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Auch Kinder sind Leute

2018 150 Seiten

Leseprobe

Auch Kinder sind Leute

Heiter-romantischer Roman von

Freder van Holk


Der Umfang dieses Buchs entspricht 143 Taschenbuchseiten.


Eigentlich will Paul nur an der Hochzeit seines Freundes teilnehmen und zuvor noch einige Tage Urlaub machen. Doch als seine Vermieterin überraschend für zwei Tage verreisen muss und ihre Nichte ebenso überraschend drei schlecht erzogene Jungen im Haus abliefert, mit denen Paul nicht so recht fertig wird, bricht um ihn herum das Chaos aus. Wäre da nicht die hilfsbereite und hübsche Gaby, die ein Herz für Kinder hat, würde Paul verzweifeln. Aber dann sind die Kinder plötzlich spurlos verschwunden.



Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker.

© by Author

© Cover nach Motiven von Pixabay, 2018

© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de



1

Paul Veith, ein hochgewachsener, ansehnlicher Mann – man konnte ihn schon einen bildhübschen Kerl nennen –, stand vor dem Direktor Josef Wedderin, etwa 60 Jahre alt, klein, mollig, eigentlich schon dick, der leicht selbstgefällig wirkte.

Sie kannten sich beide gut. Paul Veith hatte eine Großhandlung in Kunststoffmaterialien und -artikeln, und Wedderin war ein Kunststoff-Fabrikant, dessen Erzeugnisse Paul u. a. mit verkaufte.

Paul hatte auf einer kleinen Gesellschaft – sprich Party – Elfriede, die dritte Tochter Wedderins kennengelernt, und sie gefiel ihm recht gut, so dass er sich entschlossen hatte, bei dem Vater um ihre Hand anzuhalten. Vorher hatte er mit Elfriede gesprochen, ohne eine sichere, endgültige Antwort zu bekommen. Sie hatte seltsam gelächelt, und es sah beinahe so aus, als wenn es ihr Vergnügen mache.

Paul wurde nicht von der umwerfenden Liebe – die oder keine – geplagt, nein, so schlimm war es nicht, aber er war in den Dreißigern und hatte das Junggesellendasein satt bis zum Halse. Ohne eine Frau, das spürte er, würde er sich geschäftlich aufreiben. Er brauchte sie einfach, und er glaubte, mit Elfriede Wedderin eine gute Ehe zu führen.

Josef Wedderin schien sehr erstaunt zu sein, als er zu ihm kam, und musterte ihn sehr genau von oben bis unten. Die Musterung, die den äußeren Menschen betraf, fiel gewiss nicht ungünstig für ihn aus.

Herr Wedderin bat ihn, Platz zu nehmen.

Dann fragte er ihn nach seinen finanziellen Verhältnissen und nach Tod und Teufel. Paul hatte keine Veranlassung, ihm die Fragen nicht gewissenhaft zu beantworten.

Schließlich sagte Herr Josef Wedderin: „Es ist sehr gut, dass ich mal mit Ihnen reden kann, Herr Veith, denn Sie verkaufen ja auch von meiner Produktion einen ganz schönen Posten. Sagen Sie, warum machen Sie es sich so schwer? Ich habe Ihren letzten Kundenkatalog gesehen. Ja, um Gottes willen, da haben Sie ja bald 2000 Artikel drin. Warum belasten Sie sich so? Das sind doch viel zu viele Artikel.“

Veith hörte den Ausführungen zu. „Zugegeben, die Vielfalt der Artikel der Kunststoffbranche macht mir das Geschäft nicht immer leicht. Es erschwert sogar das Geschäft, aber ich bin der einzige Grossist, der in Puncto Kunststoffe und Kunststoffwaren wirklich eine führende Stellung einnimmt.“

„Schön, das mag wohl sein, aber in den Zeiten des Personalmangels, ich bitte Sie, da kann man sich doch nicht mit dieser Belastung herumschlagen.“

„Verzeihung“, entgegnete Paul ruhig, dem es jetzt langte, „ich bin nicht zu Ihnen gekommen, um von Ihnen gute Ratschläge zu erbitten. Sie mögen Ihr Geschäft führen, wie Sie wollen, aber mein Geschäft führe ich selbst, Herr Wedderin! Darf ich Sie daran erinnern, dass ich um die Hand Ihrer Tochter Elfriede angehalten habe.“

„Ich weiß!“, sagte Herr Wedderin verstimmt. „Elfriede … das ist unmöglich! Sie ist ja verlobt und heiratet in drei Wochen!“

Paul starrte den Sprecher wortlos an. „Was? So ein kleines Biest ist das?! Führt mich an der Nase herum.“

„Ich muss doch wohl bitten! Meine Tochter tut das nicht!“

„Zum Donnerwetter, Sie hat es getan! Und Sie … reden mir ein Loch in den Bauch, statt mich sofort aufzuklären! Was soll das?“ Paul fuhr den Fabrikanten reichlich grob an.

„Was das soll? Ich hab’ ja noch zwei Töchter! Die Marianne und die Selma! Ich meine … man hätte ja darüber sprechen können, nicht wahr?“

Aber Paul hatte keine Lust darüber zu reden.

Er verließ das Haus fluchtartig.



2

Paul war nicht wieder ins Geschäft gegangen.

Er war ein Mann, der klare Entscheidungen liebte.

In sieben Jahren hatte er die führende Großhandlung in Kunststoffen und Kunststoffartikeln aufgezogen. Die Firma wuchs und gedieh, aber dann stellten sich große Schwierigkeiten ein, die organisatorischer Natur waren.

Eine Großhandlung von einer solchen Ausdehnung mit so vielen Artikeln verlangte viel Personal, und ein gutes Personal dazu. Und das bekam er einfach nicht mehr. Er zahlte gut, aber Phantasiegehälter konnte er als Grossist nicht aufbringen.

So sah er denn – immer vorausgesetzt, dass das Wirtschaftswunder noch ein halbes Dutzend Jahre anhielt – den Augenblick kommen, wo er einfach festsaß.

War es nicht gescheiter, jetzt zu verkaufen? Er hatte ein sehr gutes Angebot einer anderen Grossistenfirma, die in Kunststoff einsteigen wollte, vorliegen, weil sie mit einem Großversandhaus zusammenarbeitete.

Vierzigtausend Mark bar auf den Tisch und Übernahme des Lagers gegen Barzahlung, Einkauf minus 10 %.

Was fing er dann an?

Er konnte leider der Frage nicht nachhängen, weil plötzlich Besuch kam. Es war ein erfreulicher Besuch, denn sein Lehrkollege, mit dem er früher die Schulbank gedrückt hatte, der immer vergnügte Vertreter von Landmaschinen, Karl Becker, kam zu Besuch.

„Fein, dass du dich wieder einmal sehen lässt!“, sagte Paul erfreut. „Du hast doch ein bisschen Zeit? Bist du mit dem Wagen da oder …?“

„Mit dem Wagen! Also Alkoholika scheiden nach den neuen Strafbestimmungen der neuen Verkehrsordnung aus. Wenn deine Haushälterin …“

„Aus! Sie ist mir weg engagiert worden! Nach Bonn in einen Diplomatenhaushalt. Eine Neue habe ich noch nicht bekommen. Aber ich koche uns selbst schnell eine Tasse Kaffee!“

Das geschah auch, und nach ein paar Minuten tranken sie einen guten Pulverkaffee.

„Du wirst über den Grund meines Kommens überrascht sein“, begann Karl Becker. „Ich bin gekommen, um dich zu meiner Hochzeit einzuladen!“

Paul glaubte nicht recht zu hören. Dann lachte er und klopfte seinem Freund auf die Schulter. „Ich sage es ja, wir müssen alle mal ran! Und wer ist die Glückliche?“

„Es ist die Tochter eines Großindustriellen! Klopfer! Hat in München eine Traktorenfabrik, die ich leiten soll, und verdient damit eine Menge Geld. Das steckt er in seine notleidende Landwirtschaft, und er hat sich auf diese Weise das Mustergut bei Odelsfeld auf gebaut! Wert gut zwei Millionen Mark.“

„Deinen Worten entnehme ich, dass du in der Wahl deines Schwiegervaters vorsichtig gewesen bist.“

Karl Becker nickte ihm zu. „Stimmt, Paul, aber … das schöne ist, mir gefiel Beate so gut, ich war verlobt mit ihr … und hatte von ihren persönlichen Verhältnissen keine Ahnung. Dass sie sich dann als eine so gute Partie herausstellte, darüber war ich nicht böse. Also, mein Junge, auf Rittergut Odelsfeld Hochzeit am sechzehnten Juni! Du kommst doch? Meine Braut hat eine sehr nette Schwester! Noch unverheiratet! Ich habe dich als Brautführer für sie bestimmt. Du wirst dich mit ihr gut verstehen. Sie ist noch unverheiratet! Wer weiß! Ich kenne deinen Geschmack nicht genau! Aber … ein feiner Kerl! Ich habe ihr dein Bild gezeigt! Sie war ganz begeistert. Sozusagen Liebe auf den ersten Blick!“

Paul lachte mit ihm vergnügt zusammen. Dann aber erzählte er ihm von seiner verunglückten Brautwerbung und schloss mit den Worten: „Ich habe das Gefühl, es ist gut so! Ich werde schon noch eine nette Frau finden! Hast du nicht ein Bild deiner Schwägerin mit?“

„Leider nicht! Aber … schau dir sie mal persönlich an. Wäre doch fein, wenn wir auf diese Weise wieder enger zusammenkämen. Was macht im Übrigen das Geschäft?“

„Ich bin eben im Begriff, mich zu dem Entschluss durchzuringen, es zu verkaufen.“

Karl Becker starrte ihn überrascht an, aber irgendwie schien es ihn zu freuen, und er hörte ihm sehr aufmerksam zu, als ihm Paul die Gründe auseinandersetzte.

„Offen ist nur die Frage: Was fang ich dann an? Ich mache mir keine Sorgen, aber …“

„Du, ich hätte das Richtige für dich!“

„Und das wäre?“

„Du kommst mit zu mir in die Traktorenfabrik und übernimmst den ganzen Außendienst.“

„Gar nicht übel! Wir könnten uns nach der Hochzeit einmal darüber unterhalten.“

Als sie sich dann voneinander trennten, versprach Paul seinem Freund, pünktlich zur Hochzeit zu erscheinen. Auch er war mit einem Male allerbester Laune.



3

Gut Ding will Weile haben!, ist ein Sprichwort. Aber es passt nicht in jedem Falle. Manchmal muss eine gute Sache auch schnell gehen.

Bereits zehn Tage später hatte Paul sein Geschäft und sogar das kleine Einfamilienhaus, in dem er wohnte, verkauft. Das sollte aber erst in 8 bis 12 Wochen in die Hände des Käufers übergehen, erst dann, wenn Paul woanders Fuß gefasst hatte.

Die Käufer waren sehr seriöse Leute. Paul hatte alles gut vorbereitet. Fünf Mann stark kamen sie, zusammen mit dem Wirtschaftsprüfer, der sich über die Bücher machte und sie prüfte. Drei andere gingen an Hand der genauen Listen den Warenbestand durch. Artikel für Artikel wurde sauber abgehakt, und dann machte man Paul Komplimente, dass alles so prächtig vorbereitet war.

Bereits am dritten Tage war der Kauf perfekt, die Verträge geschlossen und unterzeichnet und die Gelder gezahlt.

Paul blieb noch eine Woche im Geschäft und führte den neuen Leiter ein – am liebsten hätten sie ihn selbst als Leiter behalten, aber Paul hatte abgelehnt – und dann am elften Tage saß er in seinem Hause und drehte Däumchen.

Also in etwa zwei Wochen war die Hochzeit.

Das Wetter war wunderbar. Ferien waren bei ihm immer klein geschrieben worden. Wie wäre es denn, wenn er jetzt sich in der Nähe von Gut Odelsfeld, auf dem die Hochzeit stattfand, irgendwo als Feriengast einquartierte?

Er konnte ja ein wenig ausspannen.

Er kramte seinen Autoatlas hervor und suchte Odelsfeld. Da lagen ein paar nette größere Dörfer in der Nähe.

Er überlegte nicht lange. Er packte seine Koffer, und am nächsten Tag ging es die Autobahn Richtung Frankfurt – München hinunter.

Er fand eine sehr nette Bleibe bei einer Frau Weidemann, in einem Marktflecken. War es ein Dorf oder eine Kleinstadt? Er wusste es nicht. Er hatte das Gefühl, dass er sich dort sehr wohl fühlen würde!

Armer, armer Paul! Du weiß ja nicht, was dir noch bevorsteht!



4

Paul Veith saß behaglich in einem der altmodischen, schweren Sessel, rauchte eine Zigarette und genoss seine Umgebung.

Das Wohnzimmer der alten Frau Weidemann lag an der Südseite eines fast neuen Flachbaus im Bungalowstil und öffnete sich mit breiten Glastüren auf eine sonnige Terrasse, hinter der sich wenige Kilometer entfernt die ersten Steilwände der Alpen aufbauten. Auf der Brüstung der Terrasse leuchteten Blumenkästen. Ringsherum war es still, als ob die ganze Welt Sonntag hätte.

Die Möbel hatten erst einige Jahrzehnte hinter sich und besaßen keinen Altertumswert. Sie wirkten trotzdem gemütlich. Tiefreichende Vorhänge gehörten dazu, ferner ein recht wertvoller Teppich auf dem bespannten Boden, sowie einige dünne, seidige Gebetsteppiche, drei prächtige Originalgemälde unbekannter Meister, an der Schmalseite ein kleines Treibhausviertel aus Gummibäumen, Sanseverien, Zimmerlinden und Blumen verschiedener Art, in der aufgesetzten Glasvitrine hübsche Porzellanstücke – alles in allem das liebevoll gepflegte Wohnzimmer einer alten Dame, das in ein neues Heim verpflanzt worden war.

Er war froh, dass er sich entschlossen hatte, diese Tage zwischen den geschäftlichen Verhandlungen in München und der Hochzeit in Odelsfeld zu einer Atempause zu machen. Er hatte es ohnehin nötig, einmal Luft zu holen.

Die alte Frau Weidemann hatte ihn gern untergebracht, obgleich er so zeitig kam, aber dann war sie doch in Verlegenheit geraten, als sie für zwei oder drei Tage zu einem dringenden Krankheitsfall in ihrer offenbar weitverzweigten Verwandtschaft gerufen wurde. Ihr Vertrauen auf ihren jungen Gast überwand alle Schwierigkeiten, wobei sich allerdings nicht sagen ließ, ob sie mehr seinem Charakter oder mehr der Einladung zur Odelsfelder Hochzeit vertraute. Jedenfalls übergab sie Paul die Schlüssel und genügend Verhaltensmaßregeln, empfahl ihm ihr Heim und reiste ab.

Ihr Vertrauen ehrte. Sie sollte ihr Heim genau so wiederfinden, wie sie es verlassen hatte. Dafür würde er, Paul Veith, sorgen.

Hoffentlich vergaß er nachher nicht, den Aschenbecher, mit in die Küche zu nehmen.

Die Klingel schrillte auf.

Irgend jemand stand draußen an der Gartenpforte und drückte auf den Klingelknopf oder schon an der Haustür? Hatte er eigentlich die Gartenpforte abgeschlossen oder nicht? Frau Weidemann hatte ihm aufgetragen, sie stets abzuschließen, damit nicht irgendwer einfach in den Garten und von dort ins Haus hineinlief. Der Bungalow gehörte zu einer neuen Siedlung mit einer Reihe ähnlicher Bungalows, die sich alle mit Blumen, Büschen und Hecken gegen die Straße und ihre Nachbarn abdeckten, so dass man nicht sehen konnte, was nebenan vorging. Wie viele Menschen hielt sich die alte Dame hinter einer abgeschlossenen Gartenpforte für sicherer, obgleich es keine Mühe bereitete, mit einer Flanke über die Pforte zu setzen.

Die Klingel schrillte immer noch.

Vielleicht war es der Stromableser?

Paul Veith stemmte sich aus dem Sessel heraus und machte sich auf den Weg.

Sie standen nicht vor der Gartenpforte und auch nicht vor der Haustür. Irgendwer von ihnen hatte entdeckt, dass nicht einmal die Haustür abgeschlossen war, obgleich doch Frau Weidemann wiederholt darum gebeten hatte.

Sie standen bereits in der kleinen Diele und füllten sie aus: ein Mann, eine Frau, drei Kinder, ein Hund und drei Koffer, sowie einige Tragtaschen.

Die Tragtaschen stammten von verschiedenen Fluggesellschaften, platzten fast auseinander und sahen aus, als hätten sie einige erfolgreiche Abstürze hinter sich.

Die drei Koffer bestanden aus feinem, dünnem Leder, trugen zahlreiche Hotelaufkleber und hauchten den Duft der großen weiten Welt aus. Angesichts solcher Koffer erschien es geradezu als Vergnügen, Hausdiener in einem Hotel zu sein.

Der Hund war ein drahthaariger Terrier mit kurzem Wedelstummel, der es mit den Nerven hatte. Er hetzte mit kurzen, blaffenden Lauten, während er zwischen den Beinen herumquirlte und bald hier, bald dort mit seiner Schnauze anstieß, als wollte er zur Aktion ermuntern. Vermutlich besaß er einen ansehnlichen Stammbaum. Ein hübsches Kerlchen!

Die drei Jungen waren noch viel hübscher. Der kleinste konnte drei Jahre alt sein, der mittlere neun und der älteste vierzehn. Sie trugen alle drei lange, hellgraue Hosen und dunkelblaue Blazer mit Metallknöpfen, so dass sie leicht uniformiert und wie Schüler einer vornehmen Schule wirkten – wenn auch wie solche, die sich eben noch ein bisschen gerauft hatten.

Alle drei waren wirklich bildhübsch. Der Große machte es in dunklen Tönen und zielte ungefähr auf einen späteren spanischen Granden. Der Mittlere leuchtete in einem sehr hellen, schwedischen Blond mit sehr großen, sehr unschuldigen und sehr blauen Augen. Der Kleine hielt sich farblich auf einer weniger auffallenden Mittellinie, besaß dafür aber graue, staunende Kinderaugen, die jedes einigermaßen empfindsame Gemüt auf Anhieb zum Taschentuch greifen ließen. Und alle drei waren einen Maler wert.

Während sie unter dem Kläffen des Hundes aus dem Blickfeld glitten, beunruhigte sich Paul mit dem Gedanken, dass er die Frau kannte oder wenigstens schon einmal gesehen hatte. Sie war recht ansehnlich, vielleicht um die Mitte Dreißig herum, mit einem hübschen und aparten Gesicht, das sie allerdings wohl zum großen Teil der Kosmetik verdankte. Ihre blassgrauen Augen wirkten so kühl, dass eine weitergehende Begeisterung nicht aufkam.

Er konnte sie nicht unterbringen. Dabei trug sie ein weißes, sehr sommerliches Kostüm, das genug von ihren schönen Beinen und ihrer guten Figur sehen ließ.

Der Mann konnte Mitte Vierzig sein, wenn auch seine grauen Haare ein paar Jahre voraus waren. Sein rundes Gesicht gab eine gehetzte Jovialität von sich. Wahrscheinlich besaß er einen freundlichen und weichen Charakter, der seine Ecken und Kanten von einer gewissen Nervosität bekam. Er trug eine übergroße Sonnenbrille, eine Lederjacke und enge Hosen, die sich an seinen kurzen, dicken Beinen stauten.

„Andechser“, sagte er, während er eine weiche Hand reichte. „Meine Frau werden Sie ja wohl kennen. Mady Tillhoven! Oder?“

„Doch, doch“, versicherte Paul, denn eben fand er den Kontakt. Ein Filmstar mittlerer Güte, dem man gelegentlich in einer Illustrierten begegnete. „Freut mich. Paul Veith.“

„Wie nett!“, freute sich die Frau mechanisch, während sie ihm die Hand reichte. „Wo bleibt denn meine Tante? Ist sie nicht zu Haus?“

„Leider nicht, gnä’ Frau. Sie musste plötzlich zu einer kranken Verwandten reisen, wird aber morgen oder übermorgen zurückkommen. Wollen Sie nicht eintreten?“

„Aber nein“, wehrte sie kühl ab. „Wir müssen gleich weiter. Wir können uns nicht erst aufhalten. Verreist? Wieso ist sie verreist? Sie weiß doch, dass wir die Kinder bringen?“

„Sie hat mir nichts davon gesagt. Sicher wird sie es sehr bedauern, dass Sie sie nicht angetroffen haben.“

„Ich weiß nicht … Diese plötzliche Reise ist mir verdächtig. Wer sind Sie denn überhaupt?“

„Veith“, wiederholte er vorsichtshalber seinen Namen. „Ich bin nur Gast. Ihre Frau Tante hat mich für einige Tage aufgenommen, weil ich hier in der Nähe an einer Hochzeit teilnehmen soll. Wenn ich Ihrer Frau Tante etwas ausrichten soll, bin ich gern bereit …“

Sie hörte ihn nicht erst zu Ende an, sondern wandte sich an ihren Mann.

„Was machen wir denn nun? Sie ist nicht da! Wir können doch die Kinder unmöglich mitnehmen?“

„Ausgeschlossen“, bekräftigte Andechser. „Absolut unmöglich. Sie hat uns doch extra geschrieben, dass sie sich darauf freut, die Kinder …“

„Du siehst doch, dass sie nicht da ist“, unterbrach sie gereizt. „Das ist doch wirklich eine Rücksichtslosigkeit – eine Rücksichtslosigkeit …“

„Wenn sie morgen wiederkommt …“

„Ja, natürlich. Der Herr ist sicher so liebenswürdig, sich inzwischen – mein Gott, schon so spät? Wir haben wirklich keine Minute mehr Zeit. Und die Kinder sind schon wieder so lebhaft!“

Das war milde ausgedrückt. Aus dem Wohnzimmer klang es heraus, als fände sich ein Wirbelsturm nicht in ihm zurecht. Paul zog es jedenfalls vor, auf weitere Höflichkeiten zu verzichten und lieber im Wohnzimmer nach dem Rechten zu sehen.

Zu spät! Er erkannte den Raum schon nicht wieder.

Der blonde Neunjährige jagte eben hinter dem Terrier her, mitten durch den grünen Winkel hindurch, der für sie wohl eine Art Urwald darstellte. Das Gestell mit den Blumentöpfen lag umgekippt auf dem Fußboden. Die blühenden Pflanzen hatten ihre Töpfe und viel Erde verloren. Die Bodenbespannung verfärbte sich unter der feuchten Erde. Der große Gummibaum – größter Stolz von Frau Weidemann – hing halb geknickt. Eine Sanseveria spreizte sich halb zertreten. Der ganze grüne Winkel war durcheinandergeraten und war noch nicht am Ende seiner Leiden angelangt, denn Hund und Junge tollten unbekümmert weiter durch ihren Urwald.

Der kleine Dreijährige musste es mit dem Forscherdrang haben. Er stand vor den offenen Türen des Büfetts und räumte aus. Um ihn herum lag zerbrochenes Geschirr. Eben warf er die Fotoalben von Frau Weidemann mit den Bilderinnerungen ihres Lebens bedenkenlos auf die Seite und fischte sich vom Boden eine Praline auf – nicht die erste, wenn es nach Gesicht und Händen ging. Vorher musste er schon am Nähtisch gewesen sein, denn um diesen herum lag wild verstreut alles, was in ein rechtes Nähkörbchen hineingehört.

Der Vierzehnjährige hielt es mit dem Sport. Er wippte in einem der alten Sessel herum, dass die Federn knirschten, und sprang mit dem Schwung seines selbsterfundenen Trampolins in den nächsten Sessel, um von dort aus wieder zurückzufedern. Auch er musste vorher schon fleißig gewesen sein, denn auf dem Teppich lagen einige Stücke aus der Vitrine herum, an die nur er heran gekommen war.

Alles in allem – die Kleinen tobten, als müssten sie das Zimmer innerhalb der nächsten Minuten zu Kleinholz machen.

Paul schaffte auf Anhieb nicht mehr als ein Röcheln. Die Szene erschlug ihn. Das Wohnzimmer der alten Dame, in dem sie nicht einmal ein Stäubchen duldete! Wenn sie das zu sehen bekam, traf sie schlicht und einfach der Schlag.

„Aber …“, gurgelte er anschließend.

„Mein Gott, die Kinder!“, hörte er neben sich die kühle Stimme der Frau. „Was sie jetzt schon wieder anstellen! Du solltest ihnen wirklich einmal eine herunterhauen, Mäuschen.“

Mäuschen brannte sich eben eine Zigarette an und warf das Streichholz auf den Teppich.

„Meine Kinder werden nicht geschlagen“, antwortete er mit stolzem Nachdruck. „Was können sie dafür, dass deine Tante nicht da ist, obgleich sie es versprochen hat?“

Paul fand diese Logik etwas abseitig, befand sich aber nicht in der Stimmung, sie näher zu untersuchen.

„Aufhören!“, brüllte er in das Durcheinander hinein. „Seid ihr verrückt geworden?“

„Nicht so schreien!“, bat Andechser nervös. „Das sind sie nicht gewöhnt. Kinder muss man mit Güte zur Einsicht bringen.“

Die Kinder waren offenbar der gleichen Meinung. Sie fuhren in ihren Beschäftigungen fort, nur übte sich der Große jetzt im Salto auf dem Sofa, während der Kleine an der Büfetttür hochkletterte und nach den Dingen weiter oben angelte, und der Mittlere mit der Blumenerde Fußball auf dem wertvollen Teppich spielte und der Hund nach den fliegenden Erdklumpen haschte.

„Schluss!“, brüllte Paul weiter. „Aufhören! Verdammte Bande!“

„Werden Sie doch nicht gleich ordinär“, bat die Mutter kalt. „Ich bin ja auch nicht dafür, den Jungen allen Willen zu lassen, aber ordinär brauchen Sie deshalb nicht gleich zu werden. Die Kinder haben eine gute Kinderstube und sind solche Ausdrücke nicht gewöhnt.“

Paul schreckte etwas zurück. Immerhin wollte er auch nicht gerade als Flegel in die Annalen eines Filmstars eingehen. So erstickte er lieber einiges.

„Verzeihung, aber – aber das geht doch nicht, gnä’ Frau? Sie demolieren ja das Wohnzimmer! Wenn Ihre Frau Tante das sieht …“

„Oh, Sie können es ja dann wieder aufräumen, nicht wahr? Die Jungen helfen Ihnen bestimmt dabei. Sie sind so reizend, wenn sie wollen.“

„Sie werden schon mit ihnen zurechtkommen“, beruhigte Andechser von der anderen Seite her. „Sie sind bestens erzogen. Man braucht es ihnen bloß klarzumachen, dann benehmen sie sich auch anständig. Aber jetzt müssen Sie uns wirklich entschuldigen. Unsere Bekannten warten, und ….“

„Mein Gott, schon so spät?“, entsetzte sich der Filmstar. „Wenn wir uns nicht beeilen …“

„Nicht!“, brüllte Paul durch den Raum und rannte auf den Dreijährigen zu, der auf der unruhigen Türkante balancierte und eben nach einer kostbaren Rokoko-Uhr unter einer Glashaube angelte.

Er erreichte ihn noch rechtzeitig und holte ihn von der Türkante herunter. Der Hund interessierte sich für den Fall und tanzte um Paul herum. Der Blonde kam mit einem Rest Azalee, von dem die Erde krümelte, hinterher. Der Große verzichtete auf weitere Turnübungen und hockte sich auf eine Sessellehne. Er war es auch, der die plötzliche Stille unterbrach.

„Ich würde ihn nicht verhauen“, sagte er sachlich. „Der schreit wie am Spieß, und das von Mittag bis zum Abend.“

Paul holte tief Luft und bezwang seine barbarischen Gelüste.

„Macht, dass ihr rauskommt, und das schnell“, knirschte er. „Und wenn ihr euch nicht beeilt, haue ich euch alle drei durch, auch wenn ihr dann bis ans Ende der Welt brüllt. Schert euch zu euren Eltern, hopp!“

Die drei Jungen blickten sich an. Nach einer Pause grinste der Älteste und sagte hämisch: „Sie haben es wohl nicht mitgekriegt? Wir sollen hier bei dieser Tante bleiben. Unsere Eltern sind schon wieder fort. Die müssen nach Italien.“

Paul starrte ihn an.

„Bei dir piept’s, was?“

Der Junge begnügte sich mit einem Achselzucken, das ein spanischer Prinz nicht besser gebracht hätte. Es genügte immerhin, um Paul eine Ungeheuerlichkeit ahnen zu lassen.

Er ließ den Kleinen los und rannte hinaus.

Er kam gerade noch zurecht, um einen teuren amerikanischen Wagen mit deutscher Nummer von der Bordkante wegzischen zu sehen.

„Ihre Kinder!“, brüllte er hinterher. „Nehmen Sie die Jungen mit!“

Der Filmstar hob den Arm und winkte freundschaftlich zurück. Dann kurvte der Wagen um die Ecke.



5

Paul Veith blickte von der Gartenpforte aus benommen auf die Stelle, an der der Wagen verschwunden war. Er weigerte sich, zu glauben, was ihm widerfuhr. Das konnte doch wohl nicht wahr sein, dass diese Leute ihre Kinder bei ihm abluden und es kaltblütig ihm überließen, mit ihnen fertig zu werden.

Rabeneltern! Sie fuhren nach Italien und kümmerten sich einen Dreck darum, was aus ihren Kindern wurde. Und sie hatten sich nie um ihre Kinder gekümmert, sonst würden sich die Jungen anders benehmen. Keine Spur von Erziehung!

Das war wieder einmal typisch! Diese Leute dachten nur an sich und ihre Vergnügungen. Kinder waren ihnen nur lästig. Dabei konnten sie in jeder Illustrierten nachlesen, dass Kinder Nestwärme, Mutterliebe und das alles brauchten, wenn sie richtig gedeihen sollten. Wahrscheinlich machten sie sich nicht einmal Gedanken darüber, warum es einen Familienminister gab. Die Kinderbeihilfen schlucken und sieh ein süßes Leben davon leisten, während die Kinder verkamen! Typisch, typisch!

Andererseits – er durfte natürlich auch nicht mit aller Gewalt ungerecht sein, weil er den Schaden hatte. Die Frau war immerhin ein Filmstar, also ein Kulturträger erster Ordnung, ganz zu schweigen von der Kunst. Kunst und Kultur verdienten Nachsicht. Man durfte sie nicht mit der normalen Elle messen. Was bedeuteten schon diese paar Kinder, wenn Millionen darauf warteten, Mady Tillhoven im Schaumbad zu sehen, oder was sie sonst noch trieb? Und ihre Beine hatten schon so viele Männerherzen erfreut, dass es nicht zählte, wenn ein Mann einmal die Plage mit ihren Kindern hatte.

Überhaupt musste man es wohl von ihrer Seite sehen. Sie fuhren wohl kaum zum Vergnügen nach Italien, sondern weil sie einen wichtigen Termin einzuhalten hatten. Vielleicht handelte es sich um einige Filmaufnahmen, auf die das deutsche Volk wartete, vielleicht auch um Verträge für zukünftige Filme? Jedenfalls nicht zum Vergnügen. Wer fuhr schon noch zum Vergnügen nach Italien?

Bei Licht besehen konnte man den beiden wirklich keinen Vorwurf machen. Sie hatten zweifellos mit der alten Frau Weidemann alles vorher vereinbart. Sie mussten nach Italien, aber die Kinder sollten zuvor ordentlich bei der Großtante untergebracht werden. Sie konnten nichts dafür, dass die Großtante Weidemann plötzlich nicht anwesend war, um die Kinder in Empfang zu nehmen. Ihre Termine zwangen sie, die Kinder in der Obhut eines Fremden zu lassen, wenigstens bis morgen, aber was hätten sie sonst auch tun sollen? Sie konnten die Kinder nicht mitnehmen, aber auch nicht am Straßenrand stehen lassen. Im Haus der Großtante und unter der Aufsicht eines erwachsenen Mannes waren sie immer noch am besten aufgehoben.

Paul Veith fand nach diesen Überlegungen nicht mehr den richtigen Zorn auf die Entschwundenen in sich. Dafür wälzte sich aber ein Problem wie ein Berg über ihn hin.

Jetzt saß er da mit drei fremden Jungen, die außer Rand und Band waren und das Haus innerhalb der nächsten Stunden in eine Ruine verwandeln würden, wenn sie so weiter tobten.

Was sollte er mit ihnen anfangen?

An die Luft setzen?

Das ging nicht. Er konnte sie nicht einfach mit Sack und Pack auf die Straße setzen. Das konnte er der alten Dame nicht antun. Sie trug die Verantwortung. Es war ihre Schuld, dass sie nicht anwesend war, um die Kinder persönlich in Empfang zu nehmen. Wenn einem der Jungen etwas passierte – wie leicht konnte so ein Kind überfahren werden – fiel es gesetzlich und moralisch auf sie. Und wer weiß, was diese Jungen auf der Straße anstellten, wenn sie schon im Haus so herumtobten.

Ja, das musste er ihr ersparen. Die alte Dame war so nett und so reizend. Sie würde es einfach nicht fassen, wenn er die Kinder aus ihrem Haus – aus ihrem Haus! – hinauswerfen würde.

Aber was dann?

Nun, es kam offenbar darauf an, die Kinder bis zur Rückkehr der alten Dame im Haus zu lassen, aber zu verhüten, dass sie weiteren Schaden anrichteten. Und das musste sich ja doch wohl schaffen lassen?

So ganz sicher fühlte er sich nicht. Natürlich, er war ein erwachsener Mann und nahm es mit den Bengels spielend auf, aber wie nun, wenn sie wie vorhin nicht einmal darauf reagierten, wenn er sie anbrüllte?

Verprügeln?

Hm, so einfach war das nicht. Er kannte sich insofern nicht aus. Die Hand eines Erwachsenen war groß und der Organismus eines Kindes empfindlich. Wie leicht konnte man mit einer Ohrfeige dauernden Schaden anrichten! Körperverletzung! Das konnte ihn leicht vor den Richter bringen. Und der Vater hatte ausdrücklich betont, dass seine Kinder nicht geschlagen werden durften. Er, Paul Veith, besaß kein Züchtigungsrecht. Und wenn es darauf ankam, spielten diese Jungen bestimmt die unschuldigen Engel, die an einen Amokläufer geraten waren.

Also lieber die Hände weg. Aber was sonst? Gut zureden? Und wenn sie sich nicht zureden ließen?

Er gab es auf. Was nützte das Grübeln, wo Erfahrungen allein zählten? Vielleicht hatten sich die Jungens schon ausgetobt und saßen brav mit gefalteten Händen herum?

Er ging hinein. Irgendwo röhrte dumpfer Lärm, aber im Wohnzimmer waren sie nicht. Das Wohnzimmer sah wie ein schmutziges Trümmerfeld aus.

Er fand sie im Bad. Der Dreijährige und der Hund plantschten und schnaubten selig in der halbvollen Wanne herum. Der Junge war nackt, aber er hätte auch gleich mit sämtlichen Sachen ins Wasser steigen können. Sie lagen neben der Wanne und waren ohnehin pitschnass. Der Hund sorgte dafür, dass sie nass blieben. Er schüttelte sich dann und wann, und das war so gut, als hätte er eine Brause herumgeschwenkt.

Der blonde Neunjährige hing am Glasbord über dem Waschbecken, von dem er fast alles heruntergefegt hatte, presste weiße Schlangen aus der Zahnpastatube heraus und dekorierte mit ihnen den Spiegel. Die künstlerische Beschäftigung nahm ihn sichtlich restlos in Anspruch.

Der Vierzehnjährige hatte sich das Badetuch umgelegt und studierte vor dem, was ihm sein Bruder vom Spiegel ließ, eine Rolle oder, deklamierte ein Gedicht oder etwas Ähnliches. Er besaß eine überraschend tiefe und volle Stimme, die schon ein paar Jahre älter war als er. Wenn man nicht hinsah, konnte man meinen, einen Erwachsenen sprechen zu hören.

Paul Veith blieb an der Tür, aber seine Anwesenheit sprach sich langsam herum. Der Große ließ das Badetuch fallen, der Blonde rutschte vom Waschbecken herunter, der Kleine lehnte sich kniend über den Wannenrand, und der Hund sprang wie eine wirbelnde Fontäne tropfensprühend aus der Wanne heraus und setzte dazu an, Paul freudig zu begrüßen. Paul gab ihm schlechten Gewissens, aber notgedrungen einen Tritt, worauf er sich überrascht zurückzog und nur mehr unsicher mit seinem Stummelschwänzchen wackelte.

Plötzlich war es wieder einmal sehr still. Die drei Jungen blickten stumm auf Paul, und er blickte stumm von einem Gesicht zum anderen. Dabei fiel ihm auf, dass die Jungen alle drei den gleichen eigentümlichen Ausdruck um die Augen herum hatten.

Es war, als belauerten sie ihn. Sie sahen ihn nicht einfach, sondern sie beobachteten ihn mit vollem Bewusstsein, als schätzten sie seine nächste Bewegung ab. In den Augen lag eine kaltblütige, gefühllose Neugier, wie sie bei Kindern ja nicht selten ist, durchsetzt mit jener leichten Grausamkeit, die wissen will, wie sich ein Maikäfer mit ausgerissenen Beinen verhält.

Sie belauerten ihn, als wäre er ein Maikäfer, dem sie die Beine ausreißen wollten.

Es gefiel ihm nicht.

„Sie sind fort“, teilte er möglichst neutral mit. „Jetzt müssen wir versuchen, miteinander zurechtzukommen, bis eure Tante morgen eintrifft.“

„Sie ist nicht unsere Tante“, sagte der Vierzehnjährige höflich, kühl und unnachahmlich von oben herab. „Sie ist allenfalls unsere Großtante.“

„Meinetwegen“, fügte sich Paul großzügig, denn er war froh, überhaupt ein Echo gefunden zu haben. „Wie heißt du?“

„Ramon Andechser“, erwiderte der Junge mit gleichgültiger Höflichkeit, wobei er jedoch eine Verbeugung andeutete. „Meine Mutter hieß Ramona und war Mexikanerin. Ich stamme aus der romantischen Periode meines Vaters. Wenn Sie mehr über unser inniges Familienleben erfahren wollen, lesen Sie bitte die Artikelfolge Unsere Regisseure in der Farbigen Illustrierten. Pöh!“

Paul spürte ein leichtes Kribbeln auf seiner Haut. Dem Jungen schien einiges zum Halse herauszuhängen. Musste ja auch eine sonderbare Sache sein, wenn man als Junge seine Familiengeschichten in der Zeitung las.

„Danke“, quittierte er auch höflich. „Und wie heißen deine Brüder?“

„Sie sind nicht meine Brüder“, präzisierte Ramon abermals und deutete mit einem Schulterzucken: „Das ist mein Stiefbruder Sven Schulze, bloß mit Zett. Das Sven hat er von seinem Vater, den Schulze von seiner Mutter, Tillhoven ist nur ihr Künstlername. Und das ist mein Halbbruder Jonas Andechser. Sie sind der Erzieher?“

„Erzieher?“, stutzte Paul. „Wieso Erzieher? Ich heiße Paul Veith und bin vorübergehend Gast bei eurer Tante – bei eurer Großtante.“

Ramon zuckte mit den Achseln und ließ es dabei bewenden. Die Blicke der drei genügten auch. Sie glaubten ihm nicht und hielten ihn für so etwas wie den billigen Jakob.

Paul nahm innerlich einen Anlauf und räusperte sich.

„Also jedenfalls müssen wir miteinander auskommen, bis eure Großtante zurückkehrt. Es geht natürlich nicht, dass ihr inzwischen das Haus demoliert. Das werdet ihr ja wohl einsehen. Ihr müsst euch anständig betragen, sonst – sonst – also jedenfalls benehmt euch anständig.“

„Wollen Sie uns schlagen?“, fragte Ramon kalt und herausfordernd.

„Ich bin nicht wild darauf, aber wenn es anders nicht geht …“

„Ich lasse mich nicht hauen!“, krähte der Kleine aus der Badewanne heraus und warf mit dem nassen Badeschwamm.

„Der ist ja dumm!“, triumphierte der blonde Engel Sven und trat so geschickt gegen die am Boden liegende Badebürste, dass sie Paul an das linke Schienbein flog. „Dumm, dumm, dumm!“

„Versuchen Sie es lieber nicht erst“, warnte Ramon arrogant. „Ich habe bereits in vier Filmen als Kinderstar mitgewirkt. Wenn ich mich beschwere, bringen es die Zeitungen, und dann sind Sie geliefert. Die Leute sind nicht dafür, dass harmlose Kinder von brutalen Erziehern zusammengeschlagen werden.“

„Du bist wohl nicht bei Trost?“, knurrte Paul, denn die Milch der frommen Denkungsart wurde allmählich in ihm sauer. „Dich scheint wirklich noch nie jemand übers Knie gelegt zu haben. Beschweren kannst du dich, aber vorher hast du eine Tracht Prügel weg, die du in deinem ganzen Leben nicht wieder vergisst. Wenn ihr Kerlchen euch etwa einbildet, mich schinden zu können, habt ihr euch in mir getäuscht. Ich bin auch nur ein Mensch, versteht ihr, und wenn ihr über die Stränge schlagt, nehme ich mir das gleiche Recht.“

Mit diesem Tonfall kam er besser an. Die beiden Jüngeren drehten die Köpfe und blickten auf Ramon, als suchten sie Rat. Ramon nahm keine Notiz von ihnen. Er fixierte Paul weiter, nur lächelte er jetzt nur noch zusätzlich hämisch.

„Genauso haben wir uns das gedacht. Prügel! Und trockenes Brot! Unsere Eltern amüsieren sich, und wir sollen es ausbaden. Aber uns kriegen Sie nicht unter die Fuchtel. Wir lassen uns nicht alles gefallen. Und jetzt können Sie uns erst einmal etwas zu essen geben. Wir haben Hunger.“

In Paul kribbelte es. Der Junge hatte selbst in seiner frühreifen Arroganz etwas Anziehendes an sich, aber ein paar Ohrfeigen taten ihm dringend Not. Es war nicht ganz leicht, sie ihm zu ersparen.

„Hunger?“, nahm Paul grimmig sein Stichwort auf. „Na, den behaltet mal schön. Eure Großtante hat sich nicht darauf eingerichtet, drei Esser zu versorgen. Die Speisekammer ist leer. Zu trockenem Brot reicht es allenfalls.“

„Trockenes Brot!“, wiederholte Ramon beziehungsreich.

„Ich habe Hunger!“, brüllte der kleine Jonas wild und ungezogen los, während er mit den Fäusten auf den Rand der Badewanne trommelte. „Hunger! Hunger! Ich habe Hunger! Ich will mein Mittagessen, los!“

Sven krümmte sich zusammen und legte die Arme über den Bauch. Dabei plärrte er los: „Oh, mein Bauch, mein Bauch! Ich will was essen. Mein Bauch tut weh! Wenn ich nicht gleich zu essen kriege …“

Sie brüllten beide weiter. Ramon lächelte spöttisch.

„Aufhören!“, brüllte Paul mit, weil ihm das Geschrei den kalten Schweiß auf die Haut trieb.

Das Gebrüll verstärkte sich. Die beiden waren entweder darauf trainiert oder sie brüllten sich genusssüchtig in eine Hysterie hinein. Der Kleine war schon zornesrot im Gesicht und trommelte jetzt mit dem losen Holzgriff der Badebürste auf den Wannenrand ein, als wollte er die Emaille herunterschlagen, während sich Sven am Boden wälzte und einen gefährlich aussehenden Veitstanz hinlegte.

„Aufhören!“, brüllte Paul noch lauter und riss dem Kleinen doch lieber den Holzgriff aus der Hand. „Wenn ihr Hunger habt, müssen wir eben essen gehen.“

Mit einem Schlag wurde es still.

Es war die Niederlage. Paul wusste es, und die lieben Kleinen wussten es erst recht. Sie hatte ihn gezwungen. Aber was sollte er tun? Vielleicht hätten sie bald aufgehört zu brüllen, aber das Essproblem wäre trotzdem geblieben. Die Speisekammer war tatsächlich ziemlich leer. Niemand konnte ihm zumuten, für die drei Jungens zu kochen, aber andererseits konnte er sie auch nicht

einfach bis morgen oder übermorgen hungern lassen. Soviel er gehört hatte, brauchten Kinder ihre regelmäßigen Mahlzeiten, ob sie nun artig oder unartig waren. Die alte Dame würde es ihm schwer verübeln, wenn er ihre Großneffen hungern ließ oder mit trockenem Brot abfand.

„Natürlich nur, wenn ihr euch anständig benehmt“, versuchte er zu retten, was nicht mehr zu retten war. „Und erst müsst ihr hier und im Wohnzimmer aufräumen. Dann können wir essen gehen.“

„Eis!“, krähte Jonas, „Ich will Eis, Eis, Eis! Los, ich will …“

Ramon drehte sich lässig herum und verabreichte ihm eine Ohrfeige, die den Kleinen ins Wasser warf. Darüber vergaß er sein Eis. Nachdem er wieder hochgekommen. war, bestand er nur noch aus stummem Vorwurf für den großen Bruder.

„Aha?“, staunte Paul, aber Ramon ließ sich nicht reizen.

„Ich bin sein Bruder. Ich kann ihm jederzeit eine herunterhauen. Sie gehören nicht zur Familie.“

„Gott sei Dank!. Also wie ist jetzt mit dem Aufräumen?“

„Das geht uns nichts an“, entschied Ramon hochmütig. „Dafür gibt es Personal. Zeigen Sie uns erst einmal unser Zimmer. Wir müssen die Koffer noch ausräumen und uns dann umziehen. So können wir uns draußen nicht sehen lassen. Haben Sie keine Hausangestellten hier?“

„Nein. Und ein Zimmer auch nicht.“

Es war ihm eben erst eingefallen. Es gab ein großes Schlafzimmer, sogar mit einem Doppelbett, aber das gehörte der alten Dame. Das einzige Fremdenzimmer hatte sie ihm abgetreten. Wohin also mit den Kindern?

Das Schlafzimmer der alten Dame? In dem Doppelbett kamen sie leicht zu dritt unter. Aber sie würde es schon nach einer Stunde nicht mehr wiedererkennen.

Ramon hatte die Brauen zusammengezogen und musterte ihn misstrauisch. In seinen fast schwarzen Augen lag aber auch eine gewisse Unruhe. Irgend etwas gefiel ihm nicht.

„Kein Zimmer?“

„Nur das Schlafzimmer eurer Großtante.“

„Das – das verstehe ich nicht. Sie muss sich doch auf uns eingerichtet haben?“

Diesmal begnügte sich Paul mit einem Achselzucken. Er verstand die Welt schon eine ganze Weile nicht mehr.

„Also gut“, entschloss sich der Junge. „Wir können uns ja das Schlafzimmer einmal ansehen.“

„Können wir“, nickte Paul, „aber erst werdet ihr das Bad wieder in Ordnung bringen. Vorher kommt ihr nicht hinaus.“

Ramon bedachte das, während seine Augen Paul abschätzten. Technisch gesehen war Paul in der Vorhand. Er sperrte die Tür, so dass keiner der Jungen hinauskonnte. Das Bad bot auch keine Zufluchten. Notfalls konnte er auch jeden der drei bei den Ohren nehmen, ohne die Tür freizugeben.

„Also so haben Sie sich das ausgedacht?“, sagte Ramon feindselig. „Erzieher haben eben immer ihre Tricks. Schäbige Tricks! Aber damit kriegen Sie uns nicht klein.“

„Ich lege keinen Wert darauf, euch klein zu kriegen“, antwortete Paul auch nicht gerade freundschaftlich. „Ich lasse mich bloß nicht von ein paar Rotznasen schikanieren. Von mir aus könnt ihr euch auf den Kopf stellen und sonst wen zur Verzweiflung treiben, aber versucht es nicht bei mir. Ihr habt euch bis jetzt wie ein paar Irre benommen. Betragt euch anständig, und wir sind die besten Freunde. Ich werde nicht zusehen, wie ihr das ganze Haus demoliert.“

„Sie können ja weggucken“, höhnte Ramon frech, und dann ging das Theater wieder los, als ob er seinen Brüdern ein Zeichen gegeben hätte. Der blonde Sven versuchte sich mit einem Indianergeheul, drehte den Hahn auf und presste die Hand darunter, so dass das Wasser nach allen Seiten spritzte. Der kleine Jonas strampelte im Wasser herum. Sein großer Bruder drehte die Handbrause an, berieselte erst den Kleinen mit der vollen Dusche und richtete sie dann gegen die Tür.

Paul war im Handumdrehen von oben bis unten nass.

„Lass das gefälligst!“, schrie er wütend.

Details

Seiten
150
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783738923971
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v451957
Schlagworte
auch kinder leute

Autor

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Titel: Auch Kinder sind Leute