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Groschenhefte - Die Geschichte der deutschen Trivialliteratur bis 1990

2018 218 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Groschenhefte

Copyright

Alte Liebe rostet nicht

Die Kaiserzeit

Das »Golden Age« des deutschen Heftromans 1905-1914

Im Zeppelin zum Mond

Die Sittenromane

Verbrennt sie, vernichtet sie

Im Gleichschritt marsch!

Die Weimarer Republik

Radiohelden, Geheimorganisationen und der Führer

Das Tausendjährige Reich

Die Zeit nach 1945

Die wilden fünfziger Jahre in der Bundesrepublik

Die bundesdeutsche Science Fiction

Das sozialistische Groschenheft

Bibliographie

Sekundärliteratur

Groschenhefte

Die Geschichte der deutschen Trivialliteratur bis 1990

von Heinz J. Galle

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 219 Taschenbuchseiten.

 

Wer unter den Älteren kennt sie nicht – die „Groschenhefte“? Wer sich für die Geschichte der Heftromane interessiert, wird hier garantiert auf seine Kosten kommen. Unter dem Einfluss von Amerikas „Dime Novels“ hielten die sogenannten Groschenromane bereits um die Jahrhundertwende Einzug in die deutschen Haushalte und mit ihnen die Einführung von gleichbleibendem Serienhelden. Los geht die Zeitreise mit Roman-Serien aus der Kaiserzeit über die in der Weimarer Republik, im tausendjährigen Reich und die Jahrzehnte nach 1945 – und sogar aus der DDR. Alle Genres finden Erwähnung: u.a. Kriminalgeschichten, Western, Zukunfts- und Abenteuerromane, Räubergeschichten und Soldatenerzählungen aus den beiden Weltkriegen – kurzum Geschichten für Jung und Alt. Der Autor schreibt sehr kurzweilig über die teilweise rasanten Erfolge dieser „trivialen“ Verlagspublikationen und deren – manchmal noch schnellerem – Aus …

 

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

© Cover: Archiv Heinz J. Galle

© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

Alte Liebe rostet nicht

Ein notwendiges Vorwort

Was konnte ein Jugendlicher in einem niedersächsischen Dorf des Jahres 1945 alles unternehmen, was bot sich ihm an Unterhaltung an?

Nun, außer der Tageszeitung und dem Radio erreichte ihn kein anderes Medium. Er konnte zwar auf dem Feld Kartoffelkäfer sammeln, Rüben roden oder bei der Heuernte mithelfen, aber ob das nun zu den erstrebenswerten Zerstreuungen gehörte, wage ich zu bezweifeln.

Ich war damals so ein Jugendlicher in kurzen Hosen, den ganzen Sommer über lief ich barfuß, man bekam davon solch eine Hornhaut auf den Fußsohlen, dass man sogar über Stoppelfelder laufen konnte. Im Winter saßen wir abends vor dem Radio und lauschten gebannt der Stimme Rene Deltgens, der der Kriminalhörspielreihe Simon Templer das nötige Flair gab.

In dem Dorf, wohin uns der Krieg von Berlin aus verschlagen hatte, gab es noch nicht einmal ein Geschäft, in dem man Schreibwaren kaufen konnte, von einem Zeitschriftenladen ganz zu schweigen. Aber zwei Dörfer weiter machte an der Bahnstation 1949 ein Kiosk auf, es war eine kleine Bretterbude, die mit Zeitschriften behangen war, und ganz unaufdringlich dazwischen die Sensation für uns Heftromane!

Diese Hefte verwandelten den Kiosk für uns zum Tor ins Paradies, zum Eingang ins Reich der Abenteuer.

Die Söhne der Großbauern besaßen ein Fahrrad, wir, die Evakuierten, die ungeliebten Ausgebombten, natürlich nichts, aber was waren schon acht Kilometer Fußmarsch, die trabten wir mit steigender Spannung herunter, es sollte dort tolle Schmöker geben, sie wären »toff«, hatte uns ein Klassenkamerad erzählt, toff war damals unser Standardausdruck für alles, was ungewöhnlich war.

Und dann war es endlich so weit, wir bogen um die Ecke, und dort sahen wir ihn den Kiosk mit den bunten Zeitschriften, und ganz versteckt zwischen Kristall, Revue und Quick: die ersten Hefte der Nachkriegszeit! Mit Wäscheklammern an einer Schnur befestigt hingen dort Rah Norton der Eroberer des Weltalls, Sun Koh der Erbe von Atlantis, Frank Kenney, Rolf Torring, Robert Perkins und wie sie alle hießen. Es waren oft ganz unscheinbare Hefte, sie hatten noch nichts von jener gelackten Perfektion heutiger Produktionen. Die Zeichnungen auf den Titelbildern waren ungelenk, für den Umschlag hatte mancher Verlag altes Papier verwandt, denn Papier war knapp. Es konnte passieren, dass man auf der Innenseite des Covers einen Stadtplan von Berlin vorfand oder Wanderwege im Hunsrück erblickte. Aber was machte das schon aus, die Hefte waren für uns, die wir förmlich ausgehungert nach derartiger Lektüre waren, das große Erlebnis, die Erfüllung aller Sehnsüchte, der Weg in ferne Tropenzonen, gepflastert mit wilden Abenteuern. Wir stürzten uns wie die Verrückten auf diese dünnen Hefte. Ich sehe das Bild noch heute vor mir, wie ich fünfzig Pfennig auf den primitiven Tresen legte, das Geld hatte ich mir durch Zeitungsaustragen verdient, und dann gehörte es mir, das erste Heft der Serie Sun Koh mit dem Titel »Ein Mann fällt vom Himmel«!

Vorsichtig wurde es unter das Hemd geschoben, und dann ging es die acht Kilometer wieder zurück, diesmal noch schneller als vorher. Zuhause angekommen, kletterte ich auf den Heuboden und ward für Stunden nicht mehr gesehen. Ich lag auf dem Bauch in der Scheune eines niedersächsischen Dorfes, mit den Gedanken war ich in London, erlebte mit, wie der Held vom Himmel schwebte und die englische Metropole in Atem hielt.

In der Haferkiste, gut verpackt, verschwand dann der Schatz, um vierzehn Tage lang, bis zum Erscheinen der nächsten Nummer, immer wieder gelesen zu werden.

Versteckt werden mussten die Hefte, denn schon zu dieser Zeit begann die Jagd auf die so verderbliche Schundliteratur. In der Schule gab es Tornister-Razzien, die Beutestücke wurden auf dem Schulhof von unserem Deutschlehrer mit wahrer Wonne in Rauch aufgelöst.

Mit den Jahren erschienen immer mehr Serien, die Titelbilder wurden bunter, die Verlockung größer. Aber man musste sich für eine Reihe entscheiden, für zwei Serien hatte man nicht genügend Kapital. Das störte aber nicht, denn unter den Klassenkameraden fand nun ein schwungvoller Tauschhandel statt gibst du mir deinen Buffalo Bill, gebe ich dir meinen Billy Jenkins.

Die Jahre vergingen, ich zog um, kam in die Lehre, die Großstadt nahm mich auf, andere Interessen rückten in den Vordergrund, und auf einmal waren die Hefte der Jugendzeit vergessen, sie, die einst so herrliche Fluchtmöglichkeiten aus der Enge des dörflichen Gemeinwesens geboten hatten wenn auch nur in Gedanken; sie verschwanden aus dem Gesichtsfeld, scheinbar auch aus der Erinnerung.

Und dann eines Tages, viele Jahre später, sah ich in Köln zwischen einigen Mülltonnen ein von dicken Schnüren umspanntes Zeitungspaket liegen und obenauf ein gelber Umschlag, der mir merkwürdig bekannt vorkam!

Ich sah mich verstohlen um, niemand in der Nähe, dann bückte ich mich und nahm den Umschlag hoch, drehte ihn um es war wie ein Wunder, plötzlich waren sie wieder da, die Jugenderinnerungen, ganz plastisch standen sie vor mir, ich glaubte sogar den Duft des Heubodens wieder in der Nase zu haben! Sun Koh der Erbe von Atlantis stand in großen Lettern auf dem gelben Umschlag und darunter Band 4. »Die mordende Quelle«. Mensch, das war diese Sache mit der alten Quelle, die plötzlich Gift verbreitete ja es war alles wieder da. Ich nahm das Beutestück an mich und las es erneut, las es nach zwanzig Jahren wieder.

Von diesem Tag an begann ich nach weiteren alten Heften Ausschau zu halten, ich fragte Bekannte, setzte Annoncen in Zeitungen, stöberte auf Flohmärkten herum, und nach und nach begann mein Bestand zu wachsen. Sie kamen alle wieder, der Weltenbummler Rolf Torring, der Supermann Frank Kenney, der Ponyreiter Buffalo Bill usw. usw. Und mit jedem Stück vervollständigte sich das verklärte Bild der glücklichen, unbeschwerten Jugendzeit.

Ja, und so wurde ich ein Sammler von Groschenheften! Die Sammler dieser alten Hefte zucken bei dem Wort Groschenheft immer zusammen, sie hören lieber, dass man Romanheft oder Heftroman sagt. Nun, ich habe da keine Berührungsängste.

Romanheft klingt, so finde ich, ein bisschen gestelzt, aber wie soll man das Kind nennen? Die Verleger sprechen von Romanreihen, wir Jungen sagten damals einfach Schmöker dazu oder nannten den Titel der betreffenden Serie. Das Establishment des Dorfes, die Lehrerschaft und der Pfarrer, der den Religionsunterricht erteilte, bezeichnete unseren geliebten Lesestoff mit so abwertenden Begriffen wie Schundroman oder Schmutzlektüre.

Die heutigen Verteidiger dieses Genres benutzen gern den übergreifenden Ausdruck Volksliteratur dafür, ein gar nicht so schlechter Begriff, denn vom Volk wurde diese Literatur wirklich zu allen Zeiten gelesen.

Was unterscheidet den Kellner vom eleganten Gast im Frack? Nun es ist lediglich die Fliege, die weiße Frackfliege, die aus einem Kellner einen Herrn der besten Gesellschaft macht und umgekehrt.

Was hat das alles mit unserem Thema zu tun, werden Sie sich fragen?

Es gibt da Parallelen, wenn z. B. E. A. Poes Geschichte vom Doppelmord in der Rue Morgue in einer Anthologie des Diogenes Verlages erscheint, dann ist das Literatur. Wenn aber die gleiche Geschichte im Rahmen einer Heftserie herauskommt, dann zählt die Story plötzlich zum Genre der Schundliteratur. Diese schizophrene Teilung ist nur im deutschen Sprachraum üblich, man denke nur daran, dass die Amerikaner sogar ihre Comic-Hefte als Books bezeichnen.

Auf die Lektüre des Volkes entlud sich stets die ganze Verachtung der Germanisten und Literaturkritiker, dabei war es doch gerade die Volksliteratur, die die Ideale der Menschheit hochhielt, die stets das Gute siegen ließ und das Böse der gerechten Strafe zuführte.

Der englische Schriftsteller K. G. Chesterton (von ihm stammen die herrlichen Pater-Brown-Romane) sagte einmal zu diesem Thema: »Es gibt verschiedene Arten der Literatur und verschiedene Arten der Kriminalliteratur. Ich persönlich konnte nie einsehen, warum die psychologische Darstellung eines scharfsinnigen Verbrechens weniger wertvoll sein sollte als die eines verliebten Idioten.«

Die herablassende Einstellung der Literaturkritik der Volksliteratur gegenüber führte in Deutschland dazu, dass das Studium der Unterhaltungsliteratur in den angloamerikanischen Ländern viel weiter vorangetrieben wurde als bei uns. Erst in den letzten Jahren fing man verstärkt an, sich auch hier mit der Trivialliteratur zu befassen. Es erschienen Sachbücher über Wildwestromane, Science-Fiction-Literatur, Comicstrips usw. Lediglich der Heftroman erfuhr bis dato noch keine Würdigung. Inzwischen sind auch die Groschenromane ein wenig ins Blickfeld geraten, was für die Sammler leider zur Folge hat, dass die Preise steigen.

Das Aha-Erlebnis, wenn man wieder einmal ein Heft aus der Jugendzeit in den Händen hält, muss inzwischen teuer bezahlt werden. Zu Beginn der Flohmarktwelle in den sechziger Jahren konnte man Groschenhefte dort tatsächlich noch für ein paar Groschen bekommen. Heute werden von professionellen Händlern für Vorkriegshefte und frühe Nachkriegshefte Preise zwischen zehn und 100 DM verlangt, für Raritäten 400 DM und mehr. Für ein Rolf-Torring-Exemplar aus den fünfziger Jahren wurden auf einer Auktion bereits 1000 DM bezahlt.

Die Begeisterung, mit der man einst als Knabe diese Schmöker las, stellt sich beim Erwachsenen leider nicht mehr ein. Mit dem Ende der Jugendzeit geht der Enthusiasmus für naive Helden verloren. Man kann lediglich versuchen, mit dem Erwerb dieser liebgewordenen Erinnerungsstücke die Jugendzeit quasi Stück für Stück zurückzukaufen!

Erich Kästner hat dazu einmal etwas sehr Treffendes gesagt: »Nur wer erwachsen wird und im Herzen ein Kind bleibt, ist ein Mensch!«

Ob sich für die jugendlichen Leser unserer Tage jene Faszination überhaupt noch einstellt, ist fraglich, unser Zeitalter bietet eine Flut von Unterhaltungsmöglichkeiten; heute dominiert die Musik, und das Lesen bekam einen geringeren Stellenwert. Sieht man sich allerdings die Verkaufserfolge der Perry-Rhodan-Serie an, dann scheint der Heftroman immer noch über eine gewisse Anziehungskraft zu verfügen.

Das vorliegende Buch soll die Glanzzeiten dieses Genres Revue passieren lassen und generell ein wenig Appetit auf diese Form der Unterhaltungsliteratur machen.

Folgen Sie mir also auf den Spuren des Abenteuers durch sechs Jahrzehnte. Wir beginnen in den sogenannten Gründerjahren um die Jahrhundertwende, denn zu dieser Zeit kam es zum ersten Boom in Sachen Heftromane. Der 1. Weltkrieg und seine chauvinistischen Töne folgen, Sie lernen die furchtbar gefährlichen Sittenromane jener Tage kennen, nehmen Teil an der Jagd auf die verderbliche Schundliteratur und lernen schließlich das Gegenmittel kennen die gute Jugendliteratur.

Die Weimarer Republik mit neuen Helden folgt, dann tritt das Tausendjährige Reich in unser Blickfeld, dessen Gesetzgebung wie ein Fallbeil den Strom der Heftserien zum Versiegen brachte.

Zum Schluss dann ein Rundgang durch die fünfziger Jahre unserer Bundesrepublik mit all ihren Neuerscheinungen und Verlagsgründungen und ein Blick über den Zaun nach Österreich und in die Deutsche Demokratische Republik, um zu sehen, wie dort die Entwicklung des Stiefkindes der Literatur verlief.

 

Die Kaiserzeit

Eine Idee kommt aus Amerika

Groschenhefte im Großformat

Nach dem Zusammenbruch im Jahre 1945 war in Deutschland alles, was aus den Staaten kam, das Nonplusultra. Der Einfluss Amerikas auf die Unterhaltungsindustrie in Deutschland ist jedoch schon um die Jahrhundertwende nachweisbar. Die Einführung von Groschenheften mit gleichbleibendem Serienhelden, die ab 1905 erschienen, verdanken wir der Innovationsfreude amerikanischer Verleger. Seit Mitte des 19. Jahrhunderts erschienen dort die sogenannten Dime Novels, Heftromane, die man für ein Dime ein Zehncentstück bekam.

Es waren für gewöhnlich große Hefte, deren Format etwa unserem heutigen Nachrichtenmagazin Der Spiegel entsprachen. Die Menschen im Osten der Vereinigten Staaten schöpften damals ihr Bild vom Wilden Westen praktisch aus den Dime Novels. Die Erschließung des Westens mit den Indianerkämpfen, den Bandenkriegen nach der Auseinandersetzung zwischen Nord und Südstaaten, dem rauen Leben der Frontiers all dies bot den Autoren Stoff in Hülle und Fülle. Die Dime Novels überschwemmten wie eine Springflut das Land und waren überall erhältlich; während des Sezessionskrieges trugen sowohl die Yankees als auch die Konföderierten diese bunten Hefte in ihren Tornistern.

Im Zusammenhang mit diesen Dime Novels muss ein Mann besonders hervorgehoben werden, denn er wurde durch diese Groschenhefte unsterblich William Cody alias Buffalo Bill.

Als der Westen erobert wurde wie es immer so schön heißt , verlegten Tausende von Arbeitern endlose Schienenstränge durch die Prärie. Diese Menschen mussten verpflegt werden, die Prärie war voller Büffel, also gab es Büffelfleisch.

Als Jäger engagierten die Eisenbahngesellschaften gute Schützen, die an die Büffelherde heranritten und ein Tier nach dem anderen abknallten. William Cody war einer von ihnen, bei einem Wettstreit um den Titel des besten Büffeljägers metzelte er einmal an einem Tag 69 Tiere nieder, insgesamt hat er nach eigenen Angaben für die Eisenbahn über 4000 Bisons geschossen. Ein gewisser Mr. Judson, der sich selbst zum Colonel befördert hatte, kam in den sechziger Jahren zu einer Baustelle der Pazifikbahn und wurde mit dem jungen Mann bekannt.

Unter dem Pseudonym Ned Buntline schrieb Judson die ersten Stories über Cody, und Buntline war es auch, der den einprägsamen Spitznamen Buffalo Bill für Cody prägte.

Buntline zog später mit einer Wild-West-Show im Osten der USA herum, Mittelpunkt dieser Show waren die in Fantasiekostümen auftretenden Westmänner Buffalo Bill, Texas Jack, Wild Bill und Big Thunder, ein Komantschenhäuptling.

Buntline war selbst eine Figur, die Stoff für ein Groschenheft abgegeben hätte. Er erschoss den Ehemann seiner Geliebten, wurde vom Freund des Getöteten angeschossen und entkam, indem er aus dem Fenster im zweiten Stock sprang. Er wurde später festgenommen und hatte schon den Strick um den Hals, als überraschend seine Freilassung angeordnet wurde.

Der große Erfolg bei den Buffalo Bill Dime Novels stellte sich jedoch erst ein, als Colonel Ingraham die Reihe übernahm. Er verfasste für diesen Longseller der Groschenhefte an die tausend Manuskripte. Buffalo-Bill-Geschichten waren in den USA in dieser Heftform bis 1919 im Handel; Mr. Cody, der 1917 im Alter von einundsiebzig Jahren starb, wurde damit ein Denkmal gesetzt.

 

Der zweite Umsatzmillionär in Sachen Dime Novels hieß Nick Carter, er war und ist wohl der langlebigste Detektiv der Welt. Sein Debüt gab er 1886 in der Reihe The Old Detektives Pupil. Seine Meriten verdiente er sich jedoch in der Serie New York Weekly. J. R. Corywell schrieb 1897 die ersten drei Manuskripte, er erfand quasi diesen Helden. Aber es war Fr. v. Rensselaer-Dey, der Nick Carter berühmt machte. Auch er schrieb, wie Colonel Ingraham über Buffalo Bill, ungefähr tausend Nick-Carter-Hefte. Der Verlag (Streeth and Smith, New York) verkaufte im Laufe der Zeit vier Millionen Exemplare, Nick Carter wurde zu einem Begriff in den USA.

In den dreißiger Jahren erlebte der Held ein Comeback in den Pulps, später war Nick Carter im Radio, auf der Leinwand und im Fernsehen präsent.

In der Glanzzeit der Dime Novels, zwischen 1860-1910, hatten diese Hefte in den Staaten für das Unterhaltungsbedürfnis der Bevölkerung die gleiche Bedeutung wie heute das Fernsehen.

Das Ende der Dime Novels kam mit dem Aufstieg eines neuen Unterhaltungsmediums dem Kino!

Die jugendlichen Konsumenten mussten sich entscheiden, wofür sie Dollars ausgaben, und sie entschieden sich für den Film. Das Aufkommen einer neuen, noch spektakuläreren Publikationsform der Pulps (Kriminal- und Abenteuermagazine) gab den Dime Novels endgültig den Todesstoß.

Einst hatte es sie zu Tausenden gegeben, heutzutage sind diese alten Hefte in den USA so selten geworden, dass betuchte Sammler für spezielle Ausgaben schon 1000 Dollar und mehr gezahlt haben. Doch kehren wir zurück in die Zeit, in der in Amerika der Handel mit Buffalo Bill, Nick Carter und Co. noch florierte. In diesen Jahren arbeitete in Amerika ein deutscher Verlagskaufmann namens Alwin Eichler. Als er 1903 nach Deutschland zurückkehrte, brachte er die Urheberrechte für Buffalo Bill, Nick Carter und der Wild-West-Bibliothek mit. Er machte sich in Dresden selbständig und begann mit der Herausgabe dieser Dime Novels in deutscher Sprache. Mit Buffalo Bill konnte er dabei gar nichts falsch machen, denn der Held des Wilden Westens war mittlerweile auch in Deutschland zu einem Begriff geworden.

Mit seiner Wildwest-Show war Buffalo Bill bereits 1889 in Deutschland zu Gast gewesen, zwei Jahre später kehrte er mit einer wahren Armee von Mitwirkenden, darunter 100 Siouxindianern, nach Europa zurück und reiste zwei Jahre lang auf dem Alten Kontinent herum. In Deutschland trat er in fast allen Großstädten auf, und selbst Kaiser Wilhelm II. tat ihm die Ehre an und besuchte seine Show. Diese Tournee machte den Namen Buffalo Bill in Deutschland endgültig bekannt, alle Zeitungen schrieben über ihn, die Witzblätter befassten sich mit ihm kurzum, er war in aller Munde. Der Boden war also für ihn vorbereitet, Buffalo Bill konnte im Heftmilieu loslegen!

Im Juni des Jahres 1905 teilte der Eichler Verlag seinen Lesern mit: »Es ist uns gelungen, unter schweren Opfern als einzig Berechtigter die Erlaubnis zur Übersetzung und Verbreitung der Buffalo-Bill-Erzählungen in Deutschland und Österreich zu erwerben.« Immerhin musste der Verleger pro Manuskript 2000 Mark für die Urheberrechte bezahlen. In dem Preis war allerdings auch das Abdruckrecht für das jeweilige Originaltitelbild mit inbegriffen.

In den USA wurde der eigentliche Titel des Abenteuers in das Bild integriert, der Eichler Verlag setzte die deutsche Titelübersetzung einfach darüber. So kam es, dass jahrelang im deutschen Kaiserreich Groschenhefte mit englischen Titeln erschienen.

So sah man z. B. den Westmann von Indianern umringt, und dazu stand im oberen Teil des Bildes »Buffalo Bill’s avenging hand or Lariot Larry’s last trow«. Im Logo, dem Kopfteil des Heftes, las man dann ziemlich klein und unscheinbar »Lariot Larry, der Lassowerfer«.

Aber das störte die Käufer nicht, die neuen Hefte schlugen wie eine Bombe ein. Sie waren zwar mit 20 Pf. doppelt so teuer wie die Bändchen der sogenannten Jugend- und Volksbibliotheken, die bis dahin das Feld beherrscht hatten, dafür boten sie aber auch viel mehr. Sie waren nicht so stereotyp geschrieben wie die Fließbandfabrikate der Volksbibliotheken, die Handlung war bedeutend spektakulärer, die Titel reißerischer, und die Cover erwiesen sich als zusätzlicher Anziehungspunkt für die jugendlichen Interessenten. Dazu kam als Novum der Serienheld, jener stets wiederkehrende Heroe, der zur vertrauten Person für den Leser wird, mit dem er sich identifizieren kann, den er nachahmt und bewundert. Derartig monographische Reihen hatte es vorher in Deutschland nicht gegeben, sieht man einmal von den Lieferungsheften der Kolportageromane ab.

Buffalo Bill läutete jedenfalls in Deutschland eine ganze neue Form der Massenliteratur ein.

Der Westen Amerikas mit seiner Indianerromantik war damals in Deutschland ungeheuer populär. J. F. Coopers Lederstrumpfgeschichten hatten schon viele Jahre vorher den Boden für Buffalo Bill vorbereitet. Mit der Groschenheftserie lag der Eichler Verlag also voll im Trend. Heftreihen, die vorgaben, Erlebnisse authentischer Personen zu erzählen, haben stets das besondere Interesse der Leser gefunden. Die Kolportageliteratur des 19. Jahrhunderts hatte dies weidlich ausgenutzt, die Verleger der kleinen Bändchen (»Jugend- und Volksbibliothek, Volksbücherei usw.) aber hatten dies Erfolgsrezept nicht beachtet. Da musste erst ein Verlagskaufmann diese Idee in Amerika aufgreifen, um in Deutschland damit Furore zu machen.

Der Eichler Verlag verdiente mit diesen großformatigen Heften Unsummen, die wöchentliche Auflage lag zeitweilig bei 80 000 Exemplaren.

Der Dresdner Verlag begann nun überall in Europa Filialen zu gründen, und selbst in den USA wurde ein Verlagsableger gegründet. Alwin Eichler versorgte neben Deutschland gleichzeitig Frankreich, Italien und Belgien mit Buffalo-Bill-Erzählungen in der jeweiligen Landessprache, dazu erschienen Lizenzausgaben in zehn weiteren Ländern. Doch schon nach ein paar Jahren brach alles wieder zusammen, der Verleger hatte sich mit den vielen Zweigstellen übernommen, die Anti-Schundhetze des Jahres 1911 ließ den Absatz stocken, das Glück hatte Alwin Eichler verlassen. Ein Jahr später vermeldeten die Zeitungen seinen Selbstmord.

Doch zurück zu den Zeiten des Erfolges. Die einzelnen Titel der Buffalo-Bill-Reihe klingen für uns heute manchmal schon ein wenig kurios, damals entsprachen sie aber dem Zeitgeschmack. Da hieß es z. B. »Der Mephisto der Prärie«, »Die Rose der Immergrün Ranch«, »Die Prärieblume« oder »Die Königin der Sioux« usw. Und natürlich entsprach auch der Stil dieser Erzählungen dem Geschmack jener Tage: »Sie sind mein Retter«, sagte die junge Dame, »doch ehe ich Ihnen meinen Dank abstatte, antworten Sie mir, habe ich recht verstanden, als ich die Banditen rufen hörte. Das ist Buffalo Bill? Sind Sie wirklich der große Kundschafter, der kühne Grenzjäger, der in den Vereinigten Staaten so viel bewunderte Held habe ich wirklich die Freude, Buffalo Bill von Angesicht zu Angesicht zu sehen?«

»Ich bin ebenso sicher Buffalo Bill«, versetzte der Reiter, »wie Sie, mein Fräulein, das mutigste Mädchen sind, das jemals seine zierlichen Füße auf den jungfräulichen Boden von Wyoming gesetzt hat.«

Mit diesem Text könnte man heute auf der Bühne wahre Lachorgien hervorrufen.

Aber die schon erwähnten nostalgischen Titelbilder sind eine wahre Augenweide, leider haben sich von diesen großen Heften nicht sehr viele Exemplare erhalten. Die geliebten Schmöker trug man früher stets mit sich herum und las bei jeder Gelegenheit, sie mussten also in die Jackentasche passen. Die großen Hefte wurden daher gefaltet und lösten sich im Laufe der Zeit schließlich ganz in Wohlgefallen auf. Kurz nach Ende des 1. Weltkrieges setzte ein weiterer Verlag noch einmal auf die Trumpfkarte Buffalo Bill der Mignon Verlag in Dresden startete 1919 die Serie Der neue Buffalo.

Nachdem während des Krieges fast alle Heftreihen verboten worden waren, nannten die Verleger nach 1918 ihre Serien oft Der neue Buffalo, Nick Carter, Excentric Club usw.

Bei diesem neuen Buffalo handelte es sich um den Versuch eines cleveren Verlegers, mit dem Bekanntheitsgrad Buffalo Bills Geschäfte zu machen. Die Urheberrechte hatte der Mignon Verlag nämlich nicht erworben und vermied es daher, im Titel der Hefte von Buffalo Bill zu sprechen, es hieß da lediglich »Buffalos Befreiung«, »Buffalo der Held« oder »Buffalos Hochzeit«.

Zwischen 1919-1922 erschienen immerhin über einhundert Nummern dieses Pseudo-Buffalo-Bill, die Leser hatten den alten Helden also nicht vergessen. Die Inflation machte der kleinformatigen Reihe jedoch dann den Garaus. Der Mignon Verlag konnte zum Schluss die Preise gar nicht mehr so schnell anheben, wie die Geldentwertung galoppierte.

Nach den beiden Versuchen, eine Renaissance des alten Büffeljägers herbeizuführen, wurde es erst einmal eine ganze Zeit still um ihn. Erst nach dem Ende des 2. Weltkrieges sollte er auf einmal wiederauftauchen.

Die Wildwest-Reihe kam damals gut an, die Texte waren spannend, aber nicht überspannt, der Stil modern, die Cover gegenüber den Serien der Mitbewerber akzeptabel gestaltet. So konnte der Volksbücherei Verlag in Goslar zwischen 1949-1951 fünfundsechzig Titel auf den Markt bringen. Heute werden diese Hefte von den dreißig- bis fünfzigjährigen Sammlern in der Bundesrepublik verzweifelt gesucht, für die ersten Hefte, die noch im Kleinformat der Vorkriegszeit erschienen, wird schon ab und zu ein Hundertmarkschein hingelegt. Das ist, geht man vom damaligen Originalpreis (40 Pf.) aus, eine Preissteigerung um 25 000%.

Etwas preiswerter war da schon die Faksimile-Ausgabe zu bekommen, die der Hildesheimer Olms Verlag 1971 herausgab. Zwanzig Hefte der alten Großformat-Hefte waren zu einem Buch zusammengefasst worden und für knapp 20 DM in allen Buchhandlungen erhältlich.

Die Buffalo-Bill-Reihe war damals natürlich nicht die einzige Serie, die im Wilden Westen spielte. Der Eichler Verlag hatte noch eine zweite einschlägige Reihe im Programm, für die er ebenfalls die Urheberrechte aus den USA übernommen hatte. Sie hieß »Wild West Bibliothek«, verglichen mit dem Erfolg der Buffalo-Bill-Hefte allerdings lief diese Reihe überhaupt nicht gut und wurde bald wieder eingestellt. Daneben erschien noch in Berlin eine großformatige Wildwestserie, in der das Leben des Banditen Jesse James verherrlicht wurde (Jesse James Amerikas gefürchtetster Brigant).

Schließlich erschien auf dem deutschen Markt noch eine ganz besondere Publikation: Theodore Roosevelt war in jungen Jahren Cowboy und im Spanischamerikanischen Krieg (1885) auf Cuba Oberst einer Kavallerie-Einheit der sogenannten Rough-Riders gewesen. Roosevelt, von 1901-1909 amerikanischer Präsident, verfasste einige Bücher über seine Erlebnisse. In Deutschland erschienen fast alle seine Werke (Als Cowboy unter Cowboys, Jagdstreifzüge, Im Reich der Hinterwäldler, Die rauhen Reiter usw.).

Über sein Leben als Cowboy in Dakota schrieb er:

»Wir führten ein freies und verwegenes Leben mit Pferd und Büchse. Wir arbeiteten im Hochsommer unter sengender Sonne, wenn die weiten Ebenen in der Hitze flimmerten, und waren mit bitterer Kälte vertraut, die uns zur Zeit des Austriebs im Spätherbst überfiel, wenn wir nachts die Herden umritten. Und doch, es war das Leben selbst, das kühn in unseren Adern pulste, und wir genossen das Hochgefühl der Arbeit und die Lust am Leben.« Der Tonfall stimmte, und so wurde dieser urwüchsige Präsident Held einer Groschenheftserie.

In den Staaten erschien die Reihe 1906 unter dem Serientitel Roosevelt ’s Rough Riders Weekly, bei uns nannte der Dresdner Columbia Verlag die deutsche Version Roosevelts-Rauh-Reiter. Held der Geschichten war Ted Strong, der Kapitän der Rauhreiter, dessen Name zumeist den Titel der einzelnen Abenteuer zierte (»Ted Strangs Befreiungsritt«, »Ted Strangs Rivale«, »Ted Strangs Triumph« usw.). Als während des 1. Weltkrieges auch diese Serie verboten wurde, ging ein Raunen durch den deutschen Blätterwald. Ein amerikanischer Präsident als Schreiber von Schundromanen erregte die Gemüter. Dabei hatte Mr. Roosevelt mit den Manuskripten überhaupt nichts zu tun, sie entsprangen ebenso der Fantasie fleißiger Autoren wie die Erlebnisse der meisten anderen Helden des Genres.

 

 

Nick Carter

Mit der Buffalo-Bill-Serie hatte der Eichler Verlag schon für gehöriges Aufsehen gesorgt, das war aber noch gar nichts gegen den Sturm der Empörung, den Alwin Eichler entfachte, als er Nick Carter herausbrachte.

Dieser Supermann hatte 1884 in den USA das Licht der Welt erblickt, dessen geistiger Vater, J. R. Coryell, damals nicht ahnen konnte, was für einen Helden er da erschaffen hatte.

Es war jedoch nicht Coryell, der den Mythos vom Superhelden Nick Carter schuf, sondern Frederick Dey. Freddy mit der goldenen Feder, wie sein Spitzname lautete, schrieb unter dem Verlagspseudonym Nick Carter über tausend Manuskripte für diese Serie. 1920 schoss sich der Vielschreiber, völlig verarmt, eine Kugel in den Kopf.

Frederick von Rensselaer Dey, wie er mit vollem Namen hieß, hauchte der Figur des typisch amerikanischen Detektivs Leben ein, versah ihn mit einer Schar von Helfershelfern und Stichwortgebern und wählte New York mit seinen Schattenseiten als Hauptschauplatz. Nick war kein Detektiv im Stil von Sherlock Holmes, der seine Fälle zumeist durch logische Kombination löste, Nick war eher eine Art Sheriff, ein in die Großstadt verpflanzter Westernheld. Er brachte das Tempo der Neuzeit in die Kriminalromanbranche. Kühl und unerschrocken bewegte er sich auf den Dächern der Hochhäuser, sprang über Häuserschluchten wie ein Westernheld über Felsenschluchten, kämpfte auf dem dahinrasenden Pullmannzug mit seinem Gegner, verfolgte ihn im U-Boot, hing am Ballon, saß im Zeppelin; kurzum, wo Nick Carter war, war Action!

Bis in die zwanziger Jahre unseres Jahrhunderts hinein erschienen seine Abenteuer in den USA. Nick Carter trat damit einen Siegeszug ohnegleichen an, er wurde der erfolgreichste Detektiv aller Zeiten. Geht man von Auflage und Titelvielfalt aus, übertraf sein Erfolg sogar noch Sherlock Holmes!

Nick trat in Radio-Shows auf, er wurde als Comic-Figur vermarktet und wurde schließlich auch als Kinofigur verwertet. Auch auf die deutschen Leser wirkte der Held ausgesprochen elektrisierend. Statt der naiven Erzählungen der Volksbibliotheken oder der endlosen, figurenüberladenen Hunderthefteromane des Kolportagegenres erschienen nun Geschichten mit einem Helden, der sich jede Woche in ein neues Abenteuer stürzte, und es jedes Mal nach exakt zweiunddreißig Seiten siegreich beendete.

Als im Jahre 1906 die ersten deutschen Nick-Carter-Ausgaben herauskamen, wurden sie den Händlern förmlich aus den Händen gerissen. Die aggressive Sprache, das Titelbild mit seiner Dramatik und marktschreierische Überschriften wie »Die Abenteuer eines Gehenkten«, »Die Leichengräber des Green-Wood-Kirchhofes« oder »Das Gespenst im Irrenhaus« zogen die Konsumenten geradezu magisch an.

Ein Beispiel soll dies verdeutlichen, es zeigt den Stakkato-Stil und die, für damalige Begriffe, brutale Handlung sehr eindrucksvoll, Nicks Gehilfe befindet sich in der Gewalt eines Schurken, der sich mit ihm auf das Dach eines Hauses geflüchtet hat: »Das Dach war volle fünfzehn Fuß entfernt, und im Abgrund dazwischen lauerte der Tod. Nick nahm einen gewaltigen Anlauf, und mit gewaltigem Sprung durchsegelte er die Luft, um in der nächsten Sekunde sicher auf der anderen Seit zu landen. Wohl brach Nick in die Knie. Doch in derselben Sekunde war er schon wieder in die Höhe geschnellt, sein Blick fiel auf das grässlich verzerrte Gesicht McCanns, welcher mit beiden Händen den Hals des unglücklichen Chick, dem die Augen schon weit aus den Höhlen hervorquollen, umkrallte.

>Halt aus, Chick!<, rief der Detektiv.

Im selben Moment blitzte auch schon der Revolver in seiner Rechten, und mit durchschossener Stirn fiel der Schurke hinterrücks vom Dach.«

Solche »Kabinettstückchen« machten Nick Carter im verklemmten Deutschland der Kaiserzeit berühmt und berüchtigt und zum bestgehassten Helden der Groschenhefte. Nick Carter wurde zum Synonym für Heftromane schlechthin.

In einer Berliner Monatsschrift jener Tage hieß es dazu: »Unser deutsches Volk scheint von einer Art Wahnsinn befallen. Wie unter dem Zwange eines unheimlichen Wahnes drängt es sich nach jenen schreiendbunten gezierten Heften, deren Sensationsmache, skrupellose Schwindeleien und verblödende Sprache sich kaum noch überbieten lässt.«

Doch trotz aller Hasstiraden hielt der Erfolg an. Die Kulturschützer von Katheder und Kanzel ließen aber nicht locker und erreichten schließlich, dass sich sogar die Abgeordneten des Deutschen Reichstages mit Groschenheften konkret mit Nick Carter befassen mussten. Im Juli des Jahres 1909 wurde ein Antrag eingebracht, der den Paragraphen 184 des Strafgesetzbuches verändern sollte. Er bekam die Bezeichnung Lex-Nick-Carter und sollte der volkstümlichen Unterhaltungsliteratur das Wasser abgraben.

Zu Alwin Eichlers großer Freude wurde jedoch dieser Gesetzentwurf im Reichstag nicht angenommen. Nick Carter konnte weiterhin Woche für Woche am Kiosk erscheinen, und so lief die Reihe bis zu Beginn des 1. Weltkrieges. Erst dann führten die Restriktionen der Kriegszeit zur Einstellung der Serie.

Bis zu diesem Zeitpunkt hatte Nick Carter aber schon ganz Europa erobert, die großen, bunten Hefte waren in fast allen europäischen Sprachen erhältlich.

Mit der Einstellung der Reihe in Deutschland um 1914 verschwand Amerikas Meisterdetektiv aber nicht für immer aus den Auslagen der Zeitschriftenläden. Der Krieg war vorbei, das Leben begann sich wieder zu normalisieren, und schon war Nick Carter auch wieder da!

Der Leipziger G. Kühn Verlag startete neben Buffalo Bill auch Nick Carter noch einmal als Quartformat-Serie, die Reihenfolge der Abenteuer wurde dabei allerdings verändert, die Seitenzahl reduziert und der Preis angehoben. Der ursprüngliche Erfolg stellte sich allerdings nicht mehr ein, und so musste der gute Nick schon mit der fünfzigsten Nummer die Segel streichen.

Ungefähr zur gleichen Zeit versuchte, ebenfalls in Leipzig, der A. Bergmann Verlag mit Nick Carter Geld zu verdienen. Dass diese Reihe allerdings mit der alten Lizenzausgabe des New Yorker Street & Smith Verlags nichts zu tun hatte, wurde bereits im Serientitel betont, wo es hieß: Der neue Nick Carter der Weltdetektiv. Aus den Heften im Magazinformat waren bei Bergmann handtellergroße Heftchen geworden. Die Cover waren dem Geschmack der zwanziger Jahre angepasst, und geschrieben wurden die Manuskripte von H. Gerstmayer, einem Unterhaltungsroutinier jener Jahre.

Auch dieser neue Nick Carter wurde kein Bestseller, schon nach einem Jahr Laufzeit stellte der Verlag die Serie wieder ein.

Der schon erwähnte Olms Verlag in Hildesheim, ein im amerikanischen Besitz befindliches Unternehmen, hat sich auf Faksimiledrucke einst gefragter Volksliteratur spezialisiert und brachte Anfang der siebziger Jahre auch Nick Carter noch einmal in Umlauf. Aus der Erstauflage von 1906 wurden 25 Hefte ausgewählt, mit einem informativen Vorwort und einem Cover versehen, die restlichen Cover wurden einfarbig reproduziert.

Schließlich erlebte Nick Carter sein bislang letztes Revival 1986 als Comicstrip in Albenformat, erschienen im Bastei Verlag.

 

Sherlock Holmes

Im Stuttgarter Lutz Verlag erschien seit 1902 eine Buchreihe, in der in geschmackvoll ausgestatteten Leinenbänden die Sherlock-Holmes-Erzählungen Conan Doyles präsentiert wurden. Im Jahre 1907, die Lutz‘sche Buchausgabe war gerade bei Band acht angelangt, kam in Berlin eine großformatige Heftserie heraus, die sich Detective Sherlock Holmes, seine weltberühmten Abenteuer nannte.

Da der Eichler Verlag mit Serienhelden im Quartformat Erfolg hatte, setzten nun auch andere Verlage auf dieses Erfolgsrezept. Das bekannte Verlagshaus für Volksliteratur und Kunst in Berlin etwa versuchte, Nick Carter mit Sherlock Holmes Paroli zu bieten. Dieser Verlag gab seit 1892 sogenannte Volksliteratur heraus, bis zum Ende der Produktion während der NS-Zeit erschienen dort wenigstens fünfzig Heftserien.

Dem renommierten Lutz Verlag allerdings passte diese Konkurrenz überhaupt nicht und zog vor Gericht.

Das Berliner Verlagshaus verlor, wie nicht anders zu erwarten war, den Prozess. Der Verlag musste den verkaufsträchtigen Namen Sherlock Holmes aus dem Logo des Covers entfernen, der Berichterstatter Dr. Watson musste durch den Gehilfen des Detektivs Harry Taxon ersetzt werden.

So erschien dann ab der Nummer 12 die Heftreihe unter einem neuen Serientitel Aus den Geheimakten des Welt-Detektivs. Der bekannte Maler Prof. A. Roloff zeichnete stimmungsvolle Titelbilder für die Sherlock-Holmes-Geschichten, die Texte selbst stammten durchwegs von deutschen Autoren. Ab 1907 erschienen die Hefte Woche für Woche, bis 1911 die Schundhatz den Verlag dazu zwang, die Reihe mit der Nummer 230 einzustellen.

Über das damals grassierende Sherlock-Holmes-Fieber schrieb das Börsenblatt des deutschen Buchhandels am 15. Juni 1908:

»Der Sherlockismus. Es ist sicher, dass das gegenwärtige Europa an einer Krankheit leidet, die man Sherlockismus nennt. Der Sherlockismus ist eine literarische Krankheit ähnlich der Werther-Manie und dem romantischen Byronismus. Das Publikum begeistert sich für den Detektiv, der durch drei Westen hindurchsieht, ob man an der fünften Rippe einen Leberfleck von drei Millimeter Durchmesser hat.«

Die Auflage der Sherlock-Holmes-Hefte stieg jedenfalls während dieses Booms kontinuierlich an. Das Verlagshaus für Volksliteratur und Kunst, wie es sich selbstbewusst nannte, geriet dadurch immer stärker in die Schusslinie der selbsternannten Jugendschützer. Titel wie »Im Sarg neben der Höllenmaschine«, »Die zwölf toten Herzen« oder »Die Frau mit den vier Köpfen« sorgten allein schon für Aufregung. Das Cover der Nummer 68, »Die Anarchistenloge«, ließ die Lehrerschaft aufschreien, es zeigte eine gefesselte, barbusige Schöne, die, von Ratten umgeben, im Keller auf einem Podest liegt und von einem schwingenden, scharfgeschliffenen Messer in zwei Teile geschnitten zu werden droht.

Völlig aus dem Häuschen waren die Häscher jedoch, als Auszüge aus dem Heft »Der Mädchenmörder von Boston« in den Publikationen der Jugendschützer zitiert wurden, denn da hieß es:

»Elisabeth Remimgton, die junge Professorsfrau, ist auf rätselhafte Weise verschwunden. Sherlock Holmes wird beauftragt, Nachforschungen anzustellen. Sein Scharfsinn hat aus den leisesten Andeutungen bald geschlossen, dass die Verschwundene perversen Neigungen zu ihrem eigenen Geschlecht frönte. Er findet den Droschkenkutscher, der sie mit einem Mädchen zweifelhaften Rufes in ein Hotel gefahren hat. In dem Hotel befindet sich eine Restauration, die wegen ihrer vorzüglichen Delikatesswürstchen im ganzen Stadtteil bekannt ist. Sherlock Holmes lässt sich ein Paar Würstchen servieren. Er schneidet sie an, und ein harter Gegenstand klappert auf den Teller. Was war es? Ein Edelstein aus einem Fingerring mit den eingravierten Buchstaben E. R.

Sherlock Holmes wusste genug. Er ließ die Würstchen stehen und folgte seinem Spürsinn, der ihn in das von den perversen Weibern benutzte Zimmer führte. Er legt sich auf den Diwan: Ein Ruck, und schon saust er nach unten. Als der Diwan hält, befindet er sich in einer Schlachthalle, wo an den Fleischerhaken ringsum geschlachtete Mädchen hängen. Im Eisschrank findet er auch noch Reste der Professorsfrau. Der brave Detektiv schließt seine Geschichte mit der moralischen Betrachtung, dass diese Frauenzimmer auf der Welt doch nichts wert gewesen, hier aber der Menschheit noch nützlich geworden seien!«

Es liegt auf der Hand, dass sich der Mann von Welt damals mit solcher Lektüre nicht in der Öffentlichkeit sehen lassen konnte. Für diesen geplagten Zeitgenossen gab das Berliner Verlagshaus die sogenannte Salonausgabe heraus. Das Format der Salonausgabe unterschied sich deutlich von den Heften, die Seitenzahl war höher. So ähnelte das Heft eher einer normalen Broschüre des Sortimentsbuchhandels, das einfarbige Cover tat ein Übriges dazu.

In der Werbung dafür hieß es: »Harry Taxon und sein Meister, unter diesem Titel erscheinen die Weltdetektiv-Erzählungen in geschmackvoller Ausstattung in Oktavformat mit wechselnden, künstlerisch ausgestatteten Titelbildern. Schüler und Meister der Detektivkunst lösen in den Bänden die schwierigsten Aufgaben.«

Harry Taxon enthielt jedoch keine neuen Texte, lediglich die Reihenfolge der Titel war verändert worden, die erste Nummer der Salonausgabe entsprach z. B. der Nummer 133 der Originalausgabe in deutscher Sprache. Die »künstlerisch ausgestatteten Titelbilder« waren nichts anderes als die verkleinerten und in schmucklosem Blau gehaltenen Cover der Großformatausgabe, die so seriöser wirkten.

Das Berliner Verlagshaus für Volksliteratur war natürlich nicht das einzige Unternehmen, das sich Profit von der Zugkraft des Namens Sherlock Holmes versprach. Schon ein Jahr nach dem Start dieser Heftreihe in Berlin brachte der Dresdner Roman-Verlag seine Serie Ethel King, ein weiblicher Sherlock Holmes heraus. Im Kopfteil des Titelbildes sah man statt des pfeiferauchenden Detektivs das Porträt einer Dame, die nachdenklich ihr Kinn mit einer Hand abstützt.

Die Fälle, mit deren Lösung Ethel King betraut wurde, waren allerdings nicht ladylike. So zeigte z. B. das Cover von »Der Blutbäcker von Swifton« einen Bäcker, der gerade dabei war, sein Opfer in den Ofen zu schieben. Bei »Jane Davis, die Engelmacherin« erblickte man auf dem Titelbild eine hässliche Alte, die im Keller einige Kinderleichen vergrub. Und das Cover von »Die Bestie von Habana« zeigte einen Mann, der mit dem Kopf nach unten gefesselt an einem Pfahl hing, dessen Kopf allerdings nicht sichtbar war, weil er in einem Ameisenhaufen steckte.

Und auch hier warb der Verlag mit der angeblichen Authentizität der Heldin:

»Noch steht Ethel King in der Vollkraft ihrer Jahre, sie ist keine Phantasiegestalt, sie lebt wirklich, und seit ihrem ersten Erfolg, den sie in ihrer Vaterstadt Philadelphia errang, ist ihr Ruhm von Tag zu Tag gestiegen.«

Ethel King, der weibliche Sherlock Holmes, hatte jedenfalls Erfolg. Die Serie hielt sich einige Jahre auf dem Markt. Es ist eigentlich erstaunlich, dass die Leser dem Verlag einen weiblichen Detektiv abnahmen, der zudem mit der Waffe in der Hand umgehen konnte wie seine männlichen Kollegen. Dem im Kaiserreich verbreiteten Bild der Frau als zurückgezogen lebende Gattin und Mutter entsprach Ethel King jedenfalls nicht. Dabei stand Ethel King noch nicht einmal allein da, das eigentliche Schreckgespenst der Pädagogen vor dem Ersten Weltkrieg war vielmehr Wanda von Brannburg, Deutschlands Meister-Detektivin, eine Großformat-Serie, die ab 1907 ebenfalls in Dresden herausgegeben wurde. Diese Reihe erregte durch besonders spektakuläre Titel wie »Der Kinderschlächter von Berlin«, »Zur verbummfidelten Kunigunde« oder »Tauma, die Dame ohne Unterleib« den Zorn der Jugendschützer erregte. Nach dem Ende des 1. Weltkrieges gab ein Breslauer Verleger noch einmal etwas Sherlock-Holmes-Ähnliches heraus, die Serie nannte sich Rolf Brand, der deutsche Sherlock Holmes. Die galoppierende Inflation in den zwanziger Jahren erschwerte jedoch Produktion und Distribution derart, dass die Reihe schon nach kurzer Zeit wieder eingestellt werden musste.

Gegen Ende der Weimarer Republik machte das Verlagshaus für Volksliteratur noch einmal einen Versuch mit dem englischen Gentleman, diesmal allerdings nur im Kleinformat und mit neugeschriebenen Texten. Der einstige Erfolg stellte sich zwar nicht mehr ein, immerhin aber konnte sich diese neue Serie zwei Jahre lang auf dem Markt halten.

Das letzte Mal tauchte Sherlock Holmes als Held der Groschenhefte schließlich in unseren Tagen auf. Der schon mehrfach erwähnte Olms Verlag gab von der großformatigen Reihe einen Faksimiledruck heraus. Fünfzehn Hefte der Erstausgabe wurden 1971 in einem Buch zusammengefasst und für knapp 25 DM angeboten.

 

 

Lord Lister

Die Erfolge, die das Berliner Verlagshaus und der Eichler Verlag mit den großformatigen Heftserien hatten, regte ähnliche Aktivitäten der anderen Verleger an. Immer mehr Herausgeber von Groschenheftserien brachten Quartausgaben auf den Markt. Zwischen 1905 und 1913 waren ungefähr zwanzig Reihen im Großformat erhältlich, allerdings blieben davon nur sechs Serien länger als zwei Jahre auf dem Markt.

Fast jedes Themengebiet wurde mit diesen Heften abgedeckt. Auf dem Sektor des Kriminalromanes konkurrierten mit Nick Carter und Sherlock Holmes Quartausgaben-Detektive wie Bill Cannon, Amerikas berühmtester Kriminalkommissar; oder John Wilson aus dem Geheimbuch des berühmtesten amerikanischen Detektivs. Der Berliner Verleger des Bill Cannon versuchte zudem mit dem Untertitel Nach Aufzeichnungen aus meinem Leben der Serie einen gewissen Realitätsbezug zu geben.

Eine besondere Würdigung verdient Lord Lister, genannt Raffles der große Unbekannte des führenden Berliner Verlagshauses für Volksliteratur. Lord Lister gehört zu jener Crew adeliger Außenseiter, die unter dem Motto »Die Herren Einbrecher geben sich die Ehre« Furore machten.

Es waren moderne Robin Hoods, die in der Großstadt begüterte Mitbürger ausplünderten und die Beute großzügig Bedürftigen zukommen ließen. Als »running gag« gehörte zu diesem Konzept der tumbe Polizeikommissar, der von dem cleveren Gentleman-Dieb ständig an der Nase herumgeführt wurde. Was faszinierte die damaligen Leser, warum wurden diese moralischen Außenseiter zu Lieblingen der jugendlichen Käuferschicht?

Einmal war es sicher das Milieu, der scheinbare Blick ins Wohnzimmer des Adels. Zweitens war es die Konfrontation Außenseiter gegen die Staatsgewalt, die in den Erzählungen stets zu Lasten der Staatsgewalt ausging. Raffles führte stellvertretend für die Leser den Widerstand gegen die Obrigkeit. Er machte die Autorität lächerlich, und das in einer Zeit, in der der Schutzmann an der Ecke eine gefürchtete Macht darstellte. Was Lord Lister tat, war der Wunschtraum der Jugendlichen jener Zeit. Und dann waren natürlich die Taten des monokeltragenden Langfingers auch noch bedeutend umsatzträchtiger als die der simplen Ganoven aus dem Berliner Scheunenviertel. Krauses Junior klaute Brieftaschen, Lord X tanzte dagegen mit der Gräfin Y im Savoyhotel und tauschte dann in ihrem Boudoir die wertvolle Perlenkette gegen eine Imitation aus.

Der Engländer E. W. Hornung (1866-1921), ein Schwager Conan Doyles, schrieb zwischen 1899-1909 vier Bücher, in denen ein raffinierter adeliger Gentleman der Polizei ständig ein Schnippchen schlägt. Hornung taufte diese Figur auf den Namen Raffles und verschaffte ihm zur Tarnung eine Doppelexistenz, offiziell ist Raffles ein bekannter Cricketspieler, inoffiziell ist er ein Amateur-Einbrecher, der z. B. nur im Britischen Museum einbricht, um dort einen goldenen Becher zur Dekoration seiner Wohnung zu entwenden.

In der Rolle des Zuträgers fungiert bei Raffles der Reporter Bunny, er stellt wie Dr. Watson bei Sherlock Holmes die dummen Fragen anstelle des Lesers und bestaunt ehrfürchtig die verblüffenden Fähigkeiten seines Vorbildes.

Raffles gehört zu jener Kategorie gelangweilter Adeliger, die aus Lust am Nervenkitzel eine verbrecherische Laufbahn einschlagen, bei Gefahr aber immer wieder in den schützenden Schoß des Establishments zurückkehren.

Hornungs Geschichten vom Liebhaber-Einbrecher Raffles waren zuerst um 1900 in der Buchreihe Engelhorns Allgemeine Romanbibliothek herausgekommen, ungefähr zur gleichen Zeit erschien eine Heftserie, die sich Lord Lister, genannt Raffles der große Unbekannte nannte.

Das schon mehrmals erwähnte Berliner Verlagshaus für Volksliteratur und Kunst gab diese großformatige Reihe ebenfalls heraus. Das Logo zeigte neben dem Schriftzug Lord Lister das Porträt eines Gentleman mit schwarzer Maske. Der Verlag kündigte seinen Helden wie folgt an:

»Wer kennt ihn? Wer hat ihn gesehen? So ruft sich ganz London zu. Wer ist dieser Mann, der seit Monden ganz England in höchste Aufregung versetzt? Ein Hochstapler, ein zweiter Manolescu, der alle Wucherer und Geldgierige aus dem Schlaf rüttelt und sie durch seine gewandten Tricks von ihren Geldsäcken befreit. Er beschützt verfolgte Unschuld und verhilft verarmter Ehrlichkeit zu ihrem Recht. In Hunderten von Verkleidungen lernt der Leser diesen Gentleman-Dieb kennen.«

Das Spiel mit der Verkleidung war ein wesentlicher Anreiz dieser Abenteuer, immer wieder foppt der Held seinen Verfolger, Inspektor Baxter, indem er ihm als Hotelportier, Scherenschleifer oder blinder Bettler entgegentritt. Der Inspektorentrottel vom Dienst erfährt immer erst zum Schluss, dass das Wild ganz in der Nähe gewesen war. Trotzdem hatte er es im Kampf mit Sherlock Holmes und Nick Carter schwer, ganz so populär wie diese beiden Groschenhefthelden wurde er nie. Obwohl er den beiden Detektiven etwas voraus hatte Humor.

Man lachte über Raffles Streiche natürlich nicht nur in Deutschland, wie bei fast allen großformatigen Serien gab es auch von Lord Lister alias Raffles Lizenzausgaben in ganz Europa. Die holländische Ausgabe erreichte fast 600 Titel, die belgische Version lief über fünfzig Jahre und brachte es in dieser Zeit auf über 2500 Nummern.

In Deutschland allerdings stellte der Verlag unter dem Eindruck der sich verschärfenden Anti-Schundbewegung die Reihe schon 1911 ein. Erst kurz vor der Machtergreifung durch die Nazis und später als Faksimileausgabe des Olms Verlags in den siebziger Jahren tauchte Raffles noch einmal auf.

 

 

Kapitän Stürmer

Nicht nur Kriminal- und Detektivserien erschienen im Quartformat, auch Abenteuergeschichten waren ausgesprochen populär, etwa die Heftreihen Geheimnisse der Wüste, Der Reiseonkel oder Kapitän Marryats Reise- und Seegeschichten.

Die erfolgreichste Serie auf diesem Gebiet war ohne Frage Kapitän Stürmer's Fahrten und Abenteuer zu Wasser und zu Lande des berühmtberüchtigten Münchmeyer Verlages aus Dresden jenem Unternehmen, das bekanntlich Karl May so übel mitgespielt hatte, als es seine frühen Kolportageromane noch einmal herausbrachte.

Der Verlag warb mit folgenden Worten für diese Abenteuergeschichten:

»Nur ein Mann, der sein ganzes Leben dem Meer gewidmet hat, konnte die Rätsel der Ozeane lösen. Ein solcher Mann, ein ewiger Wanderer über alle Meere der Welt, war Kapitän Fred Stürmer, genannt Kapitän Sturmvogel. Es gibt wohl keine Hafenstadt der Erde, in welcher Kapitän Sturmvogel nicht gekannt und geliebt war.«

Der bekannte Maler A. Wald, ein damals vielbeschäftigter Illustrator, schuf die Titelbilder für Kapitän Stürmer zumeist Szenen, die nur so vor Action strotzen, ob nun der Kapitän mit einem Regenschirm aus einem Ballon abspringt, zwischen den Zähnen einer Götzenfigur zappelt oder von einer Horde blutgieriger Chinesen umgeben ist.

 

 

Die Räuber

Jahrzehntelang hatte in der Trivialliteratur der edle Räuber das Feld beherrscht, jener Revolutionär, der die Reichen beraubte und die Armen unterstützte. Diese Gestalt verkörperte lange Zeit die Wunschträume der sozialen Unterschichten. Der Räuber war ihr Revolutionsheld, ein Mann, der die Revolution im Kleinen durchführt. Entsprechend groß war die Zahl der literarischen Wegelagerer, noch um 1900 waren bei uns ca. vierzig Kolportageromane dieses Genres erhältlich.

Behängt mit Superlativen traten sie aus dem dunklen Tann, etwa Arno Kraft, genannt der Goliath, der größte deutsche Räuberhauptmann des 19. Jahrhunderts; Arthur Melchior Vogelsang, genannt der Nebelreiter, der verwegenste und größte Räuberhauptmann von Sachsen und Böhmen; Arthur Robino, der Anführer der schwarzen Banden; der größte Räuberhauptmann der Gegenwart; Adolf Schilling, genannt die Blutdogge, der furchtbarste und gewaltigste Räuberhauptmann Deutschlands und Österreichs usw.

In der Kaiserzeit verdrängten dann andere Idole die alten Buschräuber zunehmend. In das neue Genre der großformatigen Heftreihen mit Serienhelden retteten sich aber immerhin doch noch einige Schnapphähne hinüber. Zwei davon waren Übernahmen aus England, eine Neuheit für damalige Verhältnisse, denn meistens wurden nur Urheberrechte aus den USA erworben.

Blood-and-thunder tales oder Penny dreadful nannte man in England die auch dort beliebten Groschenhefte. Zu den Favoriten der englischen Leser zählte Dick Turpin mit seinem Pferd Bessy, ein Straßenräuber, der zum Held der englischen Trivialliteratur aufstieg.

Dick Turpin war eine historische Figur. Geboren 1705, starb er schon 1739 am Galgen. Turpin, der ursprünglich Metzgergeselle gewesen war, hatte auf Wegelagerer umgesattelt. Zeitgenossen schilderten ihn als klein, dick und glatzköpfig, bei seinen Überfällen ging er brutal und rücksichtslos vor.

Als er jedoch seine Heftlaufbahn begann, war aus ihm ein schlanker, lockenköpfiger Geselle mit elegantem Schnurrbart geworden. Seit Mitte des 19. Jahrhunderts erschienen in England Heftreihen, die das kurze Leben des Räubers Turpin ausschlachteten. Die erfolgreichste Serie hieß Black Bess, genannt nach seinem Pferd, das er sehr geliebt haben soll.

Black Bess war die beliebteste Lektüre der englischen Jugend, die Reihe wurde bis 1894 in Millionenauflagen nachgedruckt und von der Londoner Aldine Publishing Company ab 1902 noch einmal herausgebracht.

Der Berliner Metropol Verlag brachte 1908 die Abenteuer des englischen Mordgesellen unter dem Serientitel Dick Turpin. Der Beherrscher der Landstraßen Englands, Deutschlands, Frankreichs heraus. Diese Hefte hatten zwar die farbenprächtigsten Cover aller Großformatreihen, trotzdem war der Serie kein Erfolg beschieden, und so ritt Dick Turpin nur knapp ein Jahr durch unser Land.

Claude Duval war ebenfalls ein historischer Straßenräuber, er wurde im Jahre 1670 als Siebenunddreißigjähriger gehängt. Die Glorifizierung seiner Untaten begann in London um 1870, als eine Heftserie herauskam, die seine Taten heroisierte. Auch dieser Räuber erlebte eine kurze Phase der Popularität im deutschen Sprachraum. Der Dresdner Eichler Verlag gab diese Reihe 1907 unter dem Titel Claude Duval. Historischer Roman aus der Puritanerzeit heraus.

Verfasst wurden die Manuskripte von einem gewissen Charlton Lea, das klingt nach Pseudonym war es aber ausnahmsweise einmal nicht. Charlton Lea, wie er richtig hieß, war ein englischer Schriftsteller, der sich auf geschichtliche Themen spezialisiert hatte. So erschien z. B. 1912 in Leipzig von ihm eine dreibändige Geschichte der spanischen Inquisition.

Neben den Übersetzungen gab es aber auch noch ein paar Räubergeschichten aus deutscher Feder. Im eindrucksvollen Großformat erschien z. B. 1908 in Berlin die Serie: Berühmte Räuber aller Länder. Deren Leben und Taten.

In je fünf aufeinanderfolgenden Heften wurden berühmte europäische Straßenräuber vorgestellt. Heft 15 präsentierte Rinaldo Rinaldini, den größten Räuberhauptmann Italiens, die folgenden fünf Titel behandelten das Leben von Antonio Gasparone, der König der Berge.

Die Titelbilder dieser Reihe hielten allerdings keinen Vergleich mit den Entwürfen eines A. Wald oder A. Roloff aus, sie waren steif, ja fast primitiv in der Ausführung. Vielleicht waren diese Cover denn auch mit ein Grund dafür, dass die Berühmten Räuber so schnell wieder aus den Auslagen der Zeitschriftenhändler verschwanden?

Die Konkurrenz schlief natürlich auch damals nicht; wenn man in Berlin eine Reihe Räubergeschichten startete, so konnte man das auch in Dresden. Berlin und Dresden waren bis 1945 die Hochburgen der Heftchen-Unterhaltungsliteratur in Deutschland.

In Dresden konterte man also mit einer Heftreihe, die den stolzen Serientitel Berühmte Räuber der Welt trog. Es war eine etwas kleinere (Oktavformat) Serie, die der Dresdner Roman Verlag startete. In jedem Heft wurde ein berühmter Räuberhauptmann vorgestellt, von Johann Bückler, genannt Schinderhannes, über Matthias Kneißl, Michael Kohlhaas und Karl Moor bis zu Urach dem Wilden.

Aber ob Berühmte Räuber aller Länder oder Berühmte Räuber der Welt, die Uhr der Wegelagerer war abgelaufen, gegen Nick Carter & Co. hatten sie keine Chance mehr. Die Räuberhauptmänner verschwanden von der Bildfläche und spielten im Heftgenre keine Rolle mehr.

 

Marschier oder krepier - der Fremdenlegionär

Das Thema Fremdenlegion beschäftigte die deutsche Öffentlichkeit in der Kaiserzeit sehr, es war ein Reizthema. Zur Erzeugung von Ressentiments gegenüber dem Erbfeind Frankreich wurde die Karte Fremdenlegion immer wieder ausgespielt. Die Legion, das war für viele junge Männer das Tor zum Abenteuer, erst nachdem sie es durchschritten hatten, stellten sie fest, dass es auch das Tor zur Hölle war. Immer und immer wieder veröffentlichten echte und angebliche Fremdenlegionäre ihre Memoiren und schilderten zur Warnung der Jugend das Leben in der Legion in düstersten Farben.

Erst in jüngster Zeit machte sich eigentlich eine nüchterne Einstellung gegenüber der Legion breit. Philipp Rosenthal, Inhaber der bekannten Porzellanmanufaktur, schrieb ein Buch über die heilsamen Erfahrungen, die er in der Fremdenlegion machte. In einem anderen Werk, das 1981 erschien und die Geschichte der 155 Jahre alten Truppe aufrollt, erfährt man, dass so bekannte Leute wie der Schriftsteller Hans Habe, der Komponist Cole Porter oder Nikita Chruschtschows Verteidigungsminister R. J. Malinowski einst in der Legion gedient hatten.

Heute führt die Fremdenlegion nur noch ein Schattendasein, hatte sie z. B. gegen Ende des Zweiten Weltkrieges noch eine Truppenstärke von 36 000 Mann, so schrumpfte sie in unseren Tagen auf 8000 Mann zusammen.

Natürlich gab es auch eine Heftreihe im Großformat zu diesem Thema. Das Verlagshaus für Volksliteratur hatte auch in Sachen Fremdenlegionäre etwas auf Lager. Schon vor dem Ersten Weltkrieg erschien dort die Reihe Erlebnisse deutscher Fremdenlegionäre, im Untertitel hieß es »Nach Berichten und geschichtlichen Quellen bearbeitet«. Der wahrscheinliche Autor C. L. Panknin, ein Spezialist für Marinethemen, schilderte in diesen Heften das grausame Schicksal deutscher Legionäre, die für die Grande Nation in Asien und Afrika ihr Leben riskieren. Die eindrucksvollen Titelbilder schuf, wie meistens im Berliner Verlagshaus, Prof. A. Roloff, der zwischen 1890-1943 Hunderte von Büchern illustrierte und fast tausend Titelbilder für diverse Heftserien entwarf.

Die Werbung auf der Rückseite der Großformathefte heizte die antifranzösische Stimmung kräftig an. So hieß es u. a.: »Die Wahrheit über die Fremdenlegion erfahren die Unglücklichen, welche sich durch Abenteuerlust, gewissenlose Werber oder kleine, im Vaterland begangene Torheiten haben verleiten lassen, sich der französischen Fahne auf fünf Jahre zu verpflichten, erst jetzt. Zwei Drittel der Legionäre sind Deutsche, fünf Centimes beträgt die tägliche Löhnung. Achtzig von hundert Legionären sehen ihre Heimat nie wieder, sie modern in fremder Erde. Der Lohn der Legion ist ein Grab im Wüstensand.

Es ist das Leben deutscher Kameraden, das die in sich abgeschlossenen Bände bringen, und auf Wahrheit beruht, was die abenteuerlichen Schilderungen wiedergeben. Die Erlebnisse deutscher Fremdenlegionäre sind ein Menetekel für Deutschlands Jugend. Unsere Devise muss lauten DEUTSCHE SÖHNE DEM DEUTSCHEN VATERLAND!« Die Behauptung, dass 80 von 100 Legionären starben, ist natürlich maßlos übertrieben, aber immerhin mussten 17% der Fremdenlegionäre im Laufe der Zeit ihr Leben lassen.

In der Serie wurde kräftig gegen den Erbfeind vom Leder gezogen, man schwamm damit auf der herrschenden Stimmungswelle mit und redete dem Chauvinismus das Wort. Trotzdem wurde die Reihe während des Ersten Weltkrieges verboten, und der Verlag stellte die Herausgabe ein Jahr nach Kriegsausbruch ein.

Ungefähr zur gleichen Zeit, als in Berlin die Heftreihe Erlebnisse deutscher Fremdenlegionäre herauskam, war in Dresden eine ähnliche Serie in Produktion gegangen, die sich »Zehn Jahre in der Fremdenlegion« nannte und sich ebenfalls als wahrheitsgetreuer Tatsachenbericht ausgab. Der angebliche Verfasser Wilhelm Damm verkündete auf dem Heftumschlag: »Sehr geehrter Herr. Als Sie mich aufforderten, meine Erlebnisse in der Fremdenlegion zu veröffentlichen, lockte mich nicht das Honorar, sondern ich wurde mehr von dem Gedanken geleitet, dass auf diese Weise Tausende einen Einblick in das Leben der Fremdenlegion tun können. Bald die Hälfte aller dort ausgebeuteten und oft buchstäblich bis aufs Blut gepeinigten Menschen sind deutsche Reichsangehörige, für sie soll dies als Warnung dienen.«

Die Hefte des Dresdner Roman Verlages erschienen allerdings nicht im Großformat, sondern im normalen Mittelformat (wie es heute noch gebräuchlich ist). Die Abenteuer dieses Fiktiven Helden spielten sich im Gegensatz zur Konkurrenzserie hauptsächlich in Nordafrika ab.

Zusammen mit den Erlebnissen deutscher Fremdenlegionäre zählt Zehn Jahre in der Fremdenlegion zu den seltenen Serien dieses Genres. Etwas leichter aufzutreiben ist da schon die in riesiger Auflage verlegte Heftreihe Heinz Brandt der Fremdenlegionär mit dem vielversprechenden Untertitel »Abenteuer, Leiden und Geheimnisse in der Fremdenlegion«. Diese erfolgreichste Legionärs-Serie erschien ein Jahr vor Ausbruch des Ersten Weltkrieges im Dresdner Mignon Verlag, die wöchentliche Auflage lag zeitweilig bei 100 000 Exemplaren!

Wie bei den anderen Legionärs-Heftreihen, so spielte auch hier der Verlag auf der Klaviatur des Chauvinismus. Den guten deutschen Legionären, den Brüdern Heinz und Fritz Brandt, wurden die verschlagenen, brutalen französischen Befehlshaber gegenübergestellt. In Heft 68 (»Der Herr Major amüsiert sich«) benutzt z. B. ein französischer Major die Gebrüder Brandt als lebende Schießscheiben, um eine neuartige Waffe auszuprobieren.

In der Werbung schlug der Mignon Verlag noch nationalistischere Töne an als die Konkurrenz:

»Die Fremdenlegion, das Paradies des Teufels, sie mordet einen Teil der Jugend, erniedrigt ihre Soldaten zu Sklaven und Tieren, schafft unzählige Wahnsinnige, Sieche, Krüppel und Todesopfer, kennt noch heute mittelalterliche Folter und Henkersqualen. Und doch fallen diesem verruchten Fangnetz Frankreichs Tausende und Abertausende zum Opfer.«

Ein halbes Jahr später hatte man sich dann im Mignon Verlag einen besonders verkaufswirksamen Gag ausgeheckt: Auf dem Backcover versprach man demjenigen 500 Mark Belohnung, der Werber für die Legion in Deutschland ausfindig machte und zur Anzeige brachte. Die Brandt-Brüder tummelten sich zuerst in Nordafrika, siedelten später nach Asien über, unternahmen einen Abstecher nach Zentralafrika und waren dabei immer auf der Spur des Abenteuers; Titel wie »Die Elefantenschlacht«, »Das Geheimnis der versunkenen Stadt«, »Die Amazonen von Dahome« oder »Bei den Menschenfressern von Kitumbo« verweisen dabei mehr auf das Abenteuer-Genre als auf das Kriegs-Genre.

Für die Heftreihe schrieben diverse Autoren, einer davon war ein siebzehnjähriger Gymnasiast namens Gustav Fröhlich, jener Gustav Fröhlich, der später als Filmstar der UFA Karriere machte und neben Willy Fritsch zu den bestbezahlten Liebhaberdarstellern jener Zeit zählte.

Die Serie um Heinz Brandt war gerade bei der Nr. 80 (»Die Totenstraßen von Ain Seira«) angelangt, als der 1. Weltkrieg ausbrach. Der clevere Verlag schaltete sofort:

»Zur eindringlichen Warnung für Abenteuerlustige enthüllte Heinz Brandt in den ersten 80 Heften den wahren Charakter der Fremdenlegion. Bei Ausbruch des Krieges schüttelte Heinz Brandt das unwürdige Joch der Legion ab. Die folgenden Hefte berichten von den Abenteuern und Kämpfen Heinz Brandts auf den blutgetränkten Schlachtfeldern Frankreichs. MIT GOTT FÜR KAISER UND RECHT, so lautet jetzt die Parole Heinz Brandts, des ehemaligen Fremdenlegionärs, der sein Leben geweiht hat der Rache an seinen französischen Quälgeistern und Bedrückern.«

Nun nannte sich die Serie also Heinz Brandt der ehemalige Fremdenlegionär, und die Brandt-Brüder wurden schnell aus Asien auf die europäischen Kriegsschauplätze versetzt, zu Weltkriegssoldaten gemacht und schon bald als Unteroffiziere mit dem Eisernen Kreuz ausgezeichnet. Heinz Brandt marschierte durch halb Europa, kämpfte auf allen bekannten Schlachtfeldern in Frankreich, Russland und auf dem Balkan. Derart den veränderten Zeiten angepasst, konnte sich die Serie immerhin bis 1921 auf dem Markt halten und dabei über 300 Titel erreichen.

Als die Schrecken des Krieges verblassten und sich eine Aussöhnung mit dem Erbfeind Frankreich während der Weimarer Republik anbahnte, sah man auch die Legion wieder in einem anderen Licht. Der Vertrag von Versailles aber erwies sich als eine zu große Bürde für die erste deutsche Republik, und die Rechte bekam gegen Ende der zwanziger Jahre langsam wieder Oberwasser. Sofort entsann man sich auch im Mignon Verlag an die antifranzösiche Legionärs-Reihe Heinz Brandt. Man holte die alten Hefte wieder aus dem Archiv und baute eine neue Serie darauf auf. Titel, Norbert Falk. In der Fremdenlegion. Im Juli des Jahres 1931 erschienen die ersten Hefte dieser kleinformatigen Reihe. Wie gehabt, wurde Hass gegen Frankreich geschürt, diesmal von neuen Autoren mit größeren schriftstellerischen Fähigkeiten, was die ganze Sache noch gefährlicher machte. So erschien nun Woche für Woche Norbert Falk am Kiosk, der im Laufe der Zeit Bekanntschaft mit dem gesamten französischen Einflussbereich machen durfte.

In diesen Jahren wurden aber auch die Nationalsozialisten immer stärker, nach den Richtlinien der Partei sollten: »Bücher mit Inhalten, über die aus Gründen der nationalen Selbsterhaltung nicht geschrieben werden sollte, ausgesondert werden. Dazu gehörten alle Werke über die Fremdenlegion, über Spionage und Zukunftskriege!«

Der Mignon Verlag deutete die Zeichen der Zeit richtig und stellte Norbert Falk im Jahr der Machtergreifung ein. Das Schlussheft 105 (»Im Angesicht des Todes«) schmeichelt sich dabei ungeniert bei den neuen Machthabern ein, als über die Rückkehr des Helden in die Heimat berichtet wird:

»Rasch verging die Zeit Helgoland glitt an ihnen vorüber. Vom Mast der vorüberfahrenden Schiffe wehte das Hakenkreuzbanner. Norbert Falk war still geworden. Nach so langer Zeit wieder auf deutschem Boden. Heimat!, sagte er leise, Tränen schimmerten in seinen Augen. Schweigend schritten sie durch die Straßen Hamburgs. Von den Dächern, den Türmen und Masten grüßte das Hakenkreuzbanner. Irgendwo zog ein Trupp SA-Männer vorüber ...«

Von 1933-1945 hatte die Legion Ruhe, 1956 aber grub ein Verlag in Hamburg dieses alte Thema wieder aus. Der Titel der neuen Serie konnte einem durchaus bekannt vorkommen: Fremdenlegionär Brandt. Der neue Legionär hieß zur Unterscheidung vom alten Helden Rolf mit Vornamen und war ein blonder Friese! Es waren graphisch recht nett aufgemachte Hefte, die sogar Innenillustrationen aufwiesen. Und zum wiederholten Mal konnte man als Berechtigung für das Erscheinen der Fremdenlegionärs-Reihe lesen: »Noch immer machen sich abenteuerlustige junge Männer völlig falsche Vorstellungen vom Dasein in der Legion. Rolf Brandt ist einer der Namenlosen, die auf unromantische Weise ihre Gesundheit, ihr Leben für die Legion opferten. Die Erzählungen Rolf Brandts bedeuten eine Warnung und Mahnung zugleich für unsere heranwachsende Jugend.«

Zu dieser Zeit war die Warnung durchaus berechtigt, da in der frühen Nachkriegszeit viele junge Männer ihr Heil in der Legion suchten. Das Thema an sich war aber nicht mehr aktuell genug, um eine Heftreihe zu tragen, nach fünf Nummern war die Heftkarriere des neuen Fremdenlegionärs schon wieder beendet.

 

Details

Seiten
218
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783738924077
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2018 (Dezember)
Schlagworte
groschenhefte geschichte trivialliteratur

Autor

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Titel: Groschenhefte - Die Geschichte der deutschen Trivialliteratur bis 1990