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Texas Wolf Band 41 Wenn Old Joe abrechnet

2018 120 Seiten

Leseprobe

Die Cimarron-Bande treibt schon seit langer Zeit ihr Unwesen in Texas. Es ist eine Truppe von mörderischen Halunken, angeführt von einem Mann, den man wegen seines roten Bartes nur „Copper“ nennt. In den letzten Wochen und Monaten hat die Bande stetig Zuwachs bekommen – höchste Zeit also, dass endlich jemand das verbrecherische Treiben der Cimarron-Bande stoppt.

Texas Ranger Tom Cadburn und sein Partner Old Joe setzen sich auf die Spur der Banditen. Und als Old Joe wenig später den Banditenboss zum ersten mal sieht, weiß er, dass dies der Mann ist, mit dem er eine noch offene Rechnung begleichen muss. Auch wenn seitdem mehr als 30 Jahre vergangen sind ...

Amos Corkle zügelte sein erschrecktes Pferd. Vier Reiter trieben direkt vor ihm ihre Tiere aus dem Manzanita-Gestrüpp und versperrten ihm den Weg.

Ihre Absicht war ebenso unmissverständlich wie die Waffen, die sie auf ihn richteten.

Jetzt polterte auch hinter ihm Hufschlag. Ein Blick über die Schulter genügte ihm.

Drei Reiter verlegten ihm den einzigen Fluchtweg. Außerdem hatte er das Gefühl, dass noch ein paar Burschen im Gestrüpp lauerten.

Sein Gewehr steckte im Sattelschuh. Zu weit weg. Ebensogut hätte er es auch zu Hause lassen können.

„Hallo, Mister! Wohin geht der Ritt?“ Ausgerechnet der jüngste Kerl fragte es. Blonder Bartflaum glänzte um seinen Mund. Er grinste. Das ließ ihn noch verwegener aussehen.

„Hansford!“, gab Amos Corkle zurück. Er bekam es mit der Angst zu tun. Die Männer ritten erstklassige Pferde. Die Waffen waren gepflegt. Das waren Leute, die vom Revolver lebten.

Der Junge ritt einen Schecken. Er trieb das Tier näher heran. Seine Lippen verzogen sich grausam.

„Das ist aber noch ein langer Weg, Mister. Unterwegs kann Ihnen allerhand zustoßen!“

Die Blicke des Jungen blieben an der Ledertasche an Corkles Sattel hängen.

„Mir ist noch nie etwas zugestoßen“, erwiderte Corkle.

„Kann sich aber verdammt schnell ändern, Mann! Sie sind mächtig leichtsinnig. Nicht einmal das Gewehr haben Sie in der Hand. An Ihrer Stelle würde ich nur mit dem durchgeladenen Gewehr reiten. Man kann nie wissen, wer einem gleich begegnet.“

Die Burschen vor und hinter Amos Corkle lachten dröhnend.

Durch den Beifall angestachelt, legte der Junge los wie eine überdrehte Uhrfeder: „Und doppelt leichtsinnig, dass Sie ohne Begleitung reisen! Sie kommen weit herum, nicht wahr?“

Corkles Augen weiteten sich.

Sie wissen Bescheid, ging es ihm durch den Schädel! Das - das sind Banditen! Das ist die Cimarron-Bande! Lieber Gott, und ich habe die Steuereinnahmen aus drei Siedlungen in der Tasche!

„Es geht“, sagte Corkle krächzend. Sein Hals war wie zugeschnürt.

Die Burschen hatten keine Halstücher vor das Gesicht gebunden. Das konnte nur eine schlimme Bedeutung haben.

„Nicht so bescheiden, Mann!“ Der Junge grinste wieder grausam. „Letzte Woche habe ich Sie in Dalhart gesehen, da hatten Sie diese Satteltasche unterm Arm und guckten sehr zufrieden. Jetzt sehen Sie aus wie ein Präriehund, der sein Loch nicht erreicht hat. Steigen Sie mal ab!“

Amos Corkle fasste die Zügel fester. „Hören Sie, ich will noch vor der Nacht ein Dach über dem Kopf haben ...“

Der Junge spannte den Revolverhammer. „Runter, oder ich schieße Sie vom Pferd!“

Amos Corkle zögerte.

Wenn er den Sattel verließ, hatte er überhaupt keine Chance. So gelang es ihm vielleicht, das Tier mitten zwischen die Pferde der Halunken zu treiben, eines zu rammen und in dem Durcheinander zu entkommen.

„Tun Sie, was er sagt!“ Eine grollende Stimme hinter Corkle gab diesen Befehl.

Corkle zog es die Schulterblätter zusammen und die Nackenhaare hoch.

Er wandte noch einmal den Kopf.

Ein vierter Mann war da hinten aus dem Gestrüpp geritten. Ein hagerer und ziemlich alter Mann. Seine Augen blickten so kalt wie Eis und so mitleidlos wie die eines Apachen. Rotes Haar hing unter seinem abgegriffenen eingestaubten Hut hervor, ein roter Bart verbarg den unteren Teil seines Gesichtes.

Ein schwerer Revolver hing hoch an seiner rechten Hüfte.

Der Mann wirkte wie der leibhaftige Tod.

Amos Corkle wurde leichenblass und begann trotz der drückenden Nachmittagshitze zu schwitzen. Die Beschreibung dieses Mannes kannte er. Sie hing in jeder Siedlung. Auf. dem Steckbrief wurden fünfhundert Dollar für ihn versprochen, lebend oder tot. Angeblich hieß er Copper.

Mit seiner Bande verübte er seit Wochen im Dreieck von Kansas, Texas und dem Colorado-Territorium Überfälle auf Reisende und kleine Siedlungen. Wahrscheinlich kam Copper auch für zwei Kutschenüberfälle im Gebiet vom Mora Crossing in Frage. Niemand von den Passagieren und vom Kutschenpersonal war lebend davongekommen. Man hatte nur noch Fährten gefunden. Ziemlich eindeutige allerdings.

Amos Corkle stieg ab und lehnte sich an sein Pferd.

„Der Mann ist klug!“, höhnte der Junge. „He, Mister, werfen Sie mir mal die Satteltasche rüber. Ich bin nämlich neugierig.“

Die drohenden Waffen ließen Amos Corkle keine Wahl.

Er band die Tasche los.

„Zu mir aufs Pferd, nicht auf den Boden!“, warnte der Junge.

Corkle erschrak. Er hatte eben die Tasche unter das Pferd des Jungen werfen wollen. Aber der grinsende Teufel hatte tatsächlich seine Gedanken erraten!

Er schleuderte die Satteltasche dem Kerl entgegen.

Der Junge fing sie geschickt auf. Der Revolver kam nicht einmal aus der Richtung.

„Und jetzt das Gewehr, Mann! Sieht aus, als sei es eine schöne Waffe. Ich habe kürzlich mein Gewehr eingebüßt. Es war ein sehr gutes Gewehr.“

Von mir aus auch das Gewehr, dachte der Steuereinnehmer Amos Corkle. Hauptsache, sie lassen mich davonkommen!

Er packte die Waffe mit einer Hand am Kolbenhals und zog sie aus dem Scabbard.

Der Junge grinste und feuerte ihm drei Kugeln von der Seite in den Leib.

Das Pferd sprang entsetzt zur Seite.

Amos Corkle stützte sich vom Boden hoch. Seine Arme zitterten.

„Was ist denn mit mir?“, lallte er. „Was ist denn - wieso bin ich auf dem Boden?“

Die Arme knickten weg. Mit dem Gesicht voran fiel er in den Straßenstaub und war tot.

Der Junge spuckte aus und lud seinen Revolver.

„Ihr habt es alle gesehen“, tönte er. „Er hatte sein Gewehr in der Hand. Er war bewaffnet. Sollte ich mich totschießen lassen?“

„Halt’s Maul!“, sagte der Mann, der Copper genannt wurde. „Zähl nach, was er in der Satteltasche hat!“

Der Junge steckte den Revolver ins Holster und schnürte die Tasche auf.

Für die Steuerlisten obenauf hatte er keine Verwendung. Er packte sie, knüllte sie zusammen und schleuderte sie abseits. Ihn interessierte nur das Geld.

In einem Leinensäckchen waren Münzen. Nicht viele.

Und in einem Seitenfach steckten ganze einhundertsechzig Dollar.

Wie besessen begann er zu wühlen.

„Was ist?“, fragte Copper und trieb sein Pferd heran.

„Dreck!“, brüllte der Junge los. „Hier - das ist alles!“ Er hielt die Geldscheine Copper unter die Nase.

Copper fluchte und untersuchte selber die Tasche. Nichts.

„Dreht ihm die Taschen um!“, befahl er.

Bei Amos Corkle fanden sie einen Einzahlungsbeleg über sechzehnhundert Dollar. Er hatte in Dalhart bei der Bank diese Summe einbezahlt. Für die Kasse der Countyverwaltung.

„Diese erbärmliche Laus!“, knurrte Copper. „Hat uns reingelegt. Das Geld ist futsch. Er hat’s der Bank gegeben.“ Sein Blick streifte das Pferd. „Den Gaul nehmen wir mit, der bringt fünfzig, der Sattel das Doppelte. Und das Gewehr können wir auch verscheuern.“

„Trotzdem ist es Dreck!“, tobte der Junge. Seine Augen hatten einen hässlichen Ausdruck.

Einer seiner Partner sagte finster:

„Du verdammte Kröte brockst uns mehr ein, als wir auslöffeln können! Copper, wenn du ihm nicht bald was aufs Maul schlägst, dann tu ich’s. Und dann steht er nicht mehr auf.“

„Willst du’s herausfinden?“ Der Junge schaute heiß und begehrlich. Er war herumgefahren und starrte seinen Partner an. Mit einer blitzschnellen Bewegung ließ er die Hand auf den Revolverkolben fallen. „Ich möchte schon immer wissen, wer von uns besser ist, Mace.“

„Jederzeit“, sagte Mace langsam und ohne Furcht. „Jederzeit, Giftkröte!“

„Ihr kriegt alle zwei was drauf!“, drohte Copper. „Also, hauen wir ab. Geteilt wird, wenn wir alles versilbert haben.“

„Und was wird mit ihm?“ Mace zeigte mit der linken Hand auf den Steuereinnehmer, die rechte hielt er in der Nähe des Revolvers, und den Blick nahm er nicht für eine Sekunde von dem Jungen.

„In zwei Stunden ist der Wagenzug hier“, sagte Copper gleichmütig.

Am Nachmittag hatten sie einen Wagenzug in beträchtlicher Entfernung überholt. Er rollte in Richtung Hansford. Vor Sonnenuntergang musste er diese Stelle passieren.

„Mace, du reitest hinten“, sagte Copper mit einem Blick auf den Jungen.

„Ist mir auch lieber so.“ Mace grinste. „Ich habe so das Gefühl, dass ich sonst leicht ’rie Kugel in den Rücken kriegen könnte.“

Der Junge blickte ihn in mörderischem Verlangen an. Er war halb entschlossen, den Revolver herauszureißen, aber eben nicht ganz. Mace galt als ihr bester Mann und hatte einen Ruf.

*

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SUMMEND RITT MITCH Sayers heimwärts.

Er hatte doppelten Grund, mit sich und der Welt zufrieden zu sein.

Einmal braute Spalding einen hervorragenden Schnaps und pflegte sich von diesem, sobald Besuch kam, am meisten einzuschütten. Zugegeben, seine Brennerei war nicht legal, und Spalding vertrug auch nicht viel, aber weder am einen noch am anderen störte sich jemand. Auch nicht Sheriff Tully, und das wollte schon etwas heißen.

Zum anderen war Spaldings Tochter Pearl ein heißblütiges Geschöpf und gar nicht prüde. Kaum war Spalding hinter seinem halb geleerten Tonkrug schnarchend eingeschlafen, hatten sich Mitch und Pearl ins Heu verzogen.

Aus eben diesen Gründen war Mitch Sayers guter Dinge. Wo bekam man in diesem Land schon einen anständigen Schluck umsonst und konnte sich dann auch noch amüsieren?

Auf Spalding und seine Tochter ließ er nichts kommen.

Mitch war auch noch guter Dinge, als ihm der Nachtwind das Räderrollen der Nachtkutsche zutrug. Jetzt war sie drüben auf dem anderen Pass. Auf ihrem Weg nach Süden kam sie ihm entgegen. Spätestens unten im Tal begegnete er ihr.

Ferne Schüsse ließen ihn hochfahren.

Er hielt seinen knickebeinigen Wallach an, der die Ohren flach anlegte, den Kopf nach vorne schob und nach Norden witterte. Zum Pass.

Erkennen konnte Mitch nichts. Die Nacht war zwar sternenhell, aber die Distanz zum Pass war zu groß. Auch Mündungsfeuer sah er nicht.

Jetzt haben sie die Nachtkutsche erwischt, dachte er. Das ist schon die finsterste Ecke von Texas, und durch die Banditen kommt sie noch mehr in Verruf!

Er war kein Held, nur ein junger Mann, der Spaß vom Leben haben wollte und keine Gelegenheit ausließ, sich diesen Spaß zu verschaffen.

Außerdem kam er bei der Kutsche doch zu spät. Er benötigte mindestens eine Stunde bis zum Pass hinüber.

Eine Waffe hatte er gar nicht mit.

Er blieb also im Sattel und lauschte. Die Schießerei war zu einem Ende gekommen.

Plötzlich krachten noch einmal drei oder vier Schüsse. Wegen des grollenden Echos konnte er sie nicht genau zählen.

Dann drang ein ganz ungewohntes Geräusch durch die nächtliche Bergwelt. Ein Klirren und Schaben erst, dann ein dumpfer Aufprall.

Durch das neuerliche Echo drang das entsetzliche Wiehern eines Pferdes und dann der Todesschrei des Tieres.

Wieder gab es einen Aufprall. Nur viel lauter. Ein Splittern und Bersten folgte und wollte gar kein Ende nehmen.

Endlich herrschte drüben am Pass gespenstische Stille.

Nur in den Tälern rumorte noch das Echo.

„Mein Gott!“, ächzte Mitch voller Entsetzen. „Die Kutsche!“

Er war drauf und dran, sein Pferd herumzulenken und zu Spalding zurückzujagen. Aber der Mann war viel zu betrunken, um hier helfen zu können.

Und Pearl war ein Mädchen. Das hielt man aus solchen Sachen heraus.

Während Mitch noch überlegte, was denn sonst zu tun wäre, hörte er aufbrausenden Hufschlag. Natürlich von drüben, vom Pass. Eine starke Reitermannschaft kam in seine Richtung.

Mitch hatte nur den einen Wunsch, dieser nicht zu begegnen.

Also ritt er sofort vom Weg herunter und suchte sich zwischen Gestrüpp und Felstrümmern ein gutes Versteck.

Nach einer ganzen Zeit klang der ferne Hufschlag gedämpfter. Die Mannschaft war jetzt unten im Tal, die Bäume schluckten das Klappern der Hufe auf dem steinigen Weg.

Mitch kam fast um vor Angst. Dass sein Versteck ziemlich sicher war, nützte ihm und seinen Nerven gar nichts.

Fast vergaß er auch noch, seinem Wallach die schweißnasse Hand auf die Nüstern zu legen, als Hufe den Weg heraufpolterten. Das Pferd spürte, dass er Angst hatte.

Angst steckt an. Der Gaul begann zu tänzeln.

Stimmen drangen an Mitchs Ohren.

Die Reiter kamen.

Keine hundert Schritte entfernt zogen sie vorüber. Eine aufsässige Stimme sagte: „Wir haben nur noch Pech, wie’s aussieht, Copper. Lass uns in eine andere Gegend abhauen. Die Geizkragen nehmen nichts mehr mit auf die Reise, was das Mitnehmen lohnt.“

Copper!

Vor Schreck ließ Mitch den Wallach los.

„Du verdammter Idiot hältst jetzt das Maul!“, sagte eine grollende Stimme. „Die Gegend ist so sicher wie das Paradies. Nach allen Seiten offen. Das ist für unser Gewerbe nun mal Voraussetzung.“

Ein paar Männer lachten.

Mitch zählte elf Reiter.

In diesem Moment setzte der Wallach einen Huf auf. Das Eisen klirrte auf Stein. Und die Halunken hörten es.

„Was ist das?“ Das war wieder diese aufsässige und recht junge Stimme.

Der Trupp hielt an.

„Ich hab’s auch gehört!“, ließ sich ein anderer Mann vernehmen.

„Vielleicht Wildschafe. Die gibt’s hier nämlich. Nachts gehen sie zur Tränke.“ Das war der Mann mit der grollenden harten Stimme. „Weiter, los! Zwei Stunden nach Sonnenaufgang ist hier der Teufel los. Sie werden nachsehen, warum die Kutsche nicht kommt.“

An der Spitze des Trupps setzte sich ein Mann ab. Sein Pferd hatte einen sternförmigen hellen Fleck auf der Brust.

„Und wenn’s kein Wildschaf ist? He, Copper, halt doch an, zum Teufel!“

Der Mann an der Spitze ritt unbeirrt weiter.

Der Trupp folgte ihm. Bis auf drei Reiter. Die hielten auf ihren Pferden wie angewurzelt.

„Und jetzt, Dusty?“, fragte eine höhnische Stimme. „Copper ist kein Narr. Aber du vielleicht. Geh los, auf, sieh nach, was hier geklappert hat!“

Dieser Dusty trieb tatsächlich seinen Gaul vom Weg herunter und kam genau in die Richtung von Mitch Sayers geritten.

Nach zwanzig Längen hielt er an.

„Na, was ist?“, spottete einer der Männer, die auf dem Weg ausharrten. „Juckt dich das Fell immer noch? Reite nur hin. Ich verspreche dir, du kriegst das schönste Grab hier oben. Sozusagen mit Fernsicht. Falls nämlich hier eine Rothaut herumschleicht. Sie würde dich in jedem Fall zuerst sehen.“

Dieser Dusty schien nur ein großes Maul zu haben.

Er ließ sein Pferd wieder ein paar Schritte gehen. Aber dann kamen ihm doch erhebliche Bedenken. Die Situation gefiel ihm nicht. Unruhig bewegte er den Kopf und schaute nach rechts und links.

Mitch hätte ihn mit einem Stein treffen können, so nah war er.

Plötzlich kam der Bursche zu dem Entschluss, dass er besser nichts gehört hatte. Er riss brutal sein Pferd herum und jagte auf dem wiehernden Tier zum Passweg zurück.

„Könnte dir so passen, Mace, was?“, sagte er so giftig, wie Mitch noch nie zuvor einen Mann reden gehört hatte. „Ich werde dich überleben.“

„Sieht fast so aus“, erwiderte dieser Mace spöttisch. „Wenn du so weitermachst, erfährst du nie, wer von uns beiden der bessere Mann ist.“ Mace lachte schallend.

„Du - du - ach was, du kannst mich mal!“ Nach dieser Aufforderung sprengte Dusty hinter der Bande her.

Mace lachte noch immer, als er mit dem anderen Mann der leichten Staubwolke folgte, die über den sternenlichtbeschienenen Weg trieb.

Mitchs Zähne schlugen aufeinander.

Die Cimarron-Bande!

Er hatte sie mit eigenen Augen gesehen!

Sie hatte mit der Kutsche etwas angerichtet!

Er beruhigte sich nur langsam und ritt los, als die Bande schon wenigstens drei Meilen weiter war.

Eine Stunde später war er auf dem anderen Pass.

Die Kutsche war nirgends zu sehen. Nur zur Schlucht hin war eine Lücke ins Gebüsch gerissen.

Mitch merkte, wie sein Magen Knoten bekam.

Copper Bande hatte die Kutsche und das Gespann in die Tiefe sausen lassen!

Unmöglich, dass da jemand mit dem Leben davongekommen war. Die Schlucht war mindestens sechshundert Fuß tief.

Wie von Furien gehetzt ritt Mitch von der Stelle weg. Erst als sein Wallach auf der abschüssigen Wegstrecke vom Morelos-Pass zu keuchen begann und stolperte, nahm er die Zügel kurz und ritt vernünftig.

Und dann überlegte er.

Am besten, er ritt bei Sheriff Tully vorbei und informierte ihn.

Die Sache würde wie ein Lauffeuer in der Stadt die Runde machen. Dass er der Cimarron-Bande begegnet war und nicht mal eine Waffe bei sich gehabt hatte.

Die Geschichte glaubte ihm ja keiner. Am wenigsten Tully.

Und falls doch, dann war er das Gespött der Stadt. Ein Feigling, der sich still verhalten hatte und in ein Versteck gekrochen war.

Mitch war mit den Nerven fertig und sah das alles in einem ziemlich schrägen Licht.

Den Passagieren und Fahrern half er ja nicht mehr. Die hatten es hinter sich.

Er bedauerte die Leute. Am meisten aber bedauerte er sich, weil er schon die Leute mit Fingern zeigen sah.

Er hatte viel Zeit verloren, weil er der Bande nicht auf, dem Weg hatte begegnen wollen. Als er die Dächer von Hansford vor sich auftauchen sah, war es schon hell, und in spätestens einer halben Stunde ging die Sonne auf.

Das erleichterte ihm den Entschluss.

Er klopfte nicht Tully heraus, sondern stellte sein Pferd in den Stall, wusch sich den Staub herunter und zog sich für seinen Arbeitstag in Twinkles Frachtkontor um.

Tully würde so oder so vom Verlust der Kutsche erfahren.

*

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DURCHS FENSTER SAH Mitch früh um neun Uhr einen Mann auf schaumbedecktem Pferd zur Stadt hereinjagen und vor Tullys Office aus dem Sattel springen. Das Pferd trug das Brandzeichen von Benaras, und Benaras leitete die erste Pferdewechselstation hinter Hansford.

Die Nachtkutsche war nicht angekommen. Da hatte Benaras einen seiner Helfer aufs Pferd gejagt. Und der hatte entdeckt, dass die Kutsche nur bis zum Morelos-Pass gelangt war.

Eine Stunde später rückte Sheriff Tully mit einem Aufgebot aus.

Am frühen Abend war er mit seinen Leuten und einigen Packpferden, die eine traurige Last trugen, in der Stadt zurück.

Mitch sah, dass eines der Packpferde zum Haus des Docs geführt wurde und eine große Menschenmenge folgte. Das sah ganz so aus, als ob jemand mit dem Leben davongekommen war.

Tully aber kam mit gesträubtem Schnurrbart geradewegs zum Kontor herüber. Zwei Minuten später stand er vor Mitch und starrte ihn eine ganze Minute lang an.

Als er endlich sprach, klang seine Stimme furchtbar.

„Die Kutsche ist gestern Abend um elf Uhr raus, weil sie schon eine Stunde Verspätung mitbrachte. Bis zum Morelos-Pass braucht jede Kutsche drei Stunden. Das heißt also, sie war zwei Stunden nach Mitternacht oben. Hast du mir was zu sagen?“

Mitch schluckte und schüttelte trotzig den Kopf.

„Auch gut!“, fauchte Tully. Es sah aus, als wollte er Mitch am Hemd packen und über den Tisch ziehen. „Ich habe mich in der ganzen Gegend umgetan. Du bist um ein Uhr bei Spalding weg. Sagt jedenfalls Pearl. Von Spalding zum Pass reitet man eine Stunde. Das ergibt zwei Uhr. Also warst du dort.“

„Nein, Sheriff!“ Mitch konnte den Blick von Tullys Augen nicht ertragen und senkte den Kopf.

„Und ob!“ Tully nickte, dass sein Schnurrbart zitterte und Staub von seinem Hut flog. „Und ich werde es dir beweisen. Sieben Reisende sind tot, dazu die beiden Fahrer. Ein Mann hat es überlebt, wenn auch schwer verletzt. Ist sowieso schon ein Wunder, wie er den Sturz überstanden hat. Ich werde an seinem Bett sitzen und warten, dass er zu reden anfängt. Und dann gnade dir Gott, Mitch!“

„Mir? Wieso?“

Tully blickte ihn durchbohrend an. „Ist doch seltsam, dass immer Kutschen, Wagen und Reisende überfallen werden, nachdem sie hier in der Stadt waren. Als würde jemand der verdammten Bande immer dann einen Wink geben, wenn es sich lohnt. Darüber habe ich nachgedacht. Ihr habt hier die Frachtlisten, ihr wisst auch, wer kommt und geht. Und du gibst mehr Geld aus, als dir Twinkle bezahlt. Das ist es, aus dem ich den Strick flechte. Wenn sich der Fahrgast erinnert, dass er dich gesehen hat, hängst du, so wahr ich hier stehe!“

„Sie sind ja verrückt!“, rief Mitch keuchend.

Tully holte aus. Er schlug aber doch nicht zu.

„Pearls Aussage habe ich, und ich denke, die andere bekomme ich auch.“ Er stampfte hinaus und warf die Tür zu, dass die Fensterscheiben klirrten.

Mitch griff sich an den Hals.

Er war ein Narr! Alles hatte er falsch angepackt. Hätte er doch bloß am Morgen Tully herausgeklopft.

Jetzt war es zu spät. Was er auch sagte, Tully glaubte ihm kein Wort. Und schon gar nicht, dass ihm die junge und hübsche Witwe Johnson ein paar Dollar zusteckte, wenn er sich regelmäßig sonntags früh zwischen Tau und Morgen von ihr verabschiedete.

Nach Feierabend ging Mitch auf ein Glas Bier in den Saloon nebenan.

Er hörte, dass der Passagier nun doch gestorben war. Der Doc hatte nichts mehr ausrichten können. Mitch nahm diese Nachricht zum Anlass, noch ein Glas zu trinken und dann zum Haus der Witwe Johnson zu gehen, obgleich es nicht Samstag war.

Auf halbem Weg begegnete ihm Tully. Der Sheriff sah durch ihn hindurch wie durch Glas. Tully hielt einen Brief in der Hand.

Neugierig geworden, beobachtete Mitch ihn von der Gassenecke aus.

Tully reichte dem Fahrer der Abendkutsche den Brief auf den Bock, sagte etwas und winkte. Aus dem Hof der Posthalterei trabten sechs bewaffnete Reiter.

Die Kutsche reiste unter Bedeckung, und der Begleitfahrer stützte eine doppelläufige Schrotflinte mit der Kolbenplatte auf den Oberschenkel, noch bevor die Kutsche rollte.

Tully hatte Vorsorge getroffen, dass die Kutsche unangefochten aus seinem Gebiet herauskam.

*

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STIRNRUNZELND LAS TOM Cadburn, was ihm sein Captain aus San Antonio mitzuteilen hatte. Dem Schreiben waren ein Steckbrief und ein Brandschreiben beigefügt.

Beides, Steckbrief und Schreiben, waren von einem Sheriff Tully unterzeichnet. Tully hatte sein Amt in Hansford inne, wie er erläuterte. Er hatte einen Sack voller Probleme. In seinem Gebiet raubte und mordete eine Bande. Und er konnte sie nicht dingfest machen, weil sie mal über die Kansas-Grenze und mal ins Colorado-Territorium hinüber entwischte.

Außerdem führte er ein paar Dinge an, die höchst bedenklich zu lesen waren.

Die Kutschengesellschaften erwogen demnach, den Betrieb einzustellen. Der Steuereinnehmer war erschossen und ausgeraubt worden. Die Viehzüchter wollten eine Revolvertruppe anheuern, um ihren Besitz zu schützen.

Gegen diese geplante Revolvertruppe meldete Tully Bedenken an. Man wisse ja, was für ein Gesindel sich zu solchen Gelegenheiten einfinde. Und hinterher werde man die Burschen nicht wieder los.

Tom legte den Brief beiseite. Das war freilich ein Argument.

Er nahm den Steckbrief zur Hand.

Copper?

Er hatte alle gängigen Steckbriefe im Kopf. Die machten zusammen mindestens einen halben Zentner aus. Außerdem enthielten sie ein paar hundert Namen.

Copper war nicht darunter, das konnte er beschwören.

Dem Steckbrieftext entnahm er, dass der Mann, der die Cimarron-Bande anführte, eventuell so hieß. Aber das war eine höchst zweifelhafte Angabe.

Und Cimarron-Bande missfiel Tom noch weit mehr. Das klang zu romantisch, zu harmlos. Vorausgesetzt, es stimmte, was Tully in seinem Brief alles aufgezählt hatte an Verbrechen, die der Bande angelastet wurden.

Zimperlich war Tully in keiner Hinsicht. Er schrieb von einem Verdacht gegen einen Kerl namens Mitch Sayers, der nach seinem Dafürhalten die Cimarron-Bande mit Tipps und Hinweisen versorgte. Bloß sei der Kerl zu gerissen. Wenn er ihn schon hänge, dann müsste die Sache völlig legal sein.

Na, der Mann war mit Feststellungen schnell bei der Hand. Tom behagte das nicht. Einige Sheriffs im Land waren ziemlich schnell mit dem Strick. Und darüber wurde nicht nur bei der Truppe der Texas Ranger geredet.

Wie die Dinge auch immer in Hansford hoch oben in Texas standen, der Captain jedenfalls wünschte, dass sich Tom unverzüglich um die Bande und um den aufgebrachten Sheriff Tully kümmerte.

Eigentlich fielen Postkutschenüberfälle in die Zuständigkeit eines Distriktsgerichts, weil die Kutschen Post beförderten. In der Regel wurde dann vom Gericht ein Marshal beauftragt, die Post wieder herbeizuschaffen oder die Banditen, am besten beides.

Aber der Norden von Texas war ein finsterer Winkel. Und wegen der Grenzen mussten sie noch höllisch achtgeben, um nicht einem empfindlichen Sheriff auf die Zehen zu treten.

Manche Sheriffs hielten sich in schöner Überheblichkeit für das einzig wahre Salz der Erde und alle anderen Gesetzeshüter für arme Waisenknaben und kümmerliche Präriezwerge.

Dieser Tully zählte offensichtlich nicht zu dieser Kategorie. Er war mit seiner Weisheit am Ende und wollte, dass sich die Ranger um die verdammte Bande kümmerten.

Wegen der Grenze, schloss Tom Cadburn haarscharf. Wenn ihm die Bande auf das Gebiet von Kansas entwischt, hat er dort nichts zu bestellen. Im Colorado-Territorium reagieren die Leute auch sauer, sobald ein großmäuliger Sheriff aus Texas aufkreuzt. Na ja, und der Captain hat natürlich keine andere Idee gehabt, als mir diesen ungemütlichen Auftrag anzudrehen!

Tom brummte ein paar nicht sehr schmeichelhafte Worte und steckte die Schreiben und den Steckbrief ein.

Der Posthalter, der ihm den Umschlag ausgehändigt hatte, guckte wie ein kurzsichtiger Präriehund, weil er das unfreundliche Brummen auf sich bezog. Aber es kam nichts nach.

Der Ranger sagte nur: „Wenn noch Post für mich eintrifft, schicken Sie die nach Hansford rauf. Das ist meine nächste Anschrift.“

„Oh!“, machte der Posthalter. „Wo sie jetzt diese Überfälle haben! Mann, da haben Sie sich aber für eine freundliche Ecke entschieden! Wenn Sie sich mit dem nackten Hintern in einen Kaktus setzen, ist das bestimmt gemütlicher.“

„Es ist mein Hintern“, versetzte Tom nicht gerade höflich.

„Wie Sie meinen“, sagte der Posthalter seufzend. „Es ist Ihre Beerdigung, Ranger.“ Wie er es sagte, kannte er sich im Leben aus. „Das sind keine Spaßvögel, sondern ausgekochte Hundesöhne. Kürzlich haben sie sogar Malone erwischt, und der war der beste Mann der Wells Fargo in dieser Gegend. Er dachte, sein Ruf genüge, um die Burschen abzuschrecken. Hat ihm aber nichts genützt. Er war als Begleitfahrer auf einer Kutsche, und sie haben ihn vom Bock geschossen.“

„So? Der blutige Malone?“, sagte Tom. „Woher wissen Sie das?“

Malone hatte jahrelang mal diesseits und mal jenseits des Zaunes gekämpft und sich einen recht traurigen Ruf erworben. Die Wells Fargo hatte ihn schließlich angeworben, und allein für diese Gesellschaft hatte er drei mörderische Schießereien durchgefochten.

„Einer unserer Fahrer hat die Neuigkeit mitgebracht. Er hatte eine Route über Hansford. Er ist auch nur durchgekommen, weil ihm ein bewaffnetes Begleitkommando mitgegeben wurde.“

Das interessierte Tom. „Aha, und wann geht die nächste Kutsche da hinauf?“

„Vorläufig fährt keine mehr, Ranger.

Die Butterfield Overland Mail und die Wells Fargo haben den Betrieb auf dieser Strecke eingestellt.“

„Schade“, meinte Tom. „Ich hätte die Reise gerne etwas komfortabel gehabt.“ Er rückte grüßend den Hut und trat hinaus in die grelle Sonne und die Hitze, die die einzige Straße von San Angelo in einen Backofen verwandelte.

Thunder scharrte ungeduldig. Er wollte heraus aus der mörderischen Sonne. Das nahe Wasser vom Fluss lockte ihn.

Sam lag unter dem erhöhten Bohlensteig und schnappte nach Fliegen, die ihn belästigten. Er guckte auch ziemlich vorwurfsvoll.

„Wir packen es gleich“, redete Tom mit ihnen, „ihr kommt schon noch auf eure Kosten. Das wird ein langer Weg.“ Er hielt Ausschau nach Old Joe. Der war mit ihm den Rio Concho herabgekommen und hatte ein paar entlaufene Maultiere eingefangen. Mit großer Wahrscheinlichkeit gehörten sie nach San Angelo. Am ersten Haus hatte der Alte damit begonnen, nach dem Besitzer der Tiere zu fragen.

Jetzt stand Clara, seine unvergleichliche Maultierlady, drüben vor dem einzigen Saloon angebunden. Und sonst kein einziges Tier mehr.

Wie es aussah, hatten die Tiere ihren Besitzer schon gefunden, und Old Joe hatte die Idee gehabt, sich den Staub aus der Kehle zu spülen.

Tom überquerte die Straße und betrat den dämmrigen Saloon. Die Luft war stickig und heiß und roch nach kaltem Zigarrenrauch und schalem Bier.

In der Ecke war nur ein grün bezogener runder Spieltisch besetzt. Old Joe saß mitten in der Runde und machte ein Gesicht, als säße er mitten auf einer Goldader. Vor sich hatte er Silberdollars gestapelt und ein paar Scheine aufeinander gelegt.

Soweit Tom wusste, war der Alte eben beim Erreichen der Stadt noch abgebrannt gewesen bis auf den letzten Cent und hatte gesagt, er müsse eine mildtätige Seele um ein Bier anschnorren.

Die Mitspieler schauten giftig. Demnach war Old Joe im Glück.

Sie machten noch unfreundlichere Gesichter, als Tom an den Tisch trat und sie das Ranger-Abzeichen an seinem Hemd erkannten.

Old Joe grinste wie alle Höllenteufel zusammen. „Setz dich, Tom, setz dich und nimm einen auf meine Kosten.“ Er kicherte und machte eine einladende Geste. Dann legte er sein Blatt auf und kassierte. Er brachte drei Könige.

„Das gute Leben ist zu Ende, bevor es richtig begonnen hat“, sagte Tom. „Trink aus, wir brechen auf.“

„Nehmen Sie den alten Biber nur mit“, sagte ein Mitspieler sauer. „Wir dachten schon, wir müssten ihn erschießen. Soviel Glück auf einen Haufen gibt’s gar nicht.“

„Wenn Sie nicht verlieren können, sollten Sie gar nicht erst spielen“, riet Tom und nahm die Karten an sich. Er blätterte sie durch und entdeckte sechs Könige im Spiel.

„Der alte Kater betrügt, nicht wahr?“, fragte der unzufriedene Spieler.

Tom hielt sich heraus. Möglich, dass Old Joe dem Glück etwas unter die Arme gegriffen hatte. Aber das war noch keine Sache, um eine Schießerei daraus zu machen.

„Ich bin in diesem Spiel nicht dringewesen“, antwortete Tom. Das verpflichtete ihn zu nichts. „Joe, spendiere den Gentlemen eine Runde, und dann kommst du.“

Er wandte sich der Theke zu und praktizierte die zwei überzähligen Könige aus dem Kartenpaket. Geschickt steckte er sie in die Hemdtasche.

„He, Ranger, die Karten!“, plärrte ein Spieler hinter Tom her.

„Oh, natürlich!“ Tom machte das unschuldigste Gesicht von der Welt und gab mit einem harmlosen Lächeln die Karten zurück.

An der Theke ließ er sich ein Bier einschenken und beobachtete aus den Augenwinkeln, wie Old Joe seinen Reichtum zusammenkratzte und in seiner alten Satteltasche versenkte. Dabei streichelte er die Tasche und machte ein höchst bedeutungsvolles Gesicht dazu.

„He, und wann geben Sie uns Revanche, alter Mann?“, fragte der Wortführer der Spieler gereizt. „Dann haben wir bestimmt die Glückssträhne, und wir knöpfen Ihnen schon noch Ihr Gold ab.“

Gold?

Tom fiel fast das Bierglas aus der Hand.

Old Joe hatte nicht einen Goldkrümel in den Taschen.

„Sicher, sicher“, sagte Old Joe freundlich, „ich bin bald zurück und werde euch Revanche geben. Bestimmt habt ihr dann mehr Glück. Ihr müsst nur ganz fest daran glauben. Mir hilft’s jedenfalls.“

Er warf sich die Satteltasche über die Achsel, ergriff seine Hawken-Büchse und kam hinkend zur Theke. „Mir auch noch ein Bier  und ’ne Runde für die wackeren Spieler.“

Großzügig bezahlte er und grinste in sein Glas hinein.

Draußen dann sagte Tom leise und ziemlich wütend: „Gold? Du bist wohl übergeschnappt?“

Old Joe kicherte. „Ach was, im Grunde genommen ist es gar nicht wichtig, ob du Gold hast! Was wirklich zählt, ist, dass die Leute glauben, du hättest Gold in der Tasche. Das ist der ganze Witz.“

„Aha, witzig nennst du das? Und wie nennst du zwei Könige zuviel im Spiel?“

„Eine Sauerei. Hast du’s gemerkt, Junge? Als ich die Kerle überzeugt hatte, dass ich genug Gold in der Satteltasche hätte, um ganz San Angelo zu kaufen, fingerte einer die zwei Könige ins Spiel. Sie wollten mir das Fell über die Ohren ziehen. Ich habe den Spieß umgedreht, jetzt sind sie angeschmiert. Abgesehen davon ist der Kartentrick uralt, den kannte schon Moses.“

„Verdammt, erstens kannte Moses bestimmt kein Kartenspiel, und dann hätte aus der Sache eine Schießerei werden können!“, versetzte Tom ungehalten.

Old Joe hörte nur, was er hören wollte.

„So, der kannte das Kartenspiel überhaupt nicht? Bist du sicher? Dann hat der Mann aber eine Menge verpasst.“ Er warf seiner Maultierlady die Satteltasche über und band sie fest.

„Na ja, mithalten hätte ich schon können, wenn’s ans Zeigen gegangen wäre“, räumte der Alte listig ein. „Die Maultiere hatten keinen Besitzer, und da habe ich sie eben verkauft. Zehn Dollar pro Nase sind auch nicht übel, oder?“

„Jedes Maultier hat einen Besitzer, Joe!“

„Diese nicht, jedenfalls kennt kein Mensch hier herum das Brandzeichen. Niemand kann von mir verlangen, an jede Tür in Texas zu klopfen und zu fragen, ob den Leuten die Tiere gehören.“ Der Alte guckte unternehmungslustig. „In welchem noblen Hotel nehmen wir Quartier? Heute bezahle ich alles. Junge, wir machen ein Fass auf, dass sie hier noch in zwanzig Jahren darüber reden.“

„Wir geben uns weder dem guten Leben hin, noch kriechen wir in einem Hotel unter. Abgesehen davon gibt es hier bloß eines, und das ist eine verrufene Wanzenburg. Wir fassen im Store Proviant und lassen den Staub dieser Gegend hinter uns.“

Wütend riss sich Old Joe den Hut vom Schädel und stülpte ihn Clara auf. Die Maultierlady wiederum schleuderte die Kopfbedeckung herunter, packte blitzschnell mit den gelben Zähnen zu, erwischte den Hut an der Krempe und winkte damit.

„Jedes mal, wenn ich mir was in den Kopf gesetzt habe, kommst du daher und hast ganz andere Pläne, zum Teufel!“, beschwerte sich Old Joe. „Gib den Hut her, du Staubeule!  Und in welche Gegend willst du mich schleppen? In diesem Land gibt es keinen Winkel, wo du nicht mehr Staub findest als Wasser.“

„Norden“, erklärte Tom kurz angebunden und wandte den Kopf, weil er die Schwingtür klappen hörte.

Old Joes Mitspieler traten auf den Bohlensteig; einer hatte das Päckchen Karten in der Hand.

Die Stimmung war nicht gut, das sah Tom sofort. Die Leute waren auf Streit aus.

*

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HE, ALTER MANN, AUF ein Wort!“ Der Mann, der Revanche verlangt hatte, trat an die Verandakante. „Haben Sie mit dem Kartenspiel was gemacht?“

Details

Seiten
120
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783738923704
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2018 (November)
Schlagworte
texas wolf band wenn

Autor

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Titel: Texas Wolf Band 41 Wenn Old Joe abrechnet