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Krimi Doppelband #32

2018 500 Seiten

Zusammenfassung

Krimi Doppeland #32

Dieses Buch enthält folgende Krimis:

Horst Bieber: Erben nicht erwünscht

Horst Bieber: Bolzenschüsse

Ein Mord ist ein Mord und bleibt ein Mord – kein Vertun! Doch was den ermittelnden Beamten wie ein einfacher Fall erscheint, entpuppt sich als der Stich in ein Wespennest.

Ein toter "Verfahrenstechniker", ein revolutionärer neuer Kunststoff und der "Bolzen", ein sicherer Akku mit ungeahnten Speicherleistungen, die uns endlich die Unabhängigkeit von den weltweiten Erdöllieferanten ermöglichen würden – das sind die Zutaten zu Biebers neuem Roman.

Irgendwann hängt alles an einem seidenen Faden. Politik, internationale Konkurrenz, die Polizei. Gewalt überall, wo sich die Konfliktparteien in die Quere kommen – und nur ein vorbestrafter Taschendieb bleibt als Zünglein an der Waage übrig.

Nicht alle Beteiligten werden überleben, aber vielleicht glückt es ja Gero Ackermann, der immer wieder auf der falschen Seite zu stehen scheint.

Leseprobe

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Krimi Doppeland #32

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Dieses Buch enthält folgende Krimis:

Horst Bieber: Erben nicht erwünscht

Horst Bieber: Bolzenschüsse

––––––––

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EIN MORD IST EIN MORD und bleibt ein Mord – kein Vertun! Doch was den ermittelnden Beamten wie ein einfacher Fall erscheint, entpuppt sich als der Stich in ein Wespennest.

Ein toter „Verfahrenstechniker“, ein revolutionärer neuer Kunststoff und der „Bolzen“, ein sicherer Akku mit ungeahnten Speicherleistungen, die uns endlich die Unabhängigkeit von den weltweiten Erdöllieferanten ermöglichen würden – das sind die Zutaten zu Biebers neuem Roman.

Irgendwann hängt alles an einem seidenen Faden. Politik, internationale Konkurrenz, die Polizei. Gewalt überall, wo sich die Konfliktparteien in die Quere kommen – und nur ein vorbestrafter Taschendieb bleibt als Zünglein an der Waage übrig.

Nicht alle Beteiligten werden überleben, aber vielleicht glückt es ja Gero Ackermann, der immer wieder auf der falschen Seite zu stehen scheint.

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Copyright

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Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author / COVER FIRUZ ASKIN

© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

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Erben nicht erwünscht

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Kriminalroman von Horst Bieber

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© DIESER DIGITALAUSGABE by Alfred Bekker/CassiopeiaPress,Lengerich/Westfalen

www.alfredbekker.de

postmaster@alfredbekker.de

EDITION BÄRENKLAU, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius

DIE INFO-SEITE RUND UM DIE PRODUKTE DES VERLAGES FINDEN SIE UNTER:

www.editionbaerenklau.de

ERBEN NICHT ERWÜNSCHT, Krimi von Horst Bieber, 2014

Cover & Layout: Steve Mayer, 2014

Lektorat: Antje Ippensen

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MARTHA SCHREIBER IST eine sehr reiche Witwe.

Vor 24 Jahren verschwand ihr Mann spurlos – im selben Jahr auch ihre Tochter.

Und plötzlich steht unangemeldet eine junge Frau in Marthas Salon und behauptet, sie sei Marthas Enkelin, gibt allerdings weder Namen noch Anschrift preis.

Der Detektiv Rolf Kramer macht sich auf die Suche nach dieser jungen Frau. Im Laufe seiner Nachforschungen stößt Kramer, unbelehrbar, neugierig und zäh, auf ein geheimnisvollen Band aus einer Hülsmannschen Firma.

Hat der Inhalt dieses Bandes etwas mit dem spurlosen Verschwinden von Vater und Tochter zutun?

Je mehr er erfährt, desto tiefer gerät er in ein Spinnennetz von Politik, Betrug und krimineller Vergangenheitsbewältigung.

Doch wenn man ihn einschüchtern oder ausbremsen will, legt Rolf Kramer erst richtig los. Auch wenn es dabei Tote zu beklagen gibt!

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Personen:

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Martha Schreiber, geborene Hülsmann, Witwe, die unerwartet und gegen ihren Willen eine Enkelin bekommt

Juliane Becker behauptet, sie sei Marthas Enkelin

Ursula (Ulla) Schreiber, Marthas Tochter, ist vor vielen Jahren spurlos untergetaucht

Walther Schreiber wurde vor einem Bordell mit einem französischen Karabiner erschossen

Dr. Gerold Ackerknecht, erfolgreicher und skrupelloser, übergewichtiger Anwalt

Heinrich Völker, Fahrer und Faktotum in der Villa Schreiber, hat als letzter die Tochter Ulla gesehen

Corinna Völker, Heinrichs Tochter, tut nicht gut

Rolf Kramer, Privatdetektiv, wird von Martha Schreiber engagiert

Max Halbe, Rentner und Nachtwächter, kommt auf schreckliche Art ums Leben

Eva-Maria Gönter, Max Halbes geschiedene Tochter

Hella Gönter, Max Halbes Enkelin

Jürgen Bockholt hat was gesehen und wird zum Schweigen gebracht

Paul Becker glaubt, er habe gut vorgesorgt

Peter Becker, Pauls Bruder, gelernter Fahrer bei der Deutrans

Rita Oppermann, schlagkräftige Fahrerin bei Neutaxi

Anielda beantwortet Zukunftsfragen auf wissenschaftliche Basis

Holger Weisbart, Journalist, weiß und merkt sich viel, trinkt aber auch zuviel

Heike Saling, Staatsanwältin, Rolf Kramers Intimfeindin

Caro(line) Heynen, Kriminalhauptkommissarin, mit Rolf Kramer befreundet

Alle Namen und Personen, Ereignisse und Firmen sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen wären rein zufällig. Auch die Stadt Tellheim ist erfunden, zusammengesetzt aus bekannten Plätzen und Vierteln deutscher Großstädte.

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Erster Tag

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Die schöne Jugendstil-Villa in der Gellertstraße verfiel sichtlich. Der wilde Wein war bis zu den Regenrinnen hochgewachsen und verdeckte im ersten Stock gnädig bereits blinde Fenster. Auf den noch sichtbaren Flächen bröckelte der Verputz, von den Holzteilen der Fenster splitterte der Lack. Modern und gepflegt sah nur die nachträglich angebaute Doppelgarage mit mindestens einer Wohnung für Chauffeure oder Personal darüber aus. Entlang der leicht ansteigenden Zufahrt wucherten Sträucher, die seit Jahren nicht mehr zurückgeschnitten worden waren und die mit dem seit Monaten nicht mehr gemähten Gras um die Wette wuchsen. Mehrere lose Platten des Gehwegs schwankten bedrohlich. Ob in den verrosteten Wegleuchten die Glühbirnen tatsächlich noch leuchteten, schien mehr als zweifelhaft. Es war kein Haus, das zum Eintreten einlud. Es fehlte nur noch ein Schild: "Besucher unerwünscht".

Unbehaglich zog er die Schultern hoch und klingelte.

Die junge Frau starrte ihn missmutig an: "Ja?"

"Guten Tag, mein Name ist Kramer. Frau Schreiber erwartet mich."

"Ach ja", murmelte sie geringschätzig und drehte sich schwungvoll um. "Kommen Sie!"

Die Höflichkeit hatte sie nicht erfunden, vielleicht, weil sie glaubte, bei ihrer Figur und Schönheit das nicht nötig zu haben. Sie mochte Mitte zwanzig sein und hatte ein rundliches, leidlich hübsches Gesicht mit einem Schmollmund, der Kramer ohne diese permanent beleidigte Miene sogar gefallen hätte. Die dunkelbrünetten Haare trug sie kurz geschnitten und kunstvoll verwuselt. Das dünne weiße Hemdchen war zu eng und zu kurz und verbarg, weil sie keinen BH trug, so wenig wie das superkurze weiße Röckchen. Auf albern hohen Plateausohlen stakste sie auch noch so durch die Halle, dass der Saum hochwippte. Man konnte sie für eine Amateurnutte halten oder eine Halbprofessionelle.

Wortlos folgte Kramer ihr und sah sich dabei verstohlen um. Eine richtige Halle, zwei Stockwerke hoch, über die ganze Tiefe des Hauses, die rotschwarzen Fliesen zeigten allerdings tiefe Sprünge und Risse, mit einer breiten, geschwungenen Treppe an der linken Seitenwand, die zu einer Galerie im ersten Stock hochführte. Auf der rechten Seite der Halle gähnte ein riesiger Kamin, in dem noch Asche und verkohlte Holzscheite lagen. Das rote Leder der vor den Kamin gerückten Sessel war brüchig geworden. In dem dunkelroten Plüschbezug der unbequem aussehenden Stühle und Hocker klafften Löcher und Risse, als habe eine riesige Katze daran ihre Krallen geschärft. Verfall, wohin man blickte, aber, wie Kramers Freund und Büronachbar Harald Posipil sagen würde, Verfall auf hohem Niveau.

Die Brünette klinkte eine Tür linker Hand auf und drehte sich spöttisch nach ihm um, klopfte dann an die erste Tür an dem kurzen Flur und steckte nur den Kopf in das Zimmer: "Der Herr Kramer." Als er sich an ihr vorbeischlängelte, bemerkte er noch ihren höhnischen Blick und roch ein süßlich-schweres Parfüm. Wenn sie einen Zentimeter weiter zurückgetreten wäre, hätte ihn ihr Busen nicht streifen müssen.

"Kommen Sie doch herein!"

Eine hohe, heisere, scharfe und nörgelnde Frauenstimme, die vor Unzufriedenheit kratzte.

"Guten Tag“, grüßte Kramer höflich und ging auf sie zu.

"Guten Tag", erwiderte sie ungeduldig und musterte ihn ungeniert. Ihre weißgrauen, kunstvoll gekämmten Haare hatte sie lila getönt, dazu trug sie ein violettes Kleid und fünf oder sechs schwere Halsketten. Die Sechzig hatte sie mit Sicherheit überschritten, aber jenseits dieser Grenze konnte so ziemlich jede Zahl möglich sein. Gut vorstellbar, ja wahrscheinlich, dass sie früher eine sehr attraktive Frau gewesen war, Spuren der verblichenen Schönheit waren noch zu erkennen. Doch in dem faltigen, hageren Gesicht gruben sich jetzt zwei tiefe Falten neben dem schmallippigen Mund ein, so, als habe sie vor vielen Jahrzehnten zum letzten Mal herzhaft gelacht oder ehrlich gelächelt. Ihre dunkelgrauen Augen waren klein und weil sie kurzsichtig war, aber wohl aus Eitelkeit keine Brille trug, blinzelte sie angestrengt, was ihrem Gesicht einen lauernden, gehässigen Ausdruck verlieh. Ihr schien niemand willkommen zu sein, und Kramer fiel der Spruch einer früheren Freundin ein: "Wer sich selbst nicht leiden kann, mag auch keine anderen Menschen." Über den Backenknochen spannte die Haut, da verbot sich eine Behandlung mit Botox, und als er näherkam, bemerkte er, dass sie beide Hände um die Polster der Stuhllehnen klammerte. Bleiche Hände, mit vielen braunen Altersflecken und Fingern wie Krallen, die Nägel lila lackiert in der Farbe ihres Kleides. Kramers Urteil stand nach wenigen Augenblicken fest: Sie mochte ihn so wenig leiden, wie er sie.

"Nehmen Sie doch Platz!"

"Vielen Dank."

Das Zimmer war groß und hoch und seltsam dunkel trotz der Sonne, die durch die Fenster schien. Eine Biedermeier-Einrichtung, die Armlehnstühle mit grün-gold gestreiftem Brokat überzogen. Der dunkelblaue Seidenteppich mit dem gold-silbernen Muster passte nicht zu den Farben, und die verschossene Tapete mit blau-roten Blumengirlanden verriet wenig Geschmack, aber ein würdiges Alter. Ein Zimmer, in dem die Zeit, aber nicht der Verfall stehenblieb.

Sie hatte ihre Inspektion beendet und entspannte sich etwas.

"Mein Rechtsanwalt hat Sie empfohlen", begann sie. "Herr Dr. Ackerknecht. Kennen Sie ihn?"

"Ja", sagte er und zerkaute ein Lächeln. Ackerknecht war zwei Meter groß und mindestens drei Zentner schwer, so breitschultrig, dass alle Türöffnungen zu schmal erschienen. Seine Stimme erinnerte an ein verrostetes Nebelhorn, und wenn er sich etwas in den Kopf gesetzt hatte, ging er so zartfühlend wie eine wild gewordene Straßenwalze vor. Wie mochten die beiden miteinander auskommen?

"Er meint, ich könnte Ihnen vertrauen. Vor allem sollen Sie verschwiegen sein."

"Vielen Dank", verbeugte Kramer sich leicht. Jede Wette, dass sie ihm nichts anbieten würde. Und sollte er den Fauxpas begehen, Zigaretten hervorzuholen, würde sie ihm die Tür weisen. Wie hielt es Ackerknecht, ein gewaltiger Zigarrenraucher, mit ihr in einem Zimmer aus?

"Es geht um eine – Familiengeschichte."

Weil sie ihn aufgebracht fixierte, nickte er verbindlich. Es ging fast immer um "Familiengeschichten", wenn man auf Anraten eines Anwaltes einen Privatdetektiv rief.

"Um eine unangenehme – also, um etwas, an das ich nicht gerne denke."

"Ja."

"Vor einer Woche ist ein junges Mädchen hier gewesen. Ohne Erlaubnis, unangemeldet", setzte sie verbittert hinzu.

"An welchem Tag war das, Frau Schreiber?"

"Am Donnerstag. Plötzlich klopfte sie an und kam herein. Einfach so." Noch in der Erinnerung schauderte sie. "So ein – dummes, junges Ding. Ganz kurze Höschen, wissen Sie, die Beine viel zu hoch abgeschnitten, die Fäden hingen noch herunter, und ein dünnes Hemdchen ohne was drunter, also, das war richtig – unanständig. Und ungekämmt war sie auch."

"Wie meinen Sie das?"

"Sie hatte so lange braune Haare, die ihr einfach auf die Schultern runterhingen. Unmöglich."

Darüber, was sie für unanständig und unmöglich hielt, lohnte es keinen Streit. "Wann am Donnerstag ist die junge Dame gekommen?"

Sie wedelte ungnädig mit einer Hand: "Am Nachmittag. Kurz vor meinem Tee."

"Und was wollte sie von Ihnen?"

"Was sie wollte – ich weiß es nicht. Plötzlich steht sie im Zimmer, starrt mich frech an, zieht die Nase hoch und sagt ganz dreist: ‚Du bist also die Martha Schreiber. Ich wollte dich nur mal sehen, weil die Ursula mich immer gewarnt hat, Juttakind, hüte dich vor der Oma Martha, wenn du noch Freude an deinem Leben haben willst, am besten erfährt sie gar nicht, dass es dich gibt.‘ Sagt dieses freche Gör, dreht sich um und läuft weg."

Ihre Stimme hatte sich hysterisch in die Höhe geschraubt, und deswegen blieb Kramer völlig ernst. Sie atmete jetzt schwer und keuchte vor Zorn. Nach einer Weile wagte Kramer zu fragen: "Wer ist Ursula?"

"Meine Tochter hieß Ursula."

"Dann war diese junge Frau Ihre Enkelin?"

"Ich habe keine Enkelin!", fuhr sie ihn an.

Ausdruckslos musterte er sie. Mit schwierigen Kunden hatte er so oft zu tun, dass er Geduld gelernt hatte und ein völlig ausdrucksloses Gesicht aufsetzen konnte. Die erste Hürde war schließlich genommen, sie hatte berichtet, was sie beschäftigte oder beunruhigte, und wenn sie sich bei ihrem Rechtsanwalt schon nach einem Privatdetektiv erkundigt hatte, wollte sie ihm einen Auftrag erteilen.

"Das heißt, genauer, ich habe bis zum vorigen Donnerstag nicht gewusst, dass ich eine Enkelin habe", sagte sie gepresst.

"Hat Ihre Tochter Ihnen nie ...?"

"Nein! Nie! Meine Tochter ist im Alter von zwanzig Jahren weggelaufen. Das war vor vierundzwanzig Jahren. Seitdem habe ich nie wieder ein Lebenszeichen von ihr erhalten."

Jede Wette, diesen ausdrucksstarken Satz hatte sie sich vorher zurechtgelegt. "Haben Sie Ihre Tochter denn vor vierundzwanzig Jahren nicht suchen lassen?"

"Nein!", fauchte sie ihn an, als habe er ihr was Unanständiges unterstellt. "Sie hatte einen unverschämten Brief auf ihr Bett gelegt, sie wollte nie wieder etwas mit der Familie zu tun haben und würde nie irgendwelche Ansprüche an uns stellen. Zwecklos, sie suchen zu lassen, sie werde nie wieder ihr Elternhaus betreten. Als ob sie gestorben wäre, damit müsste ich mich abfinden."

Wenn sie damals schon so selbstgerecht gewesen war wie heute, hatte sie der Tochter den Abschieds-Wunsch nur zu gern erfüllt. Bis eine junge Frau ins Zimmer trat und indirekt behauptete, sie sei ihre Enkelin. Wenn sie tatsächlich die Enkelin war ...

"Herr Kramer, ich möchte, dass Sie diese junge – Frau finden und feststellen, ob sie wirklich meine Enkelin ist."

Was in ihren Augen wohl die einfachste Sache der Welt war. Er seufzte unterdrückt und erkundigte sich: "Hat sie einen Namen genannt? Oder gesagt, wo sie wohnt, woher sie kommt?"

"Nichts!" Martha Schreiber schüttelte empört und heftig den Kopf, und nicht eine Haarsträhne lockerte sich. "Nur das, was ich Ihnen gesagt habe. Kein Wort mehr."

Großartige Anhaltspunkte! "Unterstellen wir mal, die junge Dame war wirklich Ihre Enkelin – wissen Sie denn, wohin Ihre Tochter damals gegangen ist?"

Die Frage hätte er sich schenken sollen, sie stieß ihr spitzes Kinn vor und beschied ihn giftig: "Nein. Es hätte mich auch nicht interessiert. Ursula war für mich gestorben."

"Haben Sie Familie? Schwestern, Brüder, Schwäger, mit denen sich Ihre Tochter vielleicht in Verbindung gesetzt hat?"

"Nein." Das Wort knallte wie ein Peitschenhieb. "Ich bin ein Einzelkind. Wie mein Mann – mein verstorbener Mann."

Eine Weile sah er nachdenklich an ihr vorbei in den Garten. Es gab Aufträge, die man am besten sofort ablehnte, weil sie geradezu nach Ärger und Schwierigkeiten stanken. Was er auch getan hätte, wenn sie nicht Ackerknecht erwähnt hätte. Der Anwalt hatte sich einen Namen als erfolgreicher Strafverteidiger gemacht, ihm musste deshalb klar sein, dass ein Privatdetektiv mit diesen mageren Hinweisen weder eine Enkelin noch eine Frau finden konnte, die sich vielleicht nur einen schlechten Scherz erlaubt hatte. Trotzdem hatte er Kramer seiner Mandantin empfohlen, und deshalb sollte er mit Ackerknecht sprechen, bevor er sich entschied.

Sie funkelte ihn böse an.

"War an diesem Donnerstag die junge Frau im Hause, die mich eben hereingelassen hat?"

"Corinna? – Ja."

"Wer ist diese Corinna?"

Sie runzelte ärgerlich die Stirn ob seiner ihm nicht zustehenden Neugier, gab aber Auskunft: "Corinna Völker. Die Tochter meines Angestellten. Er kümmert sich um das Haus und chauffiert mich."

"Hat Corinna dieser jungen Frau aufgemacht?"

"Ja, leider." Diesen Fehler würde sie der Brünetten nie verzeihen.

"Gut, Frau Schreiber, ich werde mit Corinna sprechen. Und mit Ihrem Anwalt."

"Nehmen Sie den Auftrag an?"

"Das kann ich erst entscheiden, wenn ich mit den beiden Personen gesprochen habe."

"Lassen Sie mich nicht zu lange auf Ihre Entscheidung warten." Nach diesem Befehl neigte sie huldvoll den Kopf. Ende der Audienz, er war entlassen.

Corinna Völker fand er nach längerer Suche in der großen Küche. Die Brünette saß an einem Tisch und rauchte, der Kaffee, den man ihm nicht angeboten hatte, stand vor ihr in einem großen Becher. Sie schaute hoch und schnitt eine Grimasse. "Na, Herr Schnüffler, alles klar?" Der "Schnüffler" ärgerte ihn, und deswegen würde er es ihr zeigen. Sie hatte ein großes Mundwerk und einen kleinen Verstand.

"Sie haben die junge Frau hereingelassen?"

"Ja, habe ich, und seitdem überlegt die Alte, ob sie mich rausschmeißen soll."

"Sie haben sicherlich gelauscht?"

"Wie kommen Sie denn darauf", brauste sie auf.

"Weil Sie so aussehen."

"Sie wissen, wo die Tür ist?"

"An Ihrer Stelle würde ich den Mund nicht so weit aufreißen und die Nase wieder runternehmen. Ich könnte sonst der Alten verraten, dass die junge Frau Ihnen Geld gegeben hat, damit sie hereingelassen wurde."

Sie griff nach dem Becher, als wollte sie das gute Stück Kramer an den Kopf werfen. Dabei war es gar nicht schwer zu erraten gewesen. Martha Schreiber liebte keinen unangemeldeten Besuch, das wusste dieses geile Miststück vor ihm ganz genau, und wenn die junge Frau dennoch ohne Erlaubnis bis in den Salon vordringen konnte, war mit Sicherheit Geld im Spiel; und zwar eine Summe, die nicht erst an der Haustür ausgehandelt worden war, als "Juttakind" klingelte. Wenn Corinna Völker gelauscht hatte, wusste sie sicherlich schon vorher, dass die junge Frau eine für die Chefin unangenehme Botschaft überbringen würde.

"Ich glaube, Sie gehen jetzt besser", bemerkte die Brünette in einem gemessen-würdevollen Ton, über den Kramer laut lachen musste.

"Mach ich gern, aber dann komme ich wieder und rede mit deinem Vater über deine privaten Transaktionen hier im Haus." Damit traf er ins Schwarze. Sie zuckte zusammen und drehte den Kopf zur Seite. Vor ihrem Vater schien sie Manschetten zu haben, und Kramer konnte sich auch gut vorstellen, warum. Völker Senior spielte in dem Haus als einziger Mann zweifellos eine wichtige Rolle, dank derer er hier mehr Geld leichter verdiente als mit anderer Arbeit. Und wenn seine Tochter das aufs Spiel setzte, weil sie in die eigene Tasche wirtschaften wollte und gegen Bezahlung Fremde hereinließ, setzte es wohl was.

"Okay, Mädchen", fuhr Kramer energisch fort, "ich überlege mir das mit deinem Vater noch einmal, wenn du jetzt ausspuckst, wann und wo du diese Jutta getroffen hast."

Nein, die Intelligenz hatte sie nicht gepachtet. Sie staunte Kramer an, als habe der gerade einen ganzen Taubenschwarm aus dem Hut gezaubert. "Im Mokkahaus", sagte sie unwillkürlich, und biss sich sofort auf die Lippen. So ehrlich hatte sie nicht sein wollen.

"Du meinst das Mokkahaus in der Cortistraße?"

"Kennst du das?

"Aber sicher."

Bevor sie noch eine Frage stellen konnte, klingelte es ziemlich laut. Corinna sprang auf, löschte ihre Zigarette unter dem Wasserhahn und schimpfte: "Die blöde Kuh will ihren Tee."

"Na schön, ich komme noch einmal wieder."

"Meinetwegen muss das nicht sein."

"Kann ich mir denken. Also tschüss, bis die Tage."

Rechtsanwalt Dr. Gerold Ackerknecht hatte Zeit und betrachtete Kramer unverhohlen spöttisch. Sein schöner hellgrauer Maßanzug war zerknittert, als habe er darin geschlafen, auf der blauen Seidenkrawatte mit den roten Tupfen prangte ein großer weithin sichtbarer Fettfleck. "Na, wie finden Sie das Prachtstück?"

"Zum Kotzen."

"Da sind Sie nicht der Einzige. Haben Sie den Auftrag angenommen?"

"Noch nicht."

"Hat sie Ihnen von der jungen Frau erzählt, die da plötzlich im Salon stand und behauptete, sie sei ihre Enkelin?"

"Sicher, hat sie."

"Hatten Sie zum Zwecke der Täuschung Ihr besonders vertrauenswürdiges Gesicht aufgesetzt?"

Kramer überhörte die Frage, schließlich entschied immer noch er, wer ihn wie, wann und womit beleidigen konnte: "Unterstellen wir mal, diese unerwünschte Besucherin heißt tatsächlich Jutta und war wirklich die Enkelin der alten Martha Schreiber. Dann dürfte die Tochter Ursula wohl schwanger gewesen sein, als sie vor 24 Jahren weglief."

"Anzunehmen", murmelte Ackerknecht und stieß eine gewaltige Rauchwolke aus.

"Haben Sie eine Ahnung, wer der Erzeuger ihres damals noch nicht geborenen Kindes war?"

"Nein."

"Hat es die Mutter Martha damals nicht interessiert?"

"Ich kannte Martha Schreiber damals noch nicht und kann deshalb Ihre Frage nicht beantworten."

"Würden Sie mir verraten, wann Sie Martha Schreiber kennengelernt haben?"

"Ein paar Wochen, nachdem ihre Tochter Ursula fortgelaufen war. Marthas Ehemann Walther wurde ermordet."

"Von wem?"

"Der Staatsanwalt meinte zuletzt, von seiner Ehefrau Martha, die ihm nicht verzeihen konnte, dass er schon wieder im Regenbogen in Holkersdorf gewesen war."

"Regenbogen?"

"Seinerzeit ein renommierter Puff der gehobenen Preisklasse, den Walther Schreiber ziemlich häufig frequentierte. Er ist vor der Tür dieses Etablissements erschossen worden. Und zwar mit einer ganz ungewöhnlichen Waffe."

"Duell-Pistole oder Vorderlader?"

"Weder noch. Mit einem französischen Karabiner, den die Grande Armée kurz vor dem zweiten Weltkrieg ausgemustert hatte."

"Zu dem Martha Schreiber Zugang hatte?"

Ackerknecht nickte ungerührt. "Und zu der passenden Munition. Martha wusste wahrscheinlich auch, wo sich der Teure herumtrieb und wann ungefähr er wegen nachlassender Potenz den Puff verlassen würde, um zu seinem Wagen auf dem Parkplatz auf der anderen Straßenseite zu gehen."

"Nicht nur wahrscheinlich?"

"Das habe ich so genau nicht wissen wollen", knurrte der Anwalt.

"Zu einer Verurteilung haben die Beweise des Staatsanwaltes trotzdem nicht gelangt?"

"Nein, die Kammer hat Martha mangels Beweisen freigesprochen. Und die Staatsanwaltschaft hat das Urteil sofort akzeptiert."

"Wahrscheinlich, weil Martha hervorragend verteidigt worden war von einem gewissen Dr. Gerold Ackerknecht."

"Ob hervorragend, das wage ich nicht zu beurteilen, jedenfalls wirkungsvoll."

"Was hat denn Martha zu dem Mordvorwurf gesagt?"

"Sie habe erstens kein Motiv und sei zweitens zu der fraglichen Zeit am Flughafen gewesen, um die Tochter Ursula abzuholen, die habe nämlich am Mittag zuvor angerufen und ihre Heimkehr angekündigt."

"Natürlich ist sie nicht mit dem Flieger gekommen?"

"Nein, aber Martha war auf dem Flughafen. Sie ist von mehreren Bekannten in der Ankunftshalle gesehen worden. Eine Freundin hat ihr sogar angeboten, sie mit in die Stadt zurückzunehmen, was sie dankend abgelehnt hat. Der Chauffeur warte draußen auf Mutter und Tochter."

"Außer Martha gab es keine Verdächtigen?"

"Nein. Warum fragen Sie?"

"Ungeklärte Mordfälle reizen mich."

"Das ist mir bekannt. Und manchmal geht Ihre Neugier sozusagen ins Auge, was? Wie auch immer, Herr Kramer, die Anklage gegen Martha Schreiber ist verbraucht. Ich bitte Sie herzlich, in dem Fall nicht mehr herumzustochern. Sehen Sie eine Chance, die junge Frau zu finden?"

"Woher wollen Sie wissen, dass meine Neugier manchmal ins Auge geht?"

"Ich hab' einen guten Draht zu meinem Kollegen Dr. Christian Bülow."

"Aha", sagte Kramer ehrlich verärgert. Für Rechtsanwalt Bülow arbeitete er manchmal.

"Wie ist das nun? Können Sie die junge Frau finden?"

"Ja. Wenn Sie mir verraten, welche Rolle Vater und Tochter Völker im Hause Schreiber spielen."

"Corinna ist eine Amateurnutte, die so tut, als sei sie eine Haushaltshilfe und wohne im Hause ihrer Arbeitgeberin. Mag sein, dass Martha Schreiber sie wirklich bezahlt, aber den Hauptteil ihres Einkommens beschafft sich Corinna von den männlichen Gästen des Mokkahauses in der Cortistraße. Den Vater kümmert nicht, was seine Tochter so treibt, er scheint etwas über Martha Schreiber zu wissen, womit er sie erpresst. Sie beschäftigt ihn deshalb als Chauffeur und Gärtner und eine Art Hausmeister."

"Womit erpresst er sie?"

"Das weiß ich nicht. Wenn Sie das zufällig herausfinden sollten, wäre ich Ihnen sehr verbunden."

"Ich hatte den Eindruck, dass Martha Schreiber und die Völkers sich arrangiert haben."

Ackerknecht grinste so breit wie furchteinflößend, er besaß gewaltige braun-gelb verfärbte Hauer dort, wo andere Menschen manierliche Schneidezähne haben. "Gut möglich. Trotzdem – meiner Meinung nach gehören beide Völkers hinter Gitter."

"Okay. Ich fahre noch einmal zu Martha Schreiber und sage ihr, dass ich mit Ihrem Segen den Fall annehme. Vor allem brauche ich ein Bild von Ursula Schreiber."

"Viel Glück, Herr Kramer."

Auch Ackerknecht stand auf, was Kramer verwunderte. Der massige Anwalt, unter dem jeder Stuhl knarrte und ächzte, war nicht eben für seine verbindliche Höflichkeit berühmt. Im Vorzimmer packte Marlies Henkel ihre Handtasche. Sie war eine kleine, zierliche Frau, die der Kleiderschrank von Ackerknecht sich unter den Arm klemmen und dort vergessen konnte, während er im Zimmer auf und ab lief. Trotzdem führte sie unbestritten das Kommando in der erfolgreichen Kanzlei Ackerknecht. Wer sich mit "Tant' Marlies" überwarf, hatte ganz schlechte Karten.

"Hat er Sie herumgekriegt?"

"Ja", murmelte Kramer und lächelte sie an. Marlies hätte es sowieso erfahren. "Er hat mir allerdings nicht verraten, warum das Auftauchen einer möglichen Enkelin ihn beunruhigt."

"Ich fürchte, das müssen Sie ohne meine Hilfe herauskriegen, Herr Kramer."

"Mach' ich, tschüss, Frau Henkel."

Aus dem Auto rief er bei Martha Schreiber an.

"Haben Sie mit Ackerknecht gesprochen? Nehmen Sie meinen Auftrag an?"

"Ja, würde ich, wenn Sie ein gutes Bild von Ihrer Tochter Ursula für mich haben."

"Wozu brauchen Sie ein Bild meiner Tochter?"

"Wahrscheinlich muss ich erst Ihre Tochter Ursula suchen, um dadurch Ihre Enkelin Jutta aufzustöbern."

"Das Bild wäre über zwanzig Jahre alt", warnte sie.

"Das macht nichts."

"Ist Dr. Ackerknecht damit einverstanden?"

"Ja, ich war gerade eben bei ihm."

"Für mich ist es dann schon ziemlich spät. Heinrich wird Ihnen ein Bild geben."

"Wer ist Heinrich?

"Heinrich Völker. Fahrer, Gärtner und eine Art Hüter des Hauses."

"Und Vater von Corinna, nicht wahr?"

"Genau. Bis dann mal, Herr Kramer." Du meine Güte, das klang ja regelrecht aufgekratzt, wenn er nicht aufpasste, würde sie noch Freundschaft mit ihm schließen.

Sie hatte aufgelegt, bevor er sich verabschieden konnte.

Heinrich Völker überraschte Kramer. Zweifellos hatte Völker ebenfalls die Sechzig überschritten, sich aber sehr gut gehalten. Groß, hager, aber muskulös, eisengraues, volles, gewelltes Haar, das eher an Draht erinnerte denn an Haare, ein längliches Gesicht mit einem ausgeprägt energischen Kinn. Über seine Stirn verlief eine auffällige waagerechte Narbe, die ihm seltsamerweise gut stand: Ein harter und verwegener Kerl, der sich oft und mit Erfolg hatte wehren müssen. Er wirkte so, als sei mit ihm nicht gut Kirschen essen. Dazu eine tiefe, markante Stimme. Kramer staunte, Völker sah nicht so aus und trat auch nicht so auf, als sei er ein Faktotum an der langen Leine der Martha Schreiber, trotz des grauen Kittels und des Eimers voller Asche und Holzresten aus dem Kamin. Seine Tochter Corinna würde sich hüten müssen, dachte Kramer unwillkürlich, sollte sie ihrem Vater ernsthaft in die Quere kommen. Dem Mann war sie nicht gewachsen, und er hatte wenig Hemmungen, seinen Willen auch mit Gewalt durchzusetzen.

"Herr Kramer?"

"Ja, guten Abend. Sie sind Herr Völker?"

"Ja. Frau Schreiber hat mich gebeten, Ihnen dieses Bild zu geben. Das Foto ist gut einen Monat, bevor Ursula weglief, aufgenommen worden."

"Danke. Kannten Sie damals schon die Familie Schreiber?"

"Ja. Walther Schreiber hatte mich schon eingestellt."

"Haben Sie eine schwache Ahnung, mit wem oder wohin Ursula Schreiber weggelaufen sein könnte?"

"Nein. Tut mir leid."

"Ursula ging noch zur Schule?"

"Nein, sie hatte im Jahr zuvor ihr Abitur auf dem Waldeck-Gymnasium gemacht."

"Hat die Familie die Tochter bei der Polizei als vermisst gemeldet?"

"Ja, hat sie." Kramer ließ sich nichts anmerken. Völkers Chefin hatte das Gegenteil behauptet. "Zuständig war damals ein Kriminalobermeister Grembowski."

"Den gibt es immer noch, allerdings mehrfach befördert und jetzt Leiter der Abteilung. Hauptkommissar Grembowski."

"Sie kennen ihn?"

"Aber ja. In meinem Job hat man häufiger mit der Vermisstenabteilung zu tun."

"Dann muss ich Sie ja nicht vor Grem dem Groben warnen."

"Nein. Vielen Dank, mittlerweile kommen wir ganz gut miteinander aus." Woher kannte Völker Grems Spitznamen im Präsidium?

"Viel Glück, Herr Kramer."

"Danke."

Völker verschwand im Haus und schloss sehr leise die Tür hinter sich. Ein beeindruckender und selbstbewusster Typ, dachte Kramer flüchtig, ganz und gar nicht ein Hausmeister und Chauffeur.

Im Auto schaute er sich die Aufnahme genau an und verspürte ein ganz merkwürdiges Gefühl in der Magengrube. Ursula Schreiber war eine schöne junge Frau, mit einem sanften Gesicht, großen Augen und einem irgendwie traurigen Ausdruck. Für schöne Frauen hatte Kramer viel übrig, aber das war es nicht allein. Er hatte mit einem Mal das seltsame Gefühl, dass er diese Frau schon seit Ewigkeiten in seinen Träumen und Vorstellungen gut kannte und nur darauf gewartet hatte, ihr endlich einmal in der Realität zu begegnen. Seine Freundin und Opern-Begleiterin würde jetzt spotten: "Na, lieber Rolf, ein neuer Ausbruch des Tamino-Gefühls?" Automatisch war er Richtung Ruhlandhaus gefahren, und als er seinen Wagen auf dem Hof abgestellt hatte, fiel ihm ein, dass Freund Harald Posipil, von Beruf "Ahnenforscher" mit einem Büro auf dem gleichen Flur wie Kramer, in letzter Zeit abends wieder lange arbeitete. Einen Versuch war es wert.

Und es lohnte sich. Posipil saß vor seinem Computer und schien sich über die Ablenkung sogar zu freuen. "Was kann ich für dich tun?"

"Ich habe hier ein Foto, das ist über zwanzig Jahre alt. Ich soll diese Frau im Auftrag ihrer Mutter jetzt suchen, die Tochter müsste jetzt erste Hälfte vierzig sein. Unterstellen wir mal, sie hatte keine entstellende Krankheit und keinen entstellenden Unfall, wie kann sie dann heute ungefähr aussehen?"

"Lass mal sehen!"

Posipil schaute sich das Foto genau an und verzog neidisch das Gesicht: "Wie schaffst du das immer, so attraktive Kundinnen an Land zu ziehen? Bei mir tauchen nur alte, verkniffene Schachteln kurz vor Ablauf der Haltbarkeitsdauer auf."

Erstens stimmte das nicht, und zweitens musste Kramer den Irrtum sofort korrigieren. "Meine Kundin ist alt, eingetrocknet, verkniffen, rechthaberisch und zänkisch. Aber reich. Dass sie die Mutter dieser Schönheit sein soll, ist in der Tat schwer zu glauben. Aber 'natura facit saltus', wie du weißt."

Posipil lachte; er wusste, worauf Kramer anspielte. Posipil war die Unmusikalität auf zwei Beinen und hatte eine Tochter Eva, die Geige studiert hatte und jetzt zielstrebig die ersten Schritte zu einer Solisten-Karriere tat.

"Wenn du eine Viertelstunde Zeit hast ...?"

"Kein Problem." Der Ahnenforscher war ein großer Computerfreak, der mit seinen Maschinen so lässig umging wie Kramer mit Kugelschreiber und Bleistift. In Nullkommanichts hatte er das Foto eingescannt und auf Kramers Bitte ein paar Buntausdrucke der Originalaufnahme angefertigt. "Willst du die dir übers Bett hängen?"

"Nein, ich wollte sie später Anielda überlassen."

Anielda, deren korrekten Namen Kramer immer wieder vergaß, betrieb neben Posipils Büro ihr Studio Zukunftsfragen auf wissenschaftlicher Basis. Kramer und Anielda waren sehr gut befreundet, obwohl sie nie miteinander geschlafen hatten, was auch Posipil insgeheim bezweifelte, was er aber als höflicher Mensch nicht aussprach.

"Zwanzig Jahre älter?"

"Ja."

Es war erschreckend, mit welcher Schnelligkeit die Frau auf dem Bildschirm vor ihnen alterte. Dabei verlor sie nichts von ihrer jugendlichen Schönheit, und als Kramer das monieren wollte, meinte Posipil nur: "Der Computer ist halt schneller als du. Er hat vor den Veränderungen nachgemessen und herausgefunden, dass sie zu den sogenannten symmetrischen Typen gehört. Die meisten Männer empfinden Frauen als besonders schön, deren Gesichtszüge an einer Linie von der Stirnmitte zur Kinnspitze gespiegelt erscheinen. Sie gehört zu diesem Typus. Wie viele Ausdrucke?"

"Bis die Farbpatronen schwach werden, okay?"

"Du willst mich ja nur zu Anielda schicken."

Die Seherin in die Zukunft litt wegen mangelnder Nachfrage ihrer Fähigkeiten fast immer an Ebbe in der Kasse. Kramer und Posipil hatten ihr deswegen einen Nebenjob organisiert. Sie füllte leere Druckerpatronen mit Farbtinten auf, Posipil kümmerte sich um die Steuerchips, die eben das Nachfüllen verhindern sollten, und Kramer machte gewaltige Mundpropaganda für gute und preiswerte Farbpatronen. Er hatte den Eindruck, dass Anielda inzwischen für ihren grauhaarigen, aber kreglen und energischen Helfer mehr als nur büronachbarliche Gefühle entwickelt hatte.

"Es täte dir gut, mal wieder unter lebende Menschen zu kommen und dich nicht immer nur mit Toten zu beschäftigen. Und Anielda ist eine reizende Frau."

Das stimmte nun auch nicht hundertprozentig. Anielda war eine hübsche, eigensinnige Kratzbürste, schnell beleidigt, aber rasch auch wieder friedlich und bei allen ihren Launen eine gute, zuverlässige Freundin. Sie hätte sich nie geleistet, was Posipil, ehemals Beamter im Landesarchivdienst, mit seiner Frau erlebt hatte. Die war aus heiterem Himmel abgehauen und hatte nur einen Brief hinterlassen, der an der Kanne mit dem Frühstückskaffee lehnte. "Ich verlasse dich wegen eines richtigen Mannes."

Es hatte ihn aus der Bahn geworfen. Posipil schied aus dem Dienst aus, verkaufte das kleine Häuschen, bezahlte für die gemeinsame Tochter Eva im Voraus das Internat und den Geigenunterricht bis zum Abitur und gondelte als Späthippie durch die Südsee. So unvermutet, wie er verschwunden war, so unerwartet erschien er wieder in Tellheim und etablierte sich vor einigen Jahren als "Ahnenforscher" im Ruhlandhaus. Noch konnte er kein Vertrauen in Frauen setzen und aus Anieldas Mund würden Treueschwüre auch klingen wie eine Warnung: "Vorsicht, mein Lieber, ich kann auch ganz anders."

Kramer verließ Posipils Büro mit zwei kleinen Stapeln von Ausdrucken: Ursula Schreiber als etwa Zwanzigjährige und als Vierzigjährige.

Weil noch Zeit war, fuhr er ins Archiv des Tageblatts. Dort kannte man ihn so gut, dass eine der Damen seinen Wunsch sofort erfüllte. Eine Liste der Schüler, die vor 24 Jahren am Waldeck-Gymnasium Abitur gemacht hatten. Tatsächlich, eine Ursula Schreiber war verzeichnet. Sie kopierte ihm die Namensliste, die zum Glück auch einige sehr ungewöhnliche, also seltene Familiennamen enthielt. Denn die Familien Müller oder Meier ohne weitere Anhaltspunkte zu finden, war immer ein mühseliges Geschäft. Kramer bedankte sich höflich, wuchtete den Band ins Regal zurück und schaute sich nicht mehr um – dass die Damen sofort seinen Freund Holger Weisbart, den langjährigen Gerichtsreporter des Tageblatts, informieren würden, wusste er auch so.

Um sich ein langes Telefonat zu ersparen, ging Kramer in die Redaktion und erwischte Holger dort noch. Sein Freund hatte sehr schlechte Laune, Holger hatte nämlich eine fertig gebaute Seite mit seiner täglichen Gerichtsreportage wieder aufreißen müssen, weil in vorletzter Sekunde noch eine Todes-Anzeige gekommen war, die der Verlag nicht zurückweisen wollte, dazu war der Anzeigenkunde zu wichtig.

Aber eine neue Anzeige hieß auch, dass Holger seinen Artikel kürzen musste, und eher konnte man einen Löwen durch ein Nadelöhr zwingen, als Holger Weisbart zehn mit Herzblut geschriebene Zeilen wegnehmen. Kramer hörte sein Gebrüll schon auf dem Gang vor seinem Zimmer.

"Was willst du denn noch von mir?", raunzte er Kramer an, der ihn lange genug kannte, um ihm diesen Ton nicht zu verübeln.

"Ich wollte dich zum Bier in die Handschelle einladen."

"Und was muss ich dafür tun?"

"Entweder dein Gedächtnis anstrengen oder die Sammlung deiner Stenoblöcke und Notizbücher durchforsten."

"Und wonach, du edler Spender?"

"Nach einem Mordprozess. Angeklagt war Martha Schreiber, geborene Hülsmann. Das Opfer hieß Walther Schreiber. Erschossen vor der Tür eines renommierten Puffs in Holkersdorf."

"Freigesprochen mangels Beweisen."

Weisbart besaß ein sprichwörtlich gutes Gedächtnis, und weil er tagaus, tagein ein ehemals weißes oder hellgraues Leinenjacket trug, das im Laufe der Jahre dunkelgrau angelaufen war und jede elegante Form verloren hatte, sondern sich gewaltig ausgebeult hatte, nannte man ihn im Amts- und im Landgericht, wo er sich seit zwanzig Jahren jeden Verhandlungstag herumtrieb, den weißen Elefanten.

"Bekannt, Holger. Das reicht nicht einmal für ein Bier. Geschweige denn für Bratkartoffeln."

"Okay, ich melde mich – wenn ich diese ruchlosen Anschläge des Verlags auf meine Gesundheit und meine emotionale Stabilität überlebt habe."

"Ach, das wirst du schon. So long."

Als Kramer wie üblich die Reste seines Schlummertrunks über den riesigen Stachelkaktus goss, der neben seinem Wohnzimmerfenster stand und sich für die abwechslungsreiche Befeuchtung aus Weinschorle, Whisky, Bier – an hohen mexikanischen Feiertagen gab es auch mal ein Schlückchen Tequila gegen das Heimweh – mit vielen kleinen rosa Blüten bedankte, die entgegen allen klugen Gärtnerei-Büchern und Ratgebern über Monate den mesquita mexicano schmückten, fiel ihm wieder ein, an wen ihn die Aufnahme von Ursula Schreiber erinnerte. An ein Nachbarskind in seinem Heimatort Neustadt/Ulitz, an Anna Fehrenholz, die er vor und während der Pubertät bewundert und sehr diskret, um nicht zu sagen: schüchtern umschwärmt hatte. Im Morse-Lehrgang hatte er ihren älteren Bruder Arno kennengelernt, der schon Elektrotechnik studierte und auch Amateurfunker war. Kramer lernte viel von ihm, Theorie und Praxis, Basteln und Berechnen. Außerdem besaß Arno eine Spulenwickelmaschine, und Spulen blieben Kramers bastelmäßiger Schwachpunkt. Arno und er waren in der Nachbarschaft gefürchtet, weil ihre Sender immer wieder mal den Fernsehempfang störten.

Kramer geriet dann mit seinem Hobby sogar in die Spalten der örtlichen Presse, als es ihm gelang, mit einer Sende-Leistung, die dem Verbrauch zweier Taschenlampenbirnchen entsprach, eine Kurzwellen-Verbindung mit Neuseeland herzustellen, was der dortige Amateur durch eine QSL-Karte bestätigte. Wer in Neustadt an der Ulitz erhielt schon Post aus Neuseeland? Es sprach sich herum.

So gut er sich mit Arno verstand, so wenig wollte es mit Anna klappen. Sie übersah Rolf Kramer einfach, zwar freundlich und nett, aber auch ganz entschieden. Kramers Vater machte eine sehr kluge Bemerkung, als sie Anna zufällig bei einer Wanderung an der Ulitz trafen.

"Eine sehr schöne Frau, du hast Recht, in sie hätte ich mich auch verguckt. Aber nimm dir Zeit, sie wird noch schöner, je älter sie wird. Hoffentlich bleibt sie mit beiden Füßen auf dem Boden."

Das tat sie wohl nicht, wie Arno manchmal erzählte, sie wurde ein umschwärmtes und wegen seiner zahlreichen Affären auch bekanntes Fotomodell, und lächelte Kramer oft von den Titelseiten der Illustrierten an. Wie sein Vater vorhergesagt hatte – sie wurde schöner und auch begehrenswerter. Sie starb auf dem Beifahrersitz eines Sportwagens, den ihr neuer Freund, mit Drogen bis unter die Haarwurzeln zugedröhnt, auf der Schnellstraße gegen einen Brückenpfeiler steuerte.

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Zweiter Tag

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Der Tag würde lang werden, und Kramer verspürte schon sehr bald Kaffeedurst. Er hatte seine Mini-Kamera mitgenommen, ein elektronisch-optisches Wunderwerk, so klein, dass es unauffällig in seine Jackentasche passte, mit einem Speicherchip fast unglaublicher Kapazität und einem Wunder-Objektiv. Kramer hatte sehr viel Geld für dieses Werkzeug hinblättern müssen. Aber es hatte sich bislang auch schon bezahlt gemacht.

Auf der anderen Seite des Berner Platzes begann die Cortistraße, und dort gab es das Mokkahaus. Früher war es ein ganz normales Café gewesen, dessen Inhaber Tempel hieß. Café Tempel oder etwas verballhornt das Tempelcafé. Das alte Gemäuer war schwer beschädigt und erst gegen Ende des vorigen Jahrhunderts von einem Enkel des ursprünglichen Betreibers renoviert, erweitert und aufgepeppt worden. Der esoterisch angehauchte Enkel meinte, wenn der neue Spitzname schon Kaffeetempel lautete, sollten Inneres und Äußeres auch daran erinnern. Er hatte sich allerdings zwischen Romanik, Gotik, Barock, Rokoko, Shintoismus und Buddhismus und New Age nicht so recht entscheiden können und deshalb von jedem etwas einbauen lassen. So war ein großer Saal mit einer hohen gewölbten Decke, Rippenbögen, viel Stuck und gotisch großen Fenstern entstanden, die immerhin den Vorteil boten, dass man sie im oberen Teil zwecks Frischluftzufuhr klappen konnte. Der Boden war mit einem weinroten dicken Teppich ausgelegt worden, trittfest selbst für schwer beladene Kamele, und abwechselnd mit blauen und goldenen Bourbonen-Lilien verziert; in der Mitte des Saales plätscherte ein kleiner Springbrunnen aus imitierter Jade. Es gab runde Tischchen mit Marmorplatten, rot gepolsterte, sehr bequeme Armsessel. Gedämpfte Beleuchtung aus farbigen Lampen, keine Musik. Die Wände waren bis auf den letzten Quadratzentimeter mit Fotos schöner Frauen bedeckt, nach allgemeinem Spott die früheren Bedienungen, denen der Ruf nachschlich, eine Auswahl der jugendlichen Schönen der Stadt zu sein. Alles war schauerlich schön geraten; für weiteren Kitsch gab es einfach keinen Platz mehr. Das Publikum hatte das Mokkahaus begeistert angenommen, auch die lange Karte mit den vielen Kaffeevarianten und phantastischen, preiswerten Kuchen, außerdem rühmte sich der Wirt, in seinem Geschäft liefen die schönsten Bedienungen mit den längsten Beinen in den kürzesten Röckchen umher, die als gerade noch jugendfrei durchgingen. Besonders gut machten sie sich, wenn die attraktiven Damen, die gerade nichts zu tun hatten, an der langen Bar saßen. Die einzelnen Gänge und Abteilungen waren mit echten Palmen in Kübeln abgeteilt, in einigen saßen oben kleine braune Plüschaffen. Niemand rauchte. So war die Luft angenehm zu atmen, trotz des merkwürdigen Parfümgeruchs, der über die Gäste hinwegwaberte.

Nach längerem Suchen fand Kramer noch einen Platz an einem Tisch, an dem drei junge Damen saßen, die nach Alter, Aussehen und Aufzug eher in eine Disco als in das Mokkahaus passten. Er wurde unfreundlich gemustert, als habe er bereits laut verkündet, er werde sofort alle jungen Frauen in Reichweite handgreiflich belästigen, so dass sie am besten in die noch freien Palmwipfel flüchten sollten.

Der gedeckte Apfelkuchen mit Sahne war hervorragend, der Kaffee heiß und stark und schwarz wie die Erbsünde. Dazu wurde automatisch ein Glas Mineralwasser serviert. Über den Service konnte er nicht klagen. Als die junge Bedienung das nächste Mal in seiner Nähe vorbeischwebte, hielte er sie an. "Wissen Sie zufällig, ob Jutta Schreiber schon da ist?"

Die junge Frau tat ihm den Gefallen, stehen zu bleiben und so zu tun, als überlege sie angestrengt. Dann zuckte sie die Achseln. "Das weiß ich nicht. Soll ich mich mal erkundigen?"

"Das wäre sehr freundlich von Ihnen."

Nach drei Minuten kam sie zurück, stellte erst auf einem Nebentisch ein Tablett mit Getränken und Kuchen ab und sagte ihm dann nicht unfreundlich, aber etwas kurz angebunden: "Jutta hat heute keinen Dienst."

"Vielen Dank."

Nach dem Kaffee wollte Kramer innerlich Platz für weitere Getränke schaffen und verzog sich über die Treppe in den Keller Richtung Toiletten. Hier war es heller und kühler, und vor allem leiser. Vielleicht deswegen fielen ihm die Schritte der beiden Männer auf, die hartnäckig hinter ihm hergingen. Nun ja, pinkeln war ein Menschenrecht, deswegen kümmerte er sich nicht darum. Doch dann wurden hinter ihm die Schritte schneller und kamen näher. Bevor er sich umdrehen konnte, erhielt er einen heftigen Stoß in den Rücken und geriet ins Taumeln, knallte mit dem Kopf gegen die gekachelte Wand und fiel hin. Ein echter Menschfreund versetzte ihm einen schmerzhaften Tritt in die Seite, er rollte sich instinktiv herum und sah nur zwei maskierte Typen, die sich über ihn beugten. Maskiert, aber als Paar doch auffällig. Der eine war sehr groß und zeigte ein gewaltiges Messer. "Verpiss dich, du Hurensohn, und lass dich hier nie wieder blicken, sonst amputiere ich dir die Eier." Zuzutrauen war es dem ordinären Brutalo ohne weiteres. Sein Kumpel wirkte daneben klein und pummelig. Beide Typen wollten keine Antwort abwarten und machten danach kehrt. Pat und Patachon oder Dick und Doof.

Kramer brauchte ein paar Minuten, bis er sich aufrichten und hinstellen konnte. Seine Seite und Hüfte schmerzten höllisch. Auf seiner Stirn ertastete er eine Beule. Dann rappelte er sich hoch, schlich in den nächsten Raum mit den Pinkelbecken und leerte die Blase, wobei er schon wieder hämisch grinsen konnte.

So dumm waren diese Kerle, dass sie eigentlich laut jammernd durch die Gegend laufen mussten. Da hatte er mit seiner harmlosen Frage an die Bedienung ja hundertprozentig ins Schwarze getroffen. Jutta Schreiber. "Die Enkelin" war hier also bekannt. Vielleicht hatte sie tatsächlich mal als Bedienung hier gearbeitet. Dann lag die Vermutung nahe, dass diese Corinna Völker früher hier ebenfalls bedient hatte.

Als er zurückkam, räumten seine drei Grazien das Feld und er hatte einen Tisch für sich, bestellte einen Schoppen Wein und Mineralwasser, zahlte sofort und gab sich ganz entspannt der Betrachtung der jungen, hübschen Mädchen in den kurzen Röckchen und stramm sitzenden weißen Shirts hin. Sie hatten gut zu tun. Dann betrat eine Besucherin das Mokkahaus, die er kannte. Corinna Völker setzte sich neben eine junge Frau mit einem dichten, langen, kastanienbraunen Pferdeschwanz, die schon länger an der Bar hockte und dem großen Saal bisher den Rücken zugekehrt hatte. Sie drehte kurz den Kopf zu der Nachbarin und schien etwas zu sagen, worauf Corinna zu einer ausführlichen Rede ansetzte, bis zwei Männer, einer auffällig groß, der andere klein, aus einem Raum hinter der Bar erschienen. Sie schoben die Frauen an einer der Kaffeemaschinen zur Seite und redeten eifrig auf Corinna und ihre Nachbarin ein. Corinna drehte sich um und musterte die Gäste im Saal. Kramer hatte den Eindruck, dass sie ihn erkannte und das umgehend den beiden Männern mitteilte. Die Frau mit dem auffälligen Pferdeschwanz und dem knallig bunten Tuch, mit dem sie ihr Haar zusammengebunden hatte, stand sofort auf und verließ das Mokkahaus. Allerdings nicht schnell genug, Kramer hatte, sobald sich Corinna neben sie setzte, seine Kamera schussfertig gemacht, den Blitz ausgeschaltet und den Apparat auf die Tischplatte gelegt. Er konnte ihn mit dem Handteller so abdecken, dass das Objektiv zwischen seinen Fingern auf die Bar gerichtet war; wenn er alles richtig gemacht hatte, wurden Corinna und die Pferdeschwanz-Besitzerin abgebildet. Als die junge Frau mit den braunen Haaren den Kopf zu ihrer Nachbarin drehte, drückte er auf den Auslöser.

Danach beeilte er sich, um noch vor der Mittagspause auf der Cortistraße zu telefonieren. Die Braunhaarige mit dem auffälligen Haarschopf war nicht zu sehen. Die Auskunft verband ihn mit Renate Helmesberger. Den musikalischen Namen auf der Abiturientenliste hatte er sich gemerkt.

Kramer stellte sich vor und fragte als erstes: "Sind Sie die Renate Helmesberger, die mit Ursula Schreiber zusammen Abitur auf dem Waldeck-Gymnasium gemacht hat?"

"Warum wollen Sie das wissen?"

"Weil mich Ursulas Mutter beauftragt hat, ihre Tochter zu suchen."

"Sind Sie ein Detektiv?"

"Ja, ein Privatdetektiv."

"Und wie soll ich Ihnen dabei helfen?"

"Ich hatte gehofft, Sie könnten mir etwas über Ursulas Freunde erzählen. Und möglicherweise den Mann kennen, von dem sie ein Kind bekommen hat."

"Ein Kind ... ? Herr Kramer, können Sie irgendwie beweisen, dass Frau Schreiber Ihnen den Auftrag gegeben hat, Ursula zu suchen?"

"Nein. Sie müssten, wenn Sie Zweifel haben, schon Martha Schreiber anrufen."

"Die alte Hexe? Nie. Tut mir leid, ich fürchte, wir kommen nicht zusammen, Herr Kramer."

Zornig und enttäuscht steckte er das Handy ein und drehte sich um, gerade noch rechtzeitig, um die junge Frau mit dem auffälligen Pferdeschwanz zu bemerken. Sie kam aus einem Geschäft auf der anderen Straßenseite und schwenkte eine Papiertüte. Kramer kannte sie nicht, aber ihr Gesicht kam ihm irgendwie bekannt vor, so, als habe er sie schon einmal gesehen. Und als er das Handy einsteckte, fühlte er in der Jackentasche die Ausdrucke, die Posipil gemacht hatte. War die Kastanienbraune etwa Jutta Schreiber? Oder war die Braunhaarige dafür zu jung? Eher zwanzig als vierzig? Nachdenklich ging er ins Büro zurück und klopfte zuerst an Posipils Tür.

Der Ahnenforscher stöhnte aus Leibeskräften: "Seit dieser Gesetzesänderung, dass Familien den Namen der Frau annehmen dürfen und der Name des Mannes gänzlich verschwindet, suche ich mich zu Tode, um einen simplen Stammbaum zusammenzukriegen."

Kramer kannte seine Klage schon: "Du hast doch gestern eine Frau elektronisch altern lassen."

"Ja, und?"

"Sie ist vor 24 Jahren untergetaucht."

"Ach, und du meinst, ich solle mal eben in alten Zeitungen und Archiven nachsehen?"

"Kann nicht schaden. Sie heißt Ursula Schreiber. Mutter ist Martha, geborene Hülsmann, Vater Walther Schreiber. Walther mit -th. Vor ebenfalls 24 Jahren ermordet. Bisher hat mir gegenüber noch keiner angedeutet, zwischen dem Verschwinden der Tochter und dem Mord an dem Vater könne es einen Zusammenhang geben. Ehefrau Martha war angeklagt, ist aber mangels Beweisen freigesprochen worden."

"Jetzt suchst du die Tochter und den Mörder des Vaters sozusagen parallel, was?"

"Vielleicht habe ich mit der einen auch den anderen aufgefunden."

"Toi, toi, toi", wünschte Posipil. "Ich beeile mich."

Kramer setzte sich in sein Büro und rief bei Ackerknecht an. Der Anwalt saß in seinem Büro, stöhnte über einen Schriftsatz, der unbedingt noch heute raus musste, schimpfte über einen Richter am Amtsgericht, mit dem er sich heute Vormittag herumgezankt hatte, und war, anders als seine Chefin Marlies Henkel, über die Ablenkung nicht böse:

"Ob man Ursula Schreiber verdächtigt hat, ihren Vater erschossen zu haben?"

"Wäre doch denkbar – oder?"

"Sicher wäre es das, nein, verdächtigt hat man sie nicht, aber der Staatsanwalt hätte wohl gerne in diesem Zusammenhang mit Ursula gesprochen. Doch Grem hatte versagt, Ursula Schreiber blieb in der Versenkung."

"Hat Mutter Martha sie nicht suchen lassen?"

"Doch, von einem Privatdetektiv namens – Moment, wo habe ich ...? – Ottmar Stövenich. Der war aber eine trübe Tasse und hat nichts herausgefunden."

"Danke, dann mal viel Erfolg bei Ihrem Schriftsatz."

"Na ja, Sie wissen doch: Quod non est in actis, non est in mundo."

"Wie bitte?"

"Was nicht schwarz auf weiß in den Akten steht, existiert für den Juristen nicht."

Kramer hätte gerne gefragt, ob das auch für Tritte in die Seite und blaue Flecken auf den Hüftknochen gelte, aber er wollte Marlies Henkel, die aus dem Hintergrund den Meister zur Eile antrieb, nicht weiter erzürnen.

Anielda, Zukunftsfragen auf wissenschaftlicher Basis, hatte ihre letzte Kundin verabschiedet und ließ sich von Kramer zu einem Essen in Veras vegetarischem Paradies einladen.

"Brauchst du meine Hilfe?"

"Anders gefragt, brauchst du ein Honorar für dein schwindsüchtiges Girokonto?"

"Ja, brauche ich sogar dringend."

"Du könntest für mich in das Mokkahaus in der Cortistraße gehen und dir ansehen, was da deiner Meinung nach abläuft."

"Was befürchtest du denn?"

"Ich sage lieber nichts, um dich nicht aus Versehen auf eine falsche Spur zu setzen und abzulenken."

"Nun sag schon, was suchst du eigentlich im Mokkahaus?"

Er schnaufte, kapitulierte und holte eine Kopie der Porträts heraus.

"Schöne Frau", meinte Anielda ehrlich beeindruckt.

"Das Bild ist 24 Jahre alt. Aber sie soll eine Tochter haben, die jetzt 23 oder 24 Jahre alt sein müsste, und diese Tochter suche ich im Auftrag ihrer Großmutter."

"Und du meinst, wenn du die Mutter findest, kriegst du die Enkelin sozusagen gratis obendrein?"

"Das hoffe ich doch sehr."

"Na schön, ich schau' mich mal um." Sie aß nachdenklich zu Ende und verzichtete sogar freiwillig auf ein Dessert.

Im Büro suchte Kramer sich noch die Adressen heraus. Nach der Abiturliste aus dem Tageblatt sollten Volker Berghalter und Konstantin Uslewski zusammen mit Ursula Schreiber Abitur auf dem Waldeck-Gymnasium gemacht haben. Zwei ungewöhnliche Namen, vielleicht lebten sie noch in der Stadt, oder Posipil konnte mit seinen Möglichkeiten die Adressen herausfinden.

Corinna Völker kicherte nervös am Telefon, als er sagte, er möchte gerne mit ihrem Vater sprechen. "Muss das sein ...?"

"Keine Angst, ich will ihn zu einer Sache befragen, die sich vor 23 Jahren zugetragen hat."

"Ach so."

"Aber du könntest mir auch mit einer Auskunft helfen. Du bist heute im Mokkahaus gewesen und hast dich an der Bar neben eine Frau gesetzt, die einen langen, kastanienbraunen Pferdeschwanz hat. Zusammengebunden mit einem auffällig bunten Tuch. Kannst du mir sagen, wie diese Frau heißt?"

"Fünfzig Euro?"

"Einverstanden. Kriegst du, wenn ich das nächste Mal die alte Hexe besuche."

"Bestimmt?"

"Hundert pro."

"Sie heißt Juliane Becker."

"Ist sie die Besucherin, die bei Martha Schreiber war?"

"Nein." Das konnte, aber musste nicht stimmen.

Vater Völker hatte von seiner Chefin gestern schon gehört, dass sich ein Privatdetektiv um dieses merkwürdige freche Ding kümmern würde, das da so einfach hereingeschneit war und von sich behauptet hatte, sie sei Martha Schreibers Enkelin.

"Richtig. Und dazu brauche ich ein paar Auskünfte über Ursula Schreiber. Denn um die Enkelin zu finden, muss ich wohl zuerst die Tochter auftreiben."

"Ganz meine Meinung, das habe ich der Chefin auch schon mehr als einmal gesagt, aber sie will ja partout nicht darauf hören. Warum eine tote Tochter suchen?"

"Hasst sie ihre Tochter Ursula so sehr?"

"Ja, unbeschreiblich. Wann sehen wir uns, Herr Kramer? Ich muss mit Martha Schreiber jetzt zur Senioren-Gymnastik."

Sie verabredeten sich im Ölwechsel. Das war der sinnige Name einer Kneipe neben der Werkstatt, in der Völker den Wagen seiner Chefin regelmäßig inspizieren ließ. Und in Dänemark kann man Öl auch aus Flaschen und Dosen trinken.

Volker Berghalter bestätigte sofort, dass er zum Jahrgang der Ursula Schreiber auf dem Waldeck-Gymnasium gehört hatte und war auch bereit, dem Privatdetektiv zu erzählen, was er wusste. Aber nicht heute Abend! Der Tag war schlimm gewesen, und er musste jetzt unbedingt ins Bett, bevor er beim Reden einschlief. Im Laufe des Vormittags in der Spedition Berghalter. Und Kramer solle etwas Zeit mitbringen; denn er könne nicht versprechen, dass sie ungestört am Stück würden reden können.

"Ich wollte auch noch zu Konstantin Uslewski."

"Schlecht, Herr Kramer, dazu müssten Sie auf den Westfriedhof fahren."

"Woran ist er denn gestorben?"

"Leukämie, trotz Bestrahlung und Chemo."

Morgen war auch noch ein Tag. Kramer fuhr nach Hause, puhlte den Chip aus seiner Wunderkamera und überspielte den Inhalt auf seinen Computer. Die Frau mit dem Pferdeschwanz war leider nur im Profil zu sehen, aber es sollte doch reichen, sie wiederzuerkennen. Er druckte aus, goss sich den Schlummerwein ein und ging bald ins Bett. Bevor Morpheus zuschlug, fiel ihm noch ein, dass er keinen Vertrag für seine Arbeit besaß. Das konnte eigentlich Ackerknecht für ihn erledigen.

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Dritter Tag

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Er musste sich sogar beeilen, um rechtzeitig den Ölwechsel zu erreichen. Die Kneipe war am Vormittag schon gut besucht; Heinrich Völker kam pünktlich und fragte als erstes: "Haben Sie Neuigkeiten?"

"Nein. Ich suche noch. Sie könnten mir helfen und mir erzählen, wann und wo Sie Ursula Schreiber zum letzten Mal gesehen haben."

Völker nickte und winkte der Bedienung, wobei er zwei Finger in die Luft hielt. "Das war im September 1986. Das genaue Datum weiß ich nicht mehr, das müsste ich aus den Unterlagen raussuchen. Es war um die Monatsmitte. Ursula sollte am 1. Oktober in Göttingen ein Praktikum beginnen und wollte vorher noch eine Tante in Bremen besuchen. Sie hatte zwei schwere Koffer mit privaten Dingen gepackt und ich hatte ihr versprochen, ich würde ihr helfen, die Sachen in den dritten Stock hochzutragen und auch helfen, die Stereoanlage, den Fernseher und so weiter anzuschließen. Das habe ich auch getan, es wurde etwas knapp, ich musste mich beeilen, weil Walther Schreiber zum Frankfurter Flughafen wollte. Also habe ich, sobald wir alles in ihrer kleinen Wohnung angeschlossen hatten, Ursula nur am Bahnhof Göttingen aussteigen lassen und bin gleich weitergefahren. Sie wollte einen Zug nehmen und musste in Hannover umsteigen." Er trank einen Schluck und schnaufte. "Sie war eine erwachsene Frau, die doch wohl in den richtigen Zug einsteigen und in Hannover richtig umsteigen konnte."

"In Bremen ist sie nicht angekommen?"

"Nein. Die Tante – Walthers Schwester – rief abends an, wo denn die Ulla bliebe."

"Verrückte Geschichte, Herr Völker. Hatte Ursula Schreiber viel Bargeld bei sich?"

"Ja. Mehrere tausend Mark, was damals noch was wert war. Aber Grem hat alle Stellen abgeklappert, kein Hinweis auf einen Überfall oder ein Gewaltverbrechen an einer jungen Frau."

"Wie war sie, neigte sie zu Panik oder Hysterie?"

"Nein, gar nicht. Für ihr Alter eine sehr ruhige, überlegte Person." Einen Moment musterte er Kramer düster: "Ich wünschte, meine Corinna hätte davon etwas mehr."

"Ich möchte Ihnen mal was zeigen."

Das Foto der etwa zwanzigjährigen Ursula kannte er ja schon, aber über die "gealterte Ursula" staunte er, bis ihm Kramer erklärte, was da mit Computerhilfe geschehen war.

"Nein, diese Frau habe ich noch nie gesehen."

Die Aufnahme aus dem Mokkahaus gefiel ihm noch weniger.

"Meine liebe Tochter treibt sich herum, Herr Kramer. Es hat keinen Sinn, darum herumzureden. Ich bin schon richtig dankbar, dass sie wenigstens ab und zu in der Villa erscheint und sich um ihre Pflichten kümmert. Wer ist das Mädchen neben Corinna?"

"Ihre Tochter hat mir gesagt, sie würde Juliane Becker heißen. Nein, was diese Juliane mit Ihrer Corinna zu schaffen hat, weiß ich nicht."

"Soll ich sie mal fragen?"

"Ja, bitte. Das wäre sehr hilfreich."

Sie hockten noch fast eine Stunde zusammen, Kramer versuchte immer wieder, etwas über die private Ursula Schreiber zu erfahren, aber Völker wusste entweder nichts oder stellte sich hervorragend dumm. Von einem Freund, einer sexuellen Beziehung wusste er erst recht nichts. Irgendwann wurde Kramer angesichts von so viel Harmlosigkeit aufmerksam und vorsichtig und beschloss, vorerst den Namen Ottmar Stövenich lieber nicht zu erwähnen. Es war alles in allem eine enttäuschende Unterhaltung, aus der Kramer nur mitnahm, dass Ursula Schreiber zur Zeit ihres Abiturs ein hübsches, zurückhaltendes, von mehreren Gleichaltrigen heftig umworbenes Mädchen gewesen war, das von ihrer Mutter scharf beobachtet und gegen alle männlichen Annäherungsversuche energisch abgeschirmt wurde. Völker meinte auf eine Frage spöttisch, nein, die große Mutter-Tochter-Liebe habe nicht existiert, und bei wirklichen Problemen habe Ursula lieber Rat und Hilfe bei ihrem Vater gesucht und auch bekommen.

"Wie haben sich denn Ursula Schreiber und Ihre Tochter vertragen?"

"Sie haben sich gegenseitig nicht zur Kenntnis genommen. Es war ja auch ein gewaltiger Altersunterschied." Das klang gut, aber erklärte gar nichts, doch aus Völkers schmalem Mund las Kramer, dass sein Gegenüber über Ursula und Corinna nicht weiter sprechen wollte. Trotzdem schieden beide im Guten. Völker war überzeugt, dass Kramer alles Menschenmögliche unternehmen würde, und Kramer zweifelte nicht daran, dass Völker die Tochter seines Chefs gemocht hatte.

Auf dem Hof der Spedition Berghalter standen erstaunlich viele Lastwagen und Container-Schlepper, und als Kramer bei Berghalter darüber eine Bemerkung machte, verzog der stämmige Blondschopf sein Gesicht zu einer ärgerlichen Grimasse. "Wir haben immer noch Krise, Herr Kramer, und die schlägt unter anderem auf das Transportgewerbe durch. Autobahnmaut und Krise. Sie brauchen nicht zufällig einen Laster, um Ihre Akten ins steuergünstige Ausland zu verlagern? Liechtenstein wäre eine empfehlenswerte Adresse und für uns eine lohnende Tour."

"Nein, tut mir leid. Und wenn ich mal nach Liechtenstein muss, gehe ich zu Fuß über die Berge."

"Das tut mir auch leid", brummte Berghalter. Er war ein freundlicher und fleißiger Mann, aber Kramer begriff nicht, wie man in so einer Umgebung überhaupt arbeiten konnte. Es stank durchdringend nach Schmieröl, Diesel und heißen Bremsen, Straßenstaub und Desinfektionsmitteln.

Gleich bei der ersten Unterbrechung bekam Kramer mit, was Krise bedeutete. Am Telefon war ein Herr Schlegel, und der versuchte, die Frachtrate für einen Transport zu drücken. So wurde auf dem orientalischen Basar gefeilscht. Und das Geschäft kam trotzdem nicht zustande.

"Bei der Rate müsste ich zuzahlen", brummte der Spediteur, als er auflegte. Kramer sagte nichts, er fand, es war besser, ein Fahrzeug brachte etwas ein, als auf dem Hof zu stehen und nur Fixkosten zu verursachen. Berghalter schien seine Gedanken zu erraten. "Es gibt im Verband vereinbarte Untergrenzen, Herr Kramer, und wenn wir anfangen, um jeden Preis Fracht anzunehmen, beginnt ein mörderischer Preiskampf, eine Spirale nach unten, bei dem die Kleinen als erste kaputtgehen."

"Irgendwann springt die Konjunktur auch wieder massiv an", tröstete Kramer.

"Das hoffen wir alle. Nun aber zur schönen Ursula. Wissen Sie, warum sie angeblich untergetaucht ist?"

"Ich hatte gehofft, Sie könnten mir das erzählen."

"Da muss ich Sie enttäuschen. Als ich Ulla zum letzten Mal getroffen habe – das muss so im Herbst nach unserem Abi gewesen sein – hat sie mir erzählt, sie würde nach Göttingen gehen, um dort in einer Firma, mit der ihre Eltern viele Geschäfte machten, ein Praktikum abzuleisten. So als Vorbereitung für den Tag, an dem sie die Firma Hülsmann M & W übernehmen sollte."

"Sollte oder wollte?"

"Sollte. Ulla hätte gerne Tiermedizin studiert, aber weil's nun mal keinen Sohn gab, hatte die Familie beschlossen, dass sie die Firma weiterführen müsse. Soviel ich weiß, war sie davon gar nicht begeistert."

"Ist sie deswegen weggelaufen? – Sie kennen die Geschichte?"

"Aber ja. Nein, glaube ich eigentlich nicht. Doch einen anderen Grund weiß ich auch nicht."

"Herr Berghalter, es ist möglich, dass Ursula Schreiber zu dem Zeitpunkt, als sie verschwand, schwanger war."

"Die keusche Ulla? Schwanger? Von wem denn? Da hätte sich der Heilige Geist durch das Schlüsselloch zwängen müssen. Welcher Mann?"

"Das weiß keiner", klagte Kramer.

"Ich auch nicht", knurrte Berghalter, und es klang ziemlich ungehalten. "Ich kann Ihnen eine lange Liste von Interessenten zusammenstellen, die damals mit der schönen Ulla gerne ins Bett gestiegen wären oder auch nur intensiv geknutscht hätten, aber ich weiß von keinem, der es geschafft hat."

"Stünden Sie auch auf dieser Liste der Bewerber?"

"Aber ja."

"Dann ist verständlich, warum Ursula Ihnen den Namen des Glücklicheren verheimlicht hat."

"Klar, aber sie war auch sonst ungeheuer diskret, verschwiegen und zurückhaltend."

"Hatte sie in den Monaten vor dem Abi eine gute Freundin, der sie sich vielleicht anvertraut hat?"

"Moment, da muss ich überlegen." Bei ihm arbeitete das Gehirn schneller, wenn ihm eine Zigarette im Mundwinkel klebte und der aufsteigende Rauchfaden das Auge tränen ließ. "Freundin, Freundin", murmelte er. "Also, ich würde es mal bei Delia Mercator versuchen. Sie ist Apothekerin und betreibt die Mönch-Apotheke am Berner Platz."

Kramer notierte sich die Angaben und holte dann die diversen Ausdrucke aus seiner Jacke.

"Diese Ursula kennen Sie ja sicher."

"Klar, die schöne Ulla kurz vor dem Abi. Und wer ist diese Frau? ... halt, Moment mal, das ist doch ... Woher haben Sie das Bild?"

"Das ist nur eine künstliche Alterung dieses Bildes per Computer."

"Dann wäre Ulla immer noch eine sehr schöne Frau, finden Sie nicht auch?"

"Doch, sehr sogar. Kennen Sie zufällig diese junge Dame mit dem langen Pferdeschwanz?"

"Sie kommt mir irgendwie bekannt vor, aber ich kann sie nicht unterbringen. Wer ist sie?"

"Sie heißt Juliane Becker."

"Sagt mir gar nichts."

"Wenn man Ihnen eine Pistole auf die Brust setzt, damit Sie sich entscheiden müssen: Wer hatte in der Zeit um das Abi herum die besten Chancen bei Ursula Schreiber?"

"Ich will Sie jetzt bestimmt nicht ärgern, aber ich denke, das war Konstantin Uslewski."

"Der heute auf dem Westfriedhof liegt?"

"Ja. Wissen Sie, er war der Träumer, der große Romantiker, der Geheimnisvolle mit dem schwermütigen Blick aus schwarzen Augen, der sanfte und schöne Junge. Der Frauenversteher."

"Und? Was meinen Sie? War da was zwischen Konstantin und Ursula?

"Wo denken Sie hin! Die alte Hexe hätte Konstantin, diesen nach ihrer Meinung dahergelaufenen Polacken, eigenhändig umgebracht, wenn er sich ihrer Tochter zu nähern gewagt hätte."

"Wenn die Mutter so denkt, muss die Tochter nicht auch so denken."

"Nein, aber die schöne Ulla hatte in diesem Punkt Angst vor ihrer Mutter. Sie mochte sie auch nicht leiden. Ich weiß nicht warum, aber Ulla hat die alte Hexe Martha gehasst und zugleich verachtet und auch gefürchtet. Wie so eine Mischung entsteht, weiß ich bis heute nicht."

"Sie sind sich sicher, dass es die drei Komponenten waren: Hass, Verachtung und Furcht?"

"Ja."

"Das Verhältnis zu ihrem Vater war besser?"

"Sehr viel besser. Auf Schreiber Vater konnte man sich verlassen, er hörte zu, wenn man Probleme hatte und wenn er versprach, sich um etwas zu kümmern, dann hielt er Wort."

"Das klingt, als wüssten Sie das aus eigener Erfahrung."

"Richtig. Er hat mir mal sehr geholfen, als meine Eltern zu feige waren ..." Er brach ab und presste die Lippen zusammen, und Kramer zog es vor, nicht zu bohren. Eine halbe Minute später klopfte es, und eine Sekretärin schaute herein: "Chef, die Leute vom Verband sind da."

"Danke, ich komme."

Kramer bedankte und verabschiedete sich. Bevor er sich ins Auto setzte, telefonierte er mit der Mönch-Apotheke, bekam nach einigem Warten auch Delia Mercator an die Strippe, die sofort zusagte: "Endlich geschieht mal was. Lieber Herr Kramer, ich will gerne mit Ihnen reden, aber meine Apothekerin hat sich eine Grippe eingefangen. Ich komme hier erst um 18 Uhr weg. Holen Sie mich ab?"

"Mit Vergnügen."

Martha Schreiber war nicht so begeistert, als sie hörte, dass Kramer sie in der nächsten Stunde sprechen wollte. Aber er blieb hartnäckig, und ihr "meinetwegen" hatte die Herzlichkeit eines morschen Baumstumpfes.

Als er auf die Villa zuging, verspürte er regelrechten Zorn. Wie konnte man eine so schöne Immobilie so verkommen lassen?! Sie jetzt zu renovieren, musste ein Vermögen kosten.

Corinna Völker musterte ihn verschlagen. Er hatte einen Fünfziger zusammengerollt und steckte ihr das Röllchen wortlos in den Ausschnitt. Wie erwartet, sagte sie nichts dazu, als sei sie gewohnt, dass man ihr auf diese Weise Geld zukommen ließ.

"Die Alte wartet auf dich."

Diesmal trug sie normale Laufschuhe und eine enge Trikothose, aber während sie vor ihm herlief, schwenkte sie völlig unnötig ihre an sich sehenswerten Hüften. Damit reizte sie ihn nicht, sondern stieß ihn ab. In der Halle hatte sich nur eines verändert. Aus dem Kamin waren Asche und angekohltes Holz entfernt worden; auf der Galerie hingen Teppichläufer über der Brüstung.

Martha Schreiber trug einen lila Hausanzug, passend zu ihrer Haartönung und dem Lack auf ihren Fingernägeln. Sie benahm sich genauso hochmütig, abweisend und albern wie beim ersten Mal.

"Haben Sie dieses unverschämte Girl gefunden?"

"Noch nicht, aber ich habe jetzt einige Hinweise, wo ich sie suchen sollte."

Ihr neugieriges Lächeln gefror zu einer hämischen Grimasse, und er beschloss, ihr das Foto aus dem Mokkahaus nicht zu zeigen. Sie würde die nur im Profil abgebildete junge Frau mit dem langen Pferdeschwanz wohl kaum erkennen, aber die Nachbarin Corinna war weit besser getroffen. Und er hatte keine Lust, sich bei dieser widerwärtige Kundin komplizierte Lügen auszudenken, und er wollte Corinna nicht in die Pfanne hauen. Noch brauchte er sie als Beobachterin und Zuträgerin in dieser Villa; die fünfzig Euro, die sie wahrscheinlich für jede Information fordern würde, konnte er später der Alten als Ermittlungsspesen auf die Rechnung setzen.

"Sie wollten mich noch etwas fragen", drängte sie mit ihrem sägenden Tonfall.

"Ja, bei meinem ersten Besuch haben Sie von dem Mädchen erzählt und dabei erwähnt, dass die junge Dame" – in ihrem Gesicht zuckte es verächtlich – "indirekt ihren Namen verraten hat. Ihre Mutter habe ihr gesagt 'Juttakind' oder so ähnlich."

Sie nickte und Kramer schaute sie fest an. "Sind Sie sicher, dass sie gesagt hat 'Juttakind'?"

"Natürlich bin ich sicher", fuhr sie ihn an. "Was denn sonst sollte sie gesagt haben?"

"Ich habe einen Hinweis darauf, dass die junge Dame mit Vornamen Juliane heißt."

"Unsinn. Herr Kramer, ich bin zwar etwas älter, aber nicht taub, sie hat gesagt 'Juttakind'."

"Na, dann muss ich mal weitersehen. Vielen Dank, gnädige Frau, das war's auch schon."

Er war froh, dieses Zimmer mit der erstickenden Atmosphäre zu verlassen.

Corinna hatte offenbar nicht gelauscht, sondern in der Küche auf ihn gewartet. "Na, hast du mich bei der Alten verpfiffen?"

"Nein. Und dafür bekomme ich eine weitere Information von dir. Wie hast du diese Juliane Becker kennengelernt?"

"Ich arbeite ab und zu im Mokkahaus und sie kam als Aushilfe-Neuling zu uns und hat mich so einiges gefragt. Was da so abläuft, worauf sie achten müsse und so. Ich hatte den Eindruck, dass sie nicht das erste Mal kellnerte, sondern schon anderswo ihre Erfahrungen gemacht hatte."

"Und was läuft da so ab?"

Sie griente schief. "Wenn du mal abends einsam bist und ein nettes Mädchen suchst, um mit ihr ins Kino zu gehen oder ein Bier zu trinken, kannst du dein Glück im Mokkahaus versuchen."

"Mehr nicht?"

"Nein, wenn du an Drogen oder Joints oder Sex oder Nacktaufnahmen denkst, bist du im Mokkahaus an der falschen Adresse. Soll ich dir einen Schnief besorgen?"

"Nee, danke, ich habe noch genug. Und wenn ich mit dem Mädchen nicht nur plaudern und was trinken will?"

"Gegen Bezahlung, meinst du?"

"Zum Beispiel, ja."

"Da bist du im Mokkahaus ebenfalls an der falschen Adresse."

"Na schön." Man musste ja nicht alles glauben, was einem so erzählt wurde, besonders nicht, wenn sich eine der Beteiligten ins beste Licht rücken wollte. Irgendwo hatte er einmal in einem Institut für Bekanntschaften einen Spruch gelesen. "Unser Haus dient der Anbahnung von Beziehungen, nicht dem Vollzug derselben." Das klang gut, aber vielleicht deswegen hatten einige Mitglieder ihre Monats-Beiträge nicht gezahlt. Das Geld sollte er jetzt herbeischaffen.

Sie entließ ihn mit einer huldvollen Handbewegung.

Ackerknecht murrte zwar zu Anfang, willigte aber schließlich ein, für Kramer einen Vertrag von seiner Mandantin Martha Schreiber zu besorgen. "Kommen Sie voran?"

"Sieht so aus, ja."

Hundert Meter weiter fand Kramer eine Telefonzelle mit einem noch nicht zerfledderten Telefonbuch – was nicht mehr die Regel war. Ottmar Stoevenich, Privatdetektei, war eingetragen, aber bei der Adresse musste Kramer heftig schlucken. Blinkerstraße 11 – das war so etwa die schlimmste Wohn- und Geschäftsgegend, die man sich in Tellheim ausdenken konnte. Die Blinkerstraße verlief parallel zum alten Rangierbahnhof Pesterberg. Links und rechts standen halb eingefallene Fabrikhallen, winzige Werkstätten mit Notdächern, Garagen ohne Tore, und dazwischen immer wieder mehrstöckige Mietshäuser, die aussahen, als habe hier vor Jahrzehnten der letzte ordentliche Mieter gewohnt, nachdem vor über hundert Jahren zum letzten Mal renoviert oder auch nur repariert worden war. Hinterhöfe, vollgestellt mit rostenden Autos, Gerümpel, Tonnen und Müll-Containern. Dunkle, verwinkelte Durchfahrten und -gänge, der Boden links und rechts der Trampelpfade hoch bedeckt mit Unrat und Müll. Es stank erbärmlich. Kramer wunderte sich, dass hier überhaupt noch Menschen wohnten, das ganze Viertel sollte, wie er aus der Zeitung wusste, abgerissen werden und die Stadt kämpfte gegen Hausbesetzer, Stadt- und Landstreicher und Obdachlose, die sich hier festsetzen wollten. Alles wirkte erbärmlich, wie wollte ein Privatdetektiv hier Honorar zahlende Kunden finden und neue Kunden von seinen Fähigkeiten überzeugen, die ja augenscheinlich nicht einmal ausreichten, mit ihnen eine ordentliche Wohnung in einer ordentlichen Gegend zu finanzieren? Nummer elf war ein fünfstöckiges Haus, in dem einige Stockwerke noch bewohnt schienen. Die Haustür stand weit offen, ein freundlicher Zeitgenosse hatte das Klingelbrett gewaltsam von der Wand gerissen, so dass es nur noch an den Drähten hing. Über das Metallschild Ottmar Stoevenich, Privatdetektei, dritter Stock, hatte jemand mit roter Farbe "Wichser" gesprayt. Klingeln war weder möglich noch nötig. Kramer ging ins Treppenhaus und balancierte die mit allem Möglichen fast zugestellten Stufen hoch. Schon in der zweiten Etage verspürte er Luftnot. Er musste atmen, aber ein bestialischer Gestank nahm ihm die Luft. Viele Wohnungstüren standen weit offen, auch dort, wo die Räume anscheinend noch bewohnt waren. Es gab, wie er aus Erfahrung wusste, einen bestimmten Geruch nach Unsauberkeit und dem dadurch ausgelösten Verfall. Aber so einen unerträglichen Gestank hatte er noch nie erlebt. Dass sich die Bewohner das überhaupt gefallen ließen und nichts dagegen unternahmen und sei es auch nur, einmal ein Fenster zu öffnen.

Als er den dritten Stock erreichte, überlagerte den Gestank der Odeur von zerkochtem Kohl und Toilettendüfte. Tatsächlich – neben einem einladend offenen Eingang prangte ein zweites Metallschild, Privatdetektei Ottmar Stoevenich. Die Klingel funktionierte nicht. Kramer zögerte plötzlich instinktiv, etwas gefiel ihm an der ganzen Sache überhaupt nicht. Doch was, das würde er nicht herausfinden, wenn er hier im Treppenhaus Wurzeln schlug. Also rief er laut "Herr Stoevenich?" und ging in die Wohnung. Niemand antwortete ihm, also verließ er sich auf seinen Instinkt und steuerte die nächste Zimmertür an. Da drin schien sich tatsächlich das Büro zu befinden. Dafür sprachen wenigstens der Schreibtisch, drei Holzschränke an den Wänden und ein Telefon auf dem Tisch, auf dem eine uralte mechanische Schreibmaschine einstaubte. Daneben bemerkte er einen fast unbenutzten Terminkalender.

Kollege Stoevenich hatte schon vor Kramer Besuch gehabt, und der hatte etwas haben wollen, was er in den drei Aktenschränken vermutete. Deren Inhalt lag wild durcheinander auf dem Boden, Papier, Bleistiftstummel, Kugelschreiber, Büroklammern, Tipp-Ex und Quittungsblocks, der Besucher hatte keine Rücksicht darauf genommen, er hatte alles zerrissen, zerknüllt und zertreten. Was wohl nicht ohne Lärm abgegangen war, so dass Stoevenich in seinem Büro erschien. Zu seinem Unglück; denn was immer er geplant hatte, er war wohl nicht mehr dazu gekommen. Ein grauhaariger Mann mit Tonsur und Geheimratsecken lag hinter dem Schreibtisch, das Shirt war auf seiner Brust blutdurchtränkt und er blickte mit todesstarren Augen an die Decke. Einen Moment war Kramer wie gelähmt. Irgendwo klickerte Holz gegen Holz, nicht laut, sondern seltsam leise und irgendwie verstohlen. Das Blut auf dem Shirt schimmerte noch feucht, der tödliche Stich war erst vor wenigen Minuten geführt worden, und kaum hatte er das gedacht, da knallte die Wohnungstür ins Schloss. Kramer lief noch auf den Flur hinaus, hörte aber nur noch, dass jemand in höchster Eile im Treppenhaus die Stufen hinuntersprang und gelenkig genug war, auf den Füßen zu bleiben. Ein kaltblütiger Mörder, den er beinahe überrumpelt hätte, wenn der Mann sich nicht in einem Zimmer versteckt und dann alles auf eine Karte gesetzt hätte – nach draußen zu hetzen und die Tür hinter sich zuzuwerfen. Zwecklos, hinter dem Unbekannten herzujagen.

Kramer holte seine Wunderkamera heraus und knipste den Toten, den Tatort und alles, was ihm wichtig erschien, darunter auch den aufgeschlagenen Terminkalender. Unter dem heutigen Tag war ohne Uhrzeit nur eingetragen "Olaf B." Das Telefon fasste er nur mit Handschuhen an und wählte 110. "Guten Tag, ich möchte einen Mord melden. Ottmar Stoevenich, Blinkerstraße elf, dritter Stock ... mein Name? Ach, der spielt keine Rolle, nein, ich warte auch nicht auf Sie."

Zügig, aber nicht auffällig hastig, ging er wieder auf die Straße hinunter und überlegte auf der Fahrt ins Büro, ob er sich auf Ackerknecht verlassen durfte. Der Anwalt hatte ihm den Namen Ottmar Stoevenich genannt und würde sich daran erinnern, sobald er in den Zeitungen morgen oder übermorgen den Namen des Mordopfers gelesen hatte. Anwälte konnten es sich nicht leisten, so etwas zu vergessen und die Frage war nur, fühlte er sich bemüßigt, von sich aus zur Polizei zu gehen und den Namen Rolf Kramer in die Untersuchung einzuführen? Oder wartete er ab, bis die Kripo zu ihm kam, und dafür gab es eigentlich keinen Grund. An der nächsten roten Ampel beschloss Kramer, auf sein Glück zu vertrauen.

Der Kaffee lief noch durch, als Posipil zu ihm herüberkam; er hatte sich mächtig beeilt und einen kleinen Stapel Artikel ausgedruckt, die er elektronisch zusammengesucht hatte – über die Familie Schreiber/Hülsmann und die Grundlagen ihres Reichtums. Kramer schätzte seinen Büronachbarn Posipil, auch wenn jeder Besuch bedeutete, dass für ihn, den Besuchten, kein Kaffee mehr übrig blieb.

"Großvater Hieronymus Hülsmann – ja, er hieß tatsächlich Hieronymus – war ein geschickter Mechaniker, der hervorragende Waagen herstellte, mit denen er ein kleines Vermögen verdiente. Er hatte eine Schweizerin geheiratet und noch vor dem Ersten Weltkrieg einen Großteil seines Geldes legal über die Grenze gebracht. Mit der festen Währung im Rücken überstanden er und seine Firma die Inflation Anfang der zwanziger und die Weltwirtschaftskrise Anfang der dreißiger Jahre. Im Dritten Reich, im Aufrüstungsboom, begann er, Messgeräte und Instrumente aller Art zu bauen, die bei der Luftwaffe und in der Flugzeugindustrie gern eingesetzt wurden. Sohn Leopold Hülsmann ist 1941 in Russland gefallen, ein Neffe, Konrad Hülsmann, übernahm die Firma Hülsmann – Messen & Wiegen. Die meisten Werke aus Familienbesitz wurden im Bombenkrieg zerstört, was in der damaligen SBZ überlebte hatte, wurde demontiert und nach Russland abtransportiert. Es blieb eine Art Rumpfwerk zurück, das als VEB Elektro Halle bis zur Wiedervereinigung existierte.

Konrad Hülsmann hatte nur eine Tochter, Martha, die später den Diplomingenieur Walther Schreiber heiratete, der das Werk in der Weserstraße allmählich ruinierte."

"Wie das?", wollte Kramer wissen, der sich gut an seine Zeiger-Instrumente von H – M & W in seiner Radiobastelzeit erinnerte.

Posipil zuckte die Achseln. Das war wohl schleichend geschehen. Schreiber verpasste den Anschluss an die Elektronik, die Digitalisierung und wollte nicht einsehen, dass beim Wiegen und Messen das rein mechanische Zeitalter dem Ende zuging. Außerdem trank und spielte er, und wie sich später bei einem Prozess herausstellte, gab er viel Geld für seltsame Freundinnen und Bordell-Besuche aus. Als er 1986 von einem Unbekannten erschossen wurde, war die Firma H – M & W ziemlich am Ende. Walthers Witwe Martha verkaufte sie an die Konkurrenz. Die letzte größere Einnahme der Firma H – M & W – wenn man das so ausdrücken durfte – war die Versicherungssumme für eine abgebrannte Halle auf dem Werksgelände in der Weserstraße.

Bei dem Brand war ein Wachmann ums Leben gekommen und die Polizei hatte recht lange wegen möglicher Brandstiftung ermittelt."

Kramer schmunzelte. Diesen Posipilschen Eifer kannte er, der führte meist dazu, dass der Freund anfing, noch mehr Material einzusammeln, um einen Aufsatz oder eine Firmenchronik zu schreiben. Freund Harald gab sich gerne weltfremd und war sehr geschäftstüchtig. Doch heute musste er die Geschichtsstunde abbrechen.

"Wie man so schön sagt, hat Hülsmann an der Rüstung gut verdient, aber der Bombenkrieg hat alle Werke zerstört, mit Ausnahme dieser kleinen Fabrik in der Weserstraße. Wer für Bomber produziert, wird durch Bomber alles verlieren."

"Seit wann so biblisch, lieber Harald?"

"Seit ich für eine Ahnensuche wieder Kirchenbücher wälzen muss."

Punkt 17 Uhr 59 betrat Kramer die Mönch-Apotheke und wandte sich an eine Angestellte: "Guten Tag, mein Name ist Kramer, ich bin um 18 Uhr mit Frau Mercator verabredet."

"Dann wollen wir mal sehen." Sie ging auf eine Tür zwischen den Regalen zu, und kam nach einer Minute mit einer zweiten Frau zurück, die direkt auf ihn zusteuerte.

"Herr Kramer? Guten Abend, ich bin Delia Mercator."

"Guten Abend. Vielen Dank, dass Sie Zeit für mich haben."

"Wenn sich endlich mal ein Mensch auf die Suche nach Ulla Schreiber macht, muss man den doch unterstützen." Sie sagte es sehr drollig und verzog den Mund zu einer Schmollmimik, aber der Tonfall stimmte nicht ganz. Sie war besorgter als sie zugeben wollte. Delia Mercator war in seinem Alter, eine mittelgroße, schlanke Frau in einer Apothekeruniform – gestärkter weißer Laborkittel, Brille und Kugelschreiber in der aufgesetzten Brusttasche. Sie war, wie Kramer fand, eine aparte Frau, selbstbewusst, energisch und nicht leicht einzuschüchtern. Die blonde und wilde Lockenpracht verführte dazu, sie für etwas fahrig zu halten, aber dieser Eindruck verflog, wenn man ihr einmal in die grauen Augen geschaut hatte. Solche Zeuginnen und Gesprächspartnerinnen liebte er.

"Wo wollen wir uns unterhalten?"

"Sie kennen sich hier in der Gegend besser aus. Machen Sie doch bitte einen Vorschlag."

"Wären Sie mit dem Mokkahaus einverstanden?"

"Aber ja."

Auf dem Weg dorthin überquerten sie den Berner Platz, der Name ihrer Apotheke musste nicht mit einem Kuttenträger zusammenhängen, sondern konnte auch von einem der drei markanten Gipfel des Berner Oberlandes Eiger, Mönch und Jungfrau stammen.

Der Kaffeetempel war wieder gut besetzt. Trotzdem fanden sie einen eigenen Tisch. Nach der Bestellung kam sie gleich zur Sache. "Was bringt die alte Hexe dazu, sich jetzt, nach so vielen Jahren, um ihre Tochter zu kümmern?"

"Die alte Hexe ist Martha Schreiber?"

"Ja."

"Merkwürdig. Ich habe mit Volker Berghalter und Renate Helmesberger gesprochen, und beide haben denselben Ausdruck benutzt."

"Er stammt von Tochter Ursula."

"Sie hat ihre Mutter eine alte Hexe genannt?"

"Ja, fast ausschließlich. Die alte Hexe. Sie mochte sie nicht leiden, und Mutter Martha hatte wohl auch nicht viel für ihre Tochter Ursula übrig."

"Kennen Sie den Grund dafür?"

"Nein. Danach habe ich Ulla zwar häufig gefragt, aber darauf wollte sie nie eine klare Antwort geben."

"Haben Sie denn eine Ahnung, eine Idee, wohin Ulla gelaufen sein könnte?"

"Nein, ich hab' zuerst geglaubt, sie wäre bei einer Tante in Bremen untergekrochen. Aber dann erschien eines Tages ein merkwürdiger Typ bei mir. Er nannte sich Privatdetektiv und behauptete, Martha Schreiber habe ihn beauftragt, die Tochter Ulla zu suchen."

"Was Sie ihm nicht abgenommen haben?"

"Ehrlich gesagt, nein. Er war ein rechter Schmierlappen, schon rein äußerlich, und bei allem, was man Martha Schreiber Schlechtes nachsagen kann, mit unseriösen, unsauberen Menschen hat sie sich nie eingelassen. Und von diesem Mann habe ich gehört, dass Ulla an dem Tag ihres Verschwindens zwar zu ihrer Tante nach Bremen fahren wollte, dort aber nie eingetroffen ist."

"Ihr Kaffee", sagte eine helle Stimme neben ihnen, und ein eifriges, etwas älteres Mädchen – kurzes Röckchen, enges weißes Shirt – setzte ein Tablett mit ihren Getränken ab und zwinkerte ihm zu. Kramer sah ihr unwillkürlich nach, als sie zur Ausgabe zurückging und traute seinen Augen nicht. An der Bar saß, mit dem Rücken zum Saal, zu dem sie sich allerdings mehrfach unruhig umdrehte, Corinna Völker, und Anielda setzte sich in diesem Moment neben sie. Die beiden begrüßten sich zwar nicht gerade wie dicke Freundinnen, aber es war klar, sie kannten sich. Anielda holte etwas aus der Tasche ihres Röckchens heraus und gab es Corinna; die faltete einen Zettel auf und begann dann hastig auf Anielda einzureden, die sie zwar erstaunt betrachtete, gleichwohl aber aufmerksam zuhörte.

"Diese Röckchen sind nicht unbedingt eine Augenweide", meinte Frau Apothekerin kritisch. "Manche Mädchen sollten besser in langen, weiten Röcken bedienen, aber Uniform bleibt halt Uniform." Das konnte nicht auf Anielda gemünzt sein. Frau Delia selbst konnte sich enge Jeans leisten, die man mit dem Schuhlöffel anziehen musste, wahrscheinlich auch so ein kurzes Röckchen, das freilich in einer Apotheke nicht so angebracht war. "Was meinen Sie, wie sehr ich diese weißen Kittel mittlerweile verabscheue." Sie konnte wohl Gedanken lesen.

"Tja. Uniform bleibt halt Uniform. Also Bremen nicht. Wohin könnte sie dann gegangen sein?"

"Ich weiß es nicht. Es musste ein Ort sein, an dem man sie nicht finden konnte, und an dem die alte Hexe sie nicht vermutete."

"Sie meinen also, Ulla Schreiber sei in erster Linie vor ihrer Mutter fortgelaufen und deswegen bewusst untergetaucht?"

"Ja, das meine ich. Allerdings weiß ich beim besten Willen nicht, warum, aus welchem Anlass."

"Bei wem wollte sie sich denn verstecken? Ich kenne niemanden, so wenig wie einen Grund, Frau Mercator. Sie?"

"Delia", verbesserte sie rasch und streckte ihre Beine unter dem Tisch hervor.

"Delia", verbesserte er sich. "Ich heiße Rolf."

"Dann lass mal deinen Grund hören."

Das schnelle Duzen verblüffte ihn nun doch. Sie waren beide keine Teenies mehr, bei denen die dritte Person Plural in Vergessenheit zu geraten schien. Aber so, wie er Frau Apothekerin einschätzte, hatte sie einen guten Grund für ihr Verhalten, was nicht hieß, dass sie ihm den verraten oder er ihn gutheißen würde.

"Im Juristendeutsch müsste ich jetzt sagen, nach bislang unbestätigten Gerüchten war sie schwanger, als sie verschwand."

"Ulla schwanger? Das gibt es doch nicht. Dazu braucht man doch einen Mann. Doch nicht Ulla."

Sie platzte damit scheinbar spontan heraus, doch ihr Blick blieb einigermaßen versonnen, als sei ihr bei seinen Worten gerade ein Gedanke gekommen, den sie ihm aber nicht preisgeben wollte. Jetzt so wenig wie in Zukunft.

"Warum nicht, sie soll doch eine sehr schöne junge Frau gewesen sein?"

"Sie soll nicht nur, sie war es auch, mein Bester. Nein, an Bewerbern und Balzhähnen hat es ihr nie gefehlt, aber sie hatte eine Mutter, eine alte Hexe, die fast bösartig darauf geachtet hat, dass sich kein Mann ihrer Ursula erotisch, geschweige denn sexuell näherte."

"Einer muss ihrer Aufmerksamkeit entgangen sein."

"Unglaublich. Wenn du mir erzählt hättest, Ulla sei entführt und trotz eines hohen Lösegeldes ermordet worden, hätte ich dir das sofort geglaubt. Aber Ulla schwanger und deswegen weggelaufen?"

"Apropos Lösegeld, hätte die Familie Schreiber denn damals ein Lösegeld zahlen können?"

Jetzt rührte sie eine ganze Weile in ihrer Tasse und runzelte die Stirn, bevor sie antwortete, wobei sie ihn für seinen Geschmack zu intensiv musterte, als müsse sie sich davon überzeugen, dass er ihren Worten auch glaubte. "Also, diese Gerüchte habe ich damals auch gehört. Der Firma ging es nicht besonders. Und dann hat es dort einen Brand gegeben. Mein Vater, der zu geschmackloser Ausdrucksweise neigte, hat nur kommentiert: Wie gelegen ein Feuer doch manchmal ausbrechen kann."

"Damit meinte er die Versicherungssumme?"

"Na klar doch. Aber von dem Geld hat die Familie ja nicht lange was gehabt, wenig später ist Walther Schreiber erschossen worden. Und weißt du, wen die Polizei verdächtigt hat?"

"Seine Frau Martha. Sie wurde angeklagt, aber mangels Beweisen oder nach dem Prinzip 'Im Zweifel für den Angeklagten' freigesprochen."

"Richtig. Du bist ja gut präpariert."

"Danke! Sag mal, Delia, hat damals irgendein Mensch den Verdacht geäußert, Ulla könne ihren Vater erschossen haben?"

Sie prustete vor Erstaunen und Entsetzen: "Das habe ich nie gehört!", erwiderte sie so spontan und verblüfft, dass er ihr glaubte. Er seufzte leise. "Und wenn ich jetzt noch einmal Kaffee plus Cognac bestelle, glaubst du, es könnte dir ein Name einfallen, ob der Erzeuger ihres Kindes, wenn sie denn schwanger war, oder ein keuscher Samariter, zu dem sie geflohen ist?"

"Ich versuche es." Er winkte ihrer Bedienung, bestellte noch einmal und sie kramte aus ihrer Handtasche einen kleinen Merkblock und einen Kugelschreiber hervor. "Die Namen werden wohl geblieben sein, aber mit den Adressen – die sind heute zwanzig und mehr Jahre alt."

"Das stört überhaupt nicht. Du darfst auch ruhig Mädchennamen hinschreiben – ob sie geheiratet haben und wie sie heute heißen, finde ich heraus." Während sie nachdachte und eifrig zu kritzeln begann, beobachtete er die Bar. Corinna beendete ihren Monolog und stand auf, nachdem Anielda ihr das Stück Papier abgenommen und wieder zusammengefaltet hatte, ging zu einer Tür, hinter der wohl die Personalräume lagen. Anielda, die sich wieder zu Corinna gesetzt hatte, nachdem sie die zweite Runde bei ihnen abgestellt hatte, folgte ihr – er durfte nicht versäumen, sie damit zu ärgern, wie gut ihre langen Beine in dem kurzen Röckchen zur Geltung kamen; Anielda neigte allerdings dazu, Komplimente als eine besonders gemeine Form der Beleidigung zu betrachten –, die beiden waren gerade hinter der Tür verschwunden, als ein neuer Gast hereinkam und sich an die Bar setzte. Kramer schnaufte zufrieden, diese junge Dame mit dem auffällig langen kastanienbraunen Pferdeschwanz kannte er, beim letzten Mal hatte sie ein buntes Tuch benutzt, um ihre Haarpracht zusammenzuhalten, heute war es ein knallgelbes Tuch, das im Licht der Barstrahler regelrecht glänzte. Allerdings war sie leichtsinnig, eine so große und schöne Schleife verführte einfach dazu, sie aufzuziehen.

"So, hier ist eine Liste möglicher Kandidaten. Und wenn du mich jetzt bitte zur Apotheke zurückbringen könntest, ich möchte nach Hause. Mann, Kinder und Hund wollen gefüttert werden."

Natürlich erfüllte er Delias Wunsch, und erst als der Wagen von seinem Abstellplatz neben der Apotheke losfuhr, fiel ihm auf, dass sie mit keinem Wort angedeutet hatte, in welchem Verhältnis sie früher zu Ursula Schreiber gestanden hatte. Dieses Duzen aus heiterem Himmel war ein elegantes Ablenkungsmanöver gewesen, auf das er prompt hereingefallen war, weil ihm ihre scheinbare Vertraulichkeit geschmeichelt hatte. Du dusseliger Schmalspur-Casanova aus der Ruhlandkaserne, beschimpfte er sich. Den Zettel mit den Namen und alten Anschriften hatte er eingesteckt. Aber nun war es zu spät.

Als Kramer den Berner Platz überquerte, sah er zufällig, dass aus der Cortistraße eine junge Frau mit einem knallgelben Tuch plus Schleife am Hinterkopf auf die Bushaltestelle zusteuerte. Wenigstens das konnte er noch erledigen. Die Kamera hatte er in der Jackentasche und inzwischen hatte er gelernt, die wenigen Einstellungen, die er noch von Hand tätigen musste, blind vorzunehmen. Sie kam näher, blieb einen Moment an der Bordsteinkante stehen, um einen Bus vorbeizulassen, und als er wieder freie Sicht auf sie hatte, streckte er die Hand aus und knipste sie. Der Ahnenforscher verstand es, elektronische Bilder zu vergrößern, zumindest so sehr, dass eine kursichtige Martha Schreiber ihre unerwünschte Besucherin erkennen sollte. Und seit sie sich so intensiv mit Corinna unterhalten hatte, glaubte er fest, dass er das "Juttakind" vor sich hatte. "Juttakind" trug einen hellen Leinenbeutel, den Inhalt konnte er nicht erkennen und nicht erraten. Weil sich Pferdeschwanz an ein Abfahrtsschild stellte, beschloss er, ihr zu folgen. Der Tag war noch lang, es würde noch mehrere Stunden hell bleiben.

Der Schnellbus Linie 33 fuhr bis nach Kattenburg, in ein von Touristen überlaufenes Kreisstädtchen gut zwanzig Kilometer flussab. Sie besaß eine Monatskarte, die sie beim Fahrer vorzeigte, Kramer musste kräftig löhnen, weil er notgedrungen "Endstation" gesagt hatte; er wusste ja nicht, wo sie aussteigen würde. Sie ging vor ihm Richtung Heck und fand einen Einzelplatz am Gang, er drängte sich an ihr vorbei und hatte das Glück, weiter hinten ebenfalls noch einen Platz am Gang zu finden. Ohne Anstrengung hatte er das knallgelbe Signaltuch im Blickfeld, musste nicht einmal den Kopf drehen. So bequem wurde es ihm selten gemacht.

Sie fuhren durch die Weststadt, überquerten den Autobahnzubringer, hielten einige Male in Mingenbach, das auf halbem Wege nach Kattenburg ebenfalls am Fluss lag und inzwischen ein begehrtes Wohnviertel für die Städter geworden war, und steuerten dann über die alte Uferstraße nach Kattenburg. Die jeweils nächste Station wurde auf einem Display über dem Fahrer angezeigt, ein Licht daneben kündigte an, "Wagen hält". Kramer entspannte sich und holte Frau Delias Zettel aus der Jacke, um ihn in der Brieftasche sicher zu verstauen. Frau Apothekerin hatte sich zu Namen durchgerungen, und Kramer vermutete, dass es sich um Abitursgenossen aus dem Waldeck-Gymnasium handelte. Weil er nichts Besseres zu tun hatte, begann er zu rechnen und rief dann Victor Seyboldt an. Victor, ein Mann mit einer unheilbaren Vorliebe für die Farbe Grau im Ton "gedeckt", leitete beim Allgemeinen Versicherungsverein (AVV) die Abteilung "Ungeklärte Schadensfälle", was sich im gedruckten Briefkopf besser ausnahm als die korrekte Bezeichnung "Versicherungsbetrug". Der Graue, wie er im AVV hieß, hatte in seiner Abteilung eine Gruppe sehr erfahrener Ermittler und gab Kramer eigentlich nur dann Aufträge, wenn in der Öffentlichkeit der Vorwurf laut wurde, der AVV verzögere mal wieder die Auszahlung einer Versicherung, nachdem er sich beim Eintreiben der Prämien immer sehr beeilt hatte. Victor hatte nach dreißig Berufsjahren ein beinahe untrügliches Gespür für Betrug und Täuschungsmanöver, und erst, wenn der Graue einen Vorgang abzeichnete, floss Geld.

"Hallo, Victor."

"Ich werd' verrückt, Rolf Kramer lebt noch. Du brauchst einen Auftrag, weil die Bank sonst dein Girokonto sperrt?"

"Das hättest du gerne, was? Nein, heute brauche ich einmal eine andere Hilfe von dir. Im Frühjahr 1986 hat es einen Brand gegeben, bei einer Firma Hülsmann – Messen & Wiegen in der Weserstraße."

"Versicherungsbetrug? Heißer Abbruch?"

"Nein. Mach' bloß keine Pferde scheu. Ich recherchiere in einer Familienangelegenheit der Eigentümer und würde gerne wissen, bei wem die Firma versichert war. Und dann könntest du mir bitte einen Draht zu dem zuständigen Sachbearbeiter dort herstellen. Bei dem Feuer soll ein Nachtwächter umgekommen sein, also hat bestimmt der Staatsanwalt ermittelt."

"Hülsmann – Messen & Wiegen?"

"Genau."

"Ich erkundige mich, Rolf. Eilt es sehr?"

"Nein, überhaupt nicht. Vielen Dank, Victor."

Der Bus erreichte die östlichsten Randviertel von Kattenburg. Im Kern war Kattenburg einmal ein Waffenarsenal gewesen, das auf einem Burg-Hügel lag, der auch bei den häufigen Frühlingshochwassern trocken blieb. Eine lange Rampe führte vom Marktplatz zu der alten Festung hinauf, die ein wechselvolles Schicksal erlebt hatte. Adelsburg, Festung, Arsenal, Zuchthaus, Korrektionsanstalt, Notunterkunft, dann zum Teil Einsturz und heute dekorativer Ruinenrest innerhalb einer modernen Hotelanlage, an die ein Spielcasino grenzte. Die gut "erhaltene" frühneuzeitliche Stadt am Fuß des Burgbergs war heute ein Touristenmagnet. Kattenburg hatte das Schicksal vieler deutscher Städte erlitten und war mehrfach abgebrannt, wirklich mittelalterliche Bausubstanz gab es nicht mehr. Pferdeschwanz saß immer noch unbeweglich auf seinem-ihrem Platz; der Bus schlich durch die engen Straßen der Altstadt, und erst, als auf dem Display das Wort Markt/Fähranleger auftauchte, stand sie auf.

Kramer beeilte sich, es ihr nachzutun. Weil viele Fahrgäste hier aussteigen wollten, fiel er nicht auf. Sie verließ durch die Vordertür den Bus, Kramer stieg in der Mitte aus, hatte keine Mühe sie zu erkennen. Das gelbe Tuch, die Schleife und der weit hin- und herpendelnde Pferdeschwanz waren echte Signale für jeden Verfolger. Sie ging auf die andere Seite des Platzes und stellte sich wieder an eine Haltestelle.

Nach zwei Minuten bremste ein Bus vor dem Schild. Er fuhr bis Pulvermühle, und Kramer hatte keine Lust, ihr aufzufallen und riskierte es deshalb, schwarz zu fahren. Der Bus wurde voll, Sitzplätze gab es nicht mehr, und er musste den Kopf drehen, um sie im Blick zu behalten. Nach vier Stationen war Schluss. "Pulvermühle", sagte der Fahrer ins Mikrofon. "Bitte alle aussteigen, die Fahrt endet hier." Die alte Pulvermühle, heute ein Museumsbau, lag links nahe am Fluss, Pferdeschwanz ging, wie die meisten Fahrgäste, den Beutel schwingend, nach rechts in die Siedlung hinein, die aus drei- und vierstöckigen Häusern bestand, die einzelnen Häuser standen so ausgerichtet, dass auf der von der Straße abgewandten Seite Höfe, kleine Gärten und eine Art schmaler Park, ein besserer Wiesenstreifen, entstanden waren. Sie holte vor einem Hauseingang einen Schlüsselbund aus der Handtasche und schloss die Haustür auf. Kramer hatte respektvollen Abstand gehalten und beschleunigte jetzt merklich. Sie drehte noch den Kopf, weil sie seine Schritte auf den Steinplatten hörte, er winkte ihr zu und grüßte laut: "Guten Abend". Sie erwiderte seinen Gruß zwar nicht, hielt ihm aber die Haustür auf. "Herzlichen Dank." Im Treppenhaus hatte sie es eilig und stieg vor ihm rasch die Stufen hoch. Vor dem zweiten Stock stieß er ein Stoßgebet aus. Aber er hatte Glück, es gab noch ein Stockwerk mehr, das er scheinbar ansteuerte. Sie suchte schon den richtigen Schlüssel an ihrem Bund, als hinter einer der Wohnungstüren ein dumpfer Knall ertönte, dann schrie eine Frau gellend auf. Sie rief erschrocken "Mutter" und schloss in aller Eile die Wohnungstür auf. Während die Tür noch aufflog, schrie die Frau drinnen zum zweiten Mal laut um Hilfe, und die Tochter mit dem Pferdeschwanz raste in die Wohnung. Kramer, der edle Ritter und Beschützer aller Schwachen und Bedrohten, folgte ihr. Die Frau in der Wohnung wehrte sich lautstark und heftig gegen einen Mann, der aber stärker war und sie aus dem Wohnzimmer durch eine offenstehende Tür auf den Balkon drängte. Als die junge Frau mit den kastanienbraunen Haaren ins Zimmer stürmte und laut aufschrie, ließ der Mann einen Moment von der Mutter ab, zog eine Pistole und schoss ohne Zögern auf die Tochter. Die Kugel verfehlte sie und zerschmetterte einen an der Wand hängenden bemalten Zierteller. Kramer war unmittelbar hinter der jungen Frau in das Zimmer gerast, sah zwar die Pistole noch, wollte aber seine Hilfsaktion nicht abbrechen. Er sprang regelrecht durch das zum Glück nicht große Wohnzimmer und stolperte mehr oder weniger unfreiwillig auf den Balkon. Der Mann hatte sein erstes Opfer etwas zur Seite geschoben, wahrscheinlich, um freies Schussfeld zu haben, so dass Kramer in vollem Schwung gegen ihn prallte. Der Erfolg war so ungeplant wie atemberaubend. Der Mann wurde gegen die Balkonbrüstung gedrückt, griff mit der freien Hand noch nach seinem Angreifer, bekam ihn nicht zu fassen und beugte sich lebensgefährlich weit nach hinten über die Brüstung. Wenn es darauf ankam, reagierte Kramer immer sehr schnell, er ließ sich auf die Knie fallen, schlug dabei eine Hand unter den Arm mit der Pistole und benutzte die andere, ein Hosenbein des Schützen hochzureißen. Die Pistole flog in hohem Bogen nach hinten ins Dunkle hinunter und ihr Eigentümer verabschiedete sich mit einem Salto rückwärts vom Balkon. Der Aufprall unten war laut, mehr dumpf als klatschend, gefolgt von einem durchdringenden Stöhnen. Zwei Minuten wollte keiner was sagen, es war nur das schwere Atmen von drei Menschen zu hören. Dann sank die Frau auf dem Balkon lautlos in sich zusammen. Beim Sturz verletzte sie sich nicht, weil Kramer ihr unfreiwillig als Bodenmatte diente. Die junge Frau mit dem Pferdeschwanz schrie wieder auf: "Mutter", aber Kramer schob die Mutter vorsichtig zur Seite und legte zwei Finger an die Halsschlagader. Der Puls erschien ihm schwach, war aber regelmäßig. "Keine Angst", sagte er laut. "Sie ist nur ohnmächtig. Helfen Sie mir, dann legen wir sie auf die Couch." Sie gerieten beide ins Schnaufen, als sie auf dem engen Balkon den Körper anheben und dann ins Zimmer tragen mussten und auf der Couch ablegten.

Danach musterte die Tochter ihn immer noch verwundert, das war für sie alles zu schnell abgelaufen, sie musste es noch sortieren und verarbeiten. "Wir müssen uns bei Ihnen bedanken, Herr ..."

"... Kramer. Ich heiße Kramer, Rolf Kramer."

"... Angenehm, Becker, Juliane Becker." Sie gab ihm förmlich die Hand und ging dann nach nebenan, um eine Decke zu holen. Draußen wurde es jetzt richtig dunkel, und es windete kühl ins Haus herein. Kramer betrachtete die Frau auf der Couch und wieder beschlich ihn dieses merkwürdige Gefühl aus Sehnsucht und Wehmut. Seine Anna war tot, gestorben in dem Auto eines anderen Mannes, und wer war diese schöne, stille Frau vor ihm? Wer wartete auf sie? In welches Auto würde sie steigen? Sie hatte viel Ähnlichkeit mit dem Bild der von Posipil elektronisch gealterten Ursula Schreiber, sah aber, wie Kramer fand, noch viel besser aus.

Juliane kam zurück, breitete die Decke über die Mutter aus und schob eine Hand unter die wärmende Decke.

"Haben Sie eine Ahnung, was der Kerl hier gewollt hat?"

"Ein Sexualtäter?"

"Glaube ich nicht", brummte Kramer, worauf sie sich einen Ruck gab. "Dann kommen Sie mal mit." Der Nebenraum war eine Art kombiniertes Schlaf- und Arbeitszimmer. Ein Einzelbett, ein Schreibtisch, ein bequemer Sessel mit Leselampe und Schränke für Kleidung, Bücher und Akten. Aus den Schränken war alles Papier und alle Wäschestücke herausgerissen, der Schreibtisch war ebenfalls durchwühlt und rücksichtslos ausgeräumt worden. Der Einbrecher hatte etwas gesucht und war, weil er wohl nicht leise genug vorgegangen war, von der Mieterin überrascht worden. Es erinnerte Kramer ganz unangenehm an seinen Besuch in der Blinkerstraße. Also kein Profi.

"Wollten Sie zu meiner Mutter?", fragte sie plötzlich aggressiv und schaute wieder auf ihren Beutel, den sie einfach in der Diele auf den Boden geworfen hatte und nun ausräumte.

"Ja. Ich würde gerne etwas mit ihr besprechen."

"Und was?"

"Verehrte Tochter, das möchte ich gerne mit Ihrer Mutter bereden."

Sie grummelte beleidigt und schmollte, aber er hatte keine Lust, sich mit ihr auf eine Debatte einzulassen; deswegen erinnerte er sie an das, was passiert war. "Zeigen Sie mir, wie ich hinter das Haus unter den Balkon komme? Ich möchte mir den Mann näher anschauen, der vom Balkon gestürzt ist."

"Muss das sein?"

"Nein, es gibt eine Alternative. Wir rufen sofort die Polizei. Ist Ihnen das lieber?"

"Nein."

"Also gehen wir." Wer hatte was vor der Polizei zu verbergen – Mutter oder Tochter?

Im Garten war es schon ausgesprochen düster, eine Taschenlampe besaß sie nicht und Kramer bremste sie, als sie das große Gartenlicht anschalten wollte. Bis jetzt schien kein Nachbar aufmerksam geworden zu sein oder alle hatten es vorgezogen, die drei Affen zu imitieren, was selbst in solchen Häusern mittlerweile eher die Regel als die Ausnahme schien. Also tappten sie vorsichtig vorwärts und tasteten sich an der Hauswand entlang. Doch unter den Balkonen der Rückfront lag kein Mensch auf dem Boden. Auch keine Pistole. Nichts, leer, keine Spur. Ob er den Sturz unverletzt überstanden hatte und davongekrochen war? So hart war der Rasen wohl nicht, aber es gab auch weit und breit keinen Strauch, der den Aufprall hätte abmildern können.

"Verstehen Sie das?", fragte sie perplex.

"Nein. Entweder ist er noch lebend weggekrochen oder er hatte Komplicen, die ihn hier aufgelesen und abtransportiert haben."

"Verrückt."

Kramer wollte nicht widersprechen.

Als Juliane und er in die Wohnung zurückkamen, wachte die Mutter gerade auf und schaute sie erstaunt an.

"Wie geht es dir, Mutter?"

"Danke, so einigermaßen. Was ist passiert?"

Tochter Juliane gab eine korrekte Kurzfassung der Ereignisse.

"Der Mann ist weg?"

"Ja, entweder war er nicht schwer verletzt oder – wie Herr Kramer meint – seine Komplicen haben ihn gefunden und weggeschafft."

"Herr Kramer? Wer ist das?"

"Das bin ich", meldete er sich zu Wort. "Ich hätte Ihnen gerne ein paar Fragen gestellt."

Sie verzog das Gesicht und griff mit einer Hand an ihre Stirn.

"Die allererste wäre, wie ich Sie anreden soll. Frau Becker oder Frau Schreiber?"

"Schreiber? Wie kommen Sie auf diesen Namen?"

"Ich halte Sie für Ursula Schreiber, die 1986 untergetaucht ist, als sie angeblich von Göttingen zu ihrer Tante nach Bremen fahren wollte."

Sie schüttelte den Kopf, wobei sie das Gesicht verzog, als verspüre sie starke Schmerzen. Er nahm das Originalphoto aus der Jacke und eines der "gealterten" Bilder. "Das eine kennen Sie ja wohl noch, das andere hat ein Freund auf seinem Computer für mich hergestellt." Weil sich die Tochter räusperte, sagte Kramer schnell: "Wir können das Gespräch auch gern verschieben, bis es Ihnen besser geht. Hier ist meine Karte, rufen Sie mich an, sobald Sie reden können und möchten."

Die Tochter sagte wenigstens noch einmal: "Vielen Dank für alles und auf Wiedersehen." Die schöne Mutter schwieg, nach den beiden Ausdrucken hatte sie nichts mehr gesagt, die "optischen Beweise" waren erdrückend. So recht konnte Kramer ihren Gesichtsausdruck nicht deuten – Unbehagen, Sorge, Angst, Abneigung. Sie rührte sich nicht, als er die Wohnung verließ.

Es war gar nicht so einfach, ein Taxi in die Magazingasse 22 zu bestellen. Er musste sich von der Auskunft mit der Taxizentrale verbinden lassen, die junge Frau hinter dem Steuer freute sich über die lange Fahrt in die Stadt und teilte ihm ernsthaft mit: "Die erste gute Tour heute. Ich muss Ihnen aber einen Zuschlag abknöpfen. Ich bin im Landkreis Kattenburg gemeldet und darf in der Stadt keine Fahrgäste aufnehmen, muss also leer zurückfahren."

"Geht in Ordnung."

Er ließ sich an den Berner Platz bringen, weil er seinen Wagen holen wollte, um ihn in seiner Garage sicher hinter Schloss und Riegel abzustellen. Der Inhalt des Kofferraumes war zu verfänglich und auch zu teuer, um einen Einbruch oder Autodiebstahl zu riskieren. Dann entschloss er sich, den Wagen für ein paar Minuten auf einem Hof des Ruhlandhauses abzustellen und kurz ins Büro hochzugehen und nachzusehen, ob es etwas Neues und vor allem Dringendes gab. Freund Victor hatte sich beeilt, auf dem Anrufbeantworter war eine Nachricht verzeichnet. "Hallo, Rolf. Ich habe ein Date für dich gemacht, mit Adam Schuster von der Thuringia-Versicherung. Morgen, zehn Uhr 30 vor der Firma Lössner, Weserstraße 38. Da hat früher Hülsmann – M & W gestanden, und Schuster ist der gewünschte Sachbearbeiter. Alles Gute und melde dich mal wieder." Wenn er seinen Festnetz-Anrufbeantworter abhörte, konnte er sich auch die Handybox zu Gemüte führen. Was er umgehend bereute, eine hörbar schlecht gelaunte Anielda befahl: "Rufe mich sofort zurück."

Er gehorchte, und Anielda meinte schon viel friedlicher gestimmt: "Ich komme nachher bei dir in der Haffstraße vorbei. Es gibt Neuigkeiten." Kramer hatte sich eigentlich auf ein Glas Weißwein in aller Ruhe gefreut, aber Anielda wollte sicher ihr Honorar kassieren, die Ebbe in ihrer Kasse nahm wohl wieder einmal bedrohliche Formen an. Er hatte sie einmal schwer beleidigt, als er ihr sagte: "Dich kann man nur als knapp und keusch bezeichnen." Sie verstand es leider genau richtig.

In der Haffstraße fing ihn Babsie auf dem Weg von seiner Garage zu seinem Wohnhaus ab; sie hockte auf ihrem alten, beim Umbau der Straße zurückgebliebenen Meilenstein, und spähte scharf nach Kunden aus. "Immer noch keine Lust?"

"Ich bekomme noch Damen-Besuch, Babsie."

"Wieder von dieser eisernen Jungfrau?" Babsie und Anielda kannten sich vom Sehen und mochten sich nicht leiden. Der Winzling auf dem Meilenstein schluckte Speed und konnte nie genug Kunden angeln, die mit ihr in das Stundenhotel gingen. Seit Kramer in der Haffstraße wohnte, versuchte sie, ihn mit in den Bumsschuppen schräg gegenüber zu verschleppen, manchmal zu Schnäppchen-Tarifen; sie wollte einfach nicht akzeptieren, dass er zwar im Rotlichtviertel hinter dem Bahnhof wohnte, die Dienste und Leistungen der hier arbeitenden Damen aber seit seinem Einzug nicht in Anspruch nahm.

Im Eingang des Stundenhotels erschien ein stämmiger, unrasierter Mann, stemmte die Fäuste in die Seite und brüllte zu ihr herüber: "Laberst du schon wieder herum statt anzuschaffen?"

Kramer wusste, dass Babsie von ihrem Zuhälter gelegentlich schwer verprügelt wurde, aber er hatte akzeptieren müssen, dass Babsie Kramers Einmischung und Hilfe nicht wollte.

Anielda kreuzte eine Viertelstunde später auf. Sie besaß Schlüssel zu Kramers Wohnung und Büro, klingelte oder klopfte nie und schimpfte wieder vor sich hin, weil Babsie ihr irgendwas Unfreundliches nachgerufen hatte. Trotzdem nahm sie ein Glas Wein an.

"Na, wie gefällt dir das Mokkahaus?"

"Schwerer Job, schlechte Bezahlung", murrte sie.

"Hör mal, bevor ich's vergesse, dieses kurze Röckchen steht dir gut, deine langen Beine kommen hervorragend zur Geltung."

"So, so, wenn du häufiger mit mir zum Schwimmen gehen würdest, könnte ich dir zeigen, dass noch andere Körperteile gut zur Geltung kommen."

"Du könntest, wie ich weiß, aber willst du auch?"

"Blödmann."

"Danke."

"Ich habe mich länger mit einer jungen Frau unterhalten ..."

"Mit Corinna Völker", warf er ein, und sie bekam dreißig Sekunden lang den Mund nicht zu, was bei Anielda einen neuen Schweigsamkeitsrekord darstellte.

"Woher weißt du?"

"Ich hab' euch beobachtet."

"Aha. Hast du auch von den Lippen abgelesen, was Corinna mir anvertraut hat?"

"Nein. Ich habe mich in aller Vorsicht erkundigt, die anderen Kollegen bestätigen, was Corinna mir erzählt hat."

"Und was?"

"Seit einigen Tagen drücken sich sehr dubiose Typen im Mokkahaus herum, die unbedingt mit einer Juliane Becker sprechen wollen. Corinna meinte, man müsse befürchten, dass man als Frau nach einer Unterredung mit solchen Typen auf einer Intensivstation aufwacht. Wenn überhaupt. Corinna hat also Juliane angerufen und sie gewarnt. Juliane hat daraufhin am Telefon ihren Job im Mokkahaus gekündigt und ist heute nur noch mal vorbeigekommen, um Sachen aus ihrem Spind zu holen."

"Und was diese Schläger von Juliane wollen, wusste Corinna nicht?"

"Nein, und wenn doch, dann hat sie's mir nicht verraten wollen. Corinna weiß, wo Barthel den Most holt, und wie man als schwache Frau auf seine Kosten kommt."

"Aber so, wie du das erzählst, ist es gut möglich, dass diese Männer Juliane nicht kennen, oder?

"Stimmt. Sie haben irgendwie erfahren, dass Juliane im Mokkahaus arbeitet, aber sie kennen sie nicht."

"Dann kann man also Corinna nicht unbedingt trauen?"

"Nein, besser nicht."

"Wie viele Typen wollen denn was von Juliane?"

"Zwei oder drei."

"Und unternehmt ihr etwas gegen diese Männer?"

"Nein, nicht direkt, Pat und Patachon achten mehr auf die Gäste als auf uns Bedienungen." Was vielleicht erklärte, dass Dick und Doof ihm auf dem Toilettengang eine kleine Warnung hatten zukommen lassen. Aber einen Reim auf die Männer und ihr Verhalten konnte er sich nicht machen, so wenig wie Anielda. Außerdem gab es da noch ein Rätsel, das er Anielda aber nicht erklären wollte. Er hatte sich nach "Jutta Schreiber" erkundigt, was Pat und Patachon aufgeschreckt hatte, die doch angeblich auf Juliane Becker warteten. Wie konnten sie erfahren haben, dass sich Juliane Becker bei der alten Martha Hülsmann als Jutta Schreiber ausgeben hatte? Doch wohl nur von Corinna, die an der Salontür gelauscht hatte? Corinna war ja käuflich.

Anielda trank ihr Glas aus, schenkte sich wieder ein und schnurrte: "Schatz, wer ist diese Juliane Becker?"

Wenn Anielda ihn "Schatz" nannte, musste er noch vorsichtiger sein als sonst.

"Das erzähle ich dir später, wenn der Fall abgeschlossen ist."

Sie schnaufte empört, stellte ihr Glas ab und sagte aufgebracht: "Unter diesen Umständen muss ich mein Honorar sofort verlangen."

"Gehst du dann auch?"

"Nein, ich bleibe heute Nacht hier."

Was, wie er genau wusste, kein erotisches Abenteuer versprach, sondern eine einsame Nacht auf seiner unbequemen Wohnzimmercouch, weil sie sein Bett für sich beanspruchte, und zwar allein. Sie freute sich, dass sie ihn ärgern konnte, griff in eine Tasche und holte einen Zettel heraus.

"Was ist das?"

"Den hat mir ein Gast zugesteckt."

Der Unbekannte konnte zumindest leserlich schreiben: "Darf ich Dich heute Abend zum Essen einladen? Ich heiße Siegfried und habe die Telefonnummer 0137/48 39 230. Rufst du mich an? Es würde mich sehr freuen."

"Und? Hast du angerufen?"

"Bin ich meschugge?"

"Nein, aber oft sehr hungrig."

"Blödmann."

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Vierter Tag

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Und es kam auch so wie befürchtet, er schlief schlecht und war einigermaßen gerädert, als sie ihn am nächsten Morgen aufscheuchte. "Los, los, das Rührei wird kalt."

"Ich werd' nicht mehr. Du kannst Rührei machen?"

Es ließ sich sogar essen, und den Frühstücksspeck hatte sie nur unwesentlich anbrennen lassen. Doch als sie lautstark forderte, er solle sich gefälligst erheben und sie ins Ruhlandhaus kutschieren, weigerte er sich: "Ich hab' erst um halb elf einen Termin. Du kannst laufen, es sind nur zwanzig Minuten, das Wetter ist schön, und die Bewegung tut dir und deiner Figur gut." Ihre Rachedrohungen ließen ihn kalt. Er wollte sie gerne aus der Wohnung haben, um in aller Ruhe lesen zu können, was das Tageblatt über einen Mordfall in der Blinkerstraße meldete.

Die Fakten hatten nur zu einem kleinen Zweispalter gereicht, der für ihn keine Neuigkeiten enthielt. Der Name des Opfers wurde noch verschwiegen und mit Ottmar St. angegeben. St., ein Privatdetektiv, war gegen Mittag in seinem Büro in der Blinkerstraße erstochen worden. Vom Täter fehlte jede Spur, ebenso von dem Mann, der in das Büro gekommen war, die Leiche gefunden und anonym die Polizei vom Bürotelefon aus informiert hatte. Dieser Mann wurde dringend gebeten, sich mit der Kripo in Verbindung zu setzen, ebenso wie ein gewisser Olaf B., der laut Terminkalender des Opfers eine Verabredung mit St. für den Tag gehabt hatte. Das war ja ziemlich dünn, und Kramer grinste erleichtert, als er losging.

Adam Schuster wartete schon auf ihn. Er war in den Fünfzigern, ein ruhiger besonnener Mann mit den ersten grauen Strähnen in seinem Haar.

"Ja, das war einmal Hülsmann – M & W. Auch nach dem Brand. Dann ist die Firma verkauft worden und in diese Gebäude ist ein anderes Unternehmen eingezogen. Ich habe schon mit der Betriebsleitung gesprochen. Wir dürfen uns auf dem Gelände frei bewegen. Was wollten sie denn sehen?"

"In erster Linie die abgebrannte Halle."

"Dann kommen Sie mal!"

Die Halle war wieder aufgebaut worden, von einem Feuer sah man nichts mehr. Auf dem Grundstück nebenan befand sich eine Spedition, aus den oberen Etage des Bürogebäudes konnte man fast das gesamte Gelände von ehedem Hülsmann – Messen & Wiegen und heute Lautzmann & Lössner KG, Großküchen und Kühlanlagen einsehen.

"Erzählen Sie mir bitte, was damals vorgefallen ist?"

Das Unglück war im Mai 1986 passiert. Ein Laster der Firma Deutrans hatte eine Ladung Elektrogeräte vom VEB Elektro Halle gebracht, die Ladung war in diesem Gebäude gestapelt worden. Die Ladung habe feuertechnisch so ihre Eigentümlichkeiten gehabt. Der VEB habe nämlich aus Kostengründen keine Kunststoff-Noppenfolie für die Verpackung gewählt, sondern Papier, und zur Polsterung der stoßempfindlichen Teile in den Kartons Holzwolle.

"Ach du meine Güte", sagte Kramer unwillkürlich.

Schuster musterte ihn anerkennend von der Seite. "Das war bei Kleinteilen Standardverpackung der DDR-Ware. Und H – M & W, die ziemlich regelmäßig Ware aus der DDR bezogen, hatten von uns die Auflage bekommen, eine moderne und umfangreiche Feuermeldeanlage in diese Lagerhalle einzubauen. Was auch geschehen ist. Wie und wo und warum das Feuer ausgebrochen ist, wissen wir bis heute nicht."

"Das heißt, auch Brandstiftung ist möglich?"

"Ja." Schuster wollte auf das Thema nicht eingehen.

Als die Warnanlage ansprang, stand offenbar ein großer Teil des Halleninhalts schon in Flammen. Der Alarm lief automatisch bei der Feuerwache Vier auf, die sofort zu einem Großeinsatz ausrückte und elf Minuten nach Alarmeingang "Wasser marsch" befohlen habe. "Bis dahin muss sich hier aber eine Tragödie abgespielt haben. Auf dem Fabrikgelände war ein Nachtwächter beschäftigt, Max Halbe mit Namen, 67 Jahre alt, der seine Rente aufbessern musste. Es scheint – ich muss das so ausdrücken, es gab wohl keine Augenzeugen –, das hat die Kripo später so rekonstruiert –, dass Halbe entgegen seinen eindeutigen Anweisungen mit einem Handfeuerlöscher durch eine Seitentür in die Halle gelaufen ist. Als er die Seitentür aufriss, erzeugte er unwissentlich einen Druckstoß, die Flammen erhielten Sauerstoffnachschub. Ein Kistenstapel stürzte um und begrub Halbe unter sich. Es klingt zynisch, aber der Stapel brach ihm glücklicherweise das Genick. Er war tot, als die Flammen seinen Körper erfassten. Als die Feuerwehr eintraf, stand die Halle samt Inhalt lichterloh in Flammen, die Seitentür zum Hof war entgegen den Brandvorschriften weit geöffnet. Da war mit Löschen nichts mehr zu retten, die Wehr konnte nur verhindern, dass der Brand auf andere Gebäude übergriff. Erst am Abend danach wurde Halbes verkohlte Leiche geborgen, neben ihm lag der nicht mehr benutzte Feuerlöscher."

"Das Ganze passierte nachts?"

"Ja, in der Nacht vom 4. auf den 5. Mai '86, ungefähr gegen ein Uhr."

"Konnte Halbe vom Hof aus sehen, dass es in der Halle brannte?"

"Ja, die frühere Halle hatte eine Art Leiste aus Glasbausteinen direkt unter dem Flachdach."

"Jeder kann also theoretisch den Brand entdeckt haben, bevor die Alarmanlage ansprang?"

"Theoretisch, ja."

"Gab es 1986 Hinweise auf Brandstiftung?"

"Ja und nein. Der Einsatzleiter hat später in seinem Bericht geschrieben, er habe sich gewundert, wie weit das Feuer schon fortgeschritten war, als sie eintrafen, sieben Minuten nach Alarmeingang in der Feuerwache. Auf sein Betreiben hin ist die Warn- und Meldeanlage bis auf das letzte Schräubchen zerlegt und überprüft worden."

"Und mit welchen Ergebnis?"

"Sie war nach Meinung der Sachverständigen intakt."

"Also keine Manipulation?"

"Nein, nicht an den Geräten, aber denkbar wäre eine ganz simple Methode. Kommen Sie mal mit!"

Schuster führte ihn in das erste Bürogebäude und öffnete im Parterre eine vor der Innentreppe liegende Eisentür. Der kleine Raum enthielt elektrische Sicherungen und mehrere Schalttafeln für die Stromversorgung. Separat war ein großer Hebelschalter an der Wand befestigt. Das Schild darüber besagte "Alarmanlage. Verstellen und Verändern verboten." Der große Handgriff stand nach oben auf "Ein." In den Griff war ein Loch gebohrt, durch das ein dünner Draht gezogen war, dieser Draht war durch eine Metallöse in der Wand neben dem Schild "Ein" geführt und die beiden Enden waren mit einem Plombensiegel verbunden. Wenn der Schalterhandgriff nach unten, auf "Aus" umgelegt wurde, zerriss die Plombe.

"Simpel, aber praktisch", sagte Kramer. "Die Plombe war intakt?"

"Ja."

"Plomben kann man neu anbringen, wenn man die richtige Plombenzange dafür hat und weiß, wo die Bleisiegel aufbewahrt werden."

Schuster hustete laut: "Sie sagen es. Jemand kommt hier herein, schaltet die Anlage aus, geht in die Halle, legt Feuer und wartet, bis die Flammen nicht mehr zu löschen sind. Was unschwer durch das Glasbausteinband unter der Decke zu erkennen war. Dann legt er den Schalter um auf Ein, verplombt ihn und verschwindet, während der Alarm läuft."

"Das vermuten Sie, weil die Anlage technisch in Ordnung war? Das würde aber auch bedeuten, dass ein Brandstifter sich hier auskennen musste."

Schuster nickte ihm zu. "Was meinen Sie, was die Thuringia und die Kripo alles getan haben, um das nachzuweisen. Alles vergeblich. Da gibt es nämlich noch einen anderen Hinweis."

"Wie meinen Sie das?"

"Die BUE hat keine Spur eines Brandbeschleunigers entdeckt, auch keinen Zündmechanismus oder einen Hinweis darauf, wie das Feuer gelegt wurde. Wer sich aber auskannte und wusste, dass hier aus der DDR angelieferte Ware lagerte, kannte sicher auch das Verpackungsmaterial. Er hat sich eine lange Kerze geholt und brennend in einen Karton mit Holzwolle und Papier gestellt. Dann konnte er in aller Ruhe verschwinden und abwarten. Aber wie so was nachweisen?"

"Das heißt, Ihre Versicherung musste zahlen?"

"Ja."

"Aus anderer Quelle habe ich gehört, dass die Summe dem fast bankrotten Unternehmen sehr gelegen kam."

"Oh ja." Schuster lachte freudlos.

"Gab es denn Anlass, sofort an eine Brandstiftung zu denken?"

"In Grenzen schon. Zwar bestanden die Versicherung und die Alarmanlage schon lange. Aber die Firma hatte, wie die Bücher zeigten, seit Kurzem ungewöhnlich große Finanzsorgen, und etwas Bargeld war hochwillkommen. Außerdem" – er schnaufte wütend – "der Absatz der M & W-Geräte war alles andere als glänzend. Die alten Zeigerinstrumente mussten gegen die erste Generation digitaler Messgeräte bestehen."

"Es war nicht die erste Lieferung aus einem VEB?"

"Nein, M & W hatte gute Beziehungen zur damaligen DDR und wir haben später herausgefunden, dass dieser VEB Elektro Halle früher ein Hülsmann-Werk gewesen war, das die Russen mit ihrer Demontage an den Rand des Ruins gebracht hatten."

"Der Todesfall des Nachtwächters ist also juristisch nicht geahndet worden?"

"Nein. Halbe hat zweifelsfrei gegen seine schriftlichen Anweisungen verstoßen, als er in die brennende Halle lief."

"Gibt es noch Angehörige?"

"Soviel ich weiß, noch eine Tochter oder Enkelin Eva-Maria Halbe."

"Herr Schuster, der Miteigentümer von Hülsmann M & W ist wenige Wochen später erschossen worden. Der Staatsanwalt hat die Witwe angeklagt, aber die wurde mangels Beweisen freigesprochen."

Schuster nickte nur.

"Ist einmal im Prozess ausgesprochen, vermutet, angedeutet worden, dass ein enttäuschter oder geprellter Brandstifter seinen Auftraggeber umgebracht haben kann?"

"Nein, mit keiner Silbe. Ich habe mir beruflich den Prozess von A bis Z anhören müssen, das Feuer in der Firma ist gar nicht erwähnt worden."

"Merkwürdig."

"Wie der ganze Fall."

"Als es hier brannte, gab es da schon die Spedition nebenan?"

"Ja. Langner & Co waren sogar schon einige Jahre da. Wir haben aber keinen Mitarbeiter aufgetrieben, der sich in der Nacht dort aufhielt und das Feuer beobachtet hat."

Sie verließen das Gebäude, auf dem Hof blieb Schuster stehen und zeigte auf ein Fenster im zweiten Stock. "Das macht mich heute noch nervös. Hinter diesem Fenster, da hat in der Brandnacht ein Oberbuchhalter gearbeitet, der sich mit einem Abschluss verspätet hatte. Er war so vertieft in seine Unterlagen, dass er sogar den Alarm überhört hat. Ein Feuerwehrmann hat das erleuchtete Fenster bemerkt und ist hochgelaufen, um den Mann auf die Straße zu befördern."

"Gibt es diesen Eifrigen noch?"

"Weiß ich nicht, Herr Kramer. Er hieß Jürgen Bockholt, wie mein erster Chef in der Thuringia, deswegen habe ich seinen Namen behalten." Schuster schnaufte und raufte sich die Haare, es klang etwas jämmerlich. "Für uns ist der Fall abgeschlossen. Ob und wie weit Halbes Tod von den Staatsanwälten als Mord behandelt wird, also nicht verjährt ist, kann ich nicht sagen. Würden Sie mir mal verraten, was Sie an dem Fall so interessiert? Victor Seyboldt hat sehr geheimnisvoll getan, er meinte nur, bei Ihnen müsste man sehr vorsichtig sein, Sie hätten immer noch eine Überraschung in petto und eine gefährliche Vorliebe für alte, ungeklärte Fälle."

"Victor hat zu viel Fantasie." Kramer gab Schuster eine sorgfältig gereinigte Version von einer Großmutter zum Besten, die nach vielen Jahren endlich einmal ihre Enkelin sehen möchte. Ob Schuster ihm diese Story abkaufte, konnte er nicht beurteilen, aber zumindest äußerte der Hilfsbereite mit der jetzt unordentlichen Frisur keine lauten Zweifel.

Eine Stunde bummelte Kramer durch die Stadt, schaute sich in einigen Geschäften und in vielen Schaufenstern sorgfältig an, was er alles nicht brauchte und auch nicht kaufen würde, leistete sich zum Schluss in seinem CD-Laden drei Scheiben mit Neueinspielungen von Josef Triebensee und tauchte dann gut gelaunt in seinem Büro auf.

Anielda hörte ihn kommen und schaute aus ihrem Studio Zukunftsfragen auf wissenschaftlicher Basis heraus. "Na, war das nicht ein schöner Spaziergang heute Morgen? Lange schlanke Beine danken es Ihnen."

"Arschgeige", giftete sie ihn an und verzog sich wieder. Irgendeiner musste ihr mal bei Gelegenheit erzählen, dass eine Frau auch liebenswürdig und sogar freundlich sein konnte, ohne sich was zu vergeben.

Kramer wedelte spöttisch mit der Hand und überfiel dann den ahnenforschenden Dr. Posipil. "Lieber Harald, ich brauche die Anschrift eines Jürgen Bockholt. Er war 1986 Angestellter der Firma Hülsmann – Messen & Wiegen in der Weserstraße." Solche Anfragen erledigte der Meister der elektronischen Recherche und einer der größten Passwort-Knacker und Springer über Zugangshürden, die Kramer je untergekommen waren, im Handumdrehen. Im Hauptberuf betrieb Posipil tatsächlich Ahnenforschung, brachte also Licht in die Vergangenheit, während seine Nachbarin in die Zukunft schaute. Kramer hatte den Eindruck, dass die Zimmernachbarn nur deswegen nicht zueinander fanden, weil keiner von ihnen in der Gegenwart lebte.

Er hatte sich in seinem Büro gerade gesetzt, als das Telefon klingelte. "Guten Tag, Herr Kramer, hier ist Ursula Schreiber. Hätten Sie nicht Lust, zu mir zu kommen und eine Tasse Kaffee zu trinken? Juliane ist nicht da, wir könnten uns ungestört unterhalten."

Nach einer sehr kurzen Bedenkpause sagte er zu. Vielleicht war es wirklich gut, die Möglichkeit zu nutzen, dass die Tochter sie nicht stören oder belauschen konnte. Und dass die Mutter sich mit Schreiber vorgestellt hatte, schien doch darauf hinzudeuten, dass sie ihm gegenüber das Versteckspielen aufgeben wollte. Er gab Gas und stellte wahrscheinlich bis zur Magazingasse in Kattenburg einen Streckenrekord auf – und das, ohne geblitzt zu werden.

Sie erwartete ihn an der Wohnungstür und schien sich ehrlich zu freuen, dass er kam. Bei ihrem Lächeln wurde ihm warm, er spürte dieses ganz leise Ziehen und Pochen in der Magengegend, das sich bei dem Junggesellen immer meldete, wenn ihm eine schöne Frau mehr als üblich gefiel. "Das ging gestern alles so schnell und plötzlich, ich war völlig durcheinander." Er nickte, auf der Fahrt hatte er gerechnet. Wenn sie 1986 im Alter von zwanzig Jahren abgehauen war, dann musste sie heute – 2010 – vierundvierzig Jahre alt sein, also in seinem Alter. Wie gut das so passte!

"Das verstehe ich gut, Frau Schreiber."

"Womit wir gleich beim ersten Thema wären. Wie haben Sie mich gefunden? Und wer hat Sie beauftragt?" Also erzählte er ihr vom Auftritt der Tochter bei Martha Schreiber, geborene Hülsmann, von Corinna Völker, dem Mokkahaus, von Delia Mercator und Volker Berghalter. Sie hörte fasziniert zu und war verblüfft, wie geradlinig er sie gefunden hatte. Er wiederum gestand nicht ein, dass er mehr als Dusel gehabt hatte, Tochter Juliane bei ihrem letzten Besuch im Mokkahaus abzufangen.

"Die Völkers gibt es also immer noch."

"Ja, Vater Heinrich hat Sie im September '86 nach Göttingen gebracht. Warum sind Sie nicht, wie angekündigt, zu Ihrer Tante nach Bremen gefahren?"

"Weil ich da nie hin wollte. Ich wollte auch das Praktikum in Göttingen nicht machen. Ich wollte weg, weg aus der Familie, von dieser verdammten Firma, von dieser Hexe von Mutter."

"Und wie sind Sie untergetaucht?"

"Ganz einfach. Ich musste in Hannover ohnehin umsteigen, habe gewartet und einen Zug nach Berlin genommen. Interzonenzug nach Westberlin hieß das damals noch. Am Bahnhof Zoo sollte mich eine ehemalige Klassenkameradin abholen, aber die ist nicht gekommen, und am Telefon hat sich bei ihr niemand gemeldet. Also musste ich mir eine Pension suchen. Und schon am nächsten Tag hat mich im KaDeWe ein Mann angesprochen, der mir umgehend eine kleine Wohnung besorgt hat, der später zu mir gezogen ist und der mir geholfen hat. Er hat es geschafft, dass meine Tochter, die im Januar 1987 in Westberlin zur Welt kam, auf seinen Namen eingetragen wurde. Und er hat sich als Vater bekannt ..."

"... was er nicht war!"

"Nein, aber ich war froh, dass ich so allen Scherereien mit Jugendamt, Sozialamt und Einwohnermeldeamt aus dem Weg gehen konnte und Nachfragen in Tellheim bei der alten Hexe unnötig wurden."

"Dieser Mann hieß Becker?"

"Ja, aber was heißt, er hieß? Es gibt ihn noch. Paul und seinen Bruder Peter Becker.

"Sie leben nicht mit Paul Becker zusammen?"

"Nicht mehr. Er wollte erst einmal in Berlin bleiben und dann wieder nach Potsdam ziehen, als meine Tochter und ich wegen meines Jobs hierhergezogen sind."

"Und wie heißt ihre Tochter? Mir hat sie sich als Juliane vorgestellt. Aber bei Martha Hülsmann hat sie von sich als Jutta gesprochen."

Sie zwinkerte ihm zu. "Ich war gegen diesen Besuch. Ich wollte keinen Kontakt mehr zu meiner Familie. Aber Juliane – so heißt sie laut Geburtsurkunde – wollte unbedingt die alte Hexe, ihre Großmutter, kennenlernen. Als ich sie nicht davon abbringen konnte, habe ich sie gebeten, wenigstens ihren Namen und ihre Anschrift nicht preiszugeben. Die alte Hexe würde sonst Himmel und Hölle in Bewegung setzen, um sie und mich zu finden."

"Was Sie nicht möchten?"

"Was ich befürchte."

"Und warum?"

"Lieber Herr Kramer, noch kennen wir uns nicht gut genug, um Ihnen alles zu erzählen, Sie müssen noch etwas Geduld aufbringen." Dabei lächelte sie ihn so freudig-fröhlich an, dass er dieses Versprechen auf die Zukunft mit Herzklopfen registrierte.

"Aber könnten Sie mir jetzt schon verraten, ob Sie verheiratet sind, also Becker heißen oder als ledige Mutter Schreiber."

"Wäre Ihnen das eine lieber als das andere?"

Eine lange Minute sahen sie sich fest an, zwischen ihnen knisterte es fast hörbar. Dann entschied er sich für einen Sprung ins kalte Wasser. "Ja. Eine Ulla Schreiber wäre mir lieber als eine Ursula Becker."

"Und warum?"

"Bei verheirateten Frauen verlässt mich erstens mein Mut und jeder meiner Flirtversuche wirkt zweitens sofort so plump und albern, dass er mehr schadet als nutzt."

Sie lachte vergnügt auf: "Das ist die kurioseste Erklärung, die ich je gehört habe, aber – keine Angst, Herr Lebensretter – sie gefällt mir. Nein, ich bin nicht verheiratet, höre also auf den Namen Ulla." Sie streckte ihm eine Hand hin.

"Rolf."

"Ich weiß, das hat mir Juliane schon heute Morgen beim Frühstück verklickert. Ich glaube, Sie haben Eindruck auf sie gemacht."

"Und was machen wir jetzt? Wie soll es mit Martha Schreiber weitergehen? Ich möchte nichts tun, was Sie verletzt."

Sie setzte sich aufrecht hin und presste die Hände zusammen: "Am liebsten wäre mir, du könntest ihr sagen, es sei dir nicht gelungen, die aufdringliche junge Dame zu finden." Das Du war kein Versehen, sie hatte den Blick nicht abgewendet.

"Warum hast du solche Angst vor einer Mutter? Sie kann dir doch nichts tun."

"Doch, sie kann mir meiner Tochter wegnehmen."

"Dafür gibt es keine juristische Handhabe."

"So meine ich das auch nicht. Juliane lässt sich leider von Geld sehr beeindrucken. Wir haben zwar nie Not gelitten, aber mit meinem Gehalt als Assistentin der Geschäftsleitung haben wir auch keine großen Sprünge machen können."

"Und dein Freund – wie heißt er eigentlich?"

"Paul Becker. Er hat geholfen, wenn es mal unerwartet ganz eng wurde, aber er hatte es nie so dicke, dass er uns großzügig unterstützen konnte. Und dann habe ich mal den Fehler begangen, Juliane zu erzählen, dass ihre Großmutter Millionärin und Fabrikbesitzerin in Tellheim ist. Seit dem Tag wollte sie Oma Schreiber kennenlernen, Hexe hin oder Alte Martha her."

"Um sich ein Stück von dem großen Kuchen abzuschneiden?"

"Das befürchte ich, ja."

"Aber der Kuchen scheint doch gar nicht mehr so groß zu sein. Die Firma M & W ist verkauft, die Villa, in der sie wohnt, verfällt sichtbar ..."

"Du kennst Martha nicht", unterbrach Ulla ihn energisch. "Martha zahlt aus Prinzip keine Steuern, wenn sie es irgendwie vermeiden kann. Dafür schwört sie jeden Meineid und fälscht jede Urkunde. Es gibt mit Sicherheit noch viel Hülsmannsches Vermögen in der Schweiz und in Liechtenstein oder in Luxemburg, und Vater Völkers Hauptaufgabe bestand darin, die Zinsen über die Grenze zu bringen und sich dabei nicht erwischen zu lassen."

"Hättest du nicht auch Anspruch auf das Geld, zumindest teilweise?"

"Vielleicht ja. Aber ich habe nie versucht, mein Erbe zu bekommen."

"Stattdessen hast du lieber gearbeitet?"

"Ja, als Assistentin bei der Lonro. Für mich hat's gereicht und lange Zeit auch noch für Juliane. Aber die hat jetzt Flausen im Kopf: Reiten, eigenes Pferd, Auto, Weltreisen."

"Flausen, die du nie gehabt hast?"

"Doch, hatte ich, bis ..." Sie brach ab, senkte den Kopf, und nach einiger Zeit tropften Tränen auf ihren Rock. Warum Kramer sich neben sie setzte und ihr einen Arm um die Schulter legte, wusste er gar nicht. Ihm war, als müsse das einfach so sein. Sie legte ihren Kopf an seine Schulter und rückte ein Stück näher heran. Erstaunlicherweise empfand er das als eine ganz und gar unerotische Berührung. Sie war sehr allein, und das nicht nur, weil Paul Becker nicht bei ihr war.

"Danke", sagte sie nach einer Weile, setzte sich aufrecht hin und trocknete ihre Tränen.

"Darf ich noch eine Frage stellen?"

"Wenn sie nicht zu lang ist."

"Du hast eben beiläufig von Paul Becker gesagt, er wollte wieder nach Potsdam zurück. Stammte er denn aus Potsdam?"

"Ja."

"Du hast ihn 1986 in Westberlin getroffen. Da gab es die Mauer doch noch. War er aus der DDR geflohen?"

"Nein", sagte sie verwundert, "von einer Flucht hat er nie was erzählt."

Bevor Kramer weiterfragen konnte, klingelte es.

Sie rückte von ihm fort, stand auf und ging zur Wohnungstür. Er hörte noch, dass sie etwas in die Gegensprechanlage sagte, aber dann klopfte es energisch gegen die Wohnungstür; der innen steckende Schlüssel rasselte, sie zog die Tür auf und schrie: "Rolf."

Er sauste wie der geölte Blitz in die Diele und kam doch zu spät. Ursula Schreiber sank gerade wie am Abend zuvor in sich zusammen, in der Tür stand ein fremder Mann, der bei Kramers Anblick "Scheiße!" brüllte und sich sofort zur Flucht wandte. Weil Kramer erst über Ursula hinwegsteigen musste, gewann der Mann einen kleinen Vorsprung und hüpfte bereits auf den ersten Absatz treppab Warts, als Kramer die ersten Stufen hinunter rasen wollte. Der Mann blieb stehen und zog in aller Gemütsruhe eine Pistole aus der Tasche und richtete sie auf den noch etwas höher stehenden Kramer. "Stopp, Arschloch! Verzieh dich in die Wohnung und mach' keine Dummheiten!"

Er wirkte nicht einmal aufgeregt oder beunruhigt, die Situation gefiel ihm nicht, aber er hatte wohl schon ganz andere Schwierigkeiten gemeistert. Und deswegen bestand auch kein Zweifel, er würde schießen und er würde auf diese Entfernung auch treffen. Ein Profi, den es nicht zu beunruhigen schien, dass man sein Gesicht sah. Mitte dreißig, gut ein Meter 85 groß, sportlich und kräftig, brünette Haare, ein rundliches Gesicht, Knollennase. Kramer würde ihn wiedererkennen, und eben das schien dem Knaben nichts auszumachen.

Nach einer halben Minute steckte er seine Pistole wieder ein und ging in aller Ruhe die Treppe weiter nach unten. Kramer machte kehrt und kümmerte sich um Ursula Schreiber. Der stinkende Wattebausch auf dem Fußboden der Diele erklärte, wie der Mann sie überrumpelt hatte. Gott sei Dank war er so rasch gestört worden, dass er die Watte bald hatte fallen lassen, die Angegriffene hatte nur wenig Chloroform eingeatmet. Sie schlug auch bald die Augen auf, war einige Sekunden verwirrt und hatte dann sofort begriffen, was passiert war. "Das Lebensretten wird wohl deine Hauptaufgabe, was?"

"Der wollte dir nichts tun, so wenig wie der Kerl gestern, die suchen was, und dazu wollte er dich aus dem Weg haben."

"Ja", nickte sie, nachdem sie lange überlegt hatte.

"Hast du eine Ahnung, wer die Kerle sind und was die bei dir suchen?"

"Nein." Ihn irritierte, dass sie vor ihrer Antwort keinen Moment überlegt hatte. Sie belog ihn wohl nicht, aber sagte nicht alles, was sie in diesem Zusammenhang vermutete.

"Hilf mir bitte hoch."

Sie musste sich fest an ihn klammern, als er sie auf die Füße stellte, und das war eigentlich sehr angenehm.

Der restliche Kaffee war kalt geworden, und er begann zu grübeln. Er konnte sie in der kommenden Nacht nicht ohne Schutz lassen, aber wie sollte er das organisieren, wenn die Tochter auch noch nach Hause kam und dann hier ohne Mutter übernachtete? Anielda würde ihm jederzeit helfen wollen, aber sie hatte Angst vor körperlicher Gewalt und war deswegen in solchen Situationen wie gelähmt.

Dann bimmelte das Handy und Holger Weisbart knurrte ihn an. "Ich bin deinetwegen in meine alten Aufzeichnungen gestiegen, habe schwer schuften müssen und will dafür heute Abend mein Bier plus Kohlenhydrate."

"Holger, ich kann dir im Moment nichts versprechen, ich muss unbedingt noch etwas erledigen. Ich rufe dich gleich wieder an."

"Aber nicht vergessen!" Der große Berichterstatter litt unter Hunger und Durst.

Sie wollte wissen, wer das gewesen sei, und er sagte knapp: "Ich müsste mich eigentlich heute Abend mit einem wichtigen Informanten treffen, aber ich kann euch heute Abend und heute Nacht nicht allein in dieser Wohnung lassen. Am liebsten wäre mir, Juliane und du würdet in ein Hotel gehen, und morgen sehen wir weiter. Fällt dir da eine Möglichkeit ein?"

"Ja", sagte sie ohne Zögern, "wir haben in Mingenbach ein Arrangement mit einem kleinen Familienhotel, in dem wir Firmengäste unterbringen. Da kann ich auch ohne Zahnbürste und Koffer erscheinen."

"Dann frage doch mal nach, ob es freie Betten für dich und Juliane gibt."

Es gab, und sie verabredete sich mit ihrer Tochter in dem Hotel. So oft Kramer Handys hasste, weil man durch sie ständig an der Leine lag, so hilfreich waren sie in solchen Fällen. Juliane versprach, pünktlich und vorsichtig zu sein, und Kramer konnte Holger anrufen und sich mit ihm in der Handschelle verabreden.

Natürlich brachte er sie noch nach Mingenbach, was ohnehin an seinem Weg in die Stadt lag und vor dem Hotel Haller bekam er einen heißen Kuss zum Abschied, der nicht nur Danke sagte, sondern für die Zukunft mehr versprach – wie er zu hoffen wagte.

"Hast du meine Karte? Du kannst mich Tag und Nacht anrufen, wenn was passiert."

"Alles klar."

Wer sich mit Holger Weisbart traf und tagtäglich seinen Führerschein brauchte, durfte kein Auto dabei haben. Wenn man sich von Holger trennte, war die berüchtigte Grenze von 1,5 Promille unter Garantie weit überschritten. Und da Kramer ein Auto beruflich unbedingt benötigte, stellte er den Karren in der Haffstraße in die mehrfach gesicherte Garage und lief zu Fuß zum Savigny-Platz.

Der Name Handschelle passte ausgesprochen gut zu der Kneipe. Sie befand sich in einer Schmalseite eines langgestreckten Rechtecks. Links lag das Amtsgericht, die rechte Seite nahm das Landgericht mit der Staatsanwaltschaft ein, und von der anderen Schmalseite grüßten die vergitterten Fenster der U-Haftanstalt herüber. Es war logisch, dass sich Holger Weisbart, seit zwanzig Jahren Gerichtsberichterstatter des Tageblatts, die Handschelle zu seiner Stammkneipe erkoren hatte. Nach Dienstschluss kehrten viele Richter und Staatsanwälte auf ein Bier ein, Referendare und Assessoren lauschten inbrünstig auf das, was sie hier über die Realität hinter den Kulissen des Rechtsbetriebs erfuhren, auch Polizisten aus dem zehn Gehminuten entfernten Präsidium stillten hier abends ihren Durst. Gelegentlich ließen sich sogar Anwälte hier blicken. Und Holger, bei allen, die mit der Justiz zu tun hatten, bekannt wie ein bunter Hund, hatte sogar einen Stammplatz an einem Ende des langen Tresens neben der Wand, so dass er dort bei einsetzenden Gleichgewichtsproblemen zumindest gegen Abstürze nach einer Seite gesichert war. Hinter dem Tresen zapfte und bediente Gertrud, eine fröhliche ehemalige Studentin der Germanistik, die ihr Studium hingeschmissen und mit ihrem Freund Gerd die Kneipe, die damals noch Zum fröhlichen Meineid hieß, gepachtet und renoviert hatte. Der Namenswechsel schien zumindest bei der Richterschaft einige Animositäten abgebaut zu haben, den Meineid hatten sie gemieden, die Handschelle gefiel ihnen. Der Laden lief vom ersten Tag an und hatte sich als wahre Goldgrube herausgestellt. Das war zum einen Gertruds Verdienst, die sich gerne mit Menschen unterhielt, und immer sofort Kontakt zu Gästen bekam, aber auch Verdienst ihres etwas menschenscheuen Freundes Gerd, der lieber in der Küche herumfuhrwerkte und dort die besten Bratkartoffeln der Stadt zauberte, mit Speck und Schinken, mit Rührei, Spiegelei oder mit gebratener Wurst, Brühwurst oder paniertem Schweineschnitzel, mit Röstzwiebeln, Salat und ohne alles nur goldbraun mit Kruste. Gerd experimentierte gern und wurde darin von allen Stammkunden freudig unterstützt. Da sich herumgesprochen hatte, dass man hier immer auf Polizisten traf, schlugen bestimmte Kreise einen Bogen um die Handschelle, was der friedlich-heiteren Stimmung nur half.

Freund Holger hatte schon ganz nett getankt, was allerdings selbst Kramer nur an den Strichen auf dem Bierfilz erkannte. Holger hatte ein Doppelproblem: Er trank zu viel und er vertrug zu viel. Er musste aufpassen, dass seine Leber nicht den Dienst verweigerte, und er balancierte wagemutig an der Grenze zum Alkoholismus entlang. Doch was immer er abends getankt hatte: Wenn die Verhandlungen begannen, stand Holger am nächsten Morgen auf der Matte und saß auf der Journalistenbank.

"Hei, Rolf. Wie immer?"

"Hei, Gertrud. Ja. Und einen großen Teller mit Speck und Zwiebeln."

"Für mich auch", nuschelte Weisbart, "der Knabe zahlt."

"Wozu hat man Freunde, wenn man sie nicht ausnutzt, was?"

"Du sagst es, Rolf."

"Kommt sofort." Gertrud öffnete eine Schieberklappe und rief die Wünsche in die nebenan liegende Küche. Kramer war in Wahrheit nicht böse, dass sich Weisbart selbst zum Essen eingeladen hatte. So bekam er wenigstens was in den Magen und ersäufte nicht permanent seine Nieren. Und zitierte nicht den dummen Spruch "Zwischen Leber und Milz passt immer ein Pils".

"Also, mein Bester, warum interessierst du dich für Martha Schreiber?"

Kramer wusste, dass er um eine Antwort nicht herumkam. Da Weisbart keine Freunde und Verwandten kannte, wenn er eine Geschichte witterte, durfte man ihm nie zu viel verraten: Er druckte es umgehend und hemmungslos in seiner täglichen und viel gelesenen Kolumne "Aus dem Gerichtssaal."

"Eine Zufallsbekannte hat Martha erzählt, dass sie eine Enkelin habe, was Martha noch nicht wusste. Und ich darf diese junge Dame nun suchen."

Holger schaute ihn scharf von der Seite an. Er wusste, dass Kramer aus vielen Gründen nie sofort mit der vollen, schreibenswerten Wahrheit herausrückte. Wenn er insistierte, lief er freilich Gefahr, dass er seinen Teller Bratkartoffeln mit Speck und Zwiebeln selbst bezahlen musste, weil Freund Rolf gegangen war. Also beließ er es vorerst dabei und packte aus, was er noch erinnerte und in seinen ausführlichen Notizen nachgelesen hatte. Die er eigentlich nicht brauchte. Er hatte ein wahrhaft elefantenmäßiges Gedächtnis, hieß bei Richtern, Staatsanwälten und Kollegen der Weiße Elefant, weil sein früher einmal weißes Leinenjacket, das er jeden Tag trug, nachgedunkelt und mit Holger in die Breite gegangen war.

Der Mord an Walther Schreiber war in der zweiten Oktoberwoche 1986 in Holkersdorf vor dem Eingang des Regenbogens verübt worden. Der Puff genoss damals in der ganzen Region einen gewissen Ruf, unter anderem auch, weil die Frühschicht der weiblichen Belegschaft bereits um 12 Uhr mittags zur Arbeit antrat. Nachdem die Ballistik festgestellt hatte, aus welchem Langwaffentyp Walther erschossen worden war, griff die Kripo zu und setzte Ehefrau Martha Schreiber fest, die solch einen französischen Karabiner besaß. Die Anklage vertrat beim Prozess in der ersten Januarwoche 1987 der heutige Leitende Oberstaatsanwalt Albert Hornvogel, von dem viele seiner Kollegen sagten, er heiße nicht nur so, sondern habe auch einen solchen. Martha hatte während der U-Haft keine Angaben dazu gemacht, wo sie sich zur Zeit der beiden tödlichen Schüsse aufgehalten hatte, sondern immer nur beteuert: "Ich habe nicht geschossen." Der zuständige Kripobeamte sagte als Zeuge immer noch empört aus, dass sie wie eine Gebetsmühle wiederholt hatte: 'Ich habe meinen Mann nicht erschossen, und wo ich zu der Zeit war, geht Sie nichts an. In meiner Generation, junger Mann, gelten Versprechen und Diskretion noch was.' Erst im Prozess, kurz vor Ende der Beweisaufnahme, rückten sie und ihr Verteidiger Gerold Ackerknecht damit heraus, dass sie an dem Tag abends auf dem Flugplatz gewesen sei und auf die Rückkehr ihrer im September weggelaufenen Tochter Ursula gewartet habe, und das zu einer Zeit, zu der Ehemann Walther nach übereinstimmenden Aussagen mehrerer "Regenbogen-Damen" die ersten nicht mehr zu leugnenden Anzeichen nachlassender Potenz und auch geminderter Libido verspürte und den Regenbogen verlies. Ursula, vor einigen Wochen aus dem Elternhaus fortgelaufen, hatte über Mittag angerufen, sie käme abends mit dem Flieger aus München. Zeuge dieses Telefonats war Heinrich Völker, der Chauffeur, der sich zu der Zeit auch in der Halle aufhielt und Holz für den Kamin aufstapelte. Die Maschine sollte um 22 Uhr 10 landen. Abends wurde Martha Schreiber von Freundinnen und Bekannten, die auch Gäste aus München erwarteten, in der Ankunftshalle gesehen, darunter von einer Nachbarin, die ihren Mann abholte. Es bestand kein Zweifel, dass Martha, als die Schüsse im vierzig Kilometer entfernten Holkersdorf fielen, auf dem Flughafen wartete. Dass Walther Schreiber den Regenbogen eifrig frequentierte und dort viel Geld ließ, war kein Geheimnis. Martha hatte es schon Monate zuvor ihren Freundinnen bei den wöchentlichen Bridgeabenden "ganz im Vertrauen" erzählt.

"Und was könnte laut Hornvogel der Grund dafür gewesen sein, dass sie nun plötzlich ihren Mann erschossen haben sollte?"

Weisbart grinste hässlich: "Ein für Martha Schreiber wohl viel triftigerer Grund als so ein bisschen eheliche Untreue. Ein Brief aus Leipzig sollte der Anlass gewesen sein. Eine gewisse Lydia Bartoschewski behauptete, Walther Schreiber habe sie während einer Leipziger Messe, die er regelmäßig besuchte, geschwängert und nun sei Sohn Olaf geboren und Mutter Lydia erwarte, dass Walther Schreiber zu seinen finanziellen Verpflichtungen stehe. Bei Geld hörte für Martha jeder Spaß und jede Toleranz auf."

Sein Nachbar senkte dramatisch die Stimme und Kramer beugte sich zu ihm. "Das muss jetzt nicht jeder hören." Nach Ende des Prozesses erzählte ein Referendar aus der Staatsanwaltschaft Weisbart im Vertrauen, dass BND oder Verfassungsschutz gemeldet hätten, diese Lydia sei mit ziemlicher Sicherheit eine Stasi-Schwalbe gewesen, angesetzt auf Messegäste aus dem Westen. Und Schreiber muss bei ihr in lebensgefährlicher Dummheit ausgeplaudert haben, dass er Geschäfte für die Firma Hülsmann mit einem VEB einfädele, der früher, vor 1945, einmal Hülsmann gehört habe. Das plauderte die schwangere Lydia gegenüber einem "guten Bekannten" aus, von dem sie freilich nicht wusste, dass der Informationen an den BND oder den Verfassungsschutz lieferte. Soviel Dummheit, meinte Martha, müsse eigentlich verboten werden und durch Kastration, wegen der möglichen Vererbung, ausgerottet werden, aber wer wisse schon, über welche Qualitäten und Tricks diese Lydia verfüge.

"Ein toller Prozess." Da war doch noch was, aber Holger wollte gebeten sein. "Komm, Freund, spuck auch noch den Rest aus."

"Guten Appetit." Gertrud unterbrach ihre Zweisamkeit, und während die Männer fleißig die wieder einmal köstlichen Bratkartoffeln mit Kruste, Speck und Zwiebeln in sich hineinschaufelten, legte sich Holger zurecht, was er heute noch sagen und was er vorerst noch zurückhalten wollte, zwecks Einladung zu einem weiteren Bier-Bratkartoffelabend in der Handschelle. Also, seiner Meinung nach war das Ganze eine sauber geplante Sache zwischen Martha und ihrem Anwalt Ackerknecht. Als nämlich der Vorsitzende recht unfreundlich fragte, warum sie mit dem Flughafen-Alibi nicht früher herausgerückt sei, hatte sich Ackerknecht, damals schon dick und unerschütterlich bramsig, vor der Richterbank aufgebaut. "Mit Verlaub, Herr Vorsitzender, es ist nicht Aufgabe der Verteidigung, die Anklage vor einer Blamage zu bewahren." Und der Vorsitzende, ein alter Hase im Strafprozess, der immer alle Glocken rechtzeitig läuten hörte und deswegen revisionsfest war, hatte nur süßsauer gelächelt. Denn ihm musste man jetzt nicht erklären, welchen Fehler die Anklage begangen hatte, als sie sich darauf versteift hatte, Martha höchstpersönlich habe auf ihren Walther in Holkersdorf geschossen. Ihre Begründung für ihr Schweigen in der U-Haft, sie habe nicht publik machen wollen, dass ihre keusche Tochter zu einem heimlichen Liebhaber abgehauen sei, konnte man glauben oder auch nicht. Aber das Gegenteil konnte man ihr nicht beweisen. Das wusste der Vorsitzende und das begriff der Ankläger. Als Hornvogel dann versuchte, im Verfahren den Verdacht auf Martha als Mordanstifterin zu lenken, holte er sich eine blutige Nase. Ackerknecht ging massiv dazwischen und Hornvogel wollte lieber einen Prozess verlieren als sich im Revisionsverfahren bescheinigen lassen, er habe sich wie ein Anfänger in eine Uralt-Masche der Strafprozessordnung verstricken lassen. "Freispruch mangels Beweisen. Und Anklageverbrauch."

Kramer hatte zunehmend ungeduldiger zugehört. "Holger, da stimmt was nicht. Martha Schreiber ist eine geborene Hülsmann und bei Hülsmann – Messen & Wiegen hatte es im Mai '86 gebrannt. Ein Nachtwächter kam dabei zu Tode, und der Verdacht auf Brandstiftung, also Versicherungsbetrug, stand lange im Raum. Ist dieses Feuer wenigstens mal erwähnt worden?"

"Nein, daran kann ich mich nicht erinnern. Warum interessiert dich das?"

"Ich hätte nachgeforscht, ob sich vielleicht der Brandstifter von seinem Auftraggeber Walther Schreiber übers Ohr gehauen fühlte und sich sozusagen bleihaltig im Angesicht des Regenbogens beschwert hat."

"Hm", machte Weisbart. "Eine bemerkenswerte Idee. Nein, das Feuer hat überhaupt keine Rolle gespielt."

"Kannst du mir sagen, wer zu der Zeit Geschäftsführer im Regenbogen war?"

Ja. Kein Er, sondern eine Sie. Eine verblühte Schöne der Nacht. Chantal Brüchi. Wenn ich mich nicht irre, betreibt sie heute eine Model-Agentur im Ruhlandhaus."

Die Welt war manchmal unglaublich klein. Kramer kannte Chantal Brüchi und ihre sogenannte Agentur im Ruhlandhaus, wobei Agentur genauso geschmeichelt war wie verblühte Schönheit. Eher welk als verblüht; und Kramer traute ihr so ziemlich jede Gemeinheit zu. Sie war, und darauf setzte er seine Hoffnungen, geldgierig. Holger wollte den Gesprächsfaden wieder aufnehmen und knurrte ungeduldig ...

"Was Martha und Ackerknecht da praktiziert haben, war ein verdammt riskantes Manöver, Holger."

"Sicher. Wenn sich eine der Zeuginnen vom Flughafen früher aus eigenem Antrieb gemeldet hätte, wäre Ackerknecht auf den Bauch gefallen. Oder Hornvogel hätte nicht wegen Mord, sondern wegen Anstiftung zum Mord angeklagt. Ich würde heute sagen, sie hat den Mord nicht begangen, aber angestiftet oder bestellt. Geld genug für einen Killer besaß sie, und das nicht nur, weil die Versicherung wohl zahlen musste."

"Hast du zufällig mal gehört, was aus dieser Lydia Bartoschewski oder ihrem Sohn Olaf geworden ist?"

"Nein."

Kramer hatte aufmerksam zugehört, aber Mühe gehabt, bei der Sache zu bleiben. Irgendetwas lenkte ihn ab, etwas, was er heute erlebt oder gehört oder eben vielleicht auch halb überhört hatte.

"Und was hat Ursula Schreiber zu diesen Manövern ihrer Mutter gesagt?"

"Wenig." Kramer gab wieder eine gereinigte und abgemagerte Version dessen bekannt, was er von Martha und von Ursulas Schulfreunden und -freundinnen gehört hatte.

Sie trennten sich in alter Freundschaft, und als Kramer nach einem langen Fußmarsch Babsie zuwinkte und seine Haustür aufschloss, war er wieder ziemlich nüchtern.

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Fünfter Tag

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Nach einer unruhigen Nacht – seine Blase bewältigte solche Mengen Bier nicht mehr – war er pünktlich in der Ringstraße und betrat sein winziges Büro in bester Laune. Wie üblich hatte er von unten die Post mit hochgebracht und freute sich über einen Brief von Ackerknecht, der einen von Martha Schreiber unterschriebenen Auftrag enthielt; die Bedingungen waren nicht berauschend, aber akzeptabel. Auf dem Schreibtisch wartete noch der Stapel Zeitungs-Artikel-Ausdrucke, den Posipil zusammengetragen hatte.

Bevor er sich zur Lektüre den nötigen Kaffee kochte, stiefelte er eine Treppe hoch und betrat Madame Brüchis "Künstler- und Model-Agentur". Sie saß wie üblich hinter ihrem Schalterbrett und musterte ihn ungnädig. "Sieh' da, der Schnüffler." Damit konnte sie ihn nicht treffen, noch entschied er, wer ihn womit und wann beleidigte konnte. Die verwelkte Chantal war es nicht wert, dass man sich ihretwegen auch nur für Sekunden aufregte. Er hielt zwei Hunderteuroscheine in der Hand und legte sie auf das Brett. Sie bekam, wie er erwartet hatte, glänzende Augen. "Was muss ich dafür tun?", fragte sie heiser.

"Sich an das Jahr 1986 erinnern. Da waren Sie Geschäftsführerin eines Puffs in Holkersdorf. Und in dem Jahr ist vor dem Eingang des Regenbogens ein guter Kunde erschossen worden."

Sie nickte ohne Zögern.

"Mich würde interessieren, mit welcher Frau der Mann zusammen war."

"Das kann ich dir nicht sagen."

"Und warum nicht?"

"Weil Walther es an einem Abend immer mit mehreren getrieben hat. Er hatte viel Geld und noch mehr Potenz."

"Wie schön für ihn."

"Für uns auch. Er zahlte ohne Murren und gab reichlich Trinkgelder, das er mir zum Beispiel in den damals noch strammen Busen steckte."

Von stramm konnte wirklich keine Rede mehr sein. Davor würde er sich also hüten. "Haben Sie noch eine Liste, wer damals, als Schreiber vor der Tür starb, im Regenbogen Ökonom war?"

"Möglich."

"Dann könnten Sie mir sicher auch sagen, wo ich heute – ich vermute mal, er hieß wie alle Ökonomen Boris – diesen Boris finde und welche Telefonnummer er hat."

Kramer spekulierte darauf, dass Chantal solche Unterlagen auch 24 Jahre lang aufgehoben hatte, weil man nie wusste, wann man Schweigegeld daraus schlagen konnte. Madame Brüchi vermittelte manchmal auch tatsächlich Fotomodelle und Künstler, aber davon konnte sie nach Kramers Beobachtung nicht leben. "Warte mal einen Moment!", sagte sie und verschwand nach hinten, wo sie, wie er vermutete, auch schlief, weil sie sich keine Wohnung leisten konnte oder zu geizig war, eine zu mieten. Chantal Brüchi war krankhaft geizig und musste irgendwo beträchtliche Ersparnisse gebunkert haben.

"Hier, du Voyeur, das ist der letzte Prospekt aus dem Jahr 1986. Drei Jahre später haben wir geschlossen. Boris, der Kassierer, hat eine Telefonnummer in der Hölle und wo sich der Ökonom herumtreibt, müsste ich erst rauskriegen."

"Dann mal zu!", ermunterte er sie und blätterte das dünne Heftchen mit dem sinnigen Titel In allen Farben des Regenbogens flüchtig durch. Zweiundzwanzig mäßig hübsche Damen lächelten aufmunternd in die Kamera. Unter jedem Foto stand ein Mädchenname und in Klammern eine Zahl, vermutlich das Alter.

"Hundert Euro", sagte Madame Brüchi fest, schielt dabei aber gierig auf den zweiten Schein.

"Nur gegen eine zusätzliche Auskunft. Wem gehörte der Regenbogen damals?"

"Das weiß ich nicht. Ich hatte immer nur mit einem Knaben zu tun, der sich Boris nannte und vor einigen Jahren vom Fernsehturm gestürzt ist. Wer die wirklichen Eigentümer waren, habe ich nie erfahren."

Das konnte sogar stimmen, solche Konstruktionen waren in allen Rotlichtvierteln häufig. "Na gut", knurrte Kramer. "Für den zweiten Schein Namen und Anschrift des damaligen Ökonomen, was Sie mir ins Büro bringen können."

"Du gibst auch nicht auf?"

"Nein, solange ich noch Geld habe, abgetakelte Puffmütter zu bezahlen."

"Alter Spanner", fauchte sie.

Wenn sie meinte ... er machte kehrt und sauste in sein Büro, wo viel Lektüre auf ihn wartete.

Kramer kochte noch einmal Kaffee und begann zu lesen.

Das Schicksal hatte die Familie Hülsmann/Schreiber im Jahre 1986 hart gebeutelt. Im Mai brannte auf dem Werksgelände von Messen & Wiegen an der Weserstraße eine Halle ab; dabei kam der Nachtwächter Max Halbe ums Leben. In der Halle verbrannte eine Lieferung von elektrischen Messinstrumenten aus der damaligen DDR, die M & W weiterverarbeiten, "aufrüsten" wollte. Im September verschwand die Tochter Ursula spurlos, etwa vier Wochen später wurde Walther Schreiber vor dem Bordell Regenbogen in Holkersdorf erschossen. Anfang Dezember erging Haftbefehl gegen Martha Schreiber, geborene Hülsmann, wegen Mordes an ihrem Ehemann Walther. Der Prozess begann Mitte Januar 1987 und endete mit einem Freispruch mangels Beweisen – oder, wie auch die Zeitungen höhnten – mit einem "Freispruch zweiter oder eigentlich Holz-Klasse". Wenig später stand Martha wieder vor Gericht, diesmal als Klägerin gegen die Thuringia-Versicherung, die die Auszahlung der Versicherung für die niedergebrannte Halle plus der dort gelagerten Warenlieferung aus der DDR verzögern wollte. Die Thuringia verlor und zahlte. Das Tageblatt vermeldete Wochen später noch, dass Eva-Maria Gönter, die Tochter des verunglückten Wachmannes Max Halbe, und Hella Gönter, seine Enkelin, mit ihrem Versuch gescheitert waren, die Firma Messen & Wiegen wegen des Todes ihres Vaters respektive Großvaters auf Schadensersatz zu verklagen. Mehrere Gutachter hatten der Firma bescheinigt, dass sie alle denkbaren Schritte unternommen hatte, um ein solches Unglück zu verhindern. Dass der 67jährige Wachmann Max Halbe trotz seiner eindeutigen Anweisungen versucht habe, mit einem Handfeuerlöscher in die mit Sicherheit bereits lichterloh brennende Halle einzudringen, habe die Firmenleitung nicht vorhersehen müssen, auch nicht, dass durch das Öffnen der Seitentür dem Feuer gerade genug Sauerstoff zugeführt wurde, um den Brand richtig anzufachen. Das Tageblatt hatte danach auch mit der Enkelin Hella gesprochen, die sich nicht beruhigen wollte – der Vorwurf, das Fehlverhalten ihres Opas habe den Schaden noch vergrößert, hatte sie tief getroffen. Sie lebte zur Zeit des Brandes bei den Großeltern, weil sich ihre Eltern hatten scheiden lassen und noch nicht geklärt war, zu welchem Elternteil sie ziehen würde. Danach wurde es stiller um die Familie Schreiber/Hülsmann. Martha zog sich für mehrere Monate in ein Haus zurück, das sie auf Malta besaß, bezog nach der Rückkehr die kurz vor ihrer Abreise gekaufte Villa in der Gellertstraße, in der sie heute noch lebte, und schirmte sich vor aller Welt ab. Messen & Wiegen hatte sie vorerst behalten und verkaufte das Werk erst, nachdem die Firma von oft wechselnden Geschäftsführern, die alle nur mäßig erfolgreich amtierten, insolvent zu werden drohte. Wieviel sie von dem Reichtum der Familie Hülsmann gerettet hatte und wo und in welcher Form das Vermögen, so es denn existierte, versteckt war, schien niemand zu wissen.

Das Telefon klingelte, und Ursula Schreiber fragte, ob er mit ihr und der Tochter frühstücken wolle.

"Bin schon unterwegs."

An der Tür traf er mit Chantal Brüchi zusammen, die ein beschriebenes Blatt schwenkte. "Der Ökonom von 1986."

Herbert Wilke, Saarlandstraße 49.

Kramer drückte ihr den zweiten Hunderter in die Hand, schloss Zettel und Prospekt in seinen Stahlschrank ein und stürmte auf den Hof zu einem Auto. 

Als er das kleine Hotel Haller in Mingenbach erreichte, hatten Mutter Ursula und Tochter Juliane gerade mit dem Frühstück begonnen. Juliane wollte bald aufbrechen, weil sie einen Vorstellungstermin bei einer Firma im Hafen hatte.

"Viel Glück", wünschte Kramer.

"Ach, danke, ich fürchte, das wird so das Übliche werden. Wenn ich großes Glück habe, bekomme ich ein Praktikum angeboten, und wenn ich mich dort für die Firma vorteilhaft ausbeuten lasse und mich nicht beschwere, kriege ich vielleicht einen regulären Ausbildungsplatz – vielleicht."

"Trotzdem drücke ich die Daumen", beharrte Kramer.

"Vielen Dank. Wenn Sie mir einen Gefallen tun wollen, sorgen Sie bitte dafür, dass Mutter nicht den ganzen schönen Tag im Hotel oder in der Wohnung verbringt."

"Aber Juliane!", zürnte Ursula.

"Aber Mutter!" Lachend zog die Tochter von dannen, und als Kramer ihr nachschaute, konnte er sich gut vorstellen, dass Martha Schreiber mit so einem flotten, jungen und selbstbewussten Geschöpf nicht klarkommen konnte.

"Eine sehr hübsche Tochter", lobte er.

"Eine etwas sehr schwierige Tochter", korrigierte sie. Das Kompliment schien sie dennoch zu freuen.

Nach einer Weile sagte Ursula Schreiber nachdenklich: "Aber mit dem schönen Tag hat sie Recht."

"Finde ich auch, was unternehmen wir, worauf hast du Lust?"

Sie dachte einen Minute nach und wurde dann verlegen: "Weißt du was?! Ich möchte gerne mal wieder schwimmen gehen. Oder was meinst du? Ist das Wasser noch zu kalt?"

"Nein. Ich kenne ein sehr angenehmes Thermalbad nicht weit von hier. Und in der Sonne ist es draußen warm genug."

"Aber hast du denn eine Badehose?"

"Immer dabei. Grundausrüstung in Kofferraum. Plus Liegedecke, Sonnenschutzcreme und Handtuch – das reicht allerdings nur für einen. Kannst du dir hier im Hotel ein Badetuch ausleihen?"

"Kein Problem." Sie verschwand auf ihr Zimmer und er döste entspannt vor sich hin. Wenn er sich mit ihr unterhielt, war es nicht einmal ein richtiger Ferientag, sondern ein halber Arbeitstag. Martha Schreiber war eine Frau, von der er nichts geschenkt haben wollte, nicht einmal das Honorar für einen halben Arbeitstag.

"So, Herr Lebensretter, ich bin soweit." Sie hatte sich einen Bademantel und ein großes Badelaken über die Schulter geworfen, eine schicke Sonnenbrille aufgesetzt und sah in Hosen und Shirt richtig unternehmungslustig aus.

"Prima."

"Wo liegt denn das Thermalbad?"

"In Dreschbach, etwa 20 Kilometer nach Osten."

"Ich bin gespannt."

Details

Seiten
500
Jahr
2018
ISBN (ePUB)
9783738923674
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2018 (November)
Schlagworte
krimi doppelband

Autor

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Titel: Krimi Doppelband #32