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Horror-Serie Tony Ballard - Sechs Romane 1

2018 700 Seiten

Leseprobe

Horror-Serie Tony Ballard - Sechs Romane 1

A. F. Morland

Published by BEKKERpublishing, 2018.

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Impressum

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Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by A. F. Morland

Cover-Gestaltung: Christian Dörge.

Cover-Illustration: Sandra Cunningham/123rf.

© dieser Ausgabe 2018 by Apex-Verlag (München) / CassiopeiaPress (Lengerich) / Edition Bärenklau (Oberkrämer).

www.apex-verlag.de (Kontakt: webmaster@apex-verlag.de)

www.AlfredBekker.de (Kontakt: postmaster@alfredbekker.de)

www.editionbarenklau.de (Kontakt: edition.baerenklau@gmail.com)

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Klappentext

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»Henker, walte deines Amtes!«, rief der Inquisitor mit kräftiger Stimme.

Dicht gedrängt standen die Dorfbewohner vor dem alten Holzkarren. Mit flammenden Augen und gespannten Zügen verfolgten sie die Handgriffe, die der Henker, dessen Name Anthony Ballard war, nun verrichtete. Alles, was laufen konnte, war gekommen, um die sieben Hexen hängen zu sehen.

Sieben Hexen!

Junge Mädchen! Eines so bildhübsch wie das andere.

Und doch hatte man sie der Hexerei überführt. Unzucht mit dem Teufel hatten sie getrieben. Die Nachbarin hatte sie auf glühenden Besen durch das Dorf reiten sehen. Beim Hexensabbat hatten sie die schrecklichsten Dinge getan. Nun sollten sie für allen Frevel, für alles, was sie getrieben hatten, bestraft werden.

Kaum einer der Dorfbewohner hatte Mitleid mit ihnen.

Man wusste, dass diese Mädchen nur nach außen hin schön waren.

Innerlich... waren sie verkommen, böse. Wahre Bestien waren sie, die den Leuten Angst gemacht, Unheil über sie gebracht und Krankheit und Tod verbreitet hatten.

Damit sollte es nun endgültig vorbei sein.

Die Hexen sollten hängen.

Am Galgenbaum...

Im August 1974 erschien – damals noch innerhalb der Reihe Gespenster-Krimi – mit dem Roman Die Höllenbrut das erste Abenteuer des Dämonenjägers Tony Ballard aus der Feder von A. F. Morland: der Auftakt einer Erfolgsgeschichte und Start einer der langlebigsten Horror-Serien des deutschen Heftromans. Nach 67 Romanen startete im Oktober 1982 schließlich die eigenständige Tony-Ballard-Serie (mit dem Band Wenn sie aus den Gräbern steigen...), und bis heute erscheinen regelmäßig neue Abenteuer des Dämonenhassers.

Die Verlage Apex, CassiopeiaPress und Edition Bärenklau veröffentlichen nun erstmals sämtliche Romane dieser Serie als durchgesehene Neuausgaben (und in chronologischer Reihenfolge) im Hardcover- und E-Book-Format: Die Höllenbrut enthält neben dem titelgebenden Band die Romane Frisches Blut für den Vampir, Vögel des Todes, Die Feuerbestien, Der Todesschrei des Werwolfs sowie Der Henker aus dem Totenreich.

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Die Höllenbrut

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(Deutsche Erstveröffentlichung als Gespenster-Krimi Band 47 - 06. August 1974)

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1

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»Henker, walte deines Amtes!«, rief der Inquisitor mit kräftiger Stimme.

Dicht gedrängt standen die Dorfbewohner vor dem alten Holzkarren. Mit flammenden Augen und gespannten Zügen verfolgten sie die Handgriffe, die der Henker, der Anthony Ballard hieß, nun verrichtete. Alles, was laufen konnte, war gekommen, um die sieben Hexen hängen zu sehen. Sieben Hexen! Junge Mädchen. Eines so bildhübsch wie das andere.

Und doch hatte man sie der Hexerei überführt. Unzucht mit dem Teufel hatten sie getrieben. Die Nachbarn hatten sie auf glühenden Besen durch das Dorf reiten sehen. Beim Hexensabbat hatten sie die schrecklichsten Dinge getan.

Nun sollten sie für allen Frevel, für alles, was sie getrieben hatten, bestraft werden. Kaum einer der Dorfbewohner hatte Mitleid mit ihnen, denn man wusste, dass diese Mädchen nur nach außen hin schön waren. Innerlich waren sie verkommen, böse. Wahre Bestien waren sie, die den Leuten Angst gemacht, Unheil über sie gebracht und Krankheit und Tod verbreitet hatten.

Damit sollte es nun ein für alle Mal vorbei sein. Die Hexen sollten hängen.

Am Galgenbaum.

Es war ein mächtiger, knorriger Baum, an dem schon viele Räuber, Diebe und Schinder aufgeknüpft worden waren.

Mit dicken, bizarren Ästen stellte er ein Furcht einflößendes Mahnmal der Gerechtigkeit dar.

An diesem Baum sollten die sieben Hexen hängen. Alle sieben gleichzeitig. Es war genügend Platz für sie da. Und die Schlingen waren ebenfalls vorhanden.

Anthony Ballard, der gewichtige Henker, ging von einem Mädchen zum anderen. Er schaute ihnen nicht in die Augen, denn er hatte Angst vor ihrem bösen Blick. Mit schnellen Bewegungen streifte er ihnen die Hanfschlinge über den Kopf. Als er bei der siebenten Hexe angelangt war, hielt die Menge unwillkürlich den Atem an.

Er streifte auch ihr die Schlinge über den Kopf und zog sie um ihren weißen schlanken Hals zusammen.

Da begann das Mädchen grell zu lachen. Den Zuschauern stockte das Blut in den Adern, so furchtbar klang das Lachen. Die meisten Leute verspürten in diesem schaurigen Moment eine Gänsehaut über den Rücken laufen.

Giftgrüne Augen hatte das schöne Mädchen. Einen verlockenden Mund, der viele Männer in diesem Dorf schon geküsst hatte. Und einen Körper hatte die Hexe, den viele Männer dieses Dorfes schon besessen hatten.

Noch einmal lachte sie grell.

Anthony Ballard wich unwillkürlich vor ihr zurück. Obwohl sie, wie alle anderen, an Armen und Beinen gefesselt war, hatte der Henker eine seltsame Angst vor ihr.

»Ihr Verrückten!«, schrie die Hexe mit schriller Stimme. »Hängen wollt ihr uns! Da kann ich nur lachen. Wisst ihr denn nicht, dass man uns nicht töten kann? Hexen sind wir! Jawohl! Keinen Augenblick lang haben wir es geleugnet, denn wir sind stolz darauf, Bräute des Satans zu sein. Will es euch denn nicht in den Kopf gehen, dass man uns nichts anhaben kann? Wenn ihr uns jetzt hinrichtet, werden wir vor euren Augen sterben. Aber täuscht euch nicht, denn wir werden nicht wirklich tot sein. Wir werden weiterleben bis in alle Ewigkeit. Und wir werden wiederkommen. Immer wieder. Wir werden in eurem verfluchten Dorf Angst und Schrecken verbreiten. Wir werden eure Kinder und Kindeskinder für eure Tat bestrafen. Kein Glück wird diesem Dorf mehr beschieden sein. Verdammt werdet ihr sein - für alle Zeiten!«

Die Leute bekreuzigten sich entsetzt.

Ein Murren und Raunen ging durch die Menge.

Schließlich fand einer den Mut, zu rufen: »Aufhängen! Henker, mach doch endlich Schluss mit diesen verfluchten Bestien!«

»Ja, Schluss machen!«

»Aufhängen!«

»Bring sie um, Ballard!«, schrien die Leute hysterisch.

Der Henker sprang vom Karren.

Er griff nach der Peitsche, sah sich nicht nach den verfluchten Hexen um, hob die Peitsche und drosch sie dem schnaubenden Pferd auf die schimmernde Kruppe. Wiehernd sauste das Tier nach vorn, riss den Karren mit.

Ein Stöhnen ging durch die Menge.

Die sieben Hexen rutschten vom Karren. Eine nach der anderen.

Sie zappelten mit den Beinen, als sich die Schlingen um ihre Hälse zusammenzogen. Ihr Todeskampf währte nur wenige Augenblicke.

Plötzlich schrie jemand in der vordersten Reihe der Zuschauer mit schreckgeweiteten Augen: »Seht doch! Seht!«

Zitternd wies er auf die hin und her baumelnden Hexen. Ihre jungen Gesichter begannen zu altern. Sie wurden grau, wurden faltig, fielen ein - und dann gingen sie plötzlich in Verwesung über...

Dies alles geschah im Jahr 1674.

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2

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Hundert Jahre später...

Dicke Rauchschwaden hingen in der Dorfkneipe. Um den Stammtisch neben dem Eingang saßen vier Männer. Sie hatten einiges über den Durst getrunken und zechten kräftig weiter.

Mit jeder Runde wurden sie übermütiger. Die verrücktesten Geschichten erzählten sie sich. Und so kamen sie auch auf die sieben Hexen zu sprechen, die vor hundert Jahren gehenkt worden waren.

»Mann«, sagte Glenn Farr grinsend.

»Damals wär ich gern dabei gewesen. Die Mädchen sollen verdammt hübsch gewesen sein, sagt man. Sollen es mit jedem getrieben haben, der ihnen über den Weg lief.«

John Holt kicherte.

»Das wäre dir sehr gelegen gekommen, was?«

»Warum denn nicht?«, gab Farr zurück. Er war ein behäbiger Mann mit den Augen eines Bluthundes, wenig Haaren auf dem birnenförmigen Kopf und schlechten, gelben Zähnen. Er hatte wegen seines Aussehens nicht viel Glück bei hübschen Mädchen, deshalb träumte er manchmal von den schönen Hexen, die es mit jedem getrieben hatten, der ihnen über den Weg lief. Bei denen hätte er auch Chancen gehabt.

John Holt trank genießerisch seinen Whisky. Er war schmalbrüstig, hatte das Gesicht eines Raubvogels und stechende Augen. Trotzdem war er eine Seele von einem Menschen.

Nun stellte er das geleerte Glas vor sich auf den Tisch. Der Whisky umnebelte seinen Geist. Er sprach mit schwerer Zunge.

»Habt ihr eine Ahnung, wie alt der Galgenbaum eigentlich schon ist?«

Die anderen schüttelten den Kopf.

»Verdammt alt«, meinte Farr.

»Uralt«, sagte Tom Kollo, ein Mann mittleren Alters mit Stirnglatze.

»Wie alt kann so ein Baum denn eigentlich werden, hm?«, fragte Holt.

»Mensch du stellst vielleicht dämliche Fragen«, warf Delmer Jones grinsend ein. Er war schwarzhaarig, groß, hatte männliche Züge und dichte, buschige Augenbrauen. »Wen kümmert es schon, wie alt so ein Baum wird?«

»Mich kümmert es!«, sagte Holt beleidigt.

»Und warum?«

»Weil ich glaube, dass mit diesem Baum seit jener Hinrichtung irgendetwas nicht stimmt.«

»Blödsinn!«, sagte Jones.

»Blödsinn, sagst du? Dann erklär mir doch mal, wieso der Baum nicht altert?«

»Vielleicht tut er es. Ich kann das nicht beurteilen. Ich bin kein Botaniker. Und du auch nicht.«

»Ich sage dir, der Baum hat sich seit hundert Jahren nicht verändert.«

»Sieh mal an, ich wusste nicht, dass du schon so alt bist.«

Holt winkte ärgerlich ab.

»Du bist ein blöder Kerl. Mit dir kann man nicht reden.«

»Fangt jetzt bloß nicht zu streiten an!«, rief Glenn Farr lachend dazwischen.

»Trinken wir lieber noch ‘nen Schluck.«

»Ich mache euch einen Vorschlag!«, ließ sich Tom Kollo nun vernehmen. »Wir trinken jetzt noch einen Schluck, wie Glenn vorgeschlagen hat, und dann brechen wir auf...«

»Wohin denn?«, fiel ihm Holt ins Wort.

»Wir gehen alle vier zum Galgenbaum, okay?«

»Und was machen wir da?«, fragte Delmer Jones missmutig. Er wäre lieber in der Kneipe geblieben.

»Wir sehen uns den Baum mal an«, sagte Kollo.

»Auch schon was«, maulte Jones.

»Hast du vielleicht Angst, mitten in der Nacht dorthin zu gehen?«, fragte Tom Kollo grinsend.

»Angst? Ich und Angst! Junge, da kennst du mich aber schlecht. Wenn du willst, gehe ich jetzt gleich auf den Friedhof und buddle dort jeden Toten aus, den du haben willst. Angst habe ich nicht. Ich finde es nur kindisch, mitten in der Nacht zum Galgenbaum zu rennen, um zu sehen, ob er wirklich seit hundert Jahren nicht älter geworden ist.«

Holt winkte den Wirt an den Tisch und bestellte die nächste Runde.

Als sie den Whisky erhalten hatten, meinte John Holt mit gepresster Stimme: »Man sagt, dass die Hexen in dem Baum wohnen. Leute, die als mutig und furchtlos bekannt sind, haben die Hexen schreien und kichern gehört.«

»Mensch, hör doch endlich mit dem Geisterquatsch auf!«, sagte Delmer Jones ärgerlich. »Nichts von dem ist doch wahr!«

»Ich weiß nicht!«, sagte Holt unsicher.

»Junge, ich hab gleich die Hosen voll, wenn du so weiterredest!«, sagte Glenn Farr grinsend.

Sie tranken den Whisky aus. Jeder beglich beim Wirt seine Rechnung. Dann verließen sie zu viert die Kneipe. Sie gingen mit unsicheren Schritten durch das Dorf. Sie kicherten und lachten, versuchten einander Angst zu machen, erfanden selbst Geschichten über die verfluchten Hexen, die auch jetzt noch auf ihren glühenden Besen durch das Dorf ritten. Man musste nur die Augen offen halten, dann konnte man sie sehen.

Lachend kamen sie am stillen kleinen Friedhof vorbei. Die Grabsteine schimmerten matt im silbrigen Mondlicht.

Vom nahen Kirchturm ertönten zwölf Glockenschläge.

»Mitternacht!«, sagte Delmer Jones, der Furchtlose. Er schaute seine Freunde grinsend an. »Geisterstunde! Wollt ihr weitergehen oder lieber umkehren?«

»Wir gehen weiter!«, sagte John Holt bestimmt. Schon lange hatte er nachts mal zum Galgenbaum gehen wollen.

Allein hätte er aber nie den Mut dazu aufgebracht.

»Und wenn euch die Hexen dort nun den Hals umdrehen?«, fragte Jones grinsend.

»Dann drehen sie ihn dir genauso um!«, gab Glenn Farr zurück. Er ließ sich nicht anmerken, dass ihm schon ein bisschen flau im Magen war. Er lachte lauter als die anderen, gab sich unbekümmert und furchtlos. Doch innerlich begannen seine Knie immer heftiger zu schlottern. Es war bestimmt keine gute Idee gewesen, gerade um Mitternacht zum Galgenbaum zu gehen.

Kneifen kam für ihn natürlich nicht in Frage. Das Gespött der Freunde hätte ihn für alle Zeiten als Feigling gebrandmarkt und im ganzen Dorf unmöglich gemacht.

Nein, kneifen kam für ihn nicht in Frage.

Zum Glück merkten die anderen nicht, wie sehr ihn die Angst bereits quälte.

Die letzten Häuser des Dorfes blieben hinter ihnen.

Die vier betrunkenen Männer stapften durch das hohe Gras einer feuchten Wiese. Vom nahe gelegenen Moor stiegen bizarr geformte Nebelschleier auf, die ihre Gestalt ständig veränderten, wodurch sie den Anschein erweckten, als würden sie leben.

Schaudernd fuhr sich Tom Kollo über die zusammengepressten Lippen. Sie waren gleich da. Kollo hatte das Gefühl, eine eiskalte Hand würde ihm über den Rücken fahren. Beinahe hätte er den Vorschlag gemacht, umzukehren. Doch dann biss er sich schnell auf die Zungenspitze und hielt den Mund. Er achtete darauf, nicht als Letzter zu gehen, und er warf stets einen ängstlichen Blick zurück, als befürchtete und erwartete er einen schrecklichen Angriff von irgendwelchen Gespenstern.

Der uralte Galgenbaum stand auf einem kleinen Hügel.

Man konnte ihn schon von weitem sehen. Wie ein schreckliches Untier stand er da, reckte seine dicken Äste wie kräftige Arme nach allen Seiten und zum schwarzen Himmel hinauf.

Je näher die vier Männer diesem Baum kamen, desto zögernder setzten sie ihre Schritte.

Etwas Unheimliches schien von diesem Baum auszugehen. Keiner wollte ihn als Erster erreichen.

Plötzlich blieb Glenn Farr mit entsetzt aufgerissenen Augen wie angewurzelt stehen.

»Da!«, schrie er schrill.

Die anderen blieben ebenfalls sofort stehen.

»Um Himmels willen!«, stieß John Holt mit bebenden Lippen hervor.

»Gott erbarme sich unserer Seelen!«, presste Tom Kollo zitternd hervor.

»Das gibt’s doch nicht!«, sagte Delmer Jones und schüttelte unwillig den Kopf. Er wollte nicht glauben, was er sah - genauso sah wie seine Freunde. Er tat es als Sinnestäuschung ab. Er schob es dem vielen Alkohol zu, den er getrunken hatte. Aber konnten sich vier erwachsene Männer - selbst wenn sie betrunken waren - so schrecklich täuschen?

Entsetzt starrten die vier Männer auf den schwarzen Galgenbaum.

Die sieben Hexen baumelten an dem dicken Ast, an dem sie vor hundert Jahren aufgehängt worden waren. Ihre Körper schienen zu fluoreszieren.

Etwas Grauenvolleres hatten die vier Männer noch nicht erlebt...

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Ein Wind kam auf. Er wurde heftiger.

Kam aus dem Nichts, denn der Himmel war klar, und es war kein Unwetter zu erwarten.

Die leuchtenden Körper der gehenkten Hexen begannen im Wind zu schaukeln.

Die vier Männer drängten sich dicht aneinander. Nun hatte auch Delmer Jones Angst. Farr starrte ihn mit teigigem Gesicht an.

»Was sagst du dazu, Delmer?«

»Ich begreife das einfach nicht«, stieß Jones kopfschüttelnd hervor.

»Hauen wir ab!«, riet John Holt.

Sie wandten sich um, doch keiner begann zu laufen. Sie konnten sich nicht vom Fleck bewegen. Die furchtbaren Hexen hatten sie bereits in ihren Bann geschlagen.

Mit hämmernden Herzen und schweißnassen Gesichtern starrten sie wieder zum Galgenbaum.

Der Wind wurde zum Sturm. Er heulte schaurig in den Zweigen des Galgenbaumes. Die leuchtenden Körper der toten Hexen schaukelten wild hin und her.

Die Männer hatten den Eindruck, die sieben Körper würden zum Leben erwachen.

Ein siebenstimmiges schreckliches Kichern ließ die Männer jäh zusammenfahren.

»Die leben!«, stöhnte Glenn Farr, zutiefst entsetzt.

In diesem Moment stimmten die Hexen ein irres, bösartiges Gelächter an.

»Wir müssen schnellstens von hier weg!«, keuchte Tom Kollo. »Ins Dorf zurück!«

Verzweiflung und Angst verzerrten ihre Züge. Sie wussten, dass sie von hier nicht weg konnten. Das peitschte ihnen eine panische Angst in die kalten Knochen.

Der Sturm fuhr ihnen in die heißen Gesichter und nahm ihnen den Atem. Gleichzeitig schleuderte er ihnen das furchterregende Gelächter der Hexen entgegen.

Mehr und mehr baumelten die leuchtenden Leiber hin und her. Höher, immer höher schwangen die gehenkten Körper.

Und plötzlich lösten sich alle sieben Hexen vom Galgenbaum.

Aus den Stricken, die die Hexen um den Hals trugen, wurden mit einem Mal glühende Besen. Die Männer trauten ihren Augen nicht. Delmer Jones glaubte sogar, seinen Verstand verloren zu haben.

Verdattert beobachteten sie, wie sich die scheußlich lachenden Hexen auf ihre Besen schwangen. Der Sturm wurde noch heftiger. Und die Hexen kamen auf die entsetzten Männer zugeflogen.

Es war eine wilde, kreischende Jagd, die sich auf die Männer stürzte. Vom schwarzen Himmel kamen sie herunter.

Ihre Augen funkelten Furcht erregend.

Ihre gefletschten Zähne blitzten gefährlich. Sie schwebten über den erstarrten Männern und schlugen mit ihren glühenden Besen auf sie ein. Unbarmherzig. Immer wieder.

Sie droschen die Männer gnadenlos zusammen, während sie wild und blutrünstig kreischten und schrien. Sie schlugen mit ihren Besen so lange auf die Männer ein, bis diese, aus unzähligen schrecklichen Wunden blutend, zusammenbrachen.

Doch selbst dann ließen sie von ihren Opfern noch nicht ab. Sie warfen nun ihre Besen fort und stürzten sich mit ihren langen, spitzen glühenden Krallen auf die Bedauernswerten, um sie zu zerfleischen...

Man fand ihre grauenvoll verstümmelten Leichen am nächsten Tag.

Sie blieben leider nicht die letzten Opfer der grausamen Hexen...

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Das Rad der Zeit drehte sich um weitere hundert Jahre.

Das Dorf war größer geworden. Die Dorfkneipe existierte immer noch. Und obwohl andere Menschen in diesem englischen Dorf wohnten, erzählten sie sich immer noch dieselben unheimlichen Geschichten.

In der Kneipe war im Laufe der Zeit vieles geändert worden. So zum Beispiel stand der Stammtisch nicht mehr neben der Tür, sondern rechts neben der Theke. An den Wänden klebten Tapeten, man trank aus neu angeschafften Krügen und Gläsern.

Wie gesagt - nur die schaurigen Geschichten, die man sich erzählte, waren immer noch dieselben.

Es war kurz nach Mitternacht, und der Wirt überlegte bereits, ob er die letzte Gäste, die ja doch kaum noch etwas verzehrten, vor die Tür setzten sollte. Er gähnte mehrmals demonstrativ, damit die Leute sahen, wie müde er schon war und wie gern er nun ins Bett kriechen wollte.

Zwei Männer erhoben sich, grüßten kurz und verließen die Kneipe.

Die letzten drei blieben, bis der Wirt missmutig »Sperrstunde!« rief. Dann erhoben sie sich mit ärgerlichen Blicken und machten sich schließlich ohne Eile auf den Weg.

Der Wirt schloss hinter ihnen sofort die Tür ab, damit keiner der Trunkenbolde auf die Idee kommen konnte, noch mal umzukehren.

Dann schlurfte er mit müden Schritten durch das rauchgeschwängerte Lokal.

Als er die Tür erreicht hatte, die in die Küche und in die angrenzende Wohnung führte, hämmerte jemand laut und ungestüm an die geschlossene Kneipentür.

Jeder Schlag dröhnte durch die leere Gaststube, hallte durch das ganze Haus.

Missmutig drehte sich der Wirt um.

»Nix da!«, knurrte er. »Es ist geschlossen.«

Fäuste hämmerten in scheinbar wilder Verzweiflung an die Tür.

»Verdammt noch mal, irgendwann habe auch ich ein Recht auf Ruhe!«, sagte der Wirt ärgerlich, und er war nicht gewillt, die Tür noch einmal aufzuschließen. »Morgen ist auch noch ein Tag. Der Whisky kostet morgen dasselbe Geld. Also, geht jetzt nach Hause und kommt morgen wieder!«

Die Schläge wurden verzweifelter.

Ein Gurgeln erschreckte den Wirt plötzlich. Er kniff die Augen zusammen.

Hört sich verdammt danach an, als ob jemand Hilfe braucht, überlegte der Mann.

Er schüttelte unwillig den Kopf.

»Nichts da! Ich mache nicht mehr auf. Das gibt bestimmt Ärger, und wenn es etwas Ernstes ist, komme ich womöglich überhaupt nicht mehr ins Bett in dieser Nacht.«

Die Schläge wurden mühsamer.

Ein Stöhnen drang durch die Tür. Ein Röcheln folgte. Dann glaubte der Wirt zu hören, wie dort draußen jemand umfiel.

»Mist!«, ärgerte er sich. Aber er war schon auf dem Weg zur Tür. Immerhin war er kein Unmensch. Und wenn dort draußen jemand war, der seine Hilfe brauchte, dann war es seine Pflicht, zu helfen. Das wusste der Wirt, und er handelte danach, wenn er auch schimpfte.

Mit schnellen Schritten durchquerte er den Gastraum. Er fasste nach dem Schlüssel. Draußen röchelte und stöhnte jemand nun ganz deutlich.

»H-ilfe! H-ilfe!«

Bestürzt drehte der Wirt den Schlüssel herum. Er zog auch den schweren Eisenriegel zur Seite, den er im vergangenen Jahr sicherheitshalber hatte anbringen lassen, denn es war im Dorf verschiedentlich eingebrochen worden.

Schnell riss er nun die Tür nach innen auf.

Da lag etwas auf dem Boden.

Ein blutgetränktes Fetzenbündel. Ein blutgetränktes menschliches Fetzenbündel!

Menschlich war eigentlich kaum noch die richtige Bezeichnung. Was da vor der Kneipentür auf dem Boden lag, hatte kaum noch Ähnlichkeit mit einem Menschen. Die Person war nicht mehr zu identifizieren, und es grenzte an ein Wunder, dass es dieser Mensch geschafft hatte, sich bis hierher zu schleppen, egal, woher er kam.

Zuckend lag der fürchterlich zugerichtete Körper vor den Füßen des ratlosen Wirtes. Er wusste nicht, wie er helfen sollte. Jeder helfende Griff konnte den Tod dieses Mannes zur Folge haben.

Schrecklich sah der Bedauernswerte aus. Er blutete aus unzähligen tiefen Wunden, die ihm die Krallen vieler Raubtiere zugefügt zu haben schienen.

Der Mann hob das verstümmelte Gesicht.

Er wollte mit seinen aufgerissenen, zerfetzten Lippen etwas sagen.

Der Wirt beugte sich zu dem Sterbenden hinunter, der ihm mit letzter Kraft noch etwas anvertrauen wollte.

»Ruhig! Ruhig!«, keuchte der Wirt voller Mitleid.

Ein Zittern durchlief den Körper des gefolterten Mannes.

»Hexen!«

»Wie?«

»Hexen!«

»Hexen?«

»Ja. Galgenbaum... Sie sind... über... mich hergefallen... Wilde... Jagd!...«

Kaum zu verstehen waren die Worte, die die zerfleischten Lippen bildeten.

Trotzdem begriff der Wirt sofort, was diesem Mann beim Galgenbaum widerfahren war.

Es war ihm genauso ergangen wie Farr, Holt, Kollo und Jones. Der Wirt kannte die Geschichte, die man sich von diesen Unglücklichen erzählte.

Nun hatten die verfluchten Hexen wieder zugeschlagen.

Nach hundert Jahren.

Noch einmal versuchte sich der schwer gepeinigte Mann noch aufzurichten. Ein entsetzlicher Seufzer entrang sich seiner Brust, deren Rippen gebrochen waren.

Dann sackte er zusammen. Er hatte ausgelitten.

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Es schien, als würden die Hexen vom Galgenbaum alle hundert Jahre wiederkommen, um das kleine englische Dorf heimzusuchen und die Nachfahren jener Leute, die im Jahre 1674 ihrer Hinrichtung beigewohnt hatten, in Angst und Schrecken zu versetzen, zu peinigen oder sogar zu töten. Genauso, wie es die siebente Hexe kurz vor ihrem Tod durch den Strang verkündet hatte.

Damals hatte der Henker Anthony Ballard geheißen.

Heute hieß der Polizeiinspektor Tony Ballard.

Er war noch jung, und es war verwunderlich, dass er es in relativ kurzer Zeit zum Polizeiinspektor gebracht hatte.

Tony war im Dorf beliebt. Er hatte einen großen Freundeskreis, und seine Kollegen behaupteten von ihm, dass niemand seinen Dienst gewissenhafter versah als der Inspektor selbst.

Inspektor Ballard war knapp dreißig.

Er hatte hellblaue Augen, buschige Brauen und blondes Haar. Sein Gesicht war markant, die Nase saß messerscharf über einem empfindsamen Mund. Breite Schultern, eine respektable Größe und sportgestählte Schultern verliehen ihm das Aussehen eines Hünen.

Ähnlich wie Tony Ballard hatte vor nunmehr dreihundert Jahren der Henker ausgesehen, der den sieben Hexen den Strick um den schlanken Hals gelegt hatte.

Dreihundert Jahre waren seitdem vergangen.

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Man schrieb bereits das Jahr 1974.

Inspektor Ballard befand sich im Haus des Weinhändlers Van Hall.

Hall war habgierig, geizig, dick und hatte ein tomatenrotes Gesicht. Er war kurzatmig und japste heftig nach Luft, wenn er aufgeregt war.

Im Augenblick glühte er geradezu vor Aufregung.

»Zwei Fässer hat man mir gestohlen, Inspektor Ballard. Vom besten Wein seit vielen Jahren. Ich verlange, dass Sie die Diebe fassen.«

Tony Ballard schlug lächelnd die Beine übereinander.

»Es ist Ihr gutes Recht, das zu verlangen, Mr. Hall. Aber es steht auf einem anderen Blatt, ob ich Ihren Wunsch auch tatsächlich zu erfüllen in der Lage bin.«

»Na, hören Sie!«, brauste Van Hall ärgerlich auf. »Sie sind dazu da...«

»Aber ja. Ich bin für alle Leute im Dorf da, Mr. Hall. Ich habe ja auch nicht gesagt, dass ich nichts für Sie tun will. Es fragt sich nur, ob ich auch wirklich etwas für Sie tun kann.«

»Lassen Sie doch die Wortspielereien, Inspektor. Ich kann nicht, heißt, ich will nicht.«

»Da muss ich Ihnen leider widersprechen. Wir haben keinerlei Anhaltspunkte...«

»Ich habe Ihnen doch den Keller gezeigt.«

»Und was habe ich da gesehen?«

»Dass die beiden Fässer fehlen.«

»Ich habe in Ihrem Keller lediglich einen leeren Fleck gesehen, wo Fässer in der Größe, wie Sie sie beschrieben haben, Platz hätten. Das ist ein großer Unterschied, Mr. Hall.«

»Was wollen Sie damit sagen, Inspektor Ballard?«

Tony grinste.

»Ich will damit lediglich sagen, dass ich die Fässer nie gesehen habe. Ich muss Ihnen glauben, dass sie da gestanden haben...«

»Also, ich weiß wirklich nicht, was ich davon halten soll, Inspektor. Sie reden so, als glaubten Sie, ich würde Sie belügen.«

Tony Ballard zuckte die Achseln.

»Ich habe nichts dergleichen behauptet.«

»Man kann es zwischen den Worten hören.«

»Die Fässer waren doch bestimmt versichert, nicht wahr, Mr. Hall?«

»Klar. Heutzutage darf man kein Risiko eingehen.«

»Wenn Sie wollen, dass die Versicherung das Geld rausrückt, müssen Sie also Anzeige erstatten.«

»Das habe ich getan.«

»Damit ist aber nicht bewiesen, dass die Fässer auch tatsächlich gestohlen wurden.«

Hall explodierte beinahe vor Zorn.

»Unterstellen Sie mir etwa, dass ich die Fässer beiseite geschafft habe, um die Versicherung zur Kasse zu bitten, Inspektor Ballard?«

»Das unterstelle ich Ihnen selbstverständlich nicht, Mr. Hall. Das wäre nämlich glatter Betrug, und für einen Betrüger halte ich Sie keinesfalls.«

»Was soll das Gerede also?«

»Ich wollte Ihnen nur beweisen, dass ich mir über diese Sache so meine Gedanken mache, Mr. Hall. Falls die Fässer irgendwann mal auftauchen sollten, rufen Sie mich an, damit ich die Ermittlungen stoppen kann, ja?«

»Falls die Fässer auftauchen sollten, werde ich anrufen, Inspektor Ballard!«, knurrte Van Hall mit zusammengekniffenen Augen. »Ich würde Ihnen aber nicht empfehlen, die Hände in den Schoß zu legen und auf diesen Anruf zu warten.«

»Sondern?«

»Ich würde Ihnen empfehlen, Ihre Pflicht zu tun, Inspektor. Sonst werde ich Mittel und Wege finden, Sie zu zwingen, dass Sie diesem Diebstahl nachgehen. Ich hoffe, ich habe mich klar genug ausgedrückt, Inspektor Ballard.«

Tony nickte gleichmütig.

»Oh, ja. Das haben Sie. Darf ich einer Hoffnung Ausdruck geben, Sir? Ich hoffe, Sie denken nicht, Sie hätten mir jetzt Angst gemacht, denn da befänden Sie sich gewaltig auf dem Holzweg. Guten Tag.«

Tony Ballard verließ das Haus des Weinhändlers. Er hatte den Mann noch nie gemocht. Nun, da er aufsässig wurde, wurde er ihm richtiggehend widerlich.

Für Ballard war klar, dass Van Hall hier einen raffinierten Versicherungsbetrug abwickelte. Der Weinhändler hatte schon mal solche Drehs gemacht. Mit Erfolg. Deshalb versuchte er es nun erneut, obwohl ihm die versicherten Weinfässer kaum viel Geld einbringen konnten. Es war eben namenlose Gier und der penetrante Geiz, die Van Hall zu solchen Machenschaften verleiteten.

Als Tony die Haustür hinter sich zugeknallt hatte, sprang Van Hall auf und lief zum Fenster.

Er schaute dem Inspektor nach.

Ballard ging die Dorfstraße entlang, grüßte einige Leute, sprach mit einer alten Frau und verschwand dann hinter einem Haus.

Van Hall grinste.

»Es wird klappen. Klar wird es klappen. Er wittert zwar etwas, aber er kann nichts beweisen. Er muss mir glauben, was ich sage. Die Versicherung muss es mir auch glauben, und muss den Zaster ausspucken.«

Kichernd rieb sich Hall die fleischigen Hände. Er fuhr sich über das rote Gesicht, wandte sich vom Fenster ab und begab sich in seinen Weinkeller.

Schwerfällig stieg er die Steinstufen hinunter. Er machte Licht. Links und rechts bildeten große und kleine Weinfässer ein Spalier. Dazwischen waren Zweiliterflaschen zu einem wahren Berg aufgeschichtet.

Ein Vermögen lagerte in diesem Keller.

Stolz stapfte Van Hall durch sein Reich. Ganz hinten, am Ende des Kellers, war Platz für zwei Fässer. Für die gestohlenen Fässer. Grinsend ging Van Hall darauf zu.

Ein schriller Pfiff ließ ihn erschrocken zusammenzucken.

Was war das gewesen?

Es hatte sich angehört wie der Pfiff einer Ratte. Doch konnten Ratten so laut und so schrill pfeifen?

Hall schüttelte unwillig den Kopf.

Blödsinn. In seinem Weinkeller gab es keine Ratten, dafür hatte er gesorgt. Er hasste diese Tiere. Deshalb hatte er alle Rattenlöcher ausgeräuchert, hatte sie mit Beton zugegossen, hatte zusätzlich Rattenfallen aufgestellt und überall Rattengift ausgelegt.

Hier konnte es keine Ratten geben.

Er ging weiter.

Wieder ein schriller Pfiff. Unwillkürlich fuhr Van Hall herum. Er kniff die Augen zusammen und lauschte angestrengt, während er den Atem anhielt.

Nichts.

Was waren das für Pfiffe? Wer stieß sie aus? Tiere? Menschen?

»Ist da jemand?«, fragte Hall nervös.

Ängstlich stand er da. Unschlüssig. Er wusste nicht, ob er weitergehen oder lieber umkehren und den Keller verlassen sollte.

Es war ihm hier unten auf einmal nicht geheuer.

»Ist da jemand?«

Er bekam keine Antwort.

Aufgeregt ließ er seine rosige Zunge über die trockenen Lippen huschen. Sein rotes Gesicht wurde dunkler. Angst schlich sich in seine Brust und krallte sich mit eiskalten Fingern um sein Herz.

»Ist da... jemand?«

Sein Blick fiel auf eine Eisenstange. Er griff sofort nach ihr. Solcherart bewaffnet, fasste er wieder einigen Mut.

Furchtsam ging er weiter.

Da entdeckte er sie. Ein furchtbarer Schreck fuhr ihm in die Glieder. Angewidert verzog er das Gesicht. Würgender Ekel zwängte sich in seinen Hals.

Sieben fette Ratten saßen da, wo die beiden Fässer gestanden hatten.

Ratten, die viel größer waren als gewöhnliche Nager. Ihre Augen funkelten feindselig. Sie reckten Hall ihre spitzen Schnauzen entgegen und bleckten die langen, ekelhaft gelben Zähne, während sich ihr Fell zu sträuben begann.

Van Hall starrte angewidert auf die Nagetiere, deren Krallen messerscharf waren.

Zorn packte Van Hall.

Ratten in seinem Weinkeller. Das durfte es nicht geben. Noch dazu solche Brocken.

Mit einem wütenden Schrei lief er auf die hässlichen Tiere zu. Er schwang die Eisenstange über dem Kopf. Es hätte ihm zu denken geben müssen, dass die Tiere vor ihm keinen Zoll zurückwichen.

Ihr dunkelgraues, fast schwarzes Fell sträubte sich mehr und mehr. Sie schienen in dieser Sekunde noch größer zu werden. Ihre Nagezähne zuckten nervös, und ihre Augen waren starr auf den anstürmenden Mann gerichtet.

Als Van Hall sie erreicht hatte, schlug er zu.

Die schwere Eisenstange sauste auf eines der Tiere herab.

Die riesige Ratte machte einen wilden Sprung nach vorn und hackte ihre langen Zähne blitzschnell in Halls Bein.

Der Mann stieß einen heiseren Schmerzensschrei aus.

Pfeifend und quietschend sprangen ihn nun die anderen Ratten an. Sie sprangen ihm ins Gesicht, bissen ihn in die Arme, verbissen sich an seinem Hals, schnellten an ihm hoch und schlugen ihm immer wieder kraftvoll die langen hässlichen Zähne ins Fleisch.

Schon nach dem zweiten Biss hatte Van Hall die Eisenstange fallen lassen.

Brüllend tanzte er jetzt wild um die eigene Achse, schlug angewidert mit den Armen um sich, strampelte mit den Beinen und versuchte die schrecklichen Biester wild abzuschütteln. Verzweifelt wehrte er ihre ungestümen Angriffe ab.

Er blutete bereits aus unzähligen Wunden. Die Tiere sprangen ihn immer wieder von neuem an. Sie kletterten auf die umstehenden Weinfässer und sprangen ihm von da mitten ins Gesicht. Sie zerkratzten ihm mit ihren scharfen Krallen die Wangen, die Stirn, bissen ihn in die Nase.

Heulend drehte sich Van Hall verzweifelt im Kreis. Plötzlich begann er zu rennen.

Zwei Ratten hatten sich in seinem fetten Bauch verbissen. Er schlug schreiend nach ihnen. Die eine fiel herab.

Er packte den Leib der anderen. Abscheuliche Übelkeit würgte ihn, als er das scheußliche Fell des Tieres berührte. Er packte die Ratte und riss sie von sich weg.

Ein heftiger Schmerz durchraste seine Körpermitte. Er hatte sich mit dem Tier ein Stück Fleisch aus dem Bauch gerissen.

Entsetzt schleuderte er den Nager gegen die Wand. Dann keuchte er die Kellertreppe hoch. Die Ratten verfolgten ihn quietschend und pfeifend. Sie bissen ihn in die Füße, bissen ihn in die Waden, sprangen ihm in den Rücken.

Er schüttelte sich, stürmte die Treppe schnaufend hoch, rannte schreiend aus dem Haus, durch den Garten, sprang über den niedrigen Zaun, der sein Grundstück von dem des Nachbarn trennte. Er glitt auf dem Rasen aus und fiel hin.

Schon waren die schrecklichen Ratten über ihm. Sie fielen über ihn her, bissen immer wieder zu. Kreischend schlug er um sich. Er wälzte sich auf dem Boden hin und her, schrie, schrie, schrie!

Blutüberströmt und halb blind vor Angst gelang es ihm, noch einmal auf die Beine zu kommen. Röchelnd rannte er auf die Terrasse des Nachbarhauses zu.

Eben trat Peter Young, der Nachbar, aus dem Gebäude.

»Hilfe!«, schrie Van Hall in höchster Bedrängnis. »Hilfe, Peter!«

Young handelte schnell.

Er erfasste die Situation zum Glück mit einem einzigen Blick.

Der schwere Van Hall kam angeschnauft und fiel ihm erschöpft und erledigt in die Arme.

Young fing ihn auf und schleppte ihn in rasender Eile in sein Haus. Er schleuderte die Terrassentür zu und sperrte die sieben Riesenratten damit aus.

»Peter...«

»Schon gut, Van!«

»Peter...«

»Du bist in Sicherheit, Van!«

»Die Ratten...«

»Sie können dir nichts mehr anhaben, Van!«

»Erschieße sie, Peter! Erschieße sie!«

Young holte eine schwere handgearbeitete Flinte aus dem Gewehrständer. Er lud die beiden Läufe mit Schrotpatronen.

Die Ratten hockten frech auf den kalten Steinen der Terrasse und starrten mit gefährlich funkelnden Augen auf die geschlossene Tür. Ihre spitzen Schnauzen waren mit Blut besudelt. Ihr Fell war ebenfalls mit Van Halls Blut verklebt.

Einen Augenblick lang zögerte Peter Young.

Er war ein hagerer Mann mit knorrigen Armen. Sein Gesicht war das eines Asketen. Sein Haar war schwarz. Silberne Fäden durchzogen es.

Er griff nach der Türklinke.

Seine Backenmuskeln spannten sich.

Er empfand furchtbaren Ekel vor diesen Tieren, die so groß waren, dass man sie fürchten musste. Young hätte es nicht für möglich gehalten, dass es so große Ratten gab.

Entschlossen hob er die Schrotflinte.

Knapp hintereinander feuerte er zweimal auf die Biester. Die Schüsse kamen brüllend aus dem Gewehr. Zweimal kurz hintereinander verspürte Peter Young den kraftvollen Rückschlag der Waffe.

Pulverdampf legte sich ätzend auf die Schleimhäute.

Da drohte Peter Young ein furchtbarer Schrecken umzuwerfen. Die sieben hässlichen Ratten waren verschwunden.

Deutlich war zu sehen, wo die Schrotladungen eingeschlagen hatten. Doch keines der Tiere war verletzt worden. Sie schienen sich in Luft aufgelöst zu haben.

Plötzlich hörte Young über sich ein wildes Brausen.

Und dann schien ihn ein vielstimmiges fürchterliches Gelächter zu verhöhnen und zu verspotten.

Entsetzt ließ er das Gewehr sinken. Er wusste, was das zu bedeuten hatte.

Die sieben Hexen vom Galgenbaum.

Sie waren in das Dorf zurückgekehrt.

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Sie schoben die Trage vorsichtig in den Ambulanzwagen.

»Wird er durchkommen, Doktor?«, fragte Peter Young besorgt.

Der Arzt, ein netter Mann mit dunkler Brille, zuckte die schmalen Schultern, während er sich mit den feingliedrigen Fingern das Kinn rieb. Er schaute auf den Bewusstlosen, den die Ratten furchtbar zugerichtet hatten.

»Ich bin kein Prophet, Mr. Young.«

»Keine Hoffnung?«

»Ich kann wirklich nichts sagen, Mr. Young. Er hat viel Blut verloren...«

Die Türen klappten zu. Der Arzt stieg ein. Der Ambulanzwagen fuhr davon.

Young schaute dem Wagen nachdenklich nach. Er schüttelte den Kopf. Komisch. Er hätte nicht gedacht, dass er sich jemals um Van Hall Sorgen machen könnte. Und doch war es nun so. Er machte sich große Sorgen um den Nachbarn.

Schnell ging er ins Haus zurück. Er nahm den Hörer von der Gabel. Vor einer halben Stunde hatte er von hier aus den Ambulanzwagen verlangt. Nun wählte er die Telefonnummer der Police Station.

Eine mürrische Stimme meldete sich.

»Inspektor Ballard, bitte«, verlangte Peter Young.

»Einen Moment«, sagte die mürrische Stimme.

Dann war eine halbe Minute lang Stille in der Leitung.

Dann: »Hallo? Hallo, sind Sie noch dran?«

»Ja«, sagte Young.

»Ich kann Inspektor Ballard nirgendwo auftreiben. Soll ich Sie mit jemand anderem verbinden?«

Young zögerte kurz, sagte aber dann, dass er lieber später noch einmal anrufen wolle. Dann legte er den Hörer auf die Gabel, denn mit jemand anderem wollte er über das schreckliche Erlebnis nicht reden. Er befürchtete, dass man ihn auslachte. Bei Tony Ballard war er sicher, dass dies nicht geschehen würde...

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Ballard war auf dem Weg zum Rathaus, um Vicky Bonney von der Leihbücherei abzuholen. Das Mädchen arbeitete da.

Tony betrat das Gebäude, das sich an das Rathaus anschloss, ging den breiten Marmorgang entlang und erreichte die weiße Tür mit der Aufschrift »Leihbücherei«.

Man schloss hier um siebzehn Uhr.

Es fehlten noch fünf Minuten.

Der Inspektor öffnete die Tür und trat ein. Ein großer Saal beherbergte wahre Regalstraßen, auf denen sich Bücher aus aller Herren Länder und in vielen Sprachen türmten. Alle Wissensgebiete wurden behandelt. Natürlich überwogen die Romane.

Vor einem breiten Pult stand ein alter weißhaariger Mann.

Professor Edgar Davies. Er war groß und drahtig. Sein weißer Schnurrbart war sorgfältig gepflegt. Trotz seines hohen Alters von knapp siebzig Jahren war dieser Mann bewundernswert gelenkig.

Und er war geistig reger als so mancher Student. Seine Wangen wiesen ein frisches, gesundes Rot auf. Seine Gestalt war straff und gerade.

Eben war Professor Davies dabei, einige uralte Bücher in seine mitgebrachte Reisetasche zu stopfen.

Als die Tür aufklappte, hob er den Kopf und erblickte Tony Ballard. Seine Augen hellten sich erfreut auf. Er lächelte.

»Guten Tag, Inspektor.«

»Na, Professor Davies? Wie geht’s denn? Immer noch bestrebt, das Rätsel der sieben Hexen vom Galgenbaum zu lösen?«

Edgar Davies zog die weißen Augenbrauen zusammen. Eine Falte kerbte sich in seine Stirn.

»Ich weiß nicht, wie Sie zu dieser Sache stehen, Inspektor. Aber ich möchte Sie darauf aufmerksam machen, dass unser Dorf auf einem Pulverfass sitzt.«

»Auf einem Pulverfass?«

Der Professor nickte eifrig.

»Es kann als sicher angenommen werden, dass diese verfluchten Hexen unser Dorf alle hundert Jahre heimsuchen. Das geht aus vielen Aufzeichnungen hervor. Wir schreiben 1974, Inspektor. Das heißt, dass ein Besuch dieser verdammten Bestien wieder einmal fällig wäre.«

Tony musterte den alten Mann nachdenklich.

»Glauben Sie wirklich, dass Sie kommen werden?«

»Ich bin fast versucht zu sagen, ich weiß es, Inspektor.«

»Wir leben in einer durch und durch technisierten Welt, Professor. Ich kann mir nicht vorstellen, dass diese Hexen, falls sie wirklich alle hundert Jahre auftauchen, uns heute noch heimsuchen. Vor allem glaube ich, dass das ihr sicheres Ende wäre.«

Der alte Mann lachte.

»Ach, Sie denken, Sie könnten die Hexen mit einem automatischen Gewehr oder mit irgendwelchen wirksamen Waffen bekämpfen?«

Tony Ballard nickte.

»Falls sie überhaupt kommen, was ich natürlich bezweifle.«

Professor Davies kniff die Augen zusammen und wiegte besorgt den Kopf.

»Sie werden kommen, Inspektor. In der Beziehung kann man sich auf die Bestien verlassen. Sie werden ganz bestimmt kommen. Und zwar bald. Glauben Sie ja nicht, Sie könnten diese Gespenster mit irgendwelchen raffinierten Waffen zur Strecke bringen. Das klappt ganz gewiss nicht.«

Edgar Davies wies auf seine vollgestopfte Reisetasche.

»Vielleicht komme ich der Lösung einen Schritt näher, wenn ich diese Werke durchgearbeitet habe. Es sind durchweg alte Aufzeichnungen, die sich alle in irgendeiner Form mit den furchtbaren Ereignissen der Vergangenheit befassen. Meiner Meinung nach liegt der Schlüssel zum streng gehüteten Geheimnis dieser Hexen in der Vergangenheit. Wenn wir diesen Schlüssel gefunden haben, können wir die Bestien vernichten.«

»Und wenn nicht?«, fragte Tony Ballard - immer noch ziemlich ungläubig.

»Wenn nicht, dann werden in unserem Dorf wieder schlimme Dinge geschehen.« Der Professor senkte die Stimme.

»Vielleicht wird es dann in hundert Jahren einem anderen Mann vergönnt sein, fertig zu bringen, was ich nicht schaffen konnte.«

Davies griff nach der Tasche.

Er verabschiedete sich und verließ die Leihbücherei. Aus der angrenzenden Garderobe kam Vicky Bonney. Sie hatte den weißen Arbeitsmantel, den sie tagsüber trug, ausgezogen und lächelte, als sie Tony vor dem Pult stehen sah.

»Du bist schon hier?«

»Besser zu früh als zu spät«, gab Ballard grinsend zurück.

»Entschuldige, dass ich dich warten ließ. Wenn ich gewusst hätte, dass du bereits da bist, hätte ich mich mehr beeilt.«

Tony Ballard winkte lächelnd ab.

»Ich habe mich inzwischen ein bisschen mit Professor Davies unterhalten.«

Vicky wurde ernst. Sorge schlich sich in ihre Augen.

»Ein sonderbarer Mann«, sagte sie.

»Er macht mir richtig Angst, wenn er von diesen Hexen spricht. Nahezu alle Bücher hat er schon gelesen, die sich mit diesem makabren Thema befassen. Heute hat er sich den Rest geholt.«

»Hoffentlich macht er mit seinen Vorahnungen nicht das ganze Dorf verrückt«, sagte Tony schmunzelnd.

»Was hältst du privat davon, Tony? Müssen wir uns Sorgen machen? Werden die Hexen kommen?«

»Unsinn«, sagte Ballard schnell und schüttelte heftig den Kopf. »Glaubst du an Ufos?«

»Nein.«

»Warum glaubst du dann an Hexen?«

»Vielleicht, weil sie erdnaher sind.«

»Meiner Meinung nach gibt es keine Hexen.«

»Aber man hat sie doch 1674 an dem Galgenbaum gehängt, Tony.«

»Man hat sieben Mädchen aufgehängt, ja. Das glaube ich. Aber ich weigere mich, zu glauben, dass diese Mädchen Hexen waren. Früher mal haben die Leute hinter jedem Gegenstand den Teufel gesehen. Sie waren ängstlich, und wenn eine Frau rotes Haar hatte, wurde sie schon auf den Scheiterhaufen gestellt und verbrannt oder aufgehängt, weil Frauen mit rotem Haar eben Hexen sein mussten. Heute färben sich viele Frauen das Haar rot, und niemand findet etwas dabei. Ich bin dafür, wir vergessen diese alten Schauergeschichten, die ja doch bar jeder vernünftigen Grundlage sind. Die Menschen von damals haben sie in ihrer Angst erfunden.«

Vicky Bonney lehnte sich an das Pult.

Sie schüttelte den Kopf und warf ein: »Und die schrecklichen Ereignisse, die alle hundert Jahre in unserem Dorf passieren, Tony, wie erklärst du die?«

»Sie haben sicherlich ganz und gar klar erklärbare Hintergründe. Und es passierten in diesem Dorf nicht nur alle hundert Jahre irgendwelche Blutverbrechen, sondern leider auch dazwischen. Von denen wird allerdings weit weniger Aufhebens gemacht, weil sie nämlich nicht zu den Geschichten passen, die man sich erzählt.«

Vicky kam hinter dem Pult hervor.

Sie sah hinreißend aus in ihrem weißen Kleidchen, in dessen dezentem Dekolleté ein ansehnlicher Busen wogte. Die wasserblauen Augen versprühten jugendlichen Elan. Der Mund leuchtete rot, war voll und sinnlich. Sie hatte die schönsten, längsten und makellosesten Beine, die Tony Ballard jemals gesehen hatte.

»Wir können gehen«, sagte sie mit einem reizenden Lächeln.

»Okay.«

Sie verließen die Leihbücherei.

Vicky schloss sorgfältig ab und steckte den Schlüssel in ihre weiße Handtasche.

Morgen um acht würde sie hier wieder aufschließen. Bis dahin wollte sie die Bücherei und die viele damit verbundene Arbeit an Tonys Seite vergessen.

Gemeinsam traten sie aus dem Gebäude.

Da kam Peter Young mit kalkweißem Gesicht auf sie zugelaufen.

»Inspektor! Inspektor! Etwas sehr Schreckliches ist passiert!«

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»Sieben Ratten waren es. Ich sage Ihnen, so große Viecher haben Sie noch nie gesehen. Sie haben Van Hall schrecklich zugerichtet. Trotz allem hatte er noch unverschämtes Glück.«

Tony und Vicky befanden sich in Youngs Haus. Young hatte ihnen etwas zu trinken gegeben. Er selbst trank keinen Tropfen. Die Aufregung vermengt mit Alkohol, hätte ihn aus den Schuhen geworfen.

Er stand an der Terrassentür.

Das Glas in der Rechten, stand Tony Ballard neben ihm, und hörte sich seine schaurige Geschichte an, die aus ihm nur so hervorsprudelte. Schon zum vierten Mal. Er kannte Young sehr gut und hatte den Mann noch nie so schrecklich aufgeregt gesehen. Vicky saß in einem Sessel. Sie hörte sich schaudernd an, was Young erzählte und schien sich an ihrem Drink festzuhalten.

Tony Ballard schaute sich die Löcher an, die Young mit seiner Schrotflinte geballert hatte.

»Ich konnte keine einzige Ratte treffen!«, sagte Young benommen.

Wahrscheinlich waren gar keine Ratten da, dachte Ballard. Vermutlich hatte Peter Young eine Halluzination gehabt. Wie aber war Van Hall zu seinen schweren Verletzungen gekommen?

»Ich sage Ihnen, die sieben Hexen sind wieder in unserem Dorf, Inspektor Ballard«, sagte Peter Young eindringlich.

»Wieso glauben Sie, dass es sich ausgerechnet um die sieben Hexen handelt?«

»Erstens, weil es sieben Ratten waren.«

»Das besagt gar nichts.«

»Zweitens, weil die Ratten siebenmal größer waren als alle Ratten, die ich jemals gesehen habe.«

»Vielleicht hat sie Ihre Angst größer erscheinen lassen.«

Peter Young schüttelte mit zusammengepressten Zähnen den Kopf.

»Ich hab noch was auf Lager, Inspektor!«

»Lassen Sie hören!«

»Ich sagte doch, dass ich auf die ekelhaften Tiere geschossen habe, nicht wahr?«

»Ja.«

»Passen Sie auf, Ballard! Ich konnte keine einzige Ratte verletzen, obwohl ich mit Schrot gefeuert hatte. Das allein würde natürlich immer noch nichts besagen, ich weiß. Aber es geht noch weiter. Die Tiere waren mit einem Mal verschwunden. Nicht einfach davongehuscht. Sie hatten sich in Luft aufgelöst. Aber das ist immer noch nicht alles, Inspektor Ballard. Ich weiß, dass man einem berufsmäßigen Zweifler wie Ihnen noch mehr bieten muss. Und ich kann Ihnen noch mehr bieten. Gleich nachdem ich die zwei Schüsse abgegeben hatte, setzte ein wildes Brausen in der Luft ein. Und dann verhöhnte und verspottete mich ein vielstimmiges Gelächter. Sie können jetzt sagen, was Sie wollen, Ballard. Ich weiß mit absoluter Sicherheit, dass die sieben Hexen wiedergekommen sind. Und Sie täten gut daran, sich allmählich mit dem Gedanken vertraut zu machen, dass schon in naher Zukunft schreckliche Dinge passieren werden. Sehen Sie sich Van Hall im Krankenhaus an. Danach werden Sie sicherlich anders über die Sache denken, dessen bin ich ganz sicher.«

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Als Tony und Vicky im Thunderbird des Inspektors saßen, fragte das blonde Mädchen: »Bist du immer noch der Meinung, dass man die Hexengeschichten mit den Geschichten vergleichen kann, die man sich über die Ufos erzählt, Tony?«

Ballard zuckte die Achseln.

»Ich weiß nicht, was ich von der ganzen Sache halten soll. Sieh mal, der Mensch neigt dazu, hysterisch zu sein. Wenn er große Angst hat, spielen ihm seine Sinne oft einen furchtbaren Streich, und er sieht dann Dinge, die es in Wirklichkeit gar nicht zu sehen gibt.«

»Aber Van Hall...«

»Van Hall?«

»Ja. Er ist doch wirklich schwer verletzt.«

Tony Ballard fuhr los.

»Dass er verletzt ist, ist eine Tatsache«, meinte der Inspektor nickend. »Ich bin sogar bereit, anzunehmen, dass er von Ratten angefallen wurde. Aber was Young sonst noch alles zum Besten gegeben hat, möchte ich doch lieber streichen. Das sind sicherlich Hirngespinste. Du wirst sehen, es wird keine weiteren unheimlichen Vorkommnisse mehr geben.«

»Wirst du etwas unternehmen, Tony?«

»Vorerst bringe ich dich nach Hause.«

»Ich dachte, wir wollten heute ins Kino...?«

»Das verschieben wir auf morgen, okay?«

»Wie du meinst. Und was geschieht heute?«

»Ich muss ins Hospital fahren und mir Van Hall ansehen.«

»Darf ich mitkommen?«

»Besser, du siehst so etwas nicht«, erwiderte Tony Ballard kopfschüttelnd. Er steuerte den Thunderbird durch eine schmale Straße und hielt vor einem Haus.

»Möchtest du nicht noch auf eine Tasse Tee...?«

Ballard schüttelte grinsend den Kopf.

»Lieber nicht, Vicky. Ich kenne mich, und ich weiß, dass es nicht beim Tee bleiben würde, wenn ich jetzt mit dir hineinginge.« Er kniff ein Auge zu. »Wir holen morgen nach, was wir heute versäumen, ja?«

Vicky Bonney rutschte zu ihm, küsste ihn auf den Mund und stieg dann aus dem Wagen. Er fuhr weiter. Sie winkte ihm nach.

Zehn Minuten später betrat er das Krankenhaus.

Man führte ihn zu Van Hall.

Und als man ihm erklärte, dass Van Hall immer noch mit dem Tod rang, als man ihm die furchtbaren Verletzungen schilderte, die dem Mann durch die Ratten zugefügt worden waren, begann Tony Ballard allmählich dran zu zweifeln, ob wirklich nichts an den Geschichten dran war, die man sich über die Hexen vom Galgenbaum erzählte.

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Der Abend brach herein.

Der Mond schien mit seinem silbrigen Licht auf das kleine Dorf herab. Noch hatten die Bewohner keine Ahnung, was auf sie zukam. Man lachte unbeschwert in der Dorfkneipe, man gab sich seinen allabendlichen Beschäftigungen hin, war sorglos und unbekümmert.

Doch das Unheil hatte bereits seinen Lauf genommen. Es hatte bereits ein Opfer gefordert; den Weinhändler Van Hall.

Und viele Opfer sollten diesem ersten nach dem Willen der grausamen Hexen noch folgen.

Ein wenig außerhalb des Dorfes lag das Sägewerk von Ross Kane. Mächtige Bretterstapel türmten sich auf dem riesigen Lagerplatz auf.

Ross Kane wohnte hier draußen. Sein Haus stand am Rande des Lagerplatzes.

Ein wenig einsam und abgeschieden. Nur fünf Minuten waren zu gehen, wenn man den Friedhof aufsuchen wollte. Kane machte die Nähe des Friedhofs nichts aus. Er war ein Mensch, der gern zurückgezogen lebte. Mit Leuten hatte er nur beruflich, aber nicht privat zu tun. Er lud niemals jemanden in sein Haus ein und kapselte sich von allem ab, was nicht untrennbar mit seinem Geschäft verbunden war.

Kane saß in seinem geräumigen Wohnzimmer.

Die walnussgetäfelten Wände waren mit Fotografien von Bäumen und Wäldern behängt.

Kane war ein grober Klotz, der über Bärenkräfte verfügte. Seine Bewegungen wirkten schwerfällig und linkisch. Er war überdurchschnittlich groß, hatte kalte Augen und einen brutal geformten Mund.

Nun erhob er sich, um ans Fenster zu gehen.

Er schlug den Vorhang zur Seite. Das Mondlicht wirkte kalt. Er fröstelte und ärgerte sich darüber. Grimmig zog er an seiner Zigarette.

Da fiel ihm auf, dass in der Sägehalle noch Licht brannte. Er schüttelte verständnislos den Kopf.

Wieso brannte dort drüben Licht? Er hatte doch selbst alle Lampen ausgeschaltet. Hatte er einen Schalter übersehen? Hätte ihm die brennende Lampe nicht auffallen müssen?

Ärgerlich verließ er das Haus.

Der Abend war kühl. Er legte sich wie ein kalter Ring um den Hals des Sägewerksbesitzers. Ross Kane hob die Schultern hoch und zog den Kopf ein, während er die Fäuste in die Taschen stemmte.

So marschierte er durch die Holzstapelstraßen auf den lang gezogenen Bau der Sägehalle zu. Seine Schuhe erzeugten knirschende Geräusche.

Irgendwo bellte ein Hund. Ein zweiter begann jämmerlich zu jaulen. Ein Wispern, Flüstern und Raunen geisterte über den finsteren Lagerplatz.

Ross Kane schritt furchtlos durch die Dunkelheit. Er erreichte die Tür der Halle. Sie war abgeschlossen. Kane holte den Schlüsselbund hervor, den er immer bei sich trug, und schloss auf.

Verwundert trat er in eine finstere Halle.

»Na, so was!«, sagte er zu sich selbst.

Wieso brannte plötzlich kein Licht mehr? Er hatte das Licht doch vom Fenster seines Hauses aus gesehen. Es hatte gebrannt, bis er die Tür erreicht hatte. Und nun? Wer hatte es abgedreht?

»He! Ist da jemand?«, schrie Ross Kane mit kräftiger Stimme in die Halle hinein.

»...mand... mand«, kam das Echo zurück.

Kane machte Licht. Er ballte die Fäuste. Eigentlich kam ihm nicht der Gedanke an einen Einbrecher, denn in der Sägehalle gab es kaum etwas zu stehlen. Die schwere Maschinen konnte keiner fortschleppen. Und Holz befand sich auf dem Lagerplatz wesentlich mehr als hier drinnen.

Nein, Einbrecher kamen nicht hierher. Vielleicht hatte ein Penner irgendwo eine Scheibe eingeschlagen, um die Nacht hier drinnen zu verbringen.

Ross Kane presste die Zähne zornig zusammen. Dem Knaben würde er es zeigen.

Der Sägewerksbesitzer begann seinen Rundgang. Er kontrollierte jedes einzelne Fenster.

Als er schon fast das Ende der Halle erreicht hatte, hörte er einen schrillen Pfiff, der einem durch Mark und Bein ging.

Ein Alarmsignal?

Kane wandte sich augenblicklich in die Richtung, aus der der Pfiff gekommen war. Seine Backenmuskeln spannten sich. Seine Lippen wurden schmal wie Messerklingen.

»Na, warte!«, knurrte Kane. Dann stampfte er mit schnellen Schritten auf den Holzstapel zu, hinter dem sich seiner Meinung nach die Person befand, die diesen schrillen Pfiff ausgestoßen hatte.

Plötzlich blieb er verwirrt stehen.

Er hörte, wie jemand am Holz nagte.

Laut. Knirschend.

Ratten?

Ärgerlich ging Ross Kane weiter. Das hätte ihm gerade noch gefehlt, dass ihm die Ratten das ganze Holz anfraßen.

Wild kam er um den Stapel herum. Da sah er sie. Sieben Ratten, von einer Größe, die unglaublich war. Alle sieben Tiere hatten ihm die spitzen Schnauzen zugewandt und schauten ihn mit ihren furchterregenden Augen an. Ihre langen Nagezähne schienen nach seinem Fleisch zu lechzen.

»Haut ab, ihr verdammten Biester!«, knurrte Ross Kane wütend.

Als die Nager auf ihren Plätzen verharrten, klatschte Kane laut in die Hände und machte »Gscht! Gscht! Gscht!«

Doch die Tiere ließen sich nicht verjagen.

Im Gegenteil. Sie näherten sich ihm nun. Lauernd wie es schien.

Kane suchte nach einem Gegenstand, mit dem er die Tiere vertreiben konnte.

Bevor er jedoch nach der Latte greifen konnte, die ihm dafür geeignet schien, sprang ihn die erste Ratte quietschend an.

Sie kam heran geflogen. Ihre scharfen Nagezähne blitzten im Licht. Sie hatte das hässliche Maul aufgerissen und wollte die Zähne in Kanes Körper schlagen.

Der Sägewerksbesitzer federte zurück, fing das Tier mit den Händen ab und schleuderte es keuchend durch den Saal.

Die Ratte überschlug sich mehrmals, als sie auf den Boden krachte, wirbelte herum und kam mit weiten Sätzen zurückgesprungen.

Die nächste Ratte biss Kane ins Bein.

Er presste die Zähne aufeinander und schüttelte das bissige Biest blitzschnell ab. Zwei Nager kickte er kraftvoll zur Seite. Ihre großen Leiber klatschten gegen die Wand, fielen zu Boden, zeigten aber keinerlei Verletzungen. Sie schienen unverwundbar zu sein, diese dunkelgrauen, fast schwarzen Bestien.

Quietschend und pfeifend fielen sie nun von allen Seiten über Kane her. Er schlug mit den Fäusten nach ihnen, trat aus, packte die schwere Latte und drosch damit auf die ekelhaften Tierleiber ein, die immer wieder zurückkamen. Kane hatte das Gefühl, nicht mit sieben, sondern mit siebzig Ratten zu kämpfen, so schnell griffen sie an.

Ihre Bisse waren schmerzhaft. Immer wilder wurden ihre Angriffe. Ihre Schnauzen waren voll Blut. Sie versuchten, Kane an den Hals zu springen. Sie wollten ihm die Halsschlagader durchbeißen. Während sie ihn zu sechst von vorne angriffen, schnellte die siebente Ratte hinten an ihm hoch und schlug ihm ihre langen Zähne in den Nacken.

Kane stieß einen wahnsinnigen Schrei aus. Ein irrer Schmerz durchraste sein Rückgrat. Dazu kam ein lähmender Schock.

Verzweifelt und angeekelt fasste Ross Kane nach hinten. Er erwischte den zuckenden Tierleib und wollte sich von ihm befreien, doch das Nagetier hatte sich tief in seinen Nacken verbissen, ließ sich weder fortreißen noch abschütteln.

Bestürzt wirbelte Kane nun herum.

Schnaufend hetzte er durch die Halle.

Die Ratten sprangen mit federnden Sätzen hinter ihm her. Immer wieder quietschten und pfiffen sie schrill. In panischer Angst stürmte der Sägewerksbesitzer aus der Halle.

Die Ratte, die sich in seinem Nacken verbissen hatte, baumelte hin und her.

Der Schmerz machte Kane fast wahnsinnig.

Fürchterliche Angst trieb ihn zu seinem Haus zurück. Die Nagetiere bissen ihn immer wieder in die Beine. Er begann zu humpeln, blieb aber nicht stehen, denn er spürte instinktiv, dass das den sicheren Tod bedeutet hätte.

Atemlos erreichte er sein Haus.

Er stürmte hinein, schleuderte die Tür hinter sich zu und drehte blitzschnell den Schlüssel herum. Damit waren die Verfolger ausgesperrt.

Keuchend lief Kane zum Spiegel, der in der Diele an der Wand hing. Entsetzt starrte er auf das blutbesudelte Tier, das seine scharfen Zähne in seinen Nacken geschlagen hatte. Wieder fasste er danach. Er zerrte es hin und her, drehte es herum.

Die Zähne lösten sich.

Blut schoss aus der tiefen Wunde. Bestürzt schleuderte Kane das Nagetier zu Boden. Er trampelte schweißüberströmt darauf herum, bis es sich nicht mehr rührte.

Inzwischen schnellten draußen die sechs anderen Ratten an der Tür hoch.

Kane hörte sie das Holz annagen. Es war offensichtlich, was sie vorhatten. Sie wollten ein Loch in die Tür reißen und in das Haus eindringen.

Er wusste, dass er dann verloren war.

Schnell lief er ins Wohnzimmer. Die Aufregung machte ihn schwindlig. Um ihn herum drehte sich alles. Seine Kleider waren von seinem Blut voll durchtränkt. Wohin er sah, gab es Verletzungen an seinem Körper.

Die siebente Ratte griff ihn nun erneut an. Er war darüber zu Tode entsetzt, denn er hatte geglaubt, sie getötet zu haben. Er konnte nicht begreifen, dass sie immer noch lebte.

Sie biss ihn in den Arm und sprang ihm ins Gesicht. Bestürzt schüttelte er sie ab.

Er hastete zum Telefon. Hilfe! Er brauchte dringend Hilfe. Wenn die anderen bissigen Bestien erst mal die Tür durchgenagt hatten, war er erledigt.

Zitternd wählte er die einzige Nummer, die ihm in diesem furchtbaren Augenblick in den Sinn kam.

Es war die Nummer des Bürgermeisters.

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Carter Rayser hieß der Bürgermeister.

Er war ein schwerer Mann mit einem ansehnlichen Bauch, mit einem gewaltigen Doppelkinn und einer mächtigen Knollennase. Im Dorf gingen die Meinungen über ihn stark auseinander. Während die einen ihn schätzten und verehrten, konnten die anderen ihn nicht riechen und verachteten ihn.

Doch Carter Raysers Haut war dick genug, um ihn über solche Kleinigkeiten einfach hinweggehen zu lassen. Er gab sich so, als wäre er überall gleich gern gesehen, behandelte Freund und Feind mit derselben überschwänglichen Höflichkeit, hinter der jedoch nicht die geringste Herzlichkeit steckte. Rayser war ein schlampiger, oberflächlicher Mann, der viel von Essen und Trinken hielt, dem die Arbeit jedoch nur ein lästiges, aber leider notwendiges Übel zu sein schien und der für seine Wähler nur dann da war, wenn ihm das garantiert die Wiederwahl sicherte.

Er war zu Hause, saß in seinem Arbeitszimmer an seinem klobigen Schreibtisch und hatte das Telefon abgeschaltet, um sich seinem Besuch besser widmen zu können. Wenn Anrufe kommen sollten, würde sie Raysers Frau Dawn draußen im Wohnzimmer entgegennehmen.

»Sieh mal, Vincent, ich kann dir wirklich nicht helfen«, sagte Rayser in diesem Augenblick. Er legte die kurzen Hände auf den dicken Bauch und gab sich den Anschein, als wäre er so etwas wie ein Heiliger.

Vincent Walsh, ein dünner Mann mit fahlen, eingefallenen Wangen, seufzte.

»Hör mal, Carter, die Gemeinde kann doch nicht einfach von mir verlangen, dass ich mein Haus wieder niederreiße. Jetzt, wo ich endlich damit fertig bin. Hast du schon mal ein Haus gebaut?«

»Nein.«

»Na eben.«

»Was - na eben?«

»Mensch, weißt du, was das für eine Hundsschufterei ist? Zehn Jahre von meinem Leben hat mich der Bau dieses Hauses gekostet.«

»Niemand hat dich gezwungen, zu bauen, Vincent. Du hättest in deiner Wohnung bleiben können.«

»Ja. Das sieht dir ähnlich, Carter. Du selbst sitzt in einem schicken, großen Haus. Aber unsereiner soll in einem kleinen, miesen feuchten Loch wohnen, wie?«

»Bleib sachlich, Vincent!«, knurrte der Bürgermeister und blickte verstohlen auf seine Uhr. Zehn Minuten wollte er sich den Quatsch noch anhören. Dann wollte er Vincent Walsh mit ein paar Phrasen hinauskomplimentieren.

»Ich bin sachlich, verdammt noch mal. Ich habe jede freie Minute an meinem Haus gebaut, und nun, wo es fertig ist, kommt ihr mir damit, dass der Bau nicht den gesetzlichen Bestimmungen entspricht.«

»Du hättest dir einen Architekten nehmen sollen.«

»Konnte ich mir doch nicht leisten.«

»Wer es sich nicht leisten kann, soll nicht bauen.«

»Ich war mit den Plänen bei euch. Da war alles in Ordnung.«

»Verdammt noch mal, ich habe die Pläne nicht begutachtet. Außerdem hast du dich nicht an die Pläne gehalten, vergiss das nicht, Vincent. Glaube mir, wir alle wollen nur dein Bestes. Das Haus würde dir eines Tages auf den Kopf fallen, wenn wir dich darin wohnen lassen würden. Das wollen wir verständlicherweise nicht. Wir sind dazu da, die Leute vor solchen Missgeschicken zu bewahren.«

»Ich habe den Eindruck, ihr seid nur dazu da, um die Leute zu ruinieren!«, schrie Vincent Walsh aufgeregt.

»Jetzt reicht es aber, Vincent!«, schrie der Bürgermeister zurück. »Das Haus entspricht nicht den Vorschriften, und damit basta!«

Es klopfte an der Tür.

»Ja!«, schrie Carter Rayser gereizt.

Die Tür öffnete sich. Der grauhaarige Kopf von Raysers Frau erschien.

»Was ist denn? Ich habe doch ausdrücklich gesagt, dass ich nicht gestört werden will!«

Dawn Rayser trat mit einem hilflosen Achselzucken ein.

»Da ist ein Anruf für dich.«

»Wer?«

»Ross Kane.«

»Was will er?«

»Er ist völlig verstört. Ich konnte nicht verstehen, was er sagt. Ich glaube, es ist sehr dringend.«

Der fette Bürgermeister schüttelte unwillig den Kopf.

»Ich bin jetzt in einer wichtigen Besprechung. Er soll morgen noch mal anrufen, sag ihm das. Und jetzt mach die Tür wieder von draußen zu, ja?«

Dawn Rayser nickte ergeben, wandte sich um und verließ das Arbeitszimmer ihres Mannes schnell wieder. Die Tür schloss sie lautlos, um ihren Mann nicht noch mehr zu verärgern. Türen, die zugeschlagen wurden, reizten ihn entsetzlich.

Sie begab sich zum Telefon.

»Hallo, Mr. Kane!«

Nichts.

»Mr. Kane!«

Ross Kane meldete sich nicht. »Na, so etwas!«, sagte Dawn Rayser kopfschüttelnd und legte auf.

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Die Ratten hatten sich durch die Tür genagt. Wie dunkelgraue Gummibälle hüpften sie durch das Haus, auf Ross Kane zu.

Er hatte den Hörer vor Schreck auf die Gabel fallen lassen. Nun wirbelte er herum und hetzte zu seiner Kommode, in der er einen sechsschüssigen Trommelrevolver aufbewahrte.

Schnell riss er die Schublade auf. Zitternd fasste er nach der Waffe.

Zwei Ratten bissen ihn ins Bein. Er schnell herum und wollte schießen. Da schlug eine Ratte ihre scharfen Zähne in das Gelenk seiner Schusshand. Ein irrer Schmerz ließ seine Finger aufschnappen.

Er riss den Mund auf und stieß einen wahnsinnigen Schrei aus. Da spürte er die suchende Schnauze eines ekelhaften, mordgierigen Nagers an seiner Kehle.

Schon biss das Tier zu.

Ross Kane kreiselte brüllend herum.

Er fiel. Und nun war er nicht mehr zu retten. Die Nagetiere stürzten sich quietschend auf ihn und fraßen sich gierig in ihn hinein.

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»Ich schwöre dir, so wahr ich Vincent Walsh heiße, ich werde in meinem Haus wohnen! Keine zehn Pferde werden mich davon abhalten können, Carter.«

»Nimm doch Vernunft an, Vincent.«

Walsh grinste verzweifelt.

»Vernunft? Ich soll Vernunft annehmen? Warum tust du es denn nicht?«

»Ich habe dir gesagt, dass ich dir nicht helfen kann!«

»Du könntest, Carter. Du könntest. Aber du willst nicht. Ich bin für dich nicht interessant genug. Für jemand anders würdest du dich sicherlich zerreißen. Du würdest eine Möglichkeit finden, sein Haus zu retten. Es muss doch irgendeine Möglichkeit geben.«

»Die gibt es leider nicht, Vincent.« Der Bürgermeister erhob sich. »Ich glaube, jedes weitere Wort ist überflüssig. Einig werden wir uns sowieso nicht. Du vertrittst hartnäckig deinen Standpunkt - den ich menschlich sogar verstehen kann, aber als Bürgermeister, der an Gesetze und Vorschriften gebunden ist, nicht befürworten kann -, und ich vertrete den Standpunkt der Baupolizei.«

»Ich werde in meinem Haus wohnen!«, fauchte Walsh kampflustig.

»Das bringt dir Schwierigkeiten mit der Polizei, Vincent.«

»Ist mir egal. Mir ist alles egal.«

Mir auch, dachte Carter Rayser.

Walsh hatte sich ebenfalls erhoben. Rayser kam um den Schreibtisch herum und legte dem Mann in einer jovialen Geste die Hand auf die Schulter.

»Geh jetzt nach Hause und überschlafe die Geschichte erst mal, Vincent. Du wirst sehen, morgen sieht die Sache schon wieder ganz anders aus. Ich werde sehen, ob ich nicht doch noch irgendetwas...«

»Wenn du das tust, Carter, würde ich mich natürlich erkenntlich zeigen. Ich meine, ich verdiene zwar nicht gerade sehr viel, aber ich würde mich... Verdammt noch mal, das würde ich mich etwas kosten lassen!«

Der fette Bürgermeister nickte grinsend. Es war ein offenes Geheimnis, dass man ihn bestechen konnte.

Er brachte Walsh zur Tür, wünschte ihm einen guten Heimweg und begab sich dann ins Wohnzimmer, wo seine Frau saß.

»Ein idiotischer Quengler ist das!«, knurrte er und nahm, sich einen Scotch.

»Ist es nicht ungerecht...«, begann seine Frau.

»Tu mir den Gefallen und halt die Klappe, ja? Misch dich nicht in meine Angelegenheiten. Schließlich bin ich der Bürgermeister dieses Dorfes. Nicht du, Dawn!«

Er trank den Scotch mit einem Schluck aus.

Dann setzte er sich.

»Was war mit Ross Kane? Jahrelang hört man nichts von diesem Dreckskerl. Und plötzlich ruft er an und hat die Frechheit, auch noch zu behaupten, dass die Sache dringend sei.«

»Er machte einen schrecklich verstörten Eindruck, Carter.«

»Ach was.«

»Ich mache mir Sorgen um ihn.«

Rayser schaute seine Frau kopfschüttelnd an.

»Sag mal, warum kümmerst du dich bloß immer so sehr um anderer Leute Angelegenheiten? Hast du mit dir selbst nicht genug zu tun? Was, zum Teufel, kümmern dich die anderen? Kane wird morgen wieder anrufen. Oder er wird hierher kommen. Oder in mein Büro. Und wenn nicht, dann war es eben gar nicht so dringend, wie er getan hat.«

»Du hast seine Stimme nicht gehört, Carter.«

»Na, Gott sei Dank, kann ich darauf nur sagen.«

»Er war fürchterlich verstört.«

»Quatsch. Weshalb sollte er schon verstört gewesen sein?«

»Er redete von Ratten.«

»Vielleicht war er besoffen.«

»Ich glaube, er sagte, sieben Ratten würden ihn angreifen. Sie wollten ihn töten.«

»Das hat er gesagt?«, fragte der Bürgermeister grinsend.

»Ja.«

»Dann war er ganz sicher besoffen.«

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Jo Miller fand tags darauf Ross Kane.

Miller war so etwas wie ein Vorarbeiter im Sägewerk. Eher hätte die Bezeichnung »Mädchen für alles« auf ihn gepasst, denn er kümmerte sich, sehr zum Wohle der Firma, nicht nur um die ihm zustehenden Aufgaben, sondern auch um viele andere Dinge, die eigentlich nicht in seinen Arbeitsbereich gehörten.

Zu seinen Gewohnheiten gehörte es auch, als Erster im Sägewerk zu sein. Er holte dann immer die Schlüssel von Kane, um die Halle aufzuschließen.

Auch heute war es nicht anders.

Als Jo Miller, ein junger Mann mit abstehenden Ohren, die Haustür offen fand, stutzte er.

Als er das Loch in der Tür bemerkte, wurde er unruhig. Schnell trat er durch die Tür ein, die die sieben Hexen nach dem Verlassen des Hauses offen gelassen hatten.

»Mr. Kane?«

Stille.

»Mr. Kane!« Miller ging weiter. Er sah Blutspuren auf dem Boden und befürchtete ein furchtbares Verbrechen, dem Kane zum Opfer gefallen war. Aufgeregt lief er den Spuren nach. Süßlicher Geruch wehte ihm entgegen, bevor er die Leiche entdeckte.

Als er Kane dann gefunden hatte, drehte sich ihm der Magen um.

Der Sägewerksbesitzer war nicht wieder zu erkennen...

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»Sie haben ihn gefunden?«, fragte Tony Ballard.

»Ja«, sagte Jo Miller und nickte.

Die Polizeibeamten waren im Wohnzimmer an der Arbeit. Miller und der Inspektor standen draußen auf der Terrasse. Miller, der normalerweise kaum fünf Zigaretten am Tag rauchte, war zum Kettenraucher geworden.

Tony Ballard konnte das verstehen.

Der Mann tat ihm Leid. Er hatte einen gewaltigen Schock erlitten. Miller zitterte immer noch, obwohl seit dem Leichenfund bereits eine volle Stunde verstrichen war.

»Was für einen Eindruck haben Sie von der Sache, Mr. Miller?«, fragte der Inspektor.

Miller zog nervös an der Zigarette, während er einen unruhigen Blick nach hinten warf.

»Soll ich offen und ehrlich sein, Inspektor?«

»Ich bitte darum.«

»Also, wenn Sie mich fragen, die Sache kommt mir nicht geheuer vor. Verstehen Sie, was ich damit sagen will?«

Ballard verstand. Trotzdem schüttelte er den Kopf und erwiderte: »Ich fürchte, nein.«

»Dann muss ich wohl deutlicher werden.«

»Das wäre mir lieb«, sagte Tony und nickte.

»Was für ein Datum haben wir, Inspektor?«

»Den 13. Mai. Warum?«

»Ich meine das Jahr.«

»1974. Warum?«

»Wie lange sind Sie schon in diesem Dorf?«

»Ich bin hier geboren.«

»Dann müssen Sie die Story doch kennen...«

»Die von den Hexen?«

Jo Miller nickte hastig, während seine Augen ungeheure Angst widerspiegelten.

»Die Story meine ich, Inspektor. Alle hundert Jahre kommen sie zurück. Von irgendwoher. Und sie bringen Leute auf eine bestialische Weise um. Ross Kane können Sie getrost auf ihr Konto setzen. Da tippen Sie bestimmt nicht daneben.«

Tony Ballard spürte, dass er sich allmählich mit dieser Tatsache abzufinden hatte. Etwas Schreckliches kam auf das Dorf zu.

Van Hall war von sieben großen Ratten angefallen worden. Er hatte Glück gehabt. Die Ärzte waren mittlerweile zuversichtlich. Er würde durchkommen.

Aber er würde für sein restliches Leben entstellt sein. Man würde ihn meiden, Kinder würden sich vor ihm fürchten und vor ihm fliehen.

Ross Kane hatte dieses Glück nicht gehabt. Ihn hatten die Ratten erwischt und auf bestialische Weise getötet.

Tony Ballard brauchte kein Prophet zu sein, um zu ahnen, dass dies erst der Anfang war.

Viel schlimmere Dinge würden folgen. Und er hatte keine Ahnung, wie er diesem grausamen Treiben Einhalt gebieten sollte.

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»Die Hexen hassen das ganze Dorf!«, behauptete Professor Edgar Davies. »So viel ist gewiss. Doch noch viel mehr hassen die Hexen Sie, Inspektor Ballard.«

Tony erschrak ein wenig.

»Mich?«

Vicky fuhr sich erschrocken an die Lippen und griff dann schnell nach Tonys Hand, als wollte sie ihm dadurch Mut machen.

Der große, drahtige Mann ging in seinem Wohnzimmer auf und ab. An den Wänden standen reichlich vollgestopfte Bücherregale. Auf Tischen standen oder lagen Bücher und Zeitschriften. Reproduktionen alter Meister hingen da an den Wänden, wo noch Platz dafür war.

Davies strich sich über den weißen Bart.

»Ich sage das nicht, um Ihnen Angst zu machen, Inspektor.«

»Sondern?«

»Um Sie zu warnen!«

»Ist denn wirklich etwas dran?«, fragte Tony Ballard zweifelnd.

»Ich kann es Ihnen anhand von Büchern beweisen.«

Tony schüttelte den Kopf.

»Das würde zu viel Zeit in Anspruch nehmen, Professor. Ich will Ihnen gern auch ohne einen historischen Beleg glauben, was Sie mir erzählen. Immerhin gelten Sie als seriöser Wissenschaftler.«

»Ist Tony in Gefahr, Professor Davies?«, fragte Vicky mit bleichen Wangen.

Edgar Davies schaute sie unschlüssig an. Sollte er mit der ganzen Wahrheit herausrücken? Schonungslos? Würde das Mädchen die Wahrheit vertragen? Es hatte wohl keinen Sinn, die Zukunft allzu rosig zu malen.

Deshalb sagte Davies: »Ich glaube, Sie sollten sich auf harte Zeiten gefasst machen, Inspektor Ballard.«

»Wie hart?«

»Sehr hart.«

»Wegen der Hexen?«

»Ja.«

»Haben Sie etwa eine Ahnung, was geschehen wird, Professor?«

»Das kann natürlich niemand voraussagen«, meinte Edgar Davies verlegen lächelnd. »Diese verfluchten Bestien sind unberechenbar. Doch auf eines können wir uns - glaube ich - verlassen.«

»Auf was?«, fragte Tony gespannt.

»Sie sind ein direkter Nachfahre des legendären Henkers Anthony Ballard. Also jenes Mannes, der die sieben Hexen damals gehenkt hat. Die sieben Hexen sind alle hundert Jahre in dieses Dorf gekommen, haben hier gebrandschatzt und gemordet. Willkürlich - so schien es. Doch ein Name war stets unter ihren bedauernswerten Opfern zu finden. Der Name Ballard.«

»Nein!«, schrie Vicky bestürzt auf.

»Nein! Das darf nicht passieren!«

»Vicky!«, sagte Tony Ballard eindringlich. »Vicky, bitte!«

Er drückte ihre Hand, um sie zu beruhigen. Dabei war er selbst bis in die Knochen erschrocken, als ihm der Professor diese Überlegung eröffnete.

»Ich kann es Ihnen beweisen!«, sagte Davies ernst.

»Ich will es nicht bewiesen haben«, sagte Tony, und er ärgerte sich darüber, dass seine Stimme heiser geworden war. Aufregung schwang in seinen Worten mit.

Der Professor fuhr fort: »Den Henker haben die Hexen noch im selben Monat gevierteilt. Hundert Jahre später wurde Horace Ballard von ihnen mit glühenden Steinen gepeinigt. Weitere hundert Jahre später zerfleischten sie in der Gestalt von riesigen Ratten Paul Ballard.«

Davies sprach nicht weiter.

Er ging ruhelos auf und ab. Die Hände hatte er auf dem Rücken verschränkt.

Unvermittelt blieb er vor Tony Ballard stehen.

»Wieder sind hundert Jahre um, Inspektor. Verstehen Sie, was ich sagen will? Was immer die Hexen anderen Menschen in unserem Dorf antun werden, sie werden vermutlich über all diesen bösen Taten nicht vergessen, sich an einem direkten Nachfahren des von ihnen zutiefst gehassten Anthony Ballard zu rächen. Und zwar mit aller Grausamkeit und Boshaftigkeit, deren sie fähig sind. Deshalb kann ich Ihnen nur den dringenden Rat geben, sich vorzusehen. Ich bin sicher, dass die Hexen es vor allem auf Sie abgesehen haben. Was sie sonst noch alles im Dorf anstellen, ist nur Beiwerk.«

Vicky Bonney starrte den Professor fassungslos an.

»Ist das wirklich wahr, Professor?«

»Ich beziehe dieses Wissen aus alten Büchern, Miss Bonney.«

»Alle Nachfahren des Henkers haben den Besuch dieser unheimlichen Bestien nicht überlebt, nicht wahr?«

»So ist es«

»Dann ist doch auch Tony verloren.«

»Das weiß ich nicht.«

»Was nützt es, wenn Sie ihm raten, sich vorzusehen?«, ereiferte sich das entsetzte Mädchen. »Was nützt es, zu sagen: Pass auf, die Hexen haben es auf dich abgesehen? Sagen Sie ihm lieber, wie er sich gegen diese Ungeheuer schützen kann. Das ist viel wichtiger, als eine Warnung, mit der Sie Tony nur erschrecken.«

Professor Davies zuckte die Achseln.

»Ich wollte, ich könnte ihm einen Rat geben, wie er sich wirkungsvoll vor den Hexen schützen kann. Aber ich weiß keinen solchen Rat. Ich habe in all den Büchern keine Lösung gefunden.«

»Dann soll Tony unser Dorf verlassen!«, sagte Vicky Bonney hastig.

Edgar Davies nahm ihr jegliche Hoffnung, als er den Kopf schüttelte.

»Zu spät, Miss Bonney. Die Hexen sind bereits da. Wenn sie merken, dass Inspektor Ballard vor ihnen fliehen will, werden sie das verhindern.« Der Professor wandte sich an Tony. »Tut mir Leid, Ihnen nichts Erfreulicheres sagen zu können. Vielleicht wird es auch gar nicht so schlimm, wie ich es sehe. Vielleicht verschonen Sie die Hexen.«

Tony Ballard lächelte benommen.

»Geben Sie sich keine Mühe, Professor Davies. Ich bin Ihnen sehr dankbar, dass Sie mir die Augen geöffnet haben. Jetzt weiß ich wenigstens, woran ich bin.«

Davies hob die Hand.

»Noch dürfen Sie nicht alle Hoffnung fahren lassen, Inspektor. Ich bin felsenfest davon überzeugt, dass es eine Möglichkeit gibt, die Hexen zu vernichten. Ich bin immer noch beim Auswerten alter Schriften. Vielleicht finde ich die verwundbare Stelle dieser Bestien...«

Tony nickte.

»Wenn Sie sie gefunden haben, lassen Sie es mich wissen, ja?«

»Selbstverständlich.«

»Hoffentlich kommen Sie früher darauf, als die Hexen dahinter kommen, wo ich wohne.«

Davies strich sich wieder einmal über den weißen Bart.

»Das, Inspektor Ballard, wissen diese Teufelsbräute längst!«

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Neal Usting wählte die Abkürzung, die am Moor vorbeiführte, um schneller zu Hause zu sein. Die Dämmerung hatte bereits eingesetzt. Ein unangenehm kühler Wind strich vom Moor her über die Landschaft. Gespenstische Nebelschwaden stiegen aus dem nassen Erdreich und schwebten dem Mann bizarr geformt entgegen. Wie schreckliche Ungeheuer sahen sie manchmal aus, und ab und zu fuhr Usting erschrocken zusammen, wenn es den Anschein hatte, als würden diese durchsichtigen Nebelgestalten mit kalten milchig-weißen Händen nach ihm greifen.

Usting hatte seine Tochter im Nachbardorf besucht. Sie war da mit einem Kerl verheiratet, der brutal war und sie des Öfteren schlug. Heute hatte Neal Usting dem Schwiegersohn mal gründlich die Meinung gesagt. Ob es geholfen hatte, würde die Zukunft erweisen.

Nun war der Mann auf dem Heimweg.

Seine Frau wartete sicherlich schon mit dem Abendessen auf ihn.

Neal Usting ging schnell. Er schwitzte und schnaufte, blickte sich manchmal beinahe gehetzt um und ging dann schnell weiter.

Normalerweise mied er diese Gegend.

Der Anblick des Moores war schon unheimlich genug. Die Geschichten, die man sich darüber erzählte, waren noch zehnmal unheimlicher.

Der schmale Pfad führte direkt auf den Sumpf zu. Die Gräser waren hoch und bogen sich im Wind, der über sie hinweg strich.

Ein gespenstisches Raunen lag über dem Gelände. Es schien vom Sumpf her zu kommen, klang irgendwie nach menschlichen Stimmen. Doch Neal Usting war sicher, dass sich zu dieser Stunde niemand mehr in dieser schaurigen Gegend herumtrieb.

Der Weg machte vor dem Moor einen scharfen Knick nach rechts und führte nun in einigen Windungen zum Dorf.

Dunkel lag das Moor da. Wie viele mochte es schon verschlungen haben?

Zahlreiche Menschen aus dem Dorf waren hier schon wegen ihrer Sorglosigkeit und Unachtsamkeit versunken. Niemand hatte sie jemals wieder gesehen.

Neal Usting blickte ängstlich nach der breiigen, schmutzigen Oberfläche des tödlichen Sumpfes. Luftbläschen stiegen hoch und platzten fast lautlos. Usting blieb verwirrt stehen. Hatte sich der Sumpf nicht eben bewegt? So als wäre jemand vor wenigen Augenblicken erst darin versunken.

Wieder platzten Bläschen. Diesmal mehrere zugleich. Und nun sah Usting ganz deutlich, dass sich die Oberfläche des Moors bewegte. Die breiige Masse warf Wellen, wurde unruhig, begann zu schaukeln.

Neal Usting schluckte benommen, während sich seine Augen erschrocken weiteten. Was sollte er davon halten?

War wirklich ein Lebewesen in den Sumpf gefallen? Ein Lebewesen, das sich nun verzweifelt herauszustrampeln versuchte und doch nur noch tiefer hineinsinken würde?

Die Nebelschwaden wurden zu hässlichen Geistern mit grinsenden Fratzen.

Usting wollte weitergehen, doch irgendetwas hielt ihn zurück. Irgendetwas zwang ihn, auf die Stelle zu schauen, die unaufhörlich und immer schneller Blasen aufwarf.

Er dachte an seine Frau, dachte daran, dass er hier nicht bleiben durfte. Der Wind fuhr ihm ins heiße Gesicht und machte ihm noch mehr Angst.

Immer heftiger bewegte sich die Mooroberfläche.

Und plötzlich glaubte Neal Usting, den Verstand verloren zu haben.

Eine Hand tauchte aus dem Moor auf.

Eine weiße dünne Hand. Noch eine.

Noch eine. Viele Hände. Vierzehn Hände zählte er schließlich. Lange Krallen verjüngten sich an den zuckenden Fingern.

Mehr und mehr wuchsen die Hände aus dem Moor. Arme folgten. Schultern.

Dann folgten Köpfe. Sieben Köpfe. Und schließlich kamen sieben Körper zum Vorschein. Mädchenkörper.

Das Moor klebte an ihren Gestalten.

Ihre Gesichter waren bildhübsch. Meergrüne Augen funkelten Neal Usting böse an.

Der Mann schüttelte benommen den Kopf und wich ächzend vor den schrecklichen Erscheinungen zurück. Sie stanken nach Verwesung, obwohl sie jugendliche Gesichter hatten.

Wahnsinn! Es war wahnsinnig, was Usting da mit eigenen Augen sah.

Die sieben Hexen stiegen aus dem Moor. Der Schlamm fiel von ihnen ab. Sie kamen auf den entsetzten Mann zu, ohne dass ihre Füße den Boden berührten. Sie schwebten. Höhnisch grinsten sie ihn an.

Er wollte fortlaufen, doch sie hatten ihn mit ihrem Bann belegt. Seine Beine gehorchten ihm nicht mehr.

Die Hexen umringten ihn.

Ihr schrecklicher Modergeruch drehte ihm den Magen um. Er war nahe daran, sich zu übergeben, so penetrant stanken die Hexen nach Verwesung.

Sie schlossen den Ring immer enger um ihn. Usting starrte sie verzweifelt an.

Er wusste, dass er verloren war.

»Gnade!«, jammerte er händeringend, während der kalte Angstschweiß in Bächen über sein Gesicht floss. »Habt Mitleid mit mir!«

»Mitleid!«, kicherten die Hexen. »Mitleid? Was ist das? Wir kennen dieses Wort nicht!«

»Habt Erbarmen?«

»Erbarmen? Was heißt erbarmen?«

»Ich flehe euch an...«

»Du willst nicht sterben, wie?«, fragten die Hexen höhnisch.

»Nein! Nein! Lasst mich leben! Ich habe euch nichts getan!«

»Du wohnst in diesem Dorf!« Es klang wie eine schreckliche Anklage.

Usting fiel vor den Gespenstern auf die Knie und flehte, heulte und bettelte um sein Leben. Sein Gesicht war von grenzenloser Verzweiflung verzerrt. Klatschnass klebte das Haar an seinem Kopf.

»Leben! Ich will leben!«

»Er will leben!«, schrien die Hexen schrill durcheinander und kicherten amüsiert. Sie weideten sich an der Angst ihres Opfers.

Sie streckten ihm geifernd ihre Krallen entgegen. Schreiend wich er vor ihnen zurück, doch die Bestien standen auch hinter ihm. Als ihn mehrere Hexenhände berührten, glaubte er, einen elektrischen Schlag bekommen zu haben.

»Gnade!«, wimmerte er verzweifelt.

»Du willst nicht sterben!«, schrien die Hexen aufgeregt.

Er schaute in panischer Angst zu ihnen auf und schüttelte verzweifelt den Kopf.

»Du weißt, dass du verloren bist, nicht wahr?«

»Gnade! Gnade!«, winselte Usting.

»Wir schenken dir dein schäbiges Leben, wenn du uns einen Dienst erweist!«

»Einen Dienst?«, fragte Neal Usting schnell. Das war die Rettung. »Ja! Ja!«, schrie er. »Jeden Dienst. Ich erweise euch jeden Dienst, wenn ihr mich leben lasst!«

»Gut!«, kicherten die stinkenden Hexen.

»Was soll ich tun?«

»Du gehst jetzt ins Dorf...«

»Ja.«

»Du gehst zu Tony Ballard.«

»Ja.«

»Du gehst zu ihm und bringst ihn hierher, verstanden?«

»Ja! Ja! Ja!«

»Wenn du bis Mitternacht immer noch nicht zurückgekehrt bist, kommen wir in dein Haus, um dich zu töten.«

»Ich werde zurückkommen. Ganz bestimmt. Ja, ich werde zurückkommen! Ihr könnt euch auf mich verlassen!«

»Du musst mit Tony Ballard hier herkommen! Wenn du ohne ihn kommst stirbst du ebenfalls!«

»Ich werde mit ihm kommen«, nickte Neal Usting aufgeregt. »Habt Dank für die Gnade! Dank! Dank!«

Die Hexen traten zurück. Neal Usting sprang hastig auf die Beine. Durfte er nun gehen? Würden sie ihn ziehen lassen, ohne ihn zu behelligen? Er wagte nicht den ersten Schritt zu machen.

»Geh jetzt!«, sagten die Hexen scharf.

Er begann zu rennen, schaute sich nicht um, rannte mit brennenden Lungen so lange, bis er das Dorf erreicht hatte.

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»Mord!«, keuchte Neal Usting mit glühend heißen Wangen. »Mord! Sie müssen sofort kommen, Inspektor Ballard. Ich habe eine Leiche entdeckt!«

»Mann, beruhigen Sie sich erst mal, sonst trifft Sie noch der Schlag!«, sagte Tony Ballard.

»Mord!«

»Sie haben also eine Leiche entdeckt, Usting?«, sagte Tony. Er saß in seinem Büro an seinem Schreibtisch. Man hatte ihn gebeten, einen Kollegen zu vertreten.

»Ja, Inspektor Ballard!«, keuchte der schweißüberströmte Mann nervös.

Komm schon! Komm schon! dachte er aufgeregt.

»Ist es eine männliche oder eine weibliche Leiche?«, fragte Ballard und nahm einen Bleistift zur Hand, um sich Notizen zu machen.

»Eine - eine männliche.«

»Wo?«

»Was?«

»Wo haben Sie die Leiche entdeckt?«

»Beim Moor. Kommen Sie. Ich zeige Ihnen die Stelle.«

»Wieso wissen Sie, dass der Mann, der beim Moor liegt, ermordet wurde, Usting?«

»Weil ein Messer in seinem Rücken steckt.«

»Ich nehme an, Sie kennen den Toten nicht?«

Usting schüttelte schnell den Kopf.

»Nie gesehen, Inspektor Ballard. Kommen Sie! Ich zeige Ihnen die Stelle.«

Tony musterte Neal Usting nachdenklich. Der Mann war ihm bekannt. Einer von jenen Typen, die sich immer nach dem Wind drehten. Immer freundlich ins Gesicht und allzeit bereit, einem hinterrücks das Messer ins Kreuz zu rammen. Das war Neal Usting. Sicherlich war ein Leichenfund eine aufregende Sache, die einem Mann wie Usting hart an die Nieren gehen konnte, aber rechtfertigte der Schock diese Panik?

Tony verließ mit dem Mann das Polizeigebäude. Wenn etwas an dem Leichenfund dran war, würde er hinterher seine Männer zum Moor schicken.

Sie setzten sich in Ballards kaffeebraunen Thunderbird. Ballard fuhr aus dem Dorf.

Da zum Moor kein befahrbarer Weg führte, mussten sie den Wagen bald verlassen und zu Fuß weitergehen.

Je näher sie dem Moor kamen, desto nervöser wurde Neal Usting.

»Was haben Sie denn?«, fragte Tony den Mann.

»Nichts«, gab Usting schrill zurück.

»Sie werden den Mann doch nicht umgebracht haben?«, sagte Tony Ballard.

»Um Gottes willen, nein! Wäre ich sonst zu Ihnen gekommen, um Meldung zu machen?«

»Eben. Weshalb sind Sie dann so furchtbar aufgeregt?«

»Ich bin es eben. Kann nichts dafür.«

Sie gingen schweigend weiter. Wie im Fieber glänzten Ustings Augen. Das gefiel Tony Ballard nicht. Er hatte plötzlich das Gefühl, dass hier etwas faul war. Professor Davies’ Worte fielen ihm ein. Und mit einem Mal befürchtete er, dass dieser Usting ihn in eine Falle locken würde.

Sie hatten das Moor schon fast erreicht. Der Wind strich kalt auf sie zu.

Ein unheimliches Heulen füllte die Dunkelheit.

Da rissen plötzlich Ustings Nerven.

»Fliehen Sie, Ballard!«, brüllte er aus Leibeskräften und floh selbst als Erster.

Mit weiten Sätzen keuchte er zum Dorf zurück. Leider steckte nicht mehr allzu viel Kraft in seinem ausgepumpten Körper. Er musste bald langsamer laufen, und schließlich wankte er nur noch zwischen Büschen hindurch, stolperte über Grasnarben und glitt auf dem lehmigen Boden aus.

Sein Herz hämmerte wie verrückt in seiner Brust. Der Pulsschlag raste. Noch nie in seinem Leben hatte Neal Usting solche Angst gehabt.

Weiter keuchte er. Immer weiter. Bis er nicht mehr konnte, bis er wieder einmal ausglitt und sich nicht mehr aufrichten konnte. Erschöpft rollte er sich hinter einen Busch. Hier wollte er verweilen und neue Kräfte sammeln. Eine große schwarze Ratte war hinter ihm her gehuscht. Er hatte sie nicht gesehen. Sie raschelte nun im Gras und erschreckte ihn mit einem durch Mark und Bein gehenden Pfiff.

Er fuhr wie von der Tarantel gestochen herum und sah das furchtbar große Nagetier.

Als die Ratte zum Sprung ansetzte, stieß er einen grellen Entsetzensschrei aus. Er streckte gleichzeitig die Arme abwehrend von sich und wollte sich zur Seite werfen.

Wie eine geballte Ladung von Gefahr und Mordgier flog ihm das hässliche Tier an die Kehle. Er spürte den wahnsinnigen Schmerz und fiel nach hinten.

Die Ratte biss noch einmal zu und immer wieder.

Bis Neal Usting tot war.

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Eine Falle also, dachte Tony Ballard, als Usting davonrannte. Er sah den Kerl zwischen den Büschen verschwinden - und nun hörte er seinen grellen Schrei, ohne zu wissen, was diesen Mann so sehr entsetzte.

Schnell wirbelte Tony herum.

Es war ratsam, schleunigst ins Dorf zurückzueilen. Kaum hatte er sich umgedreht, da stockte ihm der Atem. Was er sah, überstieg sein menschliches Begriffsvermögen.

Er sah sich vierzehn Hexen gegenüber.

Sie schienen sich zu spiegeln, denn eigentlich sollten es ja nur sieben Hexen sein. Doch in diesem Fall handelte es sich um vierzehn Satansbräute, die ihm mit hasserfüllten Augen und grausam verzerrten Gesichtern entgegenstarrten.

Sie bildeten eine schmale Gasse.

»Tony Ballard!«, riefen sie ihm aufgeregt zu. »Fein, dass du gekommen bist, Anthony Ballard.«

Der Inspektor bebte innerlich vor Aufregung. Es stand schlimm um ihn.

Jede der Hexen hielt eine glühende Rute in der Hand. Er ahnte, was das zu bedeuten hatte, sträubte sich aber noch verzweifelt dagegen, es als wahr und unabwendbar anzusehen.

»Anthony Ballard!«, fauchten die Hexen und zeigten ihm ihre scharfen Zähne. »Sterben wirst du, Nachfahre des Henkers! Deinetwegen kommen wir in dieses Dorf!«

Die Klemme, in der Tony steckte, begann ihm entsetzliche Angst zu machen.

Er war an und für sich ein unerschrockener, furchtloser Mann. Doch das hier war ihm entschieden zu viel. Außerdem wusste er, dass noch kein Ballard die Begegnung mit diesen Schauergestalten überlebt hatte.

»Wir werden dich umbringen!«, zischten die Hexen begeistert. Einige lachten.

Ihr Gegenüber lachte und warf den Kopf genauso zurück wie sie. Weil sie sich in der Luft spiegelten.

Es gab kaum einen Ausweg aus dieser gefährlichen Situation.

Hinter Tony war das Moor. Jeder Schritt in diese Richtung hätte ihm zum Verhängnis werden können.

Vor ihm standen die sieben Hexen, die sich auf eine unheimliche Weise verdoppelt hatten. Sie wippten mit ihren glühenden Ruten und warteten darauf, dass er zu ihnen kam.

Es bestand lediglich die Möglichkeit, nach links oder rechts davonzurennen.

Doch Tony Ballard kannte die Geschichten, die man sich über diese grausamen Hexen erzählte. Bisher hatte er sie belächelt und nicht geglaubt. Nun aber, wo er diesen Bestien gegenüberstand, wurde ihm auf eine schreckliche Art bewusst, dass alle diese Geschichten stimmten. Man erzählte sich von den Hexen die Wahrheit. Sie waren grausam und mächtig. Niemand konnte vor ihnen fliehen. Sie waren schnell und flogen wie eine wilde Jagd hinter ihren Opfern her.

Usting war bestimmt einer von ihnen zum Opfer gefallen.

»Komm her, Anthony Ballard!«, fauchten die Ungeheuer ungeduldig.

»Was wollt ihr von mir?«, stieß der Inspektor gepresst hervor. Dicke kalte Schweißperlen standen jetzt auf seiner Stirn.

»Du wirst es sehen. Komm her!«

»Nein!«

»Du musst kommen!«

»Keinen Schritt werde ich euch entgegengehen. Wenn ihr mich umbringen wollt, müsst ihr zu mir kommen!«

Das bereitete den Hexen sicherlich keine Schwierigkeiten, sie wollten Tony aber demonstrieren, wie machtlos er ihnen gegenüber war. Sie wollten ihm beweisen, dass sie in der Lage waren, ihm ihren bösen Willen aufzuzwingen. Gnadenlos.

»Komm her, Anthony Ballard!«, befahlen sie scharf.

»Nein!«

Sie stießen ein höhnisches Gelächter aus. Im silbrigen Mondlicht blitzten ihre weißen Zähne. Der kalte Wind blies mehr und mehr Nebelschwaden auf sie zu, die sie wie weiter Talare umhüllten.

Das gefährlichste an diesen Bestien waren die glühenden Ruten.

Tony starrte sie ängstlich an. Jeder Mann - selbst der tapferste - hätte in diesem schaurigen Moment heillose Angst gehabt. Tony war kein Übermensch. Er reagierte völlig normal.

Gegen weltliche Gegner konnte man sich wehren. Aber gegen Hexen und Dämonen kämpfte ein Mensch auf verlorenem Posten.

»Nun komm schon, Anthony Ballard!«, kreischten die Hexen. Sie begannen mit den Füßen ungeduldig den Boden aufzuscharren.

Tony schüttelte verzweifelt den Kopf.

Er starrte die glühenden Ruten entsetzt an und stellte bestürzt fest, dass er sich ihnen bereits - ohne es zu wollen - Schritt um Schritt näherte.

Tatsächlich, er ging auf die Gasse zu, die die furchtbaren Hexen gebildet hatten. Sie grinsten ihm triumphierend entgegen. Sie zwangen ihn, sich ihnen zu nähern, und er hatte nicht die Kraft, sich ihrem Willen zu widersetzen.

Er merkte ja kaum, dass er ging.

Näher kam er den grauenvollen Schauergestalten. Immer näher. Jede Faser in seinem Körper vibrierte und zuckte. Er war atemlos, obwohl er nicht gelaufen war. Er war schweißüberströmt und hatte furchtbare Angst vor den Scheusalen, die ihn mit ihren glühenden Ruten erwarteten.

Er wollte stehen bleiben, ging aber weiter.

Das, was diese Teufelsbräute für ihn vorbereitet hatten, nannte man einen Spießrutenlauf. Er musste durch ihre Gasse gehen, und jede einzelne Hexe würde mit ihrer glühenden Rute nach ihm schlagen.

Falls er das Ende dieser grausamen Gasse erreichen sollte, ohne an den schweren Verletzungen zugrunde gegangen zu sein, würde er umkehren müssen.

Bestimmt würden sie ihn so lange durch die Gasse gehen lassen, bis er tot war.

Als er nur noch einen Schritt von der Gasse entfernt war, durfte er stehen bleiben.

Verzweifelt starrte er in die bildhübschen Hexengesichter, die ihn feindselig anstarrten. Er roch den Verwesungsgeruch, der von ihnen ausging, und dachte an den Tod, der auch ihn nun bald ereilen würde.

Zwei Hexen kamen grinsend auf ihn zu.

Er wollte vor ihnen zurückweichen, aber er war nicht in der Lage, einen Schritt zu machen.

Etwas umklammerte ihn, drückte seine Arme nach unten, zwang ihn zu verharren.

Mit hohntriefenden Gesichtern packten die Hexen mit ihren scharfen Krallen seine Kleider. Sie schlitzten sie auf, rissen sie ihm vom Leib.

Sie fetzten alles herunter. Bis er splitternackt war.

»Oh!«, höhnten die anderen. »Ein schöner Mann.«

Er schämte sich und wäre am liebsten im Boden versunken.

Mit den Händen bedeckte er seine Blöße. Der eiskalte Wind fuhr ihm über den schweißnassen Rücken und ließ ihn schaudern.

»Los jetzt, Anthony Ballard!«, schrien die Hexen ungeduldig.

Und seine Beine begannen wieder zu gehen. Sie erwarteten ihn mit ihren glühenden Ruten. Er betrat die Gasse. Da zischten und fauchten schon die ersten Ruten durch die Luft, landeten klatschend auf seinem nackten Rücken. Ein wahnsinniger Schmerz durchraste Tony Ballard. Er presste die Zähne zusammen.

Da schlugen schon die nächsten Hexen zu. Dieser Schmerz war noch schrecklicher, kaum zu verkraften. Ihm wurde übel. Er spürte, wie die Haut an seinem Rücken aufplatzte, wie die glühenden Ruten sein Fleisch verbrannten, wie Blut über seinen Rücken floss.

Er musste weitergehen. Sie zwangen ihn dazu.

Klatsch!

Klatsch!

Klatsch!

Es war schlimmer als die Hölle. Taumelnd, von wahnsinnigen Schmerzen gepeinigt, wankte Tony Ballard ächzend durch die schreckliche Hexengasse.

Fürchterlich fauchten die Ruten durch die Luft. Die Gasse schien kein Ende zu nehmen. Immer wieder trafen ihn die glühenden Ruten. Er brach nieder.

»Aufstehen!«, kreischten die Hexen.

»Aufstehen, du Schlappschwanz! Wir sind mit dir noch nicht fertig! Steh auf!«

Er musste aufstehen, obwohl er kaum noch die Kraft dazu hatte. Sie zwangen ihn, aufzustehen. Sie hätten selbst einen Toten dazu zwingen können. Ihre Macht war ungeheuer groß. Was konnte ein Mensch gegen sie ausrichten? Nichts.

Überhaupt nichts.

Als er stand, trafen ihn wieder ihre entsetzlich schmerzenden Ruten. Er wankte weiter. Die Hexengasse wurde immer länger. Es schien, als würden sich immer neue blutgierige Hexen hinzugesellen. Ihre Hiebe waren kräftig, gnadenlos. Sie kicherten, lachten begeistert und kreischten still vor Vergnügen, denn es war für sie das größte Erlebnis, die tiefste Befriedigung, einen Menschen quälen zu können.

Klatsch!

Klatsch!

Klatsch!

Um Tony Ballard drehte sich die ganze Welt. Von überallher flogen glühende Ruten auf ihn zu. Sie landeten nun nicht mehr ausschließlich auf seinem Rücken, sondern auch in seinem Gesicht, an seinen Beinen, auf seinem Bauch, auf seiner Brust.

Er drehte sich selbst im Kreise herum.

Überall standen die kichernden, lachenden, kreischenden Hexen. Überall waren diese verfluchten glühenden Ruten zu sehen. Sie schlugen ihn auf den Kopf, auf den Hals, in den Nacken.

Total zerschlagen brach er erneut zusammen.

Das Ende war nahe. Er fühlte es.

Entsetzt, in furchtbarer Todesangst, starrte er zu den geifernden Bestien hinauf, die über ihm standen. Sie lachten schrill und bespuckten ihn. Ihr Speichel schien aus einem Schwefelgemisch zu bestehen, denn er brannte höllisch in seinen tiefen Verletzungen.

»Nun, Anthony Ballard!«, schrien sie begeistert. »Wie gefällt dir das?«

In seinem Kopf rumorte es. Er hatte das Gefühl, dass eine tiefe Ohnmacht ihren schwarzen Mantel über ihn breiten wollte, doch die Hexen hielten diese wohltuende Ohnmacht, die ihn seine Schmerzen hätte vergessen lassen, von ihm fern.

Sein ganzer Körper war eine einzige große Wunde.

»Warum seid ihr nur so schrecklich grausam?«, keuchte Tony Ballard.

»Töten werden wir dich!«, schrien die Hexen wütend. »Ja! Töten! Aber nicht jetzt. Nicht auf einmal. Das wäre ein zu schneller Tod für einen Ballard. Nein, wir werden dich langsam zu Tode quälen. Ganz langsam. Du musst um den Tod winseln, Anthony Ballard. So, wie sie alle um ihren Tod gewinselt haben, die Ballard hießen und Nachfahren des Henkers waren!«

Wieder stießen sie ein furchtbares Lachen aus. Dann traten sie zurück, ließen von ihm ab.

Die Ohnmacht kam, und mit ihr kam eine frostige Kälte, die sich in Tonys Körper schlich. Er glaubte, das wäre der Tod.

Doch er war kein bisschen entsetzt darüber.

Jetzt nicht mehr...

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Als der Tag anbrach, schlug Tony Ballard die Augen auf. Grenzenloses Erstaunen legte sich in seine Züge. Erstaunen darüber, dass er noch lebte. Erstaunen aber auch darüber, dass er nicht draußen im Moor, sondern in Vicky Bonneys Schlafzimmer lag.

Ein schmerzendes Brummen lähmte immer noch einen Teil seines Verstandes.

Sein ganzer Körper schmerzte schrecklich. Er hatte wahnsinnigen Durst, und seine Zunge klebte förmlich am Gaumen.

Ächzend richtete er sich im Bett auf.

Er trug seine weiße Unterwäsche.

Verdattert stellte er fest, dass sein Körper keine einzige Schramme aufwies. Wie war das möglich? Er konnte sich ganz deutlich an jenes schreckliche Erlebnis erinnern. Die Hexen hatten ihn mit ihren glühenden Ruten so lange geschlagen, bis er zusammengebrochen und ohnmächtig geworden war. Die wahnsinnigen Schmerzen steckten immer noch in seinen Gliedern. Aber äußerlich wies sein Körper keine einzige Verletzung auf. Niemand würde ihm wohl glauben, wenn er erzählte, was ihm dort draußen widerfahren war. Er konnte es mit nichts beweisen.

Die Tür öffnete sich.

Tony warf noch schnell einen Blick auf den Stuhl, der neben dem Bett stand.

Hier hatte Vicky seine Kleider sorgfältig über die Lehne gelegt. Das Hemd, die Jacke, die Hose, alles war unversehrt, so als hätten die Hexen niemals seine Kleider mit ihren scharfen Krallen aufgeschlitzt und ihm vom Leib gerissen.

War er verrückt? Hatte er sich das alles nur eingebildet? Woher kamen aber dann die furchtbaren Schmerzen, die ihn peinigten?

Vicky trat ein, um nach ihm zu sehen.

Als sie sah, dass er wach war, kam sie mit besorgtem Blick auf ihn zu.

»Du machst vielleicht Sachen, Tony!«

»Wieso?«

Vicky setzte sich auf die Bettkante und streichelte gefühlvoll sein Gesicht. Tränen schimmerten in ihren Augen.

»Weißt du nicht mehr, was passiert ist, Tony?«

»Nein«, log er, um zu erfahren, was nach seiner Ohnmacht geschehen war.

»Du kennst doch Bill Warren...«

»Ja.«

»Der Köhler hat dich im Moor gefunden. Bewusstlos. Was hattest du dort zu suchen? Wieso warst du ohnmächtig, Tony? Bist du nicht ganz gesund? Gibt es irgendetwas, das du mir bisher verheimlicht hast?«

Ballard schaute sein Mädchen nachdenklich an. Er überlegte, ob er ihr erzählen sollte, was er erlebt hatte.

Würde sie ihm glauben?

Würde sie ihn verstehen können? Wohl kaum.

»Wieso warst du in der Nacht im Moor, Tony?«, fragte Vicky besorgt.

»Neal Usting hat mich in eine Falle gelockt.«

Vicky erschrak.

»Was hat Usting mit dir zu schaffen, Tony? Warum hat er dich in eine Falle gelockt? In was für eine Falle?«

Ballard begann stockend zu erzählen.

Er berichtete in chronologischer Reihenfolge, ließ nichts aus, erzählte sachlich, mit ernstem Gesicht und versuchte die unglaubliche Geschichte so vorzubringen, dass Vicky sie glauben konnte.

Sie glaubte ihm nicht.

Er sah es an ihrem zweifelnden Blick.

Sie schaute ihn besorgt an, strich ihm das Haar aus dem Gesicht und bat ihn, sich zu beruhigen, obwohl er sich nicht aufgeregt hatte. Sie schien zu befürchten, dass sich sein Geist verwirrt hatte.

Mit salbungsvollen Worten redete sie auf ihn ein.

»Hör auf, mich wie einen Verrückten zu behandeln!«, fuhr Tony sie gereizt an.

Vicky zuckte erschrocken zurück.

»Dr. Williams war heute Nacht hier, Tony. Er hat dich untersucht. Ich habe ihn hierher gebeten, nachdem dich der Köhler zu mir gebracht hatte. Ich war so unglücklich, so besorgt, so ratlos.«

»Der Arzt hat mich untersucht?«

»Ja.«

»Was hat er festgestellt?«

»Eine schwere Erschöpfung.«

»Sonst nichts?«

»Nein, Tony. Sonst nichts.«

»Was hat er weiter getan?«

»Er hat dir eine Spritze gegeben.«

»Und?«

»Er wird im Laufe des Vormittags wieder nach dir sehen.«

Tony zog ärgerlich die Mundwinkel nach unten.

»Den Weg kann er sich sparen.«

Vicky schaute ihn erschrocken an.

»Willst du etwa aufstehen, Tony?«

»Natürlich.«

»Nach dieser tiefen Ohnmacht? Nach dieser schweren Erschöpfung? Du musst dich schonen. Du musst zumindest noch vierundzwanzig Stunden im Bett bleiben.«

»Kommt nicht in Frage!«, knurrte Tony Ballard eigensinnig. Er warf die Decke zurück, ließ die Beine aus dem Bett rutschen, stand auf... und brach stöhnend zusammen.

»Tony!«, rief Vicky bestürzt. Sie schnellte von der Bettkante hoch und half ihm beim Aufstehen. Sie stützte ihn und half ihm, wieder ins Bett zu kommen.

»Warum bist du nur immer so schrecklich eigensinnig?«, fragte sie vorwurfsvoll. »Du kannst in deinem Zustand keine Bäume ausreißen. Finde dich damit ab. Denkst du, Dr. Williams gibt seine Anordnungen zum Scherz?«

»Okay, okay. Ich bleibe im Bett!«, keuchte Tony wütend. Seine Wut richtete sich nicht gegen Vicky. Ihr war er dankbar, dass sie sich um ihn kümmerte, dass sie ihn pflegte, dass sie sich um ihn sorgte. Er war wütend auf den kraftlosen Zustand, auf die Schmerzen, die unter seiner Haut brannten und schuld an seiner Entkräftung waren.

Vicky machte ihm ein leichtes Frühstück. Dann verabschiedete sie sich. Sie musste in die Bibliothek gehen.

Tony ließ sich von ihr noch das Telefon bringen und auf den Nachttisch stellen.

Als sie gegangen war, rief er die Polizeistation an und schickte einige Männer zum Moor hinaus. Sie sollten Neal Ustings Leichnam dort draußen suchen und ihm später Meldung machen.

Dr. Williams kam, wie angekündigt.

Der Mann stand kurz vor der Pensionierung, sprühte aber trotzdem vor Tatendurst, Vitalität, Humor und Nächstenliebe. Für ihn war das Arzt sein kein Beruf, sondern eine Berufung.

Williams befragte Tony nach dem Grund für seine Erschöpfung. Ballard belog ihn. Was hätte er dem Arzt sagen sollen? Die Wahrheit? Die hätte er nicht verstanden. Deshalb sprach der junge Inspektor von Überarbeitung, von zu vielen Aufgaben, die auf seinen Schultern lasteten... Er erzählte den Quatsch, den jeder in einem solchen Fall erzählt hätte und den jeder Mensch verstehen konnte.

Kein Wort von Usting. Kein Wort von den Hexen. Von denen schon gar nicht.

Dr. Williams ließ Tony verschiedene Tabletten da. Er sagte ihm genau, wie und wie oft und wann er sie einnehmen sollte, kündigte seinen nächsten Besuch für den nächsten Vormittag an und verließ dann Vicky Bonneys Haus.

Tony nahm die Tabletten. Wenn sie nichts nützten - schaden konnten sie keinesfalls.

Da ihm jede Bewegung wehtat, drehte er sich mit schmerzverzerrtem Gesicht auf die Seite und versuchte zu schlafen.

Das Schrillen des Telefons ließ ihn erschrocken hochfahren. Mit zusammengepressten Zähnen griff er nach dem Hörer.

»Ja?«

»Wir waren draußen beim Moor, Sir, wie Sie es angeordnet haben«, sagte Sergeant Goody. »Wir hatten die Hunde dabei.«

»Und?«

»Nichts Sir.«

»Keine Spur von Neal Usting?«

»Nein, Sir.«

»Wart ihr bei seiner Frau?«

»Ja, Sir. Sie sagt, ihr Mann hätte die Tochter im Nachbardorf besucht, sei von der Tochter so gegen Abend weggegangen, sei aber nicht nach Hause gekommen. Die Frau macht sich verständlicherweise Sorgen.«

»Sie wird ihren Mann nicht mehr wieder sehen«, sagte Tony Ballard. Er sagte es leise. Die Worte waren eigentlich nur für ihn bestimmt.

»Wie bitte, Sir?«

»Ach, nichts«, sagte der Inspektor. »Ich kann mich doch darauf verlassen, dass ihr die Gegend gründlich abgesucht habt?«

»Aber natürlich, Sir. Wir haben hinter jeden Grashalm geguckt. Wie kommen Sie auf die Idee, dass Usting dort draußen...«

»Eine anonyme Information!«, log Ballard schon wieder. Er wusste im Augenblick keinen anderen Ausweg.

»Ach so«, meinte Sergeant Goody.

»Nun, man weiß ja aus Erfahrung, was von solchen anonymen Anrufen zu halten ist.«

»Nachgehen muss man ihnen trotzdem.«

»Das ist klar, Sir.«

Tony bedankte sich für den Anruf und wollte auflegen.

Da rief Sergeant Goody: »Sir!«

»Ja?«

»Sir...« Goody wusste nicht recht, wie er beginnen sollte.

»Was ist denn, Sergeant?«

»Na ja... Es ist doch bestimmt kein Wunder, wenn man in einem Dorf wie diesem abergläubisch ist...«

»Ich verstehen nicht, Sergeant Goody!«

»Vorhin bin ich Mr. Bennett begegnet.«

»Meinen Sie den Tankstellenpächter?«

»Ja, Sir. Mr. Norton Bennett.«

»Was ist mit ihm?«

Sergeant Goody räusperte sich laut.

»Er hat mir eine recht seltsame Geschichte erzählt, Sir.«

»Was für eine Geschichte denn?«

»Mir fällt es selbstverständlich schwer, zu glauben, was Bennett sagt - andererseits... Wenn man bedenkt, was Van Hall und Ross Kane zugestoßen ist...«

»Sagen Sie, Sergeant, können Sie nicht klar und deutlich sagen, was Bennett Ihnen erzählt hat?«, brauste Tony ungeduldig auf.

»Doch, Sir. Doch.«

»Warum, zum Henker, tun Sie es dann nicht?«

Wieder räusperte sich Goody geräuschvoll.

»Also, Bennett will sieben Hexen über das Dorf fliegen gesehen haben. Auf glühenden Besen. Ich sagte ihm, er müsse geträumt haben. Er sagte, er wäre hellwach gewesen. Darauf meinte ich, vielleicht hätte er zu tief ins Glas geguckt. Darauf er: Nein, das wäre nicht der Fall gewesen. Keinen Tropfen hätte er gestern Nacht getrunken. Sieben Hexen hat er gesehen, Sir. Doch damit nicht genug. Die Hexen, die mehrmals über seiner Tankstelle gekreist sein sollen, hatten einen Menschen bei sich. Einen Mann. Sir... Norton Bennett schwört Stein und Bein, dass dieser Mann Neal Usting gewesen ist!«

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Vicky Bonney kam um achtzehn Uhr dreißig nach Hause. Auch sie hatte von Leuten gehört, dass Usting ein Opfer der Hexen geworden war. Die Bestien hätten über der Tankstelle von Norton Bennett einen Höllenspektakel aufgeführt. Angeblich hatten sie Usting in der Luft zerrissen und waren dann in den schwarzen Himmel aufgestiegen. Ihr Kichern, Kreischen und Lachen sei noch lange Zeit zu hören gewesen, ohne dass man sie noch einmal zu Gesicht bekommen hätte.

Die Hexen hatten Neal Usting für seine Dienste also nicht belohnt.

»Wie fühlst du dich?«, fragte Vicky mit sorgenvoller Miene.

»Besser.«

»Wirklich?«

»Ja. Soll ich es dir beweisen?«, fragte Tony grinsend. Er hob die Hand und streichelte sanft über den üppigen Busen seines Mädchens.

»Fühlst du dich wirklich schon so gut?«, fragte sie zweifelnd.

Tony lächelte zärtlich. Ganz langsam streifte er ihr Kleid ab. Er schälte sie aus allem, was sie am Leib trug. Sie schlüpfte unter die Decke zu ihm, und er bewies ihr zärtlich, wie sehr er sich bereits wieder erholt hatte...

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Nun hantierte Vicky in der Küche.

Lächelnd lag Tony mit geschlossenen Augen in Vickys breitem Bett. Er lag auf dem Rücken und versuchte, all die Scheußlichkeiten, die ihm Angst machten, aus seinem Geist zu verdrängen.

Draußen vor dem Haus lag ein milder Abend. Wie geschaffen für Verliebte und Optimisten. Vielleicht kam es doch nicht gar so schlimm, wie Professor Davies es vorausgesagt hatte. Vielleicht gaben sich die Hexen nun zufrieden, nachdem sie ihn so gequält hatten.

Plötzlich erschrak er.

»Töten werden wir dich!«, hörte er die Hexen wütend schreien. »Ja! Töten! Aber nicht jetzt. Nicht auf einmal. Das wäre ein zu schneller Tod für einen Ballard. Nein, wir werden dich langsam zu Tode quälen. Ganz langsam. Du musst um den Tod winseln, Tony Ballard. So wie sie alle um ihren Tod gewinselt haben, die Ballard hießen und Nachfahren des Henkers waren!«

Die Stimmen der Hexen waren so deutlich zu hören gewesen, als befänden sie sich in diesem Zimmer.

Bestürzt riss Tony die Augen auf.

Niemand war da. Er befand sich allein in Vickys Schlafzimmer. Die Stimmen mussten aus seinem Innern gekommen sein. Seine Gedanken mussten sie in die Gegenwart gerufen haben.

Vicky klapperte in der Küche immer noch mit dem Geschirr. Immer noch roch es herrlich nach dem köstlichen Braten.

Doch plötzlich mischte sich ein anderer Geruch hinzu.

Der Geruch nach Verwesung.

Tony fuhr entsetzt hoch. Sie waren da.

Sie waren in diesem Raum. Er konnte sie zwar nicht sehen, aber er konnte sie riechen.

Seine fiebernden Augen schauten sich aufgeregt um. Die Schranktür öffnete sich, wie von Geisterhand bewegt. Sie klappte auf, nachdem jemand den Schlüssel herumgedreht hatte.

Tony Ballards Kleider fielen vom Stuhl. Gleichzeitig wurde der Stuhl hochgerissen. Er flog auf den Inspektor zu. Entsetzt warf er die Arme hoch, um sich zu schützen. Der Stuhl zerbrach mit einem harten Knall über ihm.

Schon im nächsten Moment fuhren die Schubladen aus der kleinen Kommode.

Ihr Inhalt flatterte zu Boden. Sieben Schubladen waren es. Sie schwebten auf Tony zu. Ein siebenfacher Schmerz durchraste ihn, als die Holzkästen auf ihn niederkrachten.

Bestürzt kroch er unter die Decke.

Hiebe prasselten auf ihn herab. Er rollte sich unter der Decke schwitzend zusammen. Er bekam kaum noch Luft, drohte zu ersticken.

Da wurde die Decke von ihm genommen. Er presste verzweifelt die Lider aufeinander. Sein Gesicht war verzerrt. Jeder Muskel in seinem Körper war angespannt. Mit stockendem Atem erwartete er die unbarmherzigen Schläge.

Sie blieben jedoch aus.

Stattdessen hörte er Vickys Stimme: »Tony! Warum verkriechst du dich denn unter der Decke, als hättest du entsetzliche Angst?«

Er öffnete die Augen verdattert. Er schaute sich benommen um. Der Stuhl, der vorhin zersplittert war, stand neben dem Bett. Seine Kleider lagen darauf, als wären sie niemals von dort weggenommen worden. Die Schubladen steckten in der Kommode. Ihr Inhalt war nicht auf dem Boden verstreut.

Die verfluchten Hexen.

Sie wollten ihn nicht nur körperlich, sondern auch geistig fertig machen!

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Dieser verdammte Vincent Walsh lag Carter Rayser, dem dicken Bürgermeister, schwer im Magen. Walsh war wesentlich härter, als Rayser angenommen hatte. Und er hatte es verstanden, viele Leute im Dorf für seine Sachen nicht nur zu interessieren, sondern auch zu gewinnen. Viele Leute standen nun auf Walsh’ Seite.

Viele Leute - das bedeutete für Carter Rayser viele Stimmen. Und da er nun mal Bürgermeister dieses Dorfes bleiben wollte, musste er Walsh wohl oder übel helfend unter die Arme greifen.

Aus diesem Grund war Rayser bei Vincent Walsh gewesen. Er hatte ihm einen Vorschlag unterbreitet, den dieser vermutlich annehmen würde.

Nun kehrte der kurzatmige, fettleibige Bürgermeister nach Hause zurück. Er steuerte seinen Bentley bis vor das Garagentor und kämpfte sich dann mühsam und laut ächzend aus dem Fahrzeug.

Er schloss das Tor auf und leckte sich über die trockenen Lippen. Dawn war noch nicht zu Bett gegangen. Im Wohnzimmer brannte noch Licht. Bestimmt guckte sie, wie nahezu jeden Abend, in die Röhre. Sie musste ihm etwas zu essen geben. Er hatte einen Mordshunger. Und Durst hatte er auch. Zum Teufel mit der schlanken Linie. Idioten waren es, die immer nur darauf achteten, niemals etwas aßen und tranken, und wenn, dann so wenig, dass nicht einmal ein Kind davon satt werden konnte.

Schnaufend setzte sich Rayser in den Bentley und fuhr ihn in die Garage hinein.

Er schloss das Tor, denn man konnte von hier durch eine Tür direkt ins Haus gelangen.

Am Ende der Garage stand eine Werkbank. Rayser arbeitete nicht selbst am Wagen. Wenn etwas defekt war, rief er bei Norton Bennett an. Der Mann von der Tankstelle war gelernter Automechaniker. Er kam für ein Spottgeld hierher, um den Bentley wieder flott zu machen. Es war ihm eine Ehre, am Wagen des Bürgermeisters arbeiten zu dürfen. Rayser fand es zwar lächerlich, wie ihm die Leute in den Hintern krochen, aber er hatte absolut nichts dagegen.

Neben zwei grobprofiligen Winterreifen, die an starken Haken an der Wand hingen, hing auch eine Harpune. Rayser hatte sie vor acht Jahren zum letzten Mal benutzt.

Mit schweren, watschelnden Schritten ging Carter Rayser um den Bentley herum.

Plötzlich sah er etwas an der Wand entlanghuschen. Es hatte ausgesehen wie ein dunkelgrauer, fast schwarzer Ball!

Er hörte ein Rascheln unter der Werkbank und ging schnaubend darauf zu.

Wütend funkelten seine Augen, während sein dickes rotes Gesicht einen angewiderten Ausdruck annahm.

Eine Ratte hockte unter der Werkbank und schaute ihn furchtlos an.

»Na, warte, du verdammtes Biest!«, fauchte Rayser. Er ging hin und versetzte dem riesigen Tier einen kräftigen Fußtritt. Der Nager quietschte, überschlug sich mehrmals und klatschte gegen die Wand, von der das Tier wie ein Gummiball wieder zurücksprang und nun auf den fetten Mann zugeflogen kam.

Die Ratte biss ihn blitzschnell ins rechte Bein. Es war jenes Bein, mit dem Rayser das Tier gegen die Wand gekickt hatte.

Der Bürgermeister stöhnte entsetzt auf. Die Ratte biss sofort wieder zu und versuchte an ihm hochzuklettern. Er spürte ihre ekelhaften scharfen Krallen durch den Stoff der Hose und versuchte sie wild abzuschütteln.

Als es ihm gelungen war, riss er die Harpune hastig vom Haken.

Das Tier kam auf ihn zugeflogen.

Er drückte ab.

Zischend sauste der schlanke Metallpfeil der Ratte entgegen und durchbohrte sie. Zuckend verendete das hässliche, außerordentlich große Tier.

Im Augenblick seines Todes setzte jedoch eine verblüffende, erschreckende Verwandlung ein. Das graue Fell sträubte sich. Es wurde seltsam hart, zerbrach, zerfiel, fiel vom Körper der Ratte ab, Carter Rayser traute seinen angstgeweiteten Augen nicht. Binnen kurzem hatte sich diese bissige Ratte in ein bleiches Skelett verwandelt. Doch die Verwandlung war damit noch nicht abgeschlossen.

Immer noch steckte der schlanke Harpunenpfeil zwischen den Knochen des Tierskeletts. Dieses bleiche Skelett verformte sich mit einem Mal vor den Augen des entsetzten Bürgermeisters. Die Knochen richteten sich auf, bildeten sich um.

Der Kopf des Nagetieres bildete sich zurück, wurde länglich, nahm immer mehr die Form eines Menschenschädels an.

Plötzlich lag vor dem verdatterten Mann ein menschliches Skelett - in Größe der Ratte. Doch das blieb nicht so.

Das Skelett wuchs. Es bildete sich im Bruchteil einer Sekunde zu einem normal großen Skelett. Zwischen den Rippen hing der Harpunenpfeil. Die Knochenhand bewegte sich. Ächzend wankte Carter Rayser davor zurück. Verdattert und bestürzt, nach Luft ringend, starrte er auf das menschliche Gerippe, das sich nun zu bewegen begonnen hatte. Die Knochenhand packte den Harpunenpfeil, zog ihn aus der Brust und schleuderte ihn beiseite.

Dann sprang das Skelett auf.

Carter Rayser ließ vor Schreck die Harpune fallen. Mit einem heiseren Schrei taumelte er vor dem schrecklichen Monster zurück.

Entsetzt starrte er den grinsenden Totenschädel an. Die furchtbare Erscheinung klapperte hart mit den Zähnen. Es waren junge, kräftige Zähne. Gesund.

Kein Zahn fehlte.

Es klapperte und knarrte, als sich das Monster auf den schlotternden Dicken zu bewegte. Mit weit aufgerissenen Augen, mit offenem Mund, schweißüberströmt und entsetzt nach Luft japsend, stand Rayser an der Wand.

Langsam näherte sich ihm das Gerippe.

Er presste sich verzweifelt gegen die kalte Wand, während er am ganzen Körper zitterte. Wie war das möglich?

Das Skelett streckte den bleichen Arm nach ihm aus.

»Nein!«, stöhnte er und schüttelte verzweifelt den Kopf. »Nein!«

Er wollte schreien, doch die Angst schnürte ihm die Kehle zu. Er bekam kaum noch Luft. Sein Herz hämmerte wild.

»Geh weg!«, ächzte Carter Rayser, Todesängste ausstehend. »Geh doch weg!«

Noch einen klappernden Schritt kam das Monster näher.

Die Knochenhand fuhr dem Bürgermeister an den Hals. Seine Augen drohten nun aus dem Kopf zu quellen. Eiskalt war die Hand des Skeletts. Seine Finger krallten sich in Raysers Hals. Unbarmherzig drückten sie seine Kehle zu.

Röchelnd schlug er um sich. Verzweifelt warf er sich hin und her. Doch das Gerippe ließ nicht mehr von ihm ab.

Nun drückte es mit beiden Knochenhänden gnadenlos zu. Rayser brach zusammen. Das Monster kniete sich auf seine Brust und würgte ihn so lange, bis er sich nicht mehr rührte.

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»Wo Carter nur so lange bleibt?«, sagte Dawn Rayser kopfschüttelnd. »Bei Vincent Walsh ist er sicher nicht mehr.«

Sie redete oft mit sich selbst. Sie war oft allein. Da gewöhnt man sich so etwas leicht an. Was man im Fernsehen spielte, verfolgte sie mit wenig Interesse. Es war ein japanischer Streifen, der über den Schirm flimmerte.

»Ob ich bei Walsh anrufen soll?«, fragte sich die Frau. Nach zwanzig Jahren Martyrium in der Ehe, die alles andere als gut waren, machte sie sich immer noch Sorgen um ihren Mann. »Wird wohl auf der Heimfahrt jemanden getroffen haben, mit dem er etwas Wichtiges zu besprechen hat. Er hat ja immer etwas Wichtiges mit den Leuten zu besprechen.«

Kopfschüttelnd ging sie in die Küche, um sich etwas zu trinken zu holen.

Da hörte sie draußen die Tür klappern.

»Carter?«

Sie bekam keine Antwort.

»Carter, bist du es?«

Auch diesmal bekam sie keine Antwort. Sie hielt das Limonadenglas unter den Wasserhahn und ließ es volllaufen.

Danach rührte sie mit einem Mixlöffel kurz um und trank mit schnellen Zügen.

Als sie die Hälfte getrunken hatte, setzte sie das Glas ab.

»Carter?«

Sie verstand nicht, warum ihr Mann keine Antwort gab, wenn sie ihn rief.

Vermutlich war ihm wieder eine Laus über die Leber gelaufen, und sie musste es nun ausbaden.

Manchmal kam Dawn Rayser sich wie ein Blitzableiter vor.

Heute schien sie diese Funktion mal wieder erfüllen zu müssen.

Seufzend fügte sie sich in ihr Schicksal.

Mit dem noch halb vollen Limonadenglas kehrte sie ins Wohnzimmer zurück.

Da sprang sie ein furchtbarer Schrecken an. Sie sah sich einem bleichen Skelett gegenüber. Das raubte ihr den Verstand. Sie stieß einen gellenden Schrei aus. Das Limonadenglas entfiel ihren kraftlos gewordenen Fingern und zerschellte auf dem Boden. Die Limonade spritzte nach allen Seiten. Dawn Rayser spürte, wie sich ihre Haare sträubten. Sie fuhr sich an die zitternden Lippen und schrie unaufhörlich weiter.

Das Knochengestell lief klappernd und knarrend auf sie zu.

Die Frau konnte nicht zurückweichen.

Wie gelähmt stand sie da.

Das Gerippe warf sich auf sie.

Dawn Rayser spürte die harten Knochenhände an ihrem dürren Hals. Sie schrie so lange, bis sie dazu nicht mehr in der Lage war. Mit verzerrtem Gesicht starb sie.

Das gnadenlose, grausame Monster rannte schrill lachend zum Fenster. Es riss beide Flügel auf und stieß ein irres Gelächter aus. Es kletterte auf das Fensterbrett und schwebte langsam zum Nachthimmel hoch...

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»Hast du dieses furchtbare Gelächter gehört, Ma?«, fragte Jack McCartney entsetzt.

Er hatte mit seiner Mutter Karten gespielt. Nun sprang er erregt auf. Jack konnte nicht älter als siebzehn sein. Er war ein magerer, gelenkiger Junge mit wachen Augen und Sommersprossen auf der etwas zu groß geratenen Nase.

Mrs. McCartney schaute ihren Sohn mit ängstlicher Miene an. Ihre grauen Augen zeigten einen furchtsamen Ausdruck.

»Bleib sitzen, Jack! Spiel weiter!«

Jack hastete zum Fenster. Bestürzt starrte er nach draußen. Es war ihm anerzogen worden, sich zu bekreuzigen, wenn seiner Seele Gefahr drohte. In diesem Moment schien das der Fall zu sein. Deshalb schlug er schnell drei Mal das Kreuz und starrte gebannt auf das Skelett, das fluoreszierend zum nachtschwarzen Himmel emporstieg, kleiner wurde und schließlich nicht mehr zu sehen war.

Kreidebleich wandte er sich um.

»Mein Gott, Junge, was hast du?«, stieß Mrs. McCartney erschrocken hervor, als sie das Gesicht ihres Sohnes sah.

»Ich habe ein Totengerippe gesehen, Ma.«

»Wo?«, fragte Mrs. McCartney schrill.

»Drüben. Es schien aus dem Haus des Bürgermeisters gekommen zu sein und schwebte zum Himmel hoch.«

Mrs. McCartney strich sich das graue Haar aus der Stirn. Dann schlug auch sie ein Kreuz und erhob sich mit weichen Knien.

»Da drüben muss etwas Schreckliches passiert sein, Ma.«

»Die Hexen«, sagte Mrs. McCartney heiser.

»Wir müssen nach Mr. Rayser und seiner Frau sehen, Ma.«

»Wir gehen nicht aus dem Haus, mein Junge!«, sagte die Frau energisch.

»Wir müssen hinübergehen, Ma!«

Mrs. McCartney schüttelte zornig den Kopf.

»Nein, Jack. Das kommt nicht in Frage.«

»Aber...«

»Ich dulde keine Widerrede, Jack!«

»Okay, Ma.«

Mrs. McCartney ließ es lediglich - und auch das nur sehr widerwillig - zu, dass Jack die Polizei von dem Vorfall unterrichtete. Und selbst als die Polizei beim Haus des Bürgermeisters eintraf, durfte Jack nicht nach draußen gehen.

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Tags darauf fühlte sich Tony Ballard soweit wieder in Ordnung, um seinen Dienst antreten zu können. Sergeant Goody empfing ihn mit schaurigen Einzelheiten über den Tod des Bürgermeisters und dessen Frau.

Da der Polizeiapparat auch ohne Ballard klaglos arbeitete, trachtete der Inspektor, sein Büro so schnell wie möglich wieder zu verlassen.

Ihm war eine Idee gekommen.

Er wollte darüber mit Professor Edgar Davies sprechen. Da er gegen heimtückische, schier unverwundbar scheinende Hexen zu kämpfen hatte, konnte er mit seiner kriminalistischen Weisheit nicht allzu viel anfangen.

Nachdem er seine Befehle gegeben hatte, setzte er sich in seinen Thunderbird und fuhr zum Haus des Professors.

Es war ein kleines Gebäude mit kleinen Fenster und einer kleinen Eingangstür. Tony musste sich beim Eintreten bücken, um sich nicht den Kopf am Türpfosten zu stoßen.

»Inspektor Ballard!«, sagte der alte Mann erfreut. »Nett, dass Sie sich die Mühe machen, mich aufzusuchen.«

»Ich habe Kummer, Professor.«

»Sind die Hexen schon hinter Ihnen her?«

Tony nickte.

»Neal Usting war von ihnen beauftragt worden, mich in eine Falle zu locken.«

»Hat er es getan?«

»Ja. Danach haben ihn die Hexen umgebracht und in der Luft zerrissen.«

»Wie grässlich«, sagte der Professor schaudernd. Er führte Tony Ballard ins Wohnzimmer und bat ihn, Platz zu nehmen. »Und was haben die Hexen mit Ihnen gemacht, Inspektor?«

»Ich musste Spießruten laufen.« Er erzählte genau, wie es gewesen war.

»Das haben Sie überlebt?«, fragte Professor Davies erstaunt.

Tony klärte den Professor weiter auf.

Er sagte ihm, dass die Hexen ihn sozusagen auf Raten töten wollten.

Edgar Davies musterte Tony aufmerksam.

»Ich kann keine Verletzung sehen, Inspektor.«

»Die Verletzungen befinden sich unter meiner Haut. Anscheinend wollen die Hexen nicht, dass man sie sieht. Wahrscheinlich möchten sie, dass mir niemand meine Geschichte glaubt.«

»Weshalb kommen Sie nun zu mir, Inspektor?«

»Ich möchte Sie um Rat fragen.«

Davies nickte.

»Fragen Sie.«

»Zuerst hätte es mich noch interessiert, wie Sie mit Ihren Nachforschungen vorankommen.«

Davies seufzte und hob die Schultern.

»Erinnern Sie mich lieber nicht daran. Ich fürchte, ich bin an einem toten Punkt angelangt.«

»Schade«, sagte Tony mit ehrlichem Bedauern.

»Was ist mit Ihrer Frage, Inspektor?«

»Ja. Äh - ich glaube mich an eine Geschichte erinnern zu können, die man sich über die sieben verfluchten Hexen zählt. In dieser Geschichte heißt es, dass die Hexen im Galgenbaum wohnen. Stimmt das?«

Professor Davies ging auf und ab. Er strich sich nachdenklich den schneeweißen Bart.

»Ich kenne diese Geschichte, Inspektor«, sagte Davies, nachdem er eine Weile ruhelos hin und her gegangen war.

»Und ich weiß auch, worauf Sie nun hinauswollen.«

»Worauf, Professor?«

Edgar Davies schaute Tony durchdringend an.

»In der Geschichte heißt es, dass unser Dorf Ruhe finden würde, wenn einer von uns den Mut aufbringen würde, den Galgenbaum zu vernichten.«

Tony nickte aufgeregt.

»Ich, Professor! Ich bringe diesen Mut auf! Die Hexen haben genug gemordet. Ich werde ihrem verfluchten Treiben Einhalt gebieten.«

»Was wollen Sie unternehmen, Inspektor?«

Tony schob trotzig das Kinn vor.

»Ich werde den Galgenbaum sprengen.«

»Und was ist, wenn die Geschichte nicht wahr ist?«

»Glauben Sie denn, dass sie nicht wahr ist, Professor?«

Edgar Davies begann wieder auf und ab zu gehen.

»Ich kann Ihnen mindestens ein Dutzend ähnlicher Geschichten erzählen, Inspektor. Eine davon besagt, dass die Hexen im Moor wohnen, und wenn jemand den Mut aufbrächte, das Moor trockenzulegen, würden die Hexen auf eine abscheuliche Weise zugrunde gehen.«

»Es ist aber doch immerhin den Versuch wert, Professor!«

Edgar Davies nickte.

»Den Versuch ist es wert, Inspektor. Das auf jeden Fall! Ich wünsche Ihnen viel Erfolg!«

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28

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Gegen Abend erreichte Tony Ballard den unheimlichen Galgenbaum. Der Wind pfiff durch die blattlosen Zweige, heulte gespenstisch zwischen den dicken Ästen.

Seltsame Geräusche waren zu hören, so als ob man Tony von seinem gefährlichen Vorhaben abbringen wollte.

Knapp über dem Erdboden war eine Öffnung im dicken hohlen Stamm.

Tony sah sich um. Der Wind zerzauste sein Haar. Er strich über die Landschaft und bewegte das hohe Gras auf gespenstische Weise. Weit und breit war niemand zu sehen. Kaum jemand wagte sich in die Nähe dieses Baumes. Auch Tony hatte sich erst Mut machen müssen, hatte sich krampfhaft überwinden müssen.

Doch bei ihm lag die Sache von Haus aus ein bisschen anders.

Während die anderen Dorfbewohner immer noch hoffen konnten, dass der Zorn der sieben Hexen sie verfehlte, war es für Tony Ballard eine schlimme Gewissheit, dass die Hexen ihn auf jeden Fall vernichten würden.

Deshalb war das, was er nun vorhatte, ein Verteidigungsakt. Er wollte den Hexen zuvorkommen, und er flehte den Himmel inständig an, dass ihm das gelingen möge.

Schwarze Gewitterwolken zogen am dämmrigen Himmel auf. Der Wind zerwühlte die Büsche und nahm an Heftigkeit zu. Er war die Vorhut des Gewitters, das im Anzug war.

Tony musste sich beeilen, wenn er nicht bis auf die Haut nass werden wollte.

Schnell entnahm er der Innentasche seines Jacketts vier Dynamitpatronen.

Sie reichte, um den uralten, fünfundzwanzig Meter hohen Riesen zu fällen.

Er band die Zündschnüre zusammen, knotete eine schwarze Lunte dazu und steckte diese mit seinem Feuerzeug in Brand. Dazu musste er sich mit dem Rücken zum Wind drehen. Und auch dann gelang es ihm nicht sofort, das Feuerzeug zu entzünden.

Endlich klappte es.

Die Lunte brannte.

Tony Ballard versenkte die Dynamitladung in der Höhlung des Galgenbaumes, wandte sich dann um und rannte vierzig Meter weit weg.

Da warf er sich flach auf den Bauch und wartete so die Explosion ab.

Sie ließ nicht mehr lange auf sich warten. Ein gewaltiges Beben erschütterte die Erde. Das Dynamit zerfetzte den dicken Stamm des Galgenbaumes knapp über den tief in den Boden reichenden Wurzeln. Nach allen Richtungen fauchte eine mächtige Feuerwolke davon. Ein brüllender Donner rollte gleichzeitig auf Tony zu. Er spürte einen gewaltigen Druck in den Ohren.

Dann fiel der mächtige Galgenbaum.

Er fiel endlos langsam.

Wie ein tödlich getroffener Saurier kippte er zur Seite. Zögernd brach er nieder, als wollte er sich noch ein letztes Mal gegen den unvermeidbaren Tod auflehnen. Krachend brachen und splitterten die Äste. Staub wirbelte hoch. Der Wind fuhr mitten in diese Staubwolke hinein und zerriss sie.

Der Galgenbaum war gefällt.

Tony kam zögernd hoch. Misstrauisch schaute er zu dem mächtigen Riesen hin.

Er traute dem Frieden nicht recht. War das wirklich alles? Waren die Hexen damit vernichtet? War es so einfach gewesen, sie zu vernichten?

Tony konnte es fast nicht glauben. Wenn es wirklich so einfach gewesen wäre, dann hätte sich in diesen dreihundert Jahren doch zumindest ein Mann finden müssen, der den Mut dazu aufgebracht hätte.

Die schwarzen Gewitterwolken flogen in stürmischer Eile heran. Plötzlich war es Tony Ballard egal, ob ihn der Regen erwischte und bis auf die Haut durchnässte. Alles war ihm egal. Er konnte jetzt nicht einfach ins Dorf gehen, ohne sich aus der Nähe angesehen zu haben, was er mit der Sprengung angerichtet hatte.

Mit langsamen Schritten ging er auf den geborstenen Galgenbaum zu.

Der Himmel verdunkelte sich. Es war nicht die Dämmerung allein. Es waren aber auch nicht nur die schwarzen Gewitterwolken.

Es war noch etwas. Etwas Unheimliches, das Tony weder ahnte noch fühlte.

Hämmernden Herzens ging er auf den Galgenbaum zu. Die Explosion war zwar gewaltig gewesen, aber sie hatte den Baum nicht zu entwurzeln vermochte.

Auch das sollte noch kommen. Morgen schon wollte Tony wieder mit Dynamit anrücken. Er wollte den ganzen Wurzelstock aus der Erde sprengen. Nichts, aber auch wirklich gar nichts sollte von dem unheimlichen Galgenbaum zurückbleiben. Er sollte in diesem Jahrhundert ausgelöscht werden, damit die Menschen im nächsten Jahrhundert von den Hexen nichts mehr zu befürchten hatten.

Ein Ächzen kam aus dem Galgenbaum.

Als wäre er ein Lebewesen. Es knackte im Geäst. Tony schaute auf sein Werk hinab.

Er fühlte sich befreit, erlöst, glaubte, wieder hoffen zu dürfen. Und er hoffte, die Hexen besiegt zu haben.

Doch das war nicht der Fall.

Die Welt versank plötzlich in einer noch nie dagewesenen Schwärze.

Der eiskalte Sturm wurde zum Orkan.

Er schien unsichtbare Hände zu haben.

Damit erfasste er Tony und schleuderte ihn kraftvoll zu Boden. Ächzend versuchte Ballard sich aufzurichten, doch der Orkan ließ es nicht zu. Heulend und brüllend fegte er über ihn hinweg, drückte ihn nieder und nahm ihm den Atem.

Als das Heulen und Brüllen am schlimmsten war, öffnete der Himmel seine Schleusen. Doch nicht Wasser stürzte sich auf Tony Ballard, sondern faustgroße Hagelkörner, die ihn zu erschlagen drohten. Schwer prasselten die Eiskörner auf ihn herab, schlugen auf seinen Schädel, auf seinen Körper, schlugen wie Fäuste an kräftigen unsichtbaren Armen gnadenlos auf ihn ein.

Entsetzt hielt Tony die Arme über den schmerzenden, blutenden Kopf. Aufgeregt kroch er unter den Stamm des Galgenbaumes. Doch die Hagelkörner trafen ihn auch dann noch. Als wenn es Steine wären, die irgendjemand nach ihm schleuderte.

Einer der Nachfahren des Henkers war von den Hexen gesteinigt worden. Mit glühenden Steinen, hatte Professor Davies gesagt. Sollte Tony Ballard nun ein ähnliches Schicksal beschieden sein?

Blitze zerfetzten mit grellem Schein die Schwärze des Abends. Mächtige Donner grollten ohrenbetäubend laut. Es hörte zu hageln auf. Zerschunden und zerschlagen kroch Tony unter dem Baum hervor. Überall da, wo ihn der schwere Hagel behämmert hatte, hatte er nun furchtbare Schmerzen. Am ganzen Körper. Halb taub vom Krachen des Donners, halb blind von Angst und Pein, wankte er vom Galgenbaum weg und dem Dorf entgegen.

Es begann zu regnen.

Eine wahre Sintflut ging auf das Dorf nieder. Tiefe Bäche schossen gurgelnd durch die Straßen, stürzten in die Keller der Häuser und ertränkten die Haustiere in den niedrig gelegenen Stallungen.

Tony fühlte sich wie mit Eimern übergossen. Er war klatschnass bis auf die Haut. Die Schmerzen ließen es nicht zu, dass er schneller ging. Er wankte halb ohnmächtig auf die ersten Häuser des Dorfes zu, doch er erreichte sie nicht.

Irgendwann nach dem vierten oder fünften Schritt glitt er auf dem nassen Gras aus. Klatschend fiel er nieder. Unaufhörlich goss der Himmel ihm Wasser ins Gesicht.

Und plötzlich begann ihn das nackte, eiskalte Grauen zu schütteln.

Aus dem kohlrabenschwarzen Himmel sanken sieben glühende Feuerbälle auf ihn herab. Sie schienen von weit her zu kommen, und je geringer die Entfernung zu ihm wurde, desto größer wurden die Bälle, die sich letztlich in Wolken verformten und sich mit Getöse und Gedröhne auf ihn stürzten.

Sein ganzer Körper schien mit einem Mal in Flammen zu stehen. Schreiend warf er sich hin und her. Die Wolken fügten ihm schreckliche Verbrennungen zu.

Als die Schmerzen am furchtbarsten waren, verlor er das Bewusstsein.

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29

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Drei Tage kam Tony Ballard nicht zu sich. Vicky kam jeden Tag ins Krankenhaus, um sich nach seinem Befinden zu erkundigen. Es ging nur langsam mit ihm aufwärts. Man hatte nach seinem Spießrutenlauf zwar keine Verletzungen an seinem Körper feststellen können, das änderte jedoch nichts an der Tatsache, dass er diesen furchtbaren Lauf hatte durchstehen müssen. Er hatte ihm viel Substanz genommen, und eigentlich war Tony Ballard nur noch ein Schatten seiner selbst.

Am dritten Tag erwachte er.

Er fühlte sich furchtbar und wünschte sich zum ersten Mal den Tod. Kaum hatte er sich bei diesem furchtbaren Gedanken ertappt, erschrak er zutiefst. So weit war es schon mit ihm? Würde er wirklich noch mal um den Tod winseln?

Benommen richtete er sich auf.

Alle Glieder schmerzten ihm. Sämtliche Knochen in seinem Leib schienen gebrochen zu sein. Trotzdem war wieder keine äußere Verletzung zu entdecken.

Diese Bestien! Diese verfluchten Bestien!, dachte Tony verzweifelt. Es war für ihn nun gewiss, dass er sie nicht hatte besiegen können. Somit musste für ihn auch gewiss sein, dass ihn die Hexen schon sehr bald töten würden.

Als er all diese furchtbaren Gedanken zu Ende gedacht hatte, fühlte er sich nicht nur körperlich, sondern auch geistig furchtbar elend. Es ist schrecklich, zu wissen, dass man nur noch wenige Tage zu leben hat. Es war schlimm zu wissen, dass man auf eine bestialische Weise umgebracht werden würde, ohne sich verteidigen zu können.

Die Tür öffnete sich.

Tony erschrak.

Eine hübsche Krankenschwester trat mit einem freundlichen, warmen Lächeln ein. Sie hatte flammendrotes Haar und wundervolle Brüste, die sich deutlich unter dem weißen Mantel abzeichneten. Ihr Gesicht war von einem Künstler angefertigt. Es gab keine Unregelmäßigkeit darin. Ein lebensfrohes Flackern war in ihren bernsteinfarbenen Augen zu erkennen. Der Duft eines aufdringlichen Parfüms schwebte wie eine Wolke um ihren Körper und legte sich schwer auf Tonys Lungen.

»Ausgeschlafen, Mr. Ballard?«, fragte sie mit einer sanften, einschmeichelnden Stimme.

»Wie lange war ich...?«

»Drei Tage.«

»Drei Tage?«, staunte Tony.

»Hm.«

»Wie komme ich hierher?«

»Man hat Sie eingeliefert.«

»Was fehlt mir?«

»Wissen Sie es nicht?«

»Nein.«

»Sie haben schwerste Erschöpfungszustände. Aber nun, wo Sie in das Reich der Lebenden zurückgekehrt sind, werden Sie wohl bald wieder hochkommen. Sie sind noch jung. Sie haben bestimmt genügend Widerstandskraft.«

Die hatte ich mal, dachte Tony verzweifelt. Jetzt ist es damit nicht mehr weit her.

»Haben Sie irgendeinen Wunsch, Mr. Ballard? Dr. Weyner wird gleich nach Ihnen sehen.«

Tony schüttelte müde den Kopf.

»Nein. Vielen Dank. Ich habe keinen Wunsch.«

Die Krankenschwester kam näher.

Obwohl sie sehr schön war, hatte Tony in seinem Zustand verständlicherweise kein Interesse.

Ihr starkes Parfüm machte ihn schwindelig, betäubte ihn fast. Dass Krankenschwestern sich während des Dienstes so stark parfümieren durften, dachte er ärgerlich. Und plötzlich glaubte er zu wissen, weshalb sich dieses schöne Mädchen so stark parfümiert hatte.

Damit man den Verwesungsgeruch nicht roch, der von ihr wie von den anderen sechs Hexen ausging.

Da wusste er, dass er das Richtige gedacht hatte.

In diesem Moment öffnete das schöne Mädchen den Mund. Ein starkes Raubtiergebiss kam zum Vorschein. Ihr Gesicht bedeckte sich blitzschnell mit flammendroten Haaren. Ihre Hände wurden zu Krallen. Sie wurde zu einer fauchenden, knurrenden Wölfin, im selben Moment stürzte sich der Wolf schon auf den Kranken.

Tony stieß die Bestie entsetzt von sich.

Der Wolf schnappte nach seinem Arm und verfehlte ihn nur um wenige Millimeter.

Tony war zu schwach zum Kämpfen.

Deshalb brüllte er aus Leibeskräften um Hilfe. Die Krallen des Werwolfes fügten ihm tiefe, schmerzhafte, stark blutende Wunden zu. Die Bestie biss immer wieder wild zu, riss ihm ein Stück Fleisch aus der Schulter. Er schlug mit der Hand nach der nassen Tierschnauze. Hechelnd, knurrend versuchte das Biest erneut, seine dolchartigen Fangzähne in Tonys blutende Schulter zu schlagen.

Ballard hatte seine Finger in das gesträubte Fell des Tieres gekrallt und schrie in wahnsinniger Angst um Hilfe.

Die Tür wurde aufgerissen.

Schlagartig verwandelte sich der Wolf wieder in das trügerisch schöne Mädchen.

»Ruhig«, sagte sie eindringlich, und es klang immer noch wie ein Knurren.

»Ruhig.«

»Weg!«, schrie Ballard entsetzt. »Sie soll weggehen!«

Zwei Krankenträger waren in sein Zimmer gestürzt. Sie schauten den Patienten verdattert an und musterten dann die hübsche Krankenschwester verständnislos.

»Was hat er denn?«

Das Mädchen lächelte.

»Er hat den erlittenen Schock noch nicht überwunden.«

»Schafft sie fort! Sie ist ein Werwolf! Sie ist eine von den sieben Hexen!«, schrie Tony verzweifelt.

»Der hat sie wohl nicht alle, wie?«, grinste einer der beiden Träger.

»Sie müssen mir glauben, was ich Ihnen sage!«, schrie Tony bestürzt.

»Brauchen Sie Hilfe, Schwester?«, fragte ein Träger.

»Sie?«, brüllte Tony irr lachend. »Ob sie Hilfe braucht? Die da braucht keine Hilfe. Ich! Wenn hier jemand Hilfe braucht, dann bin ich das.«

»Sie müssen sich beruhigen, Mr. Ballard!«, sagte die Krankenschwester.

»Hört ihr das nicht? Hört euch ihre Stimme an. Es klingt wie ein Knurren, wenn sie spricht. Weil sie ein Werwolf ist!«, keuchte Tony.

Die Krankenträger winkten ab und drehten sich um.

»Lasst mich nicht allein mit dieser Hexe!«, brüllte Tony verzweifelt. Schweiß floss über sein Gesicht. »Ich flehe euch an! Geht nicht aus dem Zimmer. Sie wird mich umbringen!«

Einer der Wärter, ein Mann mit einem eingeschlagenen Nasenbein und einem kleinen Oberlippenbärtchen, kam zu Tony.

»Was ist denn bloß los mit Ihnen? Sie sind doch Polizeiinspektor, wenn ich richtig gehört habe. So ein großer, starker Mann wie Sie braucht sich doch nicht vor einer hübschen kleinen Krankenschwester zu fürchten.«

»Sie ist keine Krankenschwester. Sie ist eine Hexe.«

»Nun versuchen Sie sich doch mal zu beruhigen, Ballard. Die Schwester will Ihnen bestimmt nichts tun.«

»Da sind Sie aber gewaltig auf dem Holzweg!«

»Also, wenn Sie nicht still sind, wenn Sie das ganze Krankenhaus zusammenschreien wollen, muss ich mich über Sie beschweren, Mr. Ballard. So leid mir das täte.«

Schweiß tropfte in Tonys Augen. Sie brannten. Er rieb sie mit zitternden Händen. Dabei stellte er fest, dass seine Schulter nicht blutete. Dass man nicht sehen konnte, wo ihn die Krallen des Werwolfes verletzt hatten. Nur die Schmerzen - die furchtbaren Schmerzen, die ihm die mordlüsterne Bestie zugefügt hatte -, die waren noch da.

Verzweifelt presste Tony die Lippen aufeinander.

»Na, also«, sagte der Träger zufrieden.

Er tätschelte Tonys zitternde Hand. »Es wird schon wieder mit Ihnen werden, Ballard. Sie müssen nur Geduld haben und sich zusammenreißen.«

Die Männer grinsten sich gegenseitig an. Sie blinzelten der Krankenschwester amüsiert zu und verließen dann das Zimmer.

Tony starrte die Schwester entsetzt an.

Sie kicherte höhnisch.

»Du siehst, dass du nirgendwo vor uns sicher bist, Tony Ballard. Bald wird der Tag deines Todes kommen. Doch nicht eine von uns soll allein das Vergnügen haben, dich zu töten. Wir alle werden es gemeinsam tun. Und du wirst es nicht verhindern können.«

Da, wo das hübsche Mädchen stand, begann die Luft zu flimmern. Und in der nächsten Sekunde war die Hexe verschwunden.

Ihr Kichern geisterte noch eine Minute lang durch das Krankenzimmer.

Dann war unheimliche Stille.

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Tony Ballard war nach diesem schrecklichen Erlebnis in einen erquickenden, tiefen Schlaf gefallen. Obwohl es Tag war, schlief er viele Stunden. Man weckte ihn nicht, denn er brauchte den Schlaf nötiger als die Nahrung.

Schließlich erwachte er gegen Abend.

Die Schmerzen in seinem Körper waren ein wenig abgeflaut. Aber sie pochten immer noch unter der Haut, die unberührt war, während die schrecklichen Verletzungen dicht darunter lagen, aber für niemanden sichtbar waren.

Jemand befand sich in Tonys Zimmer.

Als er dessen gewahr wurde, schreckte er hoch, denn das Erlebnis mit der Krankenschwester, die sich als Werwolf auf ihn gestürzt hatte, lag noch quälend und bleiern in seinen Knochen.

Vicky Bonney war da. Sie machte einen verzweifelten Eindruck. In den Nächten, die er hier verbracht hatte, hatte sie kein Auge zugetan. Ihre Wangen wirkten fahl.

Ihre Bewegungen wirkten matt. Ihr Lächeln verriet mit großer Deutlichkeit, wie müde und erschöpft sie war.

»Tony!«, sagte sie, und erhörte, wie sie die Tränen mühsam niederkämpfte.

»Mein Tony!«

Sie küsste ihn auf den Mund. Ihre Lippen waren heiß und bebten.

Noch jemand war da.

Professor Edgar Davies. Der Mann trat nun ebenfalls an Tonys Bett und reichte ihm ernst die Hand.

»Ich freue mich, dass Sie sich allem Anschein nach ein wenig erholt haben, Inspektor Ballard.«

Tony nickte schwach.

»Ja. Ich fühle mich ein bisschen besser.« Tony sagte das vor allem auch für Vicky, um sie zu beruhigen und ihr einen Teil von ihren Sorgen abzunehmen.

»Der Arzt hat uns erzählt, du hättest wegen einer Krankenschwester getobt«, sagte Vicky.

Tony schluckte erregt.

»Die Krankenschwester war eine Hexe. Sie hat sich in einen Werwolf verwandelt und ist über mich hergefallen.«

»Wie schrecklich!«, stöhnte Vicky.

Tony musste dem Professor genau erzählen, was vorgefallen war. Obwohl er sich nur ungern an dieses furchtbare Erlebnis erinnerte, berichtete er in allen Einzelheiten. Anschließend griff er drei Tage in die Vergangenheit zurück. Er musste dem Professor erzählen, was an jenem Tag geschehen war, nachdem er den Galgenbaum gesprengt hatte. Tony sprach von allem, woran er sich erinnern konnte, bis er an jenem Punkt anlangte, wo für ihn der Film abgerissen war.

Vicky hörte mit bleichem Gesicht zu.

Sie starrte Tony an, als wäre er verloren, als würde er schon nicht mehr leben.

»Noch ist nichts verloren«, sagte Ballard, um dem Mädchen und sich selbst Mut zu machen. »Ich lasse mich nicht unterkriegen. Ich werde bis zum letzten Atemzug um mein Leben kämpfen.«

Das hörte sich gut an. Aber gab es keine Waffe, die die Hexe besiegen konnte, die sie abwehren konnte, wenn sie angriffen?

Professor Davies machte einen unruhigen, geladenen und gespannten Eindruck auf Ballard. Der Mann trug irgendetwas Schwerwiegendes mit sich herum, wollte es sagen, schien aber nicht recht zu wissen, womit er beginnen sollte.

»Bedrückt Sie etwas, Professor?«, half Tony dem Mann.

Edgar Davies strich sich den schneeweißen Bart.

»Ich konnte den toten Punkt in meinen Nachforschungen wider Erwarten überwinden, Inspektor Ballard.«

Tony horchte gespannt auf.

»Sie sind weitergekommen?«

»Ja.«

»Was konnten Sie ermitteln Professor?«, fragte Tony Ballard neugierig und erregt.

»Ich glaube, ich bin der Lösung einen Schritt näher gekommen«, sagte Edgar Davies zögernd.

»Wirklich?«

Davies nickte.

»Natürlich kenne ich noch nicht das ganze Geheimnis, Inspektor. Sonst hätte ich bereits die nötigen Schritte unternommen. Aber es ist mir immerhin gelungen, eine uralte Schrift zu entziffern. Dieses Dokument ist äußerst wichtig. Es ist schwer beschädigt in meine Hände gelangt, und es kostete mich einige Mühe, die alten Aufzeichnungen halbwegs zu rekonstruieren. Leider habe ich noch nicht alles beisammen. Doch so viel ist gewiss: Die sieben Hexen besitzen einen Stein, den man den Stein des ewigen Lebens nennt. Solange er sich in ihrem Besitz befindet, kann man die Bestien nicht töten, und sie werden unser Dorf immer aufs Neue heimsuchen, Leute morden, quälen und brandschatzen.«

»Wo ist dieser Stein?«, fragte Tony aufgeregt dazwischen.

»Er befindet sich in irgendeinem unterirdischen Labyrinth.«

»Wo?«

»Das zu entziffern ist mir noch nicht gelungen«, erwiderte Professor Davies bedauernd. »Aber ich arbeite Tag und Nacht an der Lösung dieses letzten Rätsels.«

»Was ist das für ein Stein?«, fragte Vicky.

»Die Aufzeichnung sagt, dass der Teufel seinen Hexen diesen Stein zum Geschenk gemacht hat. Aber nur den Auserwählten, um sie vor dem Tod durch Menschenhand zu schützen. Es soll ein magischer Stein sein, der ein weißes Licht versprüht. Kalt wie Eis soll dieser Stein sein, obwohl er glüht. Und solange er leuchtet, leben die Hexen.«

Tony hörte aufgeregt zu.

Nun fragte er nervös: »Kann man dieses Glühen löschen?«

»Das kann man«, sagte der Professor.

»Wie?«, fragte Tony hastig.

»Indem man Menschenblut darauf tropfen lässt. Mit Menschenblut in die Glut zu löschen.«

»Und was passiert dann mit den Hexen?«, erkundigte sich Vicky.

»Die sind von diesem Moment an verloren. Sie müssen sterben und haben keine Möglichkeit mehr, in dieses Dorf zurückzukehren.«

Tony richtete sich mit schmerzverzerrtem Gesicht abrupt auf. Er biss die Zähne zusammen.

»Tony!«, rief Vicky besorgt aus. »Was ist mit dir?«

»Es geht schon wieder!«, ächzte Ballard.

Er schaute den Professor mit fanatisch funkelnden Augen an. »Finden Sie schnellstens heraus, wo die Hexen diesen Stein verborgen haben, Professor Davies!«

»Ich werde mir die größte Mühe geben«, versprach der alte Mann. »Aber glauben Sie ja nicht, dass wir den Kampf bereits gewonnen haben, wenn es mir gelingen sollte, dieses letzte Geheimnis aufzudecken. Die Hexen werden ihren Lebensstein mit allen ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln verteidigen.«

»Finden Sie erst mal heraus, wo sich der Stein befindet!«, sagte Tony hart.

»Dann werden wir weitersehen. Ich bin jedenfalls bereit, mein Leben zu opfern, wenn ich unser Dorf dadurch von diesen schrecklichen Bestien befreien kann.«

Vicky schaute den alten Professor heimlich an.

Ein furchtbarer Gedanke war ihr gekommen, den sie lieber nicht in Worte fassen wollte.

Was war, wenn die Hexen dahinter kamen, dass Professor Edgar Davies an der Aufdeckung ihres schrecklichen Geheimnisses arbeitete? Keine Sekunde hätte er dann noch zu leben.

Vicky hoffte inständig, dass der alte Mann seine Arbeit zu Ende führen konnte. Zum Wohle des Dorfes und zum Schutze Tony Ballards, der andernfalls nicht mehr lange zu leben hatte.

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Müde und ohne einen Funken Optimismus im Leib, kam Vicky Bonney nach Hause. Jeder Krankenhausbesuch deprimierte sie schwer. Selbst wenn sie Menschen besuchte, die sie kaum kannte. Bei Tony war es natürlich wesentlich schlimmer.

Abgespannt nahm sich das Mädchen einen Kognak. Nachdem sie das Glas leer getrunken hatte, stellte sie das Radio an, denn die Stille war ihr unerträglich.

Nachdenklich zog sie den Reißverschluss ihres saphirblauen Kleides nach unten. Sie streifte es ab, hängte es auf einen Plastikbügel und tat es in den Schrank. Danach beugte sie sich ein wenig vor, griff mit beiden Händen nach hinten und öffnete den Hakenverschluss ihres Büstenhalters. Langsam streifte sie ihn ab und ließ ihn auf den Stuhl fallen.

Sie betrachtete ihren makellosen Busen im Spiegel. Mechanisch schob sie die Daumen in das dünne Gummiband ihres zarten Höschens und streifte es mit einer geschmeidigen Bewegung ab. Sie legte das Höschen auf der Büstenhalter und begab sich nackt ins Badezimmer.

Die Dusche tat ihr gut und weckte ihre Lebensgeister. Plötzlich schien ihr die Welt nicht mehr ganz so grau zu sein. Es schien ihr, als würde das Wasser nicht nur ihren Körper reinigen, sondern gleichzeitig auch ihre bedrückte Seele.

Sie fasste wieder neuen Mut. Vielleicht zogen sich die Hexen wieder zurück. Sie blieben niemals lange. Wenn genug Blut geflossen war, verschwanden sie wieder. Und es war, bei Gott, schon genug Blut geflossen.

Nachdem Vicky geduscht hatte, zog sie ihren Bademantel an und begab sich ins Wohnzimmer. Da ließ sie sich in den Sessel fallen, schaute gedankenverloren auf die gegenüberliegende Wand und malte sich aus, wie es mit ihr und Tony sein würde, wenn es die Hexen nicht mehr gab.

An den Fenstern schleiften Zweige hin und her. Ein unheimliches Geräusch. Als ob Geisterhände darüberglitten. Unwillkürlich schauderte Vicky. Sie konnte plötzlich nicht mehr an Tony denken, konnte sich nicht auf die Klaviermusik konzentrieren, die aus dem Radio sickerte. Etwas belegte sie mit seinem Bann, ohne dass sie begriff, was es war.

Sie schaute zum Fenster. Ohne Absicht.

Und obwohl sie da zwei fahle Gesichter erblickte, erschrak sie nicht, denn die Gesichter waren ihr bestens bekannt. Es waren die Gesichter ihrer Eltern. Stumm standen sie am Fenster. Mit verschlossenen Mienen und schmalen Lippen. Ihre Augen schauten sie unverwandt an.

Vicky erhob sich.

Die Gesichter gingen nicht weg. Blass waren sie. Totenblass. Kein Wunder, Vickys Eltern lebten seit drei Jahren nicht mehr.

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Nach der letzten Visite bekam Tony Ballard eine Traubenzuckerinfusion, damit er wieder zu Kräften kam. Er versuchte einzuschlafen, doch es war ihm nicht möglich. Er hatte am Tag zu viele Stunden geschlafen und war nun nicht richtig müde.

Zudem quälten ihn eine schreckliche Ahnung.

Er fühlte, dass Vicky in Gefahr war. Er konnte sich nicht einmal selbst erklären, wieso er das fühlte, wieso er so felsenfest davon überzeugt war.

Es war einfach in ihm, und er wusste, dass mit Vicky etwas Schlimmes passieren sollte. Vermutlich gehörte auch das zum schrecklichen Nervenkrieg der bestialischen Hexen. Sie ließen ihn wissen, was sie taten, damit er darunter litt.

Schweißüberströmt warf er sich hin und her. Atemlos versuchte er sich zu beruhigen. Er versuchte sich einzureden, mit Vicky wäre alles in Ordnung, er würde sich das nur einbilden.

Doch lauter und immer lauter schrie es in ihm: Vicky droht Gefahr! Vicky droht Gefahr! Und du kannst ihr nicht helfen!

Vicky ist verloren!

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Es waren tote Augen, die Vicky anschauten. Trotzdem fürchtete sich das Mädchen nicht vor ihnen. Misstrauen und jegliches Gefühl für Vorsicht schienen in ihr abgestorben zu sein.

Furchtlos begab sich Vicky zum Fenster.

Sie öffnete es. Eine schreckliche Kälte ging von ihren Eltern aus.

»Ma!«, keuchte das Mädchen erstaunt und erfreut. »Pa!« Kein bisschen wunderte sie sich darüber, dass die beiden hier vor ihr standen, obwohl das nicht möglich sein durfte. »Warum kommt ihr nicht herein?«

»Wir dürfen dein Haus nicht betreten«, sagte Vickys Vater mit hohler Grabesstimme. Das Mädchen erschrak darüber nicht.

»Du musst zu uns herauskommen, mein Kind«, sagte nun Vickys Mutter.

Ebenso hohl, ebenso unwirklich klang die Stimme.

Der Mann und die Frau waren in ein weißes Totenhemd gekleidet. Es flatterte an ihrem Körper im Wind.

Vickys Mutter streckte nun die totenbleiche Hand nach dem Mädchen aus.

»Komm, mein Kind! Bitte, komm!«

»Ja, Ma!«, presste Vicky wie in tiefer Trance hervor. »Ja. Ich zieh mir nur schnell was an.«

»Nein, mein Kind. Dazu ist keine Zeit.«

»Wohin soll ich mit euch gehen?«, fragte das Mädchen leise.

»Du wirst es sehen«, sagte Vickys Vater mit seiner hohlen Stimme.

Schnell verließ Vicky das Haus. Barfuß ging sie auf die Eltern zu. Als sie noch zehn Schritte von ihnen entfernt war, spürte sie wieder die Kälte, die von den beiden ausging. Eine Gänsehaut spannte sich über ihren Körper, doch sie hatte keine Angst.

»Hier bin ich«, sagte sie ergeben zu ihren Eltern.

»Du bist ein braves Mädchen«, sagte Vickys Vater.

Sie trat zu ihm hin und wollte ihn anfassen, doch sie griff durch ihn hindurch.

Ebenso erging es ihr, als sie ihre Mutter berühren wollte.

»Komm jetzt«, sagte die Frau und wandte sich um.

Die beiden Toten nahmen das Mädchen in die Mitte. Sie fanden einen stillen, finsteren Weg, auf dem ihnen keine Menschenseele begegnete. Bald hatten sie ihr Ziel erreicht. Gemeinsam mit ihrer Tochter betraten die Toten den Friedhof. Sie gingen ohne Schrittgeräusche zwischen den stillen Grabreihen hindurch und auf ihr eigenes Grab zu.

Als sie dieses Grab - es war mit hellem Marmor eingefasst - erreicht hatten, sanken sie darauf nieder, und Vicky konnte beobachten, wie sie langsam in das Erdreich einsickerten.

Schließlich waren sie verschwunden.

Als sie nicht mehr zu sehen waren, kam das Mädchen zu sich. Benommen und verwirrt schaute sie sich um. Bestürzt stellte sie fest, dass sie sich auf dem Friedhof vor dem Grab ihrer Eltern befand.

Fröstelnd bemerkte sie, dass sie nur den Bademantel auf der nackten Haut trug.

Sie fragte sich entsetzt, wie sie hierher kam und wieso sie nichts davon gemerkt hatte.

Da erfüllte plötzlich ein ohrenbetäubendes Brausen die Luft. Vicky erschrak zutiefst. Ihr Kopf flog hoch. Sie starrte entgeistert zum schwarzen Himmel hinauf. Ein Tor schien sich da aufgetan zu haben. Sieben Hexen fegten aus dieser Öffnung heraus und flogen auf glühenden Besen zu ihr herab.

Vicky schnellte herum. Sie wollte fliehen und stieß einen krächzenden Schrei aus. Die Hexen kicherten und lachten schrill. Vier Schritte erlaubten sie dem Mädchen zu tun, dann stürzten sie sich blitzartig auf sie.

Obwohl es windstill geworden war, heulte auf dem Friedhof ein Sturm, der die Grabsteine umzuwerfen drohte.

Vicky war zutiefst entsetzt.

Sie fühlte sich gepackt und zu Boden geschleudert. Kreischend und schreiend quirlten die Hexenleiber über ihr. Die langen glühenden Krallen der grausamen Weiber zerrissen ihren Bademantel.

Sie fetzten selbst das letzte Stückchen Stoff von Vickys Körper. Als sie nackt auf dem Boden lag, packten die kreischenden Hexen sie, hoben sie hoch und rissen sie mit sich in die Lüfte.

Innerhalb weniger Augenblicke war der ganze Spuk vorbei.

Und Vicky Bonney war von diesem Zeitpunkt an verschwunden...

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Als der Abend des nächsten Tages anbrach, kam Sergeant Goody zu Tony Ballard. Er ließ sein kugelrundes Gesicht freundlich lächeln, machte einen missglückten Scherz nach dem anderen und wollte es sich nicht anmerken lassen, wie viel Mitleid er mit seinem Vorgesetzten hatte.

»Meine Frau, Sir, sie lässt Sie ebenfalls herzlich grüßen. Und natürlich auch alle Kollegen. Wir haben beschlossen, dass Sie jeden Tag ein anderer besuchen wird.« Er lachte. »Sie dürfen nicht glauben, dass den Leuten das unangenehm ist. Im Gegenteil. Eine hitzige Debatte hat es gegeben. Jeder wollte der Erste sein. Schließlich habe ich das Rennen gemacht.«

Tony lächelte dankbar.

»Freut mich, dass Sie das sagen, Goody.«

Der Sergeant grinste.

»Sie sind ein sehr beliebter Mann, Sir. Wenn Sie wieder auf dem Damm sind, müssen Sie meiner Frau und mir die Ehre geben. Quatsch! Ich rede nicht immer so geschwollen. Ich will sagen, wenn Sie das Krankenhaus verlassen, müssen Sie uns mal zu Hause besuchen.«

Tony lächelte.

»Das werde ich tun, Goody.«

»Ich verlasse mich darauf, Sir.«

»Das können Sie...«

»Ist irgendetwas, Sir?«, fragte der Sergeant besorgt, als er Ballards verzweifelten Blick bemerkte.

Tony fuhr sich über die matten Augen.

»Vicky Bonney«, sagte er leise. »Ich mache mir Sorgen um sie. Sie hat mich jeden Tag besucht. Heute war sie noch nicht hier.«

»Vielleicht kommt sie noch.«

»So spät wird man sie nicht mehr vorlassen.«

»Soll ich auf dem Heimweg bei ihr vorbeischauen, Sir?«

»Das wäre sehr nett von Ihnen, Goody.«

»Mach ich doch gern für Sie, Sir.«

Tony Ballard erkundigte sich über den Lauf der Dinge, über die Arbeit, die man auf der Polizeistation ohne den Inspektor zu bewältigen hatte, und der Sergeant flocht mehrmals ein, dass sich Tony keine Sorgen zu machen brauchte. Alles lief wie am Schnürchen.

Bald danach ging Sergeant Goody.

Noch einmal musste er dem Inspektor sagen, dass er ganz sicher bei Vicky Bonney vorbeischauen würde.

Eine Nacht voller Ungewissheit und Besorgnis brach für Tony Ballard an.

Trotz der Beruhigungsspritzen, die man ihm verabreichte, konnte er kein Auge zutun. Die Stunden verrannen wie zähflüssiger Sirup. Es war die längste Nacht, die Tony jemals durchwacht hatte. Als endlich der Morgen graute, schlief er erschöpft ein. Doch bald wurde er wieder geweckt. Es gab eine Reihe von Untersuchungen, denen er sich unterziehen musste. Der Mittag kam.

Am Nachmittag erschien Sergeant Goody.

Das Gesicht des Mannes wirkte besorgt, verlegen, unschlüssig.

»Waren Sie bei Vicky?«, war Tonys erste Frage.

»Ja, Sir.« Goody sprach mit belegter Stimme und schaute dem Inspektor nicht in die Augen. Er blickte auf seine kurzen Finger, deren Kuppen er sorgfältig aneinandergelegt hatte, als wäre dies von größter Wichtigkeit.

»Was ist mit ihr?«, fragte Tony aufgeregt. Er witterte, dass irgendetwas nicht stimmte.

»Sir...«

»Reden Sie, Goody. Sie waren bei Miss Bonney. Und weiter?«

»Sie war nicht zu Hause, Sir.«

»Sie war gestern nicht zu Hause? Sind Sie heute noch mal zu ihr gegangen?«

»Natürlich, Sir.«

»War sie wieder nicht zu Hause?«

»Nein, Sir.«

»Haben Sie die Nachbarn gefragt, wo sie sein könnte?«

»Ja, Sir. Das habe ich getan.«

»Mensch, lassen Sie sich doch nicht jedes Wort aus der Nase ziehen!«, sagte Tony aufgeregt. »Was ist mit Vicky? Ist ihr etwas zugestoßen? Reden Sie, Goody. Reden Sie doch!«

»Ich glaube, Sie brauchen jetzt viel Kraft, Sir...«

»Mein Gott!«, stieß Ballard entsetzt hervor. »Ist sie - ist sie... tot?«

»Sir, sie ist nicht in ihrem Haus. Die Nachbarn haben sie nachts fortgehen sehen. Allein. Gekleidet in einen Bademantel.«

»So würde Vicky niemals aus dem Haus gehen!«, sagte Tony Ballard kopfschüttelnd.

»Sie hat es getan, Sir. Das ist zu beweisen...«

»Die Nachbarn müssen sich irren.«

»Leider irren sich die Nachbarn nicht, Sir. Miss Bonney hat das Haus verlassen. Sie trug ihren Bademantel. Dieser Bademantel wurde heute Morgen... auf dem... Friedhof... beim Grab ihrer Eltern gefunden. Er war total zerfetzt, von Miss Bonney fehlt seither jede Spur, Sir. Tut mir leid...«

Tony Ballard schaute den Sergeant entsetzt an.

»Ist das wahr, Goody? Ist das wirklich wahr?«

Der Sergeant nickte seufzend, sagte nichts, denn in diesem für den Inspektor so schlimmen Moment war jedes Wort nutzlos und störend.

Tony vergrub sein Gesicht im Kissen.

Der Sergeant hörte ihn schwer atmen.

Goody hatte tiefes Mitleid mit diesem leidgeprüften Mann.

Als sich Tony Ballard wieder umdrehte, war sein Gesicht weiß wie Schnee.

Seine Augen irrlichterten durch den Raum. Seine Lippen waren farblos und fest aufeinander gepresst, während er mit den Zähnen knirschte, dass es einem durch Mark und Bein ging.

Nun öffnete der Inspektor den Mund.

Mit erschreckender Stimme sagte er:

»Die Hexen! Sie haben sich an meinem Mädchen vergriffen. Sie haben Vicky entweder entführt oder getötet. Ich schwöre bei allem, was mir heilig ist, dass ich alles daransetzen werde, um diese grausamen Bestien zu vernichten!«

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Tony Ballard setzte alle Hebel in Bewegung. Trotzdem dauerte es noch vierzehn Stunden, bis er das Krankenhaus auf eigene Verantwortung verlassen durfte.

Er hatte eine Erklärung unterschreiben müssen. Die Ärzte hatten ihm von diesem Schritt abgeraten, doch er hatte nicht auf sie gehört. Der Hass und die Wut, die er empfand, wenn er an die Hexen dachte, gaben ihm neue Kraft.

Tonys erster Weg führte ihn zu Professor Davies.

Der alte Mann staunte, als er den Inspektor vor der Tür stehen sah.

»Inspektor Ballard! Schon wiederhergestellt?«

»Ich fühle mich so stark, dass ich sieben Hexen mit einem einzigen Fausthieb erschlagen könnte.«

Der Professor lachte.

»Sie nehmen die Sache anscheinend nicht mehr so ganz ernst, weil Sie ein paar Mal davongekommen sind.«

»Ich nehme die Sache sogar sehr ernst, Professor!«, knurrte Tony grimmig. Erst jetzt fiel dem Professor Ballards Blick auf.

Es war der Blick eines Wahnsinnigen - zumindest aber der Blick eines Mannes, der von einem glühenden Fanatismus völlig durchdrungen war, der bereit war, alles einzusetzen, um zu siegen, und der bereit war, für diesen Sieg sogar das Kostbarste zu opfern, das er besaß: das Leben!

Im Wohnzimmer des Professors war es wie immer unaufgeräumt. Ein Haufen Bücher lag auf dem Tisch. Davies hatte intensiv gearbeitet. Inmitten der Bücher lagen zwei weiße Zettel. Auf dem einen standen klein geschriebene Notizen. Auf dem anderen war ein Plan aufgezeichnet.

Edgar Davies wies mit leuchtenden Augen auf die Aufzeichnungen.

»Ich bin fertig, Inspektor«

Tony riss die Augen auf.

»Heißt das, dass Sie herausfinden konnten, wo die Hexen den Stein aufbewahren?«

Der Professor nickte.

»Es war eine mühsame Arbeit. Aber ich habe es geschafft.«

»Wo befindet sich der Stein, Professor?«

Davies lachte, als Tony Ballard ungestüm aufsprang.

»Langsam, mein Freund. Immer mit der Ruhe. Mit Wildheit und Kopflosigkeit rennen Sie in Ihr Verderben.«

»Vicky Bonney ist verschwunden, Professor!«, sagte Tony mit zusammengepresstem Kiefer. »Wissen Sie, was das für mich bedeutet?«

Edgar Davies zuckte zusammen.

»Das wusste ich nicht, Inspektor.«

Tony musste ihm erzählen, was er wusste. Es war nicht viel. Doch auch dieses Wenige genügte, um tiefe Besorgnis in Davies zu wecken.

»Verstehen Sie jetzt, weshalb ich nicht warten will und nicht warten kann?«, keuchte Tony mit vibrierenden Nerven und glühenden Augen.

Davies griff nach dem Zettel, auf den er die klein geschriebenen Notizen gekritzelt hatte.

»Ich habe Ihnen von einem Labyrinth erzählt, in dem die Hexen diesen für sie lebenswichtigen Stein aufbewahren, Inspektor.«

»Ja.«

»Nun konnte ich herausbringen, wo dieses unterirdische Labyrinth mit seinen unzähligen, weit verzweigten Gängen liegt.«

»Wo?«, fragte Tony Ballard knapp. Er konnte seine Ungeduld kaum noch unterdrücken.

»Es beginnt unter dem alten Rathaus.«

»Neben der Bücherei?«

»Ja, Inspektor.«

»Vielen Dank, Professor.«

»Was haben Sie nun vor, Inspektor?«

Tony fletschte grimmig die Zähne.

»Was wohl?«

»Ich komme mit Ihnen.«

»Kommt nicht in Frage.«

»Wollen wir uns nun lange herumstreiten?«, fragte der Professor energisch. »Wir würden nur wertvolle Zeit verlieren. Letztlich würde ich dann doch mitkommen, Inspektor.«

Tony seufzte. »Okay.«

Lächelnd raffte der Professor seine Aufzeichnungen zusammen. Dann verließen sie eilig das Haus.

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Es waren Höllenqualen, die Vicky Bonney durchzustehen hatte. Immer wieder wurde sie von den grausamen Hexen gefoltert, gepeinigt, verhöhnt. Nackt hing sie - an Armen und Beinen gefesselt - an einem schweren, in die Mauer eingelassenen Eisenring. Ringsherum steckten schwarze Fackeln in eisernen Halterungen. Ihre Flammen züngelten und flackerten und erhellten den unterirdischen Raum mit ihrem unruhigen, gespenstischen Schein.

In der Mitte dieses Raumes stand eine Art Altar. Ein faustgroßer Stein lag in einer goldenen Schale. Ein milchiges Licht ging von ihm aus. Die sieben Hexen schienen diesen seltsamen Stein sehr zu verehren. Welche Bewandtnis es damit hatte, war von den Hexen aus Vickys Gedächtnis ausgelöscht worden, sie wusste es nicht mehr, obwohl sie Professor Davies davon sprechen gehört hatte.

Kalt war die Wand, an der das nackte Mädchen hing. Kalt und nass.

Sie war allein.

Doch plötzlich erschreckte sie ein Fauchen, Schnaufen und Keuchen. Die wilde Hexenhorde kam von irgendwoher zurück. Die grausamen Weiber stießen grelle Schreie aus, sprangen von ihren glühenden Besen und kamen nun auf das entsetzte Mädchen zu.

Vicky zitterte am ganzen Körper.

»Nicht schon wieder!«, schrie sie den verfluchten Hexen entgegen. Sie wand sich verzweifelt, wollte nicht schon wieder furchtbar gequält werden.

Schrill lachten die Hexen auf.

»Wer mit einem Ballard befreundet ist, wird von uns genauso gehasst wie Ballard selbst!«, kreischten die Hexen.

Diesmal zogen sie alle schrecklichen Register, über die sie verfügten.

Sie verwandelten sich vor den entsetzten Augen des Mädchens in Werwölfe, Vampire, Skelette, schaurige Monster, wie sie noch kein Mensch gesehen hatte.

Mit unzähligen Armen, mit mehreren Mäulern, in denen grässlich scharfe Zähne blitzten, mit etlichen Beinen, die auch als Hände verwendet werden konnten, wie bei den Affen.

Knurrend und fauchend näherte sich diese scheußliche Höllenbrut dem nackten Mädchen, das in dieser Sekunde von entsetzlichen Ängsten geplagt wurde.

Scharfe Krallen rissen Vickys Haut auf.

Spitze Vampirzähne gruben sich in ihren Hals. Sie schrie verzweifelt auf, während ihr heißes Blut aus der Halsschlagader in das geifernde Maul des Vampirs spritzte.

Werwölfe bissen das Mädchen in die Schenkel...

Vicky schrie fürchterlich, doch niemand kam ihr zu Hilfe.

Die Ungeheuer wüteten grauenvoll...

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»Der Zugang zu dem Labyrinth ist vor vielen Jahren zugemauert worden«, sagte Professor Davies, als sie in den Keller des alten Rathauses, das man in ein Museum umgewandelt hatte, hinunter stiegen. Seine Stimme hallte von den Wänden wider.

Tony hatte sich mit einer Spitzhacke ausgerüstet. In seiner Schulterhalfter steckte seine Dienstpistole. Er hatte sie mit geweihten Silberkugeln geladen.

Professor Davies hatte ihm dringend dazu geraten. Zwar konnte man die Hexen damit nicht töten, aber man konnte sie sich wenigstens kurze Zeit vom Leib halten. Das konnte unter Umständen noch sehr wichtig werden.

Aufgeregt ging Tony Ballard neben dem Professor den finsteren Kellergang entlang. Mörtel knirschte unter ihren Schuhen.

Immer wieder warf Edgar Davies einen Blick auf den Plan, den er angefertigt hatte. Schließlich langten sie bei einer Mauer an.

»Hier muss es sein, Inspektor.«

Tony bewunderte den alten Mann. Davies hatte mehr Mut als so mancher junge Kerl.

Ballard warf ebenfalls einen Blick auf den seltsam wirren Plan in Davies’ Händen. Der Professor hatte diese Mauer auf dem Papier mit einem grünen Filzschreiber markiert. Dahinter erstreckte sich jenes Labyrinth, von dem er gesprochen hatte. Ein roter Strich kennzeichnete jenen Gang, den sie gehen mussten.

Alle anderen Gänge führten wahrscheinlich in den Tod, denn wenn man sich hier unten verirrte, fand man wohl kaum mehr zurück.

»Gehen Sie zur Seite, Professor!«, sagte Tony aufgeregt. Er schwang die Spitzhacke hoch und schlug kraftvoll gegen die dicke Ziegelwand. Es war erstaunlich, wie schnell er sich wieder erholt hatte. Keine Schmerzen peinigten ihn jetzt mehr. Die verfluchten Hexen schienen keine Gewalt mehr über ihn zu haben.

Immer wieder schlug er mit der Hacke zu.

Zwanzig Minuten später hatte er es geschafft.

Sie kletterten über einen Ziegelberg auf die dunkle Öffnung zu, die nun vor ihnen gähnte. Tony ließ die Spitzhacke zurück. Er brauchte sie jetzt wohl nicht mehr.

Er schlüpfte als Erster durch das Loch, das er in die Mauer geschlagen hatte. Mit dem Ärmel wischte er sich den Schweiß von der Stirn. Dann wandte er sich um, um Professor Davies durch das Loch in der Mauer zu helfen.

Es roch muffig hier in diesem Gang.

Es war auf eine seltsame Art kalt, und es war auf eine seltsame Art finster.

Man konnte aber alles sehen. Professor Davies vermochte sogar seine Aufzeichnungen zu lesen.

Sie gingen mit angespannten Nerven den Korridor entlang. Schon nach wenigen Metern gabelte sich der Gang. Einer davon wurde niedriger.

»Diesen müssen wir gehen«, sagte Davies.

»Den, in dem man sich bücken muss?«

»Ja.«

»Sind Sie ganz sicher?«, fragte Tony zweifelnd.

»Wollen Sie sich nicht auf meine Skizze verlassen?«, fragte der Professor ein wenig beleidigt zurück.

»Doch, natürlich. Mir kommt es nur seltsam vor, dass wir den kleineren Gang zu gehen haben.«

»Er wird größer werden!«, sagte der Professor.

»Hoffen wir’s«, erwiderte Tony Ballard und ging weiter. Er holte seine Pistole aus der Schulterhalfter und entsicherte sie, um gegen etwaige Überfälle gewappnet zu sein.

Kreuz und quer hatten sie zu gehen.

Professor Davies wählte mit einer Sicherheit jene Gänge aus, als wäre er hier unten aufgewachsen, zumindest aber schon mehrmals hier gewesen. Das war jedoch nicht der Fall. Er verließ sich nur blind auf seinen Plan.

Je tiefer sie in dieses Stollen und Ganglabyrinth hinein drangen, desto kälter wurde es. Sie fröstelten.

Plötzlich schienen die Hexen ihr Eindringen bemerkt zu haben.

Ein wildes Geheul flog auf sie zu. Ein gewaltiger Sturm hob an, blies ihnen durch den dunklen Gang entgegen und wollte sie an ihren Ausgangspunkt zurückdrängen. Keuchend kämpften sich die beiden Männer Schritt für Schritt vorwärts, indem sie sich angestrengt gegen den gewaltigen Sturm lehnten.

Dann begann die Erde unter ihren Füßen zu beben.

Ein Jaulen bearbeitete schmerzhaft ihre Trommelfelle. Schwefelgestank flog ihnen entgegen. Sie wankten und taumelten hin und her. Das Beben nahm kein Ende, wurde heftiger, rüttelte sie und das ganze Ganglabyrinth fürchterlich durch. Es war zu befürchten, dass die Gänge diese schrecklichen Erschütterungen nicht aushielten, einstürzten.

Es krachte. Die Wände bekamen tiefe Risse. Ein heißer Brodem stieg den beiden Männern aus den schwarzen Rissen entgegen und drohte ihre Lungen zu vergiften.

»Weiter, Professor!«, schrie Tony Ballard aufgeregt.

Nun machte sich doch das Alter von Edgar Davies bemerkbar. Er hatte nicht so viel Kraft, um gegen den Sturm anzukämpfen, die Dämpfe zu verkraften, die sich auf seine Lunge legten. Das Erdbeben wollte ihn umwerfen, schaffte es beinahe.

Tony sah ihn wanken. Ehe er umfiel, sprang Ballard zu ihm und stützte ihn. Er schleppte den erschöpften Mann weiter.

Der Gang begann sich auf eine unerklärliche Weise zu bewegen. Die Wände wurden trotz ihrer Härte geschmeidig. Sie wanden sich hin und her. Ein Vergleich drängte sich in Tony auf: Er glaubte, den riesigen Leib einer Schlange zu durchlaufen. Hin und her wand sich der Gang.

Edgar Davies hing schwer an Ballard.

Unter ihnen bewegte sich unaufhörlich der Boden in kräftigen Wellen und Stößen. Tony zerrte den Professor schnaufend weiter.

»Ich kann nicht mehr!«, stöhnte Davies hustend.

Aus den Rissen in den Wänden kamen immer mehr giftige heiße Dämpfe.

»Sie müssen mit mir kommen! Hier können Sie nicht bleiben, Professor.«

»Ich kann nicht mehr. Ich bekomme keine Luft. Ich... ersticke.«

Tony hob den Mann hoch, als er das Bewusstsein verlor. Er legte ihn sich über die Schulter und rannte den schaukelnden, schlingernden, sich windenden Gang entlang. Er fiel gegen die harten Wände.

Einmal links. Einmal rechts. Wie ein Spielball wurde er hin und her geworfen.

Davies war eine schwere Last. Die Dämpfe trieben Tony heiße Tränen in die Augen. Schweiß glänzte auf seiner Stirn.

Atemlos rannte er mit dem ohnmächtigen Professor weiter. Die Wände rückten immer mehr zusammen. Bald war der Zwischenraum so schmal, dass nur noch ein Mann hindurchschlüpfen konnte. Tony begann daran zu zweifeln, ob sie sich noch im richtigen Gang befanden.

Professor Davies kam ächzend zu sich.

Tony ließ ihn sachte von der Schulter gleiten.

»Was ist?«, fragte der alte Mann benommen.

»Geben Sie mir Ihren Plan.«

»Wie?«

»Den Plan! Ich muss den Plan haben, Professor!«

»Den Plan?«

»Ja!«

»Ich... habe ihn nicht mehr. Ich... habe ihn verloren!«

Tony Ballard erschrak.

»Auch das noch.«

Die Dämpfe quälten ihn und den Professor. Sie wollten sie ersticken.

»Können Sie aufstehen, Professor?«

»Nein. Ich kann mich kaum noch... bei Bewusstsein halten«, krächzte der alte Mann.

»Sie müssen durchhalten!«, schrie ihn Tony aufgeregt an.

»Ich kann nicht...«

»Sie müssen! Wir sind bei einem schmalen Spalt angelangt, Professor. Wir können hier nur einzeln durchkriechen. Wenn wir die Engstelle passiert haben, trage ich Sie wieder, okay?«

»Gehen Sie allein weiter, Inspektor. Lassen Sie mich hier!«

»Kommt nicht in Frage.«

»Ich bin zu schwach...«

»Wenn Sie hier bleiben, bedeutet das Ihren sicheren Tod!«

»Ich bin alt...«

»Kommen Sie! Fangen Sie bloß nicht an, sich zu bemitleiden. Sie können doch jetzt nicht aufgeben! So kurz vor dem Ziel!«

Tony redete aufgeregt auf Davies ein.

Er musste schreien, denn ein wahnsinniges Dröhnen erfüllte den Gang. Endlich hatte er den Professor so weit. Tony kroch als Erster durch den engen Spalt.

Zehn Meter weit musste er kriechen.

Dann wurde der Gang wieder breiter.

»Nun Sie, Professor!«, schrie Tony Ballard zurück.

Er sah Edgar Davies. Der alte Mann kroch auf allen vieren zwischen den eng stehenden Mauern hindurch. Als er die Hälfte des beschwerlichen Weges zurückgelegt hatte, passierte etwas, das Tonys Herz beinahe zum Stillstand brachte.

Die Mauern pressten sich auf einmal eng zusammen. Das Gesicht des Professors wurde rot. Er stieß einen grellen Schrei aus. Als der Schrei abriss, war er tot.

Die Mauern hatten den alten Mann erdrückt.

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Fassungslos starrte Tony Ballard auf den toten Begleiter. Nun war er allein.

Plötzlich begannen ihn furchtbare Zweifel zu quälen. Handelte er richtig?

Gnadenlos den Hexen ausgeliefert. War ein wahnwitziger Mensch wie er wirklich in der Lage, den allmächtigen Hexen etwas anhaben zu können?

Die Mauern, die sich auf Befehl der Hexen bewegt hatten, waren ein beredtes Zeugnis von ihrer grenzenlosen Macht.

Konnte ein Mensch diese Macht brechen?

Das Heulen verstummte. Der Sturm flaute ab. Stille folgte. Sie war weit unheimlicher als der dröhnende Lärm vorhin.

Unentschlossen stand Tony Ballard da. Allein. Nun konnte er mit keiner Hilfe mehr rechnen. Der Plan des Professors war verloren gegangen. Das konnte unter Umständen zur Folge haben, dass sich Tony in diesem Gewirr von Gängen verirrte und langsam zugrunde ging.

Ein fürchterlicher Schrei ließ das Blut in seinen Adern gerinnen. Aus seinen Gedanken gerissen, schnellte er herum. Ein Mädchen schrie. Ein Mädchen! Vicky!

Wahrscheinlich Vicky. Der Schrei war so schrill, dass man ihn nicht ohne weiteres identifizieren konnte. Doch Tony fühlte, dass nur Vicky diesen gequälten Schrei ausgestoßen haben konnte.

Mit weiten Sätzen rannte er durch den Gang. Der Boden hatte sich beruhigt, bebte nicht mehr.

Immer lauter, immer furchtbarer, immer schriller wurden die Schreie des Mädchens. Keuchend hetzte Tony Ballard durch den finsteren Gang.

»Vicky!«, brüllte er entsetzt. »Vicky!«

Er stieß sich an Mauervorsprüngen, stolperte über Bodenunebenheiten, strauchelte, fiel hin, rappelte sich wieder hoch, hetzte weiter.

»Vicky!«, schrie er.

Alles war ihm egal. Sollten ihn die Hexen vernichten. Es machte ihm nichts aus, wenn er Vickys Leben damit retten konnte.

Seine Lungen brannten, als hätte man flüssiges Blei hineingegossen. Der Sturmlauf kostete ihn unendlich viel Kraft. Wild hetzte er durch den finsteren Gang, der allmählich breiter wurde. Auch heller wurde er.

Vickys Verzweiflungsschreie wurden immer lauter, immer gellender.

»Vicky!«, brüllte er erneut.

Mehrere Gänge taten sich vor ihm auf.

Welchen sollte er wählen? Unschlüssig stand er vor den hohen Öffnungen. Er keuchte und hustete. Vickys schreckliche Schreie schienen aus allen Gängen zu gellen.

Tony hielt das nicht länger aus. Er rannte einfach weiter. Es musste der richtige Gang sein, den er gewählt hatte.

Er musste es einfach sein.

Erschöpft und mit weichen Knien wankte er dem Ende des Ganges entgegen.

Zähneknirschend sprang er in den großen, hohen unterirdischen Raum hinein.

Er sah Vicky. Sie war nackt, hing an einem Eisenring, wand sich, ihr Körper bäumte sich in wilder Verzweiflung auf.

Er war blutüberströmt.

»Vicky!«, schrie Tony entsetzt, als er die schweren Verletzungen sah, die ihr die grauenvollen Bestien zugefügt hatten.

Stöhnend fiel das gepeinigte Mädchen in diesem schrecklichen Moment in Ohnmacht.

Die Monster ließen von ihr ab und wandten sich dem neuen Opfer zu.

Tony riss seine Waffe aus der Schulterhalfter. Er hatte sie weggesteckt, als er zwischen den Mauern hindurch gekrochen war.

Die Bestien hatten ihn erwartet.

Es war ekelerregend und abscheulich, wie sie nach Verwesung stanken. Sie hatten ihn erwartet, denn nun war die Stunde seines Todes gekommen...

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»Ich weiß leider nicht, wo sich Inspektor Ballard zurzeit aufhält!«, sagte Sergeant Goody ärgerlich am Telefon.

»Nein, Madam. Zu Hause ist er nicht, da habe ich schon angerufen. - Wie? - Nein - ich kann wirklich nichts tun. - Schön - Ihre Kühe geben Blut statt Milch. Aber was soll ich dagegen tun? Dafür ist doch nicht die Polizei zuständig, Madam. Rufen Sie den Tierarzt. Vielleicht kann der Ihren Tieren helfen. - War schon da? Was sagt er? - Verhext sollen die Tiere sein? Da kann ich Ihnen erst recht nicht helfen. Tut mir leid.«

Der Sergeant legte seufzend auf.

Die Leute im Dorf begannen allmählich durchzudrehen. Hysterische Anrufe wie diesen gab es in den letzten Tagen leider mehr als genug.

Ein Polizeibeamter trat ein.

Goody hob den Kopf.

»Hast du eine Ahnung, wo Inspektor Ballard steckt?«, fragte er den Eintretenden.

Der Mann zuckte die Achseln.

Goody schüttelte besorgt den Kopf.

»Das gibt es doch nicht. Er kann doch nicht einfach vom Erdboden verschluckt worden sein.«

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Tony Ballard hatte den Lebensstein der Hexen sofort erblickt. Der Stein war nicht zu übersehen. Milchig leuchtete er.

Und sein Glühen war nur mit Menschenblut zu löschen, das wusste Tony.

Er war bereit, sein Blut dafür zu opfern. Aber erst musste er zu diesem Stein gelangen.

Das war alles andere als leicht, denn zwischen ihm und dem Stein standen die abscheulichen Monster, in die sich die grausamen Hexen verwandelt hatten.

»Seht, wer gekommen ist!«, schrie einer der Vampire und leckte sich gierig über die dolchartigen Eckzähne, während die blutleeren Lippen vor Begierde zuckten.

»Anthony Ballard!«, klang ein spöttisches Gelächter auf. »Er ist gekommen, um sich von uns töten zu lassen. Er konnte es nicht erwarten! Komm näher, Nachfahre des Henkers. Komm her, Anthony Ballard!«

Sie kicherten und kreischten vor Vergnügen. Sie verwandelten sich ununterbrochen in neue schreckliche Gestalten.

Schließlich wurden sie zu sieben piepsenden, pfeifenden, umherspringenden Ratten.

Aber sie griffen ihn nicht an. Noch nicht!

Das Fell der Ratten sträubte sich. Sie wuchsen, wurden größer, richteten sich auf, wurden zu Menschen, zu sieben bildhübschen Mädchen, deren grausamer Mund ein vielkehliges Lachen ausstieß.

Zitternd starrte Tony Ballard sie an.

Wie lächerlich war dagegen das, wozu er imstande war. Er hatte nur seinen Mut und seine grenzenlose Liebe zu Vicky.

Vicky!

Er schaute verzweifelt zu dem ohnmächtigen Mädchen hin.

»Was habt ihr Bestien mit ihr gemacht?«

»Wir haben uns mit ihr vergnügt.«

»Ihr habt sie schwer verletzt!«

»Das macht doch nichts!«

»Sie wird sterben!«

»Ja!«, schrien die Hexen begeistert.

»Ja, das wird sie. Aber erst nach dir. Zuerst werden wir dich vernichten, Anthony Ballard. Und in hundert Jahren werden wir wieder in dieses Dorf kommen, um zu morden, zu quälen, zu vernichten. Und es wird gewiss auch wieder einen Ballard geben...«

»Ihr irrt euch!«, schrie Tony mit schweißüberströmtem Gesicht. »Ich bin der letzte Ballard in diesem Dorf!«

»Umso besser!«, lachten die Hexen.

»Trotzdem werden wir in hundert Jahren wiederkommen, denn wir haben diesem verfluchten Dorf eine Rechnung zu präsentieren, die niemals beglichen werden kann!«

Langsam kamen die sieben Hexen auf Tony zu.

Er wich mit hämmerndem Herzen und zitternden Knien vor ihnen zurück, hob die Waffe.

»Seht nur!«, rief eine der Hexen. »Er will uns erschießen.«

Die anderen begannen schallend zu lachen.

Sie starrten ihn feindselig an. Ihre langen Krallen begannen zu glühen.

Schaudernd erinnerte sich Tony Ballard an den Spießrutenlauf. Furchtbare Qualen waren das gewesen. Doch all diese körperlichen Qualen waren nichts gegen die Pein, die er jetzt zu ertragen hatte, wenn er Vicky ansah.

Er konnte kaum hinsehen.

Verzweiflung und Bestürzung drohten ihn umzubringen. Ein glühender Hass schmerzte ihn in seinen Eingeweiden.

Vickys Anblick verlieh ihm neue Kraft und einen unbändigen Siegeswillen. Er musste es schaffen, die sieben Hexen zu vernichten. Er musste es um Vickys willen schaffen.

»Das Spiel ist aus, Anthony Ballard!«, fauchten die grausamen Hexen.

Tony schielte zu dem milchig schimmernden Stein hinüber. Wie sollte er ihn erreichen?

»Unter unsäglichen Qualen wirst du sterben, Anthony Ballard.«

Bis zur Wand war Tony zurückgewichen. Nun musste er stehen bleiben und der drohenden Gefahr ins Auge sehen.

Die Hexen zischten und fauchten. Plötzlich saßen sie auf ihren glühenden Besen und flogen durch den Raum. Sie wirbelten wild durcheinander, ohne in der Luft zusammenzustoßen. Und sie schrien, kreischten und lachten gellend. Sie tobten und boten Tony Ballard scheinbar eine Chance, an ihren Stein heranzukommen.

Blitzschnell stieß er sich von der Wand ab.

Er rannte auf den Altar zu, wollte den leuchtenden Stein in der goldenen Schale erreichen. Da sausten die brüllenden, schreienden Hexen auf ihn herab. Sie droschen mit ihren glühenden Besen auf ihn ein, schlugen ihn brutal nieder.

Ächzend richtete er sich auf. Da versuchte ihm eine der Bestien mit ihren langen Krallen die Augen auszukratzen.

Waagerecht kam sie durch die Luft auf ihn zugeflogen. Die Krallen weit nach vorn gestreckt.

Tony handelte sofort.

Er riss die Pistole hoch und drückte ab.

Er war ein guter Schütze. Trotz der Eile hatte er sein Ziel nicht verfehlt.

Die geweihte Silberkugel klatschte in die Stirn der Hexe. Schwarzer Rauch stieg aus dem gestanzten Loch.

Die Hexe überschlug sich jaulend und krachte hart auf den Boden, wo sie liegen blieb.

Tonys Herz schlug vor Freude einen Salto. Waren die Hexen mit den Silberkugeln doch zu töten?

Erneut riss er die Waffe hoch. Wütend verzerrten die Hexen die Gesichter.

Schreckliche Laute stießen sie aus. Tony drückte zum zweiten Mal ab. Die Detonation zitterte ohrenbetäubend durch den Raum. Die zweite Hexe brach mit einem Herzschuss zusammen. Ihr glühender Besen zerfloss auf dem Boden und war in der nächsten Sekunde nicht mehr zu sehen.

»Du kannst uns nicht töten, Anthony Ballard! Niemand kann das!«, schrien die Hexen.

Tony glaubte ihnen nicht. Seine Pistole zeigte genau auf den Kopf der dritten Hexe. Sie fauchte. Er drückte ab. Sie flog gegen die Wand und brach jäh zusammen.

»Du machst deine Lage dadurch nur noch wesentlich schlimmer!«, schrien die vier Hexen, die noch standen.

»Ihr könnt mich nur einmal töten!«, schrie Tony Ballard zurück.

»Irrtum! Wir können dich so töten, dass du tausend Tode stirbst!«

Ballard visierte eiskalt die nächste Hexe an. Er zielte genau zwischen ihre schönen flammenden Augen.

Schuss Nummer vier hämmerte los.

Mit einem entsetzlichen Gekreische überschlug sich die Hexe. Als befände sich Tony Ballard auf einem makabren Schießstand, so schoss er eine Hexe nach der anderen nieder. Dann steckte er mit pochendem Herzen die Pistole weg. Er konnte nicht wirklich glauben, dass er es geschafft hatte.

Alle sieben Hexen lagen auf dem Boden. Schwarzer Rauch stieg aus den Löchern, die die Kugeln in ihre Körper, beziehungsweise in ihre Köpfe gerissen hatten. Dieser Rauch formte sich zu einer dicken Wolke, die aus fettem Ruß zu bestehen schien.

Tony beachtete die Wolke nicht.

Der Weg zum Lebensstein der Hexen war für ihn nun frei. Das zählte. Er hatte nur Augen dafür. Wild wuchtete er vorwärts.

Der Rauch flog auf ihn zu, wurde zu einem riesenhaften menschlichen Gebilde, bekam Arme und Beine, bekam ein Maul, stürzte sich im gleichen Moment mit einem wahnsinnigen Gebrüll auf ihn.

Tony schnellte entsetzt zur Seite.

Das abscheuliche Gebilde aus schwarzem Rauch flog ihm nach, fasste nach ihm. Er spürte einen gewaltigen Druck an seiner Kehle und schlug entsetzt um sich. Doch seine Fäuste schlugen durch die schwarze Wolke hindurch.

Er röchelte.

Eine wahnsinnige Atemnot ließ ihn wanken, raubte ihm das Stehvermögen, zwang ihn in die Knie. Die Wolke warf sich ihm entgegen, riss ihn nieder. Er spürte einen gewaltigen Druck auf seiner Brust, so als ob zehn Nachtmahre auf ihm sitzen würden.

Ein schreckliches Brausen entstand in seinem Kopf. Er drohte den Verstand zu verlieren - und das Bewusstsein.

Verzweifelt holte er nochmals die Pistole aus der Schulterhalfter. Sie war seine letzte Hoffnung. Schweiß glitzerte auf seiner Stirn. Das Brausen in seinem Kopf wurde unerträglich. Röchelnd richtete er die Waffe auf die Wolke. Es war verrückt, was er tat, aber er versuchte es trotzdem. Zitternd suchte sein Finger den Abzug.

Verbissen kämpfte er um sein Leben, das nur noch an einem seidenen Faden hing.

Acht Silberkugeln hatten sich in der Pistole befunden. Sieben Kugeln hatte er benötigt, um die sieben Hexen niederzustrecken. Eine Kugel war also noch in der Waffe.

Verzweifelt drückte Tony Ballard ab.

Er hörte den Knall kaum, so nahe war er der furchtbaren Ohnmacht schon.

Ein unheimliches Brüllen ließ den Raum erbeben. Die schwarze Wolke fiel in sich zusammen. Kein Druck mehr auf Tonys Brust. Kein Würgegriff mehr an seiner Kehle. Er war gerettet - schien es.

Mühsam richtete er sich auf. Wankend stand er da und starrte auf die leblos zu seinen Füßen liegenden Hexen.

Hastig griff er in die Tasche und holte ein Springmesser hervor. Klickend schnappte die lange, schlanke Klinge auf. Er wandte sich dem Lebensstein der Hexen zu.

Nun musste er es tun.

»Vorsicht, Tony!«, hörte er plötzlich Vickys Stimme. Sie war zu sich gekommen und hatte gesehen, wie sich eine der Hexen erhob und an Ballard heranschlich.

Er wirbelte entsetzt herum.

Die Hexe stieß ein gellendes Gelächter aus.

»Wir haben dir gesagt, dass du uns nicht töten kannst, Anthony Ballard!«

Sie stürzte sich auf ihn.

Er rammte ihr das Messer tief in die Brust. Schwarzes Blut quoll aus der Wunde. Ein Tropfen davon geriet auf seine Hand und verätzte seine Haut.

Die Hexe versetzte ihm einen wilden Stoß. Er ließ sein Messer nicht los, riss es ihr aus der Brust, und die Wunde schloss sich sofort wieder.

Nun schlug sie mit ihren Krallen nach ihm. Er duckte nach unten weg. Ihr Hieb fegte über seinen Kopf hinweg. Von unten stieß er nach ihrem Bauch. Das Messer schlitzte ihr Kleid auf. Sie fletschte die blitzweißen Zähne und riss ihm mit ihren mörderischen Krallen tiefe Wunden in den rechten Oberarm.

Ein heiserer Schmerzensschrei entrang sich seiner Kehle.

Die anderen Hexen kamen zu sich. Die Verletzungen, die ihnen die Silberkugeln zugefügt hatten, waren nicht mehr vorhanden.

Kreischend kamen sie in wilder Hast auf Tony Ballard zugeflogen. Er wich entsetzt zurück, wehrte ihre gewaltigen Hiebe ab, schleuderte die angreifenden Satansbräute immer wieder von sich, wurde von ihnen aber unaufhörlich zurückgetrieben.

Da stieß er mit der Hüfte gegen den Altar.

Der glühende Stein der Hexen befand sich unmittelbar hinter ihm. Das war die Chance, auf die er gewartet hatte.

Tony reagierte augenblicklich.

Blitzschnell ließ er die Klinge seines Messers über seine Handfläche fetzen. Ein glühender Schmerz durchfuhr seinen Arm. Blut quoll sofort aus der tiefen Schnittwunde. Tony warf sich in rasender Eile auf den leuchtenden Stein. Als seine Hand den Stein berührte, fuhr ihm eine eisige Kälte in die Glieder. Schlagartig war sein Körper so kalt, dass er erstarrte.

Es zischte und brodelte unter der Hand, die er verbissen auf den Stein presste.

Die Hexen stimmten ein klagendes Geheul an. Sie vermochten ihn nicht mehr anzugreifen. Sie wichen vor ihm zurück, schrien entsetzt durcheinander, verwandelten sich in Grauen erregender Folge in furchtbare Schauergestalten, drängten sich immer dichter aneinander, zitterten und schrien gellend.

Da war plötzlich ein wahnsinniges Dröhnen zu hören.

Die Hexen fielen verzweifelt und mit angstverzerrten Gesichtern auf die Knie.

Sie wurden von einer unsichtbaren Faust hochgerissen und in der Luft durcheinander gewirbelt.

Sie stießen unbeschreibliche Laute aus. Und sie schmolzen mehr und mehr zu einer großen, kreischende Laute ausstoßenden Kugel zusammen.

Immer stärker wuchsen und schmolzen ihre Körper zusammen, bis sie nichts mehr von menschlichen Gestalten an sich hatten.

Und plötzlich sausten sie raketengleich nach oben. Die mächtige Kugel durchstieß die Decke des unterirdischen Raumes. Gestein prasselte herab. Erdreich donnerte herunter. Ein blauer Himmel wurde sichtbar. Sonnenlicht flutete in den Raum, in dem sich all diese schrecklichen Dinge abgespielt hatten.

Die Kugel flog dem azurblauen Himmel entgegen und entschwand schon sehr bald Tony Ballards Augen.

Die eisige Starre löste sich von ihm. Er nahm die Hand von dem Stein, der nicht mehr glühte und auch nicht mehr weiß, sondern schwarz war.

Erstaunt stellte er fest, dass seine Handfläche keine Schnittwunde aufwies. Auch die anderen Verletzungen, die ihm die Hexen zugefügt hatten, waren nicht mehr zu sehen und - zum ersten Mal - auch nicht zu spüren. Frisch, erlöst und frei fühlte sich Tony Ballard.

Besorgt wandte er sich nach Vicky um.

Sie hing immer noch nackt an dem eisernen Ring. An Armen und Beinen gefesselt. Aber unverletzt - auch sie.

Hastig lief er zu ihr, um sie zu befreien.

Weinend vor Glück fiel sie ihm um den Hals, schluchzte laut und war nicht zu beruhigen.

Er streichelte sanft über ihre samtene Haut.

»Nicht weinen, Darling. Nicht. Es ist ja überstanden.«

»Ich weine doch vor Freude, du Dummkopf!«, erwiderte sie lachend und schluchzend zugleich.

Tony grinste breit und blinzelte.

»Da soll sich einer bei euch Frauen auskennen.«

––––––––

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ENDE

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Frisches Blut für den Vampir

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(Deutsche Erstveröffentlichung als Gespenster-Krimi Band 53 - 17. September 1974)

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Tiffany Hepburn schrie gellend um Hilfe, als sie den schlanken, hoch gewachsenen Mann auf sich zukommen sah. Sein Gesicht war schmal und totenbleich. Sein Mund war hart und zeigte einen grausamen, gnadenlosen Ausdruck. Als sich die schmalen Lippen nun auftaten, wurden lange, dolchartige Zähne sichtbar. Die Zähne eines Blutsaugers. Der Unheimliche war ein Vampir! Mit geschmeidigen Bewegungen näherte er sich seinem Opfer. Seine Augen schienen zu glühen. Rote Adern schraffierten die Augäpfel und verliehen ihnen dadurch ein grausames Aussehen. Als der Vampir die schreiende Frau fast erreicht hatte, öffnete sich der gierige Mund mit den blutleeren Lippen vollends. Wie gelähmt starrte Tiffany Hepburn auf die schrecklichen Zähne, die ihr den Tod bringen sollten. Erneut gellte ihr wahnsinniger Angstschrei durch das Haus, in dessen geräumiger Halle sie sich befand. Der nächste Schritt des Vampirs musste ihr das Verderben bringen.

Seine schrecklichen Augen zwangen ihren verzweifelten Widerstand nieder. Halb ohnmächtig vor Angst erwartete sie das grauenvolle Ende. Da hörte der Vampir plötzlich ein Geräusch.

Mit einem gereizten Fauchlaut wirbelte er herum.

Seine langen Zähne glänzten im Licht des kristallenen Kronleuchters. Mit granithartem Gesicht stand Tiffany Hepburns Mann Deimer dem Vampir gegenüber. Seine beiden Hände umklammerten ein blitzendes Sarazenenschwert, das er bereits zum gewaltigen Schlag erhoben hatte.

Als sich der Vampir nun blitzschnell auf ihn stürzen wollte, schlug Delmer Hepburn mit aller ihm zur Verfügung stehenden Kraft zu. Waagerecht fegte das schlanke Schwert mit der scharfen Klinge durch die Luft. Fast mühelos trennte er den Kopf vom Rumpf des Vampirs... Das war vor zweihundert Jahren geschehen. Tiffany Hepburn und ihr Mann Delmer lebten schon lange nicht mehr. Aber der Vampir - der war immer noch nicht tot...

Grelle Blitze zuckten auf, zerfetzten sie schwarze Nacht, machten sie für Bruchteile von Sekunden zum Tag. Leise, unheimliche Donner rollten in weiter Ferne. Ein schweres Gewitter tobte weitab vom Schloss, welches man vor siebzig Jahren in ein modernes Internat umgebaut hatte.

Hier gingen Kinder reicher Eltern zur Schule. Die Lehrkräfte waren nach peinlich genau festgelegten moralischen Richtlinien ausgesucht worden, man achtete in diesem Internat in erster Linie auf Zucht und Ordnung. Die Lehrfächer kamen erst an zweiter Stelle.

Es war die Stunde vor Mitternacht.

Der weit weg niedergehende Regen kam mit einem feuchten Lufthauch herüber, den der aufkommende Wind mitbrachte.

Jene Schüler, die noch wach im Bett lagen, krochen unter ihre Decke. Manche von ihnen falteten die Hände zum Gebet, um Unheil von sich zu halten.

Ein peinlich gepflegter Garten lag um das uralte Gemäuer des Schlosses.

Die großen, dickstämmigen und weit ausladenden Eichen waren stumme Zeugen einer Vergangenheit, an die man sich im nahe gelegenen Dorf nicht gern erinnerte.

Zwei Männer standen unter einer solchen Eiche. Sie standen unbeweglich da und blickten zum Schloss.

»Klatschnass werden wir noch«, flüsterte Cliff Dickinson zu Bob Kelly. »Du wirst sehen.«

»Ach, halt doch die Klappe, Cliff. Was macht das schon, wenn wir ein bisschen nass werden.«

»Wir werden nass bis auf die Haut, sag ich dir. Wenn das Gewitter hierher kommt...«

»Lass mich doch mit deinem dämlichen Gewitter zufrieden«, fauchte Kelly ärgerlich. Er war groß, und seine Lippen waren wulstig, das Kinn war ausladend und wies den Mann als äußerst energisch aus. Seine Hände waren groß, die Finger dick. Bestimmt war er in der Lage, jemanden mit einer einzigen Hand zu erwürgen.

Dickinson war ein wenig schmaler als Kelly. Er war auch nicht ganz so groß. Sein Gesicht wies eingefallene Wangen auf, die Backenknochen waren hoch angesetzt, wodurch die Augen in tiefen Höhlen ruhen mussten. Brandrotes Haar wucherte auf seinem Schädel. Es war widerspenstig und ließ sich kaum bändigen.

Nun strich Dickinson sich über die struppige Frisur.

Kelly grinste.

»Ich kann dir sagen, was mit dir los ist.«

»Was denn?«

»Du hast Angst, mein Guter.«

»Ich?«, zischte Dickinson entrüstet. »Ich soll Angst haben? Wovor denn? Vor wem denn?«

»Mach mir doch nichts vor, Junge. Ich sehe es dir an. Du würdest am liebsten umkehren.«

»Quatsch. Umkehren ist bei mir nicht drin.«

»Okay. Dann komm.«

»Mir geht es nur um das Gewitter. Ich hasse es, total durchnässt zu sein.«

Kelly fuhr herum und packte den Freund an den Rockaufschlägen. Er schüttelte ihn mehrmals zornig.

»Jetzt hör mir mal zu, du Feigling. Es war abgemacht, dass wir im Schloss einbrechen und uns das Geld aus dem Safe holen, das für die morgige Auszahlung an die Lehrer da bereitliegt. Außerdem soll da noch ein bisschen Geld herumliegen, das von den wohlhabenden Eltern gespendet worden ist. Wir haben gesagt, dass wir uns die Piepen holen. Und wir werden sie uns jetzt holen. Da gibt es kein Kneifen, verstanden? Du kommst mit mir. Und wenn wir nass werden, dann passiert es eben. Daran ist noch keiner zugrunde gegangen. Schließlich bist du ja nicht aus Zucker, oder?«

Dickinson funkelte den Freund ärgerlich an.

»Lass mich los, Bob. Lass mich sofort los, sonst...«

»Was sonst?«

Dickinson stieß die Luft pfeifend aus.

»Herrgott, müssen wir uns ausgerechnet jetzt streiten? Was ist denn bloß los mit uns?«

Kellys Arme fielen herab.

»Du hast Recht. Einen idiotischeren Zeitpunkt hätten wir uns dafür wirklich nicht aussuchen können.«

Die Blitze zuckten nun in kürzerer Folge auf. Die Donner grollten lauter. Das Gewitter kam langsam näher.

»Was ist?«, fragte Bob Kelly ungeduldig. »Gehen wir weiter?«

Dickinson blickte nach der unheimlichen, schwarz aufragenden Silhouette des Schlosses. Er presste die Lippen zusammen und nickte dann, während er mühsam bestrebt war, den dicken Kloß der Aufregung hinunterzuschlucken.

Geduckt liefen sie auf die hohe nackte Mauer des Schlosses zu. Dickinson trachtete, niemals mehr als einen Meter hinter Kelly zu bleiben. Er wollte er sich und dem Freund zwar nicht eingestehen, aber er hatte Angst vor dem Gewitter. Von Kindheit an quälte ihn diese Angst schon.

Sie huschten lautlos auf eine kleine Tür zu, hielten da atemlos an.

Kelly kramte in den tiefen Taschen seines Jacketts herum. Mit einem langen Sperrhaken schloss er die Tür innerhalb weniger Sekunden auf.

Die Tür knarrte schauderhaft, als Kelly sie aufdrückte.

»Verdammt!«, zischte der Einbrecher ärgerlich.

Da das Knarren aber mit einem Donner zusammengefallen war, brauchten sich die beiden Männer keine Sorgen zu machen, dass man dieses verräterische Geräusch im Internat gehört hatte.

»Komm weiter!«, raunte Kelly dem Freund zu.

Sie liefen über den Hof.

Aus einem Fenster fiel ein weißer Lichtfleck auf den erdigen Boden.

Hier wohnte Leonard Shatner, der Pförtner.

Kelly presste sich an die kalte Wand. Dickinson hielt keuchend hinter ihm an. Kelly wies mit dem Kopf nach dem erhellten Fenster und sagte grimmig: »Der Bucklige kann wiedermal nicht schlafen.«

»Hoffentlich merkt er nicht, dass wir da sind«, flüsterte Dickinson besorgt.

Kelly grinste.

»Wir müssen ja nicht unbedingt an sein Fenster klopfen, damit er auf uns aufmerksam wird.«

Sie huschten weiter.

Wieder trat der Sperrhaken in Aktion.

»Taschenlampe!«, verlangte Kelly dann.

Dickinson holte eine kleine Stablampe hervor und knipste sie vorsichtig an. Draußen nahm der Wind an Heftigkeit zu und rüttelte nun an den Fensterläden. Einige davon klapperten so laut, dass Dickinson befürchtete, der bucklige Pförtner könnte auf die Idee kommen, die klappernden Läden im Schloss zu suchen, um sie festzumachen, damit Schüler und Lehrer in ihrem Schlaf nicht gestört wurden.

Langsam leckte der dünne Lichtfinger über die Wände des hohen, großen Raumes.

Es war das Direktionszimmer. Hier stand der Safe, dem der Besuch der beiden Einbrecher galt.

An den Wänden hingen alte Stiche, Fotos vom Schloss, als es noch ein Schloss und kein Internat war. Hoch ragten die Bücherregale auf. Fachliteratur reihte sich hier an in teures Leder gebundene wertvolle Bücher aus früheren Tagen. Es gab einen Konferenztisch hier drinnen und dreizehn Stühle darum herum. Auf dem klobigen Schreibtisch stand eine Sprechanlage. Daneben befand sich ein grünes Telefon.

Hinter dem Schreibtisch stand der graue massive Safe.

Ein nervöses Grinsen huschte über Kellys Gesicht.

»Da drinnen liegt unser Geld, Cliff«, flüsterte er aufgeregt.

Dickinson nickte fröstelnd. Er fühlte sich nicht wohl hier drinnen.

Mochte der Teufel wissen, warum nicht.

Der Schein seiner Taschenlampe wischte über den Schreibtisch. Plötzlich wurde das Licht reflektiert. Der kleine Blitz ließ den ängstlichen Dickinson nervös zusammenfahren. Er hielt die Lampe ruhig, um erkennen zu können, wodurch dieser Widerschein hervorgerufen wurde.

Kelly war schon mal da gewesen. Dickinson jedoch nicht.

Das Glas einer schmalen, in das Bücherregal eingelassenen Vitrine hatte das Licht der Taschenlampe zurückgeworfen.

Dickinson ging neugierig darauf zu.

Eine faustgroße Kugel befand sich in dieser gläsernen Vitrine.

Eine Kugel?

Als Dickinson näher kam, fuhr ihm ein kalter Schreck in die Glieder. Die Kugel entpuppte sich als Schrumpfkopf. Es war das Gesicht eines Mannes. Unzählige Runzeln verunzierten es. Die Augen waren geschlossen. Der Mund wies hart zusammengepresste Lippen auf. Das schwarze Haar klebte dicht um den kleinen Kopf, der in Dickinson ein unheimliches Gefühl weckte. Obwohl kein Leben in diesem Schädel war, war der Ausdruck dieser ledernen, faltigen Züge grausam, Furcht erregend.

»Christopher Hood«, stand auf einem Messingschildchen, das sich unter der Vitrine befand.

Gelähmt starrte Dickinson den unheimlichen Schädel an, der tot war, gleichzeitig aber auf irgendeine seltsame, unerklärliche Weise zu leben schien. Je länger Dickinson den gespenstischen Schrumpfkopf anstarrte, desto mulmiger wurde ihm.

Kelly bemerkte erst jetzt die Lähmung des Freundes.

Schnell trat er zu ihm.

»Was ist denn mit dir?«

»Sieh dir diesen Schädel an, Bob.«

»Was ist damit?«

»Mir wird ganz anders, wenn ich ihn betrachte. Geht es dir nicht ebenso?«

»Hast du noch nie einen Schrumpfkopf gesehen?«

»Noch nie in natura. Meinst du, dass er echt ist?«

»Wahrscheinlich nicht.«

»Aber es steht doch ein Name darunter.«

»Na, wennschon. Bist du hierhergekommen, um so einen dämlichen Schrumpfkopf zu klauen? Oder willst du dir lieber das Geld der Lehrer holen?«

Es gelang Dickinson nur mit Mühe, sich dem seltsamen Einfluss des leblosen Kopfes zu entziehen. Als der Bann endlich gebrochen war, atmete Dickinson erleichtert auf.

Während er Kelly mit der kleinen Taschenlampe leuchtete, widmete sich dieser der veralteten Zahlenkombination am Safe. Es war nicht der erste Safe, den Kelly auf diese Weise öffnete. Es war ein verhältnismäßig leichtes Arbeiten hier auf dem Land.

Niemand wollte Geld für neue, einbruchssichere Geldschränke ausgeben. Niemand war bereit, eine Warnanlage zu kaufen. Die alten Safes ohne Warnsystem mussten einfach genügen.

Bob Kelly presste ein Ohr an das kalte Metall und arbeitete genau fünfzehn Minuten. Die Konzentration hatte ihm kleine Schweißtröpfchen auf die Stirn getrieben. Als er nun vom Safe zurücktrat, wischte er sich als Erstes den Schweiß ab.

Dann nickte er seinem Freund zu.

»Geschafft.«

Die Richtigkeit dieser Äußerung bewies er, indem er nach dem Griff des Safes langte und die schwere Tür mit einem schnellen Ruck öffnete.

Fein säuberlich lagen die Banknotenbündel aufgestapelt.

Kelly stürzte sich mit unverhohlener Gier darauf. Den ganzen Schrank räumte er aus. Alles stopfte er in seine tiefen Taschen. Als Letztes öffnete er eine dunkelrote Samtschatulle, in der sich zwölf Goldmünzen befanden. Er kippte die Schatulle um. Die Münzen klimperten in seine hohle Hand, und gleich darauf klimperten sie in seine Tasche.

»Fertig«, sagte er lachend.

»Gehen wir?«, fragte Cliff Dickinson, sichtlich erleichtert.

»Klar. Ich hab schließlich keine Verwandten hier.«

Sie wandten sich um.

Da flammte plötzlich das Deckenlicht auf.

Dickinson erschrak so sehr, dass ihm beinahe die Taschenlampe aus der Hand gefallen wäre.

Mit wütenden, blutunterlaufenen Augen stand der Pförtner in der Tür. Seine Hand umklammerte eine kleine Gaspistole.

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»Hände hoch!«, knurrte der Bucklige. Er trug einen gestreiften Pyjama und einen dicken Morgenrock darüber.

Sein Gesicht war rund, das Kinn schwammig, er hatte Hängebacken und einen fetten Bauch.

Dickinson hob sofort die Arme.

Kelly folgte dem Beispiel des Freundes zögernd. In seinem Kopf überschlugen sich in diesem Augenblick die Gedanken. Es war eine verdammte Situation. Aber es musste irgendeinen Ausweg geben.

Shatner durfte nicht Alarm schlagen, denn wenn die Zahnräder dieses Getriebes erst mal liefen, wurden sie davon unweigerlich erfasst und zermalmt.

Nein, Shatner durfte nicht Alarm schlagen. Sie mussten ihn daran hindern. Ganz egal, wie.

Der Bucklige kam mit schleifenden Schritten auf sie zu.

Kelly spannte die Muskeln.

Komm näher, dachte er mit vibrierenden Nerven. Komm nur! Komm näher!

Shatner glaubte, den Einbrechern mit seiner Gaspistole gehörig Angst zu machen. Bei Dickinson konnte er die Wirkung erkennen. Kelly starrte ihm mit zusammengekniffenen Augen entgegen.

Vor dem klobigen Schreibtisch blieb der bucklige Pförtner nun stehen.

»Was habt ihr gestohlen?«, fragte er mit seiner knurrenden Stimme.

Die Einbrecher schwiegen.

»Das Geld, nicht wahr?«

Dickinson nickte.

»Ja. Das Geld.«

»Wer von euch beiden hat es?«

»Er«, sagte Dickinson.

»Idiot!«, fauchte Kelly wütend.

»Her damit!«, knurrte Leonard Shatner. »Du legst das gestohlene Geld augenblicklich auf diesen Tisch.« Er zeigte auf den Schreibtisch. »Wird's bald?«

»Hören Sie, wenn wir das Geld zurückgegeben haben, lassen Sie uns dann laufen?«, ächzte Cliff Dickinson verzweifelt. Sein Gesicht war rot, die Lippen bebten, und an seiner Schläfe tickte ununterbrochen ein Nerv.

»Erst will ich das Geld hier auf dem Tisch sehen!«, sagte der Bucklige.

Nervös trat Bob Kelly an den Schreibtisch. Langsam nahm er die Hände herunter, während sein Gesicht nach einer Lösung fieberte, die ihn aus dieser misslichen Situation herausboxte.

Bündel um Bündel legte er auf den Schreibtisch. Der Bucklige ließ ihn keinen Moment aus den Augen. Als alle Banknoten, die Kelly gestohlen hatte, auf dem Schreibtisch lagen, fragte Leonard Shatner misstrauisch: »Ist das alles?«

»Die Goldmünzen, Bob!«, sagte Dickinson heiser. »Gib ihm auch die Goldmünzen!«

Kelly warf dem Freund einen hasserfüllten Blick zu. Wie war er nur auf die irrsinnige Idee gekommen, mit diesem Feigling gemeinsame Sache zu machen.

Cliff hatte die Hosen voll, und er hätte von seinem Geld noch etwas dazugelegt, um hier ungeschoren davonzukommen.

Es blieb Kelly nichts anderes übrig, als auch die Goldmünzen herauszurücken.

»So!«, nickte der Pförtner mit kaltem Blick. »Und jetzt werden wir mal die Polizei informieren.«

Dickinson zuckte wie unter einem Peitschenhieb zusammen. Draußen donnerte es so heftig, dass das Schloss erbebte. Mit weinerlicher Miene jammerte Dickinson: »Wir haben das Geld doch zurückgegeben. Lassen Sie uns verduften. Wir werden so etwas nie wieder machen. Ehrlich nicht.«

»Hör doch auf zu flennen!«, zischte Kelly wütend. »Das ist ja zum Kotzen.«

»Ich will nicht eingesperrt werden.«

»Das hättest du dir früher überlegen sollen«, sagte der Pförtner hart. »Du hast mit dem da eingebrochen. Du hast dich somit strafbar gemacht. Ich werde nun dafür sorgen, dass ihr das bekommt, was euch zusteht.«

Shatner griff nach dem grünen Telefonhörer.

Einen Augenblick lang war er unachtsam. Mehr brauchte Bob Kelly nicht. Die ganze Zeit hatte er mit vibrierenden Nerven auf diesen kurzen Moment gewartet. Er nützte diese einzige Chance, die sich bestimmt nicht wiederholt hätte, geschickt und in Gedankenschnelle aus.

Shatner hatte ein einziges Mal die Scheibe gedreht. Da flankte Kelly über den Schreibtisch. Der Bucklige war sehr langsam. Seine Rechte zuckte mit der Gaspistole hoch.

Kelly prellte sie ihm mit einem gewaltigen Hieb aus der Hand. Gleichzeitig drosch er dem Mann seine Faust hart ans Kinn.

Die Pistole und der Telefonhörer fielen zu Boden. Shatner taumelte zurück. Kelly setzte nach. Shatner sprang ihn an und versuchte ihn keuchend niederzuringen.

»Tu doch was!«, schrie Kelly dem Komplizen mit gepresster Stimme zu. »Tu doch etwas, Cliff!«

Dickinson nahm jetzt erst die Arme herunter. Er lief um den Schreibtisch herum. Kelly und der bucklige Pförtner fielen um. Keuchend und schnaufend kugelten sie über den glatten Holzboden. Es war erstaunlich, über welche Kräfte der fette Pförtner verfügte. Kelly hatte große Mühe, den Kampf nicht zu verlieren.

»Hilf mir! Hilf mir doch!«, schrie sie Dickinson zu.

Polternd überschlugen sich die Männer mehrmals. Einmal war Kelly oben, dann wieder Shatner. Kelly drosch in das Gesicht des Pförtners, während der Bucklige seine Finger in den Hals des Einbrechers krallte.

Dickinson tänzelte nervös um die beiden herum. Er war unschlüssig und wusste nicht, wie er in das Geschehen eingreifen sollte. Am liebsten hätte er den Freund im Stich gelassen. Am liebsten wäre er auf und davon gerannt.

Nun war wieder Shatner oben.

Der Pförtner umschloss mit beiden Händen Kellys Kehle.

Kelly röchelte. Sein Gesicht war tiefrot.

Der bringt ihn um!, schrie es in Dickinson.

Diese erschreckende Erkenntnis veranlasste ihn, zu handeln. Verzweifelt wuchtete er vorwärts. Er krallte sich in die fleischigen Schultern des Pförtners, zerrte den Mann hoch, riss ihn förmlich von seinem Freund herunter.

Kelly japste gierig nach Luft.

Shatner wirbelte knurrend herum. Er ließ seine rechte Faust in Dickinsons ungedeckte Magengrube sausen. Ein wahnsinniger Schmerz durchraste den Einbrecher, und er knickte ächzend zusammen. Nun zog Shatner einen kraftvollen Schwinger hoch.

Cliff Dickinson musste den schweren Brocken voll schlucken. Der Hieb riss seinen Kopf nach hinten. Um die Balance zu halten, taumelte er zurück. Mit den Armen ruderte er Halt suchend herum.

Seine Rechte schlug gegen das Glas der Vitrine, in der sich jener Schrumpfkopf befand, der Dickinson zuvor so viel Angst gemacht hatte.

Das Glas barst mit einem hellen Klirren. Scherben klimperten zu Boden. Dickinson riss sich an den scharfen Glaskanten den Arm blutig.

Einige Tropfen Blut fielen auf das kleine, eingeschrumpfte hässliche Gesicht. Langsam rannen sie daran herunter und fingen sich in der schmalen Kerbe des zusammengepressten Mundes.

Mit einem erschrockenen Fluch riss Dickinson den schmerzen Arm zurück.

Er achtete nicht auf den Schrumpfkopf, sondern verfolgte mit angespannten Nerven den weiteren Kampf zwischen Kelly und Shatner.

Dabei entging ihm etwas Ungeheuerliches.

Sobald das Blut in den Mund des Schrumpfkopfes gesickert war, öffneten sich ganz langsam die Augen des Kopfes, der eigentlich nicht mehr leben durfte. Kalt und starr war der finstere Blick auf Cliff Dickinson gerichtet. Der grausame Ausdruck in dem kleinen Gesicht verstärkte sich.

Doch niemand bemerkte es...

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Bob Kelly erwischte einen handlichen marmornen Briefbeschwerer. Leonard Shatner wollte ihm erneut an die Kehle fahren. Da schlug Kelly zu.

Cliff Dickinson stieß einen heiseren Schrei aus, als er das hässliche Geräusch hörte, das der Schlag hervorgerufen hatte.

Er fuhr sich entsetzt an die Lippen und starrte gebannt auf den Buckligen.

Der Pförtner glotzte Kelly mit glasigen Augen an. Der Schlag hatte ihn gelähmt. Es war erstaunlich, dass er sich noch auf den Beinen halten konnte.

Nun begann er wie ein Halm im Wind zu wanken. Kelly stand atemlos vor ihm. Er hielt immer noch den dicken Briefbeschwerer in der Hand, bereit, ein zweites Mal zuzuschlagen, wenn es erforderlich sein sollte.

Im Zeitlupentempo fasste sich der Bucklige an den Hinterkopf, an die Stelle, wo ihn der Briefbeschwerer getroffen hatte. Blut klebte an seinen Fingern, als er Kelly die Hand mit einer offensichtlich vorwurfsvollen Geste entgegenhielt.

Er wollte etwas sagen und öffnete den Mund. Doch es kam nur ein markerschütterndes Röcheln über seine aufgeworfenen Lippen.

Er machte einen unsicheren Schritt auf Kelly zu. Dieser riss sofort wieder den Briefbeschwerer hoch.

»Bob!«, schrie Dickinson erschrocken. »Nicht, Bob!«

Kelly schlug trotzdem zu.

Der Pförtner brach wie vom Blitz getroffen zusammen.

Sein dicker Körper krümmte sich auf dem Boden, entspannte sich dann, lag völlig still.

»Was hast du getan?«, schrie Dickinson verzweifelt. »Du hast ihn erschlagen!«

»Dreh doch nicht durch, du blöder Kerl.«

»Erschlagen hast du ihn!«

»Quatsch. Er ist bewusstlos.«

»Was tun wir jetzt?«

»Na, was schon? Abhauen natürlich!«, sagte Kelly und stopfte alles Geld, das er auf den Tisch gelegt hatte, wieder in seine Taschen. Auch die Goldmünzen nahm er wieder an sich. »Komm jetzt, Cliff!«, sagte er hastig, als er fertig war.

»Und was wird aus ihm?«, fragte Dickinson und wies erregt auf den Pförtner.

Kelly grinste dreckig.

»Da er keinen Wert hat, lassen wir ihn hier.«

»Er braucht dringend einen Arzt.«

»Verdammt, es ist keine Zeit, den edlen Samariter zu spielen.«

»Wenn er stirbt, hast du einen Mord an Hals, Bob!«

»Keine Sorge, Cliff. Diese Buckligen haben bekanntlich sieben Leben. Der Kerl ist bestimmt zäh wie eine Katze. Um den brauchst du dir keine Sorgen zu machen. Der kommt ganz bestimmt durch.«

Dickinson wollte etwas erwidern, doch Kelly hörte sich nicht mehr an, was er sagen wollte. Mit schnellen Schritten lief er durch den Raum. Die Angst trieb Dickinson hinter ihm her.

Ein stechender Blick verfolgte ihn. Es war der Blick des Vampirs...

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»Du liebst mich also!«, lachte Inspektor Tony Ballard.

Vicky Bonney nickte eifrig.

»Ich weiß, dass das verrückt ist. Aber uns englischen Mädchen sagt man ja im Allgemeinen nach, dass wir in der Beziehung einen leichten Dachschaden haben.«

»Das sagt man uns englischen Boys aber auch nach.«

»Dann passen wir beide ja wunderbar zusammen.«

»Finde ich auch«, sagte Tony und grinste.

Sie befanden sich in Vickys Haus. Tony trank ihren Scotch. Statt einer Zigarette lutschte er ein Lakritz-Bonbon.

Es hatte ihn viel Mühe gekostet, sich das Rauchen abzugewöhnen. Das Bonbon sollte verhindern, dass er rückfällig wurde.

Ganze dreißig Jahre war Inspektor Ballard alt.

Die Ballards wohnten seit undenklichen Zeiten in diesem kleinen englischen Dorf. Einer von Tonys Ahnen war hier mal Henker gewesen.

Tony hatte hellblaue Augen, buschige Brauen und blondes Haar. Sein Gesicht war markant, die Nase saß messerscharf über einem empfindsamen Mund. Breite Schultern, eine respektable Größe von einsneunzig und sportgestählte Muskeln verliehen ihm das Aussehen eines respekteinflößenden Hünen.

Er hatte einen großen Freundeskreis, und seine Kollegen behaupteten von ihm, dass niemand seinen Dienst gewissenhafter versah als er.

Das nächtliche Gewitter war vorbeigezogen. Der Morgen war eben erst angebrochen, und Tony, der die Nacht bei Vicky verbracht hatte, stellte sich nun vor den rotgerahmten Wandspiegel, um sich den Schlips ordentlich zu binden.

Vicky sah ihm dabei amüsiert zu.

»Was für eine Sorgfalt doch dazugehört, bis aus einem Mann ein Mann wird.«

Tony drehte sich grinsend um.

»Wer im Glashaus sitzt, sollte nicht mit Steinen werfen. Denk bloß mal daran, wie viel Aufwand an Schminke, Lippenstift und Wimperntusche erforderlich ist, um aus einem Mädchen ein attraktives Mädchen zu machen. Ganz zu schweigen von den diversen Schaumgummieinlagen...«

»Also, nein, das ist gemein!«, protestierte Vicky. Sie trug noch ihren Morgenmantel und ließ ihn nun absichtlich ein bisschen aufklaffen, damit man etwas mehr von ihrem üppigen Busen sehen konnte. »Willst du etwa behaupten, ich hätte Schaumgummieinlagen nötig?«

Ihre blaugrünen Augen versprühten in diesem Moment Kampfeslust.

Tony nahm sie lachend in die Arme.

»Ich habe nur ganz allgemein gesprochen.«

Er küsste sie auf den Mund, der voll und sinnlich war.

Jemand klingelte draußen. Vicky löste sich aus Tonys Umarmung. Sie ging zur Haustür. Tony schaute ihr nach, und er musste wieder einmal feststellen, dass sie die schönsten, längsten und makellosesten Beine hatte, die er jemals gesehen hatte.

Er hörte die Stimme von Sergeant Goody.

Gleich darauf trat Vicky mit dem wohlbeleibten Polizisten ein.

»Guten Morgen, Sir.«

»Guten Morgen, Sergeant.«

Goody leckte sich mit seiner rosigen Zunge über die wulstigen Lippen.

»Was gibt es, Sergeant?«, fragte der Inspektor.

»Ärger, Sir. Leider Ärger. Ich war bei Ihnen zu Hause, um Sie dort abzuholen.«

»Was ist passiert?«, fragte Tony Ballard mit Interesse, denn Sergeant Goody machte selten einen so unsicheren, nervösen Eindruck wie jetzt.

»Einbruch im Internat, Sir. Zwei Männer. Sie haben den Pförtner niedergeschlagen und den Safe ausgeraubt. Sieht nicht sehr gut aus für Leonard Shatner. Er liegt im Krankenhaus, und die Ärzte triefen nicht gerade vor Optimismus. Es muss stündlich damit gerechnet werden, dass er seinen schweren Verletzungen erliegt.«

»Tja«, sagte Ballard, achselzuckend. »Dann wollen wir uns mal an die Arbeit machen.«

Er verabschiedete sich von Vicky mit einem schnellen Kuss, dann stiegen er und der Sergeant in seinen kaffeebraunen Thunderbird und fuhren zum Schloss hinaus.

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»Dreißigtausend Pfund sind den Einbrechern in die Hände gefallen, Inspektor«, sagte Joseph Hampshire, der Direktor des Internats.

Er war ein mittelgroßer, hagerer Mann mit angegrauten Schläfen, eisengrauen Augen und stets fahrigen Bewegungen.

Er saß am Konferenztisch, während sich Tony Ballard den Safe ansah. Die Männer von der Spurensicherung hatten ihre Arbeit bereits abgeschlossen. Das weiße Pulver, mit dem sie Fingerabdrücke sichtbar machen konnten, war stellenweise nicht ganz entfernt worden.

»Altes Modell«, meinte der Inspektor.

Sergeant Goody nickte dazu.

»Wir sind schließlich keine Bank, Inspektor. Wir dachten, dass dieser Safe genügen würde«, sagte Hampshire.

»Das dachten alle Leute, deren Safe ausgeräumt wurde. Haben Sie öfter so viel Geld hier drinnen aufbewahrt, Mr. Hampshire?«

Der Direktor schüttelte ernst den Kopf.

»Ich kann mich nicht erinnern, dass sich jemals dreißigtausend Pfund in diesem Safe befunden hätten.«

»Halten Sie es für möglich, dass die Einbrecher von jemandem einen Tipp bekommen haben?«

»Ausgeschlossen«, sagte Joseph Hampshire fest. »Das hieße ja, dass eine Person aus dem Lehrkörper mit den Einbrechern gemeinsame Sache machen würde. Nein, Inspektor. Das ist ausgeschlossen. Für diese Leute lege ich meine Hand ins Feuer. Das sind ausgesuchte Kräfte, an deren Lauterkeit kein Zweifel besteht.«

Joseph Hampshire erhob sich.

Er legte die Hände auf den Rücken und ging ruhelos im Zimmer auf und ab.

Kopfschüttelnd sagte er: »Der arme Pförtner. Hoffentlich ist ihm der Herrgott gnädig. Es wäre ein schlimmer Verlust für uns alle, wenn er sterben würde. Wir mochten ihn sehr. Er war stets arbeitsam und zuvorkommend, keine Arbeit war ihm zu viel. Man hörte ihn niemals klagen. Er ist ein Mann, wie man ihn kein zweites Mal trifft.«

»Wer hat ihn gefunden, Mr. Hampshire?«, erkundigte sich Inspektor Ballard.

»Gefunden habe ich ihn.«

»Wann?«

»Heute Morgen. Ich war früh aufgestanden und wollte hier noch einiges vor Schulbeginn in Ordnung bringen. Da lag er auf dem Boden. Ich dachte, er wäre tot. Im ersten Moment jedenfalls. Ich bin zwar kein Arzt, aber meine Kenntnisse reichen doch aus, um zu erkennen, dass noch Leben in ihm war. Natürlich habe ich sofort den Notdienst verständigt. Und nachher habe ich die Polizei angerufen.«

Der Direktor seufzte. »Ich kann Ihnen nicht sagen, was für ein Schock das für mich war, Shatner halb tot. Das Geld weg. Die Vitrine zerbrochen.«

Tony Ballard nahm die Vitrine in Augenschein. Auf dem kleinen dunkelblauen Samtsockel lag der Schrumpfkopf.

Leblos. Mit geschlossenen Augen.

Tony stellte fest, dass an den dolchartigen Glasspitzen Blut klebte. Es konnte sich hierbei um Shatners Blut oder um das eines Einbrechers handeln.

Der Direktor versicherte Ballard, dass die Polizeibeamten davon eine Probe mitgenommen hatten. Man würde im Labor feststellen, wessen Blut am Glas klebte.

Der Inspektor wies auf den eingetrockneten Kopf.

»Ein recht makabres Ausstellungsstück, finden Sie nicht?«

Joseph Hampshire nickte beipflichtend.

»Da bin ich ganz Ihrer Meinung, Inspektor. Wenn es nach mir ginge, befände sich dieses... Ding längst nicht mehr in diesem Raum. Wir haben es mit dem Schloss sozusagen übernommen. Wir mussten uns dem Schlossbesitzer gegenüber verpflichten, diesem ekelhaften Schrumpfkopf eine Art Ehrenplatz einzuräumen. Der Glaser ist bereits verständigt. Noch heute wird das Glas erneuert.«

»Wie heißt der Schlossbesitzer?«, wollte Tony Ballard wissen.

»Frederick Hepburn.«

»Und weshalb legt er solch großen Wert darauf, dass dieser Kopf hier bleibt?«

»Das ist eine recht seltsame Geschichte, Inspektor, die ich selbst nicht glauben kann. Dieser Kopf soll einem Vampir namens Christopher Hood gehört haben, der vor etwa zweihundert Jahren hier in unserer Gegend gemordet hat. Eines Tages suchte er Mr. Hepburns Ahnen auf. Tiffany Hepburn wäre beinahe sein Opfer geworden. Dem mutigen Einschreiten ihres Gemahls, Delmer Hepburn, ist es zu verdanken, dass sie nicht das Opfer dieses Vampirs wurde. Delmer Hepburn hat dem Blutsauger mit einem Sarazenenschwert den Kopf abgeschlagen. Und aus eben diesem Kopf hat Delmer Hepburn dann den Schrumpfkopf gemacht, den Sie hier vor sich sehen. Man sagt, dass der Vampir immer noch lebt und dass es passieren kann, dass er eines Tages wieder zu morden beginnt. Ich finde, dass dies reiner Unsinn ist. Trotzdem habe ich mich Mr. Frederick Hepburn gegenüber verpflichtet, den Kopf ständig unter Glas zu halten.«

Sie kamen wieder auf Leonard Shatner zu sprechen, und Tony Ballard wollte wissen, ob der Pförtner in der Lage gewesen war, die Einbrecher zu beschreiben.

Joseph Hampshire verneinte das. Shatner sei bis zu seinem Abtransport ins Krankenhaus nicht wieder zu sich gekommen.

Nun bat der Inspektor den Direktor, die Lehrer hereinzubitten.

Unter anderem machte Tony Ballard die Bekanntschaft mit dem Lehrer für Naturwissenschaften - William Doohan - einem zynischen Pfeifenraucher und streitsüchtigen Besserwisser.

»Ich habe ja immer gesagt, dass man so viel Geld nicht in diesem Safe aufbewahren soll. Aber man hat nicht auf mich gehört«, stellte er gleich klar.

Doohan hatte eine spitze Nase, riesige Füße und leichte O-Beine. Die Zähne, die ständig in das Pfeifenmundstück bissen, waren nicht echt.

Er ließ an keinem an gutes Haar. Nicht einmal an den Pförtner, den er einen unfähigen Kerl nannte, weil er sich von Einbrechern hatte fast erschlagen lassen.

Natürlich kam auch der Lehrer für Mathematik und Turnen bei Doohan nicht gut weg. Er nannte Matt Craner in dessen Gegenwart einen aufgeblasenen Gimpel, dessen Eitelkeit zum Himmel stinke.

Tony Ballard machte sich von Matt Craner ein eigenes Bild. Der Mann wirkte solide, wirkte elegant, fiel nicht unangenehm auf. Er hatte ein gesundes, sonnengebräuntes Gesicht und einige Silberfäden im Haar, die ihn für die Damen des Lehrkörpers sicherlich recht interessant machten.

Eine von diesen Damen war die Brillenträgerin Susan Manson.

Tony merkte sofort, dass diese blonde Frau mit den attraktiven Beinen und der schmalen Taille für Matt Craner schwärmte, sich dies aber in der Öffentlichkeit nicht anmerken lassen wollte.

Man gab sich untereinander ziemlich gereizt und unwillig.

Niemand ließ gern ein gutes Haar an seinem Kollegen. Dass in diesem Institut jeden Tag neue Intrigen gesponnen wurden, kam heute ganz deutlich ans Tageslicht.

Niemand von den Lehrern und Lehrerinnen hatte die Einbrecher gehört oder gesehen.

Als das feststand, verabschiedete sich Tony Ballard von ihnen. Er war froh, draußen vor dem Schloss wieder reine Luft atmen zu können, die weniger knisterte als jene im Direktionszimmer.

»Was halten Sie von diesen Leuten, Sergeant?«, fragte Tony lächelnd, als sie sich in seinen Thunderbird setzten.

Sergeant Goody schüttelte sich.

»Eine ganz miserable Bande, Sir. Wenn ich ein Kind hätte, ich würde es denen nicht anvertrauen.«

»Es gibt aber auch Ausnahmen. Matt Craner zum Beispiel.«

»Ja. Der scheint in Ordnung zu sein.«

»Joseph Hampshire und Susan Manson auch.«

»Dafür sind die anderen umso miserabler.«

Lachend ließ Tony seinen Wagen anrollen.

»Geht's nun zur Polizeistation, Sir?«, erkundigte sich der Sergeant.

»Ich schlage vor, wir machen zwei kleine Umwege. Der eine führt uns beim Juwelier vorbei...«

»Beim Juwelier?«, fragte Sergeant Goody erstaunt.

»Wollen Sie da etwa die Eheringe bestellen?«

»Die kommen später dran. Heute darf ich mir einen anderen Ring abholen.«

Nach einer Fahrt von zehn Minuten hielt Tony seinen kaffeebraunen Thunderbird vor dem Juwelierladen. Das Portal war klein. In der Auslage blitzten und glänzten goldene Geschmeide, Perlenketten, Diamanten.

»Bin gleich wieder da«, sagte der Inspektor und stieg aus.

»Sie haben mir noch nicht verraten, wohin uns der zweite Umweg führt, Sir!«, rief Goody dem Inspektor nach.

»Zu Leonard Shatner ins Krankenhaus«, sagte Tony und betrat den Laden.

Über der Tür schlug eine kleine Glocke an. Der dünne Ton war kaum zu hören. Trotzdem erschien Burt Mitchum, der Juwelier, sofort.

»Ah, Inspektor!«, sagte er und nahm die dicke Nickelbrille kurz ab, um sich die gerötete Nasenwurzel zu massieren. Dann setzte er die Brille mit einer geradezu lächerlichen Sorgfalt wieder auf. Er war klein, sein Rücken war gekrümmt, die schmalen Schultern fielen nach vorn.

»Ist mein Ring fertig?«, fragte Tony.

»Natürlich. Habe ich schon mal einen Termin nicht eingehalten?«

»Das weiß ich nicht, Mr. Mitchum.«

Der Juwelier schlurfte in die Werkstatt und brachte einen protzigen Goldring. Er legte ihn auf die Glasplatte der Verkaufstheke und wartete auf ein Lob.

»Herrlich!«, sagte Tony überwältigt. »Ausgezeichnete Arbeit, Mr. Mitchum.«

»Sie dürfen ihn ruhig anfassen, Inspektor«, sagte der Juwelier grinsend.

Beinahe ehrfürchtig nahm Tony Ballard den Ring auf. In der goldenen Fassung war ein rabenschwarzer Stein verankert. Er war taubeneigroß und von dem Juwelier aus einem faustgroßen Stein herausgeschliffen worden.

Dieser Ring sollte Tony Ballard an ein grauenvolles Abenteuer erinnern, das er wie durch ein Wunder siegreich beendet hatte. Sieben grausame Hexen hatten diesen Stein einst besessen, und es war ein mörderischer Kampf auf Leben und Tod gewesen, den Bestien diesen Stein abzuringen. Um diese Zeit niemals zu vergessen, hatte sich Tony Ballard diesen Ring anfertigen lassen. Und ab heute wollte er den Ring wie ein Heiligtum an seinem Finger tragen.

»Ich bin überwältigt, Mr. Mitchum«, sagte der Inspektor ehrlich. Er streifte sich den Ring an den Finger. »Die Rechnung...«

»...geht Ihnen in den nächsten Tagen zu, Inspektor«, sagte der Juwelier lächelnd. »Freut mich, dass ich Ihnen dienen konnte.«

Tony bedankte sich und verließ den Laden.

Jetzt war der Besuch im Krankenhaus fällig.

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6

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»Er macht im Augenblick eine schwere Krise durch, Inspektor«, sagte der Arzt besorgt. Der Mann war kurzatmig, hatte die Schultern eines Fleischers und dicke Gläser vor den tränenden Augen.

»Ist er bei Bewusstsein?«, fragte Tony Ballard.

»Man kann es fast nicht Bewusstsein nennen, Inspektor.«

»Ist er ansprechbar?«

»Ab und zu hat er helle Momente. Die meiste Zeit redet er jedoch wirres Zeug.«

»Was zum Beispiel?«

»Von seiner Nichte. Von seiner Arbeit im Internat. Von irgendwelchen Schülern. Alles kommt sprunghaft und ohne jeden Zusammenhang.«

»Hat er auch etwas über die Männer gesagt, die ihn niedergeschlagen haben?«

Der Arzt schüttelte den Kopf.

»Dieses Erlebnis scheint in seinem Geist völlig ausgelöscht worden zu sein.«

»Worauf führen Sie das zurück?«

»Auf die beiden brutalen Schläge. Er hat eine Schädelknochenfraktur und eine äußerst schwere Gehirnerschütterung erlitten. Es wird Monate dauern, bis... Vorausgesetzt, dass er überhaupt durchkommt.«

»Dürfen wir ihn sehen, Doktor?«

Der Arzt dachte kurz nach, dann schüttelte er entschieden den Kopf.

»Nein, Inspektor. Ich kann das nicht verantworten. Die geringste Aufregung würde ihn unweigerlich umbringen.«

Tony Ballard akzeptierte die Entscheidung des Arztes.

»Tja«, sagte er und zuckte die Achseln. »Dann werden wir unser Glück morgen versuchen.«

»Ich fürchte, ich werde Sie auch morgen wieder wegschicken müssen, Inspektor.«

Tony lächelte gutmütig.

»Das macht nichts. Das gehört zu meinem Job.«

Er und Sergeant Goody wandten sich um und wollten gehen. Da wurde die weiße Tür aufgerissen, hinter der der bucklige Pförtner in einem Bett lag, über dem man ein Sauerstoffzelt aufgestellt hatte.

Eine blutjunge Krankenschwester hastete heraus und lief dem Arzt mitten in die Arme.

»Doktor! Doktor! Schnell!«, stieß das Mädchen aufgeregt hervor. »Ich glaube, mit Mr. Shatner geht es zu Ende.«

Der Arzt eilte in das Krankenzimmer. Tony und Sergeant Goody blieben an der Tür stehen und schauten zu, wie sich der Arzt bemühte, dem gnadenlosen Tod doch noch das Leben dieses Pförtners zu entreißen.

Jede Mühe war jedoch vergeblich.

Leonard Shatner war seinen schweren Verletzungen erlegen.

»Nun handelt es sich nicht mehr um einen simplen Einbruch, sondern um einen kaltblütigen Raubmord!«, stellte Inspektor Ballard zähneknirschend fest.

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7

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Ein wenig außerhalb des Dorfes gab es eine alte Schmiede, die nicht mehr bewirtschaftet wurde. Bob Kelly hatte sie für einen Spottpreis gemietet. Er wohnte nun schon seit einem halben Jahr hier draußen. Cliff Dickinson teilte das Dach seit zwei Monaten mit ihm. Ab und zu gab es Reibereien und Streitigkeiten zwischen beiden. Sie waren stets mit den Fäusten bereinigt worden. Zumeist hatte Kelly die Angelegenheit für sich entschieden.

»Bist du sicher, dass dieser Shatner dich nicht kennt?«, fragte Dickinson, während er lustlos an einem Hühnerknochen nagte.

»Absolut sicher«, sagte Kelly. »Er hätte mich doch sonst mit meinem Namen angesprochen.«

»Da hast du Recht«, sagte Dickinson und nickte.

»Und sonst hat uns doch keiner gesehen.«

»Hoffentlich nicht«, seufzte Cliff Dickinson. »Unter uns gesagt, ich habe mich schon lange nicht mehr so elend gefühlt wie heute.«

»Aus dir wird nie ein Held!«, zog Kelly den Freund auf.

»Was bringt das schon vor Vorteile, wenn man ein Held ist?«

»Man hat nicht ständig die Hosen voll«, sagte Kelly grinsend.

»Wie gut kennt man dich eigentlich im Dorf, Bob?«

»So gut wie gar nicht. Ich wohne erst seit einem halben Jahr hier. Und ich war bloß einmal im Monat im Dorf, wie du weißt, um Lebensmittel einzukaufen. Wenn man das zusammenrechnet, dann war ich sechs Mal im Dorf. Beruhigt?«

»Wir sollten von hier fortgehen«, sagte Dickinson und legte den Hühnerknochen auf den Teller.

»Fortgehen? Wohin?«, fragte Kelly und goss sich Scotch in ein Wasserglas, das er auf einen Zug leerte.

»Nach London. Da kann man untertauchen. Hier kann man das doch nicht.«

»Sei doch nicht so blöde, Cliff. Kein Mensch weiß, dass wir im Internat eingebrochen haben. Man würde erst dann Verdacht schöpfen, wenn wir plötzlich abhauen würden, verstehst du das? Dann kämen wir auf die Fahndungsliste und hätten nicht mal in London Ruhe vor den Bullen. Nein, nein. Wir bleiben hier und tun so, als wäre nichts passiert. Ist ja auch nichts passiert, oder?«

Dickinson erhob sich und trat ans Fenster. Langsam setzte die Dämmerung ein. Vom Moor her stiegen Nebelschwaden hoch. Der Wind zerzauste die Kronen der vereinzelten Laubbäume.

»Du hättest kein zweites Mal zuschlagen sollen, Bob!«, sagte Dickinson vorwurfsvoll. Er wandte sich vom Fenster ab und lehnte sich an eine alte Kommode, deren Schubladen kaum schlossen. Krawatten hingen heraus.

Auch Hemden und Socken. »Der eine Schlag hätte vollkommen genügt.«

Kelly grinste mit gefletschten Zähnen.

»Willst du mir etwa Vorschriften machen?«

»Das nicht...«

»Aber...?«

Dickinson blickte auf seine verbundene rechte Hand.

Dann schweiften seine Augen ab und starrten auf die dreckigen Holzbohlen, aus denen der Boden gefügt war.

»Ich mache mir Sorgen um den Pförtner, Bob.«

»Willst du ihm Blumen ins Krankenhaus bringen?«, fragte Kelly amüsiert.

»Ich finde das gar nicht komisch!«, schrie Dickinson gereizt. »Nimm doch mal an, der Mann hat das nicht überlebt! Was dann?«

»Nichts dann!«, gab Kelly achselzuckend zurück. »Dann ist der Bucklige eben tot. Was macht das schon?«

»Kannst du das wirklich ein Leben lang mit dir herumschleppen, Bob?«, fragte Dickinson entrüstet.

»Natürlich kann ich das. Und von einem Leben lang kann überhaupt keine Rede sein. In einer Woche habe ich das schon längst vergessen. Wäre gut, wenn du das auch könntest.«

Dickinson knallte mit der Faust zornig auf die Kommode.

»Verdammt, ich kann das nicht. Ich pfeife auf das Geld. Ich will es nicht mehr haben.«

Kelly sprang ärgerlich auf.

»Jetzt nimm mal Vernunft an, Cliff, ja? Willst du mir jetzt jeden Tag dieses Theater machen? Du weißt doch gar nicht, wie es um den Pförtner steht. Weshalb machst du dich denn verrückt? Vielleicht erfreut er sich schon wieder bester Gesundheit... Ich meine, den Umständen entsprechend natürlich.«

»Der erfreut sich keiner Gesundheit mehr, Bob. Ich sage dir, der ist tot. Ich fühle das. Der Pförtner lebt nicht mehr, Bob.«

»Dann hat er eben Pech gehabt.«

»Wir - wir sollten uns der Polizei stellen, Bob!«

Kelly starrte den Komplizen erschrocken an.

»Bist du denn noch zu retten, Cliff?«

»Wir haben einen Mord begangen, Bob!«

»Egal, was aus dem Pförtner geworden ist, Cliff, zur Polizei gehen wir beide nicht! Hörst du? Ich sagte wir beide. Wir haben dreißigtausend Pfund geerbt. Die gehören uns. Wenn du davon nichts haben willst, ist das deine Sache. Ich gebe das Geld jedenfalls nicht mehr zurück, verstehst du? Und jetzt möchte ich dich mal in aller Freundschaft warnen, Cliff! Wenn du versuchen solltest, zur Polizei zu rennen, um da eine groß angelegte Beichte vom Stapel zu lassen, werde ich das zu verhindern wissen.«

Dickinson schaute Kelly erschrocken an.

»Du willst mir drohen, Bob?«

»Fass es auf, wie du willst, Cliff. Jedenfalls gehst du nicht zu den Bullen!«

Eine heiße Zorneswelle schoss Dickinson ins Gesicht.

Noch nie hatte er Bob Kelly mehr gehasst wie heute, und er verfluchte den Tag, an dem er mit diesem Mann bekannt geworden war.

»Ich lasse mir von dir keine Vorschriften machen, Bob!«, schrie er, außer sich vor Zorn.

Kelly stellte sich breitbeinig vor ihn, schob das Kinn herausfordernd vor und sagte höhnisch: »So? Und wie willst du das verhindern?«

»Indem ich dir die miese Fresse volldresche!«

»Woher nimmt der Schlappschwanz denn auf einmal so viel Mut?«, brüllte Bob Kelly vor Lachen.

Dickinson sprang ihn an.

Er schlug ihm die Faust mitten ins verhasste Gesicht.

Kelly zuckte zwar zurück, aber nicht schnell genug. Der Schlag traf ihn voll und schleuderte ihn quer durch die mit alten Möbeln eingerichtete Stube. Kelly krachte hart gegen die Wand, schnellte sich davon aber sofort wieder ab und empfing den anstürmenden Dickinson mit einem Uppercut, der diesen zu Boden schleuderte.

Nun trat Kelly mit den Füßen nach dem Komplizen. Er verletzte Dickinson am rechten Augenlid. Das raubte dem Mann den Verstand.

Wutschnaubend sprang er auf. Er riss einen Stuhl hoch und drosch ihn Kelly auf den Schädel. Der Stuhl zerbrach.

Kelly wankte benommen und musste nun mehrere schwere Treffer einstecken. Doch dann bekam er einen Tonkrug zwischen die Finger, der auf dem Fensterbrett stand.

Dickinson kam mit gesenktem Kopf wie ein Stier. Kelly riss den Krug hoch und schmetterte ihn dem tollwütigen Komplizen ins Genick.

Röhrend brach Dickinson nieder. Und nun nagelte ihn Bob Kelly mit seinen Fäusten so lange zusammen, bis er sich total verausgabt hatte.

Atemlos ließ Kelly von dem Freund ab. Er stärkte sich mit Whisky, den er aus der Flasche trank.

Dickinson blieb blutüberströmt liegen. Kelly kümmerte sich nicht um ihn. Er stieg über ihn hinweg, begab sich gelassen ins Schlafzimmer, zog sich aus und warf sich ins Bett.

Was mit Dickinson war, war ihm völlig egal.

Eine volle Stunde blieb der Ausgeknockte auf dem dreckigen Boden liegen. Dann erhob er sich kraftlos, wusch sein geschwollenes Gesicht sauber, setzte sich ächzend an den Tisch und trank den Whisky aus, den Kelly übrig gelassen hatte.

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Um Mitternacht schlug der Vampir erneut die Augen auf.

Das Glas der Vitrine war inzwischen erneuert worden, doch es vermochte ihn nun nicht mehr zurückzuhalten, wie das in den vergangenen zweihundert Jahren der Fall gewesen war.

Gestern war Menschenblut in den Mund des Blutsaugers geflossen.

Menschenblut!

Dieser kostbare Saft hatte Christopher Hood zu neuem Leben erweckt. Er wollte mehr davon haben, wollte jenes teuflische Spiel fortsetzen, das er vor dieser langen Frist hatte beenden müssen.

Wie eine große runde Laterne hing der helle Vollmond am Himmel. Das Licht des Mondes gab dem Untoten geheimnisvolle Kräfte. Diabolisch und grausam funkelten die unnatürlich großen Augen in dem kleinen Gesicht des Schrumpfkopfes. Der Satan selbst konnte keinen erschreckenderen Ausdruck in seinen Augen haben.

Allmählich begann die Luft in der Vitrine zu flimmern.

Das Glas wurde durchlässig. Der faustgroße Schrumpfkopf des Vampirs verwandelte sich von einer Sekunde zur anderen in eine Ekel erregende schwarze Fledermaus.

Das kleine Tier schlug die Luft mit seinen zarten Flügeln, erhob sich von dem blausamtenen Sockel und flog durch das Glas der Vitrine, als wäre es nicht vorhanden.

Der Hunger des Vampirs trieb ihn aus dem Schloss, dem Dorf zu, über das Dorf hinaus. Er hatte einige wenige Tropfen von Cliff Dickinsons Blut getrunken und wollte sich nun den Rest holen.

Schnurgerade flog das flatternde Tier auf Dickinsons Versteck zu. Es war unglaublich, wie die Fledermaus ihren Weg zu ihrem ahnungslosen Opfer fand...

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»Morgen gehe ich zur Polizei«, sagte Cliff Dickinson zu sich selbst. Er nickte. Wohl um sich Mut zu machen. Dann trank er die vierte Bierdose leer. Der Alkohol lähmte seinen Geist. Er hatte viel Whisky getrunken. Gleichzeitig machte der Rausch die Gliederschmerzen stumpf und erträglich.

»Dieses Schwein wird mich nicht davon abhalten können. Niemand wird mich davon abhalten können. Ich werde für das geradestehen, was ich getan habe. Was er macht, geht mich nichts mehr an. Von morgen an sind wir geschiedene Leute. Soll er nur seiner Wege gehen. Weit wird er sowieso nicht kommen.«

Dickinson wischte sich mit einer ärgerlichen Handbewegung über den Mund.

Draußen heulte der Wind gespenstisch um das Haus.

Dickinson hatte das Gefühl, als würde ihn aus der Dunkelheit ein glühendes Augenpaar anstarren.

Kopfschüttelnd ging er zum Fenster und blickte in die mondhelle Nacht hinaus. Fröstelnd schüttelte er sich. Ein Raunen und Wispern machte ihm Angst.

Plötzlich glaubte er nahe dem Haus Schritte zu hören.

Schritte!

Schnell drehte er das Licht aus und kehrte zum Fenster zurück. Er presste sich die Nase am Glas platt und starrte mit weit aufgerissenen Augen hinaus.

Da waren die Schritte wieder. Rechts vom Fenster.

Dickinson blickte in diese Richtung, doch da war niemand.

Kein Schatten. Keine Silhouette eines Menschen. Und doch waren ganz deutlich die gespenstischen Schritte zu hören.

Ratlos stand Dickinson am Fenster.

Wer trieb sich dort draußen denn um diese Zeit herum?

Ein Penner? Ein Verbrecher?

Dickinson wischte sich aufgeregt über die müden Augen.

Er überlegte nervös, ob er nach draußen gehen und nach dem Rechten sehen sollte. Aber er verwarf diesen Gedanken sofort wieder. Er hatte lausige Angst, aus dem Haus zu gehen.

Plötzlich klopfte jemand leise an das Fenster. Niemand war da, und doch hatte jemand an das Fenster geklopft.

Dickinson stockte schlagartig der Atem. Er zuckte vom Fenster weg, als hätte ihn jemand mit einer glühenden Nadel ins Auge gestochen.

Das geht ja nicht mit rechten Dingen zu, dachte Dickinson aufgeregt.

Ein Kratzen war zu hören. Ein Geräusch, das einem durch Mark und Bein ging. Es hörte sich an, als ob jemand mit langen Fingernägeln über das Glas des Fensters kratzen würde.

Dickinsons Herz schlug rasend. Dazu brauste das Blut laut in seinen Ohren.

Offensichtlich wollte ihn jemand dazu bewegen, aus dem Haus zu kommen.

»Ich rühr mich nicht aus dem Haus!«, presste er total verstört hervor. Schweiß glänzte in dicken Perlen auf seiner Stirn. »Nein! Keine zehn Pferde kriegen mich aus dem Haus.«

Schritt und Schritt wich er vom Fenster zurück. Sein Blick fiel auf ein Beil, das neben dem offenen Kamin lehnte.

Hastig griff er danach.

Nun fasste er neuen Mut.

Schwer lag das Beil in seiner Faust. Er ließ es auf und ab wippen. In diesem Augenblick wäre er zu jedem Mord fähig gewesen, so hochgradig nervös war er. Er fühlte sein Leben auf eine widerwärtige, unheimliche Art bedroht. Er fühlte, dass er sich gegen diese Bedrohung nicht würde schützen können. Trotzdem behielt er das Beil in der Hand.

Die Schritte kamen auf die Tür zu.

Dickinson folgte ihnen mit angstgeweiteten Augen.

Harte, knöcherne Finger klopften nun an die Tür. Dickinson blieb fast das Herz stehen. Er hielt den Atem an und lauschte zitternd.

»Cliff!«, flüsterte von der Tür eine geisterhafte und kaum wahrnehmbare Stimme. »Cliff!« Es klang wie ein flehender, lockender Ruf aus der eiskalten Tiefe einer Gruft.

Schreckliche Schauer rieselten über Dickinsons Rücken.

Eine raue Gänsehaut umspannte seinen Körper. Nun lief ihm der Schweiß beiderseits vom Gesicht über die Wangen und sammelte sich am Kinn.

»Cliff!«, hauchte draußen vor der Tür wieder dieses unheimliche Gespenst.

Dickinson schüttelte verzweifelt den Kopf.

»Geh weg! Geh weg!«, stöhnte er und hielt sich entsetzt die Ohren zu. Gleichzeitig drängte es ihn jedoch zur Tür.

Bestürzt stellte er fest, dass er keinen Willen mehr hatte. Er musste zur Tür gehen, obwohl er wusste, dass er verloren war, sobald er in die grauenvolle Vollmondnacht hinaustrat.

»Cliff!«, zitterte die lockende Stimme erneut durch die Tür.

Mit verkrampftem Griff umklammerte er den dicken Stiel des Beils, bereit, sich seiner Haut zu wehren. Schlotternd erreichte er die Tür. Draußen atmete jemand mit schweren Zügen, als würde ihn eine furchtbare Sehnsucht quälen.

Dickinson tastete sich nach dem Riegel.

Vorsichtig schob er ihn zur Seite. Aber er machte die Tür nicht auf. Alles in ihm wehrte sich verzweifelt gegen den nächsten Schritt, der jedoch trotzdem so sicher kommen würde wie das Amen im Gebet.

Der Mann biss die Zähne ängstlich zusammen.

Das Heulen des Windes war stärker geworden. Es erzeugte Unbehagen in Dickinson. Schreiend wollte er sich von der Tür abwenden, doch sie zog ihn magisch an.

Er dachte an Bob, der im Nebenzimmer schlief und keine Ahnung von dem Grauen hatte, das er in diesen Momenten durchzustehen hatte.

Er wollte Bob rufen, wollte ihn wachschreien, damit er ihm zu Hilfe kam, denn ganz allein fürchtete er, mit dieser schaurigen Situation nicht fertig zu werden.

Egal, was vorhin mit Bob gewesen war. Egal, dass sie sich geprügelt hatten. Jetzt brauchte er dringend Bobs Hilfe, sonst war er verloren.

Verzweifelt wandte sich Dickinson um. Mit ängstlicher Miene starrte er zu jener Tür, hinter der Kelly schlief. Er öffnete den Mund, doch es entrang sich nicht der leiseste Krächzer seiner von der Angst völlig zugeschnürten Kehle.

Mechanisch öffnete er die Tür.

Ein kalter Windstoß fauchte ihm ins schweißnasse Gesicht und nahm ihm den Atem. Das Beil zum Schlag erhoben, so trat er in die unheimliche Vollmondnacht hinaus.

Ein Wispern und Raunen geisterte über den Boden, flüsterte unter dem alten Dach des Hauses, als hätten sich alle Dämonen, die die Welt bevölkern, hier zusammengefunden, um einen Mann namens Cliff Dickinson zu vernichten.

Während Dickinson die ersten unsicheren Schritte in die Nacht hinaus machte, versuchte er nach allen Seiten gleichzeitig zu sehen.

Die Nebelfetzen, die der Wind vom Moor herüberblies, rasten auf ihn zu wie apokalyptische Reiter. Sie stürzten sich auf ihn, konnten ihm jedoch nichts anhaben, weil sie körperlose Wesen waren.

Dickinson glaubte ein schreckliches, höhnisches Kichern zu hören. Schatten schienen ihn zu umtanzen, und wenn er sich ihnen entsetzt zuwandte, lösten sie sich urplötzlich in ein finsteres Nichts auf.

Atemlos entfernte sich Dickinson vom Haus. Immer noch hielt er das Beil zum kraftvollen Schlag erhoben.

Da geisterte ein Flattern über ihn hinweg. Er hob blitzschnell den Kopf, sah, wie sich der Mond verdunkelte, spürte einen Schlag im Gesicht, der hart war und ihn taumeln ließ. Er fing sich aber und ging mit hämmerndem Herzen weiter.

Kehr um!, raunte es in ihm. Kehr wieder um!

Er wollte umkehren, doch seine Beine gehorchten ihm nicht. Etwas befahl ihnen, sich noch weiter vom Haus zu entfernen.

Schaudernd stellte Dickinson fest, dass er zu einer Marionette geworden war. Irgendjemand zog an unsichtbaren Fäden, und er hatte keine andere Wahl als zu gehorchen.

»Ist da jemand?«, rief er furchtvoll in die Dunkelheit hinein.

Wie ein Echo kam dieser Ruf von allen Seiten zu ihm zurück.

»Ist da jemand?«, fragte Dickinson wieder.

Er war stehen geblieben und drehte sich zitternd um die eigene Achse. Der Vollmond war hinter einer langen Wolkenbank verschwunden. Rabenschwarz war die Nacht auf einmal geworden. Irgendwie erinnerte Dickinson diese Schwärze an den Weltuntergang. So stellte er ihn sich vor.

Doch nicht die ganze Welt sollte in dieser schrecklichen Nacht untergehen, sondern nur ein einziger Mensch: Cliff Dickinson.

Wieder hörte er dieses geisterhafte Flattern über sich. Er schlug entsetzt mit dem Beil nach oben in die Schwärze hinein, denn von da kam der Angriff. Das Beil traf etwas ungemein Hartes. Es schien, als hätte die blanke Schneide einen Stein getroffen. Funken spritzten auf. Dann wurde ihm das Beil aus der Faust geprellt. Ein kleines Etwas mit schrecklich glühenden Augen, rot geädert, mit langen, weißen dolchartigen Zähnen in einem kleinen Maul, das in dieser Sekunde blitzschnell größer wurde, stürzte sich buchstäblich aus dem Nichts auf das Opfer.

Verzweifelt wollte Cliff Dickinson diesen mörderischen Angriff abwehren. Er schlug wild um sich, aber es gab kein Entrinnen mehr für ihn...

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»Aaahhh!«

Es war ein Schrei, der einem bis ins Knochenmark hineinfuhr. Ein Schrei, der Tote aufweckte.

Mit einem entsetzten Ruck fuhr Bob Kelly im Bett hoch.

Schlaftrunken schaute er sich um. Was war das gewesen?

Wer hatte so schauderhaft geschrien? Cliff vielleicht?

Mit einem Satz war Kelly aus dem Bett. Er rannte zum Fenster und blickte nach draußen. Die Nacht bot sich ihm wie ein stilles schwarzes Gemälde dar. Nichts Ungewöhnliches war festzustellen. Und doch wurde Kelly von einem unangenehmen, quälenden Gefühl befallen, das man Angst nennen konnte, ohne dass es selbst sich das eingestehen wollte.

Schnell kleidete sich Bob Kelly an.

Er verließ das Schlafzimmer.

Die Haustür stand weit offen. Der Wind hatte Blätter hereingefegt und ließ sie hier drinnen wie junge Ratten im Wind tanzen.

Kelly hastete zur Tür und schaute hinaus.

Nichts. Nur Stille - wenn man von den Geräuschen absah, die der gespenstische Wind verursachte.

Eine Gänsehaut lief Kelly über den Rücken. Wo war Cliff?

Aus welchem Grund hatte er das Haus verlassen? Es musste schon ein triftiger Grund gewesen sein, denn Cliff war feige, und er hätte sich bestimmt nicht in die Nacht hinausgewagt, wenn es nicht unbedingt erforderlich gewesen wäre.

»Cliff!«, rief Kelly in den kalten Wind hinein.

Dickinson antwortete nicht.

»Cliff!«

Nichts.

»Verdammt!«, ärgerte sich Kelly, während er ratlos an der Unterlippe nagte. Unzählige Möglichkeiten purzelten ihm durch den Kopf, weshalb Cliff das Haus verlassen hatte.

Eine davon war, dass Cliff hier draußen einen Landstreicher entdeckt hatte und verjagen wollte.

Wenn Cliff nun nicht antwortete, konnte das unter Umständen bedeuten, dass es dem Landstreicher gelungen war, ihn niederzumachen.

Das bedeutete in der weiteren Folge, dass dieser Kerl hier irgendwo in der Dunkelheit lauerte und vielleicht auch über ihn herfallen würde.

Mit gespannten Zügen und gezücktem Jagdmesser, das er vorhin für alle Fälle an sich genommen hatte, trat er aus dem Haus.

Langsam schwebte die Wolkenbank weiter und gab den Vollmond wieder frei. Sein Licht tanzte auf der blanken Klinge des Jagdmessers, das Kelly fest in der Hand hielt.

Er schaute und lauschte nach allen Seiten, während er sich vom Haus entfernte.

»Cliff!«, schrie er wieder in die Dunkelheit hinein.

Mit schnellen Schritten stapfte er durch das hohe Gras.

Er musste an den furchtbaren Schrei denken, der ihn geweckt hatte. Kein Zweifel, es war ein Todesschrei gewesen. So grell, so grauenvoll, so verzweifelt, wie ihn nur ein Sterbender hervorzubringen vermag.

Cliff war also tot.

Ermordet?

Wenn ja - von wem?

Das hohe Gras raschelte unter Kellys Füßen. Plötzlich hörte er das Schlagen von Flügeln. Ein Flattern stieg hoch.

Kelly konnte nichts sehen, hörte nur, wie sich das Flattern rasch entfernte und gleich nicht mehr zu hören war.

Der Mann lief auf die Stelle zu, wo dieses scheinbar unsichtbare Tier aufgeflogen war. Vermutlich ein Nachtvogel, den Kelly aufgescheucht hatte. Trotzdem wollte er die Stelle sehen, wo der Vogel gehockt hatte.

Als er die Stelle erreichte, sprang ihn das eiskalte Entsetzen an.

Cliff lag im Gras.

Er lag auf dem Rücken, seine Arme waren ausgestreckt, die Beine auch. Neben ihm lag das Beil, das er zu seiner Verteidigung mitgenommen hatte.

Unnatürlich bleich leuchtete Dickinsons Gesicht. Kelly schrieb das dem fahlen Gesicht des Mondes zu. Er beugte sich über den Freund, konnte keine ernstliche Verletzung an ihm feststellen, die ihn das Leben gekostet hätte.

Möglicherweise war Cliff nur bewusstlos.

Kelly streckte das Messer weg und kniete neben dem Freund nieder. Der Streit von heute Abend war längst vergessen. Er war nicht nachtragend.

Kelly fasste nach der Halsschlagader des Freundes.

Nun zuckte er entsetzt zurück. Dickinson war kalt wie ein Eisblock.

Wie war das möglich? Vor wenigen Minuten hatte er erst diesen furchtbaren Schrei ausgestoßen. Wie war es möglich, dass sein Körper nun bereits eiskalt war?

Das ging nicht mit rechten Dingen zu.

Kelly starrte mit angstgeweiteten Augen auf den Hals des Freundes.

An der linken Halsschlagader fielen ihm zwei pfefferkorngroße Punkte auf. Wunden. So als wäre Cliff von jemandem in den Hals gebissen worden.

Plötzlich erkannte Bob Kelly den ganzen Umfang der Tragik. Cliff war von einem Vampir angefallen und getötet worden.

Das erklärte auch die schreckliche Kälte seines Körpers.

Das erklärte auch die unnatürliche Blässe seines Gesichts. Kein Tropfen Blut befand sich mehr in den Adern dieses Leichnams. Der Vampir hatte allen Lebenssaft aus diesem Körper gesogen.

Kelly hatte keine Zeit, sich die Frage zu stellen, wie es so etwas Schreckliches geben konnte. Es war schlimm genug, zu wissen, dass ein Vampir in dieser Gegend sein Unwesen trieb, und Kelly musste froh sein, dass es nur Cliff und nicht auch ihn erwischt hatte.

Was sollte er nun tun?

Fiebernd stand Kelly da. Er schaute zum Haus zurück.

Am liebsten hätte er sich darin verbarrikadiert.

Aber er musste vernünftig bleiben.

Das hieß in diesem Fall, er musste irgendetwas mit Cliffs Leichnam anstellen. Hier konnte der Tote unmöglich liegen bleiben. Cliff musste schnellstens unter die Erde gebracht werden.

Ja. Kelly nickte sich selbst zu. Ja, du musst ein Grab schaufeln. Schnell! Mach schnell! Cliff muss unter die Erde!

Kelly rannte keuchend ins Haus. Aus der Gerätekammer holte er einen Spaten und eine Spitzhacke. Er grub das Grab gleich da, wo Cliff Dickinson lag, das erleichterte ihm die Arbeit, und er musste Cliff nicht erst wegtragen.

Schnell flog die Hacke hoch.

Mit wilden, kraftvollen Schlägen wühlte Kelly das Erdreich auf. Bald warf er die Hacke weg und begann den Spaten in die Erde zu stoßen. Der dunkle Erdberg, den Kelly aufschaufelte, wurde schnell höher.

Bald war die Grube tief genug.

Atemlos und schweißüberströmt schob Kelly den harten, starren Körper des Freundes an das Grab, um ihn hineinplumpsen zu lassen. Er hatte Cliff Dickinson mit einem unangenehmen Gefühl angefasst und war froh, ihn nun endlich losgeworden zu sein.

Schnell schaufelte er die Erde auf den toten Freund. Er trat sie hastig fest.

Schon in wenigen Tagen würde hier neues Gras zu sprießen beginnen, während Cliffs Körper dort unten langsam verfiel.

Kein Mensch würde jemals ahnen, dass sich hier ein Grab befand.

Kelly bückte sich ächzend. Der Rücken tat ihm nun weh.

Mit schmerzverzerrtem Gesicht hob er die Spitzhacke und den Spaten auf. Dann ging er mit trägen, schleifenden Schritten ins Haus.

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Tags darauf telefonierte Inspektor Tony Ballard mit Vicky.

»Hättest du Lust, mit mir ins Old Vic zu gehen?«

Vicky Bonney stieß ein gurrendes Lachen aus.

»Und ob ich dazu Lust hätte, Tony. Wann gehen wir?«

»Übermorgen. Sergeant Goody wird mir die Karten besorgen. Er hat in London zu tun.«

»Ich freue mich, Tony!«, rief das Mädchen begeistert.

»Was spielt man?«

»Romeo und Julia.«

»Dieses Stück wollte ich immer schon mal im Old Vic sehen.«

»Weiß ich doch, Liebling«, sagte Ballard und lachte. »Es ist also abgemacht?«

»Was für eine Frage. Natürlich.«

»Fein. Dann werde ich Sergeant Goody gleich Bescheid sagen.«

Der Inspektor legte den Hörer auf die Gabel und blickte verträumt zur gegenüberliegenden Wand seines Office. Eine Landkarte hing da, auf der jeder Kieselstein eingezeichnet war, den es in dieser Gegend hier gab.

In diesem Moment trat Sergeant Goody ein.

»Sie kommen mir wie gerufen, Sergeant«, sagte Ballard lächelnd.

»Sir?«, erwiderte Goody, baute sich zackig auf und hob das Kinn.

»Es macht Ihnen doch sicherlich nichts aus, mir zwei Karten für das Old Vic mitzubringen, wenn Sie nach London fahren, Sergeant?«

»Mache ich selbstverständlich gern. Für wann, Sir?«

»Für übermorgen.«

»Preisklasse?«

»Ich will gut sehen. Der Preis ist nicht so wichtig. Schließlich kommt man so selten nach London ins Theater, dass man sich diesen Abend nicht mit schlechten Sitzplätzen vermiesen sollte.«

»Okay«, sagte Sergeant Goody gefällig. »Also: Zwei Karten für das Old Vic. Übermorgen Abend. Gute Plätze.«

Tony grinste.

»Das haben Sie hervorragend zusammengefasst, Sergeant. Man sieht deutlich, dass Sie mir unterstellt sind.«

»Sir, der eigentliche Grund meines Eintretens ist Miss Susan Manson, die Lehrerin für Musik, aus dem Internat.«

Tony Ballard hob überrascht die Brauen.

»Ist die hier?«

»Ja, Sir. Sie will mit niemandem sonst als mit Ihnen sprechen.«

»Schicken Sie sie herein, Sergeant.«

»Jawohl, Sir.«

Goody wandte sich rasch um und verließ das Büro des Inspektors. Tony Ballard wickelte ein Lakritz-Bonbon aus und schob es sich zwischen die Zähne. Als die Musikprofessorin eintrat, erhob er sich und kam um den Schreibtisch herum, um sie zu begrüßen.

Susan Manson trug einen karierten Sportrock und eine weiße Bluse, in der ein üppiger Busen wogte. Ein Gürtel schnürte ihre schmale Taille noch enger zusammen, und es schien fast, als könnte man diese Taille mit einer Hand umfassen. Während vielen anderen Frauen das Tragen einer Brille ihrer Schönheit Abbruch tut, erhöhte dies bei Miss Manson noch die Eleganz und die seriöse Fraulichkeit, die sie so gekonnt an den Tag legte.

Tony bat sie, Platz zu nehmen.

Sie setzte sich in den Besuchersessel und schlug die langen makellosen Beine übereinander. Ihr blondes Haar war kunstvoll frisiert und umrahmte ihr ausdrucksstarkes Gesicht wie eine modische Haube.

Sie war verlegen und befangen, und wusste nicht, wie sie beginnen sollte, das merkte Tony sofort.

Er versuchte ihr zu helfen.

»Was führt Sie zu mir, Miss Manson? Der Einbruch von vorgestern Nacht?«

Die Lehrerin nickte kaum merklich.

»Ich wäre wahrscheinlich nicht zu Ihnen gekommen, wenn Leonard Shatner die Sache überlebt hätte«, sagte Miss Manson aufrichtig. Sie schaute Tony nicht an und kramte in ihrer Handtasche herum. Es war offensichtlich eine Geste der Verlegenheit. Mit vor Aufregung zitternden Fingern führte sie eine Zigarette an den dezent geschminkten Mund.

Tony Ballard gab ihr Feuer.

Sie rauchte übernervös.

»Der Schritt zu Ihnen ist mir nicht leicht gefallen, Inspektor.«

»Warum nicht?«

Sie zuckte verlegen die Achseln.

»Sagen wir, ich habe mir etwas sehr Peinliches zuschulden kommen lassen.«

»Darf ich erfahren, worum es hierbei geht?«

Miss Manson seufzte. Sie hob den Blick und schaute Ballard nun zum ersten Mal voll an. Sie schien entschlossen zu sein, auf sich zu nehmen, was sie zu tragen hatte. Selbst wenn die Bürde noch so schwer war.

»Sie kennen Matt Craner«, sagte sie mit tonloser Stimme.

Tony nickte.

»Allerdings.«

Die Lehrerin zog nervös an ihrer Zigarette.

»Darf ich von Ihnen größtmögliche Diskretion erwarten, Inspektor?«, fragte sie vorsichtig.

»Selbstverständlich, Miss Manson. Was Sie mir erzählen, wird diesen Raum ohne Ihre ausdrückliche Erlaubnis nicht verlassen.«

Susan Manson atmete sichtlich erleichtert auf.

»Den Mitgliedern des Lehrkörpers ist es strengstens untersagt, untereinander intime Beziehungen zu unterhalten, Inspektor.«

Tony wusste bereits Bescheid. Er hatte schon bei seinem Besuch im Internat festgestellt, dass die Lehrerin für Matt Craner schwärmte.

»Matt und ich haben uns um dieses Verbot nicht gekümmert, Inspektor«, gestand nun Susan Manson niedergeschlagen. »Es war uns zwar von Anfang an klar, dass wir das Internat verlassen müssten, wenn man hinter unser Geheimnis käme, aber es war uns egal. Liebe kann man nicht auf diese nüchterne Weise unterbinden, verstehen Sie das?«

»Natürlich, Miss Manson.«

»In der vergangenen Nacht, als bei uns im Schloss eingebrochen wurde, befand ich mich wieder in Matts Zimmer. Als Sie gestern im Internat waren, konnte ich Ihnen das unmöglich vor den anderen sagen.«

»Ich verstehe.«

»Bestimmt hätte ich auch weiter geschwiegen, wenn der Pförtner nicht gestorben wäre. Nun liegt die Sache aber anders. Es handelt sich nicht bloß um einen Einbruch, bei dem Geld weggekommen ist. Es handelt sich um Mord. Aus diesem Grund ist es mir nicht mehr länger möglich zu schweigen.«

Tony beugte sich gespannt vor.

»Ich nehme an, Sie haben die beiden Einbrecher gesehen, Miss Manson?«

Die Lehrerin nickte bedächtig.

»So ist es.« Sie drückte die Zigarette nervös im Aschenbecher aus, der auf Tonys Schreibtisch stand. »Ich stand am Fenster - in Matt Craners Zimmer... Ich hoffe, Sie behalten das wirklich für sich, Inspektor.«

»Sie können sich ganz auf mich verlassen, Miss Manson. Es ist nicht meine Aufgabe, irgendjemanden Glück zu zerstören.«

Susan Manson schenkte dem Inspektor für diese Worte einen dankbaren, innigen Blick.

»Ich sah, wie die beiden das Schloss verließen«, erzählte die Lehrerin, nun schon mit festerer Stimme.

»Können Sie sie beschreiben?«, fragte Ballard interessiert.

»Sie waren beide groß. Es blitzte ziemlich stark und mehrmals kurz hintereinander. Deshalb konnte ich die beiden ganz deutlich sehen. Der eine - er war eine Spur schmaler als der andere und auch nicht ganz so groß - hatte ein Gesicht mit eingefallenen Wangen. Seine Backenknochen waren hoch angesetzt, wodurch die Augen in tiefen Höhlen zu ruhen schienen. Sein Haar war brandrot. Der andere wirkte kräftig. Er hatte fleischige Lider, wulstige Lippen und ein ausladendes Kinn. Er hatte große Hände mit dicken Fingern.«

Tony Ballard notierte sich beide Beschreibungen. Nun legte er den Kugelschreiber weg und lächelte.

»Sie scheinen eine ausgezeichnete Beobachtungsgabe zu haben, Miss Manson.«

»Ich bin noch nicht fertig, Inspektor«, sagte die Frau erregt.

»Gibt es noch einen Hinweis?«

»Ich bilde mir ein, den Mann mit den fleischigen Lidern schon mal gesehen zu haben, Inspektor.«

»Tatsächlich?«, fragte Ballard aufhorchend. »Wo?«

»Im Dorf. Wenn ich nicht irre, ist er mir im Kaufhaus aufgefallen. Er hatte unwahrscheinlich viele Lebensmittel eingekauft und stellte sich an der Kasse damit recht ungeschickt an. Die Kassiererin fragte ihn scherzhaft, ob er ein ganzes Kinderheim zu versorgen hätte. Er gab ihr eine schroffe Antwort und trachtete, das Kaufhaus so schnell wie möglich zu verlassen. Die Kassiererin sagte mir, dass er die alte Schmiede außerhalb des Dorfes gemietet hätte und nur einmal im Monat einkaufen komme.«

Tony rieb sich begeistert das Kinn.

Die alte Schmiede war ein gutes Versteck für die Diebe.

Da lag eine Lösung des Falles in der Luft. Ballard erhob sich schnell. Er bedankte sich bei der Lehrerin mit überschwänglichen Worten für die Aussage, machte sie aber gleichzeitig darauf aufmerksam, dass er sie noch würde bitten müssen, die beiden Kerle zu identifizieren.

Miss Manson erschrak.

»Aber... Sie haben mir doch versprochen...«

»Keine Sorge, Miss Manson. Mein Versprechen halte ich selbstverständlich. Sobald wir die beiden Kerle haben, bringen wir sie hierher. Es gibt in diesem Gebäude einen Raum, der über einen Trickspiegel verfügt. Sie wissen sicher, was das ist.«

Susan Manson nickte.

»Man kann von einer Seite durch ihn durchschauen, von der anderen sieht man jedoch nur sein Spiegelbild.«

»Stimmt genau, Miss Manson. Wir werden die Verbrecher also in diesen Raum führen, und Sie werden hinter dem Spiegel stehen. Dann können Sie die Männer in Ruhe identifizieren, ohne dass die beiden Sie sehen.«

Susan Manson schaute Tony trotzdem noch besorgt an.

»Brauchen Sie denn meine Aussage nicht, um die beiden Kerle zu überführen, Inspektor?«

»Natürlich wäre das der bessere Weg, Miss Manson. Da Sie aber anonym bleiben wollen, muss es mir genügen, wenn Sie die beiden schrägen Vögel identifizieren. Wenn ich erst mal sicher bin, dass wir die richtigen Brüder gefasst haben, kriege ich sie auch dazu, ein lückenloses Geständnis bei mir abzuliefern, verlassen Sie sich darauf.«

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Bob Kelly war gerade dabei, die Kartoffeln für das Mittagsmahl zu schälen, als es an der Tür klopfte.

»Nanu«, sagte er erstaunt. »Wer kann das sein?«

Mit misstrauischer Miene und zusammengekniffenen Augen erhob er sich. Dann begab er sich zur Tür und machte sie auf.

Entsetzt starrte er in die schwarze Mündung einer Pistole.

Doch er fing sich sofort wieder.

»He!«, protestierte er lautstark. »Was soll denn der Ballermann? Was wollen Sie von mir? Wer sind Sie?«

Tony Ballard trat unaufgefordert ein. Er schaute sich wachsam um. Der Rothaarige war nirgends zu sehen.

»Polizei!«, knurrte Tony. »Inspektor Ballard!«

»Polizei?«

»Sie haben gute Ohren.«

»Verdammt noch mal, ich habe nichts ausgefressen.«

»Wie heißen Sie?«

»Kelly.«

»Vorname?«

»Bob - äh - Robert. Aber alle Welt nennt mich Bob.«

»Dann will ich Sie auch so nennen«, sagte Tony Ballard grinsend.

»Hören Sie, was fällt ihnen ein, einfach in mein Haus einzudringen und mich mit Ihrer Waffe zu bedrohen? Ich werde mich beschweren.«

»Okay. Können wir gehen?«

»Wohin denn?«

»Zur Polizeistation. Da können Sie Ihre Beschwerde dann gleich persönlich abliefern. Wo ist der andere?«

»Welcher andere?«

»Der Rothaarige?«

»Hier wohnt kein Rothaariger. Wer hat Ihnen denn diesen Blödsinn erzählt? Ich wohne allein hier. Und es fällt mir nicht im Traum ein, mit Ihnen zu kommen. Haben Sie denn einen Haftbefehl gegen mich?«

»Noch nicht.«

Kelly grinste frech: »Na also.«

»Ich kann Sie festnehmen. Dazu brauche ich keinen Haftbefehl!«, sagte Tony Ballard scharf. »Ich würde Ihnen dringend raten, meiner Aufforderung Folge zu leisten.«

»Darf ich wenigstens wissen, was gegen mich vorliegt?«

»Sie stehen unter Mordverdacht.«

Bob Kelly lachte aus vollem Halse, doch dieses Lachen erreichte nicht seine Augen. So lustig fand er das nämlich gar nicht.

»Das wird ja immer schöner. Wen soll ich denn umgebracht haben?«

»Leonard Shatner, den Pförtner des Internats.«

Kelly kniff die Augen zusammen.

»Wer sagt das?«

»Jemand.«

»Ach, Sie meinen, jemand hat mich da gesehen?«

»Genau.«

»Das ist nicht möglich, ich war noch nie im Internat, Inspektor.«

Tony grinste schlau.

»Ich habe nicht behauptet, Sie hätten den Pförtner im Internat ermordet.«

Bob Kelly bemerkte entsetzt, dass er sich in diesem Moment verraten hatte. Verdammt, warum war er mit seinen Äußerungen nicht ein bisschen vorsichtiger gewesen? Es war wohl besser, nichts mehr zu sagen.

Ärgerlich ließ er sich von Ballard abführen. Der Inspektor befahl ihm, in den Thunderbird zu steigen.

»Versuchen Sie keine Tricks, Kelly!«, warnte er den Verbrecher. »Das würde die Sache nur noch verschlimmern.«

Widerspruchslos ließ sich Bob Kelly zur Polizeistation bringen. In seinem Kopf ging es drunter und drüber. Er nahm sich vor, so wenig wie möglich zu sagen. Er nahm sich vor, alles abzuleugnen, das man ihm an den Kopf warf.

Diesem Inspektor war es sicherlich unmöglich, ihm die Tat nachzuweisen. Er brauchte nur hart genug zu bleiben, dann musste ihn Ballard früher oder später wieder auf freien Fuß setzen.

Ballard führte den Verbrecher in sein Office.

Das erste Verhör dauerte eineinhalb Stunden. Kelly sagte in dieser Zeit so gut wie nichts. Er antwortete zwar auf alle Fragen, doch zumeist begnügte er sich mit der stereotypen Antwort: »Ich bin unschuldig.« Manchmal sagte er auch:

»Sie bellen den falschen Baum an, Inspektor.«

Und wenn Ballard wissen wollte, wo der Rothaarige steckte, sagte Kelly eiskalt, dass er keinen Rothaarigen kenne.

Ballard hatte inzwischen Miss Manson anrufen lassen. Die Musiklehrerin traf eine halbe Stunde nach Beendigung des ersten Verhörs ein.

Der Inspektor ließ Kelly in das Zimmer bringen, von dem er Susan Manson erzählt hatte. Während sich Bob Kelly in diesem Raum befand, betraten Susan Manson und Tony Ballard den Nebenraum.

»Sehen Sie ihn sich in aller Ruhe an, Miss Manson«, riet Tony. »Wir wollen ganz sicher sein, dass er es ist.«

Die Lehrerin trat an das Glas.

Kelly betrachtete sich im Spiegel. Er strich sich die Haare aus der Stirn und fletschte die Zähne.

Susan Manson stand ihm genau gegenüber.

»Wo ist der andere, Inspektor?«, fragte sie.

»Er sagt, es gibt keinen anderen.«

»Doch, es gibt einen.«

»Sicher. Aber er leugnet es. Ist das nun einer von den beiden Einbrechern, die Sie vorgestern Nacht im Institut gesehen haben, Miss Manson?«

»Er ist es«, sagte Susan Manson mit einer Stimme, die jeden Irrtum ausschloss.

»Sind Sie ganz sicher?«

»So sicher, wie man nur sein kann, Inspektor. Wie heißt dieser Mann?«

»Bob Kelly.«

»Aha«, sagte die Lehrerin und wandte sich von dem durchsichtigen Spiegel ab. »Was werden Sie nun mit ihm machen?«

»Verhören, verhören, verhören. Irgendwann wird er schlappmachen. Dann hab ich ihn.«

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Kelly leugnete hartnäckig weiter. Einen Rothaarigen hatte er niemals gekannt. Noch nie in seinem Leben hatte er seinen Fuß in das Internat gesetzt. Und ein Pförtner namens Leonard Shatner sei ihm völlig unbekannt.

Und im Übrigen sei er unschuldig wie ein Neugeborenes, und er könne sich nicht erklären, wie der Inspektor ausgerechnet auf ihn verfallen sei.

Der Abend kam.

Kelly war erschöpft. Aber er hatte noch nicht aufgegeben. Tony Ballard hatte ihn von anderen Beamten verhören lassen. Sie hatten jedoch ebenso wenig aus Kelly herausbekommen wie der Inspektor.

Als es dunkel wurde, ließ Tony den Hartnäckigen in seine Zelle zurückbringen. Da hockte Kelly dann auf seiner Pritsche, mit dem Rücken an die Wand gelehnt, und er grinste, mit sich zufrieden, höhnisch vor sich hin.

Nichts können sie dir anhaben!, dachte er begeistert. Gar nichts können sie dir anhaben. Sie müssten dir beweisen können, dass du im Schloss warst. Aber das können sie nicht. Deshalb sind sie auf dein Geständnis angewiesen.

Und darauf können sie lange warten.

So lange, bis sie schwarz werden.

Das Grinsen verstärkte sich in Kellys Gesicht. Nein, er hatte nichts zu befürchten. Sehr bald schon würden sich alle Türen dieses verfluchten Hauses vor ihm auftun, und er konnte seiner Wege gehen.

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Dumpf und düster lag die Nacht über der alten, verlassenen Schmiede. Wie in jeder Nacht, stiegen wieder die bizarr geformten Nebelschwaden aus dem Moor. Der Mond erhellte mit seinem kalten Licht die Gegend.

Irgendwo schrie ein Käuzchen, als wollte es die Toten aus den Gräbern rufen.

Und tatsächlich schien das Käuzchen mit seinem unheimlichen Ruf Erfolg zu haben.

Da, wo Cliff Dickinson begraben war, begann sich das dunkle, von Kelly festgetretenes Erdreich zu bewegen.

Durch den Biss des Vampirs war Dickinson zu einem Untoten geworden, der im Reich der Schatten - selbst zum grausamen, blutrünstigen Vampir geworden - weiterlebte.

Das Erdreich schien zu brodeln.

Es bewegte sich, als würden mehrere Maulwürfe darin herumkriechen.

Zwischen den Erdkrümeln stieg gelblicher Rauch hoch.

Höher und höher stieg die dichte Wolke, bis sie die Größe eines Menschen erreicht hatte. Nun begann sie sich zu formen, wurde zu einem menschenähnlichen Gebilde, wurde zu einem Menschen, wurde zu Cliff Dickinson.

Hoch aufgerichtet stand Dickinson über seinem Grab.

Sein Gesicht war leichenblass. Aus dem Mund, den zwei graue Lippen bildeten, ragten die langen, dolchartigen Eckzähne. Der Blick des Mannes war durchdringend, hatte hypnotische Kraft und musste jeden Menschen zu Tode erschrecken.

Die Gier nach Blut funkelte in seinen bösen Augen. Er wusste, wo er sich welches holen konnte.

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Kelly saß immer noch auf seiner Pritsche. Die Polizisten hatten ihm so arg zugesetzt, dass er nun nicht einschlafen konnte. Er hatte es mehrmals versucht, hatte sich hingelegt, hatte sich zu entspannen versucht. Nichts hatte genützt. Nun war es Mitternacht, und er konnte immer noch nicht einschlafen.

Er war darüber wütend, denn die Schlaflosigkeit unterhöhlte unweigerlich seine Widerstandskraft. Und gerade die brauchte er, wenn er den Nervenkrieg gegen die Polizisten für sich entscheiden wollte.

Ärgerlich blickte er zum vergitterten Fenster hoch, und er wünschte sich, wenigstens ein paar Stunden schlafen zu können.

Da begann die Luft vor der Tür mit einem Mal auf eine seltsame Weise zu flimmern. Gleichzeitig war ein leises Brausen zu hören. Die Luft begann zu fluoreszieren. Etwas schien sich in diesem Augenblick dort zu materialisieren.

Kelly beobachtete dieses unerklärliche Schauspiel mit furchtgeweiteten Augen. Er presste sich ängstlich gegen die kalte Wand und biss sich in die Unterlippe.

Was war das für eine Erscheinung, die sich in seiner Gefängniszelle bildete? Wodurch kam es dazu? Was wollte diese Erscheinung von ihm?

Kelly hielt den Atem an.

Unheimlich kalt wurde ihm plötzlich.

Die Kälte strömte von dieser Erscheinung zu ihm herüber.

Nun hatte sie fast zur Gänze Gestalt angenommen.

Kellys Herz klopfte wie verrückt in seiner Brust. Verwirrt schaute er auf die Erscheinung, konnte nicht begreifen, was er sah, dachte an eine Halluzination, an einen üblen Streich, den ihm seine Nerven in diesem schaurigen Augenblick spielten.

»Cliff!«, presste er erschüttert hervor.

Vor ihm stand Cliff Dickinson.

»Cliff, wie ist das möglich?«

Dickinson kam mit einem seltsamen, Furcht erregenden Lächeln auf Kelly zu.

»Du bist doch tot, Cliff! Ich habe dich doch selbst begra... Cliff, was willst du hier? Was hast du vor? Warum siehst du mich so seltsam an? Was willst du, Cliff? Komm keinen Schritt näher! Ich brülle um Hilfe, wenn du noch einen Schritt näher kommst!«

Die grauen Lippen wanderten langsam nach oben. Sie entblößten das Furcht erregende Gebiss des Vampirs.

Kelly stieß einen wahnsinnigen Angstschrei aus, Dickinson stürzte sich auf ihn. Kelly schlug verzweifelt um sich, doch Dickinson hatte übernatürliche Kräfte, denen sich Kelly nicht widersetzen konnte.

Weit riss der Vampir seinen Mund auf.

Mit einem gierigen Feuer in den Augen biss er zu.

Ein glühender Schmerz durchraste Kellys Hals. Er brüllte bis zuletzt, doch der Vampir kannte keine Gnade.

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Man holte Tony Ballard aus dem Bett. Kellys Gesicht war teigig und selbst im Tod noch von einem panischen Schrecken verzerrt.

Niemand konnte sich erklären, wieso Kelly tot war. Er hatte sich in Einzelhaft befunden. In einer abgeschlossenen Zelle. Man hatte den Zellentrakt routinemäßig überwacht, hatte nach Kellys Tod die Tür genau untersucht, aber nichts gefunden, was darauf hätte schließen lassen, dass sich eine Person unerlaubten Eintritt in Kellys Zelle verschafft hatte, um ihn zu ermorden.

Man stand vor einem Rätsel.

Der Polizeiarzt kam. Er untersuchte den Toten und zeigte dem Inspektor die Bisswunden an Bob Kellys Hals.

»Wenn es nicht so verrückt wäre, würde ich sagen, dass dieser Mann das Opfer eines Vampirs geworden ist«, sagte der Mann mit dem fahlen Gesicht und dem dünnen Oberlippenbart.

»Das Opfer eines Vampirs...«, sagte Tony Ballard nachdenklich, während er den Polizeiarzt anschaute.

Seine Gedanken begannen ganz von selbst zu kombinieren. Er musste an den Schrumpfkopf im Schloss denken, der einst in normaler Größe auf den Schultern eines Mannes namens Christopher Hood gesessen hatte.

Und diesem Mann sagte man nach, dass er ein Vampir gewesen war.

Das Glas der Vitrine war zu Bruch gegangen. Im Labor war inzwischen einwandfrei festgestellt worden, dass an den Glaszacken das Blut von einem der beiden Einbrecher haftete.

Tony Ballard fragte sich allen Ernstes, ob es hier einen Zusammenhang gab. Dem Polizeiarzt gegenüber erwähnte er nichts davon. Auch seinen Kollegen gegenüber verschwieg er diese Gedanken. Er wollte erst Gewissheit haben, ehe er mit einer solchen Geschichte, mit der man sich leicht lächerlich machen konnte, an die Öffentlichkeit trat.

Noch in der Nacht wurde Kellys Leichnam ins Leichenschauhaus gebracht. Der Mann, der dort Dienst tat, hieß Bob Newman. Ballard konnte den Angestellten gut leiden. Der Mann war stets gut gelaunt und niemals ungefällig, obwohl sein Job nichts Erheiterndes an sich hatte.

Ballard blieben noch einige wenig Stunden Nachtruhe. Er nützte sie, kam, am nächsten Morgen halbwegs ausgeruht in sein Büro, trieb da zwei Beamte auf und fuhr mit diesen zur alten Schmiede hinaus, um das Haus gründlich auf den Kopf zu stellen.

Sie suchten die Beute, die die beiden Einbrecher gemacht hatten.

Zwei Stunden später hatten sie sie gefunden. Auch die Goldmünzen fielen den Polizisten in die Hände. Ein Erfolg auf der ganzen Linie.

Blieben nur noch zwei Fragen zu klären.

Frage eins: Wo war der rothaarige Einbrecher hingekommen?

Frage zwei: Wer hatte Bob Kelly ermordet?

Tony wusste, dass er sich an diesen beiden Fragen die Zähne ausbeißen würde. Trotzdem entschied er sich mit einer Verbissenheit, die ihresgleichen suchen konnte, dafür, den geheimnisvollen Vorgängen nachzugehen.

Wenn es in diesem Dorf oder in seiner unmittelbaren Umgebung neuerdings einen Vampir geben sollte, dann wollte Tony Ballard ihn aufspüren, ihn stellen und ihn vernichten!

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Rob Newman hatte ein braunes Gesicht, braune Augen, und er trug zumeist einen braunen Tweedanzug, über den er einen weißen Arztkittel streifte, wenn er im Leichenschauhaus zu tun hatte. Newman war vierzig. Er hatte die Nase eines Raubvogels und in den Augen manchmal einen scheuen Ausdruck, obwohl Newman alles andere als furchtsam war. Über den Ohren sah man eine graue Strähne, auf die er mächtig stolz war. Wenn er sprach, sprach er mit einer angenehmen Baritonstimme.

Als man Bob Kelly bei ihm abgeliefert hatte, als man ihm erzählt hatte, auf welch geheimnisvolle Weise der Mann ums Leben gekommen war, stand für Rob Newman eines fest: Kelly musste sterben!

Jawohl! Kelly musste sterben! Denn Kelly war nicht tot!

Er war von einem Vampir angefallen worden und würde die Menschheit als Untoter unglücklich machen. Newman hatte sich in seiner Freizeit viel mit Vampiren und Dämonen befasst. Er hatte dicke Wälzer gelesen. Fachliteratur aus aller Herren Länder. Deshalb wusste Newman, dass Kelly irgendwann in den kommenden Nächten zu neuem furchtbarem Leben erwachen würde, um Menschen zu jagen und ihr Blut zu trinken.

Dazu durfte es nicht kommen.

Deshalb entschloss sich Rob Newman, das Opfer des Vampirs zu vernichten.

Im Laufe des Vormittags spitzte er einen hölzernen Pfahl zu, denn er wusste, dass man Vampire nur töten konnte, wenn man ihnen einen solchen Pfahl durchs Herz stieß.

Als Newman seine Vorbereitungen getroffen hatte, begab er sich in die nahe gelegene Kirche, um da ein kurzes Gebet zu verrichten. Er bat um den Sieg über den Untoten. An Leib und Seele durch das Gebet gestärkt, verließ er die Kirche.

Details

Seiten
700
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783738923872
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v451906
Schlagworte
horror-serie tony ballard sechs romane

Autor

Zurück

Titel: Horror-Serie Tony Ballard - Sechs Romane 1