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Zerbrochene Freundschaft

2018 120 Seiten

Leseprobe

Zerbrochene Freundschaft

Western von Luke Sinclair


Der Umfang dieses Buchs entspricht 119 Taschenbuchseiten.


Es war eine höllische Geschichte, als Dave und Pete sich auf dem Weg zu dem Goldgräbercamp in den Black Hills befanden. Früher waren sie die besten Freunde gewesen, aber dann war die Sache mit Lory passiert. Das konnte Pete dem leichtsinnigen Dave nicht verzeihen. Niemals! Das hatte er in seiner Wut geschworen. Aber jetzt mussten sie zusammenhalten. Auf Gedeih und Verderb waren sie aufeinander angewiesen. Denn in der Hölle der Black Hills gab es hundert Möglichkeiten, den Tod zu finden. Vor allen Dingen durch die Sioux, die jedem Weißen den Tod geschworen hatten. Und dann stieß auch noch Lory zu ihnen, und ihre Nähe ließ die Feindschaft der ehemaligen Freunde erneut auflodern.



Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author /COVER TONY MASERO

© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

w ww.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de




1

Henry Dobbs verließ Claim City oben in den Black Hills mit seinem Ochsengespann vor dem schweren Murphy-Wagen an einem denkwürdigen Tag. Gerade an diesem Tag nämlich wurden die Verhandlungen um das Black Hills Gebiet zwischen den Sioux-Stämmen und den Unterhändlern aus Washington in Uneinigkeit abgebrochen.

Die Indianer waren erbost darüber, dass ihre 1868 in Fort Laramie geschlossenen Verträge wieder einmal gebrochen worden waren, als Custers Soldaten Gold in den Black Hills fanden und damit einen Ansturm der Weißen auf ihr heiliges Jagdgebiet, das sie selbst Hesapa nannten, auslösten. Hesapa! Das waren für die Sioux nicht irgendwelche Berge, in denen es nun zufällig Gold gab, sondern es war ihr traditionelles Stammesgebiet, in dem schon die Gebeine ihrer Väter Ruhe gefunden hatten.

Und jetzt waren die Weißen scharenweise in dieses Gebiet eingefallen und schändeten die in der Kultur der Indianer heilige Mutter Erde. Ein Frevel, der nicht hingenommen werden konnte.

So kehrten nun Red Cloud, Sitting Bull, Black Moon, und wie sie alle hießen, in ihre Dörfer zurück und riefen die Krieger zusammen. Und in den Black Hills stiegen dünne Rauchsäulen in den Himmel. Die Sioux schwärmten durch das Land, um die weißen Eindringlinge mit Gewalt aus Hesapa zu vertreiben, und Präsident Grant ließ derweilen wieder einmal auf Drängen von General Sherman seinen Hund von der Leine. Custer würde diese Sache wieder auf seine Weise regeln.

Henry Dobbs war mit seinem schweren Murphy-Wagen und dem Ochsengespann etwa eine Woche unterwegs, als diese Ereignisse den bis dahin Ahnungslosen einholten.

Er hatte gerade sein Nachtlager abgebrochen und seine wenigen Sachen auf den Wagen geworfen. Die Bewegung erwärmte langsam seine steif gewordenen Gliedmaßen, denn die Nächte hier draußen begannen schon empfindlich kalt zu werden. Für ein morgendliches Feuer wollte er keine Zeit opfern. Niemand konnte so genau voraussagen, wie lange der Winter noch auf sich warten ließ.

Henry Dobbs hatte also gerade die Ochsen vor den Wagen geschirrt, als er plötzlich trommelnden Hufschlag aus einem nahen Buschgürtel hervorbrechen hörte, der von schrillem Geschrei begleitet war, dessen Bedeutung ihm sofort klar wurde.

So verlor er keine weitere Zeit damit, sich nach den unverhofften Besuchern umzuschauen, sondern langte ohne Umschweife nach dem Henry-Gewehr, das er auf dem Bodenbrett des Kutschbocks liegen hatte. Doch noch ehe er sich mit seiner Waffe den Gegnern zuwenden konnte, bekam er einen harten Schlag, und ein dumpfer Schmerz bohrte sich in seine Schulter.

Ungeachtet dessen fuhr er herum und brachte das Gewehr hoch. Bei dieser Bewegung stieß er mit dem nach hinten aus seiner Schulter herausragenden Pfeilschaft gegen den Wagen, und der Schmerz brachte ihn beinahe um.

Sein Schuss ging infolgedessen daneben. Aber er hatte keine Zeit, sich diesem Schmerz weiter zu überlassen. Drei Reiter preschten geradewegs auf ihn zu.

Das Gewehr repetierend machte er einen Schritt nach vorn, um von dem Wagen wegzukommen, während ein neuerlicher Pfeil so dicht an seinem Kopf vorbeizischte, dass er meinte, sein Ohr berührt zu haben.

Henry Dobbs’ zweite Kugel traf ihr Ziel und riss einen der Angreifer vom Pferd. Er repetierte sofort wieder, doch da war der nächste bereits heran. Dobbs versuchte auszuweichen, aber das Bein des Reiters streifte ihn noch und riss ihn herum. Der Schmerz dieser spontanen Bewegung riss ihm einen heiseren Schrei von den Lippen. Der Reiter prallte fast gegen den Wagen und hatte Mühe, sein nervöses Pferd herumzureißen. Dobbs hob das Gewehr, während der dritte Indianer schreiend den Wagen umrundete und von der anderen Seite kam.

Der Schuss schleuderte den Indianer gegen die Flanke des Wagens, und Henry Dobbs fuhr sofort zu dem Dritten herum, der noch immer laut schreiend auf ihn zu preschte und eine langstielige Steinkeule schwang.

Da Henry Dobbs durch den Pfeil in seiner Schulter und die damit verbundenen Schmerzen in seinen Reaktionen behindert war, blieb ihm gerade noch genügend Zeit, um zur Seite auszuweichen und das Gewehr mit beiden Händen am Lauf zu packen. Sein wuchtiger Hieb fegte den Sioux vom Pferd herunter. Er überschlug sich, als er auf dem Boden landete, und als er wieder hochkam, hatte Dobbs die Henry repetiert und schoss ihm aus nächster Nähe in die Brust.

Schwer atmend und mit gespreizten Beinen stand er da wie ein verwundeter Bison und schaute sich um. Aber es waren nur diese drei, und ihre reiterlosen Ponys suchten das Weite. Eine Weile noch tasteten Dobbs’ Blicke die nähere und weitere Umgebung ab, aber die Situation blieb, wie sie war.

Erst jetzt ließ der Schock nach, und seine Gedanken begannen wieder normal zu arbeiten. Schon lange hatte man in Claim City befürchtet, die Sioux würden irgendwann die Geduld verlieren. Nun war dieser Fall offenbar eingetreten …

Langsam drehte er sich wieder um. Es waren ziemlich junge Krieger, die da über ihn hergefallen waren, und sie mussten sich ihrer Beute sehr sicher gewesen sein und diesen einzelnen weißen Mann unterschätzt haben. Sonst hätte er kaum eine Chance gegen sie gehabt.

So aber war er nochmal davongekommen.

Was das für ihn und sein Vorhaben für Konsequenzen haben mochte, war im Augenblick noch nicht abzusehen. Auf jeden Fall aber sollte er machen, dass er von hier weg kam. Ein Ochsengespann war ein verdammt langsames Fortbewegungsmittel, und wenn noch andere Indianer in der Nähe waren, konnten sie ihn binnen Kurzem einholen. Da konnte jede Meile über Leben und Tod entscheiden.

Die Schmerzen in seiner linken Schulter erinnerten ihn an den Pfeil, der noch immer in der Wunde steckte. Aber es war ihm unmöglich, die Pfeilspitze herauszubringen. Dafür war die Stelle zu schlecht zu erreichen. Er versuchte, mit der rechten Hand über die linke Schulter zu langen, aber er konnte gerade die Fingerspitzen an den Pfeilschaft bringen.

Er musste versuchen, ihn abzubrechen, da er sonst überall anstieß oder allein das Auf- und Niederwippen bei jeder Erschütterung ihn um den Verstand brächte, bevor er Clearwater erreichen konnte. Ob er es überhaupt bis dahin schaffte, käme letztlich auf einen Versuch an.

So schob er, mit der anderen Hand gegen den Ellenbogen drückend, die rechte Hand weiter über die Schulter, bis er den Pfeilschaft zu fassen bekam.

Die Schmerzen ließen ihn keuchen, und der Schweiß perlte in dicken Tropfen auf der Stirn seines schmerzverzerrten Gesichtes.

Er holte noch einmal tief Luft, dann packte er beherzt zu und brach den dünnen Holzschaft dicht über der Wunde ab.

Die ruckartige Bewegung presste ihm einen kurzen Schrei über die Lippen. Dann verharrte er einen Moment schwer atmend und wartete auf das Abflauen der irrsinnigen Schmerzen, während er spürte, wie das Hemd unterhalb der Schulter nass wurde.

Doc Melgrove würde die Sache schon wieder hinkriegen, falls ihn der Blutverlust nicht schon vor Clearwater umbrachte.

Henry Dobbs legte das Henry-Gewehr wieder auf das Bodenbrett, zog sich mit dem gesunden Arm auf den Bock des Wagens hinauf und nahm die Zügel zwischen die Zähne. Dann griff er nach der Peitsche und zog sie über die staubigen Rücken der Ochsen.

»Nun lauft schon, ihr lahmen Biester!«, knurrte er zwischen den zusammengebissenen Zähnen hindurch. »Und, Teufel nochmal, beeilt euch dabei, oder die Rothäute rösten euch heute Abend schon über ihren Feuern!«



2

Wir schrieben das Jahr das Herrn anno 1874, als die Vorgeschichte in Claim City oben in den Black Hills begonnen hatte.

Wenn ich sage Wir, dann meine ich eigentlich damit nicht mich selbst. Ich bin nur der Erzähler, der diese ganze Geschichte für Euch aufgeschrieben hat, so, wie sie sich damals zutrug, im Herbst und Winter jenes denkwürdigen Jahres, und es wird eine verdammt raue Story, so viel kann ich Euch jetzt schon sagen.

Ich meine also mit dem Wir alle diejenigen, die unmittelbar an dieser Geschichte beteiligt waren. Das waren zunächst mal all jene Männer, die in der Gegend um Claim City in ihren Erdlöchern standen und den schlammigen Boden durchwühlten – in der euphorischen Hoffnung, schnell reich zu werden, und deren Äußeres über dieser Tätigkeit mehr und mehr verwilderte – deren Bärte wuchsen, deren Kleidung verschmutzte und verschliss, und deren Hände mehr den Wühlklauen eines Maulwurfes ähnelten, als menschlichen Organen.

Yeah, so etwa sahen sie aus, ob sie nun Ben Murray hießen, Billy Jo Kendall oder Cunning Jack Dixon. Sie kamen von überall her, hatten einfach ihre Werkzeuge weggeworfen, ihre Läden zugeschlossen, ihre Pflüge stehen lassen oder irgendwelche andere Jobs an den Nagel gehängt und waren dem unwiderstehlichen Lockruf des Goldes gefolgt. Sie hatten das, was immer sie auch vorher getan haben mochten, eingetauscht gegen Hacke, Schaufel, Sieb und Pfanne, um die gesamte Gegend um Claim City umzugraben und alles in eine löcherige Mondlandschaft zu verwandeln, oder die steinigen Betten der Wasserläufe zu durchwühlen und in ihren Pfannen herumzuscharren wie Hühner, stets auf der Suche nach Farbe, wie sie es nannten, wenn ein Goldkörnchen im Sand schimmerte.

Claim City hatte mit einer Stadt natürlich nur den Namen gemeinsam. Es war eine elende Ansammlung von primitiven Bretterbehausungen, verdreckten Zelten und Erdbunkern, denn wer hatte schon die Zeit, etwas Dauerhaftes aufzubauen. Man brauchte nur einen einigermaßen trockenen Platz zum Schlafen, denn vom Hellwerden bis hin zur Dunkelheit wurde auf den Claims gearbeitet.

Jeder träumte davon, schnell reich zu werden und wieder zu verschwinden. Es gab fast ausschließlich Männer in Claim City. Die Frauen und Kinder, soweit man welche hatte, waren zu Hause geblieben und warteten auf den Reichtum, den ihre Männer bringen sollten.

Dabei konnten viele von ihnen froh sein, wenn sie ihre Männer überhaupt wiedersahen. Denn manch einer verlor bei solchen Unternehmungen sein Leben. Andere schämten sich, als Versager mit leeren Händen zurückzukehren, oder hatten sich inzwischen ausgerechnet, dass sie ohne Anhang besser zurechtkämen.

Doch da gab es auch noch andere, die cleverer waren und an das Gold herankamen, ohne die harte Arbeit des Schürfens auf sich zu nehmen. Das waren Kerle wie zum Beispiel Mitch Coates. Der hatte nämlich weiter gedacht als alle diejenigen, die spontan hierher aufgebrochen waren. Mitch Coates wusste, dass Männer hier nicht vom Gold leben konnten, sondern Essen, Whisky und Vergnügen brauchten. Und das besorgte er ihnen zu – entsprechenden Preisen, versteht sich – indem er einen Saloon und ein Warenlager einrichtete, wo er diese Dinge feilbot, die ein Mann in einer rauen Ansiedlung wie Claim City so brauchte.

Nun, ehe Ihr Euch eine falsche Vorstellung von ihm macht, will ich Euch schildern, wie dieser Mitch Coates aussah. Ihr musst Euch einen derben, untersetzten Kerl vorstellen mit einer gestreiften Hose und einer ärmellosen Weste, die er sich aus einem Bärenfell gemacht hatte und die ihn noch wuchtiger erscheinen ließ, als er es ohnehin war. Auf dem Kopf trug er eine Melone, so ein rundes, komisches Ding von Hut mit einer Krempe, klein und nach oben gerollt wie ’ne Wurstpelle. Sein Gesicht war von Pockennarben übersät, die wie kleine, dunkle Löcher aussahen, so als hätte ihm einmal jemand mit einer Schrotflinte durch die Backen geschossen. Man sah ihn nie ohne Zigarre, die er stets im Mundwinkel hielt. Er musste einen unerschöpflichen Vorrat von diesen Dingern besitzen. Und wenn er aufgeregt war oder sich über irgendwas ärgerte, dann bewegte er diese Zigarre von einen Mundwinkel in den anderen, ohne dass er dazu eine Hand brauchte. Und was für ein Kerl dieser Mitch Coates war, das werdet Ihr bald genug erfahren.

Yeah, irgendwo muss eine Geschichte ja mal ihren Anfang nehmen, und das war in diesem Fall wohl jener Septemberabend, als Billy Jo Kendall mit finsterer Mine in Henry Dobbs’ Zelt kam und ohne Umschweife, so wie es seine Art war, sagte: »So geht es nicht weiter, Henry. Dieser verdammte Coates saugt uns das Mark aus den Knochen. Der Winter kommt bald, und die Preise für Lebensmittel steigen jetzt schon fast täglich. Keiner von uns kann das mehr bezahlen, und etliche werden den Winter nicht überstehen, wenn das so weitergeht. Du hättest die Fuhre, die du gebracht hast, nicht an Mitch Coates verkaufen sollen.«

Henry Dobbs setzte sich auf seine Pritsche und kratzte sich verlegen seinen grauen Stoppelbart, der mehr als eine Woche alt war.

»Yeah«, meinte er, »das sage ich mir jetzt auch. Aber ich wollte das Zeug los sein, und Coates war der einzige, der alles zusammen bezahlen konnte.«

»Du hast ja noch den Wagen und die Ochsengespanne«, erinnerte Billy Jo Kendall ihn, und Dobbs sah überrascht auf.

»Du meinst doch nicht …«

»Doch!«, beschwor Kendall ihn. »Mitch Coates, dieser Blutsauger, macht uns alle fertig. Pearson hat er heute versucht von seinem Claim zu vertreiben, weil dieser seine Schulden nicht bezahlen konnte. Denk doch mal nach! Wenn du eine Wagenladung Lebensmittel herbrächtest, könntest du mehr verdienen als wir alle auf unseren Claims, und Coates muss mit seinen Preisen herunter, wenn er noch was verkaufen will. So wäre dir geholfen und uns.«

Henry Dobbs war ein kräftiger Bursche mit breiten Schultern und den derben Fäusten eines Fuhrmannes. Er besaß in Clearwater ein Fuhrunternehmen und hatte Waren in die Black Hills gebracht, wo er dem Zauber des Goldes nicht widerstehen konnte. Jetzt aber nickte er nachdenklich und sagte zu Kendall: »Yeah, wie ich das so sehe, hast du wohl recht, Billy Jo Kendall.«

»Dann siehst du es richtig«, nickte Kendall eifrig. »Aber du musst dich beeilen und gleich morgen aufbrechen, wenn du noch vor Wintereinbruch zurück sein willst. Meiner Schätzung nach müssen wir schon Mitte September haben, und nächsten Monat kann es schon Schnee geben.«

Henry Dobbs war nicht der schnellste im Denken, aber wenn er mal einen Entschluss gefasst hatte, dann ließ er sich auch von nichts und niemand mehr aufhalten.

»Ich werde aufbrechen, sobald es hell wird«, sagte er entschlossen.

Yeah, das tat er denn auch. Aber er tat es ohne zu wissen, dass er an jenem Tage beinahe seinem Verhängnis entgegen fuhr. Wir schrieben gerade den 16. September 1874, und das war, wie Ihr bereits wisst, ein folgenschweres Datum für das Gebiet der Black Hills.



3

Irgendwann nachdem Henry Dobbs seine unfreundliche Begegnung mit den drei Sioux-Kriegern hatte, war ein Mann namens Dave Willow in der kleinen Stadt Madison eingetroffen, hatte die kleine Pferderemuda, die er dort hinbringen sollte, wie ihm aufgetragen, im Mietstall abgeliefert und den vereinbarten Geldbetrag in Empfang genommen.

Dave Willow war ein Mann knapp unter den Dreißigern mit leicht gelocktem blondem Haar und hellen, unbeschwert blickenden Augen, in denen schnell ein Lachen aufblitzen konnte, wann immer sich dafür eine Gelegenheit bot. Ebenso schnell konnten sich dabei seine Mundwinkel spöttisch nach unten ziehen, denn es gab nicht allzu viele Dinge im Leben des Dave Willow, die er wirklich ernst nahm.

Eigentlich wäre seine Mission hier in Madison damit beendet gewesen, und er hätte, so wie es sein Auftraggeber von ihm erwartete, unverzüglich den Rückweg antreten sollen. Aber Dave Willow wäre nicht er selbst gewesen, wenn er immer nur das tat, was andere von ihm erwarteten.

Es gab einen einzigen Saloon in Madison, und weshalb, zum Teufel, sollte er dieses Nest, von dem ihm sonst wohl nichts in Erinnerung bleiben würde, wieder verlassen, ohne diesen Saloon von innen gesehen zu haben? Immerhin hatte er sich mehr als einen Drink verdient, ehe er den Rückweg antrat.

»Halte dich von den Saloons fern«, hatte Mr. Gilmore ihm zwar geraten, bevor er aufbrach, »und vor allen Dingen von irgendwelchen Spieltischen. Du weißt, dass du Ärger anziehst wie ein Magnet.«

Dave Willow zuckte mit den Schultern. Was konnte es hier schon für Ärger geben, wenn er ein Bier trank und sich den Staub aus der Kehle spülte?

Also kletterte er wieder von seinem Pferd herunter und schlang die Zügelenden um das glatt gescheuerte Holz der Haltestange. Der Saloon war größer, als er erwartet hatte. Auf der linken Seite zog sich eine lange Bar entlang, hinter der zwei Männer Whiskyflaschen in ein Regal stellten. Auf der anderen Seite standen Tische, und obwohl es noch nicht Abend war, war weiter hinten in der Ecke des Raumes ein Spiel im Gange.

Vier Männer saßen dort an einem runden Tisch und waren so in ihre Karten vertieft, dass keiner von ihnen auch nur aufgeblickt hatte, als Dave Willow hereingekommen war. An der Bar standen drei Männer zusammen, die ihn neugierig anstarrten.

Dave trat an den Tresen und bestellte ein Bier. Einer der beiden Männer hinter der Bar goss ein Glas voll und stellte es vor ihn hin. Es schmeckte lauwarm und abgestanden, aber mit einem trockenen Hals sind die Qualitätsansprüche nicht so hoch angesetzt.

Dave Willows Blicke wanderten zu dem Spieltisch. Ein Spielchen wäre nicht schlecht, dachte er bei sich. Aber das Geld in seiner Tasche gehörte Mr. Gilmore.

Da saß noch ein Mädchen an einem der Tische. Es schien sich zu langweilen und lächelte einladend zu ihm hin, aber sie kam nicht zu ihm an die Bar. Das gefiel Dave, denn er mochte keine aufdringlichen Saloonmädchen. Sie war nicht besonders schön, aber das war nicht so wichtig in diesem trostlosen Ort.

Dave bestellte ein zweites Bier und ging mit seinem Glas zu dem Mädchen hinüber.

»Ich bin fremd hier«, sagte er, »aber ich trinke nicht gern allein.«

Das Mädchen nickte und deutete auf den freien Stuhl neben sich. »Ich weiß. Du hast die Gäule für Mr. Madison gebracht.« Es lachte, als es Daves erstauntes Gesicht sah. »In diesem Nest passiert nichts, ohne dass jeder es gleich weiß.« Der Blick der Lady heftete sich auf Daves Glas. »Ich trinke immer das gleiche wie die Gäste.«

»Ist mir recht«, sagte Dave und bestellte noch ein Bier. Er schaute wieder zum Spieltisch hin.

»Ich bin Liz«, sagte sie. »Es juckt dir in den Fingern, wie?«

»Gegen ein Spielchen hätte ich nichts«, bekannte Dave und zuckte mit den Schultern.

Liz sah ihn ernst an. »Ich kenne diesen Blick. Wenn du dein Geld verspielen willst, bist du überall gern gesehen. Aber falls du vorhast zu gewinnen, lass dir sagen, dass Ben Madison ein schlechter Verlierer ist.«

»Heißen alle Leute hier Madison?«

»Nein. Aber sie gehören ihm alle. Diese Stadt heißt nicht nur Madison, sie gehört ihm auch. Ben ist einer der Söhne vom alten Big Jeff. Ein missratenes Bürschchen, das nur zu ertragen ist, wenn alles nach seinem Willen geschieht … Ich glaube, ich rede schon wieder zu viel.« Sie nahm das Glas, das der Barmann gebracht hatte, und trank.

Am Spieltisch erhob sich einer der Männer.

»Ich mache Schluss«, sagte er resigniert. »Für heute habe ich genug verspielt.«

Einer der anderen versuchte ihn zu halten. »Wenn du gehst, macht es keinen Spaß mehr zu dritt.«

Der andere lachte gequält: »Habe keine Lust, auch noch mein letztes Hemd zu verlieren«, sagte er und ging. Die anderen beiden, außer Ben Madison, schauten zu Dave Willow herüber.

»Wie wär’s mit dir, Fremder?«, fragte der eine. »Keine Lust zu einem Spielchen?«

Dave Willow zögerte noch. Lust hatte er schon, aber das Geld in seiner Tasche gehörte nicht ihm. Doch immerhin stand ihm ein Teil davon zu, das, was Mr. Gilmore ihm als Provision versprochen hatte. Und was er damit tat, war schließlich seine Sache.

»Tu’s nicht«, raunte das Mädchen ihm zu, aber Dave Willow hatte sich bereits entschieden.

»Tut mir leid, Lady«, sagte er höflich, »aber du hast es gehört: Diesen Gents macht es keinen Spaß, allein zu spielen.« Er erhob sich mit seinem Glas und ging zu den Spielern.

»Ist dir doch recht, Ben?«, fragte einer der Mitspieler, und Ben Madison hob den Kopf und maß Dave mit einem desinteressierten Blick aus wasserhellen Augen.

»Mir ist jeder recht. Vorausgesetzt, er hat genügend Geld in der Tasche.«

»Das ist doch der Bursche, der die Gäule für deinen Dad gebracht hat.«

»Das Geld dafür gehört mir nicht«, sagte Dave schnell, »nur ein Teil davon.«

»Nun«, meinte Ben großspurig, »vielleicht genügt uns dieser Teil.«

Dave Willow setzte sich und holte etwas von dem Geld aus der Tasche. Der Mann links von ihm gab die Karten. Dave bekam auf Anhieb drei Könige und blickte mit Zuversicht dem Spiel entgegen.

Dave Willow hatte meistens Glück mit den Karten. Aber Glück beim Spiel kann manchmal auch ins Verderben führen. Doch ich will den Ereignissen nicht vorgreifen. Dave kaufte jedenfalls nur eine Karte nach, und sein Blatt verbesserte sich dadurch nicht. Aber das beunruhigte ihn nicht. Vielleicht reichte es auch so.

Ben Madison versuchte ihn wegzubluffen, aber er vertrieb damit nur die anderen beiden. Möglicherweise hatte er auch tatsächlich was auf der Hand. Wenn schon. Dave Willow nahm solche

Dinge, wie ich schon sagte, nicht besonders ernst, und schließlich war es das erste Spiel.

Nachdem Ben Madison seinen Gegenspieler nicht klein bekam, ließ er aufdecken, aber er brachte nur zwei Paare auf den Tisch, und zum ersten Mal kam so etwas wie Interesse in seine blassen Augen. Dieses Interesse verwandelte sich innerhalb der nächsten zwei Stunden allerdings in kalte Wut. Denn Dave Willow hatte in dieser Zeit mit nur gelegentlichen Rückschlägen einen ansehnlichen Betrag auf seine Seite des Tisches gebracht.

Er war zufrieden mit sich und dachte, dass es nun Zeit sei, an den Heimritt zu denken. Aber als er diesen Entschluss laut werden ließ, starrte ihn Ben Madison mit seinen blassen Augen über den Tisch hinweg an.

»Wann hier aufgehört wird, bestimme ich!«, sagte er mit dünnen Lippen.

»Derartiges haben wir nicht vereinbart«, beharrte Dave und steckte das gewonnene Geld ein.

»Du wirst mir Gelegenheit geben, mein Geld zurückzugewinnen«, sagte Ben drohend, aber Dave Willow war kein Mann, der sich gern zu etwas zwingen ließ.

»Diese Gelegenheit hattest du mindestens zwei Stunden lang. Einmal muss Schluss sein. Ich ruiniere meine Mitspieler nicht gern.« Dave ließ diesen Worten ein beinahe unschuldiges Lächeln folgen, was sein Gegenüber noch mehr reizte.

»Setz dich wieder hin!«, knurrte Ben Madison böse.

»Ich denke nicht dran.«

Die beiden Mitspieler waren ebenfalls aufgestanden und vertraten Dave Willow den Weg.

»Ich würde tun, was er sagt.«

»Das könnt ihr ja auch«, versetzte Dave leichthin.

Ben Madison kam um den Tisch herum.

»Haltet euch da raus!«, befahl er den beiden. »Ich werde allein mit diesem Burschen fertig.«

»Na, dann streng dich mal an«, forderte Dave ihn gelassen auf.

Ben Madison sprang mit einem wilden Satz nach vorn. Dave wich aus, kam dabei ins Straucheln, und Ben fuhr wie eine gereizte Hyäne zu ihm herum, traf ihn mit einem linken Haken. Doch Faustkämpfe waren für Dave nichts Neues, und so leicht ließ er sich nicht überrumpeln. Er schlug zurück und trieb Ben in die Arme der beiden anderen, die ihn etwas betreten wieder aufrichteten.

»Wir sollten es damit gut sein lassen«, schlug Dave vor, dem die Sache nicht gefiel. Er befand sich hier in einer fremden Stadt – einer Stadt, die Madison hieß – so, wie ihr Besitzer! Und die Warnung der Lady da hinten fiel ihm plötzlich ein.

»Den Teufel werden wir!«, brüllte Ben wütend und wischte sich mit dem Handrücken das Blut vom Mund. Er stürmte wie ein Kampfstier auf Dave los und rannte ins Leere. Als er sich wieder fing und herumfuhr, drosch ihm Dave seine Faust gegen das Ohr. Ben taumelte wie betrunken, und Daves nächster Schlag warf ihn über den Spieltisch, von dem er seitlich herunterrollte und auf dem Boden liegenblieb.

»Das war’s wohl, Gentlemen«, sagte Dave und wandte sich zum Gehen. Aber damit war die Sache keineswegs zu Ende, denn Ben bewegte sich bereits wieder.

»He, Fremder!«, knurrte er, und Dave blieb stehen.

»Dreh dich um und zieh deinen Revolver!«

Dave drehte sich langsam wieder um. Ben rappelte sich hoch und kam auf die Füße. Er spuckte Blut und einen Schneidezahn aus, und seine Augen flackerten wild. Er hatte jegliche Kontrolle über sich verloren.

»Es gibt keinen Grund, den Revolver zu ziehen«, sagte Dave ruhig. »Wir hatten einen Streit, gut, aber das haben wir geregelt, denke ich.«

Ben spuckte wieder Blut auf den Boden, und seine flackernden Wasseraugen stierten Dave an.

»Nichts haben wir«, heulte er außer sich. »Das ist erst geregelt, wenn man dich hier rausträgt! Zieh dein Eisen, du Feigling, oder ich knalle dich einfach nieder!«

Ben Madison war nicht nur ein schlechter Verlierer, sondern er hatte noch nie in seinem Leben verloren. Und deshalb konnte er es auch nicht ertragen, geschlagen worden zu sein. Seine Hand schwebte zitternd und mit gespreizten Fingern über dem Griff seiner Waffe.

Großer Gott, dachte Dave Willow, der Kerl hat den Verstand verloren. Hätte ich nur auf Mr. Gilmore gehört oder auf die Warnung dieses Mädchens da! Aber dazu war es jetzt zu spät. Er sah, wie Bens Hand den Revolver packte und herausriss. Verdammt, konnte er noch denken, warf sich zur Seite und zog ebenfalls.

Bens Kugel fuhr dicht an Daves Hals vorbei und schlug klirrend die große Scheibe hinter ihm in Scherben. Dann spürte Dave den harten Rückstoß der eigenen Waffe, und er sah Ben abermals über den Tisch fallen, aber diesmal mit einem kleinen dunklen Fleck auf der Brust. Er zuckte ein paarmal hin und her, rollte von der Tischplatte herunter und blieb mit dem Gesicht nach unten zwischen zerbrochenen Gläsern und Spielkarten liegen.

Es war plötzlich totenstill im Raum.

Aus der Mündung von Daves Revolver zog eine dünne Rauchfahne, und er ging langsam rückwärts. Niemand sonst bewegte sich. Alle standen wie erstarrt, und ihre entsetzten Blicke waren auf den Toten am Boden gerichtet.

»Verschwinde!«, flüsterte Liz unmittelbar hinter Dave. »Hau ab, bevor die da wieder zu sich kommen, und reite, als ob der Satan dir im Nacken säße, ehe er es wirklich tut.«

Dave Willow zog sich rückwärts bis zur Tür zurück. Die Blicke der anderen Anwesenden begannen sich allmählich einer nach dem anderen von dem Toten zu lösen, aber niemand wagte es, zur Waffe zu greifen.

Dave schob sich durch die Flügel der Pendeltür, riss die Zügel seines Pferdes vom Hitchrack los und flog mit einem Satz in den Sattel, angelte nach den Bügeln und schlug dem Braunen den Revolver auf die Hinterhand, den er noch immer in der Faust hielt.

Er jagte die staubige Straße entlang, die von Madison wegführte, als gelte es, ein Rennen zu gewinnen. Und, Teufel nochmal, das würde es wohl auch werden. Man kann in einer Stadt, die Madison heißt, keinen Madison umbringen und sich dann einfach davonstehlen.



4

»Das ist Henry Dobbs! Dobbs kommt zurück!«

Zunächst war es nur einer, der das rief, aber dann kamen mehr und mehr aus ihren Häusern, Läden und Saloons auf die Straße und starrten dem Fuhrwerk mit dem Ochsengespann entgegen.

»Ich dachte, er wollte da oben bleiben«, wunderte sich jemand.

»Vielleicht hat er was vergessen«, wollte ein anderer einen Scherz anbringen, aber niemand lachte darüber. Seine Frau stieß ihm in die Seite und meinte vorwurfsvoll: »Halt den Mund, Tim Fletcher! Siehst du nicht, wie er aussieht?«

»Bei Gott!«, entfuhr es dem Storekeeper, und er wischte seine Hände an der Schürze ab. »Als ob ihm jemand das Blut ausgesaugt hätte. Man sollte Doc Melgrove holen.«

Der schwere Murphy-Wagen rumpelte die Straße von Clearwater entlang, bis einige Männer die erschöpften Ochsen aufhielten.

Henry Dobbs schwankte auf dem Sitz hin und her. Er war nicht imstande, seine verkrampften Hände von den Zügeln zu lösen. Seine Lippen waren fest zusammengepresst, und er sah in der Tat so aus, als wäre kein Tropfen Blut mehr in ihm.

»Er ist verwundet«, schrie jemand. Ein anderer rief nach dem Doktor.

»Holt ihn vom Wagen!«

»Aber vorsichtig!«

Einige Männer zogen Henry Dobbs behutsam herunter.

»Eine Pfeilspitze in seiner Schulter.«

»Vorsichtig! Er hat ’ne höllische Menge Blut verloren.«

»Am besten, wir bringen ihn gleich zu Doc Melgrove.«

Yeah, und das tat man dann auch, und während der Doc die Pfeilspitze aus Henry Dobbs’ Schulter schnitt, fiel dieser in eine tiefe Ohnmacht und wachte erst am nächsten Morgen wieder auf.

»Der Wagen«, war das erste, was Dobbs herausbrachte. »Was ist mit den Ochsen?«

»Sind gut versorgt. Aber was ist denn eigentlich passiert?«

»Was, zum Teufel, soll schon passiert sein. Die Rothäute haben wohl endlich die Geduld verloren. Ist jetzt ’ne verdammt heiße Gegend da oben, aber der Wagen muss wieder los. Habe es den Männern in Claim City versprochen. Aber, Teufel nochmal, ich werde ihn in nächster Zeit wohl nicht fahren können.«

Doc Melgrove sah seinen Patienten über die kleinen runden Gläser seiner Brille hinweg an.

»Das scheint mir wohl auch so«, bestätigte er, nicht ganz frei von Sarkasmus. »Das bisschen Saft, das du noch in dir hast, Henry Dobbs, reicht nicht mal, um damit ’ne Handvoll Blutegel über den Winter zu bringen.«

Henry Dobbs hob den Kopf an, und schon das kostete ihn einige Anstrengung.

»Sie sind drauf angewiesen, dass ich ihnen diese Ladung da hochbringe, Doc.«

Melgrove beugte sich über das Bett und legte die eine Hand vorsichtig auf Dobbs’ gesunde Schulter.

»Du wirst in den nächsten Wochen nirgendwo was hinbringen. Wenn es unbedingt sein muss, dann schick jemand anders.«

Dobbs holte tief Luft, wie jemand, der eine schwere Bürde zu tragen hat.

»Jetzt, wo die Rothäute da oben verrückt spielen? Wer hätte den Mut dazu, Doc?«

»Ich weiß es nicht. Aber es wird sich schon jemand finden. Jetzt warte erst mal, bis du wieder aufstehen kannst.«

»Ich habe aber keine Zeit, um zu warten«, begehrte der Mann im Bett auf. »Der September ist fast um. Und wenn noch mehr Zeit vergeht, versinken die Ochsen samt Wagen entweder im Schlamm oder im Schnee.« Dobbs ließ seinen Kopf erschöpft zurückfallen. »Ich kenne in ganz Clearwater nur zwei Männer, denen ich mein Gespann und die Waren unter diesen Umständen anvertrauen würde.«

»Ich weiß schon, wen du meinst«, nickte Doc Melgrove listig. »Aber da könntest du ebenso gut Custer und Sitting Bull zusammen auf deinen Wagen setzen.«

»Wenn ich keine andere Wahl hätte, würde ich selbst das versuchen.«

»Du bist der sturste Hund, der jemals in diesem verdammten Bett lag«, knurrte Doc Melgrove ärgerlich. »Pete Sturgis habe ich schon seit Tagen nicht gesehen. Aber ich hörte, Dave Willow sei gestern Abend in die Stadt gekommen.«

»Dann hol ihn her!«

»Er wird noch schlafen. Soll ziemlich erledigt gewesen sein. Hat für den alten Gilmore ’ne Pferdeherde nach Madison getrieben, und der Teufel mag wissen, warum, aber er soll auf dem Rückweg seinen Gaul zuschanden geritten haben.«

Dobbs griff mit der gesunden Rechten nach der Hand des Doktors. »Dann hol ihn aus dem Bett, Doc«, verlangte er eindringlich, »und sei es mit Gewalt, oder versprich ihm, was du willst.«



5

»Mit dem Ochsengespann in die Black Hills?«, fragte Dave Willow, vor Henry Dobbs’ Bett stehend. Sein Gesicht drückte Zweifel aus. »Die sind aber verflucht langsam.«

»Ich weiß«, sagte Henry Dobbs. »Deshalb gilt es auch, keine Zeit zu verlieren.«

»Na ja.« Dave trat unruhig von einem Bein auf das andere. »Ich meine ja auch …«

Henry Dobbs hob die Hand. »Fairerweise muss ich dir sagen, Junge, dass es keine leichte Sache wird. Die Rothäute sind auf dem Kriegspfad. Da oben ist die Hölle los, und ich wüsste niemand sonst, der sich dahin wagen würde. Aber ich selbst … na, du siehst ja, was mit mir los ist.«

»Die Rothäute«, wiederholte Dave und zog nachdenklich die Augenlider zusammen. »Na ja, weißt du …«

»Ich kann es dir nicht verargen, Junge, wenn du Nein sagst.«

»Nein, nein, ich mach das schon. Es gibt schlimmeres als Rothäute, weißt du … Und die können ja auch nicht überall sein. Aber du hast recht, wir sollten keine Zeit verlieren. Das Beste wäre, wenn ich noch heute aufbrechen würde.«

Wenn Dobbs im Vollbesitz seiner körperlichen und geistigen Kräfte gewesen wäre, hätte ihn Daves rasche Zusage stutzig machen müssen. So aber drehte er nur matt seinen Kopf auf dem Kissen hin und her.

»Ich wusste, dass ich mich auf dich verlassen kann, Junge. Aber so schnell wird das nun auch nicht gehen. Wir müssen erst die Ladung zusammenstellen, und da ist ein Tag verdammt wenig Zeit. Außerdem kannst du das Ding nicht allein durchziehen. Auf einem solchen Trip kann allerhand passieren. Da brauchst du noch jemand, der dir zur Seite steht.«

»Du hast es doch auch allein gemacht«, hielt Dave ihm entgegen.

»Ja, ja, aber da war die Gegend noch friedlich, Junge.«

Dave nickte, als müsse er etwas Unvermeidliches hinnehmen. »Und an wen hast du dabei gedacht?«, fragte er misstrauisch.

»Du weißt selbst, dass nur Pete dafür in Frage kommt.«

»Verdammt!« Dave riss sich den Hut vom Kopf und warf ihn auf das Bett. Er stampfte zwei Schritte zur Wand und zwei wieder zurück. »Du weißt genau, dass Pete Sturgis nicht mit mir fahren wird.«

»Warum regst du dich so auf?«, fragte Henry Dobbs verschmitzt. »Lass es mich wenigstens versuchen.«

»Mit Dave Willow fahre ich nicht«, erklärte Pete Sturgis definitiv. Er war nur wenige Jahre älter als Dave Willow, unterschied sich jedoch wesentlich von diesem, und das nicht nur äußerlich. Seine Gesichtszüge waren aber hart und gradlinig, und die braunen Augen drückten eine gewisse Ernsthaftigkeit aus, die Dave Willow gänzlich fehlte.

Und was Henry Dobbs an ihm besonders schätzte, waren sein Pflichtbewusstsein und Durchhaltevermögen. Schließlich waren er, Pete Sturgis und Dave Willow einmal Partner im Transportgeschäft gewesen, bevor Pete und Dave sich wegen Lory O’Moore entzweit hatten und ausgestiegen waren.

»Die Männer da oben in Claim City verlassen sich darauf, dass ich Wort halte. Sie sind auf das angewiesen, was ich ihnen versprochen habe. Pete!« Dobbs’ Stimme wurde beschwörend. »Niemand anderes als du weiß, was das für einen Mann bedeutet.«

Pete nickte mit ernster Miene.

»Ich übernehme nur einen Job, den ich auch zu Ende bringen kann, das weißt du, Henry. Und zusammen mit Dave würde es in einer Katastrophe enden. Du weißt, was er mir angetan hat.«

»Vergiss es, Pete! Vergiss es nur für ein paar Wochen! Die Menschen da oben in Claim City brauchen diese Vorräte, sonst sind sie den Winter über einem Aasgeier wie Mitch Coates ausgeliefert.«

Petes Kopf ruckte herum.

»Mitch Coates ist da oben?«, fragte er scharf.

Henry Dobbs biss sich auf die Lippen.

»Tut mir Leid, Junge. Ich wollte dich damit nicht ködern.«

Pete hob die Hand. »Schon gut, Henry, du hast gewonnen. Ich würde selbst mit dem Teufel an meiner Seite da hinfahren, wo ich Mitch Coates vor die Mündung bekomme.«

Yeah, nun fragt Ihr euch, warum Pete Sturgis so wild darauf war, diesen Coates vor sein Eisen zu bekommen. Nun, das war eine alte Geschichte, die mit dieser hier eigentlich nichts zu tun hat, aber ich will sie Euch trotzdem erklären.

Petes Vater und dieser Coates hatten einst unten in Wichita zusammen einen Saloon gekauft, und der Laden lief prächtig, sage ich Euch. Aber der alte Sturgis war ähnlich wie sein Sohn – gradlinig und aufrichtig und einem hinterhältigen Schlitzohr wie Mitch Coates nicht gewachsen. Coates betrog ihn mit gemeinen Tricks um seinen Anteil und drängte ihn aus dem Geschäft. Horatius Sturgis konnte diesen Schlag nicht verwinden und forderte Coates zum Revolverduell heraus, obwohl er keine Chance hatte, gegen ihn zu bestehen. Den Rest könnt ihr euch sicher denken.

Pete war damals noch ein kleiner Junge, aber jetzt war er ein Mann, und dieser Coates befand sich da oben in den Black Hills. Und wenn der ganze Sioux-Stamm auf dem Kriegspfad war – Pete Sturgis würde da hingehen und sich diesen Coates vor sein Eisen holen!



6

Sie brauchten den ganzen Tag, um alles zusammenzubringen und auf den großen Murphy-Wagen zu laden, und es war, bei Gott, ein hartes Stück Arbeit. Dave Willow trieb ständig die Männer an, die ihnen halfen. Aber Pete sagte nichts. Es bereitete ihm einiges Unbehagen, mit diesem Mann wieder zusammen sein zu müssen, und er redete nur mit ihm über Dinge, die ihren gemeinsamen Job betrafen. Und dabei hatte es mal eine Zeit gegeben, wo sie sich gut verstanden hatten. Aber das war lange her …

Einen Tag später waren sie bereits unterwegs, und Clearwater blieb hinter ihnen zurück. Dave Willow war eigentlich nicht der Typ, der sich schwer von etwas trennte, und doch schaute er immer wieder zurück, als erwartete er, dass ihm jemand nachwinkte. Dabei war Lory O’Moore längst von Clearwater weggegangen. Dave Willow hatte nur gedankenlos zerstört, ohne selber zu ernten, dachte Pete Sturgis bitter, während er die Zügel hielt und auf die knochigen Rücken der Ochsen blickte.

Dave rutschte unruhig auf seinem Sitz hin und her.

»Ich sehe mal nach, ob hinten noch alles in Ordnung ist«, sagte er schließlich, als die Stadt längst schon hinter dem Horizont verschwunden war. Pete antwortete ihm nicht. Schließlich hatte er ihn ja nichts gefragt. Dave sprang vom Wagen und ließ ihn an sich vorbeirollen. Kurze Zeit später kehrte er auf den Kutschbock zurück. Bei der langsamen Gangart der Zugochsen konnte man bequem neben dem Wagen herlaufen.

»Verdammt schwer die Karre«, meinte Dave. »Die Räder hinterlassen Spuren, denen selbst ein blindes Kind folgen kann.«

»Wer sollte uns schon folgen?«, war alles, was Pete darauf zu erwidern hatte.

»Hm, jetzt noch nicht. Aber wenn wir ins Gebiet der Rothäute kommen.«

Pete schwieg.

»Sechs Ochsen sind wahrlich nicht zu viel für solch eine Fuhre«, fuhr Dave Willow fort. »Jetzt rollt der Wagen, aber wenn das Gelände schwieriger wird, könnten wir mehr gebrauchen.«

»Du hättest den Job ja nicht anzunehmen brauchen«, sagte Pete nur, und jetzt schwieg auch Dave.

Der schwere Wagen zog Meile um Meile über Hügel und durch Senken. An seinem Heck waren zwei gesattelte Pferde angebunden, damit man, falls es Schwierigkeiten gab, beweglicher war oder erkunden konnte. Eine Vorsichtsmaßnahme, die sich noch bewähren sollte.

Pete Sturgis hielt die Zügel fest in der Hand, und sein Mund war fest geschlossen. Seine Gedanken waren nicht mit auf dem Trail. Sie waren nicht nur räumlich, sondern auch zeitlich weit zurückgeblieben. Die Anwesenheit von Dave Willow brachte manches zurück, was er schon hinter sich gelassen zu haben glaubte, und besonders deutlich erinnerte er sich an jenen Tag in Clearwater, als er Lory O’Moore kennengelernt hatte …

Gesehen hatte er sie schon öfters und auch manchmal einen Blick von ihr aufgefangen, der ihn eigentlich hätte ermuntern sollen. Aber Pete Sturgis hatte nicht viel Erfahrung mit Frauen, und so wusste er mit Blicken nichts anzufangen, außer dass sie ihn beunruhigten.

Die O’Moores waren noch nicht allzu lange in Clearwater, und so hatte Pete noch keine Gelegenheit gehabt, mit Lory auch nur ein Wort zu wechseln. Bis auf eben jenen Tag Anfang Juli des vorigen Jahres.

Die Leute machten ihre Einkäufe für die Feiern des 4. Juli, und Lory war gerade mit Paketen beladen aus Whylies Store gekommen, als Pete die Straße entlangkam und prompt mit ihr zusammenstieß. Einige von Lorys Sachen fielen auf den Boden, und Pete stotterte eine Entschuldigung. Lory lachte nur.

»Da ist nichts drin, was kaputtgehen könnte.«

»Trotzdem hätte ich besser aufpassen können«, beklagte sich Pete, aber Lory schien das eher zu amüsieren.

»Wozu denn?«, fragte sie lachend. Sie war eine kesse Person, und das machte Pete noch unsicherer. »Missgeschicke können doch manchmal ganz nützlich sein. Finden Sie nicht?«

»Ich weiß nicht.« Pete bückte sich, um die heruntergefallenen Sachen aufzuheben, aber dann wusste er nicht, wohin damit. Er sah nur Lorys Gesicht, von dunkelrotem Haar umrahmt, und ihre graugrünen Augen, und es überraschte ihn nicht einmal, dass sie seinen Namen wusste.

»Pete Sturgis, Sie sind der schüchternste Mann, der mir je begegnet ist«, sagte sie noch immer lachend, »aber ich würde glatt Ja sagen, wenn Sie mich fragten, ob ich am 4. Juli mit Ihnen zum Tanz ginge.«

Pete konnte nur schlucken und mit dem Kopf nicken, und in diesem Moment kam Lorys Mutter hinter ihr aus dem Laden, die mit ihr einkaufen war.

»Das ist Mr. Sturgis, Ma«, sagte Lory sofort. »Er hat mich gerade gebeten, am 4. Juli mit ihm zum Tanz zu gehen.«

Yeah, so war Pete Sturgis zu einem Mädchen wie Lory O’Moore gekommen, und es dauerte gar nicht lange, da konnte er sie als seine Braut betrachten.

Aber mit dem Glück ist das manchmal so eine Sache. Es kann ein unsteter Gast sein und ebenso schnell wieder verschwinden, wie es gekommen ist. Bei Pete kam das so, als sich ihre Zweisamkeit um eine Person, nämlich Dave Willow, erhöhte.

Dave war ein gutaussehender Bursche, der Witze machen und eine Frau einen ganzen Abend lang unterhalten konnte, ohne den Faden zu verlieren, und dem immer wieder neue und interessante Dinge einfielen. Und allmählich kühlte sich das Verhältnis zwischen Pete und Lory mehr und mehr ab, und genauso allmählich intensivierte sich ihr Kontakt zu Dave. Und Pete wurde als Letztem von allen dreien klar, was schließlich passiert war.

Das war dann der Tag, als aus Freunden und Partnern Feinde wurden.

Eine lange Zeit war es ihnen gelungen, einander aus dem Weg zu gehen. Bis Henry Dobbs dieses Missgeschick passierte.

»Hast du eigentlich vor, den ganzen Weg zu den Black Hills dazusitzen und zu schweigen?«, fragte Dave Willow neben ihm. Pete wandte nicht den Kopf.

»Über was sollten wir wohl reden, ohne zu streiten?«

»Nun …« Dave lehnte sich zurück. »Wenn man es richtig betrachtet, ist doch eigentlich alles wieder so, wie es früher war.«

»Es wird nie wieder so sein wie früher«, sagte Pete dumpf.

»Mein Gott, Pete, warum musst du alles immer so tragisch nehmen. Das, weswegen wir uns gestritten haben, existiert nicht mehr. Also ist alles wieder, wie es war.«

Details

Seiten
120
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783738924039
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v452045
Schlagworte
zerbrochene freundschaft

Autor

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Titel: Zerbrochene Freundschaft