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Das Leben seiner Tochter

2018 130 Seiten

Zusammenfassung

Krimi von Horst Friedrichs

Der Umfang dieses Buchs entspricht 131 Taschenbuchseiten.

Als Frank Taliferro den FBI-Mann Jesse Trevellian um Hilfe bittet, zögert dieser nicht eine Sekunde. Allerdings hat er nicht damit gerechnet, dass der Anti-Crime-Cop Taliferro nicht nur die sizilianische Mafia New Yorks infiltriert hat, sondern auch ihre neuen Konkurrenten, die Puerto-Ricaner. In einem Bandenkrieg folgt ein Gefecht dem anderen bis das Leben der Tochter des Puerto-Ricaner-Bosses auf dem Spiel steht.

Leseprobe

Das Leben seiner Tochter

Krimi von Horst Friedrichs


Der Umfang dieses Buchs entspricht 131 Taschenbuchseiten.


Als Frank Taliferro den FBI-Mann Jesse Trevellian um Hilfe bittet, zögert dieser nicht eine Sekunde. Allerdings hat er nicht damit gerechnet, dass der Anti-Crime-Cop Taliferro nicht nur die sizilianische Mafia New Yorks infiltriert hat, sondern auch ihre neuen Konkurrenten, die Puerto-Ricaner. In einem Bandenkrieg folgt ein Gefecht dem anderen bis das Leben der Tochter des Puerto-Ricaner-Bosses auf dem Spiel steht.


Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker.

© by Author

© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de


1

Überall waren Lichter. Fabriken und Wohnhäuser drüben in Weehawken, New Jersey. Die abendlich illuminierte Skyline aus Beton und Glas hier an der Westside. Beides zusammen sorgte für schillernde Reflexe auf der Wasseroberfläche des Hudson River. Nur in seiner unmittelbaren Umgebung war es stockfinster. Kein Hauch von Helligkeit drang bis dorthin vor. Brackiges Wasser schlug mit rhythmischem Schmatzen gegen Pontonplanken. Irgendwo auf dem Hudson keuchte die heisere Typhonstimme eines Schleppers.

Frank Taliferro spähte zum Westside Highway hinüber, dessen betagte Stahlstelzen sich schwarz und skelettartig vor Manhattans Lichterglanz abzeichneten. Oben auf der Fahrbahn zogen Scheinwerfer und Rückleuchten weiße und rote Glühfäden.

Eine Bewegung im Halbdunkel zwischen den Highway-Stützpfeilern. Taliferros Haltung entspannte sich, als er die Silhouette eines Mannes erkannte. Der Mann überquerte die Jay Street und kam mit eiligen Schritten auf ihn zu. Das Gegenlicht zeichnete seine Konturen mit harten Linien, gab ihm das Aussehen eines gesichtslosen Scherenschnitts.

»Jesse?«, fragte Taliferro aus der Dunkelheit heraus.

Der andere brummte zustimmend, und als er auf fünf Schritte heran war, bewegte sich seine Rechte blitzschnell.

Mattschwarzer Waffenstahl schimmerte in der fernen Helligkeit von Manhattan und Weehawken.

Taliferro zuckte zusammen. Ungewollt. Im nächsten Atemzug spannten sich seine Muskeln. Doch äußerlich blieb er unbewegt, lehnte weiter mit der linken Schulter an der Baracke, die Arme vor dem breiten Brustkorb verschränkt.

»Vernünftig so«, sagte der andere anerkennend. »Schön ruhig, Frankieboy. Du kannst meine Kanone erkennen?«

»Ziemlich genau, Benito.« Taliferro hatte ihn an der Stimme identifiziert.

Benito Scalzone. Er gehörte zu denen, die in Manhattan-Midtown prächtig im Geschäft waren — und keinen anderen neben sich duldeten, wenn dieser andere Unruhe ins Geschäft brachte.

»Va bene — gut so«, nickte Scalzone. Sein Gesicht, von einem breitkrempigen schwarzen Hut überschattet, lag noch immer im Dunkeln. Nur das Glitzern seiner Pupillen war jetzt zu erkennen. »Du weißt, Frankieboy, dass es nicht groß auffällt, wenn es hier bei den Piers knallt. Deshalb…«

»Spar dir die lange Ansprache«, fiel ihm Taliferro ins Wort. »Du wirst abdrücken, ohne mit der Wimper zu zucken. Ist es das, was du sagen wolltest?« Er hatte seine innere Ruhe wiedergefunden. Eiskalt wartete er jetzt auf den Sekundenbruchteil, in dem der andere einen Fehler machte, unaufmerksam wurde, sich ablenken ließ, egal was. Dieser Sekundenbruchteil würde kommen. Taliferro vertraute darauf. Er hatte immer darauf vertraut.

Und er lebte noch.

Scalzone stieß einen wütenden Zischlaut aus.

»Wenn du den dicken Mann markieren willst, bist du an der falschen Adresse. Glaubst du, ich bin alleine hier?«

»Ich glaube immer nur das, was ich sehe, Benito.«

Scalzone lachte höhnisch.

»Schlechte Angewohnheit, Frankieboy. Bei passender Gelegenheit wirst du daran kaputtgehen. Vielleicht schon heute Abend.«

Taliferro wusste genug. Irgendwo im Hintergrund lauerten Scalzones Handlanger. Seine Schlägertruppe. Seine Leibgarde. Gut dressierte Hofhunde, die nur auf die Stimme ihres Herrn warteten.

Frank Taliferro seufzte geduldig.

»Okay, Benito. Du hast mir ein paar nette Drohungen an den Kopf geknallt und nebenbei nur herumgefaselt. Wenn dir die Beretta schon zu schwer wird, solltest du langsam dran denken, zur Sache zu kommen. Was hast du auf dem Herzen, amigo?«

Das Glitzern in Scalzones Augen verstärkte sich. Er war ein unbeherrschter, leicht aufbrausender Typ. Aber er riss sich zusammen. Noch schaffte er es. Noch hatte Taliferro ihn nicht genug gereizt.

»Wer ist Jesse?«, zischte Scalzone.

»Himmel!«, stöhnte Taliferro in gespielter Verzweiflung. »Ist dir klar, wie geistreich deine Frage ist? Es gibt zig Millionen Jesses in den Staaten. Das fängt bei unserem verehrten Präsidenten an und hört bei Jesse Miller aus dem hintersten Winkel von Nebraska auf.«

Scalzones Beretta ruckte ein Stück vor. Die Mündung war jetzt zu erkennen. Neun Millimeter. Viel Platz für ummanteltes Blei, das hässliche Löcher riss.

»Du weißt verdammt genau, wen ich meine!«, fauchte der Italo-New-Yorker. »Wir haben dich seit eineinhalb Stunden beobachtet, Frankieboy. Nirgends hast du dich lange aufgehalten. Nur hier, auf diesem elenden Ponton, stehst du jetzt schon zehn Minuten. Ist dein Freund Jesse unpünktlich, oder bist du zu früh dran, he?«

»Benito, hör zu«, sagte Taliferro mit der Geduld eines Lehrers, der dem Klassenletzten zu erklären versucht, weshalb zwei mal zwei vier ist. »Angenommen, ich habe wirklich eine Verabredung… welchen Unterschied macht es, ob der eine zu früh oder der andere zu spät dran ist? Das Ergebnis bleibt dasselbe, capisci?«

»Es stimmt also!«, frohlockte Scalzone.

»Was, bitte?«

»Dass du eine Verabredung hast, zum Teufel!«

»Ist das für dich so wichtig, Benito?«

»Ich warne dich, Taliferro!«, knurrte Scalzone. »Noch geht es gemütlich zu zwischen uns beiden. Aber das kann sich sehr schnell ändern. Es liegt ganz an dir, wie dieser Abend endet. Allerdings hatte ich geglaubt, dass wir wie vernünftige Menschen reden könnten.«

»Über Gott und die Welt?«

»Taliferro! Treib es nicht auf die Spitze! Spiel nicht den Ahnungslosen, verdammt nochmal. Oder willst du abstreiten, dass du anfängst, mir Konkurrenz zu machen?«

Frank Taliferro blieb ruhig. Äußerlich jedenfalls. Innerlich vibrierten seine Nerven dem Punkt entgegen, an dem er explodieren würde.

»Benito, mein Freund«, sagte er sanft. »Siehst du nicht ein, dass es sich mit einer Kanone dazwischen schlecht redet? Warum setzen wir uns nicht in die nächste Kneipe, machen es uns gemütlich und kippen ein paar Drinks? Das lockert die Zunge.«

»Schluss jetzt!«, zischte Scalzone wütend. »Mir reicht’s. Heraus damit: Was hast du in meinem Revier vor? Wen willst du einsteigen lassen? Wer sind deine Hintermänner?« Unbeherrscht und fordernd wedelte er mit der Rechten. »Ich will Klartext von dir hören, Frankieboy!«

»Okay«, brummte Taliferro, »dann also Klartext…«

Blitzartig schnellte er zur Seite, noch bevor die letzte Silbe über seine Lippen gekommen war.

Nur einen halben Schritt weit. Aus der Bewegung heraus wirbelte er herum. Seine rechte Handkante zuckte von unten empor.

Scalzone stieß einen Wutschrei aus, versuchte, den Pistolenlauf herumzuschwenken.

Mit grellem Schmerz detonierte der Handkantenhieb unter seinem Ellenbogen. Seine Waffenhand wurde hochgerissen. Reflexartig krümmte sich sein Zeigefinger.

Die Beretta bäumte sich auf, spie Feuer und Mantelblei.

Das dumpfe trockene Bellen des Schusses zerfetzte die Stille, und der kurze Nachhall ging im Hintergrundrauschen des Verkehrslärms von Manhattan unter.

Frank Taliferro stoppte seine rasante Bewegung, verharrte geduckt und breitbeinig.

Scalzone stöhnte schmerzerfüllt, versuchte vergeblich, den rechten Arm zu heben. Seine Finger waren wie gelähmt. Die schwere Automatikpistole drohte ihnen zu entgleiten. Er erkannte, dass seine Chancen zusammenschmolzen, ins Gegenteil umschlugen. Seine Augen begannen zu flackern. Mit unsicheren Schritten wich er zurück.

Taliferro setzte nach. Der pantherhafte Satz, mit dem er auf Scalzone zuschnellte, war kaum mit den Augen zu verfolgen.

»Du bist verrückt!«, keuchte Scalzone. Schützend hob er den linken Arm. »Lass den Unsinn! Du machst alles nur noch schlimmer! Ich warne dich, ich…«

Taliferro zerschmetterte seine klägliche Deckung mit einem einzigen gnadenlosen Hieb.

Scalzone wurde zurückgeschleudert. Sein spitzer Schrei erstickte in einem Gurgeln, als Taliferro eine brettharte Gerade hinterherfeuerte.

Die Beretta polterte mit einem dumpfen Laut auf die Holzbohlen des Pontons.

Im nächsten Moment hakte Scalzone irgendwo mit dem Absatz fest. Der Länge nach schlug er hin. Hart prallte sein Hinterkopf auf die Bohlen. Er rührte sich nicht mehr.

Taliferro bückte sich, wollte nach der Beretta tasten, deren schwarzer Waffenstahl von der Dunkelheit aufgesogen wurde.

Das Geräusch rasend schneller Schritte hielt ihn davon ab.

Er fuhr hoch, spähte zum Westside Highway hinüber.

Die Schatten huschten unter den Stahlstelzen hervor, hasteten quer über die Jay Street.

Vier Mann.

Sie erreichten den Ponton, bevor Taliferro auch nur eine Chance hatte, auf festen Boden auszuweichen. Hinter ihm waren nur die knapp hundert Quadratyard des Pontons und jenseits davon das dunkle, brackige Wasser des Hudson River.

Die Kerle stoppten ihre Schritte, bildeten eine Front, die die ganze Breite des Pontons einnahm.

Drohend lauernd kamen sie näher.

Frank Taliferro glaubte, ihr höhnisches Grinsen zu sehen. Doch das war eine Sinnestäuschung. Vor der Lichterglocke Manhattans erkannte er nur ihre Umrisse.

Ein metallisches Klicken, gefolgt von einem flirrenden Reflex.

Taliferros Augen wurden schmal.

Der Kerl ganz rechts hatte ein Messer gezogen. Das Funkeln der langen, schmalen Klinge war deutlich zu sehen.

Taliferro begann zurückzuweichen. Seine Rechte tastete unwillkürlich nach der schweren Automatik, die er im Inside-Holster unter dem Hosenbund trug. Keine Dienstvorschrift verbot es ihm, sich mit der Waffe zur Wehr zu setzen. Selbst ein Warnschuss erübrigte sich. Es lag in seinem Ermessen, sofort gezielt zu feuern. Eine Entscheidungsfreiheit, über die jeder New Yorker Polizeibeamte in lebensbedrohlichen Situationen verfügte.

Aber die vier Kerle da vorn wussten nicht, dass Frank Taliferro Polizeibeamter war. Sie hielten ihn für einen unverfrorenen, aalglatten Ganoven, der in fremden Revieren zu jagen begann und nach dem ganz großen Geschäft fieberte.

Wenn er sie kampfunfähig schoss, war es mit dieser Legende vorbei. Ebenso, wenn sie ihn überwältigten und seine Waffe, seine Dienstmarke und sein Walkie-Talkie entdeckten.

Seine Rolle konnte er nur weiterspielen, wenn er es schaffte, sich heil aus der Affäre zu ziehen.

Ein fast aussichtsloses Unterfangen.

Er wich weiter zurück, an der Seitenwand der Baracke entlang. Der Gedanke, den nassen Fluchtweg durch den Hudson River einzuschlagen, durchzuckte ihn. Eine einfache Lösung, vielleicht auch erfolgversprechend. Doch es würde bedeuten, dass das Image, das er sich mühsam aufgebaut hatte, dahin war. Wenn er erst einmal als Feigling galt, brauchte er sich nicht weiter anzustrengen, in das Geschäft einzusteigen.

Unter den Schritten der vier Schläger begann der Ponton zu schwanken.

Auf der freien Plattform, wo tagsüber die Hubschrauber landeten, blieb Taliferro stehen.

Und er ließ sie kommen.


2

23.00 Uhr.

Manhattan-Midtown, West 46th Street.

Kein erhebender Anblick. Nichts mehr von dem Glanz, den der weltberühmte Theaterdistrikt in früheren Jahrzehnten ausgestrahlt hat. Rudel von Taxis kurvten um die Häuserblocks mit den finsteren Eingängen, in denen sich finstere Typen herumdrückten. Wichtige Zeit für die Taxifahrer: Schluss der Theatervorstellungen. Ladys und Gentlemen in Abendkleidern und Smokings strebten Bordsteinkanten an, um nach den gelben Cabs zu winken, die sie aus dem Dreck nach Hause karrten. Abendkleider und Smokings zwischen Jeans, Felljacken, Parkas und zottigen Mähnen. Manhattans Theaterdistrikt heute.

Vereinzelt schwammen blau-weiße Streifenwagen der City Police im Strom der Taxi-Meute mit. Cops, die nichts anderes zu tun hatten, als ein wachsames Auge auf Bürgersteige und Hauseingänge zu werfen.

Ich zog meinen Sportwagen an einem Aluminiumbus der Gray Line vorbei. Ein Schwarm von Touristen ergoss sich in eines der Hotels zwischen Broadway und Eighth Avenue. Leute von jenseits des Großen Teiches, die sich noch immer Grandioses vorstellen, wenn sie die Reizworte »Broadway« und »Manhattan« hören. Leute, die nach einer Woche Sightseeing und Asphaltschlurferei nach Hause zurückfliegen und um ein paar schöne Illusionen beraubt sind.

New York City ist ziemlich kaputt. Finanzkrise, Kriminalität, Korruption — die Krankheit dieser Stadt hat eine Menge Symptome. Und den Reisegesellschaften scheint es zu gefallen, immer mehr Touristen herüberzukarren, damit sie sich an der Krankheit New Yorks weiden können.

Ich gehöre zu den New Yorkern, die die Hoffnung nicht verloren haben. Unsere Stadt hat noch eine Chance.

Zu meinem Job gehört es, an dieser Chance mitzubasteln. Das Krankheitssymptom Kriminalität vollends zu beseitigen, wird unmöglich sein. Aber wir können es in Grenzen halten. City Police und FBI gemeinsam.

Ich jagte die 46. Straße hinunter, überquerte achte, neunte und zehnte Avenue und bog nach links in die elfte ab. Ich war spät dran, konnte es nicht mehr schaffen, pünktlich um elf am Treffpunkt zu sein. Aber es hatte nicht anders geklappt. Der Dienstschluss hatte sich mal wieder unerwartet verzögert.

Außerdem noch diese besonderen Garderobevorschriften, die Frank mir gemacht hatte. Gammel-Look, sozusagen. Ausgebleichte Tennisschuhe mit dicken Gummisohlen. Jeans, fleckig, verwaschen, mit zerfransten Aufschlägen. Ledergürtel mit handtellergroßer Messingschließe, die eine aufgehende Sonne darstellte. T-Shirt, grauweiß, ebenfalls fleckig. Darüber eine Lederweste im Country-Stil.

Mein Trip war außerdienstlich. Nicht mal Milo, mein Freund und Kollege, wusste davon. Und die Klamotten hatte ich mir nicht etwa in der Requisitenkammer im FBI-Distriktgebäude besorgt, sondern aus der hintersten Ecke meines Kleiderschranks hervorgekramt. Für bestimmte Fälle verfüge ich über ein eigenes kleines Reservoir für Maskeradezwecke.

Meine stupsnasige Dienstwaffe trug ich im Inside-Holster unter dem Hosenbund — so, wie es die Männer von der Anti-Crime-Unit der City Police auch tun.

In der Höhe der 41. Straße verringerte ich das Tempo. Fahrbahn und Bürgersteige waren menschenleer. Zur Linken brannte hinter einigen wenigen Fenstern der Wohnhöhlen noch Licht. Leute, die auf ihre eigene Sicherheit Wert legten, trauten sich in dieser Gegend um diese Zeit nicht mehr ins Freie.

Ich bog nach rechts in die Vierzigste ab, schaltete die Beleuchtung aus und ließ den roten Flitzer an der Bordsteinkante ausrollen. Rechts reckte sich der fensterlose Betonklotz empor, in dem sich die Instandsetzungshallen der »Greyhound Bus Lines« befanden. Links ein ähnliches Gebäude, das der »Yale Transport Corporation« gehörte. Straßenlampen verstreuten trübes Licht. Die wenigen parkenden Limousinen, zu denen ich meinen Wagen gesellt hatte, stammten vermutlich von den Leuten, die als Nachtschichtler in den Werkstätten von Greyhound oder Yale arbeiteten.

Ich stieg aus, schloss ab, ließ die Schlüssel in die Tasche meiner zerfledderten Jeans gleiten. Zügig marschierte ich den Bürgersteig entlang in Richtung Hudson River. Zum Glück war keine Menschenseele in der Nähe. Kein Fußstreifen-Cop, kein Wachmann. Es ersparte mir lange Erklärungen, weshalb ich abgewrackter Typ in einer so miesen Gegend aus einem so teuren Schlitten stieg.

Und bis unmittelbar zum Treffpunkt konnte ich mich mit dem Sportwagen nicht vorwagen. Weil etwaige heimliche Beobachter mich für einen verkleideten Bullen gehalten hätten. Hundertprozentig. Die Burschen, in deren Kreisen Frank sich zur Zeit herumtrieb, haben einen sechsten Sinn für sowas.

Ich erreichte die zwölfte Avenue, die vom Stahlgerüst des Westside Express Highway begrenzt wird. Auf der anderen Seite verläuft die Jay Street unmittelbar am Hudson-Ufer mit den größtenteils verfallenen Piers.

Ich lenkte meine Schritte nach links. Das Yale-Grundstück wurde zur zwölften Avenue hin von einem doppelt mannshohen Bretterzaun begrenzt. Wucherndes Unkraut raschelte um meine Beine. Ein Bürgersteig, der kaum noch benutzt wurde. Keine Fußgängergegend. Oben auf dem Highway brummten Trucks und Limousinen. Irgendwo rumpelte eine von diesen Stahlplatten, mit denen bei uns in Manhattan Schlaglöcher ausgebessert werden.

Ich überquerte die Avenue, erreichte die Finsternis unter dem Highway und spähte angestrengt in Richtung Hudson River. Vor mir lag Pier 79. Ein uralter Wellblechkasten, der bei Sonnenschein wie eine rote Rostbeule blüht. Ich ging weiter flussabwärts, zwischen den Stelzenbeinen des Highways entlang. Meine Tennisschuhe verursachten keinen Laut auf dem glatten Asphalt, der tagsüber als Parkfläche diente.

Die Wasserfläche zwischen den Piers 79 und 78 lag vor mir. Funkelnde Lichtreflexe bewegten sich auf den Kräuselwellen. Etwa in der Mitte zwischen den beiden langgestreckten Piers befand sich der Ponton. Hubschrauberlandeplatz für die Manager von Greyhound und Yale, die in der Nachbarschaft in ihren Büros residierten.

Ich sah nur Konturen. Das flache Ponton-Quadrat mit der Baracke darauf, die sich kantig vor der Lichterglocke von Weehawken abzeichnete. Und ich marschierte weiter. Verrückter Ort für einen Treffpunkt. Das dachte ich auch jetzt noch. Aber Frank Taliferro hatte mich fast händeringend gebeten. Und weil ich ihn kannte, hatte ich zugestimmt.

Ich blieb in der schützenden Dunkelheit unter dem Highway. Okay, von Frank hatte ich keine Falle oder ähnlich Bösartiges zu erwarten. Aber da gibt es immer noch den Instinkt. Den, den man in langen Berufsjahren beim FBI entwickelt. Und vielleicht lag es auch ein wenig an der düsteren Umgebung, dass ich mich vorsichtig verhielt.

Die Geräusche hörte ich erst, als ich in Höhe der Baracke war. Irgendwie musste das kleine Gebäude wie eine schallhemmende Barriere gewirkt haben.

Ich erstarrte sekundenlang, suchte reflexartig Sichtschutz hinter einem stählernen Stützpfeiler.

Eindeutige Geräusche. Dumpfe Schläge, wie sie nur dann zu hören sind, wenn jemand einem anderen die Faust in den Leib rammt. Schmerzerfülltes Stöhnen. Wütende Knurrlaute. Hastige, scharrende Schritte.

Ich sah ein Knäuel von Silhouetten, die sich links von der Baracke bewegten — vor dem hellen Hintergrund Weehawkens.

Und ich zögerte keinen Atemzug lang, sondern fegte auf meinen geräuschdämpfenden Gummisohlen über die Jay Street hinweg. Die Maskerade hatte etwas für sich.

Als ich auf zwanzig, dreißig Yard heran war, erfasste ich das Geschehen deutlich, wenn es auch nur Schattenrisse waren, die durch das Gegenlicht gezeichnet wurden.

Es reichte.

Ich verlangsamte mein Tempo, spürte die feuchten Holzbohlen unter den Gummisohlen.

Die Kerle hatten ihn eingekreist. Zu dritt. Der vierte hielt sich noch zurück. Den Grund erkannte ich sofort. Ein Messer blitzte in seiner Rechten. Er wartete auf den richtigen Moment. Um Frank den Rest zu geben, sobald die anderen ihn reifgeprügelt hatten? Reif für den Todesstoß?

Mir stockte der Atem.

Deutlich erkannte ich Taliferros schlanke, athletische Statur. Er versuchte verzweifelt, sich gegen die Übermacht zur Wehr zu setzen. Aber alle Tricks und Ausfallversuche nützten ihm nichts. Sie trieben ihn wie einen Spielball zwischen sich hin und her. Es waren keine Anfänger, mit denen er es zu tun hatte.

Ich überlegte nicht lange, spannte die Muskeln, um loszuschnellen und den Messerschwinger außer Gefecht zu setzen. Von ihm drohte die größte Gefahr.

Im gleichen Atemzug geschah es.

Taliferro versuchte, mit einem Handkantenhieb durchzukommen. Der, den er langlegen wollte, wich aus. Und die beiden anderen schienen nur darauf gewartet zu haben. Brutale Nierenhaken trafen Frank von beiden Seiten. Stöhnend klappte er zusammen, stolperte, suchte vergeblich nach Halt. Ein hochgerissenes Knie traf ihn unter das Kinn, schleuderte ihn zurück. Die beiden Kerle, die links und rechts von ihm waren, packten seine Oberarme, zerrten ihn in die Senkrechte.

Ich brachte drei, vier Schritte hinter mich. Meine Rechte fuhr zum Inside-Holster.

Die Schläger achteten noch immer nicht auf ihre Umgebung, fühlten sich ihrer Sache offenbar hundertprozentig sicher.

Ich schaffte es nicht mehr, die volle Distanz zu überbrücken.

Der Messerschwinger setzte Taliferro die Klinge an die Kehle.

»So, Freundchen«, knurrte er, »du wirst jetzt ausspucken, was du in Scalzones Revier vorhast!«

Ich wich nach rechts aus, um einen besseren Winkel zu kriegen.

In diesem Moment bemerkte mich der Gangster, der zur Zeit tatenlos danebenstand.

»Achtung!«, brüllte er. »Achtung, da ist…«

Weiter kam er nicht.

Ich blieb breitbeinig stehen, stieß den Smith &Wesson im Beidhandanschlag mit ausgestreckten Armen nach vorn und brüllte lauter als der Schläger.

»Keine Bewegung!«

Sie zuckten zusammen.

Das Gegenlicht von Weehawken ermöglichte mir ein halbwegs sicheres Visieren.

Der Messerschwinger schien zu spüren, dass er ziemlich ungünstig dastand — nämlich vor Taliferro, haargenau in meiner Schusslinie. Und der mattschimmernde Waffenstahl, den ich ihnen präsentierte, war offenbar keinem von ihnen entgangen.

Frank verharrte regungslos. Denn da war noch immer die tödliche Klinge an seiner Kehle.

Der Bursche, dem diese Klinge gehörte, versuchte, das Beste aus der Sache zu machen.

»Das Schießeisen weg, Mann!«, schrie er. »Oder deinem Kumpel fehlen gleich die Stimmbänder! Ohne Kopf lebt sich’s schlecht, Mann!«

»Wenn schon«, entgegnete ich eiskalt und ließ einen Bluff folgen, auf dessen Wirksamkeit ich nur hoffen konnte.

Denn ich hatte keine Ahnung, in was für eine Sache Frank verwickelt war, wusste nur, dass es sich um nichts Legales handelte. »Mir ist es egal, ob er abkratzt oder nicht. Hauptsache, er spuckt nichts mehr aus.«

Der Messerheld zögerte, antwortete nicht sofort, wurde unsicher.

Den anderen erging es ähnlich. Die Entscheidung nahm ihnen keiner ab. Es war niemand da, der ihnen den Befehl gab, alles auf eine Karte zu setzen. Typische Befehlsempfänger. Mein Gefühl sagte mir, dass ich es mit dieser Sorte zu tun hatte.

»Lass fallen!«, forderte ich den mit dem Messer auf. »Ich gebe dir noch drei Sekunden, dann verliere ich die Geduld. Eins…«

»Knall ihn ab«, sagte Frank Taliferro. Seine Stimme klang eisig und beherrscht in die Stille.

»Zwei…«, sagte ich.

Der Messerschwinger stieß einen Wutschrei aus. Seine Hand, die die Klinge vor Franks Kehle hielt, zitterte.

»Schluss mit dem Unsinn! Er krepiert. Ich mach Ernst, Mann!«

»Drei…«, sagte ich.

Ein Zucken lief durch den Körper des Messerhelden. Ich registrierte es innerhalb von einer Hundertstelsekunde. Er machte tatsächlich Ernst. Ob aus Verzweiflung, oder aus der Annahme, dass ich mich tatsächlich einschüchtern ließ, vermochte ich nicht mehr zu ergründen.

Ein Warnschuss war nicht drin. Mein Kurzläufiger lag ruhig in der Visierlinie.

Ich zog durch.

Die Dienstwaffe bäumte sich in meinen Fäusten auf. Grellweiß blitzte das Mündungsfeuer. Das dumpfe Bellen des Schusses ging im Verkehrsrauschen unter, das vom Westside Highway herüberwehte.

Ein Schmerzensschrei gellte auf. Blitzender Stahl wirbelte durch die Luft, landete scheppernd auf den Bohlen des Pontons, irgendwo weit entfernt.

In dem Sekundenbruchteil, in dem ich mich zur Seite warf, sah ich noch, wie es den Messerschwinger herumriss. Mein Projektil hatte ihn präzise in den rechten Oberarm getroffen.

Behände rollte ich mich ab, schnellte federnd halb hoch, hatte die Waffe erneut im Anschlag.

Taliferro schickte den schreienden Messerschwinger mit einem gutdosierten Handkantenhieb auf die Bretter.

Stille.

Meine Vorsicht war unnötig. Die drei anderen hatten offenbar keine Schießeisen bei sich. Jedenfalls gab es keine Mündungsblitze, die meinen Feuerzauber erwiderten.

Statt dessen geriet Taliferro erneut in arge Bedrängnis. Wie wutschnaubende Bulldoggen drangen sie auf ihn ein. Sie hatten erkannt, dass ich jetzt nicht mehr feuern konnte, wenn ich nicht Frank selbst gefährden wollte.

Es bestätigte mir, dass sie mich so einschätzten, wie ich es erwartet hatte. Sie trauten mir zu, dass ich auch auf Unbewaffnete schießen würde, hielten mich also nicht für einen Polizeibeamten, der nur in einem akuten Notwehrfall zur Waffe griff.

Ich holsterte meinen Revolver, wollte vorwärtsstürmen, um Taliferro zu Hilfe zu kommen.

Eine Bewegung knapp hinter mir stoppte meine Schritte im Ansatz. Es folgte ein Geräusch, bei dem sich meine Nackenhaare sträubten.

Das metallische Zurückgleiten eines Pistolenschlittens.

»Streck sie hoch, Freundchen!«, erscholl eine bissige Stimme.

Ich erstarrte zur Bewegungslosigkeit. Wut packte mich. Aber ich gehorchte, stieß die Hände langsam, zögernd dem Nachthimmel entgegen. Keine Ahnung, wer der Kerl hinter mir war, woher er so plötzlich aufgetaucht war.

Vor mir sah ich mit erschreckender Deutlichkeit die beklemmende Szenerie.

Frank Taliferro kämpfte mit stummer Verbissenheit, teilte gnadenlose Haken und Handkantenschläge aus. Noch schaffte er es, sich die Schläger immer wieder vom Hals zu halten. Aber es konnte nur noch eine Frage von Minuten sein, bis er der Übermacht unterlag.

»Gut so«, sagte die Stimme in meinem Rücken, »und keine falsche Bewegung, sonst…« Er hielt inne, schnaufte, atmete schwer.

Da war etwas, was mir an seiner Stimme auffiel. Es klang, als ob ihm das Sprechen Mühe bereitete. Das Schnaufen bestärkte diesen Eindruck. Worauf wartete er? Dass die drei anderen die Situation klärten?

Verdammt, ich brachte es nicht fertig, einfach zuzusehen, wie sie Taliferro in Stücke schlugen! Und ich explodierte, nutzte die winzige Chance, die ich instinktiv witterte.

Blitzartig sackte ich in mich zusammen, schnellte zur Seite weg. Bewegungen, die flüssig ineinander übergingen.

Peitschend bellte die Waffe über mir auf.

Noch im Nachhall des Schusses wirbelte ich herum.

Die Schläger stießen Triumphgebrüll aus. Sie konnten den Klang einer Pistole von dem eines Revolvers unterscheiden.

Ich hatte den Burschen zum Greifen nahe vor mir. Sah seine tückisch glitzernden Augen, sah, wie er die Automatik herumschwenkte.

Er schwenkte sie gegen meine Schuhspitze.

Für ihn musste es ein Gefühl sein, als ob sein Handgelenk zerschmettert wurde. Ich schloss es aus seinem schrillen Schmerzensschrei.

Die Pistole wurde ihm von meinem Tritt aus der Hand katapultiert. Zum Glück löste sich kein Schuss, als sie zu Boden fiel.

Ich hechtete auf den Mann zu. Er schwankte schon jetzt auf unsicheren Beinen. Er musste schwer angeknackst sein. Ich fing an, zu begreifen, was vorgefallen war.

Mein Körpergewicht saß dahinter, als ich ihm die geballte Rechte auf das Zwerchfell punktete.

Es klang, als hätte ich einen mit Luft gefüllten Mehlsack angestochen. Er stieß einen Zischlaut aus, der mir durch und durch ging. Fast empfand ich Mitleid mit ihm, befürchtete schon, zu hart zugeschlagen zu haben. Deshalb verzichtete ich darauf, mit einem Aufwärtshaken nachzusetzen.

Er hatte auch so genug, sackte in sich zusammen, kippte auf die Seite, hörte auf zu zischen und rührte sich nicht mehr.

Ich machte auf dem Absatz kehrt und spurtete in Richtung Wasserseite.

Für Frank Taliferro wurde es allmählich höllisch mühsam. Einen der Kerle hatte er schwer angeschlagen. Aber die anderen beiden waren im Begriff, ihm den Rest zu geben.

Den Angeschlagenen fegte ich mit einem einzigen gnadenlosen Hieb aus dem Weg. Sein Torkeln ging in freien Fall über. Krachend schlug er der Länge nach auf die Bohlen.

Ich sprang über den Schatten des bewusstlosen Messerschwingers hinweg und griff mir den nächsten. Krallte meine Linke in seine Schulter und riss ihn herum, weg von Taliferro.

Der Schläger starrte mich an. Eine Schrecksekunde lang war er verblüfft. Wie in einer Momentaufnahme sah ich sein erschrocken verzerrtes Gesicht.

Die Momentaufnahme war weggewischt, als ich eine Gerade hineinfeuerte. Die Wucht des Hiebes riss den Mann förmlich von den Füßen. Er stolperte, machte sehr kurze, sehr schnelle Schritte rückwärts, stützte sich mit den Händen auf und schaffte es, wieder hochzukommen.

Taliferro war zurückgewichen, um mir Platz zu machen. Ich sah, dass er sich intensiv mit dem Übriggebliebenen beschäftigte.

Mein Kontrahent hatte noch nicht genug. Er schüttelte sich, schnaubte und sammelte sich zu einem neuen Angriff.

Bevor er das Sammeln beendet hatte, brachte ich ihn durch eine Finte aus dem Konzept.

Er reagierte mit einem schlecht gezielten Uppercut, der an meiner linken Wange vorbeischrammte.

Dafür kassierte er eine Gerade von mir, die an seinem rechten Schulterknochen detonierte. Es riss ihn herum. Er drehte sich wie ein Kreisel.

Ich packte ihn mit beiden Fäusten, beendete die Kreiselei, um besser zielen zu können. Kurz und federnd ließ ich die rechte Handkante herabsausen.

Er sackte in sich zusammen, ohne auch nur noch einen Laut von sich zu geben.

Frank Taliferro kam auf mich zugelaufen. Seine Situation war ebenfalls geklärt.

»Danke, Jesse«, keuchte er. »Los, schnell!«

»Was, schnell?«, fragte ich verwirrt. Ich begriff nicht ganz, weil ich es nicht begreifen konnte.

»Weg hier!«, drängte Taliferro. »Wir müssen schleunigst hier weg!«

Etwas in seiner Stimme machte mir klar, dass eine Menge für ihn davon abhing. Deshalb tat ich etwas, was ich unter normalen Umständen niemals gemacht hätte: Ich verzichtete darauf, fünf bewusstlose Strolche wegen vorsätzlichen Angriffs auf einen Beamten der City Police und einen Spezialagenten des FBI vor den Richter zu bringen.

Und ich ging das Risiko ein, dass mir dieser Entschluss irgendwann vielleicht leid tun würde.

Taliferro und ich rannten hinüber in die Finsternis unter dem Westside Highway.



3

Moderne Kugelleuchten tauchten den Parkplatz in gleißende Helligkeit. Chrom blinkte, polierter Karosserielack glänzte matt. Ausschließlich Fortbewegungsmittel der gehobenen Luxusklasse waren vertreten — vom Mercedes 450 bis zum Cadillac Fleetwood.

Das Restaurant entsprach der Noblesse jener Karossen, die sich unter den Kugelleuchten sonnten. Kein klappriger Volkswagen, Chevy oder Pontiac verirrte sich hierher.

»La Fonda Del Sol« war in großen roten Leuchtbuchstaben über dem flachen Gebäude zu lesen, das stilistisch einer mexikanischen Hazienda nachempfunden war; oder so, wie sich ein New Yorker eine mexikanische Hazienda vorstellte. Schneeweiße Mauern, Säulenportal, Rundbogenfenster, die mit kunstvoll gefertigten schmiedeeisernen Gittern verziert waren. Hinter den Fenstern brannte gedämpftes Licht. Leise Klänge von Mariachi-Musik wehten ins Freie. Der würzige Duft mittel- und südamerikanischer Spezialitäten hing in der Luft.

Ein Laden für die gehobene Feinschmeckerklasse. Verkehrsgünstig gelegen, nur drei Meilen vom Hempstead Turnpike im Nassau County entfernt, zu erreichen über die Abfahrt Franklin Square.

Joaquin Venera hockte regungslos zwischen den blühenden Rhododendronbüschen am südlichen Ende des Parkplatzes. Der schlanke, fast hagere Mann mit dem blauschwarzen, leicht gewellten Haar trug einen nachtblauen Trainingsanzug und leichte Sportschuhe. Selbst unter der dünnen Jacke trug das Holster nicht auf, denn es war eine Spezialanfertigung.

Das Heck des silbergrauen Lanciat Beta HPE 2000 war zum Greifen nahe vor ihm. Ein ziemlich seltenes Fahrzeug in diesen Breiten. Deshalb so auffällig. Aber diese Sizilianer liebten es eben, sich mit Statussymbolen aus ihrer alten Heimat zu zieren.

Venera verzog geringschätzig die Mundwinkel. Ein grausames Lächeln huschte über sein scharfgeschnittenes Gesicht.

Drüben, vor der zweiten Reihe der parkenden Limousinen patrouillierte der Wachmann. Ein Angestellter des Restaurants vermutlich, weil er keine Uniform trug, sondern wie ein mexikanischer Vaquero gekleidet war. Sein breitkrempiger Sombrero, die silberbesetzte Charro-Kleidung und die hochhackigen Reitstiefel wirkten verrückt in dieser Umgebung.

Nur der breite Revolvergurt mit dem langläufigen 45er Colt zerstörte diesen lächerlichen Eindruck.

Der Kerl war Veneras einzige Sorge. Aber ein kalkulierbares Risiko. Also kein Grund, vorzeitig die Nerven zu verlieren.

Der Killer wartete geduldig, verharrte über Stunden auf dem gleichen Fleck, ohne sich zu rühren. Er war trainiert darauf, besaß einen Kreislauf, der topfit war.

Kurz vor Mitternacht fuhren die ersten Gäste des Restaurants ab. Gutgekleidete Gents mit albern kichernden Ladys, die das zu viel getrunken hatten, was ihre Begleiter als Wagenlenker nicht mehr riskieren konnten. Meist waren es Pärchen. Nur wenige der Limousinen rollten vollbesetzt davon.

Bei jedem der Wagen öffnete der mexikanische Cowboy die Türen, half den Ladys beim Einsteigen, verneigte sich, lüftete den Sombrero und wünschte gute Fahrt.

Gegen halb eins wurde der Betrieb auf dem Parkplatz spärlicher. Nur noch fünf Wagen waren übriggeblieben, den Lancia mitgezählt.

Vier Ladys in eleganten Hosenanzügen verließen schnatternd das Portal der Pseudo-Hazienda. Gesichter mit weinseligen Lachfalten unter toupierten Haarprachten, unverkennbare Selbstgefälligkeit über die Freiheit, den Geldverdiener allein zu Hause sitzen zu lassen. Sie steuerten auf den klobigen Bentley zu. Der Vaquero überschlug sich vor Eifer, riss Türen auf, verneigte sich, zog den Sombrero. Sie saßen schon im Wagen, als eine der Ladys den Colt des Vaqueros auszuprobieren verlangte. Er zierte sich; hingerissen von dem weiblichen Interesse, das ihm entgegengebracht wurde; im Widerstreit mit den Sicherheitsvorschriften, die er beachten musste. Nach Minuten forderten alle vier lautstark und mit der Beharrlichkeit, die der Alkohol verursacht hatte, den Sechsschüsser zum Löschen der Kugelleuchten testen zu dürfen.

Das Geschnatter zwischen den angetrunkenen Ladys und dem schwankenden Vaquero schwoll an. Noch ruhte der schwere 45er im nägelbeschlagenen Holster.

Zwei weitere Gestalten erschienen unter dem Säulenportal.

Joaquin Veneras Haltung spannte sich an.

Er verkniff sich einen Fluch. Por dios, wenn diese elenden Putas nicht gleich verschwanden…

Der Vaquero besann sich zum Guten. Er deutete gestikulierend auf den Mann und die junge Frau, die soeben das Lokal verließen. Wortreich erläuterte er, dass es seine Pflicht war, auch diesen beiden einen stilgerechten Abschied zu servieren. Die Ladys ließen von ihm ab, erst widerstrebend, dann beleidigt. Schlingernd röhrte der Bentley davon.

Venera grinste erleichtert. Er konzentrierte sich auf die entscheidenden Minuten. Zog die Waffe und den Schalldämpfer aus dem Spezialholster und setzte beides zusammen. Der Schalldämpfer, nach einem völlig neuen Prinzip in Deutschland konstruiert, war noch relativ neu auf dem schwarzen Waffenmarkt. Dazu gehörte die deutsche Walther PPK, Kaliber 7,65 Millimeter. Beides war aufeinander abgestimmt, ergab ein Abschussgeräusch, das leiser war als eine Luftpistole.

Die handliche Pistole war durchgeladen. Venera brauchte lediglich den Sicherungsflügel herumzulegen. Das leise Klicken war außerhalb der Büsche nicht zu hören.

Sie kamen näher, steuerten auf den Lancia zu.

Tony Miragli und sein Girl, begleitet von dem dienernden Vaquero.

Miragli war ein unansehnlicher Bursche. Untersetzt, mit leichtem Bauchansatz. Breites Gesicht mit zu kleinen Knopfaugen, die ihm das Aussehen einer großköpfigen Ratte gaben. Nur der schwarze Anzug, das weiße Batisthemd und die rote Fliege verliehen ihm ein wenig Eleganz.

Die Blondine schmiegte sich an ihn, stöckelte auf hohen Absätzen neben ihm her. Sie war käuflich, wenn auch gehobene Luxusklasse. Die einzige Sorte Frau, die sich von Miragli erobern ließ. Per Brieftasche.

Letztere zückte Miragli kurz vor der Motorhaube des Lancia und stopfte dem Vaquero ein stattliches Zehn-Dollar-Trinkgeld unter den Revolvergurt.

Zu dritt kamen sie auf die Beifahrerseite des silbergrauen Flitzers. Miragli zückte seine Schlüssel, um das Girl galant zuerst einsteigen zu lassen. Der Vaquero wartete darauf, den Schlag offenhalten zu dürfen.

Joaquin Venera hob die Waffe, die zusammen mit dem Schalldämpfer fast einen halben Yard lang war.

Sein Zeigefinger krümmte sich in dem Moment, als Miragli den Schlüssel ins Türschloss schob.

Die Walther gab ein helles Klicken von sich, das seltsam harmlos klang. Doch die tödliche Wirkung zerstörte diese Harmlosigkeit.

Der Killer feuerte in rascher Folge, brauchte keine zehn Sekunden, um sieben Schuss hinauszujagen. Die letzte Patrone blieb in der Kammer, als Sicherheitsreserve, wie üblich, für Unvorhersehbares.

Miragli, sein blondes Girl und der Vaquero brachen fast gleichzeitig zusammen, verhedderten sich ineinander, starben, noch ehe sie als blutüberströmtes Knäuel Mensch den Asphalt erreichten.

Drei Projektile hatten Tony Miraglis Schädel in der oberen Hälfte durchschlagen.

Mit je zwei Geschossen hatte sich Venera für das Girl und den Parkplatzwächter begnügt.

Er brauchte nicht nachzuprüfen, ob seine Arbeit hundertprozentig war. Er kannte seine Fähigkeiten, konnte sich darauf verlassen.

Er verließ sein Versteck, rannte vom Parkplatz weg in das angrenzende Brachland und erreichte zwei Minuten später seinen Wagen, der in einer Schneise des nahegelegenen Waldes wartete.

Die Beleuchtung schaltete er erst ein, als er auf die wenig befahrene Franklin Avenue in Richtung Valley Stream einbog.

Er war bereits fünf Meilen von »La Fonda Del Sol« entfernt, als ihm die ersten Streifenfahrzeuge der County Police mit hoher Geschwindigkeit entgegenkamen.

Joaquin Venera lächelte sein grausames Lächeln noch, als er sich schon wieder innerhalb der Stadtgrenzen von New York City befand.



4

Wir schlurften die West 38th Street hinauf in Richtung Eighth Avenue. Die Hände in die Hosentaschen vergraben, gaben wir uns gelassen, gelangweilt, gleichgültig. An der Ecke Seventh Avenue blieben wir stehen, um ein einsames Taxi vorzulassen.

Ich lupfte eine zerknautschte Packung aus der Westentasche und versorgte Frank und mich mit Zigaretten. Er gab mir Feuer.

»Warum?«, fragte ich über das aufflammende Streichholz hinweg.

Wir überquerten die Fahrbahn, ließen kleine Qualmwolken hinter uns zerfasern.

»Weil sonst alles kaputt wäre«, entgegnete Frank halblaut. »Wenn Scalzone und seine Jugens von der Polizei kassiert werden, sickert es früher oder später durch, weshalb sie kassiert worden sind. Und dann bin ich fertig.«

»Hm«, machte ich, »klingt schleierhaft. Aber ich denke, die Erklärung lieferst du mir noch.«

»Deswegen habe ich dich angerufen«, grinste Taliferro. »Deswegen unser geheimes Rendezvous.«

Details

Seiten
130
Jahr
2018
ISBN (ePUB)
9783738923933
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2018 (November)
Schlagworte
leben tochter

Autor

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Titel: Das Leben seiner Tochter