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Bolthar, der Wikingerfürst Band 5: Tod eines Feiglings

2018 120 Seiten

Leseprobe

Bolthar, der Wikingerfürst Band 5: Tod eines Feiglings

Tomos Forrest

Published by BEKKERpublishing, 2018.

Bolthar, der Wikingerfürst Band 5: Tod eines Feiglings

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VON TOMOS FORREST

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IMPRESSUM

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© Roman by Author

© Cover: Yuri Iluhin/123 RF mit Steve Mayer, 2018

Created by Thomas Ostwald mit Jörg Martin Munsonius, 2018

Lektorat: Kerstin Peschel

© dieser Ausgabe 2018 by Alfred Bekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

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Klappentext:

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Fringa, die Tochter von Bolthar dem Wikingerfürsten, ist auf der Suche nach ihrem Geliebten Garpur, der zusammen mit seiner Tochter Stjarni als Sklave verkauft wurde. Auf ihrem Weg macht sie in einer kleinen, geheimnisvollen Hütte eine überaus wichtige Entdeckung, die sie bei ihrem Vorhaben, ihren verhassten Vater endlich vernichten zu können, ein ganzes Stück weiter bringt. Doch sie wird von Verrat, Habgier und Mord begleitet und ihr Weg wird mit Leichen gepflastert sein. Wo er endet, kann niemand voraussehen, auch nicht, ob sie ihren Geliebten jemals lebend finden und befreien kann ...

***

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1.

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Verschwinde! Ich brauche deine Hilfe nicht! Lass mich endlich in Ruhe!“

Ihre Worte gellten noch immer in seinen Ohren. Dabei wollte er ihr wirklich helfen. Ohne jeden Hintergedanken.

Fast ohne jeden Hintergedanken.

Denn er war hoffnungslos in diese Frau verliebt.

Aber sie verdankte schließlich ihm, Kátur, die Befreiung aus den Händen des Sklavenhändlers Varinn in Løkken (vgl. Bolthar der Wikingerfürst Band 4, Fringas Schwert). Gut, er hatte sie aus dem Verlies befreit, den Sklavenhändler hatte sie selbst getötet, aber bei der anschließenden Flucht war er an ihrer Seite.

Jedenfalls – naja, es war dann einiges schief gelaufen.

Kátur sah mit einem tiefen Seufzer an sich herunter und nahm dabei seine eigenen Ausdünstungen wahr. Er hatte sich eingenässt, das war nicht zu leugnen. Aber diese Männer hatten ihm auch zu schlimm zugesetzt, und wohl auch kein anderer hätte solche Schmerzen ertragen und sein Wasser dabei halten können.

Und die Schmerzen waren bei jeder Bewegung wieder da.

Sie hatten seine Handgelenke mit Stricken in einem Ring hoch oben an der Wand befestigt, und er musste auf den Zehenspitzen stehen, wollte er nicht ständig den unerträglichen Druck erleiden, der ihm durch die Fesseln entstand. Ja, er war mittlerweile so weit, dass er seine eigene Mutter verraten hätte, würde sie noch leben.

Aber die unglaubliche Frau mit dem kupferfarbenen Haar und ihren grünen Augen, diese ... Idun, wie sie sich nannte ... eine wirkliche Göttin!

Kátur seufzte erneut und fühlte plötzlich einen weiteren Schmerz in seiner Brust.

Sie musste doch auch spüren, wie sehr er von ihr angezogen wurde. Aber nach ihrer letzten Begegnung hatte sie ihn so brüsk abgewiesen und ihn schließlich angeschrien, dass er blind vor Zorn aus dem Raum gelaufen und direkt in die Arme dieser Männer geriet.

Während sie noch mit ihm beschäftigt waren, drangen andere in das kleine Haus ein und suchten nach der Frau. Als ihr Anführer, ein riesiger Kerl mit einem Gesicht zum Fürchten, das von einem gewaltigen Vollbart umrahmt wurde, sich zu ihm herunterbeugte, verstand er trotz der lauten Worte nicht, was der Mann von ihm wollte.

„Wo ist Fringa?“, schrie er erneut, jedes einzelne Wort dabei betonend.

„Wer ist Fringa?“, war seine Gegenfrage und die trug ihm den ersten, harten Schlag ins Gesicht ein.

Er spürte den metallischen Blutgeschmack im Mund und wartete nicht ab, bis der Riese mit seiner Pranke erneut ausholte.

„Warte!“, schrie er laut heraus. „Meinst du die rothaarige Kriegerin? Die heißt Idun und hat hier übernachtet!“

Der Riese beugte sich erneut dicht über ihn, ergriff sein Hemd und riss ihn daran hoch.

„Mit dir soll sie das Lager geteilt haben? Du lügst, meine Fringa würde einen solchen Schwächling nicht einmal ansehen!“, dröhnte seine Stimme unheilvoll, und schon traf ihn der nächste Schlag ins Gesicht.

Kátur überlegte fieberhaft, was er jetzt antworten sollte, denn bei diesem Schlag hatte er sich auf die Zunge gebissen.

„Halt, nicht, ich sage die Wahrheit! Ich habe der Frau geholfen, sie ... sie musste fliehen, und da ... bin ich ihr nach!“

Lautes Lachen war diesmal die Antwort, und als er entsetzt aufblickte, sah er die anderen Krieger, die ihn zu Boden gerissen hatten. Raue Männer waren das alle, jeder von ihnen hatte eine Waffe in der Hand, die kurzen Sax-Schwerter, Handbeile, kurze Speere. Ihre Gesichter waren von der Sonne gebräunt, unter ihren Nasalhelmen quollen lange Haare hervor, die Bärte reichten ihnen teilweise bis auf die Brust.

Das müssen víkingr sein, dachte Kátur, nicht nur Nordmänner auf Raubzug, sondern die übelsten Piraten, die ihre Küsten unsicher machten und alles töteten, was sich gegen sie stellte.

Das war der Augenblick, in dem Kátur sein Wasser nicht mehr halten konnte.

Als einer der Umstehenden bemerkte, wie ihm der Urin die Hose verfärbte und sich unter ihm in einem Rinnsal sammelte, lachte er schallend auf und wies die anderen darauf hin. Während nun erneut alle laut lachten, griff der Riese ihn wieder am Hemd und riss ihn so heftig vom Boden hoch, dass seine Bekleidung dabei zerriss.

„Hör mir mal zu, du kleiner Pisser! Du wirst mir jetzt genau berichten, was du zusammen mit Fringa getan hast. Worüber ihr gesprochen habt, und wo sie von hier mit dir hin wollte. Und sprich schneller, meine Geduld ist erschöpft!“

„Aber ... ich weiß überhaupt nichts über diese Frau! Sie ... sie kam zufällig ...“

Weiter kam er mit seinem Gestammel nicht mehr, der Riese hatte erneut zugeschlagen und Kátur wurde ohnmächtig.

Als der junge Ruderer erneut wach wurde, befand er sich in der misslichen Lage, die ihm nur eine sehr lang gestreckte Stehweise erlaubte. Noch nie in seinem Leben war es ihm so schlecht gegangen, noch nie zuvor hatte er solche Schmerzen auszuhalten.

Er stöhnte laut, als plötzlich die Tür so heftig aufgestoßen wurde, dass sie gegen die Wand prallte und zurückfederte. Es war der Riese, der erneut hereinstapfte, sich vor ihm aufbaute und ihn mit seinen tückischen, kalten Augen anfunkelte.

„Hör zu, du Memme, ich habe keine Lust mehr, lange auf deine Antworten zu warten. Erzähl mir jetzt alles, was du von Fringa der Rothaarigen weißt. Wenn ihr eine Weile zusammen gewesen seid, muss sie etwas erzählt haben. Etwas von dem, das sie jetzt vorhatte. Nach eurer Flucht meine ich!“

Kátur sprach hastig und verhaspelte sich dabei vor lauter Aufregung.

„Ich bin mit dieser Frau von einer ... von einer Knorr gesprungen. Der Kapitän wollte nicht anlegen, weil er in Sorge vor seinen Verfolgern war.“

Er stockte, und nun nahm der riesige Mann seine linke, gefesselte Hand, und zog etwas am kleinen Finger.

„Den breche ich dir jetzt, dann wirst du sicher schneller reden können!“

„Warte!“

Der Schrei gellte durch den Raum, und Kátur drehte und windete sich in seinen Fesseln.

„Ich erzähle alles, was ich weiß! An Land haben wir uns aus den Augen verloren, aber ich wusste, dass sie ihren Gefährten suchte.“

„Diesen Garpur etwa?“, donnerte sein Peiniger.

„Ja, das war der Name!“, antwortete Kátur rasch. „Jemand erzählte mir dann in einer Schenke am Hafen, dass er eine große Rothaarige auf dem Weg zum Kloster gesehen habe. Das Kloster soll eine große Anlage sein, in der häufiger schon kranke Sklaven gepflegt wurden.“

„Und da hast du sie getroffen?“

„Etwas später jedenfalls!“, antwortete Kátur mit einem merkwürdigen Stolz in der Stimme. Aber gleich darauf schrie er laut, denn sein Schinder hatte den kleinen Finger auf sehr schmerzhafte Weise weit nach hinten gebogen.

„Warte! Ich erzähle dir doch alles! Als ich sie endlich eingeholt hatte, war sie auf dem Weg nach Björkör.“

„Warum nach Björkör?“

„Weil ... es hieß, dass von der fernen Insel die letzten Sklavenaufkäufer gekommen waren. Sie kaufen Sklaven für ihren König, diesen ... Rauðgrani. Und diese Frau ... Idun ... Fringa ... sie hoffte, dort ihren Mann zu finden!“

Bolthar drehte sich um, weil eben sein Unterführer Bent eintrat und ihm leise etwas zuraunte.

„Gut, wir sind hier ohnehin fertig, Bent. Stech ihn ab, diesen jämmerlichen Hrímaldi (Nichtsnutz), wir brauchen ihn nicht mehr.“

„Warte doch noch!“, schrie Kátur in seiner Not, und tatsächlich trat Bent noch einmal zu seinem Fürst und sprach leise auf ihn ein.

Bolthar antwortete mit einem dröhnenden Lachen, wandte sich zu dem Gefesselten und warf ihm einen höhnischen Blick zu.

„Einverstanden, Bent, aber du haftest mir für ihn mit deinem Kopf!“

„Das werde ich, Jarle!“

Damit stapften die beiden hintereinander hinaus, und Kátur liefen die hellen Tränen über die Wangen. In den letzten Augenblicken hatte sich auch noch sein Darm ausgeleert, ohne dass er es verhindern konnte.

Schluchzend hing er in seiner nassen und stinkenden Kleidung an der Wand und sehnte sich jetzt tatsächlich nach dem Tod.

Es musste alles besser sein als solch ein Schicksal!

Doch nach kurzer Zeit holten ihn zwei Krieger ab, schnitten dabei einfach die Fesseln durch, und als er vor ihren Füßen zusammensank, wurde er kurzerhand links und rechts untergefasst und aus dem Raum gezogen.

„Was für ein elendes Schwein!“, schimpfte einer der beiden und stieß Kátur in den kleinen, aber tiefen Bach, der sich hier über eine Lichtung schlängelte. Als der so Gepeinigte prustend wieder auftauchte und wassertretend versuchte, den Kopf oben zu behalten, rief ihm einer der beiden Krieger zu:

„Wasch dich gründlich und deine stinkenden Sachen gleich mit! Wenn du nicht mehr wie ein Schwein riechst, darfst du wieder herauskommen und deine Sachen drüben beim Feuer trocknen!“

„Aber – was ziehe ich in der Zwischenzeit an?“

Schallendes Gelächter der beiden Krieger antwortete ihm, als sie zurück zu den anderen gingen und sich ebenfalls an das Feuer setzten.

Heute Nacht würde es sicher schon empfindlich kalt werden. Aber der Einzige, der darunter leiden musste, war der nasse Kátur, der auch Mühe hatte, Hemd und Hose wieder zu trocknen. Zitternd vor Kälte saß er dicht am Feuer, bemüht, seine Blöße zu bedecken, was ihm immer wieder schallendes Gelächter der Krieger einbrachte, wenn sie ihn bei seinen Bemühungen beobachteten.

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2.

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Du schuldest mir die Treue, Bolthar!“, donnerte der Rig dem hünenhaften Krieger schon bei seinem Eintritt in die Halle zu. Rig oder Jarle? War er wirklich nur einer der Häuptlinge, wie es sie zu Dutzenden überall an der Küste und im Landesinneren gab? Oder war Gorm den Gamle (Gorm der Alte) wie man ihn allgemein nannte, nicht wirklich ein Rig (ein König)? Nun, darüber urteilten die Führer der verschiedenen Gruppen sehr unterschiedlich, und Bolthar war nun wirklich kein Anhänger dieses Mannes, der ihn gleich beim ersten Zusammentreffen in die Schranken weisen wollte. Aber da war er bei Bolthar an den Richtigen geraten. Der Krieger richtete sich auf, und selbst die alten Räte mussten später berichten, dass es selten zuvor eine solche Erscheinung in ihrer Halle gegeben hatte. Die Skalden würden noch lange von der Begegnung zwischen dem Jarle Bolthar und dem Rig Gorm ihre Lieder singen und an den Höfen von den ruhmreichen Recken berichten.

Jetzt aber, in diesem Augenblick ihrer Begegnung, zuckte Bolthar nur die Schultern und drehte sich zu der wartenden Menge um, warf die Arme in einer theatralischen Geste in die Luft und rief den versammelten Männern zu:

„Was seid ihr nur für ein seltsames Volk, Männer von Jelling!“ Seine alles übertreffende Stentorstimme war gut in der langen Halle zu verstehen. „Ihr verehrt einen alten Mann, dessen Tage längst gezählt sind. Im Lande drängen sich seine Nachfolger um diesen Platz, und ich weiß genau, dass es nicht nur seine Söhne sind, die nach der Herrschaft streben. Seht mich an, Männer von Jelling!“

Damit schlug sich Bolthar auf die Brust, und die Versammelten waren von diesem Auftritt beeindruckt. Dieser Mann, der sich selbst als Fürst (Jarle) bezeichnete, trug ein sehr kunstvoll gearbeitetes Brynja, ein Kettenhemd, das zwischen den sehr eng geformten Ringen zahlreiche goldene Ringe aufwies, die im Licht auf besondere Weise glänzten und bei jeder seiner Bewegungen schimmerten. Das Kettenhemd hatte nur bis kurz auf die Oberarme reichende Ärmel, dann waren dicht untereinander die zahlreichen Ringe der Krieger angeordnet, die alle aus purem Silber gefertigt und mit kunstvollen Motiven verziert waren. Sie umschlossen die muskulösen Arme des Jarle bis knapp vor dem Ellbogen und saßen so straff, als wollten sie bei der nächsten Anspannung seiner Muskeln gesprengt werden.

Auf dem Haupt trug Bolthar am heutigen Tag einen besonderen Helm.

In der Mitte verlief eine dicke, aufgeschmiedete Spange aus Silber, an der ein kunstvoll ausgearbeiteter Rabe befestigt war. Dieses Symbol des Allvaters Odin war eine deutliche Herausforderung an jeden Gegner, und so, wie Bolthar hier in der Halle des mächtigen Gorm auftrat, war sein Handeln eine einzige Provokation.

„Ich bin mir gar nicht bewusst, euch einen Treueeid geleistet zu haben, werter Rig!“, lautete deshalb auch seine Antwort, und die anwesenden Räte und Krieger scharten unruhig mit den Füßen. Selten hatte man eine solche Antwort erlebt, wenn der König das Wort an einen Gast richtete. Aber noch war es nur eine Lappalie, und das Gastrecht galt den nordischen Völkern sehr hoch.

Doch davon abgesehen, war das Gesicht Gorms nach dieser Ansprache eine finstere, verschlossene Maske. Nur seine Augen funkelten den hünenhaften Krieger wütend an, und seine linke Hand umschloss mit einem festen Griff den Knauf seines Schwertes.

Doch diese Geste wirkte nicht abschreckend, sondern war für die Anwesenden ein ganz schlechtes Omen.

Gorm hatte mit der linken Hand an sein Sax gegriffen.

Die ihm nahestehenden Ratgeber erstarrten bei dieser Geste.

Die linke Hand galt als unsauber. Niemals durfte jemand den Knauf eines Schwertes damit berühren! Die linke Hand war nur für die Säuberung der unteren Extremitäten vorgesehen. Sollte jemand tatsächlich den Frevel begehen, mit dieser unsauberen Hand eine Waffe zu berühren, so galt das als schwere Verfehlung. Noch schlimmer war es, wenn jemand mit der Linken kämpfte oder sogar schrieb. Dann hatte man bei der Erziehung des Mannes nicht aufgepasst oder solche Dinge einfach durchgehen lassen, ohne sie sofort hart zu bestrafen.

Niemand, der nicht den Zorn der Götter heraufbeschwören wollte, tat etwas mit der linken Hand!

Die Männer in der Halle hielten wie auf Kommando den Atem an.

Es war, als hätte Loki persönlich König Gorm berührt. Jeder spürte plötzlich seinen kalten Atem, der durch die Halle flog, und fuhr erschrocken zusammen.

Gorm selbst war sich dessen nicht bewusst.

Er hatte ganz instinktiv mit der Linken die Bewegung ausgeführt.

Natürlich hatten alle, die ihn seit seiner Geburt begleiteten, sich bemüht, ihn im Gebrauch der rechten Hand zu unterweisen. Das war auch recht gut gelungen, aber immer, wenn es darauf ankam, zu reagieren, ohne lange zu überlegen, griff Gorm mit der linken Hand zu.

Jedem Bauernjungen hätte man die linke Hand längst abgeschlagen, weil er sonst den Gebrauch der rechten Hand nicht mehr erlernt hätte. Aber Gorm war der Nachkomme hoher Adliger. Da kam niemand auch nur auf den Gedanken, ihn für den Gebrauch der linken Hand zu bestrafen.

Nur Bolthar hatte es sofort bemerkt und für einen ganz kurzen Moment zuckte ein wahrhaft diabolisches Lächeln über sein Gesicht. Für ihn war Gorm nur ein lächerlicher Mensch, der versuchte, seine Macht zu stärken. Auch, wenn es darum ging, langjährige Verbündete kaltlächelnd zu opfern. Männer wie Bolthar machten da keine Ausnahme.

Doch der Auftritt des Wikingerfürsten war eine einzige Provokation.

Er grüßte den König wie einen Gleichgestellten.

Er betrat die Halle mit einem Gefolge von zehn wild aussehenden, schwer bewaffneten Kriegern.

Er trug eine Breiðöx, die Breitaxt, über der Schulter wie zum Schlag bereit.

Als er noch nicht einmal die Andeutung eines Kopfneigens machte und schon gar nicht das Knie vor dem hohen Stuhl des Königs beugte, da reichte es König Gorm.

Er sprang auf und schrie seinen Gast an:

„Bolthar! Dein Benehmen ist unentschuldbar! Du kommst herein als wärest du meinesgleichen, und du wagst es, nicht nur deine Axt über der Schulter zu tragen, sondern dich auch noch in diese Königshalle mit einem schwer bewaffneten Gefolge zu begeben! Das allein wäre schon wert, einen besonderen Tod zu erleiden! Nur meine langjährige Freundschaft zu dir und deinem Stamm lässt mich zögern, dich sofort in den tiefsten Kerker werfen zu lassen!“

Gorms Stimme war gewaltig, aber sie zitterte auch vor Wut.

Ein Umstand, den der völlig gelassen sprechende Bolthar sofort für sich ausnutzte.

„Gorm, mein alter Waffengefährte und Kämpfer im Schilderwald! Du bist schon immer mein großes Vorbild gewesen! Lass dich umarmen, mein Schwertbruder, an deiner Seite kämpfe ich immer wieder gern!“

Das war mehr als geschickt, das war höchste Diplomatie.

Bolthar nahm mit der Erinnerung an gemeinsame Kämpfe, bei denen Gorm und er Seite an Seite im Schildwall standen, ihre Rundschilde gegen die Pfeile und Speere der Gegner dicht an dicht hochgehalten, die Schwerter gezückt, sofort alle für sich ein. Und Gorm konnte nicht anders, er musste in der Erinnerung an diese Zeiten lächeln.

„Bolthar, du verfluchter, alter Hund! Komm an meine Seite, Schwertbruder!“

Die beiden umarmten sich tatsächlich fest und für eine längere Zeit, bis sich Gorm schließlich etwas atemlos von Bolthar befreite und seine Arme ihn jedoch auf Distanz festhielten.

„Bolthar – was für ein schöner Augenblick, dich wieder hier in dieser Halle zu sehen.

Sei mit deinem Gefolge willkommen und bleibe in meinem Haus, solange es dir gefällt! Was mein ist, soll auch dir zur Verfügung stehen!“

Jetzt musste sich Bolthar doch verbeugen, damit Gorm nicht erkannte, wie plötzlich ein hämisches Grinsen das ohnehin harte Gesicht des Anführers einer wilden Kriegerschar entstellte.

Gleich darauf hatte sich Bolthar jedoch wieder in der Gewalt.

Er sah die Geste, die der König zu ihm machte, und folgte ihr. Schließlich saß er an der Seite Gorms und lauschte dessen Erzählungen, bis die Skalden hereinkamen, ihre Instrumente anschlugen und gleich darauf mit melodiösen Stimmen begannen, uralte Heldenlieder zu singen.

Das war der Moment, in dem sich Bolthar zu dem König beugte und ihm leise ein paar Worte zuflüsterte.

Gorm schien zu erstarren, dann wandte er langsam seinen Kopf zu Bolthar und starrte ihn ungläubig an.

„Was ist, Gorm, habe ich etwas gesagt, von dem du bislang nichts wusstest? Ich habe geglaubt, du bist der König und weißt alles, was in deinem Lande geschieht und Knut dein Sohn?“

Bolthar ließ den Rest seiner Frage offen und erkannte, wie schwer Gorm an der kurzen Mitteilung arbeitete. Er schluckte mehrfach heftig, sodass sein Adamsapfel auf- und abfuhr. Schließlich krächzte er mit einer seltsamen, heiseren Stimme:

„Das ist nicht wahr, Bolthar, und das weißt du genau. Ich sollte dich dafür auf der Stelle töten!“

„Nur zu, Gorm, ich bin zu jedem Waffengang bereit. Schick mir deinen besten Kämpfer, und lass mit diesem Kampf die Götter entscheiden, ob ich die Wahrheit gesprochen habe oder es verdiene, in die Unterwelt zur Göttin Hel zu gehen, anstatt in Walhall zu sitzen, wie es einem Krieger wie mir zusteht.“

Der alte König musterte ihn mit einem langen, nachdenklichen Blick.

Schließlich nickte er.

„Bolthar, du weißt, dass eine solche Anschuldigung nur durch einen solchen Kampf beantwortet werden kann. Mein Sohn Knut hat niemals einen Mann zu seiner Frau genommen. Diese ungeheuerliche Lüge ist nur mit Blut reinzuwaschen.“

Bolthar lächelte auf eine seltsame, teuflische Art.

Jetzt hatte er Gorm dort, wo er ihn haben wollte.

„Natürlich, mein Freund. Ich habe nichts anderes erwartet. Du wirst nicht annehmen wollen, dass ich dich mit dieser Nachricht herausgefordert habe. Dann hätte ich sie so laut herausgerufen, dass alle in deiner Halle sie vernommen hätten.“

Bolthar lehnte sich zurück und spielte scheinbar nachdenklich mit dem Stiel seiner riesigen Axt, die neben ihm lehnte.

„Was willst du also wirklich?“

„Einhundert gut bewaffnete Krieger, alle im waffenfähigen Alter.“

Der König zog die Augenbrauen hoch, dann schüttelte er heftig den Kopf.

„Dich müssen Lokis Streiche verführt haben, vor mir solchen Pferdemist auszubreiten. Oder dich hat ein Schlag auf den Schädel um den Verstand gebracht. Warum sollte ich dir einhundert meiner Krieger geben?“

Erneut erschien das unverschämte Grinsen auf Bolthars gebräuntem Gesicht, das durch den starken Bartwuchs und die erkennbaren Narben jedem Respekt einflößen musste. Selbst dem alten und kampferprobten Gorm war nicht wohl in seiner Haut, wenn er seinen Schwertbruder ansah.

Da war etwas in seinen Augen, das nichts Gutes verhieß. Bolthar war keiner der Anführer, mit denen ein König spielen konnte. Bei diesem Gedanken seufzte der König unwillkürlich tief auf, denn er hatte plötzlich eine Eingebung, die gleich darauf von Bolthar bestätigt wurde.

„Hast du in den wenigen Jahren die Ereignisse um Haraldr hinn hárfagri schon vergessen, Gorm? Soll ich allen hier verkünden, dass ich es war, durch dessen Hand Harald Schönhaar starb, um den Thron für dich freizumachen?“

„Das ist lange her, Bolthar, wer weiß das noch?“, antwortete Gorm mit finsterer Miene. „Ich bitte dich, du willst doch jetzt keine alte Schuld von mir einfordern? Ich kann dir die Männer nicht geben, und überhaupt – wozu brauchst du eine solche Armee?“

Bolthar machte einem der Thrall eine herrische Bewegung, und der Sklave beeilte sich, ihm einen großen Becher mit schäumenden Bier zu reichen.

Bolthar setzte ihn an seine kräftigen Lippen und trank das Bier in einem Zug aus, wischte sich anschließend den Schaum aus dem Bart und gab den Becher an den Thrall mit einer herrischen Geste zurück. Der Mann verbeugte sich tief und war gleich darauf mit einem weiteren zur Stelle, den Bolthar ebenso rasch leerte.

„Was ist los mit dir, Gorm? Du willst der König sein und hast noch nichts von den Beutezügen der Leute von Björkör gehört? Sie fahren mit ihren Langbooten vor deiner Nase auf und ab, rauben und morden und du erfährst davon nichts?“

Gorm warf einen unruhigen Blick zu seinen Beratern, die in nicht allzu großer Entfernung an einem Tisch saßen und tranken. Dort herrschte Schweigen, und der Rig sprach mit so lauter Stimme, dass man vermutlich jedes Wort an diesem Tisch verstehen konnte.

„Natürlich habe ich von den Leuten gehört, das sind üble víkingr, Abschaum aller Piraten! Ich habe sie schon mehrfach verfolgen lassen!“

Bolthar lachte laut heraus.

„Ich weiß, Gorm. Und ich weiß auch von der Seeschlacht am Horn, denn ich konnte euch dabei sehr gut vom Land aus zusehen, so, wie es viele andere auch taten. Der Ausgang hat nicht sonderlich zu deinem Ruhm beigetragen, König Gorm, und die Skalden werden daraus bestimmt kein Heldenlied für dich fertigen!“

„Was weißt du denn schon, Bolthar! Die Strömung war gegen uns, das Gefecht ging so lange, dass die Ebbe einsetzte und unsere Boote mit sich zog! Wir haben uns zurückgezogen!“

Bolthar lachte erneut.

„Ja, und den Björkör-Kriegern dein größtes Boot überlassen. Wahrhaftig eine sehr großzügige Geste, um den Frieden wieder herzustellen!“

Gorm stieß einen grunzenden Laut aus.

„Bist du eigentlich nur gekommen, um mich zu beleidigen, Bolthar?“

„Du hast offenbar meinen Wunsch nach einhundert Kriegern schon wieder vergessen!“

Anstelle einer Antwort blickte Gorm zur Seite und stützte sein Kinn schwer auf der geballten Faust ab. Sein Unterarm fand dabei Halt auf der kunstvoll geschnitzten Armlehne seines Stuhles.

Man konnte erkennen, wie es im Gesicht des Königs arbeitete.

„Ich habe dein Schweigen, was Knut betrifft?“

„Zweifelst du daran?“

„Ja, das tue ich, Bolthar.“

Der hünenhafte Fürst erhob sich mit einer Schnelligkeit von seinem Platz, die ihm keiner zugetraut hätte.

„Gorm, ich kann es jetzt laut herausrufen, hier in dieser Halle. Du kannst dein Schwert ziehen, dessen Griff du schon wieder umklammert hast. Und ich kann dir mein Beil in den Schädel schlagen und damit die Herrschaft übernehmen. Was willst du wirklich?“

Der König schwieg und starrte Bolthar mit durchdringendem Blick an.

„Wenn du noch wegen Knut zweifelst, solltest du nach Svanur rufen. Ist er in der Halle?“

Bolthar streckte sich, um über die Köpfe der Anwesenden nach dem Mann zu suchen, den er genannt hatte, als ihm Gorm plötzlich eine Hand auf den Arm legte.

„Es ist gut, Bolthar. Aber ich kann dir nicht mehr als fünfzig Krieger geben.“

„Für die anderen erwarte ich pro Mann ein Horn mit gehacktem Silber. Dann kann ich sie auch selbst anwerben.“

Gorm schien plötzlich in sich zusammenzusacken.

Sein Gesicht wurde aschfahl, aber als Botlhar ihm die Hand auf die Schulter legte, schüttelte er sie ab.

„Du bist ein elender Wurm, Bolthar. Schamlos nutzt du die Schwäche meines Sohnes aus, um von mir Krieger und Silber zu erhalten. Ich sollte dich binden lassen und dir das Augenlicht nehmen, damit du nie wieder etwas siehst, das nicht für deine Augen bestimmt ist!“

„Du solltest daran denken, den Rotbart aus seinem fernen Björkör zu bestrafen. Dieser sogenannte König wird immer ein Stachel in deinem Fleisch sein.“

„Das glaube ich nicht, Bolthar. Die Fahrt ist lang und beschwerlich, und jetzt kommt der Winter. Da wird niemand mehr die Fahrt zu uns unternehmen. Das Meer ist tückisch und voller Überraschungen!“, entgegnete ihm Gorm mit grimmiger Miene.

Bolthars Antwort bestand in einem so laut dröhnenden Lachen, sodass die Ratgeber erstaunt zu den beiden aufblickten. Aber nun hob der Gast seinen Becher und prostete ihnen zu. Sie zögerten, hoben jedoch ebenfalls ihre Becher und erwiderten den Gruß.

Offenbar war alles in Ordnung, und dass ihr König plötzlich so eingefallen und in sich zusammengesunken war, lag sicher an seinem fortgeschrittenen Alter. Niemand sah einen Anlass zur Sorge, zumal die beiden Männer offenbar in bester Stimmung gemeinsam einen weiteren Becher leerten.

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3.

BRINGT SVANUR ZU MIR!“

Der Ruf ließ erneut die Köpfe herumfahren, seine Ratgeber erhoben sich und eilten zum Stuhl, auf dem sich Gorm inzwischen erholt zu haben schien. Der Moment der Schwäche schien wie fortgeblasen, und als man den Mann gefunden hatte und vor den König geleitete, nickte ihm Gorm schweigend zu.

Svanur verbeugte sich devot vor ihm, und die beiden Ratgeber, die ihn bis zu dem Stuhl geleitet hatten, taten es ebenso und zogen sich rasch wieder zurück und verschwanden im Hintergrund der Halle.

Gorm musste sich überwinden, um Svanur ins Gesicht zu schauen.

Er mochte diesen Mann noch nie, denn sein weiches Gesicht weckte Erinnerungen des Königs, die er nur sehr ungern wieder vor Augen hatte. Svanur lächelte, und in diesem Augenblick glichen seine Züge einer Frau, seine Augen hatten eine ungewöhnliche Färbung angenommen, sein Mund wurde schmal.

Gewaltsam riss sich Gorm von dem verhassten Anblick los, erhob sich schwerfällig aus seinem Sitz und gab dem Mann ein Zeichen, als er zu seinem Nebenraum voranschritt. Wie es sich gehörte, folgte ihm Svanur auf dem Fuße.

Niemand nahm weiter Notiz von den beiden Männern, und es dauerte auch nicht sonderlich lange, als der König allein zurückkehrte. Doch die Geste, mit der er sein Schwert an einem Stück Tuch säuberte, war so eindeutig, dass niemand mehr wagte, sich nach dem Verbleib von Svanur zu erkundigen, der seit dieser Stunde verschwunden blieb. Nur sehr wenige der engen Vertrauten konnten sich dieses Verschwinden erklären, aber sie hüteten sich, auch nur ein Wort darüber zu verlieren, als Gorm sich jetzt von allen verabschiedete.

„Ich bin doch sehr müde und will mich ausruhen. Morgen wird ein anstrengender Tag, denn ich reite mit meinem Schwertbruder Bolthar in die Nachbarschaft, um die Krieger zu sammeln. In dieser Nacht werden Bolthar und seine Krieger in unserem Dorf bleiben. Wir reiten morgen gemeinsam. Schlaft also gut und seid in der Frühe gerüstet, wenn euer König ausreiten wird!“

Die Adligen standen von ihren Plätzen auf, und als sich Gorm mit einer nachlässigen Handbewegung verabschiedete, war wieder dieses unangenehme Lächeln auf Bolthars Lippen. Doch das bemerkte niemand in der Halle, aller Augen hafteten auf dem König, der jetzt plötzlich um Jahre gealtert schien und mit langsamen, schweren Schritten aus der Halle schlurfte, den Kopf geneigt, die Schultern nach vorn gebogen.

Am anderen Morgen hatten sich beim ersten Sonnenstrahl Gorms Ratgeber versammelt. Alle Augen hingen am Eingang der Halle, als der König plötzlich nach draußen trat und einen prüfenden Blick in die Runde warf.

Der Mann, der sich von seinem Volk als konungr oder Rig (König) bezeichnen ließ, obwohl viele Völker der Nordmänner ihn nicht anerkannten, hatte seine kostbarste Tunica angelegt, darüber das Brynja, das Kettenhemd, gezogen und einen reich geschmückten Helm aufgesetzt. Jetzt schritt er mit vornehmem Blick und betont langsam an seinen adligen Ratgebern vorbei, nickte allen huldvoll zu und ging zu dem Thrall, der sein Pferd hielt.

Als die Männer ihre kleinen, wendigen Pferde aus der Stadt trieben, folgten ihnen aufmerksame Augenpaare bis zu dem kleinen Wäldchen, das Bolthar ausgesucht hatte. Der Platz lag ideal. Hier gab es einen schmalen Pfad, der ursprünglich nicht mehr als ein Wildpfad war. Im Laufe der letzten Jahre hatten ihn die Reiter ausgetreten, und auch wenn es noch immer keine befestigte Straße gab, war dieser Weg ausreichend hart getreten und bot keinerlei Hindernisse, als die Reiter zum Strand abbogen und ihnen hier nun ein besonderes Schauspiel geboten wurde.

Auf dem Meer ankerten in kurzer Entfernung vom Strand vier große Langboote, alles þritugsessa, die auf jeder Ruderseite mit dreißig Mann besetzt waren. Ein fünftes war ein Stück auf den Strand hinaufgeschoben worden. Die Mannschaft stand daneben, offenbar bereit, jederzeit abzulegen. Gorm kannte die Boote nicht, aber das beunruhigte ihn keineswegs. Wenn Bolthar auf dem Weg war, um zur Insel Björkör zu fahren und dort einen Krieg gegen die gefährlichen Piraten anzuzetteln, waren fünf große Boote eher eine sehr bescheidene Armada, um dort etwas zu erreichen.

Gorms Blicke fielen aber auf einen Platz etwas abseits von dem Langboot, und ein freudiges Lächeln umspielte seine Lippen.

Hier erwarteten sie nämlich zwanzig ausgesuchte Krieger des Königs, die hirð, seine persönliche Leibwache. Gorm wurde mit wildem Geschrei begrüßt, seine hirð schlugen mit den Schwertern auf die Schilde, die Pferde scharrten ungeduldig mit den Hufen, einige von ihnen wieherten laut auf.

Mit einem selbstgefälligen Lächeln drehte sich der König zu Bolthar um und deutete auf die Krieger. „Was für prächtige Männer! Sie alle würden sich für ihren König in Stücke hacken lassen! Oft genug standen wir gemeinsam, Schild an Schild, einer Übermacht gegenüber und haben keinen Fußbreit Boden dabei verloren. Im Gegenteil! Immer sind wir siegreich aus den Kämpfen hervorgegangen.“

„Ja, du hast oft den Beistand Odins gehabt, Gorm. Und gute Männer wie mich. Aber das geht nicht jeden Tag so weiter.“

Bolthars Blick war tückisch, als sich Gorm erstaunt zu ihm umdrehte.

Unwillkürlich griff er zu seinem Sax, aber da legte ihm Bolthar die Hand auf die Schulter.

„Mach es mir nicht so schwer, Gorm. Gib mir das Schwert, und du bleibst am Leben!“

Die fordernde Hand Bolthars vor dem Gesicht starrte ihn der alte König an. In seinem Gesicht spiegelten sich die Gefühle: Ungläubigkeit, Entsetzen, dann Wut und schließlich Gereiztheit, plötzlich das Schwert herausreißend – und ein lauter, wilder Schrei:

„Verrat!“

Aber niemand rührte sich, seine hirð hatten die Waffen sinken gelassen und sahen erwartungsvoll auf die beiden Männer. Bolthars Hand war noch immer fordernd geöffnet, und als Gorm eine Bewegung mit dem Schwert machte, als wollte er damit nach der Hand schlagen, wieherte plötzlich sein Pferd schmerzvoll auf, machte einen Schritt nach vorn und brach zusammen.

Der Pfeilschaft zitterte im Hals des verendenden Tieres, das noch ein paarmal mit dem Hufen zuckte, während sein Reiter im Staub lag und Mühe hatte, sich zu erheben. Niemand eilte ihm zu Hilfe, und als Gorm Staub und Dreck ausspuckte, den er unwillkürlich geschluckt hatte, waren zwei Männer an seiner Seite, packten die Arme und fesselten ihn.

„Ich bin euer König, was fällt euch ein!“, schrie er dabei und verschluckte sich an dem Dreck, den er noch immer nicht losgeworden war.

„Unser König warst du noch nie, Gorm!“, sagte einer der Krieger und zog die Lederstreifen fester. „Und wenn es nach mir geht, wirst du es auch nie werden!“

„Das ist schändlicher Verrat! Dafür wird man euch alle in Stücke hacken! Wenn meine Söhne erfahren, was ihr hier treibt, dann macht euch bereit, direkt in die Unterwelt zu Hel zu gehen! Keiner von euch wird einen ehrenvollen Tod erleben, sondern wie ein toller Hund erschlagen und in Stücke gehauen werden!“

Bolthar trat vor den Gefesselten und sah verächtlich auf ihn hinunter.

„Bist du jetzt fertig mit deinen Erzählungen, alter Mann? Dann bringt ihn auf eines der Boote, damit er eine Ahnung davon bekommt, was ihn erwartet!“

Die Männer nahmen ihn kurzerhand auf und schleiften ihn mehr, als dass er selbst laufen konnte, auch wenn seine Füße nicht gefesselt waren. Anschließend stieß man ihn sehr unsanft in eines der am Strand liegenden Langboote, die Rudermannschaft schob es ins Wasser, alle nahmen ihre Plätze ein und das Boot legte ab, wurde auf das Meer hinausgerudert und reihte sich zwischen den dort ankernden Booten ein.

Details

Seiten
120
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783738923681
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v449107
Schlagworte
bolthar wikingerfürst band feiglings

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Titel: Bolthar, der Wikingerfürst Band 5: Tod eines Feiglings