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Afrika weint

©2018 300 Seiten

Zusammenfassung

Die Fremdenlegion! Allein der Name klingt so exotisch und abenteuerlich, dass viele Männer sich ihr anschließen wollen. Teils aus Neugier, und teils aus Verzweiflung. Denn die Legenden, die man sich von der Legion erzählt, sind nichts im Vergleich zur rauen und brutalen Wirklichkeit.

Ernst F. Löhndorff war in der Fremdenlegion in Algerien und Marokko – und das, was er in seinem tagebuchähnlichen autobiografischen Roman erzählt, ist die ernüchternde Wirklichkeit. Desillusionierte und gestrandete Männer dienen dort, und viele von ihnen kehren niemals wieder in die Heimat zurück. Und falls doch, sind sie zerbrochen und nur noch ein menschliches Wrack!

Leseprobe

IMPRESSUM

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© Roman by Author / Cover: Nach Motiven von Pixabay, 2018

Korrektorat: Alfred Wallon

© dieser Ausgabe 2018 by Alfred Bekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

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Die Fremdenlegion! Allein der Name klingt so exotisch und abenteuerlich, dass viele Männer sich ihr anschließen wollen. Teils aus Neugier, und teils aus Verzweiflung. Denn die Legenden, die man sich von der Legion erzählt, sind nichts im Vergleich zur rauen und brutalen Wirklichkeit.

Ernst F. Löhndorff war in der Fremdenlegion in Algerien und Marokko – und das, was er in seinem tagebuchähnlichen autobiografischen Roman erzählt, ist die ernüchternde Wirklichkeit. Desillusionierte und gestrandete Männer dienen dort, und viele von ihnen kehren niemals wieder in die Heimat zurück. Und falls doch, sind sie zerbrochen und nur noch ein menschliches Wrack!

Gewidmet meiner unvergesslichen Mutter

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Vorwort

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Als dieses Buch bald nach dem ersten Weltkrieg erschien, erregte es Aufsehen. Es wurde im Dritten Reich verboten. Hitler wollte alle jungen Deutschen in Unwissenheit darüber lassen, dass es eine Fremdenlegion gäbe. Nach der herrschenden Meinung waren ja alle, die in die Fremdenlegion gingen, asozial. Nach dem Zusammenbruch des Dritten Reiches gingen dann Zehntausende junger Leute nur deshalb in die Legion, weil sie vorher in der deutschen Waffen-SS waren.

Mir haben das Buch und die durch die Veröffentlichung hervorgerufenen indirekten und direkten Auswirkungen gleich nach dem zweiten Weltkrieg viel Unglück gebracht: Ich wurde 1947 von den Franzosen in einem Schwarzwalddorf interniert, dann als alter Deserteur zur Aburteilung über Kehl - Marseille nach Sidi bel Abbes zum Regiment geschickt.  Zwar waren 29 Jahre seit meiner Desertion verflossen, und ich war damals als unwissender, unfertiger Mensch in die Legion gegangen, aber nach französischem Militärgesetz verjährt eine Desertion erst nach dreißig Jahren, und so konnte nichts mir helfen, alle Einsprüche einflussreicher Freunde aus Deutschland und der Schweiz nutzten in Paris nichts.

Es war keine schöne Zeit, dieses zweite Mal in Afrika in einer Zelle, aber es dauerte nicht lange: Ich wurde entlassen, musste jedoch nochmals in die Internierung und wäre vielleicht heute noch dort, vergessen, wenn ich nicht lebensgefährlich erkrankt wäre und es durch die Intervention des deutschen Arztes eigentlich erst ruchbar wurde, dass in einem Schwarzwald-Weiler noch jemand interniert saß, den das französische Gouvernement vergessen hatte. Seit 1949 bin ich wieder frei und kann meiner Arbeit nachgehen.

Wie es jetzt drüben sei, werde ich oft gefragt. Nun, es hat sich manches geändert, z. B. wird der Legionsanwärter erst gründlich ärztlich untersucht und mancher wird dann noch zurückgewiesen. Auch ist das Essen besser, man erhält genügend Wäsche und Uniformen, der Lohn ist etwas höher, und der Legionär ist in Frankreich nicht mehr verfemt wie damals zu meiner Zeit. Wenn er Lust hat und Geld, kann er im gleichen Restaurant wie der General essen, er kann Sport treiben oder ins Kino gehen usw., aber der Dienst ist so aufreibend und geisttötend geblieben wie ehedem.

Mich hat man während meines Gefangenendaseins in Sidi sehr menschlich und gerecht behandelt. Ich möchte das an dieser Stelle ausdrücklich sagen und auch betonen, dass ich dieses Buch nicht zum zweiten Mal herausgebe, um Frankreich etwa anzugreifen. Das will ich nicht, aber ich möchte das System angreifen, die Legion selbst. Warum gehen immer noch so viele junge Deutsche, Schweizer und Angehörige anderer Nationen, die ja vorher nicht wissen, was ihnen blüht, Jahr für Jahr in die Legion? Soldat spielen können sie daheim auch, sie haben es dort entschieden besser als in Afrika oder gar seinerzeit in Indochina.

In Afrika kämpft heute ein Volk hartnäckig mit allen Mitteln und auf die Dauer wohl unwiderstehlich für seine Unabhängigkeit. Warum aber sollen so viele unserer Leute dort drüben für eine Sache, die sie letzten Endes gar nichts angeht, marschieren und krepieren? Diese jungen Leute will ich warnen, zumal ich glaube, dass es bald keine Fremdenlegion mehr geben wird, weil der große Ausverkauf bei den Kolonialmächten bereits längst und unaufhaltsam eingesetzt hat.

Ernst F. Löhndorff, 1958

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Der Anfang

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Teils aus dem Gedächtnis, teils von halb verwischten, vergilbten Papierfetzen, die ich in der Sahara und den Atlasbergen mit mir herumschleppte, schreibe ich meinen Bericht aus der Zeit, als ich französischer Fremdenlegionär war, nieder.

Es ist nicht meine Absicht, eine der gewöhnlichen Hetzreden gegen Frankreich loszulassen, denn ich habe die Welt in allen Teilen durchkreuzt und besitze Freunde unter allen Nationen. Meine Erinnerungen sind nur Anklagen gegen das Gewissen der Welt, dass es so etwas wie eine Fremdenlegion überhaupt noch gibt.

Wie ich in die Legion kam? Freiwillig wie alle! Nein, ich bin wirklich nicht betäubt oder betrunken gemacht worden von jenen sagenhaften Agenten, die Deutschland unsicher machen sollen. Ich ging selbst! Wie lange ich in der Legion diente, weiß ich nicht genau. Es spielt ja auch keine Rolle für Menschen wie mich, die seit früher Jugend aus eigener oder fremder Schuld diese Welt durchwandern müssen. Denn für solche ist die Zeit ein Nichts!

Arbeitslosigkeit, Hunger nach Wärme und Brot und eine Frau brachten mich in die Legion. Ich bin viermal entflohen, ehe es mir gelang, dem Teil Afrikas zu entrinnen, dessen Boden vom Schweiß, Blut und den ohnmächtigen Tränen Zehntausender von Männern, die alle Mütter hatten oder haben, durchtränkt ist. Diesem Afrika, dessen Sand, Steine, Palmen und Glutwinde aus weiter Ferne zu euch herüberweinen müssten, wenn ihr nur Zeit und Herz fändet, zu lauschen!

Hört, was ich euch von den Männern in Afrika, deren Mund ich bin, erzählen muss!

Legion, Fremdenlegion! Der eine dichtet ihr die unglaublichsten Scheußlichkeiten an, der andere schildert sie als harte, langweilige Soldatenschule, und der dritte beschreibt sie als Abenteurerparadies! Und alle sündigen. Märchen sind es, wenn es heißt, dass der Deutsche, oder vornehmlich der Deutsche, in der Legion schlecht behandelt wird. Märchen sind die Schilderungen, deren Held der Verfasser selber ist, der sich aus natürlichen Gründen selbst herausstreicht.

Und ich sage euch, der eine erlebt in der Legion gar nichts, das einer Aufzeichnung wert wäre; der andre wenig, der dritte vielleicht etwas mehr, und der Rest, der große Rest, von dem man nie etwas hört, der erlebt zuviel, aber keiner von denen kann es erzählen, denn die Sahara oder die düsteren Berge des großen Atlas verschluckten ihn spurlos.

Jeden Tag wechselt die Legion ihr Gesicht, jede Stunde, ja jede Minute und Sekunde! In dieser Garnison mag das Leben erträglich sein für einen Soldaten, der keinen Luxus verlangen darf, weil die Vorgesetzten Menschen sind. In jener aber ist die Hölle auf Erden, und Offiziere wie Unteroffiziere sind die lachenden Teufel, die die brennenden Flammen schüren!

Die Zeit in der Legion ist mit unauslöschlicher Schrift in mein Gehirn eingetragen. Glück, Mut, aus der Verzweiflung geboren, oder Allah, der geheimnisvolle Gott der Wüste, haben mich errettet. Doch hört zu, wie es begann.

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Die Zerbrochenen

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... zusammenbleiben, ihr blödsinnigen Himmelhunde! Wirst du gleich in Tritt fallen, du krummbeiniger Türvorsteher der Höllenpforte! Ja, dich mein’ ich, du schmutziges Aas, du Herzblatt des Satans ...“ tönt die scharfe Stimme des „Herrn Stefan“, der einen Augenblick still steht, seinen wie zwei Eiszapfen nach oben starrenden Schnurrbartenden einen Ruck gibt, und dann wieder auf den mit Bindfaden befestigten Filzschuhen neben uns herläuft.

Ich bin in einer erbärmlichen Menschentiergruppe, wohl an zwei Dutzend zählen wir. Drei französische Soldaten, stämmige, kleine Burschen mit roten Weihnachtsengelbacken, sind mit uns von der Kommandantur in Ludwigshafen am Rhein mit der Bahn die kurze Strecke nach Neustadt gekommen.

Der Zusammenbruch der Kommunistenbewegung im Rheinland ist vorüber. Tage einer elenden und hilflosen Zeit liegen hinter mir; einer Zeit, in der ich Menschen in grauen Städten sah, die in fadenscheinigen Kleidern, genagelten Schuhen und mit verzweifelten, grauen Gesichtern ihrer Arbeit - wenn sie solche hatten - nachhetzten. Und in den Bars und Kabaretts knallten die Sektpfropfen, Geigen jubelten, und geschminkte Weiber warfen die dünnen Beine, während arme Teufel sich scheu in die Torwege drückten und hungrig nach den erleuchteten Fenstern schauten.

Das waren die Tage der Not unter den Menschen Deutschlands, die Tage, wo die Legion, jene „Mutter“ der Heimatlosen, Verzweifelten, Entwurzelten, Hungernden, Abenteuernden und Gesetzesflüchtigen, überall am Rhein entlang ihre Bureaux de recrutement aufgetan hatte, die mit magischer Kraft zu Dutzenden, Hunderten, ja zu Tausenden, alle die Zerbrochenen und Enttäuschten des großen Krieges und der Putsche anlockten.

Herr Stefan, der uns zu den Fleischtöpfen der Legion führt, schreit: „Bald sind wir da, ihr hungernden Schakale! Seid doch lustig, ihr ungewaschenen Saukerle, die warme Suppe der Legion wartet schon, um eure abgründigen Pansen zu füllen!“

Er hält sich dicht neben mir und betrachtet abwägend den guten Anzug, den Wintermantel, die ich aus dem Schiffbruch rettete.

Diesem Original sind wir im dichten Bahnhofsgedränge von der militärischen Eskorte übergeben worden. Zum Ergötzen der Passanten - es ist Sonntag, und alles wimmelt von Leuten - hat der lange Mensch mit dem tropenverbrannten Gesicht uns eine donnernde Ansprache gehalten. Erst sprach er legionsfranzösisch, da es aber niemand verstand, fuhr er deutsch fort. Er, Herr Stefan, ist ein alter, braver, altgedienter Sergeant der Legion, der seine Zeit herum hat und vom kommandierenden General angestellt wurde, Rekruten, die sich zur glorreichen Legion melden, zu empfangen und zu betreuen, bis sie nach Süden transportiert werden. Wir haben ihm - so droht er - aufs Wort zu gehorchen, oder er wird uns krumm und lahm prügeln lassen.

Als dieses Unikum seine bombastische Rede beendet hatte, milderte sich sein Gesichtsausdruck, und er wandte sich an die kleine Extragruppe von drei Mann, zu der auch ich gehörte. Uns mit geübten Blicken abschätzend, meinte er, dass ein tapferer Sergeant nicht abgeneigt wäre, mit uns Bleus (Bleus nennt man in der französischen Armee die Rekruten)eine gute Zigarre zu rauchen und in der Kantine einer Flasche Pinard den Hals zu brechen. Ehe ich fragen konnte, was denn Pinard ist, nahm Herr Stefan mir unverfroren die präsentierte Zigarettenschachtel aus der Hand, drehte sich ab und formierte mit Hilfe drastischer Schimpfworte die anderen in Viererreihen.

„Ihr könnt langsam nachkommen!“, warf er uns dreien zu, dann setzten wir uns in Marsch, und ich dachte darüber nach, wie leicht doch eine Kleinigkeit den schroffsten Kastengeist stürzt. In unserem Fall waren es die bessere, von den anderen abstechende Kleidung und meine Zigaretten. Anderwärts bedarf es Orden, klingender Händedrucke oder Esel, die Säcke voll Geld tragen. Meine Zigaretten bewirkten, dass die Sonne Herrn Stefans nun über uns dreien strahlte. Wir einigten uns rasch. Denn diese wandelnden Lumpenruinen da vorne waren ja Kameraden, Menschen, die dem gleichen Schicksal wie wir entgegengingen. Deshalb machten wir von Stefans Angebot keinen Gebrauch und schlossen uns dicht an sie an.

Es war mir etwas unbehaglich zumute, als ich aus der Bahnhofshalle trat, und ich sah meinen Begleitern das gleiche an. Gegenüber dem Gebäude konzertierte eine französische Militärkapelle. Buntes Gedränge herrschte, aus dem sich die leuchtenden Rothosen der Offiziere und die Pariser Toiletten ihrer Damen wie farbenfrohe Kleckse abhoben. Viele Blicke waren auf uns gerichtet; Blicke voll Verachtung, Mitleid, Schadenfreude und feister, satter Entrüstung. Die Galle stieg mir ins Blut.

Nun aber atme ich auf, wir verlassen die Straßen und schreiten durchs freie Feld. Von der Seite her betrachte ich die beiden anderen. Wie ich in der Bahn bemerkte, scheinen es Münchner zu sein. Gesagt haben sie mir aber nicht, wer und was sie sind, und weshalb sie zur Legion wollen. Der Kleidung nach sind sie Angehörige des besseren Handwerkerstandes und ihre Sprache ist herb, dialektisch. Was sie auch antreibt, Not haben sie sicher nicht gelitten, denn ihre Gesichter blühen vor Gesundheit. Geld haben sie auch noch, das merkte ich während der Fahrt. Beide schätze ich in den niederen Zwanzigern. Einer heißt Seppl, ist so lang wie ich, nur noch schlanker. Eigentlich müsste auf diesem Körper ein anderer Kopf sitzen als dieser lachende Posaunenengelschädel. Sein Gefährte Hansl ist noch größer, sein Leib gleicht an Umfang einem mächtigen Krautfass.

Seppl gibt mir einen Stoß, deutet kopfnickend auf Herrn Stefan, und flüstert: „Narrischer Bazi der da .. göll’ns fei? Moanan’s, dass er wirkli a General is?“

Und Hansl bewegt die Lippen wie ein kauendes Kaninchen, dabei murmelnd: „Wer’s glaaben tuat!“

Ich habe mir schon eine ganze Weile den Menschen, der sich uns als Herr Stefan vorstellte, betrachtet. Er hat einen arg mitgenommenen Schlosseranzug an, eine speckige Mütze auf, und an den Füßen trägt er seltsamerweise Filzhausschuhe, die mit Bindfaden an den Knöcheln befestigt wurden. Seine hohe, sehnige Gestalt kommt jedoch trotz des lachhaften Aufzuges zur Geltung, und er sieht auf den ersten Blick nicht übel aus. Aber dennoch gefällt er mir nicht recht! Wie ich ihm nämlich die Zigaretten hinhielt, schaute ich in seine Augen. Das Weiße des Apfels ist stark rotumrändert und die Pupille von gläserner Starrheit. Da ich lange in den Tropen war, weiß ich, dass in solchem Blick Trunksucht, Wechselfieber und Tropenkoller schlummern. Und ich antworte Seppl, ihn frischweg duzend: „Nein, Seppl, der Kerl ist kein großes Licht!“

„Und eahnare Zigarett’n hat er g’stohl’n! Der saubere Depp, der Oberganeff!“, brummt der Angeredete.

Aber daraus machte ich mir nichts, denn ich rauche meist Pfeife. Sofort ziehe ich sie hervor und beginne zu stopfen.

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Herr Stefan

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Schweigend stapfen wir durch den auf den Feldern geisternden Nebel. Da kommt Stefan zurück und unterbricht die Stille mit den Worten: „Schöne Pfeife, he?“

Ich nicke, stoße eine dichte Wolke aus und blicke nach vorne, wo die anderen marschieren. Es sind stumme, bedrückte Menschen, die nicht miteinander reden und nur gelegentlich scheue Blicke in die Runde werfen.

Herr Stefan beantwortet meine Nichtachtung seiner Person mit einem bösen Augenblitz, wendet sich an die Bayern, die seine scharf herausgestoßenen Fragen unterwürfig hinnehmen. Ich höre aber nicht, was sie sprechen, denn ich schaue auf den Haufen Elend, der da vor mir den Töpfen der Legion zueilt. Diese Leute sehen nicht aus, als seien sie Verbrecher, Diebe oder Zuchthauskandidaten, wovon, zahlreichen Broschüren nach, die Legion eigentlich wimmeln muss. Es sind nur armselige, vor Hunger und körperlicher Not zusammengebrochene Menschen, in deren Augen eine dumpfe Gleichgültigkeit gegen alles, was da noch kommt, wohnt. Es sind Männer, die zum Teil kaum das Unentbehrlichste an Kleidung ihr eigen nennen. Einer trägt alte Kommissbottiche, aus denen die nackten Zehen herausschauen. Auf dem sonst bloßen Oberkörper baumelt eine schmutzstarrende, zerrissene Jacke. Unter der grauen, fettigen Mütze ringeln sich korngelbe Haare hervor, die über dem Rockkragen im Genick ein dichtes Vlies bilden. Und ähnlich sehen die meisten anderen aus. Alle habe stumpfe, resignierte, tief in knochigen Höhlen ruhende Augen. Es ist ein Anblick, über den ich weinen und zu gleicher Zeit fluchen möchte!

Gewiss, es mögen einige darunter sein, die etwas auf dem Kerbholz haben, denn sie lebten auf und wurden zusehends von einer unnatürlichen Freude gepackt, als der Zug die Grenze des unbesetzten Gebietes immer weiter hinter sich ließ. Dann sind ein paar Rheinlandkämpfer dabei, die aus politischen Gründen flüchten mögen, obwohl sie den verkehrten Weg einschlagen, denn in der Legion müssen sie, anstatt den von ihnen gehassten Militarismus zu bekämpfen, ihm dienen.

Es sind auch Jünglinge darunter, die mit einem Griff in magere Kassengelder ihren fetten Prinzipalen entliefen; typische, verdorbene Muttersöhnchen des Mittelstandes, die sich die Legion als eine Art ununterbrochenen Picknicks unter Dattelpalmen samt Löwenjagden mit ehrwürdigf-reundlichen, weißbärtigen Scheiks und pikanten Abenteuern mit feurigen Beduinentöchtern vorstellen. Aber die überwiegende Mehrzahl der Männer da vor mir treibt das Elend, die Not, der wütende Hunger, der manchmal aus ihren traurigen, müden Augen emporflackert! Treibt die Obdachlosigkeit, die sich scheut, in kalten Nächten im Freien zu schlafen. Sie wollen daher lieber die harten Pritschen der Legion versuchen! Die letzte, trotzige Auflehnung vor einem sie unabwendbar dünkenden Schicksal führt diese Menschen in die Legion, die große Armee der Heimatlosen, die Mutter Frankreich an den Grenzen ihrer unruhigsten Kolonien unterhält.

Wir marschieren, und rechts und links schwankt der Nebel über Felder, auf denen die violetten Zeitlosen wie Totenlämpchen flackern. Wieder macht sich Herr Stefan an mich heran. „Bonne pipe, schöne Pfeife, he?“

Gemütlich nicke ich und blase ihm eine Wolke in die Augen. Da streckt sich seine braune, magere Hand mit der Absicht aus, mir die Pfeife aus den Zähnen zu nehmen. Kräftig schiebe ich seinen Arm zurück und sage halb zornig, halb scherzend: „Diese Pfeife ist meine Braut, und keiner darf sie anfassen!“

Stramm wie ein Ladestock richtet er sich auf, zupft an den steifen Schnurrbartenden und schnarrt: „Sacre bleu! Sie werden mir sofort die Pfeife geben! Als Vorgesetzter befehle ich’s!“

Diplomatisch entgegne ich bedächtig: „Hören Sie, Stefan ... warum ich in die Legion gehe, kann Ihnen furchtbar gleich sein. Aber ein flüchtiger Dieb, der nicht mehr weiß, wo er hin soll, bin ich nicht! Ich weiß zwar, dass ein Legionär lieber Selbstmord begeht, als einem Vorgesetzten zu widersprechen, denn zur Hölle fährt er doch! Sind Sie aber mein Vorgesetzter? Sie haben ja noch nicht mal menschliche Schuhe an Ihren Quadratlatschen!“

In Stefans Augen zeigt sich sekundenlange Verlegenheit. Ich bin überzeugt, dass ich gut riet und dieser Bramarbas und Eisenfresser uns nicht viel zu sagen hat. Er nahm einfach den Mund zu voll, als er sich uns vorstellte. In dieser meiner Gewissheit fahre ich fort: „Übrigens bin ich und die Leute da freiwillig auf dem Weg in die Fremdenlegion. Noch hat keiner den Vertrag unterschrieben! Und wir sind noch frei und können, abgesehen, dass wir Frankreich einige Pfennige schulden, weil es die Fahrt von Ludwigshafen hierher zahlte, immer noch tun, was wir wollen. Was würden Sie denn anfangen, wenn ich mich jetzt hier in die Büsche schlage und Ihnen, wie Ihrer Legion, eine lange Nase drehe? Sie armseliger Pantoffelbürger glauben doch nicht, dass Sie mich einen Augenblick halten könnten? ... Ich kenne die Legion, obgleich ich noch nicht darin diente! Es geht streng dort zu, aber ich denke nicht, dass es einem Offizier einfallen wird, seinem Soldaten, mag er ihn sonst noch so schinden, die Pfeife wegzunehmen. Auch Ihnen rate ich, lieber davon abzustehen!“

Wut und Staunen wechseln in Stefans Zügen. Die beiden Bayern sehen mich beinahe achtungsvoll an. Da brüllt Stefan, in dem die Wut siegte: „Die Pfeife her, verdammtes Schwein!“

Drohend hallt meine Antwort: „Hole sie, wenn du das Herz hast!“

Er fuchtelt mir mit der Faust vor den Augen herum, berührt mich aber nicht. Dann versucht er zu bluffen und sprudelt empört heraus: „Was fällt dir ein, du langbeiniger, stehkragentragender Bandwurm? Ich mache Mus aus dir, du Himmelhund! Was erlaubst du dir mir gegenüber? Mir, der ich gegen die Araber focht! Mir das, dem der Marschall Lyautey eigenhändig die Medaille anheftete. Warte, ich will sie dir ...“

Seine Stimme schnappt über, keuchend holt er Atem und rast weiter: „Ahnst du denn, was es eigentlich heißt, Tropenhitze und Afrika, du zahnloser Blausteißpavian?“

Er wartet auf meine Antwort. Aber ich schweige.

Wir marschieren nicht mehr! Der Nebel rollt ganz langsam, vom Wind getrieben, an unserer kleinen Gruppe vorbei, Stefan, den beiden Bayern und den anderen. In einiger Entfernung lassen sich die letzteren nieder, hocken auf den Bündeln, die ein paar besitzen, und stochern mit den Fußspitzen im gelben Gras herum. Einige fischen Zigarettenstummel aus den durchlöcherten Taschen, zünden sie an. Nur zwei schauen zu uns hin, die anderen nehmen keine Notiz, sind zu gleichgültig, denn ihr ganzes Sinnen steht nur auf Brot und warme Suppe, die sie bekommen sollen und die das Zwiegespräch wieder etwas weiter hinausgeschoben hat.

Schwer rieselt der Novembernebel herab, vorne liegen weiße Gebäude am dunklen Saum eines Waldes; hinter uns quirlen und wogen die undurchdringlichen Dünste des Spätnachmittags. Da klopfe ich die Pfeife aus und fange an, darauflos zu wettern: „Was ich von Tropenhitze weiß, schnurrbartzwirbelnder Meerkater? Haha! Während du in der schmierigen Kaserne hocken musstest, Sandflöhe in der Wüste fingst, bin ich im zentralamerikanischen Urwald herumgekrochen und habe dort andere Kämpfe ausgefochten, als du mitgemacht hast. Verstehst du Trottel denn, was ein Orchideenjäger ist?... Was bist du? Hast nie was getaugt, konntest dich aus purer Dummheit nicht durchs Leben bringen, und nun willst du mir imponieren? Da genügte der Wind von Nordafrika nicht, erst musst du dir noch ganz andre Taifune um deine Geiervisage brausen lassen! Medaille, hahaha! Warum hast du den Klempnerladen nicht an deine Heldenbrust gehängt? Das passt fein zu den Filzparisern. Rede nun noch einen Ton, und ich fahre mit dir längs Deck, dass du denkst, heute ist Ostern!“

Der Mensch war während meiner Worte, die er am besten verstand, weil sie seinen Instinkten angepasst waren, ganz winzig geworden. Ein paar mal öffnete er den Mund, machte ihn aber wieder zu. Ich fange nochmals an: „Damit du siehst, dass ich kein Spielverderber bin, so will ich heute Abend mit dir in der Kantine  wenn es eine gibt  eine Flasche Pinard, wie dein Lieblingsgiftt ja wohl heißt, trinken!“

Stefans Zorn verfliegt wie eine Wolke vor dem Sturm, als er das magische Wort hört. Seine Augen leuchten, er schlägt mir auf die Schulter und ruft im Brustton tiefster Überzeugung: „Aus solchen Stoffen wie du macht man Legionäre! Sergeant, ja Leutnant wirst du werden, wenn du Schwein hast!“ Fast ängstlich fragt er weiter: „Sag’, hast du wirklich Geld zum Pinardkaufen?"

Der Mann, aus dem der willenlose, dem Alkohol rettungslos verfallene, moralische Schwächling spricht, der dabei ein kühnes, sonnengebräuntes Gesicht zur Schau trägt und martialische Flüche gebraucht, kommt mir lachhaft vor.

„Was ist Pinard?“, unwirsch fährt es über meine Lippen, und, mit der Zunge schnalzend, erwidert er: „Es ist der rote Wein, den man in der Legion täglich fasst. Aber sacre, wir müssen weiter, es dunkelt schon, und wenn wir zu spät kommen, geben uns die Köche nichts mehr zu trinken!“

Er läuft zu den anderen, die nur an Essen denken und unserem Wortgefecht kaum Aufmerksamkeit schenkten. Still hocken sie auf dem Gras.

Seppl stösst mich in die Rippen. „Wann er wirkli’ Scherschante is, nachher magst dir gratulieren!“, flüstert er vielsagend, und ich lache laut: „Der Kerl ist ebensowenig Sergeant, wie ich der Dalai Lama von Tibet bin. Was er sein mag, kümmert mich nicht. Er kann wahrscheinlich bloß fluchen und saufen. Hört nur!“

Herr Stefan scheucht die sitzende Gruppe hoch. „Auf, ihr Lumpenhunde, ihr widerlichen Speckjäger! Nehmt den Weg unter die Sohlen, meine Satanskinder!“ Und wie er jene in Marsch gebracht hat, wendet er sich zu uns: „Lasst uns nun gehen, in einer Viertelstunde sind wir da! Dann trinken wir Pinard, viel Pinard, ah.“

Wir marschieren wieder. Immer noch lugen die traurigen Flämmchen der Zeitlosen aus dem Nebel.

Der Mann in den Filzschuhen hat nun auch seinen Nimbus in den Augen der Bayern verloren, denn Hansl fragt ihn ganz vertraut: „Du, Herr Stefan, sog amol, wia schauts denn aus in der Leschion?“

Heiser lacht er zurück: „Wenn du dich nicht aufs Saufen verlegst und dir die braunen und schwarzen Weiber nicht das Mark in den Knochen verseuchen, wenn du unmenschliche, verächtliche Behandlung vertragen kannst ... wenn du gut hungern und dürsten kannst und alles Erdenkliche aushältst, so vermagst du es weit zu bringen in der Legion! Aber der Wein, der Wein, hahaha, der kriegt dich klein, und wenn es sonst nichts fertig bringt! Und wenn du dann in irgendein winziges Saharafort auf sechs Monate in einem Strich kommandiert bist, wenn du Tag für Tag dieselben Gesichter siehst, dasselbe Fressen kriegst, wenn du den von Sand begrenzten Horizont siehst, über dem der Himmel wie schmelzendes Blei hängt, und wenn dich dann der Tropenkoller nicht packt, dann will ich an mein Käppi greifen und vor dir stramm stehen, Rekrut!“

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Nacht

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Wir langen an einer Mauer an. Vor dem Tor lehnt der Posten mit dem Stahlhelm, die kleine Gestalt in einen riesigen, langhaarigen Ziegenpelz hineingezwängt. Seitwärts ragen die Hangars einer Fliegerstaffel aus der Dunkelheit. Der Mann ruft uns einige scherzhafte, sich auf unsere zusammengeschnurrten Körper beziehende Grobheiten nach. Stefan marschiert an der Spitze. Über einen dunklen, mächtigen Hof, der von Gebäuden mit teils erleuchteten Fensterreihen umgeben ist, führt er uns. Dann durch eine Tür in den schmalen Korridor, in dem es stark nach angebrannten Zwiebeln duftet. Stefans Stimme erschallt: „Stillgestanden ... Rühren!“

Er öffnet eine Tür. Ich sehe zwei Militärschreiber, hemdsärmelig, in Pantoffeln, am Tisch sitzen. Ein kleiner, rotglühender Kanonenofen strahlt Hitze aus, und ein muffiger Luftstrom schlägt in unsere Gesichter. Stefan spricht einige Worte, der eine Schreiber tritt in den Türrahmen und mustert uns gleichgültig. Nun wird uns erklärt, dass wir der Reihe nach ins Zimmer gehen sollen, um etwaige Waffen abzuliefern. Unterdessen dürfen die Wartenden rauchen, wenn sie etwas haben. Die Untersuchung nimmt ihren raschen Verlauf. Meine durch die Wärme auftauenden Leidensgenossen beginnen zu murmeln, bis einer der Schreiber „Silence!“ faucht.

Ich schiebe mich in das Zimmerchen.

„Leg’ deine Waffen ab, langbeiniger Hengst!“, lacht der Soldat gemütlich auf Elsässerdeutsch. Höflich entgegne ich, dass ich keine besitze. Da tastet er mich ab und findet mein Universalmesser, das Reklameding einer Werkzeugfabrik.

„Ist dieser Elefantenstößer etwa ein Zahnstocher?“, lacht der Elsässer, nimmt es mir ab und drängt mich auf den Korridor.

Auch die Bayern kommen heraus und schimpfen leise, dass man ihnen die „Vereinsabzeichen“, wie sie ihre feststehenden Messer nennen, beschlagnahmte.

Stefan hält anschließend eine kleine Rede, die Schreiber hören schmunzelnd zu, und dann geht es hinaus auf den Hof. Es ist stockdunkel, der ganze Komplex scheint ausgestorben. In der Nähe einer Backsteinküche, wo große Wasserkessel auf offenen Herden brodeln, halten wir.

Stefan verschwindet und kehrt mit einem fetten, fluchenden, holzschuhtragenden Franzosen wieder. Brummend öffnet er die Tür und knipst Licht an. Jetzt erhalten einige von uns gewaltige Blecheimer und Brotsäcke. Stefan trägt den Weinkübel, und stolpernd folgen wir ihm durch den dichten Nebel. Ein abgesondert liegendes Haus nimmt uns auf. Es ist dunkel, kalt und riecht nach frischem Mörtel. Der letzte von uns knallt die Tür zu, und wir stehen in dicker Finsternis.

„Vorsicht, kein Licht anzünden! Es liegt Stroh herum!“, warnt Stefan scharf. „Einer den anderen anfassen, es geht eine Treppe hoch!“, ruft er wieder, und das Geräusch vieler kletternder und scharrender Füße setzt ein. Behutsam lege ich die Hand auf die Schulter des unsichtbaren Vordermannes und schiebe mich weiter. Ein paar mal stoße ich unsanft gegen die Mauer, jemand tritt mir schmerzhaft auf die Hacken, und ich schlage erbost wie ein Füllen nach hinten aus.

„Autsch, meine Hax’n! Hau mir net d’Füass ab, du Herrgottsakra!“, klagt eine wilde Stimme und eine andre sekundiert eine Note tiefer: „Du Bazi, du damischer!“

Ich muss laut lachen, und sofort schreit Stefan durch die Nacht: „Welcher Schweinehund meckert da?“

„Ich bin’s, Herr Stefan! Meinen Sie mich?“

Höflich tönt’s zurück: „Ah, der Mann, der im Urwald drüben war. Pardon!“

Eine Tür knarrt, ich schiebe mich einige Stufen höher, denn dort oben flackert plötzlich ein kleines Flämmchen auf, vergrößert sich rasch und auf einmal ist die Wand ganz beleuchtet, blutrot. Unsere Schatten tanzen in sonderbarer Verzerrung darauf herum. Eine zweite Tür öffnet sich, und durch den kleinen Vorraum trete ich in ein schräges Dachgeschoss, dessen äußerste Winkel im tiefen Dunkel ruhen. Das Licht der Lampe, die Stefan auf den Bretterboden setzt, zeigt mir die Umgebung.

Die zerlumpten Männer, der schnurrbärtige Stefan ... alles das sieht in der rötlichen Dämmerung, die die aus einer französischen Feldflasche bestehende Funzel verbreitet, wie ein Gemälde des alten Italieners Salvatore Rosa aus. Karminfarbene Schlaglichter züngeln über die knochigen Gesichter der Kameraden. Sonderbare Bündel und längliche Pakete liegen zerstreut überall auf dem Boden. Stefan schnarrt: „Hoch, Schakale, denn es sind Neue da!“

Bündel wie Pakete bewegen sich, Deckenfetzen enthüllen bleiche, gähnende Gesichter. Blinzelnde Augen starren schlaftrunken auf uns. Eines der Bündel, das dicht vor meinen Füßen liegt, entrollt sich plötzlich, und wie ein Gummiball hüpft eine Gestalt hoch. Es ist ein kleiner, schnurrbärtiger Mann mit ungemein gutmütigen Zügen, der sich vor unserem Führer aufstellt und mit schleppender Stimme, Wort für Wort in gleichmäßig singendem Tonfall, sagt: „Ich bin Hans Dworak, habe acht Jahre im zweiten Regiment gedient, war nun daheim und gehe nach Afrika zurück. Das alles weißt du, o Sidi Stefan! Der Oberst hat dich aus Mitleid hier angestellt, damit du blaue Rekruten empfängst. Aber zu befehlen hast du nichts, o Sidi Stefan! Und wenn du noch einmal Schakal zu mir sagst, dann schlage ich dir die Nase zu Brei, du verdammter, langer Lulatsch! Ja, das tue ich, bei Allah und den vier Kalifen!“

Ich betrachte den Mann, der mit der Singstimme eines Anpreisers, gutmütig lächelnd, all dies hervorbringt.

Stefan beruhigt ihn. „Es sind Geldleute dabei, sie wollen Wein spendieren. Der dort, der Urwaldmann!“, er zeigt auf mich.

Unterdessen kriechen immer neue Gestalten aus der Tiefe des Gemachs, bis uns ein Kreis gähnender Burschen und Männer umgibt. Die mit mir Gekommenen fallen indes über die Speisen her. Ich höre sie murmeln und schmatzen. Fragend sieht mich der seltsame Kleine an. „Urwaldmann?“

Und ich erkläre: „Habe zuletzt in Zentralamerika Orchideen gesucht!“

Mit müder Geste meint er: „Ich weiß nicht, was das ist, will es auch nicht wissen. Du bist auf dem Weg nach der Legion, und dort fragt dich keiner nach dem Woher oder Warum! Nur die Mörder werden ausgeliefert. Aber Wein, das ist ein anderes Ding! Sag’, Urwaldmann, hast du wirklich Geld für Pinard? Ich meine wirklichen Wein, nicht etwa ’ne lumpige Flasche oder so!“

Während ich nicke, fällt Seppl ein: „Wann’st an Wei’ wüllst, nachher sag’s nur. A Göld hamma!“

Der Kleine betrachtet den Bayern, entgegnet salbungsvoll: „Dann ist es gut. Bon! Wir Auserwählten wollen nachher ein wenig das Labsal der Legion näher begutachten, und ihr ändern macht, dass ihr weiter pennt! Sonst, bei Allah und Mohammed!“

Der uns umgebende Ring verdünnt sich, gehorsam folgen die Männer dem Befehl des seltsamen Kleinen. Wild flackert die Flamme der blakenden Funzel, und riesige, phantastische Schattenungeheuer huschen in die Winkel und bäumen sich dort drohend auf.

Die anderen sind noch beim Essen. Geschirr sehe ich nicht, und Stefan lacht, dass wir, bevor wir Afrika sehen, kaum etwas Derartiges in die Finger bekommen werden. Im Kreis sitzen die müden Männer um die großen Eimer, langen mit den Händen hinein und schieben abwechselnd gewaltige Brotbrocken hinter die Zähne.

„In der Legion gibt es selbstverständlich Essgeschirr!“, meint Hans Dworak und prüft den Wein. Sofort flucht er laut, dass die schwitzende Dampfnudel von Koch den Wein gehörig mit Wasser taufte. Und er schüttelt sich wie im Ekel. Stefan spricht nun Zweifel aus, ob die Kantine noch offen ist, er wolle lieber mal allein hingehen und nachsehen, aber Hans fängt schallend zu lachen an. Er wisse schon, was Sidi Stefan wolle. Nämlich das Geld allein vertrinken! Doch das dulde Hans nicht, er wird den Wein holen, damit wir dann eine gemütliche Stunde verbringen können. Mit der Hand beschreibt er einen Kreis, der die jämmerliche Dachstube, deren Stuhl erst dreiviertel fertig ist, einschließt. Durch Luken über uns drückt der eisige Nebel nach unten, lässt die primitive Lampe heftig flackern. Es ist, soweit ich sehe, absolut keine Einrichtung in dieser Stube, die eine „gemütliche Stunde“ rechtfertigen könnte.

In der Runde liegen die Männer auf bloßen Dielen unter ihren Jacken, nur einige haben etwas Stroh, und das sind die Waghälse, denn es ist verboten, von unten Stroh zu holen.

Salbungsvoll wendet sich Hans an seinen Kumpan, der uns hungrig betrachtet.

„Wenn wir dich in die Kantine schicken, dann kommst du erst wieder, bis alles Geld durch deine verdammte Gurgel geflossen ist, du schlechter Hund!“

„So geh’ doch du!“, murrt der Gescholtene.

Hans macht einen Sprung. „Ja, ich werde es tun, wenn mir diese Bleus hier die Moneten anvertrauen. Aber das sage ich euch, Bleus! Der Wein hier ist teurer als drüben in Afrika. Zehn Sous der Liter. Bei Allah und der süßen Fatima!“

Wir geben ihm Geld, und er verschwindet.

„Er wird es versaufen und uns hier sitzen lassen!“, lacht Stefan nach einer Weile höhnisch, denn der Kleine könnte wirklich schon zurück sein. Fröstelnd kauern wir auf dem blanken Boden und stellen die Rockkragen hoch. Ich sehe zu, wie die mit uns Gekommenen sich in die Winkel verkriechen oder sich längs der Wände dieses wahrhaft barbarischen Schlafplatzes ausstrecken. Stefan springt plötzlich auf, denn aus einer dunklen Ecke tönt scharrendes Geräusch. Da er die Lampe mitnimmt, folgen wir.

„Wirst du wohl meinen Sarg stehen lassen! Das könnte dir so passen, he? du krummer Teufel?“, dringt es rätselhaft an unser Ohr. Es kommt aus der Ecke, wo die Dachspanten schräg nach unten laufend fast den Boden berühren. Einer unserer Kameraden schleicht ins Dunkel zurück, und ich sehe Stefan, der mit liebevoller Geste einen Sarg streichelt.

„Deifi! Deifi! Wo is der Tote?“, lässt Seppl sich vernehmen. Stefan erklärt grinsend, dass ein Mann der Besatzung neulich starb; und damit man nicht in Verlegenheit komme, wenn das wieder passiere, hätte man jetzt den Sarg parat stehen. Stefan füllte ihn mit Stroh und kann darin so schön warm schlafen, wie in Abrahams Schoß. Den Deckel klappt er zu und steckt ein Keilchen dazwischen, damit er nicht erstickt.

Neidisch betrachte ich das sonderbare Bett, denn mir wurde klar, dass ich heute Nacht, vielleicht viele Nächte, unter meinem Mantel auf kaltem Boden schlafen muss. Auf Stefans Rede, dass wir morgen nach Metz geschickt werden, gebe ich nichts.

Hans bleibt lange. Nachdenklich sitze ich da und rauche; lausche dem Stöhnen und Schnarchen in der Runde. Manchmal wälzt sich einer auf die andere Seite, wird wach, klappert eine Weile mit den Zähnen, dreht sich dann um und ist still. Stefan beginnt den aufhorchenden Bayern seine afrikanischen Heldentaten zu erzählen, mischt ab und zu einen wunderlichen Fluch darunter. Er beschreibt die Sahara und die Atlasberge. Murmelnd prahlt er von den Kämpfen. Nur nimmt er den Mund zu voll, denn seiner Rede nach säbelte er Marokkanerköpfe ab, wie ein Knabe auf dem Feld die Disteln.

Da erscheint Hans, strahlend, auf dem Rücken einen klirrenden Sack schleppend. Vorsichtig setzt er diesen ab und lässt sich auf die Sargecke nieder.

„Da bin ich. Der Wein ist fein. Habe eben vier Flaschen getrunken, meine Kehle war so rau. Aber ich bringe noch genug. Auch Korporalzigaretten! Inschallah, los nun, ihr Männer!“

Er stellt eine Batterie Flaschen aus dem Sack zwischen unsere Füße. Gierig langt Stefan eine heraus.

„Die Korken sind so tief drin! Hat keiner ein Messer?“, fragt die Predigerstimme des Kleinen, der eben vier Flaschen im Stehen trank, weil seine Kehle rau war, und der noch aufrecht stehen kann. Er schwatzt weiter: „In der Legion hat man das Bajonett. Hier aber unser Sidi Stefan kann’s noch viel besser. Ein Tausendsasa! Zeig’ dich, mein Junge!“

Und der Angeredete hält sich die Flasche quer vom Leib, schlägt mit dem Rand der Rechten kurz dagegen. Der Hals springt so glatt ab, wie von einer Maschine weggeschnitten. Eine Buddel nach der anderen köpft der Exsergeant, und wie ich Einhalt gebiete, weil wir doch unmöglich das alles vertilgen können, lacht der meine Gedanken erratende Hans: „Warte nur, bis du eine Weile im Regiment bist! Dann kannst du saufen wie ein Abgrund! Fünfzehn Pullen haben wir hier, und da wir fünf Mann sind, kommen auf jeden drei. Das lohnt kaum damit anzufangen. Drei Liter, pah, glaube mir, Bleu, das ist nur ein Tropfen auf einen heißen Stein in der Wüste! Bei Allah und den Kalifen!“

Stefan trinkt schon, schlägt die restlichen Hälse ab und hockt sich auf die Sargecke.

„Der reine Himmelstau!“, lächelt der Kleine und kippt eine Flasche zur Hälfte die Gurgel hinab. Er seufzt vor Befriedigung. Die Bayern und ich trinken kaum. Ich mag keinen Wein, und die beiden sind wohl mehr an Bier gewöhnt. Aber Hans und Stefan, die verstehen’s um so besser. Nie sah ich solche Zecher und fuhr doch zur See!

Stefan erzählt von den zwölf Jahren, die er in der Legion diente. Jetzt ist er untauglich, fieberzerrüttet, und vor der deutschen Grenze hat er große Angst, will nicht über den Rhein. Hans lacht einmal mit seiner eintönigen Stimme, die zum Gesicht im schärfsten Kontrast steht, in Stefans Rührseligkeiten hinein: „Er war Sergeant, der Kerl da. Aber jetzt ist er nichts und hat nur ’nen gründlichen Tropenkoller, den Cafard, wie man drüben sagt!“

Er fängt nun mit seiner eigenen Lebensgeschichte an. Hans Dworak ist Deutschböhme, war acht Jahre in der Legion und kämpfte zuletzt gegen die Türken auf Gallipoli. Zuerst riss er fünf Jahre ab, dann, wie er den zweiten Termin antrat, herrschte schon der Weltkrieg, und sein Kontrakt lautete auf Kriegsdauer. Als er die drei Jahre fertig gedient hatte, war der Krieg zu Ende, und Hans ging mal auf Besuch nach Böhmen. Jetzt kehrt er mit uns zur Legion zurück.

Es sind zwei sonderbare Menschen, dieser Hans und der Stefan! Hans diente zu Saida im zweiten Regiment, der andere zu Sidi bel Abbas im ersten. Stefan schimpft auf das Bergnest Saida, singt das Loblied des ersten Regimentes, Hans umgekehrt. Sie ereifern sich, ihre Gesichter glühen, ungeheuerliche Schimpfwörter schlagen an mein Ohr, und sie trinken, trinken!

Seppl wird angesteckt, er ergreift Partei in dem Wettstreit der beiden. Er fängt Feuer dabei, und seine Stimme schwillt laut an. Jedes mal wirft ihm Hans einen vorwurfsvollen Blick zu und murmelt: „Sepperl, ja geh zua!“

Ich rauche und betrachte die Schattenbilder an der Wand. Da klärt Seppl seine Kehle und beginnt die ersten Stanzen eines lustigen Schnadahüpfls, aber die erhobene Hand Stefans lässt ihn abbrechen. „Auf dem Gang drüben wohnen Poilus, und die brauchen nicht zu wissen, was wir treiben, sonst wollen sie mitsaufen!“

„Ach, der Wein, der Wein!“, seufzt Hans und beginnt dann plötzlich zu predigen: „Hütet euch vor dem Pinard, denn es ist der Gott, der Generalfeldmarschall der Legion! Wenn ihr euch aber nicht dem Suff ergebt, dann schießt ihr euch eines Tages aus Verzweiflung oder Langeweile tot! Sauft ihr aber, wie es alle Legionäre machen, dann hilft es euch vergessen, dass es Vorgesetzte gibt, die euch wie das liebe Vieh behandeln! Aber am Ende kriegt ihr doch den Cafard, zieht euch nackend aus, tanzt in der Wüste herum und sucht im Sandmeer einen Baum, an dem ihr euch den Schädel einrennen könnt, oder ihr vergreift euch an einem Vorgesetzten und kommt zu den Zephirs ins Strafbataillon, wo euch der Teufel im schnellsten Galopp holt! ... Sauft, so holt euch der Teufel, sauft ihr nicht, dann holt euch seine Großmutter ... in der Hölle braten müsst ihr doch! So oder so! Es ist egal! Drum sauft lustig, liebe Brüder, denn mehr hat man drüben nicht, und es schmeckt wirklich schön! Vive la legion! Vive la France!“

Leise trällert Stefan:

„Soldats de la legion, n’ayant point de patrie, la France est votre mere!“

Da feixt Hans: „Oui, unsere Mutter, Frankreich ist unsere Mutter!

He, Bleu, was sagst du zu diesem Blödsinn?“

Ich antworte nicht, und er trinkt weiter. Ich sitze, rauche und warte, bis sie alle betrunken sind. Die Bayern aber haben dem Wein nur spärlich zugesprochen, und die beiden Legionäre werden einfach nicht voll! Der Alkohol kann ihnen nichts anhaben. Sie sind gefeit und gesalzen.

„Hört!“, beginnt die schleppende Stimme des Kleinen wieder. „Hört! Ich habe meine weiche Stunde. Meine es gewaltig gut mit euch, noch habt ihr Gelegenheit euch fortzumachen! Geht über den Hof und lauft durchs Gehölz nach Neustadt zurück; kein Mensch wird euch verfolgen, denn noch habt ihr den verfluchten grauen Schein nicht unterschrieben. Noch seid ihr nicht verkauft. Macht euch fort! Denn die Legion ist schlimm! Nicht, dass die Ammenmärchen, die in den Büchern stehen, wahr sind! Aber trotzdem, es ist schlimm, sage ich euch!“

Erwartungsvoll schaut er uns an.

Seppl schüttelt den Kopf, murmelt: „Ih geh ins Afrika!“, und Hansl sekundiert: „Ih ah!“

Da fasst der Kleine meinen Rockaufschlag und drängt: „Und du, Urwaldmann?“

Seine kraftlosen Finger lösend, entgegne ich ruhig: „Ich gehe!“

Wild lacht er, zum ersten mal aus seinem Phlegma fallend: „Bon, Bleus, dann fahrt zur Hölle, früher oder später! Hahaha! Mir soll’s verdammt gleich sein, denn ich werde euch begleiten!“

Er schweigt, und dann trinkt er lange. Mir wollen die Augen zufallen. Ein paar Flaschen sind noch übrig, Hans stellt sie zwischen die Dachsparren. Endlich erheben sich die zwei Alkoholkünstler, stehen da, ohne zu schwanken. Stefan öffnet seinen Sarg, Hans bringt eine zerschlissene Decke zum Vorschein. Wir ziehen die Mäntel aus, legen uns nebeneinander mit den Köpfen der Wand zu. Hans, der sich neben mir niederließ, rollt sich mumienartig in die Decke. Stefan bläst die Funzel aus und kriecht mit behaglichem Stöhnen in das raschelnde Stroh seines Lagers.

*

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Wie lange ich schlief, weiß ich nicht. Ich erwachte durch das eisige Kältegefühl, das in meinen Körper einzog. Neben mir stöhnt und bebt Seppl, murmelt Flüche, und auf der ändern Seite tönt gewaltiges Schnarchen. Es ist stockdunkel. Nur über mir sind ein paar Luken im Dachstuhl, etwa vom Umfange eines Quadratfußes. Und dort oben sehe ich Sterne in kalter Pracht funkeln. Es scheint nicht mehr neblig draußen zu sein. Sturm weht, heult durch dürre Äste.

Schleunigst ziehe ich den Kopf wie eine Schildkröte ein, denn ein sausender Windstoß pfeift plötzlich herunter, und raschelnd prallt Staub gegen die Wände des Raumes. Schlafen ist vergeblich, die Kälte ist zu stark!

Das Stroh knistert in Stefans Sarg, die Bohlen knacken, und ich höre ihn winseln, immer lauter, bis er fortwährend jammert: „Oh, lalala! Oh, lalala!“, und in den Pausen klappern seine Zähne.

„Stefan, was gibt’s?“, fragt Hansens schlaftrunkene Stimme.

„Ah, mon Dieu! Das Fieber, die Ague!“, seufzt jener und setzt sein „Oh, lalala!“ fort.

„Schafskopf, was säufst du auch so!“, knurrt der Böhme.

In den Ecken wird es lebendig, Stimmen beklagen sich über die Störung.

„Haltet das Maul, sonst ramme ich euch die Zähne in den Schlund!“, droht Hans. Da ist alles wieder ruhig. Aber auf einmal knallt etwas Schweres hart über meinem Kopf an die Wand, und, mit Kalkbrocken vermischt, fällt ein Schuh auf mein Gesicht.

Empört schleudre ich das klobige Geschoss in die Dunkelheit zurück. Ein dumpfer Aufschrei erfolgt. Und dann klatscht es überall, unsichtbare Gegenstände schwirren von Wand zu Wand. Mit dröhnendem Krach fällt Stefans Sargdeckel zu.

„Autsch, du Bazi, du Hammi, du g’scherter!“, jammert Seppl neben mir. Drüben bettelt ein dünnes Stimmchen zurück: „Ach nee, nu nee, das geht doch nu wirklich nich, mei Kutester!“

Ein klirrender Jodler durchschneidet die Dunkelheit, und von irgendwo kommt die Antwort: „Juhuiiiiiih! Juhuuiih!... San Bayern do? Boarische Buam?“

Klatsch ... ein neues Geschoss und Seppls freudiger Ausruf: „Woher kimmst?“

„Vo Augschburg!... Und Oes?“

„Vo Minka samma! Minka samma!“, jubeln Seppl und Hansl.

Alles hört dem sonderbaren Gespräch zu, da zischt die Stimme des Kleinen: „Nieder! Nieder! Die Poilus!“, er deckt den Mantel über mein Gesicht, versetzt mir einen warnenden Rippenstoß.

Trampelnde Schritte kommen näher, die Tür fliegt auf und durch das Knopfloch über dem rechten Auge sehe ich zwei Soldaten hereintreten, die mit einer Taschenlampe umherleuchten. Sie schütteln die Köpfe, stolpern über Stiefel, dann ruft der eine: „Ohe, Stefan! Ohe!“

Dumpf poltert es im Sarge.

„Mon Dieu, der verrückte Kerl hat die Klappe zu, da muss er ja ersticken!“ Sie reißen den schweren Deckel in die Höhe, Stefan schießt halben Leibes heraus und sprudelt: „Teufel! Ich ersticke! Wer hat den Keil herausgeschlagen? Bekam fast keine Luft mehr ... Oh ... Oh, wie mich das Fieber wieder beutelt. Oh, lalala!“

Die Soldaten gehen kopfschüttelnd fort. Bevor er die Tür zuschlägt, knurrt der letzte: „Wärst du doch verreckt, alter Saufaus!“

Es ist still in der Dachkammer. Nur manchmal ächzt jemand leise ...

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Der Tag

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Grau liegt das Licht des Morgens in dem Raum und macht die Gesichter der sich um den Kaffee drängenden Männer unheimlich und hässlich. Jeder reckt die steifen, kalten Glieder und schlägt sich die Arme gegen den Körper.

Ungefähr vierzig Menschen schlürfen den kochend heißen Kaffee. Keiner besitzt eine Tasse oder sonstiges Trinkgeschirr, außer Hans, der mir einen verbeulten Blechbecher reicht. Die anderen finden frohlockend die Flaschen und machen sich diese zu Diensten.

Aus den sich entspinnenden Gesprächen hören wir Neuen, dass sich die meisten Kameraden schon viele Tage hier befinden. Die ganze Zeit mussten sie mit den Fingern aus den großen Blechschüsseln essen! Suppe und Kaffee trinken sie, indem die Eimer rundum wandern. Ein paar dieser angehenden Legionsrekruten sind schon wieder entflohen, ohne dass sich die Franzosen groß darum kümmerten.

Hans unterrichtet uns, dass wir auf dem Exerzierplatz einen Kugelfang bauen müssen, solange wir hierbleiben. Dann versichert er nochmals, dass er davon überzeugt sei, dass wir am nächsten Morgen abtransportiert werden. Hoffentlich!

Ein paar französische Soldaten, darunter Elsässer und Lothringer, erscheinen. „Raus, an die Arbeit, ihr Schweine!“, kommandieren sie. Und einer hinter dem anderen stolpern wir die Treppe hinab und folgen den Poilus über das im kalten Nebel liegende Feld zu einem Schuppen, wo wir Schaufeln und Hacken schultern. Der „Stellvertreter des Generals“, Herr Stefan, ist nicht bei uns. Er trank seinen Kaffee und kroch dann wieder, bleich und elend aussehend, in seinen Sarg.

Am Waldrande liegt ein schräger Erdwall, der begonnene Kugelfang, der seiner letzten Vollendung entgegensieht. Davor flackert und qualmt ein riesiges Feuer. Soldaten in Holzschuhen lungern herum und reißen faule Witze über uns. Es sind solche, die sich kleiner Vergehen schuldig machten und nun Strafarbeit haben. Sie schaffen sich aber nicht zuschanden und wir auch nicht, denn unsere militärischen Aufseher, die uns herführten, verließen uns.

Manchmal steigt der eine missmutig den Abhang hinauf, macht einige Spatenstiche oder Schaufelwürfe, schlendert dann ans Feuer zurück, um weiter zu plaudern und zu rauchen. Die Franzosen, deren gesunde, volle Gesichter im krassen Gegensatz zu den unseren stehen, halten sich ziemlich fern, bleiben mehr für sich, doch haben wir einen gemeinsamen Postendienst eingerichtet, der uns vor kommenden Vorgesetzten warnen soll.

Der halbe Vormittag vergeht unter gemütlichem Nichtstun, ehe die Warner herbeirennen und schon von weitem schreien, dass ein Offizier naht. Nun arbeiten wir alle, dass es eine Lust ist, wie Sand und Erde fliegen. Der Offizier, ein Kapitän, betrachtet uns eine Minute sehr kritisch, schweigt aber und geht wieder fort. Kaum ist er außer Sicht, so eilt alles an das Faulenzerfeuer zurück.

Etliche dringen in das seitliche Gehölz ein, und ich folge dem Wink Seppls, der sich eben durch die Büsche Bahn bricht. Im Schutz einer Haselnussstaude bleibt er stehen und beginnt über das Nachtquartier zu schimpfen. Ich antworte, dass wir nach Hansens Versicherung ja nicht lange hier blieben. Aber er brauche nur ein Stück weiter ins Gehölz zu laufen, und kein Mensch würde sich darum kümmern, wenn er dem Rhein zustrebe und zurück nach Deutschland flüchte. Seppl wiegt den roten Kopf hin und her und spricht: „Wann ih wissen tat, dass mer no heit ins Afrika fahreten, bleibat ih g’wiss!“

„Ganz g’wiss!“, klingt’s wie ein Echo hinter mir, und herumschnellend sehe ich den dicken Hansl, der uns unbemerkt folgte. Ich muss herzlich lachen, wie er dasteht und Seppl anschaut, wie ein mächtiger Bullenbeißer sein Herrl. Seppl glaubt, eine Erklärung zu schulden, und sagt mir: „Woasst, der Hansl und ih, mir san halt schon lang beieinand! Als kloane Buam hob’n mer scho z’samm g’spuit. Ih bin alleweil der Reiberhauptmo g’wen und der Hansl mei Untergebener. Jatzt fragt er halt alleweil und tuat alles, wa ih a tua!“

Ich wage die Frage, was sie beide in die Legion treibt; da lacht er: „Ja mei, dös san halt persönliche Staatsgeheimnüsse, die derf mer net sog’n!“

Sie stecken die Köpfe zusammen, und ich schreite langsam nach dem Kugelfang zurück, erwarte allen Ernstes, dass die beiden sich davonschleichen werden. Aber nach einer Weile — ich mache gerade einige Hackenschläge - drängen sie sich aus den Büschen. Seppl ergreift eine Schaufel und schmunzelt: „Mir genga mit ins Afrika, auf d’Löhmjagd! Aber fei net frag’n warum, gölt Freinderl?“

Verneinend schüttle ich den Kopf, lasse das Werkzeug sinken und zünde die Pfeife an, froh fühlend, dass die Bayern mitkommen. Denn ich habe mich schon an sie gewöhnt, liebe ihre urwüchsige Art. Und im Grunde ist es mir gleich, warum sie zur Legion wollen. Jeder hat seine Last zu tragen!

„Nein, Seppl, ich werd’ euch nicht mehr fragen!“, wende ich mich an den Dünnen. Dessen rotes Gesicht fängt vor Vergnügen an zu glänzen, und er brummt: „Nachher san mer halt Freind’!“ Hansl grollt wie ein freundlicher Bär in tiefer Kehle zu diesem Ausspruch.

Gemeinsam schaufeln wir nun drauflos und merken gar nicht, dass wir die einzigen sind, die den Kugelfang für die Rheinlandarmee fertigstellen wollen. Denn die anderen sind alle einträchtig um den weißen Aschekreis des Feuers versammelt und staunen nach uns hin. Eine Stimme, die „Suppe!“ ruft, lässt uns endlich aufschauen. Schleunigst werfen wir die Werkzeuge fort, um in den ordnenden Zug der Kameraden zu treten. Die Gruppe der Poilus marschiert schon in einiger Entfernung über das Feld.

Herr Stefan erscheint plötzlich, um uns abzuholen. Er fällt neben mir in Tritt und bettelt mit verschleierter Stimme um einige Papiermark für Wein, er sei krank, und Pinard wäre die beste Medizin für hinfällige Legionäre. Da am Abend die Bayern die Kosten des Gelages trugen und ich noch einige Inflationszettel bei mir habe, lasse ich einen Schein in seine Hand schlüpfen und tue dasselbe bei Hans, der sich heranschob und Stefans Gewinsel anhörte.

Pathetisch predigt er, den Geldschein zwischen den Fingern drehend: „Das ist ungefähr ein Franc in französischem Geld. Ein Franc sind zwanzig Sous, ihr Leute! Und wisst ihr Kamele denn, wie lange man Soldat in der Legion für zwanzig Sous ist? Einen Sous bekommt ihr pro Tag, ihr Hornochsen, oder höchstens das Doppelte, wenn ihr länger dient! Im ersteren Fall also fünf Centimes, im besseren Falle höchstens zehn. Zwanzig Tage also müsst ihr Legionärsuppe löffeln für einen lumpigen, entwerteten Franc, für den ihr gerade ’ne Schachtel Zigaretten bekommt oder ’ne Tafel Schokolade in der Kantine. Eine verdammt kleine aber, versteht ihr? Oh, ihr seid doch blödsinnige Schafsköpfe! Paviane, habt ihr nichts Besseres zu tun? Warum geht ihr in die Legion? Glaubt ihr, es gäbe keine Wege, die bequemer und rascher in die Hölle führen und die ihr marschieren könnt? Geprügelt mit Kamelsätteln gehört ihr Kerle! Bei Allah, dem Propheten und seinem Barte!“

Verständnislos schauen die vor und hinter uns Schreitenden den Böhmen an. Stefan zündet sich eine Zigarette an und beginnt unterdrückt zu lachen, als ob er den ganzen Vortrag sehr spaßhaft fand.

Kalt frage ich: „Nun, und du, Hans, warum gehst du in diese Hölle zurück?“

Er ballt die Faust, sieht mich mit seinem ewigen Lächeln an: „Als ich zwei Wochen drüben war, hätte ich zwanzig Jahre drum gegeben, um wieder rauszukommen! Nach drei Wochen aber war mir alles schnuppe, denn der rote Wein tröstete mich! Und nachdem ich acht Jahre abgerissen hatte und seltsamerweise noch lebte, ging ich heim ... und fand, dass für einen Exlegionär nirgendwo Platz ist. Man hat eine Kette am Bein, deren Ende in Afrika liegt und die einen wieder zurückzieht!“ ... er machte eine Pause, dann fing der merkwürdige, manchmal sehr logisch redende Mensch zu singen an, aus Lortzings „Undine“: „Das ist der Wein, ja der Wein!“ Mitten in der Strophe fasste er sich plötzlich an die Stirn, als wische er dort etwas weg, und brüllte: „Ha, was wollt ihr von Afrika und der Legion wissen, ihr verfluchten Hammelschwänze! Das ist ein Land, wo Milch und Honig fließt! Aber nicht für uns! Hahaha! Bei Allah und dem Barte meines Großvaters ... wenn er einen hatte, was ich aber beim Teufel nicht weiß!“

Er schwieg, und wir marschieren. Mich packt ein Grauen. Das Entsetzen vor der Legion, die aus Menschen solche halbverrückten, veralkoholisierten Idioten macht!

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Stefan stößt die Tür auf, wir steigen die Treppen nach oben, treten in den kalten Raum, wo Suppe, Brot und Wein schon warten. Die Schüsseln stehen auf dem Sarg. Das ist ein treffliches Omen, Suppe und Wein der Legion auf einem Sarg serviert! Aber gibt es denn in Afrika überhaupt Särge für uns?

Das Essen ist eine heillose Angelegenheit, weil niemand Geschirr hat. Suppe und Fleisch sind gut, aber es fehlen Teller, es fehlen Löffel. Und wie eine Horde schmatzender, schlürfender Wilder - wir sind hungrig - sitzen zehn Mann um einen Behälter und pantschen mit den Fingern hinein. Es gibt pro Kopf ein Viertel Rotwein, der Koch hat ihn aber gehörig getauft. Stefan und Hans schimpfen laut über den betrügerischen Essenfabrikanten, verschwinden dann und kommen mit vollen Flaschen, die sie von meinem Geld erstanden haben, zurück.

So gut es geht, strecke ich mich auf dem harten, kalten, aber sehr sauberen Boden aus, rauche und betrachte die Kameraden. Es sind merkwürdige Typen darunter. Zwei erregen meine besondere Aufmerksamkeit. Sie sind beide unheimlich mager, mit asketisch länglichen Gesichtern, schlecht gekleidet und tragen die Haare kurz geschoren, als wären ihre Besitzer vor nicht sehr langer Zeit auf Staatskosten verpflegt worden. Schon am Kugelfang machten sie sich mir bemerkbar, denn dort führten sie in einer kleinen Gruppe das große Wort. Sie sind Kölner und erzählen jedem, der es hören oder nicht hören mag, dass es ihnen einst sehr gut ging. Ich kümmere mich nicht um ihr aufdringliches Geschwätz, denn in meinen Augen sind alle Menschen oder jetzt ... Legionäre, die nach Marokko gehen. Ihre Sprache ist hochgebildet, aber mir unsympathisch, denn sie benützen ihre geistige Überlegenheit über die anderen nur, um unflätige Mikoschwitze zu erzählen. Doppelt unflätig, weil doppelt raffiniert in der Ausdrucksweise!

Die beiden lassen mich zu meiner Freude in Ruhe, sind aber, wie mir scheint, bei Stefan sehr angesehen. Von Hans erfahre ich, warum. Otto, so heißt der eine, eine silberne Uhr drüben in der Kantine wieder versilbert hat, und der Ertrag floss zu einem erklecklichen Teil in Form von Pinard Stefans allzeit durstige Kehle hinab. Daher die Freundschaft!

Außer den zwei Kölnern fällt mir noch ein Mensch auf. Er gleicht einem mit Haut überzogenen Gerippe, an Stirn und Kinn hat er widerliche, fließende Wunden und Geschwüre. Sein Alter schätze ich auf dreiundzwanzig. Er führt das große Wort, aber seiner Hörerschaft graut es, sie vermindert sich von Minute zu Minute. Denn dieser Mensch, der vielleicht schon mit beiden Füßen im Grab steht, ist der Geschlechtskrankenabteilung einer Berliner Klinik entflohen. Triumphierend erzählt er, wie er den Ärzten, die ihm mit Versuchseinspritzungen fast das Lebenslicht ausbliesen, ein Schnippchen schlug und im Hospitalanzug bei Nacht und Nebel zum Fenster hinausflüchtete. Er spricht von der Fremdenlegion wie von einem Kurhotel und ist überzeugt, dass ihn das milde Klima Afrikas heilen wird.

Der Mann ist ekelhaft, tut mir aber leid, denn er hat dieselbe Sehnsucht nach Licht und Sonne wie ich.

„Mild, ja ... bei Tag so heiß wie eine glühende Ofenplatte und nachts unter null Grad! Dazu Gewaltmärsche von sechzig Kilometer pro Tag, bepackt wie ein spanischer Maulesel und durstig, dass dir die Zunge ellenlang aus dem Rachen hängt! Da wirst du dich verdammt schnell erholen, du Sack voll klappernder Knochen! Bei Allah und Mohammed!“ tönt plötzlich Hansens predigende Stimme, der mit lachendem Gesicht in der Tür steht, eine Weinflasche unter jeden Arm geklemmt hat und den Berliner ansieht. Zum Gaudium verschiedener fährt er fort: „Glaubst du vorsintflutliche Ausgrabung denn, dass dich der Arzt bei der Untersuchung passieren lässt? Wir könnten dich höchstens als Kabylenscheuche an die spanischen Dons im Rifgebiet vermieten!“

Langsam kommt er auf mich zu, sinkt in die Hocke und murmelt: „Habe soeben meine liebe Kehle etwas geschmiert und noch einen kleinen Tropfen mitgebracht. Aber ich weiß was Neues!“ Er richtet sich auf. „He, wisst ihr fröhlichen Schurken, dass es heute oder morgen nach Metz geht? Der Schreiber sagte mir’s eben drüben in der Kantine!"

Er entfesselt lebhafte Aufregung, denn jeder ist froh, aus diesem Lokal fortzukommen. Stimmen lachen durcheinander. Auch mir ist’s lieb, ich verspüre nämlich wenig Sehnsucht, in dieser Kammer, in die die kalte Novemberluft hineinpresst, noch einige Nächte auf dem blanken Boden zu schlafen. Mag es in Afrika schlimm sein, aber toller als hier kann es doch sicher nicht werden!

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Der Tanz der lebenden Toten

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Einige Soldaten führen uns über den Hof zu einem kleinen Hause.

„Ausziehen!“, befiehlt der eine bezeichnend. „Na, versteht ihr denn kein Deutsch, ihr Mistkäfer?“, schimpft er, und nun haben wir ihn umringt und gaffen ihn staunend an.

„Los, zieht euch aus, nackend wie ihr zur Welt kamt, denn der Arzt wartet da drin. Macht schnell, ihr blauen Rekruten, oder bildet ihr euch ein, dass ein französischer Medizin-Major wartet, bis es den Herren gefällig ist?“

Da hilft kein Sträuben, kein Zögern. Jeder entledigt sich seiner Kleider in dieser klammig-feuchten Kälte, unter dem schwärzlichen, nach Schnee aussehenden Himmel, und jeder bleibt bei seinem Bündel stehen. Bald aber tanzen wir alle, hüpfen im schauerlichen Reigen herum und schlenkern die mageren Glieder, denn die Kälte schneidet wie mit Messern in unsere Blößen. Man nimmt aber die Sache von der lustigen Seite, obwohl mancher sicher nicht die mindeste Ahnung hat, dass er sich hier die Grundlage zu einem späteren Lungenübel holen wird. Was macht’s aber auch schließlich aus, denn wir leben doch sicher nicht mehr, bis so etwas zum Ausbruch kommt!

Der Berliner aus der Klinik sieht am scheußlichsten und hässlichsten von allen aus.

Mit wunderbarer Schnelle nimmt die Untersuchung ihren Verlauf. Die Tür klappt auf und zu, und schon ist die Reihe an mir. In einem düsteren Zimmer finde ich mich stramm stehen vor einem ausgedörrten, gelbgesichtigen Mann, unter dessen weißem Ordinationskittel knallrote Ledergamaschen hervorschauen. Sein Käppi, karmin, mit vier Goldstreifen, schwebt auf dem Hinterhaupt. Neben ihm sitzt ein Schreiber.

Der Arzt sieht mich wie eine Mensch gewordene Maschine an und arbeitet auch als solche. Stumm legt er den Hörer an meine Brust, klopft ein bisschen herum und flüstert: „Bon!“, und der Schreiber knurrt: „Raus mit dir, langes Laster! Der Nächste!“

Draußen beeile ich mich, in die Kleider zu kommen, und hüpfe geraume Zeit, mit den Armen um mich schlagend, von einem Bein aufs andere, um wieder etwas Wärme in den Körper zu bringen. Bald ist der letzte untersucht, und wir erfahren nun, dass zwei untauglich sind. Der Berliner und ein junger Mensch mit frischem, ansprechendem Gesicht, den die anderen Willy nennen. An seiner Brille sah der Arzt, dass Willy hochgradig kurzsichtig ist, und hat ihn deswegen zum Dienst in der Legion, wo das Leben einer Kompanie oft von den guten Augen des Vorpostens abhängen kann, als nicht geeignet erkannt. Willy ist einfach trostlos! Denn sein Ziel und seine Sehnsucht ist nun einmal die Fremdenlegion! Er schwört, dass er nach Landau gehen will, um dort sein Glück bei einem anderen Arzt zu versuchen. Sein Bündel schulternd, nimmt er schnell Abschied und ist gleich im Nebel verschwunden. Der Berliner eilt ihm nach. Und die Nebel saugen auch ihn auf.

Wir dürfen in die Stube zurück, brauchen nicht mehr zum Schanzen an den Kugelfang. Ob dieser überhaupt je fertig wird?

Eben haben wir Reiseproviant erhalten. Eine Büchse Sardinen, ein halbes Kilo Brot und an Stelle des Weins, den wir nicht fassen können, weil es keine Feldflaschen gibt, empfangen wir jeder zwei Riegel Kochschokolade. Diese Nacht müssen wir noch hierbleiben, morgen früh um sechs Uhr soll uns ein Dolmetscher nach Metz begleiten.

Ich lasse Hans noch etwas Wein holen, den er und Stefan fast allein trinken. Und dann schenke ich letzterem meinen Mantel, für den ich ja doch bald keine Verwendung mehr habe. Auch die Schuhe verlangt er, aber ich kann mich nicht dazu verstehen, nach Metz oder gar bis Afrika in seinen Pantinen zu reisen.

Aus Dankbarkeit für den Mantel bot mir der alkoholliebende Mann seinen Sarg zum letzten Quartier an. Und ich mache Gebrauch von diesem Angebot, krieche ins warme Stroh.

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Unterwegs

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Ein täuschend mit dem Mund geblasenes Trompetensignal weckt mich. Aufspringend schüttle ich Stroh aus Haar und Kleidern, trinke heißen Kaffee. Dann poltern wir die Treppe hinab. Der Dolmetscher wartet vor dem Haus. Er ist ein Zivilist mit brandroten Haaren, sommersprossigem Gesicht, Albinoaugen. Sein großer, etwas aufstehender Mund lässt die gelben, kräftigen Zähne sehen. Ich entsinne mich dunkel, dem Mann irgendwo im unbesetzten Gebiet Deutschlands begegnet zu sein, kann mich aber nicht erinnern, wann und wo.

Wir marschieren auf der Landstraße. Die Sonne steht in unserem Rücken eine Handbreit über dem Horizont, wie ein dunkelroter, erlöschender Ball, ohne Strahlenentwicklung, im milchigen Nebel schwimmend. Zu beiden Seiten, auf den Feldern, quirlen lange Dunstschleier, manchmal ein Stück gelben, dürftigen Rasen enthüllend, auf dem die letzten erfrorenen Herbstzeitlosen wie blass-violette Kelche mit verkrumpelten Rändern wachsen.

Klingend hart ist der Boden, an den Telegrafendrähten klebt Raureif. Jemand singt. Und da die meisten alte Soldaten oder Reichswehrangehörige waren, singen sie alle mit.

Kaum hat Stefan, der uns ein kleines Stück begleitet, um mich vergebens um einen Franc anzubetteln, den Rückzug angetreten, da setzt eines jener langgezogenen, sentimentalen Lieder ein, wie sie fast auf der ganzen Welt allein der deutsche Soldat sang und singt.

Ganz langsam schweben die Töne durch die dampfende Luft, ersticken echolos hinter uns.

„Nimm hin den Kuss von mir,

Du deutscher Grenadier!

Vergiss Maruschka nicht,

Das Polenkind ...“

Wir biegen in die stillen Straßen ein, an den Häusern widerhallen unsere Schritte. Unser rothaariger Führer, der die ganze Strecke lebhaft mit Hans plauderte, löst die Karten im Bahnhof, und wir drängen uns auf den Steig, wo schon viele Reisende warten.

„Fremdenlegionäre! Afrikafutter!“, höre ich flüstern, und ich schäme mich. Der Zug rollt ein, und da wir zahlreich sind, bekommen wir einen ganzen Wagen für uns. Das macht mich wieder froh!

Wir dampfen hinaus in den weißen Nebel der hügligen Pfälzerlandschaft. Die Männer singen, viele vertilgen sofort hungrig ihren Proviant, denn es wird noch lange dauern, bis sie wieder einmal richtig satt sind. Wird das vor ihrem Tod noch sein? Arme Teufel, sie gehen in die Legion, um zu essen, sich zu wärmen und zu sterben. Und die Welt bleibt nicht stehen deshalb!

Am Mittag müssen wir auf einer größeren Station heraus und lange auf den Anschlusszug warten. Dann rollen wir weiter, haben kurzen Aufenthalt an der Grenze, aber es kommt keine Kontrolle zu uns hinein.

Ein kleines, etwa vierzehnjähriges, zartes Mädchen, ärmlich angezogen, mit großen wissenden Augen und bitterem Mund, ist zu uns gestiegen und bettelt, dass wir sie bis zur nächsten Station verstecken sollen. Es ist wegen der bösen Zollbeamten, denn sie will ein wenig schmuggeln, die Kleine. Sie erzählt, dass sie jeden Tag mit demselben Zug fährt und jedes mal seien viele Legionäre darin.

„Ist es denn dort so schön?“, fragt sie naiv, dann zeigt sie ihre aus Päckchen mit Anilinfarben bestehende Schmuggelware. Ungeniert lässt sie sich zwischen uns nieder und erwidert die Derbheiten, die von allen Seiten auf sie niederprasseln, sehr schlagfertig und schnippisch. Nach einer Viertelstunde steigt sie aus, winkt noch kokett zurück und verschwindet im Gewühl.

Es ist Abend, und wir laufen in die große Metzer Bahnhofshalle ein. Dann marschieren wir durch das Straßengewimmel, biegen rechts ab. Überall hängen Fahnen, und man baut an Gerüsten, die mit farbigen Glühlämpchen dicht besät sind. Ein großes Transparent leuchtet: „Liberte, Fraternite, Egalite.“

„Morgen ist Waffenstillstandsfeier!“, sagt der rote Dolmetscher und dann, auf das hallende Steintor zeigend, das wir gerade durchschreiten: „Das deutsche Tor!“

Wir überqueren die Brücke, unter der die Mosel wie ein schwarzes, unhörbares Band fließt, und erklimmen eine steile Straße. Die Häuser hören bald auf, zu unseren Füßen liegt Metz wie ein im Nebel halb versunkenes, schimmerndes Lichtermeer. Da biegen wir wieder rechts ein. Ein hohes Gittertor hemmt den Weg. Ein Posten ruft uns an, schiebt dann mit Anstrengung den schweren Flügel auf. Wir marschieren wieder weiter, einen gepflasterten Gang schräg in die Erde hinab. Es ist fast Nacht darin, und die taktmäßigen Schritte hallen donnernd von den Wänden zurück. Zweimal wächst ein Lichtpünktchen näher, und ich komme an einer in einem Wandloch brennenden Stalllaterne vorbei. Der Gang führt nun aufwärts und endet in einem Hof. Vor uns liegen Kasematten, und steil ragt ein glatter Grashang in die Höhe. Über der Tür des einen Hauses steht in verwischten Buchstaben „Fort Zistrop“.

Wir sind in einem alten Fort des Metzer Festungsgürtels. Der Dolmetscher pocht an eine sofort aufgehende Tür. Neugierige Soldatengesichter, vom auffallenden Lampenlicht golden und purpurn übermalt, beugen sich nach außen. Der Rothaarige spricht etwas, von innen kommen schimpfende Stimmen, dann fliegt die Tür weit auf, und aus der Wachtstube torkelt ein winziger, uniformierter Mann ins Freie. Ein Mann, an dem fast alles Schnurrbart ist. Gellend keift er: „Gardez a vous!“, und wir halten still, unbeweglich. Die es nicht verstanden, richten sich nach jenen, die sofort stramm machten. Etwas liegt in der Luft, es ist auf einmal so merkwürdig schwül hier, trotz des Frostes. Irgend etwas wird passieren, ich fühle es!

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Bon soir, les legionaires!

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Der Mann, der wegen der Vorfeier des morgigen Tages tief in die Flasche schaute, steckt in einer schneidigen, knapp sitzenden Uniform, sieht aber wegen seines dürftigen Körperchens wie eine jener uniformierten Meerkatzen aus, die man auf Jahrmärkten in Kleinstädten zu sehen pflegt, wie sie ein Korkengewehr abknallen, auf einem Pudel reiten und ähnliche Volksbelustigungen ausüben. An seiner Hüfte trägt er den riesig wirkenden Armeerevolver. Seine rote Mütze ist mit einem schmalen Silberstreifen umsäumt. Ich kenne zwar die Chargen der französischen Armee wenig, weiß aber zufällig, dass dieser Kleine ein „Adjutant“ ist, also etwa ein Feldwebel.

„Bon soir, les legionaires!“, kräht er, sich mit Mühe aufrecht haltend, und geht in possierlichen Schritten, mit Oberkörper und Hals ruckend wie eine Körner suchende Henne, zwischen uns herum. Er fragt dann, ob gediente Leute unter uns sind, und Hans tritt vor, rasselt heraus: „Jean Dworak, Korporal im zweiten Fremdenregiment, acht Jahre gedient, auf dem Weg ins Regiment zurück.“

Dem Kleinen gefällt diese knappe, militärische Sprache. Wohlgefällig zupft er an den Enden seiner Zierde, die jene des verstorbenen Königs von Italien, der seines Schnurrbartes halber berühmt war, weit übertrifft. Sie ersetzt dem Kleinen an Länge im Gesicht, was ihm sonst am Körper abgeht. Er brummt: „Bon, bist ein braver Kerl!. Und die anderen? Lauter verfluchte Boches, he?“

Hans will antworten, da stößt der neben mir haltende Seppl in harmloser Unschuld ein herzhaftes Gähnen aus. Wie der Blitz ist der knirpsige Adjutant bei uns und lässt eine Kette Flüche vom Stapel, fuchtelt dem Bayern mit den Fingern vor der Nase herum. Dazu muss er sich auf die Zehenspitzen stellen, bekommt dabei mehrere Male das Übergewicht und arbeitet sich in solchen Zorn hinein, dass er am Leibe zittert und Schaum auf seine Lippen tritt.

Ganz erstaunt schaut Seppl auf den Tobenden herab, und wie diesem endlich der Atem ausgeht und er eine Pause macht, sagt er bedächtig und beschwichtigend: „Ja, du mei, was regen’s Eahna fei so auf, Herr ... Herr General?“ Und sein Echo Hansl murmelt hörbar: „Net harb sei, göll’ns fei, Herr Oberst!“

War die Wut des Angetrunkenen schon groß, so ist sie nun unbeschreiblich. Wie eine angeschossene Krähe hüpft er herum und kreischt, sich in der Stimme überschlagend: „Schwein! Vieh! Sau!“ Nach mehreren Versuchen die Pistole aus dem Futteral reißend, presst er den Lauf gegen Seppls Magen.

Dramatische Spannung liegt plötzlich in der Luft. Die zukünftigen Legionäre in ihren Lumpen, wie Bildsäulen stehend; die verdutzt aus der Tür lugenden Soldaten in ihren blauen Uniformen; der Dolmetscher mit den Albinoaugen, den blinkenden Zahnreihen und dazu die düstere Umgebung ... das ist ein Bild zum Malen.

Jäh bricht die Stimme des Adjutanten ab, jeden Augenblick vermeine ich einen dumpfen Knall zu hören, wenn der gallige Franzose losdrückt. Ist die Waffe nicht geladen, ist dieser Mann nur, wie viele seiner Landsleute, ein Schauspieler, der sich selbst eine kleine Extravorstellung gönnte?

Hans tritt vor, bittet um Erlaubnis, den Herrn Adjutanten sprechen zu dürfen. Hans ist sehr wütend, seine Stimme hat viel von ihrem pastoralen Klang verloren.

„Bon!“, knurrt der Angeredete, die Pistole einsteckend, und hört dann zu, wie Hans erklärt, dass Seppl kein Wort Französisch versteht. Der Kleine sinniert eine Weile, bekommt manchmal einen kräftigen Schuss vornüber, schwankt und sagt: „Bon, es ist gut! Du als alter Legionär sollst Stubenältester sein. Führ die Schweine jetzt in den Stall. Dort in die zweite Kasematte. Es ist schon ähnliches Viehzeug drin! Marsch!“

Gefolgt von dem Dolmetscher, torkelt er die ausgetretenen Stufen in die Wachtstube hinauf, die Soldaten machen, respektvoll lächelnd, Platz. Knallend fliegt die Tür ins Schloss; wir sind allein, wir Schweine, und warten auf den Stall.

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Kasematten

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... ruhig, folgt mir!“, schnitt Hans sofort das Gemurmel ab und ging voran, auf die Kasematte zu. Schwacher Lichtschimmer blinkt durch die kleinen, trüben Scheiben. Wir drängen in den Raum, wo eine Anzahl Männer - ähnliches Viehzeug wie wir - uns empfängt.

Hans macht schnell Ordnung. Es herrscht, obwohl nicht geheizt ist, eine ganz behagliche Wärme in dem von vielen Menschen erfüllten Raum. Mit der gewölbten Decke gleicht er einem altmodischen Koffer. Zweistöckige deutsche Militärbettstellen stehen in Reihen, Matratzen und verlockende Wolldecken liegen darauf. Eine kleine Petroleumlampe spendet Licht.

Hans spricht: „Ihr dürft euch nicht mucksen, ihr Schafe, wenn ein Vorgesetzter mit euch redet! Oder haben etwa die deutschen Offiziere drüben mit euch während und nach den Dienststunden Skat gedroschen? Ausrücken könnt ihr hier aus dem Fort nicht mehr, das hättet ihr in Neustadt oder unterwegs tun sollen. Warum habt ihr’s nicht getan? Ihr blutigen Hornochsen! Glaubt wohl, das Soldatenspielen sei ein Kindergarten, wo man euch streichelt und Zuckerbrot zu fressen gibt? Bei Allah!“

Beschwichtigend meint er zu Seppl: „Musst nicht meinen, dass er dich totgeschossen hätte! Das geht doch nicht so ohne weiteres! Der kleine, hässliche Affe ist nur besoffen .. . Hört ihr alle!“, wendet er sich uns zu. „Hört! Er kommt vielleicht wieder, und ich rufe dann, wie es in der Legion üblich ist, wenn ein Offizier die Stuben betritt: ,Fixe!‘ Dann stellt eure Knochen in Positur und bleibt stramm. Verstanden?“

Das leise Plaudern und Fluchen versiegt, wir sitzen auf den Betten, freuen uns der schönen, warmen Decken und rauchen. Einige haben Hunger, aber heute ist nichts mehr zu erwarten, denn den Tagesproviant fassten wir schon in Neustadt.

Auf dem Gang draußen tönen plötzlich Schritte. Hans, der nach der Tür sah, schreit scharf: „Fixe!“

Sofort steht jeder mit herausgedrücktem Brustkasten vor seinem Bett. Der Adjutant torkelt herein, zwei Soldaten, von denen einer eine Laterne trägt, folgen ihm. Befriedigt mustert uns der winzige Gewalthaber, wirft uns ein freundliches „Bon soir, les legionaires!“ zu und schreitet die stumme Front ab, uns dabei aus glasigen Augen anglotzend. Wie er dicht vor mir steht, sehe ich, wie lächerlich klein dieser Mann ist, und fühle die ebenso lächerliche Versuchung in mir aufsteigen, ihn auf den Arm zu nehmen, einige Klapse auf die Verlängerung seines Rückens zu geben und eine Predigt über den Nutzen und die Gefahren des Alkohols zu halten.

Er geht weiter und erteilt Hans einen Befehl. Dann wackelt er mit einem „Bonne nuit, les legionaires!“ nebst seinen grinsenden Trabanten hinaus. Hans stößt einen lästerlichen Fluch aus, der sich bis auf die Enkelkinder der Enkel des Adjutanten bezieht, und faucht: „Um neun Uhr soll das Licht aus und jeder in der Klappe sein. Aber hört nur, was der trunkene Hund noch verlangt! Ab zehn Uhr soll jeder eine Stunde Wache vor der Latrine schieben! Schikane ist das, aber wir können nichts dagegen machen, dürfen nicht mucksen, denn diese Kerle, die hier draußen in dem verfluchten Fort nie Kontrolle haben, tun mit uns, was sie wollen. Jetzt sind sie verdammt patriotisch und brüllen ,Vive la France', weil morgen Waffenstillstandsfeier ist, und weil sie nicht mehr die Pickelhaube tragen müssen, hier im Elsass und Lothringen ... Macht euch nichts draus, denn bald sind wir in Afrika, und in der Legion ist’s nicht so schlimm. Denn schindet man uns dort, so schindet man uns unparteiisch und kümmert sich keinen Pfifferling darum, ob wir Deutsche, Franzosen oder Kalmücken sind! ... Schlimm ist es hier, denn die Kerle können mit uns anfangen, was sie wollen, wenn wir nicht parieren. Bei Allah und Fatima!“

Wir tun entrüstet, fühlen aber, dass Hans recht hat und wir gute Miene zum bösen Spiel machen müssen, falls wir nicht Unheil heraufbeschwören wollen. Denn Hans versichert, dass man uns bei jeder Steifnackigkeit so schlauchen wird, dass uns die Zunge zum Hals hinaushängt und uns die Augen übergehen.

Er zählt nun die Posten ab, ich bekomme die Wache von elf bis zwölf Uhr. Rauchend sitzen wir beisammen. Hans, die Bayern, ein Landsmann der beiden, ein alter ausgemergelter Exlegionär, der die Gelbsucht in Afrika bekam, seine fünf Jahre abdiente und nun hier für die Fortbesatzung kocht.. . und ich. Der Fall dieses Gelbsüchtigen ist einer von vielen! Nach langer Dienstzeit sandte man den schweigsamen, ziegenbärtigen Mann heim. Und zwar, wie es mit allen entlassenen Legionären geschieht, etappenweise von Marseille der deutschen Grenze zu. In jeder Etappe werden solche Entlassenen streng bewacht, sie müssen schwer in den Ställen und sonst arbeiten, bis man sich ihrer wieder erinnert und sie ein Stück dem Rhein näher befördert. Denn gar leicht ist’s, in die Legion hineinzukommen .. . unendlich schwer aber, wieder herauszugelangen.

Der Entlassene, der mit einem schlechten, lächerlich sitzenden Baumwollanzug, ohne einen Pfennig in der Tasche, versehen wird, kann sich, ehe er die Heimat erreicht, auf allerlei Versprechungen oder, wenn diese nichts nutzen, Schikanen gefasst machen. Viele, ja die meisten, unterschreiben dann wieder den Kontrakt und gehen zurück nach Afrika.

Die nächste Etappe dieses alten, gelbsüchtigen Soldaten ist wahrscheinlich Neustadt, dann Ludwigshafen .. . und ein Fußtritt über den Rhein hinüber. Ohne Geld, notdürftig bekleidet, mit zerrütteter Gesundheit und vor Kälte klappernd. Er wird einige Zeit in Deutschland wie ein entwurzelter Stamm herumgeworfen werden, dann kommt die Sehnsucht nach Wein, warmer Suppe  wenn auch der mit Schweiß und Blut zu bezahlenden Legionssuppe - Sehnsucht nach afrikanischer Sonne ... alles treibt ihn zurück in die offenen Arme der Armee der Heimatlosen. Denn hat der zurückgekehrte Legionär keine Verwandten, die ihn irgendwo unterbringen, so findet er keinen Halt; auch ist ein Mann mit fünf Jahren Fremdenlegion hinter sich nur in seltenen Fällen noch zu irgend etwas zu gebrauchen.

Und aus Verzweiflung geht er zurück nach Afrika! Und wenn es ihm dort auch schlecht geht, so erhält er wenigstens Essen und Kleidung, bis an seine letzte Stunde, wo er vielleicht in den Schluchten des Atlas liegenbleibt, die Marokkanerkugel im Herzen, und endlich ausruhen darf.

Es ist sehr leicht, über die Männer, die in die Legion gehen, schlecht zu reden und zu hetzen; machen sich aber diese Hetzer etwa Gedanken über die vielen, die, abgesehen von den Unverbesserlichen, nicht in die Legion zu gehen brauchten, wenn das Gewissen der satten Menschheit nicht zu weit und gleichgültig wäre? Ja, man soll Frankreich und Spanien anklagen, weil sie eine Legion haben, die sie für sich kämpfen und arbeiten lassen! Aber auch die gesamte Menschheit gehört an den Pranger. Denn, wenn die Menschen alle nur wollten, so gäbe es weniger Hunger nach Wärme und Brot unter ihren armen Brüdern ... und es gäbe vielleicht auch keine Legion.

Unter leisem Geplauder wird es neun Uhr. Jeder hüllt sich in die Decke. Oh, wie herrlich warm sind doch diese Woilachs!

Hans bläst das Licht aus.

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Wachtkomödie

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Ich schlief sofort ein, und es ist mir, als wären erst Minuten vergangen, als ich geweckt werde und eine schadenfrohe Stimme in mein Ohr raunt: „Aussa muasst, Urwaldmo’. Wach’ schiab’n! Ölfi hat’s g’schlag’n in der Stadt!“

Ärgerlich stehe ich auf, zünde die Pfeife an, hänge die Decke nach Indianerart um die Schultern und trete in den Hof. Der Frost schüttelt mich, der Nebel hängt bis auf die Erde hinab und lässt keine Hand vor Augen erkennen. Die Latrine, die ich bewachen soll - warum weiß kein Mensch - liegt rechts am Wall. Ich laufe im Trab hin und her, komme aber zu schnell außer Atem und muss wieder langsam gehen. Es friert mich an Leib und Seele. Nach einer wahren Ewigkeit schlägt eine entfernte Turmuhr einmal.

„Was, erst Viertel?“, grolle ich und schaue nach der Taschenuhr. Wahrhaftig, ich stehe erst eine Viertelstunde. Da mag der krähende Adjutant selber Wache halten, ich aber nicht! Entschlossen schleiche ich in den Schlafsaal zurück, lege mich hin und fühle mit Behagen, wie ich langsam wieder warm werde. Um zwölf Uhr stoße ich mit den Füßen gegen die Stahlfedern über mir, denn dort oben schläft mein Nachfolger Hansl.

„Feit sich was?“, murmelt er.

Ich belehre ihn, dass er auf Wache muss, und wie er sich eingehend erkundigt, ob ich draußen war, erzähle ich ihm meinen Streich. Rasch klettert er aus dem Bett, knurrt grimmig: „Dass ih net verrucht wär!“

Drüben weckt er seinen Nachbarn. „Du Bazi, damischer, aussa muasst!“ Eine schläfrige Stimme winselt, und der Bayer wird jetzt grob, schüttelt den Mann, dass die Bettstelle kracht. Seufzend erhebt er sich und klagt: „Ach nee, de Ladrine missen mer bewochen, so was!“ Er geht ab.

Hansl steigt in sein Bett und kichert noch lange vor sich hin.

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Der Morgen

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Wir stehen auf. Jemand beklagt sich bitter, drei Stunden Wache gehalten zu haben, aber niemand hat Mitleid. Wir müssen hinaus, uns in langen Reihen im Hof aufstellen und dürfen eine Viertelstunde schön langsam durchfrieren. Dann kommt der Koch mit dampfendem Eimer und Blechmaß. Jeder trinkt so schnell er kann, gibt die Blechtasse weiter an den Nebenmann, der schon im Vorgeschmack mit den Lippen schmatzt. Es ist angeblich Kaffee, in Wirklichkeit jedoch nur Wasser, das etwas braun schimmert, aber seine Wärme tut wohl.

Drei Korporale teilen uns in Gruppen ein. Das Gros marschiert durch den unterirdischen Gang ab; wir anderen, ungefähr ein Dutzend, bleiben im Fort. Ein Mann wird an die Kasematte, wo die Soldaten hausen, geführt. Dort warten an der Mauer einige Paare kotiger Kommissstiefel auf ihn, liegen Putzbürste und Wichse. Andere werden zum Fegen bestimmt. Sie fahren nun mit dürftigen Reisigbesen in den Stuben herum, dass der Staub wirbelt.

Hans, die Bayern und ich finden uns auf der Höhe des Walles, wo einige Steinbänke um einen Steintisch stehen, beschäftigt, mit blau gefrorenen Fingern in einem Sack matschiger, stinkender Kartoffeln herumzuwühlen und sie zu schälen. Zu diesem Zweck vertraute man uns Messer an. Es ist eine unappetitliche Sache, zu der gute Geruchsnerven gehören, aber ich bin auf Segelschiffen gefahren und kenne Schlimmeres.

Wir beeilen uns möglichst und suchen dann den Korporal auf. „Der Adjutant ging in die Stadt, drückt euch in die Stuben und tut, was ihr wollt!“, rät der Elsässer gutmütig. Seppl wird aber noch ausersehen, die Latrine zu reinigen, was dem Anschein nach seit Napoleons Zeiten vergessen wurde.

Um elf Uhr hören wir den dröhnenden Marschschritt der Zurückkehrenden, gleich darauf treten sie ein. Sie erzählen, dass sie unten in den Kasernen Pferdeställe ausmisten, Latrinen reinigen und Tiere striegeln mussten, haben auch von einigen Fanatikern, wie sie überall in der Welt herumlaufen, einige und sehr kräftige Fußtritte erhalten.

Ein Korporal kommt, befiehlt Antreten, und dann führt man uns den Wall hinauf, auf jene windumpfiffene Plattform, wo die Steinbänke stehen. Verdutzt fragen wir, was wir hier sollen und bekommen die achselzuckend gegebene Aufklärung. Der Adjutant ist aus der Stadt zurückgekehrt und hat Befehl erteilt, dass wir hier oben unter freiem Himmel dinieren sollen.

Wie dieser Mann uns hassen muss! Etwa, weil wir Deutsche sind?

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Auf dem Wall

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Da kommen schon die Essenholer mit den Blecheimern. Frierend drängen wir uns um den steinernen Tisch. Je zehn Mann erhalten einen Topf Kartoffelsuppe. Zu jedem Topf gibt es eine Schöpfkelle, sie beginnt der Reihe nach von Mann zu Mann zu wandern. Es kommen auf den Kopf ungefähr zwei Kellen, was ein Teller Suppe ist. Dann betrachten wir misstrauisch eine flache Schüssel, in der riesige, weiße, fast blanke Knochen liegen. Nur an einigen baumeln ganz verloren winzige Klumpen Fleisch oder etliche Sehnenstränge.

Kopfschüttelnd ergreift Hans einen Knochen nach den anderen, wirft ihn jedes mal in die Schüssel zurück, dass es klirrt „Diable, das soll für uns sein?... Die Ochsen oder Gäule, derer Gebeine hier liegen, haben gewiss schon das Fleisch verloren ehe sie geschlachtet wurden! Und damit füttert man brave Fremdenlegionäre?“

Tiefsinnig stehen wir eine Weile stumm da, dann werden die Knochen verteilt. Etwa auf die Art, dass ein Knochen unter drei oder vier Mann die Runde macht. Jeder darf, von den anderen misstrauisch beobachtet, ein bisschen daran herumknabbern.

Wein und Brot stehen uns zu, aber es gib nichts! Ärgerlich zünde ich die Pfeife an und versuche, den rebellischen Magen mit Tabak zu beschwichtigen. Hans bekommt einen seiner sonderbaren oratorischen Anfälle, erklettert den Tisch und beginnt salbungsvoll: „Kameraden! Man schikaniert uns ein wenig, aber ihr müsst euch nichts draus machen, denn bald kommen wir hier weg. Und in Afrika ist’s besser! ... Glaubt nicht an die verdammten Schauermärchen aus den Büchern. Die Legion ist manchmal hart! Wen’s schlecht trifft, hat Pech! Tut nur euren Dienst und gehorcht den Vorgesetzten - besonders den Sergeanten. Denn was ein solcher befiehlt, ist das Evangelium! Ihr müsst euch aber nicht ...“

Ich höre nichts mehr, gehe an den Wall, setze mich auf die Mauer und rauche. Manchmal erhebt der Redner seine Stimme. Und ich vernehme, dass die unmenschlichen Strafen in der Legion keinen „festen Satzungen“ unterliegen, sondern nur von den Umständen abhängen.

„Bedenkt“, trägt der Wind die Worte zu mir, „bedenkt, ihr Giaurs, ihr seid vielleicht Monate oder ein Jahr in einem kleinen Saharafort unter der Fuchtel eines Hauptmanns, Leutnants und zweier Sergeanten. Und alle haben den Cafard, den Tropenfimmel, der sie etwa des Nachts nackend im Mondenschein auf der Mauer herumtanzen lässt, während draußen im Sandmeer die Hyänen Geige spielen und der Schakal die Klarinette bläst. Und ihr selber habt auch den Fimmel, den Hitz- und Suffkoller und seid vielleicht so dumm, dass ihr gegen einen Vorgesetzten murrt. Bedenkt doch, was solch ein wahnsinniger Kerl mit euch übergeschnappten Hunden tun kann! Frankreich ist weit und die Wüste groß! Und kein Hahn kräht danach, ob man euch bis zum Hals im heißen Sand einbuddelt oder euren Rachen mit Gewehrfett einpinselt, dass ihr drei Tage weder fressen noch schlucken könnt. Oder ob man euch in eine Strafzelle steckt, die heißer ist als zehn Backöfen zusammen! Bei Allah und Mohammed! Bedenkt nur, ihr ..

Seine Stimme sinkt wieder zu undeutlichem Murmeln herab. Ich sitze und grüble nach, was mich in Afrika wohl erwartet. Dann muss ich plötzlich lachen, weiß selber nicht warum. Vielleicht hab’ ich jetzt schon den Tropenkoller!...

Aus den Dünsten in der Ebene ragen die parallelen Wipfelreihen der Landstraßen.

Ich springe auf und schlendere, die Hände in den Taschen, nach Hansens Gruppe hin. Er endet gerade mit den Worten: „und hütet euch vor dem Kaiser, dem Präsidenten und Generalfeldmarschall der Legion ... vor dem Pinard und vor des Teufels Zwillingsbruder, dem Gesöff, das die Araber in Sidi und Saida und die Annamiten im Tonkin den Schnaps ,Tschoumtschoun nennen! Bei Allah!“

Er steigt vom Tisch und schreitet lächelnd voran, hinab in die Kasematten.

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Vorbereitungen

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Zum Abendessen um sechs Uhr auf dem Wall bekommen wir Suppe, Brot und sehr verdünnten Wein. In der Kasematte drunten werfe ich dann dem alten, ziegenbärtigen Landsknecht seine Kocherei vor, er aber erwidert achselzuckend und flüsternd, dass der Adjutant den Löwenanteil der für uns bestimmten Rationen unter der Hand verkauft. Scheu sieht sich der Mann um, als fürchte er, dass das, was er mir anvertraut, die Wände weiterplaudern könnten.

Aus dem Gebäude der Besatzung schallt Lachen und Singen; von Metz herauf dringt Schießen und Böllern, denn Frankreich feiert den Tag des Waffenstillstandes. Der kleine Adjutant war schon bei uns, hemdsärmelig und mit weingerötetem Gesicht.

Kurz vor neun Uhr beginnt der Hof zu dröhnen, und eine lange Reihe neuer Legionskandidaten drängt in die Stuben. Es sind fast fünfzig Mann, aus Landau und Zweibrücken. Unter ihnen ist der glücklich dem Arzt entschlüpfte Willy mit der Brille. Sein Wunsch ist erfüllt; wenn er in Afrika bei der letzten Untersuchung passiert, dann ist und bleibt er Legionär für fünf Jahre oder bis an sein Ende, das kürzer oder länger dauern kann.

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Ein neuer Morgen

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Wieder werden wir mit „Kaffee“ getränkt. Dann führt man uns in den Baderaum. Man muss sich im Hof entkleiden, damit es recht schnell geht, denn der Raum ist eng, und viele Männer sollen baden. Immer zehn dürfen hinein und stellen sich unter die Duschen, die wahrhaft teuflisch heiße Strahlen spenden. Robuste Lothringer stoßen jeden, der dem kochenden Guss ausweicht, mit groben Tritten zurück.

Wir erhalten jeder ein Handtuch, und es wird uns bedeutet, dies ja nicht zu verlieren, denn es soll mit nach Afrika, wo wir darüber Rechenschaft ablegen müssen. Dann werfen uns die Bademeister einige Kleiderbündel vor die Füße. Die Zivilsachen nimmt man uns weg, sie sollen an zurückkommende Legionäre verteilt werden.

Es sind alte Friedensmonturen verschiedener Regimenter, die wir da, provisorisch wahrscheinlich, um uns das Fortlaufen zu erschweren, bekommen. Rote Hosen, blaue Röcke mit blanken Knöpfen und zweispitzige Käppis, sogenannte bonnets de police.

Ich erhalte eine rote Zuavenhose, deren Beinlinge wie Ballons um meine Waden schlottern. Die Unterschenkel bleiben bloß, da das Kleidungsstück für einen viel kleineren Mann, als ich es bin, berechnet ist, und auch die dazugehörigen Gamaschen fehlen. Ich ziehe mich an, schlüpfe in die groben Schuhe und trete hinaus. Einer der Bademeister, ein Lothringer, versetzt mir einen heftigen Fußtritt, weil es nicht schnell genug geht.

Draußen erhebt sich ein lautes Gelächter, als ich in meinem Aufzug erscheine. Mir selbst steigt das Blut zu Kopf, und einen Augenblick sehe ich rot, möchte an die Kehle des Buben fahren, der mir den Tritt gab, um seine Seele aus dem Leib zu pressen.

Eine neue Szene lenkt mich ab. Einer der Lothringer, dem drei lachende Freunde zur Seite stehen, ist beschäftigt, mittels einer rostigen Maschine den Legionären die Haare zu scheren. Er hört aber schnell auf. Es wird ihm selbst zu viel, denn man kann sehen, dass er ein derartiges Instrument wohl das erste mal im Leben in die Hand nahm. Seine Opfer, die bei der Prozedur schmerzverzerrte Gesichter machten, sehen toll aus. Einer dieser Schädel, an dem der brave Lothringer herumhantierte, gleicht dem Versuchsobjekt, an dem ein angehender Siouxkrieger das Skalpieren erlernte. Schnitt befindet sich an Schnitt, und stellenweise hat die stümperhaft geführte Maschine ganze Haarbüschel herausgerissen.

Wir stellen uns auf. Kontrolle über die Handtücher wird abgehalten. Einer hat seines nicht mehr, und brutal, wie ich nie einen Menschen behandelt sah, wird er in eine Arrestzelle förmlich hineingeschleudert. Wir wissen nicht, was aus ihm wird, sehen ihn nicht mehr, denn wir marschieren dröhnend aus dem Fort. Scherzhaft ruft der Posten hinter uns drein: „Passt auf, lass euch der Teufel in Afrika nicht hohlen!“

Im Gleichschritt geht’s in die Stadt, in einen mächtigen Kasernenhof. Unterwegs bin ich mit meinen bloßen Beinen und der flatternden Zuavenhose der Gegenstand großer Belustigung, habe mich aber mit philosophischer Ruhe gewappnet.

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Die Artilleriekaserne

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Hier arbeiten wir. Fegen und das übliche Latrinenreinigen, in dem wir nun schon Virtuosen sind. Zu Mittag fällt auf mich das Los zum Essenausteilen. In einer unterirdischen, blitzsauberen Küche bekomme ich einen Rieseneimer delikat riechenden Hasenpfeffers. Und im Hof stehen zwei Reihen hungriger Männer.

„Teil aus!“, sagt der mich begleitende Korporal barsch.

„Womit?“

Er zuckt die Achseln. „Teil aus, sonst kriegt ihr gar nichts. Nimm doch die Pfoten!“, meint er lakonisch.

Es bleibt mir nichts andres übrig. Mit den Händen bis an die Gelenke in das Ragout langend, teile ich an die vorbeidefilierenden Leidensgenossen aus. Meine Portion verzehrend, schließe ich mich dann Hans an, und wir beide schleichen verstohlen in den nächsten Pferdestall, um dort ebenso verstohlen zu rauchen.

„Wir gehen nicht mehr ins Fort! Nachher werden wir richtig eingekleidet und heute Abend fahren wir nach Afrika!“, murmelt Hans.

Ich schweige; die Pferde hinter uns stampfen und mahlen mit den Kiefern; der warme Stallgeruch umfängt uns mit seinem kräftigen Brodem. Durch die angelehnte Tür sehen wir auf den Hof, wo einige der anderen eifrig mit Besen herumkratzen. Trillernd weckt uns eine Flöte aus unserem Dahinbrüten.

In Dreierreihen marschieren wir durch die Straßen in den düstern Hof altersgrauer, riesiger Gebäude, wo wir einzeln durch einen nach Akren riechenden Gang in ein großes Zimmer geführt werden. Hinter Tischen sitzen beamtenmäßig aussehende Zivilisten in den typischen Lüsterjacken und abwaschbaren Gummikragen. Dazu ein paar hübsche, schwarzhaarige, aber etwas zu sehr gepuderte Maschinenschreiberinnen. Es geht schnell mit uns. Ein grauer Bogen wird mir vorgelegt; ich male einen beliebigen, mir gerade einfallenden Namen, den ich mir von nun an merken muss, darunter und habe mich auf fünf Jahre für die Legion verpflichtet. Unter dem Gelächter der, meine bloßen, krebsroten Beine, bewundernden Mädchen darf ich zu den Kameraden zurückgehen. Ob der Name, den ich angab, mein echter ist, danach fragte mich niemand, denn nun bin ich nur noch eine Nummer. Die meine ist sehr hoch, weit über dreizehntausend. Und nun bin ich ein echter Legionär!... Welch merkwürdiges Gefühl beschleicht mich doch!

Im Hof sehe ich einen Mann mit Brille unter uns herumgehen und einzelne aufmerksam betrachten.

„Ein Arzt!“, flüstert Hans neben mir. Der Mann, der anscheinend Stichproben macht, winkt bald diesem, bald jenem, ihm zu folgen. „Die werden untersucht!“, sagt Hans wieder, und richtig ... nach geraumer Zeit erscheinen sie wieder und erzählen, dass man sie einer peinlichen Untersuchung unterzogen hat. Einer wurde für untauglich erklärt, weil er einen Knieschuss hat und dies seine Tüchtigkeit bei der marschierenden Truppe in Frage stellt. Drei blutjungen Burschen sagt man hohnlachend, sie sollten sich erst noch einige Jahre an Mutters Schürzenzipfel hängen, denn in der Legion brauche man Männer.

Es sind aber noch genug Leute unter uns, die das vorschriftsmäßige Alter von einundzwanzig noch lange nicht erreicht haben, aber sie werden übersehen.

„Das ist nicht die letzte Untersuchung!“, klärt Hans uns wieder auf. Im Regiment wird man jeden noch sehr genau prüfen, und wer dann für unfähig befunden wird, für Mutter Frankreich in den Atlasbergen zu krepieren oder in der Sahara von schleichenden Tuaregs den Hals abgeschnitten zu bekommen, oder in Marokko Straßen und Eisenbahnen zu bauen, oder wer durch Vermittlung seiner Angehörigen und des Ministeriums nachweist, dass er bei Kontraktunterzeichnung noch keine einundzwanzig Jahre alt war . .., der kommt frei! Es dauert aber lange. Denn es muss ein ganzer Schub beisammen sein, und sie werden, ehe sie aus der Garnison fortkommen, zu allerlei Arbeiten gebraucht. Andere sind, wenn die Entlassungsorder ankommt, schon längst gefallen.

Wir haben alle den Vertrag unterschrieben, freiwillig! Allerdings glaube ich nicht, dass man sehr glimpflich mit denen verfährt, die etwa in letzter Minute erklären, dass sie ihre Absichten geändert haben. Jetzt sind wir zurück in die Kaserne marschiert, wo man jedem ein Kleiderbündel hinwirft. Es sind Uniformstücke. Die austeilenden Soldaten haben Eile und überlassen es uns, etwaigen Umtausch unter uns selbst zu besorgen. Ich hatte Glück, erhielt lauter passende Sachen.

Nun stehe ich in der resedagrünen Uniform da, habe den Mantel an, das Käppi auf, dazu Wickelgamaschen und grobe Nagelschuhe und betrachte die anderen, die noch in wilder Hast durcheinanderlaufen, hier eine Hose, dort eine Jacke umtauschend. Dann erhält jeder noch einen Brotbeutel und die überzogene Feldflasche aus Weißblech nebst Becher. Mit den Uniformen, die vielen am Leibe schlottern oder zu kurz und zu eng sind, den entstellenden, zweispitzigen Käppis auf den Köpfen, sehen wir einer Horde von Hanswürsten mit Eselsmützen ähnlich, aber nicht Soldaten.

Der Nachmittag verging, die Schatten der Dämmerung sanken, und wir erhalten Suppe mit Brot. In einer Kammer gibt man noch jedem ein warmes Flanellhemd und Unterbeinkleider aus grober, aber guter Leinwand. Warum tat man das nicht gleich, damit wir die Sachen anzogen? Denn gar mancher trägt nun die Uniform auf dem bloßen Leib.

Jetzt ist keine Zeit dafür, man treibt zur Eile. Wir packen alles in die Brotbeutel, laufen auf den Hof, wo Reiseproviant ausgeteilt wird. Pro Mann ein Kilo Brot, eine Büchse Leberwurst, einen Liter Wein und geräucherte Heringe in Ölpapier. Jeder knüpft diese Dinge in das Handtuch, denn die Brotbeutel sind voll Wäsche.

Einige legen sich die Fische auf den Kopf, stülpen die Mütze darüber. Hans, der sich mit dem austeilenden Korporal anfreundete, stopft Heringe in alle Taschen und noch einige unter die Mütze. Er prophezeit, dass diejenigen, die die Flossenträger verschmähen, noch vor Marseille froh sein werden, wenn sie einen Heringsschwanz bekämen, denn weitere Lebensmittel erhalten wir vor jener Stadt nicht mehr.

Trampelnd geht’s zum Bahnhof. Ein Sergeant und einige Soldaten der Artillerie sind unsere Reisebegleiter. Der Bummelzug fährt mit uns in die Nacht hinaus.

Es wird gesungen und krakeelt, viele nehmen unvernüftigerweise schon den Proviant in Angriff, aber sie sind zu entschuldigen, denn über zwei Drittel von uns haben sich seit Monaten nicht richtig satt essen dürfen.

Schon nach zwei Stunden müssen wir in Nancy aussteigen und haben Aufenthalt. Unser Sergeant, ein ruhiger, schweigsamer Mann, führt uns in eine Kaserne, wo Matratzenlager bereit sein sollen.

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Die Leute von Nancy

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Die Einwohner gaffen, wie wir durch die Straßen trampeln, und das Wort „Legion!“ geht von Mund zu Mund. Man wird zu unserem Erstaunen ungemein freundlich. Viele laufen neben uns her, teilen Zigaretten aus, und ein dicker Bäcker stürzt aus seinem Laden, einen ganzen Korb Biskuits an uns verschenkend. Halbwüchsige Mädchen trippeln in den Reihen mit, und vor mir geht Hans. An jedem Arm hängt ihm eine kleine Französin, mit der er lebhaft plaudert.

„Siehst du, Urwaldmann, es wird schon von Tag zu Tag besser! Bei Fatima!“, ruft er über die Schulter. Gesang steigt auf, rollt weiter, und immer lauter klingt das Lied von „Maruschka, dem Polenkind“.

Kurz vor der Kaserne überqueren wir einen weiten, von großen Hotels flankierten Platz. Die Straße ist durch ein vergoldetes, schmiedeeisernes Gitter abgeschlossen.

Dann ziehen wir in die Kaserne ein, sitzen auf den Matratzen in der Stube, verwundert über den freundlichen Empfang in Frankreich. Seppl sagt begeistert: „Ja, Leut’, dös ist jo sozusog’n eine oriendalische Gastfreindschoft!“

Hans lacht: „Man hielt uns für Elsässer oder Lothringer, denn dess so viele Deutsche auf einmal in die Legion wollen, ist den Leuten unbekannt. Früher kamen sie nämlich tropfenweise und nicht gleich in Kompanien wie wir heute!“ Lange und anhaltend gähnt er. „Legt euch schlafen, Kerls, um zwei Uhr früh müssen wir weiter!“ Sprach’s, dreht sich der Wand zu und ist im Sitzen eingeschlafen.

Wir folgen dem Beispiel. Es ist sehr eng, denn da man auf so viele Menschen nicht gefasst war, liegen wir wie die Sardinen in der Büchse, aber man hat ein Dach über dem Kopf, und der Raum ist prächtig warm. Gegen die Sargstube in der Fliegerkaserne zu Neustadt ist dies ein Palais!

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Fahrt in die Nacht

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Trillerpfeifen rufen uns auf den Hof, wir treten an und ziehen sofort zum Tor hinaus, durch die hallenden Straßen nach dem Bahnhof. Beim Überqueren des Platzes begegnen wir verspäteten Kavalieren mit ihren Damen, sie machen scherzhafte Bemerkungen über uns.

Der Bummelzug bringt uns langsam nach Süden. In meinem Abteil sind Hans, die Bayern, ein riesiger Norddeutscher mit einem prachtvollen, kantigen Hochlandsschäfergesicht, der Kölner mit seinem Kumpan, ein paar andere Legionäre und zwei Soldaten der Begleitwache. Eng hat man uns zusammengepfercht, sogar oben im Gepäcknetz liegt ein kleiner, grinsender Kerl.

Ich würde gern noch etwas schlafen, aber es ist unmöglich bei dem Lärm, den die anderen machen. Man singt, grölt, reißt Witze, die einen alten Landsknecht zum Erröten bringen; eine Mundharmonika quiekt schrill dazwischen ... man muss brüllen, wenn man seinem Nachbarn etwas sagen will.

Die beiden Franzosen, von denen der eine fast fünf Jahre in Deutschland gefangen saß, lieben die deutschen, sentimentalen Lieder, denn sie fordern die Sänger immer wieder von neuem auf, loszulegen.

Endlich haben sie sich heiser und tonlos gebrüllt, und es wird etwas ruhiger. Ich rauche, Hans holt Heringe unter der Mütze hervor, lässt sie scherzhaft exerzieren.

Es entspinnen sich sonderbare Gespräche, und der Zug rollt mit uns weiter.

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Allerlei

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... he camarade, ’ast du ’ibsches Braut zu ’ause?“, fragt der in Gefangenschaft gewesene Soldat den Kölner zutraulich.

„Braut? Eine, zwei, drei, sechs!“, wird er belehrt. Der andere Franzose, ein Pariser Gamin, zieht die fettige, schwarze Brieftasche hervor und zeigt dann stolz eine Fotografie. Es ist das Bild einer dürren Frauensperson, die einen unbeschreiblich melancholischen, unpariserischen Eindruck macht.

„Ma fiance!“, flüstert er zärtlich und spitzt den Mund wie ein flötender Junge. Wir lachen, und Hans ruft derb: „Eine Apachin vom Montmartre oder Versailles, he?“

Der Pariser ist eine Weile beleidigt, scheint aber ein guter Mensch zu sein, denn er beteiligt sich bald wieder an den allgemeinen, radebrechenden Gesprächen. Es ist Tag geworden; eine öde, reizlose Landschaft rollt draußen vor den Fenstern vorüber. Seppl kaut auf beiden Backen, Hans knabbert an Heringen und erzählt, was der böse Geist des arabischen und tonkinesischen Tschoumtschoum-Schnapses alles aus braven Legionären machen kann.

Den ganzen Tag rasseln wir südwärts. Die meisten haben ihren Proviant schon aufgezehrt, schreien nun nach mehr. Am Abend steigen wir um. Wir sind nun auf der direkten Linie Paris-Lyon und fahren Schnellzug. Ein Wagen ist für uns reserviert, reicht aber nicht für alle, und so geschieht es, dass Hans, die Bayern, ich und zwei der Artilleristen, jener Pariser und sein Freund, in ein Abteil kommen, in dem schon Reisende sitzen. Diese, darunter eine Dame in tiefer Trauer, betrachten uns interessiert, als sie hören, dass wir Legionäre sind. Dann bitten sie uns zu singen. Es ist merkwürdig, was diese Leute für eine Vorliebe für unsere Volkslieder haben! Hans macht den Sprecher, klagt auf die Bitte, dass wir singen möchten, sofort über grässlichen Durst. Er salutiert, als die Dame einen Geldschein in seine Hand drückt.

Ich will weder für Geld noch gute Worte den Bänkelsänger machen und verlasse das Abteil, um mich zu rasieren, während sie das Lied von der „Blume der Männertreu“ anstimmen.

Ein Artillerist folgt mir zur Toilette, um zu verhüten, dass ich aus dem Zug springe, falls ich das Soldatenleben schon satt haben sollte. Gewaschen, rasiert und erfrischt kehre ich ins Abteil zurück und beginne zu essen. Auf der nächsten Haltestelle steigt die Dame aus und wünscht uns allen Glück und Beförderung. An ihren Platz kommt ein junges Mädchen, plump und geschmacklos gekleidet, mit nichtssagendem Gesicht und kleinen, schwarzen Äuglein. Sie sieht aus wie eine Pfefferkuchenfrau mit Korinthenaugen. Hans, der Allgewandte, knüpft schnell ein Gespräch mit ihr an und hat in fünf Minuten heraus, wer sie ist, was sie ist, und dass sie nun auf dem Weg nach Lyon zu ihrem Bräutigam ist.

Die Artilleristen sprechen ihren Feldflaschen zu, und Hans wirft bittere, neidische Blicke auf sie. Es scheint kein Wein zu sein, denn die beiden werden zu schnell betrunken. Der Pariser wirkt nun lächerlich, fängt an von Heldentaten im Weltkrieg zu prahlen, obwohl er so jung ist, dass er sicher nicht eingezogen wurde, als dieser Massenmord Europa durchtobte. Er zieht den Armeerevolver, den er außer dem Bajonett zur Waffe hat, und fuchtelt damit herum.

Auf der anderen Bank sitzen drei Franzosen. Ein stämmiger, rothaariger, sehr freundlicher Mann - ein Bauer aus der Champagne - und zwei junge Leute aus Paris mit Ballonmützen und Ponylocken. Alle beteiligen sich an der Unterhaltung und warnen den Betrunkenen, er soll die Waffe einstecken. Dieser aber, der an dem Mädchen mit den Korinthenaugen Gefallen fand und vor ihr den Helden herauskehren möchte, hört nicht. Und auf einmal ist das Unglück geschehen! Dumpf knallend entladet sich die Pistole, und das Mädchen stößt ein Zetergeschrei aus. Hans wirft den Pariser, der Mund und Augen aufriss, wie ein Flickenbund auf seinen Sitz zurück, entwindet ihm die rauchende Waffe und gibt sie dem anderen, nüchtern gebliebenen Soldaten. Einige Sekunden herrscht toller Wirrwarr, alles schreit durcheinander, das Mädchen jammert und zeigt auf einen größer und größer werdenden Blutfleck zu ihren Füßen.

Da ich etwas von Wunden verstehe, erbiete ich mich, sie zu verbinden; Hans benutzt dies, um mich im ganzen Abteil als großen Doktor anzupreisen. Sie weigert sich, endlich lässt sie es aber geschehen, dass ich nach der Schusswunde sehe. Von den Franzosen werden mir Taschentücher gereicht. Die Legionäre suchen zwar, aber sie haben keine mehr.

Der Schuss ging in den linken Oberschenkel. Die Kugel steckt dicht über dem Knie im Fleisch, hat beim Einschlag einen Kleiderfetzen mitgenommen, der wie ein Bausch in der Öffnung sitzt und die Blutung unterbindet. Ich kann da nicht viel tun, wickle sämtliche Taschentücher um die Stelle und bin froh, dass das Mädchen ohnmächtig wird. Unterdessen machen sich die Zivilisten über den Pariser her, fluchen in allen Tonarten, und die Jünglinge mit den Ponylocken wollen ihm für einen Sou sämtliche Knochen im Leib kaputtschlagen. Er sitzt mit bleichem Gesicht in der Ecke und fängt an, sich zu übergeben.

Hans zieht die Notleine, und ruckend kommt der Zug zum Stehen. Ein gestikulierender Schaffner rennt herbei, besieht sich die Bescherung und meint dann, es wäre wohl das beste, nach Lyon weiterzufahren.

Eine Viertelstunde rollen wir wieder dahin und fahren dann in die hell erleuchtete Halle des Lyoner Bahnhofs ein. Hans öffnet die Tür, die Zivilisten schreien - der Schaffner, ein weiß bemützter Stationschef und unser Sergeant stürzen herbei. Ich nehme die Kleine, die aber ein beträchtliches Gewicht hat, auf den Arm und trage sie durch gaffende Leute in den Dienstraum. Aus den Menschen drängt sich ein junger Mann mit brutalem Gesicht, und die Verletzte stößt einen glücklichen Schrei aus: „Mon fiance!“

Der zärtliche Bräutigam überhäuft jedoch seine Verlobte, anstatt sie zu bedauern, mit heftigen, unsinnigen Vorwürfen. Da sagt ihm unser Sergeant grob, er solle sein Maul halten.

Ich lade die Kleine aufs Sofa ab, eile auf den Bahnsteig, wasche meine blutigen Hände und klettere ins Abteil, denn schon ruckt der Zug an. Aber nach zehn Minuten Fahrt müssen wir wieder aussteigen und verbringen die ganze lange Nacht auf dem offenen Perron eines Nebenbahnhofes. Fast alle haben mörderischen Hunger, sie schreien nach Essen, aber nur wer Geld hat, kann sich Kaffee und Brot kaufen.

Details

Seiten
300
Jahr
2018
ISBN (ePUB)
9783738923698
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2018 (November)
Schlagworte
afrika
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Titel: Afrika weint