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Auftrag für einen Schnüffler

2018 130 Seiten

Leseprobe

Auftrag für einen Schnüffler

von Alfred Bekker


Der Umfang dieses Buchs entspricht 114 Taschenbuchseiten.


Was für eine gigantische Verschwörung an der Geschichte von einem arbeitssüchtigen Wissenschaftler hing, dessen Frau sich angeblich vernachlässigt fühlte, konnte der Privatdetektiv Stu Tammey anfangs nicht ermessen. Es sah alles nach einem einfachen Fall aus, der auch noch gut honoriert werden sollte. Aber genau das hätte Tammey stutzig werden lassen, wäre da nicht diese aufregende Frau gewesen, die ihm die Sinne vernebelte.



Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author / COVER TONY MASERO

© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

w ww.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de



1. Kapitel

Ich bin Stu Tammey.

Ich habe genau achtzig Narben im Gesicht – für jedes halbe Jahr meines Lebens eine – und manche halten mich fast schon für einen Schönling.

Ich wohne unten an der Küste in Saguna, wo es sonnig ist und nur ungemütlich wird, wenn einer dieser Hurrikans uns mal wieder ein bisschen Wind um die Ohren bläst.

Ich bin Privatdetektiv, bevorzuge Revolver gegenüber Pistolen, Dunkelhaarige gegenüber Blondinen und große, schnelle Wagen gegenüber kleinen, langsamen.

Und was Geldanlagen betrifft, ziehe ich Pferdewetten dem Aktiengeschäft vor, was mich in den Augen mancher Snobs vielleicht gesellschaftlich disqualifiziert.

Ich mag also schnelle große Autos, zahlungskräftige Klienten und Aufträge, bei denen sich viel Geld mit geringem Aufwand verdienen lässt, was sich leider meistens umgekehrt verhält.

Ich schreibe im Moment außerdem viele Sätze, die mit ich beginnen, aber es soll mir deswegen niemand psychologisch kommen. Ich will einfach nur meine Geschichte erzählen, das ist alles.

Am Besten, ich fange von vorn an und beginne an dem Zeitpunkt, an dem ich sie traf.

Sue Karber – die am besten blondierte Dunkelhaarige, die mir seit Langem begegnet war.


*


Alles begann an dem Tag, als diese junge Frau Ende zwanzig in mein Büro hereinschneite.

Ich hatte schon seit Wochen keinen richtigen Auftrag mehr gehabt. Nur ein paar kleinere Versicherungssachen, wo es um fingierte Unfallschäden ging.

Um Typen, die ihre ohnehin abbruchreife Hütte selbst angezündet hatten und anschließend eine immense Schadenssumme ersetzt haben wollten, oder um Leute, die Zahlungen ihrer Krankenversicherung bezogen, während sie in Wahrheit putzmunter waren.

So ein Zeug eben.

Wenn es wenigstens ein untreuer Ehemann gewesen wäre, den ich hätte observieren können … Aber so ist das eben, wenn die Wirtschaft am Boden liegt. Ich habe vor drei Jahren schon zu jemandem gesagt: Wenn die Gallone Benzin erstmals über 15 amerikanischen Pence liegt, wird es kritisch! Dann saugen die Öl-Konzerne den Leuten so viel Geld aus der Tasche, dass die meisten Leute für Typen wie mich nichts mehr übrig haben und die Frauen ihre untreuen Ehemänner lieber selbst im Auge behalten.

Ich hatte es mit gemütlich gemacht, die Füße auf den Tisch gelegt und das Fenster etwas hochgeschoben. Der Ventilator war defekt, und ich wagte es nicht, mir einen neuen zu besorgen, bevor ich nicht irgendeinen wenigstens mittelgroßen Fisch an der Angel hätte.

Personenschutz für irgendwelche Starletts zum Beispiel. So etwas hatte ich immer gerne gemacht, obwohl das nicht so doll für das Image ist.

Ehe man sich versieht, gilt man dann nicht mehr als einer der wirklich harten Jungs und bekommt dann die wirklich guten Aufträge nicht mehr.

Wie auch immer.

„Sie sind Mr. Tammey?“, fragte sie und stand plötzlich in der Tür. „Mister Stu Tammey?“

„Bin ich.“

Die Art und Weise, wie sie Stu betonte, hatte was.

Ich warf bei dem Versuch, die Füße möglichst schnell vom Tisch zu bekommen, die Whiskyflasche um, so dass sie scheppernd zu Bogen kegelte.

Die letzten paar Schluck des edlen Tropfens liefen zwischen die Fußbodenbretter meines Büros in der 443 Bolder Lane, vierter Stock.

„Tut mir Leid“, sagte ich, „aber wie Sie sehen, war ich nicht auf Besuch eingestellt.“

Die junge Frau trug eine auffallend dicke Brille. Abgesehen davon, dass sie blind wie ein Maulwurf sein musste, wenn sie ein Gestell mit derart flaschendicken Linsen trug, schien sie mir fast perfekt zu sein.

Ein Kleid aus einem fließenden Stoff schmiegte sich eng an ihre schwindelerregenden Kurven und ließ genug von ihren endlos langen Beinen frei, um sich den Rest auch noch vorstellen zu können – aber nicht so viel, dass es billig wirkte.

Der Schmuck war dezent, ihre Narben auch.

Sie musste sie von einem wirklich guten Tätowierer gemacht haben lassen. Wahrscheinlich in einem der Spitzenläden, wie man sie in Downtown findet, wo man sich für bis zu 5000 Pfund der Union States of America eine schöne Zierleiste auf die Stirn machen lassen kann. Als einmalige Ausgabe war das ja durchaus diskutabel. Aber wenn man einmal einen dieser Läden betreten hatte, war man quasi die Geisel der Schönheitsprofis. Das galt für Männer und Frauen gleichermaßen. Man war praktisch gezwungen, alle halbe Jahr wieder zu kommen, um sich die vom Gesetz zur Bürgeridentifikation vorgeschriebene Halbjahrsnarbe bei einem Luxusstecher machen zu lassen, denn wie sieht eine einzelne 5000 Pfund Narbe neben ein paar billigen Strichen aus, die man sich für weniger als 20 Pfund an einem Highway Drugstore ziehen lassen kann?

Genau!

Billig.

Besonders bei Frauen, denn diese Kombination fand sich vor allem bei den Bordsteinschwalben zwischen Hyper Lane und Atkins Street.

Genau dort, wo jetzt ein großer Club nach dem anderen eröffnet wurde und ein paar Jungs mit wirklich finsterer Vergangenheit das ganz große Geld zu machen hofften.

Aber die Lady, die in mein Büro geschneit war, hatte nichts von diesem billigen Charme. Ihre Narben brachten es an den Tag. Sie hatte schon immer in gediegenen Verhältnissen gelebt. Etwas, das ich nicht von mir behaupten konnte, wie mir auch anzusehen war. Darum hatte ich mir auch vorgenommen, in meinem Leben niemals mehr als zwanzig Pfund für eine Narbe auszugeben, da meine Visage auch dann nicht mehr zu retten war, wenn sich einer dieser 5000-Pfund-Künstler daran versuchte, es zu verschönern.

Aber gut, sagen wir die Obergrenze liegt bei 25 Pfund.

Ein bisschen Hygiene muss ja auch sein.

In der Gewissheit, dass mein bebrilltes Gegenüber die kleinen Unterschiede, die man an Ziernarben so beobachten kann, wohl gar nicht im Einzelnen registrieren konnte, weil dazu ihr Sehvermögen wohl schlicht und ergreifend nicht ausreichte, unterzog die Brillenschlange sowohl mich als auch mein Büro einer kritischen Musterung.

„Ich hoffe, Sie können mir helfen, Mr. Tammey.“

„Hängt ganz davon ab, was Ihr Problem ist.“

„Sie müssen schon entschuldigen, dass ich einfach so hereingeplatzt bin. Die Tür war angelehnt, und eine Klingel habe ich nicht gesehen.“

„Ich weiß. Ist nicht die beste Gegend hier. Aber was Besseres kann ich mir im Moment nicht leisten.“

„Ich dachte, für einen hartgesottenen Kerl wie Sie gibt immer einen Job.“

„Kann schon sein, aber die Zahlungsmoral ist mies geworden.“

Sie zögerte mit ihrer Antwort, warf einen kurzen Blick aus dem Fenster, und wandte sich anschließend wieder mir zu. Ihr Blick ging über die Bügel ihrer dicken Brille hinweg, und ich sah, dass sie eigentlich wirklich hübsche Augen hatte, wenn man sie nicht gerade durch zwei in ein Horrorgestell gepresste Whiskey-Gläser anstarren musste, wodurch sie dann wie die Glupschaugen der Glibbermonster aussahen, wie sie auf den Titelseiten der Pulp-Magazine abgedruckt wurden.

„Mein Name ist Sue Karber“, erklärte sie. „Ich habe einiges über Sie gehört, Mr. Tammey.“

„Ich hoffe, nur Gutes.“

„Sie sollen trotz eines gewissen Hangs zu zwielichtigen Geschäften einer der Besten sein.“

„Einer der Besten?“, echote ich. „Der Beste!“

„Wenn Sie das sagen.“

„Der beste P.I. von Saguna.“

„Der Beste was?“

Ich hatte vergessen, es mit einer Person zu tun zu haben, der jener Jargon nicht geläufig war, in dem diejenigen, die sich um das Gesetz kümmerten, miteinander verkehrten. Damit meinte ich die Cops und die Justiz genauso wie Gauner und Mafiosi, was auf den ersten Blick paradox erscheinen mag. Aber für sie alle war das Gesetz der wichtigste Bezugspunkt, und sie standen ihm mehr oder weniger nahe – wenn auch von verschiedenen Seiten her betrachtet.

„P.I., – Private Investigator“, erklärte ich ihr. „Wen ich nicht finde, der hat nie gelebt.“

„Dann sind Sie genau der richtige Mann für mich!“, hauchte Sue Karber und trat etwas näher an den Schreibtisch heran. Es fehlte nicht viel, und sie hätte ihre teuren Treter in die Scherben meiner Whiskyflasche gesetzt, und ich befürchtete schon, dass man mir für die entstehenden Kratzer etwas vom Honorar abzog.

„Ich bekomme hundert Eier am Tag plus Spesen“, sagte ich. „Sonst läuft gar nichts.“

„Ich nehme an, dass Sie mit Eier, die von der Notenbank der Union States of America ausgestellten Pfundnoten meinen und nicht wirklich in Lebensmitteln bezahlt werden wollen.“

Schlagfertig war sie, das musste der Neid ihr lassen. Ehe ich etwas erwidern konnte, fuhr sie fort: „Ich gebe Ihnen sogar zweihundert Pfund am Tag plus Spesen. Und außerdem noch einen Tausender als Erfolgshonorar.“

Mir fiel die Kinnlade hinunter.

Das war der dicke Fisch, auf den ich schon so lange gewartet hatte.

„Dafür begehe ich sogar einen Mord für Sie – vorausgesetzt, ich finde, dass der Betreffende es verdient hat!“

Sie holte ihr Zigarettenetui hervor, ließ einen Glimmstängel zwischen ihren langen, schlanken Fingern herumtanzen und beugte sich etwas vor. „Haben Sie zufällig Feuer, Mr. Tammey?“


*


Sue Karber zog an ihrer Zigarette und blies mir den Rauch entgegen. Ich stellte ihr einen Stuhl hin, und sie setzte sich.

„Was kann ich für Sie tun?“

„Mein Mann Rex betrügt mich“, sagte sie. „Jedenfalls glaube ich das.“

„Irgendwelche näheren Anhaltspunkte, die diesen Verdacht erhärten könnten?“

Sue atmete tief durch. „Mein Mann ist mehr als zwanzig Jahre älter als ich und ein führender Wissenschaftler in irgendeinem hoch geheimen Regierungsprojekt.“

„Etwas nähere Angaben können Sie dazu nicht machen?“

„Die Arbeit meines Mannes hat mich ehrlich gesagt, nie besonders interessiert, geschweige denn, dass ich sie verstanden hätte. Sie wurde offensichtlich gut bezahlt und war wichtig. Alle Fragen, die ich ihm gestellt habe, hat er auf mehr oder minder diplomatische Weise abgeblockt. Sie kennen ihn nicht. Er ist ein richtiger Herzensbrecher und weiß genau, wo er bei einer Frau ansetzen muss.“

„Der Glückliche. Das Talent hatte ich leider nie. Genau wie es mir wohl an dem nötigen Grips gefehlt hat, um an eine wissenschaftliche Karriere oder dergleichen auch nur denken zu können.“

Ich verzog das Gesicht. Sie blies mir erneut Rauch ins Gesicht, und der ernste Blick, mit dem sie mich bedachte, machte mir klar, dass meine Bemerkung keineswegs ihren Sinn für Humor getroffen hatte. Ich biss mir auf die Zunge. Der Klient ist König.

Und eine Königin, die mir zweihundert Eier am Tag versprach, lief mir nun wirklich nicht alle Tage über den Weg.

„Reden Sie weiter“, forderte ich sie auf. „Erzählen Sie mir alles, wovon Sie glauben, dass es für den Fall wichtig sein könnte.“

„Die Arbeit meines Mannes hat es auch früher immer wieder mit sich gebracht, dass Rex oft lange von zu Hause fort war. Aber in letzter Zeit ist noch etwas dazugekommen. Ich weiß nicht, wie ich das ausdrücken soll, aber …“ Sie zögerte, ehe sie weiter sprach. Ein hörbares Seufzen entrang sich ihren Lippen. „Rex hat sich verändert. Er ist abwesend geworden, und nun ist er schon über eine Woche weg.“

„Er hat sich nicht gemeldet?“

„Nein. Seine Dienststelle vermisst ihn allerdings nicht, und so nehme ich an, dass er sich derzeit in seinem Büro in Desert Haven aufhält.“

Sie holte aus ihrer Handtasche ein braunes Couvert. Darin befand sich ein Foto, das einen Mann von Mitte fünfzig zeigte. Auf der Rückseite war tatsächlich eine Adresse in Desert Haven angegeben.

Das war Rex Karber.

Schütteres, graues Haar, ein hängendes Doppelkinn und ein Paar von Tränensäcken umsäumte Augen, die kaum ahnen ließen, dass Karber wirklich so ein hochintelligenter, ausgeschlafener Kerl war, wie seine Frau mir glauben machen wollte.

Aber der subjektive Eindruck kann ja gelegentlich täuschen.

„Kennen Sie Desert Haven?“, fragte sie.

„Ich war mal dort, hatte aber nicht genug Geld, um länger zu bleiben.“

Desert Haven war mir natürlich ein Begriff.

Ein kleines Nest, das es nur deswegen auf die Landkarten geschafft hatte, weil es in der Gegend ansonsten kaum Siedlungen gab, die größer waren. Aber in den letzten Jahren war es förmlich explodiert und zu einem Spielerparadies geworden.

Außerdem besaß Desert Haven inzwischen einen Flughafen.

Ich kratzte mich am Kinn.

Ein Regierungsprojekt in Desert Haven. Mir war da nichts bekannt. Aber in der Wüste testeten Militär und Geheimdienst vermutlich alles Mögliche. Aber vielleicht arbeitete Rex Karber auch in einem ganz anderen Sinn für die Regierung und untersuchte das Glücksspiel in Desert Haven.

Ich verkniff mir diesbezüglich eine sarkastische Bemerkung. Sue Karber schien mir ehrlich in Sorge zu sein, und für zweihundert Eier am Tag hatte sie auch Anspruch auf ein bisschen geheucheltes Mitgefühl.

„Entschuldigen Sie, wenn ich Ihnen jetzt einen Vorschlag mache, der vielleicht etwas banal klingt …“, begann ich etwas unbeholfen und brach wieder ab.

„Ja?“

„Warum fliegen Sie nicht einfach mit der nächsten Maschine die fünfhundert Meilen bis Desert Haven und spazieren in sein Büro, um sich selbst ein Bild davon zu machen, was er so treibt?“

„Ich vertrage das trockene Wüstenklima nicht“, erwiderte sie und hüstelte etwas. Es klang für mich wie ein Vorwand. Aber was wusste ich schon über Sue Karbers Gesundheitszustand. Vielleicht konnte sie die trockene Luft ja wirklich nicht ab.

Sie schluckte und fuhr fort: „Früher ist er täglich mit der Linienmaschine hin und zurück geflogen, um bei mir sein zu können, denn er wusste, dass ich ihm nach Desert Haven nicht folgen kann.“ Erneut räusperte sie sich. Dann blickte sie mich direkt an. „Oder wollen Sie mir durch die Blume sagen, dass dieser Auftrag für Sie nicht machbar ist, Stu? Ich darf Sie doch so nennen …“

„Wenn Sie es so wollen, übernehme ich die Sache“, versprach ich ihr. Ich freute mich schon auf ein paar schöne Tage in Desert Haven, ein paar lange Nächte in den Clubs. Wenn dann noch eine Glückssträhne im Casino dazukam, war das für mich fast schon so etwas wie der Inbegriff des vollkommenen Glücks.

Schließlich konnte ich von Sue Karber ja wohl erwarten, dass Sie mir einen Vorschuss von ein paar Tagessätzen genehmigte – und das bedeutete, dass ich zum ersten Mal seit langer Zeit wieder ein Casino mit dem nötigen Kleingeld betreten konnte.

Am Ende bekommen die Guten eben doch ihren gerechten Lohn, dachte ich.

Sue Karber schrieb mir einen Scheck aus und ließ ihn mit einer Geste demonstrativer Lässigkeit auf den unaufgeräumten Schreibtisch gleiten.

„Ich denke, dass wird für Ihre Auslagen zunächst mal reichen“, sagte sie. „Die Endabrechnung machen wir, wenn Sie Ihren Auftrag erfüllt haben.“

„In Ordnung.“

Sie wandte sich zum gehen.

„Ach, einen Moment noch, Mrs. Karber …“

Sie hatte mich zwar Stu genannt, aber ich wollte die Sache einfach nicht zu persönlich werden lassen und blieb deswegen bei der eher formellen Anrede. Mrs. Karber – diese Anrede hatte darüber hinaus noch den gewaltigen Vorteil, dass sie mich stets daran erinnerte, dass diese Frau jemand anderem gehörte. Jemandem, der den finanziellen Möglichkeiten nach, mit denen er seine Frau ausgestattet hatte, ein großes Tier war. Und es gleicht schon fast einer irrwitzigen Rebellion gegen Naturgesetze, wenn man versuchte, großen Tieren etwas wegzunehmen, wenn man selbst nicht aus dieser Liga kommt. Davon ließ ich lieber die Finger.

Sue Karber drehte sich herum. Ihr Kleid raschelte dabei. Sie rückte sich die Brille zurecht, ohne die sie wahrscheinlich blind wie ein Maulwurf war. Der Anblick ihrer durch die Brillengläser unnatürlich vergrößerten Glupschaugen brachte meinen Hormonhaushalt auch gleich wieder auf seinen Normalpegel.

„Ja?“

„Was soll ich mit Ihrem Mann machen, wenn ich ihn gefunden habe? Ihm die Leviten lesen oder Sie nur diskret informieren?“

„Das sage ich Ihnen, wenn Sie ihn gefunden haben.“

„Ah, ja …“

„Auf der Rückseite des Fotos ist neben ein paar anderen für Ihre Ermittlungen wichtigen Details auch meine Nummer angegeben. Wir werden in telefonischem Kontakt bleiben.“

„In Ordnung!“

Dann rauschte sie endgültig davon. Die Bürotür fiel hinter ihr ins Schloss, und ich sammelte die Scherben meiner Whiskyflasche auf.


*


Ich machte mich mit meinem alten Pollard Cabrio auf den Interstate Highway 43, der gerade erst eröffnet worden war und wie ein schnurgerader Strich mitten durch die Wüste führte. Von einer Küste zur anderen quer über den Kontinent.

Die Entwicklung einer Stadt wie Desert Haven von einem Wüstennest, wo sich Skorpion, Giftschlange und blaue Sandkäfer gute Nacht sagten, zu einer Stadt, in der das Leben tobte und sich die Syndikate um die besten Clubs richtige Kriege lieferten, wäre ohne den Highway gar nicht möglich gewesen. Die andere Lebensader von Desert Haven war die Wasserpipeline, die vor ein paar Jahren dorthin gelegt worden war, und die es jetzt ermöglichte, dass es im Hotelgarten des DUNE nur so von Springbrunnen wimmelte, während die Orangenzüchter im Madison County jetzt Probleme mit ihrer Ernte bekamen.

Aber was zählen schon die Interessen dieser Landeier gegen die Macht des blanken Goldes, die hier in den Casinos und Shows von Desert Haven steckten. Und neunzig Prozent dieses Geldes war so dreckig, dass man schwarze Finger bekam, wenn man es anfasste.

Ich ließ mir also in meinem Pollard Cabrio den Wind um die Nase wehen und hing während der Fahrt dem Tagtraum nach, dass es sich bei meiner klapperigen Karosserie in Wahrheit um einen 54er Phoenix mit Kuhhorn auf der Kühlerhaube handelte, der wie ein Schiff über die Straße schwebte und mit seinen hundert PS auch satte hundert Stundenkilometer fuhr, wenn man das Gas voll durchdrückte.

Im Radio hörte ich irgend so einen Klugscheißer darüber quatschen, dass man jedes Jahr ein paar tausend Verkehrstote vermeiden könnte, wenn man in allen Autos Sicherheitsgurte installieren würde.

Am Schluss des Interviews meinte der Radioreporter ziemlich süffisant, dass diese Idee sich wohl zum Glück niemals durchsetzen würde. Wer würde denn noch Spaß am Autofahren haben, wenn er gefesselt hinter dem Steuer sitzen müsste?

Ich konnte nicht umhin, dem Reporter zuzustimmen.

Gerade hatte ich das Gebiet erreicht, in dem die Außenbezirke von Saguna in die Wüste übergehen, da tauchte eine schwarze Limousine hinter einem Lastwagen hervor, überholte diesen und setzte sich hinter mich. Die Scheiben waren getönt. Ich konnte von den Insassen nichts erkennen. Aber mir fiel wieder ein, dass mich diese Limousine bereits auf der Cumberland Road begleitet hatte, über die ich zum Interstate Highway gefahren war.

Konnte das Zufall sein?

Paranoia war sicher eine der berufsbedingten psychischen Deformationen, unter der ein P.I. nach Jahr und Tag zu leiden begann. Es war nicht die Frage, ob es dazu kam, sondern nur, wann. Ich hatte es schon so oft bei Kollegen erlebt, dass diese Aussage für mich den Status eines Naturgesetzes hatte. Jetzt ist es also bei dir so weit!, dachte ich. Du fühlst dich schon von weißen Mäusen verfolgt und siehst in jedem Wagen, der mal für ein paar Meilen hinter dir herfährt gleich ein Killerkommando, das dich von deinem Fall abbringen will!

Ich musste über die Absurdität dieser Gedanken schmunzeln, zumal ich bisher wirklich nicht erkennen konnte, was in diesem Fall auch nur ansatzweise gefährlich sein sollte. Rex Karber war schließlich nur ein Wissenschaftler, der seine Ehefrau vernachlässigte – und kein Syndikatsboss.

Trotzdem – ich konnte dem Drang einfach nicht widerstehen, es genau wissen zu wollen.

Und so trat ich das Gas des Pollard Cabrio voll durch.

Mochte der äußere Zustand meines Wagens auch nicht mehr der Beste sein und sich hier und da der Rost durch das Blech gefressen haben – der Wagen war schnell, und man konnte sich auf ihn verlassen. Zwei Eigenschaften, die ich nicht nur an Automobilen schätzte.

Ich scherte also aus, setzte zu einem Überholmanöver an und flog förmlich über den Asphalt des Highway, auf dem die Luft vor Hitze zu flimmern begann.

Um die Geschwindigkeitsbegrenzungen kümmerte ich mich nicht. Ich vertraute einfach darauf, dass die Saguna Highway Patrol genau so chronisch unterbesetzt war, wie man nicht nur in den Zeitungen lesen konnte, sondern wie ich es auch in den letzten Jahren erlebt hatte.

Ich zog also mit dem Cabrio davon.

Zunächst hatte es den Anschein, als würde die schwarze Limousine ein Verfolgungsmanöver starten. Auch sie scherte nämlich auf die linke Spur aus und überholte die langsameren rechts fahrenden Fahrzeuge.

Aber offenbar hatte der Fahrer des schwarzen, mich unwillkürlich an einen Leichenwagen erinnernden Gefährts weit mehr Respekt vor den Bestimmungen der Straßenverkehrsordnung als ich.

Oder er ist ortsfremd in Saguna und weiß nicht, dass dies wahrscheinlich die Stadt an der Küste ist, an der man mit dem geringsten Risiko die Geschwindigkeit überschreiten kann!, überlegte ich.

Dem Nummernschild nach kam er tatsächlich nicht aus Saguna County. Erhöhte das nicht die Wahrscheinlichkeit, dass irgendwer ihn beauftragt hatte, wie ein Schatten an mir zu kleben?

Jetzt spinnst du komplett, Stu!, sagte ich mir.

Aber es war eine Tatsache, dass der schwarze Wagen mir auf den Fersen blieb.

Nicht so, dass es zu auffällig wurde, aber abschütteln ließ er sich auch nicht.

Nach den ersten dreißig Meilen erreichte ich einen Drugstore mit Tankstelle. Ich bog ab. Der schwarze Wagen zog vorbei und verschwand wenig später am Horizont.

Ich genehmigte mir ein Sandwich im Drugstore und kaufte mir die neueste Ausgabe des Saguna County Chronicle und machte eine Pause.

Während des weiteren Weges nach Desert Haven sah ich von der schwarzen Limousine keine Spur mehr.

Wirklich beruhigt war ich deswegen nicht.


*


Ich schlief ein paar Stunden in meinem Wagen auf dem Parkplatz eines Drugstore. Das war die einzige Pause, die ich mir gönnte, und so traf ich am Vormittag in Desert Haven ein.

Dort mietete ich mir in einem billigen Motel ein Zimmer. Dann suchte ich die Adresse auf, die mir von Sue Karber als die Dienststelle ihres Mannes angegeben worden war. Sie befand sich in der Ecke 121.Straße/Cannery Street in einem unscheinbaren fünfstöckigen Gebäude mit Büros von Rechtsanwälten und verschiedenen staatlichen oder privaten Organisationen.

Darunter auch das Büro der staatlichen Glücksspielkommission, die genau zu jenem Bürotrakt gehörte, in dem Rex Karber angeblich arbeitete.

Mir kam das ganze wie ein schlechter Witz vor.

Was sollte ein Wissenschaftler bei der Glücksspielkommission zu suchen haben? Mein untrüglicher Instinkt regte sich. Ein Instinkt, der mir sagte, dass hier mit ziemlich großer Sicherheit etwas ausgesprochen faul war.

Das Cabrio hatte ich am Straßenrand abgestellt. Ich ging zunächst dorthin zurück und überlegte, wie ich jetzt am Besten vorgehen sollte. Schließlich ging ich zu einem der Geschäfte, die sich ein paar hundert Yards an der Cannery Street befanden und kaufte eine Flasche Whisky.

„Ich möchte, dass Sie mir den edlen Tropfen einpacken“, sagte ich.

Der Mann im Laden hatte mindestens schon hundertfünfzig Narben im Gesicht, was bedeutete, dass er Mitte bis Ende siebzig war. Ich war ziemlich gut darin, die Anzahl der Ziernarben, die jemand im Gesicht trägt, zu schätzen. Schließlich hatte man ja nicht immer die Zeit, sein Gegenüber lange genug anzustarren, um sie wirklich zu zählen und auf diese Weise das Alter zu ermitteln.

Der alte Mann packte die Whiskyflasche in ein Paket und schob es mir über den Tresen. Ich bezahlte.

„Ist noch was?“, fragte er, als ich nicht gleich mein Paket nahm und ging.

„Ich habe da drüben an der Ecke ein Schild von der Glücksspielkommission gesehen“, stellte ich fest. „Offenbar unterhalten die ein Büro hier in der Gegend.“

„Die sind doch überall“, meinte der Alte. „Jedenfalls seit ein paar Jahren, als der Rummel hier richtig los ging.“ Er schüttelte den Kopf. Seine Narben waren von einem Billig-Tätowierer an der Ecke gemacht, was man unter anderem daran erkennen konnte, dass die feinen Konturierungen bei den älteren nicht mehr richtig zu sehen waren. Mieser Pfusch. Aber wahrscheinlich unter zehn amerikanische Pfund teuer. Man kann eben nicht alles haben.

„Wissen Sie, Desert Haven ist nicht mehr das, was es mal war.“

„Alles ändert sich“, meinte ich.

„Ja, aber das Meiste leider nicht zum Guten.“

„Wie man es nimmt. Das letzte Mal war ich vor zwei Jahren hier, und seitdem scheint sich die Stadt bereits so stark verändert zu haben, dass man sich kaum noch auskennt!“

„Es ist das verdammte Geld, Mister! Die Syndikate pumpen doch all ihre Pfunde in die Spielhöllen, und die Regierung versucht, das irgendwie mit Hilfe dieser Glücksspielkommissionen zu regulieren.“

„Ist es denn keine gute Idee, die Jagd nach dem schnellen Pfund ein bisschen zu bremsen?“, fragte ich.

„Pah!“, machte der Mann hinter dem Tresen und vollführte dabei eine wegwerfende Handbewegung. „Die Brüder sind doch alle korrupt bis aufs Blut! Ich traue hier jedenfalls niemand mehr.“

„Naja.“

„Früher, sagen wir vor zehn, fünfzehn Jahren, als Desert Haven noch ein kleines Nest war, da habe ich noch nicht einmal meinen Laden abschließen müssen. Jeder hat auf jeden geachtet. Und was ist jetzt? Ich habe mir vor einem Jahr eine Shot Gun besorgt, um nicht ganz wehrlos dazustehen, falls es zu einem Überfall kommt. Drei Geschäfte sind in der letzten Zeit am helllichten Tag ausgeraubt worden.“ Er verzog das Gesicht und fügte hinzu: „Aber wer es bei mir versucht, der wird mit Sicherheit nicht in der Lage sein, so etwas zu wiederholen!“

Der Alte kicherte.

Ich bezweifelte, dass die Vergangenheit, die er für die gute alte Zeit hielt, wirklich besser gewesen war. Er hatte nur einfach wohl irgendwann die Lust verloren, sich den Veränderungen anzupassen und seinen Vorteil daraus zu ziehen. Vor zehn, fünfzehn Jahren war Desert Haven zwar noch eine Kleinstadt gewesen – aber meinen Laden hätte ich auch damals nicht offen stehen gelassen.

Der Alte spann sich eine Art Märchenvergangenheit zusammen. Der Mensch scheint dazu aus irgendwelchen, mir unerfindlichen Gründen eine Neigung zu haben, und ich fragte mich, wann ich genug Narben im Gesicht habe, um auch damit anzufangen. Mit der Wahrheit haben diese Erzählungen dann meistens genauso wenig zu tun wie die sich hartnäckig haltenden Legenden, es hätte früher viel weniger Sterne am Himmel gegeben, aber dafür hätte dort ein Mond seine Bahn gezogen, der das Sonnenlicht reflektierte.

Man lügt sich eben seine Vergangenheit so zusammen, wie man sie für die Gegenwart braucht.

Ich langte in die Innentasche meines beigen Jacketts, dessen Form während der Fahrt von Saguna nach Desert Haven erheblich gelitten hatte, und zeigte dem Alten ein Foto von Rex Karber.

Wenn Karber hier tatsächlich sein Büro hatte, war es ja schließlich nicht ausgeschlossen, dass er in der Umgebung auch mal einkaufte.

„Haben Sie den Kerl hier in der Gegend mal gesehen?“, fragte ich.

„Sind Sie von der Polizei?“

„DHPD, Abteilung für organisiert Kriminalität und verdeckte Ermittlungen“, log ich.

Die Abkürzung DHPD stand dabei für Desert Haven Police Department. Der Alte war so beeindruckt, dass er mich nicht mal nach meinem Ausweis fragte.

Er starrte das Bild an, schüttelte dann aber den Kopf.

„Nein, Sir, jemand mit so filigran gearbeiteten Halbjahresnarben wäre mir wirklich aufgefallen! Da bin ich sicher.“

„Danke.“

„Nichts zu danken.“

„Zu niemanden ein Wort, klar?“

„Klar.“

„Sie würden sonst eine wichtige DHPD-Operation gefährden.“

„Ich verstehe schon“, versicherte der Alte.

Ich nahm den Whisky und verließ den Laden.

Dann ging ich die wenigen Yards zurück zu dem Gebäude, in dem sich Rex Karbers angebliches Büro befand. Irgendwie hatte ich das Gefühl, dass mich hier jemand an der Nase herumführen wollte, und so etwas konnte ich noch nie ausstehen.


*


In der Nähe des Bürogebäudes, in dem sich offenbar auch eine Außenstelle der Glücksspielkommission befand, fiel mir ein etwa zwölf- oder dreizehnjähriger Junge auf. Er lungerte dort einfach nur herum und schien nichts zu tun zu haben. Ich fragte mich, wieso jemand in seinem Alter nicht zur Schule ging. Wahrscheinlich gefiel es ihm dort einfach nicht. Ich pfiff. Er reagierte darauf, drehte sich und sah mich fragend an. Dabei deutete er mit dem Zeigefinger der rechten Hand auf seinen Oberkörper. Ich nickte.

Ja, genau dich meine ich!

Der Junge kam zu mir herüber.

„Willst du dir zwei Pfund verdienen?“

„Was muss ich dafür tun, Mister?“

Ich hielt ihm das Paket mit der Whiskyflasche hin. „Das hier in das Büro der Glücksspielkommission bringen und es für Mr. Rex Karber persönlich abgeben.“

„In Ordnung Sir.“

Der Junge klemmte das Paket unter den linken Arm und steckte die Rechte nach den zwei Pfund aus. Ich gab sie ihm, und er machte sich auf den Weg.

Ich lief in der Zwischenzeit über die Straße. Dort befand sich ein Diner, dessen Fensterfront so zur Straße ausgerichtet war, dass ich die Vorderfront des Bürogebäudes im Auge behalten konnte.

„Was möchten Sie?“, fragte mich der Kellner, während ich nicht einmal den Blick in seine Richtung wandte, sondern stur den Eingang des Hauses an der Ecke im Blick behielt.

„Nur einen Kaffee.“

„Wir haben hervorragenden …“

„Ich möchte nur einen Kaffee – oder muss ich Ihnen ein Trinkgeld geben, damit Sie die Klappe halten?“

Der Kaffee, den er brachte, schmeckte lausig. Vor allem war er so dünn, dass man den Boden der Tasse sehen konnte.

Ich rührte die Brühe nicht an.

Endlich tat sich auf der anderen Straßenseite etwas.

Der Junge trat durch den Eingang des Bürogebäudes ins Freie. Aber er war nicht allein. Zwei Männer in dunklen Anzügen mit Hut eskortierten ihn. Schwarze Sonnenbrillen bedeckten die Augen dieser Männer, die sich nervös nach allen Seiten umdrehten.

Na, wer sagt’s denn, habe ich da etwa jemanden aus seinem Dornröschenschlaf aufgescheucht?

Der Junge sah sich ebenfalls schon um.

Offenbar hatte er die Männer in schwarz zu dem Kerl führen sollen, der da etwas für Mr. Karber abgegeben hatte. Ich beobachtete, dass die Kerle in den schwarzen Anzügen noch ein paar Worte mit dem Jungen wechselten und ihn anschließend gehen ließen.

Einer der Männer in schwarz ging dann zurück in das Bürogebäude. Der andere ging die Straße entlang.

Ich legte ein paar Münzen auf den Tisch und verließ das Lokal. Dabei griff ich mir eine der Zeitungen, die dort für die Gäste auslagen und nahm sie mit, um sie gegebenenfalls als Tarnung benutzen zu können.

Etwa dreißig Yards weiter, die 13. Straße entlang, sah ich den Kerl dann in eine dunkle Limousine einsteigen. Vorher drehte er sich noch einmal nach allen Seiten um. Sein Blick fiel auch in meine Richtung. Ich hob wie beiläufig die Zeitung. Darin bin ich nahezu perfekt.


*


So schnell es ging, ohne dabei besonders aufzufallen, kehrte ich zu meinem Wagen zurück, stieg ein und heftete mich an die Kotflügel der schwarzen Limousine.

Ich folgte dem Kerl in Anzug und Hut durch die halbe Stadt. Dabei hielt ich immer genug Abstand, um die Zielperson nicht auf mich aufmerksam zu machen.

Die Fahrt ging zunächst an den großen Hotels vorbei, die alle an einer großen, breiten Straße lagen, die früher mal eine Schotterpiste gewesen war. Heute war sie achtspurig und trug nacheinander die Bezeichnungen Central Boulevard, Desert Path und Luck Lane.

Die Reklamelichter der Casinos blinkten Tag und Nacht. Hier konnte man in einer Nacht reich werden oder alles verlieren. Aber die meisten Besucher der Casinos, die vor allem an der Luck Lane konzentriert waren, hatten die Rechnung ohne die Mathematik gemacht. Sie vergaßen, dass jedwedes Glücksspiel immer so berechnet wird, dass die Spielbank letztlich immer gewinnt. Das Teuflische ist, dass diese logische Erkenntnis einem keineswegs Immunität vor dem Glücksspielvirus verschafft. Denn schließlich könnte man ja gerade die statistische Ausnahme sein! Der, dem eine Laune der Statistik plötzlich und unverhofft zu einem sorgenfreien Leben oder wenigstens zur Begleichung von ein paar Schuldscheinen verhilft.

Die Fahrt führte zu meiner Überraschung hinaus hin die Wüste in Richtung des hoch geheimen Testgeländes Hot Sands, wo die US Air Force überschallschnelle Kampfflugzeuge ausprobierte.

Das gehört zu dem in unserem Land um sich greifenden Irrsinn, den ich nie begreifen werde. Die Union States of America haben keinerlei Feinde. Wir sind die einzige Nation unseres Planeten. Wer sollte uns angreifen wollen, außer vielleicht irgendwelche Intelligenzen von fremden Sternensystemen, wie es in den Schundromanen beschrieben wird, die auf den holzhaltigen Seiten der Pulp-Magazines abgedruckt werden? Ich habe immer ein paar dieser Pulps zusammen mit meiner Waffe im Handschuhfach meines Wagens. Bei langwierigen Observationen, wenn man tage- und vor allem nächtelang ein Gebäude darauf hin beobachten muss, ob dort ein untreuer Ehemann sich mit seiner Geliebten vergnügt, können einem die Hefte mit den grellbunten Titelbildern schon mal die Zeit vertreiben.

Aber gesetzt den Fall, jemand würde die Union States tatsächlich vom All aus angreifen, so wäre das vermutlich ein Gegner, der uns technisch dermaßen überlegen sein muss, dass es wohl kaum eine Rolle spielen dürfte, ob unsere Kampfjets nun die Schallgeschwindigkeit überschreiten oder nicht.

Ähnliches gilt für die ballistischen Raketen, die Gerüchten zufolge ebenfalls in Hot Sands getestet werden.

Hin und wieder kam es deswegen in der Gegend zu Lichterscheinungen am Himmel, die sich die Bevölkerung nicht erklären konnte, und die dann zu ziemlich wilden Spekulationen führten. Manche wollten darauf hinaus, dass die Aliens längst unter uns sind und mit unserer Regierung einen geheimen Pakt geschlossen haben.

Aber ich mag Verschwörungstheorien nicht.

An den meisten dürfte nicht das Geringste dran sein. Ausgeburten einer kollektiven Hysterie.

Dazu gehörten dann auch vereinzelte Berichte in der Presse und ein paar so genannte populärwissenschaftlichen Abhandlungen, in denen davon die Rede war, dass in Hot Sands die Überreste eines außerirdischen Raumschiffs aufbewahrt wurden.

Details

Seiten
130
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783738923988
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2019 (März)
Schlagworte
auftrag schnüffler

Autor

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Titel: Auftrag für einen Schnüffler