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Die Frau des Desperados

2018 120 Seiten

Leseprobe

Die Frau des Desperados

Western von Luke Sinclair


Der Umfang dieses Buchs entspricht 112 Taschenbuchseiten.


Als Clay Longley sah, wie die mexikanischen Banditen über die Frau und den kleinen Jungen herfielen, war es um seine Selbstbeherrschung geschehen. Er hatte sich vorgenommen, sich niemals wieder in die Angelegenheiten fremder Leute einzumischen. Aber hier konnte er nicht mehr einfach zuschauen. Eine Frau und ein kleiner Junge befanden sich in höchster Not. Clay Longley wusste nicht, worum es hier ging. Er wusste nur, dass er der einzige Mann war, der dem kleinen Jungen und der Frau das Leben retten konnte ...



Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker.

© by Author /COVER TONY MASERO

© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de



1

Die Schüsse kamen von jenseits der pinienbewachsenen Hügelkette. Clay Longley ließ sich in den Sattel zurücksinken, nachdem er sich kurz in den Steigbügeln aufgestellt und gelauscht hatte. Noch ein kurzes Zögern, dann trieb er das erschöpfte Tier den sandigen Hang hinauf. Er verspürte nicht die geringste Lust, sich in die Auseinandersetzungen anderer Leute einzumischen, aber er hatte seit Tagen dieses wilde und einsame Land durchstreift, ohne einem Menschen zu begegnen. Jetzt wollte er zumindest wissen, wer sich da so plötzlich in seiner Nähe aufhielt und Schießübungen veranstaltete.

Der Braune keuchte, als Longley ihn oben im Sichtschutz der Bäume anhielt. Er wusste, dass er dem Tier nicht mehr allzu viel zumuten konnte, und musste deshalb vorsichtig sein. Er zog es ein Stück zur Seite, bis der Blick in die dürre, baumlose Senke frei wurde. Auf der anderen Seite hoben sich dunkle Felsbuckel aus dichtem Gestrüpp hervor, die aussahen wie riesige schlafende Büffel. Etwa in der Mitte zwischen seinem Standort und jenen Felsen bemerkte er einen schießenden Reitertrupp, der einen kleinen Ranchwagen gestellt hatte, der von vier Maultieren gezogen wurde und auf dessen Bock Longley zwei Gestalten erkannte. Der Wagen versuchte, in voller Fahrt an den verwildert aussehenden Reitern vorbeizukommen. Doch diese begannen damit, systematisch die Zugtiere abzuschießen.

Clay Longley zählte sechs Männer, von denen vier große mexikanische Sombreros trugen, während zwei, vermutlich abtrünnige Indianer, ohne Kopfbedeckung waren und ihr schulterlanges, schwarzes Haar mittels Stirnbändern zusammenhielten.

Bandidos, dachte Longley.

Der Wagen wurde durch das Stürzen der ersten Maultiere so stark abgebremst, dass er zur Seite ausbrach und sich überschlug. Clay Longley hörte einen spitzen Schrei, und die beiden Gestalten, von denen die eine der Größe nach ein Kind sein musste, wurden in hohem Bogen von ihrem Sitz geschleudert und verschwanden im emporwallenden Staub, der das Durcheinander des berstenden Wagens und zappelnder Maultierhufe vorübergehend einhüllte. Die Reiter stießen ein heiseres Triumphgeschrei aus und schwenkten ihre Waffen. Der schwache, heiße Wind trieb den Staub zur Seite.

Einige der Maultiere schlugen noch immer mit den Hufen um sich. Eine der beiden Wageninsassen versuchte taumelnd auf die Füße zu kommen. Sie hatte den Hut verloren, und man sah dunkles, dichtes Haar bis über die Schultern herabfallen.

Clay Longley zog mit einer gleitenden Bewegung sein Winchester Gewehr aus dem Scabbard und lud es mit einer kurzen, schnellen Bewegung durch. Was er vorhatte, war alles andere als vernünftig. Aber es gab immer wieder Situationen im Leben, wo man keine Zeit hatte, den Gedanken an die eigene Sicherheit zu Ende zu denken. Er war jedenfalls nicht der Mann, der ruhig zusehen konnte, wie eine Handvoll Banditen eine Frau und ein Kind umbrachten.

Sein Schuss stieß einen der Angreifer nach vorn auf das Sattelhorn. Das Gesicht des Mannes schlug auf den Hals des Pferdes, bevor er seitlich herunterrutschte.

Clay Longleys eigenes Pferd bewegte sich, durch den Schuss erschreckt, ein Stück nach rechts, sodass sein zweiter Schuss danebenging. Er sprang aus dem Sattel und rannte schnell ein paar Schritte weiter, ehe er wieder feuerte.

Eines der Pferde brach zusammen und wälzte sich im Staub. Sein Reiter brachte sich mit einem hastigen Sprung in Sicherheit. Unter den Banditen entstand Verwirrung. Sie wussten offenbar nicht, von wie vielen Gegnern sie da plötzlich angegriffen wurden.

Clay Longley nutzte diesen Vorteil für sich aus und wechselte nach jedem Schuss rasch seinen Standort. Nachdem er einen zweiten Mann aus dem Sattel geholt hatte, rissen die übrigen ihre Pferde herum und jagten den Weg zurück, den der Wagen gekommen war. Ein Stück weiter entfernt schwenkten sie dann auf die Felsen zu, aber sie waren dort bereits außer Schussweite.

Longley drehte sich zu seinem Pferd um. Es stand einige Schritte hinter ihm und äugte mit aufgestellten Ohren zu ihm herüber. Er stieg in den Sattel und ritt mit dem Gewehr in der Hand hangabwärts.

Der Frau war es inzwischen gelungen, auf die Beine zu kommen. Vom Sturz noch benommen, schwankte sie auf das Kind zu, das reglos am Boden lag, und bückte sich neben ihm. Dann hörte sie den Reiter kommen und wandte erschrocken den Kopf. Sie erhob sich und lief mit unsicheren und ein wenig kopflosen Schritten an den Trümmern ihres Gefährtes hin und her, und es hatte den Anschein, als suche sie etwas. Schließlich brachte sie einen Revolver zum Vorschein und hielt ihn dem Ankömmling entgegen. Sie blickte völlig verwirrt drein und schien in ihrer Benommenheit nicht voll mitbekommen zu haben, was sich inzwischen ereignet hatte.

Clay Longley lenkte sein Pferd zunächst zu den gefallenen Banditen und überzeugte sich, dass beide tot waren. Erst dann näherte er sich der Frau und sagte: „Legen Sie endlich das Ding weg, Ma’am.“

Außer einer geprellten Schulter, an der auch der Stoff ihrer Bluse zerrissen war, schien sie unverletzt geblieben zu sein. Ihr Gesicht war schmutzig, und Strähnen ihres schwarzen Haares hingen ihr wirr in die Stirn. Sie schaute noch immer etwas verwirrt auf ihre eigene Waffe und dann wieder zu ihm. Endlich ließ sie die Hand mit dem alten Navy-Colt sinken.

Clay Longley glitt vom Pferd und stieg über einige Wagentrümmer.

„Sind Sie in Ordnung?“, fragte er, und als sie wortlos nickte: „Was ist mit dem Jungen?“

Angst kam in ihre Züge, und sie schüttelte den Kopf und rannte zu dem am Boden liegenden Kind zurück. Longley folgte ihr.

Der kleine Junge mochte etwa sieben oder acht Jahre alt sein. An seinem Kopf befand sich eine große Beule, und er hatte offensichtlich das Bewusstsein verloren.

Mit geschickten Fingern tastete Clay Longley die Gliedmaßen und den Körper des Kindes ab, konnte aber keinen Knochenbruch feststellen.

„Ich denke, es ist nicht so schlimm, Ma’am“, sagte er. „Möglicherweise wird er eine Gehirnerschütterung davontragen.“

Er richtete sich wieder auf und schaute zu ihr herunter.

„Sie haben beide großes Glück gehabt. Es sah verdammt gefährlich aus, als sich der Wagen überschlug.“ Und dabei fragte er sich, was eine Frau und ein kleiner Junge hier allein in diesem verlassensten Teil von Sonora zu suchen hatten.

Die Frau setzte sich auf den Boden und hob den Kopf des Jungen auf ihren Schoß. In ihrer Stimme lag Resignation.

„Ich hatte so gehofft, dass wir es diesmal schaffen, aber sie haben uns wieder eingeholt. Wir sind noch nicht einmal viel weitergekommen als beim letzten Versuch.“

„Es ist wohl besser, Ma’am, Sie erzählen mir das alles ein andermal.“ Longley schaute besorgt über das trockene Land bis zu den Felsbuckeln hin. „Im Moment ist es klüger, so schnell wie möglich von hier zu verschwinden. Wenn unsere Freunde merken, dass ein einzelner Mann sie bezwungen hat, werden sie bald wieder hier sein.“

Beinahe erschrocken sah sie zu ihm hoch. „Sie sind ganz allein?“

Er nickte. „Wie ich schon sagte, Ma’am.“

„Sie haben für uns Ihr Leben riskiert, und ich kann Ihnen zum Dank nichts als einen Rat geben. Setzen Sie sich auf Ihr Pferd, und reiten Sie, als ob der Teufel hinter Ihnen her wäre.“

„Ich werde Sie nicht ...“

„Uns wird nichts passieren. Jedenfalls nichts im Vergleich zu dem, was man mit Ihnen tun wird. Sie haben es hier mit El Loco zu tun. Schon mal gehört?“

„Ein paarmal flüchtig. Sie scheinen die Herrschaften zu kennen.“

Sie wurde ungeduldig. „Hören Sie, ich glaube nicht, dass Sie jetzt die Zeit haben, sich meine Geschichte anzuhören.“

„Ganz richtig, Ma’am, die haben wir wohl alle drei nicht.“

Longley bückte sich, hob den Jungen auf und gab der Frau das Gewehr.

„Sie haben mit uns doch keine Chance“, hielt sie ihm entgegen.

„Das weiß man erst, wenn man es versucht hat. Jedenfalls lasse ich Sie nicht allein hier zurück. Obwohl ich eigentlich etwas anderes vorhatte, als jetzt mit ihnen wieder nach Norden zu reiten. Setzen Sie sich auf den Gaul, ich trage den Jungen.“

Er schaute sich um, als sie wortlos und ohne weiteren Protest den Braunen bestieg.

„Ihr Mann ... können wir noch irgendetwas für ihn tun?“

Ihr Gesicht wurde hart. „Wohl kaum.“

„Haben diese Banditen ...?“

„Ja!“, schnitt sie ihm sofort das Wort ab. „Vor mehr als einem Jahr schon.“ Die Sache wurde für Clay Longley immer unverständlicher, aber er fragte nicht weiter. Er wickelte sich die Zügel des Braunen um den Arm und zog das müde Tier hinter sich her. Von den Maultieren des Gespanns war kein einziges übrig geblieben.

Kurz bevor sie die schützenden Bäume erreichten, blickte Longley sich noch einmal um.

„Noch nichts von ihnen zu sehen“, meinte er erleichtert.

„Das bedeutet nichts“, erklärte die Frau hinter ihm. „El Loco hat noch viel mehr Männer. Sie streifen in mehreren Trupps durch die Gegend. Einer davon hatte uns erwischt. Die anderen können überall stecken.“

Sie überquerten den Hügelkamm, und Clay Longley deutete mit einer Kopfbewegung voraus, wo sich zerklüftete Berge wie eine massive Bastion emporschoben.

„Wenn wir erst einmal da drin sind, dürfte es für sie schwer werden, uns zu finden. Und in ein paar Stunden sind wir dort.“

Sie erreichten die Berge unangefochten und suchten sich einen geeigneten Platz für die Nacht, obwohl es noch einige Stunden hell bleiben würde. Sie besaßen nur ein Pferd und mussten ihre Kräfte einteilen, wenn sie weiterkommen wollten. Der Junge war längst wieder zu sich gekommen und litt nur noch unter Kopfschmerzen.

Longley sattelte den Braunen ab und legte die Sachen in den Schatten. Er hatte noch etwas Proviant und Wasser bei sich, von dem er sparsame Rationen an die Frau und den Jungen verteilte.

„Jetzt haben wir zum ersten Mal etwas Zeit für uns“, sagte er dabei. „Mein Name ist Clay Longley, Ma’am.“

„Ich bin Inez Hunter, und der Junge heißt Johnny.“

Bei der Nennung ihres Namens hatte Longley kurz innegehalten. Jetzt ging er zu Inez Hunter und setzte sich neben sie.

„Ich war mal eine Zeitlang Marshal in einer kleinen Stadt nördlich der Grenze. Eines Tages kam jemand mit einem Angebot zu mir, und da ich das Herumsitzen satthatte, nahm ich an. Ich sollte einen Mann suchen, der vor mehr als einem Jahr in Sonora verschwunden war, oder etwas über sein Schicksal herausfinden. Der Mann hieß Jeremiah Hunter. War er Ihr Mann?“

Inez schaute ihn lange an, ehe sie schließlich nickte.

„Wer hat Ihnen den Auftrag gegeben?“

„Seine Familie. Aber sie haben mit keinem Wort erwähnt, dass noch eine Frau und ein Kind dabei waren.“

Sie lächelte etwas gequält.

„Das glaube ich. Seine vornehme Verwandtschaft hat es nie akzeptiert, dass er eine Mexikanerin geheiratet hat. Und damit sind wir schon bei meiner Geschichte:

Wir wollten uns in Mexiko ansiedeln, weil Jeremiah mit seiner Familie nicht mehr zurechtkam. Aber mein Mann wurde bei einem Banditenüberfall getötet. Uns beide schleppte El Loco mit, und ich musste als seine Frau bei ihm leben. Ein seltsamer Mensch, dieser Desperado. Er ist der Mörder meines Mannes, aber ich weiß heute nicht einmal, ob ich ihn noch hasse. Er hat eine Kraft in sich, die man nicht beschreiben kann. Es ist jetzt das dritte Mal, dass ich versuche, ihm zu entkommen, aber er hat mich nie misshandelt, wenn seine Leute mich wieder einfingen.“

Longley schwieg. Sein Auftrag hatte sich damit erledigt. Und er hatte jetzt eine Aufgabe, die wichtiger war, als nach einem Toten zu forschen.

Ehe sie sich zum Schlafen niederlegten, schaute er noch einmal nach Johnny. Der Junge hatte zum Glück kein Fieber bekommen und würde bald wieder völlig auf den Beinen sein.

„Ich habe gar nicht gesehen, wie du die Banditen besiegt hast“, sagte er enttäuscht.

„Vielleicht müssen wir zusammen noch mehr von ihnen besiegen“, vermutete Longley.

„Wie viele von ihnen hast du erwischt?“, wollte Johnny wissen. Clay Longley tat, als müsse er nachdenken.

„Es waren mindestens fünfzehn“, sagte er lächelnd, und Johnny bekam ganz große Augen.

„Hast du gehört, Mama?“, rief er aufgeregt. „Er hat fünfzehn Bandidos getötet. Jetzt brauchen wir keine Angst mehr vor El Loco zu haben.“



2

Es war drei Tage später, als sie die andere Seite der Berge erreichten. Sie waren nicht schnell vorangekommen, aber immerhin war es ihnen gelungen, von El Locos Leuten nicht entdeckt zu werden, so glaubten sie jedenfalls, denn sie hatten seither nichts mehr von ihnen gesehen.

Clay Longley deutete auf die heiße, trockene Senke hinaus, die zwei Gebirgszüge voneinander trennte. Den einen, in dem sie sich noch befanden, von einem anderen etwa fünf Meilen weiter nördlich.

„Die Copper Ridge Berge, wenn ich mich nicht sehr täusche. Wir müssen da hinüber.“

Der Gedanke schien Inez Hunter nicht zu gefallen.

„Und wenn wir am Rande dieser Berge nach Nordwesten gehen?“, fragte sie. Aber Clay Longley schüttelte den Kopf.

„Wir haben die Grenze bereits hinter uns, und jenseits dieser Bergkette da drüben befindet sich ein Armeeposten. Wenn wir ihn erreichen, sind wir in Sicherheit.“

Sie nickte einige Male mit dem Kopf und sagte geduldig: „Wenn El Loco uns da unten sieht, werden wir ihn nicht erreichen.“

„Wir haben seit drei Tagen nichts von ihm gesehen.“

„Er hat ganz bestimmt nicht aufgegeben.“

Clay Longley löste seinen Blick von der hitzeflimmernden Senke und schaute in ihr Gesicht, in dem die ersten Anzeichen von Erschöpfung zu sehen waren. Drei Tage und drei Nächte hatten genügt, sie einander näherzubringen. Er hatte sich an ihre Gegenwart gewöhnt, und ihre Bewegungen waren ihm längst vertraut geworden. Und manchmal versuchte er, sich den Tag vorzustellen, an dem sie sich wieder trennen mussten. Er hatte längst aufgehört, sie „Ma’am“ zu nennen, und sie sagte „Clay“, wenn sie zu ihm sprach.

„Woher willst du das so genau wissen?“, fragte er zweifelnd. Ihr Gesicht blieb ganz ernst.

„Eine Frau spürt es, wenn ein Mann verrückt nach ihr ist.“

Es hatte nichts mit Koketterie zu tun, als sie das sagte, und Clay Longley fühlte einen leichten Ärger in sich aufsteigen. Fast wünschte er sich, diesem mexikanischen Banditen gegenüberzustehen. Doch er wusste, dass die Voraussetzungen dafür im Augenblick denkbar schlecht waren.

„Er ist besessen von der Idee, dass ich seine Frau bin“, fuhr Inez fort. „Und er lässt sich nicht wegnehmen, was ihm gehört. Das verträgt er nicht.“

„Aber du gehörst ihm nicht“, begehrte Clay Longley auf. Inez zuckte gleichgültig mit den Schultern.

„Jedenfalls glaubt er es, und darauf kommt es an. Er heißt nicht umsonst El Loco, Der Verrückte.“

Clay Longley presste die Zähne aufeinander, dass die Kiefermuskeln heraustraten, und angelte nach den herabhängenden Zügeln des Braunen.

„Auch er ist sterblich“, sagte er hart. „Und jetzt lass uns aufbrechen.“

„Sollten wir nicht lieber hier auf die Dunkelheit warten?“

Er hatte auch bereits daran gedacht, jetzt brachte sie diesen Gedanken zurück. Prüfend betrachtete er ihr Gesicht mit den pelzigen, aufgesprungenen Lippen, und schüttelte den Kopf.

„Es ist erst früh am Morgen, und wir haben weder etwas zu essen noch einen einzigen Tropfen Wasser. Wenn wir noch einen Tag verlieren, werden wir Camp Arivaca möglicherweise nie erreichen. Schau dir den Gaul an. Wenn er bis zur Nacht kein Wasser bekommt, schafft er keine Meile mehr.“

„Wie weit ist es noch?“, fragte Johnny müde. Auch er würde ohne Wasser nicht mehr lange durchhalten.

„Wenn wir gut durchkommen, müssten wir bis zum Abend dort sein.“

„Dann lass uns gehen, Ma“, drängte der Junge. „Er wird schon mit ihnen fertig werden, wenn sie kommen. Aber Wasser kann er nicht herbeizaubern.“

Inez Hunter stieg in den Sattel, und Clay Longley hob den Jungen zu ihr hinauf. Er nahm das Gewehr in die Armbeuge und führte den Braunen am Zügel über den abschüssigen Boden. Kein Baum unterbrach die trostlose Ebene zwischen den Gebirgszügen. Nur Flecken von Cholla-Stauden oder einzelne Ocotillos und Saguaros wuchsen hier und da. Während sie sich in die Sonnenglut hinausbewegten, hörte Clay Longley nicht auf, das Gelände um sie herum zu beobachten. Hin und wieder schaute er auch zurück. Aber von irgendwelchen Verfolgern war nichts zu sehen.

Sie erreichten die Sohle der Senke, und zu ihrer Linken schob sich ein Hang empor, der mit niederem Mesquitegestrüpp bewachsen war und eine Bodenwelle verbarg. Clay Longley musterte ihn misstrauisch. Wenn jemand einem anderen auflauern wollte, war das hier zweifellos die geeignetste Stelle in weitem Umkreis. Aber das setzte natürlich voraus, dass man sie beobachtet hatte und ihren Weg kannte.

Clay Longley blieb nicht stehen, aber er beobachtete unausgesetzt jenen Hügel. Hoch oben schwebte ein einsamer Bussard am blassen Himmel, und in dem Gestrüpp auf dem Hügel bewegten sich sorglos ein paar Dorndre her. Ihr Gezwitscher waren die einzigen Laute, die die beklemmende, heiße Stille durchbrachen.

„Es ist so seltsam still hier“, sagte Inez Hunter besorgt.

Eine schwache Luftbewegung wehte vom Hügel herunter, und Clay Longley hob die Nase. Er konnte nicht die Spur von Pferdeschweiß riechen. Und die Ohren des Braunen waren arglos nach hinten gelegt. Dennoch wurde er das komische Gefühl nicht los. Auch Tiere konnte man täuschen.

Plötzlich geschahen mehrere Dinge gleichzeitig. Die Ohren des Braunen schnellten in die Höhe und drehten sich nach vorn. Die Vögel in den Mesquitesträuchern stoben erschrocken davon. Gestalten, die ihre Körper mit dürren Zweigen bedeckt hatten, schienen aus dem Boden zu wachsen, und die Mündungslichter von Gewehren blitzten kaum sichtbar durch das grelle Sonnenlicht.

„Runter!“

Clay Longleys hastiger Ruf ging im Knattern der Schüsse unter. Er hörte jene hässlichen Geräusche neben sich, mit denen Kugeln in das Fleisch eines Körpers schlagen. Der Braune stieß ein gequältes Wiehern aus und fiel mit auskeilenden Hufen auf die Seite. Einer dieser Hufe traf Clay Longley und schleuderte ihn zu Boden. Noch etliche Kugeln fauchten böse über ihn hinweg, dann schwiegen die Waffen. Inez und der Junge bewegten sich jenseits des Pferdekörpers.

„Lauft!“, zischte Longley und blieb selber reglos liegen. Inez schien entweder nicht zu begreifen, oder der plötzliche Schreck ließ ihre Nerven durchgehen. Sie nahm endlich Johnny bei der Hand und rannte mit ihm weiter auf die Berge zu.

Clay Longley lag still im heißen Sand. Wenn Inez und der Junge die Flucht ergriffen, mochten die Banditen glauben, ihn erwischt zu haben, und falls sie kamen, um sich von seinem Tod zu überzeugen, würden sie eine böse Überraschung erleben. Er konnte sie nicht sehen, da er in einer seichten Mulde lag, aber er hörte ihre Schritte. Es mussten zwei sein. Dann schoben sich ihre Gestalten dunkel in den gleißenden Himmel hinein. Es waren Indianer oder Mestizen, sie trugen keine Hüte und hatten langes, glattes Haar.

Der Erste hatte nicht einmal Zeit zu erschrecken. Clay Longleys Kugel fetzte ihm von unten her durch den Schädel und tötete ihn auf der Stelle. Fast im selben Moment schnellte sich Longley hoch. Die Mündung seiner Winchester traf den anderen hart in den Unterleib, und als eh sich vor Schmerz nach vorn krümmte, knallte ihm der Walnussschaft gegen die Stirn und ließ ihn wie eine leblose Puppe in den Sand rollen.

Inez’ schriller Schrei ließ ihn herumfahren. Der dritte im Bunde hatte die Frau eingeholt und sie an den langen schwarzen Haaren gepackt. Den Jungen schleuderte er mit einem Fußtritt von sich weg.

„Clay!“, schrie Inez gellend und versuchte, sich loszureißen.

Clay Longleys Gewehr flog an die Schulter, aber er setzte die Waffe wieder ab. Die beiden bewegten sich zu unberechenbar, als dass er einen Schuss hätte riskieren können.

Mit langen Sprüngen rannte er auf sie zu. Johnny schrie und versuchte, seiner Mutter zu Hilfe zu kommen. Der Stiefel des Mexikaners warf ihn erneut zu Boden, diesmal so hart, dass er benommen liegenblieb.

Inzwischen war Clay Longley heran. Der Bandit wirbelte zu ihm herum und riss seinen Revolver heraus, nachdem er die Frau losgelassen hatte. Doch der stählerne Lauf der Winchester traf bereits sein Handgelenk. Der Revolver fiel herunter, und der Mann stieß einen Schmerzenslaut aus. Clay Longley prallte gegen ihn und stieß ihn zu Boden. Der Bandit riss mit der Linken ein Messer aus seinem Gürtel und versuchte, nach den Beinen des großen Amerikaners zu stechen. Aber der herabstoßende Gewehrschaft setzte diesem Bemühen ein jähes Ende.

Clay Longley sah sich keuchend um. Kein Gegner war mehr in der Nähe. Sie waren nur zu dritt gewesen, aber irgendwo mussten sie ihre Pferde zurückgelassen haben und sich seit der Nacht schon dort versteckt gehalten haben.

Clay Longley wusste, dass ihnen keine Zeit mehr blieb, nach den Tieren zu suchen. Sicher waren noch mehr von ihnen in der Nähe. Er schaute zu den Bergen hin. Noch etwa zwei Meilen. Eine verdammt lange Strecke, wenn man zu Fuß war und verfolgt wurde.

Weiter westlich sah er plötzlich etwas aufblinken. Jemand gab mit einem Spiegel oder einer polierten Metallplatte Signale. Auch dort waren sie bereits. Er packte den Jungen bei der Hand und zog ihn auf die Füße.

„Los!“, rief er keuchend. „Jetzt geht’s ums Ganze!“

Wenn sie erst in den Bergen waren, konnten sie sich notfalls eine Weile verteidigen, aber hier draußen hatten sie keine Chance.

Nach hundert Metern bereits lief ihnen der Schweiß an den Körpern herunter, und die Atemwege brannten von der heißen, trockenen Luft. Inez fiel zurück, und Clay Longley musste stehen bleiben und auf sie warten.

„Wir schaffen es nicht“, japste sie. „Es hat auch keinen Sinn. Er würde uns überall hin folgen. Allein hast du vielleicht noch eine Chance.“

Sie schaute in seine harten grauen Augen und wusste, dass er sie niemals zurücklassen würde. Verzweiflung überkam sie.

„So verschwinde doch endlich, du gottverdammter Gringo!“, schrie sie ihn an. „Niemand hat dich um deine Hilfe gebeten!“

Hart griff er nach ihrem Handgelenk und zog sie wortlos hinter sich her, stolpernd und keuchend über den ausgedörrten Boden. Jede Faser seines Körpers lechzte nach Wasser, aber er wusste, dass er vorläufig keins bekommen konnte.

Als sie die Berge endlich erreicht hatten, waren sie völlig ausgepumpt. Sie mussten sich hinsetzen, und Inez Hunter war einer Ohnmacht nahe.

Nach etwa zwei Stunden bemerkte Clay Longley Blinksignale südlich der Senke. Er erhob sich.

„Wir müssen weiter! Sie sind bereits auf der anderen Seite.“

Inez kam taumelnd auf die Füße. Dunkle Schatten lagen unter ihren Augen, und die aufgeplatzten Lippen bluteten.

In den Bergen war es etwas kühler, aber ihre Kräfte schwanden dennoch rasch. Als sie am Nachmittag eine enge Schlucht erreichten, durch die ein halsbrecherischer Pfad steil abwärtsführte, waren ihre Schritte nur noch ein unsicheres Stolpern. Es war ein gefährlicher Weg für kraftlose Beine, und sie mussten sich erneut ausruhen, ehe sie den Abstieg wagen konnten. Die Schatten der Felsen wuchsen bereits weit in eine endlos erscheinende Ebene hinein.

Dann mussten sie es schließlich riskieren, und irgendein gütiger Stern musste sie behütet haben, oder der alte bärtige Mann, der da oben über alle Dinge entschied, hatte mit ihnen noch etwas anderes vor, als sie hier sterben zu lassen.

„Es wird bald dunkel“, sagte Longley, als sie die Ebene erreicht hatte. „Und bei Dunkelheit können sie nicht durch die Schlucht kommen.“

Diese Aussicht schien ihnen allen noch einmal neue Kraft zu geben und ihre Schritte zu beflügeln. Als sie nach etlichen Meilen einen seichten Hügelkamm erklommen, blickten sie auf einen trockenen Wasserlauf und das dahinter liegende Land hinunter. Sie hatten die Stelle ziemlich gut getroffen. Zweihundert Yards weiter östlich konnten sie die wenigen Gebäude des Militärpostens entdecken.

Clay Longley kniff die Augen zusammen. Irgendetwas gefiel ihm nicht so recht. Es war zu ruhig für einen solchen Ort. Zwar stieg eine schwache Rauchsäule aus dem Kamin des Mittelhauses, aber er konnte weder eine Flagge am Mast noch uniformierte Gestalten entdecken.

Er sagte Inez nichts von seinen Bedenken. Vielleicht waren sie auf Patrouille unterwegs, obwohl es in dieser Gegend schon lange keinen Ärger mit den Apachen mehr gegeben hatte.

Langsam schritten sie hangabwärts, durchquerten das ausgetrocknete Flussbett und näherten sich den Gebäuden. Eine einzelne Gestalt kam aus dem Haus und ging mit einem Eimer zum Brunnen.

„Dort ist jemand“, rief Inez erleichtert aus und griff nach Clay Longleys Arm. „Wir sind gerettet, Clay.“

Longley erwiderte nichts. Immer noch spähte er zu den lang gestreckten Häusern, die aus roh gebrochenen Steinen gebaut waren. Links befand sich der Stall und rechts die Mannschaftsunterkünfte, die, wie alles hier, recht klein waren, da dieser Posten kaum jemals mehr als zwei Dutzend Soldaten beherbergt hatte. Neben dem Stall war eine kleine Schmiede zu erkennen, die aber lange nicht benützt worden war.

Der Mann am Brunnen bemerkte die näher kommenden Gestalten und hielt inne. Er trug keinen Hut und beschattete mit der Hand die Augen gegen die untergehende Sonne. Der leichte Wind spielte mit seinen viel zu weiten Hosen. Dann ließ er den Eimer in den Brunnen hinab und zog ihn gefüllt wieder hoch, setzte ihn auf den Rand des Brunnens und wandte sich erneut den Ankömmlingen zu, die ihn mittlerweile fast erreicht hatten.

Er war ein hagerer, fast vertrocknet aussehender Mann mit spärlichem Bartwuchs am Kinn, der sein Gesicht ungewöhnlich lang und schmal erscheinen ließ und unwillkürlich an einen Ziegenbock erinnerte. Er schien nicht recht zu wissen, was er von den drei Ankömmlingen halten sollte, die da ohne Pferde aus den Bergen kamen und nicht gerade in bester Verfassung zu sein schienen. Vermutlich schien er damit zu rechnen, dass ein Spuk ihn narrte, denn er kratzte sich ratlos sein ebenso spärliches, ergrautes Kopfhaar.

Ebenfalls verwundert betrachtete Clay Longley das große Schild, das an dem Hause befestigt war, das ursprünglich die Wohn- und Diensträume des hiesigen Kommandanten beherbergt hatte.

ARIVACA STATION, stand dort, und darunter: BUTTERFIELD OVERLAND MAIL COMPANY.

„Hey, Mister“, sagte Longley mit etwas krächziger Stimme. „Ich könnte schwören, dass sich hier an dieser Stelle Camp Arivaca befinden muss.“

Der Alte am Brunnen konzentrierte seine Betrachtungen ausschließlich auf Clay Longley. Dichte Augenbrauen überschirmten seinen strengen Blick.

„Sie waren wohl sehr lange nicht in dieser Gegend?“, antwortete er mit einer Gegenfrage.

„Kann sechs oder sieben Jahre her sein, vielleicht auch noch länger.“

Der Alte nickte.

„Camp Arivaca war schon immer ein unwichtiger Punkt. Als die Apachen in diesem Teil des Landes zur Ruhe kamen, hat man den Kavallerieposten kurzerhand aufgelöst. Jetzt stellen diese Gebäude eine Pferdewechselstation der Butterfield Overland dar.“ Er wies mit einer ausholenden Armbewegung auf das Schild am Haus, und in seiner Stimme hatte ein gewisser Stolz mitgeklungen. „Eine Nebenstrecke noch, aber das wird nicht immer so bleiben.“ Erneut glitten seine Blicke über die verstaubte und zerschlissene Kleidung der drei Fremden. „Schwierigkeiten gehabt?“

„Wir haben unsere Pferde verloren“, gab Clay Longley ausweichend zurück und unterdrückte nur mühsam seine grenzenlose Enttäuschung. Mit einem schnellen Seitenblick auf Inez versuchte er, deren Reaktion festzustellen. Aber ihr schmales Gesicht war völlig ausdruckslos und unendlich müde.

„Hattet ihr Ärger mit den Apachen?“, fragte der alte Mann zweifelnd. Longley schüttelte den Kopf.

„Nein“, sagte er nur. Der Alte wartete einen Moment auf eine weitere Erklärung, aber als diese ausblieb, nahm er seinen Eimer und wandte sich dem Haus zu.

„Kommt herein. Ihr könnt hier essen und auf die Kutsche warten. Es wird schon dunkel.“ Er stapfte voran, ohne sich noch einmal umzublicken, und das Wasser schwappte über den Rand des hölzernen Eimers.

„Keine Soldaten“, murmelte Longley leise und schaute zurück zu jenem Hügelzug, als erwarte er dort schon die Verfolger. „Morgen müssen wir weiter. El Loco darf uns nicht einholen.“

Er sah das Zucken ihrer festen zusammengepressten Lippen und legte ihr behutsam die Hand auf die Schulter. „Wir werden hier Pferde bekommen, und wenn wir sie stehlen müssen!“

Der leichte Druck seiner Hand löste die krampfhafte Beherrschung in ihr. Verzweifelt klammerte sie sich an ihn, und ihr Kopf fiel hemmungslos weinend gegen seine Brust.

„Oh, Clay, wir werden es niemals schaffen. Ich kann nicht mehr. Wir können doch nicht unser Leben lang vor ihm fliehen.“

Er schob seine Hand unter ihr Kinn und hob ihren Kopf empor. Zärtlich strich er über ihr tränennasses Gesicht.

„Es kommt der Tag, wo ich mit ihm abrechne, für alles, was er getan hat“, sagte er mit spröder Stimme, „aber erst müsst ihr in Sicherheit sein. Euch darf nichts geschehen.“

Johnny war dem alten Mann gefolgt. Auf halbem Weg zum Haus blieb er stehen und sah sich um.

„Warum kommt ihr denn nicht? Wir können hier schlafen.“ Seiner Stimme war anzuhören, dass sich der Junge vor Müdigkeit kaum noch aufrecht halten konnte.

Im Haus hatte jemand inzwischen eine Lampe angezündet. Ihr Schein erhellte den einfachen Raum bis in alle Ecken. Außer dem Alten befanden sich noch drei weitere Männer in ihm. Ein junger, magerer Bursche, der ein Sohn des Alten sein konnte, wenn man die Ähnlichkeit in Betracht zog, ein etwas verweichlicht aussehender, rundlicher Herr in dunklem Anzug und steifem Hut und schließlich ein etwas bullig wirkender Mann in grobkarierter Jacke mit einem kalten Zigarrenstummel zwischen den Lippen.

Sie alle musterten die Eintretenden mit unverhohlener Neugier. Clay Longley ließ einen flüchtigen Blick über sie gleiten, während Inez sich an den langen Tisch setzte und schweigend vor sich hinblickte.

Der junge Bursche war damit beschäftigt, Blechschüsseln auf dem Tisch zu verteilen, und fuhr in seiner Tätigkeit fort, als Longley sein Gewehr gegen den Tisch lehnte und sich ebenfalls setzte. Unaufgefordert stellte er vor ihm, der Frau und dem Jungen auch je eine Schüssel hin. Sein Vater brachte einen großen Topf mit dampfendem Essen und einer Schöpfkelle darin. Dann sprach er ein Gebet und forderte die Anwesenden auf, sich das Essen schmecken zu lassen.

Das Mahl wurde schweigend eingenommen, dann erst sagte Clay Longley: „Wir sind in Eile, ich möchte zwei von Ihren Pferden kaufen.“

Der ältere Mann sah ihn überrascht an, dann erwiderte er:

„Ich verkaufe keine Pferde. Aber Sie haben Glück, die nächste Kutsche kommt bereits übermorgen.“

„Wenn sie die Fahrzeit einhält“, warf der junge Bursche dazwischen. Clay Longley schaute von einem zum anderen.

„Die Fahrzeit?“

„Ja“, sagte der Junge und warf seinem Vater einen aufsässigen Blick zu, „und oft hält sie diese nicht ein, dann müssen Sie mit ein bis zwei Tagen Verspätung rechnen. Aber was macht das schon? Hier steigt doch niemand ein oder aus. Höchstens einer wie der da.“ Er deutete mit einer respektlosen Kopfbewegung auf den Mann in der großkarierten Jacke, der ihn mit einem feindseligen Blick ansah.

„Hören Sie, Mister“, sagte Longley, „ich biete Ihnen den doppelten Preis.“

Der Alte schüttelte bestimmt seinen schmalen Kopf.

„Alle Pferde hier tragen den OM Brand. Sie gehören mir nicht, und ich kann Ihnen nicht etwas verkaufen, was mir nicht gehört.

„Sie können meines haben“, meldete sich der Mann im dunklen Anzug mit leiser, etwas vorsichtig klingender Stimme. „Ein besseres Geschäft kann ich wohl nicht machen.“

Longley drehte sich nach ihm um.

„Danke“, brummte er, „aber ein Pferd für zwei Personen. Was nützt das schon?“

Der andere räusperte sich verlegen.

„Nun, ich meine, zu einem Pferd könnten Sie Mr. Growler vielleicht doch überreden. Aber zwei wird er Ihnen nie verkaufen.“

„Auch nicht eines“, protestierte Growler. Longley schwieg.

„Es ist ein gutes Pferd.“ Dem Dicken schien offenbar viel daran zu liegen, seinen Gaul loszuwerden.

„Weshalb wollen Sie es dann verkaufen?“, fragte Longley misstrauisch. Der andere rückte mit seinem Stuhl etwas näher heran.

„Mein Name ist Chandler. Ich bin Handlungsreisender und nach Tucson unterwegs. In Nogales habe ich mir jenes Pferd gekauft, weil ich nicht auf die Stage Coach warten wollte. Ich hätte Tage verloren und habe dringende Geschäfte zu erledigen.“

Chandler machte ein säuerliches Gesicht und legte beide Hände auf seinen runden, weichen Bauch.

„Das verdammte Biest hätte mich zu Tode geschüttelt, es hätte mich umgebracht, bis ich nach Tucson gekommen wäre, verstehen Sie? Mir taten schon nach den ersten Meilen alle Knochen weh, und da war ich froh, als ich hier ankam. Nun werde ich doch lieber auf die Kutsche warten, selbst wenn ich das Geschäft dadurch verpasse.“

„Gut“, nickte Longley, „ich nehme Ihr Pferd.“ Dann wandte er sich erneut an Growler.

„Wie viel wollen Sie für ein Pferd? Es ist wirklich dringend, sonst würde ich Ihnen kein solches Angebot machen. Dabei geht es nicht um mich. Diese Frau muss weiter, verstehen Sie?“

„Tut mir leid. Ich sagte Ihnen schon, dass es nicht geht.“

„Kannst du nicht einmal von deinen verdammten Grundsätzen abgehen?“, schnappte der Junge gereizt. „Wir haben mehr Pferde, als wir zum Wechseln eines Gespanns brauchen. Es kommt niemand hierher und zählt sie. Dafür ist diese alte Bude viel zu unwichtig.“ Er schien es darauf abgesehen zu haben, bei jeder sich bietenden Gelegenheit den Stolz seines Vaters zu verletzen. Der Alte richtete sich steif auf.

„Halt den Mund und misch dich nicht in meine Gespräche, Tobias!“, wies er ihn mit mühsam unterdrücktem Zorn zurecht. Dann wandte er sich wieder Clay Longley zu. „Ich kann Ihnen wirklich kein Pferd verkaufen. Aber das oberste Gebot eines Christenmenschen ist es, anderen zu helfen, die sich in Not befinden. Ich leihe Ihnen eines, wenn Sie mir versprechen, es bald zurückzubringen.“

Ein Zug der Erleichterung huschte über Longleys Gesicht.

„Sie haben mein Versprechen, und ich habe es bisher stets gehalten.“

Der große Mann in der karierten Jacke kaute unwillig auf seinem Zigarrenstummel.

„Ich gebe Ihnen das gleiche Versprechen, Growler“, sagte er unwirsch.

Growler sagte unbeeindruckt: „Sie befinden sich in keiner Notlage, Quincy. Und außerdem traue ich Ihrem Versprechen nicht von hier bis hinter diese Tür da.“

„In Tucson kennen mich eine Menge Leute, die für mich bürgen würden“, fuhr Quincy hoch.

„Der Fahrer, der Sie aus der Kutsche hier an die Luft setzte, hat Sie auch kennengelernt, Quincy, aber der würde für Sie bestimmt keine Hand ins Feuer legen.“

Quincy riss sich mit einer wütenden Bewegung den kalten Zigarrenstummel aus dem Mund.

„Dieses Weibsbild hat mich verleumdet, aber das wird noch ein Nachspiel haben. Solch ein halbblöder Kutscher glaubt einem Saloonflittchen mehr als mir.“

„Damit hatten Sie wohl nicht gerechnet“, grinste Tobias zynisch. „Und deshalb konnten Sie auch Ihre schlüpfrigen Finger nicht von ihr lassen, wie?“

Quincy sprang auf und griff mit der Hand unter die Jacke, wo vermutlich ein Revolver in einem Schulterholster steckte. Aber Growler hatte plötzlich eine alte Schrotflinte in den Händen, deren Doppellauf genau auf Quincy zeigte. Dieser hielt ruckartig in seiner Bewegung inne und zog dann die Hand langsam wieder zurück.

„Du sollst nicht töten, spricht der Herr“, sagte Growler mit ruhiger, fester Stimme wie ein Prediger auf der Kanzel. „Aber er hat auch nicht umsonst zugelassen, dass zum Schutze aller Gutwilligen solche Dinger hier erfunden wurden.“ Dabei klopfte er leicht mit der Hand gegen den Schaft der Flinte. Quincy setzte sich wieder hin.

„Ich werde mich an zuständiger Stelle über Sie beschweren, Growler“, knurrte er, wobei ihn die eingedämmte Wut fast zum Bersten brachte. „Sie verleihen Pferde der Overland Mail ohne Sicherheit an hergelaufene Sattelstrolche, die Ihnen selbst die ewige Seligkeit versprechen würden, um an einen Gaul heranzukommen.“

Clay Longley erhob sich ohne Hast. „Wenn Sie noch einmal etwas über mich sagen, Mister, dann überlegen Sie sich ihre Worte vorher genau. Denn wenn sie mir nicht gefallen, dann drehe ich Ihnen Ihr dummes Gesicht auf den Rücken.“

Zuerst sah es für den Bruchteil einer Sekunde so aus, als wollte Quincy sich auf Longley stürzen, aber etwas in dem müden, verstaubten Gesicht mit den eiskalt blickenden grauen Augen ließ ihn sein anfängliches Vorhaben aufgeben.

„Ich wäre Ihnen dankbar, wenn wir jetzt irgendwo schlafen könnten“, sagte Clay Longley zu Growler. Dieser nickte und legte die Schrotflinte in das Regal hinter dem Ausschank zurück, wo sie vorher schon gelegen haben musste. Er griff nach einer Laterne, zündete sie an und ging damit zur Tür.

Zusammen gingen sie über den Vorplatz zu der ehemaligen Mannschaftsunterkunft.

„Es übernachtet hier selten jemand“, erklärte Growler kurz angebunden. „Luxus dürfen Sie hier nicht erwarten.“

Er erhielt keine Antwort, denn sowohl Inez wie auch Clay Longley waren zu müde, irgendein unnötiges Wort zu sprechen.

Sie erreichten das flache, bereits im Verfall begriffene Gebäude, und Growler trat vor ihnen ein. Er leuchtete in ein enges Zimmer mit kahlen, unebenen Steinwänden, in dem zweimal zwei hölzerne Bettgestellte übereinanderstanden, die mit bereits plattgedrücktem Heu ausgefüllt waren. In einer grasarmen Gegend wie dieser ein nicht leicht zu beschaffendes Material. Eine Ratte huschte über den Boden und verschwand in der Dunkelheit. Inez erschauerte trotz ihrer Müdigkeit.

„Die Frau könnte auch drüben im Haus schlafen, aber da ist wenig Platz, und ich weiß nicht, ob sie dort sicher genug ist. Ich habe nämlich einen festen Schlaf.“

„Nein“, sagte Inez schnell und griff nach Clay Longleys Arm. „Ich bleibe hier.“

Growler zündete an der Flamme der Laterne eine dicke Talgkerze an und stellte sie auf das schmale Wandbrett unter dem Fenster zurück, das neben den Betten das einzige Mobiliar darstellte. Dann verließ er mit der Laterne den stickigen Raum.

„Wenn ich bis Tagesanbruch nicht wach bin, dann wecken Sie uns!“, rief Clay Longley ihm nach. Er war nicht sicher, ob Growler ihn noch gehört hatte. Aber das war ihm egal. Er befand sich in einem Stadium wachsender Gleichgültigkeit.

„Elendes Loch“, knurrte er müde, aber ohne ernsthaften Protest. Johnny schlief bereits in einem der unteren Betten. Longley legte sich auf die andere Seite, und er hatte nur den einen Wunsch, tief und fest zu schlafen.

Als er wieder erwachte, war es bereits hell. Erschrocken fuhr er hoch, und das Geräusch, das er dabei verursachte, weckte Inez Hunter. Longley spähte durch das Fenster. Die ersten Sonnenstrahlen fielen über das Land.

„Growler hat uns nicht geweckt“, sagte Inez beunruhigt. Longley fluchte und fuhr mit den Füßen in die Stiefel.

„Vermutlich schläft er noch oder spricht gerade sein Morgengebet.“ Er griff nach dem Revolvergurt am Fußende des Bettes und ging hinaus. Die kühle Morgenluft verscheuchte den letzten Rest von Müdigkeit. Soeben kam Growler aus dem Haus.

„Sie brauchen sich nicht mehr zu bemühen“, sagte Longley mürrisch. Growler zuckte mit den Schultern und kratzte sich den mageren Bauch. Auf seinem verblichenen roten Flanellhemd hatten die Hosenträger zwei dunkle Streifen hinterlassen. Jetzt hingen sie zu beiden Seiten der Hose herab.

„Ich werde mich um das Essen kümmern“, sagte er. „Mit leerem Magen reitet es sich schlecht.“ Er verschwand wieder im Haus, während Clay Longley zum Brunnen ging. Er holte mit dem Eimer Wasser hoch und tauchte sein Gesicht hinein. Das Wasser plätscherte überlaut in der Stille. Hinter sich hörte er Inez kommen. Er fuhr sich mit den nassen Händen über den Nacken und sagte: „Ich glaube nicht, dass El Loco bei Dunkelheit durch die Schlucht heruntergekommen ist. Wir haben noch immer einen guten Vorsprung.“

„Er ist schon da“, sagte sie schlicht.

Longley hob den Kopf und schaute um sich. Wasser tropfte von seinem Kinn und seinen Händen.

„Woher willst du das wissen? Es ist nichts zu sehen.“

„Er ist nie zu sehen, wenn er es nicht will. Aber er ist da, ich spüre das. Ich habe es immer gespürt, wenn er da war. Als wir gestern Abend hier ankamen, zirpten die Grillen in den Büschen, jetzt ist es totenstill. Es ist stets die gleiche unheimliche Stille, wenn er da ist. Ich kenne das. Du wirst ihn niemals hören, wenn er kommt.“

Da war wieder dieses gewisse Etwas in ihrer Stimme, das Clay Longley jedes Mal wütend machte, dieses kaum deutbare Gemisch aus Furcht und Bewunderung, immer, wenn sie von El Loco sprach. Er musste ihn töten. Noch nie hatte er jemand so sehr den Tod gewünscht wie El Loco. Es gab keinen anderen Ausweg mehr, einer von ihnen musste sterben. Und er wusste plötzlich, dass er nicht mehr vor ihm davonlaufen konnte. Hier würde es sich entscheiden hier, an dieser Stelle!

„Vielleicht ist das nur Einbildung“, murmelte er, aber er wusste doch, dass sie recht hatte. Es war kein ruhiger Morgen. Diese Stille war anders, sie barg eine tödliche Drohung in sich.

„Wir haben jetzt ausgeruhte Pferde“, sagte Inez schnell. „Vielleicht können wir noch entkommen?“

Details

Seiten
120
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783738924008
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v452038
Schlagworte
frau desperados

Autor

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Titel: Die Frau des Desperados