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Die Raumflotte von Axarabor #42: Befreier der Sklaven

2018 70 Seiten

Leseprobe

Die Raumflotte von Axarabor #42: Befreier der Sklaven

Stefan Hensch

Published by BEKKERpublishing, 2018.

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Befreier der Sklaven

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Die Raumflotte von Axarabor -  Band 42

von Stefan Hensch

Der Umfang dieses Buchs entspricht 91 Taschenbuchseiten.

Zehntausend Jahre sind seit den ersten Schritten der Menschheit ins All vergangen. In vielen aufeinanderfolgenden Expansionswellen haben die Menschen den Kosmos besiedelt. Die Erde ist inzwischen nichts weiter als eine Legende. Die neue Hauptwelt der Menschheit ist Axarabor, das Zentrum eines ausgedehnten Sternenreichs und Sitz der Regierung des Gewählten Hochadmirals. Aber von vielen Siedlern und Raumfahrern vergangener Expansionswellen hat man nie wieder etwas gehört. Sie sind in der Unendlichkeit der Raumzeit verschollen. Manche errichteten eigene Zivilisationen, andere gerieten unter die Herrschaft von Aliens oder strandeten im Nichts. Die Raumflotte von Axarabor hat die Aufgabe, diese versprengten Zweige der menschlichen Zivilisation zu finden - und die Menschheit vor den tödlichen Bedrohungen zu schützen, auf die die Verschollenen gestoßen sind.

Commander Alex Turner wird mit seinem Fernaufklärer LYNX in das Durban-System beordert. Einst wurde das System als zukünftige „Kornkammer des Sektors“ für diesen Teil des Sternenreiches von Axarabor gehandelt, doch zu den Kolonisten des Systems konnte niemals ein Kontakt hergestellt werden. Turner und die Besatzung der LYNX finden das Hibernationsschiff der Raumflotte im Orbit des Planeten Rockwood vor, doch dort wartet auch der blanke Horror!

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Copyright

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Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author /COVER 3000AD 123rf Steve Mayer

© Serienidee Alfred Bekker und Marten Munsonius

© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

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An Bord der UROBOROS, Flaggschiff der axaraborianischen Raumflotte

Admiral Wolkow waren die Strapazen der letzten Zeit deutlich anzusehen. Der Konflikt mit den Neranern war immer noch nicht beigelegt, auch wenn es bereits auf beiden Seiten Bemühungen zu einer Annäherung gab. Dennoch drohte auf einigen der Welten  immer noch ein Stellvertreterkrieg zwischen dem neranischen und dem axaraborianischen Sternenreich. Aus diesem Grund war in den letzten 72 Stunden die komplette Raumflotte des Quadranten mobilisiert worden.

„Trotz und auch gerade wegen der angespannten Lage dürfen wir als Oberkommando der Raumflotte nicht unsere weiteren Pflichten vernachlässigen. Dazu gehören selbstverständlich auch weiterhin Aufklärungsmissionen in die äußersten Sektoren unseres Sternenreiches.“ Erklärte Wolkow und sah in die Runde. Die anwesenden Admiräle und ihre Stabsoffiziere wirkten genauso übernächtigt wie er.

Der Admiral bearbeitete das Display vor sich und auf dem großen Videoschirm des Konferenzraums erschien die schematische Darstellung eines Raumers der B-L-Klasse.

„In der Vergangenheit haben wir bereits schon einmal auf die Schiffe der B-L-Klasse zurückgegriffen, was sich in manchen Fällen jedoch als unklug erwiesen hat.“

Unruhe bereitete sich als Reaktion auf diese deutliche Verharmlosung aus. Jemand lachte boshaft und ebenso wurden auch ironische Kommentare laut.

„Dennoch schlage ich weiterhin den Einsatz auch der B-L-Klasse für Aufklärungsmissionen vor.“ Admiral Wolkow bearbeitete erneut das Display vor sich und daraufhin erschien ein geringfügig modifiziertes Raumschiff auf dem Videoschirm. „Aus dem traurigen Schicksal der CHUCK YEAGER haben wir gelernt und ich darf ihnen hiermit ganz offiziell den modifizierte B-L-Klasse C-Typ vorstellen. Neben seinen Geschützen verfügt der Fernaufklärer nun auch über Waffenplattformen für Lenkflugkörper wie Raketen oder auch Raumtorpedos.“

„Dieses Schiff kann sich also zumindest etwas besser wehren, als es die CHUCK YEAGER im Wheeler-System konnte“, stellte Admiral van Kinsbergen mit einem schiefen Grinsen fest.

„Nach den bedauerlichen Verlusten durch den Konflikt mit den Neranern sind uns ansonsten tatsächlich die Hände gebunden. Wir können einfach keine größeren Kampfschiffe für diese Missionen entbehren. Deshalb halte ich diesen Vorschlag von Admiral Wolkow für absolut richtig.“, meldete sich nun Admiral Blunell zu Wort.

Wolkow bedankte sich mit einem Nicken. „Möchte jemand einen gegenteiligen Antrag in dieser Sache einbringen?“ Wolkow sah die einzelnen Offiziere der Admiralität einzeln an, doch niemand hatte einen Vorschlag zu machen.

„Dann möchte ich meinen Antrag zur Wahl stellen. Soll die Raumflotte ihre Aufklärungsmissionen zumindest übergangsweise den Fernaufklärern vom Typ B-L-Klasse C übertragen?“

Bis auf Admiral Schneider unterstützen alle Anwesenden den Antrag. Aus formellen Gründen bat Wolkow um die Abgabe der Gegenstimmen, dann galt sein Antrag als angenommen.

„Bevor wir uns der weiteren Planung und Autorisierung der nächsten Aufklärungsmissionen widmen, hätte ich noch eine Frage.“

Wolkow nickte Admiral van Kinsbergen zu. „Sie haben das Wort.“

„Gibt es Neuigkeiten über das Schicksal des gekaperten neranischen Schiffs unter dem Kommando von Nataly Sawyer?“

Augenblicklich schlug die Stimmung im Konferenzraum des Flottenoberkommandos radikal um. Es war, als wäre die Atmosphäre plötzlich elektrisch aufgeladen worden.

„Wir wissen nur, dass Commander Sawyer mit der TOMAH einen Kurs auf das angrenzende, vom neranischen System eingefangene Vegas-System gesetzt hat. Zumindest behaupten das die offiziellen neranischen Kanäle. Seitdem haben wir keinen Kontakt mehr mit der TOMAH.“

Admiral Newman saß auf einem Platz auf der rechten Seite von Kinsbergen und rieb sich die Hände, als wolle er sie waschen. „Ich behaupte sogar, dass dies ein Glücksfall ist. Ansonsten würde die pure Existenz des Schiffs ein echtes Hindernis für den Friedensprozess mit den Neranern darstellen.“

„Genug, Newman! Wir kennen jetzt alle ihre seltsame Haltung gegenüber dem Feind und ich will mir ihre privaten Ansichten nicht länger anhören!“, platzte es aus Admiral Blunell hervor.

Ein dünnes Lächeln erschien auf dem Gesicht von Newman. „Der Hochadmiral teilt meine Meinung, Blunell. Sie sollten also besser ihre Zunge hüten, denn was sie da von sich geben, könnte bei weniger wohlwollenden Menschen als Hochverrat verstanden werden.“

Blunell funkelte Newman an, dann senkte er den Kopf und wirkte damit wie ein Büffel, der zu einem Kopfstoß ansetzte.

„Sie sind derjenige, der sich hüten sollte und das wissen sie auch!“

Bevor Newman etwas erwidern konnte, schaltete sich Wolkow als Vorsitzender des Flottenoberkommandos ein. „Meine Herren! Mäßigen Sie beide bitte ihren Ton, wir haben hier über die Geschicke des Sternenreichs zu entscheiden. Stellen Sie also bitte ihre persönlichen Animositäten hintenan!“

Van Kinsbergen hatte die Auseinandersetzung interessiert verfolgt und zog seine eigenen Schlussfolgerungen. Nach dem Tod von Admiral Jones schien hier eine neue Lagerbildung stattzufinden. Noch konnte er sich keinen Reim darauf machen, aber das würde sich bald ändern. Der Vorteil von Jones war seine Berechenbarkeit aufgrund seines Egoismus gewesen. Was Newman hingegen antrieb, mochte Van Kinsbergen jedoch noch nicht abschätzen.

Als beide Kontrahenten zumindest für den Moment die Schwerter streckten, folgte Wolkow der Tagesordnung zum nächsten Punkt. „Das Durban-System wurde einmal als zukünftige Kornkammer gehandelt und ein Hibernationsschiff wurde dorthin geschickt. Wir haben jedoch niemals mehr etwas von den gut 3000 Kolonisten an Bord gehört.“

Auf dem Videoschirm erschienen die Daten des Durban-Systems.

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Durban-System

Die LYNX dematerialisierte im freien Raum und umgehend begannen die Sensoren des Fernaufklärers mit der Arbeit.

Während sich der Erste Offizier Maxim Iwanow ganz auf das Fliegen der LYNX und deren Systeme konzentrierte, beobachtete Commander Alex Turner gespannt das taktische Display. Von Zeit zu Zeit huschten Bildfehler und Artefakte der Sensorik darüber, doch diese Bildstörungen wurden schnell vom Bordcomputer korrigiert. Übrig blieb nur ein einziges Objekt in der Nähe des Planeten Rockwood. Laut der Darstellung auf dem Taktikdisplay musste es sich um ein relativ  großes Schiff handeln.

Der Commander der LYNX tippte auf das Display und sofort klappte eine virtuelle Registerkarte mit Informationen über das Flugobjekt auf. Es handelte es um die DESDEMONA, ein Hibernationsschiff. Die Sensoren des Computers empfingen keinerlei nennenswerte Anzeichen von Lebewesen an Bord. Ein schwaches grünes Schimmern verriet Turner, dass auf dem Schiff irgendetwas lebte, aber wahrscheinlich handelte es sich um lästiges, aber völlig ungefährliche Ungeziefer.

„Miss Venir, funken Sie die DESDEMONA an. Mal sehen, ob wir wenigstens eine automatisierte Antwort bekommen!“

„Aye, Sir“.

„Mr. Iwanow, setzen Sie Kurs auf den Planeten Rockwood.“

Maxim änderte umgehend den Kurs der LYNX und gestattete sich selbst dabei einen Blick auf die Instrumente. Das System war tot, daran gab es nichts zu rütteln. Es gab keinerlei interstellaren Flugverkehr. Dabei war es in der Zeit der ersten Expansion als vielversprechender Planet für eine Besiedlung durch das axaraborianische Sternenreich angesehen worden. Was war hier also schiefgelaufen?

Auf dem Taktikdisplay vor sich konnte Maxim ganz unzweifelhaft das Hibernationsschiff erkennen. Das Schiff schwebte in einem stationären Orbit um den Planeten Rockwood herum. Die Kolonisten waren also zumindest angekommen, aber dann musste etwas passiert sein. Ebenso sah es so aus, als wären die Siedler allesamt von Bord gegangen, aber wohin? Oder befanden sich die Nachfahren der Kolonisten etwa auf der Planetenoberfläche?

„Die DESDEMONA antwortet nicht auf unsere Kommunikationsversuche.“

Turner nickte, etwas Ähnliches hatte er schon erwartet. „Scannen Sie die die Planetenoberfläche von Rockwood. Irgendwo müssen unsere Leute ja hin sein!“

Turner konnte das große Hibernationsschiff bereits mit bloßem Auge erkennen. Mit ein paar schnellen Bewegungen klickte sich der Kommandant der Lynx auf seinem Infodisplay bis durch die Informationen zur Mission von der Raumflotte durch. Dann rief er den Eintrag über die Schiffs-Klasse auf und fand auch prompt die Information, die er gesucht hatte. Mit der Besatzung waren über 3000 Menschen an Bord des Schiffs gewesen. Die meisten hatten sich den größten Teil der Reise im Kälteschlaf befunden, während sie von der Crew der DESDEMONA betreut worden waren. Am Zielort sollten die Schläfer geweckt und aus ihren Schlafkammern geholt werden. Da es bereits zu Schwierigkeiten beim Einsatz von Hibernationsschiffen gekommen war, hatte die Flotte umfangreiche Sicherheitsprotokolle erlassen. Es sollte also eigentlich keine Toten unterwegs gegeben haben. Andererseits konnten über 3000 Menschen auch nicht so einfach irgendwo verschwinden.

„Auf Rockwood gibt es zahlreiche Siedlungen. Nirgends konnte ich aber elektrische Energiequellen feststellen. Einer vorsichtigen Schätzung nach befindet sich die Zivilisation des Planeten auf vor industriellem Niveau.“

„Gibt es Anzeichen von Fähren oder anderen Raumfahrzeugen aus dem Hibernationsschiff?“

Die Sensoroffizierin ließ sich etwas Zeit bevor sie antwortete. „Es kommt zu Störungen aufgrund von stark erzhaltigem Gestein, aber es sieht nicht danach aus!“

Turner bedankte sich knapp und dachte nach.

„Mr. Iwanow, wir müssen uns das Hibernationsschiff etwas genauer ansehen. Irgendwo müssen unsere Leute ja geblieben sein. Nähern Sie sich gemäß Ikarus-Programm der hinteren Luftschleuse und docken Sie an.“

„Aye, Sir!“

Der Fernaufklärer näherte sich dem großen Hibernationsschiff mit reduzierter Fahrt. Iwanow schaltete den Bordcomputer zur Assistenz beim Andockmanöver hinzu. Durch geschicktes Manövrieren mit den Düsen drehte sich der Fernaufklärer um 90 Grad und näherte sich dem Hibernationsschiff längsseits. Der Computer assistierte Iwanow dabei, indem er die Feineinstellung der Düsen übernahm und somit die optimale Andockgeschwindigkeit fixierte. Mit einem dumpfen Schlag stießen die beiden Schiffe gegeneinander und sofort wurden auf beiden Schiffen die Verriegelungsmechanismen eingeleitet. Innerhalb von Sekunden waren die beiden Schiffer der Raumflotte untrennbar miteinander verbunden. Auch dieses Sicherheitsverfahren war das Resultat aus zahlreichen tragischen Unfällen, die Menschenleben gefordert hatten.

„Mr. Iwanow, die LYNX gehört Ihnen. Ich gehe mit den beiden anderen an Bord der DESDEMONA.“

„Aya, Sir.“, sagte Maxim und rollte mit den Augen. Turner entschied sich immer wieder für diese Vorgehensweise, die natürlich durch die Statuten der Raumflotte gedeckt war. Es handelte sich zwar um eine optionale Bestimmung, aber der Kommandant scherte sich nicht darum. Er bestand auf seiner Teilnahme an Außenmissionen, während Maxim als Erster Offizier auf dem Schiff zurückblieb. Dies war leider das Privileg des Kommandanten. Dabei hätte Maxim zu gerne das Hibernationsschiff von innen erkundet, denn solche Schiffe kannte er nur von der Raumflotten-Akademie und aus Dokumentationen. Die Hyperraumtechnologie hatte Schiffe wie dieses weitgehend überflüssig gemacht, denn selbst entfernteste Sternensysteme konnten heute beinahe mühelos  erreicht werden.

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Vergangenheit

Tyler Hamilton schlug erschrocken die Augen auf und sog gierig Luft in seine Lungen. Seine Augen nahmen nur verschwommene Bilder und Helligkeit wahr. Verdammt, was war hier los und wo war er überhaupt?

Wie aus einem Reflex heraus zwang er sich zur Ruhe und konzentrierte sich auf seine Atmung. Sekunde für Sekunde nahm er mehr Details in seiner unmittelbaren Umgebung wahr, doch es würde noch eine ganze Zeit dauern, bis er wieder richtig sehen konnte. Dafür kam jetzt aber auch Stück für Stück seine Erinnerung zurück. Ich bin in einer Kälteschlafkammer, dachte er. Dann erinnerte er sich auch daran, dass das Hibernationsschiff DESDEMONA hieß und es auf dem Weg ins Durban-System war. Langsam verschwand seine Panik und machte nüchternen Überlegungen Platz.

Eigentlich sollte ihm jemand von der Crew der DESDEMONA beim Aufwachprozess unter die Arme greifen, aber da war niemand. Im Vorbereitungskurs auf die Reise hatte man ihnen beigebracht, dass das Aufwachen der Schläfer manchmal etwas unberechenbar und zuweilen auch chaotisch ablief. Vielleicht war es in seiner Nähe zu einem der seltenen medizinischen Notfälle gekommen? Tyler versuchte sich zu entspannen und es gelang ihm auch. In ein paar Minuten würde sicherlich jemand kommen!

Doch es verging immer mehr Zeit und Tyler spürte, dass er pissen musste. Er konnte jetzt fast wieder normal sehen und so ganz langsam verlor er dann doch seine Geduld. Vielleicht hatte ihn die Crew ja auch ganz einfach vergessen?

Suchend ging der Blick des Biologen in der Hibernationskammer auf Wanderschaft und fand dann endlich den Bedienterminal. Wahllos drückte er eine der Tasten und das Display erwachte zum Leben. Auf dem Display konnte der Biologe seine Körpertemperatur sehen und wunderte sich. Für einen frisch aus dem Kälteschlaf erwachten Passagier waren 39 Grad tatsächlich etwas hoch. Der Computer der Kammer bescheinigte ihm aber beste Gesundheit und eine Erkältung lag angeblich auch nicht vor.

Gleichmütig initiierte Tyler den Öffnungsmechanismus der Kammer. Zuerst wurde das Glas des Deckels völlig transparent und Tyler sah die Decke über sich. Dann fuhr die Tür minimal nach links und hob sich in einer fließenden Bewegung nach oben. Ein Grinsen stahl sich auf sein Gesicht, denn vielleicht bekam die Crew einen gehörigen Schreck, wenn sie ihn unvermittelt aus dem sarkophagähnlichen Gebilde klettern sah.

Vorsichtig setzte sich Tyler auf und schwang die Beine von der Liege herunter. Auch dies hatte man den zukünftigen Kolonisten beigebracht. Zwar bekam jeder Schläfer einen Cocktail der unterschiedlichsten Stimulanzien vor dem Aufwachen automatisch vom medizinischen System der Kammer verabreicht, dennoch war der Blutkreislauf noch nicht so belastbar wie sonst. Deshalb ließ es Tyler gemächlich angehen und wartete eine Weile. Bisher hatte immer noch niemand Notiz von ihm genommen. Neugierig beugte er seinen Oberkörper nach vorne und spähte zuerst nach links und dann nach rechts. Das Deck schien leer zu sein und seine Kälteschlafkammer hatte sich bisher als einzige geöffnet.

Irritiert stieg Tyler aus der Kammer und vergaß dabei seinen eigenen Vorsatz, es etwas langsamer angehen zu lassen. Blitzschnell stützte er sich mit beiden Händen an seiner Schlafkammer ab, dann verging der Schwindel auch wieder. Kälte kroch durch seine nackten Fußsohlen in seinen Körper und ließen ihn frösteln. Erst jetzt erinnerte er sich wieder daran, dass er nur mit einer Unterhose bekleidet war. Aber was wurde hier eigentlich gespielt? Warum war er der einzige Schläfer, der geweckt worden war?

Etwas nervös blickte sich Tyler auf dem Deck um. Alles sah so aus wie zu dem Zeitpunkt, als er in die Kammer geklettert war, nur waren die Kammern jetzt alle geschlossen. Wenn die DESDEMONA an ihrem Ziel angekommen war, dann mussten jetzt etwa zweihundert Jahre vergangen sein. Er musste unwillkürlich schlucken, denn er erkannte plötzlich die Bedeutung seiner eigenen Gedanken. Alle Menschen, die er jemals gekannt hatte, waren, mit Ausnahme der anderen Schläfer, mittlerweile vermutlich gestorben.

Unwillkürlich musste er schlucken. In der Theorie hatte sich das alles so nüchtern angehört, doch jetzt sah das etwas anders aus. Wobei es da natürlich noch eine andere Möglichkeit gab. War die DESDEMONA überhaupt schon an ihrem Ziel angekommen?

Tyler atmetet scharf ein. Lediglich seine Tiefschlafkammer hatte sich geöffnet, war es da nicht viel wahrscheinlicher, dass seine Kammer eine Fehlfunktion gehabt hatte? Hätten sich beim Ankommen am Ziel nicht alle Tiefschlafkammern an Bord öffnen sollen?

Panisch begann sein Herz zu rasen. Wenn dies zutreffen sollte, konnte ihn dann die Crew überhaupt erneut in den Tiefschlaf versetzen? Gab es dafür genug Ersatzschlafkammern, denn seiner war ja wohl kaum noch zu trauen?

Dann sprintete Tyler los. Jedes Deck der DEDEMONA besaß einen Bereitschaftsraum für die Mitglieder der Crew, die sich während des Fluges um die Schläfer kümmerten und sich dann mit ihren Kollegen abwechselten. Im Bereitschaftsraum musste jemand von der Crew sein und dieser Jemand würde ihm seine Fragen sicherlich beantworten können!

Die nackten Füße des Botanikers hämmerten auf den spiegelblanken Fußboden des Decks, als er zwischen den Schlafkammern vorbeilief. Wenigstens schienen die Kammern in Takt zu sein, denn die Displays befanden sich im Ruhemodus und er hörte das hundertfache Brummen der Kühlaggregate. Dennoch wusste Tyler, das hier irgendwas zumindest mit seiner Tiefschlafkammer völlig schiefgelaufen war und dieses Wissen beunruhigte den Wissenschaftler. Fehler im Zusammenhang mit den Kammern waren extrem selten. Es musste also etwas Ernsthaftes passiert sein, wenn es dennoch zu einer Fehlfunktion gekommen war!

Dann verließen ihn seine Kräfte und er verfiel schnaufend wieder in ein normales Gangtempo. In diesem Moment stellte er sich die eine Frage ganz bewusst, die wohl viele Menschen überall in der Galaxis Tag für Tag vollkommen unbewusst stellten. Passiert das gerade eigentlich wirklich, oder träume ich das nur? Doch der Druck in seinem Unterleib sprach eine ganz eindeutige Sprache.

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Gegenwart

Commander Alex Turner, Sensoroffizierin Gina Venir und der Waffensystem Kevin Lambert hatten ihre Raumanzüge angelegt und standen vor der Luftschleuse bereit. In den Händen hielten sie die für Inneneinsätze vorgesehenen Blaster der Raumflotte.

„Das System der DESDEMONA behauptet, dass die Atmosphäre an Bord sauber ist und durch die Lebenserhaltungssysteme des Hibernationsschiffs stabilisiert würde“, drang die Stimme des Ersten Offiziers aus den Lautsprechern.

Commander Turner war das erst mal egal, denn er wollte kein Risiko eingehen. Deshalb fand die Außenmission in der Sicherheit der autark versorgten Raumanzüge statt.

Der Kommandant hob seine behandschuhte Hand und drückte die Taste zum Öffnen der Luftschleuse.

Servomotoren surrten, drei schwere Verriegelungsbolzen wurden zurückgezogen. Dann wurde die Luftschleuse nach innen geöffnet und gab den Blick in die DESDEMONA frei.

Turner schluckte, denn der Gang vor ihnen war völlig leer.

Turner setzte entschlossen einen Fuß in die DESDEMONA und die Crewmitglieder der LYNX folgten ihm.

„Warum sieht das Schiff immer noch so sauber wie geleckt aus?“

Turner hörte die Stimme des Waffensystemoffiziers aus seinen Kopfhörern dringen. Aber leider hatte er dafür auch keine Antwort parat. Dann blickte Turner auf seinen Unterarm, auf dem eine Karte der DESDEMONA angezeigt wurde.

„Auf dem Weg zur Brücke müssen wir eines der Hibernations-Decks durchqueren. Vielleicht bringt uns das ja weiter!“

Turner war wie angewurzelt stehengeblieben. Ebenso war es seinen Offizieren ergangen. Der Anblick war zwar geradezu banal, aber das änderte nichts an den damit verbundenen Konsequenzen. Wortlos ließ Turner seinen Blick durch das Deck wandern. Von seiner Position aus konnte er problemlos mehrere hunderte Tiefschlafkammern erkennen. Alle diese Kammern hatten jedoch etwas gemeinsam, denn sie waren allesamt noch geschlossen!

„Verdammt, die armen Teufel sind immer noch in den Tiefschlafkammern!“

Turner blickte zu Venir und nickte. Dann trat er an die erste der Schlafkammern heran und aktivierte das externe Statusdisplay am Deckel der Kammer per Tastendruck.

Sofort erwachte das Display zum Leben und etwas zog sich in dem Kommandanten der LYNX zusammen. Das konnte unmöglich wahr sein!

Dann rannte Turner zur nächsten Kammer, aktivierte auch hier das Statusdisplay. Kommentarlos drang er tiefer in das Deck hinein und inspizierte scheinbar eine beliebige Tiefschlafkammer. „Hier ist absoluter Bockmist passiert. Die Kolonisten sind bei 60 Grad Celsius in den Tiefschlafkammern gebacken worden!“b

Maxim Iwanow verfolgte den Außeneinsatz über die Helmkameras seiner Kameraden und ebenso auch deren Gespräche über Funk. Mit einem Mal war der Erste Offizier der LYNX so richtig froh, nicht im Außenteam zu sein. Ein ganzes Schiff voller Toter musste er sich nicht unbedingt von innen ansehen.

„Wir müssen uns unbedingt die übrigen Hibernationsdecks ansehen, vielleicht betraf die Fehlfunktion ja nur dieses eine Deck.“, hörte Maxim Commander Turner über Funk sagen und presste seine Lippen zusammen. Wenn die angebliche Fehlfunktion nur eines der drei Decks betraf, dann waren bereits ganze tausend Schläfer gegrillt worden. Maxim fragte sich, ob die Schläfer bei Bewusstsein die schweren Verbrennungen erfahren hatten. Aber warum hätten sie teilnahmslos in den Hibernationskammern bleiben sollen, wenn jede Kammer auch von innen heraus geöffnet werden konnte? Weil nur ihr Körper betäubt war, ihre Sinne aber nicht. Maxim schüttelte den Kopf, um den Gedanken loszuwerden. Doch anstelle dessen kam noch ein anderer, kaum besserer Gedanke hinzu. Wer sagt denn, dass der Öffnungsmechanismus der Kammern überhaupt noch funktioniert hat, wenn sie sich schon in Backöfen verwandelt haben?

Um sich abzulenken, griff Maxim über den Bordcomputer der LYNX auf das interne  System der DESDEMONA zu. Die Parameter des Hibernationsschiffs schienen auf den ersten Moment unauffällig zu sein. Maxim bewegte sich eine Ebene tiefer und stutzte. Die Deflektorschilde waren vor einigen Wochen abgeschaltet worden und auch einige andere untergeordnete Bereiche des Raumschiffs waren deaktiviert worden. Dafür musste es einen Grund geben!

Der Erste Offizier rief die tiefste Ebene des Programms auf und sah das Problem. Dann aktivierte er eine Funkverbindung zum Außenteam. „Ihr solltet Euch dringend Richtung Brücke bewegen. Das Energieniveau des Schiffs ist extrem niedrig, scheinbar gibt es ein Problem mit dem Reaktor!“

„Verstanden, LYNX. Wir checken aber dennoch noch die beiden anderen Decks, ich will Klarheit über die Situation an Bord.“

Maxim hielt Turner gelegentlich für einen Idioten. Gerade jetzt war einer dieser Situationen. Irgendwie schien der Kommandant der LYNX Schwierigkeiten beim Verteilen von Prioritäten zu haben. Unwillkürlich zuckte Maxim mit den Schultern, denn er saß auf der sicheren Seite des Ufers. Wenn die DESDEMONA ihre Position im Orbit nicht mehr stabilisieren konnte, würde sie auf der Planetenoberfläche von Rockwood zerschellen. Sollte dieser Fall eintreten, würde er die LYNX aber definitiv vorher wieder von der DESDEMONA abdocken lassen. Wenn Commander Turner und das Außenteam dann aber nicht wieder an Bord der LYNX war, dann war das nicht das Problem des Ersten Offiziers der LYNX!

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Vergangenheit

Tyler wollte und konnte es auch nicht fassen, was er da in dem gut ausgeleuchteten Bereitschaftsraum vor sich sah. Aber es war die nackte und harte Realität!

Von dem Bereitschaftsoffizier seines Decks würde er keine Informationen mehr bekommen, denn der Mann lag vornübergebeugt auf seinem Schreibtisch. Die Uniform des Offiziers war noch relativ gut erhalten, dafür war der Körper des Mannes bereits vollkommen mumifiziert! Der bleiche Totenschädel lag auf dem Schreibtisch und aus den Ärmeln der Uniformjacke ragten nur noch Knochen heraus. Es konnte keinen Zweifel geben, der Offizier war schon vor langer Zeit verstorben!

Hätte sich Tyler nicht schon auf dem Weg zum Bereitschaftsraum erleichtert, hätte er sich jetzt definitiv in seine Unterhose gepisst.

Sein Mund war trocken und er musste hart schlucken. Was war, wenn es in den anderen Bereitschaftsräumen ebenso aussah? Hilflos und hektisch irrte sein Blick durch das Bereitschaftszimmer, dann entdeckte er ein kleines Detail, das er bisher übersehen hatte. Etwas Weißes lag unter dem Oberkörper des Offiziers. Er trat näher an den Tisch heran und erkannte es. Der Wachhabende hatte einen weißen Teller unter sich begraben, als er auf die Tischplatte gesunken war.

Verwirrt trat Tyler aus dem Bereitschaftsraum heraus und blieb vor einer Tiefschlafkammer stehen. Was war hier nur passiert? Wieso konnte die Leiche des Offiziers Jahre, wenn nicht Jahrzehnte völlig unbemerkt in dem Zimmer herumliegen? Das hätte doch jemandem auffallen  müssen!

Da dämmerte dem Botaniker ein furchtbarer Verdacht. Was war, wenn es niemandem aufgefallen war, weil einfach niemand mehr hier war? Zumindest niemand Lebendiges mehr?

Hektisch aktivierte er das Statusdisplay der Tiefschlafkammer, vor der er stand. Augenblicklich zog sich sein Magen zusammen und er musste sich übergeben, aber er konnte nur Gallenflüssigkeit hervorwürgen. Dann ging er zur nächsten Kammer und aktivierte den Statusmonitor. „60 Grad“, stammelte Tyler und schlich weiter zur nächsten Kammer. Auch diese wies eine viel zu hohe Temperatur auf. In diesem Moment wusste er plötzlich, weshalb auch seine Körpertemperatur zu hoch gewesen war.

Aber was ist mit den anderen Decks? Befand er sich jetzt etwa tatsächlich auf einem verdammten Totenschiff?

Tyler hielt den Gedanken nicht mehr aus und rannte los. Dann stand er schwer atmend vor einem Aufzug. Die Türen öffneten sich sofort, als er den Knopf drückte. Er stieg in die Kabine und sah die Knöpfe des Aufzugs ein. Einen Moment zögerte er, dann drückte er auf den Knopf für Deck B. Er musste einfach Gewissheit haben, sonst würde er durchdrehen.

Augenblicklich schlossen sich die Türen und der Aufzug setzte sich mit hoher Geschwindigkeit in Bewegung. Dann stoppte er wieder und die Türen öffneten sich. Deck B empfing ihn mit einem makellos sauberem Fußboden und einem Ausblick, den er niemals vergessen würde. Wie auf Deck A waren auch hier noch alle Tiefschlafkammern geschlossen. Ruhig trat er an die erste Tiefschlafkammer heran und aktivierte ihr Statusdisplay. Er nickte ernüchtert und trat seinen Weg zum Bereitschaftsraum an.

Die Duplizität der Ereignisse wurde von Tyler fast schon als schmerzhaft empfunden. Auch der Wachhabende dieses Decks war bereits schon vor langer Zeit verstorben. Doch etwas war anders als in dem Bereitschaftsraum zuvor. Anders als zuvor war der Offizier nicht nach vorne auf den Schreibtisch gesunken, sondern lag tief in seinem Sessel zurückgelehnt. Aber auch diese Leiche war bereits völlig skelettiert. Tyler fragte sich schon, wie der Schädel überhaupt noch auf dem Torso des Skeletts ruhen konnte, wo der gesamte Bandapparat der Wirbelsäule ebenso wie sein Fleisch nahezu völlig verwest war und sich spannte wie altes Pergament. Dann fiel sein Blick auf den Schreibtisch des Offiziers. Auch dort stand ein weißer Teller mit einem porösen verwesten Etwas darauf. Das Messer lag noch rechts neben dem Teller, während die Gabel fehlte. Nach einigem Suchen entdeckte Tyler sie auf dem Boden unter der linken Hand des Offiziers.

Doch dann wanderten seine Augen wieder zu dem Teller. Was auch immer darauf serviert worden war, war bereits schon vor langer Zeit beinahe verschwunden, entweder durch die Hand des Offiziers, den Zahn der Zeit, oder den Appetit von an Bord vielleicht vorhandenen Tiere. Wenn Letztere die Reste des Offiziers verdrückt haben sollten, taten ihm die armen Biester fast schon leid. Denn nach allem was er bisher vermutete, musste es sich um hochgradig giftige Nahrungsreste handeln!

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Gegenwart

Ernüchtert blickte sich Alex Turner auf Deck A um. Auch hier hatte eine Stichprobe unter den Tiefschlafkammern das gleiche Ergebnis wie auf den beiden anderen Decks ergeben. Auch hier würde wahrscheinlich niemand den plötzlichen Temperaturanstieg in den Kammern überlebt haben.

„Sir, kommen sie mal bitte hier her und sehen Sie sich das an!“

Turner hob den Kopf und sah zu Venir, die das Deck etwas weiter betreten hatte. Als er neben der Sensoroffizierin stand, folgte sein Blick ihrem Zeigefinger. Es dauerte etwas, dann erkannte Turner es auch. Der Deckel einer einzigen Tiefschlafkammer reckte sich einsam im Meer der anderen Kammern in die Höhe.

Natürlich war die Kammer leer. Wer immer darin gelegen hatte, war bereits seit langer Zeit daraus verschwunden.

„Da scheint es ja zumindest einen Überlebenden der Katastrophe zu geben!“

Turner sah Lambert, den Waffensystemoffizier ernst an. „Handelt es sich hier um einen Überlebenden, oder am Ende gar den Verursacher dieser Tragödie?“

„Wie meinen Sie das, Commander?“

„Vielleicht ist der eine Schläfer durch eine Fehlfunktion seiner Kammer früher als die anderen Passagiere erwacht. Die Raumflotte hat immerhin eine ganze Reihe von Fällen dokumentiert, in denen es zu Cryo-Psychosen gekommen ist.“

„Commander Turner, ich möchte nochmals an das Problem mit der Energieversorgung der DESDEMONA erinnern. Der Energiepegel befindet sich bereits im kritischen Bereich. LYNX, Ende!“, drang die Stimme von Iwanow aus den Lautsprechern des Außenteams.

„Aye, LYNX. Wir werden uns als Nächstes den Maschinenraum vornehmen!“

Der Erste Offizier der LYNX schüttelte stumm den Kopf. Er hatte immer mehr das Gefühl, es eher mit einem aufmüpfigen Teenager als mit einem kommandierenden Offizier der Raumflotte zu tun zu haben.

Gleichgültig öffnete Iwanow eine neue Nachricht an das Flottenoberkommando und fixierte den bisherigen Verlauf der Mission. Seine Unstimmigkeiten mit dem Kommandanten erwähnte er jedoch nicht. Sollte das irreale Verhalten von Turner Konsequenzen haben, konnte er später immer noch Dritte hinzuziehen.

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Als Turner den Beobachtungsraum des Reaktorraums betrat, sah er das Problem. Hinter der Panoramascheibe hatte er freie Sicht auf die unterschiedlichen Aggregate des Reaktors. Im ersten Abschnitt des Reaktors befanden sich eine ganze Anzahl von ankommenden Rohren und Leitungen. Über dem Panoramafenster leuchtete eine rote Lampe und signalisierte den Ausfall des Reaktors.

Details

Seiten
70
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783738923742
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v449787
Schlagworte
raumflotte axarabor befreier sklaven

Autor

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Titel: Die Raumflotte von Axarabor #42: Befreier der Sklaven