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Horror-Serie Tony Ballard - Sechs Romane 2

2018 700 Seiten

Leseprobe

Horror-Serie Tony Ballard - Sechs Romane 2

A. F. Morland

Published by BEKKERpublishing, 2018.

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Impressum

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Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by A. F. Morland

Cover-Gestaltung: Christian Dörge.

Cover-Illustration: Elena Schweitzer/123rf.

© dieser Ausgabe 2018 by Apex-Verlag (München) / CassiopeiaPress (Lengerich) / Edition Bärenklau (Oberkrämer).

www.apex-verlag.de (Kontakt: webmaster@apex-verlag.de)

www.AlfredBekker.de (Kontakt: postmaster@alfredbekker.de)

www.editionbarenklau.de (Kontakt: edition.baerenklau@gmail.com)

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Klappentext

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Es wäre alles anders gekommen, wenn Edward Tagger eine halbe Stunde länger bei seinen Freunden geblieben wäre. Aber es hatte ihn plötzlich zum Aufbruch gedrängt, er hatte genug vom Rauch und vom Whisky gehabt und war schläfrig geworden. Er sehnte sich nach seinem Bett, verließ die Freunde, die ihn belächelten, weil er der erste war, der für diese Nacht die Segel strich. Er setzte sich in ein Taxi, ließ sich quer durch New York fahren und betrat um Mitternacht das Haus, in dem er wohnte.

Immer noch beschwipst trat er an die Fahrstuhltür.

Er legte den Daumen auf den Rufknopf. Irgendwo begann die Liftmaschine zu summen. Der Fahrkorb sank von oben herab.

Tagger verfolgte die wechselnden Lichter der Etagenanzeige. Augenblicke später hatte der Fahrstuhl das Erdgeschoss erreicht...

Im August 1974 erschien – damals noch innerhalb der Reihe Gespenster-Krimi – mit dem Roman Die Höllenbrut das erste Abenteuer des Dämonenjägers Tony Ballard aus der Feder von A. F. Morland: der Auftakt einer Erfolgsgeschichte und Start einer der langlebigsten Horror-Serien des deutschen Heftromans. Nach 67 Romanen startete im Oktober 1982 schließlich die eigenständige Tony-Ballard-Serie (mit dem Band Wenn sie aus den Gräbern steigen...), und bis heute erscheinen regelmäßig neue Abenteuer des Dämonenhassers.

Die Verlage Apex, CassiopeiaPress und Edition Bärenklau veröffentlichen nun erstmals sämtliche Romane dieser Serie als durchgesehene Neuausgaben (und in chronologischer Reihenfolge) im Hardcover-Format: Fahrstuhl in die Hölle enthält neben dem titelgebenden Band die Romane Die Rache des Todesvogels, Das Bildnis des Samurai, Die Rückkehr des Samurai, Der Geist der Serengeti sowie Duell mit dem Satan.

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Die Rache des Todesvogels

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(Deutsche Erstveröffentlichung als Gespenster-Krimi Band 91 - 10. Juni 1975)

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Dumpf hallten die Todestrommeln über die weite blanke Fläche des Ozeans.

Schwarz wie Kohlen glänzten die Körper der Eingeborenen, die ihre Einbäume mit kräftigen Ruderschlägen dem kleinen Atoll entgegentrieben.

Die Gesichter der Männer waren verschlossen, ihre Augen drückten Furcht aus.

Drei Boote waren unterwegs.

In jenem, das in der Mitte fuhr, lag der nackte Körper eines weißen Mannes, den die Maoris zum Atoll schaffen mussten.

Der Mann war tot. Er war von den Eingeborenen getötet worden, als ihn die Lepra befallen hatte. Sie töteten jeden, der von dieser unheilbaren Krankheit angegriffen wurde. Ausnahmslos. Auch die eigenen Familienangehörigen. Sie töteten sie, weil sie keine andere Wahl hatten. Isolierstationen gab es auf ihren Inseln keine. Sie waren ihre eigene Gesundheitspolizei. Und wenn der Medizinmann an einem der ihren Lepra entdeckte, dann wurde das Todesurteil über ihn gefällt.

Mit regelmäßigen Schlägen hämmerte ein dicker Eingeborener auf die beiden Trommeln, die er zwischen die Knie geklemmt hatte.

Jeder Schlag legte sich dröhnend auf die kristallklaren Fluten der See.

Hin und wieder durchschnitten die scharfen Rückenflossen von Haien das glatte Wasser.

Die gefährlichen Mörder kamen bis dicht an die Boote der Eingeborenen heran. Ihre kalten Augen lauerten auf die Beute, die sie zerreißen würden, sobald eines der Boote kenterte. Doch das geschah höchst selten.

Wie Torpedos schossen die Einbäume an den gefährlichen Korallenriffen vorüber.

Augenblicke später knirschte unter ihren glatten Bäuchen der Sand des Ufers.

Die Maoris hatten ihr Ziel erreicht.

Sie kletterten aus den Booten, griffen nach dem weißen Leichnam und schleppten ihn den Sandstrand hoch.

Sie legten ihn vor einem hässlichen hölzernen Totem ab.

Überall lagen ausgebleichte menschliche Skelette herum.

Auf den Klippen begannen die Mördermöwen zu kreischen.

Die Eingeborenen suchten mit ängstlichen Augen den azurblauen Himmel ab.

Plötzlich schrie einer von ihnen erschrocken auf. Er zeigte auf die rauschenden Baumwipfel. Seine Freunde ließen den Toten unverzüglich los. Heisere Angstschreie ausstoßend rannten die Maoris zu ihren Booten zurück.

Sie sprangen in die Einbäume.

Jeweils einer schob die Boote ins Wasser zurück. Die anderen begannen hektisch zu rudern.

Es sah nach überstürzter Flucht aus. Über den mächtigen Baumwipfeln kreiste ein großer schwarzer Geier.

Seine Flügelspannweite war beeindruckend. Er peitschte die Luft und flog mit majestätischen Bewegungen zum Strand hinunter.

Als er den Leichnam erblickte, streckte er seine scharfen Krallen vor. Dann fiel er aus der Luft herab, wie ein Stein.

Reiche Beute wartete auf ihn...

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2

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Das kräftige Tier wandte den hässlichen Schädel. Es schaute den fliehenden Eingeborenen nach. Die Schwarzen klatschten in rasender Eile ihre Ruder ins Wasser.

Schnell wurden ihre Einbäume kleiner.

Bald waren sie nicht mehr zu sehen.

Der Geier riss seinen scharfen Schnabel auf und stieß krächzende Schreie aus. Es klang wie ein triumphierendes Hohngelächter.

Plötzlich geschah etwas Unvorstellbares. Der Kopf des Vogels begann auf unerklärliche Weise zu wachsen.

Der Schnabel bildete sich zurück. Die stechenden Mörderaugen blieben. Aus den Federn wurden Haare. Aus dem Schädel wurde ein menschlicher Kopf.

Der Kopf eines Mannes. Auf dem Körper eines kraftstrotzenden Geiers.

Es sah Grauenerregend aus.

Das seltsame Tier sprang von dem Leichnam herunter.

Er stelzte einmal um ihn herum. Da kamen die Mördermöwen. Sie wollten das Fleisch des Toten haben. Doch der Todesvogel machte es ihnen streitig.

»Weg da!«, schrie er wütend. Und er schlug mit den Flügeln. Der Sand wurde aufgewirbelt und flog auf den weißhäutigen Toten. »Weg da! Der gehört mir!«, brüllte der Blutgeier.

Die Möwen versuchten trotzdem, an den Toten heranzukommen. Ein erbitterter Kampf entbrannte.

Der Geier flog zornig auf.

Er packte mitten in die helle Vogelwolke hinein und tötete mehrere Möwen mit seinen Fängen.

»Weg!«, schrie er immer wieder.

»Weg! Lasst ihn mir! Er gehört mir! Nur mir!«

Dann stieß er zum zweitenmal auf den Toten herab.

Er schlug dem Leichnam noch einmal seine Fänge in den Leib.

Dann hob er sich mit schweren Schwingenschlägen in die Lüfte. Den Toten nahm er mit.

Er flog mit ihr über die Palmenwipfel und brachte ihn an einen Ort, wohin die Möwen ihm nicht folgen würden.

Hier legte er ihn auf einem hölzernen Altar ab.

»Er gehört mir!«, krächzte das schreckliche Tier. »Mir allein! Ich brauche ihn. All die Jahre habe ich auf ihn gewartet. Er darf nicht das Opfer der Mördermöwen werden. Ich habe Pläne mit ihm. Große Pläne.«

Kreischend schlug der Blutgeier die Luft mit seinen Flügeln.

Dabei richtete er sich zu seiner vollen Größe auf.

Seine Federn lösten sich am Körper auf.

Er nahm menschliche Gestalt an.

Hoch gewachsen und hager stand er nun vor dem weißen Leichnam. Sein Gesicht war sonnengebräunt. Er hatte fettschwarzes Haar und trug schwarze Kleider.

Hinter ihm befand sich eine mit Sorgfalt errichtete Bambushütte.

Hier wohnte dieser geheimnisvolle Mann, dem es möglich war, sich jederzeit in einen kräftigen Geier zu verwandeln.

Sein gieriger Blick war auf den Toten gerichtet.

»Endlich ein Weißer!«, sagte er heiser. »Sie brachten immer nur Schwarze auf die Insel. Ich hatte so sehr gehofft, dass sie einmal einen Weißen bringen würden. Nun ist er da. Er wird mir untertan sein. Er wird mir helfen, meine Pläne zu verwirklichen.«

Der unheimliche Mann verschwand in der Hütte. Er kam mit einem kleinen schwarzen Fläschchen zurück.

Den Inhalt goss er in eine Kokosnussschale.

Die Flüssigkeit begann sofort zu brodeln. Sie dampfte auf, wurde zu gelbgrünen Schwaden, stieg aus der Kokosnussschale heraus und formte sich zu einem bleichen Totenkopf.

Der unheimliche Mann sank ehrfürchtig auf die Knie.

»Paco Benitez!«, stieß er untertänig hervor.

Der Totenschädel klappten die Kiefer auseinander. Eine hallende Stimme fragte: »Was willst du von mir, mein Sohn?«

»Ja«, sagte der Mann mit gesenktem Haupt. »Ich bin dein Sohn. Dein leiblicher Sohn. Vater! Ich will Rache nehmen! Ich will deinen Tod rächen. Ich will jenen Mann bestrafen, der dir im fernen Spanien das Leben genommen hat. All die Jahre habe ich auf diese Möglichkeit gewartet. Ich werde diesen Mann hierher auf meine Insel locken. Hier soll er sterben. Hier soll er für das büßen, was er dir angetan hat.«

»Dieser Mann ist sehr gefährlich, mein Sohn!«, sagte Paco Benitez, der Geist.

Sein Sohn trug den gleichen Namen wie er.

»Ich bin gefährlicher.«

»Der Engländer ist verflucht schlau!«

»Ich bin schlauer als Tony Ballard, Vater!«

»Das musst du erst beweisen!«, sagte der bleiche Totenschädel.

Der schwarz gekleidete Mann nickte grimmig.

»Ich werde es beweisen, Vater. Ich werde beweisen, dass ich diesem Mann in jeder Hinsicht überlegen bin. Er wird durch mich, deinen Sohn, sterben. Er hat den Tod verdient. Er wird ihn von mir bekommen, Vater. Aber dazu brauche ich deine Hilfe.«

»Ich kann dir nicht helfen!«, knurrte der schwebende Totenschädel. »Doch, Vater. Du kannst.«

»Wie?«

»Erwecke diesen Mann hier zu neuem Leben, Vater.«

»Wozu?«

»Er soll mir helfen, Tony Ballard hier herzulocken.«

»Das schafft er nie.«

»Er wird es schaffen. Höre meinen Plan, Vater!«

Und der Unheimliche erzählte dem bleichen Totenschädel, wie er sich die gesamte Aktion bis ins kleinste Detail überlegt hatte.

»Ich hatte viel Zeit, diesen Plan auszuarbeiten«, fügte er abschließend hinzu. »Denn ich musste auf den Leichnam eines Weißen warten. Jetzt haben mir die Maoris einen toten Weißen gebracht. Nun kann ich meinen Plan in die Tat umsetzen. Erwecke diesen Mann zu neuem Leben, Vater. Du kannst es. Du bist immer noch mächtig. Ich werde mit seiner Hilfe deinen Tod rächen. Und dann werde ich dein Werk fortsetzen. Du wolltest das Böse über die Welt bringen, wolltest die Welt beherrschen. Das will ich auch. Du hast es nicht geschafft, weil dieser Ballard deine Pläne zunichte machte. Deshalb wird Ballard sterben. Und dann werde ich da weitermachen, wo du aufgehört hast, Vater.«

»Du bist mein Sohn!«, sagte des Dämons hallende Stimme voll stolz. »Wecke den Toten, Vater!«

»Ja, mein Sohn. Ich werde es tun. Für dich. Für mich. Für uns. Und für unsere Sache. Er soll leben. Er soll zu deinem willenlosen Werkzeug werden. Er soll dir bedingungslos gehorchen und soll dir zum Sieg über Tony Ballard verhelfen!«

Der Totenschädel löste sich wieder in tanzende Schwaden auf.

Diese Schwaden krochen über den Leichnam und zu dessen Kopf hoch.

Der leibliche Paco Benitez trat an den Toten. Er griff nach dessen Gesicht und drückte seinen Unterkiefer nach unten.

Sein Mund klaffte auf.

Die Schwaden sanken wie eine böse Seele in den Hals des Mannes. Sie sickerten in seine Brust und entfachten dort ein neues Leben. Eines, das von nun an von Paco, dem Menschendämon, abhängig war.

Der unheimliche Mann schloss die stechenden Augen. Er sprach unverständlich gemurmelte Worte, berührte mit seinen Händen den Toten und wartete, wartete, bis der Tote sich zu regen begann.

Da schlug der Leichnam die Augen auf.

Ein tiefer Atemzug hob gleichzeitig seine Brust. Benitez stieß einen begeisterten Schrei aus. »Danke, Vater! Hab Dank! Du hast ihn mir gegeben! Ich werde ihn in unserem Sinne verwenden. Er wird böse Dinge tun! Er wird sich unser würdig erweisen. Wir haben mit ihm die richtige Wahl getroffen!«

Der Unheimliche stieß ein irres Gelächter aus.

Mit einem jähen Ruck setzte sich der Tote auf. Nirgendwo waren mehr Spuren der Lepra zu erblicken. Davon war er nun geheilt.

Der Mann war groß und kräftig.

Er hatte einen kantigen Schädel, dunkelbraunes Haar, harte Lippen und einen durchdringenden Blick, der dem von Paco Benitez ähnelte.

»Von den Toten wieder auferstanden!«, kicherte Benitez. »Das war bisher kaum einem gegönnt!«

»Wo bin ich?«, fragte, der leichenblasse Mann.

»Du befindest dich auf meinem Atoll.«

»Wer bist du?«

»Ich bin Paco Benitez.«

»Wie komme ich hierher?«, fragte der Mann verschlafen.

»Kannst du dich nicht daran erinnern?«

»Nein.«

»Natürlich nicht.«

»Wieso sagst du – natürlich nicht?«

»Weil du tot warst, als sie dich hier herbrachten.«

»Ich war tot?«

»Ja, das warst du.«

»Wieso lebe ich jetzt wieder?«

»Weil ich dich zum Leben erweckt habe.«

»Das gibt es nicht.«

»Es gibt es doch. Ich kann es. Du siehst doch, dass ich das Kunststück zustande gebracht habe. Versuche dich an dein früheres Leben zurückzuerinnern.«

»Warum?«

»Weil ich es will. Sag mir deinen Namen.«

»Seth Bouchet.« Der Mann schaute Benitez misstrauisch an. »Wer hat mich hier hergebracht?«

»Die Maoris.«

»Wann?«

»Vorhin. Wie kamst du zu ihnen?«, wollte der Unheimliche wissen.

»Das weiß ich nicht mehr!«, sagte der lebende Tote.

»Belüge mich nicht!«, fauchte Benitez wütend. »Halte dir eines immer vor Augen. Du gehörst mir. Mit Haut und Haaren gehörst du mir. Du bist mein Geschöpf. Ich habe dich zum Leben erweckt. Ich kann dich jederzeit ins Reich der Toten zurückschicken.«

»Nein!«, schrie der Mann erschrocken auf. »Ich will leben!«

»Dann musst du mir Untertan sein!«

»Ja! Ja, das will ich!«, stöhnte der bleiche Mann ergeben.

»Wie kamst du zu den Maoris?«, fragte Paco Benitez noch einmal.

»Ich... ich habe zwei Männer umgebracht«, erzählte der Mann heiser.

Benitez lachte grell.

»Hast du das gehört, Vater?«, schrie er begeistert. »Hast du das gehört? Er ist ein Mörder. Ein zweifacher Mörder. Seine Seele ist schlecht. Er ist genau der richtige Mann für uns!« Zu Seth Bouchet gewandt sagte er in knappem, scharfem Ton: »Fahre fort!«

»Es geschah im Streit. Es waren zwei Weiße. Wir hatten ein Mädchen vergewaltigt. Eine Schwarze. Hinterher bekamen die beiden aber Angst. Sie wollten zur Polizei gehen. Sie wollten sich selbst anzeigen. Und mich natürlich auch. Ich wollte sie davon abhalten. Aber sie hörten nicht auf mich. Da drohte ich, sie umzubringen. Sie schlugen mich zusammen. Ich griff nach meinem Messer und schnitt ihnen die Kehlen durch!«

»Herrlich!«, schrie Benitez begeistert. »Wunderbar!«

»Aber ein alter Fischer hatte die Sache gesehen!«, erzählte Seth Bouchet weiter. »Er rannte sofort zur Polizei. Ich konnte ihn nicht daran hindern. Deshalb stahl ich ein Boot und floh aufs Meer. Ich wusste nicht, wohin ich fahren sollte, verließ mich ganz auf mein Glück. Tagelang war ich unterwegs. Ich hatte Hunger und Durst. Die Sonne brachte mein Gehirn zum Kochen. Ich wurde halb wahnsinnig. Irgendwann verlor ich das Bewusstsein. Als ich zu mir kam, war ich bei den Schwarzen. In einer ihrer Hütten. Ein hübsches Mädchen kümmerte sich um mich. Ich habe sie später zur Frau genommen und blieb bei den Eingeborenen, denn da war ich vor der Polizei sicher. Es ging mir gut bei den Schwarzen. Sie räumten mir in ihrer Mitte einen Ehrenplatz ein. Es gefiel mir sehr gut bei ihnen. Nur eines gefiel mir nicht. Sie hatten die Lepra auf der Insel. Ich hatte Angst, eines Tages auch von dieser verdammten Krankheit befallen zu werden. Und je mehr ich mich davor fürchtete, desto mehr glaubte ich, sie zu bekommen. Und plötzlich hatte ich sie wirklich. Sie holten mich zum Medizinmann. Er machte das Zeichen, das er immer dann machte, wenn sie einen Kranken töten sollten. Ich war verrückt vor Angst, als sie mich zu jenem Platz schleppten, wo sie die Todesurteile vollstreckten. Ich wehrte mich mit Händen und Füßen. Aber es waren zu viele. Ich brüllte. Ich wollte nicht sterben. Aber sie kennen nur diesen einen Schutz vor dieser furchtbaren Krankheit. Sie brachen mir mit einem Schlag das Genick...«

»Hinterher gingst du den Weg aller Leprakranken«, sagte Paco Benitez. »Sie brachten dich hierher, um dich auf diesem Atoll auszusetzen.«

»Ich werde alles tun, um nicht mehr sterben zu müssen!«, versprach Seth Bouchet.

»Gut«, sagte der Unheimliche. Und plötzlich verwandelte er sich vor den Augen des lebenden Toten in jenen Furcht erregenden Blutgeier, in dessen Gestalt er die Leprainsel beherrschte. Nur den menschlichen Kopf behielt er noch, denn er hatte dem Mann noch nicht alles gesagt, was zu besprechen war. »Ich habe all die schwarzen Leiber gefressen!«, schrie Benitez krächzend. »Alle Leichen, die sie mir brachten, habe ich vernichtet und verwüstet. Nur deinen habe ich geschont! Denn deine Hautfarbe ist weiß! Ich brauche einen Mann mit weißer Haut. Ich brauche deine Hilfe!«

»Ich werde alles tun. Wirklich alles!«, rief Seth Bouchet unterwürfig aus. »Sag mir, was ich tun soll! Sag es mir, Herr.«

»Du wirst nach England reisen!«

»Ja, Herr.«

»Du wirst in London zwei Männer anheuern...«

»Ja, Herr.«

»Ich werde dir genug Geld mitgeben. Du wirst also nach London fliegen, und wirst dir zwei Helfer besorgen.«

»Ja, Herr. Und dann? Was soll ich dann tun?«

Der Vogel schlug unruhig mit den schwarzen Flügeln.

»Bring mir Vicky Bonney!«, kreischte er. »Bring mir die Geliebte von Tony Ballard!«

Der lebende Tote sank vor dem unheimlichen Blutgeier zu Boden.

Er senkte den Kopf.

»Ja, Herr. Ich werde tun, was du mir befohlen hast. Ich werde dir Vicky Bonney bringen.«

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Ich warf mich in meinen weißen Peugeot 504. Aber ich ließ den Motor nicht sofort an.

Erst langte ich in die Innentasche meines Jacketts.

Beinahe ehrfürchtig zog ich sie heraus und betrachtete sie wie ein kleines Heiligtum.

Das war sie nun, meine Lizenz, um die ich angesucht hatte.

Nun war ich Privatdetektiv.

Das Kind hatte sozusagen einen Namen bekommen. Ich hatte in letzter Zeit irgendwie in der Luft gehangen.

Das kam daher, dass ich meinen Dienst bei der Polizei quittiert hatte und sozusagen in die Privatwirtschaft übergewechselt war.

Ich hatte mir ein Haus in London gekauft, und der steinreiche Industrielle Tucker Peckinpah hatte mir ein offenes Konto eingerichtet, um mich von allen finanziellen Sorgen zu befreien. Ich brauchte nur noch meinen Job zu tun.

Und dieser Job war: die Jagd auf Dämonen.

In aller Welt und in jeder Form. Die Totenliste wies Blutgeier, Vampire, Werwölfe und weiß der Teufel was noch alles auf. Ich hatte bisher gute Arbeit geleistet. Und ich wollte in dieser Richtung weitermachen, denn ich besaß etwas, das mich über den Durchschnitt meiner Kollegen hinaushob: einen Ring mit einem schwarzen Stein, dessen magische Kraft es mir ermöglichte, Geister und Dämonen empfindlich zu schlagen.

Nun blickte ich auf meine Detektivlizenz.

Ich hätte sie nicht unbedingt benötigt, aber ich wollte den Leuten, die mich nach meinem Beruf fragten, eine klare Antwort geben können.

Freudestrahlend steckte ich mein Kleinod wieder ein.

Dann ließ ich den Motor an und machte mich auf den Heimweg.

Vicky erwartete mich zum Mittagessen.

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Es läutete.

Vicky Bonney hob den Kopf. Sie hatte soeben die Teller auf den Tisch gestellt. Löffel, Gabel und Messer lagen daneben.

Es läutete erneut.

Vicky band schnell die Schürze ab und legte sie hastig fort.

Dann ging sie nach draußen.

Tony kann es nicht sein, dachte sie. Er hat Schlüssel. Er würde nicht läuten. Oder hat er die Schlüssel vergessen?

Sie warf einen kurzen Blick in den Wandspiegel, richtete das ohnedies gut sitzende Haar, straffte den ockerfarbenen, gut ausgefüllten Pulli kurz und griff dann nach der Türklinke, um zu öffnen.

Drei Männer standen vor ihr.

Dunkel gekleidet. Als kämen sie von einer Beerdigung.

Oder als wollten sie Vicky zu einer Beerdigung abholen.

Sie wirkten zwar elegant, aber seltsam steif.

»Miss Bonney?«, fragte der Mann in der Mitte. Er war groß und kräftig. Aber er hatte den Teint eines Toten.

»Ja?«, erwiderte Vicky misstrauisch. »Was kann ich für Sie tun?«

»Ich bin Inspektor Bouchet von Scotland Yard!«, sagte der Mann in der Mitte und wies sich aus. Er nannte auch die Namen der beiden anderen, doch Vicky vergaß sie sofort wieder.

»Sie wünschen, Inspektor Bouchet?«, fragte Vicky, während sie an den Braten auf dem Herd dachte. Er würde anbrennen, wenn sie nicht schnellstens in die Küche zurückkehrte.

»Ich muss Ihnen eine traurige Mitteilung machen, Miss Bonney...«

»Was ist passiert?«, fragte Vicky schnell.

»Mr. Ballard...«

»Ja? Ja?«

»Er... nun, er hatte einen Unfall...«

»Mit dem Wagen?«

»Ja, Miss Bonney.«

»Ist er schwer verletzt?«

»Er war besinnungslos, als man ihn ins Krankenhaus brachte...«

»Oh, Gott!«, stöhnte Vicky mit bleichen Wangen.

»Der Arzt meinte, es wäre gut, wenn Sie bei ihm wären, sobald er die Augen aufschlägt.«

»Natürlich!«, sagte Vicky hastig. »Ich komme sofort mit Ihnen! Einen kleinen Moment nur.«

Sie rannte wie von Furien gehetzt in die Küche, drehte das Gas ab, warf sich eine Wildlederjacke über die Schultern.

»Vielleicht wundert es Sie, dass wir vom Yard... ich meine, wir kommen zu dritt zu Ihnen, das muss Sie doch erschrecken«, sagte Seth Bouchet. »Aber es handelt sich hierbei leider um keinen gewöhnlichen Unfall, verstehen Sie?«

»Ein Verbrechen?«, fragte Vicky verwirrt. »Handelt es sich etwa um ein Verbrechen?«

»Es ist in der Tat so, Miss Bonney. Auf Mr. Ballard wurde geschossen.«

Vicky knickte in den Knien vor Schreck leicht ein.

Sie starrte den vermeintlichen Inspektor entgeistert an.

»Geschossen? Auf Tony wurde geschossen?«

»Wir suchen noch nach dem Täter. Wir dachten, vielleicht könnten Sie uns einen Tipp geben.«

Vicky erreichte mit den Männern einen schwarzen Wagen. Sie hob mutlos die Schultern.

»Ich kann mir nicht vorstellen, wer auf Tony schießt. Und auch nicht, warum! Ich sehe keinen Grund für eine solche Wahnsinnstat. Tony hat keine Feinde!«

»Wir haben alle Feinde, Miss Bonney!«, erwiderte Inspektor Bouchet und öffnete den Wagenschlag.

Die beiden seltsamen Sergeants nahmen das Mädchen in die Mitte. Bouchet klemmte sich hinter das Steuer. Sobald alle Türen verriegelt waren, sobald der Motor lief, ließen die Männer jedoch ihre Masken fallen.

Der Kerl, der rechts von Vicky saß, riss eine gefüllte Spritze aus der Tasche.

Der andere Ganove umklammerte sie blitzschnell.

Dann fuhr dem Mädchen die Kanüle in den Hals. Sie verlor schlagartig das Bewusstsein.

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Professor Lance Selby stand am Fenster.

Er hatte die drei Männer kommen gesehen. Sie waren ihm nicht ganz geheuer vorgekommen. Er prägte sich ihre Gesichter genau ein.

Der in der Mitte erschreckte Selby, den Parapsychologen, beinahe.

Dass ein Mann mit solch einem Gesicht überhaupt leben kann, dachte er verblüfft. Der sieht doch aus wie ein lebender Leichnam.

Interessiert schaute er zum Nachbarhaus hinüber. Die Männer klingelten.

Vicky Bonney öffnete ihnen kurz darauf. Sie redeten mit ihr, und Vicky machte ein verstörtes Gesicht.

Da stimmt etwas nicht!, dachte Selby.

Er schob den Vorhang zur Seite, um besser nach drüben linsen zu können.

Die Männer schienen Vicky zu umringen. Es hatte den Anschein, als wollten sie das Mädchen so unauffällig wie möglich zu jenem schwarzen Wagen bringen.

Unauffällig!

Mit solchen Gesichtern?

Der eine sah aus, als wäre er tot. Die beiden anderen hatten unverkennbar Verbrechervisagen. Dass Vicky auf diese Männer hereinfallen konnte, war dem Professor unvorstellbar.

Sie setzten Vicky in den Wagen.

Selby hielt es auf seinem Beobachterposten nicht mehr länger aus.

Er rannte aus dem Haus und sah in diesem Augenblick, wie sich die beiden Kerle im Fond auf Vicky warfen. Der eine umklammerte sie. Der andere jagte dem Mädchen eine Spritze in den Hals. Ihr Körper erschlaffte.

Nun brummte der Motor los.

Lance Selby handelte impulsiv – und falsch.

Er tat das Verrückteste, das er in einer solchen Situation tun konnte.

Er hetzte auf den schwarzen Wagen los.

Der Mann hinter dem Steuer sah, ihn kommen. Er trat mit grausam aufeinander gepressten Lippen das Gaspedal bis zum Anschlag durch. Dann ließ er blitzschnell die Kupplung kommen.

Der schwarze Wagen fegte mit kreischenden Pneus auf Selby zu.

Der Professor wollte sich mit einem wilden Satz zur Seite werfen, doch der Wagen war schneller da, als er reagieren konnte.

Selby hörte einen dumpfen Knall.

Ein Schmerz zerfetzte seine Körpermitte.

Er fühlte sich hochgewirbelt, spürte, wie er durch die Luft sauste, sah die Straße auf sich zurasen. Dann kam der schreckliche Aufprall.

Dann war es vorbei.

Der schwarze Wagen schoss um die nächste Ecke und verschwand, ehe noch jemand kapiert hatte, welcher Film hier eigentlich lief.

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Ich sah die Leute, als ich meinen Peugeot die Straße entlangrollen ließ. Sie umringten etwas. Zwischen ihren Beinen war der Körper eines Menschen zu erkennen.

Ich stoppte meine weiße Limousine und schälte mich aus dem Fahrzeug.

Obwohl ich noch keine Ahnung hatte, wer dort lag, befiel mich ein ekelhaftes Unbehagen. Ich drängte die Leute beiseite. Irgendjemand sagte mir, dass der Rettungsdienst bereits verständigt wäre. Jemand anders redete von Gangstern. Am helllichten Tag. In London. Eine Schweinerei ohnegleichen wäre das.

Dann war ich bei ihm.

Bei meinem Freund Lance Selby.

Als ich das Blut sah, in dem er lag, krampfte sich mein Herz zusammen.

Ich wollte von den Umstehenden erfahren, wie es passiert wäre, doch die Leute konnten mir nichts Genaues sagen.

Einer meinte: »Er ist von einem schwarzen Wagen angefahren worden.«

»Wer saß in dem Wagen?«, fragte ich hastig.

»Vier Männer. Oder drei Männer und eine Frau. So genau konnte ich das nicht erkennen. Es ging alles verdammt schnell. Der Wagen schoss wie ein Torpedo davon. Und dann lag Selby auch schon da.«

»Wieso lief Selby denn auf der Straße?«, fragte ich.

»Weiß ich doch nicht! Aber es hatte den Anschein, als wollte er den Wagen aufhalten.«

In mir explodierte etwas.

Selby hatte den schwarzen Wagen aufhalten wollen. Einen Wagen, in dem drei Männer und eine Frau gesessen hatten.

Wer war die Frau gewesen?

Vicky?

Es war nahe liegend, dass ich sofort an sie dachte. Immerhin lag Selby vor unserem Haus. Vicky wäre bestimmt herausgekommen, wenn sie sich noch im Haus befunden hätte.

Ich verließ die Menschengruppe.

Ihm konnte ich nicht helfen.

Ich wollte wissen, warum Vicky nicht hier draußen bei den anderen war.

Zitternd stieß ich mit dem Schlüssel nach dem Loch.

Atemlos schleuderte ich die Tür beiseite. Ich hetzte in unser Haus.

»Vicky!«, schrie ich. »Vicky!«

Sie antwortete nicht.

Da wusste ich, wer die Frau in jenem schwarzen Wagen gewesen war.

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Die Sache mit Lance Selby hatte schlimmer ausgesehen, als sie tatsächlich gewesen war. Das viele Blut war aus einer einzigen Platzwunde auf die Straße geflossen.

Ich war nun bei ihm im Krankenhaus.

Er saß im Bett. Kreidebleich, denn er hatte den Schock noch nicht überwunden.

Er hatte einiges abbekommen und zitterte wie ein Greis.

Aber er war bei klarem Verstand. Und der Arzt hatte gesagt, dass Lance nur ein, zwei Tage zur Beobachtung im Hospital bleiben sollte. Dann könne er wieder nach Hause gehen.

Wir waren allein in dem ungemütlich weißen Zimmer, in dem es wie überall im Krankenhaus penetrant nach Desinfektionsmitteln roch.

Vor dem Fenster wippte der grüne Ast einer Eiche auf und ab.

Der Wind würde Regen bringen, das stand fest.

Ich ließ mir von Lance erzählen, was passiert war.

Er fasste sich kurz und präzise.

Mir standen trotzdem die Haare zu Berge.

»Würdest du die Kerle wieder erkennen, Lance?«, fragte ich mit pochenden Schläfen.

»Ich denke schon«, erwiderte der Professor.

»Diese verfluchten Typen haben Vicky also regelrecht gekidnappt!«, presste ich gereizt hervor. »Warum? Kannst du mir verraten, warum sie das getan haben?«

»Wenn ich das könnte, könnte ich dir vermutlich auch gleich ihre Namen nennen, Tony.«

»Wie lautete das Kennzeichen ihres Wagens?«

»Du verlangst ein bisschen viel von einem einzelnen Mann«, grinste Selby verlegen. »Tut mir Leid, Tony. Damit kann ich dir nicht dienen.«

»War ja nur eine Frage, Lance. Nimm’s nicht so tragisch!«, knurrte ich verzweifelt.

»Es ging alles so schnell...«

»Hast du schon mal erlebt, dass jemand langsam gekidnappt wurde?«

»Ich habe überhaupt noch nie erlebt, dass jemand gekidnappt wurde, Tony. Ich kann ja verstehen, wie dir jetzt zumute ist. Aber ich kann dir nicht helfen. Beim besten Willen nicht. Ich mache mir genauso Sorgen, wenn ich daran denke, was diese Kerle mit Vicky alles anstellen können...«

»Tu mir den Gefallen und red nicht darüber, ja?«

»Okay, Tony.«

»Beschreibe die Männer. Aber genau.«

Selby fing mit dem großen, bleichen, kräftigen an.

Dann beschrieb er den zweiten und den dritten Mann.

Ich schnellte von dem weißen Stuhl hoch, auf dem ich gesessen hatte.

»Was hast du vor?«, fragte mich Lance.

»Ich bring dir die Fotos dieser Männer. Und du wirst mir sagen, ob sie es sind oder nicht, okay?«

»Ich werde mir die größte Mühe geben«, erwiderte Selby.

Ich ließ ihn mit seinen Bandagen und mit seinem Kummer allein.

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Sie brachten Vicky Bonney in das Lager einer Sargtischlerei.

WEGEN TODESFALLS VORÜBERGEHEND GESCHLOSSEN!, stand an der Tür.

Seth Bouchet hielt die Tür auf.

Willard Curry und Daniel Kopetzky schleppten die Ohnmächtige in die dunkle Halle.

»Wohin mit ihr?«, fragte Curry. Er hatte wasserhelle Augen, eine messerscharfe Nase und rötliche Brauen, die so buschig waren, dass sie ihm über die Augen hingen.

»Legt sie auf den Boden«, befahl Seth Bouchet.

Er war mit sich zufrieden.

Er hatte es nicht für möglich gehalten, nach dem Tod noch einmal zum Leben zu erwachen.

Während sich die beiden Ganoven mit Vicky Bonney befassten, schleppte Bouchet einen schweren Eichensarg herbei.

Er riss sich an einem Nagel die Haut auf. Aber kein Tropfen Blut drang aus der Wunde. Er starrte sie einige Sekunden lang an und sah zu, wie sie sich sofort wieder schloss.

Unverwundbar!

In seinem zweiten Leben war er unverwundbar.

»Was hast du mit der Kleinen vor?«, fragte Daniel Kopetzky. Er war polnischer Abstammung. Seine Ohren waren ein wenig deformiert. Er hatte früher mal recht gut geboxt.

Bouchet grinste.

»Ihr werdet es nie erraten. Ich werde sie in diesem Sarg aus England schmuggeln.«

»Wozu?«

»Ich habe meine Gründe.«

»Wohin bringst du sie?«, wollte Willard Curry wissen.

»Ihr seid zu neugierig, ihr beiden!«, knurrte Seth Bouchet ungehalten.

»Hör mal, was ist denn schon dabei, wenn du uns sagst, wohin du die Kleine bringst?«, meinte Curry. »Wir verpfeifen dich doch nicht. Wäre ja töricht von uns, wo wir dir bei der Entführung doch geholfen haben.«

Bouchet starrte auf das fahle Gesicht des Mädchens.

»Ich bringe sie weit fort.«

»Wieweit?«, fragte Kopetzky grinsend.

»In die Südsee.«

Curry lachte.

»Mann. Dann bringst du sie direkt ins Paradies.«

»Hawaii?«, fragte Kopetzky.

»Nein«, erwiderte der lebende Tote.

»Neuseeland?«

»Nein?«

»Tahiti?«

»Ja. Vorläufig bringe ich sie nach Tahiti.«

»Und dann?«

»Dann... dann werde ich weiter sehen.«

»Tust du das aus einem bestimmten Grund?«, fragte Willard Curry.

»Niemand tut etwas ohne Grund«, erwiderte Seth Bouchet. »Ihr zum Beispiel habt mir geholfen, weil ich euch einen Haufen Geld dafür gegeben habe.«

»Und du? Warum bist du nach London gekommen?«

»Ich habe den Auftrag, dieses Mädchen zu holen. Vicky Bonney ist die Freundin eines Mannes namens Tony Ballard. Der Kerl hat dem Vater meines Auftraggebers mal eins ausgewischt. Der Sohn möchte sich dafür nun revanchieren, versteht ihr? Nun soll ich ihm Vicky bringen. Ballard wird hinter seinem Mädchen herrennen und mitten in die für ihn bereitstehende Falle hineintappen.«.

»Aha«, machte Willard Curry zufrieden. »Jetzt weiß ich wenigstens, woran ich mitgearbeitet habe.«

Daniel Kopetzky musterte Bouchet von der Seite.

»Gestattest du mal eine indiskrete Frage, Kumpel?«

»Welche?«, fragte Bouchet.

»Du kommst doch geradewegs aus der Südsee, nicht wahr?«

»Allerdings.«

»Da brennt doch den ganzen Tag die Sonne vom Himmel.«

»Richtig.«

»Kannst du mir mal verraten, wie du es schaffst, derart leichenblass zu bleiben?«

Bouchet starrte den Verbrecher zornig an. Dann blickte er schnell zu Boden.

»Ich kann nicht braun werden. Niemals! Mit meiner Haut stimmt irgendetwas nicht. Aber das ist doch wohl mein Problem, oder?«

Kopetzky hob grinsend die Hände.

»Okay, okay. Ich wusste nicht, dass das dein wunder Punkt ist.«

Seth Bouchet klopfte auf den Sarg.

»Nehmt jetzt das Mädchen und legt es hierhinein!«

Kopetzky und Curry führten den Befehl unverzüglich aus.

»Dieser Mann in der Südsee...«, sagte Kopetzky neugierig. »Wie heißt der?«

»Paco Benitez.«

»Ein Spanier?«

»Ja.«

»Was kriegst du für diesen Coup?«, wollte Kopetzky wissen.

»Das geht dich nichts an!«, fauchte Bouchet ärgerlich. »Hör endlich auf, zu fragen. Ich kriege keinen Penny dafür.«

Kopetzky riss verblüfft die Augen auf.

»Mann, mach mich nicht schwach! Ist das dein Ernst? Du machst das gratis?«

»Das habe ich nicht gesagt.«

»Du sagtest, du kriegst keinen Penny dafür.«

»Das stimmt. Ich werde anders entlohnt.«

»Wie denn?«

»Hör endlich zu fragen auf!«, bellte nun Willard Curry. »Du siehst doch, dass es ihm unangenehm ist. Wenn er nicht darüber reden will, dann soll er es bleiben lassen. Hauptsache, bei uns stimmen die Kohlen.«

»Oja!«, kicherte Kopetzky. »Die stimmen wirklich.«

»Wenn ein anderer ‘n Idealist ist, ist das seine Sache«, meinte Curry. Er holte den Deckel, der auf den Sarg passte, in den sie Vicky gelegt hatten.

»Zuschrauben?«, fragte Kopetzky.

Bouchet nickte.

»Ja. Macht schnell. Ich will zum Flugplatz fahren.«

»Du wirst Papiere brauchen«, sagte Curry.

»Die habe ich schon.«

»Bist ein verdammt cleverer Junge!«, lachte Kopetzky anerkennend. Er begann so wie Curry, die Schrauben ins Holz zu drehen.

Sie waren schnell fertig.

»Und nun – ab nach Tahiti mit der Scheintoten!«, grinste Willard Curry. »Ich nehme an, du hast jemanden da, der dir weiterhilft?«

»Ich werde in Papeete erwartet«, sagte Seth Bouchet.

»Was ist Papeete?«, fragte Curry.

»Das ist der Haupthafen und die Hauptstadt von Tahiti«, erklärte Bouchet.

»Große Stadt?«

»Achtzehntausend Einwohner.«

»Ein Spucknapf also«, kicherte Kopetzky.

»Gemessen an London schon«, erwiderte Bouchet.

»Können wir den Sarg fortschaffen?«, fragte Willard Curry.

Seth Bouchet nickte.

Kopetzky und sein Freund trugen den Sarg aus dem Lager. Sie hatten einen gestohlenen Kombi im Hinterhof bereitgestellt. Darin verstauten sie den Eichensarg.

Sie fuhren mit Bouchet zum Flughafen.

Der Mann aus der Südsee gab ein Telegramm an einen Mann namens Federico Mondo auf Tahiti, Papeete, auf. Dann erledigte er die notwendigen Formalitäten, die unumgänglich waren. Seine hervorragenden Papiere öffneten ihm Tür und Tor. Er sagte, er wollte seine in London verstorbene Mutter nach Hause holen. Niemand hatte etwas dagegen.

Der Sarg wanderte auf das Fließband.

Bouchet kaufte sich ein Ticket.

Er verabschiedete sich von Willard Curry und Daniel Kopetzky.

Die beiden wussten, dass sie Bouchet nie mehr wiedersehen würden.

Aber sie waren deshalb nicht traurig. Im Gegenteil. Trotz des vielen Geldes, das ihnen dieser Mann für die lächerlich einfache Arbeit gegeben hatte, war er ihnen bis zuletzt irgendwie unheimlich geblieben.

Sie begrüßten es, dass sich diese Partnerschaft so schnell in Wohlgefallen auflöste.

Sie standen auf der Terrasse und winkten ihm nach, als er das Flugzeug bestieg.

Doch erst als der silberne Vogel in den Himmel hinaufschoss, wagten sie aufzuatmen, denn erst jetzt waren sie völlig sicher, dass der Coup ein gutes Ende genommen hatte.

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9

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Ich war im Yard ziemlich emsig gewesen.

Ich hatte meine diversen, zum Teil schon ein wenig eingeschlafenen Beziehungen spielen lassen und hatte deshalb früher als jeder andere Sterbliche mein Ziel erreicht.

Dann hatte ich volle zwei Stunden vor der Verbrecherkartei gehockt.

Ich hatte mehr Ganovengesichter gesehen, als mir lieb war.

Viermal hatte es in meinem Kopf geklingelt.

Viermal hatte ich Karten herausgefischt. Sie kamen in die engere Wahl, die jedoch nicht ich selbst treffen wollte.

Ich hatte die Beschreibung von Lance Selby noch genau im Gedächtnis. Nach seinen Angaben hatte ich meine Auswahl getroffen. Vier Dreierstreifen waren an meinen Fingern kleben geblieben. Lance wollte sich die Bilder nun genau ansehen und mir sagen, wer nun vor unserem Haus aufgetreten war.

Vom großen Bleichen fand ich kein Foto: Sie liehen mir die Bilder. Aber nur deshalb, weil ich selbst mal Polizeiinspektor gewesen war. Sonst hätten sie die Fotos nicht aus der Hand gegeben. Ich haftete mit meinem Kopf für die Unterlagen.

Vom Yard steuerte ich meinen Peugeot zum Krankenhaus zurück.

Lance Selby aß gerade Tee und Kuchen, als ich in sein Zimmer hineinplatzte.

Eine ausnehmend hübsche Krankenschwester war um sein Wohlbefinden besorgt.

Ich hatte kaum einen Blick für sie.

Ich hatte Angst um Vicky. Mich interessierten keine anderen Mädchen mehr.

Ich wollte nur Vicky zurückhaben.

Die Krankenschwester verschwand nach draußen, als ich sie darum bat. Dann nahm ich mir ein Stück Kuchen, denn ich hatte zu Mittag nichts gegessen.

Ich trank auch einen Schluck Tee, weil der Kuchen so trocken war.

Dann warf ich die Dreierstreifen auf die Bettdecke.

»Bist du satt?«, fragte mich Lance Selby grinsend.

»Satt nicht. Aber das Flimmern vor den Augen hat wenigstens aufgehört. Sieh dir die Bilder an. Sind deine Freunde dabei?«

Der Professor nickte zweimal.

Die beiden anderen Dreierstreifen schob er beiseite.

Ich griff nach den richtigen Gesichtern.

»Willard Curry!«, las ich. »Und Daniel Kopetzky.«

Selby nickte wieder.

»Das sind sie.«

»Bist du ganz sicher, Lance?«

»So sicher, wie ich weiß, dass Tony Ballard meinen Kuchen gegessen hat.«

»Mach jetzt keine Witze. Der Kuchen war ohnedies nicht gut.« Ich las. Dann sagte ich: »Außer Mord haben die beiden schon alles getan, was sich zu tun lohnt.«

»Was ist mit dem großen Bleichen?«, fragte Professor Selby.

»Kein Foto in der Kartei«, erwiderte ich. »Ich habe zumindest keines von ihm gefunden. Aber ich bin sicher, dass Curry und Kopetzky mir aus dieser Verlegenheit helfen können.«

»Hast du vor, die beiden allein aufzusuchen?«, fragte Selby erschrocken.

»Du möchtest doch nicht etwa mitkommen«, grinste ich. »In deinem Zustand kippst du doch sofort wieder um.«

»Du könntest, die Polizei einschalten.«

»Ich bin die Polizei!«, knurrte ich. »Seit heute, bin ich Privatdetektiv.«

»Mit Lizenz?«

»Natürlich mit. Und als solcher werde ich den beiden gleich mal verdammt kräftig auf die Zehen treten.«

»Sieh dich vor, Tony.«

»Mach ich. Und du sieh zu, dass du wieder hochkommst.«

»Wird schon werden«, gab Lance Selby zurück.

Er winkte ein wenig müde, als ich mit den Bilderstreifen sein Zimmer verließ.

Ich schickte ihm wieder die hübsche Krankenschwester hinein, damit er nicht so einsam war.

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Nachdem ich die Fotos im Yard abgeliefert hatte, suchte ich die Wohnung von Willard Curry auf.

In dem Haus stank es bestialisch. Die Wände waren vollgekritzelt.

Ein alter Mann, halb blind, sagte mir, dass er Curry schon seit Wochen nicht, gesehen hätte. Kein Wunder, dachte ich. Bei den Augen.

Ich stieg die Treppe hoch und klopfte an Tür Nummer zweiundzwanzig.

Niemand öffnete.

Deshalb bediente ich mich selbst. Das war meine erste Karambolage mit dem Gesetz als frisch gebackener Privatdetektiv.

Aber mir saß die Angst um Vicky im Nacken, deshalb, tat ich auch das Unerlaubte mit der größten Selbstverständlichkeit. Irgendwie würde ich mich letztlich schon herausreden, wenn es nötig sein sollte – was ich aber nicht annahm.

Wer sollte mich denn zur Rechenschaft ziehen?

Der Verbrecher Willard Curry?

Ich trat in eine leere Wohnung. Weder Curry noch seine Möbel waren da.

Die Wohnung war so leer, wie eine Wohnung nur sein kann.

Nicht einmal Bilder hingen mehr an der Wand. Also war Curry ausgezogen.

Wohin?

Ich nahm mir vor, Daniel Kopetzky danach zu fragen. Und während ich zu meinem Wagen zurückkehrte, hoffte ich inständig, dass ich bei der zweiten Adresse mehr Glück haben würde als hier.

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Zwischen Currys und Kopetzkys Behausung lagen gut zwanzig Minuten und ein Käsetoast. Ich hatte ihn an einem Schnellimbiss hinuntergeschlungen.

Nun stand ich vor diesem merkwürdigen Gebilde aus Backstein, in dem Daniel Kopetzky wohnen sollte.

Bevor ich das Haus betrat, das sich verdächtig gefährlich nach vorn neigte, als wolle es irgendwann mal auf die Straße stürzen, prüfte ich den Sitz meiner Pistole, die ich im Schulterholster trug.

Ich machte mich auf einiges gefasst.

Die Delikte, deretwegen man die beiden Ganoven schon belangt hatte, ließen es ratsam erscheinen, auf der Hut zu sein.

An der zuständigen Tür holte ich einmal tief Luft. Ich hoffte, dass mir Kopetzky die Tür aufmachte.

Dann klopfte ich, weil keine Klingel vorhanden war. Dann wurde das Radio abgeschaltet. Wieder Schritte. Ich zerbiss fast meine Unterlippe. Meine Hand lag um den Kolben meiner Waffe, die immer noch im Schulterholster steckte.

Aber ich war im Ziehen verdammt geübt.

Kopetzky würden die Augen aus dem Kopf fallen, wenn er sah, wie schnell ich meine Kanone zücken konnte.

»Ja?«, fragte ein Mann.

Kopetzky? fragte ich mich.

»Was ist?«, fragte der Mann.

Ich griff zum ältesten Trick, der mir einfiel.

»Telegramm für Sie!«, rief ich.

Es klappte.

Meine Hände wurden feucht, als ich hörte, wie der Schlüssel herumgedreht wurde. Gleich darauf rasselte eine Kette. Und dann ging die Tür auf.

Ich sah ein Gesicht, das ich kannte.

Es war Kopetzky.

Das ließ mich zum Angriff übergehen. Ich trat gegen die Tür.

Kopetzky wurde zurückgestoßen. Er stieß einen grellen Schrei aus und warnte damit Willard Curry, der bei ihm war.

Er war gegen die Wand gedonnert.

Ich sprang auf ihn zu und rammte ihm den Lauf meiner Pistole in die Magengrube.

Er erstarrte augenblicklich und glotzte mich unglücklich mit weit aufgerissenen Augen an.

Er dachte wohl, ich würde jetzt abdrücken, doch ich hatte nicht die Absicht. Ich brauchte ihn schließlich noch.

Willard Curry fuhr von dem Stuhl hoch, auf dem er gesessen hatte.

»Keine Bewegung!«, schrie ich ihm zu.

Doch er gehorchte nicht.

Auf einmal lag eine Waffe in seiner Hand. Sie spie sofort Feuer.

Die Kugel traf aber nicht mich, sondern Daniel Kopetzky.

Ich spürte, wie der Mann zusammenzuckte. Das Geschoss war ihm in die Brust gefahren.

Er sank an der Wand langsam nach unten. Ich konnte nichts mehr für ihn tun.

Wütend hetzte ich auf Curry zu.

Er zielte auf mich. Ich schnellte zur Seite und erwiderte das Feuer.

Meine Kugel schleuderte ihn durch das Zimmer. Er warf einen Tisch und zwei Stühle um, räumte zwei Vasen von einer Kommode und krachte schließlich schwer zu Boden.

Ehe er noch einmal auf mich anlegen konnte, war ich bei ihm.

Mit einem wuchtigen Tritt beförderte ich die Waffe aus seinen Fingern.

Er kreischte auf.

Ich hatte kein Erbarmen mit ihm, krallte meine Finger in sein Jackett und riss ihn hoch.

Ich wollte ausholen, doch als ich sein Wimmern hörte, ließ ich von ihm ab. Meine Kugel steckte in seiner Schulter.

Ich stieß ihn in einen tiefen Sessel. Er kam nicht wieder hoch, blieb schräg darin hängen.

»Verdammter Idiot!«, fauchte ich. »Du hast deinen Freund erschossen!«

»Das wollte ich nicht...«

»Das glaube ich dir sogar!«, bellte ich. »Du wolltest mich umlegen!«

»Lüg doch nicht!«

»Ich wollte Sie erschrecken, wollte Ihnen Angst machen, wollte erreichen, dass Sie abhauen!« Er jammerte mit schmerzverzerrtem Gesicht. Er hatte heftige Schmerzen in der Schulter.

Ich gönnte ihm diese Schmerzen. Er hatte sie tausendfach verdient.

»Wo ist Vicky Bonney?«, brüllte ich ihn an.

»Wer sind Sie?«, fragte er zitternd. »Tony Ballard. Schon mal von mir gehört?«

»Ja«, krächzte der Ganove.

»Wo ist Vicky? Wo habt ihr sie hingebracht?«

»Sie ist weg...«

»Weg?«

»Ja. Nicht mehr in England.«

»Wenn du mich verschaukeln willst, dann...«

»Seth Bouchet ist mit ihr abgeflogen.«

»Seth Bouchet? Ist das der große Blasse?«

»Ja.«

»Warum habt ihr Vicky gekidnappt?«

»Weil Bouchet uns gut dafür bezahlt hat.«

»Was hat er mit dem Mädchen vor? Wohin ist er mit ihr abgeflogen?«

»Nach Tahiti.«

»Junge, ich lasse mich nicht für dumm verkaufen!«, schrie ich den Verbrecher an.

»Es ist die Wahrheit, Ballard! Bouchet hatte den Auftrag, Vicky in die Südsee zu holen.«

»Wer hat ihm das aufgetragen?«

»Paco Benitez!«

Um mich herum begann sieh mit einem Mal alles zu drehen.

Ich hatte das Gefühl, jetzt würde mich der Schlag treffen.

Paco Benitez! Ich hatte diesen verfluchten Blutgeier noch nicht vergessen.

Sein Ende lief vor meinem geistigen Auge wie ein Film noch einmal ab.

Es war in der Tiefe des spanischen Montgri-Massivs gewesen. Hier hatte es den letzten, den alles entscheidenden Zweikampf gegeben. Und ich hatte Paco Benitez vernichtend geschlagen.

Er war vor meinen Augen grauenvoll zugrunde gegangen.

Und dann hatte sich die Erde aufgetan. Eine Faust aus Dampf, Rauch und Schwefelschwaden, mit lodernden Feuerzungen an den langen Fingern war aus der Hölle hochgeschossen, hatte sich um den schrecklichen Blutgeier gekrallt und hatte ihn zerquetscht.

Paco Benitez war im wahrsten Sinne des Wortes vom Teufel geholt worden.

Deshalb konnte ich nicht begreifen, dass er plötzlich wieder lebte.

Plötzlich fielen mir die Worte einer Hellseherin ein, die ich in London kennen gelernt hatte.

»Denken Sie noch manchmal an Benitez?«, hatte mich das hübsche Mädchen, das sich Mademoiselle Florence genannt hatte, gefragt.

»Manchmal«, hatte ich damals geantwortet.

Und darauf die Hellseherin: »Kann sein, dass Sie ihm eines Tages wieder begegnen.«

Ich hatte protestiert, denn ich hatte Benitez sterben gesehen.

Doch Mademoiselle hatte mir todernst gesagt: »Glauben Sie mir, Mr. Ballard, dieser Kampf ist noch nicht zu Ende gekämpft.«

Sollte sie Recht behalten? Sollte ich Paco Benitez wieder begegnen? Wann? Wo? In welcher Gestalt würde er mich angreifen? In der Gestalt des gefährlichen Blutgeiers?

»Hör mal, Junge!«, zischte ich Willard Curry nervös zu. Ich merkte, dass ich zu schwitzen begonnen hatte. »Du erzählst mir jetzt alles, was du weißt, verstanden? Aber wirklich alles! Wenn du irgendetwas unter den Tisch fallen lässt, etwas, das für mich wichtig ist – und wenn ich dir dahinterkomme –, dann schlage ich dir sämtliche Zähne ein, kapiert?«

»Meine Schulter!«, jammerte Curry.

»Schnauze! Ich will kein Wort mehr von deiner verdammten Schulter hören! Wenn du nicht geschossen hättest, hätte ich nicht zurückgeschossen. Dann wäre dein Freund noch am Leben und du hättest keine Schmerzen. Rede endlich! Rede, Curry! Ich will meine Freundin nicht verlieren!«

Ich schüttelte den Mann kräftig durch.

Jede Erschütterung tat ihm weh. Er kreischte und flehte mich an, aufzuhören, er würde alles sagen, was er wisse.

Und er sagte alles. Nur, dass ich es jetzt mit dem Sohn von Benitez zu tun hatte, vergaß er zu erwähnen.

Ich erfuhr von Seth Bouchets Absichten. Ich erfuhr davon, wie Bouchet Vicky nach Papeete schaffte, dass meine Vicky nun scheintot in einem Eichensarg lag, dass sie vermutlich erst in Papeete wieder zu sich kommen würde. Ich hörte den Namen Federico Mondo, mit dem Bouchet telefoniert hatte und der dem Bleichen weiterhelfen würde.

Sobald ich alles wusste, rief ich von Currys Telefon die Polizei an.

Zum Glück kamen sie schnell.

Willard Curry wanderte in die Grüne Minna. Daniel Kopetzky bekam Platz in einem Leichenwagen.

Ich musste zum Yard mitkommen. Dort machte ich meine Aussage und setzte meine Unterschrift unter das Protokoll. Dann durfte ich mich verdrücken.

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Ich schaute noch mal bei Lance Selby vorbei.

Er hatte ein Recht darauf, zu erfahren, was nun geschehen würde.

Er wünschte mir einen guten Flug. Und er bedauerte, dass er nicht mitkommen könne.

Ich bedauerte es auch. Er bat mich, ihm eine Karte zu schicken. Das konnte ich guten Gewissens versprechen. Er sollte seine Karte bekommen, sobald ich Tahitis Boden unter den Füßen hatte.

Vom Krankenhaus hetzte ich nach Hause.

Ich warf in meine Reisetasche, was mir in die Quere kam, ohne ein besonders intelligentes System anzuwenden.

Bald war die Tasche gepackt. Ich war schon an der Tür, da schrillte das Telefon.

Am anderen Ende war Tucker Peckinpah, der Mann, von dessen Geld ich lebte. Gut lebte.

Trotzdem verlangte er von mir, ich solle ihn Partner nenne. Er hasse es, dass ich in ihm meinen Chef sehe, meinte er stets.

»Ja, ich bin da«, sagte ich auf seine Frage. »Ich bin gerade noch dal«, fügte ich, jede Silbe betonend, hinzu.

»Ich möchte mich nur mal erkundigen, wie’s Ihnen so geht, Tony!«, tönte der Industrielle am anderen Ende der Leitung.

Paco Benitez hatte dessen Frau Rosalind umgebracht. Damals waren wir zum ersten Mal diese seltsame Partnerschaft eingegangen, die sich bis zum heutigen Tag nicht nur gehalten, sondern auch gefestigt hatte.

»Hundsmiserabel geht es mir!«, gab ich ehrlich zurück.

»Ist Ihnen etwas über die Leber gelaufen? Sie klingen so sauer.«

»Ich würde sagen: Sauer ist bloß der Vorname von dem, was ich wirklich bin, Mr. Peckinpah.«

»Was ist passiert, Tony?«

»Vicky Bonney wurde entführt.«

»Ach, du lieber Himmel. Von wem?«

»Wie?«

»Von wem wurde sie entführt?«, fragte Peckinpah, dem das Mädchen fast ebenso am Herzen lag wie mir.

»Von einem Mann namens Seth Bouchet.«

»Ist er ein Dämon?«

»Er nicht. Aber sein Auftraggeber.«

»Wer ist das?«

»Halten Sie sich gut fest, Peckinpah!«

»Ich sitze sicher.«

»Okay. Dann hören Sie: Paco Benitez hat diesen Bouchet losgeschickt. Der Mann kam nach London, heuerte da zwei Gangster an und kidnappte Vicky. Nun liegt das Girl in einem Eichensarg und ist auf dem Weg nach Tahiti.«

»Um Gottes willen! Ich dachte, Benitez lebt nicht mehr!«

»Das dachte ich auch!«

»Er ist in der Südsee aufgetaucht?«

»Er kann überall auftauchen«, knurrte ich bleich vor Wut und knirschte mit den Zähnen.

»Was werden Sie unternehmen, Tony?«

»Einmal dürfen Sie raten, Partner.«

»Sie fliegen hinterher.«

»Das ist klar. Und ich werde alles daransetzen, dass ich Vicky gesund und unversehrt wiederkriege. Und ebenso werde ich alles versuchen, um diesen Paco Benitez nun endgültig dahinzuschicken, wohin dieser verfluchte Dämon gehört.«

Tucker Peckinpah wünschte mir alles Mögliche. Ich hörte ihm kaum noch zu.

Er bat mich, frei über sein Vermögen zu verfügen. Es lag ihm sehr viel daran, dass ich Benitez nun endgültig zur Hölle schickte. Er hatte den Tod seiner reizenden jungen Frau noch nicht verwunden.

Als er endlich nichts mehr zu sagen hatte, legte ich auf.

Ich schwang mich in meinen weißen Peugeot und fuhr zum Heathrow-Airport.

Die nächste Maschine, die für mich in Frage kam, ging in eineinhalb Stunden.

Ich löste mein Ticket.

Dann sah ich mir die Flugroute an. Die Luftreise würde über Kleinasien gehen. Über Teheran, Indien, Südostasien, Australien, Neuseeland. In Auckland würde ich dann einen Anschluss nach Papeete haben.

Während ich im Flughafenrestaurant zu Abend aß, dachte ich daran, was da nun auf mich zukommen würde. Vor allem aber machte ich mir Sorgen um Vicky. Und diese Sorgen würden so lange kein Ende nehmen, bis ich sie wieder heil in meine Arme schließen durfte – meine Vicky.

Dieser verdammte Benitez!, dachte ich.

Und ich schreckte aus meiner abgrundtiefen Wut hoch, als ich das Rotweinglas umwarf und sich der Wein über das weiße Tischtuch ergoss, wie Blut.

Wie das Blut von Vicky Bonney.

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Federico Mondo war Italiener. Er war mit zwanzig Jahren in die Südsee gekommen. Jetzt war er vierzig. Damals war er Matrose gewesen. Jetzt war er Leichenbestatter.

Er holte Seth Bouchet und seine heikle Fracht vom Flughafen ab und brachte sowohl den Sarg, in dem sich Vicky befand, als auch den lebenden Toten, erst mal in sein Haus.

Mondo war kahlhäuptig. Eine brandrote Narbe verlief von der Nasenwurzel nach oben. Ein Betrunkener hatte ihm mit einer Axt den Schädel zu spalten versucht.

Es war ihm teilweise gelungen, doch die Ärzte von Auckland hatten ein kleines Wunder vollbracht und den Schädel wieder zusammengeflickt.

Seither war der Leichenbestatter jähzornig und unberechenbar.

Er war eben nicht mehr ganz richtig im Kopf.

Seine Habgier war schlimmer geworden. Und er schreckte keineswegs davor zurück, einen Mann zu töten, wenn ihm das ein paar lumpige pazifische Franken einbrachte. Für Geld tat Mondo alles.

Sie schleppten den Eichensarg in den Keller.

Dann setzten sie sich oben im Salon zusammen.

Seth Bouchet wollte nichts essen und nichts trinken. Derlei Bedürfnisse hatte er nicht mehr. Er war tot. Er lebte ein anderes Leben. Eines, in dem er sich nicht ernähren musste. Eines, in dem es keinen Hunger, keinen Durst und keinerlei Schmerzen gab.

Er war zum Roboter geworden.

Zum Werkzeug von Paco Benitez.

»Ist es ein hübsches Mädchen?«, fragte Federico Mondo.

»Sehr hübsch«, sagte Bouchet.

»Zeigst du sie mir mal?«

»Vielleicht später.« Die Männer unterhielten sich auf Französisch.

»Was soll mit ihr geschehen?«

»Ich werde sie auf ein Atoll bringen.«

»Auf welches?«

»Du kennst es nicht. Sollst es auch nicht kennen. Ist besser für dich, wenn du nicht zu viel weißt!«

»Weit weg?«

»Wie man’s nimmt«, erwiderte Bouchet ausweichend.

»Für wen ist die Kleine denn bestimmt?«, fragte Mondo lauernd.

»Für einen Spanier. Für meinen Herrn.«

»Werdet ihr die Kleine... umlegen?«

»Tu mir den Gefallen und kümmere dich um deinen eigenen Kram, ja?«

»Ich weiß Bescheid. Ihr bringt sie um!«, grinste Mondo. »Ist mir auch egal, das kannst du mir glauben. Von mir aus könnt ihr mit der anstellen, was ihr wollt. Interessiert mich überhaupt nicht.«

Plötzlich ein Poltern.

Seth Bouchet hob seinen hässlichen Kopf. Seine glänzenden Augen richteten sich gespannt auf den Mann, der ihm gegenübersaß.

»Was war das?«

Wieder dieses Geräusch.

»Als ob jemand klopfen würde!«, knurrte Federico Mondo.

»Klopfen?«, fragte Bouchet mit steinharten Zügen. »Dann ist es das Mädchen.«

Er erhob sich.

Mondo sprang ebenfalls auf.

»Sie ist zu sich gekommen«, meinte er.

»Kann jemand sie hören?«, fragte Bouchet.

Mondo schüttelte den Kopf. »Ganz bestimmt nicht.«

»Wir wollen trotzdem nach ihr sehen!«, meinte Bouchet.

Mondo nickte.

Sie begaben sich in den Keller. Nun hörten sie Vicky Bonney schreien. Ihre Stimme kam schwach und gedämpft aus dem geschlossenen Sarg.

»Hat die da drin genug Luft?«, fragte Mondo.

»Der Deckel schließt nicht luftdicht ab«, erwiderte Seth Bouchet. Er trat an den Sarg, hob seine Hand, ballte sie zur Faust und ließ diese auf den Deckel fallen, dass es im ganzen Keller dröhnte.

Stille. Vicky trommelte nicht mehr. Sie war wohl erschrocken. Deshalb schrie sie auch nicht mehr.

»Schraubenzieher!«, verlangte Bouchet, der lebende Tote.

»Willst du den Sarg öffnen?«, fragte der hässliche Glatzkopf mit begeistert funkelnden Augen.

»Ja.«

»Hier. Hier hast du ‘nen Schraubenzieher.« Mondo drückte Bouchet das Werkzeug in die Hand.

Die Schrauben quietschten, als Bouchet sie aus dem Holz drehte.

Mondos neugieriger Blick war starr auf den Deckel gerichtet. Bouchet hatte gesagt, es würde ein hübsches Mädchen in diesem Sarg liegen.

Mondo sah gern hübsche Mädchen. Und er fasste sie ebenso gern mal an.

Ob er auch diese...? Er würde es versuchen. Verflucht, ja. Er würde es versuchen. Was war denn schon dabei? Bouchet würde dafür doch sicherlich Verständnis haben. Und wenn nicht, dann würde er eben wieder damit aufhören.

Die letzte Schraube.

»Heb den Deckel ab!«, brummte Seth Bouchet.

»Mach ich mit dem größten Vergnügen!«, kicherte Federico Mondo.

Der Deckel klapperte zu Boden.

»Oh!«, staunte der Italiener. »Du hast wirklich nicht zu viel gesagt. Sie ist tatsächlich verdammt schön.«

Er näherte sich dem bleichen Mädchen.

Vicky Bonney starrte die beiden Männer entgeistert an.

Einer war hässlicher als der andere. Alle beide blickten sie mit Furchterregenden Augen an. Sie erkannte, dass sie sich in einem Keller befand.

Es war düster hier unten.

Und schwül.

Verzweifelt versuchte sie sich aufzurichten. Doch das ließ der große Bleiche nicht zu. Er drückte sie sofort wieder in den Sarg zurück.

Vickys Herz hämmerte wie verrückt. Sie hatte schreckliche Angst vor den beiden. Bis jetzt hatte sie geglaubt, in einer Kiste zu liegen.

Nun aber wusste sie, dass sie in einem Sarg lag. Das versetzte ihr den nächsten Schock, denn sie befürchtete, dass sie diese Männer lebendig begraben wollten.

»Wo bin ich?«, fragte sie zitternd. Ihre Stimme wollte ihr kaum gehorchen. Sie konnte sich dumpf daran erinnern, was passiert war.

Dieser Große war zu ihr gekommen.

Mit zwei Männern. Er hatte sich als Inspektor Bouchet von Scotland Yard ausgegeben und hatte gesagt, dass Tony einen Unfall gehabt hatte.

Tony!

Sie stöhnte erschrocken auf. Wo war Tony?

Sie erinnerte sich daran, wie sie in den schwarzen Wagen gestiegen war.

Dann waren die beiden Männer über sie hergefallen. Ein Stich in der Hals. Und aus.

Und nun erwachte sie in diesem Sarg.

»Wo bin ich?«, fragte sie noch einmal.

Der Italiener grinste.

»Sie werden es nicht für möglich halten... Sie haben lange geschlafen... Sie sind auf Tahiti gelandet. Willkommen in Papeete, schönes Kind.«

Mondos Hand langte in den Sarg.

Er tastete nach den schlanken Beinen des Mädchens. Seine Finger turnten langsam nach oben, während er Bouchet lauernd musterte. Solange dieser nichts sagte, ließ er seine Finger weiter nach oben wandern.

Da schrie das Mädchen angewidert auf.

»Lass das!«, schnaufte nun der lebende Tote ärgerlich. »Dafür habe ich kein Verständnis.«

»Mann, sie ist ein Prachtstück. Warum soll man sie denn nicht anfassen dürfen?«

»Weil ich es nicht will!«, knurrte Bouchet.

Mondo nahm die Hand nicht sofort weg.

Da wandte sich Seth Bouchet ihm zu. Aus seinen bösen Augen schienen ihm grelle Blitze entgegenzurasen.

Der Italiener wich geblendet zurück.

Bouchet hob die Hand und schlug ihn wütend ins Gesicht.

Sein Schlag war ungemein grob.

Mondo war gewiss kein Schwächling. Aber Bouchets Hieb holte ihn von den Beinen. Er knallte auf den Boden, schnellte aber sofort wieder hoch und hob zur Abwehr die Fäuste.

»Du fasst sie nicht mehr an!«, fauchte Bouchet gereizt. »Sie gehört meinem Herrn.«

»Hab dich doch nicht so, du Idiot!«, zischte Federico Mondo zornig.

»Wenn du deine Finger noch mal an sie legst, drehe ich dir den Hals um!«, sagte Seth Bouchet völlig gleichmütig.

Dem Italiener rieselte es kalt über die Wirbelsäule.

Er kniff die Augen gereizt zusammen.

Mistkerl!, dachte er. Aber er entspannte sich wieder. Ein Zwist mit Seth Bouchet kam ihm jetzt nicht gelegen.

Vicky Bonney dachte, eine Chance zu haben.

Der große Bleiche hatte ihr den Rücken zugekehrt.

Sie schnellte hoch, wollte aus dem Sarg springen und fliehen.

Aber da stieß Mondo einen krächzenden Warnschrei aus.

Bouchet kreiselte herum. Sein Arm flog auf Vicky zu. Er schmetterte ihr seine Faust gegen die Stirn. Vicky wurde von der Wucht des Schlages in den Sarg zurückgeschleudert.

»Versuch das nicht noch mal!«, fauchte Bouchet zornig. »Versuch nicht noch mal zu fliehen, Mädchen. Du würdest es nicht schaffen.«

Vicky wurde von einer panischen Angst geschüttelt.

Sie war auf Tahiti? Stimmte das? Oder hatten sie diese beiden Männer belogen; War das möglich? War sie wirklich in Papeete? Was sollte sie hier?

Der große Bleiche holte ein schlankes Futteral, hervor.

Er entnahm ihm eine Spritze.

Vicky Bonney wusste sofort, was nun kommen würde. Kreischend wollte sie die Injektion verhindern.

»Festhalten!«, befahl Seth Bouchet dem Glatzkopf.

Mondo warf sich grinsend auf das Mädchen und presste es tief in den Sarg hinein.

Vicky schrie gellend um Hilfe.

»Hier hört dich niemand!«, kicherte Federico Mondo. »Hier kannst du dir die Lunge aus dem Hals schreien. Das hört keiner!«

Die Spritze näherte sich dem Gesicht des Mädchens.

Vicky versuchte sich hin und her zu werfen. Aber Mondo hielt sie fest wie ein Schraubstock.

Sekunden später stach der lebende Tote ihr die Nadel in den Hals und drückte den Kolben nach unten.

Der traumlose Schlaf ging für Vicky Bonney von diesem Augenblick an weiter.

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Wieder erschallten die Todestrommeln.

Die Maoris brachten diesmal zwei Tote zum Lepra-Atoll.

Mit gleichmäßigen Schlägen ruderten die Schwarzen auf die Insel zu. Ihr furchtsamer Blick streifte die Baumwipfel. Sie fürchteten, dass der mächtige Blutgeier eines Tages von den Leichen genug haben würde. Dann würde er über die Lebenden herfallen.

Sie ahnten, dass sie in solch einem Fall verloren wären.

Angsterfüllt ließen sie ihre Einbäume zwischen den gefährlichen Korallenriffen hindurchgleiten.

Die Haie begleiteten sie.

Sie gaben die Hoffnung auf Beute niemals auf.

Mit monotonen Schlägen bearbeitete der Schwarze seine Trommeln. Die anderen Eingeborenen nickten stumm im Takt dazu.

Langsam schoben sich ihre Boote den, hellen Sandstrand hinauf.

Nun hatten es die Eingeborenen sehr eilig. Sie ergriffen die beiden Toten und schleppten sie zu dem hässlichen Totem.

Deutlich waren die Schleifspuren im Sand zu erkennen.

Die Mördermöwen flogen kreischend auf.

Einige Eingeborene suchten mit fiebernden Blicken den Himmel ab.

Als sich der Blutgeier mit mächtigen Schlägen über den hohen Baumwipfeln erhob, stießen sie ihre grellen Warnschreie aus.

Daraufhin ergriffen die Eingeborenen in größter Eile die Flucht.

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Diesmal waren die Mördermöwen früher am Ziel als Paco Benitez, der Blutgeier.

Kreischend, flügelschlagend stürzten sie sich mit ihren langen scharfen Schnäbeln auf die beiden Leichen.

Sie hackten gierig zu. Da strich der Schatten des Blutgeiers über sie hinweg.

Augenblicke später setzte der Todesvogel Benitez zum Angriff an.

Er schoss aus dem azurblauen Himmel auf die Möwen herab und tötete wieder einige von ihnen. Er zerhackte sie mit seinem gefährlichen Schnabel und zerfetzte sie mit seinen tödlichen Flügeln.

Wütend kreischend ließen die Möwen von einem der beiden Toten ab.

Sie stürzten sich alle auf den anderen. Ihre zuckenden, flatternden Körper deckten den Leichnam völlig zu.

Der Blutgeier erhob sich mit dem anderen Leichnam langsam in die Lüfte.

Der große schwarze Geier segelte majestätisch über die Palmenkronen hinweg.

Seine kräftigen Fänge hielten die den Möwen entrissene Beute.

Der gefiederte Dämon zog einige Kreise, ehe er zur Landung ansetzte.

Er legte den toten Körper auf jenen hölzernen Altar, auf dem er Seth Bouchet zum Leben erweckt hatte.

Er hatte mit diesem Eingeborenen dasselbe vor.

Krächzend schlug er die Luft mit seinen weiten Schwingen.

Er richtete sich auf und nahm menschliche Gestalt an. Einen Augenblick war auf seinen Schultern noch der hässliche Geierschädel zu sehen, dann verwandelte sich auch dieser zum Kopf eines Menschen.

Ein dämonisches Feuer glühte in seinen Mörderaugen.

Er grinste eiskalt.

»Ich fühle, dass Ballard kommt!«, schrie er mit lauter Stimme. »Ich weiß, dass mein Diener bereits mit dem Mädchen eingetroffen ist. Er wird sie zu mir bringen.« Er lachte grauenvoll. »Es wäre aber zu einfach, Ballard sofort hier herzulocken und zu töten. Er soll leiden. Schreckliche Qualen soll er ertragen. Er soll halb verrückt werden vor Sorge um dieses Mädchen. Erst wenn er nicht mehr weiter weiß, wenn seine seelische Pein am schlimmsten geworden ist, werde ich ihn hier herbringen lassen, um ihn und das Mädchen zu töten.«

Nun warf sich Benitez auf die Knie.

Er beschwor den Geist seines Vaters.

Er holte diese geheimnisvolle Flüssigkeit aus der Hütte; goss sie in die Kokosnussschale und sprach Zauberformeln. So lange, bis ihm sein Vater in Gestalt jenes bleichen Totenschädels erschien.

Er bat den Schädeldämon, auch diesen Toten zu neuem Leben zu erwecken, denn dieser Eingeborene sollte Ballard als Hürde in den Weg gestellt werden.

Über dem Atoll zogen schwarze Gewitterwolken auf.

Grelle Blitze zerfetzten wenige Minuten später schon das herrschende Dunkel. Ein mächtiger Sturm hob an. Er fegte in das Gehölz des Eilands hinein und rüttelte gewaltig daran.

Paco Benitez, der Mensch, erwartete mit ausgebreiteten Armen den Regen.

Er hatte dem brüllenden Himmel das Antlitz zugewandt und ließ das Wasser in sein sonnengebräuntes Gesicht klatschen.

»Vater!«, schrie er mit kräftiger Stimme. »Gib mir das Leben dieses Eingeborenen!«

Der Totenschädel hatte sich aufgelöst.

Eimerweise ergoss sich das Wasser über den nackten Leichnam.

»Vater! Hörst du mich? Gib mir das Leben dieses Schwarzen!«, brüllte Benitez.

Plötzlich fauchte ein Blitz vom schwarzen Himmel herab.

Er zischte durch den toten Körper und krachte ohrenbetäubend laut in den nassen Boden.

»Ich will, dass er lebt!«, kreischte der Unheimliche. »Ich will ihn mir Untertan machen! Ich will sein Leben haben!«

Plötzlich schlug der Schwarze die Augen auf. Es waren große, stumpf blickende Augen.

Der Mann brauchte eine Weile, bis er sich aufrichten konnte.

Vermutlich war er länger tot gewesen als Seth Bouchet.

Doch nun richtete sich der Eingeborene mit eckigen Bewegungen auf.

»Er lebt!«, brüllte Benitez begeistert. »Er lebt!«

Der Unheimliche pflanzte sich vor dem Schwarzen auf. Eine wahre Sintflut ergoss sich über die beiden, doch für sie schien der Regen nicht zu existieren.

Sie standen einander reglos gegenüber. Einer starrte in die Augen des anderen.

Es schien, als wollten sie sich auf telepathischem Wege miteinander verständigen.

Plötzlich hob der Unheimliche die Arme.

Sie würden zu langen schwarzen Schwingen. Er flatterte damit aufgeregt. Sekunden später war er zum Geier geworden.

Er wollte dem Eingeborenen wohl klar machen, über was für eine Macht er verfügte.

Der Schwarze kniete nieder. Ergeben senkte er den Kopf.

»Herr!«, presste er heiser hervor. »Mein Herr und Gebieter!«

Als er den Kopf hob, war der Blutgeier bereits wieder zum Menschen geworden.

»Wie ist dein Name?«, fragte Benitez scharf.

»Tahaa, Herr.«

»Du warst tot.«

»Ja, Herr.«

»Ich habe dich zu neuem Leben erweckt.«

»Dafür danke ich dir, Herr.«

»Du wirst mir gehorchen?«

»Wie meinem eigenen Herzen, Herr.«

»Gut. Höre, welchen Auftrag ich für dich habe, Tahaa...«

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Seth Bouchet legte sich in Mondos Gästezimmer auf sein Bett.

Er brauchte nicht zu schlafen. Er war tot. Schlaf ist etwas für die Lebenden.

Aber ein lebender Toter braucht nicht zu schlafen.

Deshalb starrte Bouchet gelangweilt zur Decke. Für ihn war die Nacht, genauso hell wie der Tag. Diese Unterschiede existierten für ihn nicht mehr.

Er dachte an das Mädchen im Sarg.

Morgen, im Laufe des Tages, würde er den Weitertransport organisieren.

Es freute ihn, dass er nirgendwo Schwierigkeiten vorgefunden hatte.

Während er Pläne schmiedete, registrierte sein feines Gehör ein kaum wahrnehmbares Geräusch.

Er hätte es ganz bestimmt nicht vernommen, wenn er geschlafen hätte.

Damit hatte Federico Mondo vermutlich gerechnet.

Dieser Idiot!, dachte Bouchet zornig. Warum lässt er mich nicht in Ruhe? Warum schleicht er auf mein Zimmer zu?

Es war die schreckliche Habgier, die Mondo nicht einschlafen ließ.

Mondo wusste, dass Bouchet eine Menge Geld bei sich hatte.

Dieses Geld wollte er haben. Dieses Geld zog ihn magisch an. Außerdem hasste er Bouchet, seit dieser ihn so brutal niedergeschlagen hatte.

Der Hass und die Gier trieben Federico Mondo aus dem Bett, aus dem Zimmer und auf die geschlossene Tür des Gästezimmers zu.

Der Leichenbestatter grinste bösartig.

Er war wieder einmal hart daran, nicht zu wissen, was er tat.

Auf Zehenspitzen näherte er sich der Tür. Im Haus war es vollkommen still. Eine schwarze Nacht hatte ihren Mantel über Tahiti gebreitet.

Es war knapp nach Mitternacht.

Mondo fuhr sich nervös über die Glatze, auf der sich matt schimmernde Schweißkügelchen gebildet hatten.

Dann senkte sich seine Hand vorsichtig auf die Klinke herab.

Ein sanfter Druck.

Die Tür öffnete sich.

Mondo trat aber nicht sofort ein. Er holte erst noch sein Schnappmesser aus der Tasche.

Blitzschnell ließ er die Klinge hochspringen. Nun konnte nichts mehr schief gehen. Er würde den Schlafenden bestehlen. Und wenn er erwachte, würde er ihn auf der Stelle töten. Ohne mit der Wimper zu zucken.

Es machte ihm nichts aus, jemandem das Leben zu nehmen.

Und er hatte gute Möglichkeiten, Leichen verschwinden zu lassen.

Wer fragte schon danach, wen der Bestattungsunternehmer auf dem Friedhof verscharrte.

Er hat ein Vermögen bei sich!, dachte Federico Mondo mit gierigen Augen.

Er leckte sich über die trockenen Lippen, während er in den Raum hineinhorchte.

Seth Bouchets Atem ging regelmäßig.

Er schläft!, dachte der Italiener.

Schnell huschte er ins Gästezimmer. Seine Augen hatten Mühe, das Dunkel zu durchdringen, deshalb schob er den Fuß jeweils nur zaghaft und äußerst vorsichtig vorwärts.

Er wollte jegliches Geräusch vermeiden.

Es dauerte eine kleine Ewigkeit, bis er endlich das Bett des Gastes erreicht hatte.

Er beugte sich über den Mann, um zu sehen, wie tief Bouchet schlief. Erst hinterher wollte er dessen Geld suchen.

Ein eisiger Schreck fuhr ihm in die Glieder, als er die offenen Augen sah.

Mit einem heiseren Aufschrei fuhr er zurück.

Seth Bouchet schnellte fauchend aus seinem Bett. Seine Augen begannen in diesem Moment rot zu glühen.

Mondo begriff erst jetzt, mit wem er es hier zu tun hatte.

Dieser Kerl war kein Mensch. Er sah nur so aus.

Entsetzt wich er vor dem Mann zurück. Bouchet folgte ihm zornig schnaubend. Er streckte seine Hände nach ihm aus.

Mondo wich bis zur Wand zurück. Kalter Schweiß brach ihm aus den Poren. Er hatte das Gefühl, sein Herz würde ihm aus dem Mund springen. Mit einem Mal wurde es schrecklich kalt in dem Raum.

Das ist die Kälte des Satans!, dachte Mondo bestürzt.

»Bleib mir vom Leib!«, schrie er in wahnsinniger Angst.

»Was suchst du in meinem Zimmer?«, fragte Bouchet mit spröder Stimme.

»Ich wollte nur... sehen, ob alles in Ordnung ist!«

»Du lügst! Du wolltest mich bestehlen!«

»Nein!«

»Ich weiß es. Ich kann deine verfluchten Gedanken lesen! Du wolltest mich bestehlen, Federico Mondo. Und du wolltest mich umbringen!«

»Madonna mia, das stimmte nicht, Bouchet!«

Der lebende Tote blieb stehen.

Mondo presste sich zitternd an die Wand. Plötzlich wurde es auf eine unerklärliche Weise hell im Raum. Das Licht ging von Bouchet aus. Sein Körper leuchtete.

Mondo riss die Augen auf.

»Was... was bist du für einer? Du bist kein Mensch, nicht wahr?«

»Ich bin kein normaler Mensch!«

»Was bist du?«

»Ich bin ein Toter. Ein lebender Toter!«

»Dio mio!«, ächzte der Italiener und bekreuzigte sich hastig.

Bouchet lachte ihn aus.

»Das nützt dir nichts, Mondo. Ich habe keine Angst vor dem Kreuz. Es kann mich nicht abhalten. Nichts kann mich abhalten.«

Er machte einen schnellen Schritt auf den schlotternden Italiener zu.

Mondo besann sich seines Messers.

Er riss es blitzschnell hoch.

Seth Bouchet stieß ein markerschütterndes Gelächter aus.

»Was willst du damit, Mondo?«

»Keinen Schritt weiter!«, keuchte der Italiener.

»Willst du einen Toten umbringen?«, fragte Seth Bouchet verächtlich.

»Mann, ich ramme dir das Messer ins Herz!«, fauchte Mondo mit vibrierenden Nerven.

Bouchet breitete die Arme aus.

»Tu’s doch! Nun komm schon! Stich zu. Ich werde mich nicht wehren.«

Federico Mondo schnellte sich von der Wand ab. Er flog auf den lebenden Toten zu. Mit Schwung stieß er ihm das Messer in die Brust. Einmal, zweimal, dreimal und ein viertes Mal.

Aber nichts passierte.

Bouchet rührte sich nicht vom Fleck. Er stieß wieder dieses schreckliche Gelächter aus.

Da drehte Mondo durch. Die Welle der Angst schwappte über ihn hinweg. Sie drohte ihn umzureißen. Er wandte sich um und versuchte kreischend zu fliehen.

Doch das ließ Bouchet nicht zu.

Er rannte ihm mit weiten Sätzen nach.

»Halt!«, schrie er lachend. »Hier geblieben, Federico! Du hattest deinen Spaß mit mir. Jetzt will ich den meinen mit dir haben.«

Er packte ihn an der Schulter und riss ihn herum.

Mondo stürzte zu Boden.

Er rappelte sich heulend hoch und wollte seine Flucht fortsetzen, doch Seth Bouchet griff mit gnadenloser Härte nach seinem Hals.

Er spürte den mörderischen Druck dieser eiskalten Hände.

Er stieß einen letzten gurgelnden Laut aus.

Dann nahm ihm der Tote mit grausamem Gelächter das Leben.

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Eine Reise ins »Paradies der Südsee«, wie die pazifischen Inseln oft genannt werden, ist für viele Menschen ein lang gehegter Wunschtraum.

Er war es auch für mich.

Aber ich hätte mir einen schöneren Anlass für diese Reise vorstellen können.

Als nun die Maschine auf den Papeete-Airport niedersank, drückte mir ein unangenehmes Gefühl mein Herz schmerzhaft zusammen.

Etwas Ähnliches wie ein Albtraum legte sich schwer auf meine Brust und wollte nicht mehr weichen.

Ich musste immerzu an Vicky denken. Ob sie noch lebte?

Das war meine größte Sorge.

Dass ich sie finden würde, daran zweifelte ich nicht. Ich würde sie mit der Verbissenheit eines Bluthundes suchen. Egal, wo Paco Benitez sie versteckt hatte. Ich würde sie finden! Sie und ihn. Und auch den großen bleichen Kerl, der mir das alles eingebrockt hatte.

Diese verfluchten Brüder konnten sich auf einiges gefasst machen.

Mir war natürlich klar; dass sie Vicky aus einem ganz bestimmten Grund hier hergebracht hatten. Ich hatte längst begriffen, dass sie der Köder sein musste, mit dem sie mich später an Land ziehen wollten.

Okay. Ich war dazu bereit.

Aber ich war entschlossen, keine Gelegenheit ungenützt zu lassen, um gnadenlos zuzuschlagen.

Der Jet strich über Palmen und Brotfruchtbäume. Ich sah Zuckerrohrplantagen und Felder, auf denen Kaffee gepflanzt war.

Einige Lagunen tauchten auf.

Vögel schwirrten hoch und landeten wieder. Dann setzte die Düsenmaschine auf der langen Landepiste auf.

Es vergingen noch einige Minuten bangen Wartens, ehe ich meinen Fuß auf den Boden von Tahiti setzen durfte.

Die Zollformalitäten waren schnell erledigt. Hier gibt es noch keine Bürokraten.

Außerdem hatte ich kaum etwas bei mir.

Mit der Reisetasche trat ich ins gleißende Sonnenlicht hinaus.

Ich winkte ein Taxi herbei.

Ein freundlicher Schwarzer begrüßte mich wie einen alten Freund. Wenn er mich auch noch beim Namen genannt hätte, hätte ich gedacht, dass auch ich ihn kennen müsste.

Er empfahl mir ein Hotel in der Rue General de Gaulle, einer der Einkaufsstraßen von Papeete.

Ich war damit einverstanden.

Schließlich hatte ich keinen blassen Schimmer von diesem Winkel der Welt. Ich war zum ersten Mal hier und war auf die Hilfe der Einheimischen angewiesen.

Das Hotel war wirklich einsame Spitze.

Es verfügte über einen eigenen Golfplatz, über mehrere Schwimmbecken, zwanzig Tennisplätze und, und, und. Ich war sicher, dass ich das alles nicht brauchen würde. Aber allein der Anblick vermittelte mir das Gefühl, in keiner miesen Spelunke gelandet zu sein.

Der Schwarze brachte meine Reisetasche bis zum Pagen.

Ich entlohnte ihn.

Er tippte sich an die Stirn und sagte: »Vielen Dank, Mr. Ballard!«

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Nun hatte er doch meinen Namen genannt. Ich war sicher, ihm nicht gesagt zu haben, wie ich heiße. An meiner Reisetasche gab es kein Namensschildchen. Und doch hatte dieser Schwarze mich mit meinem Namen angesprochen.

Ich hatte allen Grund, das verdächtig zu finden. Er war schon fast aus dem Hotel, als ich meine Verblüffung abschüttelte.

Ich rannte hinter ihm her.

»He! Moment!«, rief ich aufgeregt.

Er ging zu seinem Wagen.

»Warten Sie!«, schrie ich.

Er setzte sich in das Fahrzeug.

»Halt!«, brüllte ich.

Er startete den Motor.

Ich raste auf das Fahrzeug zu. Ehe er losfahren konnte, riss ich die Tür auf der Beifahrerseite auf und warf mich in das Taxi.

Der Mann wandte mir sein grinsendes Gesicht zu.

»Ist noch etwas, Mr. Ballard?«

»Allerdings ist noch etwas!«, fauchte ich gereizt.

»Was?«

»Woher kennen Sie meinen Namen?«

»Jemand hat ihn mir gesagt!«

»Bleiben Sie auf dem Teppich!«, schrie ich den Mann auf Französisch an. »Sie sagen mir jetzt auf der Stelle, wieso Sie meinen Namen wissen!«

Er hatte ein mitleidiges Lächeln für mich. Plötzlich spürte ich die Kälte, die er ausströmte. Die Scheiben des Wagens begannen blitzschnell zu beschlagen. Sie wurden undurchsichtig wie Milchglas. Ich hatte so etwas noch nicht erlebt.

Dass mit dem Kerl etwas nicht stimmte, war mir inzwischen klar geworden.

Deshalb holte ich nun blitzschnell meine Pistole aus dem Schulterholster.

»Wie heißen Sie?«, fauchte ich den Schwarzen an.

»Tahaa!«, sagte der Maori.

»Wer sind Sie?«

»Ein Eingeborener bin ich. Sieht man das nicht?«

»Wer schickt Sie?«

»Mein Herr schickt mich.«

»Und wer ist Ihr Herr, verdammt noch mal?«

»Paco Benitez!«

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Mir begann alles vor den Augen zu schwimmen! Das war es. Der Dämon hatte mir einen Boten gesandt. Er wollte mich lächerlich machen, wollte mich verhöhnen.

Der Maori bewies mir aber gleichzeitig auch, dass ich auf dem richtigen Weg war.

»Wo ist Vicky?«, fragte ich den Schwarzen.

»Sie ist gut aufgehoben!«

»Wo sie ist, will ich wissen!«, brüllte ich wütend.

Mir war entsetzlich kalt. Der Kerl verströmte so viel Kälte, dass ich erbärmlich zu frieren begann. Ich klapperte mit den Zähnen. Ich wollte es verhindern, aber es war die Kälte, die mich so heftig schüttelte, dass meine Zähne von alleine klapperten.

»Sie werden Vicky nicht mehr lebend wiedersehen, Mr. Ballard!«, sagte der Eingeborene.

Er quälte mich mit Absicht. Ich sah es in seinen Augen, welche Freude es ihm bereitete, mir das anzutun.

»Wo ist sie?«, schrie ich verzweifelt. Meine Waffe schnellte vorwärts.

Ich stieß sie ihm an die Stirn.

»Aber, Mr. Ballard!«, lachte der Kerl. »Was wollen Sie denn mit dieser Pistole!«

»Verdammt, Junge, mach mich nicht verrückt! Ich drücke ab, wenn du mir nicht auf der Stelle sagst, wo Vicky ist.«

Der Schwarze verlor die Geduld.

Er schlug nach meinem Gesicht. Seine Hand war eiskalt. Sie war wie hart gefroren. Aber der Schlag brannte höllisch auf meiner Wange.

Da verlor ich die Kontrolle über mich.

Ich riss den Stecher meiner Waffe durch. Der Schuss brüllte los. Die Kugel fuhr in Tahaas Kopf.

Ein schrecklicher Schauer überlief mich, als er krächzend zu lachen anfing. Er schlug mich noch einmal und ich drückte ein zweites Mal in blinder Wut ab.

Er war das, was ich befürchtet hatte, als ich diese Kälte gespürt hatte, die von ihm ausströmte.

Er war ein Untoter.

Ich konnte ihm mit meiner Pistole nichts anhaben. Ehe ich mich einer anderen Angriffsweise bedienen konnte, schmetterte er mir seine eisharte Faust auf den Kopf.

Ich verlor augenblicklich das Bewusstsein.

Als ich wieder zu mir kam, bemühten sich einige Leute um mich.

Ich lag vor dem Hotel.

Das Taxi war verschwunden.

»Was ist passiert?«, fragte ich den hageren Mann, der mir beim Aufstehen behilflich war.

Er trug einen eleganten weißen, tailliert geschnittenen Anzug. Er machte einen vertrauenerweckenden Eindruck, schien ein Mann von Welt zu sein, der überall zu Hause war.

»Das Klima muss Sie umgehauen haben«, sagte der Mann.

»Amerikaner?«, fragte ich ihn.

»Ja. Engländer?«

»Ja«, gab ich zurück.

»Mein Name ist Frank Esslin.«

»Tony Ballard.«

»Ich bin Arzt.«

»Ich nicht. Was heißt, das Klima muss mich umgehauen haben?«, fragte ich irritiert. Die anderen Leute verloren das Interesse an mir. Sie gingen ihrer Wege. Minuten später war ich mit Frank Esslin allein.

»Sie kamen aus dem Hotel gerannt...«

»Ich war hinter einem Kerl her«, sagte ich.

»Hinter wem?«

»Hinter dem Taxifahrer!«

»Hinter welchem Taxifahrer?«

»Nun, machen Sie aber einen Punkt, Mann. Ich kam doch mit einem Taxi hier an.«

»Ja.«

»Na also. Und der Taxifahrer ging mit mir in dieses Hotel.«

»Nein.«

»Was heißt nein?«

»Er fuhr gleich wieder ab. Sie gingen allein in das Hotel.«

»Sagen Sie, Esslin, halten Sie mich eigentlich für verrückt, oder was soll das? Der Mann ging mit mir. Er hat doch meine Reisetasche getragen.«

»Die trugen Sie selbst, Mr. Ballard. Der Mann fuhr sofort weiter.« Esslin schaute mich besorgt an. »Fühlen Sie sich auch wirklich wieder vollkommen okay, Mr. Ballard?«

»Und ob!«, schrie ich ihn an. »Und ob!«

»Ich könnte Ihnen... Ich meine, ich bin Arzt, wenn Sie etwas brauchen...«

»Ich bin okay!«, sagte ich wütend. Dann packte ich ihn am Ärmel und zog ihn in das Hotel, in dem auch er wohnte. Ich schleppte ihn bis zu meiner Reisetasche, auf die der Empfangschef persönlich aufpasste. Diesen Mann fragte ich dann, wer diese Reisetasche hereingebracht hatte.

Als der Mann mit einem verzeihenden Lächeln meinte, ich hätte die Tasche selbst getragen, begann ich mit Dr. Esslin an meinem Geisteszustand zu zweifeln.

Dieser verdammte Benitez spielte mit mir.

Ich musste mir das alles nur eingebildet haben.

Oder war Tahaa Wirklichkeit gewesen?

Es war zu viel für meine angegriffenen Nerven. Ich überlegte die Sache nicht länger, sondern verlangte ein Zimmer.

Esslin lud mich zu einem Drink ein, sobald ich meine Sachen in den Schrank gehängt hatte.

Er erzählte mir – während wir Kava, den gegorenen Saft aus getrockneten Pfefferwurzeln, tranken –, dass er für die WHO arbeitete.

Er war zu Studienzwecken in die Südsee gekommen und hatte bereits eine ganze Menge Inseln abgeklappert: Sein Fachgebiet war die Tropenmedizin.

»Nicht das Klima ist für die Verbreitung bakterieller Seuchen in dieser Gegend ausschlaggebend«, sagte er. »Es gibt bedeutsamere Faktoren, nämlich mangelnde Hygiene, Übervölkerung, dürftige wirtschaftliche und soziale Verhältnisse, Ungeziefer- und Insektenplage sowie die Verunreinigung von Wasser und Nahrungsmitteln. Sie sind die Ursachen von Seuchen, die einst auch in gemäßigten Zonen verbreitet waren, wie Pest, Cholera, Lepra, Typhus und Fleckfieber. Mit der fortschreitenden kulturellen Entwicklung sind diese Seuchen bei uns erloschen, während sie in den tropischen Ländern noch weitverbreitet sind.«

Dr. Esslin aus New York hatte sein Leben dem Kampf gegen diese Seuchen verschrieben.

Ich entnahm seiner Rede, dass er nicht sicher war, diesen Kampf jemals siegreich beenden zu können, doch solange er lebte, würde er versuchen, diese Seuchen zu bekämpfen.

Ich erzählte ihm nur wenig über mich.

Nur, dass ich Privatdetektiv sei und eine heiße Spur hierher verfolgt hätte.

Sehr bald verabschiedete ich mich von dem sympathischen Mann.

Wir waren sicher, einander noch öfter zu begegnen. Ich versprach, mir dann mehr Zeit für ihn zu nehmen.

Dann ging ich zum Empfangschef und ließ mir ein Adressbuch geben.

Ich wühlte mich durch die Seiten und schlug jene auf, wo rechts oben MON stand.

»Da ist er!«, murmelte ich, als ich Federico Mondos Namen gefunden hatte.

Es wunderte mich nicht, dass der Mann Bestattungsunternehmer war.

Etwas in der Richtung hatte ich eigentlich erwartet, denn so eine Person konnte den Sarg, in dem sich Vicky befand, am unauffälligsten vom Flughafen abholen.

Ich fragte den Mann hinter dem Pult, ob es weit bis zu Mondos Adresse wäre.

Der Empfangschef empfahl mir, ein Taxi zu nehmen.

Ich empfand einigen Widerwillen, doch dann nickte ich, und der Mann besorgte mir ein Fahrzeug, das diesmal lupenrein war.

Der Mann am Steuer war mürrisch und von weißer Hautfarbe.

Es war nicht Tahaa.

Darüber war ich ehrlich froh.

Er brachte mich zu Federico Mondos Haus. Vorne lag das Beerdigungsinstitut. Dahinter schloss sich die Privatwohnung an.

Ich stieg aus.

Das Taxi fuhr davon.

Ich stand unschlüssig vor dem Gebäude, wusste nicht, ob ich vorne oder hinten reingehen sollte.

Ich entschied mich für das Institut.

Es war geschlossen.

Während ich über blanke Natursteine einen sorgfältig gepflegten Rasen überquerte, hatte ich das unangenehme Gefühl, beobachtet zu werden.

Ich ließ mir nichts anmerken, gab mich unbefangen. Ich erspähte einen Leichenwagen. Er war leer, wartete auf seinen nächsten Einsatz, der ganz gewiss bald kommen würde.

Seufzend legte ich meinen Finger an die Klingel.

Dann wartete ich mit vibrierenden Nerven.

Was für ein Abenteuer würde mich wohl erwarten?

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Der hässliche Seth Bouchet fletschte die Zähne. Sein Gesicht verzerrte sich zu einer bösartigen Fratze.

Er stand am Fenster und beobachtete den Mann, der über die Natursteine ging.

»Ballard!«, sagte er, obwohl er den Mann noch nie gesehen hatte. »Das ist Tony Ballard!«

Er kicherte, wandte sich vom Fenster ab und jagte wie ein Wirbelwind durch das Haus.

Da schlug die Klingel an.

Sein bleiches Gesicht wurde schlagartig ernst.

»Komm!«, fauchte er. »Komm nur! Komm herein, Ballard! Nun komm schon!«

Er konzentrierte sich ungemein stark auf die Tür. Es war ihm möglich, die Tür allein mit seinem Willen zu öffnen.

Langsam schwang sie auf...

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Ich machte einige Schritte in die Halle.

Rings herum standen eine Menge Gegenstände des polynesischen Kunsthandwerks. Statuetten, Kanumodelle. An den Wänden hingen aus Holz geschnitzte Masken, deren Augenhöhlen mich feindselig anzustarren schienen.

Es gab auch Kitsch aus Muschelschalen.

Ich hatte keine Ahnung, wie nahe ich Vicky in diesem Augenblick war.

Ich wusste nicht, dass sie sich zu diesem Zeitpunkt noch in diesem Haus befand. In einem Sarg. Im Keller.

»Hallo!«, rief ich, um mich bemerkbar zu machen. »Mr. Mondo!«

Nichts.

»Mondo!«

Stille.

»He! Ist da niemand?«

Ich wandte mich um. Da bemerkte ich, dass sich die Tür bewegte. Ehe ich es verhindern konnte, flog sie mit einem lauten Knall zu.

Verdammt, war ich denn in ein Geisterhaus geraten?

»Mondo!«, schrie ich erneut. Und ich zückte sicherheitshalber meine Pistole.

Schritte.

Dann ein kaum wahrnehmbares Atmen. Später ein leises Kichern. Es klang wie das Kichern eines Verrückten.

»Mondo!«, brüllte ich gereizt. »Lassen Sie das, verflucht noch mal! Das ist doch kindisch!«

Wieder Schritte.

Sie entfernten sich. Ich rannte sofort hinterher. Das Schnaufen eines Menschen drang an mein Ohr. Ich kreiselte herum, aber hinter mir war niemand. Nur eine von diesen hässlichen Holzmasken.

Der Kerl wollte mir Angst machen.

Nicht mit mir, mein Junge, dachte ich. Um mir Angst zu machen, musst du schon mit anderen Geschützen auffahren. Mit solchen Kinkerlitzchen erreichst du bei mir gar nichts. Es kann dir nur passieren, dass ich dir eine Kugel in deinen verdammten Pelz setze, wenn du dich zu nah an mich heranwagst.

Ein Seufzen.

Ich schlich darauf zu.

Eine Tür. Halb offen. Einladend offen für mich. Ich legte meine Hand dagegen.

Sie wich ächzend zur Seite.

Eine Treppe. Sie führte in den Keller. Unten war es finster.

Ich fand einen Lichtschalter. Es wurde hell. Das Seufzen erstarb.

Mit hart aufeinandergepressten Lippen schlich ich die Treppe hinunter.

Ich war verdammt auf der Hut.

Ich war auf alles gefasst.

Sogar auf Paco Benitez!

Federico Mondo brauchte ich nicht mehr zu rufen. Der Bursche hätte mir nicht einmal dann geantwortet, wenn er neben mir gestanden hätte. Der Kerl steckte meines Erachtens mit Tahaa, Bouchet und Benitez unter einer Decke.

Ich gebe zu, mir wurde ein wenig mulmig, als mir zum Bewusstsein kam, dass ich es mit vier Gegnern zu tun hatte.

Vier Dämonen.

Einer schlimmer als der andere. Und am schlimmsten von allen: Paco Benitez!

Ich schritt die Stufen trotzdem hinunter. Mir ging es darum, Vicky Bonney wiederzufinden.

Um dieses Ziel zu erreichen, hätte ich mich sogar in die Hölle hinabgewagt.

Särge.

Alte Modelle. Sie lehnten an den Wänden, standen auf dem Boden herum, waren leer.

Leer, bis auf einen!

Heute weiß ich natürlich, dass ich einen schwerwiegenden Fehler begangen hatte. Im Nachhinein weiß man so etwas immer besser. Aber damals, als ich in diesen Keller kam, als ich in diesem Eichensarg meine Freundin wie tot liegen sah, da vergaß ich alles um mich herum.

Ich rannte auf den Sarg zu.

»Vicky!«, brüllte ich. Ich dachte, sie würde nicht mehr leben. »Vicky!«

Ich dachte an keine Gefahr.

Ich verlor einfach den Kopf, rannte, so schnell ich konnte, auf den Sarg zu.

Da flog plötzlich etwas oder jemand auf mich zu. Er kam aus einer dunklen Nische. Seine Augen glühten.

Ich sah eine weiße Hand.

Dann fegte mich ein fürchterlicher Hieb von den Beinen.

Ich verlor die Besinnung. Ich verlor Vicky. Ich verlor einfach alles.

Doch ich fiel nicht in diese weiche schwarze Ohnmacht, die solchen gewaltigen Schlägen normalerweise folgt.

Ich kippte sozusagen aus mir selbst heraus. Es ist nicht leicht zu erklären, was damals in diesem schrecklichen Keller des Beerdigungsinstituts mit mir geschah.

Ich hatte das Gefühl, gespalten zu sein.

In einen Körper und in eine Seele.

Ich konnte neben mir stehen. Ich konnte meinen Körper sehen, schaute auf diesen Menschen hinunter, der zu meinen Füßen lag und sich nicht rührte. Auf diesen Menschen, der ich selbst war.

Diese Dämonen hatten ein neues Spiel erfunden, um mich zu foltern.

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Ich sah, wie ich erwachte.

Ich sah, wie der andere vor mir erschrak. Ich hörte ihn entsetzt aufschreien, und es erfüllte mich mit einer teuflischen Wonne, ihn schreien zu hören.

Plötzlich hatte ich eine neunschwänzige Peitsche in der Hand.

Ich begann sofort wild auf den Schreienden einzuschlagen.

Dunkelrote Striemen liefen über sein Gesicht. Ich zerfetzte seine Kleider mit meiner Peitsche. Ich schlug ihn auf die nackte Haut. Sie schwoll an und platzte auf.

Ich peitschte ihn weiter.

Ein furchtbares Gefühl marterte mich dabei.

Die Schmerzen, die ihn so grässlich brüllen ließen, die spürte auch ich.

Aber ich konnte nicht aufhören, auf ihn einzuschlagen.

Je mehr er schrie, je mehr er blutete, desto rasender machte es mich.

Es war grauenvoll.

Ich schlug immer wieder in sein Gesicht, weil es mein Gesicht war und weil ich es nicht mehr sehen wollte.

Bald war dieses Antlitz nur noch eine blutverschmierte Maske.

Der Mann fiel um.

Ich hörte trotzdem nicht auf, ihn zu peitschen. Ich wollte ihn töten. Ich wollte mich selbst vernichten.

Er kam noch einmal hoch. Er floh vor mir, seinem unbarmherzigen Ich, das nur den einen Wunsch hatte: ihn zu erschlagen!

Zitternd versuchte er über einen breiten Tisch zu kriechen.

Aber ich war schon bei ihm. Ich riss die Peitsche hoch.

Sie verwandelte sich in meiner Hand, wurde zu einem Henkersschwert.

Ich musste diesen Mann töten. Etwas zwang mich, obwohl ich fühlte, dass ich mir damit selbst den Kopf abschlagen würde.

Ich musste es tun.

Der Mann auf dem Tisch stieß grässliche Schreie aus.

Er rang die Hände.

Ich hatte kein Erbarmen mit mir.

Surrend sauste das Schwert herab, durchtrennte den Hals des Opfers.

Ich spürte einen wahnsinnigen Schmerz in der Kehle.

Ich hatte es getan!

Atemlos starrte ich auf das blutbesudelte Schwert. Plötzlich riss mich ein gellendes Gelächter aus meiner seltsamen Ohnmacht. Meine Seele fand wieder in den Körper zurück. Ich wurde wieder zu einer einzigen Person. Doch die Schmerzen blieben.

Wankend stand ich vor dem Tisch. Es flimmerte vor meinen Augen. Ein Körper lag da. Aber es war nicht der meine.

Ein Körper lag vor mir. Aber er hatte keinen Kopf!

Ein fremder Körper! Ohne Kopf. Ich stand davor. In meiner Rechten hielt ich noch das blitzende Henkersschwert.

Ich hatte einem Menschen den Kopf abgeschlagen! Ich suchte den Kopf. Da lag er auf dem Boden. Ich starrte entsetzt auf die Glatze. Wessen Kopf war das? Der von Federico Mondo?

Ich erfuhr später, dass diese Vermutung richtig gewesen war.

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Mir wollten die Sinne schwinden.

Ich ließ das Schwert fallen. Mich ekelte davor. Ich wandte mich von dem Leichnam ab. Mein Magen revoltierte. Beinahe hätte ich mich übergeben.

Es war einfach zu viel für mich.

Ich hatte Mondo getötet. Das glaubte ich zumindest. Dass Seth Bouchet ihn schon in der vergangenen Nacht umgebracht hatte, konnte ich nicht wissen.

Dieser verfluchte Teufel hatte dieses Schauspiel grandios arrangiert. Mir zitterten die Knie.

Mein fiebernder Blick suchte den Keller ab. Vicky suchte ich. Den Sarg, in dem Vicky Bonney gelegen hatte.

Er war nicht mehr da.

Er musste fortgeschafft worden sein.

In diesem Moment heulte oben ein Automotor auf. Wie von Furien gehetzt jagte ich auf die Kellertreppe zu.

Ich stürmte sie hoch, wirbelte durch die Halle und aus dem Haus.

Ich kam gerade noch zurecht, um den Leichenwagen abfahren zu sehen.

Ein Sarg war darin.

Und ich war sicher, dass sich in diesem Sarg meine Vicky befand.

Ich rannte hinter dem davonschießenden Wagen her. Es hatte natürlich keinen Sinn. Atemlos blieb ich schon nach wenigen Metern stehen.

Der Mann am Steuer lachte grauenvoll.

Ich war nahe daran, vor Wut zu zerspringen. Niedergeschlagen wandte ich mich um.

Vielleicht gab es hier irgendwo einen Wagen.

Mein Blick fiel auf einen schwarzhäutigen Mann. Er stand an der Ecke des Hauses. Sein Lächeln machte mich verrückt. Er forderte mich damit heraus. Ich fletschte zornig die Zähne.

»Tahaa!«, brüllte ich in abgrundtiefem Hass. »Tahaa, du niederträchtige Kreatur!«

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Tahaa wandte sich grinsend um und verschwand hinter der Ecke.

Ich wollte ihn kein zweites Mal entkommen lassen und keuchte hinter ihm her.

Er saß schon in seinem Taxi, als ich schweißüberströmt angeschnauft kam.

Die Tür stand einladend offen. Aber ich stieg nicht ein.

»Taxi, Mr. Ballard?«, fragte mich dieser verdammte Teufel.

Ich schoss ihm in die Reifen.

Er wieherte vor Lachen. Ich feuerte mein ganzes Magazin auf ihn leer. Ich sah genau, wo die Kugeln in seinen Körper einschlugen.

Er hätte tot sein müssen.

Aber er war nicht tot. Er war nicht tot, weil er schon tot war. Verrückt war das. Ich konnte ihn nicht umbringen. So nicht. Ich hatte es doch schon vor dem Hotel versucht. Niemand hatte ihn gesehen. Niemand hatte mitbekommen, was ich mit ihm im Wagen angestellt hatte. Und doch hatte ich es getan. Die Welt der Dämonen hat eben unvorstellbare Weiten.

Tahaa war in der Lage, den Geist der Menschen zu manipulieren. Er konnte Erinnerungen auslöschen, konnte die Menschen anders denken lassen, konnte mit ihnen tun, was ihm beliebte, ohne dass sie es merkten.

Nun warf ich mich doch in den Wagen.

Ich hatte meine rechte Hand zur Faust geballt.

Nun rammte ich ihm meinen magischen Ring mitten ins Gesicht.

Da verging ihm das Lachen.

Er begann entsetzlich zu brüllen. Er riss die Tür auf, ehe ich ein zweites Mal zuschlagen konnte, er ließ sich einfach aus dem Wagen fallen, rannte auf allen vieren davon, und es war mir nicht mehr möglich, ihn einzuholen.

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Seth Bouchet stieg am Hafen aus dem Leichenwagen. Er betrachtete stirnrunzelnd die vier prachtvollen weißen Jachten, die zu vermieten waren.

Ein kleiner dicker Kerl mit dunkelblauem Rollkragenpulli witterte ein Geschäft.

Er kam von der Jacht herunter.

»Na, mein Freund. Haben Sie Interesse an dieser Jacht?«

»Gehört sie Ihnen?«

»Natürlich.«

»Ein schönes Boot.«

»Nicht nur schön. Auch schnell.«

»Noch ziemlich neu, wie?«

»In diesem Jahr erst gekauft.«

»Wie viel soll’s denn kosten?«

»Das richtet sich danach, wie lange Sie es haben wollen«, sagte der kleine Dicke.

»Ein, zwei Tage.«

Der Dicke nannte seinen Preis.

»Ist nicht gerade billig«, knurrte Bouchet.

»Wollen Sie feilschen?«

»Ich nehme an, der Kahn ist das Geld wert«, gab Bouchet zurück.

»Oja«, lachte der Dicke. »Das ist er. Ist er in der Tat. Wollen Sie an Bord kommen? Sie sind dazu herzlich eingeladen.«

Der Bootsbesitzer rieb sich, erfreut über das zu erwartende Geschäft, die Hände.

Er geleitete Bouchet an Bord, führte ihn an Deck herum und zeigte ihm auch den unteren Teil der Jacht.

»Zufrieden?«, fragte er, als sie wieder an Deck standen.

»Im Prinzip ja«, meinte Seth Bouchet.

»Sie haben noch Zweifel?«

»Nun ja...«

»Anderswo kriegen Sie kein solches Boot. Nicht zu diesem Spottpreis.«

»Mann, tragen Sie nicht so dick auf!«, knurrte der lebende Tote ärgerlich. Daraufhin schaltete der Dicke ein wenig zurück.

»Ich würde mir die größte Mühe geben, Ihnen den Aufenthalt auf meiner Jacht so gemütlich wie möglich zu machen«, sagte er.

Bouchet schaute den Mann starr an.

»Ach, Sie fahren mit?«

»Ich gebe mein Boot nicht aus der Hand. Das müssen Sie verstehen. Die Miete gilt für die Jacht und für mich. Sie brauchen doch einen tüchtigen Steuermann. Nun, der bin ich. Etwas dagegen, dass ich mitfahre?«

»Nein«, knurrte Bouchet.

»Dann sind wir uns also einig?«

»Ich hätte noch eine Fracht.«

»Dagegen ist nichts einzuwenden.«

»Sehen Sie den Leichenwagen dort?«

»Ja.«

»Und den Sarg?«

»Ja, den sehe ich.«

»Das ist die Fracht.«

»Gott, nein!«, krächzte der Dicke. Er fuhr sich erschrocken über das bleich gewordene Gesicht. »Im Ernst?«

»Sehe ich so aus, als würde ich scherzen wollen?«

»Nein. Natürlich nicht.«

»Also, was ist? Nehmen Sie den Sarg an Bord?«

»Ist er leer?«

»Ich nehm doch keinen leeren Sarg mit.«

»Wer liegt darin?«

»Meine Mutter. Die ärmste starb in London. Herzversagen. Ich musste ihr nachreisen und die sterbliche Hülle heimholen. Mein Los ist schwer genug. Machen Sie mir keine Schwierigkeiten ich bitte Sie. Was ist denn schon dabei.«

Der Dicke seufzte.

Auf der einen Seite war der Sarg.

Auf der anderen Seite waren die hohen Schulden, die er hatte. Und er hatte schon lange kein Geschäft mehr gemacht. Es wäre hoch an der Zeit gewesen, wieder einmal auszulaufen und Geld zu verdienen.

Aber mit einem Sarg an Bord?

War das nicht ein böses Omen?

Und der Kerl da! Sah der nicht wie eine wandelnde Leiche aus?

»Ich mach’s!«, sagte der Dicke schweren Herzens. »Aber nur, weil ich Mitleid mit Ihnen habe. Ein Mensch, der seine Mutter verliert, ist ein armes Schwein... verzeihen Sie diesen Ausdruck, aber so empfinde ich nun mal.«

Seth Bouchet lachte innerlich. Nach außen hin gab er sich traurig.

»Würden Sie mir helfen, den Sarg an Bord zu bringen?«

»Muss das sein? Ich bin nicht mehr der Kräftigste.«

»Sie werden es schon schaffen.«

Sie holten den Sarg.

Der Dicke schwitzte mächtig. Er hatte Särgen gegenüber eine schreckliche Abneigung. Und ausgerechnet auf sein Schiff musste ein solches Ding kommen.

Mit einem schiefen Blick auf die Totenkiste fragte der Bootsbesitzer: »Wann soll die Reise losgehen?«

»Jetzt gleich.«

Der Dicke streckte die Hand vor.

»Bezahlt wird im Voraus.«

»Meinetwegen«, sagte Seth Bouchet. Er holte seine Brieftasche heraus und gab dem Dicken den vereinbarten Betrag.

»Und wohin soll’s jetzt gehen?«, fragte der Jachtbesitzer, während er die Dieselmotoren anwarf.

»Kurs Südwest.«

»Zu den Cook-Inseln?«

»Ja. Vorläufig.«

»Und dann?«

»Das sage ich später.«

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Nach meinem grässlichen Abenteuer in Federico Mondos Leichenbestattungsunternehmen beziehungsweise in dessen Keller, trachtete ich, so schnell wie möglich ins Hotel zu kommen.

Mir wollte nicht in den Kopf, was ich getan hatte.

Ich, ein ehemaliger Polizist, ein Mann, der Achtung vor dem Leben hatte, ich hatte einem Menschen den Kopf abgeschlagen.

Eine Zeitlang versuchte ich mir einzureden, dass Mondo wahrscheinlich kein Mensch gewesen wäre.

Doch hätte ich ihn mit diesem Schwert töten können, wenn er ein Dämon gewesen wäre? Wohl kaum.

Ich war nahe daran, zur Polizei zu gehen und mich zu stellen.

Da fiel mir ein, dass der Leichnam nicht geblutet hatte. Ich hatte dem Mann den Kopf abgeschlagen. Aber es war kein Blut aus seinem Hals geschossen. Das bedeutete doch, dass sein Blut zu diesem Zeitpunkt nicht mehr durch seinen Körper zirkulierte.

Folglich war der Mann bereits tot gewesen.

Was ich getan hatte, konnte man bestenfalls als Leichenschändung ansehen.

Doch wenn man meine geistige Verfassung in Betracht zog, konnte man mich dafür kaum verantwortlich machen.

Ich hätte ebenso gut mir selbst den Kopf abgehauen.

Aus diesem Grund beschloss ich, nicht zur Polizei zu gehen.

Ich musste Vicky suchen.

Verdammt. So nahe war ich schon an sie herangekommen. Sie hatte vor mir in diesem Sarg gelegen. Drei Armlängen von mir entfernt. Und doch so entsetzlich weit weg von mir.

Ich hatte sie gefunden und gleich wieder verloren.

Ich musste sie erneut suchen.

Meine Sorge galt ihrem Leben. Sie hatte so entsetzlich bleich ausgesehen. So, als wäre sie zu Recht in diesem verfluchten Sarg.

So, als wäre sie tot.

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Ich duschte und zog leichtere Kleidung an. Während ich mein Hemd zuknöpfte, fragte ich mich immer wieder bang, wohin dieser bleiche Kerl mein Mädchen gebracht haben konnte.

Ich entschloss mich, einen Leihwagen zu nehmen und ganz Papeete kreuz und quer abzufahren. Irgendwo würde ich diesen verdammten Leichenwagen schon entdecken.

Ich musste ihn finden.

Sonst war Vicky verloren.

Als ich aus meinem Zimmer stürmte, rannte ich Dr. Frank Esslin beinahe über den Haufen.

»Wohin so eilig?«, fragte er mich.

»Ich muss mir ganz schnell Leihwagen beschaffen.«

»Wenn Sie mir verraten, was Sie vorhaben, können Sie gern meinen haben.«

Ich schüttelte den Kopf.

»Das kann ich nicht annehmen.«

»Warum denn nicht? Der Wagen gehört mir doch nicht. Ist mir doch egal, wenn Sie ihn zu Schrott fahren.«

»Sie bekämen Schwierigkeiten.«

»Nicht, wenn Sie mich mitnehmen.«

»Das geht auf gar keinen Fall!«, platzte ich heraus.

»Wollen Sie mir immer noch nicht sagen, was Sie bedrückt, Mr. Ballard?«

»Wozu?«

»Ich bin Arzt.«

»Sie können mir nicht helfen.«

»Ihnen hängt der Kummer aus den Augen heraus, Mann. Sie müssen ihn loswerden, sonst bringt er Sie um.«

Er hatte Recht. Ich sehnte mich danach, mit jemandem! darüber reden zu können.

Ich riss ihn mit mir den Korridor entlang. Was ich ihm zu erzählen hatte, ließ seine Haare zu Berge stehen. Ich sah seinen immer ungläubiger werdenden Blick. Es war mir egal. Er hatte mich aufgefordert, ihm zu sagen, was mich bedrückte. Und das tat ich nun. Schonungslos. Es war starker Tobak, das gebe ich zu, und ich hätte es nicht verhindern können, wenn er mich für verrückt gehalten hätte. Aber ich hörte mit meiner haarsträubenden Geschichte nicht auf, ehe ich in der Gegenwart angelangt war.

Er hielt mich trotzdem nicht für verrückt.

Vielleicht war es sein Hang zum Abenteuer, der Wunsch, auch mal einen Blick hinter die Kulissen werfen zu dürfen, die ihn glauben ließen, was ich ihm erzählte.

Er bot mir seine Hilfe an.

Ich wollte ablehnen. Aber da saß er bereits neben mir in seinem Leihwagen.

Außerdem hatte ich keine Zeit für lange Streitgespräche.

Und drittens brauchte ich meine Energie für andere Gelegenheiten.

Ein Streit mit Frank Esslin hätte mich bloß Substanz gekostet.

Deshalb sagte ich nur resignierend: »Ich hoffe, Sie wissen, worauf Sie sich da einlassen, Esslin!«

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Tahiti versank im Dunstschleier.

Mit dröhnenden Motoren schaukelte die Jacht durch die sanfte Dünung des Pazifik.

Seth Bouchet hockte neben dem Sarg, »seiner toten Mutter«. Er hatte den bleichen Kopf in die Hände gelegt. Schaute sich nicht um, hockte da, wie ein Denkmal, schien tatsächlich tiefe Trauer zu empfinden.

Ein unheimlicher Kerl ist das, dachte der Dicke, während er den einstweiligen Kurs hielt.

Der Mann mit dem Sarg war ihm nicht geheuer. Unter normalen Umständen hätte er ihn abgewiesen. Unter normalen Umständen wäre, ihm dieser seltsame Mensch nicht an Bord gekommen.

Aber was tut man nicht alles für das liebe Geld, wenn man es so dringend wie er nötig hat.

Irgendwann hob Bouchet den Kopf. Welch ein ekelhaftes Gesicht, dachte der Dicke.

Der große Mann erhob sich und trat an die Reling. Er starrte in die dunkelgrünen, leicht aufschäumenden Fluten.

Es schien, als suchte er etwas.

Plötzlich huschte ein Lächeln über sein Grauen erregendes Gesicht.

Er hatte gefunden, was er suchte.

Haie.

Mindestens sieben Stück. Sie strichen knapp unter der Meeresoberfläche dahin. Vor ihren Schnauzen schwammen die kleinen Pilotenfische, die sich immer in ihrer Nähe aufhielten.

Bouchet verzog das Gesicht zu einem dämonischen Grinsen. Sein gletscherkalter Blick glitt von den wie silberne Torpedos durch das Wasser schießenden Fischleibern, von derer dreieckigen Flossen zu dem Dicken.

Der Bootsbesitzer begriff nicht sofort.

»Haie!«, rief er nickend.

»Ja, Haie!«, rief Seth Bouchet zurück.

»Diese verfluchten Mörder.«

»Sie sind gewiss sehr hungrig.«

»Ja, verdammt. Das sind diese Bestien immer. Und sie haben eine unheimliche Ausdauer. Die folgen einem Boot bis ans Ende der Welt, wenn es sein muss. Nur, um zu ihrer Beute zu kommen.«

Bouchet ging auf den Mann zu.

»Sie haben Angst vor ihnen, nicht wahr?«

»Wir haben alle Angst vor diesen gewalttätigen Mordbestien! Alle, wenn wir zu uns selbst ehrlich sind!«

Bouchet hatte den Dicken erreicht.

»Wenn jetzt einer von uns beiden über Bord fiele...«, sagte er.

»Himmel, sprechen Sie so etwas nicht aus. Derjenige, der dieses Pech hätte, wäre verloren!«

Bouchet grinste.

»Derjenige sind Sie!«

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Wie vom Donner gerührt starrte der Dicke den unheimlichen Kerl an. Er japste nach Luft, wurde fahl bis in die Lippen.

»Das... das war doch wohl nur ein schlechter Scherz!«, krächzte er.

Aber er sah in Bouchets Augen, dass dieser keinen Scherz gemacht hatte.

Der Bleiche griff nach ihm.

Der Dicke machte einen erschrockenen Sprung zurück.

Er stieß gegen die Kompasssäule und verzog sein Gesicht.

»Mann, was haben Sie vor?«, brüllte er entsetzt.

»Die Haie haben Hunger. Ich will ihnen zu fressen geben!«, grinste Seth Bouchet gefährlich.

»Sie sind nicht bei Trost. Gehen Sie weg! Lassen Sie mich in Ruhe! Kehren Sie zu Ihrem verdammten Sarg zurück! Kommen Sie mir nicht mehr zu nahe, sonst...«

»Sonst...?«

»Hauen Sie ab! Sie haben mich und mein Boot gemietet...!«

»Dann kann ich auch über beides frei verfügen!«, kicherte Bouchet.

Nun fasste er blitzschnell zu. Der Dicke wollte sich zwar zur Seite werfen, aber er war nicht flink genug.

Bouchet hatte ihn bereits am Kragen.

»Hilfe!«, kreischte er in panischer Furcht. »Hiiilfe!«

Der Bleiche lachte ihn aus.

Seine Augen quollen auf. Sie begannen hell zu glühen. Die Augäpfel formten sich zu kleinen Totenköpfen.

Das war dem Dicken zu viel.

Er konnte diesen Horror nicht verkraften, fasste sich röchelnd ans Herz und knickte in den Beinen ein.

Bouchet schlug ihn ins Gesicht. So lange, bis er geistig wieder voll da war.

Dann riss er den Mann mit einem schauderhaften Dämonengelächter hoch und warf ihn über Bord.

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Ich glaube, ich ließ damals keine einzige Straße von Papeete aus.

Schließlich langten wir im Hafen an.

Da entdeckte ich den Leichenwagen.

»Der Kerl muss den Sarg auf ein Boot gebracht haben«, sagte ich zu Esslin.

Wir sprangen aus dem Fahrzeug.

»Dann wollen wir mal sämtliche Bootsverleiher abklappern«, meinte Frank Esslin. »Vielleicht kann uns einer der Männer weiterhelfen.«

Wir marschierten getrennt los, weil wir so die doppelte Anzahl von Leuten in derselben Zeit befragen konnten.

Esslin fand auf Anhieb den richtigen Mann. Er steckte zwei Finger in seinen Mund und stieß einen gellenden Pfiff aus.

Ich hörte das Signal und begab mich zu ihm. Er stand an Bord eines Leihbootes. Altes Modell. Ziemlich zerschrammt. Aber mit Austauschmotoren versehen, wie uns der Besitzer sagte. Die Maschinen sollten eine ungeheure Schubkraft entwickeln.

Ich war sicher, dass er das sagte, weil er uns sein Boot andrehen wollte.

Erst aber wollte ich wissen, was er über den Mann mit dem Sarg zu sagen hatte.

Der Schwarze bleckte nervös seine schneeweißen Zähne.

Er war klein, drahtig, hatte ein verwittertes Gesicht, eine gebrochene Nase, und an der linken Hand fehlten ihm drei Finger.

»Der große Bleiche kam zu meinem Freund«, sagte der Bootsbesitzer. »Sie wurden sich rasch einig. Dann holten sie den Sarg an Bord und fuhren aus dem Hafen.«

»Haben Sie eine Ahnung, welchen Kurs der Bleiche genommen hat?«, fragte ich.

»Ich denke, sie sind zu den Cook-Inseln unterwegs. Sie können die Richtung aber auch geändert haben, wer weiß das schon. Von hier aus kann man das nicht sehen. Außerdem wimmelt es in diesem Ozean von Inseln, Eilanden und Atollen. Sie können überall anlegen...«

Ich fragte ihn ungeduldig, was er für seinen schwimmenden Kasten haben wollte.

Er nannte einen stolzen Preis, und ich war damit einverstanden. Er strahlte über das ganze verwitterte Gesicht. Er hatte wohl nicht damit gerechnet, dass ich so schnell anbeißen würde.

Aber mir saß die Zeit wie ein gieriger Blutgeier im Nacken.

Ich hatte es verdammt eilig.

Der Kleine half uns beim Ablegen.

Ich hatte bezahlt und hatte eine beachtliche Kaution – natürlich gegen Quittung – für das Boot bei ihm hinterlegt.

Als alle Taue losgemacht waren, drehte ich die Motoren auf.

Der Kleine hatte uns nicht belogen.

Die Maschinen entwickelten tatsächlich ungewöhnlich viel Dampf.

Das ganze Schiff vibrierte. Es war ein gutes Gefühl, zu wissen, dass genügend Kraft vorhanden war.

Der Schwarze winkte uns vom Kai aus nach. Während ich am Steuer stand, winkte Frank Esslin zurück.

Wenig später blieb der Hafen hinter uns. Jetzt holte ich alles aus den Motoren heraus, was in ihnen steckte.

Der rostige Bug unseres Bootes hob sich ungestüm aus dem Wasser.

Wir flitzten mit hoher Geschwindigkeit in südwestlicher Richtung davon.

Ich hoffte auf ein Wunder. Denn wenn wir in dieser unendlichen Weite des riesigen Ozeans das Sandkorn Seth Bouchet und jenen Sarg wirklich fanden, dann war das ein Wunder...

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Der lebende Tote war mit ungemein empfindlichen Sensoren ausgerüstet.

Er empfing unzählige Impulse.

Es blieb ihm nicht lange ein Geheimnis, dass er verfolgt wurde.

Daraufhin setzte er sich auf telepathischem Wege mit Paco Benitez, dem Sohn, in Verbindung, und dieser erteilte ihm einige knappe Befehle, die Bouchet sofort in die Tat umsetzte.

Er steuerte ein unbewohntes Atoll an.

Es lag im samtgrünen Meer wie der Panzer einer Riesenschildkröte.

Auf diesem Panzer standen einige Palmen. Davor verlief ein prachtvoller, hellgelber Sandstrand.

Es gelang Seth Bouchet mühelos, die gefährlichen Korallenriffe zu umfahren. Er fand einen Kanal zwischen ihnen, der bis zum Sandstrand hin verlief. Sobald das Boot auf Grund gelaufen war, stellte der lebende Tote die Maschinen ab.

Er hob den schweren Sarg allein hoch, lud ihn sich auf die Schulter und kletterte von Bord.

Ein Albatros kam kreischend angeflogen.

Bouchet trug den Sarg zu einer Palmengruppe und stellte ihn in deren tiefem Schatten ab. Hier sollte der Leichenbehälter vorläufig bleiben. Kein Mensch würde ihn hier suchen oder finden. Es gab keine Menschen auf diesem winzigen Eiland.

Vicky Bonneys Leben war hier keinesfalls in Gefahr.

Nicht einmal die Hitze konnte ihr im Schatten dieser ausladenden Palmen gefährlich werden.

Mit einem unheimlichen Grinsen kehrte Bouchet auf die Jacht zurück.

Die Schiffschrauben rissen das Boot vorn Sandgrund los.

Bouchet nahm wieder Kurs auf Tahiti, sobald er die Korallenriffe passiert hatte.

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Wir sahen ihn nicht sofort.

Es war dunstig. Die Luft flimmerte. Ein feuchter Dampf flirrte über der Wasseroberfläche. Wir rasten immer noch auf die Cook-Inseln zu.

Plötzlich stieß Frank Esslin einen aufgeregten Schrei aus. Und er fuchtelte hektisch mit den Armen herum.

»Da!«, schrie er. »Ballard! Da!«

Ich reckte den Hals.

Jetzt sah auch ich ihn.

Der große Bleiche! Mir fuhr ein eiskalter Schock durch die Glieder. Nicht wir hatten ihn gefunden, sondern er hatte uns gefunden.

Und was er vorhatte, ließ meine Kopfhaut um zwei Nummern enger werden.

Sein weißes Gesicht war zu einer grausamen Fratze verzerrt.

Er stand am Steuer seines rasend schnell heranfegenden Kahns.

Das Boot hielt genau auf uns zu.

Das Gebrüll unserer Motoren vermengte sich mit dem Dröhnen der anderen Maschinen.

Bouchet hatte vor, uns zu rammen. Mit voller Geschwindigkeit. Mir schoss das Blut in den Kopf.

Was das bedeutete, konnte ich mir ausmalen. Wenn wir den Aufprall halbwegs überstanden, würden wir vermutlich mit unserem alten Boot absaufen.

Und dann...

Die dreieckigen Flossen, die schon eine ganze Weile hinter uns her waren, sprachen Bände!

Der Kerl wollte uns offensichtlich umbringen.

»Festhalten, Frank!«, schrie ich dem Amerikaner zu.

Der Arzt klammerte sich an das Gestänge. Ich schob den Gashebel bis zum Anschlag vor. Dann warf ich das Steuerrad hektisch nach links. Die alte Jacht legte sich ächzend zur Seite.

Esslin fiel.

Er kam aber sofort wieder auf die Beine. Unser Schiff warf eine wilde Woge auf.

In der nächsten Minute zerschnitt sie der scharfe Bug des anderen Kahns.

Aber ich hatte unser Heck bereits vor der heranrasenden Jacht in Sicherheit gebracht.

Seth Bouchet flitzte haarscharf an uns vorbei.

Mir stand der kalte Schweiß auf der Stirn.

Der lebende Tote stieß ein fürchterliches Gelächter aus.

Esslin kam zu mir.

»Soll ich Ihnen verraten, was mit dem los ist?«, fragte ich.

»Ich kann es mir denken!«, gab Esslin zurück.

»Was meinen Sie... wäre es nicht klüger gewesen, in Papeete zu bleiben?«

Er schüttelte den Kopf.

»Ich bin der Meinung, Sie können bei einem solchen Gegner Hilfe gebrauchen, Tony.«

Ich schaute dem Untoten nach.

»Ich sehe den Sarg nicht!«, rief ich besorgt.

»Ich auch nicht!«, sagte Dr. Esslin. »Vielleicht ist er unter Deck.«

»Oder er hat ihn auf irgendeinem Atoll abgelegt«, sagte ich, ohne zu wissen, dass ich den Nagel damit haargenau auf den Kopf getroffen hatte.

»Er kommt zurück!«, brüllte Esslin mit geweiteten Augen.

Diesmal versuchte uns der verfluchte Kerl frontal zu rammen.

»Denkt er denn nicht an sich?«, fragte mich Esslin. »Bei einem solchen Aufprall geht doch auch sein Boot kaputt!«

»Glauben Sie mir, Frank, der hat alles genau überlegt, was er tut. Dem passiert nichts! Das weiß er!«

Ich schlug mit unserem Boot einen schnellen Haken.

Die kräftigen Austauschmotoren bewährten sich prächtig. Wenn sie nicht so stark gewesen wären, wären wir spätestens nach dem zweiten Angriff von Bouchets Jacht erwischt worden.

Es wurde ein mörderisches Spiel.

Wir rasten über das Meer, verfolgt von diesem Wahnsinnigen, der uns umbringen wollte.

Aber er schaffte es nicht.

Wir hatten die kräftigeren Motoren. Ein ungeheurer Vorteil. Wir blieben immer einige lebenswichtige Zentimeter voraus.

Er versuchte wirklich alles, und ich muss gestehen, er hatte die Jacht hervorragend in der Hand.

Ich hatte große Mühe, nicht die Nerven zu verlieren.

Als er erkannte, dass uns so nicht beizukommen war, ließ er sich etwas Neues einfallen.

Ich jagte unser Boot gerade in einem engen Bogen über die Wellen. Da schnitt er scharf von rechts heran.

Ich wollte nach links ausweichen, aber da hatte er bereits zum Sprung angesetzt.

Er sprang zu uns herüber.

Sein Boot raste herrenlos weiter und war bald nicht mehr zu sehen.

Nun hatten wir den Teufel an Bord.

Ich warnte Frank Esslin, er solle ja nicht zu nahe an ihn herangehen. Der bleiche Kerl würde ihm mühelos das Genick brechen.

Esslin wich vor dem näher kommenden Mörder zurück. Seth Bouchet versuchte den Amerikaner mit einer Kältewelle zu lähmen. Wenn ihm das gelungen wäre, hätte er ihn mühelos angreifen und töten können. Aber bevor das klappte, schrie ich Esslin zu, er solle das Steuer übernehmen.

Der Arzt kam meiner Aufforderung sofort nach.

Und nun stellte ich mich zum Kampf.

Ich ballte meine Rechte. Ich vertraute auf die magische Kraft meines Ringes, der mich schon aus weit schlimmeren Situationen im wahrsten Sinne des Wortes herausgeboxt hatte.

Bouchet kam auf mich zu. Sein Atem war eiskalt. Sein Blick durchbohrte mich. Ich fühlte Schmerzen in mir.

Seine Augen quollen auf und wurden zu kleinen Totenschädeln.

Doch damit konnte er mich nicht schrecken. Ich hatte keine Angst vor ihm und seinem grauenvollen Aussehen.

Ich wusste, dass selbst ihm, der die Unterstützung des Teufels für sich in Anspruch nehmen konnte, Grenzen gesetzt waren.

Grenzen, die er nicht durchbrechen konnte.

Er war nicht unsterblich. Ich war sicher, dass er irgendeinen schwachen Punkt hatte.

Den musste ich finden.

Dann konnte ich ihn vernichten.

Aber zuvor musste er mir noch sagen, wo er Vicky hingebracht hatte.

Er griff an.

Ich stieß seine Hand zur Seite und knallte ihm meine Rechte blitzschnell ans Kinn. Er heulte mit schmerzverzerrtem Gesicht auf. Da, wo ihn mein Ring getroffen hatte, brach die weiße Haut auf. Das Fleisch war zu sehen, und der Knochen schimmerte durch.

Verstört starrte er auf meinen Ring.

Er hatte gedacht, unverwundbar zu sein. Er hatte geglaubt, keine Schmerzen zu fühlen.

Und nun hatte ich ihn mit meinem Ring erheblich verletzt. Mit einem einzigen Schlag.

Das ließ ihn an sich selbst zweifeln.

Er wich einen Schritt zurück. Sein Blick verriet mir, dass ihm vor meinem magischen Ring grauste, dass er Angst davor hatte.

Das gab mir ungeheuer viel Mut.

So viel Mut, dass ich ihn unverzüglich angriff. Ich musste seine Verblüffung ausnützen.

Er wankte zurück. Seine Augen glühten nun hell. Er fletschte das Gebiss. Es verfärbte sich giftgrün. Die grausamen Lippen formten widerwärtige Schreie.

Er versuchte sich vor meinem Ring in Sicherheit zu bringen, doch ich setzte ihm nach.

Er schlug nach mir. Ich fing seinen eisharten Arm blitzschnell ab, drehte ihn herum und knallte ihm meine ringbewehrte Faust an die Schläfe.

Er stieß ein schauriges Gebrüll aus, das mein Mitleid wecken sollte.

Doch ich hatte kein Erbarmen mit diesem verfluchten Kerl, der meine Freundin aus London entführt und hier hergebracht hatte, der meine Vicky irgendwo versteckt hatte, wo ich sie niemals wiederfinden würde, wenn er mir das Versteck nicht nannte.

Er röchelte gequält.

Er wankte. Er presste die zitternde Hand auf die neue Verletzung.

Ich schnellte auf ihn zu, packte ihn, aber er war immer noch ungemein kräftig.

Beinahe mühelos schüttelte er mich ab. Er versetzte mir einen gemeinen Tritt in den Unterleib. Ich klappte ächzend zusammen.

Ein wahnsinniger Schmerz raubte mir beinahe die Besinnung.

Das war die Chance für ihn.

Er wollte mich einfach von Bord rammen.

Da kam mir Frank Esslin zu Hilfe. Der Amerikaner griff sich in größter Eile den Enterhaken. Er klemmte sich das Ding wie eine Lanze unter den Arm und rannte damit gegen den Untoten an.

Seth Bouchet war zu sehr mit mir beschäftigt, deshalb sah er den Amerikaner zu spät auf sich zurasen.

Als er Esslin kommen sah, richtete er sich auf.

Da bohrte sich der Enterhaken mit ungeheurer Wucht in seine Brust. Der Haken drang durch den toten Körper und trat hinten aus dem Rücken heraus.

Bouchet stieß einen wütenden Schrei aus.

Er schlug wild um sich, ergriff den Enterhaken und riss ihn sich blitzschnell aus dem Leib. So war ihm einfach nicht beizukommen.

Er schmetterte Esslin den Haken auf den Kopf. Der Amerikaner brach wie vom Blitz getroffen zusammen. Als er auf dem Boden lag, wollte Bouchet ihm den Enterhaken durch die Brust stoßen.

In diesem Moment hatte ich mich wieder halbwegs gefangen.

Ich sah Bouchet wie durch einen blutroten Nebel. Er stand hoch aufgerichtet da. Ein Bündel voll Kraft und Brutalität. Grausam bis zum letzten. Und er hatte den Enterhaken wild hochgerissen, um noch in derselben Sekunde zuzustoßen.

Esslin wäre verloren gewesen.

Ich schnellte mich ab und versetzte dem Unheimlichen einen gewaltigen Stoß.

Er taumelte vorwärts, krachte gegen die Reling, verlor die Balance und kippte ins Wasser.

Ein lautes Klatschen war zu hören. Dann spritzte eine Fontäne hoch.

Ich dachte, jetzt wäre es aus und vorbei mit dem Burschen.

Und mir schoss durch den Kopf, dass mit seinem Tod auch, Vicky Bonneys Tod besiegelt war, denn ohne ihn konnte ich sie niemals finden.

Mit schrecklicher Deutlichkeit wurde mir klar, wie sehr ich diesen Dämon brauchte, wie sehr ich auf ihn angewiesen war.

Und ich hatte das Verrückteste getan, was ich nur tun konnte. Ich hatte ihn ins Wasser gestoßen. Ich hatte ihn über Bord geworfen.

Zu den Haien!

Ich keuchte zur Kanzel und stellte die Motoren ab.

Dann hetzte ich zum Heck zurück.

Bouchet tauchte soeben aus den Fluten auf.

»Haie!«, brüllte ich entsetzt, als ich die dreieckigen Flossen von allen Seiten auf ihn zuschießen sah. »Die Haie!«

Mir rann der Schweiß in Strömen über das Gesicht. Das war das Ende. Das Ende für Bouchet. Und das Ende für Vicky.

Mit ihm verlor ich auch sie.

Das darf nicht sein!, schrie es in mir.

Aber ich hatte keine Möglichkeit, es zu verhindern. Wenn ich ins Wasser gesprungen wäre, um den Dämon zu retten, hätten die Haie auch mich zerrissen. Mich vermutlich sogar zuerst.

Esslin kam hoch.

Er verfolgte mit mir das verblüffende Schauspiel. Was wir erlebten, war so unvorstellbar, dass wir es nicht begreifen konnten.

Ich war fest davon überzeugt gewesen, dass die Haie Bouchet zerstückeln würden.

Und sie bissen auch mit ihren scharfen Sägezähnen augenblicklich zu, als sie den lebenden Toten erreicht hatten.

Aber sie vermochten ihm nichts anzuhaben.

Es war so ähnlich wie mit dem Enterhaken. Er war nicht zu töten. So nicht. Weder mit dem Enterhaken noch von den Haien.

Im Gegenteil.

Die gierigen Mörder bissen zu, und in derselben Sekunde krepierten sie schrecklich zuckend, als jagten mörderische Stromstöße durch ihre langen, schlanken Körper.

Alle, die Seth Bouchet zu zerreißen versuchten, starben eines grässlichen Todes.

Er schwamm auf unser Boot zu.

Ein triumphierendes Grinsen entstellte sein ohnedies schon abscheuliches Gesicht.

Esslin wich bestürzt vor ihm zurück. Nun wusste er, welche Kräfte in diesem toten Körper wohnten. Nun hatte er Angst. Verständlich. Er hätte zum ersten Mal in seinem Leben mit einem solchen Ungeheuer zu tun.

Bouchet dachte wohl, auch auf mich mit dieser scheußlichen Demonstration Eindruck gemacht zu haben. Aber er irrte. Ich war nur froh, dass es den Haien nicht gelungen war, ihn zu vernichten. Um Vickys willen war ich froh.

Er kam an Bord.

Im Wasser schwammen die Tierkadaver, die sich an seinem Körper vergiftet hatten.

Sobald Bouchet auf den Schiffsplanken stand, griff ich ihn wieder an.

Diesmal schenkte ich ihm nichts. Gnadenlos hämmerte ich mit meinem Ring auf ihn ein. Er wand sich unter schrecklichen Schmerzen. Er brach nieder, wimmerte, war entkräftet, konnte sich nicht mehr erheben.

Diese Gelegenheit durften Esslin und ich nicht ungenützt lassen.

Ich schickte den Amerikaner unter Deck. Er sollte Stricke oder irgendetwas bringen, womit wir Bouchet fesseln konnten.

Er brachte dickgliederige Ketten.

Ich umwand damit den fauchenden Dämon.

Jetzt war ich obenauf.

Nun war er mir auf Gedeih und Verderb ausgeliefert. Ich hatte ihn völlig in der Hand. Das erfüllte mich mit ungeheurer Freude.

Es war zwar nur ein Teilsieg.

Aber es war trotzdem ein Sieg!

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Paco Benitez, der Sohn, trat vor seine Hütte. Eine innere Unruhe hatte ihn erfasst. Er wusste, wo Vicky Bonney war. Sie war nicht weit weg vom Lepra-Atoll. Aber sie war noch nicht hier.

Benitez war auch das Schicksal von Seth Bouchet bekannt. Er hatte soeben einige Impulse von ihm empfangen.

Der unheimliche Inselbewohner sah darin jedoch keine Gefahr für seinen Plan. Er war nach wie vor zuversichtlich.

Es würde alles so klappen, wie er sich das vorstellte.

Letztlich würde er Vicky Bonney und Tony Ballard hier auf seiner kleinen Insel haben. Er würde sie hier haben und sie töten. Auch dieser hilfsbereite Amerikaner sollte sterben. Er hatte kein besseres Schicksal verdient.

Hungrig schaute sich Benitez um.

Seine Gier nach Blut und Fleisch ließ plötzlich blauschwarze Federn aus seinem Körper sprießen. Im Nu hatte er die Gestalt des kräftigen Geiers angenommen. Und nun sprang aus seinem Gesicht ein gefährlicher bleicher Schnabel hervor. Die Augen traten zurück, der Kopf schrumpfte.

Als die Verwandlung abgeschlossen war, stieß er sich vom Boden ab.

Krächzend erhob er sich in die Lüfte. Seine Schwingen peitschten den Wind.

Er zog seine Kreise, war auf der Suche nach Nahrung. Aber am Strand vor dem hässlichen Totem lagen nur bleiche Skelette.

Hungrig und gereizt strich er über die Palmen hinweg.

Plötzlich vernahm er das ferne Hämmern von Trommeln.

Sie brachten wieder einen Toten.

Schon wieder einen Toten.

Allmählich ekelte sich Benitez davor. Er wollte endlich einmal frisches, vom Leben heiß durchpulstes Fleisch haben.

Sein scharfes Auge gespähte die vier Boote. Sie sahen klein und unscheinbar aus. Wie dünne Stäbchen, auf denen einige Ameisen hockten.

Die Gier nach Blut trieb den Geier von seinem Atoll fort und auf die Boote zu.

Er flog ihnen entgegen.

Nun sah er die Leichen von vier Mädchen. Ein dicker Maori schlug die Todestrommeln.

Der Blutgeier stieß einen krächzenden Schrei aus. Die Eingeborenen wurden dadurch auf ihn aufmerksam.

Ihre Gesichter flogen hoch.

Sie starrten entsetzt zum Himmel.

Namenlose Panik erfasste sie, als der Blutgeier, sie angriff. Sie brüllten in wahnsinniger Furcht. Sie warfen die. vier Mädchenleichen ins Wasser und versuchten mit hektischen Ruderschlägen zu fliehen.

Benitez schoss auf das erste Boot zu. Er streckte seine scharfen Krallen weit vor, jagte den schreienden Eingeborenen nach, riss einem von ihnen mit seinen Fängen die Haut am Rücken auf.

Der Mann heulte fürchterlich auf. Benitez flatterte hoch, um erneut anzugreifen.

Der Mann hatte so furchtbare Schmerzen, dass er darüber den Verstand verlor.

Er sprang hoch, schlug brüllend um sich, brachte das Boot zum Kentern. Schon waren die Haie da. Benitez griff das nächste Boot an.

Er mordete, vernichtete, brachte Boote zum Kentern, verschaffte den Haien reiche Beute.

Als keiner der Maoris mehr lebte, erhob sich Paco Benitez mit kräftigen Flügelschlägen.

Er schrie triumphierend.

Und er beschloss, die Toten von nun an den Mördermöwen zu überlassen. Für ihn sollte es nur noch lebende Nahrung geben.

Erst Vicky Bonney.

Dann Tony Ballard.

Wenn er das Leben dieser beiden vernichtete, schaffte er zweierlei auf einmal: Er konnte seinen Hunger stillen und seinen brennenden Rachedurst löschen.

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»Wo ist Vicky?«, fragte ich Bouchet.

Er lag wimmernd auf dem Boden. Ich hatte ihn mit meinem magischen Ring fürchterlich zugerichtet. Er war kaum noch wiederzuerkennen. Jedes Mal, wenn ihn der schwarze Stein meines Ringes berührte, schrie er grell auf, und seine Haut platzte.

»Wo ist Vicky?«, brüllte ich ungeduldig.

Ich brachte meinen Ring an sein entstelltes Gesicht.

Er brüllte markerschütternd los, ehe ich ihn berührte.

»Vicky! Wo ist sie?«, zischte ich. »Befindet sie sich immer noch in diesem verdammten Sarg?«

Der Dämon röchelte.

Er begann um Gnade zu betteln.

Aber ich blieb steinhart.

»Ich will wissen, wo mein Girl ist!«

»Im Sarg!«, gurgelte Seth Bouchet. »Ja. Sie befindet sich im Sarg.«

»Und wo ist der Sarg?«

»Auf einem Atoll.«

»Wo?«

»Südsüdwesten!«

»Wie weit?«

»Nicht sehr weit.«

»Halbe Stunde zu fahren?«, fragte ich.

»Ja. Eine halbe Stunde. Vielleicht sogar etwas weniger.«

»Wir fahren hin!«, knurrte ich. »Und wenn du nicht die Wahrheit gesagt hast, schäle ich mit diesem Ring das Fleisch von deinen verdammten Knochen!«

Er wusste, dass ich nicht bluffte. Und er begriff, dass ich mit meinem Ring tatsächlich dazu in der Lage war.

Er hatte Angst, grässliche Angst vor meinem Ring, und das war gut so.

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Tahaa kam zum Hafen.

Sein Geist hatte einen Hilferuf von Seth Bouchet aufgefangen.

Er musste ihm nachfahren und ihn retten. Sie waren auf eine unerklärbare Weise zur Einheit geworden, Bouchet und Tahaa. Der Weiße und der Schwarze. Sie gehörten zusammen.

Sie waren zwei Körper, aber sie lebten beide von Benitez’ Gnaden. Er war ihr Herr. Sie waren seine ausführenden Organe. Sie waren eine rechte und eine linke Hand. Hände des Dämons Paco Benitez.

Tahaa stand ruhelos am Kai.

Er brauchte ein Boot.

Aber er hatte kein Geld, um sich eines zu leihen. Daran sollte sein Vorhaben jedoch nicht scheitern.

Wenn er das Geld für die Miete nicht bezahlen konnte, dann würde er das Boot eben stehlen.

Er suchte sich das beste aus.

Mit steifen Schritten ging er darauf zu. Er schaute sich kurz um.

Niemand beachtete ihn.

Er lief die Planke hoch. Vom Niedergang drangen Stimmen an sein Ohr, die Stimme eines Mädchens und eines Mannes.

Nun kicherte das Mädchen.

Tahaa huschte auf den Niedergang zu. Seine Augen wurden schmal.

Der Drang zum Töten funkelte deutlich in ihnen. Er klappte die Holztür vorsichtig zur Seite. Dann stieg er die Stufen behutsam hinunter.

Wieder kicherte das Mädchen.

»Nicht doch, Sam!«, sagte sie amüsiert.

»Warum nicht?«, knurrte der Mann heiser.

»Ich mag nicht.«

»Warum nicht?«

»Weil ich jetzt keine Lust dazu habe.«

»Die wird nicht lange auf sich warten lassen«, lachte der Mann gedämpft.

»Finger weg!«, rief das Mädchen.

Dann klatschte es. »Du hast mir versprochen...«

»Ein Mann verspricht viel, Baby...«

»Ein echter Mann hält sein Versprechen!«

»Ein echter Mann nicht. Nur ein Trottel. Du willst doch nicht, dass ich mich selbst zum Idioten mache, Baby.«

»Hör endlich auf damit, Sam! Sonst knall ich dir eine.«

»Das würde mich nicht davon abhalten. Komm, Baby. Stell endlich das verdammte Glas weg. Du hast doch schon genug getrunken.«

»Noch nicht genug, um dich zu ertragen, Sam!«

»Verdammt, warum willst du mich beleidigen?«

»Sam! Sam! Sam! Oh... Sam!«

Tahaa schob sich grinsend in die Kajüte.

Auf dem Bett lag ein junges Mädchen mit hellbrauner Haut.

Sam hatte es schon geschafft.

Ihr Bikini lag auf dem Boden. Der nackte Mann vergaß sich in den Armen des ächzenden Mädchens allmählich selbst.

Tahaa schlich auf die beiden zu.

Die Kälte, die von ihm ausging, ließ das Paar erschauern. Sie wussten nicht sofort, wodurch diese unheimliche Kälte hervorgerufen wurde.

Erst als Tahaa den Mann von dem Mädchen wegriss, begriffen sie.

Als Tahaa den Mann mit einem raschen Ruck wie eine Puppe beiseite schleuderte, begann das Mädchen schrill zu kreischen.

Doch dann nahm ihr der kräftige Maori mit einem grausamen Griff die Luft zum Schreien.

Ihr junger Körper erschlaffte.

Tahaa ließ sie los. Ein widerwärtiges Grinsen huschte über sein schwarzes Gesicht.

Nun hatte er ein Boot.

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Seth Bouchet erholte sich schnell wieder.

Er versuchte, seine Ketten zu sprengen, doch das war ihm nicht möglich. Deshalb probierte er, uns anders beizukommen.

Er wollte sich des Geistes von Frank Esslin bemächtigen.

Er wollte sich den Amerikaner zur Gehilfen machen.

Als ich das erkannte, reagierte ich sofort. Ich hatte gesehen, dass Bouchet der Arzt mit seinen toten Augen auf eine recht eigenartige Weise angestarrt hatte.

Ich hatte instinktiv gefühlt, dass das für Esslin nichts Gutes bedeuten konnte.

Wenig später war mir aufgefallen, dass Frank Esslin auf die Impulse zu reagieren begann, die ihm der gefesselte Bouchet zusandte.

Das hätte verdammt ins Auge gehen können, wenn ich nicht so sehr auf der Hut gewesen wäre.

Bouchet war es noch nicht ganz gelungen, Esslin zu seinem Werkzeug zu machen.

Aber ich sah dem Amerikaner an, dass er mich so anstarrte, als würde er mich furchtbar hassen. Das hatte ihm Bouchet eingeimpft. Ehe die Gefahr akut wurde, legte ich Esslin meine rechte Hand auf die Schulter: Das riss ihn aus der Trance.

Er war mit einem Schlag wieder vol bei Besinnung. Der Dämon hatte verspielt.

Da versuchte Bouchet uns mit einen anderen Trick zu überlisten.

Er konzentrierte sich auf die Maschinen unserer Jacht.

So, wie es ihm möglich gewesen war die Tür in Federico Mondos Haus allein durch seine Willenskraft zu bewegen, so war es ihm nun möglich, unseren Maschinen einen geringfügigen Schaden zuzufügen.

Allein mit dem Willen.

Ich hatte aber keine Ahnung, dass er hinter dieser Schweinerei steckte.

Die Motoren ruckten plötzlich und blubberten. Dann nörgelten und ächzten sie.

Und schließlich blieben sie stehen.

Frank schaute mich verwirrt an.

»Was soll das, Tony?«

Ich hob die Schultern.

»Niemand weiß weniger als ich!«, murrte ich.

»Vielleicht kein Treibstoff mehr!«

»Sie wollen mich damit doch nicht etwa aufheitern?«, erwiderte ich schief grinsend. »Es ist ein verdammt harter Job, von hier nach Hause zu paddeln. Treibstoff ist übrigens in Ordnung.«

»Dann stimmt etwas mit der Zündung nicht!«

»Wir werden es nie herausfinden, wenn wir hier oben bloß diskutieren!«, meinte ich sauer. Dann wies ich mit dem Daumen über meine Schulter nach hinten. Mein Daumen zeigte auf Seth Bouchet. »Während ich unten im Maschinenraum bin, schauen Sie ihn nicht an, verstanden? Auch dann nicht, wenn er Sie ruft, oder wenn er Ihnen irgendwelche Versprechungen macht. Sie tun einfach so, als wäre er nicht vorhanden. Falls Sie anders reagieren, sind wir verloren. Ich hoffe, das ist Ihnen klar, Frank.«

»Glasklar!«, grinste Esslin.

Ich nickte und kletterte in den Maschinenraum hinunter.

Esslin war klug. Er entfernte sich so weit wie möglich von dem gefesselten Dämon. Er ging nach vorn zum Bug.

Seth Bouchet befand sich hinten.

Dazwischen lagen die Aufbauten. Esslin konnte den Dämon nicht sehen.

Er wandte sich auch noch um.

Bouchet rief ihn. Er rasselte mit den Ketten, er flüsterte in den Wind, dass er grässliche Schmerzen hätte, dass er sterben würde, dass er Durst hätte und nahe am Verdursten wäre, er flehte um Wasser, versuchte das Mitleid des Amerikaners zu wecken, gab sich völlig harmlos.

Er redete ganz leise.

Trotzdem konnte Esslin jedes Wort hören.

Aber er reagierte zum Glück nicht auf die Verlockungen des Dämons.

Der Amerikaner hatte noch all die Gräuel vor Augen, die mit Seth Bouchet zusammenhingen.

Er blieb hart.

Bouchet gab schließlich auf.

Ich werkte unterdessen im Maschinenraum wie besessen.

Diese kräftigen Dieselmotoren sahen so simpel aus. Und doch kam ich nicht dahinter, wo der Wurm steckte.

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Tahaa hatte den Hafen von Papeete längst verlassen.

Auf dem offenen Meer warf er die beiden Leichen über Bord.

Dann konzentrierte er sich auf Seth Bouchet und teilte ihm mit, dass er bereits auf dem Weg zu ihm sei. Bouchet ließ ihn wissen, dass er die Maschinen der Jacht, auf der er sich befand, gestoppt hätte, und er wies den Schwarzen auf den richtigen Kurs.

»Wir werden sie bezwingen!«, sagte Tahaa zu Bouchet.

»Es wird nicht leicht sein«, gab Seth Bouchet aus der Ferne zurück. »Wir werden es schaffen.«

»Tony Ballard ist ungemein gefährlich, Tahaa.«

»Wir sind mächtiger als er.«

»Er hat diesen furchtbaren Ring...«

»Wir werden ihm diesen Ring wegnehmen, dann ist er verloren«, erwiderte Tahaa.

»Komm schnell, Tahaa! Sie haben mich in Ketten gelegt. Ich halte das nicht mehr lange aus. Ballard hat mich mit seinem Ring gefoltert. Ich habe Schmerzen. Komm schnell, Tahaa.«

»Zwanzig Minuten, Seth! Nur noch zwanzig Minuten! Dann bin ich bei dir, dann befreie ich dich, dann werden wir diese Männer bestrafen!«

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Ich arbeitete zwanzig Minuten lang an der Maschine.

Vergeblich.

Ich konnte den Fehler nicht finden. Das machte mich rasend.

Plötzlich hörte ich Frank.

»Tony!«, schrie er. »Tony! Kommen Sie herauf!«

Ich schwang mich nach oben. Ein Boot kam durch die sanfte Dünung gebraust.

»Dieses Schiff schickt uns der Himmel!«, rief der Amerikaner erfreut aus. Ich war skeptisch. Eigentlich ohne Grund. Aber mir war bekannt, zu welchen gemeinen Tricks Dämonen fähig sind.

Wir hatten einen Dämon an Bord.

Es war durchaus möglich, dass er nun sein Boot, mit dem er uns vor nicht allzu langer Zeit zu rammen versucht hatte, nun mit seinem Geist zurückdirigiert hatte, um das Zerstörungswerk zu einem erfolgreichen Abschluss zu bringen.

Ich schaute genauer zu dem fremden Schiff hinüber.

Es war ein anderes als das, mit dem uns Seth Bouchet auf den Meeresgrund schicken wollte.

Jetzt erst wagte ich, mich mit Frank Esslin zu freuen.

Die Jacht brauste heran.

Sie hielt auf uns zu. Wir begannen uns mit Armzeichen bemerkbar zu machen. Nicht, weil wir befürchteten, dass uns das Boot rammen könnte, sondern, weil wir das Boot stoppen wollten. Vielleicht gab es auf dem anderen Kahn einen Fachmann, der unsere Panne beheben konnte.

Wir winkten also.

Das Boot kam näher.

Plötzlich fühlte ich, wie ich bleich wurde.

Am Steuer stand ein Schwarzer.

Ich dachte sofort an den Maori Tahaa.

Er war es. Bei Gott, es war es!

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Er hätte es spielend geschafft, unser Boot zu zertrümmern, aber das war nicht seine Absicht. Er drehte knapp vor uns bei.

Esslin freute sich noch.

Ich klärte ihn auf. Da wurde auch er bleich. Der Schwarze sprang auf unsere Jacht herüber. Er warf sich sofort auf den Amerikaner.

Mir blieb ein Angstschrei im Hals stecken. Tahaa stürzte sich mit einer solchen Mordgier auf Frank Esslin, dass mir angst und bange wurde.

Seth Bouchet stimmte ein triumphierendes Geheul an. Er rasselte wild mit den Ketten, versuchte freizukommen.

Er hatte sich erschreckend gut erholt.

Er war wieder ungewöhnlich kräftig geworden. Es war durchaus möglich, dass es ihm nun gelang, sich von den Ketten zu befreien.

Ich hatte keine Zeit, ihn mit ein paar gezielten Hieben zu schwächen.

Ich musste Frank Esslin helfen, sonst war er verloren.

Entschlossen schnellte ich auf Tahaa zu.

Er versuchte den Amerikaner blitzartig zu vernichten. Mein Ring traf ihn im Nacken. Er stieß ein wildes Geheul aus, ließ Esslin fallen und kreiselte mit zornfunkelnden Augen zu mir herum.

Als er sich auf mich warf, empfing ich ihn mit einem wild hochgezogenen Aufwärtshaken.

Der magische Ring riss ihm das Gesicht auf.

Er fuhr sich an die aufklaffende Wange. Er schrie und taumelte. Er schlug um sich, ohne mich zu treffen. Ich verletzte ihn an Armen und Beinen.

Er tanzte wütend umher.

Ich wusste, dass ich ihn nicht zu schonen brauchte. Seth Bouchet durfte ich nicht vernichten. Er war noch zu kostbar. Ihn brauchte ich noch.

Aber Tahaa?

Wer brauchte Tahaa?

Ich nicht. Sofort holte ich zum vernichtenden Schlag aus.

Ich führte ihn von oben nach unten.

Ich ließ meinen magischen Ring über seinen Körper ratschen. Der Erfolg war verblüffend.

Er brach wie vom Blitz getroffen zusammen.

Sein bleiches Skelett fiel mir entgegen.

Ich packte es und schleuderte es augenblicklich über Bord.

Er versank sofort in den Fluten.

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Ich kümmerte mich um Esslin.

Es ging ihm nicht sehr gut. Doch er beruhigte mich, indem er das Gegenteil behauptete. Ich fand das prachtvoll von ihm.

Nun wollte ich sicherheitshalber einen Blick auf Seth Bouchet werfen.

Bei der Gelegenheit wollte ich ihm auch gleich ankündigen, dass es ihm genauso erginge, wenn er sich nicht absolut friedlich verhielte.

Mich traf die schlimme Überraschung wie ein Keulenschlag.

Er war nicht mehr da!!!

Er war geflohen. Vor mir lagen die Ketten, die ihn festgehalten hatten. Mochte der Teufel wissen, wie er es geschafft hatte, sich selbst zu befreien.

Tatsache war jedenfalls, dass er geflohen war.

Ich sah ihn drüben, auf dem anderen Schiff auftauchen.

Gleichzeitig brüllten die Motoren der fremden Jacht auf.

Ehe ich zu ihm hinüberspringen konnte, raste er schon davon.

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Als er nicht mehr zu sehen war, hatte ich Zeit, über alles in Ruhe nachzudenken. Und mit einem Mal fiel es mir wie Schuppen von den Augen. Ich begann die ganze Angelegenheit zu begreifen.

Mir war mit einem Mal klar, dass Seth Bouchet den Maori auf telepathischem Wege hier hergeholt hatte, weil er dringend Hilfe brauchte. Jetzt kam mir auch wieder in den Sinn, was ich in Federico Mondos Haus erlebt hatte.

Der Kerl hatte die Tür zugemacht, ohne sie anzufassen.

Hatte er auch unsere Motoren lahm gelegt, ohne sie anzufassen?

Ich sprang in den Maschinenraum hinunter. Ich presste meinen Ring auf die Motoren.

Und siehe da, sie liefen wieder. Ich hatte den Fehler gefunden.

Sofort nahmen Frank Esslin und ich die Verfolgung auf. Dem Amerikaner ging es immer noch nicht sehr gut. Sein Hals wies feuerrote Würgemale auf. Er massierte ihn ständig und hatte Schluckbeschwerden.

Aber wir konnten von Glück reden, dass die Sache so glimpflich abgegangen war.

Sie hätte ein weit schlimmeres Ende nehmen können.

Ich drehte mächtig auf. Unsere Motoren waren stärker als jene, die sich in der Jacht befanden, die Bouchet steuerte.

Ich war sicher, dass wir ihn einholen würden.

Frank Esslin lehnte sich neben mich.

»Ich habe Ihnen eine ganze Menge zu verdanken, Ballard!«

»Geschenkt!«, grinste ich.

»Sie sind ein feiner Kerl.«

»Jeder, wie er kann«, gab ich bescheiden zurück. »Unterlassen Sie diese verdammte Beweihräucherung. Ich finde das zum Kotzen!«

»Sie sind ein außergewöhnlicher Mensch, Tony.«

»Deshalb habe ich auch einen verdammt ausgefallenen Job!«, gab ich zurück.

»Dieser Ring...«

»Ja?«

»Woher haben Sie den?«

»Ist ein Geschenk.«

»Von wem?«

»Ist eine lange Geschichte. Vielleicht schreibe ich sie irgendwann mal nieder. Dann schicke ich sie Ihnen nach New York, und Sie können sie lesen.«

»In diesem schwarzen Stein wohnen ungeheure Kräfte«, sagte Esslin beinahe ehrfürchtig.

»Stimmt«, gab ich lakonisch zurück.

»Ich hätte nicht gedacht, dass es so etwas gibt.«

»Hätten Sie gedacht, dass es Geschöpfe wie diesen Maori oder Seth Bouchet gibt?«

»Nein.«

»Sehen Sie. Und es gibt sie trotzdem. Aber unser Abenteuer ist damit noch nicht zu Ende. Wir haben es erst mit den Handlangern des wahren Teufels zu tun gehabt. Paco Benitez wartet noch im Hintergrund auf uns. Das wird ein harter Brocken, Frank. Und ich bin ganz sicher, dass er uns nicht erspart bleibt.«

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Da war die Jacht.

Ich sah sie zuerst. Sie war aus dem diesigen Licht aufgetaucht, das sich über das Wasser gebreitet hatte.

Ich erkannte Seth Bouchet.

Und plötzlich, verdammt, ich hatte das Gefühl, nun müsse mein Herz stehen bleiben, plötzlich sah ich jenen Sarg, hinter dem ich so verbissen herjagte und in dem ich meine Freundin wusste.

Ich machte Esslin darauf aufmerksam. Er meinte, dass wir nun in die letzte Runde gehen würden. Und ich teilte diese Meinung mit ihm.

Der Sarg war der Köder für mich.

Benitez konnte sicher sein, dass ich ihm überallhin folgen würde. Ohne zu zögern, denn für mich war mein Leben nichts mehr wert, wenn es nicht durch Vicky Bonney ergänzt wurde.

Seth Bouchets Vorsprung hatte gereicht, um den Sarg von jenem Atoll abzuholen.

Nun war er vermutlich zu Paco Benitez unterwegs.

Mit mir im Schlepptau.

Er wusste das, und es war ihm verflucht recht, dass ich ihm folgte, denn er hatte den Auftrag, mich mitten hinein ins furchtbare Verderben zu locken.

Den Rest wollte wahrscheinlich dann der scheußliche Blutgeier selbst tun.

Aber ich würde keine leichte Beute für ihn sein. Ich würde mich meiner Haut mit allen mir zur Verfügung stehenden Kräften wehren.

Und nicht nur das.

Ich würde sogar versuchen, den Spieß umzudrehen. Ja, ich würde versuchen, diesen gottverfluchten Blutgeier zur Hölle zu schicken.

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Seth Bouchet hatte es sehr eilig.

Sobald er die Leprainsel erreicht hatte, holte er den schweren Sarg. Er schleppte ihn von Bord. Die Möwen flogen wütend auf. Sie segelten ärgerlich davon.

Bouchet keuchte den Sandstrand hoch.

Er kam an dem hässlichen Totem vorbei. Seine Füße stolperten über bleiche Skelette. Beinahe wäre er gefallen. Zischelnd fluchte er.

Aber er blieb nicht stehen.

Er wollte dem Meister das Mädchen bringen. Der Herr wartete voll Ungeduld auf sie. Er sollte nicht mehr länger warten.

Mit weit ausgreifenden Schritten lief Seth Bouchet durch den Wald. Die Insel stieg an. Der lebende Tote keuchte ihren Buckel hoch.

Endlich war er oben.

»Herr!«, schrie er. »Herr! Hier bin ich!« Er lief zu der Hütte, in der Paco Benitez hauste. Er stellte den Sarg behutsam auf den hölzernen Altar.

»Herr!«, rief er und sank vor der Hütte auf die Knie. »Ich habe sie gebracht.«

Benitez der Jüngere schleuderte die Tür auf.

Seine Augen funkelten. Er ließ ein begeistertes Lachen hören.

»Sehr gut!«, knurrte er. »Sehr gut, Seth Bouchet. Steh auf! Öffne den Sarg. Ich will das Mädchen sehen.«

Bouchet erhob sich.

Eifrig drehte er die Schrauben aus dem Holz. Wenig später nahm er den Deckel ab.

»Sie schläft noch!«, sagte er unterwürfig.

»Das hast du ausgezeichnet gemacht, Seth!«, sagte Benitez zufrieden. »Ich wusste von Anfang an, dass ich mich auf dich verlassen kann.«

»Oja. Ja, Herr, das kannst du.«

»Und Ballard?«

»Er ist mir gefolgt. Er muss die Insel gleich erreichen.«

»Hervorragend!«, knurrte Paco Benitez.

»Er ist nicht allein, Herr.«

»Ich weiß. Dieser Amerikaner ist bei ihm.«

»Ja, Herr.«

»Du wirst den Mann töten.«

»Ballard?«

»Esslin natürlich. Ballard krümmst du kein Haar, verstanden? Der gehört mir. Mir allein!«

»Gut, Herr. Gut. Ich werde Esslin töten!«

Ein Dröhnen füllte die Luft. Benitez hob mit einem Ruck den Kopf.

»Das ist sein Boot!«, sagte er.

»Ja, Herr. Er wird in wenigen Minuten an Land gehen!«

»Verschwinde, Seth!«

»Ja, Herr...«

»Ist noch etwas?«, fragte Benitez ärgerlich, als Bouchet nicht sofort ging.

»Herr... Ballard hat Tahaa getötet!«

Paco Benitez grinste diabolisch. »Sieh zu, dass du besser bist als Tahaa. Wenn es dir nicht gelingt, Ballard zu übertrumpfen, dann hast auch du den Tod verdient.«

Seth Bouchet senkte den entstellten Kopf.

»Ja, Herr.«

»Hast du Angst vor Ballard?«, fragte Benitez lauernd.

»Nein, Herr. Nicht vor Ballard.«

»Aber vor seinem Ring, nicht wahr?«

»Ja, Herr. Er kann mit diesem Ring schreckliche Dinge tun!«

Benitez lachte.

»Dann musst du eben trachten, die Nähe dieses Ringes zu meiden!« Er zog die schwarzen Brauen zusammen. »Geh jetzt. Geh und töte den Amerikaner.«

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Die Jacht des lebenden Toten war leer.

Wir jumpten ins knietiefe Wasser und wateten an Land. Frank Esslin schaute sich gespannt um. Er entdeckte gleich nach mir das hölzerne Totem. Sein unruhiger Blick streifte die vielen Skelette, die auf dem Strand lagen.

»Wissen Sie, was das für ein Atoll ist, Ballard?«, fragte er mich.

»Ein Teufelsatoll!«, knurrte ich.

»Ein Lepra-Atoll!«, sagte Dr. Esslin. »Hierher bringen die Eingeborenen von den umliegenden Inseln ihre Stammesbrüder, die von Lepra befallen sind. Sie töten sie und bringen sie hierher.«

»Warum nehmen sie den weiten, beschwerlichen Weg auf sich?«, fragte ich. »Es wäre doch einfacher, die Toten ins Meer zu werfen. Den Rest würden die Haie besorgen.«

»Die Maoris hassen Haie. Es gibt nichts Schrecklicheres für sie, als von solch einem Mörder angefallen und getötet zu werden. Nicht einmal ihren Toten wollen sie ein solches Schicksal antun. Da fahren sie schon lieber hierher, um sie da vor dem Totem abzulegen.«

Ich hob den Kopf und sah mich um.

Diese kleine Welt inmitten des riesigen pazifischen Ozeans hätte ein Paradies sein können, wenn es diese Skelette nicht gegeben hätte, wenn es dieses scheußliche Totem nicht gegeben hätte, und wenn es vor allem Paco Benitez nicht gegeben hätte.

Denn Paco Benitez war hier.

Auf dieser Insel.

Ich hatte ihn noch nicht zu Gesicht bekommen, aber ich wusste, dass er da war. Ich konnte ihn fühlen. Ich spürte die Grauenerregende Ausstrahlung des gefiederten Dämons.

Ich erwartete jeden Moment seinen Angriff.

Er hatte mich hier hergelockt, um mir das zurückzuzahlen, was ich ihm auf Castell Montgri angetan hatte.

Ich war fast freiwillig in die aufgestellte Falle gegangen.

Nun musste er sie zuschnappen lassen.

Und bei der Gelegenheit würde ich zurückschlagen, so fest ich in der Lage war.

»Kommen Sie, Frank!«, zischte ich mit schweißbedeckter Stirn. »Sie können sicher sein, dass wir bereits erwartet werden.«

Esslins Hände zitterten.

»Sehen Sie«, sagte er heiser. »Ich habe zum ersten Mal in meinem Leben Angst.«

»Es ist keine Schande, sich zu fürchten, Frank!«, tröstete ich ihn. »Ich glaube, ich empfinde in diesem Moment genau wie Sie.«

»Sie sehen so gelassen aus.«

»Der Schein trügt«, seufzte ich.

Wir zogen los.

Jeder trachtete, auf keinen Knochen zu treten. Das was hier bleich im Sand lag, waren mal Menschen gewesen.

Wir empfanden immer noch Achtung davor.

Mit bis zum Zerreißen angespannten Nerven schritten wir auf die ersten Palmen zu.

Ganz knapp dahinter lauerte der Tod auf Frank Esslin.

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Seth Bouchet presste sich eng an den dicken, rauen Palmenstamm. Er beobachtete die beiden Männer mit vor Hass glühenden Augen. Benitez hatte ihm aufgetragen, den Amerikaner zu töten. Er war entschlossen, es zu tun. Er wollte Benitez’ Wohlwollen behalten, denn von ihm hing es ab, wie lange er leben durfte.

Er konnte es kaum noch erwarten, sich auf Frank Esslin zu stürzen.

Ein heißer Schauer rieselte durch den Körper des lebenden Toten.

Seit er Federico Mondo umgebracht hatte, war mit ihm eine Wandlung vorgegangen. Er hatte am Morden Gefallen gefunden. Es begeisterte ihn, Leben zu vernichten, zu töten, gnadenlos, unbarmherzig, so wie Paco Benitez.

Er wollte seinem Herrn so ähnlich wie möglich werden.

Dazu gehörte das Töten.

Seine dunkle Zunge huschte über die blutleeren Lippen.

Die beiden Männer hatten nun endlich den Schatten der Palmen erreicht.

Seth Bouchet spannte die Muskeln.

Ballard kam auf ihn zu. Er duckte sich ein wenig, als fürchtete er, zu früh entdeckt zu werden. Gleichzeitig warf er einen scheuen Blick auf den Ring Ballards.

Ein erschrockener Seufzer entrang sich seiner Kehle. Dann presste er die Lippen fest aufeinander. Kein weiteres Geräusch sollte ihn verraten.

Ballard ging an dem Palmenstamm vorbei.

Bouchet wartete ab.

Dass der Amerikaner so knapp hinter Ballard ging, gefiel ihm zwar nicht, aber das war nicht zu ändern.

Nun war Esslin da.

Bouchet zögerte keine Sekunde.

Mit einem bösen Fauchen schoss er hinter dem Baum hervor. Er zielte mit der Faust brutal nach Esslins Kopf.

Der Amerikaner wich reflexartig zur Seite. Der Hieb fegte knapp über seine Haare hinweg. Ehe Bouchet erneut und vor allem zielsicherer zuschlagen konnte, schrie Esslin auf.

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Ich hörte ihn rufen und wirbelte wie von der Tarantel gestochen herum.

Die Situation war mehr als eindeutig. Bouchet legte es offensichtlich darauf an, meinen Begleiter zu ermorden.

Ich riss die Initiative sofort an mich. Blitzschnell warf ich mich zwischen die beiden.

Bouchets zweiter Hieb traf mich an der Seite. Ein furchtbarer Schmerz loderte in meinem Körper auf. Ich presste die Zähne ächzend aufeinander. Bouchet hatte Luft.

Er kam mit einem weiteren Hieb.

Ich flog zurück und knallte mit den Schulterblättern gegen einen Baum.

Er sprang mich an.

Dass ich für seinen Herrn bestimmt war, schien er in diesem Moment vergessen zu haben.

Ich hatte ihm mit meinem Ring wahnsinniges Leid zugefügt. Er wollte sich rächen.

Mit seinen mächtigen Pranken nagelte er mich an dem Palmenstamm fest.

Frank Esslin sprang ihn von hinten an. Er hieb ihm einen dicken Ast über den Schädel. Bouchet ließ nur ein unwilliges Knurren hören. Und er schüttelte ärgerlich den Kopf. Das war alles.

Aus seinem offen stehenden Mund stieg mir der stinkende Hauch des Todes entgegen.

Er betäubte mich damit beinahe.

Ein grauenvolles Brausen füllte meine Ohren. Vor meinen Augen tanzten bunte Kreise. Ich war nicht mehr fähig, klar zu denken.

Aber da waren noch meine guten Reflexe.

Auf sie konnte ich mich auch in höchster Not verlassen.

Meine Rechte schoss im entscheidenden Augenblick vor.

Sie grub sich in den Magen des großen Bleichen. Er ließ einen gurgelnden Laut hören.

Den Schlag allein hätte er verkraftet.

Aber nicht den neuerlichen Treffer mit meinem magischen Ring.

Plötzlich hörte ich etwas in mir schreien. Es war eine grelle Stimme, die mir immer und immer wieder denselben Befehl gab: »Töte ihn! Töte ihn! Töte ihn!«

Blitzschnell streifte ich seine kräftigen Hände ab.

Dann verfuhr ich mit ihm genauso wie mit Tahaa. Ich schälte mit einem einzigen gewaltigen Hieb das Skelett aus seinem Körper.

Was von dem Monster übrig blieb, sickerte langsam in die Erde ein.

Nun gab es nur noch einen Gegner für uns. Einen einzigen. Aber gerade er war der Schrecklichste von allen.

Und er hatte Vicky Bonney als Faustpfand.

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Mein Herz raste, als ich Benitez krächzen hörte. Irgendwo dort oben, zwischen den Palmen, wartete mein erbittertster Todfeind auf mich.

Er sollte nicht mehr länger warten müssen. Ich wollte mich ihm mutigen Herzens zum entscheidenden Kampf stellen.

Frank Esslin und ich keuchten zum Buckel des Atolls hoch. Der Amerikaner war hart am Rande der völligen Erschöpfung. Aber er klagte nicht. Er lief mit mir, denn er wusste, dass er nur in meiner unmittelbaren Nähe vor den Angriffen des Dämons sicher war.

Wieder krächzte das verhasste Monster.

Dann sah ich seinen schwarzen Federleib.

Er schwang sich mit kräftigen Flügelschlägen in die Luft. Er kreiste über den Palmenwipfeln und stieß immerzu diese nervtötenden Schreie aus.

Er versuchte uns auf diese Weise Angst zu machen. Aber sowohl Esslin als auch ich waren an einem Punkt angelangt, wo die Angst ein Ende hatte.

Gleichgültigkeit hatte ihren Platz eingenommen. Gleichgültigkeit, gepaart mit der Hoffnung auf ein Überleben.

Ich entdeckte die Hütte des Dämons.

Gleichzeitig sah ich den Sarg.

Vicky! Dort war Vicky. Alle Vorsicht außer Acht lassend, rannte ich auf die kleine Lichtung hinaus.

»Vorsicht, Ballard!«, brüllte Frank Esslin hinter mir.

Ich war auf halbem Weg zum Sarg.

Da stieß der Blutgeier mit wild schlagenden Flügeln auf mich herab. Er versuchte mir seine Fänge in den Nacken zu schlagen.

Ich duckte ab, strauchelte, knallte auf den Boden. Er strich kreischend über mich hinweg, griff sofort wieder an.

Esslin wollte ihn mit seinem dicken Ast verjagen. Die Bestie hackte mit dem bleichen, pickelharten Schnabel nach ihm und riss ihm eine tiefe Wunde im linken Unterarm.

Sofort schoss Blut hervor.

Esslin unterdrückte einen lauten Schmerzensschrei. Er wankte zurück.

Der Blutgeier wandte sich sofort wieder mir zu. Sein gefährlicher Schnabel stieß auf mich herab. Ich schlug mit meinem Ring nach dem Grauen erregenden Schädel der Bestie.

Das Tier schrie wütend auf.

Blitzschnell flog der furchtbare Vogel wieder hoch, um gleich zum nächsten Angriff überzugehen.

Ich kam atemlos auf die Beine.

Neben der Hütte entdeckte ich einen Bambusspeer. Ehe der Blutgeier sich erneut auf mich herabfallen ließ, griff ich nach dem Speer.

Dann kam die Bestie.

Ich riss den Speer hoch. Die Spitze fuhr dem Blutgeier knirschend in die Brust.

Benitez peitschte die Luft mit seinen weiten Schwingen.

Er krächzte. Er riss meine Kleider mit seinen Krallen auf, aber er erwischte mich nicht. Er versuchte mir mit seinem Schnabel die Augen auszuhacken, doch ich brachte mich immer wieder geschickt vor seinen mörderischen Stößen in Sicherheit.

Der Bambusspeer konnte ihn selbstverständlich nicht töten.

Das hatte ich auch nicht erwartet. Aber der Speer hemmte seine Bewegungen. Er störte ihn. Seine Angriffe wurden unbeholfener. Das Ding, das aus seiner Brust ragte, war ihm im Wege. Es machte ihn wütend, er wollte es loswerden.

Frank Esslin lehnte benommen an der Hütten wand. Er starrte mit bleichem Gesicht auf die schmerzhafte Verletzung, die ihm der Blutgeier zugefügt hatte.

Er verlor sehr viel Blut.

Benitez krächzte wild. Er versuchte sich den Speer aus dem gefiederten Leib zu reißen. Er tanzte über uns in der Luft. Wir fühlten seine Flügelschläge.

Ich rannte zum Sarg.

Ich musste Vicky retten.

Sie lag wie tot im Eichensarg. So, wie ich sie in Erinnerung hatte. So, wie ich sie im Keller von Federico Mondos Bestattungsunternehmen gesehen hatte. Bleich. Still. Entschlafen.

Aber sie war nicht tot.

Ich fühlte es, als ich ihre Hand berührte. Sie lebte noch. Sie schlief nur. Ihre Hand war warm. Sie lebte!

Benitez versuchte, mir mit einem gnadenlosen Schnabelhieb das Leben zu nehmen.

Ich hörte ihn herabrauschen.

Blitzschnell fuhr ich herum. Der Vogel kam mit weit vorgestreckten Fängen auf mich zugerast. Sein Schädel stieß im selben Augenblick nach vorn. Ich hatte Mühe, zur Seite zu springen. Er verfehlte mich um Haaresbreite.

Ich griff nach dem Bambusspeer, riss ihn ihm aus der Brust und bohrte ihn ihm im selben Moment durch den Hals.

Er schrie, flog auf, schüttelte den hässlichen Schädel, trudelte ab, flatterte sofort wieder hoch.

»Frank!«, schrie ich gehetzt. »Helfen Sie mir! Schnell!«

Esslin nickte.

Er kam angewankt. Seine Kleider waren von seinem Blut besudelt. Er hielt sich ungemein tapfer.

»Den Sarg!«, keuchte ich, während ich mit vibrierenden Nerven nach oben blickte. »Wir müssen ihn in die Hütte schaffen. Wir müssen Vicky in Sicherheit bringen. In der Hütte kann er ihr nichts mehr anhaben. Fassen Sie mit an. Haben Sie noch so viel Kraft?«

»Es wird schon gehen!«, seufzte Esslin. Sein Gesicht war kalkweiß.

Ich machte mir Sorgen um ihn.

Ob er durchhielt? Benitez schrie wütend über unseren Köpfen, als er sah, dass wir den Sarg in die Hütte schafften.

Esslin ging voran.

Als ich die Hüttentür erreichte, riss mir der zornige Dämon den Rücken mit seinen messerscharfen Krallen auf.

Der Schmerz war höllisch.

Beinahe hätte ich den Sarg fallen gelassen. Ich warf mich nach vorn. Esslin stolperte. Er stürzte in die Hütte hinein. Der Sarg polterte auf ihn drauf und nahm ihm die Luft.

Ich half ihm auf die Beine.

»Jetzt muss er sich etwas anderes einfallen lassen!«, fauchte ich atemlos.

Ich wandte mich um.

»Gott, Tony!«, rief der Amerikaner erschrocken aus.

»Was ist?«

»Sie sind verletzt.«

»Sie nicht?«

»Sie hat es ärger erwischt. Er hat Ihnen den Rücken zerfleischt.«

»Es sieht schlimmer aus als es ist!«, log ich. Mir wurde übel vor Schmerzen. Aber ich kämpfte gegen meinen eigenen Körper an. Paco Benitez durfte nicht siegen.

Er durfte diese Auseinandersetzung nicht gewinnen.

Ich musste ihn vernichten.

Draußen schrie, kreischte und tobte der Dämon. Er flatterte um seine Hütte.

Ich sah seinen Geierschädel, der plötzlich größer wurde. Dann wurde er zum Menschenkopf.

»Ballard!«, schrie der fürchterliche Dämon. »Tony Ballard! Komm heraus! Komm, du Feigling. Warum versteckst du dich vor mir? Hast du Angst?«

»Komm doch herein, du verfluchte Bestie!«, brüllte ich zurück.

»Ihr werdet diese Insel nicht mehr verlassen!«, schrie Benitez: »Du nicht, der Amerikaner nicht und das Mädchen nicht. Ich werde euch töten. Alle drei. Ich werde euch zerfleischen. Ihr könnt nicht ewig in dieser Hütte bleiben. Sobald ihr herauskommt seid ihr verloren.«

Sein Schädel schrumpfte wieder.

Ich sah wieder den tödlichen Geierschnabel. Die Schmerzen in meinem Rücken schwächten mich. Aber mein Wille zu überleben hielt mich aufrecht.

Ich wollte und durfte nicht unterliegen.

Ich musste diesen Teufel zur Hölle schicken. Selbst wenn ich dabei selbst draufgehen sollte, ich musste ihn vernichten.

Wir schauten uns in seiner Hütte um.

Auf Regalen standen eine Menge Behälter mit verschiedenfarbigen Flüssigkeiten.

Auch ein kleines schwarzes Fläschchen fiel mir auf.

Ich überlegte nicht lange.

Da stand ein Eimer. Ich riss ihn in größter Eile an mich.

Dann ergriff ich alles, was auf den Regalen stand, und schüttete es in den Eimer.

Es wurde eine braune, stinkende Flüssigkeit. Sie zog sich wie Honig, wurde aber schnell dünner, begann auf eine ekelhafte Weise zu leben, brodelte, dampfte und kochte.

Egal, was ich da zusammengemischt hatte, ich war neugierig, wie der Blutgeier auf diese Brühe reagieren würde.

Hastig rannte ich zur Hüttentür.

»Benitez!«, schrie ich nach draußen.

Da tauchte sein schwarzer Leib schon über mir auf.

Irgendwie hatte er es zustandegebracht, sich den Bambusspeer aus dem Hals zu reißen.

Er war wieder voll aktionsfähig.

Und er schien mir wilder und gefährlicher denn je geworden zu sein.

Seine Gier nach meinem Blut jagte ihn auf mich zu.

Als er mich fast erreicht hatte, schwang ich den Eimer hoch.

Die gesamte grausige Brühe schwappte ihm dampfend und gurgelnd entgegen.

Sie klatschte ihm voll gegen den Körper, umhüllte diesen und verbrannte sein Gefieder.

Er stieß ohrenbetäubende Schreie aus, die mir durch Mark und Bein gingen.

Er wollte hochflattern, aber er schaffte das nicht. Die federlosen Flügel surrten durch die Luft. Er stürzte ab, knallte hart auf den Boden, zuckte fürchterlich und wand sich in scheußlichen Krämpfen.

Seine Fänge verkrüppelten.

Das brodelnde Gebräu tanzte auf seinem zitternden Leib.

Er sah Ekelerregend aus.

Während er weiter diese grauenvollen Schreie ausstieß, verwandelte er sich zur Hälfte in einen Menschen.

Fast hätte er mir leidgetan.

Halb Vogel halb Mensch kroch er zitternd und zuckend über den Boden. Er brüllte und jammerte. Er winselte und kreischte. Er versuchte die klebrige Brühe abzustreifen, die ihn verbrannte und verätzte.

»Vater!«, schrie er verzweifelt. »Paco Benitez! Vater!«

Ich schnellte auf ihn zu.

Er riss den Menschenkopf herum. Ein grauenvolles, Fauchen kam aus seinem weit aufgerissenen Mund. Seine Augen glühten. Er wollte mich damit, vernichten. Er wollte mich mit seinem Dämonenblick blenden. Ich musste mich schnell abwenden, sonst wäre ich von diesem grässlichen Blick erblindet.

Plötzlich verstand ich.

Ich hatte es mit dem Sohn von Paco Benitez zu tun. Ich hatte zwar den Vater vernichtet, aber ich hatte keine Ahnung gehabt, dass er in seinem Sohn weitergelebt hatte.

»Vater!«, brüllte das Monster mit schauriger Stimme.

Ich wollte ihm nun den Garaus machen.

Als er meinen Ring sah, brüllte er entsetzt auf. Ich holte aus und traf ihn am Kopf. Die Hiebe schwächten ihn.

Ich fühlte, wie die Kraft, die seinen Körper verließ, in meinen überging. Mit jedem Schlag, den ich ihm versetzte, wurde ich stärker. Die Wunden an meinem Rücken schmerzten kaum noch. Ich verfügte innerhalb weniger Augenblicke über unglaubliche Kräfte.

Schwach und erledigt, zuckend, fauchend und stöhnend lag der Blutgeier zu meinen Füßen.

Ich wollte ihm nun den Garaus machen, aber ich wusste nicht wie.

Mein Ring konnte ihn zwar verletzen und verstümmeln. Die magische Kraft reichte aus, um ihn zu schwächen, aber sie reichte nicht aus, um ihn zu töten.

Wimmernd versuchte er von mir wegzukriechen.

Er war blind. Sein Gesicht war entstellt.

Er war erledigt.

Aber er war nicht tot. Und er würde weiterleben, wenn ich nicht einen Weg fand, ihn zu vernichten. Er würde weiterleben, sich erholen und neue Kräfte sammeln.

Ich wollte das nicht.

Ich wollte, dass dieser Blutgeier für immer zur Hölle fuhr und da auch blieb.

Er sollte mir niemals wieder begegnen.

Aber wie sollte ich ihm ein Ende bereiten?

»Frank!«, rief ich in die Hütte.

»Ja, Tony?«, kam es schwach heraus.

»Wie fühlen Sie sich?«

»Jetzt, wo dieser Teufel schon fast krepiert ist, prima.«

»Wie lange halten Sie noch durch?«

»So lange Sie wollen.«

»Können Sie mir helfen, ihn zum Meer hinunterzuschaffen?«

»Wollen Sie ihn ersäufen?«

»Etwas Ähnliches habe ich mit ihm vor!«

»Dabei mache ich liebend gern mit!«, sagte Esslin heiser.

Wir schleppten den widerwärtigen Mutgeier zum Strand hinunter.

Er sträubte sich dagegen. Er schlug mit letzter Kraft um sich.

Aber es half ihm nichts. Wir kannten keine Gnade. Und er war so entkräftet, dass sogar Esslin keine Schwierigkeiten hatte, ihn festzuhalten.

Wir erreichten den Strand mit diesem zuckenden, jammernden Bündel, das kein Mensch und kein Vogel mehr war.

Benitez rief wimmernd nach seinem Vater.

Aber dem war es nicht möglich, ihm zu Hilfe zu eilen.

Der Sohn des Blutgeiers von Castell Montgri war ganz auf sich alleine angewiesen.

Er wusste zwar nicht, was ich mit ihm vorhatte, aber er schien es zu ahnen, denn er winselte um Gnade, und er flehte mich an, es nicht zu tun.

Aber ich durfte seinem Jammern nicht nachgeben. Er war ein Dämon. Er würde weitermorden, sobald er wieder bei Kräften war.

Ich musste ihn vernichten.

Esslin und ich trafen unsere Vorbereitungen.

Dann eilte ich zur Hütte zurück.

Ich hob mein Girl aus dem Sarg und trug es auf den Armen zum Strand hinunter. Ich brachte es an Bord.

Ich fragte mich, ob Vicky jemals wieder erwachen würde.

Behutsam legte ich sie in der Koje auf das Bett. Dann hastete ich nach oben.

Esslin stand drüben, auf der anderen Jacht.

»Alles klar?«, rief ich zu ihm hinüber.

Er nickte matt.

»Gnade, Ballard! Gnade!«, brüllte Paco Benitez, der Jüngere, mit letzter Kraft.

Ich warf den Motor meiner Jacht an. Drüben folgte Frank Esslin meinem Beispiel. Die Maschinen ratterten los.

Auf mein Zeichen nahmen wir Kurs auf den weiten Ozean.

Benitez hatten wir mit Seilen und Ketten umschlungen.

Es war abgemacht, ihn auf das Meer hinauszuschleppen. Er hing zwischen unseren Booten. Seine verkrüppelten Fänge, seine Arme, sein Kopf steckten in dicken, widerstandsfähigen Schlingen. Wir steuerten die beiden Jachten knapp nebeneinander vom Lepra-Atoll fort.

Frank Esslin schaute immer wieder zu mir herüber. Er wartete auf das vereinbarte Handzeichen.

Dann würden wir Vollgas geben und die Seile kappen.

Für den Blutgeier würde das das Ende sein.

Noch wartete ich.

Benitez’ Grauen erregender Körper warf eine hohe Woge auf. Sie sprang über ihn hinweg. Seine Lungen füllten sich mit Salzwasser.

Wenn er schrie, dann klang es gurgelnd, halb erstickt.

Als ich fand, dass das Meer nun tief genug war, hob ich die Hand.

Esslin drehte auf.

Auch ich ließ die Motoren losbrüllen.

Ketten und Stricke schnellten aus dem Wasser. Klirrend und surrend spannten sie sich unter dem Widerstand.

Benitez stieß einen letzten grellen Schrei aus.

Dann kam das Ende für ihn.

Wir kappten die Seile und schleuderten die Ketten über Bord.

Paco Benitez versank für immer in der unendlichen Tiefe des Pazifischen Ozeans.

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Mit Benitez’ Tod schlossen sich unsere Wunden. Esslin war wieder okay. Er fuhr in meinem Kielwasser nach Tahiti zurück.

Mich ließ ein leises Poltern erschrocken herumfahren.

»Vicky!«, rief ich erstaunt aus.

Sie kam schläfrig auf mich zu.

»Tony!«, seufzte sie benommen. Sie strich sich eine Strähne aus dem Gesicht und sank gähnend in meine Arme. »Wo sind wir?«

»Wir sind in der Südsee, Darling.«

»In der Südsee?« Vicky konnte sich an nichts mehr erinnern.

»Ja, in der Südsee.«

»Was tun wir hier?«, fragte das Girl verwirrt.

»Wir machen Ferien. Wundervolle Ferien.«

Ich schaute mich um. Das Lepra-Atoll war bereits hinter dem Horizont verschwunden. Ich atmete erleichtert auf. Der Albtraum hatte ein Ende. Ich hatte Vicky wieder, hatte einen neuen Freund gefunden und fühlte mich glücklich, so unsagbar glücklich...

––––––––

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ENDE

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Fahrstuhl in die Hölle

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(Deutsche Erstveröffentlichung als Gespenster-Krimi Band 95 - 08. Juli 1975)

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Es wäre alles anders gekommen, wenn Edward Tagger eine halbe Stunde länger bei seinen Freunden geblieben wäre.

Aber es hatte ihn plötzlich zum Aufbruch gedrängt, er hatte genug vom Rauch und vom Whisky gehabt und war schläfrig geworden.

Er sehnte sich nach seinem Bett, verließ die Freunde, die ihn belächelten, weil er der erste war, der für diese Nacht die Segel strich. Er setzte sich in ein Taxi, ließ sich quer durch New York fahren und betrat um Mitternacht das Haus, in dem er wohnte.

Immer noch beschwipst trat er an die Fahrstuhltür.

Er legte den Daumen auf den Rufknopf.

Irgendwo begann die Liftmaschine zu summen. Der Fahrkorb sank von oben herab.

Tagger verfolgte die wechselnden Lichter der Etagenanzeige.

Augenblicke später hatte der Fahrstuhl das Erdgeschoss erreicht.

Tagger roch sofort, dass irgendetwas nicht in Ordnung war. Er rümpfte die Nase. Es stank penetrant nach Fäulnis. Nach Schwefel. Nach Ruß. Nach beißendem Rauch.

Er trat auf die Lifttür zu.

Da fiel ihm auf, dass aus allen Ritzen gelber Qualm sickerte.

Er hatte den Eindruck, der Fahrkorb würde brennen. Der Gestank schwebte auf ihn zu, umhüllte ihn. Er hustete, fuchtelte mit den Händen herum, wurde mehr und mehr eingenebelt.

Plötzlich konnte er kaum noch etwas von seiner Umgebung erkennen.

Seltsamerweise war die Sicht auf die Lifttür wesentlich besser.

Sein vom Alkohol benebelter Geist versuchte dafür eine plausible Erklärung zu finden. Aber er war auch zu müde, um noch glasklar denken zu können.

Mit von Ekel verzerrtem Gesicht fasste er sich an die Kehle. Seine Augen begannen zu tränen. Ihm wurde übel. Beinahe hätte er sich erbrochen.

Da summten die Lifttüren langsam auseinander.

Dicker Rauch wehte ihm geisterhaft entgegen. In vielen Farben schillernd. Bräunlich dicht über dem Boden. Etwas höher wurde der Qualm dann rosa und darüber waren zarte Grüntöne zu sehen.

Edward Tagger wankte zurück.

Er rang nach Luft.

Aber irgendetwas war hinter ihm, das nicht zuließ, dass er sich zu weit von dem Fahrstuhl entfernte. Es war ihm, als würden sich im Qualm Hände formen. Hände, die er nicht sehen konnte. Hände, die jedoch verhinderten, dass er weitere Schritte nach hinten machte.

Sie drückten ihn nun langsam auf den offenen Fahrkorb zu.

Alles um ihn war so entsetzlich unwirklich. Es fiel ihm schwer, zu begreifen, dass er nicht träumte, dass er wach war.

Er verstand nicht, was mit ihm geschah.

Mit steifen Schritten näherte er sich dem wartenden Fahrstuhl.

Plötzlich teilte sich der wabernde Nebel. Er sah das hübsche Gesicht eines betörenden Mädchens.

Sie war noch sehr jung. Ihr Haar war von reinem Gold. Es schimmerte da, wo es auf ihren wohlgerundeten Schultern lag.

Tagger trat auf sie zu.

Er erkannte, dass das Mädchen einen geistesabwesenden, vielleicht sogar verstörten Eindruck machte. Das blonde Geschöpf stand mitten im tanzenden Nebel und starrte mit geweiteten Augen zu Boden.

Jetzt hatte Tagger die Lifttür erreicht.

In dem Moment, wo er den Fahrstuhl betreten wollte, hob das Mädchen den Blick.

Sie sah ihn nun zum ersten Mal. Und namenlose Furcht verzerrte ihr hübsches Antlitz. Sie riss verstört den Mund auf und stieß grelle Angstschreie aus.

Und plötzlich griff sie ihn an, als müsse sie ihr Leben verteidigen, als hätte sie um ihr Leben zu fürchten.

Sie stemmte sich von der Rückwand des Lifts ab und sprang wie vom Katapult geschleudert auf Edward Tagger zu.

Verblüfft wollte er sie auffangen, und er breitete schon seine Arme aus.

Da sah er die Axt in der Hand des wahnsinnigen Mädchens.

Jetzt schrie auch er.

Die Axt flog blitzend hoch und sauste nieder.

Taggers Geschrei verstummte.

Er brach getroffen zusammen, während das seltsame Mädchen über ihn hinwegsprang und wimmernd aus dem Haus rannte.

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2

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Dr. Frank Esslin, ein hagerer Mann mit kultivierten Manieren, schälte sich aus seinem braunen Dodge, den er auf dem Parkplatz für Privatbesucher des Krankenhauses abgestellt hatte.

Esslin arbeitete für die Weltgesundheitsorganisation, kurz WHO genannt.

Ein einträglicher, äußerst interessanter Job, der ihn viel in der Welt herumkommen ließ.

Zuletzt war er in der Südsee gewesen.

Nun war er wieder daheim in New York. Was er an Material aus Ozeanien mitgebracht hatte, musste nun allmählich aufgearbeitet werden. Darüber wollte Esslin aber nicht vergessen, dass er auch ein Mensch war. Ein Mensch mit Freunden. Ein Mensch, der die Geselligkeit liebte.

Deshalb war es nicht verwunderlich, und es kam auch nicht selten vor, dass Esslin noch um Mitternacht bei irgendeinem Freund auftauchte, um mit ihm die Nacht zum Tag zu machen.

Frank Esslin betrat das Krankenhaus.

Stille herrschte. Bis auf einige Ausnahmen. In einem Zimmer stöhnte ein Sterbender. Man hatte ihn isoliert. Man hatte ihn aufgegeben. Was nun auf ihn zukam, musste er allein durchstehen.

Esslin machte, dass er an der geschlossenen Tür vorbeikam.

Für ihn als Arzt hätte es eigentlich nicht schrecklich sein dürfen, wenn ein Mensch starb. Es war ein biologisch richtiger Ablauf. Irgendwann nach der Geburt kommt für jeden der Tod.

Trotzdem berührte Esslin die Todesstunde eines Menschen jedes Mal wie eine eiskalte Hand, die sich in seinen Nacken legte und fest zusammendrückte.

Eine Gänsehaut bildete sich auf seinem Rücken. Er ging schneller. Seine Schritte hallten durch den langen Korridor.

Das Stöhnen blieb zurück.

Esslin atmete erleichtert auf. Er lief fast immer weg, wenn er nicht mehr helfen konnte. Es war ihm unerträglich, zuzusehen, wie es mit einem Menschen zu Ende ging.

Er bog in einen Quergang ein.

Über die Treppe kam ihm ein hohlwangiger Kerl entgegen. Der Mann starrte ihn kurz an. Dann wandte er sich ab und verschwand in der Tür, die zur Leichenkammer führte.

Im ersten Stock klopfte Esslin an eine Tür.

»Herein!«, rief jemand dahinter.

Esslin öffnete die Tür und trat ein.

Im Raum war es dunkel. Nur der Schreibtisch und ein paar Zentimeter darum herum waren erhellt. Die Pilzlampe strahlte durch den gläsernen Schirm grünes Licht zur Decke.

Der Mann am Schreibtisch hob den Kopf.

Er war breitschultrig, wirkte nicht wie ein Arzt, obwohl er der beste Chirurg des Krankenhauses war. Er sah eher wie ein Metzger aus. Seine Hände waren rot und groß wie Tennisschläger. Sein Gesicht war breit und unfreundlich. Aber Esslin wusste trotzdem, dass er hier herzlich willkommen war. Von diesem Gesicht durfte man sich nicht abschrecken lassen. Diese Miene war nicht so gemeint, wie sie wirkte.

Der Mann sprang lachend auf.

Er trug einen weißen Ärztekittel.

Sein Name war Dickinson Boyd.

Lachend kam er um den Tisch herum. Auf dem Weg zu Frank Esslin machte er im Vorbeigehen Licht. Dann lief er mit ausgebreiteten Armen auf Esslin zu und umarmte ihn wie einen Bruder, den er lange Zeit nicht mehr gesehen hatte.

»Frank!«, rief er begeistert. »Mensch, das ist vielleicht eine gelungene Überraschung! Frank Esslin. Altes Haus! Verdammt nett, dich wiederzusehen. Wirklich sehr nett.«

Er wies auf einen Sessel.

»Komm, setz dich, Frank.«

»Danke, Dick.«

»Wie war’s in der Südsee? Bist braungebrannt wie ein Neger.«

»Es war herrlich da.«

»Was willst du trinken, Frank?«

»Alles... außer Wasser. Davon kriegt man Läuse im Magen, habe ich mir sagen lassen!«

Dr. Boyd, Esslins Studienkollege, lachte schnarrend.

»Du hast dich überhaupt nicht verändert, Frank.«

»Du tust ja gerade so, als wäre ich zehn Jahre weg gewesen.«

»Wie lange haben wir uns nicht gesehen?«

»Es werden etwa zwei Monate sein.«

»Nur zwei Monate? Mir kam es wesentlich länger vor.«

»Das liegt wahrscheinlich an dir«, grinste Frank Esslin.

Dr. Boyd brachte zwei Martinis und setzte sich Esslin gegenüber. Sie tranken auf das Wiedersehen.

»Seit wann bist du wieder daheim, Frank?«, fragte Dickinson Boyd.

»Seit drei Tagen.«

»Schon wieder bis über die Ohren in Arbeit?«

»Wie könnte es anders sein«, erwiderte Esslin achselzuckend. »Aber das Vergnügen wollen wir doch nicht ganz unter den Tisch fallen lassen, wie?«

»Aber natürlich nicht. Wir könnten zusammen ‘ne Sause machen.«

»Wann?«, fragte Esslin sofort.

»Noch heute, wenn du Wert darauf legst.«

»Ich lege!«, lachte Frank Esslin. »Ehrlich gesagt, genau deshalb bin ich hier. Ich habe um elf den Portier angerufen und ihn gefragt, ob Dr. Boyd im Hause wäre, weil sich bei dir zu Hause niemand gemeldet hat. Er sagte, ja. Ich fragte ihn, wie lange du heute Nacht Dienst haben würdest. Da sagte er: Bis Mitternacht. Nun, Dick, es ist Mitternacht. Das heißt, du hast Feierabend. Was tun wir nun mit dem angebrochenen Abend?«

»Wir könnten erst mal einen Happen essen gehen.«

»Okay«, sagte Frank Esslin.

»Und dann könnten wir ein paar Girls aufreißen. Was hältst du davon? Ich hätt’ mal wieder Lust darauf.«

»Tja, wenn das so ist, dann würde ich vorschlagen, dass du gleich mal die Koffer packst.«

»Noch einen Drink, Frank. Hier ist das Zeug billiger als in der Bar.«

Boyd brachte noch zwei Martinis.

Er forderte den Freund auf, ihm von der Südsee zu erzählen, was er da so getrieben hätte, welches seine Eindrücke gewesen wären, wie es ihm gefallen hätte und was er alles erlebt hätte.

Erlebt hatte Esslin einiges.

Gravierende Dinge. Böse Dinge. Er hatte das Abenteuer schlechthin kennengelernt.

»In Papeete«, begann Frank Esslin nachdenklich und sich an jedes Detail genau erinnernd, »machte ich die Bekanntschaft eines ganz außergewöhnlichen Mannes, Dick. Er ist Engländer...«

Boyd lachte.

»Was ist an einem Engländer schon außergewöhnlich. Also ich kenne da nur verzopfte Idioten.«

»Tony Ballard ist kein verzopfter Idiot!«, sagte Esslin und schüttelte heftig den Kopf. »Ich wollte, du würdest diesen Mann kennenlernen. Ich habe an seiner Seite ein Abenteuer durchgestanden, das mir hier keiner glauben würde, Dick. Nicht mal du, obwohl du weißt, dass ich dich niemals belügen würde. Es ist zu phantastisch, zu verrückt. Jeder würde an meinem Geist zweifeln, wenn ich davon spräche.«

Boyds Augen nahmen einen neugierigen Glanz an.

»Davon musst du mir unbedingt mehr erzählen, Frank. Ich bin richtiggehend gespannt, was du mit diesem Ballard erlebt hast. Der Mann scheint wirklich mächtigen Eindruck auf dich gemacht zu haben.«

»Er ist der außergewöhnlichste Mensch, dem ich jemals begegnet bin, Dick.«

»Donnerwetter, das klingt ja beinahe ehrfürchtig«, lachte Dickinson Boyd.

»So soll es auch klingen«, sagte Esslin ernst.

Boyd erhob sich.

»Was war denn da auf Tahiti, Frank?«

»Du wirst mich vermutlich auslachen, obwohl ich die Wahrheit sage.«

»Nun mach es nicht gar so spannend. Versuch’s mal. Vielleicht glaube ich dir sogar. Und wenn nicht – was macht es schon aus, wenn ich lache? Lachen tut nicht weh.«

Boyd öffnete seinen weißen Kittel. Er streifte ihn ab. Sein Bauch wölbte sich weit über die Hose.

»Du hast zugenommen, Dick.«

»Wie soll jemand, der Dick heißt, nicht zunehmen?«, lachte Esslins Freund. »Aber das kommt alles wieder weg. Ich hab’ mir eine recht brauchbare Ernährungsfibel gekauft...«

»Sag mal, Dick, was hältst du eigentlich von Geistern und Dämonen?«, fragte Frank Esslin scheinbar völlig unmotiviert.

»Was soll ich schon davon halten?«, fragte Dr. Boyd achselzuckend. »Ich denke darüber wie jeder normale Mensch: Es ist reiner Quatsch.«

Esslin nickte.

»Aha.«

»Bist du etwa anderer Meinung, Frank?«, fragte Boyd beinahe amüsiert.

»Ich glaube«, erwiderte Frank Esslin, während er den Freund sinnierend ansah, »wenn du so darüber denkst, hat es wohl keinen Sinn, dir von meinem Abenteuer zu erzählen.«

Boyd streifte sein Jackett über die breiten Schultern.

»Nun mach aber wirklich ‘nen Punkt, Frank. Willst du damit etwa sagen, du und dieser Tony Ballard... ihr zwei habt ein Abenteuer mit Geistern und Dämonen gehabt?«

Esslin blickte seinen Freund ernst und durchdringend an.

»Das will ich nicht bloß sagen. Dick! Das ist so!«

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3

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Nach dem Mord an Edward Tagger taumelte das Mädchen wie eine Schlafwandlerin die menschenleere Straße entlang.

Es hatte den Anschein, als hätte sie überhaupt nicht mitbekommen, was sie getan hatte.

Taggers Blut klebte an der Axt, die sie fest umklammert hielt.

Sie wankte mit schmerzverzerrtem Gesicht um die nächste Ecke.

Ihr Spiegelbild in der hohen Auslagenscheibe erschreckte sie zu Tode. Sie schnellte davor zurück, stöhnte, weinte und lief weiter.

Ihr Hals schien von einer unsichtbaren Faust zugeschnürt zu sein.

Sie röchelte und krümmte sich. Sie zitterte, und sie musste in immer kürzer werdenden Abständen stehen bleiben. Dann lehnte sie sich gegen die Mauer eines Hauses, während sie gurgelnde Laute ausstieß und den erschreckenden Eindruck erweckte, als würde sie noch in dieser Stunde sterben.

Sie kam bis zum Montefiore Cemetery.

Weiter konnte sie sich nicht mehr schleppen. Mit fahlem Gesicht und grauen Wangen lehnte sie an der hohen Friedhofsmauer.

Die Axt wollte ihren Fingern entgleiten, doch als das Mädchen das merkte, krampften sich ihre Finger sofort wieder fest um den Stiel.

Schritte kamen auf sie zu.

Ganz langsam sank sie an der Friedhofsmauer nach unten. Ihre Beine wollten sie nicht mehr tragen. Sie wirkte total entkräftet.

Ein dicker Cop mit gütig schimmernden Augen trat besorgt zu dem Mädchen.

»Kann ich Ihnen irgendwie helfen, Miss?«, fragte er sehr freundlich. Das Mädchen reagierte nicht.

»Miss!«, sagte der Cop besorgt.

Keine Antwort.

»Miss!«

Röcheln. Stöhnen.

»Um Himmels willen, Miss! Geht es Ihnen nicht gut?«

Der Cop bückte sich. Er griff nach der Schulter des Mädchens. Sie war eiskalt. Er fasste unter die Achseln. Seine Finger spürten nur Haut und Knochen. Das Mädchen war entsetzlich mager.

»Kommen Sie«, sagte der Uniformierte. »Kommen Sie, ich helfe Ihnen auf die Beine.«

Er hob das federleichte Ding hoch.

Sie wandte ihm den Kopf zu. Er erschrak. Diese Augen!, dachte er bestürzt. Welch fürchterliches Grauen müssen die schon gesehen haben.

Mit einem Mal verzerrte das Mädchen in panischer Furcht sein Gesicht. Es kreischte entsetzt auf, stieß den Cop von sich, riss die Axt hoch und wollte ihn damit erschlagen.

Aber der Polizist war kräftig genug, um diesen neuerlichen Mord zu verhindern.

Er fiel dem Mädchen in den hochgeschwungenen Arm. Er packte die Hand, die die Axt hielt.

Er rang mit dem Mädchen, das für Sekunden ungeheure Kräfte entwickelte.

Doch schon nach wenigen Augenblicken verfiel sie. Der Cop entriss ihr die Axt.

Atemlos drehte er ihr beide Arme auf den Rücken. Sie ächzte mit gefletschten Zähnen auf.

»Das sind vielleicht Sachen!«, murrte der Polizist verblüfft. »Geht mit einer Axt los, um einen Polizisten zu erschlagen!«

Jetzt erst fiel ihm auf, dass an der Schneide bereits Blut klebte.

Kalter Schweiß trat auf seine Stirn.

»Ach, du meine Güte!«, stieß er erschrocken hervor. »Da... da hat vermutlich bereits einer dran glauben müssen.«

Das Mädchen schaute durch ihn hindurch.

Ihre Haut wurde allmählich welk.

Plötzlich begriff der Cop.

»Ausgerechnet mir!«, stieß er verstört hervor. »Ausgerechnet mir muss das passieren.«

Das Mädchen verfiel zusehends.

Der Cop wusste, was das zu bedeuten hatte. Als er das Mädchen losließ, fiel es röchelnd um.

Der Polizist rannte hastig davon. Er wusste zwar, dass dieses Mädchen nicht mehr zu retten war, aber er lief trotzdem zur nächsten Telefonzelle, um schnellstens einen Krankenwagen anzufordern.

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4

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Dickinson Boyd klatschte erfreut in die Hände. Er nickte dem Freund zu und bemerkte, dass er nun ausgehfertig wäre.

»Gleich nach dem Essen musst du mir dann von deinem Geisterabenteuer erzählen!«, sagte er schmunzelnd. »Wenn ein an und für sich ernst zu nehmender Mann wie du so etwas sagt, dann muss die Geschichte gewiss verflixt prickelnd sein.«

Frank Esslin erhob sich seufzend.

»Sie ist mehr als das, Dick. Sie ist schockierend.«

»Ich bin gespannt«, grinste Boyd. Dann traten sie auf den Korridor hinaus.

Sie wollten gerade losmarschieren, da hörten sie hastige Schritte hinter sich.

Die Freunde blieben stehen.

Dr. Boyd wandte sich mit erstaunt nach oben gezogenen Brauen um.

Eine Krankenschwester kam atemlos auf die Männer zu. Ihre veilchenblauen Augen drückten größtes Entsetzen aus.

»Dr. Boyd!«, presste sie keuchend hervor. »Dr. Boyd...«

Dickinson Boyd griff nach dem Arm der zitternden Schwester.

»Nun beruhigen Sie sich doch. Was ist denn passiert?«

»Eben wurde wieder so ein... so ein... seltsamer Patient eingeliefert!«

Boyds Augen weiteten sich.

»Was?«

Die Schwester nickte.

»Diesmal ist es ein Mädchen.«

»Dieselben Symptome?«, fragte der Arzt hastig.

Wieder nickte die Schwester gehetzt.

»Haargenau dieselben Symptome, Dr. Boyd.«

»Wo liegt sie?«

»Auf Station eins.«

Boyd wandte sich an seinen Freund.

»Tut mir leid, Frank, ich kann jetzt nicht weggehen. Ich muss mir dieses Mädchen ansehen.«

»Darf ich mitkommen?«

»Natürlich«, sagte Boyd. Dann eilten sie mit der Krankenschwester nach Station eins.

Ein »seltsamer« Patient!, dachte Frank Esslin, während er genauso schnell ging wie sein Freund. Eben wurde »wieder«, so ein »seltsamer« Patient eingeliefert!, echote es in Esslins Kopf. Was hatte das zu bedeuten? Was konnte an einem Patienten schon seltsam sein?

Esslin fiel auch auf, dass die Schwester erwähnt hatte, diesmal wäre es ein Mädchen. Dann war der erste seltsame Patient also ein Mann gewesen. Was ging hier vor? Esslin war ungemein aufgeregt. Ein Blick nach dem verkanteten Gesicht seines Freundes sagte ihm, dass ihm schon in wenigen Augenblicken ein Schauspiel ganz besonderer Art geboten werden würde.

Sie erreichten die Station eins.

Die Krankenschwester warf die Tür auf.

Drei Ärzte wandten sich ruckartig herum. Ihre Blicke waren besorgt. Sie schauten Boyd geradezu entsetzt an.

Boyd nickte ihnen zu.

Dann trat er an das Krankenbett, in dem jenes Mädchen lag, von dem die Schwester gesprochen hatte.

Esslin stellte sich so, dass er alles genau beobachten konnte.

»Wann wurde sie eingeliefert?«, fragte Boyd, während er die Decke zurückschlug.

»Vor fünf Minuten«, sagte einer seiner Kollegen tonlos.

Frank Esslin blickte auf das nackte Mädchen.

Ihm drehte sich der Magen um. Der Körper sah schrecklich aus.

Jemand hatte ihn gefoltert. Schwerste Verletzungen bedeckten den gesamten Leib des Mädchens. Spuren von mörderischen Peitschenschlägen.

Doch das alles war nicht so grauenvoll anzusehen wie der verfallene Körper in seiner schrecklichen Gesamtheit.

Als Esslin in dieses Zimmer getreten war, hatte an diesem Mädchenkörper noch eine Spur von Jugend gehaftet.

Doch nun war davon nichts mehr zu sehen. Das Mädchen alterte vor den Augen der Männer. Und zwar unheimlich schnell. Die Haut bekam immer mehr Runzeln. Die Falten wurden immer tiefer. Das Fleisch trocknete buchstäblich auf den Knochen des Mädchens ein. Sie wurde innerhalb weniger Lidschläge zur furchterregenden Greisin. Und sie stieß markerschütternde Schreie aus, weil sie schreckliche Schmerzen litt.

Sie wand sich.

Sie musste Höllenqualen durchstehen.

Ihr hässlicher, knöcherner Schädel rollte auf dem weißen Kissen verzweifelt hin und her. Plötzlich fehlten ein paar Zähne aus ihrem Gebiss. Dann war der Mund zahnlos.

Eine dünne, trockene, zitternde Zunge hing hechelnd aus diesem Mund, strich über die grauen, papierenen Lippen.

Die Augen wurden erschreckend groß. Sie traten aus schwarzen Höhlen hervor.

Die Wangen fielen mehr und mehr ein.

Die Greisin jammerte und winselte. Keiner der umstehenden Ärzte vermochte ihr zu helfen.

Gebannt verfolgten sie das Ende.

Es kam erschreckend schnell. Plötzlich erstarrte der ausgemergelte, ausgetrocknete, lederne Körper in einem letzten Krampf.

Ein letzter wahnsinniger Schrei, der den Männern eiskalte Schauer über den Rücken jagte, entrang sich der spindeldürren Kehle.

Dann war es vorbei.

Aber dadurch war jener erschreckenden, verblüffenden Verwandlung noch nicht Einhalt geboten. Sie ging immer noch weiter.

Für Sekunden füllte sich der Raum mit Verwesungsgestank. Dann löste sich vor den Augen der Männer die Haut auf. Das restliche Fleisch fiel von den steifen Knochen ab. Bleich schimmerte das Skelett auf dem Laken.

Sekunden später wurden die Knochen grau. Sie überzogen sich mit einer seltsam fluoreszierenden Schicht.

Dann verging dieses Leuchten. Das Grau der Knochen wurde wesentlich intensiver. Das Gebein begann zu brechen, zu zerfallen, sich in Staub zu verwandeln.

Innerhalb weniger Sekunden war von dem Mädchen nichts anderes mehr übrig als ein kleines unscheinbares Häufchen grauen Staubes.

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Frank Esslin trat zutiefst erschüttert aus dem Krankenzimmer.

Draußen zündete er sich eine Zigarette an. Er sog den Rauch tief in die Lunge, doch das half ihm nicht.

Er fühlte sich elend.

Es war zu scheußlich gewesen, was er miterlebt hatte.

Drinnen murmelten die Ärzte. Die Krankenschwester schluchzte. Das Erlebnis hatte ihre Nerven angegriffen.

Als sich Esslin die zweite Zigarette ansteckte, kam Dickinson Boyd auf den Korridor. Er holte tief Luft.

»Kann ich auch eine haben?«, fragte er halb erschlagen. Sein Gesicht war außergewöhnlich blass. Aber auch Esslin sah nicht besser aus. Keine Spur war mehr von der Südseesonne in seinem Antlitz.

»Wie?«, fragte Frank Esslin verwirrt.

»Eine Zigarette!«, sagte Dickinson Boyd heiser. »Gib mir bitte auch eine. Mir sind die meinen ausgegangen.«

»Natürlich«, murmelte Esslin. »Hier.«

Boyd bediente sich. Esslin gab ihm Feuer.

Nach den ersten Zügen sagte Dr. Boyd: »Das ist nun schon der dritte Fall, Frank.« Er schüttelte benommen den Kopf. »Du weißt, wie ich auf der Uni war. Ein Streber war ich. Und ich dachte bis vor ein paar Tagen, ich wüsste wirklich alles über den Menschen. Aber das hier... das hier übersteigt einfach meinen Horizont. Ich habe keine Erklärung dafür, verstehst du? Ich weiß nicht, wodurch diese entsetzliche Krankheit hervorgerufen wird. Ich meine, es ist doch verrückt, dass hier ein Mensch eingeliefert wird, der innerhalb weniger Minuten uralt wird und schließlich sogar zu Staub zerfällt. Das kann ich mir einfach nicht erklären, Frank.«

Sie begaben sich in Dickinson Boyds Büro.

Sie hatten beide keinen Hunger mehr. Der Appetit war ihnen gründlich vergangen.

Weder Esslin noch Boyd hatten jetzt noch den Wunsch, schick auszugehen.

Angesichts dieser makabren Tatsache war ihnen jegliche Lust hierfür vergangen.

Boyd goss zwei Gläser mit Bourbon bis an den Rand voll.

»Ich glaube, den können wir jetzt gut gebrauchen«, sagte er erschüttert. Dann ließ er sich ächzend in den weichen Sessel fallen.

Esslin blickte den Freund fassungslos an.

»Der dritte Fall ist das nun schon, sagst du?«

Boyd nickte niedergeschlagen.

»Der dritte. Alles war gleich. Die Patienten, es waren Männer, litten wahnsinnig, ehe sie starben...«

»Diese Verletzungen, die wir bei dem Mädchen gesehen haben...«

»Die hatten auch die beiden Männer«, fiel Dickinson Boyd dem Freund ins Wort. Dann trank er vom Bourbon. Er nahm einen kräftigen Schluck, um die vibrierende Unruhe in seinem Körper zu besänftigen.

»Erzähl mir mehr darüber, Dick!«, verlangte Esslin.

Der breitschultrige Arzt zuckte die nach vorn gesunkenen Schultern.

»Es ist immer dasselbe, Frank. Wenn sie hier eingeliefert werden, sind sie bereits nicht mehr zu retten. Wir können ihnen einfach nicht helfen. Wenige Minuten später liegt nur noch ein Häufchen Staub vor uns. Es ist irrsinnig, Frank. Einfach irrsinnig.«

»Diese Verletzungen«, sprach Esslin, »ich muss sie noch einmal erwähnen, Dick. Ich hatte den Eindruck, die Patientin wäre grausam gefoltert worden.«

Boyd nickte hastig.

»Alle drei wurden auf diese grässliche Weise gefoltert, Frank.«

»Von wem?«

»Keine Ahnung. Ich kann mir nicht vorstellen, dass heutzutage jemand einen Menschen so bestialisch quält. Zu Zeiten der Inquisition war das an der Tagesordnung. Aber wir leben heute im zwanzigsten Jahrhundert.«

»Woher kommen diese seltsamen Menschen, Dick?«

»Keiner weiß es genau. Oder sagen wir, das sind Menschen wie du und ich, habe ich mir von der Polizei sagen lassen. Der erste Patient hieß Earl Jenkins. Ein Mechanikermeister drüben in Manhattan. Ein braver, arbeitsamer Mann. Der zweite hieß Porter Harrison. Schneider von Beruf. Keine Schrullen. Keine Feinde. Allseits beliebt. Und plötzlich taucht er in St. Albans auf. Drüben in Brooklyn. Taucht da auf, hat eine Axt in der Hand und erschlägt damit einen harmlosen nächtlichen Passanten.«

»Warum?«

»Keiner weiß das, Frank. Und keiner kann mehr mit diesen Leuten reden, wenn sie hierherkommen. Du hast es ja selbst erlebt.«

»Dieser Earl Jenkins, Dick...«

»Ja?«

»Hat der auch einen Mord begangen?«

»Das hat er, Frank. Er hat einen Blinden erschlagen. Ganz ohne Grund. Er hat den Mann überhaupt nicht gekannt, sagt die Polizei. Und er hat ihn auch nicht ausgeraubt. Hat ihn ›bloß‹ erschlagen.«

»Auch mit einer Axt?«, erkundigte sich Frank Esslin interessiert.

»Habe ich das zu erwähnen vergessen?«

»Ja, Dick.«

»Er hatte auch so ‘ne verdammte Axt.«

»Dann wird dieses Mädchen...«

»Mein Gott, Frank! Sprich es lieber nicht aus!«, sagte Dickinson Boyd. Er sprang auf, nahm sein Glas und ging damit zum Fenster. Verwirrt blickte er in den Anstaltsgarten hinunter. Dunkel standen die Büsche auf dem kurz geschnittenen Rasen. »Sprich es lieber nicht aus, Frank!«, wiederholte Boyd seufzend. Dann nahm er wieder einen großen Schluck Bourbon. Aber die erhoffte Wirkung stellte sich nicht ein. Vermutlich hätte Boyd eine ganze Flasche austrinken können, der Whisky konnte ihm einfach nicht helfen. Solange er denken konnte, würde er an dieses Erlebnis denken müssen.

Er schüttelte sich verzweifelt.

»Was ist das für eine Axt...?«, begann Frank Esslin.

»Wir sollten nicht zu viel über diese grauenvollen Dinge sprechen, Frank!«

»Man muss sich darüber doch Gedanken machen, Dick!«

»Das alles ist zu schrecklich, einer krankhaften Phantasie entsprungen, sag’ ich dir.«

Esslin horchte auf.

»Was ist das für eine Axt?«, fragte er noch einmal. Diesmal hart, energisch.

Boyd wandte sich nicht um. Er blickte weiterhin in den Garten hinaus.

»Die Axt, Frank... Die Axt... stammt aus dem zwölften Jahrhundert! Das haben Experten einwandfrei nachgewiesen!«

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Ein Fall für Tony Ballard!, dachte Frank Esslin sofort.

Boyd nannte die Sache verrückt.

Sie war nicht verrückt. So einfach konnte man das nicht abtun. Dahinter steckte mehr, als Boyd ahnte. Mehr, als er zu glauben bereit gewesen wäre.

Menschen – harmlose Menschen laufen plötzlich Amok. Mit einer Axt töten sie grundlos und vermutlich auch wahllos den erstbesten, der ihnen über den Weg läuft.

Mit einer Axt, die einwandfrei aus dem zwölften Jahrhundert stammt.

Und gleich nach dem Mord verfallen diese Amokläufer zusehends.

Sie können zwar noch ins Krankenhaus eingeliefert werden, aber keiner ist imstande, ihr Leben noch zu retten.

Sie werden innerhalb weniger Minuten alt.

Uralt!

Und sie zerfallen zu Staub. Ihre Körper zerfallen zu Staub, weil diese Körper ein astronomisches Alter haben.

Die Axt, die sie bei sich haben, stammt aus dem zwölften Jahrhundert.

Und ihre Körper zerfallen zu Staub! Vielleicht deshalb, weil sie genauso alt sind wie die Axt? Sind diese Körper achthundert Jahre alt?

Wenn ja, wäre wenigstens geklärt gewesen, weshalb sie sich in Staub aufgelöst hatten.

Das war aber auch schon alles, was in diesem gespenstischen Fall geklärt war.

Den Rest musste ein Mann wie Tony Ballard herausfinden. Frank Esslin war davon überzeugt, dass dieses grauenerregende Geheimnis – wenn überhaupt ein Mensch – nur Tony Ballard lösen konnte.

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7

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Vickys Atem strich mir über den Hals. Ich fühlte einen wohligen Schauer über meinen Rücken fahren. Sanft kraulte sie meine Nackenhaare, während ich meine Zungenspitze behutsam über ihren Hals gleiten ließ.

Da schlug das Telefon an.

Ich überhörte es. Machte einfach weiter. Es war viel zu herrlich, ich wollte einfach nicht aufhören. Nicht jetzt, wo wir beide gerade so schön in Fahrt gekommen waren.

»Tony!«, flüsterte Vicky.

»Hm?«, gab ich träge von mir. Ich genoss die Situation aus vollen Zügen.

»Tony!«

»Hm?«

»Telefon.«

»Bin nicht zu sprechen.«

»Es hört nicht auf, wenn du nicht abhebst.«

»Ich kann jetzt nicht abheben, Vicky. Und ich will auch gar nicht. Wer immer da anruft... Er soll sich zum Teufel scheren.«

»Vielleicht ist es wichtig.«

Misttelefon!, dachte ich. Aber ich sagte es nicht. Ich nahm Rücksicht auf Vicky.

Sie küsste mich aufs Ohrläppchen. Es kitzelte. Und ich war sofort wieder ganz bei der Sache.

»Das Telefon, Tony!«

»Was für ein Telefon?«, stellte ich mich dumm.

Da drängte mich Vicky Bonney lächelnd zur Seite und glitt von der Couch.

Wehmütig schaute ich ihr nach. Sie hatte die tollste Figur, die ich je gesehen hatte. Die Taille war aufregend schmal. Und die Schultern... Verdammt. Zum Teufel mit dem Anrufer. Zum Teufel mit dem Telefon. Warum musste es solche Störenfriede überhaupt geben?

Vickys hübscher verlängerter Rücken verschwand meinen traurigen, bedauernden Blicken.

Ich hörte sie den Hörer im Wohnzimmer von der Gabel nehmen.

Sie meldete sich.

»Leg auf!«, knurrte ich.

»Tony!«, rief sie.

»Ist nicht da!«, rief ich missmutig zurück.

»Es ist für dich!«

»Wenn schon. Leg wieder auf. Wer immer es ist – er soll morgen anrufen. Aber nicht zu früh!«

»Nun komm schon! Der Anruf kommt aus New York!«

»Ich kenne niemanden in New York!«

»Es ist Esslin. Dr. Frank Esslin!«

»Wer?«, schrie ich beinahe erschrocken. Natürlich hatte ich den Namen sofort verstanden. Und ich sprang auch schon aus dem Bett und rannte nach draußen. Nackte Männer sollten lieber nicht laufen. Vicky sah mich antraben und kicherte. Ich überging es, nahm ihr den Hörer aus der Hand und trompetete so laut in den Hörer, als müsse ich bis nach Amerika schreien: »Ballard!«

»Hallo, Tony!«, kam es durch das Transatlantikkabel. »Wie geht’s?«

»Eben wär’s beinahe wieder gegangen!«, gab ich zurück. Vielleicht klang es bissig. Es war jedoch nicht meine Absicht, Esslin zu ärgern. »Wohlbehalten in New York eingetroffen, Frank?«

»Hatten Sie daran gezweifelt?«

»Eigentlich nicht.«

»Schon wieder erholt, Tony?«

»Wovon?«, fragte ich.

»Nun tun Sie nicht so, als hätten Sie unser Südseeabenteuer bereits vergessen!«

»Das ist mein Job. Sie wissen ja«, sagte ich, während meine kribbeligen Finger über Vickys nackten Rücken wanderten.

»Tony...«, begann Esslin stockend, und ich hatte den Eindruck, ich könne eine Menge Sorgen aus seiner Stimme hören. »Tony, ich rufe Sie nicht ohne Grund an.«

»Was haben Sie auf dem Herzen, Frank? Sagen Sie’s mir. Vielleicht kann ich Ihnen helfen.«

»Wenn jemand helfen kann, dann Sie, Tony!«, gab der Arzt, der für die WHO arbeitete, gedrückt zurück.

»Was haben Sie für Probleme, Frank?«, erkundigte ich mich. Ich hatte ihm beim Abschied gesagt, er könne stets mit meiner Hilfe rechnen. Egal, wie tief er in der Klemme sitzen würde, ich würde immer versuchen, ihn herauszuhauen.

Was er mir nun in kleinen Portionen verabreichte, brachte mein Blut zum Kochen. Ich ließ sogar die Finger von Vicky und horchte aufmerksam zu. Ich war froh, dass die Sache nicht ihn persönlich betraf. Ihm drohten keine Schwierigkeiten. Das freute mich zu hören. Was er sonst zu sagen hatte, machte meine Handflächen nass.

Der Instinkt des Jägers erwachte augenblicklich in mir.

Ich brannte darauf, nach New York zu fliegen und diesen seltsamen Ereignissen an Ort und Stelle nachzugehen.

Da musste etwas geschehen. Und zwar so schnell wie möglich.

Ich witterte Dämonen hinter diesen grauenvollen Geschehnissen.

Und gegen Dämonen bin ich sozusagen allergisch. Egal, in welcher Gestalt sie mir begegnen, ich vernichte sie, sobald sie sich zu erkennen gegeben haben. Ich hasse sie genauso, wie sie mich hassen. Und ich habe mein Leben dem Kampf gegen diese Marionetten des Satans gewidmet. Und wenn es mir eines Tages gelingen sollte, Asmodi, dem Höllenfürsten selbst, gegenüberzutreten, dann würde ich nichts unversucht lassen, um auch ihn mitleidlos zu vernichten.

Frank Esslin redete zehn Minuten.

Dann wusste ich genauso viel wie er.

Ich versprach, zu kommen.

Und er kündigte an, mich vom Kennedy Airport abzuholen.

So verblieben wir.

Nach dem Telefonat huschten Vicky und ich wieder ins Bett.

Und wir liebten uns, als ob es das letzte Mal in diesem Leben sein würde.

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8

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Am nächsten Morgen setzte ich mich auf den Koffer, Vicky klappte die Verschlüsse nach unten.

Dann holte ich meinen Colt Government Mark IV und den Colt Diamondback. Sie wanderten mitsamt den ledernen Schulterholstern in die Reisetasche.

»Fertig!«, sagte ich dann.

Vicky trug ein pastellfarbenes Reisekostüm. Sie schaute auf die elektrische Wanduhr.

»Wir haben noch eine halbe Stunde Zeit«, sagte sie.

Mich drängte es trotzdem schon aus dem Haus. Aber da kam Besuch.

Ich sah den Rolls Royce Silvershadow vor unserem Haus halten, und wusste sofort: Da kommt Tucker Peckinpah.

Augenblicke später stand er schon vor uns. Braungebrannt. Mit diesen vielen Fältchen um die Augen. Mit seiner unvermeidlichen dicken Zigarre zwischen den Zähnen. Wohlwollend. Gönnerhaft.

Wir beide waren seit einiger Zeit ein Gespann.

Wir kämpften beide gegen Geister und Dämonen. Er mit seinem Geld. Und ich mit meinem magischen Ring, dessen Stein mal im Besitz von sieben schrecklichen Hexen gewesen war.

Peckinpah hatte mir ein offenes Konto eingerichtet.

Er konnte sich das leisten. Er war einer der ganz großen Industriellen. Einer, der alles zu Gold machte, was er anfasste. Mit Geschäftsverbindungen in die ganze Welt.

»Sie verreisen?«, fragte er uns erstaunt.

»Ja, Partner!«, sagte ich. Er hatte es gern, wenn ich ihn Partner nannte. Und es entsprach auch der Wahrheit. Es war eine Partnerschaft, die der einstige Polizeiinspektor Tony Ballard mit dem sechzigjährigen Industriellen eingegangen war. Eine seltsame Partnerschaft zwar, aber immerhin eine Partnerschaft. Ein Dämon hatte Peckinpahs Frau Rosalind in Spanien getötet. Seither hielten er und ich wie Pech und Schwefel zusammen.

Ich sagte ihm, wohin wir reisen wollten und weshalb.

Seine Augen begannen sofort fanatisch zu funkeln. Wenn er hörte, dass er wieder mal gegen einen Dämon in den Krieg zog, war er voller Begeisterung.

»Wissen Sie schon, wo Sie wohnen werden, Tony?«, fragte er mich.

»In einem Hotel«, gab ich zurück. »In welchem, das wird sich finden.«

»Ich besitze drüben ein Penthouse, Tony.«

Ich schmunzelte.

»Wie könnte es anders sein. Das ist für einen Mann wie Sie einfach Pflicht.«

»In Manhattan«, sagte Peckinpah. »Mit Blick auf den Central Park.«

Ich nickte.

»Verstehe. Es steht leer, und Sie würden es mir krummnehmen, wenn ich es nicht beziehen würde.«

»Genauso ist es, Tony!«, nickte Peckinpah.

»Okay. Dann mache ich Ihnen eben die kleine Freude.«

Er nannte mir die genaue Anschrift. Ich brauchte sie nicht zu notieren. Ich habe ein gutes Gedächtnis für Adressen. Außerdem versprach mir mein Partner, dass er gleich drüben anrufen würde, damit alles zu meiner vollsten Zufriedenheit erledigt würde. Er meinte damit, dass das Penthouse gereinigt würde, dass der Kühlschrank mit allem möglichen aufgefüllt und die Bar mit Hochprozentigem bestückt würde.

Ich dankte ihm mit einem Händedruck, mit dem ich mich von ihm gleichzeitig verabschiedete.

Wir verließen alle zusammen unser Haus.

Tucker Peckinpah war sich nicht zu fein, ebenfalls einen Koffer zu tragen.

Ich verstaute sämtliche Gepäckstücke im Kofferraum meines weißen Peugeot 504 Injection.

Nochmals Händedruck.

Peckinpah wünschte uns beiden Hals- und Beinbruch.

Dann setzte er sich in seinen Silvershadow und fuhr davon.

Ich steuerte den Peugeot in die andere Richtung.

Auf dem Heathrow Airport kaufte ich mir noch etwas zu lesen, damit ich auf dem Flug nach drüben etwas zu tun hatte.

Bereits fünf Minuten später wurde unser Flug aufgerufen. Wir durchschritten das gläserne Portal.

Von da an waren wir nur noch Rädchen in einem unbarmherzigen Getriebe. Wir mussten uns mitdrehen und mussten alles das tun, was ein teuflischer Dämon sich für uns erdacht hatte...

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Sobald unsere Maschine Landeerlaubnis bekam, schwebte der riesige Jet langsam auf den Kennedy Airport nieder.

Es gibt wohl kaum einen Reisenden, den die Skyline von Manhattan nicht fasziniert. Dieses Meer aus Beton und Glas schlug uns sofort in seinen Bann.

Wir drängten uns mit den anderen Reisenden durch den Zoll und wurden kaum belästigt.

Dann standen wir inmitten der riesigen Ankunftshalle und hielten nach Frank Esslin Ausschau.

Er kam aus einem Menschenknäuel heraus und fuchtelte mit beiden Armen. Er strahlte über das ganze Gesicht, erfreut uns nach so kurzer Zeit schon wiederzusehen. Wir schleppten das Gepäck zu seinem Wagen. Ich erzählte ihm von Tucker Peckinpahs Penthouse, in dem wir wohnen würden. Er nickte und brachte uns zum Central Park.

Die Straßenschluchten erdrückten uns beinahe. Vom Himmel war nicht viel zu sehen.

Es sah nach Regen aus.

Es stank nach Abgasen. Die Straßen waren vom Lärm unzähliger Autos erfüllt. Das hektisch pulsierende Leben gefiel mir nicht. Ich war sicher, dass ich kein begeisterter New Yorker gewesen wäre, wenn ich hier ständig hätte wohnen müssen.

Wir fanden das Haus auf Anhieb.

Ein freundlicher Mann mit Glatze hieß uns herzlich willkommen.

Wir fuhren mit dem Expresslift zum Penthouse hoch. Dort schloss der Mann für uns auf und reichte mir dann die Schlüssel.

Peckinpah hatte aus der Wohnung eine Insel der Gediegenheit gemacht. Auf dem Boden lagen teure Teppiche, Ölschinken hingen an den Wänden. Die Möbel waren modern, aber nicht verrückt.

Durch eine gläserne Schiebetür traten wir auf die Terrasse hinaus. Von hier hatte man einen herrlichen Ausblick über den Central Park, über die Bowery, über das nördliche Manhattan.

Hier oben war ich ein wenig versöhnlicher gestimmt. Von dieser Warte aus gefiel mir die Metropole.

Ich bat Frank, die Drinks zuzubereiten. Dann duschten Vicky und ich gemeinsam. Hinterher kleideten wir uns um.

Schließlich tranken wir auf ein erfolgreiches Unternehmen.

»Haben Sie inzwischen mehr erfahren?«, fragte ich ihn, als ich meinen Johnnie Walker gekippt hatte.

»Dieses Mädchen, von dem ich Ihnen erzählte«, sagte Esslin, »hieß Rita Brown. Sie hat in einem Übersetzungsbüro gearbeitet.«

»Hat sie auch jemanden umgebracht?«, wollte ich wissen.

Esslin nickte.

»Einen Mann namens Edward Tagger.«

»Ebenfalls mit einer Axt aus dem zwölften Jahrhundert?«

»Erraten, Tony«, seufzte Frank.

»Wo ist es passiert?«, erkundigte ich mich.

»Drüben in Brooklyn.«

»Wo genau?«

»St. Albans«, sagte Frank Esslin.

»Können Sie mir das auf meinem Stadtplan zeigen?«, fragte ich ihn und holte Hagstrom’s Pocket Atlas. Er blätterte kurz darin. Schließlich erreichte er Page 48/49. Planquadrat 22. Er fuhr mit dem Finger ins Zentrum der Karte.

»Hier genau hat das Mädchen den Mord verübt. Murdock Avenue 202. In einem Wohnhaus. Edward Tagger lag direkt vor dem Lift. Die Polizei ist der Meinung, das Mädchen müsse im Lift gestanden haben. Es müsse Tagger von da angegriffen haben.«

»Das Mädchen stürzte sich mit dieser uralten Axt aus dem Lift auf den Mann und spaltete ihm den Schädel«, fasste ich zusammen.

Esslin nickte.

»So ist es, Tony.«

Ich rieb nachdenklich mein glatt rasiertes Kinn. Vicky Bonney drehte neben mir schweigend ihr Glas zwischen den Handflächen.

»Diese Äxte«, sagte ich sinnierend, »wo befinden sich die jetzt?«

»Im kriminaltechnischen Labor«, sagte Esslin. Dann meinte er, er hätte vergessen, Rita Browns Weg zu beschreiben, den sie nach dem Mord an Tagger eingeschlagen hatte. »Sie kam bis zum Montefiore Cemetery«, erzählte Dr. Esslin. »Da hat sie dann einen Cop erschlagen wollen. Aber zu diesem Zeitpunkt war sie bereits so stark geschwächt, dass sie es nicht mehr schaffte.«

»Was für einen Eindruck hatte der Polizist von dem Mädchen?«, fragte ich.

»Er dachte, Rita sei verrückt. Sie machte einen verstörten Eindruck. So als hätte sie etwas ganz Grauenvolles erlebt.«

»Wenn man sich an die schweren Verletzungen erinnert, die ihr Körper aufwies, wäre das zu verstehen«, sagte ich. »Sie sagten doch, alle drei Personen schienen schrecklich gefoltert worden zu sein, Frank.«

»So sahen ihre Körper aus«, nickte Esslin.

Ich starrte Löcher in den teuren Teppich.

»Wäre es möglich, dass dieses Mädchen – bleiben wir vorläufig mal nur bei ihr –, dass dieses Mädchen vor etwas zu fliehen versucht hat?«

»Wie meinen Sie das?«, fragte Frank.

»Nun, Rita war schwer gefoltert worden. Irgendwie hat sie ihre Freiheit wiedererlangt. Möglicherweise hatte sie diesen Umstand noch nicht richtig verdaut. Vielleicht hat sie sich mit dieser Axt ihre Freiheit erkämpfen müssen. Sie floh, und plötzlich stand ihr jemand im Wege. Vielleicht nahm sie an, das wäre wieder dieser Folterknecht, dem sie schon entronnen zu sein glaubte. In ihrer panischen Angst schlug sie wieder mit der Axt zu – und traf dabei einen Unschuldigen.«

Frank Esslin nickte.

»Das klingt einleuchtend, Tony.«

Ich ließ meine Zunge über die Lippen huschen. Dann nahm ich Vicky das Glas aus der Hand und trank ihren Johnnie Walker.

»Bleibt immer noch zu klären«, meinte ich nachdenklich, »wo diese Menschen so grausam gefoltert worden sind. Und wer das getan hat. Und wo sie diese alten Äxte herhaben. Was halten Sie von einer Zeitreise, Frank?«

Esslin lachte gequält.

»Mann, werden Sie bloß nicht utopisch.«

»Angenommen, diesen drei Personen gelang es auf irgendeine unerklärliche Weise, ins Mittelalter einzudringen. Angenommen, sie haben ganz kurz da gelebt, Frank. Möglicherweise sprachen ihre Körper auf diese Zeit an. Das heißt, ihre Körper lebten plötzlich in dieser Zeit. Und nun stellen Sie sich vor, diese Körper gelangen wieder in die Jetztzeit zurück. Dann müssten sie doch eigentlich zu Staub zerfallen.«

Esslin raufte sich die Haare.

»Ihre Logik ist haarsträubend, Tony.«

Ich war nicht mehr zu bremsen.

»Das würde gleichzeitig auch erklären, wieso diese drei Personen mit Äxten aus dem zwölften Jahrhundert bewaffnet waren. Und noch etwas: Damals gab es die Inquisition, Frank! Sagte Ihr Freund Dr. Dickinson Boyd nicht, dass solche Foltern zu Zeiten der Inquisition an der Tagesordnung gewesen wären, dass er sich aber nicht vorstellen könne, wer heutzutage so etwas noch tun würde?«

Esslin fuhr sich mit der zitternden Hand über die Lippen.

»Tony, Sie machen mir beinahe Angst.«

»Wieso?«

»Ihre Theorie geht dahin, dass es irgendjemand...«

»Nicht irgendjemand! Ein Dämon!«, sagte ich.

»...dass es irgendjemand möglich gemacht hat, Leute vom Heute ins Gestern zu befördern. Und wenn diese Leute ins Heute zurückkehren, sind ihre Körper dem Tod geweiht.«

»So könnte ich es mir gut vorstellen«, nickte ich. »Hier ist ein grausamer Dämon am Werk, Frank. Ich kann das beinahe fühlen. Das alles riecht nach Teufelswerk. Dagegen können Polizei und Wissenschaft nichts ausrichten. Es war gut, dass Sie mich unverzüglich verständigt haben...«

»Was werden Sie unternehmen, Tony?«

»Ich muss versuchen, diesen Dämon zu finden.«

»In dieser Riesenstadt? Das schaffen Sie doch nie!«

Ich lächelte.

»Abwarten, Frank. Die Sache liegt nicht ganz so kompliziert, wie Sie sie sehen. Ich gebe gern zu, New York ist kein Dorf. Aber was sich ereignet hat, hat sich in St. Albans ereignet. Und nur da. Deshalb werde ich den Dämon in dieser Gegend suchen. Und ich bin sicher, dass ich ihn da finden werde.«

Esslin erhob sich.

»Darf ich Sie zum Abendessen einladen?«

Wir nahmen die Einladung gern an. Er kündigte an, dass er seinen Freund Dickinson Boyd mitbringen würde. Wenn ich mehr über diese seltsamen Patienten wissen wolle, dann solle ich mich an ihn halten.

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Wie der Schatten eines Riesen fiel die Dunkelheit in die Murdock Avenue.

Summend senkte sich der Fahrstuhl ins Erdgeschoss herab.

Endlich kam die Kabine zum Stillstand.

Dicker Rauch qualmte aus den Ritzen, flog träge durch die Halle, verbreitete einen üblen Gestank. Langsam glitten die Lifttüren auseinander.

Das Qualmen verstärkte sich.

Und mitten darin in dem wabernden Nebel begann sich plötzlich etwas zu regen.

Eine Gestalt trat aus dem Fahrstuhl.

Die Augen groß und verstört. Starr ins Nichts gerichtet.

Mit steifen Schritten begann der Mann zu gehen. Sein Gesicht war erschreckend fahl und schmerzverzerrt.

Irgendetwas machte ihm wahnsinnige Angst. Es hatte den Anschein, als versuche er vor etwas zu fliehen.

Ab und zu blieb er keuchend stehen, schaute sich mit seinem glasigen, leeren Blick um, ging dann mit staksigen Schritten weiter.

Er fand seinen Weg, ohne es bewusst zu begreifen.

Seine sehnige Hand lag um den Stiel einer alten Axt.

Er atmete schwer, rasselnd, manchmal ungemein mühsam, als drohte er zu ersticken.

Unbemerkt erreichte er den Belmont Park. Zwischen Bäumen und Büschen verschwand er.

Sobald er sich in Sicherheit wähnte, fiel er mit einem erstickten Gurgeln auf die Knie. Er konnte sich so aber nicht lange halten, kippte nach vorn und fiel aufs bleiche Gesicht. Ein schreckliches Zittern durchlief seinen Körper. Wahnsinnige Krämpfe verdrehten seine Glieder. Er stöhnte, ächzte und röchelte zum Steinerweichen.

Während seine Rechte die Axt auch jetzt noch umklammert hielt, krallte sich seine Linke verzweifelt in die feuchte Erde. Er riss das Gras aus dem Boden, verbiss sich mit den Zähnen darin, krümmte sich grässlich zusammen und kam nicht zur Ruhe.

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Hank Powell und Julius Faber schlurften den asphaltierten Parkweg entlang.

Sie waren beide schäbig gekleidet.

Powell war dick wie ein verfressener Mayos.

Faber war dünn wie das Skelett eines Herings.

Sie passten rein äußerlich überhaupt nicht zusammen. Aber ihre Seelen waren Zwillinge.

Beide waren verarmt, obdachlos, verkommen.

Beide scheuten die Arbeit, liebten den Suff, bettelten sich durchs erbärmliche Leben. Verkommene Subjekte waren sie. Und sie suchten ab und zu die Gelegenheit, irgendwo einzubrechen oder einen Betrunkenen, der durch »ihren« Park kam, bis aufs Hemd auszuziehen.

»Ich habe seit zwei Tagen nichts gegessen!«, sagte Powell und rieb sich den schwammigen Bauch.

Faber griente.

»So siehst du gar nicht aus. Bist immer noch wohlgenährt.«

»Lass dich von meinem Bauch nicht täuschen!«, knurrte Powell. »Der ist vom Hunger aufgebläht.«

Die beiden Typen lachten. Sie waren unrasiert und dreckig.

Sie schliefen zumeist hier im Belmont Park oder in irgendeinem leerstehenden Haus, das kurz vor dem Abbruch stand.

Julius Faber schaute sich mit zusammengekniffenen Augen um.

»Verdammt!«, stieß er ärgerlich hervor. »Kommt denn da keiner, der zu viel Geld in den Taschen hat?«

Powell zog die Mundwinkel nach unten.

»Scheint sich bereits herumgesprochen zu haben, dass es nicht ratsam ist, hier abends durchzugehen.«

»Solange uns die Bullen in Ruhe lassen, ist’s okay. Wir können uns ja mal einen anderen Park aussuchen.«

Powell hob plötzlich die Hand. Seine kleinen Fettaugen weiteten sich unmerklich. Sein Mund klaffte auf. Er lauschte angestrengt.

»Was ist?«, fragte Faber.

»Halt doch die Klappe, verflucht!«, zischte Hank Powell. Dann lauschte er wieder. Schließlich nickte er. Seine Hand glitt in den zerschlissenen Mantel, der mit Flecken aller Art übersät war.

Als die Hand wieder zum Vorschein kam, lag ein Springmesser darin.

Die Klinge schnellte aus dem Griff.

»Da kotzt einer«, sagte Powell aufgeregt.

»Ein besoffener Typ?«, fragte Faber.

»Mal sehen!«, erwiderte Powell.

»Ich kann nichts hören.«

Powell grinste.

»Dann wasch dir doch mal den Dreck aus den Ohren!«

»Ach leck mich doch...«

»Das habe ich schon einer anderen Drecksau versprochen. Komm jetzt. Es gibt Arbeit.«

Sie liefen in die Richtung, aus der die würgenden Geräusche kamen.

Bald hörte auch Faber das Gurgeln und Röcheln.

Er hielt den Freund kurz am speckigen Arm zurück.

»Mensch, das hört sich an, als ob einer krepieren würde.«

»Umso besser. Einer der krepiert, kann sich nicht mehr wehren, wenn man ihm die Geldbörse abnimmt. Außerdem braucht einer, der draufgeht, kein Geld mehr!«

Nun holte auch Julius Faber sein Messer heraus.

Sie teilten die Zweige der dunklen Büsche.

Die Geräusche würden immer grauenvoller.

»Lass uns lieber abhauen!«, riet Faber mit tonloser Stimme. »Ich bin nicht scharf drauf, dass man uns ‘nen Mord anhängt.«

»Quatsch nicht. Wir tun ihm doch nichts.«

Sie bückten sich, schlüpften unter einem dichten Blätterbaldachin durch.

»Dort liegt er!«, stieß Hank Powell aufgeregt aus. Schweiß troff ihm von der Stirn.

Zaghaft folgte ihm Faber.

Der Mann, der auf dem Boden lag, gab schaurige Laute von sich. Faber war mit einem Mal nicht wohl in seiner Haut.

»Na, Bester! Wo fehlt’s denn?«, fragte Powell, als er den Fremden erreicht hatte.

»Der ist schon halb hinüber!«, raunte ihm Faber ins Ohr.

»Um so besser«, grinste Powell.

Er beugte sich zu dem Mann hinunter, legte ihm seine Hand auf die zitternde Schulter und versuchte ihn umzudrehen.

Da schnellte der Fremde plötzlich mit einem grellen Schrei hoch.

»H-a-a-a-a-n-k!«, brüllte Julius Faber entsetzt, als er die hochgeschwungene Axt sah.

Powell wollte sich mit einem schnellen Sprung in Sicherheit bringen. Aber er war nicht schnell genug.

Die Axt traf genau die Mitte seines dicken Schädels...

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Das Restaurant erinnerte mich an London. Frank Esslin hatte eigens dieses englische Lokal ausgewählt, um Vicky und mir einen Gefallen zu erweisen. Wir hatten Dickinson Boyd bereits kennengelernt. Vicky hatte sich von seinem Gesicht anfangs erschrecken lassen, doch nun war auch sie dahintergekommen, dass diese abweisende, beinahe böse aussehende Miene nicht ernst zu nehmen war. Boyd war ein freundlicher, netter, intelligenter Mensch, mit dem man vortrefflich plaudern konnte.

Wir hatten bereits gegessen.

Ich hatte Ginger Ale getrunken und war nun bei einem guten alten schottischen Whisky angelangt.

Dr. Boyd hatte uns seine persönliche Ansicht von diesem Fall dargelegt. Er war nicht der Meinung, dass hier ein Dämon seine grausame Hand im Spiel hatte. Aber er konnte uns keine andere Erklärung für all diese seltsamen Vorgänge anbieten.

Er beschränkte sich in der Beziehung auf ein ratloses Achselzucken.

»Seit dieses Mädchen in unser Hospital eingeliefert wurde«, sagte Dickinson Boyd mit sorgenvoller Miene, »habe ich Angst vor jedem neuen Tag. Denn jeder Tag kann uns neuerlich einen solchen rettungslos verlorenen Patienten bescheren.«

»Wer bearbeitet diese Axtmorde?«, erkundigte ich mich.

»Lieutenant Brian Stilman«, antwortete Boyd. »Ein netter Mann. Mittlerweile ein Nervenbündel, wie Sie sich vorstellen können.«

Ich nahm mir vor, Stilman in den nächsten Tagen in seinem Büro aufzusuchen.

Nun wandte ich mich an Esslin.

»Sagen Sie, Frank, glauben Sie, dass es möglich ist, in diesem Haus in der Murdock Avenue eine Wohnung zu kriegen?«

Alle sahen mich beinahe erschrocken an.

»Du willst aus Peckinpahs Penthouse schon wieder ausziehen?«, fragte mich Vicky verblüfft.

»Ich finde, Manhattan ist nicht nahe genug dran an St. Albans«, erwiderte ich.

»Eine Wohnung könnte vielleicht zu kriegen sein«, sagte Frank Esslin. »Soll ich mich darum kümmern?«

Ich nickte.

»Das wäre furchtbar nett von Ihnen, Frank. Die Höhe der Miete spielt absolut keine Rolle. Lassen Sie das von Anfang an durchblicken. Das wird Ihnen die Verhandlung sicherlich erleichtern. Feilschen Sie nicht. Mir ist jeder Betrag recht. Ich will nur eine Wohnung in diesem Haus haben.«

»Darf man fragen, was Sie sich davon versprechen, Mr. Ballard?«, erkundigte sich Dickinson Boyd.

Ich zuckte die Achseln.

»Ehrlich gesagt, darauf kann ich Ihnen keine klare Antwort geben. Ich folge bloß einer Eingebung. Ich habe irgendwie das Gefühl, dass dieses Gebäude das Zentrum sämtlicher Vorkommnisse darstellt.«

»Wie kommen Sie darauf, Tony?«, fragte mich Esslin.

»Überlegen Sie mal«, forderte ich ihn auf. »Earl Jenkins und Porter Harrison haben auf der Straße getötet. Auf der Straße! Und nicht in irgendeinem Gebäude. Die Polizei ist der Meinung, Rita Brown hätte sich aus dem Fahrstuhl auf Edward Tagger gestürzt. Das verleitet mich zu der Annahme, dass auch Jenkins und Harrison aus diesem Fahrstuhl gekommen sind. Nur... in ihrem Fall stand niemand vor dem Lift, als sie ihn verließen. Ihnen war es möglich, das Gebäude zu verlassen. Sie begegneten ihrem Opfer erst einige Zeit später.« Ich lächelte. »Natürlich kann ich mit meiner Theorie auch völlig danebenliegen. Aber ich finde, dass man gerade in einem solch geheimnisvollen Fall nichts außer Acht lassen sollte. Deshalb möchte ich eine Wohnung in diesem Haus haben.«

Frank Esslin nickte.

»Okay, Tony. Ich werde sehen, was ich für Sie tun kann.«

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Julius Faber verlor beinahe den Verstand, als er seinen Freund blutüberströmt zusammenbrechen sah. Brüllend kreiselte er herum. Er rannte los. Dabei schrie er gellend um Hilfe.

Der Mann mit der Axt jagte hinter ihm her.

Faber warf sich durch das Gezweig der Büsche. Äste peitschten ihm ins Gesicht, schlugen ihm die Haut blutig.

Wie von Furien gehetzt keuchte Faber davon.

Hinter sich hörte er die schnellen Schritte des Fremden.

Faber schrie, schrie, schrie.

Der seltsame Mörder holte ihn ein. Mit der linken Hand riss er sein Opfer blitzschnell herum. Zur Salzsäule erstarrt, zitternd vor Grauen, mit weit aus den Höhlen tretenden Augen glotzte Julius Faber den grausamen Fremden an.

Der schwang die Axt hoch.

Sein Gesicht verzerrte sich. Er stieß einen schaurigen Schrei aus.

Auch Faber brüllte. Zum letzten Mal.

Dann fällte auch ihn das mörderische Beil.

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Schon als Hank Powell der schreckliche Tod ereilte, hatte jemand den Polizeinotruf gewählt. Nun raste ein Patrolcar mit Rotlicht und Sirene heran. Er sauste über den Bordstein, fuhr in den Park hinein und rollte wippend über den Rasen, weil das der kürzeste Weg zum Tatort war.

Die beiden Cops saßen mit vibrierenden Nerven im Streifenwagen.

Der Beifahrer hatte bereits seine Dienstwaffe gezogen.

Die Scheinwerfer wischten über Bäume und Büsche.

Plötzlich erfassten sie einen Mann.

Er stand unbeweglich inmitten einer riesigen Rasenfläche.

Eine Axt in der Hand.

Ein blutbesudelter Körper zu seinen Füßen.

»Mensch, wir kommen bereits zu spät!« ächzte der Beifahrer aufgeregt.

Der Fahrer trat hart auf die Bremse. Das Polizeifahrzeug brach seitlich aus, schlitterte über den glatten Rasen und kam kurz vor dem Mann mit dem Beil zum Stehen.

Fahrer und Beifahrer schnellten aus dem Wagen.

Der unheimliche Mörder starrte sie unverwandt an.

Es hatte den Anschein, als würde er sie nicht sehen.

Die Cops richteten mit zitternden Nerven ihre Waffen auf ihn.

»Ganz ruhig, Junge!«, fauchte der Fahrer.

»Rühr dich nicht vom Fleck!«, verlangte der Beifahrer.

»Arme hochheben! Axt fallen lassen. Und keine faulen Tricks, Mann. Ja keine faulen Tricks. Du kannst dir gar nicht vorstellen, wie verdammt aufgeregt wir sind. Wir verstehen die kleinste Bewegung falsch, Mann.«

Plötzlich stieß der Mörder einen Wahnsinnigen Schrei aus.

Er fasste sich an den Leib, als würde siedendes Blei hindurchfließen. Er krümmte sich brüllend zusammen.

Die Axt entfiel ihm.

Er versuchte auf allen Vieren wegzulaufen.

Die Cops rannten auf ihn zu, stießen ihm mit den Füßen die Hände fort, und er fiel auf den Bauch, blieb liegen, knirschte mit den Zähnen, dass den Uniformierten kalte Schauer über den Rücken fuhren.

Während der eine ihm die Waffe an den Kopf setzte, durchstöberte der andere mit flinken Fingern seine Taschen.

Sie durchsuchten ihn nach Waffen, fanden aber keine.

Die Axt nahmen sie fort.

Sie warfen sie zum Patrolcar, damit sie der Mann nicht erreichen konnte.

Der Mann rollte sich herum.

Seine Augen glänzten im mörderischen Fieber.

»Dem geht’s verdammt dreckig!«, sagte der Beifahrer erschüttert.

Plötzlich fiel es dem Fahrer wie Schuppen von den Augen.

»Junge, das ist wieder so einer!«, stieß er hastig hervor.

»So einer – was?«

»Einer von denen, die sich in Staub auflösen!«

»Verdammt!«

»Wir müssen schnellstens Lieutenant Stilman benachrichtigen!«, keuchte der Fahrer. Dann schnellte er herum und hetzte zum Streifenwagen. Die Blinklichter flimmerten immer noch. Die Sirene hatten sie abgestellt, als sie in den Belmont Park eingefahren waren. Nun schaltete der Fahrer auch das rote Zucken ab.

Dann hakte er das Mikrophon aus der Halterung und setzte sich mit der Zentrale in Verbindung.

Während er wartete, bis sich Stilman meldete, wischte er sich den Schweiß mit dem Uniformärmel von der Stirn.

Dann war Stilmans unverkennbare Stimme im Lautsprecher.

»Jones hier, Sir!«, meldete sich der Fahrer. »Sergeant Jones!« Er rasselte den Situationsbericht herunter.

Stilman sagte, er komme sofort.

Zwanzig Minuten später fuhr der Kastenwagen der Mordkommission in den Park.

Neugierige hatten sich inzwischen eingefunden. Zwei weitere Streifenwagen waren angekommen.

Das Gelände wurde hermetisch abgeriegelt. Leute, die keine Polizeiuniform trugen oder nicht zumindest einen Polizeiausweis in der Tasche hatten, wurden aus diesem Kreis verbannt.

Inzwischen hatten die Cops auch den zweiten Toten entdeckt.

Der Polizeiarzt nahm sich ihrer an.

Dann trat der Fotograf in Aktion.

Und Lieutenant Brian Stilman kümmerte sich um die beiden Polizisten, die als erste am Tatort eingetroffen waren.

Stilman hatte ein Gesicht, das fürs Werbefernsehen geeignet gewesen wäre. Es war markant, war telegen, wirkte vertrauenerweckend und aufgeschlossen. Er war groß, schlank und kräftig.

Er ließ sich von den beiden Cops noch mal ganz schnell schildern, was sie erlebt hatten.

Inzwischen kam der Krankenwagen herangebraust.

Der Mörder wurde auf die Bahre geschnallt.

Von Kraft und Vitalität war nichts mehr zu erkennen.

Der seltsame Mann war nur noch ein Häufchen Elend. Ein Nichts, das gurgelte und röchelte. Ein Wesen, das dem Tod geweiht war.

Trotzdem wurde angeordnet, den Mann ins nächstgelegene Krankenhaus zu schaffen.

Hoffnung gab es jedoch keine mehr für ihn.

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Ich trank meinen zweiten Scotch.

Der Drink rollte in meinen Magen und schien regelrecht zu explodieren. Dadurch strahlte er Wärme ab. Und ich hatte ein angenehmes Gefühl im Leib.

»Ich würde gern mal so eine Axt sehen«, sagte ich.

»Lieutenant Stilman kann Ihnen seine Sammlung ja mal vorführen«, meinte Frank Esslin.

Für mich stand unumstößlich fest, dass ich mich mit Brian Stilman mal zusammensetzen musste.

Ein Kellner eilte durch das englische Lokal. Er trug eine Tafel. Darauf stand, dass Dr. Dickinson Boyd am Telefon verlangt würde.

Esslin bemerkte den Aufruf. Er machte den Freund darauf aufmerksam.

»Entschuldigen Sie mich einen Augenblick!«, bat uns dieser, dann erhob er sich und ging auf den Kellner zu.

Er sprach den Mann im weißen Jackett an. Der nickte und machte eine auffordernde Handbewegung, was heißen sollte, er solle mitkommen.

Sie verschwanden.

Wir schwiegen.

Vicky schaute mich von der Seite her an. Ich fühlte ihren Blick und wandte ihr mein Gesicht zu.

»Was ist?«

»Wer weiß, dass Dr. Boyd hier ist?«, fragte sie.

»Vermutlich hat er im Krankenhaus gesagt, dass er hier zu erreichen ist«, antwortete Frank Esslin an meiner Stelle.

Ich seufzte.

»Diese Ärzte. Sie sind immer im Dienst. Man muss schon ein verdammt verbissener Philanthrop sein, um seinen Beruf nicht nach einigen Jahren bereits zu hassen.«

Als Boyd wiederkam, erschraken wir.

Er war bleich. Sein Blick flatterte. Er schaute Esslin an und sagte: »Ich muss dringend ins Hospital.«

»Was ist passiert, Dick?«, fragte ihn Frank.

»Soeben wurde wieder so ein Patient eingeliefert!«

Uns allen stockte in diesem Augenblick der Atem.

Das war der vierte.

Und wir hatten noch keinen blassen Schimmer, wie wir diesem entsetzlichen Treiben Einhalt gebieten konnten.

Wir brachen gemeinsam auf.

Boyd hatte nichts dagegen, dass auch wir ins Hospital wollten.

Ich war auf dieses schreckliche Schauspiel neugierig.

Zwar hatte ich Angst davor, es mir aus der Nähe anzusehen, andererseits konnte ich mir nur dann ein Bild davon machen, wenn ich es aus nächster Nähe mit eigenen Augen mit ansah.

Nachdem ich die Rechnung beglichen hatte, verließen wir das Lokal.

Wir nahmen alle in Esslins Dodge Platz.

Er raste zum Krankenhaus.

Der Lift brachte uns in den vierten Stock. Wir hörten schon von weitem die grässlichen Schreie des Sterbenden.

Wenige Sekunden später standen wir neben ihm.

Mir krampfte es das Herz zusammen. Vicky krallte ihre Finger in meinen Arm. Ich riet ihr, nach draußen zu gehen und da zu warten. Es wäre zu abscheulich für sie hier drinnen.

Aber sie schüttelte den Kopf, wollte bleiben. Sie meinte, draußen wäre es genauso schlimm. Denn es waren vor allem die schaurigen Laute, die einem so sehr durch Mark und Bein gingen.

Wir erlebten alles das mit, was uns Dickinson Boyd geschildert hatte.

Jede Phase lief vor unseren verstörten Blicken ab.

Die Kollegen Boyds versuchten es mit einer Unzahl von Injektionen.

Aber das grässliche Sterben war nicht aufzuhalten.

Wir sahen uns den Körper an.

Fürchterliche Wunden glänzten überall. Tiefe Fleischwunden. Brandwunden. Schnitte. Stiche. Grauenvolle Marterstellen.

Das alles konnte kein Mensch getan haben.

Das hatte ein abscheulicher Dämon getan.

Am Sterbebett dieses Fremden schwor ich, jenen Dämon für diese Gräueltaten zur Verantwortung zu ziehen.

Die Haut des Mannes wurde schlaff.

Er röchelte und stöhnte, krächzte und heulte schrecklich.

Ich sah Vicky an.

Sie war leichenblass.

Der Mann bekam einen Totenschädel. Die Augen trockneten ein. Bald war nur noch das Skelett von ihm übrig.

Doch auch das nicht mehr lange.

Als nur noch Staub im Weißen Krankenhausbett lag, löste sich der wahnsinnige Alptraum aus unseren frierenden Gliedern.

Dieser Mann hatte es endlich überstanden.

Ich gönnte ihm die ewige Ruhe. Sie war die beste Lösung für ihn. Nach alldem, was er durchgemacht hatte.

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Tags darauf ließ ich Vicky Bonney allein in Peckinpahs Penthouse zurück.

Sie sollte sich einen geruhsamen Vormittag machen. Das war leicht dahergeredet. Ich ahnte, dass sie das nicht fertigbringen würde.

Der Schock von gestern Abend saß zu tief in ihren Gliedern.

Als ich schon an der Tür war, klingelte das Telefon.

Tucker Peckinpah war am Apparat.

Er wollte wissen, wie sich die Dinge inzwischen entwickelt hätten und wie es uns in seinem Penthouse zusagte.

Ich schob ihn an Vicky ab und verdrückte mich.

Von Hertz hatte ich mir einen Leihwagen kommen lassen.

Es war ein aquamarinblauer Chrysler. Modell 1975. Er spielte alle Stücke. Eine Knopfbatterie verleitete mich, sie mal der Reihe nach durchzuspielen.

Schließlich ließ ich den starken Wagen abzischen.

Ich fand mich in dem Verkehrsgewühl New Yorks verhältnismäßig schnell zurecht.

Fünfundzwanzig Minuten nach meinem Start ließ ich den Wagen auf dem Besucherparkplatz vor dem Police Headquarters ausrollen.

Lieutenant Stilman war nicht nur da, er hatte auch Zeit für mich.

Ich saß einem Mann in seinem Büro gegenüber, dem man die Übermüdung auf eine Meile Entfernung ansah. Graue Ringe unter den Augen. Nervös zuckende Wangen. Eine Zigarette nach der anderen. Mokka auf dem Schreibtisch. Und er brüllte ins Telefon, wenn er mit jemandem sprach.

Er wirkte gerädert, zerschlagen, ausgeflippt.

Der Fall, den er am Hals hatte, war offensichtlich zu viel für ihn. Er überstieg seine Kräfte. Und von oben wurde vermutlich gehöriger Druck auf ihn ausgeübt. Dass ihn der Stress am Wickel hatte, war ganz klar. Man kennt das ja. Die Vorgesetzten wollen Erfolge sehen. Egal, wie man das anstellt.

Ich war lange genug in einer solchen Tretmühle, um mich da auszukennen.

Ich sagte es ihm, und er war mir sogleich menschlich verbunden.

Ich sagte ihm auch, dass ich nun als Privatdetektiv arbeite und dass ich nach New York gekommen wäre, weil ich der Meinung wäre, ihm helfen zu können.

Er meinte wohl, ich wäre verrückt, denn genauso schaute er mich daraufhin an.

Ich erzählte ihm ein bisschen was aus meinem Leben und von meinen bisherigen Erfolgen, die sich nachweisen ließen.

Das ließ ihn daran zweifeln, ob ich wirklich verrückt war.

Schließlich waren wir uns einig. Er wäre nicht dagegen, wenn auch ich mich um die Sache kümmern würde.

Das war eine grandiose Auszeichnung meiner Person, denn an und für sich sind Privatdetektive bei der Polizei eher verpönt.

Man mag keine Schnüffler.

Und wehe, ein solcher pfuscht der Polizei ins Handwerk. Der ist seine Lizenz schneller los, als er seinen Namen sagen kann.

Nun erfuhr ich von Stilman alles das, was ich bereits von Esslin wusste. Allerdings erzählte es mir der Lieutenant genauer.

Er steckte sich ein neues Stäbchen an, wollte mir auch eines anbieten, doch ich sagte ihm, ich wäre Nichtraucher.

Da nickte er und meinte: »Ich hab’ ja gleich gewusst, dass mit Ihnen irgendetwas nicht stimmt, Mr. Ballard.«

Ich hätte ihm nun einen stundenlangen Vortrag über das schädliche Nikotin halten können. In Anbetracht der ernsten Lage unterließ ich es jedoch. Wir wollten besser bei der Sache bleiben.

Ich lenkte das Gespräch auf den Mann von gestern Abend.

»Er hieß Sean Travers«, sagte Lieutenant Stilman. Aus dem Schreibtisch – oberste Lade, da wo die dringlichsten Fälle aufbewahrt waren – holte er einen Schnellhefter.

Er schlug ihn auf.

Ein paar Zettel waren eingeheftet. Ein Hochglanzfoto leuchtete mir entgegen.

Er schob mir das Ganze über den Tisch zu.

Den Unterlagen nach zu schließen, war Travers der Polizei bekannt gewesen.

»Betrüger, Falschspieler, Raufbold!«, sagte Stilman, während ich noch las.

»Mit einem Wort: ein übler Bursche.«

»Kann man sagen, Mr. Ballard.«

»Wohnhaft?«

»In Queens. Hatte da ein kleines Häuschen. Nichts Besonderes. Wir waren schon da. Kein Hinweis. Ich meine, nichts, was uns weiterbringen würde.«

Ich schüttelte den Kopf.

»Seltsam. Diese Leute gehen von zu Hause weg, tauchen für kurze Zeit unter, und wenn sie wieder erscheinen, sind sie wie ausgewechselt.«

Ich bat den Lieutenant, mir die Äxte zu zeigen.

Er verließ mit mir sein Office.

Einen Stock tiefer konnte ich dann die uralten Stücke bewundern. Ich bin zwar kein Historiker. Trotzdem hätte auch ich diese seltsamen Waffen ins zwölfte, dreizehnte oder vierzehnte Jahrhundert eingereiht.

Brian Stilman ermöglichte es mir, mit dem Experten zu sprechen, der die Äxte untersucht hatte.

Der dürre Mann mit dem schneeweißen Haarkranz bewies mir anhand seiner Untersuchungsergebnisse, dass ein Irrtum ausgeschlossen wäre.

Die Waffen waren tatsächlich so alt.

Das ging aus der Holzbeschaffenheit des Stiels hervor. Das bewies dem Fachmann die Bearbeitung des Eisens und dessen Zusammensetzung.

»Woher haben die Leute diese Äxte?«, fragte mich Lieutenant Stilman, als wir auf dem Gang standen. Eine Axt hatte ausgesehen wie die andere. Sie mussten alle vom selben Handwerker angefertigt worden sein.

»Wenn wir das herausfinden, kommen wir einen gewaltigen Schritt vorwärts!«, erwiderte ich dem Lieutenant.

Und ich verheimlichte ihm meine Theorie nicht, die Frank Esslin ein bisschen zu gewagt angesehen hatte.

Ich teilte Stilman mit, dass ich mich um eine Wohnung in jenem Haus in der Murdock Avenue 202 bemühen würde, ließ ihm meine Penthouse-Rufnummer da und verabschiedete mich dann von dem Mann, der mir äußerst sympathisch war.

Wir wünschten einander viel Erfolg.

Er war nicht ganz so optimistisch wie ich. Deshalb zuckte er abschließend ein wenig hoffnungslos die Achseln.

Dann wandte er sich um und ging in sein Büro zurück.

Und ich verließ das Police Headquarters. Vollbeladen mit einem unbändigen Tatendrang.

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Frank Esslin bestellte mich kurz vor Mittag zu einem Mann namens Flopp.

Der Knabe sah genauso aus, wie er hieß. Man hatte den Eindruck, er würde jede Sekunde von seinem Sitz hochschnellen und an die Decke springen.

Ein nervöses Bündel war er. Klein, Drahtig. Energiegeladen. Quirlig. Und so weiter. Er war ununterbrochen in Bewegung, trommelte mit den Fingern auf seinen Schreibtisch, wippte mit den Beinen, rutschte auf dem Sessel hin und her, oder drehte sich damit.

Dieser Mann verwaltete das Gebäude in der Murdock Avenue 202.

Von diesem Mann hing es ab, ob ich eine Wohnung in jenem Haus bekam oder nicht.

Seine listigen Augen musterten mich eingehend.

Frank hatte ihm anscheinend schon sehr viel von mir erzählt.

»Sie wollen also eine Wohnung in diesem Haus, Mr. Ballard?«

»Ja, Mr. Flopp.«

»Warum?«

»Der Mensch muss schließlich irgendwo wohnen.«

»Soviel ich weiß, wohnen Sie zur Zeit in einem herrlichen Penthouse. Mit Blick auf den Central Park.«

Ich warf Esslin einen ärgerlichen Blick zu.

»Sehen Sie«, sagte ich dann – um eine Ausrede nicht verlegen –, »das Penthouse gehört einem Freund. Und mit diesem Freund habe ich mich überworfen, zerstritten, verstehen Sie? Er wirft mich zwar nicht hinaus, aber er würde es sehr gern sehen, wenn ich selbst ginge. Nun, ich bin kein Mann, der die Haut eines Elefanten hat. Deshalb räume ich die Wohnung lieber und ziehe dahin, wo mir niemand lästig werden kann.«

»Ich hätte eine Wohnung frei«, sagte Flopp.

Ich rieb mir die Hände.

»Na, wunderbar.«

»Zweiter Stock.«

»Prima.«

»Sechs Zimmer.«

»Nicht zu groß.«

»Bad. WC. Neue Möbel. Völlig renoviert. Farbfernseher. Teppichboden in allen Räumen...«

Ich verstand. Jetzt machte er sozusagen Stimmung für seinen überhöhten Preis. Ich ließ durchblicken, dass mir keine Summe zu hoch wäre.

Da waren wir uns dann im Handumdrehen einig.

Ich hatte die Wohnung.

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Nachdem ich mich bei Frank Esslin für die prompte Erledigung bedankt hatte, fuhr er nach Hause. Er musste wieder arbeiten.

Ich suchte unser Penthouse auf und eröffnete meiner Freundin, dass wir ab sofort in der Murdock Avenue 202 wohnen würden.

Bei Flopp hatte ich die Miete für drei Monate im Voraus bezahlt.

Dafür war er mir beinahe um den Hals gefallen.

Wir zogen um.

Als wir das Haus Nummer 202 in der Murdock Avenue betraten, beschlich mich ein seltsames Gefühl. Ich konnte es mir nicht erklären.

Es hockte tief in meiner Seele, war mehr Instinkt als Wissen. Eine Ahnung, dass in diesem Haus Schlimmes auf mich wartete.

Mein Blick fiel unwillkürlich auf Vicky.

Mir war schon öfter aufgefallen, dass sie auf außergewöhnliche, unheimliche, gefährliche Dinge stärker ansprach als ich.

Sie blieb mitten in der Halle stehen.

Wie in Trance wandte sie sich dem Lift zu. Irgendetwas musste an dem Fahrstuhl sein, das sie in seinen Bann schlug. Etwas, das auch mich berührte, wenn auch nicht so sehr wie Vicky.

»Vicky!«, sagte ich.

Sie reagierte nicht.

»Vicky!«

Ich existierte nicht mehr für sie.

Da stellte ich mich so, dass sie nicht mehr auf den Lift schauen konnte. Benommen sah sie mich an.

»Was ist, Tony?«, fragte sie mich verwirrt.

»Dasselbe wollte ich gerade dich fragen!«, gab ich beunruhigt zurück.

»Mich? Wieso?«

»Du hast den Fahrstuhl so seltsam angestarrt.«

»Blödsinn!«, lachte mich Vicky aus.

Da wusste ich, was es mit diesem Fahrstuhl für eine Bedeutung hatte. Ich drängte Vicky, weiterzugehen. Sie wollte mit dem Lift fahren. Ich sagte ihr, in den zweiten Stock könne man auch zu Fuß gehen. Wir wären schließlich noch keine alten Tattergreise. Ein kleiner Fußmarsch würde gewiss nicht schaden.

Sie ging nur ungern mit mir.

Und sie warf einen Blick auf die Lifttür, der mir Angst machte.

Angst um mein Mädchen.

Irgendetwas versuchte sie zu locken.

Wenn ich nicht dabei gewesen wäre, hätte sie darauf reagiert.

Und was wäre dann gekommen?

Wäre sie für kurze Zeit verschwunden? Um später als Sterbende wiederaufzutauchen?

Mich fröstelte.

Ich nahm mir vor, den Fahrstuhl in absehbarer Zeit genauer unter die Lupe zu nehmen.

Aber ohne Vicky.

Vorläufig sprach ich kein Wort mit meiner Freundin über diese Absicht.

Wir betraten die Wohnung im zweiten Stock.

Mr. Flopp hatte nicht gelogen.

Es war ein schönes Heim. Da es, wie ich vom Verwalter wusste, seit drei Monaten leer stand, roch es stickig in den Räumen.

Wir rissen alle Fenster auf, um atembare Luft hereinzulassen. Dann warf ich mein Jackett auf einen Stuhl im Wohnzimmer. Damit hatte ich endgültig von der Wohnung Besitz ergriffen.

Fünfzehn Minuten später klingelte es an unserer Tür.

Ich schaute Vicky erstaunt an.

»Nanu!«, sagte sie.

»Hast du Freunde eingeladen, die mit uns die Wohnung einweihen?«, fragte ich scherzhaft.

Vicky wollte nach draußen gehen.

Ich schüttelte den Kopf.

»Lass nur. Ich sehe selbst nach.«

»Denkst du, das würde ich nicht schaffen?«

»Macht dich das Jahr der Frau ebenfalls aggressiv?«, fragte ich zwinkernd zurück. Dann machte ich schleunigst, dass ich hinauskam.

Als ich die Tür aufklappte, stand ein freundlicher älterer Herr vor mir.

Er war gepflegt gekleidet. Sein weißer Schnurrbart hatte die Form einer Fahrradlenkstange. Er war ein stattlicher Mann mit einem kantigen Kinn – und Pantoffeln an den Füßen.

Nachbar!, dachte ich sofort.

Es stimmte.

»Sie wünschen?«, fragte ich trotzdem zuerst.

»Ich wohne nebenan«, sagte er freundlich lächelnd. »Wir sind Nachbarn. Ich hörte Sie hier drinnen rumoren und dachte, geh doch mal hinüber und sag den Herrschaften guten Tag. Mir liegt sehr viel an gutnachbarlichen Beziehungen.«

»Können Sie haben!«, sagte ich grinsend.

»Mein Name ist Oliver Hayes.«

»Meiner Tony Ballard. Kommen Sie herein, Mr. Hayes. Möchten Sie einen Drink mit uns nehmen?«

»Oh, ja, gern, wenn ich nicht ungelegen komme.«

»Keineswegs, Keineswegs.«

Er blickte auf den schwarzen Stein meines magischen Rings.

»Prachtvolles Stück«, sagte er anerkennend.

»Sie würden staunen, was ich damit alles anfangen kann«, sagte ich scherzhaft. Dass es ernst gemeint war, konnte er nicht wissen.

Im Wohnzimmer stellte ich ihn Vicky vor. Dann ließ ich ihn von den Drinks wählen, die wir in der Hausbar gefunden hatten.

Er war ein liebenswertes Plappermaul.

Innerhalb ganz kurzer Zeit kannten wir seinen gesamten Lebenslauf.

Er hatte vieles mitgemacht. Aber er war ein unverbesserlicher Optimist geblieben.

Ich lenkte ihn geschickt auf das Thema, das mich am meisten interessierte.

Er sprang sofort darauf an.

Als erstes meinte er, dass man in letzter Zeit in dieser Gegend hier seines Lebens nicht mehr sicher wäre.

Die Leute munkelten alles Mögliche.

Und kürzlich hätte man unten in der Halle einen Mann mit gespaltenem Kopf vorgefunden.

»Einen Mann aus diesem Haus?«, fragte ich.

»Ja«, sagte Hayes. »Edward Tagger. Er wohnte im neunten Stock. Vielleicht haben Sie seine Geschichte in der Zeitung gelesen. Schlimm, dass er ein solches Ende nehmen musste. Er war ein feiner Kerl. Ich mochte ihn sehr.«

»Er lag direkt vor dem Fahrstuhl«, sagte ich, und ich erwähnte nebenbei, dass ich das aus der Zeitung wüsste.

Oliver Hayes senkte den Blick.

»Ja, vor dem Fahrstuhl!«, brummte er.

»Ist irgendetwas nicht in Ordnung mit dem Lift?«, hakte ich sofort nach.

»Nein, nein, Mr. Ballard. Was sollte damit denn nicht in Ordnung sein?«

»Ich dachte, Sie hätten etwas gegen ihn«, sagte ich leichthin.

»Ich habe allgemein etwas gegen Fahrstühle«, klärte mich Hayes auf.

»Weshalb?«

»Sie sind so eng. Man kommt sich so eingeschlossen vor. Ich betrete ihn niemals. Und wenn ich mal unbedingt mit dem Lift fahren muss, mache ich Schreckliches mit.«

»Platzangst, wie?«, fragte Vicky und nippte an ihrem Drink.

Hayes nickte in ihre Richtung.

»So könnte man es nennen, Miss Bonney.«

Viel mehr war aus unserem Nachbarn nicht herauszubekommen. Er verabschiedete sich, sobald er seinen Drink gekippt hatte. Mir kam sein Aufbruch fast ein Bisschen zu plötzlich.

Möglicherweise bildete ich mir das aber auch bloß ein.

Er fragte, ob er mal wieder bei uns hereinschauen dürfte.

Ich hatte nichts dagegen und versicherte ihm, dass er jederzeit bei uns willkommen wäre. Dann war er draußen.

Irgendein bitterer Nachgeschmack blieb mir auf der Zunge.

Ich konnte mich des Eindrucks nicht erwehren, dass er nur sehr ungern über den Fahrstuhl gesprochen hatte.

Lag das nun daran, dass er Lifts ganz allgemein nicht leiden konnte – oder steckte mehr dahinter? Wesentlich mehr?

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Die erste Nacht in der neuen Wohnung.

Als Vicky sich zu mir ins Bett legte, roch sie betörend nach Apfelblüten. Sie kuschelte sich an mich. Ich war jedoch mit meinen Gedanken nicht bei ihr. Aber sie brachte mich soweit, dass ich an sie dachte. Und nur noch an sie.

Unsere Lippen fanden sich zu einem nicht enden wollenden Kuss.

Wir versanken beide in himmlischem Vergessen...

Zwei Stunden später lag ich immer noch wach auf dem Rücken.

Vicky schlief fest neben mir. Mit tiefen, regelmäßigen Atemzügen. Ihr hübsches Gesicht war entspannt.

Der Mond strahlte darauf und ließ ihre Wangen silbrig glänzen.

Und ich konnte nicht einschlafen. Ich starrte zur Decke, hatte das Gefühl, sie würde sich langsam senken und mich bald erdrücken.

Das war natürlich Unsinn.

Die Decke blieb oben. Ich hatte nichts von ihr zu befürchten.

Ich wurde mit meinen Problemen nicht fertig. Ich wusste, dass ich endlich den entscheidenden Schritt machen musste, wusste aber nicht, in welche Richtung.

Eine Möglichkeit drängte sich mir förmlich auf: Der Fahrstuhl.

Verdammt, mit dem stimmt irgendetwas nicht, dachte ich.

Barg der Fahrstuhl jenes Geheimnis, hinter das ich kommen wollte?

War er der Schlüssel?

Das Vorzimmer zur Hölle?

Plötzlich hielt ich es nicht mehr im Bett aus. Mir war, als würde unter meinem Hintern das Laken brennen.

Sanft glitt ich aus dem Bett. Wenigstens Vicky sollte schlafen.

Ich wusste noch nicht, was ich vorhatte. Wollte ich aus der Wohnung gehen? Aus dem Haus? In der Gegend herumirren? Darauf warten, dass mir solch ein seltsamer Mörder über den Weg lief? Mit einer Axt in der Hand, mit der er mir den Schädel spalten wollte!

Oder hatte ich bloß die Absicht, ins Wohnzimmer zu gehen, einen Schnaps zu trinken und mich hinterher wieder zu Bett begeben?

Ich wusste es nicht.

Was ich tat, machte ich ziemlich mechanisch. Ohne viel zu überlegen.

Ich kleidete mich vollständig an.

Und nicht nur das. Ich nahm auch das Schulterholster und den Colt Diamondback. Sogar eine Menge Reservepatronen stopfte ich in meine Taschen. Niemand darf mich fragen, warum ich das tat. Es geschah nahezu ohne mein Wissen. Ich traf sozusagen mit meinem Unterbewusstsein irgendwelche Sicherheitsvorkehrungen.

Als ich ausgehfertig war, begann mein Geist wieder zu arbeiten.

Ich stand vor dem Spiegel und schaute mich an.

Du gehst fort!, dachte ich. Fort von Vicky. Lass sie wissen, wohin du gehst.

Ich holte Kugelschreiber und Papier.

Dann überlegte ich, was ich für eine Nachricht hinterlassen sollte.

Ich schrieb. Und wieder setzte diese verdammte Mechanik ein.

Ich schrieb, dass ich mir den Fahrstuhl genauer ansehen würde. Und wenn ich nicht in den nächsten vierundzwanzig Stunden wiederauftauchen sollte, wäre es ratsam, die Polizei zu verständigen, denn dann wäre irgendetwas schiefgelaufen.

Ich nahm meiner Freundin brieflich das Versprechen ab, mir nicht zu folgen.

Vielleicht war das alles Unsinn, was ich niederschrieb, aber ich kritzelte es trotzdem auf das Papier.

Hinterher fügte ich hinzu, dass mir Vicky nicht böse sein solle wegen dieser Geheimniskrämerei, es geschähe alles nur, um sie nicht unnütz in Gefahr zu bringen und: »Ich liebe dich!« Das schrieb ich so oft, bis kein Platz mehr auf dem Zettel war.

War das ein Abschiedsbrief?

Es sah beinahe so aus.

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Nun stand ich in der Halle.

Mein Herz hämmerte aufgeregt gegen die Rippen. Der Fahrstuhl erschien mir wie ein Feind. Ich fühlte, dass alles Böse von ihm ausging.

Und ich wollte sein schreckliches Geheimnis erforschen.

Entschlossen trat ich auf die Lifttüren zu. Ich drückte auf den Rufknopf. Es war mir, als könne ich mit diesem Knopfdruck nun nichts mehr rückgängig machen.

Ging ich in den Tod?

Das war nicht mit Sicherheit zu verneinen. Was in diesem Fahrstuhl auf mich wartete, vermochte keiner zu sagen. Ich am allerwenigsten.

Er kam im Erdgeschoss an.

Die Türen glitten auseinander. Ich fühlte mich vom Fahrkorb unwiderstehlich angezogen. Es wäre mir nicht mehr möglich gewesen, mich umzudrehen und einfach wegzugehen. Ich wollte das auch gar nicht. Aber mir war klar, dass es mir gewiss nicht gelungen wäre.

Das war irgendeine raffinierte Falle.

Errichtet von einem Dämon, der mir noch unbekannt war.

Eine Falle, in die bereits vier Menschen gegangen waren.

Als ich im Fahrkorb stand, schlossen sich die Türen hinter mir wie von Geisterhand.

Ich brauchte nichts zu tun.

Der Lift setzte sich von selbst in Bewegung, als wisse er haargenau, wohin ich wollte.

Schneller, immer schneller wurde der Lift. Er sauste im Schacht nach oben wie die Kanonenkugel durch den Lauf des Geschützes.

Unaufhaltsam. Unberechenbar. Eigenständig. Unbeeinflussbar. Er raste mit mir, seinem Opfer, einfach davon. Geradewegs in den nächtlichen Himmel hinein, wie es schien.

Aber was hatte der Fahrstuhl des Teufels im Himmel zu suchen?

Ich lehnte mich benommen an die Wand.

Mir war auf einmal so komisch. Nicht richtig übel. Und doch irgendwie zum Kotzen. Vielleicht vertrug ich diese rasante Beschleunigung nicht.

Meine Knie wurden weich.

Ich sank matt nach unten, setzte mich auf den Boden des Lifts, der mir kalt und feucht vorkam.

Schwaden flogen wie Geisterpranken auf mich zu. Sie strichen über mein schweißnasses Gesicht. Mir war entsetzlich kalt, und ich klapperte laut mit den Zähnen.

Aber in meinem Inneren brannte ein höllisches Fieber. Diese innere Hitze trieb mir mehr und immer mehr Schweiß aus den Poren.

Meine Kleider wurden feucht von meinem Schweiß.

Der Fahrstuhl fuhr immer noch.

Eigentlich hätte ich längst im neunten Stock angelangt sein müssen. Mehr als neun Etagen hatte das Haus in der Murdock Avenue 202 ja nicht.

Und doch fuhr ich weiter. Höher. Noch höher. Wohin? Wohin denn?

Ich wurde entführt! Von diesem Geisterlift wurde ich fortgerissen. Weg aus meiner Welt. Irgendwohin. Ich spürte deutlich, wie alles hinter mir zurückblieb. Vicky. Frank Esslin. New York. Die ganze Welt anscheinend.

Ich verließ das alles.

Aber wohin kam ich nun?

Der beißende Rauch wurde dicker. Er legte sich auf meine Lunge.

Ich hustete. Ich röchelte, rang nach Atem. Meine zitternde Hand fuhr zum Hals. Ich riss den Hemdkragenknopf keuchend ab.

Der Lift fuhr indessen unaufhaltsam weiter.

Genauso musste es Earl Jenkins, Porter Harrison, Rita Brown und Sean Travers ergangen sein. Sie hatten diesen verdammten Lift betreten, der sie wie eine fleischfressende Pflanze gefangen hatte.

Sie hatten gewiss furchtbare Ängste ausgestanden. Vor allem das Mädchen.

Der stinkende Brodem zerfraß meine Seele.

Er grub sich bis in mein Knochenmark hinein. Ich wollte mich aufrichten, aber es gelang mir nicht. Irgendetwas hatte mir alle meine Kräfte geraubt.

Verflucht hilflos war ich.

Ich war nahe daran, zu verzweifeln.

Gegen einen Dämon konnte ich kämpfen. Ich hatte schon eine ganze Menge von diesen Bestien vernichtet.

Aber das waren handfeste Wesen gewesen.

Körper. Gegner, die man angreifen konnte, gegen die man anrennen konnte. Das eigene Leben riskierend, aber es waren doch immerhin Gegner gewesen.

Hier jedoch war nichts, gegen das ich hätte anrennen können.

Ich hockte in einem Lift.

Ich hockte da und konnte mich nicht mal erheben. Und irgendjemand blies mir diesen verdammten stickigen Brodem ins Gesicht, um mich damit zu betäuben.

Ich spürte, dass er es schaffen würde.

Ich japste nach Luft.

Doch was ich in die Lunge bekam, war immer nur Qualm, Gestank. Rauch.

Graue Flecken erschienen vor meinen Augen. Ich wusste sofort, hier kündigte sich eine Ohnmacht an. Aber ich hatte nicht die Möglichkeit, sie abzuwenden.

Ich sah sie auf mich zu schweben und musste es einfach geschehen lassen.

Diese körperliche Ohnmacht machte mich rasend. Zornig riss ich mich zusammen. Wäre doch gelacht, wenn ich meinem Körper nicht meinen Willen aufzwingen könnte.

Die Glieder gehorchten widerwillig.

Ich kam auf die Beine.

Doch oben war die Luft hundertmal schlechter. Zwei Atemzüge genügten. Dann fiel ich um wie ein Brett.

Mir schwanden die Sinne.

Ich vergaß meine Angst, meine Wut, sogar mich selbst.

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Vicky Bonney drehte sich auf die andere Seite. Da merkte sie, dass der Platz neben ihr leer war. Sie lag allein im Bett.

Details

Seiten
700
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783738923865
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v451901
Schlagworte
horror-serie tony ballard sechs romane

Autor

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Titel: Horror-Serie Tony Ballard - Sechs Romane 2