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Dann griff Jenny zur Winchester

2018 120 Seiten

Zusammenfassung

Ward Chester will Rache … blutige Rache. Für seinen Freund Cliff Burden, der den erfahrenen Scout angeheuert hatte, aber von skrupellosen Banditen feige erschossen wurde. Auf einem Trail nagelneuer Winchester-Gewehre nach New Mexico entdeckt Ward den Mörder – es ist Greg Douglas, der Partner der jungen Jenny Hall. Niemand glaubt Ward, der Douglas offen beschuldigt, sich dem Wagenzug aber anschließt, um in der Nähe des Mörders zu bleiben. Der Trail wird für viele zu einer Reise ohne Wiederkehr: Weder Douglas noch dessen Freund Burt Ketchum spielen mit offenen Karten; auf dem langen Weg nach lauern mordlustige Kiowas, und die Comanchen haben auch großes Interesse an den Gewehren. Ward steht ganz alleine gegen alle auf dem Höllentrail nach Santa Fe …

Leseprobe

Ward Chester will Rache ... blutige Rache. Für seinen Freund Cliff Burden, der den erfahrenen Scout angeheuert hatte, aber von skrupellosen Banditen feige erschossen wurde. Auf einem Trail nagelneuer Winchester-Gewehre nach New Mexico entdeckt Ward den Mörder – es ist Greg Douglas, der Partner der jungen Jenny Hall. Niemand glaubt Ward, der Douglas offen beschuldigt, sich dem Wagenzug aber anschließt, um in der Nähe des Mörders zu bleiben. Der Trail wird für viele zu einer Reise ohne Wiederkehr: Weder Douglas noch dessen Freund Burt Ketchum spielen mit offenen Karten; auf dem langen Weg nach lauern mordlustige Kiowas, und die Comanchen haben auch großes Interesse an den Gewehren. Ward steht ganz alleine gegen alle auf dem Höllentrail nach Santa Fe ...

„Tot!“, sagte die kalte Stimme. Ward hielt die Augen geschlossen und wagte nicht, zu atmen. Eine Stiefelspitze grub sich unter seinen Körper und wälzte ihn herum.

„Alle beide! Niemand wird uns mehr den Profit für den Frachttreck streitig machen! Es läuft wie am Schnürchen!“

„Lassen wir sie da liegen, Boss?“, fragte eine krächzende Stimme.

„Natürlich! Bis man die Leichen findet, bin ich längst mit dem Wagenzug auf dem Santa-Fe-Trail unterwegs!“

Die Schritte entfernten sich. Bald darauf setzten wieder Hufschläge ein. Die Verbrecher ritten zur Stadt Kansas City zurück. Nur noch das gleichmäßige Murmeln und Plätschern des Missouri blieb.

*

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Als Ward sich auf die Ellenbogen stemmte, drohte ihm der Schmerz wieder die Besinnung zu rauben. Er schaute sich nach Cliff um. Cliff lag wie ein dunkles Stoffbündel im Gras, keine zehn Yard entfernt. Die Zähne zusammengepresst, kroch Ward zu ihm.

„Cliff ...“ Ward erstarrte, als er die gebrochenen Augen seines Freundes sah.

Die Kugel hatte Cliff mitten ins Herz getroffen.

Die Kugel aus dem Revolver des Mannes, der sein Partner gewesen war.

Zwischen den geknickten Zweigen mit den kugelzerfetzten Blättern spähte Ward lange zu den Lichtern von Kansas City hinüber. Dort hatte Cliff zusammen mit seinem Mörder ein kleines Frachtunternehmen gegründet. Alle Hoffnung hatte er auf den Wagenzug gesetzt, der morgen früh aufbrechen und Proviant, Ausrüstung und Gewehre für die Armee in New Mexico über die langen gefährlichen Meilen nach Westen befördern sollte. Er hatte Ward als Scout und Wegführer angeworben, und die Aussicht, wieder Bügel an Bügel mit seinem alten Freund reiten zu können, hatte Ward keine Sekunde zögern lassen.

Alles vorbei! Der Revolver eines profitgierigen Verräters hatte den Schlusspunkt unter alle Pläne und Hoffnungen gesetzt! Auf Cliff Burden wartete jetzt nur noch ein kühles Grab auf dem Boothill von Kansas City – und auf Ward Chester der Trail der Vergeltung!

Langsam stand Ward auf und wankte zu seinem Pferd.

*

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Der Mann lag flach im seichten Uferwasser des Turkey Creek. Mit einer Hand drückte er ein wenig die hohen Schilfhalme auseinander und spähte lauernd der jungen Frau entgegen, die langsam die sanfte buschbewachsene Böschung zum Creek herabkam. Droben zeichneten sich die hellen rundgewölbten Planendächer der Murphy-Wagen vor dem blauen Firmament ab.

Keine einzige Wolke war zu sehen. Drückende Hitze lastete über der Prärie. Das riesige, endlose Land wirkte wie ausgestorben. Die Planendächer waren wie unscheinbare weiße Flecken in die hitzeflimmernde Weite hingetupft. Als schmale dunkle Linie liefen die Radgeleise der Wagenzüge, die schon vorher diesen Weg genommen hatten, nach Westen. Eine verlorene Fährte, die aber die ganze Zähigkeit dieser Menschen verriet, achtzehnhundert Meilen Wildnis zu überwinden. Die berühmt gewordene Treckstraße nach Santa Fe.

Der Mann im Creek ließ vorsichtig die Schilfhalme wieder zusammenschnellen. Sein unrasiertes Gesicht war straff vor Anspannung, er staute den Atem. Die junge Frau kam durch die Schneise, die Mustang- und Antilopenhufe getreten hatten, und kauerte am Creekufer nieder. Nicht mehr als zwei Armlängen von dem Verborgenen entfernt.

Staub hatte ihr schmales hübsches Gesicht gepudert und ihrer weizenblonden üppigen Haarflut den seidigen Glanz genommen. Sie tauchte die Hände ins Wasser und schöpfte einen Schwall in ihr Gesicht. Von den Wagen herab, die Mittagsrast hielten, kamen die Geräusche gedämpft und müde. Die Zugochsen waren getränkt, die Männer hatten ihren kargen Imbiss verzehrt, rauchten noch ein bisschen und warteten auf das Zeichen zum Aufbruch. Die Frau am Creek ließ Wasser über ihren Nacken rieseln. Sie lächelte. Ihre Schultern waren weich und rund, ihr Körper voller Biegsamkeit. Ein gieriges Funkeln stahl sich in die Augen des Unrasierten. Als die blonde Frau ihre straffsitzende Bluse aufzuknöpfen begann, kam das Signal, auf das er die ganze Zeit über so fieberhaft gewartet hatte: das schrille Zirpen einer Grille, zweimal hintereinander.

Die Frau beachtete es gar nicht. Erst das Rascheln des Schilfes und das Platschen der Stiefel im seichten Wasser ließen sie herumzucken. Ihre Augen weiteten sich in jähem Schrecken, als sie den Mann auf sich zustürzen sah. Sie wollte schreien. Da war er schon bei ihr, umschlang sie mit seinen muskulösen Armen und drückte ihr die schmutzige flache Hand über den Mund. „Nur schön brav, meine Süße, dann passiert dir nichts!“

Sie begann sich stumm und verbissen zu wehren, wand sich wie eine Katze in seinem stählernen Griff, trat nach ihm und versuchte, ihn zu kratzen. Der Unrasierte fluchte und zog sie durch das knisternde Schilf am Ufer entlang auf eine Gruppe Cottonwoods zu. Die Blonde gab noch immer nicht auf. Der Bandit rutschte im Schlamm, verlor das Gleichgewicht und stürzte. Er riss die Frau mit sich. Wasser spritzte in silbernem Bogen durch die Luft. Ein schriller Schrei stieg aus der Kehle der Überfallenen. Fluchend warf sich der Desperado über sie. Ihre kleinen Fäuste hämmerten auf ihn ein. Er spürte es gar nicht, zerrte sie roh in die Höhe und presste ihr so brutal den Unterarm von hinten über die Kehle, dass sie kaum noch Luft bekam.

Von den Wagen herab stürmte ein hünenhafter Schwarzer wie ein angeschossener Stier auf den Turkey Creek zu. „Miss Jenny, ich komme! Du dreckiger Lump, lass deine Hände von ihr!“ In seinem ebenholzschwarzen Gesicht rollten wild die Augen.

Droben vor den Wagendächern setzte ein Durcheinander lärmender Gestalten ein. Der Bandit schleppte keuchend und schimpfend die Frau quer durch den seichten Creek auf den gegenüberliegenden Buschstreifen zu. Der Schwarze stürzte wie ein schwarzer Rachegott hinter ihm her.

Ehe er ihn einholen konnte, brach eine Reiterfront aus dem Gebüsch. Eine Reihe von Gewehr- und Revolverläufen schleuderte zuckende Strahlenreflexe. Ein großer breitschultriger Bursche winkte dem Unrasierten mit dem Gewehr zu. „Schaff sie hinüber! Du weißt schon, was du zu tun hast!“

Dann waren die Reiter bereits links und rechts neben dem schwer atmenden Schwarzen. „Steh, Blacky! Und hoch mit deinen Pfoten! Ein bisschen schnell!“

Der Hüne stand wie ein Fels mitten im Creek. Sein Blick hetzte hin und her, dann fiel er wieder auf die Frau, die von dem Desperado auf das gegenüberliegende Ufer geschleift wurde.

„Miss Jenny!“, brüllte er auf und warf sich verzweifelt vorwärts.

Die Bande feuerte nicht, um sich nicht gegenseitig zu gefährden. Der Schwarze erwischte das Bein eines Reiters. Ein Ruck – und im nächsten Moment landete der Mann klatschend im Bach. Der Schwarze packte das reiterlose erschreckte Pferd am Halfter, um es als Deckung zwischen sich und die anderen Feinde zu bringen. Da sprang ein anderer Bandit vom Sattel aus wie ein Panther auf seinen Rücken hinab.

Der dunkelhäutige Hüne ließ das Pferd los, bückte sich und zog den Angreifer mit einem wilden Schwung über seine Schultern nach vorne. Wie ein Lumpenbündel flog er gegen seinen Komplizen, der sich eben wieder aus dem Creek aufrichtete. Andere Männer waren abgesessen und stürmten auf den Schwarzen zu. Dessen breitflächiges Gesicht zeigte ein wildes Grinsen. „Danach haben sich meine Fäuste lange gesehnt! Nur heran mit euch, ihr Lumpenpack!“ Seine geballte Rechte mähte einen Banditen förmlich von den Beinen. Der nächste rannte direkt in die vorstoßende Linke hinein, wurde vom Boden weggehoben und prallte gegen einen nachdrängenden Gefährten. Ein Durcheinander von Pferden, fluchenden Männern und spritzendem Wasser verknäulte sich immer mehr.

Bei den Sträuchern am Südufer schrie die junge Frau verzweifelt: „Zurück, Simon! Flieh, du schaffst es nicht!“

Der Schwarze hörte nicht. Wie ein Berserker tobte er zwischen den Banditen. Die Männer flogen nur so unter seinen wirbelnden Fäusten. Der breitschultrige Anführer der Bande war mit drei oder vier Reitern im Sattel geblieben. Sie richteten ihre Waffen auf die Treckmänner, die an den Rand der Uferböschung getreten waren.

„Keinen Schuss, ihr da oben. Seht euch die Frau an! Sie hätte es mit ihrem Leben zu büßen!“

Der Unrasierte hatte die Frau vor sich gepresst und ihr die Klinge eines Bowiemessers an die Kehle gesetzt.

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Schlaff und reglos hing sie jetzt in seinem Griff. Bei den Planwagen erstarrte jede Bewegung. Der Breitschultrige lächelte zufrieden. Während seine Partner ihre Waffen weiter im Anschlag hielten, lenkte er seinen Gaul hastig hinter den verbissen kämpfenden Schwarzen und schlug mit dem Gewehrlauf zu.

Black Simons Fäuste fielen nach unten. Torkelnd und schwerfällig drehte er sich herum. Seine Gegner hängten sich wie eine Meute Bluthunde an ihn. Aber dieser dunkle Klotz von einem Mann stand noch immer, starrte den berittenen Verbrecher mit rollenden Augen an und brummte im tiefsten Bass: „Bete bloß darum, dass ich dich nicht eines Tages zwischen meine Fäuste bekomme, du Lump!“ Dann erst brach er wie vom Blitz getroffen zusammen.

Die Banditen wollten weiter auf ihn einschlagen. Ihr Boss knurrte: „Hebt euch das Vergnügen für später auf, ihr Narren! Zuerst die Arbeit! In die Sättel mit euch!“

Zwei schleppten den Besinnungslosen zum Ufer hinüber. Dann saßen sie alle wieder auf den Pferden und spähten mit schussbereiten Revolvern zu den Treckleuten hinauf. Ein schlanker mittelgroßer Mann mit einem städtisch geschnittenen Rock über der einfachen Reiterkleidung hatte sich vor die Reihe der Frachtkutscher geschoben. Seine rechte Hand ruhte unter dem gebauschten Stoff am Revolverkolben.

„Lasst die Frau aus dem Spiel, Banditen! Dann können wir es wie Männer austragen!“

„Ich denke gar nicht daran!“, erwiderte der Bandenführer grinsend. „Ich bin nicht auf ’nen Kampf scharf, sondern auf Beute. Ich will euren Boss sprechen, Freunde.“

„Der bin ich!“, sagte der Schlanke. „Mein Name ist Douglas. Ich warne euch zum letzten Mal! Gebt die Frau heraus und ...“

„Aber gewiss doch! Ihr wird kein Haar gekrümmt! Sie ist in dem Augenblick frei, da ihr uns die fünf Wagen übergeben habt!“

Betroffenes Gemurmel durchlief die Schar der Frachtfahrer. Alle starrten Douglas an. Der hatte sich vorgebeugt, seine Mundwinkel waren verkniffen. „Du hast ja den Verstand verloren, Bandit! Du weißt nicht, was du da verlangst!“

„Im Gegenteil! Burt Ketchum hat schon immer verdammt genau gewusst, was er will! In diesem Falle zwei Wagen, beladen mit den neuen Winchestern 66 für die Soldaten in New Mexico und auch die drei anderen Fahrzeuge mit dem Proviant und den Ausrüstungsgegenständen! Wenn nicht, stirbt die Frau vor euren Augen. Ihr rechnet doch hoffentlich nicht damit, dass ich nur bluffe!“ Er stemmte die Kolbenplatte seines Karabiners gegen den Oberschenkel. Seine ganze Haltung drückte überlegene Selbstsicherheit aus.

„Ketchum, du Hundesohn!“, keuchte Douglas. „Dafür werde ich dich ...“

Er brachte die Faust mit dem Revolver unter dem Stadtrock hervor und machte einen Schritt vorwärts. Zwei Kutscher hielten ihn hastig fest. Einer raunte heiser: „Um Himmels willen, Boss, dieser Bursche da unten lässt Miss Jenny kaltblütig ermorden!“

Mit einer zähflüssigen Bewegung schob Douglas die Waffe in die Halfter zurück. Burt Ketchum hatte sich nicht im Sattel gerührt. Das triumphierende Grinsen saß wie festgefroren in seinem hartlinigen Gesicht.

„Ich gebe euch drei Minuten zum Nachdenken! Drei Minuten, um dieser hübschen Lady das Leben zu retten!“ Douglas schluckte würgend. Sein Blick tastete über die fünf hintereinander stehenden Planwagen. Die Konturen von Kisten und Fässern zeichneten sich unter den Dachplanen ab – eine Ladung, die mehrere tausend Dollar wert war. Douglas’ Fäuste öffneten und schlossen sich. Die Kutscher begannen leise und erregt durcheinander zu sprechen. Im Turkey Creek – elf Tagesfahrten westlich von Kansas City, dem Ausgangspunkt der Karawane – warteten stumm die Banditen.

Die blonde junge Frau bäumte sich nochmals in den Fäusten des Desperados. „Douglas, gehen Sie nicht darauf ein! Wir sind ruiniert, wenn Sie es tun! Ketchum wird es nicht wagen, mich töten zu lassen! Mein Tod bringt ihm nichts ein! Bleiben Sie hart, Douglas!“

Burt Ketchum hatte kurz den Kopf gewandt. Sein Gesicht wurde noch brutaler. Auf seinen Wink hin ließ der Unrasierte das Messer ein wenig tiefer gleiten. Winzige Blutstropfen quollen unter der blinkenden Klinge hervor. Aber die Frau presste die roten Lippen fest zusammen. Kein Klagelaut kam aus ihrem Mund. Ketchum rief grimmig zu den Treckleuten hinauf: „Eine mutige Person, was? Nur hat sie eines nicht bedacht! Es gibt schlimmere Dinge als den Tod, die einer Frau hier draußen zustoßen können.“

„Dieser dreckige Lumpenkerl!“, keuchte ein Kutscher in verzweifelter Wut. „Er ist zu allem entschlossen! Die Hölle soll ihn verschlingen!“

Ein junger schwarzhaariger Mann drängte die anderen zur Seite. Er packte Douglas aufgeregt am Ärmel. „Die drei Minuten sind gleich um! Douglas, entscheiden Sie sich! Sie dürfen Miss Jenny nicht im Stich lassen! Alles Geld der Welt kann nicht ihr Leben aufwiegen! Douglas, Mann, sie hat, das nicht verdient!“

Der Schweiß rann ihm in Strömen über das verzerrte Gesicht.

Douglas atmete tief durch. „Schon gut, Drury, ich bin kein Unmensch! Von dieser Stunde an sind wir zwar alle erledigt, aber ich sehe keine andere Lösung!“ Er wandte sich von den Männern ab und rief mit rauer Stimme den Hang hinab: „Es ist gut, Ketchum! Kommen Sie, und holen Sie sich alles!“

Ketchum lachte leise. Auf seinen Wink hin setzte sich die Bande in Bewegung. Die Pferde stampften platschend durch den Creek. Der Schwarze war aus seiner Bewusstlosigkeit erwacht und starrte ihnen benommen nach. Droben über der Böschung hob kein einziger Mann mehr die Hand gegen die Desperados. Der zurückgebliebene Bandit lockerte grinsend seinen Griff und nahm die Messerklinge von Jennys Kehle. Erschöpft und in stummer Verzweiflung schloss die junge Frau die Augen.

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Jeder Nerv in Ward Chester war bis zum Zerreißen gespannt. Er spürte das Hämmern seines Herzens bis in die Kehle. Nur noch drei Schritte trennten ihn von dem Verbrecher, der die blonde Frau festhielt – drei Schritte, die über Leben und Tod entscheiden konnten.

Lautlos wie eine Schlange war er an den Uferbuschstreifen herangekommen – geschmeidig und schnell, wie es nur ein Mann schaffen konnte, dem die Gefahren des weiten wilden Landes zur Selbstverständlichkeit geworden waren. Die Sträucher verdeckten ihm die Sicht auf den Creek und die Planwagen am gegenüberliegenden Ufer. Aber was er gehört hatte, genügte ihm, um alles zu begreifen. Da war eine Bande jener zügellosen, beutegierigen Männer, die sich nach dem Bürgerkrieg zusammengefunden hatten und den Wagenweg nach Westen unsicher machten. Kerle, die nach dem Krieg in kein geordnetes Leben mehr zurückgefunden hatten. Sie waren die Plage dieses Landes. Reiter ohne Gewissen, die selbst vor dem Mord an einer wehrlosen Frau nicht zurückschreckten.

Ganz langsam, ganz vorsichtig, damit kein Geräusch entstand, zog Ward die Beine an und richtete sich geduckt hinter einem Erlenbusch hoch. Plötzlich begriff er, dass sich in den nächsten Sekunden mehr entscheiden würde als das Schicksal dieser fremden Frau und des fremden Wagenzuges auf der anderen Creekseite.

Wenn er jetzt eingriff, wenn er jetzt versuchte, mit harter Faust und schnellem Colt eine Wendung herbeizuführen, gab es vielleicht nie mehr eine Rückkehr auf die Fährte, der er seit Tagen durch die Einsamkeit der Prärie folgte. Irgendwo vor ihm auf dem Santa-Fe-Trail rollte der Wagenzug mit Cliff Burdens Mörder. Der Gedanke daran ließ Ward eine Sekunde zögern. Dann durchströmte ihn eine kalte, unerschütterliche Entschlossenheit. Es gab kein Zurück mehr! Behutsam, noch immer nicht das mindeste Geräusch verursachend, schob er sich hinter dem Strauch hervor.

Da fiel der Blick des Schwarzen auf ihn. Der Hüne griff sich an die Kehle und schnappte erschrocken und verblüfft nach Luft. Der Bandit bei der blonden Frau knurrte: „Zum Teufel! Was hast du ...“ Dann hatte er Ward ebenfalls entdeckt, stieß Jenny von sich und sprang mit hochschwingendem Bowiemesser dem Präriejäger entgegen.

Sie prallten in der Luft zusammen. Die Klinge blitzte dicht vor Wards Gesicht. Im letzten Moment fing er das Handgelenk des Verbrechers auf. Dann lagen sie schon beide im Ufergras. Der Bandit ächzte und fluchte vor Wut und Überraschung. Mit aller Kraft versuchte er, Ward das Messer in die Kehle zu stoßen. Am anderen Creekufer wurden die Reiter aufmerksam. Ein heiserer Alarmschrei brachte das Gehämmer der Hufe zum Stocken.

Keine Zeit war mehr zu verlieren! Jäh ließ Ward das Handgelenk des anderen los – ein Risiko um höchsten Einsatz! Die Klinge zuckte heran. Ward riss den Kopf zur Seite. Um Fingerbreite verfehlte ihn der mörderische Stahl und grub sich in die Erde. Der Augenblick, den der Verbrecher daran verschwendete, das Messer wieder zurückzureißen, war Wards Chance!

Von der Hüfte aus knallte er die Faust in erbitterter Wucht gegen den Kinnwinkel des Unrasierten. Die Hand des Mannes verfehlte den Messergriff. Sofort jagte Ward die Linke hinterher. Da verdrehte der Desperado die Augen und rollte kraftlos auf den Rücken. Seine Stiefel klatschten in den Creek. Wie von einer Stahlfeder getrieben, schnellte Ward auf die Füße. Jenny und der Schwarze starrten ihn wie ein Gespenst an.

Ketchum hatte als erster sein Pferd gewendet und kam durch den Creek zurückgejagt. Sein Gewehr blitzte. Die Kugel fauchte an Wards Kopf vorbei in die Sträucher. Ward sprang sein 44er Navycolt förmlich in die Faust. Er feuerte von der Hüfte aus. Ketchums Gaul brach mitten im Creek zusammen. Der Bandenboss überschlug sich im hochsprühenden Wasser.

Mit einem Satz war Ward bei der blonden Frau, fasste ihr Handgelenk und zerrte sie mit sich. „Das Pferd!“, schrie er dabei dem Schwarzen zu. „Schnapp dir das Pferd!“ Mit dem Kinn deutete er auf den zurückgebliebenen Braunen des Unrasierten.

Die Erstarrung des schwarzen Hünen brach. Im nächsten Moment war er aus Ward Chesters Blickfeld verschwunden. Hinter Ward stürmte eine ganze Reihe von Pferden ins Wasser. Ketchums wütende Stimme durchdrang den Lärm: „Haltet ihn auf! Bringt die Frau zurück, und schießt den verdammten Aasgeier in Fetzen!“

Schüsse knatterten los, heißes Blei zischte ins Dickicht. Laub und Zweigstücke flogen Ward und der Frau um die Ohren. Sie stolperte, drohte zu stürzen, aber der sehnige braungesichtige Mann riss sie immer weiter mit sich. Er verlor keine Zeit mehr, eine Kugel zurückzuschicken. Alles hing nur noch von Schnelligkeit ab!

Nun dröhnten auch die Gewehre der Frachtfahrer los. Entlang der beiden Seiten des Turkey Creek war die Hölle aufgebrochen. Schleier von Pulverrauch und Staub trieben ins gleißende Sonnenlicht.

Da war schon Wards Pferd – ein struppiger, hochbeiniger schwarzer Wallach. Wortlos umfasste Ward die Taille der jungen Frau und hob sie in den Sattel. Ihr heftiger Atem streifte sein Gesicht. Einen Augenblick sah er die mühsam niedergerungene Panik ganz deutlich in ihren geweiteten graugrünen Augen. Dann saß er schon hinter ihr auf dem Rappen, fühlte die Wärme ihres biegsamen Körpers durch den dünnen Blusenstoff und drückte dem Pferd die Hacken an. „Lauf, Blacky! Zeig, was du kannst!“

Seitlich von ihm war der Schwarze auf dem braunen Banditengaul aufgetaucht. Seite an Seite preschten sie los – nach Süden zu in dieses gelbbraune Meer von Büffelgras hinein, das sich weit bis über den Horizont erstreckte. Am Creek brachen die Banditen schreiend und schießend durch den Buschstreifen. Sie feuerten wie irrsinnig hinter den Fliehenden her. Dann duckten sie sich tief auf die Pferdehälse und nahmen verbissen die Verfolgung auf. Ein Teil war am Turkey Creek zurückgeblieben und lieferte den Treckbegleitern einen wütenden Feuerkampf.

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Unter den Hufen der Pferde flog die verbrannte Erde nur so dahin. Jenny drehte ihr blasses Gesicht zu Ward hoch. „Der Treck! Wir müssen zu den Wagen zurück!“ Die Leere des unbewohnten wilden Landes vor ihnen erschreckte sie.

Ward schaute nur über die Schulter, sah die Verfolger wie eine Meute Bluthunde auf ihrer Spur und ließ den Rappwallach wieder die Stiefelabsätze fühlen. Der Gaul prustete und gab sein Bestes.

„Zurück!“, schrie Jenny. „Zurück, habe ich gesagt!“ Sie begann, an den Zügeln zu reißen. Auf einmal konnte sie ihre Aufgewühltheit nicht mehr bezwingen. Dieses kantige sonnenbraune Gesicht des Fremden mit den harten grauen Augen erschien ihr plötzlich nicht weniger drohend als Burt Ketchum und seine Bande.

Wards Lippen wurden schmal. Er drückte die junge Frau hart an sich. „Versuchen Sie mir nur nicht klarzumachen, was richtig und was falsch ist, Ma’am! Ich hab’ Sie da nicht zum Spaß herausgeholt! Sie müssen mir diese Sache schon allein überlassen!“

Sein Ton war schroffer als beabsichtigt. Auch ihm hatte die Nervenanspannung der vergangenen Minuten zugesetzt – und noch waren sie längst nicht in Sicherheit. Unaufhaltsam trommelten die Hufe der Verfolger hinter ihnen und stellten eine dünne Staubwand vor dem Turkey Creek in die heiße Luft.

Wards brennender Blick verschloss Jenny die Lippen. Aber ihr schlanker Körper wurde steif und abweisend in seinem Arm. Minuten später begann der Rappe allmählich zurückzufallen. Die Tage des harten Reitens, in denen ihn sein Besitzer in heißer Ungeduld

westwärts vorangetrieben hatte, waren nicht spurlos an ihm vorbeigegangen. Die Last von zwei Menschen wurde ihm nun zu groß. Die braune Stute des Schwarzen übernahm die Führung. Hinten begannen wieder die Revolver der Banditen zu krachen. Ungezielt zwar und noch zu weit entfernt – aber mit jeder Sekunde rückte dieser verderbenbringende Reiterpulk näher heran.

Ward zügelte den Rappen so hart und plötzlich, dass das Tier in die Hanken knickte. Mit einem Satz war Ward aus dem Sattel und riss die Frau zu sich herab. Unter schnellen Atemzügen hob und senkte sich ihre Brust. Das Blondhaar fiel ihr zerzaust ins Gesicht. In einem jähen Impuls wich sie von dem großen hirschledergekleideten Mann zurück. Ward verzog die Mundwinkel, sonst blieb sein braunes Gesicht kantig und unbewegt, über den leeren Sattel weg sah er die Banditen herandonnern. Schreiend spornten sie ihre Gäule zu einer letzten Kraftanstrengung. Sie sahen sich am Ende der wilden erbarmungslosen Hetzjagd.

Ward zog das Henrygewehr aus dem Scabbard und jagte hinter dem vorausdonnernden Schwarzen einen Schuss her. Jenny presste entsetzt die Fingerspitzen vor den Mund.

„Verrat also! Sie wollten mich für sich, und jetzt ... Sie Schuft, lassen Sie wenigstens Black Simon entkommen!“

Wie eine Wildkatze sprang sie ihn an. Blitzschnell fasste Ward ihre Handgelenke und hielt sie wie mit Stahlklammern fest. Sie stöhnte leise. Ein Schauder schüttelte ihre schmale Gestalt.

Wards Gewehrschuss hatte den Kopf des Schwarzes herumgerissen. Seine Augen wurden groß. Ohne einen Moment zu zögern, wendete er den Braunen und kam zurückgesprengt – ohne Waffen, aber furchtlos in seiner Treue zu der weißen Frau, in deren Diensten er stand. Ward stieß Jenny von sich. „Laufen Sie zu ihm, schnell! Fliehen Sie auf seinem Pferd!“

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Die Wildheit erlosch in ihren Augen. Ungläubig starrte sie ihn an. Ward schob bereits den Gewehrlauf übers Sattelleder, zielte auf den vordersten Banditen und drückte ab. Der Mann stieß die Arme in die Luft, stellte sich in den Steigbügeln auf und war im nächsten Moment vom Rücken des weiterjagenden Pferdes verschwunden.

„Zum Kuckuck! Tun Sie, was ich sage! Mein Pferd ist nicht mehr schnell genug! Ich werde diese Schurken aufhalten! Verschwinden Sie schon!“

„Mein Gott! Und ich dachte ...“

„Was Sie dachten, spielt nicht die geringste Rolle! Ich will nur nicht meine Haut umsonst zu Markte tragen! Also, fort mit Ihnen!“

Sie zuckte unter seinen heftigen Worten zusammen wie unter Peitschenhieben. Sie wich von dem Rappen zurück, der Ward als einzige Deckung diente, in die Richtung, wo Black Simon gleich darauf den Braunen neben ihr zügelte. Aber sie zögerte noch immer. „Nur eine Waffe, Fremder“, rief sie herb, „dann werden wir Seite an Seite ...“

„Nimm sie aufs Pferd!“, schrie Ward dem Schwarzen zu. „Und dann ab mit euch!“ Seine Kugel fällte das Pferd des nächsten Desperados. Der Mann geriet unter die Hufe der nachdrängenden Pferde. Sein erschütterndes Geschrei überdeckte sekundenlang das dumpfe Gedröhn.

Die anderen rissen ihre Tiere zurück, schwärmten aus und versuchten, Ward von den Flanken zu fassen. Den Rappen als Deckung vor sich haltend, zog sich Ward langsam vor ihnen zurück. Schuss um Schuss brach jetzt peitschend aus seinem kurzläufigen Gewehr.

„Aus!“, flüsterte Jenny benommen. „Er hat keine Chance mehr ... Simon, wir ...“

Der dunkelhäutige Hüne fasste ihre Hand und zog sie mit einem kräftigen Schwung hinter sich auf den Braunen. „Alles sinnlos, Miss Jenny! Wir können nur noch sorgen, dass er sich nicht umsonst für uns opfert! Halten Sie sich an mir fest!“

Er trieb den Gaul wieder nach Süden in die sonnenverbrannte Prärie hinein. Durch das Trommeln der Hufe drang das irrsinnige Stakkato von Revolver und Gewehrschüssen zu ihnen.

„Simon!“, stöhnte die Frau auf. „Und wir kennen nicht einmal seinen Namen ...“

Er fühlte ihre fahrige Bewegung und keuchte heiser: „Nicht zurückblicken, Ma’am! Um Himmels willen, tun Sie das nicht!“ Er versuchte verbissen und aschgrau im Gesicht, das Tempo noch zu beschleunigen. Bald darauf stolperte der Braune einen Geröllhang zur Sohle eines ausgetrockneten Flusses hinab. Schweißbedeckt, mit Schaum vor den geblähten Nüstern, blieb die Stute stehen.

Jenny und Black Simon lauschten mit angehaltenem Atem zur Prärie hoch. Kein Laut drang zu ihnen. Alles schien nichts weiter als ein unwirklicher Alptraum. Aber da war das erschöpfte Pferd, und da waren die Spuren des Grauens in ihren eigenen Gesichtern. Die Illusion zerplatzte wie eine Seifenblase. Das Schweigen des Todes hüllte sie ein. Und über dem Grasland, aus dem sie kamen, zog ein Geier seine Kreise. Lautlos, immer enger und immer tiefer – bis er in einem jähen Sturzflug aus ihrem Sichtfeld verschwand ...

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Sie folgten dem gewundenen Lauf des Arroyos. Jeden Augenblick waren sie darauf gefasst, wieder das drohende Gehämmer von Hufen hinter sich zu hören. Aber das ganze heiße Land schien förmlich den Atem anzuhalten, so still war es. Schließlich konnte der erschöpfte Braune nicht mehr weiter. Sie rasteten im Schatten eines Gewirrs aus Felsklötzen und Dornenhecken. Die glühende Sonnenscheibe war weit nach Westen gewandert. Die Meilen, die zwischen ihnen und dem Wagenzug lagen, schienen sie in eine andere Welt geführt zu haben. In eine Welt voll Einsamkeit, Gefahren und Verlorenheit. Es war schon spät, als sich Jenny und Black Simon endlich zum Aufbruch aufrafften.

Das Schnauben des Braunen warnte sie. Ihre Blicke zuckten hoch, als sie das Rieseln von Sand vernahmen.

Wie aus dem Boden gewachsen, hielt direkt über ihnen ein Reiter auf der Arroyokante. Groß und locker saß er im Sattel und lächelte still auf sie herab.

„Großer Himmel!“, schnappte der Schwarze. „Lassen mich meine Augen schon im Stich?  Miss Jenny, ist er das wirklich – oder sehe ich einen Geist vor mir?“  Er wühlte aufgeregt m seinem wolligen Kraushaar.

„Geh doch mal mit deinen prächtigen Fäusten auf mich los, alter Junge, dann wirst du’s gleich herausfinden!“, grinste ihn Ward Chester an und lenkte seinen Rappen den Hand hinab. Die Frau lief auf ihn zu, als er sich aus dem Sattel schwang. Ihre Augen tasteten ihn schnell und besorgt ab.

Ward schüttelte beschwichtigend den Kopf. „Keine Sorge! Alles heil geblieben, Ma'am! So nahe hab’ ich die Schufte nicht an mich herankommen lassen, dass sie einen sicheren Schuss anbringen konnten. Mein Pferd hatte sich rasch wieder erholt. Und da habe ich diese rauen Gents ein bisschen hin und herjagen lassen, immer hübsch auf meiner Fährte. Bis sie die Lust an diesem Spaß verloren. Well, da bin ich wieder!“ Er nahm den Stetson ab und trocknete mit seinem Halstuch das Schweißband.

Jenny atmete tief durch. „Ich bin nicht so neu in diesem Land, dass ich nicht wüsste, was Sie geleistet haben, Fremder. Black Simon und ich werden für immer in Ihrer Schuld stehen. Übrigens, mein Name ist Jenny Hall. Mein Partner Douglas und ich sind mit einer Fracht nach New Mexico unterwegs.“

Ward nannte seinen eigenen Namen. Dann fragte er hastig: „Wissen Sie, wie weit der nächste Wagentreck vor Ihnen unterwegs ist?“ Seine Gedanken waren schon wieder bei dem Mann, der Cliff Burden ermordet hatte. Er selber hatte in Kansas City kostbare Zeit verloren. Bei Cliffs Beerdigung war plötzlich der Sheriff aufgetaucht und hatte eine Menge Schwierigkeiten gemacht, ehe er von Wards Unschuld überzeugt gewesen war. Jetzt war wieder dieses wilde Glühen in Wards grauen Augen – wie in jener Nacht, als Cliff tot zu seinen Füßen gelegen hatte.

Jenny betrachtete ihn aufmerksam. „Ich weiß nichts von einem Treck vor uns. Sie – Sie suchen einen bestimmten Mann?“

Ward hatte sich schon wieder entspannt. „So ähnlich!“, winkte er ab. „Ich gaube, jetzt ist es wichtiger, dass ich Sie und Mr. Simon zu Ihren Leuten zurückbringe. Es wird schon 'ne Weile dauern. Wir müssen einen weiten Bogen schlagen, um nicht mehr an die Banditen zu geraten.“ Er trat wieder neben sein Pferd.

Jenny folgte ihm impulsiv. „Das wollen Sie wirklich für uns tun?“

Ward schaute sie über die Schulter ruhig an. „Etwas dagegen? Noch immer voller Argwohn, Miss Hall?“

Röte überflammte ihre Wangen. „Es tut mir leid, Chester. Sie waren für mich ein Fremder, und als Sie dann auch noch Ihr Gewehr hinter Simon abfeuerten ...“.

„Vergessen wir es“, lächelte er. „Die Frage eben war nicht fair von mir.“ Er schwang sich geschmeidig aufs Pferd.

Sie stand noch immer da und schaute ihn aus ihren klaren graugrünen Augen an. Ihre Blicke begegneten sich. Ein unsichtbarer Strom geheimer Vertrautheit war plötzlich zwischen ihnen. Da wandte sich Jenny Hall hastig ab und ging zu dem braunen Pferd, auf dessen Rücken der dunkelhäutige Hüne bereits saß. Simons Zähne schimmerten wie ein Raubtiergebiss.

„Miss Jenny, glauben Sie nicht auch, dass mein Gaul an mir schon genug zu schleppen hat? Sieht doch ganz so aus als könnte Mr. Chesters Pferd eine doppelte Last besser tragen. Wie?“

Sie stockte, und ihr hübsches Gesicht wurde dunkel. Sie stampfte mit einem Fuß auf. „Simon, was redest du da?“

Black Simon rollte unschuldig die Augen und zog den massigen Kopf ein. Hinter Jenny pochten die Hufe des Rappen näher. „Ich bin ganz seiner Meinung“, sagte Ward mit undurchdringlicher Miene. „Kommen Sie schon!“

Er streckte ihr die Hand hin. Einen Moment nur zögerte sie. Dann griff sie zu und ließ sich von ihm aufs Pferd ziehen. Black Simon begann in auffälliger Hast an seinem Steigbügel zu hantieren, um sein noch breiter werdendes Grinsen zu verbergen.

Erst als das Purpurlicht des Sonnenuntergangs bereits über der Prärie glühte, holten sie den Treck ein. Die Frachtfahrer hatten bereits ihr Nachtlager aufgeschlagen. Die fünf Murphy-Wagen waren zu einem lockeren Kreis zusammengefahren. Die Zugochsen grasten in einem Seilkorral. Kochfeuer loderten in der hereinbrechenden Dämmerung. Der Duft von gebratenem Speck und Bohnen hing in der lauen Abendluft. Alles bot ein Bild des Friedens.

Als die Hufschläge über die Ebene bis zur Wagenburg drangen, strömten die Kutscher aufgeregt zwischen den Fahrzeugen hervor. Stimmengewirr hob an. Ein junger schwarzhaariger Mann kam den Reitern freudestrahlend entgegengelaufen und schwenkte wild seinen Hut. „Miss Jenny! Dem Himmel sei Dank, Miss Jenny! Wir hatten Sie schon alle für verloren gehalten!“ Er klammerte sich am Halfter von Wards Wallach fest und lief schwitzend und keuchend neben dem Pferd her zum Lager zurück.

„Hank Drury!“, stellte ihn die Frau Ward vor. „Er und Black Simon sind die Fahrer meiner Wagen. Die anderen Fahrzeuge gehören meinem Partner. Hank, alles in Ordnung bei euch?“

„Ja, Miss Jenny. Diese Strauchräuber zogen so schnell wieder ab, wie sie gekommen waren. Keine Verluste auf unserer Seite. Aber der Boss meint, dass wir mit Burt Ketchum und seiner Horde noch zu rechnen haben.“

„Wir werden bereit sein!“, sagte Jenny fest und schaute entschlossen geradeaus. Dann waren sie schon innerhalb des Wagenringes. Lärmende, lachende Männer drängten sich um sie. Männer mit wettergegerbten Gesichtern und schwieligen Fäusten in derber Arbeitskleidung. Zwischen ihnen bahnten sich drei Gestalten den Weg zu den Ankömmlingen, die auffällig von den anderen abstachen.

Diese Männer waren auf den ersten Blick als Reiter zu erkennen: breitkrempige Hüte, bunte Tücher, enge Hosen und hochhackige Cowboystiefel, an denen große versilberte Radsporen klirrten. Ihre breiten Revolvergurte waren mit Patronen gespickt, die Colthalfter hingen tief an ihren Oberschenkeln. Als Ward in die hartlinigen Gesichter dieser drei Burschen schaute, spannte sich seine Haltung unwillkürlich. Kalte Augen lauerten ihn an.

Ward war abgesessen. Die blonde junge Frau stand neben ihm. Der mittlere der drei Kerle, ein gedrungener Mann mit düsterer Miene, fragte rau: „Miss Jenny, wer ist das?“ Er deutete mit dem Kinn auf Ward. Seine ganze Geste drückte Ablehnung und Überheblichkeit aus.

„Ward Chester“, antwortete Jenny Hall schlicht. „Er hat Simon und mir das Leben gerettet.“

„Ein Mann allein mitten auf dieser Prärie, wo es von Banditen und skalphungrigen Rothäuten wimmelt? Chester, ich denke, Sie sind uns eine Erklärung schuldig!“

Die beiden anderen neben ihm grinsten wölfisch. Einer war ein junger Bursche mit verlebtem, knochigem Gesicht. Der andere war alt und lederhäutig, besaß einen verkniffenen Mund und ein unstetes Flimmern in den dunklen Augen. Ward verschränkte in aufreizender Gelassenheit die Arme vor der Brust.

„Reitet doch meiner Fährte nach, dann werdet ihr schon sehen, woher ich komme!“

„Das ist nicht die Art von Antwort, die wir mögen!“, brummte der Gedrungene drohend. Ihre Hände krochen unauffällig tiefer auf die Coltkolben zu. Da wusste Ward, dass er nichts anderes als richtige Revolvermänner vor sich hatte. Die Stimmen ringsum waren jäh verstummt. Der Kreis der Frachtkutscher hatte sich erweitert.

Jenny strich mit einer energischen Bewegung eine blonde Strähne aus der Stirn. „Es ist gut, Mulligan!“, sagte sie scharf zu dem Gedrungenen. „Chester hat mein Vertrauen. Ihr könnt gehen.“

Mulligan zuckte die muskulösen Schultern. „Douglas ist unser Boss, Ma’am! Unser Job ist es, im Treck für Sicherheit und Ordnung zu sorgen – notfalls mit dem Schießeisen in der Faust!“ Er warf Ward einen bedeutsamen, stechenden Blick zu. Ward lächelte nur kühl zurück.

„Genug, Mulligan, genug! Ich übernehme das selber!“, ertönte hinter ihnen eine Stimme. Zwischen den Feuern kam ein Mann vom entferntesten Planwagen herüber. Ein flachkroniger dunkler Texashut beschattete sein Gesicht. Mulligan brummte, winkte seinen Gefährten zu, und schnell und stumm drängten sie in die Schar der abwartenden Fahrer zurück.

„Douglas, endlich!“, seufzte Jenny erleichtert. „Chester, das ist mein Partner Greg Douglas. Douglas, hier steht der Mann, dem ich mein Leben verdanke – Ward Chester! Er hat ...“

*

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Sie verstummte, als sie merkte, wie sich die Haltung der Männer verändert hatte. Douglas war bis auf sechs Schritte herangekommen und stand jetzt wie festgenagelt. Der rotflackernde Feuerschein traf jetzt unter seine Hutkrempe. Sein scharfgeschnittenes Gesicht mit dem dünnen blonden Bärtchen hatte plötzlich alle Farbe verloren.

Ward war unwillkürlich einen Schritt von Jenny weggetreten. Seine Hand hatte sich zur Halfter gesenkt, aus der der Walnussholzgriff seines 44er Navycolts ragte. Er hatte keine Augen und Ohren mehr für alles, was ringsum vorging. Er sah nur diesen schlanken Mann mit dem Stadtrock über der Westlerkleidung, sah die winzigen Schweißtropfen, die dem anderen auf die Stirn traten, und die schmale, langfingerige Hand, die vorsichtig den Rockschoß über dem Revolver an der Hüfte zurückschlug.

Greg Douglas! Der Mann, dessen Gesicht unauslöschlich in Wards Erinnerung eingeprägt war! Cliff Burdens Mörder!

Douglas’ Rechte hatte den Revolvergriff erreicht. Ward sagte mit stählern klingender Stimme: „Zieh nur, du Lump! Ich bin bereit! Du wirst es auch diesmal nicht schaffen!“

Das Bärtchen über Douglas’ Oberlippe zuckte nervös. Er zauderte. Da waren die drei Revolverschwinger wieder zur Stelle, bauten sich links und rechts neben ihrem Boss auf und duckten sich wie sprungbereite Raubkatzen. Wie Geierkrallen krümmten sich ihre Hände über den Revolvern – Hände, die darauf trainiert waren, schnell wie der Blitz mit den Schießeisen umzugehen. Wards Mund wurde zu einem dunklen messerscharfen Strich in seinem kantigen Gesicht. Er sagte kein Wort, wartete nur.

Jenny trat schnell vor ihn. Ihre Wangen waren blass, und der züngelnde Lichtschein brach sich in ihren geweiteten Augen. „Douglas – Chester! Was soll das alles?“

Im Nu hatte Greg Douglas seine Fassung zurückgewonnen. Die Nähe seiner Revolverleute erfüllte ihn mit Sicherheit. Er nahm die Hand von der Waffe. „Das müssen Sie ihn fragen, Jenny! Als er mich sah, griff er sofort zur Halfter! Ich kenne ihn gar nicht.“

Jenny drehte sich zu Ward herum. Ihr Blick war eine einzige Frage. An ihr vorbei starrte Ward unverwandt Douglas an. Er murmelte heiser: „Er ist der Mann, den ich suche! Der Mörder meines besten Freundes! Gehen Sie aus der Schusslinie, Miss Hall. Es muss ausgetragen werden.“

„Dieser Narr!“, stieß Douglas zornig hervor. „Was redet er da nur! Es muss ein Irrtum sein! Nun gut, wenn er so wild darauf ist – wir tun ihm den Gefallen. Jenny, gehen Sie zur Seite!“

„Ich denke nicht daran! Chester, seien Sie doch vernünftig! Sie haben gar keine Chance, wenn Sie es auf einen Kampf anlegen. Mulligan, Griffin und Strode sind von einem einzelnen Mann nicht zu schlagen!“

„Ich will nur Douglas erwischen – und das werde ich!“

„Er ist mein Partner und kein Bandit!“, rief die Frau leidenschaftlich. „Was ist nur los mit Ihnen, Chester?“

„Ich war dabei, als er Cliff Burden heimtückisch ermordete. Mich selber erwischte er nicht gut genug. Das ist, sein Verhängnis!“

Jenny starrte ihn groß an. „Cliff Burden?“, wiederholte sie atemlos. Sie ruckte zu Douglas herum. „Douglas, was sagen Sie dazu?“

„Er ist verrückt! Er muss mich verwechseln, eine andere Erklärung weiß ich nicht. Cliff von mir ermordet? Wenn es nicht so ernst wäre, müsste ich darüber lachen. Jenny, Sie wissen, wie prächtig ich mich mit Cliff verstand. Sie kennen ihn so gut wie ich. Schließlich hat er Sie in dieses Frachtfuhrunternehmen aufgenommen. Jenny, Sie werden diesem Kerl doch kein Wort glauben?“

„Wenn Cliff euer gemeinsamer Partner war“, sagte Ward grimmig, „dann erklären Sie ihr doch, was aus ihm geworden ist!“

Douglas zuckte in gespielter Verständnislosigkeit die Schultern. „Er ist schon vor dem Treck nach Westen losgeritten. Jenny weiß das. Wir haben mit der Armee in New Mexico ein Geschäft abgeschlossen, das Geschäft unseres Lebens sozusagen. Wir bringen Waffen, Munition und Proviant und sonst alles mögliche nach Santa Fe hinüber. Eine Abteilung Soldaten soll uns auf der Trailstraße entgegenkommen. Cliff will die Sache beschleunigen. Immerhin sind die Zeiten verdammt unruhig und das Land wild. Und jetzt habe ich genug erklärt, Chester. Die Sache ist für mich erledigt!“

Er drehte sich einfach ab und wollte tiefer in die Wagenburg zurückgehen. Mit einem Tigersatz war Ward an Jenny vorbei, holte Greg Douglas ein und zerrte ihn wild zu sich herum.

Douglas’ Hand fuhr zur Halfter. „Zum Teufel! Ich werde ...“

*

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Wards Faust schmetterte ihm ins Gesicht. So blitzschnell und wuchtig, dass Douglas rücklings zu Boden stürzte. Die Welle roter Wut hatte Ward überwältigt. Er warf sich auf den Verbrecher und schlug ihm wieder und wieder die Fäuste ins Gesicht. Douglas hatte den Revolver herausgerissen und versuchte, ihn auf Yards Kopf zu richten. Ein wildes gnadenloses Sprühen war in seinen Augen. Ward packte keuchend sein Handgelenk und hieb ihm die Faust so lange wie rasend gegen die Erde, bis sich Douglas’ Finger öffneten und die mattschimmernde Waffe freigaben.

Ringsum wogte die Schar der aufgestörten Frachtfahrer. Jenny wollte zu den beiden verbissen Kämpfenden vordringen. Aber Black Simon hielt sie ernst und wortlos mit seiner starken schwarzen Faust zurück. Mulligan und seine Freunde hatten die Colts gezogen, wagten aber keinen Schuss, um ihren Boss nicht zu gefährden.

Schließlich sprang Ward hoch und riss Douglas wie ein Stoffbündel mit sich. Er schüttelte ihn wild, und dann stieß er ihn so wuchtig gegen die Bordwand eines Planwagens, dass das ganze schwere Fahrzeug dröhnte. Ward glitt geduckt von dem Treckboss zurück.

„Findest du jetzt endlich den Mut, dich zur Rechenschaft zu stellen? Oder muss ich dich wie einen dreckigen Feigling auf einen Gaul binden und zum Richter nach Kansas City zurückschleppen?“

„Wenn du das schaffst, du hergelaufener Sattelstrolch, will ich dir freiwillig ein Leben lang die Stiefel putzen!“, knurrte der Revolvermann Mulligan zornig. Er und seine Partner standen in einem Dreieck um Ward und zielten mit ihren Colts auf seinen Kopf.

Das Feuer in Ward erlosch. Er hatte einen Fehler gemacht, und jetzt zwang er sich zu kalter Ruhe. Die Angst, dass Douglas nie mehr für sein grausames Verbrechen sühnen sollte, war schlimmer als die Furcht vor dem Tod.

Douglas stieß sich schwer atmend vom Wagen ab. Hass zitterte in seiner Stimme. „Keine Kugel ohne meinen Befehl! Das wäre zu einfach für diesen Schurken! Chester, du Halunke, schnall ab!“

„Nein!“

„Wir werden dich in Stücke schießen, du Narr!“, zischte der junge Gunman links von ihm gehässig.

„Kann sein! Ich werde trotzdem Zeit finden, Douglas mit einer Kugel zu erwischen!“

„Darauf solltest du nicht bauen!“

„Ich tue es aber! Und Douglas’ Risiko ist damit nicht geringer als meines!“ Er lächelte den schlanken Treckboss wild an. Douglas schluckte schwer. Der Hass in seinen Augen war mörderisch. Es war ihm anzusehen, wie sich die Gedanken hinter seiner Stirn förmlich jagten. Aber Wards brennender Blick bannte ihn an den Fleck. Langsam, die Hand am Coltgriff, bewegte sich Ward auf ihn zu.

Das Rascheln von Jenny Halls knöchellangem Rock war plötzlich neben ihm. Er spürte ihre schmale Hand am Ärmel. „Sie sehen Ihre Grenzen nicht mehr, Chester!“, mahnte sie leise. „Geben Sie’s auf!“

„So dicht am Ziel? Niemals!“

Ihre Hand glitt von ihm weg. Sie atmete scharf ein. „Es tut mir leid – dann lassen Sie mir keine andere Wahl!“

Er sah das triumphierende Aufblitzen in Douglas’ Augen. Die Ahnung schnürte ihm die Kehle zu. Ward wollte sich herumwerfen. Da war schon der harte Druck einer Revolvermündung an seinen Rippen. Jenny hatte die Waffe unbemerkt einem Kutscher aus der Halfter gezogen, bevor sie an Ward herangetreten war. Tonlos befahl sie: „Keine Bewegung mehr! Wenn Sie ziehen, drücke ich ab!“

Ward stand reglos. Enttäuschung wallte ätzend in ihm auf – dann wurde in ihm alles kalt und hart wie Stein. Die Frau neben ihm war plötzlich nur noch eine Fremde, von der er kein Verständnis und keine Unterstützung zu erwarten hatte. Er sagte verächtlich: „Das ist natürlich auch eine Möglichkeit, eine Schuld zu begleichen! Ich fange allmählich an, Sie zu bewundern, Miss Hall!“

Flecken hektischer Röte erschienen auf ihren Wangen. Ihre kleine Faust mit dem großkalibrigen Revolver begann, zu zittern. Aber da war Mulligan schon geduckt herangeglitten und zog Ward den 44er aus der Halfter. Grinsend nickte er Douglas zu.

Jenny flüsterte herb: „Douglas und ich sind gute Geschäftspartner. Wir haben unsere ganzen Ersparnisse in dieses Unternehmen gesteckt. Wenn wir die Fracht nicht nach New Mexico bringen, sind wir ruiniert. Niemand wird uns da einen Strich dazwischen machen, wenn ich es verhindern kann.“

„Natürlich!“, nickte Ward kalt. „Wenn das kein Grund ist, einem Mörder zu helfen ...“

„Douglas ist kein Mörder! Ich kenne ihn gut genug! Alles muss ein Irrtum sein!“

„Werden Sie das auch noch sagen, wenn Sie vergeblich darauf warten, Cliff Burden wiederzusehen? Aber dann braucht der Gewinn ja nur durch zwei geteilt zu werden, auch ein Vorteil, nicht wahr? Vorausgesetzt, Mr. Douglas’ Pläne laufen nicht darauf hinaus, allein alles einzustreichen!“

Jenny wich kreidebleich unter seinen peitschenscharfen Worten zurück. Im nächsten Moment traf Ward ein so harter Kolbenhieb zwischen die Schulterblätter, dass er auf die Knie fiel. Douglas’ vom Feuer rot überflackertes Gesicht war schräg über ihm. Wieder schlug Douglas zähneknirschend mit dem Gewehrkolben zu. Ward wälzte sich im zertrampelten Gras.

„Dir werd’ ich beibringen, deine Zunge im Zaum zu halten, du Kojote! Jungens, packt ihn! Stellt ihn auf die Füße, und legt ihm einen Strick um den Hals! Das ist die einzig richtige Medizin, die diesen Burschen zur Vernunft bringen kann!“

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Seine wilden Worte spornten die Kutscher an. Kräftige Fäuste streckten sich nach Ward aus, zerrten ihn roh in die Höhe und rüttelten ihn.

Jenny rief schrill: „Weg von ihm!“

Die Fahrer zögerten unschlüssig. Douglas furchte die Brauen. „Jenny, verlangen Sie nicht, dass ich noch Rücksicht auf ihn nehme! Dieser Kerl ist verrückt danach, mich umzubringen. Ich zweifle daran, ob er Cliff Burden überhaupt kennt. Vielleicht gehört er zu irgendeiner anderen Banditenbande und ist nur hier, um Verwirrung und Unruhe zu stiften. Nein, ich werde mit ihm kein Risiko eingehen! – Leute, ein Galgen ist aus ein paar Wagendeichseln schnell gezimmert! An die Arbeit mit euch!“

„Douglas, das ist nicht Ihr Ernst!“, raunte Jenny herb.

„Was wollen Sie denn?“, hob er in falschem Bedauern die Schultern. „Hier herrscht, das Gesetz der Wildnis. Als Treckboss bin ich dazu ermächtigt, diesen Schritt zu tun. Chester lässt mir gar keine andere Wahl. Fragen Sie ihn doch, ob er freiwillig ohne Waffen für immer von hier verschwinden will! Sehen Sie ihn doch an, dann kennen Sie seine Antwort!“

Ward bäumte sich im Griff der Frachtfahrer und spuckte Douglas genau vor die Füße. Einen Moment schien es, Douglas würde sich auf ihn stürzen. Er bezwang sich.

„Genügt Ihnen das, Jenny?“ Seine Stimme kratzte vor Heiserkeit. Dann wurde sie messerscharf. „Schafft ihn mir aus den Augen, Männer! Ich will ihn erst wiedersehen, wenn er unter der Schlinge steht!“

Die Männer zerrten Ward vorwärts. Prasselnde Hiebe erstickten seine Gegenwehr. Jennys Revolver entlud sich mit einem peitschenden Knall. In das Verrollen der Detonation drang ihre vor Entschlossenheit helle Stimme.

„Vergesst eines nicht: Ich habe ihn überwältigt! Er ist mein Gefangener!“

„Jenny!“, keuchte Douglas und machte einen Schritt auf sie zu. „Zum Henker, was soll das?“

Ihr Revolver ruckte zu ihm herum. Die Lagerfeuer verstärkten das Funkeln ihrer Augen. „Ich habe eine Forderung gestellt, Douglas! Überlassen Sie ihn mir!“

„Aber das ist ja ...“

„Wir nehmen ihn mit, bis Cliff Burden zu uns stößt! Er wird uns sagen, ob Chester wirklich sein Freund ist und ob ein Irrtum vorliegt!“

Douglas biss sich auf die Unterlippe. „Unterschätzen Sie ihn bloß nicht, Jenny. Dieser Bursche ist gefährlich. Bei der erstbesten Gelegenheit wird er mir wieder an den Kragen gehen. Nein, Sie verlangen entschieden zu viel!“

Die Kutscher und Begleitfahrer wollten Ward weiterschleppen. Da rief Jenny: „Simon! Drury!“ Im nächsten Augenblick standen der Schwarze und der junge Schwarzhaarige mit schussbereiten Gewehren neben ihr. Jenny schaute Greg Douglas fest in die Augen. „Ich lasse keinen Lynchmord zu! Ich gehe aufs Ganze! Douglas, wenn Sie mein Partner bleiben wollen, dann entscheiden Sie sich richtig!“

Die Fronten waren erstarrt. Gegen den Haufen der Kutscher und Revolvermänner boten Jenny und ihre beiden Gefährten einen verlorenen Anblick. Aber sie standen furchtlos und zum Äußersten entschlossen da, Jenny in der Mitte – schlank und aufrecht und mit einer Hand, die nicht mehr bebte.

Mulligan murmelte: „Nur ein Wort, Boss, ein einziges Wort – und in einer Minute haben Sie keine Gegner mehr!“ Douglas’ Augen waren zusammengekniffen. Die entscheidende Sekunde dehnte sich. Dann entspannte sich Douglas. „Er ist es nicht wert, dass wir uns gegenseitig zerfleischen. Vielleicht will er gar nichts anderes. Überlasst ihn Jenny. Er hat nichts weiter erreicht als eine Frist – eine allerletzte Galgenfrist, deren Länge ich bestimme!“

Details

Seiten
120
Jahr
2018
ISBN (ePUB)
9783738923711
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2018 (November)
Schlagworte
dann jenny winchester

Autor

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Titel: Dann griff Jenny zur Winchester