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CALLAHAN #17: Wo die Hölle gefriert

2018 120 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Title Page

Wo die Hölle gefriert

Klappentext:

Roman:

CALLAHAN

 

Band 17

 

Wo die Hölle gefriert

 

Ein Western von John F. Beck

 

 

 

IMPRESSUM

 

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© Roman by Author / Cover 2018: Tony Masero

Redaktion und Korrektorat: Alfred Wallon

© dieser Ausgabe 2018 by Alfred Bekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

 

Klappentext:

Ich wusste, dass es Ärger geben würde. Nur hatte ich unterschätzt, dass es so schnell geschah. Am vierten Tag packte Randy Boone der Koller. Mit McLanes Holzfälleraxt ging er zuerst auf Chippewa-Charly los. Dann versuchte er mir mit dem messerscharfen Stahl den Schädel einzuschlagen. Währenddessen heulte der Blizzard noch immer mit ungebrochener Wildheit. So, als wäre er erst vor wenigen Minuten über das frosterstarrte Land südlich der kanadischen Grenze hereingebrochen. Uns kam es jedoch wie eine halbe Ewigkeit vor. Zu fünft waren wir in Lon McLanes Blockhütte zusammengepfercht. Dazu vier Tage lang dieses an und abschwellende Heulen in den Ohren. Das konnte einen Mann schon verrückt machen. Bei Boone kam allerdings noch ganz was anderes hinzu …

 

 

 

 

Roman:

Begonnen hatte es ja schon, als Phil Braddock und ich auf unserer Flucht die einsame Trapperhütte erreichten. Wir flohen nicht vor irgendwelchen Burschen, die es auf unsere Skalps abgesehen hatten. Seit Tagesanbruch spürte ich es in allen Knochen, dass uns viel was Schlimmeres bevorstand, wenn wir das Rennen nicht schafften.

Die Temperatur war gesunken. Das Klappern.der Hufe unserer Gäule wirkte viel lauter als sonst. Wie tot lagen die Wälder und Hügel unter einem stahlgrauen HimmeL Eine Atmosphäre erschreckender Leere umgab uns. Ein heller Fleck im Norden wirkte wie ein Loch im Himmel, Manchmal schien es mir auch, als würde uns ein fahlgelbes, bösartiges Riesenauge entgegenstarren.

Entgegen, sage ich. Denn wir hielten Stunde um Stunde, so verrückt es klingen mag, genau darauf zu. Drunten in Waskish hatte man uns gesagt, dass wir sieben Meilen südlich vom Lake of the Woods McLanes Hütte finden würden. Wir hatten ursprünglich nur vorgehabt, die nächste Nacht dort zu verbringen. Doch nun hing unser Leben davon ab, dass wir die Etappe in der Hälfte der Zeit schafften.

Ich kannte die Zeichen. Und die finstere, geradezu rücksichtslose Verbissenheit, mit der ich unserem Ziel zustrebte, machte auch Braddock klar, um was es ging. Als wir schließlich aus einer Hügelkerbe ritten und das massiv gezimmerte Blockhaus unter düster ragenden Tannen vor uns sahen, hatten wir nur einen befreienden Gedanken: geschafft!

Zwei Minuten später kamen uns daran Zweifel. Zum Herabfallen erschöpft, hielten wir unsere dampfenden Pferde vor der Hütte. Das erste, das wir sahen, war ein Gewehrlauf, der sich aus dem Türspalt schob. Dazu bellte eine heisere Stimme: „Fasst ja eure Schießeisen nicht an! Es wäre euer letzter Fehler. Der Teufel soll mich holen, wenn ich nicht weiß, wer euch geschickt hat!“

Braddock und ich blickten uns mehr verwundert als erschrocken über diese Begrüßung an. Ein stoppelbärtiges, vor Anspannung verkniffenes Gesicht erschien über der Waffe. Das Flackern in den Augen warnte mich. Braddock mochte vielleicht glauben, dass wir es mit einem Verrückten zu tun hatten, der da wie zum Sprung geduckt vor uns stand.

Aber ich kannte diese gewisse Art von Zucken um den Mund, dieses fiebrige Brennen in den Augen. Ich hatte es bei Männern gesehen, die tage- und wochenlang wie Tiere gehetzt worden waren und schließlich fähig waren, ihrem besten Freund eine Ladung Blei zwischen die Rippen zu jagen, wenn der unerwartet vor ihnen stand.

Ich schüttelte den Kopf und sagte so ruhig wie möglich: „Niemand hat uns geschickt, Mister. Scheint, dass du uns für die falschen Leute hältst. Alles, was wir wollen, ist ein Dach über dem Kopf, bevor der Schneesturm losbricht.“

Ich wies mit einer Kopfbewegung auf den hellen, runden Fleck über den Tannenwipfeln. Ein ferner, unheimlicher Pfeifton drang von Norden. Für einen, der sich in der Wildnis auskannte, war es das höchste Alarmzeichen. Aber der Stoppelbärtige machte keine Anstalten, uns hinein zu bitten. Im Gegenteil.

„Verschwindet!“, zischte er. „Wenn ihr in zehn Sekunden noch hier seid...“

„Nun mach aber ’nen Punkt, Boone!“, knurrte eine andere raue Stimme. „Du kannst diese Männer nicht einfach in den sicheren Tod schicken, nur weil du sie für die Kerle hältst, vor denen du dich bei mir verkrochen hast! Du siehst doch, sie kommen von Süden rauf, nicht von der kanadischen Seite der Grenze.“

Die Tür wurde nun vollends geöffnet. Ein massiger, derb gekleideter Mann trat neben Randy Boone. Er war um die Fünfzig. Ein dichter Bart umrahmte sein wettergegerbtes Gesicht. Ein schweres Jagdmesser hing an seinem Gürtel.

Boone lachte krächzend: „Natürlich tun sie so, als wären sie ahnungslos! Was hast du denn gedacht, McLane? Aber sieh dir nur mal das Schießeisen des Großen da an. Wenn das nicht die Kanone eines verdammten Revolverschwingers ist, will ich mein Leben lang nur mehr Baumrinde fressen!“

„Na, dann guten Appetit!“, brummte ich und rutschte aus dem Sattel. Ich versuchte das drohend ruckende Remingtongewehr zu ignorieren und schaute McLane an. „Mein Name ist Jed Callahan. Das ist Phil Braddock. Er arbeitet für ’ne große Zeitung im Osten. Wir beide wollen nach Winnipeg hinauf. Daraus scheint nun allerdings so schnell nichts zu werden. Der Winter kommt dieses Jahr verflucht früh. Ich kann’s nicht ändern, aber bis zur nächsten Siedlung auf der anderen Seite des Wäldersees schaffen wir’s nun mal nicht mehr.“

„Selbstverständlich bezahlen wir für alles“, fügte Braddock überflüssigerweise hinzu.

Für mich war es eigentlich eine Selbstverständlichkeit, dass McLane sich an das Gesetz der Wildnis hielt, und uns nicht die Tür wies. Brad-docks volle Brieftasche war hier draußen eher ein Nachteil. Vor allem, wenn er nicht aufhörte, bei jeder Gelegenheit raushören zu lassen, was für ein stinkreicher Bursche er doch war. Aber das würde ich ihm hoffentlich noch austreiben.

Für ein Greenhorn, und das war ein Zeitungsschreiber in meinen Augen, war Phil Braddock sonst ganz in Ordnung. Das hatte er auf den letzten Meilen bewiesen, als ich schon selber dachte, meine Knochen hätten sich in Gummi verwandelt. Dass dieser Teufelsritt nichts im Vergleich zu dem war, was hier vor McLanes Hütte seinen Anfang nahm, ahnte ich nicht. Die eigentliche Bewährungsprobe stand Braddock noch bevor.

Vorerst blickte McLane skeptisch auf meinen Peacemaker. Ich hatte den Colt außen über meine pelzgefütterte Mackinaw-Jacke geschnallt. Klar sah man der Waffe an, dass ich sie nicht zur Zierde und auch nicht nur zum Kaffeebohnenzermalmen mit mir herumschleppte. Mehr als einmal war sie mein letzter Trumpf gewesen, wenn’s darum gegangen war, am Leben zu bleiben. Deshalb war ich doch nicht gleich ein Killer.

„Trau denen nicht, McLane!“, hetzte Boone. „Jag sie weg!“

Das zunehmende Pfeifen jenseits der bewaldeten Höhen zwischen McLanes Hütte und dem See erinnerte mich daran, wie die Zeit dahinraste. Ich spürte plötzlich die Wut wie einen Bleibatzen im Bauch. McLane kratzte sich am bärtigen Kinn. Bevor er zu einem Entschluss kam oder ich loslegen konnte, schob sich eine weitere Person an den beiden Männern vorbei.

Ich traute meinen Augen nicht: ein Mädchen! Zwanzig Jahre vielleicht, schlank, dunkelhaarig, mit braunen Mandelaugen in einem ausdrucksvollen Gesicht. Eine Schönheit. Nicht von der marmorglatten Art, wie es sie in den Städten gab, eher herb, mit einer Ahnung von Wildheit und Durchsetzungsvermögen unter der sanften Oberfläche. Und dazu diese geschmeidige, anmutige Art, sich zu bewegen! Mir blieb die Sprache weg. Braddock saß noch auf seinem Schecken, mit einem Gesicht, als wär’ ihm ein Engel erschienen.

„Die Tiere holen sich ja einen Nierenschlag, wenn sie noch lange in der Kälte stehen. Ich bringe sie in den Stallanbau, wenn’s Ihnen recht ist.“

Die Stimme war ruhig, fast weich. Es war die Entschlossenheit, die sich dahinter verbarg, die mich beeindruckte. Braddock war vielleicht noch nie so schnell aus dem Sattel gekommen. Von Erschöpfung keine Spur mehr.

„Vielen Dank, Madam!“ Trotz der Saukälte zog er seinen Hut. Seine Verbeugung hätte einem spanischen Grande zur Ehre gereicht. Na ja, Phil Braddock war eben das, was ich wahrscheinlich nie sein werde: der geborene Gentleman. Das Lächeln des Girls gefiel mir da schon weitaus besser. Nur schade, dass es jetzt nicht mir galt.

„Du liebe Zeit, wenn Sie mich Madam nennen, komme ich mir wie eine alte Jungfer vor! Sagen Sie Jenny zu mir, wie es hier draußen alle tun. Ich bin McLanes Tochter.“

Wie selbstverständlich nahm sie nun auch mir die Zügel aus der Hand. Ihr Blick ließ mich vollends vergessen, dass ich eben noch gute Lust gehabt hatte, Boone an die Gurgel zu springen. Dieses zauberhafte Geschöpf und dieser bärtige Klotz von Trapper als ihr Vater! Well, ich war mein Leben lang auf Überraschungen eingestellt, und das war nicht die unangenehmste.

McLane grinste sauer. „Da ist nichts zu machen, Boone. Wenn Jenny denkt, die Burschen sind in Ordnung, dann nützt dir auch deine Knarre nichts. Also, mach kein Theater. Immerhin bin ich hier der Boss. Schätze, die Jungs wollen wirklich nichts von dir. Nun kommt schon ’rein in die warme Stube!“

Drinnen blakte eine Petroleumlampe. Eine in Tabaksrauch gehüllte Gestalt kauerte auf einem Fellstapel in der Decke. Es war ein runzliger indianischer Oldtimer, der keinerlei Notiz von uns zu nehmen schien. Ich hab’ selten einen Mann so qualmen gesehen. Eine ausgewachsene Baldwin-Lok war nichts gegen den. McLane stellte ihn als Chippewa- Charly vor. Der Alte war ein Jagdpartner, der den Winter über mit ihm Fallen stellen wollte.

Braddock betrat vor mir die Hütte. Mir versperrte Boone mit seiner Remington den Weg. „Wenn Fenders dich schickt“, zischte er, „dann glaub ja nicht, dass du schon gewonnen hast, Callahan! Ich werd’ ein Auge auf dich haben. Wenn ich irgend etwas wittere, was mir nicht gefällt, dann kannst du dein Testament machen!“

„Wer zum Teufel ist Fenders?“, wollte ich wissen. Aber er antwortete nur mit einem gepressten Fluch.

Eine Stunde später, als der eisige Orkan uns längst von der Aussenwelt abgeschnitten hatte, sprach ich McLane leise darauf an. Ich bekam nur ein Achselzucken. Angeblich wusste auch der Fallensteller nicht, vor wem Boone eigentlich so die Hosen voll hatte. Boone war für ihn im Grunde genauso ein Fremder wie Braddock und ich. Aber irgendwie hatte ich dabei das Gefühl, dass wir ohne das Eingreifen von McLanes Tochter nicht in seiner „warmen Stube“ sitzen würden. Der Trapper schien fast ebensowenig wie Boone von unserer Anwesenheit begeistert zu sein.

Jennys wegen? Sie war jung, stimmt. Aber ich glaube nicht, dass ein Mann ihr hätte gefährlich werden können, wenn sie das nicht wollte. Nein, McLane hatte einen anderen Grund, uns so finster anzustarren, wenn er sich unbeobachtet fühlte. Boone dagegen machte aus seinem Misstrauen und seiner Feindseligkeit keinen Hehl. Seit ich über die Schwelle getreten war, war immer die Remington in seiner Reichweite.

Unter Gemütlichkeit verstand ich was anderes. So hoffte ich, dass dieses verflixte brüllende Ungeheuer, das den Schnee tonnenweise auf das einsame Land spie, sich bis zum nächsten Morgen ausgetobt hatte. Ich war entschlossen, weiterzuziehen, auch wenn Berge von Schnee sich zwischen uns und den Siedlungen am Lake of the Woods türmten. Nur - was immer sich jeder von uns insgeheim vorgenommen hatte, der Blizzard machte uns einen ganz dicken weißen, eisigen Strich durch die Rechnung.

 

*

 

Vier Tage Schneesturm. Das hieß vier Tage Eingesperrtsein, während draußen das Land in Massen von sturmgepeitschtem Schnee versank und die Temperaturen auch tagsüber nicht über zwanzig Grad unter Null stiegen. Das waren vier Tage wie in einer zerbrechlichen Kapsel aus Wärme, Licht und Leben inmitten einer entfesselten Schnee- und Eishölle. Wenn man nur die Nase vor die Tür streckte - vorausgesetzt, man bekam die Tür im Wüten und Zerren des Sturms überhaupt auf - glaubte man, vom Pestatem der Hölle gestreift zu werden.

Tagsüber losten wir zweimal aus, wer nach den Pferden zu sehen hatte. Die paar Schritte zum Stall waren dann jedesmal ein Abenteuer. Tag und Nacht konnten wir nur mit der Uhr auseinanderhalten. In diesem nicht enden wollenden Brüllen, das McLanes Hütte umgab, bestand die Zeit für uns nur aus Phasen, in denen wir wachten oder schliefen. Jenny und ihr Vater hatten eigene Schlaf kammern. Wir anderen machten es uns auf den Decken und Fellen in McLanes „warmer Stube“ bequem.

Lebenspendendes Zentrum war für uns alle der gusseiserne, bullernde, manchmal bis zur Rotglut erhitzte Ofen. Brennholz war reichlich vorhanden. Als der Stapel in der Hütte nicht mehr reichte, holten wir es von der sturmgeschützten Rückseite des Gebäudes herein. Außerdem besaß McLane genug Proviant. Wir hätten es in aller Bequemlichkeit noch Wochen hier ausgehalten, wenn ...

Nun, da war vor allem diese verdammte Enge, in der man keine Minute für sich allein sein konnte und dauernd die immer mürrischer werdenden Gesichter der anderen vor Augen hatte. Mit der Zeit verblasste da sogar Phil Braddocks Talent als Unterhalter. Natürlich war es Boone, der immer sein Gewehr neben sich hatte, ob er nun aß oder schlief oder nur dasaß und vor allem mich anstarrte, als hätte ich seine ganze Familie ausgerottet und wollte nun auch ihm noch an den Kragen.

Ich bin ja kein zimperlicher Typ. Aber spätestens am dritten Tag begann Randy Boone mir auf die Nerven zu fallen. Er hatte immer häufiger etwas Irres in seinem Blick. Manchmal schreckte er hoch, das Gewehr in den Fäusten. Dann lauschte er, als wartete er darauf, dass im nächsten Moment die Tür aufgerissen würde und eine Horde skalphungriger Rothäute hereingestürzt käme. Das konnte mitten in der Nacht sein. Er stand jedes mal da, Schweiß auf dem nach wie vor unrasierten Gesicht, als hätte er den Teufel gesehen. In der darauffolgenden Stunde konnte es ihm dann einfallen, mindestens zehnmal den schweren Balkenriegel zu kontrollieren, den McLane vor die Bohlentür gelegt hatte.

Es war ein ständiges Schwanken zwischen Angst und unberechenbarer Wildheit. Wehe, wenn einer von uns versucht hätte, ihm die Knarre wegzunehmen! Er wurde sogar schon misstrauisch, wenn Jenny in seine Nähe kam.

Jenny hatte anfangs noch mit Begeisterung den Geschichten von der großen Welt gelauscht, die Braddock zum besten gab. Nun färbte die Stimmung auf sie ab. Sie wurde schweigsam, scheu und zog sich immer öfter in ihr ungeheiztes Schlafgemach zurück. Der einzige, der mit sich und der Welt vollauf zufrieden schien, war der alte Chippewa. Er konnte stundenlang mit überkreuzten Beinen reglos auf seinen Fellen hocken, qualmen wie die Pest und dabei glücklich vor sich hin starren.

Er war ein kleiner, zäher, ganz in speckiges Leder gekleideter Bursche. Sein schlohweißes Haar hing in zwei dicken Zöpfen herab. Seine Nase glich einem Geierschnabel, seine Haut schien nur aus Falten zu bestehen! Wenn er sich aber mal bewegte, dann mit der katzenhaften Geschmeidigkeit eines viele Jahre Jüngeren. Vier Tage lang bekam ich kein Wort von ihm zu hören. Wenn Jenny das Essen austeilte, hielt er schweigend seinen Becher hin. Wenn das Los ihn bestimmte, die Pferde zu füttern und die Ritzen im Stall abzudichten, nickte er nur und verschwand wie ein Schatten in der brodelnden, eisigen Gischt.

Als es Boone schließlich erwischte, kam er gerade wieder aus dem Stallanbau zurück. Es schneite nicht mehr. Aber der Sturm heulte wie tausend Teufel und riss ihm fast die Tür aus der Hand. Der Oldtimer hatte Mühe, den Riegel vorzulegen. So merkte er nicht, dass Randy Boone den Kopf gehoben hatte und ihn anstarrte, als wäre der Leibhaftige aus dem Blizzard zu uns hereingetreten.

Ich hatte gerade, ich weiß nicht zum wievielten Male, meinen Colt zerlegt, um nicht vollends dem Stumpfsinn zu verfallen. Braddock schrieb in seinem ledergebundenen Notizblock. McLane fummelte an einer seiner Wolfsfallen herum, und Jenny schnitt Speckwürfel in einen Topf mit Bohnen. Wir waren gewohnt, dass Boone sich von Tag zu Tag seltsamer verhielt. Wir beachteten ihn nicht weiter, als er sich nun bedächtig erhob, aber sein Gewehr auf der Bank liegen ließ. Bis er plötzlich McLanes schwere Axt in den Fäusten hielt, wie der Blitz um den Tisch herumkam und auf Chippewa-Charly losstürzte.

Erschrocken fuhr der alte Indianer herum. Ein tierischer Schrei brach über Boones Lippen. Die Schneide der Axt blitzte im Schein der Petroleumlampe. Mein Stuhl knallte auf die Bretter. Hinterher wurde mir klar, dass ich die ganze Zeit auf so was Ähnliches gewartet hatte. Meine Muskeln und Sehnen reagierten wie von selber.

Ich erwischte Boone im letzten Moment. Mein Anprall riss ihn halb herum. Haarscharf sauste die Axt an Charlys ledrigem Gesicht vorbei. Gleich darauf hatte ich selber alle Hände voll zu tun, am Leben zu bleiben. Denn im Blockhaus war nun der Teufel los, und dieser Teufel hieß Randy Boone.

„Mörder!“, brüllte er. „Die Hölle soll dich verschlingen, du verfluchter Hund!“

Boone war ein mittelgroßer Durchschnittstyp, mehr zäh als muskulös. Aber der Wahnsinn verdoppelte seine Kräfte. Er hatte den alten Chippewa vergessen. Meine Faust, die ihm ins Gesicht klatschte, spürte er nicht. Dabei war es ein Schlag, der sogar einen zweibeinigen Grizzly wie McLane hätte umwerfen können. Die schwere, blitzende Axt fuhr auf mich zu.

Ich schleuderte mich zur Seite, stieß gegen den Tisch. Sein eigener Schwung riss Boone gegen mich. Ich wollte ihn festhalten, ihm die Axt entwinden. Ebenso hätte ich versuchen können, einen Puma mit bloßen Fäusten zu bändigen.

Die Enge der Hütte wurde nun zur tödlichen Gefahr. Braddock und McLane waren an die Balkenwände zurückgesprungen. Jenny stand entsetzt beim Ofen. Boones Axt zerschmetterte einen Stuhl, den ich abwehrend hochriss. Ich hätte ihn nur mehr mit einer Kugel stoppen können. Aber Boone dachte nicht daran, sich hinzustellen und abzuwarten, bis ich meinen Sechsschüsser wieder zusammengesetzt hatte. Immer wieder sprang er wie ein Kastenteufel auf mich zu. Er war so unheimlich schnell, dass die anderen nicht feuern konnten, ohne auch mich zu gefährden.

Schließlich hatte er mich in die Ecke rechts der Tür getrieben. Seine Augen waren blutunterlaufen. Wir beide schwitzten, als hätte man einen Eimer Wasser über uns ausgeleert.

„Lass es bleiben, Boone!“, krächzte ich verzweifelt. „Mach mich nicht wütend, Mann!“

Als seine Axt heranfauchte, ließ ich mich blitzschnell auf die Hacken nieder. Der Stahl grub sich so wuchtig ins Holz, dass Boone ihn nicht gleich herausbekam. Aus der Hocke schleuderte ich mich gegen ihn und riss ihn um. Er besaß genug Geistesgegenwart, mir ein Knie in den Bauch zu stoßen. Die Luft blieb mir weg. Aber ich kämpfte nicht zum ersten mal um mein Leben. Zwei Sekunden, dann war ich wieder fit.

Boone war bereits auf den Füßen. Er wollte zur Bank, auf der seine verteufelte Remington lag. Da füllte ein ohrenbetäubender Knall die Blockhütte. Jennys Aufschrei vermischte sich damit. Pulverdampf umbrodelte die Lampe.

Ich sprang auf. Boone lag wie ein Stoffbündel am Boden. McLane hatte sich schützend vor seine Tochter gestellt. Ein langläufiger, altmodischer Perkussionsrevolver lag in seiner Rechten. McLanes bärtiges Gesicht war wie versteinert. Braddock sah weiß um die Nase aus. Er schwitzte ebenfalls.

Chippewa-Charly klemmte sich gerade wieder seine Maiskolbenpfeife zwischen die Zähne. Er blickte dabei nicht auf Boone, sondern auf mich. Ich hatte etwas weiche Knie, als ich zu Boone ging und ihn vorsichtig herumwälzte. McLanes Kugel, auf so knappe Distanz abgefeuert, hatte seinen Oberkörper durchschlagen. Aber Boone atmete noch. Die Wildheit war von seiner Miene verschwunden. Rasch knöpfte ich ihm Hemd und Jacke auf. Da sah ich, dass Boone nur noch Minuten blieben. Zu viele Männer waren schon so vor mir gelegen, dass ich nicht Bescheid gewusst hätte.

Ich blickte McLane an. Er verharrte noch immer reglos, den Colt in der Faust. Zur Hölle, warum hatte er nicht versucht, Boone damit niederzuschlagen? Aber Jennys bleiches Gesicht und ihre schreckverdunkelten Augen bewogen mich zu schweigen. Zögernd kamen sie näher.

„Mein Gott, warum tun Sie nicht endlich etwas, Callahan?“, stieß das Mädchen hervor. „Wenn ...“

Jenny verstummte, als sie nun ebenfalls die schreckliche Wunde sah. Stöhnend öffnete Boone die Augen. Sein Blick war klar. Aber es schien eine Weile zu dauern, bis er sich an alles erinnerte.

„Tut mir leid, Boone“, murmelte ich.

Er versuchte zu sprechen, brachte aber nur ein Krächzen hervor. Ich gab Braddock einen Wink. Er reichte mir die Brandyflasche, die auf dem Tisch stand. Boone trank nur einen winzigen Schluck. Er hustete. Blut trat auf seine Lippen.

„Keine Chance, Callahan?“ Er wirkte gefasst. Ich hielt es für besser, ihm nichts vorzumachen und schüttelte den Kopf.

Seine Miene spannte sich. Er bot seine letzte Kraft auf, als er beschwörend nach meinem Arm griff. „Nimm’s mir nicht übel, Callahan! Es war die Angst ...“

„Schon gut!“, winkte ich ab. Er klammerte sich noch immer fest.

„Fenders’ Rechnung darf nicht aufgehen!“, keuchte er. „Bisher hatte ich nichts anderes im Sinn, als am Leben zu bleiben. Deshalb bin ich davongelaufen. Ein Feigling, dem es egal war, dass sie droben in Kenora ’nen Unschuldigen aufknüpfen wollen. Hörst du, Callahan? Er ist unschuldig! Ich hätt’ ihn retten können. Aber meine Angst vor Fenders’ Bluthunden war zu groß.“

„Er redet irre!“, sagte McLane leise. Doch ich sah die Verzweiflung in Boones Augen und wusste es besser. Mein Herz pochte hart.

„Von wem sprichst du, Boone?“

„Jean Baptiste. Er war mein Freund. Aber Fenders schob ihm den Mord an Big Joe Reilly in die Schuhe. Sie haben ihn zum Tode verurteilt. Vier Tage noch, dann werden sie ihn in Kenora zum Galgen führen ...“

Meine Gedanken jagten sich. Wenn ich die Landkarte richtig im Kopf hatte, dann lag Kenora drüben in Kanada am Nordufer des Wäldersees. Unerreichbar für uns, solange der Blizzard tobte.

„Nimm noch ’nen Schluck und erzähl dann alles der Reihe nach, Boone“, forderte ich ihn auf.

„Hab’ nicht mehr viel Zeit“, flüsterte der Sterbende. „Sicher hat McLane schon von Big Joe Reilly gehört. Er war der reichste und mächtigste Mann auf der kanadischen Seite des Sees. Besitzer mehrerer Sägewerke. Boss von über hundert Holzfällern. Droben in Kenora gab’s niemand, für den sein Wort nicht Gesetz war. Nur Jean Baptiste scherte sich ’nen Dreck darum ...“

Boone lächelte mühsam. „Er ist Frankokanadier. Ein heißblütiger Bursche, der kein Blatt vor den Mund nimmt. Vor allem nicht mit ’ner Flasche Bourbon im Bauch. Kurz, Reilly hätte ihn lieber auf dem Mond als in seiner Stadt gesehen. Umgekehrt war’s genauso. Da hatte Fenders nicht viel Mühe, Jean den Mord anzuhängen, den er selber beging.“

„Wer ist Fenders?“

„Reillys Schwiegersohn.“ Boones Stimme wurde immer schwächer. Jedes Wort kostete ihm Energie. „Es war offenes Geheimnis in Kenora, dass Big Joe ihn noch ärger rumkommandierte als alle anderen, die nach seiner Pfeife tanzen mussten. Aber Fenders biss die Zähne zusammen und ließ sich’s gefallen. Denn er war verrückt danach, eines Tages Big Joe Reillys Platz einzunehmen. Aber Mord? Nein, das traut in Kenora Rhett Fenders keiner zu! Da musste schon mein Freund Jean herhalten, der auch sonst schnell mit dem Messer zur Hand war, wenn ihm mal die Galle hochkam“

„Woher weißt du, dass es Fenders war?“

„Hab’s gesehen!“, keuchte Boone. „Deshalb sind sie ja wie die Teufel hinter mir her. Ich bin der einzige, der Jean Baptiste retten und dafür Fenders an den Galgen bringen kann. Ich war auf dem Heimweg vom Saloon, als es passierte. Es war spät. Ich kam an Reillys Haus vorbei. Da hörte ich heftige Stimmen. Ich war neugierig, schlich mich auf den Hof. Ein Fenster war erhellt, der Vorhang halb offen. Ich sah, dass Fenders und Reilly stritten. Und dann - ich schwör’s dir, Callahan, es ist die Wahrheit! - hielt Fenders plötzlich ein Messer in der Hand und stach zu.“

Er schauderte. „Hinterher stellte sich raus, dass es Jeans Messer war. Weiß der Satan, wie Fenders es in die Finger gekriegt hat! Jedenfalls holten sie am nächsten Morgen Jean aus seiner Hütte. Am selben Tag stellten sie ihn noch vor Gericht. Fenders brachte ein halbes Dutzend Zeugen, die beschworen, Jean in der Nacht um Reillys Haus schleichen gesehen zu haben.“

„Warum hast du geschwiegen?“

Boone verzog schmerzlich das graue, schweißbedeckte Gesicht. „Fenders hatte nach Big Joes Tod alle Macht. Ich hatte Angst, obgleich ich nach dem Urteilsspruch wie auf Kohlen saß. Es war verrückt, dass mir nichts Besseres einfiel, als Jean heimlich rauszuholen. Ausgerechnet Fenders’ Leute kamen mir dabei in die Quere. Da machte ich in meiner Furcht den nächsten, viel schwerwiegenderen Fehler. Damit sie mich nicht ebenfalls vor den Richter schleppten, drohte ich, dass ich über Fenders Bescheid wüsste. Damit hatte ich Narr mein Todesurteil besiegelt. Ich konnte ihnen zwar noch entschlüpfen, aber seitdem waren sie wie Bluthunde hinter mir her.“

Er schwieg erschöpft. Dann ächzte er: „Denk von mir, was du willst, Callahan! Aber, um Himmels willen, lass nicht zu, dass sie Jean hängen! Ich könnte vor mir selber ausspeien, wenn ich mir vorstelle, wie er sicherlich darauf gewartet hat, dass ich ihm helfe! Tu du es, Callahan, ich bitte dich darum! Ich hab’ gleich gespürt, dass du ein harter Bursche bist. Deswegen hielt ich dich auch für einen, den Fenders geschickt hat. Er wird nicht ahnen, weshalb du nach Kenora kommst. Das ist deine Chance, Callahan. Versprich mir ...

Mitten im Satz erlosch seine Stim¬me. Kraftlos rutschte seine Hand herab. Ich kniete wie betäubt bei ihm. Seine Worte hallten in meinem Gehirn. Ich spürte die Verantwortung, die Boone mir da „vermacht“ hatte, wie eine erdrückende Last. Die Verantwortung für das Leben eines unschuldig zum Tode Verurteilten!

Erst nach einer Weile wurde mir die Stille bewusst. Nur das Feuer im Ofen knisterte. Kein Brausen und Pfeifen mehr, kein Rütteln an den Wänden. Der Blizzard war verstummt. Ich bin alles andere als abergläubisch. Aber für einen Moment kam es mir wie ein Himmelszeichen vor. Ich hob den Kopf, blickte in blasse, betroffene Gesichter.

McLane hatte seinen Colt weggesteckt. Er war es, der mit rauer Stimme das Schweigen brach.

„Verfluchte Geschichte das! Aber was hätt’ ich tun sollen? Fass mit an, Callahan, bringen wir ihn raus! Der arme Kerl wird wohl bis zum Frühjahr warten müssen, bis er ein Grab bekommt. Solange der Boden so steinhart gefroren ist, kann da keiner was machen.“

 

*

 

Die Kälte war wie ein Faustschlag. Tausend unsichtbare Nadeln schienen in der Luft zu schwirren. Ihre Spitzen drangen sofort in jedes Fleckchen ungeschützte Haut. Wir brachten den in eine Decke gehüllten Toten in den Verschlag, in dem Lon McLane seine Fallen und verschiedenes Werkzeug aufbewahrte. Dann kehrten wir schleunigst in die Hütte zurück. Schweigend setzte ich meinen Peacemaker zusammen. Als ich dann anfing, mein Deckenbündel zu schnüren, wandten sich die anderen mir zu. Braddock kam rasch heran.

„Du willst es also versuchen, Callahan!“, stieß er hervor.

Ich sah ihn ruhig an. „Boone wollte mein Versprechen. Er lebte nur nicht lange genug, es zu bekommen. Ich werde trotzdem so handeln, als hätte er mein Wort.“

Braddock war ein kräftiger Bursche, fast so groß wie ich, vielleicht zwei, drei Jahre jünger. Er trug derbe Kleidung. Nur seinen Händen sah man an, dass er nie im Leben ein Lasso, eine Axt oder etwa einen Pflug angefasst hatte. Er war der Sohn eines hohen Tiers bei „Harper’s Weekly“. Drüben in den Städten an der Ostküste hätte er sich bestimmt ein feines Leben leisten können. Aber er war keiner, der es auf die Dauer hinterm Schreibtisch aushielt. Dass er es vorzog, sich den rauen Wind des Westens um die Nase wehen zu lassen, hatte ihn mir sympathisch gemacht.

Darum warnte ich ihn mit einem Stirnrunzeln, als er mich nur hart am Arm packte. Röte verdunkelte sein Gesicht. „Zum Teufel, Callahan, auch ich hab’ dein Wort!“, erinnerte er mich. „Und du weißt verdammt genau, wieviel für mich davon abhängt, dass du’s einlöst!“

Ich hatte ihn drunten in St. Louis kennengelernt. Braddock hatte einen Mann gesucht, der sich im Westen auskannte. Er wollte einen aufrüttelnden Bericht über die Reservationsindianer schreiben. Nicht schlecht, hatte ich gedacht. Und die fünfzig Dollar pro Woche, die er mir bot, waren auch nicht zu verachten. Für ihn ein Klacks, für mich ein Haufen Geld. Ich hätte mehr als einen Monat lang Rinder dafür treiben müssen. Das Geschäft war schnell perfekt gewesen.

Aber kaum hatten wir St. Louis hinter uns, da war ihm, seiner Meinung nach, die Idee gekommen! Sein Ziel hieß jetzt Kanada. Damals nach der Custer-Schlacht waren Sitting Bull und seine Leute vor den Blauröcken über die Grenze nach Saskatchewan geflüchtet. Seitdem fristeten sie dort, von Heimweh und Hunger geplagt, ein kümmerliches Dasein. Ich weiß nicht, ob sein Ehrgeiz oder sein Abenteurerblut Braddock dazu trieben, einen „Exklusivbericht“ über sie zu verfassen. Jedenfalls war er wie besessen davon. Er wollte unbedingt als erster herausbekommen, was wahr an den Gerüchten um Sitting Bulls bevorstehende Rückkehr in die Staaten war.

Nicht mal der nahende Nordwinter konnte ihn davon abbringen. Er schlug mich breit, ihn wenigstens nach Winnipeg zu lotsen. Wahrscheinlich hoffte er, dass ich dann auch weiter mit von der Partie sein würde. Nun kramte ich jedoch seinen letzten Vorschuss aus der Tasche und hielt ihm das Geld unter die Nase.

Er schluckte. „Du verstehst mich falsch, Callahan. Aber welche Garantie hast du, dass Boones Story auch wirklich stimmt? Und wenn, dann ist es für diesen Jean Baptiste auch zu spät! Nein, zum Kuckuck, ich sag’ das nicht aus Kaltschnäuzigkeit, sondern ...“

„Sondern?“, wiederholte ich, als er zögerte. Ich schob seine Hand von meinem Arm. „Phil, machen wir uns nichts vor. Ich weiß, wieviel es dir bedeutet, der erste Zeitungsmensch zu sein, der Sitting Bull in seinem Lager besucht. Du versprichst dir eine Menge davon, nicht wahr? Kein Geld, o nein! Etwas, was viel wichtiger für dich ist, Phil: Ruhm! Du willst raus aus den Fußstapfen deines Vaters, zeigen, dass du ein Mann eigener Ideen und Entschlüsse bist! Dafür bist du bereit, es mit dem Teufel selber aufzunehmen. Nur wirst du nichts dran ändern, dass ich trotzdem nach Kenora gehe.“

Ein Aufflammen war in seinen Augen. „Wir haben eine Abmachung miteinander!“

Das war der falsche Ton, herrisch, herausfordernd. So kannte ich ihn noch gar nicht. War das der wirkliche Phil Braddock? Ich ließ mir nichts anmerken. „Ich habe nichts dagegen, dass wir Partner bleiben, Phil“, sagte ich ruhig. „Nur nicht um den Preis eines Menschenlebens. Du kannst ja hier auf mich warten, wenn du willst."

„Auf die Rückkehr eines Toten?“ Er lachte verbittert. „Nein, Callahan, erstens schaffst du’s nicht in vier Tagen nach Kenora hinauf, und zweitens wird Fenders schon dafür sorgen, dass du dort nicht zum Zuge kommst! Menschenskind, du riskierst doch nur unnötig deinen Skalp! Was glaubst du denn, welche Chancen du mit deiner Geschichte gegen die von Fenders gekauften Zeugen hast?“

„Ich werd’s rausfinden.“

„Braddock hat recht, es ist nicht zu schaffen!“, mischte sich McLane .ein. „Nicht bei diesem Schnee und dieser Kälte. Kein Reiter kommt da auch nur zehn Meilen weit.“

Ich deutete auf die Schneeschuhe, die an der Wand hingen. „Ich lass mein Pferd dafür hier.“

McLane schüttelte den Kopf. „Du weißt nicht, was du da redest, Callahan. Wir sind hier nicht in Texas oder New Mexico, sondern nur ’nen Katzensprung von der kanadischen Grenze entfernt. Hier oben,, mein. Junge, friert im Winter sogar die Hölle ein! Sei froh, dass du ...“

Er verstummte, als ich hartnäckig meine Satteltaschen auszuräumen begann.

Dann wandte ich mich an Jenny. „Bekomme ich Proviant mit auf den Weg, oder wollen Sie mir auch nur die Sache ausreden?“

Sie blickte mich seltsam an. Ein tiefer Atemzug hob ihre runden Brüste unter dem fransenverzierten Lederkleid. .„Sind Sie immer so ein Dickschädel, Callahan?“

Ich grinste flau. „Nur, wenn es sein muss.“

„Ich werde mitkommen“, erklärte sie da. Sie sagte es mit derselben „sanften“ Entschlossenheit, mit der sie uns Zutritt zu McLanes Hütte verschafft hatte.

McLane und Braddock fuhren herum. Chippewa-Charly hüllte sich in eine stinkende Wolke aus Tabaksqualm.

„Den Teufel wirst du!“, schnaubte der Fallensteller schließlich. „Ein Verrückter hier reicht!“

„Ich bin nicht verrückt, Pa.“

„Verdammt will ich sein, wenn ich zulasse, dass du deine Nase in Angelegenheiten steckst, die uns nichts angehen und dir obendrein das Leben kosten werden!“

„Es geht uns sehr wohl etwas an, Pa, wenn wir verhindern können, dass ein Unschuldiger hingerichtet wird!“

„Verhindern! Wie denn?“ Lon McLane donnerte seine Faust auf den Tisch. „Mädel, du kennst doch dieses Land! Du bist hier groß geworden. Du weißt, dass da draußen die Hölle auf jeden wartet, der so närrisch ist, seinen warmen Platz am Ofen zu verlassen!“

„Callahan braucht mich“, erwiderte Jenny fest. „Zwei Zeugen, die Boones letzte Worte bestätigen, kann kein Richter mit einem Achselzucken wegschicken.“

Phil Braddock hörte wohl einen versteckten Vorwurf heraus, denn er blickte verlegen zu Boden. „Gibt es denn wirklich eine Chance?“, fragte er zweifelnd.

„Es gibt sie nicht!“, stieß McLane wütend hervor. „Von hier zum See sind es sieben Meilen. Allein dafür würdet ihr schon ’nen vollen Tag brauchen. Und erst nach Kenora! Zu Fuß in einem Ozean von Schnee! Da geht jeder vor die Hunde, der nachts kein warmes Dach über den Kopf bekommt. Nein, es wär’ nicht bloß verrückt, sondern glatter Selbstmord! Und sollte doch einer durchkommen, dann benötigt er garantiert mehr als eine Woche um den verdammten See herum.“

„Und über den See?“, fragte ich. McLane starrte mich sprachlos an. Dafür machte nun Chippewa-Charly zum ersten mal nach vier Tagen seinen Mund auf.

„Kluger Kopf“, lobte er in holprigem, kehligem Englisch. „Vier Tage Blizzard. Viel kalt, viel Eis. Charly kennen Weg. Charly werden führen.“

McLane schnellte halb herum. Seine Augen blitzten. „Hat es dich jetzt auch noch erwischt?“

„Kennen Weg“, wiederholte der Chippewa grinsend. „Eis nicht überall gleich. Viel gefährlich. Wenn Miss Jenny geht, Charly kommen mit.“

„Danke, Charly“, sagte das Mädchen. „Glaubst du, wir schaffen es in vier Tagen?“

„Versuchen“, meinte der Oldtimer gelassen.

Wenn McLane glaubte, ich hätte keine Ahnung, wie hart der Winter hier oben sein konnte, dann täuschte er sich. Ich wusste nur zu gut, was ich mir vorgenommen hatte. Daher wäre ich mit dem alten Chippewa lieber allein losgezogen.

„Versuchen Sie nur nicht, mich abzuwimmeln, Callahan“, sagte Jenny im selben Moment, als ich mich wieder zu ihr umdrehte.

„Können Sie Gedanken lesen?“, grinste ich.

„Das kann sie nicht!“, knurrte McLane. „Sonst wüsste sie längst, dass ich jeden über den Haufen schieße, der die Hütte verlassen will!“

Es war nicht nur der Colt in seiner Faust, der mich alarmierte. Wenn McLane nur aus Wut oder Sorge so reagiert hätte - okay. Aber da war ein eisiges Funkeln in seinem Blick, das mir ganz und gar nicht gefiel. War McLane nicht genauso dagestanden, nachdem er auf Boone geschossen hatte? Ein Mann wie ein Fels, in dessen bärtigem Gesicht kein Muskel zuckte.

„Pa, das ist doch nicht dein Ernst!“, rief Jenny erschrocken. Sie wollte zu ihm.

„Bleib!“, fuhr er sie an. „Bevor du mir in die Schusslinie kommst, ist Callahan ein toter Mann!“

„Pa!“ Jenny presste die Hände zusammen. Fassungsloses Entsetzen stand in ihren Augen.

McLanes Waffe bedrohte abwechselnd Braddock und mich. Der Zeitungsmann lächelte unsicher. „Übertreiben Sie’s nicht ein wenig, McLane?“

Der Trapper starrte ihn finster an. „Tausend Dollar sind für dich vielleicht keine weltbewegende Sache, mein Junge, aber für mich!“, knurrte er. „So viel ist Rhett Fenders nämlich Boones Skalp wert. Und niemand, auch meine eigene Tochter nicht, wird mich dran hindern, dieses Geld zu kassieren!“

Das war ein Brocken, den wir erst verdauen mussten. Alle Farbe wich aus Jennys hübschem Gesicht. „Pa! Um Himmels willen, was redest du da?“

„Ich rede davon, dass Fenders’ Leute auf der Suche nach Boone bereits in dieser Gegend waren, bevor Boone bei uns aufkreuzte. Ich traf sie drüben am Owl Creek. Lew Pearson, ihr Anführer, ist ein alter Bekannter von mir. Er weihte mich ein. Zumindest was die Tausend-Dollar-Jagd auf Boone betraf. Weshalb sie hinter ihm her sind, erfuhr ich genau wie ihr erst von Boone vorhin.“

„Und trotzdem ...“

„Pearson hat mir klargemacht, wie mächtig Fenders ist, seitdem er auf Big Joe Reillys Thron sitzt!“, unterbrach McLane sie hart. „So mächtig, dass ich auch auf dieser Seite des Sees nicht vor ihm sicher wäre, wenn mir einfiele, mich gegen ihn zu stellen. Ich weiß, was ich sage. Ich weiß auch, dass Lew Pearson nicht blufft Verdammt, deshalb bin ich noch lange kein Feigling! Aber erst recht bin ich kein Mann, der tausend Dollar aus dem Fenster schmeißt! Schon gar nicht für ’ne Sache, die sowieso schon entschieden ist.“

Ich hatte mich inzwischen einigermaßen gefangen. Nur war es verteufelt schwer, so zu tun, als wäre McLanes Schießeisen nicht vorhanden.

„Dass du mit Killern gemeinsame Sache machst, McLane, ist eine Sache. Eine andere, weit schlimmere ist, dass dies auf Kosten eines Mannes geschieht, der unschuldig gehängt werden soll!“

„Ein Raufbold und Messerstecher!“, schnappte McLane. „Irgendwann hätte es den ja doch erwischt. Außerdem kann ihm sowieso niemand mehr helfen. Nicht, wenn Lew Pearson im Spiel ist! Gegen den hättest auch du keine Chance, Callahan. Pearson ist mehr als hart. Das ist einer, der alle gemeinen Tricks kennt. Der würde auch nicht zögern, mir sein Blei zwischen die Rippen zu jagen, wenn ihm das was einbrächte. Seine Leute sind ausgeschwärmt. Sie haben meine Hütte als Treffpunkt vereinbart. Aber wenn ihr hofft, dass der Blizzard ihn erledigt hat, dann habt ihr keine Vorstellung davon, wie dieser Mann wirklich ist. Ich wollte nichts gegen Boone unternehmen, solange er ahnungslos blieb. Pearson hat versprochen, dass ich das Geld auch bekorhme, wenn ...“

„Ich kann es nicht glauben, Pa, dass du dich für lumpige tausend Dollar an diese Banditen verkaufst!“, rief Jenny verzweifelt.

„Von wegen lumpig! Tausend Dollar sind weit mehr, als Charly und ich in einem Winter an Fellen und Pelzen erbeuten!“ McLane spuckte heftig auf den Boden. „Ich werde endlich diesen ganzen verdammten Krempel hier hinschmeißen! Wer weiß, vielleicht hat Fenders sogar ’nen gutbezahlten Job für mich. Mädel, hast du denn nie drüber nachgedacht, was für ein armseliges Leben du hier führst? Deine Mutter hat es hier auch nur ausgehalten, weil sie ’ne halbe Chippewa und nichts Besseres gewöhnt war. Aber ich will nicht, dass du dein Leben wie eine Squaw verbringst, die ...“

„Hör auf, Pa! Wenn du dich damit rechtfertigen willst, dass du meinetwegen ...“

„Rechtfertigen wofür? Ich hab’ in Notwehr auf einen Tobsüchtigen geschossen. Und nun hindere ich euch lediglich daran, mit offenen Augen ins sichere Verderben zu laufen.“

„Und was, denkst du, wird dein Freund Pearson tun, wenn er erfährt, dass wir die Wahrheit kennen?“, hakte ich ein.

McLane furchte seine buschigen Brauen. „Wenn ihr den Mund haltet, wird er nichts erfahren. Ich halt’ euch hier nur fest.“

Obwohl sein Sechsschüsser nun genau auf meine Gürtelschnalle zeigte, ging ich langsam auf ihn zu.

„Du bist ein Dummkopf, McLane, wenn du glaubst, dass Pearson nicht ganz auf Nummer Sicher geht! Vielleicht war’ ich vorhin noch ohne deine Tochter losmarschiert. Aber nun weiß ich, dass sie draußen auf dem zugefrorenen See immer noch besser aufgehoben sein wird als hier. Mann, wenn du noch einen Funken Grips unter deinem Skalp hast, dann verschwindest du mit uns! Wenn nämlich alles stimmt, was ich bisher über Fenders und Pearson gehört hab’, dann wirst du keine tausend Bucks, sondern ein Stück Blei als Lohn bekommen!“

McLane grinste gefährlich. „Jetzt hältst du dich für weiß Gott wie gerissen, was? Kümmere du dich nicht um mein Geld, Callahan! Du hast genug eigene Probleme!“

Ich starrte ihm in die Augen. Da war nichts als unnachgiebige Härte. Boone war tot, und wahrscheinlich war McLane tatsächlich überzeugt, dass es auch für Boones verurteilten Freund so oder so keine Chance mehr gab. Damit war die Sache für ihn gelaufen. Nicht jedoch für mich.

„Es wird dir noch leid tun, McLane“, murmelte ich. Achselzuckend wandte ich mich ab. Doch nur, um mir den nötigen Schwung zu verschaffen. Denn McLane hatte seinen Fehler schon gemacht. Nie hätte er mich so nahe an sich rankommen lassen dürfen.

Alles ging blitzschnell. Meine geballte Rechte traf ihn mit der Wucht eines Huftritts. Gleichzeitig schlug ich mit der Linken seine Waffe hoch.

Der Schuss donnerte, die Kugel klatschte in die Balkendecke. Damit McLane nicht auf die Idee kam, doch noch sein Blei sinnlos in die Gegend zu ballern, half ich mit dem rasch gezogenen Peacemaker nach. Ein kurzer Stoß mit dem Stahllauf brachte den massigen Kerl auf die Knie.

McLanes Schießeisen schlitterte genau vor Chippewa-Charlys Mokassins. Der Oldtimer bückte sich flink. Und obwohl McLane kaum genug Luft zum Atmen hatte, krächzte er sofort: „Schieß, Charly! Wenn du mein Freund bist, dann leg ihn um!“

Charly hielt den Colt auf eine Weise, die mir verriet, dass er sehr wohl damit umgehen konnte. Doch ruhig legte er die Waffe auf den Tisch. „Boone Charly töten, wenn Callahan nicht helfen.“

„Verräter!“, keuchte McLane. „Der Teufel soll dich holen, du dreckige Rothaut, wenn das dein Dank für alles ist!“

Chippewa-Charlys Runzelgesicht zeigte keine Regung. Hasserfüllt blickte McLane zu mir empor.

„Pearson wird euch jagen, bis keiner von euch mehr am Leben ist!“

„Du vergisst, McLane, dass deine Tochter mit uns geht“, erwiderte ich ernst. Er fluchte nur wild.

 

*

 

Eine Stunde später waren wir nach Norden unterwegs. Natürlich war auch Phil Braddock mit von der Partie. „Na schön!“, hatte er eingelenkt. „Sitting Bull wird mir schon nicht davonlaufen. Wenn doch, wird die Geschichte dieses verrückten und noch dazu selbst erlebten Abenteuers meine Leser bestimmt ebenfalls vom Stuhl reißen!“

Ich hatte ihn reden lassen Denn: Welche Wahl hätte er schon gehabt, wollte er Pearson und seinen Menschenjägern nicht in die Hände fallen? Nur McLane war stur geblieben. Auch Jenny hatte es nicht geschafft, ihn zur Vernunft zu bringen. Sicherheitshalber hatten wir ihn gefesselt, allerdings so, dass er sich nach einiger Zeit selbst befreien konnte.

Zusammenfassung

Ich wusste, dass es Ärger geben würde. Nur hatte ich unterschätzt, dass es so schnell geschah. Am vierten Tag packte Randy Boone der Koller. Mit McLanes Holzfälleraxt ging er zuerst auf Chippewa-Charly los. Dann versuchte er mir mit dem messerscharfen Stahl den Schädel einzuschlagen. Währenddessen heulte der Blizzard noch immer mit ungebrochener Wildheit. So, als wäre er erst vor wenigen Minuten über das frosterstarrte Land südlich der kanadischen Grenze hereingebrochen. Uns kam es jedoch wie eine halbe Ewigkeit vor. Zu fünft waren wir in Lon McLanes Blockhütte zusammengepfercht. Dazu vier Tage lang dieses an und abschwellende Heulen in den Ohren. Das konnte einen Mann schon verrückt machen. Bei Boone kam allerdings noch ganz was anderes hinzu …

Details

Seiten
120
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783738923797
ISBN (Buch)
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2018 (November)
Schlagworte
callahan hölle

Autor

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Titel: CALLAHAN #17: Wo die Hölle gefriert