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Das mörderische Spiel der Lady

2018 130 Seiten

Leseprobe

Das mörderische Spiel der Lady

Krimi von Horst Friedrichs


Der Umfang dieses Buchs entspricht 119 Taschenbuchseiten.


Ein langweiliger Nachtdienst entwickelt sich für den FBI-Agent Jesse Trevellian zu einem waghalsigen Fall: In einem New Yorker Nachtclub werden nicht nur Informationen zur Erpressung der Kunden gesammelt; die Besitzerin treibt zudem ein mörderisches Spiel.


Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker.

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© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

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1

Eine sanfte Brise kräuselte die graugrünen Fluten des Atlantik. Im blassen Licht der untergehenden Abendsonne leuchtete der schnittige weiße Rumpf der Motorjacht.

Hamilton C. Shanter drehte das Longdrinkglas zwischen seinen schlanken Fingern und blickte durch die Kajütfenster hinaus auf das Meer.

»Das ist wahre Einsamkeit«, sagte er halblaut. »Fünf Meilen von New York City entfernt, und man hat tiefen Frieden. Faszinierend.«

»Gefällt es dir, Darling?«, rief das Mädchen aus der Pantry.

»Es ist himmlisch«, murmelte Shanter und nippte an seinem Glas. »Wie weit bist du, Kleines?«

»Keine Sorge, du brauchst nicht mehr zu warten.«

Der hochgewachsene Mann mit dem graumelierten Haaransatz drehte sich um. Das Mädchen tauchte in der offenen Tür der Pantry auf — atemberaubend schön, schwarzhaarig, rassig. Sie trug nur noch Slip und BH, dazu dunkle Strümpfe mit Strapsen.

"Hölle und Teufel!", dachte Shanter. "Sie weiß verdammt genau, wie ich es gern habe!"

Seine Gedanken waren schlagartig ausgelöscht, als das Girl plötzlich die Hände hinter dem Rücken hervornahm.

In ihren zarten Fingern wirkte der mattschwarze Stahl der Maschinenpistole deplaziert und hässlich.

Shanters Glas fiel zu Boden, zerbrach klirrend.

Das sonnengebräunte Gesicht des Geschäftsmannes verlor alle Farbe. Er wich zurück, fand Halt an der holzgetäfelten Kajütenwand. Ungläubig schüttelte er den Kopf, als könnte er nicht glauben, was er mit so grausamer Deutlichkeit vor sich sah.

»Jetzt ist es endlich soweit, Hamilton«, sagte Juana Perez kalt. Sie hob die Waffe ein Stück höher, sodass die Laufmündung auf die Brust des Mannes zielte. Ihr Zeigefinger glitt um den Abzug, und es war eine fast zärtlich aussehende Bewegung.

»Nein, nein«, keuchte Shanter, »das kann nicht wahr sein! Du kannst doch nicht… Du wirst doch nicht…«

»Ich muss es tun, Darling.« Bei dem letzten Wort klang die Stimme des schwarzhaarigen Mädchens spotttriefend. »Du bist fällig, verstehst du? Hast du nicht begriffen, dass du längst am Ende bist? Wir haben dich fertiggemacht, fix und fertig.«

Shanters Kinnlade klappte herunter. Aus geweiteten Augen starrte er das Mädchen an.

»Dann… dann steckst du dahinter? Die Erpressung… die Drohanrufe, meine geschäftliche Vergangenheit zu enthüllen… das war alles dein Werk?«

Juana Perez lächelte eisig.

»Du hast es erfasst, Darling. Und jetzt, wo du es weißt, begreift du wahrscheinlich auch, dass du fällig bist. Dies ist der Schlusspunkt.«

»Nein«, ächzte Shanter verzweifelt, »mein Gott, das kann doch nicht dein Ernst sein! Du kannst alles von mir haben… Geld, teure Geschenke, Luxus…«

»Ich will dein Geld nicht, Hamilton. Nicht mehr!«

»Aber warum…?«

»Weil du einer von diesen Dreckskerlen bist, die eine Frau immer nur ausnutzen werden, die jede Frau für käuflich halten und sie wie ein Stück Vieh behandeln, wenn sie erst einmal erreicht haben, was sie sich vorgenommen haben. Damit ist es jetzt vorbei, Hamilton C. Shanter. Deine Hurerei, dein Zeitvertreib, hat dir das Genick gebrochen.«

»Du… du bist ja wahnsinnig!«, stieß er hervor. Seine Hände glitten verkrampft an der Holztäfelung entlang, als könnte er dort eine Waffe finden, um sich zur Wehr zu setzen.

»Geh hinaus auf Deck!«, befahl das Mädchen schroff.

Shanter erstarrte in Todesangst. Bis eben hatte er mit einer letzten Faser seiner Gedanken noch daran geglaubt, dass es sich vielleicht doch nur um ein bösartiges Spiel handelte. Aber jetzt war es allein Juanas Stimme, die ihm klarmachte, dass es tödlicher Ernst war.

Aber vielleicht… auf Deck… wenn er sich durch einen Sprung ins Wasser rettete?

Ein Funke von Hoffnung glomm in ihm auf.

»Ja, ja…«, murmelte er tonlos. »Ich gehe ja schon…«

Mit unsicheren Schritten bewegte er sich seitwärts auf die drei Holzstufen zu, die durch den offenen Kajütenausgang ins Freie führten.

Juana folgte ihm, hielt dabei einen Abstand von zwei Yard.

Als Shanter auf das blankgescheuerte Achterdeck hinauswankte und sich wie gehetzt umsah, legte das Mädchen den Sicherungsflügel herum, zog den Kolben der MPi fest gegen die Schulter und drückte ab.

Der Feuerstoß klang hämmernd und trocken.

Shanter wurde von den Einschlägen der Projektile durchgeschüttelt. Blutflecken tränkten sein weißes Hemd. Mit verzerrtem Gesicht kippte er hintenüber, schlug der Länge nach hin. Unter seinem Rücken entstand eine Blutlache, die sich rasch auf den Planken ausbreitete.

Juana Perez überzeugte sich mit einem Blick, dass der Mann tot war. Dann ging sie in die Kajüte zurück und verstaute die Maschinenpistole im Einbauschrank.

Aus einem anderen Schrankfach holte sie vier schwere Bleistangen, wie sie für die Setzmaschinen in den Druckereien verwendet werden. Sie schleppte das Blei auf Deck, zog ein Nylonseil durch die faustgroßen Ösen der Stangen und schnürte das Seil fest um die Leiche.

Sie durchsuchte seine Hosentaschen, nahm ihm Ausweis und Führerschein ab, zog ihm die beiden Ringe von den Fingern und entfernte auch das silberne Amulett, das er an einer Kette um den Hals trug. Sie legte Shanters persönliche Dinge in eine Kristallschale, die in der Kajüte auf dem Tisch stand.

Anschließend musste sie alle Kraft aufbieten, um die bleibeschwerte Leiche über Bord zu wuchten.

Hamilton C. Shanter versank im aufgischtenden Wasser.

Juana Perez sah sich noch einmal um und überzeugte sich, dass kein anderes Schiff in Sichtweite war. Niemand hatte sie beobachtet. Sie lächelte, als sie daran dachte, wie gut Shanter die Einsamkeit gefallen hatte.

Das Mädchen holte Schrubber und Scheuertuch aus der Pantry und reinigte die Deckplanken vom Blut. Das Scheuertuch warf sie zusammen mit Shanters persönlicher Habe und einem Stück Blei in eine Plastiktüte, die sie mit Klebestreifen verschloss.

Dann holte sie den Anker ein, begab sich auf die Kommandobrücke und brachte die Jacht auf Kurs.

Richtung New York City.

Zwei Seemeilen vor der Küste von Long Island warf sie den Plastikbeutel über Bord.

Falls Hamilton C. Shanter jemals gefunden werden sollte, würde es eine unlösbare Aufgabe sein, ihn zu identifizieren.


2

Die sinkende Abendsonne warf hohe Schatten in die Straßenschluchten von Manhattan. Noch immer war es heiß und drückend. Indian Summer. Die Zeit unerträglich hoher Luftfeuchtigkeit und tropischer Temperaturen. Die Dunstglocke kompromittierte die Schwüle zwischen den Betongiganten der Hudson-Metropole und bremste die Aktivitäten der Menschen. New York City bewegte sich um eine Umdrehung langsamer als sonst.

Jonathan D. McKee, Special Agent in Charge und Chef des FBI-Distrikts New York, verließ das Distriktgebäude an diesem Abend durch das Hauptportal. Seinen Wagen ließ er auf dem Hof der Fahrbereitschaft stehen. Der Anruf hatte ihn nachdenklich gestimmt, hatte gemischte Gefühle in ihm hervorgerufen. Er schätzte es nicht, jemandem sogenannte Freundschaftsdienste zu erweisen, wenn sich diese nicht mit seinen selbstgesetzten beruflichen Prinzipien vereinbaren ließen. Denn letzten Endes würde es darauf hinauslaufen. Trotzdem hatte er der Verabredung zugestimmt. Der Polizeibeamte in ihm hatte gesiegt. Möglicherweise ging es um einen Fall, der in den Zuständigkeitsbereich des FBI fiel.

Möglicherweise…

Immerhin war Robert Gillespie ein Mann, der über Zuständigkeitsfragen hinreichend informiert sein musste. McKee kannte ihn seit langen Jahren — seit damals, als sie gemeinsam die Polizeiakademie besucht hatten. Gillespie war seinerzeit in den Dienst der New York State Police getreten, hatte Karriere gemacht, stand heute im Rang eines Captains und fungierte als Polizeichef in New Rochelle im Westchester County, das nördlich an die Bronx grenzt.

Ihre beruflichen Wege hatten sich damals getrennt. McKee war nach der Absolvierung der Polizeiakademie des Bundesstaates New York in den Dienst des FBI übergewechselt, hatte die FBI-Akademie in Quantico besucht und anschließend als junger G-man seine ersten Sporen verdient.

Seine privaten Kontakte mit Robert Gillespie hatte er aufrechterhalten. Und Gillespie war einer jener Männer gewesen, die dem heutigen Distriktchef in den schlimmsten Stunden seines Lebens als wahre Freunde zur Seite gestanden hatten. Das war damals gewesen, als Gangster die Ehefrau Jonathan D. McKees brutal ermordet hatten. Damals, als er geschworen hatte, sein künftiges Leben ausschließlich dem Kampf gegen das Verbrechertum zu widmen.

Robert Gillespie hatte diesen Schwur aus seinem Mund gehört.

Nachdenklich ging McKee die flachen Portalstufen des Distriktgebäudes hinab. Furchen standen auf der Stirn des schlanken Mannes mit dem silbergrauen Haar und den feingliedrigen Künstlerhänden. Gillespies Anruf hatte die Erinnerung in ihm geweckt. Eine Erinnerung, die er in der Routine des Berufsalltags zumeist verdrängte.

Mit einem Nicken erwiderte McKee den Gruß des uniformierten Wachmannes, der vor dem Haupteingang des FBI-Distriktgebäudes Dienst schob. Der Distriktchef verscheuchte die düsteren Gedanken, als er über den Bürgersteig der 69. Straße in Richtung Second Avenue ging.

Der Verkehrsfluss war mäßig geworden, die abendliche Rushhour lag bereits zwei Stunden zurück. Taxifahrer, die nach Fahrgästen spähten, ließen ihre schockgelben Limousinen in trägem Tempo über die rechte Fahrspur der Avenue rollen. Privatwagen jagten rascher dahin — Männer vermutlich, die nach Überstunden im Büro dem heimischen Herd entgegenstrebten. Sommerlich gekleidete Passanten schlenderten vor den Auslagen der Geschäfte entlang. Vereinzelt war das leuchtende Blau der Uniformen von Fußstreifen-Cops zu sehen.

Das kleine italienische Restaurant mit dem Namen »Gondoliere« befand sich zwei Häuserblocks vor der 68. Straße.

Jonathan D. McKee betrat das geschmackvoll eingerichtete Lokal, das ihn mit wohltuend klimatisierter Luft empfing. Bleiglas und sorgsam drapierte Vorhänge filterten das Tageslicht. Nur etwa die Hälfte der Nischen war besetzt. Dunkel gekleidete Kellner balancierten Tabletts mit funkelnden Weinkaraffen und auserlesenen Spezialitäten der italienischen Küche.

Robert Gillespie erhob sich von einem der Tische in der Nähe des kleinen Bartresens. Freudestrahlend kam er durch den Mittelgang auf McKee zu. Die beiden Männer begrüßten sich per Handschlag, nahmen Platz, und McKee bestellte einen roten toskanischen Landwein als Aperitif.

Gillespie war ein breitschultriger, athletisch gebauter Mann. Die graumelierten Haare trug er in militärisch kurzem Crew Cut, wie es schon immer seine Vorliebe gewesen war. Trotz seiner siebenundfünfzig Jahre wirkte seine Statur immer noch durchtrainiert, ohne ein Gramm überschüssigen Fetts. Er trug Zivil, einen leichten hellgrauen Sommeranzug.

McKee blickte ihn an, faltete die Hände unter dem Kinn.

»Du hättest in mein Büro kommen können, Bob«, sagte er.

»Nichts gegen dein Office«, lachte Gillespie, »aber findest du nicht, dass diese Umgebung hier weniger trocken ist?«

McKee lächelte.

»Ich habe durchaus nichts gegen eine gemütliche Atmosphäre. Im Gegenteil. Nur werde ich das Gefühl nicht los, dass du etwas im Schilde führst. Etwas, wobei ich über meinen eigenen Schatten springen müsste.«

Gillespie wurde ernst.

»So tragisch ist es nicht, Jonathan. Wenn wir es bürokratisch betrachten, handelt es sich um eine unverbindliche Anfrage von mir. Du kannst ablehnen oder zustimmen, und ich werde deine Entscheidung in jedem Fall voll akzeptieren.«

»In Ordnung«, nickte McKee. »Dann leg die Fakten auf den Tisch.«

Gillespie zündete sich eine Zigarette an, legte das Feuerzeug mit einer pedantisch wirkenden Geste auf die Schachtel und blickte den Distriktchef an.

»Bitte betrachte unser Gespräch als vertraulich und absolut inoffiziell, Jonathan. Niemand in meiner Dienststelle weiß, dass ich mit dem FBI Kontakt aufgenommen habe. Und falls wir beide nicht auf einen Nenner kommen sollten, möchte ich, dass es eine Privatsache zwischen uns bleibt und damit vergessen wird.«

»Einverstanden«, sagte McKee. Mit einer knappen Geste forderte er sein Gegenüber auf, fortzufahren.

»Es handelt sich um einen guten Bekannten von mir«, erklärte Gillespie. »Man könnte sagen, um einen Freund. Sein Name ist Gordon Chadwick. Und wenn ich dir sage, dass er der geschäftsführende Gesellschafter von Chadwick, Hall und Logdon Incorporated ist, brauche ich eigentlich nichts mehr hinzuzufügen, um seine gesellschaftliche Position zu erläutern.«

»Der Chemie-Konzern?«, vergewisserte sich Jonathan D. McKee. »Die Hauptverwaltung befindet sich in New Rochelle, wenn ich nicht irre.«

»Haargenau. Um es kurz zu machen: Chadwick hat mich um Hilfe gebeten. Er wird erpresst. Irgendwelche Leute haben Dinge aus seiner Vergangenheit ausgegraben, die besser nicht ans Tageslicht dringen sollten. Dinge aus seiner geschäftlichen Vergangenheit, genauer gesagt. Er ist bereit, dafür geradezustehen, wenn es sein muss. Aber er möchte den Skandal in der Öffentlichkeit vermeiden. Deshalb hat er sich an mich gewandt.«

»Da war er an der richtigen Adresse«, entgegnete McKee. »In diesem Fall ist Erpressung keine Angelegenheit für das FBI.«

»Chadwick hat mich händeringend gebeten, nicht meine eigene Dienststelle einzuschalten. Ich habe mich daran gehalten.«

»Warum hast du ihn nicht vom Gegenteil überzeugt?«

»Weil ich seine Argumente akzeptieren musste, Jonathan. Sieh mal, New Rochelle ist ein Provinznest, wenn du so willst. Wenn ich meine Beamten mit einer offiziellen Ermittlung beauftrage, kann ich nicht dafür garantieren, dass es keine Indiskretion gibt. In unserer Stadt kennt jeder jeden, zumindest in den einflussreicheren Kreisen. Ich brauchte meine Männer nur loszuschicken, um Erkundigungen einzuziehen, und schon wären die ersten Gerüchte im Umlauf. Deshalb habe ich vorgeschlagen, das FBI einzuschalten. Jonathan, du hast die richtigen Beamten, die einen solchen Fall mit dem nötigen Fingerspitzengefühl behandeln.«

McKee wiegte den Kopf auf den Schultern.

»Wenn es ein FBI-Fall wäre, Bob…«, Gillespie beugte sich vor, »ließe sich das nicht motivieren? Immerhin hat Chadwicks Konzern Filialen und Zweigwerken in mehreren Bundesstaaten. Wenn man es so sieht, dass durch eine Erpressung des geschäftsführenden Gesellschafters der gesamte Konzern gefährdet ist, müsste FBI doch automatisch zuständig sein.«

Jonathan D. McKee lächelte.

»Im Prinzip hast du recht, Bob. Wenn du mich jetzt bittest, dir einen persönlichen Gefallen mit der Sache zu tun, bringst du mich in eine echte Zwickmühle.«

»Das habe ich nicht vor, Jonathan«, entgegnete Gillespie mit Entschiedenheit.

»Wie weit ist die Erpressung gediehen? Welche Forderungen wurden gestellt? Wodurch erhielten die Erpresser Kenntnis über die Details aus Mr. Chadwicks Vergangenheit? Ich brauche mehr Einzelheiten, Bob.«

»Die kann ich dir liefern«, nickte Gillespie. »Chadwick hat bislang erst einen einzigen Anruf erhalten. Anonym. Eine Männerstimme. Der Kerl zählte die bewussten Fakten aus Chadwicks Berufsleben auf und…«

»Was für Fakten?«

»Steuertricks… Personalpolitische Schachzüge… Kleine Aktionen am Rande der Illegalität, wie sie sich wohl die meisten Businessmen leisten, wenn sie auf der Karriereleiter hochklettern.«

»Ich verstehe. Und weiter?«

»Der Anrufer forderte fünfhunderttausend Dollar. Chadwick soll das Geld bereithalten. Einzelheiten für die Übergabe wollen sie ihm noch durchgeben.«

»Hat Mr. Chadwick eine Ahnung, wie die Sache herausgekommen ist?«

»Leider ja. Er vermutet… Das heißt, er ist sicher, dass er selbst sich in diese Lage gebracht hat. Er ist geschieden, verstehst du. Er hatte Kontakt mit Mädchen, die nicht gerade aus den besten Kreisen stammen.«

»Nenn es beim Namen: Prostituierte.«

»Bessere Prostituierte. Luxusklasse, wenn du so willst.«

»Diesen Mädchen gegenüber hat er sich also mit seiner ruhmreichen Vergangenheit gebrüstet. Bravourstücke am Schreibtisch. Und der Alkohol hat eine Rolle gespielt, nehme ich an.«

»Du bist auf dem richtigen Weg, Jonathan.«

»Kennt er Namen? Adressen?«

»Nur Vornamen. Aber er kennt den Nachtclub, in dem die Girls arbeiten. Er vermutet, dass sie ihr Wissen über ihn an irgend jemanden verkauft haben.«

»Hat er sie deswegen zur Rede gestellt?«

»Nein, er hat zuerst mit mir gesprochen. Ich habe ihm geraten, vorerst nichts zu unternehmen. Vor allem nicht auf eigene Faust.«

Jonathan D. McKee lehnte sich zurück.

»Ein Routinefall«, resümierte er. »Ich will ehrlich sein, Bob. Es gibt einen Punkt an der Geschichte, bei dem sich in mir alles sträubt: Wenn Mister Soundso aus der soundsovielten Straße mit einem solchen Fall zu uns käme, würden wir ihn an die Detective-Division der City Police verweisen. Nur weil Mr. Chadwick Mr. Chadwick ist und zufällig den Polizeichef seiner Stadt kennt, soll er einen Sonderservice bekommen. Wir kennen uns lange genug, Bob. Ich weiß, dass du im Grunde genauso darüber denkst wie ich.«

Gillespie presste die Lippen aufeinander und nickte.

»Du hast recht, Jonathan. Aber du weißt auch, dass ich mich für Mister Soundso genauso einsetzen würde wie für Gordon Chadwick. Nur begreife ich in diesem speziellen Fall, welche ungeheuren Konsequenzen aus der Erpressung entstehen könnten. Chadwick ist der wichtigste Mann in seiner Firma. Wenn er ausfällt, beispielsweise weil er wegen Steuervergehen angeklagt wird, kann das böse Folgen für das ganze Unternehmen haben. Für Chadwicks Konkurrenz wäre es ein gefundenes Fressen. Und wenn erst einmal einige hundert Arbeitsplätze in Gefahr geraten, ist das ein Punkt, der den Fall Chadwick von dem Fall Soundso unterscheidet.«

»Meinst du nicht, dass du ein bisschen übertreibst?«, lächelte Jonathan D. McKee. »Aber ich gebe zu, dass deine Besorgnis zumindest berechtigt ist. Wenn wir den Fall allerdings übernehmen, muss ich eines von vornherein klarstellen: Durch die Erpressung erhalten wir Kenntnis von Ungesetzlichkeiten, die sich Mr. Chadwick zuschulden kommen lassen hat. Wir wären gezwungen, ihn deswegen zur Verantwortung zu ziehen.«

»Er ist bereit, die Dinge ins Reine zu bringen«, antwortete Gillespie. »Ihm geht es vor allem darum, den Skandal zu vermeiden. Du bist also einverstanden?«

»Ich kann mich jetzt nicht festlegen«, entgegnete der FBI-Distriktchef. »Es würde mir leid tun, wenn ich wegen unserer persönlichen Freundschaft eine vorschnelle Entscheidung treffe.«

»Dafür habe ich volles Verständnis«, sagte Gillespie. »Wann kann ich mit deinem Anruf rechnen?«

»Morgen. Mehr als einen Tag Bedenkzeit brauche ich nicht.«



3

Nebenan ratterte der Fernschreiber mit nervtötender Monotonie. Dazu summte das Bildfunkgerät. Jemand hatte ellenlange Anfragen an Washington geschickt. Entsprechend ausführlich war die Archiv-Auskunft, die der FBI-Computer in der Bundeshauptstadt ausspuckte.

Durch den Lärm waren in kurzen Abständen die Stimmen der beiden Kollegen zu hören, die für den Nachtdienst in der Funkzentrale eingeteilt worden waren.

Alle Verbindungstüren zu den Schreibtischen in der Halle des Distriktgebäudes standen offen. Wir waren ein kleiner Haufen, brauchten Sicht- und Rufkontakt untereinander.

Ich hatte die Leitung der Nachtbereitschaft um 20 Uhr, mit dem turnusmäßigen Schichtwechsel, übernommen. Seitdem waren knapp zwei Stunden vergangen, und es sah so aus, als ob wir an diesem Abend über Langeweile nicht zu klagen hatten.

Frank Collins verrichtete den Job am Pult, hinter dem lang gestreckten Tresen, registrierte er Meldungen von Kollegen, die draußen im Einsatz waren, und war zusätzlich darauf vorbereitet, etwaige Besucher unseres gastlichen Hauses zu empfangen.

Leon Eisner lehnte Zigaretten rauchend am Türrahmen des Fernschreiberraumes und warf einen Blick auf das, was NCIC — das Zentralarchiv in Washington — uns durchtickerte.

Ich hatte mich an einem der Schreibtische hinter dem Pult niedergelassen, hatte den Gesamtüberblick. Sämtliche Anschlüsse des New Yorker FBI waren auf die beiden Telefone geschaltet, die vor mir standen.

Telefon eins summte. Ich drückte meine Zigarette im Aschenbecher aus und nahm den Hörer ab.

Milo Tucker, mein Freund und Kollege, meldete sich am anderen Ende der Leitung.

»Wir brauchen Verstärkung«, sagte er. »Meeker feiert ein rauschendes Fest. An die hundert Leute sind schon da. Wir können sie unmöglich alle im Auge behalten.«

Gemeinsam mit Jim Dorsay und Chris Fenwideg observierte Milo das Grundstück des Gebrauchtwagenhändlers Meeker in Brooklyn Heights. Meeker stand im Verdacht, illegale Autoschiebereien über die Grenzen mehrerer Bundesstaaten hinweg zu organisieren. Wir hatten einen Tipp bekommen, dass er an diesem Abend seine Verbindungsleute zu einer geschäftlichen Besprechung erwartete.

»In Ordnung«, antwortete ich. »Ich schicke dir Ben Carter und Tom Delauney, sobald sie mit ihrer Vernehmung im Village fertig sind.«

»Danke. Drück mir die Daumen, dass wir nicht bis morgen früh hier herumhängen müssen.«

»Mein Mitgefühl ist dir sicher.«

Milo lachte und legte auf.

Die Pendeltür unseres Haupteingangs schwang auf. Fred LaRocca schob sich schwer beladen herein. Aus dem Pappkarton, den er anschleppte, dampfte es. Kaffee und Pizza-Achtel aus dem Coffee-Shop an der 70. Straße. Wir hatten eine Gesamtbestellung aufgegeben. Fred stellte den Karton auf das Pult und fing an, die Sachen für unser leibliches Wohl zu verteilen.

Theo Bennett, einer unserer dienstältesten Kollegen, tauchte zwei Minuten später auf. In seinem Schlepptau eine Blondine, die eine Spur zu blond war. Alles an ihr war übertrieben: der Rock zu kurz, der Rippchenpulli zu eng, das Make-up zu aufdringlich. Gestikulierend redete sie auf den bedauernswerten Theo ein, der sich mit ihr an einem der Besuchertische in der Halle setzte und mit Duldermiene ihren Wortschwall über sich ergehen ließ.

Wieder summte mein Telefon.

Josh, einer unserer V-Leute war dran.

»Ich habe was für Ihren Kollegen Caravaggio, G-man.«

»Ist nicht da«, antwortete ich. »Worum geht’s?«

»Um die Giancara-Geschichte. Ich rufe später wieder an. Hab keine Lust, meinen Vers zweimal aufzusagen.«

Ich hatte kaum aufgelegt, als sich Telefon zwei mit hellerem Summen meldete.

»Reserviert ein Vernehmungszimmer und eine Zelle für mich«, sagte Jay Kronburg. »Ich habe den Jungen. Wir werden uns mit ihm die Nacht um die Ohren schlagen müssen. Ich bin in einer halben Stunde da.«

»Okay, Jay. Wir rollen den Teppich für dich aus.« Ich versenkte den Hörer in die Gabel. Jay Kronburg hatte einen kleinen Halunken erwischt, der seine Zeit damit verbrachte, einsame alten Ladys in New York und New Jersey telefonisch unter Druck zu setzen und zu erpressen. Über die Hausleitung informierte ich die Kollegen im Zellentrakt von der Festnahme.

Fred LaRocca schob mir einen Kaffeebecher und eine Pizzascheibe auf den Schreibtisch. Ich wickelte das Pizza-Achtel aus und hieb meine Zähne hinein.

Die Blondine redete noch immer auf Theo Bennett ein. Nach den Wortfetzen, die ich mitbekam, drehte es sich um irgendeine Organisation, die irgendwelchen Druck auf sie ausübte. Und sie versuchte, Theo davon zu überzeugen, dass es sich um einen FBI-Fall handelte.

Draußen heulte die Sirene eines Streifenwagens heran und erstarb. Eine halbe Stunde später polterten zwei uniformierte Cops herein. Der Typ, den sie in die Mitte genommen hatten, sah wenig adrett aus. Wirres schwarzes Haar, das bis auf die Schultern reichte; schmutziges T-Shirt, abgewetzte braune Lederjacke; zerfranste Jeans, Segeltuchschuhe. Sie hatten ihm Handschellen angelegt, und er ließ sich grinsend von ihnen vorwärtsziehen.

Clive Caravaggio und Orry Medina folgten im Kielwasser der beiden Cops.

Ich stand auf, schob den Rest meiner Pizzascheibe zwischen die Zähne, zerknüllte das Papier und warf es in den Korb.

Frank Collins schnappte sich den Formularblock für Festnahme und Einlieferung in den FBI-Zellentrakt.

Die Cops bugsierten den Grinsenden vor das Pult.

Ich betrachtete ihn interessiert.

Clive und Orry schoben sich neben die Cops, schnippten Zigaretten aus ihren Packungen und reicherten die Luft unseres Raumes mit Qualm an.

»Name?«, fragte Frank Collins, hielt seinen Kugelschreiber bereit und blickte den Grinser an.

»Frag nich' soviel, Bulle«, feixte der Typ. »Ich bin der Präsident der Taubstummengesellschaft.«

»Harry Rubow«, sagte Clive Caravaggio, »achtundzwanzig Jahre alt, unverheiratet, US-Bürger, ohne festen Wohnsitz. Vorstrafen laut Archiv-Auskunft. Festnahme wegen Beteiligung an internationalem Rauschgifthandel.«

Ich stieß einen leisen Pfiff aus.

Rubow hörte auf zu grinsen.

»Dein Bullenkumpel spinnt!«, schrie er Frank Collins an, dessen Kugelschreiber über das Papier flog. »Mann, ich kenne überhaupt keinen Harry Rubow! Nie gehört den Namen, Mann!«

Er tänzelte im Griff der beiden Beamten, versuchte aber vergeblich, sich loszureißen.

»Bringt den Witzbold weg«, sagte ich. »Wir haben heute Abend keinen Sinn für schlechten Humor.«

»Mistbullen!«, schrie er uns an. »Drecksbullen! Bullenschweine.«

Die Cops nahmen ihn zwischen sich. Clive und Orry zeigten ihnen den Weg zum Zellentrakt. Harry Rubows schwindende Stimme erging sich in weiteren Fantasienamen aus der Tierwelt.

Für Minuten kehrte Ruhe ein. Frank Collins warf das fertig ausgefüllte Formular in den Verteilerkorb. Theo Bennett versuchte, seine Blondine zu besänftigen, indem er ihr eine Zigarette anbot. Die Eingangspendeltür spie einen untersetzten Mann in dunkelgrauem Anzug aus. Detective Lieutenant Murdock vom Rauschgiftdezernat der City Police. Er stampfte auf unser Pult zu.

»Rubow?«, fragte er.

Ich deutete auf die Tür zum Zellentrakt.

Murdock stampfte weiter.

Clive und Orry schienen einen bedeutenden Fang gemacht zu haben.

Kurz vor 23 Uhr rief Mr. McKee an, und ich erstattete ihm einen knappen Bericht über den bisherigen Verlauf unserer Aktionen.

Während ich noch telefonierte, sah ich den hageren Jungen, der sich so zögernd hereinschob, dass es aussah, als reichte seine Kraft gerade, um die Pendeltür aufzudrücken. Unschlüssig blieb er neben dem Eingang stehen und sah sich um. Er trug einen Jeansanzug, war mittelblond, hatte ein schmales, bartloses Gesicht und sah alles in allem ziemlich durchschnittlich aus.

Ich beendete mein Gespräch mit dem Chef, wollte mich um den Jungen kümmern, der anscheinend ein paar aufmunternde Worte brauchte, damit er sein Anliegen vom Stapel ließ.

Theos Blondine sprang plötzlich auf und trippelte auf das Pult zu, als ich mich hinter meinem Schreibtisch emporgeschraubt hatte. Eine Wolke von Parfümduft wehte mir entgegen.

»Hör mal, Süßer!«, rief sie mir zu. »Dein Partner Theo sagt, du bist hier der Boss.«

»Nur für diese Nacht«, grinste ich.

Sie setzte ein Lächeln auf, das verführerisch und weiß der Teufel wie sonst noch wirken sollte. Gleichzeitig beugte sie sich vor und ließ ihre bemerkenswerte Oberweite auf dem Tresen ruhen.

»Süßer«, gurrte sie, »dein Partner Theo sagt, dass er sich nicht um meine Sache kümmern will. Kannst du ihm nicht den dienstlichen Befehl geben?«

»Was Theo sagt, hat Hand und Fuß«, entgegnete ich. »Außerdem sind wir hier alle gleichberechtigt, Darling. Keiner pfuscht dem anderen ins Handwerk.«

»Aber er kauft es mir einfach nicht ab«, trotzte sie, »und ich sag’s noch einmal: Diese elenden Pimps, die uns in der Mache haben, sind bundesweit organisiert. Bundesweit! Bei dem Wort müssen dir doch die Schuhe aufgehen, Süßer.«

»Beweise?«

Sie schmollte.

»Theo wird deine Aussage zu Protokoll nehmen«, entschied ich. »Sobald sich konkrete Anhaltspunkte ergeben, ermitteln wir offiziell.«

»Wenn ihr eure verdammte Bürokratensprache sprecht, hört ihr euch alle gleich an.« Hüftschwingend machte sie kehrt und trippelte zu dem ergeben seufzenden Theo zurück.

Der hagere Junge stand noch immer beim Eingang, trat von einem Bein auf das andere und nagte auf seiner Unterlippe.

Ich umrundete das Pult und ging auf ihn zu.

Er blickte mich etwa so an, als sei ich der bärbeißige Army-Sergeant, der ihn im Büro der Musterungsbehörde empfing.

»Ich nehme an, dass Sie sich nicht in der Tür geirrt haben, Mister«, sagte ich freundlich. »Wenn Sie also etwas auf dem Herzen haben, sollten Sie nicht zögern, es von sich zu geben.«

Er zog die Hände aus den Hosentaschen und knetete die Finger.

»Es handelt sich um… um eine sehr diffizile Angelegenheit«, sagte er mit sanft klingender Stimme.

Seinem Wortschatz nach musste er einem besonderen Verein angehören. Student, tippte ich.

»Wir sind Spezialisten für Schwieriges«, entgegnete ich. »Möglich, dass Sie bei uns an der richtigen Adresse sind.« Ich wollte ihn nicht einschüchtern, indem ich von Zuständigkeitsfragen und Dienstvorschriften sprach. An die City Police verweisen konnte ich ihn immer noch.

Sekundenlang druckste er herum.

»Ich möchte mit dem FBI-Chef sprechen«, sagte er dann erstaunlich energisch.

Ich zuckte die Achseln.

»Kommen Sie morgen früh wieder. Zur Zeit ist nur die Nachtbereitschaft im Dienst.«

»Aber es muss doch jemand hier sein, der die Verantwortung hat.«

Ich lächelte mild.

»Wenn Sie die Verantwortung für die Nachtbereitschaft meinen, haben Sie den richtigen Mann vor sich. Ich bin Special Agent Jesse Trevellian.«

»Und Sie vertreten also den Chef des FBI-Distrikts New York?«

»So kann man es ausdrücken.«

»Mein Name ist Dino Belham, Sir. Ich möchte unter vier Augen mit Ihnen reden. Die Angelegenheit ist nicht nur diffizil, sondern sie erfordert auch äußerste Diskretion.«

Einen Moment lang blickte ich ihn stumm an. Es sah so aus, als ob es ihn höllische Überwindung gekostet hatte, überhaupt unser Office zu betreten. Wenn ich ihn jetzt wegschickte, hatte es vielleicht zur Folge, dass er sich überhaupt nicht mehr in irgendein Polizeibüro traute. Er war der Typ, der im Zweifelsfalle lieber immer erst einen Schritt zurückgeht.

»Okay, kommen Sie«, nickte ich daher, legte ihm meine Hand auf die schmale Schulter und schob ihn mit sanfter Gewalt vorwärts.

»Leon!«, rief ich meinem Kollegen Eisner im Vorbeigehen zu. »Vertritt mich für eine Weile, ja? Wenn Ben Carter und Tom Delauney sich melden, sag Ihnen, dass Milo sie als Verstärkung für den Einsatz in Brooklyn Heights braucht.«

Leon Eisner nickte und ließ sich hinter meinem Schreibtisch mit den beiden Telefonen nieder.

Ich bugsierte den zögernden Jungen in eines der Besucherzimmer, die an die Halle grenzen, schloss die Tür hinter uns und ließ ihn Platz nehmen. Das Porträt Edgar J. Hoovers blickte von der Wand auf uns herab. Unser neuer Direktor, Clarence M. Kelley, hat sich noch nicht dazu durchringen können, sein Konterfei in den District Offices aufhängen zu lassen.

Ich setzte mich ebenfalls und bot meinem Gegenüber eine Zigarette an. Er akzeptierte mit dankbarem Blick. Tief inhalierte er den ersten Zug, und es sah aus, als fand er an dem Glimmstengel ein bisschen Halt.

Ich schob mir selbst eine Camel zwischen die Lippen und lehnte mich zurück.

»Sie müssen einen Grund dafür gehabt haben, zum FBI zu kommen«, sagte ich, um ihn in Gang zu bringen.

Er nickte. Sein blass aussehendes Gesicht war beinahe verkniffen vor Ernst.

»Ich kenne den Unterschied zwischen City Police und FBI, Sir. Offen gestanden halte ich die New Yorker Stadtpolizei in der Angelegenheit, die ich Ihnen schildern möchte, nicht für kompetent.«

»Fangen Sie an, zu schildern«, forderte ich ihn lächelnd auf.

Er blickte auf seine Zigarette, die er zwischen Daumen und Zeigefinger drehte.

»Nun, es ist eine sehr umfangreiche Geschichte, Sir. Vielleicht ist es das beste, ich beschränke mich auf das Wesentliche.«

»Das wäre zu empfehlen«, nickte ich.

Belham gab sich einen Ruck.

»Es geht nicht um mich persönlich«, sagte er. »Es handelt sich um meine Freundin. Sie ist… Sie ist… Oh, wie soll ich das nur ausdrücken?«

»Meinen Sie ihren Beruf?«

»Ja.«

»Etwas Unaussprechliches?«

»Nein, nicht direkt. Sie ist… in einem Nachtclub beschäftigt. Nicht als Serviererin, verstehen Sie, sondern…« Wieder suchte er nach Worten.

Innerlich musste ich über ihn grinsen. Ich schätzte ihn auf höchstens sechsundzwanzig, siebenundzwanzig Jahre. Aber er zierte sich wie ein spätes Mädchen. Nun, eine Stadt wie New York City bringt die merkwürdigsten Typen hervor.

»Sie unterhält die Gäste«, sagte ich. »Ist es das, was Sie meinen?«

»Ja, nun… Wenn Sie den Begriff ›unterhalten‹ sehr weit spannen, ist es richtig.«

»Wir verstehen uns«, nickte ich. »Bitte weiter, Mr. Belham.«

»Es handelt sich um einen Nachtclub, in dem nur gehobene Kreise verkehren. Sehr wohlhabende Männer, genau gesagt. Und sie kommen aus allen Teilen der USA. Männer, die hier in New York City geschäftlich zu tun haben. In ihren Kreisen wird offenbar eine beträchtliche Mundpropaganda für den besagten Nachtclub betrieben. Tina, das ist meine Freundin, erklärte es mir jedenfalls so.«

Ich sog an meiner Zigarette.

»Sie wenden sich also an das FBI, weil das Publikum dieses Clubs aus verschiedenen Bundesstaaten kommt.«

»Sehr richtig, Sir.«

»Aber es ist kein Verbrechen, einen Nachtclub zu besuchen. Und es ist auch kein Verbrechen, als Animiermädchen zu arbeiten.«

»Ich weiß, Sir, ich weiß. Ich muss Ihnen das näher erklären, glaube ich. Wissen Sie, es war ein unglaublicher Zufall, dass Tina und ich uns ausgerechnet in New York über den Weg gelaufen sind. Wir haben uns nämlich schon als Kinder gekannt. Wir sind beide in Hazleton, Pennsylvania, geboren und aufgewachsen. Nach der Schule haben wir uns dann aus den Augen verloren, wie das eben so ist. Und vor etwa zwei Monaten stehen wir uns plötzlich mitten auf der sechsten Avenue gegenüber. Im dichtesten Fußgängergewühl. Aber wir haben uns sofort wiedererkannt. Und irgendwie hat es… hm… gefunkt.« Er lächelte scheu.

»Aber Sie haben etwas gegen ihren Beruf«, vermutete ich.

»Das ist es nicht. Tina hat sowieso vor, irgendwann damit aufzuhören. Ich selbst bin noch nicht in der Lage, ihr eine sichere Existenz zu bieten. Ich studiere romanische Sprachen an der Rockefeller University, wissen Sie. Tina und ich, wir haben über unsere gemeinsame Zukunft gesprochen. Und dabei hat sie mir etwas anvertraut, was unglaublich ist. Es belastet sie sehr. Ich hatte das Gefühl, dass sie einfach froh war, darüber reden zu können. Es ist nämlich kein gewöhnlicher Nachtclub, in dem sie arbeitet. Es geschehen Dinge, die einwandfrei gegen das Gesetz verstoßen. Ich habe Tina überzeugt, dass sie aufhören muss, dort zu arbeiten. Aber sie sagt, dass sie unter Druck gesetzt wird. Man hat sie in der Hand, wie alle anderen Mädchen auch. Aussteigen, so nennt Tina es, gibt es nicht.«

»Wer ist ›man‹?«, fragte ich.

»Die Geschäftsführung des Nachtclubs. Inhaberin ist eine Mrs. Vance, soviel ich weiß.«

»Es geht nicht nur darum, dass die Mädchen unter Druck gesetzt werden, nicht wahr?«

»Nein, Sir. Es ist Folgendes: Tina und ihre Kolleginnen werden gezwungen, ihre… hm… Kunden systematisch auszuhorchen. Speziell geht es darum, dass diese Kunden Einzelheiten aus ihrem Privatleben ausplaudern. Dinge, mit denen man sie erpressen kann. Und Tina weiß definitiv, dass bereits einige der Clubgäste erpresst werden. Erst hat sie mich förmlich angefleht, nicht zur Polizei zu gehen. Aber ich habe sie vom Gegenteil überzeugt.«

»Das war sehr vernünftig von Ihnen«, sagte ich.

Er beugte sich vor, blickte mich beschwörend an.

»Werden Sie mit Tina reden, Sir? Sie muss einfach wissen, dass sie nicht allein dasteht. Sonst fürchte ich, dass sie nicht die Kraft hat, mit diesem Job Schluss zu machen.«

Ich sagte zu. Wenn es stimmte, was Dino Belham sagte, fiel der Fall tatsächlich in die Zuständigkeit des FBI. Ich rechnete allerdings nicht mit etwas Außergewöhnlichem. Irgendwie betrachtete ich es fast als einen Gefallen, den ich diesem sympathischen Jungen tun würde. Eine Routineangelegenheit, die ohne viel Aufhebens zu erledigen war.

Dass ich mich in diesem Punkt gründlich täuschte, konnte ich nicht im entferntesten ahnen.



4

Ein Uhr nachts.

Ich ging hinaus auf den Hof der Fahrbereitschaft. Peitschenmastlampen erhellten das asphaltierte Areal, auf dem nur noch wenige Dienstwagen und ein halbes Dutzend Privatfahrzeuge parkten. Die Temperatur war nur um wenige Grade gesunken. Trotzdem hatte ich das Gefühl, in eine erfrischende Kühle hinauszuspazieren.

Ich winkte dem diensthabenden Kollegen in der Loge des Fahrbereitschaftsleiters zu und klemmte mich hinter das Lenkrad meines Sportwagens. Per Knopfdruck öffnete der Kollege mir das Tor, als ich den Flitzer auf die 69. Straße rollen ließ.

Auf der Second Avenue fuhr ich in Richtung Downtown.

Vielleicht war mein Eifer übertrieben. Vielleicht hätte ich einen Kollegen schicken und mich selbst nicht weiter um die Sache kümmern sollen. Denn immerhin betrachtete ich die Geschichte nach wie vor als einen Routinefall. Aber irgendetwas daran kitzelte meinen Instinkt wach — jenen Instinkt, der sich in den langen Berufsjahren zwangsläufig entwickelt hat.

Oder war es einfach nur Mitgefühl? Empfand ich Mitleid mit dem so treuherzig-hilflosen Dino Belham, der sich in eine Jugendfreundin verliebt hatte, die ausgerechnet als Animiergirl arbeitete?

Ich erreichte die Downtown von Manhattan, überquerte die Kreuzung East Houston Street und fuhr auf der Chrystie Street weiter in Richtung Süden.

Milo hatte meinen Job als Leiter der Nachtbereitschaft vertretungsweise übernommen. Vorzeitig war mein Freund und Kollege von dem Einsatz in Brooklyn Heights zurückgekehrt. Es hatte sich gezeigt, dass der Autohändler Meeker tatsächlich nur ein rauschendes Fest feierte. Der Tipp bezüglich der zu erwartenden Verbindungsleute war ein Windei gewesen.

In Höhe der Auffahrt zur Manhattan Bridge scherte ich nach rechts aus und wechselte in die Bowery hinüber. Zwei Straßenzüge weiter bog ich nach links in die Catherine Street ab.

Auf meinen Vorschlag hatte Dino Belham sich ans Telefon gehängt und eine Verabredung für mich arrangiert. Erfreulicherweise hatte Tina Jordan, seine Freundin, in dieser Nacht bereits um ein Uhr Feierabend. Für halb zwei war ich bei ihr angemeldet. Den Jungen hatte ich nach Hause geschickt. Ich wollte, dass das Mädchen unbeeinflusst redete. Jedenfalls war sie dazu bereit. Ich hoffte, dass sie es sich nicht anders überlegte.

Das Straßenschild der Monroe Street tauchte vor mir auf. Mein Wagen war der einzige fahrbare Untersatz, der sich um diese Zeit noch über den Asphalt bewegte. Eine reine Wohngegend und nicht einmal die schlechteste. Tina Jordan bewohnte ein Apartment in den Betonklötzen des Knickerbocker-Village zwischen Monroe und Cherry Street.

Ich parkte meinen roten Flitzer in einer freien Haltebucht vor Block D-1. Plattenwege und Rasenflächen wurden von Pilzleuchten erhellt. Klettergerüste von Kinderspielplätzen ragten als bizarre Skelette empor.

Ich ging auf den Eingang des Blocks zu und drückte den rot glühenden Knopf, der das Fünf-Minuten-Licht über der Tür einschaltete. Laut Klingelschild gab es in dem Block rund fünfzig Wohnungen. Ich vermutete, dass es sich um kleinere Appartements für Alleinstehende handelte. Nach kurzem Suchen fand ich den Namen Jordan und rammte den Klingelknopf per Daumendruck ins Blech.

In der Sprechanlage knackte es nach wenigen Sekunden. Tina erwartete mich.

»Ja, bitte?«

Ich beugte mich zur Sprechmuschel hinab.

»Trevellian hier«, sagte ich.

»Oh, Mr. Trevellian! Kommen Sie bitte herauf. Ich wohne im fünften Stock, Appartement Nummer römisch-zwei-fünfundzwanzig.« Trotz des blechern klingenden Lautsprechers hörte sich ihre Stimme angenehm sanft an.

Ich drückte die Tür nach innen, als der Summer ertönte. Automatisch flammte die Korridorbeleuchtung auf. Es war eines von den modernen Appartementgebäuden, in denen es aus Kostengründen keinen Portier mehr gibt.

Ich enterte einen der beiden Lifts, die im Erdgeschoss parkten, und ließ mich nach oben katapultieren. Im fünften Stock stellte ich fest, dass die Appartements des Blocks nummernmäßig in zwei Hälften aufgeteilt waren: links vom Fahrstuhl römisch eins, rechts römisch zwei. Ich öffnete die Durchgangspendeltür nach rechts. Wieder flammte automatisch Licht auf. Der Korridor erinnerte in seiner Nüchternheit an ein Krankenhaus. Die Türen der Appartements waren dunkelgrün lackiert.

Ich suchte die Nummern der Wohnungen ab und fand die ,25‘ auf der rechten Seite des Korridors.

Es geschah in dem Moment, als ich die Türklingel betätigen wollte.

An der Stirnseite des Korridors flog eine Tür auf. Weiß lackiert. Kein Appartement dahinter. Ich vermutete, dass es sich um einen Raum für Putzmittel und sonstige Gerätschaften handelte.

Ich wirbelte herum, kam nicht dazu, weitere Überlegungen anzustellen.

Zwei Männer waren es, die mit Vehemenz auf mich zuschnellten. Die Distanz von etwa zehn Yard überbrückten sie auf leisen Sohlen, mit langen Sätzen. Ich sah, dass sie Turnschuhe trugen. Darüber Jeans und T-Shirts. Beide waren nicht älter als Mitte Zwanzig.

Ich wich von Tina Jordans Tür zurück, sodass ich rechts und links von mir kahle Wandflächen hatte. Ich wollte nicht, dass das Mädchen in Gefahr geriet, falls sie überraschend im Wohnungseingang auftauchte.

Die Kerle stoppten ihren rasanten Vormarsch, bauten sich geduckt und lauernd vor mir auf, hielten dabei ausreichenden Seitenabstand. Anfänger schienen es nicht zu sein. Der eine war dunkelhäutig, trug das naturkrause schwarze Haar im Afro-Look. Puerto-Ricaner, vermutete ich. Der andere führte beträchtliche Muskelpakete spazieren, wirkte mehr untersetzt und bullig. Sein Haarschnitt, mit Koteletten bis zur Kinnlade, erinnerte an die frühe Rockerzeit der fünfziger Jahre.

Der Teufel mochte wissen, wie sie es angestellt hatten, in den Appartementblock einzudringen.

»Okay, Mister« zischte der Puerto-Ricaner, »du gibst uns jetzt ein paar freundliche Auskünfte, klar.«

»Du wolltest zu Tina Jordan«, stellte der andere fest. »Warum«?

Ich grinste.

»Lebt ihr auf dem Mond, Freunde? Warum geht man zu einem Mädchen? Nie davon gehört?«

Der Rockertyp stieß einen wütenden Knurrlaut aus. »Wenn du uns auf den Arm nehmen willst…« Den Rest seiner Drohung ließ er unausgesprochen, aber seine geballten Muskelpakete waren deutlich genug.

»Die Quatscherei wird dir gleich vergehen«, fauchte der Puerto-Ricaner. Seine Rechte zuckte in die Gesäßtasche, kehrte mit einer blitzschnellen Bewegung zurück.

Es klickte metallisch.

Die hässlich schmale Klinge eines Stiletts funkelte im Schein der Flurbeleuchtung.

Drohend machte der Messerheld einen lauernden halben Schritt auf mich zu.

»Noch kannst du es dir überlegen«, flüsterte er gefährlich leise. »Was hast du bei Tina Jordan zu suchen? Wer oder was bist du? Ein Bulle? Privater Teck?«

»Hört zu, Freunde«, entgegnete ich geduldig, »ich gebe keine Auskünfte. Begriffen? Also schleicht euch, bevor wir ernsthafte Differenzen kriegen!«

Die beiden wechselten einen Blick. Offenbar glaubten sie, dass ich nicht alle Tassen im Schrank hatte.

»Scheint so, als ob wir dir erst Manieren beibringen müssen«, knurrte der Rockertyp. In seinen hellen Augen blitzte es gefährlich.

Ich spannte die Muskeln.

Ohne erkennbaren Ansatz schnellte der Rocker auf mich zu.

Dennoch reagierte ich innerhalb von einer Hundertstelsekunde. Ein blitzartiger Sidestep. Synchron dazu kreiselte ich halb herum und riss das linke Knie hoch.

Der Muskelmann schaffte es nicht mehr, seinen Ansturm zu bremsen. Mit den Oberschenkeln prallte er gegen mein Knie, bekam Übergewicht und segelte geschossartig ins Leere. Seine Fäuste hieben Luftlöcher.

Im richtigen Moment zog ich das Knie weg.

Der Rocker schlug der Länge nach hin und schlidderte zwei, drei Yard weit über den glatten Kunststeinboden des Korridors.

Wutgebrüll hallte durch das Haus.

Sekundenlang war der Puerto-Ricaner irritiert. Die anscheinend erprobte Taktik, dass der andere als Vorbereiter für den Messerangriff fungierte, hatte nicht geklappt. Doch der Kraushaarige sammelte sich sehr schnell, stellte sich auf die neue Situation ein.

Während der andere noch im Begriff war, sich aufzurappeln, fegte der Puerto-Ricaner mit einem Sprung auf mich zu. Federnd und breitbeinig landete er dicht vor mir.

Das Messer in seiner Rechten beschrieb eine jähe Kreisbewegung, hätte mir das Jackett quer aufgeschlitzt, wenn ich zu langsam gewesen wäre.

Es gelang mir, auszuweichen. Ich spürte den Luftzug des sirrenden Stahls.

Noch aus der Bewegung heraus setzte ich nach. Ich durfte keine Sekunde verschwenden. Noch bevor der Rocker wieder auf den Beinen war, musste ich zumindest das Messerproblem aus der Welt geräumt haben.

Ich schaffte es in dem Moment, als die Armbewegung des Puerto-Ricaners endete.

Bretthart zischte meine rechte Handkante herab und traf auf den Punkt.

Der Kraushaarige stieß einen Schmerzensschrei aus. Fassungslos starrte er auf seine schlaff herabhängende Hand, als das Messer auf den Steinboden klirrte.

Details

Seiten
130
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783738924022
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v452043
Schlagworte
spiel lady

Autor

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Titel: Das mörderische Spiel der Lady