Lade Inhalt...

Alle Feuer verlöschen auf Erden

2018 120 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Alle Feuer verlöschen auf Erden

Copyright

1

2

3

4

5

6

7

8

Alle Feuer verlöschen auf Erden

Utopischer Roman von Freder van Holk

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 263 Taschenbuchseiten.

 

Eine unglaubliche Erfindung fällt Kay Phearson in die Hände: Ein kaum eigroßes Gerät, das ohne weitere Anschlüsse Wärme und Kälte erzeugen kann – ein Permostat. Doch noch fehlt die letzte Funktion, die der Erfinder selbst nicht herausfinden kann, die Elektrizität. Nur wenn er diese Funktion zufügen kann, wird ihm das Gerät endgültig gehören. Aber wie sollte es möglich sein, diese Erfindung zu vervollkommnen? Kay stürzt in tiefe Depression und verschwindet zunächst einmal von der Bildfläche. Dann aber wird mit dem Permostaten ein Mensch durch einen Stromschlag getötet. Hat Phearson die Funktion gefunden? Oder spielt jemand anders ein grausames Spiel mit ihm? Und was ist mit der schönen Sumi van Mewenbrough? Hat sie ihn und seine Liebe wirklich verraten?

 

Sprachgebrauch und Wertvorstellungen entsprechen der – Entstehungszeit der Romane und – unterlagen seitdem einem steten Wandel. So ist beispielsweise eine der Personen des Romans Schwarzafrikaner und wird durchgängig als „Neger“ bezeichnet. Heute wird dieser Begriff von vielen als diskriminierend empfunden. Bis in die 1970er Jahre hinein war das jedoch nicht so. Das Wort „Neger“ entsprach dem normalen Sprachgebrauch und wurde nicht als herabsetzend angesehen. Selbst der schwarze Bürgerrechtler Martin Luther King sprach in seinen Reden häufig von der „Emanzipation der Neger.“ Für den deutschen Sprachraum markiert der DUDEN das Wort erstmalig in seiner Ausgabe von 1999 mit der Bemerkung „wird heute meist als abwertend empfunden“ und trug damit dem in der Zwischenzeit gewandelten Sprachgebrauch Rechnung.

Da die Romane nur vor dem Hintergrund ihrer Zeit in sich stimmig sind, wurde auf eine sprachliche Glättung ebenso verzichtet wie auf eine Anpassung heute nicht mehr zeitgemäßer – Wertvorstellungen oder inzwischen widerlegter wissenschaftlicher Ansichten. –

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

© Cover: Nach Motiven von Pixabay, 2018

© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

1

Ein rauer Märzabend fröstelt über New York. Die Wolken lasten tief über der Stadt und treiben mit aufgerissenen, dunstigen Fahnen über den Prospect-Park. Zwischen den Bäumen hängt die Nässe in grauen Fetzen. Der Regen tropft in trostlosem Gleichmaß. Von den schwarzen Ästen fallen die Tropfen leise klatschend in den Sand der Wege hinunter. Ein scheußlicher Abend.

Kay Phearson zieht den Kopf ein, damit ihm das Wasser nicht in den Hals läuft. Seine Schuhe quietschen vor Nässe, die Hosen legen sich kalt-nass gegen die Knie. Wenn er gegen das verschwommene Licht einer verlorenen Lampe blinzelt, sprühen ihm die feinen Schleier ins Gesicht und laufen an der Nasenspitze zu juckenden Tropfen zusammen. Dann und wann schüttelt er sich fröstelnd und klemmt die Arme dichter an den Leib, als könne er dadurch einen Rest Wärme bewahren.

Verdammtes Pech, denkt Kay Phearson unlustig in sich hinein. Wenn man schon einmal unten ist, geht alles schief. Anthony Dalton hätte zu Haus sein können. Bei ihm wäre eine Zuflucht gewesen. Und Kay Phearson hatte sich darauf gefreut, ein oder zwei Tage bei ihm unterkriechen zu können. Nun ist er verreist und kommt erst über Nacht zurück; vielleicht.

Kay Phearson ist unten. Er gibt sich darüber keinen Illusionen hin und weiß auch, dass er selbst daran schuld ist. Wenn man die Veränderung liebt und sich vom Abenteuer oder von Phantastereien treiben lässt, hält man es selten länger als einige Monate auf einem Arbeitsplatz aus. Die große Unruhe brennt in ihm. Da ist irgend etwas in der Welt, was ihn erwartet und was er eben stets dort zu verpassen meint, wo er sich jeweils aufhält. Die Unrast lockt ihn immer wieder ins Fremde. Wenn er sonst keinen anderen Vorwand findet, um vor sich selbst gerechtfertigt ein gesichertes Leben aufzugeben, so lässt er sich in Händel und Unfug ein. Das Ergebnis zwingt ihn gewöhnlich zu einem schnellen Ortswechsel. Seine flüchtigen Freunde atmen dann auf, weil ihnen seine unberechenbare Wildheit so wenig geheuer ist wie seine Kaltblütigkeit. Nur wenige bedauern, dass er neben seinen anderen Fähigkeiten keinen Sinn für Gelderwerb hat. Sie täuschen sich in ihm, denn Kay Phearson liebt das Geld wie andere auch. Er träumt nur von dem großen Schlag, wo andere gewissenhaft ihr Haushaltsbuch führen.

Kay Phearson trottet missmutig über die nassen Sandwege einer bewohnten Gegend zu. Plötzlich zuckt er zurück. Irgendein Gegenstand fährt dicht an seiner Nase vorbei, verfängt sich am aufgeschlagenen Rockkragen, gleitet abwärts, reißt das mürbe Futter auf und schlägt hart auf seinen Fuß. Gleichzeitig hört er einen Hilfeschrei, der jenseits der Büsche keine zehn Meter von ihm entfernt ausgestoßen wird.

Die Mehrzahl unserer Handlungen besteht aus mechanischen Reaktionen, und der Mensch benötigt manchmal sehr wenig Bewusstsein, um eine Tätigkeit zu vollziehen. Kay Phearson bückt sich, hebt den Fremdkörper auf und steckt ihn in seine Hosentasche, ohne es recht zu wissen. Seine Gedanken befinden sich schon jenseits der verdeckten Büsche, und seine Füße beeilen sich, ihn hinterherzutragen.

Das Geschick füllt jedoch selten den Magen, wenn es größere Absichten verfolgt. Als Kay den parallel laufenden Weg erreicht, sieht er eben noch zwei Männer in entgegengesetzter Richtung verschwinden. Seine flüchtige Hoffnung auf eine Belohnung und ein warmes Abendessen zerrinnt.

Minuten später klettert er über eine Bauplanke und steigt in einen Neubau ein, von dem noch nicht viel mehr als die betonierten Keller und die rohen Mauern des Erdgeschosses stehen. Vorsichtshalber zieht er sich bis auf die feste Sohle zurück, da dort am wenigsten eine Überraschung durch Wächter oder Polizei zu befürchten ist. Er bedenkt nicht, dass der Mensch die größten Überraschungen seines Lebens gewöhnlich bei sich trägt.

Es ist unangenehm kalt. Der grauen Wand ringsum fehlt jede Wärme, so dass Kay zu schauern beginnt und Mühe hat, die Zähne ruhig aufeinander zu halten. Er klaubt sich ein Streichholz von dem Faltengrund seiner Hosentasche und reißt es auf dem Zementestrich an. Das winzige Flämmchen, das nicht einmal die Klammheit seiner Finger zu lösen vermag, zeigt ihm, was er ohnehin zu sehen erwartete – einige Säcke Zement, einen Stoß Klinker, ein Wurfsieb, Schaufeln mit angefressenen Blättern, zwei verrostete Spitzhacken, eine Holzkiste und sonstigen Kleinkram eines Neubaus.

Auf der Suche nach einem weiteren Streichholz gerät ihm in der anderen Hosentasche jener Fremdkörper in die Hand. Er entsinnt sich jetzt, ihn aufgehoben zu haben. Während er sich flüchtig über das beträchtliche Gewicht des nach Größe und Form einem Hühnerei gleichenden Gegenstandes wundert, finden seine tastenden Finger einen mehrfach gebuchteten Ring, der um die stärkste Auswölbung herumläuft. Der Ring lässt sich bewegen.

Der Mensch benimmt sich eigenartig, wenn er sich die Fingerspitzen verbrennt. Nichts beweist die elektrische Natur unserer Nervenströme besser als der Kurzschluss, den die Alarmmeldung der feinsten Nerven im Körper hervorruft. Wir zucken nicht nur zurück, sondern krümmen uns auch zusammen, springen in die Luft und zappeln, als wären wir an einen Starkstrom geraten. Und fluchen.

Kay Phearson flucht auch, beträchtlich sogar. Der Fremdkörper strahlt plötzlich eine derart brennende Hitze aus, dass er ihn schleunigst fallen lässt.

Allerdings beginnt er ihn gleich darauf wieder zu suchen. Menschen werfen nicht selten das Glück von sich, um ihm dann hoffend nachzuspüren.

Das Glück heißt für Kay Phearson in diesem Augenblick Wärme und nichts als Wärme. Man muss wohl selbst einmal mit nassen Kleidern in einem Betonkeller einer Lungenentzündung entgegengeschauert haben, um das verstehen zu können. Er beugt sich in das Dunkel hinein, atmet mit Lunge und Haut die wohlig herandringende Wärme, reckt seine Hände dorthin, wo er den Ursprung vermutet, und riecht den aus seiner Kleidung aufsteigenden Dampf mit einer Genugtuung, die eines besseren Geruchs würdig gewesen wäre.

Er weicht freilich bald zurück, betastet verwundert seine scharf gespannte Haut und beginnt zu überlegen, wohin diese starke Wärmeentwicklung führen soll. Die Kugel muss sich bereits in weißglühendem Zustand befinden, um diese grell stechende Hitze zu erzeugen. Dabei ist sie trotz allen Suchens nicht zu entdecken.

Die Temperatur steigt schnell an. Die Kleidung Kays wird trocken und steif. Er fühlt sich versucht, auf der Leiter nach oben zu steigen und in einiger Entfernung abzuwarten, was dieses im Dunkel wirkende Feuer noch für Ergebnisse zeitigen wird. Er ist jedoch nicht der Mann, solchen Versuchungen nachzugeben. Er reißt ein neues Streichholz an, um nach der Kugel zu fahnden. Ihre Lage bleibt ihm zunächst weiterhin verborgen. Dafür findet er zwischen zwei Säcken eine vergitterte Petroleumlampe, wie sie auf Bauplätzen zur Beleuchtung verwendet wird. Mit Hilfe eines weiteren Streichholzes gelingt es ihm, eine Flamme auf den schwarzrandigen Docht zu setzen.

Das Licht zeigt ihm endlich die Kugel. Sie liegt dicht bei dem Klinkerstapel inmitten einer breiigen Masse. Die Kugel glüht weder rot noch weiß, sondern sieht in ihrem stumpfen Grau völlig harmlos aus.

Kay Phearson wagt es trotzdem nicht mehr, sich ihr mit Hand oder Fuß zu nähern. Es fällt ihm ohnehin schwer genug, in einem Raum zu verharren, in dem man hätte Brot backen können. So nimmt er einen Eisenstab in die Hand, der als Schnittrest eines Betonstahls liegengeblieben ist, und stochert damit nach der Kugel. Er wirft den Stab jedoch sehr schnell wieder weg, denn während er am unteren Ende wegschmilzt, brennt er ihm oben einen Striemen über die Handfläche.

Die Vorstellungen des Menschen gedeihen selten bis zur völligen Klarheit. Kay wähnt unbestimmt, dass weniger der Fremdkörper selbst als seine Lage in der offenbar kochenden Masse die Hitze verursache. Er greift deshalb nach einer Schaufel und fährt damit in den Brei hinein, um die Kugel herauszuschleudern. Beim zweiten Versuch gelingt es ihm. Sie fliegt inmitten spritzender Tropfen gegen die jenseitige Wand, holpert ein Stück über den Estrich zurück und bleibt frei liegen.

Kay erwartet, obwohl er logisch keine Berechtigung dazu hat, dass sich die Umgebung der Kugel verändert. Er stellt jedoch nichts anderes als einen merklichen Rückgang der Temperatur fest. Der würgende Hitzemantel fällt von seinem Körper ab, das trockene Brennen verwandelt sich in angenehme Wärme. Diese weicht denn freilich auch, und Kay schauert schneller unter einem neuen Frost, als ihm lieb ist. Immerhin scheint ihm dieser Zustand natürlicher zu sein als der vorangegangene.

Er will die Kugel näher betrachten, lässt sich aber zunächst durch die formlose Masse ablenken, aus der er sie herausgeschleudert hat. Eine Kante ist es, die ihn stutzig macht, die Kante eines Klinkersteins, die den schwärzlichen und zusehends erstarrenden Brei fasst. Ist das, was da eben in einen glasig-festen Zustand zurückkehrt, etwa einer dieser Steine gewesen? Die Sintergrenze liegt für dieses Material mindestens bei fünfzehnhundert Grad. Eine solche Umschmelzung innerhalb von Minuten setzt Temperaturen von zweitausend Grad und mehr voraus. Gibt die Kugel etwa soviel Wärme frei, ohne sich selbst zu verändern?

Er findet nicht den Mut, sich diese Frage zu beantworten. Die peinliche Kälte lenkt seine Aufmerksamkeit auf näherliegende Sorgen. Das Lampenlicht trifft feine, blitzende Stäubchen, die sich in der Luft bewegen. Die Kugel ruht unscheinbar und harmlos auf dem Boden, aber um sie herum vereist die Luft und reißt jähen, harten Husten aus dem sich versteifenden Körper Kays.

Die Verhältnisse haben sich umgekehrt. Kay Phearson sieht sich plötzlich einer überstarken Kälte gegenüber. Die Notwendigkeit zu fliehen oder zu handeln tritt schnell an ihn heran.

Sonderbarerweise fürchten sich die Menschen vor dem Eis weniger als vor dem Feuer, obgleich kein sachlicher Anlass dazu vorliegt. Kay hat sich vorhin vor einem Zugriff gehütet. Jetzt wagt er ihn. Das kostet ihn die Haut seiner Fingerspitzen. Sie haben zwar ohnehin schon gelitten, aber der brennende Schmerz, der Kay zurückfahren lässt, ist deshalb nicht geringer. Er flucht abermals wie ein Wilder – vielleicht zu wild für einen gebildeten Menschen – aber man muss ihm schon einiges nachsehen.

Streng genommen hat er sich diesmal die Haut nicht verbrannt, sondern erfroren, aber das so nachdrücklich, dass er die Kugel nicht nur verwünscht, sondern ihr auch einen Tritt versetzt, der sie einige Meter weiter befördert. Dann steigt er auf der Leiter nach oben, um sich die Arme gegen den Leib zu schlagen und das Blut vor dem drohenden Stillstand zu bewahren.

Mit der Verklammung seines Körpers verschwindet sein Unmut. Sein Verstand wird wieder lebendig und sagt ihm, dass dort unten noch einiges zu erledigen sei. Außerdem bietet der obere Raum auf die Dauer wirklich keine Reize. So steckt er seine Beine bald wieder in die Leiteröffnung hinein und setzt sie Sprosse um Sprosse tiefer, nachdem er festgestellt hat, dass die Kälte nunmehr wieder einer lauen Wärme gewichen ist.

Die tückische Kugel scheint die Gegensätze zu lieben. Kay findet sie neben einem Zementsack. Sie strahlt jetzt tatsächlich Wärme aus, eine erträgliche Wärme, die sich schnell verteilt und es erlaubt, so dicht an sie heranzugehen wie etwa an ein heißes Eisen. Sie verwehrt damit nicht, sie einer näheren Untersuchung zu unterziehen.

Kay Phearson rückt die Lampe heran, nimmt einen Holzspan zu Hilfe und betrachtet die Kugel, die er gelegentlich herumrückt, wie man einen Skorpion oder ein anderes gefährliches Ungeziefer aus der Nähe zu besehen pflegt.

Der Fremdkörper ist mehr ein Ei als eine Kugel. Er besteht aus zwei Hälften, von denen jede dem spitzeren Abschnitt eines Eis gleicht. Beide werden – wenigstens äußerlich – durch den umlaufenden Ring geschieden, dessen Vorhandensein Kay bereits beim ersten Abtasten feststellte. Er sieht jetzt die flachen Ausbuchtungen, die bestimmt zu sein scheinen, den Fingern Halt zu geben. Er entdeckt auch, dass die toten Punkte der Parabeln kleine Ösen umfassen, hält diese aber für weniger wichtig als die geritzte Skala, die auf beiden Seiten des Ringes um den Körper herumläuft, die eine Hälfte rechts des Ringes bis zum Gegenpunkt, die andere Hälfte links. Jede besteht aus dreißig Abständen mit herausgehobenem Fünferstrich, aber ohne Zahlen. Beiden Skalenhälften gemeinsam ist der erste und der letzte Strich, sofern man die scharfe Kerbe am Anfang mit den anderen Strichen gleichsetzen darf. Eine ähnliche Kerbe befindet sich auch auf dem Ring. Sie ist etwas nach rechts verschoben und deckt sich mit dem ersten Teilstrich.

Kay braucht nicht viel Scharfsinn aufzuwenden, um zu erraten, dass eine Übereinstimmung der beiden Kerben einem neutralen Zustand entspricht. Das Wunder verliert das Ungreifbare, sobald man technische Üblichkeiten an ihm entdeckt. Kay zögert nicht lange, sondern versucht, jene Übereinstimmung zu erzielen. Das gelingt ihm mit Hilfe des Holzspans, nachdem er den Eikörper zwischen zwei Steinen leidlich festgeklemmt hat.

Der Erfolg entspricht seinen Erwartungen. Der Körper gibt keine Wärme mehr ab. Die Abkühlung erfolgt innerhalb von Sekunden. Als Kay ihn mit der gebotenen Behutsamkeit in die Hand nimmt, besitzt er nur noch wenige Grad Wärme. Er ist nichts als ein kühler, erstaunlich schwerer Metallkörper von besonderer Zweckform.

Kay holt sich nun zunächst einige Drahtstücke heran, zieht sie durch die Ösen und verankert den Körper so fest wie möglich durch Draht und Ziegelsteine, bevor er weitere Versuche anstellt.

Dann schnappt der Ring widerwillig unter einem Druck, der Kay geradezu unmäßig erscheint, aus dem toten Punkt heraus. Die Kerbe zeigt auf den ersten Teilstrich links. Aus dem Doppelei dunstet Kälte feindlich gegen das Gesicht Kays.

Zurück auf den toten Punkt.

Nichts mehr von Kälte.

Jetzt der Gegenversuch. Erster Teilstrich rechts. Der Metallkörper strahlt wie vorhin Wärme aus, ganz beachtliche Wärme, schon zu viel, um gern angefasst zu werden.

Zurück auf Null.

Nichts mehr von Wärme!

Noch einmal erster Teilstrich rechts – und weiter auf den zweiten. Teufel, die Glut sticht bereits. Der Span brennt. Zurück doch! Verdammt – ah, toter Punkt. Nichts mehr von Hitze.

Jetzt auf den ersten Teilstrich links und weiter auf den zweiten. Recht unangenehm schon. Die Finger wollen nicht mehr gern heran, als ahnten sie, dass sie kleben bleiben. Ach was, da ist ohnehin nichts mehr zu retten. Zurück auf Null. Nichts mehr von Kälte!

Und wieder nach rechts ...

Kay Phearson liegt auf einigen staubigen Zementsäcken, die unter seinen Bewegungen knistern und pulvern, ein abgerissener Vagabund mit schmutziger, vielfältig zerknitterter Kleidung. Das rußig blakende Licht wehrt sich müde gegen die Dunkelheit, die von den grauen Wänden herandrängt. Es reicht eben aus, um die Steine mit der eingeklemmten Kugel, die Hände und das Gesicht Kays herauszuheben. Was ihm an Lebensunruhe verblieben ist, huscht über die Züge dieses Mannes und verstärkt die Unruhe, die unterhalb der harten Backenknochen aufspringt und bis in das wirre Haar hineinzuckt, das die zurückgeschobene Mütze freigibt. Kay Phearson hat kein gutes Gesicht in diesen Stunden. Es ist hart und verbissen. In seinen Augen stehen böse Lichter. Es sind die Augen eines Mannes, der einen gefährlichen Feind belauert, der gebückt durch den Wald geht und noch nicht weiß, hinter welchem Baum der Gegner ihn erwartet.

Kay Phearson hat einen gefährlicheren Feind vor sich als einen Mann. Weiß er denn, ob nicht in der nächsten Sekunde ein Blitz aus dem Fremdkörper herausschlägt, der ihn auf der Stelle tötet? Oder kann nicht plötzlich das helle Feuer aus dem Doppelei herausschießen und ihm die Augen für immer blenden? Oh, es gibt schon Gründe für die bösen Lichter in seinen Augen, wenn er auch tatsächlich nur Haut und Fleisch zusetzt und verbissen die wütenden Schmerzen zwischen Brand und Frost erträgt, mit denen das Unbekannte für das Eindringen in seine Geheimnisse bestraft.

Als sich Kay endlich ächzend herumwälzt, um die Verkrampfung seiner Muskeln zu lösen, hat er alles getan, was man von einem Mann verlangen kann. Es ist nicht leicht, die Hand immer wieder ins Feuer zu stecken und das Gesicht wechselnd an Glut und an Eis zu halten. Seine Haut sieht hässlich rot und schwarz aus, als trüge sie den fressenden Brand in sich. Aber Kay ist nicht wehleidig und hält sich nicht damit auf, seinen Schmerzen nachzujammern. Er braucht seine Aufmerksamkeit, um seine Beobachtungen zu begreifen und seine Feststellungen überlegend abzurunden.

Der Metallkörper gibt je nach Drehrichtung des Ringes Hitze oder Kälte ab, ohne dabei selbst die geringste Veränderung zu erleiden. Er bringt also seine Umgebung zum Glühen, glüht aber nicht selbst und verändert in keiner Weise seine Eigentemperatur. Ein Teilstrich nach rechts bedeutet eine Abgabe von rund hundert Grad Celsius, zwei Teilstriche zweihundert, drei dreihundert. Die Spitzenleistung muss, falls die Skala die Wertung beibehält, dreitausend Grad Celsius betragen.

Die Linksdrehung liefert auf dem ersten Teilstrich eine Kälte, die Kay auf zehn Grad schätzt. Sie nimmt mit jedem Teilstrich um den gleichen Wert zu und erreicht vermutlich eine Endtemperatur, die beim absoluten Nullpunkt liegen muss.

Innerhalb der verschiedenen Beobachtungszeiten hat sich kein Nachlassen der einmal eingestellten Hitze oder Kältewirkungen ergeben. Die Leistungsgrenze scheint also ziemlich weit gesteckt zu sein. Keinesfalls lassen sich die Erscheinungen durch eine thermische Speicherung erklären.

Es ist überhaupt unmöglich, sie zu erklären. Kay besitzt einen unbekannten Apparat, der zwischen dreihundert Grad minus und dreitausend Grad plus stetig Hitze oder Kälte liefert, das eine wie das andere gleich willig und gleich schrankenlos. Der Apparat ist zweifellos ein technisches Gebilde, das Erzeugnis eines Menschen, und muss also bestimmten und erfassbaren Gesetzen unterliegen. Kay Phearson kann jedoch diese Grenze nicht finden. Sein Verstand versagt.

Dafür beginnt sich seine Phantasie zu regen. Sie gaukelt ihm Bilder vor, die alle gleich undeutlich und alle gleich verlockend sind.

Eine Klarheit jedoch gewinnt Kay Phearson bereits in dieser Stunde: Der Zufall hat ihm eine Erfindung von außergewöhnlichem Wert zugespielt, eine Erfindung, die der Welt noch nicht bekannt ist. Das ist die große Chance seines Lebens.

Kay Phearson ist schon jetzt entschlossen, diese Chance zu nutzen.

Als er den Ring auf plus hundert einstellt und sich zum Schlafen niederlegt, hat er sich entschieden, am nächsten Morgen die Suche nach jenem Mann aufzunehmen, dem die Erfindung gehört. Dabei liegt es nicht in seiner Absicht, sich mit einer kleinen Belohnung abfinden zu lassen oder gar den Apparat zurückzugeben. Man kann diesen Vorsatz missbilligen, und ein Mann mit festen Grundsätzen wäre wohl auch zur nächsten Polizeiwache gegangen, hätte den Metallkörper abgeliefert und sich selbst unter dem Verdacht jenes Überfalls einsperren lassen.

Kay Phearson litt jedoch nicht an solchen Grundsätzen. Die Verlockung war zu groß. Die Straße der Tugend ist eben reichlich breit, und das sittliche Gesetz bildet auf ihr nur eine gedachte Linie, neben der sich mehr oder weniger entfernt und oft seltsam verschnörkelt die Laufspuren der Menschen einherschlängeln. Die Toleranz des Göttlichen ist groß genug, um sie trotz aller Abweichungen zu jener breiten Straße zusammenzufassen.

Kay erwacht mit dem frohen Bewusstsein, hart, aber trotzdem angenehm einer lohnenden Zukunft entgegengeschlafen zu haben. Von oben sickert das erste Grau des neuen Morgens herein. Die Lampe brennt nicht mehr, aber die Kugel gibt noch die gleiche Wärme ab. Kay stellt sie auf Null, sichert den Ring mit einer Drahtschleife, versenkt den Apparat in seine Hosentasche und steigt nach oben. Es wird höchste Zeit für ihn, zu verschwinden. Die Tür in der Plankenwand wird eben aufgeschlossen, als er sich über die Bretter schwingt.

Es regnet noch immer, doch Kay findet, dass das Wasser eigens vom Himmel rieselt, um sein verbranntes Gesicht zu kühlen. Er liefert damit einen neuen Beleg für die alte Behauptung, dass das Glück des Menschen eine Angelegenheit seines seelischen Zustandes sei. In der Tat, er fühlt sich fröhlich und unternehmungslustig, obgleich ihn sein Magen unwillig daran erinnert, dass er seit vierundzwanzig Stunden vernachlässigt wurde.

Kay schlendert zu der Stelle hin, an der am Abend der Überfall stattfand. Vielleicht hat der Eigentümer der Kugel noch mehr fortgeworfen?

Der Weg ist abgesperrt. Zwei Polizisten bewachen ihn. Weiter zurück bewegen sich verschiedene Männer in Uniform, zwischen ihnen ein Zivilist, von dem nichts Genaues wahrzunehmen ist.

Kay nähert sich den Polizisten und tippt an den versengten Schirm seiner Mütze. „Morgen. Razzia?“

Die beiden Polizisten mustern Kay mit Abscheu und unverhohlener Missachtung. Sie lassen mechanisch ihre Gummiknüppel kreisen. Dieser Neugierige sieht genau so aus wie ein Mann, der von Rechts wegen in eine Zelle gehört.

„Was verloren“, knurrt schließlich einer der beiden mürrisch. „Was gefunden – zufällig?“

„Leider nicht“, grinst Kay munter. „Mr. Brownsmith dort hinten – zufällig?“

Der Trick verfängt nicht. Der Polizist wedelt heftiger mit seinem Knüppel. „Verdammt neugierig – zufällig?“

„Irrtum – zufällig“, gibt Kay trocken zurück, zuckt die Schultern und geht seines Wegs. Mürrische Polizisten sind immer bedenklich, vor allem dann, wenn sie frühmorgens im Regen herumstehen müssen.

Weiter drüben an der Fahrstraße steht ein großer Wagen. Am Steuer sitzt ein riesiger Neger. Er füllt seinen Platz so beängstigend aus, dass man unwillkürlich wünscht, der Wagen wäre noch etwas größer geraten.

Kay tippt abermals an seine Mütze.

„Hat Mr. Brownsmith seine Brieftasche verloren?“

Der Neger reißt die Augen auf. Die Größe seines Gehirns scheint im umgekehrten Verhältnis zur Größe seines Körpers zu stehen.

„Hä? Brownsmith? Das ist Professor Marin.“

Kay nickt wohlwollend.

„Dachte ich mir. Natürlich, Marin. Wohnt er immer noch in Harlington?“

„Flatbush“, geht der Fahrer einfältig, wenn auch leicht misstrauisch in die Falle.

„Schöne Gegend. Warum läuft er hier herum?“

„Weiß nicht.“

„Hm?“

Kay zögert, gibt sich aber dann zufrieden und wandert weiter. Was ihm der Fahrer verraten hat, genügt. Zunächst ist es wichtiger, sich wieder in einen menschenwürdigen Zustand zu bringen oder wenigstens von der Straße zu verschwinden. Die widerlichen Brandschmerzen in seinem Gesicht lassen nicht darauf schließen, dass er angenehm auffallen wird.

Anthony Dalton ist über Nacht von seiner Reise zurückgekehrt. Sein Bruder Hugh natürlich auch. Wer mit den beiden vertraut ist, kann sich nur schwer vorstellen, dass Hugh Dalton nicht dort sein könnte, wo sich sein Bruder befindet. Er hängt mit einer abgöttischen, ja, fanatischen Liebe an Anthony und verschafft sich einen Lebensinhalt mit dessen Leben. Wahrscheinlich steht das damit im Zusammenhang, dass Hugh Dalton bucklig ist und ohnedies schwer Anschluss an die Welt findet. Die starke Verkrümmung des Rückgrats zieht seinen Oberkörper zu einem dickwulstigen Spinnenleib zusammen, der auf hohen Beinen steht. Dafür besitzt Hugh Dalton – was man nicht selten bei Buckligen findet – ein auffallend schönes, männliches Gesicht, dessen leise Schwermut fesselt. Einige scharfe Falten um den Mund herum verraten die Bitterkeit seines Außenseiterdaseins. Im Übrigen verfügt Hugh Dalton nicht nur über einen schönen, sondern auch über einen klugen Kopf. Es bereitet Vergnügen, sich mit ihm zu unterhalten.

Sein Bruder Anthony wirkt neben ihm farblos, obgleich er einen gesunden Körper besitzt. Er gehört zu den stillen Naturen, die durch keine Besonderheit auffallen und sich so bescheiden zwischen den Menschen bewegen, dass man sie übersieht.

Anthony Dalton ist Ingenieur. Er arbeitet jedoch in keinem Betrieb, sondern lebt von einem kleinen Vermögen. Er hat sich einen Plan in den Kopf gesetzt, der ihn nicht wieder loslässt und dem er alle Kraft und alle Hoffnungen widmet. Er möchte einen großen Staudamm am Kongo bauen, durch den das gesamte Kongobecken abgeriegelt werden soll. Die Gewinnung beträchtlicher elektrischer Energien ist ihm dabei weniger wichtig als die Umwandlung des Kongobeckens in einen riesigen See. Davon verspricht er sich zunächst die Entfieberung Afrikas. Weiter soll der See das Klima mildern und die Besiedlung seiner Randgebiete durch Weiße ermöglichen. Damit ergäbe sich dann die Möglichkeit, Zentralafrika industriell und wirtschaftlich aufzuschließen. Schließlich sollen die Überlaufwasser des Kongo-Sees nach Norden zu in die Wüste abgeleitet werden, möglicherweise bis zu einer Verbindung mit dem Mittelmeer, und damit erhebliche Teile der Wüste in Kulturland umgewandelt werden.

Das ist ein gigantischer Plan, der sich teilweise mit dem Atlantropa-Plan Sörgels überschneidet. Er kann nicht einmal unbedingt als phantastisch bezeichnet werden, da er im Technischen keine nennenswerten Schwierigkeiten bietet. Technisch ist es durchaus möglich, den Kongo zu stauen und damit alles das einzuleiten, was sich Anthony Dalton erträumt. Trotzdem ist der Plan vollkommen phantastisch. Seine Durchführung setzt politische Flurbereinigungen und die Vereinigung auseinanderstrebender politischer und wirtschaftlicher Interessen voraus. Es ist aber leichter, einen Staudamm zu bauen, als ein Dutzend einflussreicher Leute unter einen Hut zu bekommen oder gar ein Dutzend Parlamente auf einen Nenner zu bringen. Diese Erfahrung macht Anthony Dalton bereits seit vielen Jahren. Er arbeitet kaum mehr an seinem Projekt, denn die Pläne liegen schon längst abgeschlossen in der Schublade, sondern bemüht sich, die Interessenten zu gewinnen und zu vereinigen. Er schreibt Briefe über Briefe, Eingaben über Eingaben – und aller menschlichen Voraussicht nach wird er das für den ganzen Rest seines Lebens tun.

Die Brüder erschrecken nicht schlecht beim Anblick Kay Phearsons.

„Du siehst aus, als wärst du in eine Bratpfanne gefallen“, sagt Anthony Dalton entgeistert. „Schön warst du nie, aber jetzt – hm ... Du musst ja wahnsinnige Schmerzen haben.“

„Meine Haut hat sie“, knurrt Kay vergnügt. „Ich nicht. So weit geht es denn doch nicht, dass ich mir von meiner Schale vorschreiben lasse, ob ich vor Schmerzen brülle oder nicht. Trotzdem – Brandsalbe wäre kein Fehler.“

„Echt Kay!“, lächelt Hugh Dalton kopfschüttelnd. „Nur nichts vorschreiben lassen, noch nicht einmal vom eigenen Körper. Ein anderer hätte sich so nicht unter die Menschen gewagt.“

Kay zuckt die Achseln. „Wenn schon! Schließlich habe nicht ich den unerfreulichen Anblick, sondern die anderen. Was ist mit einem Spiegel?“

„Ich rate ab“, warnt Hugh Dalton. „Sie könnten bei dieser Gelegenheit Ihre Selbstachtung verlieren.“

Kay Phearson betrachtet sich trotzdem in einem Spiegel. Er findet, dass er scheußlich aussieht und jede Ähnlichkeit mit sich selbst verloren hat. Dieses brandig verquollene Fleisch ist sein Gesicht nicht mehr. Aber was tut’s? So etwas heilt.

„Ein Glück, dass ich wenigstens nicht verliebt oder verlobt bin“, schließt er sarkastisch ab. „Für eine Frau wäre das des Guten zu viel. Was macht der Kongo?“

Anthony Dalton seufzt. „Unverändert, Kay. Man beantwortet meine Eingaben überhaupt nicht oder schickt sie mit einigen höflichen Begleitzeilen zurück. Es geht nicht vorwärts.“

„Dein Plan ist zu groß und das Format der Regierenden zu klein“, stellt Hugh resigniert fest. „Kein Interesse für lohnende Großplanungen. Den Leuten stehen schon die Haare zu Berge, wenn sie bedenken, dass am Kongo Bananen wachsen könnten und sie verpflichtet wären, sie im genussfähigen Zustand an ihre Verbraucher heranzubringen.“

„Du übertreibst“, lächelt sein Bruder trübe. „Schließlich handelt es sich ja auch um Geld. Der Staudamm kostet Millionen. Wenn wir Geld hätten …“

„Freilich“, pflichtet Hugh bei. „Ohne Geld ist man ein Narr. Wenn du Millionär wärst, würde man sich schon für deinen Plan erwärmen.“

„Was nicht ist, kann noch werden“, tröstet Kay großzügig. „Wenn ich erst einmal zehn Millionen zusammenhabe, stecke ich ein paar in den Kongo hinein.“

Anthony Dalton grinst schwach. „Nett von dir, Kay, aber so lange möchte ich denn doch nicht warten. Verschwinde ins Bad. Du wirst dich erst ein bisschen millionenmäßiger herrichten müssen. Deine Koffer stehen drüben.“

Kay lässt sich nicht mahnen.

Einige Minuten später schlägt er Lärm.

„Was ist bloß mit eurem Wasser los?“, schreit er über das Geräusch des fließenden Wassers hinweg, als die Brüder im Türrahmen erscheinen. „Das Wasser wird überhaupt nicht warm.“

„Der Heißwasser-Automat arbeitet“, antwortet Anthony verwundert und greift in den Strahl hinein. „Übergeschnappt, he? Das Wasser ist ganz heiß.“

„In der Wanne nicht.“

Anthony Dalton greift in die Wanne hinein. „Tatsächlich – auffallend kalt. Es müsste doch – das verstehe ich nicht.“

Seine Augen sind ganz eng geworden. Sie liegen prüfend auf dem Gesicht Kays, doch dieser hütet sich, ihnen zu antworten. Er dreht die Leitung ab. „Ihr wollt mich wohl ein bisschen anfrieren lassen, he?“

„Kalt!“, stellt auch Hugh Dalton fest. „Scheint sogar noch kälter zu werden. Möchte wissen, was Sie da wieder einmal ausgeheckt haben, Kay Phearson.“

Jetzt mustern sie ihn alle beide, als wäre er ein Insekt, das sich sonderbar benimmt. Kay grinst sie freundlich an. „Netter Spaß! Wie ich euch kenne, habt ihr den Monteur dagehabt und die Leitungen umlegen lassen. Wahrscheinlich muss man bei euch den Kaltwasserhahn aufdrehen, um warmes Wasser zu bekommen.“

Er greift in das Wasser hinein, das er vorsorglich durch Seifenlauge kräftig getrübt hat, schaltet die Kugel um und dreht den Kaltwasserhahn auf.

„Immer noch kalt?“, murmelt er dabei. „Und so etwas nennt sich Gastfreundschaft. Ich bin bloß neugierig …“

„Ich auch“, fällt Hugh Dalton trocken ein. „Sicher werden Sie uns erzählen, dass Sie sich den Sonnenbrand geholt haben. Immerhin – wie sind Sie zu diesen Verbrennungen gekommen?“

„Wie das Kind zur Mutter. Ich kann nichts dafür. Kennt einer von euch zufällig einen Professor Marin?“

„Nein.“

„Nein“, antwortet auch Hugh Dalton nach kurzer Überlegung. „Noch nie gehört. Naturwissenschaftler?“

„Keine Ahnung. Ha – habe ich’s nicht gleich gesagt? Kalt aufdrehen, dann wird’s warm.“

Die Brüder greifen einer nach dem anderen ins Wasser. Es wärmt sich schnell an, obgleich nur kaltes Wasser zufließt.

„Und wie machst du das?“, fragt Anthony Dalton bedächtig.

Kay Phearson blinzelt. „Neugierig?“

„Sicher.“

„Freut mich. Und nun raus. Ich will baden.“

„Aber wieso kannst du das kalte Wasser ...?“

Kay drangt die Brüder zur Tür. „Raus mit euch. Zerbrecht euch nur den Kopf. Von mir hört ihr nichts, bevor mir nicht ein anständiger Whisky durch die Kehle gelaufen ist. Niederträchtig von mir, aber mich hat diese Geschichte immerhin meinen zarten Teint gekostet. Euch kostet sie bestenfalls das Gehirn.“

„Aber ...“

Kay Phearson schließt die Tür hinter den Brüdern. Er freut sich kindlich darüber, dass die beiden nun eine halbe Stunde lang drüben sitzen und sich die Köpfe zerbrechen werden.

Eine Stunde später erzählt er ihnen, was zu erzählen ist. Die Brüder hören aufmerksam zu, schweigen sich aber gründlich aus, als er eine Deutung von ihnen erhofft. Sie finden auch keine Erklärung.

„Wäre das nicht etwas für dich, Anthony?“, fragt Hugh Dalton später bedeutsam. „Ein Körper, der Wärme an sich reißt und seine Umgebung vereist: Man könnte damit einen Staudamm aus Eis schaffen.“

Anthony Dalton schüttelt den Kopf.

„Mein erster Gedanke, aber ich glaube nicht, dass der Apparat keine Leistungsgrenze hat. Sobald die Vereisung ein gewisses Ausmaß erreicht, kommt die ständige Tropenhitze zum Zug und wird stärker.“

Kay Phearson steckt den Metallkörper in die Tasche.

„Ihr bringt es fertig und lasst das Ding in einen Eisblock einfrieren, damit es gründlich aus der Welt verschwindet. Nee, nichts zu machen. Damit habe ich andere Pläne.“

„Gegen Belohnung abliefern“, schlägt Hugh Dalton spöttisch vor.

Kay Phearson grinst nur.

 

*

 

Professor Luis Marin wohnt in einer Gegend, die alles andere als erheiternd wirkt. Sein Grundstück grenzt mit der Rückseite an den Strand. Die ganze Landschaft ist in diesem Teil von Flatbush schon sumpfig und macht unter den trüben Regenvorhängen einen geradezu trostlosen Eindruck. Das Haus sieht ganz stattlich aus, zeigt aber keine freundliche Note. Wahrscheinlich fehlt eine Frau, die es mit weißen Gardinen und Blumenkästen schmückt.

Der Neger, den Kay bereits kennengelernt hat, öffnet. Er ist tatsächlich ein Riese. Sein wolliger Kopf stößt an den oberen Türrahmen.

„Was wollen Sie?“, fragt er mürrisch, ohne ein Zeichen des Erkennens zu geben.

„Professor Marin zu sprechen?“

„Nein.“

„Vielleicht doch? Ist er zu Haus?“

„Ja.“

„Wenigstens etwas. Ich habe das gefunden, was er heute morgen im Prospect-Park suchte. Sag ihm das, Kleiner.“

„Hm?“

Der Neger überlegt sich den Fall, dann schlägt er die Tür wieder zu. Kay wartet. Er tritt nur ein bisschen beiseite, weil ihm von der Traufe des Vordachs Regentropfen hartnäckig in den Nacken hineinfallen.

Er wartet lange.

Endlich kommt der Neger zurück. „Reinkommen.“

Kay folgt der unfreundlichen Einladung. Er lernt einen nicht weniger unfreundlichen Vorraum kennen, in dem es nach abgestandener Luft riecht, dann ein Wohnzimmer im Stil der Jahrhundertwende, mit rotem Plüschsofa und gehäkelten Decken. Zu seiner Überraschung gerät er dann in einen Raum, der die Mitte zwischen dem Ordinationszimmer eines Arztes und einem Laboratorium hält. Dieser Raum blitzt vor Sauberkeit und entspricht allen Anforderungen der Hygiene. Er ist sachlich und nüchtern und vermittelt den Eindruck, dass man notfalls vom Fußboden weg essen könnte, ohne sich den Magen zu verderben.

Professor Marin passt sich dem Raum an. Er scheint sich frisch gewaschen zu haben und trägt einen fleckenlosen weißen Mantel, den er eben aus dem Schrank genommen haben könnte. Er hat sehr lange, schmale Hände, deren Haut noch eine Spur von Feuchtigkeit trägt. Sein Gesicht ist hell und weiß, sein Haar fuchsig rot, fuchsig rot auch sein Schnurrbart und sein etwas kümmerlicher Spitzbart. In den Augen liegt eine durchdringende Schärfe. An den Mundwinkeln knittern dünne Falten, deren unruhige Bewegungen seinen Worten höhnische Nuancen verleihen. Insgesamt macht er nicht den Eindruck eines gemütlichen Gesprächspartners. In seinem Gesicht liegt etwas Durchtriebenes und Hinterhältiges, etwas von der Schläue eines Fuchses und sogar einiges von der hämischen Niedertracht eines Teufels. Ein gefährlicher Rotkopf!

Professor Marin fordert nicht zum Sitzen auf. Es gibt überhaupt keinen Stuhl in dem Raum. Er kommt Kay Phearson entgegen, bleibt dicht vor ihm stehen und mustert ihn ungefähr so, wie ein Arzt seinen Patienten mustert. Kay findet diese Art unverschämt, aber er ist entschlossen, sich nicht von Kleinigkeiten aufregen zu lassen.

„Wie alt?“, fragt Professor Marin endlich mit scharfer, barscher Stimme.

„Achtundzwanzig“, antwortet Kay unwillkürlich.

„Beruf?“

„Ingenieur.“

„Können Sie denken?“

„Hoffentlich“, erwidert Kay trocken. „Ich hatte in der Schule keine schlechten Zensuren.“

„Dort lernten Sie das Denken bestimmt nicht“, schnarrt Marin. „Sed vitae discimus! Das Leben aber ist eine Gedankenlosigkeit. Folglich können Sie nicht denken.“

„Vordersätze sind gegen Missbrauch nicht geschützt“, wehrt sich Kay scharf.

Professor Marin lächelt dünn. „Nicht schlecht – für einen Ingenieur nicht schlecht. Sie müssen mich besuchen.“

Kay Phearson grinst ihm ins Gesicht. „Finden Sie nicht, dass ich eben dabei bin?“

„Nee.“

„Wieso nicht?“, fragt Kay nun doch verblüfft.

Marin grinst wie ein Satan, der eine Seele gefangen hat. „Ich würde an Ihrer Stelle darüber nachdenken, wenn Sie nun schon einmal denken können. Können Sie hunderttausend Dollar gebrauchen?“

Kay holt tief Luft. „Verlassen Sie sich darauf. Kann ich das Geld gleich mitnehmen?“

„Sie scheinen mein Angebot nicht ernst zu nehmen, junger Freund von achtundzwanzig Jahren“, spöttelt Marin. „Eigentlich sollte ich Ihnen weniger bieten, da Sie schon dicht an der Grenze sind. Aber Sie gefallen mir. Ich habe eine Vorliebe für Leute, die neugierig genug sind, sich die Haut zu verbrennen. Also hunderttausend Dollar sofort oder zehntausend jährliche Rente. Die Rente erhalten Sie allerdings nur, falls meine Behandlung missglückt und der Erfolg nicht Ihren Wünschen entspricht.“

Kay Phearson zwinkert. Die Angelegenheit kommt ihm nicht recht geheuer vor. „Wieso Behandlung? Wollen Sie sich um meine Brandwunden kümmern?“

„Kaufen Sie sich für zehn Cents eine Salbe“, rät Marin ziemlich grob. „Könnte Ihnen so passen, für Ihre verbrannte Haut auch noch hunderttausend zu schlucken. Nee, ich werde Ihre körperlichen und geistigen Fähigkeiten verdoppeln.“

„Hä?“

Mehr bringt Kay nicht heraus. Er starrt sprachlos in das Gesicht des Professors, das jetzt diabolisch zu grinsen beginnt. „Verdoppeln, junger Mann. Sie werden ein Genie sein.“

Kay spürt allmählich eine sanfte Wut in sich aufsteigen. Er ist nicht zu Marin gekommen, um sich veralbern zu lassen.

„Danke!“, knurrt er abweisend. „Verdammt liebenswürdig von Ihnen, aber vielleicht machen Sie erst einmal einen Selbstversuch.“

„Verdammt unliebenswürdig von Ihnen“, quittiert Marin belustigt. „Sie werden bissig. Spott und Sarkasmus sind aber in Ihrem Alter noch Grobheit und Hohn. Bedenken Sie das.“

Kay holt tief Luft. Er will sich nicht aufregen. „Entschuldigen Sie. Vielleicht ist es besser, wir kommen zur Sache. Sie sind gestern Abend überfallen worden und haben etwas weggeworfen, nicht wahr?“

Marin scheint sich eben erst zu erinnern. „Ah, richtig. Stimmt! Übler Bursche! Wollte mich ausplündern. Dummerweise hatte ich dieses – dieses Dingsda bei mir.“

„Ich habe dieses Dingsda gefunden“, teilt Kay bedeutungsvoll mit.

Marin scheint es jedoch nicht besonders zu interessieren. Er nickt nur gleichgültig. „Nett von Ihnen. Ich begreife zwar nicht, wie man sich über dieses Zeug aufregen kann, aber er wird sich freuen. Alberne Art, so etwas einfach herumliegen zu lassen. Ich werfe schließlich meine Thymusdrüsen auch nicht irgendwohin, wo sie einer in Gedanken einstecken kann. Hinterher ist dann natürlich der Teufel los. Wie stellen Sie sich überhaupt zu meinem Angebot?“

Kay tastet vorsichtig. „Hm, Sie meinen, dass Sie mir dieses – dieses Dingsda für hunderttausend Dollar abkaufen wollen?“

Professor Marin reißt die Augen auf. Seine Verblüffung ist echt und offensichtlich recht beträchtlich. „Hunderttausend Dollar für dieses Dingsda? Halten Sie mich für verrückt? Nicht einen Cent, verstehen Sie, nicht einen Cent! Hunderttausend Dollar für – großer Gott, Sie sind ja ein erstaunlich junger Mann, wirklich erstaunlich! Ich sagte Ihnen doch, dass ich Sie in Behandlung nehmen will, um Ihre körperlichen und geistigen Eigenschaften zu verdoppeln.“

Kay Phearson zieht den Metallkörper aus der Tasche und bietet ihn etwas hilflos dar. „Aber – ich bin doch deswegen gekommen. Ich habe das gefunden und dachte …“

„Denken ist immer gut“, nickt Marin beifällig, grinst aber höhnisch dabei. „Die Menschheit geht zugrunde, weil sie nicht mehr zu denken vermag. Im Übrigen übersehen Sie die Zusammenhänge nicht. Dieses – dieses Dingsda gehört meinem Freund Petromis. An ihn müssen Sie sich wenden. Ich habe es gestern nur aus Versehen eingesteckt.“

Kay sieht endlich Licht. „Ach sooo! Und wo finde ich Mr. Petromis?“

„Gleich nebenan“, gibt Marin wieder barsch Auskunft. „Er wohnt im Nebenhaus. Wahrscheinlich wird er sich sogar freuen, wenn Sie ihm dieses Dingsda zurückbringen.“

„Hoffentlich!“, wünscht sich Kay sehnsüchtig. „Ich werde ihn gleich aufsuchen.“

„Und wie steht es mit unserem Vertrag?“

„Ich komme wieder mal vorbei“, verspricht Kay und nimmt sich dabei vor, sich nie wieder bei diesem Verrückten sehen zu lassen. Leider scheint Professor Marin jedoch seine Gedanken zu erraten.

„Sie besitzen zu wenig Ehrgeiz“, tadelt er spöttisch. „Ich vermute, dass Sie mich für nicht normal halten. Das entschuldigt Sie, aber immerhin sollte ein junger Mann in Ihrem Alter noch Wert darauf legen, seine Qualitäten zu verbessern. Doch schön, wie Sie wollen. Vergessen Sie nicht, die Tür hinter sich zu schließen.“

Er wendet sich ab und geht in den Hintergrund des Raums. Kay wartet noch einige Sekunden, da aber Marin offenbar keine Notiz von ihm nehmen will, zieht er sich zurück. Er schließt sogar die Tür hinter sich.

Draußen wischt er sich mit der gebotenen Behutsamkeit den Schweiß von der brennenden Stirn. Die Nacht war nicht ohne Mühe, aber dieser Tag stellt auch seine Forderungen. Wenn dieser Petromis das gleiche Kaliber wie sein Freund Marin hat, lässt sich noch einiges erwarten.

 

2

Unter den zweieinhalb Milliarden Menschen, die unsere Erde bevölkern, gibt es manche merkwürdige Erscheinung, aber selbst der erstaunlichste Einzelfall verliert seine Fremdartigkeit im gleichen Maße, in dem man mit ihm vertraut wird oder seine Hintergründe erkennt. Selbst Filzschuhe und Bundhosen überraschen nicht mehr, wenn man weiß, dass ein Mann an kalten Füßen leidet und seine Bügelfalten schonen will.

Mr. Petromis trägt Bundhosen und dick gefütterte Filzschuhe, zwischen denen seine Waden reichlich dünn wirken, dazu eine schäbige braune Hausjacke aus Samt, einen weißen, steifen Eckenkragen und ein altväterliches Plastron. Auf den schwachen Beinen sitzt ein breiter Oberkörper mit auffallend langen Armen. Dieses Missverhältnis wiederholt sich am Kopf. Die Kinnpartien sind nur schwach entwickelt, während sich oberhalb der eckigen Hornbrille Stirn und Schädel unmäßig wölben und unter den Buckeln und Furchen nur ungern in die dünne Spange des grauen Haares am Hinterkopf hineintauchen.

Kay Phearson hat das Arbeitszimmer dieses Mr. Petromis, einen unordentlichen Raum voller Bücher, Hefte und Zeitschriften, kaum betreten, als Petromis schon auf ihn zueilt und mit beiden Händen nach seinen Rockaufschlägen greift.

„Sie haben ihn? Sie haben ihn?“, drängt er wie einer, der schon lange gewartet hat, mit blechern dünner Stimme. Er bemüht sich sogar, Kay zu schütteln, bringt sich aber damit nur selbst ins Schwanken.

„Wen?“, erkundigt sich Kay vorsorglich und blickt teils verdutzt, teils belustigt auf den Mann, der an seiner Brust herumzappelt. Er fühlt sich plötzlich ganz heiter, denn jetzt scheint er endlich an der richtigen Stelle zu sein.

„Den Permostaten!“, zischt Petromis. „Sie haben ihn doch gefunden, nicht wahr? Geben Sie ihn her, schnell.“

„Hm“, dehnt Kay, denn so eilig hat er es denn doch nicht. „Wollen Sie nicht erst einmal meine Jacke loslassen?“

Petromis gibt ihn frei und hastet zu seinem Tisch. Dort nimmt er eine Hundertdollarnote auf. Er kommt damit wieder heran und hält Kay den Schein unter die Nase. „Da. Für Sie. Als Belohnung. Und nun geben Sie her. Na?“

Kay zuckt die Achseln. Dieser Petromis hat die Absicht, ihn schnellstens abzufertigen. Kein angenehmes Gefühl, gegen die klare Absicht eines Mannes anzulaufen, aber sein Leben hat ihm einige Übung darin verliehen, solche Gefühle beiseite zu schieben. „Wie wäre es, wenn Sie mich erst einmal ansehen würden, Mr. Petromis?“

„Warum?“, zuckt Petromis auf. „Was wollen Sie noch? Ist das nicht genug für – ja, wie sehen Sie eigentlich aus?“

Kay lässt sich mustern. Er spürt den Schreck von Petromis und lässt ihn einige Sekunden zur Einsicht reifen, bevor er sagt: „Ganz recht, Mr. Petromis. Verbrannt und erfroren, beides abwechselnd und mehr als einmal. Für gewöhnlich bin ich weniger unappetitlich, als mein Gesicht und meine Hände jetzt angeben.“

Petromis greift durch die Luft, als wolle er ein Gespinst wegziehen. „Sie haben den Permostaten ...?“

„Ja. Ich stellte Versuche mit ihm an. Ich ließ mich von ihm rösten und anfrieren, bis ich wusste, wie er arbeitet. Glauben Sie jetzt noch, dass ich gekommen bin, um mir hundert Dollar abzuholen?“

Petromis tastet mit dem Zeigefinger vorsichtig nach dem geschwollenen Gesicht Kays, zieht ihn aber bei der ersten Berührung scheu zurück. „Stimmt“, flüstert er wie andächtig. Gleich darauf wird er jedoch wieder lebhaft und scharf. „Sie haben sich verbrannt? Ha, ist Ihnen ganz recht geschehen. Warum spielen Sie mit Dingen, die Sie nichts angehen? Soll ich das etwa auch noch bezahlen, he?“

„Von Bezahlung habe ich nicht gesprochen“, antwortet Kay nüchtern. „Ich möchte nur von Ihnen erfahren, welche Bewandtnis es mit diesem Permostaten hat.“

Petromis biegt sich erschreckt zurück, um wenig später wieder wütend vorzustoßen. „Weiter nichts? Sie sind wohl übergeschnappt, he? Geben Sie das Ding gefälligst her. Hier ist Ihr Finderlohn. Nehmen Sie und scheren Sie sich hinaus.“

„Nichts gegen das Geld“, gibt Kay zurück, „aber den Permostaten behalte ich, solange Sie mir nicht einige Erklärungen dazu gegeben haben.“

„Das wollen wir doch ...“

Kay schiebt Petromis mit einer Schulterbewegung zurück. „Machen Sie sich doch nicht lächerlich, Mr. Petromis.“

„Geben Sie den Permostaten heraus!“, kreischt der Kleine, der jetzt wie ein Pavian herumhüpft. „Ich benachrichtige die Polizei.“

„Bitte“, knurrt Kay düster, denn er fühlt sich jetzt doch recht unbehaglich. Wenn Petromis die Polizei zu Hilfe ruft, ist seine Chance hin. Instinktiv versucht er es mit einem Bluff. „Bitte, dort ist das Telefon. Rufen Sie nur die Polizei. Ich werde Ihnen sogar behilflich sein, die Öffentlichkeit heranzuziehen. Was glauben Sie, was mir die Zeitungen zahlen, wenn ich berichte, wie ich zu meinen Brandwunden gekommen bin?“

Petromis fuchtelt mit beiden Händen. „Unterstehen Sie sich! Sie wollen mich erpressen, was? Sie haben sich da etwas ausgedacht, he? Sie sind ein Erpresser, ein …“

„Augenblick!“, unterbricht Kay schroff. „So kommen wir nicht weiter, Mr. Petromis. Wenn Sie sich wie ein alter Affe benehmen, dann …“

„Wie ein ...?“, schnappt Petromis.

„… gehe ich lieber nach Haus – mit dem Permostaten“, vollendet Kay.

Diese Frechheit benimmt Petromis den Atem. Vielleicht ist es auch die kalte Ruhe dahinter, die Petromis plötzlich still macht. Er erfasst wohl in diesem Augenblick, dass vor ihm ein Mann steht, der nichts zu verlieren hat und entschlossen ist, rücksichtslos zuzugreifen, um alles zu gewinnen.

So ganz gelassen fühlt sich Kay freilich nicht, wie er sich stellt. In ihm zittert mühsam unterdrückt eine scharfe Spannung. Tatsächlich setzt er ja alles ein, was ihm seine Phantasie über Nacht und Tag gebracht hat, und der Mensch verliert oft lieber eine Wirklichkeit als eine Hoffnung.

Petromis wendet sich nach einer Weile ab, geht um seinen Schreibtisch herum und kraucht in seinen Sessel hinein. Erst als er sich darin geborgen fühlt, weist er auf einen Stuhl und sagt barsch: „Setzen Sie sich.“

Kay holt sich den Stuhl heran und lässt sich Petromis gegenüber nieder.

„Was wollen Sie also?“, fragt dieser, ohne seine Abneigung zu unterdrücken.

„Eine Erklärung für das, was ich mit dem Permostaten erlebte, Mr. Petromis. Der Wunsch mag Ihnen seltsam klingen – bei meinem Aussehen – aber ich bin nun einmal neugierig. Außerdem bin ich Ingenieur.“

„Ingenieur?“, winkt Petromis verächtlich ab. „Das ist schon was! Tüchtiger Ingenieur! Wenn Sie etwas gelernt hätten, würde Ihr Gesicht nicht so verbrannt sein. Greift in eine elektrische Widerstandsheizung hinein und wundert sich, dass es brennt. Hähä! Und nun möchten Sie Geheimnisse bei mir erschnüffeln, he? Sehen Sie gefälligst in Ihre Lehrbücher hinein, Sie Ingenieur. Dort finden Sie alles, was Sie brauchen und was Sie wissen wollen.“

„Das bezweifle ich!“, knurrt Kay verärgert.

„Wenn ein Mensch weiter nichts zu tun hat, zweifelt er“, ärgert sich auch Petromis. „Ich kann Ihnen auch nicht helfen, wenn es bei Ihnen da oben nicht ausreicht. Der Permostat ist ein gewöhnlicher Wärmespeicher auf elektromagnetischer Grundlage. Elektrizität wird aufgeladen, als Magnetismus gespeichert und bedarfsweise durch Freigabe des Magnetfeldes in Wärme verwandelt. Begriffen?“

„Nee!“, antwortet Kay grob. „Außerdem habe ich weder etwas von Elektrizität noch von Magnetismus bemerkt. “

„Weil Sie ein Dummkopf sind.“

„Danke. Von mir aus dürfen Sie unhöflich sein, aber lassen Sie sich nicht von weiteren Erklärungen abhalten.“

„Was wollen Sie noch?“, faucht Petromis gereizt und böse. „Ich habe Ihnen alles erklärt. Sie glauben mir nicht? Nun, ich werde – ich werde ...“

Er sucht in seinen Taschen herum, dann erinnert er sich.

„Was suche ich denn? Sie haben doch den Permostaten. Geben Sie her. Ich will Ihnen das Ding erklären.“

Kay zieht die Brauen zusammen. „Muss es unbedingt dieser sein?“

„Ich habe keinen anderen. Denken Sie, dass ich Ihnen damit weglaufe?“

„Hm – es wäre jedenfalls zwecklos.“

Kay hätte manches andere lieber getan, aber er holt doch den Metallkörper aus der Tasche, löst die Drahtsicherung und reicht den Permostaten über den Tisch. Petromis wiegt ihn auf seiner Handfläche. Die Falten um seinen Mund haben sich zu einem bösen Grinsen verschoben.

„Er ist es. Und Sie haben sich an ihm verbrannt? Hähä – zum Lachen! Sehen Sie her.“

Er könnte sich die Mahnung sparen. Kay blickt sehr aufmerksam auf den Permostaten. Er hat keine Lust, ein Verschwindespiel mitzumachen.

Petromis legt die Finger spitz um den Ring und dreht ihn voll nach rechts herum.

Dreitausend Grad Hitze!

„Hähä, verbrenne ich mich etwa?“, kichert Petromis, zieht die beiden Hälften auseinander und legt sie rechts und links von dem herausfallenden Mittelring auf die Tischplatte.

„Hähä, sehen Sie sich das an. Nur ein Tölpel kann sich daran verbrennen. Oder ein Ingenieur! Und dumme Fragen stellen!“

Kay Phearson hat noch nie in seinem Leben einen derartigen Schlag erhalten wie jetzt. Er spürt plötzlich, wie seine verbrannte Haut unerträglich glüht und fiebert.

Das große Geheimnis liegt in drei Stücken vor ihm.

Zwei Eihälften, an der Ringseite um einige Millimeter ausgehöhlt, dazwischen der Ring. Dieser fasst zwei drehbare Scheiben mit gemeinsamem Mittelpunkt. Um diesen herum sitzen winzige Blöcke, fest mit den Scheiben verbunden. Das ist alles.

„Da haben Sie die Magneten, von denen Sie nichts bemerkten“, weist Petromis.

„Berger-Magneten?“, schluckt Kay benommen.

„Natürlich. Äh, was wissen Sie überhaupt von Berger-Magneten?“

„Das Gegenstück zu den Transistoren. Ich habe eine Zeitlang mit ihnen gearbeitet.“

Petromis betrachtet ihn mit erhöhtem Interesse. „Sie?“

„Stimmt schon. Bei Full am Rockefeller-Institut.“

„So? Na, dann wissen Sie ja wohl alles. Dort liegen Ihre hundert Dollar.“

„Danke“, nickt Kay schlaff und enttäuscht, während er den Schein einsteckt. Er ist wie betäubt. „Nur eine Frage noch: Wie erzeugen Sie die Kälte?“

Petromis wird unruhig. „Kälte? Was Sie alles wissen wollen. Kälte! Eine Täuschung natürlich. Wärmeentzug durch Einsturz eines Magnetfeldes, ganz bekannte Übergangserscheinung.“

Er ist zu verwirrt, und seine Begründung klingt zu flau. Kay gewinnt einige Kraft zurück. „Hm, Ihnen scheint manches bekannt zu sein, was sonst unbekannt geblieben ist, nicht wahr?“

„Wie meinen Sie das? Wie meinen Sie das?“, murmelt Petromis gereizt und setzt die drei Teile wieder zusammen. Die Ringdrehung glückt ihm aber nicht ganz, denn er lässt den Permostaten plötzlich fallen und schlenkert seine Hände weg. „Au! Teufel nochmal! Jetzt habe ich mich …“

„Auch verbrannt?“, grinst Kay voll Genugtuung.

„Lachen Sie nicht so dumm!“, fährt Petromis ihn wütend an. „Die Kaminschaufel dort! Wie viel? Zweihundert? Zum Fenster hinaus, schnell!“

„Zweihundert? Pah, dafür brauche ich keine Schaufel.“

Kay reißt sein Taschentuch heraus und greift zu. Die Hitze schlägt wie mit Dolchen durch, aber der Ring schnappt auf die Nullstellung zurück.

„Verdammter Unfug!“, flucht Kay. „Solche Energien, und dann so ungeschickt untergebracht. Wenigstens eine anständige Isolierung hätten Sie sich leisten können.“

Petromis hüpft hoch. „Isolierung? Ich höre immer Isolierung? Bei dreitausend Grad Grenzwert, he?“

„Wolfram frittet erst bei dreitausenddreihundert.“

„Isoliert aber nicht genug.“

„Dann nimmt man etwas anderes. Und überhaupt – der ganze Mechanismus ist einen Dreck wert.“

„Sie können es natürlich besser, was?“, giftet sich Petromis.

„Gott sei Dank. Dafür bin ich Ingenieur.“

„Auf Reisen, he?“

„Lassen Sie doch den Quatsch!“, knurrt Kay wild. Ein mörderischer Schmerz sticht in seiner verbrannten Hand. „Ich brate mir die Hände an ihrem Zeug, und Sie versuchen, mich zum Narren zu halten. Hier, sehen Sie sich das an.“

Er zieht den wasserdichten Beutel an der Halsschnur hoch, nimmt seine Papiere heraus und schiebt sie Petromis hin. Dieser nimmt sie sich aufmerksam vor. Nach dem letzten Blatt macht er eine schiefe Verneigung, weist auf den Stuhl und krächzt mit spöttischer Höflichkeit: „Bitte nehmen Sie wieder Platz, Mr. Phearson. Womit darf ich Ihnen dienen? Sie haben sich die Finger verbrannt? Soll ich Ihnen Vaseline bringen lassen? Oder haben Sie sonst noch Wünsche?“

Kay erstickt fast an der neuen Tonart und schluckt heftig, lässt sich aber nicht abdrängen. „Mein Wunsch ist unverändert der gleiche, Mr. Petromis. Ich habe die Hoffnung noch nicht aufgegeben, dass Sie sich sachlich und vernünftig mit mir unterhalten.“

Petromis grinst. „Wer die Vernunft seiner Mitmenschen beschwört, gesteht seine Schwäche ein. Merken Sie sich das. Was wollen Sie tun, wenn ich Ihren Wunsch nicht erfülle?“

„Ich werde den Permostaten wieder einstecken und ihn so lange in Laboratoriumsbearbeitung nehmen, bis ich seine Geheimnisse kenne.“

Petromis schiebt seinen Oberkörper etwas über den Schreibtisch vor. „Ach? So neugierig?“

Kay lacht grimmig auf. „Neugierig? Na meinetwegen, man kann es auch so nennen. Ich werde jedenfalls zehn Jahre meines Lebens an diesen Permostaten setzen, wenn es nottut.“

„Und was versprechen Sie sich davon?“

Kay zuckt die Achseln. „Überflüssige Frage. Der Permostat liefert auf unbegreifliche Weise Wärme und Kälte von minus dreihundert bis plus dreitausend Grad, scheinbar unerschöpflich und ohne Zufuhr von Energie. Eine Speicherung in bekannten Formen scheidet aus. Er bedeutet für mich das größte technische Wunder, das ich bisher kennenlernte, ein Perpetuum mobile der Energie, ein – hm, Perpetuum mobile – ist der Name etwa ...?“

„Perpetuum mobile Status quo ante portas est laetitia, wie?“, kichert Petromis. „Schön haben Sie das erfasst. Der alte Traum ist Wirklichkeit geworden, das Wunder hat Gestalt angenommen. Ein Perpetuum mobile der Wärmeenergie. Da liegt es. Ich habe es erfunden. Was wollen Sie noch? Die Erfindung wiederholen?“

Kay nimmt sich Zeit. Er belauert den Kleinen, der sich jetzt köstlich zu amüsieren scheint. Irgendwo muss eine Bresche sein. „Hm, das wäre natürlich sinnlos. Aber es würde mich reizen, diesen Permostaten auszuwerten – für die Wissenschaft, die Technik und die Wirtschaft.“

Petromis schüttelt den Kopf. „Wie stellen Sie sich das vor?“

Aber Kay lässt sich nicht beirren. „Hm, ich kenne die Voraussetzungen Ihrer Erfindung nicht, aber ich kann mir vorstellen, dass ihre Auswertung zu beträchtlichen Umwälzungen führen würde.“

„Sie lieben Umwälzungen?“

„Was soll ich dazu sagen? Eine Erfindung ist doch auf jeden Fall nicht dazu da, um in der Hosentasche herumgetragen zu werden. Man muss sie in eine technisch und wirtschaftlich nutzbare Form bringen und in den Dienst der Menschen stellen. Das ist ja schließlich der Sinn solcher Erfindungen.“

„Die Menschen haben genug erfunden und sind nicht glücklicher dabei geworden.“

„Die Menschen haben genug Kinder gezeugt und sind nicht glücklicher geworden. Die Menschen haben genug Hühnerbrühe getrunken und sind nicht glücklicher geworden. Die Menschen haben sich genug gewaschen und sind nicht glücklicher geworden.“

„Hä?“

„Eben“, knurrt Kay. „Sie bringen Dinge zusammen, die überhaupt nichts miteinander zu tun haben. Die Aufgabe der Technik liegt nicht darin, die Menschen glücklicher zu machen. Das mögen die Leutchen gefälligst ohne Technik besorgen, indem sie sich um ihre Seelen kümmern. Glück kommt immer nur von innen, verstehen Sie. Wir von der Technik sorgen höchstens für gewisse Zutaten. Aber die sind eben auch ihr Geld wert. Und wenn Sie sich schon etwas ausgetüftelt haben, so sollten Sie es nicht in der Schublade liegen lassen.“

Petromis denkt darüber nach, während er Kay anblinzelt. Nach einiger Zeit gibt er zu: „Hm, na ja, einiges mag daran richtig sein. Ich will aber nicht, verstehen Sie. Ich will nicht. Was gehen mich die Menschen an? Ich brauche meine Zeit für meine Arbeit. Wie komme ich dazu, für andere zu sorgen? Nee, ich will einfach nicht.“

„Dann passen wir ausgezeichnet zusammen“, antwortet Kay, der jetzt die Bresche sieht, kaltblütig. „Sie widmen sich Ihren Forschungen, während ich die technische Reifung und Auswertung des Permostaten übernehme.“

Petromis starrt ihn verdutzt an, dann beginnt er lautlos zu lachen. Das Lachen wirkt sonderbar hässlich und ein wenig unheimlich, soll wohl aber ein Ausdruck der Belustigung über Kays Vorschlag sein.

„Im Ernst, Mr. Petromis“, drückt Kay unwillig nach. „Sie könnten bestimmt einen Ingenieur gebrauchen. Über die Bedingungen würden wir uns schon einig werden. Ihre Erfindung ist noch völlig unbekannt. Dabei schließt sie bedeutende Möglichkeiten in sich, die Sie vielleicht noch gar nicht sehen. Ich möchte mit Ihnen zusammenarbeiten, wenn auch zunächst nur, um Ihnen bei der technischen Gestaltung zu helfen.“

Petromis wird wieder ernst. Er pendelt mit dem Kopf hin und her und erwägt schließlich nachdenklich: „Nicht schlecht – vielleicht gar nicht so schlecht. Einen Ingenieur könnte ich schon gebrauchen, einen Mann, der einen praktisch nutzbaren Apparat aus dem Permostaten baut. Ich habe keine Zeit dazu, meinetwegen auch nicht das richtige Geschick. Und die Riesen sind zu überhaupt nichts zu gebrauchen. Aber mehr kommt nicht in Frage. Mein Labor ist keine Fabrik.“

Kay sieht einen Finger, an dem er sich halten kann. Er sorgt sich jetzt nicht darum, ob es ihm später gelingen wird, die ganze Hand zu ergreifen. „Na endlich!“, atmet er auf. „Sie wollen mich also annehmen.“

„Nur als technische Hilfskraft gewissermaßen“, schränkt Petromis sofort ein. „Weiter nichts. Und monatliche Kündigung.“

„Einverstanden. Und jetzt können Sie mir vielleicht doch etwas über den Permostaten erzählen?“

Petromis verzieht die Lippen wieder zu einem Grinsen. „Zäh wie Leder, he? Nur nicht locker lassen, was? Aber schön, so etwas muss belohnt werden. Also die Elektronen eines isomeren Elements emittieren bei geringer Zerfallskonstante mit einer Halbwertszeit von sechzehn Tagen und werden durch Kondensator und Magnetfeld in zirkulären …“

„Augenblick“, bittet Kay. „Wollen Sie das noch einmal von vorn anfangen? Ich …“

„Sie begreifen nicht, he?“, kichert Petromis vergnügt. Das mangelnde Verständnis Kays entzückt ihn offensichtlich. „Sie wollen alles haargenau wissen, was? Sie sind eben kein gebildeter Mann. Gebildete Leute nicken eifrig, wenn sie etwas nicht verstehen, damit man sie für gebildet hält. Also beginnen wir andersherum. Haben Sie schon einmal etwas von aufwärts fließender Wärme gehört?“

Kay überlegt kurz. „Hm, nein. Aufwärts fließende Wärme? Das gibt es überhaupt nicht. Wärme fließt immer abwärts.“

„Das bedeutet?“

„Wärme fließt immer dorthin, wo geringere Wärme vorhanden ist. Wenn sich ein Körper von fünfzig Grad Temperatur in einer Umgebung von zwanzig Grad befindet, so gibt er so lange Wärme ab, bis er die Temperatur der Umgebung erreicht hat. Die Wärme eines Ofens geht auf die Zimmerluft über, ein Topf mit heißem Wasser gibt Wärme ab, bis er nicht wärmer als die umgebende Luft ist. Der umgekehrte Zustand existiert nicht.“

„Ach! Wirklich nicht?“

„Nein.“

„So? Und wie steht es dann z. B. mit unseren Bäumen? Sie wachsen bei zwanzig Grad, aber wenn man sie verbrennt, geben sie einige hundert Grad Wärme ab. Oder wie ist es bei Ihnen? Sie essen Brot und kalten Lachs oder, was weiß ich, womit Sie sich den Magen füllen, aber trotzdem haben Sie 37 Grad Blutwärme? Und wie kommt das Öl dazu, große Hitze zu liefern? Meinen Sie, dass man da erst einmal einige tausend Grad Hitze hineingefeuert hat? Und wo stammt eigentlich die infernalische Hitze her, die aus einer Atombombe herauskommt?“

Kay schüttelt den Kopf.

„Das ist etwas ganz anderes. Bei Ihren Beispielen handelt es sich vor allem um chemische Umsetzungen.“

„Und was ist das?“, fragt Petromis mit überraschender Heftigkeit. „Chemische Umsetzungen? Ein Name, nicht mehr. Haben Sie schon einmal überlegt, was hinter diesen chemischen Umsetzungen steckt? Natürlich nicht, Herr Ingenieur. Also schön, bleiben wir bei Ihrem Topf mit heißem Wasser. Wie wäre es, wenn er plötzlich auch noch die Wärme aufnehmen würde, die sich ringsum in der Luft befindet?“

„Eine verrückte Vorstellung!“, wehrt Kay kühl ab. „So etwas gibt es nicht.“

„Natürlich nicht!“, höhnt Petromis. „Gibt es nicht, gibt es nicht! Das sagt jeder Professor, wenn ihm etwas verquer geht. Alles Neue gibt es nicht, bis sich Leute finden, in deren Gehirn das Neue doch hineingeht. Dann ist es auf einmal da, und kein Mensch wundert sich mehr darüber. Was glauben Sie, was die Leute im Jahre 1900 alles für Unsinn geredet haben über Dinge, die es damals noch nicht gab? Flugzeug – gibt es nicht, Radio – gibt es nicht, Tonfilm, Atombomben, Penicillin – gibt es nicht, gibt es nicht. Und wenn nun Ihr Kochtopf doch die Wärme aus der umgebenden Luft aufnehmen würde?“

„Aufwärts fließende Wärme?“, überlegt Kay ratlos. „Hm, das wäre dann aufwärts fließende Wärme. Aber damit ist nicht viel zu gewinnen.“

„Ach – und warum nicht?“

„Die ruhende Wärme der Luft ist nicht groß. Was nützen schon zwanzig oder dreißig Grad Temperaturerhöhung?“

„Was nützt dem Menschen das Gehirn?“, gibt Petromis zurück. „Man muss es auch gebrauchen. Berücksichtigen Sie, dass Ihr heißes Wasser nicht hundert Grad Celsius hat, sondern ungefähr dreihundertsiebzig. Die Festlegung des Nullpunktes bei Null Grad ist ebenso wie die übliche Trennung in Wärme- und Kältegrade nicht mehr als eine freundliche Überlieferung. Der tatsächliche Nullpunkt liegt ungefähr bei minus zweihundertdreiundsiebzig nach dem Celsius-System. Die Wärme Ihres Heißwassers muss also die Kennziffer dreihundertdreiundsiebzig erhalten. Die Luft könnte ungefähr dreihundert Grad abgeben, macht also zusammen mindestens sechshundertsiebzig. Ist das etwas oder ist es nichts?“

Kay macht aus seiner Verblüffung kein Hehl. „Hm, so gesehen – wenn Sie bis auf den absoluten Nullpunkt zurückgehen? Dann allerdings. Dann lässt sich aus der Luft schon einige Wärme herausholen. Aber – immerhin nur einige hundert Grad, und Ihr Permostat liefert dreitausend Grad Hitze.“

„Sie müssen in Wärmeeinheiten denken“, mahnt Petromis sanft und spöttisch. „Temperaturgrade besagen nicht viel. Sie fixieren bloß die momentane Wirkung. Auf die Wärmeeinheiten kommt es an. Was glauben Sie wohl, wie viel ruhende Wärmeeinheiten allein in der Luft dieses Zimmers stecken? Oder was glauben Sie, wie viel Wärmeeinheiten eine ganz gewöhnliche Wasserleitung abgibt?“

Die Fragen reißen Kay nach vorn. Er sucht ungläubig. „Sie meinen – Sie denken an einen fortlaufenden Entzug von Wärmeeinheiten? “

Petromis sieht wieder einmal wie ein grinsender Affe aus. „Denken Sie lieber, junger Freund. Wäre doch nett, wenn man bloß die Wasserleitung aufzudrehen brauchte, um seine Stube zu heizen, nicht? Leitungswasser von fünfzehn Grad kann getrost zehn Einheiten pro Liter abgeben, ohne dass es auffällt. Fünf Grad ist auch noch warm genug. Zehn Einheiten vom Liter, das gibt schon tausend Einheiten, wenn Sie die Badewanne volllaufen lassen. Gehen Sie aber bis auf den Nullpunkt zurück, so genügen vier Liter, um tausend Einheiten zu gewinnen.“

„Nur, wenn Sie die Wärme speichern können.“

„Habe ich das bestritten?“

„Sie – Sie können das?“

„Haben Sie sich nicht genug verbrannt?“

„Sie können das wirklich?“, flüstert Kay, denn allmählich geht ihm auf, was dieser zahnlose Alte ihm gegenüber gefunden und erfunden hat. „Das – das ist phantastisch! Sie können aus Luft, Wasser oder anderen Stoffen die ruhenden Wärmeeinheiten herausziehen und in diesem Permostaten speichern? Sie können die Wärme aufwärts fließen lassen, so dass bei der Umschaltung auf abwärts fließende Wärme eine Temperatur bis zu dreitausend Grad entsteht?“

„Ja“, bestätigt Petromis einfach.

„Aber die Kälte?“

„Nicht so dumm fragen“, tadelt Petromis, doch in seiner Stimme schwingt zum ersten Male etwas Väterliches mit. „Wenn die Wärme aufwärts fließt, also aus der Umgebung in den Permostaten hinein, verliert die Umgebung selbstverständlich Wärme, wird also kälter, und zwar am intensivsten unmittelbar am Permostaten.“

Kay schlägt sich an die Stirn. „Richtig! Entschuldigen Sie, Mr. Petromis, ich bin etwas durcheinander. Also bei Linksdrehung des Ringes fließt die Wärme aufwärts und wird gespeichert, bei geringer Drehung langsam, bei starker Drehung entsprechend schneller. Dreht man den Ring nach rechts, so fließt die Wärme normal, wird also an die Umgebung abgegeben. Praktisch können Sie zwischen rund zweihundertsiebzig minus und dreitausend plus jede beliebige Temperatur erzeugen, ohne eine andere Energiequelle in Anspruch zu nehmen als die ruhende Wärme der Luft.“

„Erfasst“, nickt Petromis.

„Ungeheuerlich! Und welche Dauerleistungen erzielen Sie damit?“

„Die Dauerleistung hängt von der Lebensdauer der Berger-Magneten ab. Sind diese zu stark zersetzt – man rechnet ungefähr zwei Jahre – so müssen sie ausgewechselt werden.“

„Hm, ich meinte, wie lange der Permostat ununterbrochen dreitausend Grad Hitze abgeben kann.“

„Bei dieser Grenzleistung ungefähr sechsunddreißig Stunden. Bei niedrigeren Werten dauert die Entladung entsprechend länger.“

„Und dann muss er umgeschaltet und wieder aufgeladen werden?“

„Ja. Dazu brauche ich bei Vollspeicherung, die allerdings praktisch kaum in Frage kommt, drei Stunden.“

„Und worauf beruht diese Wirkung des Permostaten? Wie bringen Sie die Wärme dazu, aufwärts zu fließen?“

Petromis lächelt nachsichtig. „Jetzt möchten Sie auch noch das Rezept haben, nicht wahr? Aber daraus wird nichts. Sie sollen mir bei der technischen Arbeit helfen, aber nicht etwa meine Rezepte mausen. Ich sagte Ihnen doch schon, dass die Elektronen eines isomeren Elements …“

„Unsinn!“, unterbricht Kay unmutig. „Damit wollen Sie mich nur auf den Arm nehmen. Sie haben einen neuen Stoff entdeckt?“

„Mein Petan ist kein neuer Stoff. Alles Altmaterial, nur ein bisschen mehr herausgeholt als sonst. Wo kämen wir hin, wenn wir dauernd neue Stoffe brauchten? Aus der Kohle hat man auch Hunderte verschiedener Substanzen von der Butter bis zum Parfüm herausgeholt, und deswegen bleibt sie doch die alte Kohle. Man muss nur richtig mischen, dann verschlingen gewisse Stoffe die Wärme, verstehen Sie.“

„Leider nicht“, erwidert Kay trocken. „Ganz so ahnungslos bin ich doch nicht, wie Sie glauben. Wir sind uns doch wohl darüber einig, dass Wärme keine Substanz ist, die Ihr Permostat einfach in sich hineinsaugen kann wie der Schwamm das Wasser. Wärme gilt nach der kinetischen Wärmetheorie als Molekularbewegung, also als besonderer Schwingungszustand der Moleküle. Das sagt nicht viel, denn schließlich ist das eine sekundäre Erscheinung. Es kommt darauf an, wodurch diese Molekularbewegungen hervorgerufen werden. Die Anstoßenergie ist wichtig. Diese kann eigentlich nur von Elektronen geliefert werden, die sich zwischen der molekularen oder gar atomaren Struktur befinden. Sie bewegen sich mit ziemlicher Geschwindigkeit, prallen auf die Moleküle und versetzen sie in jene Bewegung, die unseren Sinnen als Wärme erscheint. Die Wärme ist also eine sekundäre Energieform, hinter der primär Elektronenenergie steht. Die Umwandlung dieser kinetischen Elektronenenergie in Wärme zeigt uns der Alltag fortlaufend. Wir finden nichts Besonderes an ihr, sondern genießen sie an jeder Heizplatte. Wenn die Wärme nun aufwärts fließen und zur Speicherung kommen soll, so ist das wohl nur dadurch möglich, dass sich die sekundäre Molekularbewegung in die primäre Elektronenbewegung zurückverwandelt. Wenn man es auf einen einfachen Nenner bringen will, heißt das, dass sich die Wärme in kinetische Elektronenenergie und diese in einen potentiellen Zustand umwandeln muss. Und das ist es doch wohl, was Ihr Permostat schafft.“

Petromis hat den Mund offen. Seine Augen sind verkniffen und liegen lauernd auf dem Gesicht Kays. Nach einer langen Pause murmelt er wie in einem Selbstgespräch: „So so. Das wissen Sie alles? Und dann kommen Sie her und wollen mich aushorchen? Sie sind ja ein gefährlicher Bursche, ganz gefährlich. Wundert mich bloß, dass Sie noch nicht die dritte Wirkung vermissen.“

„Ich wollte Sie eben danach fragen, Mr. Petromis. Wo bleibt die Elektrizität?“

Petromis hüpft aus seinem Sessel heraus. „Also doch!“, fistelt er erregt. „Das hätte ich mir denken können. Erst ausfragen und dann kritisieren. Machen Sie es doch besser, wenn Sie können! Zwei Jahre lang habe ich danach gesucht, dann habe ich es aufgegeben. Nichts zu machen. Wie verhext. Wo bleibt die Elektrizität! Schöne Frage, Herr Ingenieur.“

„Ist sie nicht berechtigt?“, horcht Kay verwundert. „Wenn es Ihnen gelungen ist, Elektronenenergie aus der Wärme zu gewinnen und zu speichern, so muss man erwarten, dass Sie diese Energie nicht nur wieder in Wärme zurückverwandeln können, sondern auch in Elektrizität. Das scheint mir theoretisch sogar leichter zu sein, weil die Verwandtschaft der Energien höher ist.“

„Theoretisch!“, krächzt Petromis mit einiger Bitterkeit. „Theoretisch ist alles leicht. Aber praktisch, praktisch ist eben nichts zu wollen.“

„Schade“, entspannt sich Kay. „Das wäre das großartigste gewesen. Aufwärts fließende Wärme aus der Luft oder aus dem Wasser – und dann Elektrizität. Aber es ist ja auch so allerhand.“

„Vielen Dank“, quittiert Petromis bissig. „Den Rest können Sie ja dann besorgen.“

„Sie hatten bisher keine Mitarbeiter?“

„Nein“, antwortet Petromis mürrisch. „Gehilfen schon, aber sie taugen nichts. Es sind die Riesen von Marin. Übrigens – wenn Sie sich mit ihm einlassen, sind wir geschiedene Leute. Sie werden Ihr bisschen Verstand bei mir brauchen.“

„Keine Sorge, Mr. Petromis. Ist es Ihnen recht, wenn ich bei Ihnen wohne?“

„Damit Sie mir Tag und Nacht auf die Finger sehen können, he? Aber meinetwegen – Platz ist genug vorhanden.“

Damit ist die Unterhaltung, die über die Zukunft Kay Phearsons entscheidet, im Wesentlichen beendet. Weder Petromis noch Kay haben eine klare Linie eingehalten, die von mathematischen Berechnungen oder psychologischen Lehrsätzen her hätte anerkannt werden können. Sie haben durcheinander gedacht und gefühlt, sich immer wieder umgestellt und gelegentlich sogar vergessen, was sie ihrem Ausgangspunkte schuldig waren. Sie haben sich wie gewöhnliche Sterbliche benommen, obgleich dem Gegenstand ihrer Unterhaltung eine dramatisch gesteigerte Haltung angemessen gewesen wäre.

Immerhin glauben sie beide, das Gespräch erfolgreich geführt zu haben. Kay Phearson hält den kleinen Finger, an den er sich anklammern kann, und Petromis hat erreicht, was ihm wünschenswert erschien. Der Permostat befindet sich wieder in seiner Hand, und dieser bedrohliche junge Mann bleibt im Hause, so dass nicht zu befürchten ist, dass sich in Kürze Berichterstatter und hinter ihnen Millionen Menschen um einen gewissen Petromis kümmern. Nebenbei braucht er tatsächlich jemand, der ihm bei der technischen Kleinarbeit zur Hand geht.

Petromis lebt sehr abgeschlossen und menschenscheu. Er verbringt fast den ganzen Tag in seinem Laboratorium. Den gesamten Haushalt wie den Verkehr mit der Außenwelt überlässt er seinen beiden Dienern. Sie sind beide über zwei Meter groß, harmlos und gutmütig, aber ziemlich dumm. Sie verstehen nichts von der Arbeit ihres Herrn und kümmern sich nicht um sie.

Der einzige Besucher, der gelegentlich bei Petromis erscheint, ist Professor Marin. Die beiden Herren sind trotz ihres Altersunterschiedes – Marin steht in der Mitte der Vierzig, Petromis in der Mitte der Sechzig – miteinander befreundet, doch scheint diese Freundschaft mehr auf einem gegenseitigen Bedürfnis nach Streitigkeiten zu beruhen. Marin wertet die Forschungen von Petromis als überflüssigen Unfug, und Petromis zahlt ihm mit gleicher Münze. Sobald sie zusammen sind, geraten sie über irgendeine wissenschaftliche These in heftige Auseinandersetzungen, bei denen sich jeder an Hohn und Ironie zu überbieten trachtet. Trotzdem fühlen sich beide befriedigt. Es ist, als entgifteten sie sich gegenseitig mit diesen Streitigkeiten. In mancher Hinsicht ähneln sie zwei Schachspielern, die sich treffen, um sich miteinander zu messen, und die sich um so befriedigter fühlen, je schwerer und erbitterter der Kampf war.

Kay Phearson versteht sich bald recht gut mit Petromis, der hinter seinem bissigen Gehabe ein mitfühlendes, väterliches Herz verbirgt. Marin gegenüber aber wird er nicht warm. Die zynische Art des Professors reizt ihn immer wieder, ohne ihn zu fesseln. Marin ist zweifellos ein gescheiter Kopf und besitzt einen viel anständigeren Charakter, als er anderen gegenüber eingesteht, aber es bleibt ein Rest, mit dem Kay nicht fertig wird. So bleibt eine Spannung zwischen ihnen, die schon deshalb nicht schwindet, weil sie selten zusammentreffen.

Nur in den ersten Tagen erscheint er häufiger. Er macht kein Hehl daraus, dass sein Interesse Kay gilt. Am dritten Tage wiederholt er sein Angebot, hunderttausend Dollar zu zahlen, falls sich Kay einer Behandlung durch ihn unterwerfe.

„Sie haben nichts zu befürchten“, versucht er ihn zu überreden. „Der Vertrag wird notariell ausgefertigt. Falls Sie wünschen, kann ich Ihnen auch Empfehlungen vorlegen.“

„Mir wäre lieber, wenn Sie mir erklären würden, um was es sich handelt.“

Das liegt offenbar nicht ganz in der Linie Marins, denn er zögert. Schließlich fragt er: „Was wissen Sie über die Thymusdrüse?“

„Eine Drüse hinter dem Brustbein, die das Wachstum des Menschen regelt.“

„Allerhand für einen Mechaniker“, anerkennt Marin sarkastisch. „Die Thymusdrüse sorgt dafür, dass jeder auf sein vorgeschriebenes Maß kommt. Sie erzeugt Vitamin B 2, genannt Laktoflavin, das nach Veresterung mit Phosphorsäure und Eiweißbindung als Flavinenzym auftritt. Auch die Cozymase – hm, aber so genau brauchen Sie das wohl nicht zu wissen. Die Thymusdrüse verkümmert ungefähr im zwanzigsten Lebensjahr, wenn das Wachstum beendet ist. Oder richtiger: Das Wachstum ist beendet, weil die Thymusdrüse verkümmert. Wer schwach thymusdrüst, bleibt klein. Begriffen?“

„Vollkommen.“

Professor Marin lächelt niederträchtig.

„Na, wenn schon. Die Thymusdrüse kann durch gewisse Strahlen, die mein Patent sind, angeregt werden, solange sie noch Spuren von Leben zeigt. Das tut sie bis zum dreißigsten Lebensjahr. Ergebnis: Der Mensch wächst weiter. Er wächst über das vorgesehene Maß hinaus, wird eine Doppelportion Mensch, ein Übermensch diesseits und jenseits von Nietzsche. Jedem seine Körpergröße nach Wunsch, Beruf, Lebensstellung und Mode. Was meinen Sie dazu?“

Kay zwinkert freundlich.

„Ein bisschen verrückt, Herr Professor, nicht wahr? Man sollte nie über die Grenzen hinausgehen, die von der Natur gezogen wurden.“

„Quatsch!“, tut Marin verächtlich ab. „Wenn sich die Menschen immer an die Grenzen, der Natur gehalten hätten, rieben sie sich jetzt noch den nackten Hintern an einem Ast. Außerdem weiß kein Mensch, wo eigentlich diese berühmten Grenzen der Natur liegen. Wir können noch weit von ihnen entfernt sein. Aller Fortschritt führt über jene Grenzen hinweg, mit denen schon vor tausend Jahren die alten Weiber ihre persönliche Beschränktheit bemängelt haben.“

„Vielen Dank!“, quittiert Kay trocken. „Ihre Diener haben sich Ihrer Behandlung unterzogen?“

„Kaum zu übersehen, Sie Schlaukopf.“

„Dann verzichte ich gern. Es ist Unfug, die Menschen weiterwachsen zu lassen, um zu solchen Ergebnissen zu kommen.“

Professor Marin fährt sich mit der Hand erregt durch seine rote Mähne und gibt böse zurück: „Natürlich! Eins, zwei drei – fertig! Was gefällt Ihnen nicht an den Leuten?“

„Sie sind dumm.“

„Ach, und was waren sie vorher, bevor ich sie behandelte? Auch dumm, verehrter Herr, auch dumm! Aber weil Professor Marin die Thymusdrüse kitzelt, muss er nun gleich alles können, was? Die O-Beine müssen gerade werden, und die Dummköpfe zu Genies. Verlangen Sie da nicht ein bisschen viel, he?“

Kay denkt gerecht genug, um die Entrüstung Marins zu begreifen. Es ist schon eine dumme Art, die Leistungen eines Mannes dadurch zu verkleinern, dass man ihm einen Mangel vorwirft, der mit seinen Bemühungen nichts zu tun hat.

„Zugegeben“, nickt er denn auch bereitwillig. „Trotzdem bleibt die Frage offen, warum Sie denn solche Menschen zum Wachsen brachten.“

Details

Seiten
120
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783738923803
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2018 (November)
Schlagworte
alle feuer erden

Autor

Zurück

Titel: Alle Feuer verlöschen auf Erden