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Dr. Laura Leitner #5: Du hast mir meine Tochter genommen

2018 120 Seiten
Reihe: Dr. Laura Leitner , Band 5

Leseprobe

Table of Contents

Title Page

Du hast mir meine Tochter genommen

Klappentext:

Roman:

G. S. FRIEBEL

 

Du hast mir meine Tochter genommen

 

 

 

 

Dr. LAURA LEITNER – Internistin aus Leidenschaft

 

 

 

 

 

 

 

 

IMPRESSUM

 

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© Roman by Author/Titelbild: Aleksandr Khakimullin/123RF, 2018

Korrektorat: Dr. Frank Roßnagel

© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

 

 

Klappentext:

Johanna leidet unter ihrer Mutter, die ihr ganzes Leben bestimmt und auch gegen die Beziehung mit Ahmet ist. Als Johanna erfährt, dass Ahmet wieder zurück in die Türkei möchte, ist sie so verzweifelt, dass sie sich das Leben nimmt. Ihre Mutter versteht nicht, was Johannas Selbstmord mit ihr und ihrem Verhalten zu tun hat. Sie steigert sich in den Wahn, Ahmet für den Verlust Johannas büßen zu lassen, und bucht eine Kreuzfahrt nach Izmir – auf der Stella Maris, auf der Laura Leitner Schiffsärztin ist. Niemand an Bord des Schiffes ahnt, was die etwas merkwürdig wirkende, abweisende Frau vorhat. Bis sie in Izmir von Bord geht, mit einem Zettel, auf dem Ahmets Adresse steht…

 

 

 

 

 

 

 

 

Roman:

Sie stand am Fenster und zählte die Regentropfen. Der Himmel war tief verhangen, und es würde wohl noch lange so tristes Wetter bleiben. Das junge Mädchen stand mit halbgeschlossenen Augen da, so, als würde es gar nicht bemerken, was um es herum passierte.

Langsam hob es die rechte Hand und versuchte einen Regentropfen nachzuzeichnen, was ihm aber nicht gelang, da er viel zu schnell über das Fenster glitt.

Die Stille wurde plötzlich unterbrochen. Eine Tür wurde zugeschlagen, dann wurde die Zimmertür geöffnet. Eine Frau trat ein, stutzte und blieb stehen.

»Johanna«, sagte sie überrascht. »Aber wieso bist du denn schon zu Hause?«

Keine Antwort.

»Ich habe deine Jacke draußen bemerkt, und da dachte ich …«

Das Mädchen schien gar nichts wahrzunehmen.

Das ärgerte die Frau, und deswegen kam sie näher.

»Was soll das? Können wir uns denn nicht mehr wie vernünftige Menschen unterhalten? Diese Stille macht mich einfach nervös. Hör endlich auf, dich so seltsam zu benehmen!«

Langsam drehte sich Johanna um und sah sie mit großen Augen an.

»Bist du krank?«

Sie schüttelte den Kopf.

Die Frau wollte ihr entgegenkommen und übersah einfach ihre Melancholie.

»Hör zu«, sagte sie, »das ist deine Sache, weswegen du früher aus dem Büro zurückgekommen bist, ja? Ich frage gar nicht danach.«

»Scheußliches Wetter, nicht?«

»Weißt du was, ich mache uns jetzt einen starken Tee, und dann setzen wir uns gemütlich zusammen und plaudern ein wenig. Ich glaube, ich habe auch noch Rum im Haus.«

Sie verließ das Zimmer.

Johanna stand noch immer auf demselben Fleck und rührte sich nicht.

Sie hat mich noch nicht mal gefragt, ob ich Tee will, dachte sie, und ihr Inneres bäumte sich wieder auf.

»Ich kann nicht mehr!«

Es war ein wilder, schrecklicher, verzweifelter Schrei, der sich ihrer Kehle entringen wollte. Doch davon blieb nur ein Flüstern.

 

*

 

Wenn Marion Merte ein wenig schärfer hingesehen hätte, vielleicht hätte sie dann die unendliche Qual in den Augen des jungen Mädchens bemerkt.

Sie hantierte inzwischen in der Küche und summte ein kleines Lied vor sich hin. Für sie schien die Welt wieder in Ordnung.

Sie war eine resolute, aktive Frau, die mit beiden Beinen im Leben stand. Sie hatte sich erst alles mühsam erobern müssen damals, nach der Scheidung. Nein, es war nicht immer einfach gewesen. Marion fiel es gar nicht auf, dass sie ständig deswegen gelobt werden wollte. Und was noch schlimmer war, ihre Gefühle und ihr Denken wollte sie auf die einzige Tochter übertragen. Für sie hatte sie doch schließlich alles getan. Für wen denn sonst? Johanna konnte sich doch wirklich glücklich schätzen, eine so aktive und muntere Mutter zu besitzen. Hatten nicht oft Schulfreundinnen sie deswegen beneidet? Das hatte sie irgendwie noch mehr angespornt. Sie sah sich in einem guten Licht und verstand einfach nicht, wieso Johanna beinahe ihre gute und heile Welt zertrümmert hätte. Aber zum Glück hatte sie das wieder in den Griff bekommen.

Schließlich war Johanna für etwas Besseres vorgesehen. Sie selbst hatte sich mühselig von Stufe zu Stufe nach oben arbeiten müssen. Johanna würde das nie nötig haben. Sie hatte das Abitur und hatte nach einer Fachausbildung eine aussichtsreiche Stellung bekommen. Sie verdiente sehr gut, und wenn sie sich nur ein wenig anstrengte, konnte sie in ihrer Firma Karriere machen. Marion glaubte jedoch, die Tochter habe vom Vater eine gewisse Gleichgültigkeit geerbt, und deshalb müsse man sie ständig anspornen.

Der Tee war fertig.

»Kommst du jetzt?«

Johanna stand noch eine Weile einfach da. Schließlich dachte sie: Wenn ich nicht komme, wird sie wieder ärgerlich. Das kann ich jetzt nicht mehr durchstehen. Das ist einfach zu viel.

»Ja, ich komme«, sagte sie mit schwacher Stimme.

Mit schleppenden Schritten verließ sie ihr Zimmer. Sie ließ die Tür einfach offen.

»Komm, setz dich hierher. Hier ist es richtig gemütlich.«

Sie hat nichts ausgelassen, dachte Johanna, als sie den Tisch musterte. Sogar an die Rosen hat sie gedacht. Obwohl sie mich sonst damit aufzieht, dass ich diese Blumen so sehr liebe. Vielleicht erinnern sie mich so an Vater. Was weiß sie denn schon von mir?

»Na, möchtest du auch Rum? Du, der tut uns jetzt ganz gewiss recht gut.«

Wieder nahm sie kurzerhand der Tochter die Entscheidung ab und goss ihr einfach davon in den Tee. Gleichgültig nahm Johanna es hin, obschon sie Rum nicht ausstehen könnte.

Marion, die Mutter, hielt alles für ein gutes Zeichen. Noch ein, zwei Tage, dann wird sie wieder wie früher sein, dachte sie. Sie hatte nur Johannas Wohlergehen im Sinn. Und das gehörte sich doch so als Mutter. Dazu war Johanna selbst nicht in der Lage, auch wenn sie jetzt schon zweiundzwanzig Jahre alt war.

»Ach, schaust du mal bitte nach, ob Post im Briefkasten ist? Ich habe es ganz vergessen«, sagte sie, um ihre Tochter etwas abzulenken.

Johanna erhob sich. Langsam ging sie hinaus, trat ans Schlüsselbrett und nahm den Briefkastenschlüssel vom Haken. Ihre Bewegungen wirkten wie die einer Marionette.

Sie sortierte die Reklame, und dann entdeckte sie einen Brief.

Seine Schrift!

Sofort krampfte sich ihr Herz zusammen. Tränen schossen ihr in die Augen.

»Was ist? Kommst du? Dein Tee wird kalt!«

»Gleich, ich muss nur ins Bad!«

Hier, in dieser Abgeschiedenheit, wo die Mutter sie nicht belästigen konnte, öffnete sie den Brief. Johanna brauchte sehr lange, um den Inhalt zu begreifen. Ihr Inneres wehrte sich dagegen, bäumte sich auf.

Ihr Freund schrieb: »Ich will nicht als Keil zwischen deiner Mutter und dir stehen, Johanna. Ich verstehe dich gut, aber eines Tages wirst du es mir vorwerfen. Es ist deine Mutter, und wir müssen ihren Wunsch respektieren. Ich gehe wieder zurück. Es ist besser so, liebe Johanna. Vielleicht ist das Schicksal eines Tages noch gütig, und wir finden uns doch noch einmal. Deine Liebe, Johanna, werde ich nie vergessen. Wir sind in zwei verschiedenen Welten geboren worden, und wir müssen uns der Tradition beugen. Meine Familie würde sich tief verletzt fühlen, wenn sie erführe, dass wir ohne den Segen deiner Mutter heiraten. Du musst das verstehen, Johanna! Wir würden beide langsam daran zerbrechen. Du wegen deiner Mutter und ich, weil meine Familie mich verachten würde, weil ich nicht in der Tradition weiterlebe. Dieser Konflikt würde unsere Liebe zerstören. Wenn du diesen Brief erhältst, dann ist mein Flugzeug schon in den Lüften. Ich kehre zurück nach Izmir!«

 

*

 

Ihre Augen brannten.

Immer und immer wieder las sie seine Zeilen! Ihr Herz pochte heftig. Er ist fort, er ist fort, er ist fort!

»Oh mein Gott!«

Sie starrte zur weißen Zimmerdecke und fühlte sich wie erfroren.

Sie hatte ihm geschrieben, dass man nicht mehr warten solle. Sie beide allein sollten es wagen. Es war doch ihr Leben. Ihr beider Leben! Ihre Liebe! Sie liebte ihn so sehr!

Er hätte ihr helfen können, aus der Zwangsjacke auszusteigen, die die Mutter immer wieder über sie warf. Sie brauchte eine starke Hand, die da war, an der sie sich hochziehen konnte. Aber diese starke Hand hatte sich ihr jetzt wieder entzogen. Ihre Lage würde jetzt noch viel schlimmer, würde unerträglich werden.

Johanna blieb sehr lange im Badezimmer. Dann erschien sie wieder im Wohnzimmer. Totenblass und sehr verstört. Aber auch jetzt begriff Marion noch immer nicht, dass man der Tochter beistehen musste.

Mit leiser Stimme sagte Johanna: »Ahmet ist in die Heimat zurückgeflogen.«

Marion blickte auf.

»Na siehst du«, meinte sie munter. »Ich habe dir doch von Anfang an gesagt, dass er nichts für dich ist, Kind. Nun siehst du es doch selbst.«

»Ich liebe ihn.«

»Du wirst in deinem Leben noch viele Menschen lieben, Johanna.«

»Und wenn ich ihm nachfliege?«

Die Mutter blickte sie an. »Das wirst du doch nicht tun, Johanna. Das gliche einem Nachlaufen. So weit würdest du dich doch wohl nicht erniedrigen, wie?«

»Mutter, ich will zu ihm und ihn heiraten. Du weißt es. Du musst mitkommen.«

Sie lachte hart auf.

»Ich habe dir meine Meinung gesagt, Johanna. Das Thema ist für alle Zeiten abgeschlossen. Du siehst ja selbst, er hat noch nicht mal versucht, um dich zu kämpfen. Es ist doch wirklich gut, dass alles so gekommen ist.«

Johanna blickte die Mutter an.

»Du bist wohl auch noch stolz, dass du alles zerstört hast, wie?«

»Kindchen, so darfst du nicht reden. Ich habe dich nur vor einer großen Dummheit bewahrt.«

»Wirklich?«

»Das weißt du jetzt noch nicht. Du bist noch so unreif.«

Johannas Augen verdunkelten sich. Ein Schauer rann über ihren Rücken. Dieser Teufelskreis! Sie konnte einfach nicht mehr. Sie spürte, wie ihr der Boden unter den Füßen fortgerissen wurde.

Sie dachte: Und wenn er die Wahrheit erfährt? Wird er dann kommen? Warum hatte er so schnell aufgegeben? Hatte die Mutter vielleicht doch recht? War er ihrer überdrüssig geworden? Nachdem sie sich ihm hingegeben hatte! War sie jetzt in seinen Augen nicht mehr würdig, seine Frau zu werden?

So sehr sie auch darüber nachdachte, sie kam zu keinem Ergebnis.

»Möchtest du noch Tee?«

Sie musste jetzt allein sein.

»Nein, danke.«

»Ich bin zu einer Party eingeladen. Wenn du möchtest, kannst du mitkommen. Ich brauche nur anzurufen, Johanna. Sie würden sich sicher freuen.«

Sie stand schon in der Tür.

»Nein, ich möchte nicht.«

Marion erhob sich in ihrer raschen, resoluten Art.

»Hör mal, wenn du dich nicht wohl fühlst, kann ich auch für mich absagen. Ich bleibe recht gern bei dir.«

»Nein!« Fast hätte sie ihre Mutter angeschrien. »Nein, du kannst wirklich gehen. Bitte!«

»Du kannst mir also nicht vorwerfen, ich hätte dich im Stich gelassen. Ich habe dich nie im Stich gelassen, Kind. Dein Vater hat es getan und jetzt dieser … nun, ich spreche seinen Namen nicht mehr aus.«

Sie wollte ihr über das Haar streichen, aber Johanna wich zurück.

»Du bist spröde geworden, wirklich Johanna, du musst ein wenig netter werden. Sonst wird man dich nicht mehr mögen. Lass dir das von deiner Mutter ruhig sagen. Ich habe schon viel im Leben durchgemacht, ich kann wirklich mitreden.«

»Ja, ich weiß.«

Johanna ging in ihr Zimmer.

Immer wieder tauchte die Mutter auf und belästigte sie mit so vielen kleinen

Dingen. Sie drängte sich auf, weil sie instinktiv heute ein schlechtes Gewissen hatte. Sie war doch überrascht, dass Johannas Freund einfach fortgefahren war. Nun fühlte sie sich schuldig an Johannas Niedergeschlagenheit, denn sie war es gewesen, die auf eine Trennung gedrängt hatte. Aber sie war überzeugt, richtig gehandelt zu haben.

Kurz vor acht endlich verließ sie die Wohnung.

 

*

 

Der Abend ging in die Nacht über, und Johanna wurde immer verzweifelter. Sie wusste keinen Ausweg mehr. Alles, was auf sie zukommen würde, das wusste sie, würde ihr entgleiten. Sie hatte keinen Lebenswillen mehr. Doch eine letzte Hoffnung flackerte in ihr auf, und sie klammerte sich verzweifelt daran. Sie suchte einen Partner, dem sie sich anvertrauen konnte. Und in ihrer schwärzesten Stunde dachte sie wieder an den Vater. Sie hatte seine Telefonnummer. Wie oft hatte er ihr schon gesagt: »Wenn du Hilfe brauchst, dann rufe mich an. Gegen sie kann man allein nicht ankommen. Vielleicht schaffen wir es zu zweit. Ja? Du kannst auf mich zählen.«

Wenn ihr jetzt noch einer helfen konnte, dann nur der Vater!

Als sie seine Nummer wählte, war nur sein Bandgerät angeschlossen. Erst morgen würde er erfahren, dass sie angerufen hatte. Sie legte auf, ohne etwas gesagt zu haben.

Wie ein gefangenes Tier wanderte sie in der eleganten Wohnung auf und ab. Sie versuchte sich Ahmet in Izmir vorzustellen. Es gelang ihr nicht, und das steigerte ihre Verzweiflung noch. Sie hatte keine Kraft mehr! Jetzt nicht, und auch in Zukunft würde sie keine haben.

Es blieb ihr nur noch eines zu tun übrig!

Sie ging ins Bad.

Johanna stand vor dem Spiegel und betrachtete ihr geisterblasses Gesicht. Vielleicht bildete sie es sich nur ein, aber sie hatte das Gefühl, als würde sich in diesem Augenblick ihr Kind bewegen.

Es war Unsinn, das wusste sie selbst. Trotzdem erschien es ihr so.

Mit leeren Augen ging sie in die Küche zurück. Sie tat alles mechanisch. Und auch in ihrer schwärzesten Stunde dachte sie an die Mutter. Zuerst wollte sie zurück ins Bad gehen, aber dann spielte ein zorniges Lächeln um ihre Lippen. Nein, sie würde sie nicht im Ungewissen lassen.

Sie schrieb ihr ein paar Zeilen.

Sie musste es tun. Dieser Schlag musste sie treffen! Danach fühlte sie sich frei.

Johanna hatte sich entschlossen, sich die Pulsadern aufzuschneiden, und nun führte sie diesen Vorsatz aus. Ihre Verzweiflung hatte die Angst vor dem Schmerz, die Angst vor dem Tod besiegt.

Sie setzte sich auf ihr Bett, starrte ins Leere, schloss nach einer Weile die Augen.

Als sie ohnmächtig wurde, glitt sie vom Bett, fiel zu Boden. Im Sturz riss sie die Vase vom Tisch. Die Rosen lagen verstreut am Boden.

 

*

 

Marion Merte betrat leise die Wohnung. Sie wollte Johanna nicht stören.

Es war eine hübsche Party gewesen. Sie summte im Schlafzimmer noch leise vor sich hin. Morgen war Samstag, und man konnte ein wenig länger schlafen.

Als Marion Merte erwachte, stand die Sonne schon hoch am Himmel. Sie blieb noch einen Augenblick liegen und räkelte sich genüsslich. Ihr. Abkommen war so, dass am Samstag die Tochter das Frühstück machte und am Sonntag sie selbst. So konnte man noch ein wenig länger schlafen. Marion warf einen Blick auf die Uhr. Es war schon nach zehn Uhr. Dann lauschte sie zur Küche hin. Aber sie hörte nichts. Sollte Johanna auch verschlafen haben? Plötzlich durchfuhr sie ein eisiger Schreck.

Hatte sie vielleicht doch die Wohnung verlassen und war ihm nachgefahren? Das wäre ja entsetzlich. Denn dann hätte sie die Tochter für alle Zeiten verloren. Sie konnte doch nicht das Gesicht verlieren und nachgeben? Sie hatte recht. Es war einfach unsinnig. Alle Leute sagten es doch. Und sie selbst war überzeugt davon.

Sie sprang aus dem Bett und warf sich den leichten Morgenmantel über.

»Hallo, Johanna, hast du vielleicht verschlafen? Das macht nichts, dann machen wir halt gemeinsam das Frühstück. Steh auf, du alte Schlafmütze. Komm, wir können heute eine ganze Menge unternehmen. Das Wetter ist einfach herrlich.«

Mit diesen Worten öffnete sie die Tür zum Zimmer ihrer Tochter. Die Vorhänge waren zugezogen, und so bemerkte sie nicht gleich die Veränderung. Also machte sie Licht. Und dann erstarrten ihre Augen.

Ihr Herz sagte ihr: Johanna, ihre einzige Tochter war tot. Sie hatte sich das Leben genommen. Es war ein erschütternder Anblick. Marion brach in die Knie. Sie konnte es einfach nicht fassen. Ihr Kind, ihre Johanna, war tot!

»Johanna, Johanna«, schluchzte sie in einem fort. »Oh Gott, mein Kind. Mein einziges Kind. Johanna, so sehr hast du ihn geliebt. Johanna!«

Immer wieder strich sie ihr über das Haar. Tränen strömten ihr über das Gesicht.

Marion wusste später nicht mehr zu sagen, wie lange sie neben der toten Tochter gekniet hatte. Irgendwann, wahrscheinlich war es die Kälte, die sie dazu gezwungen hatte, aufzustehen, sah sie den Brief auf dem Schreibtisch. Er war an sie gerichtet.Er war die reinste Anklage. Und jetzt wusste sie auch, dass ihr Kind schwanger war. Deswegen war sie aus dem Leben geschieden, weil sie keinen Ausweg mehr wusste, und weil sie, die Mutter, den Liebsten in ihrer Starrköpfigkeit vertrieben hatte.

Ihre Hand zerknüllte das Stück Papier.

Fassungslos und betäubt starrte sie in das stille Gesicht. Wo war sie jetzt? Ihr Gesicht war so friedlich, als schliefe sie nur.

 

*

 

Sie schleppte sich zum Telefon. Danach war die Wohnung voller Menschen. Sie saß im Sessel am Fenster, und man stellte ihr so schrecklich viele Fragen. Man rief bei den Leuten an, bei denen sie gestern gewesen war. Sie bestätigten ihre Angaben. Es brach aus ihr heraus, und sie fuhr die Beamten zornig an: »Ja, glauben Sie denn, ich hätte selbst mein Kind getötet?« Sie lachte grell und verbittert auf.

Die Beamten sagten ruhig: »Es ist unsere Pflicht, den Fall zu untersuchen. Wir überprüfen alle Angaben.«

Marion hatte ihnen nicht den Brief gezeigt. Sie schämte sich so schrecklich.

Nach Stunden war dann endlich Stille eingekehrt. Marion ging ruhelos in ihrer Wohnung auf und ab. Dann dachte sie an ihren geschiedenen Mann. Ihn musste sie ja auch benachrichtigen. Als er hörte, dass Johanna tot war, versprach er, sofort zu kommen. In einer halben Stunde hatte er die Wegstrecke zurückgelegt. Als der Mann dann erfuhr, dass Johanna sich das Leben genommen hatte, machte er seiner Frau schwere Vorwürfe und auch sich selbst. Er glaubte felsenfest daran, dass Johanna versucht hatte, ihn zu erreichen, und er war auch auf einer lächerlichen Party gewesen. Er hatte nicht mal hingehen wollen.

»Mein Gott!«, sagte er immer wieder. »Hätte ich sie doch zu mir genommen. Dann würde sie jetzt noch leben.«

»Was willst du damit sagen?«, fuhr Marion ihn an.

Er blickte sie ruhig an.

»Marion, du mit deiner Kraft und deiner Stärke, du musst ja alle überrennen, du kannst keinen neben dir dulden, der eine andere Meinung hat. Oh ja, ich weiß es aus bitterer Erfahrung.«

»Hat sich Johanna bei dir beschwert?«

»Du kanntest Johanna, lieber hätte sie sich die Zunge abgebissen. Aber sie war oft sehr traurig. Verstehst du? Ich habe ihr geraten, mit ihren zweiundzwanzig Jahren sich eine eigene Wohnung zu nehmen. Dann würde sie endlich frei sein, so wie ich. Hat sie dir das nie gesagt?«

Marions Lippen zitterten. Doch, dachte sie, ja, sie hat es mal angedeutet, aber ich habe es ihr ausgeredet.

Er erhob sich müde.

»Gib mir Bescheid, wann die Beerdigung ist.«

Als sie wieder allein war, kamen die vielen schrecklichen Vorwürfe. Ja, Marion fühlte sich allmählich schuldig. Ihr Mann hatte ja so recht. Sie hatte immer alles bestimmen wollen. Auch das Leben der Tochter.

Die ganze Nacht wanderte sie ruhelos hin und her und ballte die Hände. Es würde lange dauern, bis sie sich mit der Tatsache abfand, dass ihre Tochter nicht mehr lebte.

»Johanna, Johanna, verzeih mir, ich flehe dich an, verzeih mir doch. Das habe ich nicht gewollt. Das doch nicht. Mein Gott, warum hast du nicht mehr gekämpft? Warum hast du nicht mehr Mut gehabt? Warum hast du dich nicht mehr gegen mich aufgelehnt? Vielleicht hätte ich dann alles verstanden. Du bist wie dein Vater. Er gibt auch immer viel zu schnell auf. Warum könnt ihr nicht kämpfen?«

Zwei Tage vergingen in einem grausamen Schmerz. Und dann dachte sie an Johannas Freund. Er hatte sie ja verlassen. Und plötzlich hatte Marion einen Schuldigen!

Er hatte doch Johanna im Stich gelassen! Sogar mit einem Kind unter dem Herzen. Er war der wahre Schuldige. Er hatte ihre Tochter umgebracht.

Nun hatte sie wieder einen Sündenbock. Sie klammerte sich so sehr an diesen Gedanken, dass sie es schließlich glaubte. Sie war bald so felsenfest davon überzeugt, dass sie sogar mit dem Gedanken spielte, es der Polizei zu melden.

Er soll auch leiden, dachte sie böse und zornig. Er soll nicht so leicht davonkommen. Er darf nicht mehr in Frieden sein Leben leben. Johanna ist tot! Tot!

Schluchzend schlief sie ein.

 

*

 

Am Tag der Beerdigung regnete es. So, als trauere auch der Himmel um das junge Leben, das man zu Grabe tragen musste. Wer gestorben ist, fühlt keinen Kummer mehr und keinen Schmerz, aber die, die zurückbleiben, müssen mit der Leere und Lücke, die durch den Tod gerissen wurde, fertig werden.

Ein paar Kollegen und ihr Chef kamen zur Beerdigung. Johanna war ein stilles Mädchen gewesen und hatte keinen großen Freundeskreis besessen. Es kam auch daher, dass sie immer bei der Mutter gelebt hatte und nie selbst kleine Feste gegeben hatte. Ja, sie war schon merkwürdig gewesen, fanden die Kollegen und Kolleginnen. Die Mutter hörte natürlich, was geredet wurde, war aber zu gebrochen, um darauf zu antworten.

Alle schienen ihre Leidenschaft für Blumen gekannt zu haben, und alle hatten Rosen mitgebracht. In allen Farben waren sie vertreten. Ihr Vater hatte offensichtlich ein ganzes Blumenmeer herbeischaffen lassen.

Der Pfarrer sprach tröstende Worte, aber Marion Merte konnte sie nicht aufnehmen, weil sie gar nicht zuhörte. Sie verrannte sich allmählich in einen wilden, heftigen Schmerz, und der Hass auf diesen fremden Menschen überwucherte alles.

Ihr geschiedener Mann meinte es gut mit ihr und wollte sie an diesem Tag nicht allein lassen. Doch auch für diese Hilfe war sie zu stolz.

»Danke, ich komme schon zurecht.«

»Soll ich einen Teil der Kosten übernehmen?«, bot er sich an.

»Ich habe genug Geld. Du brauchst es dringender.«

Da er kein Streber war, stand er auch nicht sehr weit oben auf der Erfolgsleiter, und das hatte sie ja in ihrer Ehe auch so sehr verbittert. Er war ein Mensch mit Talent und lebte dennoch nur so in den Tag. Sie hatte sich so viel von ihm versprochen.

»Marion, wenn du mal jemanden brauchst, rufe mich an.«

»Danke!«

Sie stieg in ihren Wagen.

Es tat so weh, fortfahren zu müssen und sein Kind dort hinten auf dem Friedhof zu lassen. Sie umklammerte das Lenkrad. Ich muss es durchstehen, sagte sie sich.

Tiefschwarz war ihre Kleidung, und genauso düster sah es auch in ihrem Innern aus. Sie würde lange brauchen, um über diese Niederlage hinwegzukommen. Als solche sah sie den Selbstmord ihrer Tochter an.

Sie wanderte in der eleganten Wohnung auf und ab und fragte sich zum ersten Male im Leben: Wozu das alles noch? Es lohnt sich ja nicht mehr. Wozu sich abschuften?

Sie fand nur ein wenig Linderung in ihrem Schmerz, wenn sie das Zimmer ihrer Tochter betrat. Marion wusste, dass sie damit anfangen musste, die persönlichen Sachen fortzuräumen. Denn würden sie alle noch herumstehen, würde der Schmerz sich immer wieder Bahn brechen.

Während sie jetzt beim Aufräumen war, dachte sie: Solange ich beschäftigt bin, kann ich nicht grübeln, und das ist auch gut so. Dann fiel ihr ein Brief von Johannas Freund in die Hände. Ja sicher, einmal war er in seiner Heimat gewesen und hatte von dort an Johanna geschrieben.

Sie starrte auf die Zeilen.

Langsam zog sie das Blatt hervor. Er hatte so zärtlich, so sanft geschrieben, so voller Liebe. Eine ganz neue Welt tat sich vor ihren Augen auf. Wieder begannen die Tränen zu rinnen. Sie saß lange da und blickte auf die Zeilen.

Als sie wieder zu sich kam, wollte sie im ersten Impuls den Brief vernichten. Nichts sollte sie mehr daran erinnern. Sie ertrug es nicht mehr. Aber dann dachte sie wieder daran, dass er ja auch einen Teil der Schuld trug. Den letzten Brief, den er ihr geschrieben hatte und aufgrund dessen sie wohl Selbstmord begangen hatte, konnte sie nicht finden. Also wusste sie nicht, dass man ihr die Schuld gab. Dass er aus Liebe zurückgetreten war, um Johanna nicht in einen schrecklichen Konflikt zu bringen.

Ihre Augen brannten, als sie die Adresse anstarrte. Sie würde sie nie mehr vergessen. Solange sie lebte, würde sie sich an diese Worte erinnern.

Apathisch erhob sie sich.

Die Tage zerrannen im Nichts.

Im Geschäft hatte man Verständnis für ihre Lage und fragte sie nichts. Marion schien ihre Umwelt nicht mehr wahrzunehmen. Doch sie wollte auch keinen Urlaub machen. Vergessen wollte sie, nichts als vergessen!

 

*

 

Sie irrte jetzt oft abends durch die Straßen. In der Wohnung erinnerte sie so viel an Johanna! Manchmal ging sie auch in ein Lokal und aß dort eine Kleinigkeit. Wenn man in der Menge untertauchte, fühlte man sich nicht so schrecklich einsam.

Marion wusste nicht, wie das Leben weitergehen sollte. Das Merkwürdige war, wenn sie Rosen sah, dann fühlte sie Frieden in sich aufkeimen. Jeden Sonntag ging sie zum Grab und brachte frische Rosen dorthin.

Einmal stand sie verzweifelt zu Hause vor dem Spiegel und starrte ihr blasses Gesicht an. Sie war alt geworden in den wenigen Wochen.

Johanna war fünf Wochen tot, als Marion eines Abends auf ihrem Spaziergang durch die Stadt zufällig vor einem Reisebüro stehenblieb. Sie wusste zuerst gar nicht, weswegen sie hier haltgemacht hatte. Bis ihr dann das Wort wieder in die Augen sprang.

Izmir!

Dort wohnte er!

Izmir, eine weit entfernte Stadt. Seine Stadt!

Ihre Augen lasen weiter. Man konnte hinreisen. Mit einem Schiff! Auf den Spuren der Antike hieß die Fahrt dorthin. Man fuhr viele fremde Städte und Länder an. Aber diese Mitteilung nahm sie nur ganz nebenbei wahr.

Langsam ging sie weiter.

Marion dachte: Wenn ich ihm die Schuld ins Gesicht schreie, dann bin ich befreit. Ja, ich muss es tun. Nicht schreiben! Nein, vielleicht bekommt er nie den Brief, man weiß es ja nicht. Aber wenn ich vor ihm stehe, es ihm sage, ihm ins Gesicht schleudere, dass er meine Tochter getötet hat, dann werde ich sehen, wie er zu leiden anfängt, und dann bin ich frei. Ja, ich muss es tun.

Plötzlich fühlte sie wieder etwas von ihrer alten Energie in sich.

Am nächsten Tag im Geschäft nahm sie sich eine Stunde frei und ging zu diesem Reisebüro.

Freundlich wurde sie beraten.

»Selbstverständlich sind noch ein paar Plätze frei. Die Stella Maris sticht von Genua in See. Ich gebe Ihnen die Prospekte mit. Daheim können Sie sich dann alles in Ruhe ansehen.«

»Das brauche ich nicht. Ich will diese Reise mitmachen. Wann ist der Abreisetermin?«

»In zehn Tagen!«

Sie lächelte.

»Welche Reise darf ich buchen? Möchten Sie zweiter Klasse fahren?«

»Nein, ich fahre erster.«

»Ich werde alles besorgen. In vier Tagen können Sie sich dann die Unterlagen abholen.«

»Danke!«

Sie verließ das Büro und lächelte grimmig.

»Du wirst es mir büßen, das verspreche ich dir. Ich werde bald zu dir kommen.«

Im Geschäft wunderte man sich sehr über die spontane Veränderung. Als man sie vorsichtig fragte, was denn geschehen sei, antwortete sie nur: »Ich möchte in zehn Tagen meinen Urlaub antreten. Geht das?«

»Ja, sicher, Frau Merte.«

»Gut!«

Sie ging an den Kolleginnen vorbei und sah sie nicht mal an. Den anderen wurde es in ihrer Nähe manchmal unheimlich.

 

*

 

Marion Merte fuhr mit dem Zug nach Genua. Auf der Fahrt im Abteil wurde sie wiederholt angesprochen. Auch von Männern, von diesen ganz besonders. Schließlich war sie mit ihren fünfundvierzig Jahren eine sehr attraktive Frau. Marion wollte aber keine Unterhaltung. Sie hatte sich ganz auf ihr Vorhaben konzentriert. Ja, sie war jetzt fest davon überzeugt, wenn sie mit Ahmet abgerechnet hatte, dass sie dann wieder ein normales Leben führen konnte.

Marion Merte achtete auch nicht auf die herrliche Landschaft. Früher hatte sie jede Fahrt genossen. Da hatte sie sich ja auch der Tochter mitteilen können. Was hatten sie nicht alles unternehmen wollen!

Wieder spürte sie das Zucken im Herzen. Johanna würde nie mehr an ihrer Seite sitzen. Sie würde nie mehr ihre sanfte dunkle Stimme hören. Nie mehr!

Selbst die Räder des Zuges schienen dies immer wieder zu wiederholen. Nie mehr, nie mehr, nie mehr!

Dann hatte man endlich Genua erreicht. Sofort waren Leute anwesend, die sich um alles kümmerten und auch dafür sorgten, dass das Gepäck rechtzeitig auf das Schiff kam.

Marion durchwanderte auch nicht die herrliche Stadt. Später, dachte sie, wenn ich auf der Rückreise bin, dann werde ich dies alles genießen. Dann werde ich ein paar Tage in Genua bleiben. Johanna hätte sich hier sicher wohl gefühlt. Sie liebte so die Sonne.

Sie kam an einem Stand vorbei und beschloss spontan, Rosen zu kaufen. Doch dann stand sie ein wenig ratlos damit herum. Was sollte sie damit anfangen? Doch sie hatte das Gefühl, als brächten die Rosen ihr die Tochter wieder nahe.

Sie nahm eine Blüte und steckte sie ins Knopfloch ihrer Jacke. Sie trug die Blumen auch dann noch, als sie an Bord ging und der Zahlmeister ihr die Kabine zuwies. Sie fand in der Kabine dann eine Vase und war glücklich darüber. Mit dem Auspacken würde sie sich Zeit lassen. Sie hatte ja jetzt so viel Zeit. Fünf Tage hin und fünf Tage wieder zurück. Es war ein sehr teurer Urlaub. Aber was machte das schon?

Ein wenig später schlenderte sie an Deck herum und betrachtete alles. Dabei kam sie auch mit anderen Passagieren in Berührung. Sie waren alle aufgeregt und ein wenig nervös. Das Personal hingegen war die Ruhe selbst. Marion war glücklich, dass sie sich dazu entschlossen hatte, erster Klasse zu reisen. Sie durfte sich überall bewegen.

Marion stand an der Reling, war seltsam gelöst und spürte den Wind auf ihrem Gesicht. Der Duft der Rosen stieg ihr in die Nase.

»Johanna!«, murmelte sie.

Dann entdeckte sie die junge Frau an ihrer Seite. Bevor sie aber angesprochen werden konnte, ging sie sogleich weiter.

Später sollte sie erfahren, dass es die junge Ärztin gewesen war, neben der sie für kurze Zeit gestanden hatte.

 

*

 

Sie blieb einige Zeit auf dem Sonnendeck. Nein, sie würde sich erst wirklich frei fühlen können, wenn alles vorbei war. So lange wollte sie allen Vergnügungen aus dem Weg gehen. Das hatte sie sich fest vorgenommen. Und wenn sie sich einmal etwas vornahm, dann gab es auch kein Zurück mehr.

Am Abend wurden die Passagiere vom Kapitän im Speiseraum begrüßt.

Welch einen eindrucksvollen Anblick die vielen festlich gekleideten Menschen boten! Marion hatte bewusst ein strenges Kleid gewählt und auch jetzt trug sie, mit einer Brosche angeheftet, eine Rose bei sich.

Sie saß mit fremden Menschen an einem Tisch zusammen. Es waren alles einzelne Personen ohne Anhang. Sie bemühten sich, mit der abweisend aussehenden Marion ins Gespräch zu kommen. Aber sie schafften es nicht.

Marion wollte keine Musik und keinen Tanz und wanderte daher wieder allein an Deck herum. Hier stieß sie zufällig mit dem Ersten Offizier zusammen.

»Pardon«, sagte Daniel Brecht. »Ich habe Sie leider zu spät bemerkt.«

Sie blickte in das markante gebräunte Gesicht und dachte spontan: Ja, das wäre ein Mann für meine Johanna gewesen. In ihn hätte sie sich verlieben müssen.

»Das macht doch nichts«, sagte sie ein wenig freundlicher, als sie es vorgehabt hatte.

»Gnädige Frau, haben Sie sich verlaufen?«

»Nein, wieso?«

»Im Europasaal ist doch heute Tanz! Wenn Sie möchten, führe ich Sie zurück. Es passiert vielen Gästen, dass sie sich zu Anfang verlaufen.«

»Nein, ich möchten nicht zurück. Ich möchte die Luft hier oben genießen. Außerdem steht mir der Sinn nicht nach Tanzen.«

»Verzeihung, ich wollte nicht aufdringlich sein. Ich wollte Ihnen nur meine Hilfe anbieten.«

»Das haben Sie hiermit getan, und nun lassen Sie mich bitte allein.«

Brecht dachte: Diese Dame ist mit Vorsicht zu genießen. Darauf werde ich in Zukunft achten. Doch natürlich ließ er sich nichts von seinen Gedanken anmerken.

Er verbeugte sich leicht und schaute ihr nach, als sie nun hoch aufgerichtet davonging.

»Na, hat es nicht geklappt?«

Er fuhr herum und zuckte zusammen, denn er hatte nicht bemerkt, dass jemand bei den Aufbauten stand.

Seine Lippen kräuselten sich. Der schlanke, gutaussehende Offizier machte ein hochmütiges Gesicht.

»Ich hätte es mir ja denken können. Nur Sie schleichen wie eine Katze herum, Dr. Leitner.«

Die Ärztin schien kein bisschen böse zu sein. Man kannte sich ja jetzt schon zur Genüge. Es war ihre fünfte gemeinsame Fahrt. Und seit dem ersten Augenblick standen die beiden auf Kriegsfuß. Brecht hoffte ja noch immer, die Ärztin erobern zu können. Er brauchte diesen Erfolg, sonst würde man sich langsam über ihn lustig machen.

Zu Anfang hatte er ein wenig zu dick aufgetragen. Nun, wer konnte denn auch ahnen, dass diese zierliche, hübsche Ärztin mit dem rotbraunen Haar den Teufel im Leib hatte? Und was noch viel schlimmer war, dass sie eigentlich immer und ewig recht behielt. Das konnte einem schon langsam zu schaffen machen.

So auch jetzt!

»Was sollte das heißen? Was hat nicht geklappt?«, fragte er scheinbar ahnungslos.

Laura lachte leise auf. »Ich kenne Sie doch. Wieder auf Opfersuche? Wir haben doch wieder neue Gäste an Bord. Und da versäumen Sie halt keine Zeit, mein Lieber. Und wie ich im Dunkeln bemerkte, ist es auch diesmal wieder eine Dame, die erster Klasse reist.«

Brecht war wirklich sprachlos.

»Nein«, meinte er. »Das darf doch wohl nicht wahr sein, meine Liebe! Wissen Sie auch, wie alt die Dame dort drüben ist?«

Laura sah schärfer zu Marion hinüber.

»So genau kann ich das von hier aus nicht beurteilen«, meinte sie, und ein Lachen zuckte um ihre Lippen.

»Die geht auf die Fünfzig zu. Und außerdem scheint sie eiskalt zu sein.«

Da, jetzt hatte er endlich Oberhand. Nun musste sie doch klein beigeben. Er lächelte.

Doch leider unterschätzte er Laura Leitner schon wieder.

»Ich wüsste nicht, weshalb das ein Hinderungsgrund sein sollte, mein Lieber. Ich habe Sie schon in ganz anderen Fängen zappeln gesehen.«

»Also, das ist aber jetzt eine glatte Lüge! Das ist kein ehrliches Spiel mehr«, empörte er sich.

»Aber nein! Soweit ich mich erinnern kann, ist Gloria Sanders noch ein wenig älter, und was ihre Figur betraf …«

Brecht wurde rot. Die junge Ärztin traf immer seinen wunden Punkt.

»Ich gebe mich geschlagen«, seufzte er.

 

*

 

Sie lächelte.

»Trinken wir einen Versöhnungstrunk? Heute ist nicht mehr viel los. Ich will früh schlafen gehen. Hoffen wir, dass diese Fahrt zur Abwechslung geruhsam und ohne Aufregungen verläuft, damit ich mich mal so richtig erholen kann.«

In der Bar schienen alle Plätze besetzt zu sein. Aber Tom, der Steward, schaffte es doch noch, einen Tisch für die beiden zu finden, und brachte auch gleich die Getränke.

Details

Seiten
120
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783738923834
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2018 (November)
Schlagworte
laura leitner tochter

Autor

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Titel: Dr. Laura Leitner #5: Du hast mir meine Tochter genommen