‚Den habe ich rausgeworfen‘, sagte sie. ‚Meine drei Kinder kann ich auch ohne diesen Vollidioten großziehen.‘

‚Wunschkinder?‘

‚Nein‘, sie lachte, ‚Ich habe doch die Spirale. – Mit Pleiten, Pech und Pannen muss gerechnet werden.‘

‚Klar.‘

Ich war in diesem Moment sehr froh, wie der Abend gelaufen war, mit meinem Versagen und so. Ein Albtraum die Fertilitätsgöttin von Wassen durch ihre Spirale hindurch, zum vierten Mal zu befruchten.

Von der Raststätte am Irschenberg schrieb mir Sandra eine SMS als ich im Tiefschlaf war. Ich schreckte hoch und erschrak gleich noch mal, weil ich Renate dort entdeckte, wo Sandra liegen sollte. Sandra bedankte sich für die Stunden in Wassen und bestand darauf, unbedingt und so bald wie möglich ein ganzes Wochenende in meinem Häuschen zu verbringen, mit Brecht und vielleicht auch Fontane. Sie würde gerne auch einen Poesieband von Reinhold Messner mitbringen.

Renate rieb die Augen und beobachtete mich. Ich sagte zu ihr:

‚Sollen wir mal zusammen ins „Berghain“ gehen?‘ Das war direkt an Sandra gerichtet, die es natürlich nicht hören konnte. Renate bejahrte lebhaft.“

„Du warst schon mit ihr im Berghain?“, fragte Sabine.

Ich wich aus: „Naja!“

„Wie lange hast du angestanden?“

„Zwei Stunden vielleicht?“

„Und?“

„Renate haben sie reingelassen.“

„Dich nicht?“

„Nöö. Ich hatte ja auch keine feuerroten Latexleggins unter einem Supermini an und auch kein Pushup mit Körbchengröße D.“

„Lass mich raten …“

„Was?“

„Du hattest deine schwarzen Jeans an, einen von den schwarzen Kaschmirpulis mit V-Ausschnitt und ein schwarzes T-Shirt drunter?“

„Wie jetzt.“

„Wie immer“, sagte Sabine. Ich meinte, so etwas wie Kritik herauszuhören. Sie setzte hinzu: „Harry achtet zwar nicht so auf seine Figur wie du, ist aber immer total top angezogen.“

„Geschmacksache.“

Sabine lächelte und ging auf die plumpe Spitze nicht ein. „Gib zu, du warst eingeschnappt und schneidest Renate, wenn du draußen in deinem Dorf bist. Aber in Wirklichkeit bist du ihr sexuell nicht gewachsen.“

„Keiner in ganz Wassen und Umgebung ist Renate sexuell gewachsen“, sagte ich. Ich schneide sie nicht. Ich könnte mir sogar vorstellen, mal wieder ihren Pushup Körbchengröße D zu öffnen und die Pracht ihrer Brüste zu entblößen. Sie hat übrigens hellrosa Spitzen, was sehr zerbrechlich und sexy aussieht.“

Sabines Augen schlossen sich halb. „Nur wenn ich dabei bin.“

„Traust du dich?“

„Hugo Ventura, red’ keinen Mist.“

„Ich rufe sie an, wenn wir wieder in Wassen sind.“

„Da schau’n wir mal, wer sich traut?!“

Ich ließ es dabei. Auch wenn ich manchmal davon träume, ich habe noch nie gleichzeitig mit zwei Frauen Sex gehabt, weil ich mich immer nur auf eine konzentriert habe. Und ich misstraute Sabines Toleranz in diesem Punkt. Sie konnte nämlich sehr besitzergreifend sein.

Sabine half mir wieder in die Geschichte mit der Frage, wann genau und wie genau ich damals Sandra verloren habe? Und ob sie eifersüchtig auf Renate die Landkartoffel war?

„Ich habe ihr nichts von Renate gesagt und sie blieb ihrer Arbeit und mir treu.

Sandra und ich, wir waren sogar noch in Bayreuth. Und Bayreuth ist bekanntlich im Sommer. Also Monate und drei oder vier abendliche Dates mit Sandra später.“

„Und das Wochenende in Wassen?“

„Vergiss es. Aber zu den Festspielen konnte ich Sandra überreden. Es war ein schweres Stück Arbeit, bis ich sie davon überzeugt hatte, sich für die Aufführung freizunehmen. Frei von all den wichtigen Meetings, Spinnings. Peelings und Briefings, die ihr Leben ausmachten. Aber „Oper“, das war dann doch ein Zauberwort, bei dem sie schwach wurde. Und sie schwor, den Termin nicht zu verschieben.

In Harrys Wiener Verwandtschaft gab es einen Bariton, der in Bayreuth in dieser Saison ein Engagement hatte. Ausgerechnet in meiner Lieblingsoper, dem „Lohengrin.“ Ich schaffte es, dass mir Harry Vorzugskarten von seinem Cousin besorgte. Zwei. Auch wenn ich einige Vorurteile über Richard Wagners Musik aus dem Weg räumen musste. Sandra liebt Puccini und Mozart. Sie hörte oft Oper beim Spinning mit ihrem iPhone und ihren weißen Ohrstöpseln. Das muss sich irre anhören, beispielsweise „Zauberflöte“ mitten zwischen keuchenden Spinnern.“

„Sagt man so?“

„Keine Ahnung, egal. Große Oper. Bayreuth, wann bekommt man schon Vorzugskarten? Zudem hatte Harry mit dem Cousin telefoniert und der Bariton freute sich darauf, mit uns nach der Vorstellung im Hotel zu speisen.

Man reist eigentlich einen Tag vor dem großen Ereignis nach Bayreuth, mietet sich in einem dieser eher biederen, aber gemütlichen Hotels ein und entspannt sich im fränkischen Sommer, wenn man Glück hat bei schönem Wetter. Ein Spaziergang, ein gepflegtes Dinner, nichts Übertriebenes. Am nächsten Morgen schläft man lange, vertrödelte den Rest des Vormittags in der Stadt, spürt diese seltsamen Vibrationen, die sie in der Saison aussendet, isst und trinkt eine Kleinigkeit. Dann noch eine kurze Siesta.

Die Damen bereiten sich kunstvoll auf den Nachmittag vor, die Herren lesen die Zeitung und lassen sich einen Café und einen Cognac bringen. Bei Regen im Wintergarten, bei Sonnenschein unter den Linden im Garten. Ich stellte mir lebhaft vor, wie ich mich fühlen würde, und zwar wie ein kultivierter Bourgeois am Anfang des vergangenen Jahrhunderts, bevor Cosima Wagner die Nazis auf den grünen Hügel geholt hatte. So irgendwie Thomas-Mann-ähnlich würde ich mich fühlen, obwohl der nie in Bayreuth war, soweit ich weiß. Rechtzeitig vor sechzehn Uhr würde man mit dem Taxi zum Grünen Hügel aufbrechen. Man würde mit den anderen Auserwählten in den Anlagen vor dem Festspielhaus flanieren oder ein Glas Champagner in den Pavillons an der Straße trinken. Bis dann die Posaunen vom Balkon ins Festspielhaus rufen.

Es ist ja nicht so, dass Sandra mutwillig Träume zerstört. Es geht bei ihr nicht anders. Unsere Anreise am Vortag fiel ins Wasser, weil irgendein CEO unabweisbaren Beratungsbedarf hatte, wahrscheinlich weil er zehntausende Mitarbeiter feuern wollte oder einen höheren Bonus kassieren. Keine Ahnung. Es interessierte mich auch nicht. Dafür versprach Sandra, nach dem Conference Call, mit abgestelltem Handy ohne ins Fitnessstudio zu gehen sofort mit ihrer notwendigen Festgarderobe zu mir zu kommen, damit wir am nächsten Morgen in aller Ruhe nach Bayreuth fahren könnten.

Der Call ging in ein Meeting und das in ein Briefing über oder umgekehrt. Jedenfalls war Sandra um halb zwölf nachts noch im Büro und rief gehetzt an. Ich glaube ernsthaft daran, dass sie in diesem Augenblick ein schlechtes Gewissen hatte.

‚Wie lange brauchen wir morgen nach Bayreuth?‘, fragte sie.

Ich schätzte vier Stunden ohne Stau. ‚Wir sollten um zehn fahren‘, entschied ich.

‚Da fällt mir ein Stein vom Herz, ich muss mich ja auch noch fertig machen.‘

‚Mach’s im Hotel. Da sparst du dir einen Durchgang‘, knurrte ich.

Sandra lachte. Sie nahm sich selber hoch und versuchte mich mit einem Witz aufzuheitern, den der CEO beim Briefing erzählt hatte.

‚Zwei Penisse kriegen ihre Abinoten. Der eine 1,7 der andere 3,7. Wer ist besser dran?‘

‚Theoretisch der mit 1,7, ich sage aber der mit 3,7.‘

Sandra war entzückt. ‚Richtig! Und warum?‘

‚Keine Ahnung.‘

‚Er muss noch Mal ins Mündliche.‘

Ich lachte höflichkeitshalber und fragte was das für ein Briefing sei?

‚Ein ganz normales.‘

‚Und wegen eines ganz normalen Briefings, bei dem der Gebriefte Zoten erzählt, vergeuden wir einen Tag in Bayreuth.‘

‚Das ist ein ganz normaler Witz, keine Zote.‘ Sandra säuselte meinen Ärger weg. Und ich legte mich ohne sie schlafen.

Am nächsten Morgen: Es wurde zehn, es wurde halb elf. Sandras Handy war ständig belegt. Dann rief sie endlich zurück.

‚Ich bin vorne in der Greifswalder. Bin sofort da. Komm’ schon runter. Wir fahren mit meinem Auto, da brauchen wir nicht umzupacken.‘

Ich schnappte meine Reisetasche und meinen Kleidersack und stellte mich in Fahrtrichtung A9 an die Straße und wartete auf Sandras Saab. Ich wartete und wartete. Handy besetzt. Ich wünschte mir einen Hubschrauber und jemanden, der Sandra rituell ermordet. Mit kreischenden Bremsen hielt sie neben mir, stürzte aus dem Auto, küsste mich, riss mir meine Sachen aus der Hand und warf sie in den Kofferraum über ihre Koffer und Köfferchen. Sie drückte mir den Autoschlüssel in die Hand und stieg auf der Beifahrerseite ein.

‚Fahr’ du. Ich muss noch schnell telefonieren.‘

Ich setze mich auf die Fahrerseite und verschränkte die Arme. ‚Entweder das Telefon oder ich‘, sagte ich.

‚Dann kann ich nicht nach Bayreuth fahren‘, sagte Sandra. In der Erinnerung kommt es mir so vor, als habe sie Tränen in den Augen gehabt.

Blitzschnell überlegte ich, ob ich Sandra stehen lassen, mein Auto nehmen und versuchen sollte, Harry auf dem Weg in Potsdam aufzusammeln. ‚Okay, ich fahre alleine.‘

Sandra feuerte ihr Handy wütend in ihre Tasche. Wir fuhren los. Ich raste dem Teufel ein Ohr ab, wurde zweimal geblitzt, einmal auf der Straße des 17. Juni und dann noch mal bei Hof. Egal, es war ja Sandras Wagen und der war in Innsbruck auf ihren Vater zuglassen.

Ab Leipzig telefonierte Sandra mit ihrer Schwester. Ich wollte einschreiten, aber wir standen eh im Stau. Und sie sprach am Telefon derartig nett über mich und was wir in Bayreuth alles unternehmen würden, dass ich nicht mehr meckern konnte.

Die Zeit verrann. Ich fragte über mein Handy im Hotel nach einer Wegebeschreibung und danach, ob man auch im zweiten Akt eingelassen wird. Wird man.

‚Dann machen wir es uns gemütlich und warten einfach auf den zweiten Akt‘, tröstete mich Sandra. Beiläufig sagte sie: ‚Ich muss eh noch eine Kleinigkeit annähen.‘

Es macht keinen Sinn, einen Menschen zu töten, den man …naja, es wird schon so etwas Ähnliches wie Liebe gewesen sein. Der Stau löste sich auf, die Autobahn wurde leerer. Sandras kleiner Saab gab sein bestes. Ich verdrängte die Kleinigkeit, die es noch anzunähen galt. Wir kamen auf dem direkten Weg ins Hotel, rasten aufs Zimmer. Wir rissen uns die Kleider vom Leib. Sandra duschte als Erste. Dann ich. Während ich mich mit den Manschettenknöpfen meines Hemdes abkämpfte, wühlte Sandra in ihrem Kleidersack. Sie zog ein dunkelblaues, fließendes, schalähnliches Etwas heraus und sagte:

‚Das ist es.‘

Das war’s auch. Bloß der eine Spaghettiträger war ab. Zu einem anderen Kleid war Sandra nicht zu bewegen. Das Blaue und sonst Keines. Ich raste an die Rezeption, fragte, ob jemand einen Spaghettiträger annähen könne? Wird gemacht. Als ich hochkam, lackierte Sandra an ihren Fingernägeln herum. Es war zehn vor vier.

Ich war plötzlich ganz ruhig und sagte: ‚Okay, ich nehme den Wagen und du kommst mit dem Taxi nach. Wir treffen uns nach dem ersten Akt.‘ Ich legte ihre Karte auf das Bett und ging.

Vor dem Festspielhaus wartete ich bis zur letzten Sekunde. Ein Taxi kam. Sandra stieg aus. Mit angenähtem Träger und elegantem Hüftschwung. Mit ihrem schönsten Julia Roberts-Lächeln hängte sie sich bei mir ein. Direkt hinter uns schlossen sich die Türen. Wir mussten uns bis in die Mitte unserer Sitzreihe drängen. Das Licht erlosch. Das Vorspiel begann.

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Titel: Berlin Amour Fou – Sinnliche Affären