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Schwert und Schild – Sir Morgan, der Löwenritter Band 22: Verrat!

von Tomos Forrest (Autor) Joachim Honnef (Autor)
2018 120 Seiten

Leseprobe

Ein geheimer Waffentransport wird überfallen und alle Beteiligten hinterrücks getötet. Es sieht nach Verrat aus. Doch wer war es, der die Lieferung an die Räuber verraten hat und dessen Name einem sterbenden Fuhrknecht unmittelbar vor seinem Tod über die Lippen gekommen sein soll? Außer den Fuhrknechten, einer erlesenen und äußerst vertrauenswürdigen Truppe von Männern, die extra vom Sheriff für diese Aufgabe erwählt wurden sowie einer ganz kleinen Gruppe von Rittern, die mit dem Sheriff eng zusammenarbeiten, wusste nur noch ein einziger Mann von diesem Transport – Sir Morgan of Launceston, der Sohn Sir Ronans, dem High Sheriff of Cornwall ...

***

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1.

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Bald haben wir es geschafft“, sagte der Fuhrknecht und ließ die Peitsche knallen. Der Frachtwagen rumpelte eine Steigung hinauf.

In diesem Augenblick schlug ein Pfeil in seine Brust. Es war ihm, als hätte ihn ein Blitzschlag getroffen. Seine Brust schien zu zerreißen. Blutige Schleier wallten plötzlich vor seinen Augen.

Er schwankte auf dem Kutschbock. Wie aus weiter Ferne hörte er gellende Schreie und schrilles Wiehern. Verschwommen sah er drohende Gestalten zwischen den Felsbrocken und Büschen am Wegesrand hervorspringen. Wilde Gestalten, die mit Schwertern, Lanzen sowie Pfeil und Bogen bewaffnet waren.

Dann stürzte er zu Boden. Er glaubte noch, die Stimme seines Helfers in dem Durcheinander von Geräuschen zu erkennen.

„Gnade, wir sind nur Holzfäller und ...“ Die Stimme ging in ein Röcheln über.

Jemand lachte dicht neben ihm.

„Wir wissen genau, was ihr befördert“, sagte eine raue Stimme. „Los, Männer, holen wir uns die Waffen!“

Verrat!, dachte der Kutscher noch. Dann hüllte ihn die Dunkelheit ein.

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2.

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Angespannt lauschten die Ritter im Tafelsaal von Launceston Castle den ernsten Worten des Sheriffs. Als er seine Ansprache beendet hatte, herrschte Betroffenheit, ja Fassungslosigkeit.

Ein geheimer Transport war überfallen worden. Als Holzfäller verkleidete Männer des Sheriffs waren von einer Räuberhorde allesamt niedergemacht worden. Die Waffen, waren verschwunden. Der High Sheriff, Sir Ronan of Launceston, hatte anklingen lassen, dass die Räuber genau gewusst hatten, welchen Weg die vermeintlichen Holzfäller nahmen und welche Beute zu machen war.

Einen Augenblick lang herrschte angespannte Stille im Saal. Dann setzte aufgeregtes Stimmengewirr ein.

Schließlich verschaffte sich ein graubärtiger Ritter Gehör.

„Ihr meint, es sei Verrat im Spiel?“, fragte er mit schwerer Stimme, und seine grünen Augen blickten verständnislos.

Der Sheriff nickte leicht.

„Ungeheuerlich!“, rief ein zweiter und sprach damit aus, was wohl alle Versammelten dachten.

„Wer war in die Geheimaktion eingeweiht?“

„Nun, zunächst einmal die hier Versammelten“, erwiderte Sir Ronan.

Betretenes Schweigen. Dann Worte der Entrüstung darüber, dass dieser Kreis in Verdacht geraten könne.

Eine knappe Handbewegung des Sheriffs, und es herrschte sofort wieder Stille.

„Außerdem die Fahrer der Wagen“, fuhr der Sheriff fort.

„Da könnte die undichte Stelle zu finden sein“, rief jemand erregt. „Wir sollten ...“

Der Sheriff unterbrach ihn.

„Wir sollten unseren Verstand gebrauchen, bevor wir vorschnelle Schlüsse ziehen“, sagte er freundlich, doch bestimmt.

Der Ritter verstand die Zurechtweisung. Sein Gesicht rötete sich noch mehr.

„Die Fahrer der Wagen waren altgediente, von mir sorgfältig ausgewählte Getreue, die über jeden Verdacht erhaben waren“, fuhr der Sheriff fort.

Wieder entstand betretenes Schweigen.

„Außerdem sind alle umgebracht worden“, sagte ein anderer Ritter schließlich und kratzte sich am grauen Bart. „Das schließt zwar nicht Verrat von dieser Seite aus, doch es spricht auch nicht gerade dafür.“

„Vielleicht wollten sich die Räuber den Mitwisser vom Halse schaffen!“

„Aber wir haben doch gehört, dass es gute Männer waren, die nicht als Verräter in Betracht kommen“, ereiferte sich ein weiterer.

„Gewiss, gewiss“, beeilte sich der erste Sprecher. Er wollte nicht, dass der Eindruck entstand, er wolle die Urteilskraft des High Sheriffs infrage stellen. „Aber wer sonst könnte den Verrat begangen haben, wenn nur die ausgewählten Männer und wir von dem geheimen Transport wussten und der Überfall nicht von irgendwelchen Wegelagerern begangen wurde, die zufällig unerwartete Beute machten?“

Die Mienen der Versammelten verrieten Ratlosigkeit.

„Es wusste noch jemand von dem Plan“, sagte der Sheriff.

Überrascht richteten sich aller Blicke auf ihn.

Der Sheriff legte eine Pause ein, als wolle er die Spannung steigern. Er legte die Hände pyramidenförmig gegeneinander und sah einen nach dem anderen in der Runde an. Keiner wich seinem Blick aus.

„Sir Morgan, mein Sohn“, sagte der Sheriff dann.

„Euer Sohn? Aber, Sir Ronan!“, kam ein weiterer Ritter laut zu Wort. „Ihr wollt doch nicht allen Ernstes Euren Sohn verdächtigen?“

„Sir Morgan ist in meinem Auftrag unterwegs“, sagte der Sheriff mit kühler Stimme,. „Wenn seine Ermittlungen erfolgreich verlaufen, werden wir wissen, wer der Verräter ist.“

Die ruhig gesprochenen Worte schlugen wie ein Donnerschlag ein.

Wiederum setzte aufgeregtes Stimmengewirr ein, bis der Sheriff mit einer leichten Geste Schweigen gebot.

„Eine Erklärung ist angezeigt“, sagte er in die erwartungsvolle Stille. „Einer der Fuhrknechte war nicht gleich tot. Er erwachte aus seiner Bewusstlosigkeit, als sich die Räuber davon überzeugten, dass unter den Holzstämmen die Waffen und das Rüstzeug versteckt waren. Er hörte, was die Räuber sprachen. Daraus ging eindeutig hervor, dass sie von einem Verräter Hinweise bekommen hatten. Und es fiel auch der Name des Verräters.“

Wieder sah er einen nach dem anderen an. Alle blickten gespannt. Keiner wich seinem Blick aus.

„Die Räuber hielten den Mann wohl für tot und ließen ihn liegen. Er wurde sterbend von einer Frau gefunden. Ihr hat er gesagt, was er gehört hatte, und diese Frau hat bei einem Büttel ausgesagt. Über Umwege erreichte mich diese Nachricht über einen Meldereiter. Mein Sohn weilte dort unten, um den Transport zu übernehmen und weiterzuführen. Ich informierte ihn per Kurier über den Überfall und gab ihm den Auftrag, mit der Frau und dem Büttel zu sprechen.“

Der Sheriff legte eine Pause ein und verschränkte die Hände.

„Ich erwarte ihn morgen Abend zurück“, fuhr er fort. „Und mit großer Wahrscheinlichkeit werden wir dann wissen, wer der Verräter ist.“

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3.

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Für Morgan gab es nach der Befragung des Büttels nur einen Schluss: Der geheime Waffentransport war verraten worden, wie es sein Vater der High Sheriff in der versiegelten Botschaft andeutete, die Morgan durch einen Kurier erhalten hatte.

„Die Räuber erwähnten also einen Namen. Vermutlich den Namen des Mannes, der ihnen Hinweise auf den Transport gab.“

„Ja, die Magd, die den Sterbenden fand, hatte Schwierigkeiten, ihn überhaupt noch zu verstehen. Aber sie ist sich ziemlich sicher, dass der Mann Durial geflüstert hat, bevor er starb.“

Morgan wollte es noch nicht recht glauben. Es gab einen Durial unter dem kleinen Kreis der Personen, die von dem Geheimtransport gewusst hatten:

Sir Durial of Stowford.

Morgan glaubte, das überhebliche Lächeln des Ritters zu sehen. Durial zählte nicht zu seinen Freunden. Schon mehrmals war er mit dem Mann zusammengerasselt. Das letzte Mal bei einem Fest wegen einer Dame ...

Und es gab einige Punkte, die Sir Morgan nachdenklich stimmten:

Durial war erst seit kurzer Zeit in dieser Gegend. Man erzählte sich hinter vorgehaltener Hand, dass Sir Durial of Stowford einen lockeren Lebenswandel führe. Wie ein eitler Gockel gebärdete er sich bei den Hofdamen. – Alles in allem nicht der Sympathischste.

Morgan verdrängte den Gedanken. Er wollte sich nicht von Vorurteilen leiten lassen.

„Kennt Ihr jemand mit diesem Namen?“, erkundigte sich der Büttel, weil Morgan schwieg.

„Vielleicht“, antwortete er ausweichend.

Er stellte noch einige Fragen, doch sie ergaben nichts mehr.

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4.

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Als Nächstes suchte Morgan die Hütte der Frau auf, die den Sterbenden gefunden hatte. Es dunkelte bei seinem Eintreffen bereits.

Als er sich der Hütte näherte, schlug ein Hund an.

„Hallo, ist da jemand?“, machte er sich bemerkbar.

Die Tür der Hütte ging auf, und im trüben Licht einer einfachen Öllampe zeichnete sich die Silhouette einer Frau ab.

Aus dem Dunkel neben der Hütte schnellte ein gewaltiger Schatten und flog heran wie eine Raubkatze. Lautlos, fast gespenstisch, bedrohlich.

Instinktiv zuckte Sir Morgans Hand zum Schwert.

Doch der große, schwarze Hund landete zwei Schritte vor ihm, verharrte sprungbereit mit leisem Knurren und starrte ihn mit funkelnden Augen an.

„Wer bist du und was willst du?“ Die Stimme der Frau war scharf, jedoch wohlklingend.

Morgan ärgerte sich ein wenig über die Anrede und den Tonfall, doch er sagte sich, dass er Verständnis dafür haben musste. In dieser Waldeinsamkeit musste man misstrauisch gegenüber fremden Besuchern sein, besonders als Frau.

„Ich bin Sir Morgan und komme im Auftrag des Sheriffs, um dir einige Fragen bezüglich des Überfalls zu stellen.“

„Kommt herein, ich bin Fryska.“

Morgan setzte sich in Bewegung.

Der große Hund knurrte.

Auf ein Kommando der Frau folgte er den beiden und ließ den Ritter keinen Moment aus den Augen.

Sir Morgan sah sich um. Eine gemütliche Hütte, einfach, aber liebevoll eingerichtet. Ein Feuer prasselte in einer offenen Feuerstelle.

Er sah sich Fryska genauer an. Eine atemberaubend schöne Frau. Ihr Gesicht wurde von großen schwarzen Augen beherrscht. Unter ihrer Haube quollen pechschwarze Haarsträhnen heraus.

Er stellte seine Fragen. Ihre Miene war ernst, als sie sich daran erinnerte, wie sie den Sterbenden gefunden hatte.

„Durial?“ Sie schüttelte den Kopf. „Das hat er nicht gesagt, und das habe ich auch nicht dem Büttel gesagt. Allenfalls, dass der Mann einen Pfeil im Leib hatte. Ich erinnere mich genau, was er sagte. Es war nicht viel. Er sagte: „Überfall ... geheim ... Verrat ... und etwas von einer Frau.“

„Von einer Frau?“

„Vermutlich seine Ehefrau. Ich war natürlich aufgeregt. Ich fragte ihn, wer etwas verraten und wo es einen Überfall gegeben hatte. Doch er sagte nur noch einen Namen, der mit Dur... begann. Der Rest war unverständlich.“

Morgan nagte an seiner Unterlippe. Dieser verdammte Büttel, der ihm den Namen Durial in den Mund gelegt hatte!

Er stellte noch weitere Fragen, doch es kam nichts mehr dabei heraus.

Sie reichte ihm an der Tür die Hand zum Abschied.

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5.

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Viel gebracht hatten seine Nachforschungen nicht, und mit dem unbehaglichen Gedanken, damit vor seinen Vater zu treten, war er nach einer Nacht im Freien wieder unterwegs.

Der Hengst schnaubte und riss ihn aus seinen Gedanken.

Hufschlag trommelte heran.

Ein Reiter jagte in gestrecktem Galopp um die Wegbiegung. Der Mann hatte es offenbar eilig. Endich erkannte Morgan den Reiter, und er trieb sein Pferd zum Galopp.

„Johel!“

Es war Johel de Vautort, der Ritter und berühmte Minnesänger, Morgans Freund.

Johels Zähne blitzten im markanten, leicht gebräunten Gesicht, als er lachend neben Morgan seinen Fuchswallach zügelte.

„Morgan! Gut dass ich dich treffe!“

Morgan reichte ihm voller Wiedersehensfreude die Hand.

„Wie geht es dir, Johel?“, erkundigte sich Morgan.

Johel de Vautort lächelte gezwungen.

„Mir geht’s gut, und alles ist so weit in Ordnung“, sagte er ernst. „Doch dir könnte es gleich schlecht ergehen. Deshalb meine Eile.“

Morgan blickte ihn überrascht an.

„Da wartet jemand auf dich“, erklärte Johel. „Nicht weit von hier.“

„Wer?“

„Den Namen hat er mir nicht verraten“, antwortete Johel, und jetzt grinste er schon wieder heiter.

„Und was will er?“

„Er will dich ein bisschen tot machen.“

Morgan schluckte. Er überlegte schnell, welche Feindschaft er sich in der letzten Zeit zugezogen haben könnte, doch es fiel ihm keiner ein, der als Mörder infrage kommen würde.

„Warum?“, fragte er.

Johel zuckte mit den Schultern.

„Er handelt vermutlich im Auftrag. Der Sheriff hat kundgetan, dass du bei deiner Rückkehr den Namen des Verräters preisgeben würdest. Ist es so?“

Johel sah den Freund erwartungsvoll an.

Morgan schüttelte den Kopf. „Ich weiß nur eine Namenssilbe. Damit lässt sich allenfalls der Kreis der Verdächtigen einengen.“

Johels Miene verriet Enttäuschung. „Schade. Wir alle dachten, diese Zeugin würde den Verräter entlarven. Na, jedenfalls ist jemand äußerst nervös geworden und hat einen Mörder gedungen, der dich abfangen soll. Du wärst ahnungslos in den Tod geritten.“

Morgan begriff noch nicht ganz.

„Mein Vater hat kundgetan, ich wüsste ... aber warum hat er das getan?“

Johel lachte. „Weil er weiß, dass du dadurch in Gefahr bist, hat er mir den Auftrag gegeben, Schutzengel für dich zu spielen. Ich war bei der Besprechung nicht anwesend, doch er hat mir gesagt, dass er die anderen absichtlich so informiert hat, um eine Reaktion des Verräters zu provozieren. Seit zwei Tagen reite ich den Weg ab, auf dem du kommen musst, und seit heute Morgen beobachte ich einen Bogenschützen, der sich am Wegesrand versteckt, wartet und alles für einen Schuss vorbereitet hat. Ich gehe jede Wette ein, dass er nicht dort lauert, um ein Kaninchen zu schießen.“

„Mein Vater hat mich als Köder benutzt, um den Verräter zu einem Fehler zu verleiten?“ Morgan wollte es noch nicht glauben.

„So ist es.“

„Ziemlich riskant“, murmelte Morgan.

Johel knuffte ihn freundschaftlich vor die Brust.

„Dein Vater vertraut dir und ich bin deshalb unterwegs. Es ging um die Einengung derjenigen, die von dem Transport wussten – und schließlich gehörst du als sein engster Vertrauter natürlich dazu. Wir schnappen uns den Kerl, und dann wird er uns sagen, wer sein Auftraggeber ist.“

Morgan musste lächeln.

„Wie packen wir den Kerl am besten?“, fragte Morgan.

„Ganz einfach“, erwiderte Johel grinsend. „Du wirst dich von ihm erschießen lassen!“

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6.

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Hufschlag nahte von Süden.

Der Bogenschütze spähte über den Weg.

Den Platz für den Hinterhalt hatte er ideal gewählt. Er lag zwischen Büschen im Schatten am Wegesrand, und der Weg verbreiterte sich an dieser Stelle und bog nach Westen ab. Er hatte einen hervorragenden Überblick und konnte selbst nicht entdeckt werden.

Der Reiter war noch weit genug entfernt, doch es galt, sich vorzubereiten.

Hoffentlich war es der richtige Mann und nicht wieder ein völlig anderer wie schon ein paarmal an diesem Tag.

Mit ruhiger Hand zog er einen Pfeil aus dem Köcher und ergriff den Bogen.

Er legte den Pfeil auf die Sehne und spannte den Bogen zur Probe.

Er schätzte die Entfernung zu dem Reiter. Jetzt waren es noch etwa zehn mal zehn Yards. Genau auf zehn Fuß Entfernung würde der Pfeil treffen. Er hatte es abgemessen und einen kleinen weißen Stein als Markierung auf den Weg gelegt, damit er nicht zu früh oder zu spät schoss.

Er spähte angespannt zu dem Reiter, der sich im Trab näherte. Zufrieden lächelte er. Ja, das waren das richtige Pferd und der richtige Mann. Er hatte auch lange genug gewartet und nicht mehr gewusst, wie er die Zeit totschlagen konnte.

Er warf einen Blick zu dem weißen Markierungssteinchen und hob den Bogen. Er zielte über den Markierungsstein hinweg auf einen Baumstamm auf der anderen Seite des Weges, wo er in etwa der richtigen Höhe eine weiße Markierung in den Stamm geritzt hatte. Der Reiter würde ihm genau die Brust zuwenden, und dann brauchte er die Zielrichtung nur noch ein wenig anzupassen.

Der Reiter hielt jetzt den Kopf gesenkt. Er hatte einen langen Ritt hinter sich und war gewiss ebenso müde wie sein Pferd.

Noch etwa zehn Yards bis zum Markierungsstein.

Der Schütze konzentrierte sich.

Dann war es so weit.

Er schoss den Pfeil ab.

Genau ins Herz. Perfekt.

Der Reiter zuckte zusammen und stürzte blitzartig aus dem Sattel. Das Pferd fiel in Galopp und jagte weiter, als befürchte es, auch von einem Pfeil getroffen zu werden.

Der Reiter überschlug sich mehrmals im Staub, rollte weiter und landete fast am anderen Wegesrand.

Der Bogenschütze nickte zufrieden vor sich hin. Der Ritter und damit der Auftrag waren erledigt.

Plötzlich weiteten sich seine Augen vor Entsetzen.

Der vermeintlich Tote sprang auf und warf sich in Deckung der Büsche!

Das konnte doch nicht wahr sein! Er hätte jeden Eid geschworen, dass er genau getroffen hatte.

Sein Blick flog über den Weg. Der Pfeil lag nur ein Stück vom Markierungssteinchen entfernt auf dem Weg. Er musste förmlich von dem Ritter abgeprallt sein!

Das war natürlich eine irrsinnige Annahme.

Morgan war auf Bitten seines Freundes doppelt geschützt gewesen, denn er trug über seinem Kettenhemd auch das des Minnesängers. Damit wurde verhindert, dass ein Pfeil doch durch das engmaschige Netz schlagen konnte.

Morgan war heilfroh, dass der Kerl nicht zuerst auf seinen prächtigen Hengst geschossen hatte. Immerhin bestand die Möglichkeit, dass sich der Schütze seiner Treffsicherheit nicht so sicher war und erst das Pferd als allergrößtes Ziel erledigte, um dann den Reiter zu töten, wenn er am Boden lag.

Morgan hatte sich aus dem Sattel geworfen, sich geschickt abgerollt und war in Deckung gesprungen, denn er musste mit einem weiteren Pfeil rechnen. Er wusste, dass Johel jetzt zur Stelle sein würde. Er war vorausgeritten, um sich dann zu Fuß anzuschleichen, damit sie den üblen Burschen in die Zange nehmen konnten.

Morgan zückte sein Schwert und spähte zwischen den Büschen hindurch. Auf der anderen Seite des Weges sah er Bewegung und hörte Geräusche. Zweige bewegten sich, Blätter raschelten, Schritte waren zu vernehmen.

Morgan sprang auf.

Johels Stimme ertönte.

„Ergib dich, oder ...“

Morgan hetzte über den Weg. Johel hatte den Kerl gestellt.

Ein Schrei gellte.

Morgan stockte der Atem. Angst um Johel erfasste ihn. Sollte der Freund von dem verhinderten Mörder mit einem Trick hereingelegt worden sein?

Der Schrei ging in ein Röcheln über.

„Morgan!“

Sir Morgan atmete auf. Johels Stimme.

„Alles in Ordnung?“, rief Morgan.

„Nicht ganz. Aber du kannst kommen.“

Morgan eilte zwischen die Büsche. Dann verharrte er jäh.

Ein Mann lag am Boden. Ein Schwert ragte aus seiner Brust. Sein wachsbleiches Gesicht war vor Schmerzen verzerrt. Die zitternden Hände umkrampften das Schwert.

Blut tränkte sein Hemd.

Johel de Vautort stand in angespannter Haltung vor dem Mann und hielt ein Messer in der Hand.

Seine Miene war bestürzt.

„Er wollte sich nicht ergeben“, sagte Johel mit belegter Stimme. „Er stürmte auf mich zu und holte mit dem Messer aus. Es sah verdammt gefährlich aus. Auf ein paar Schritte Entfernung hätte er mich kaum verfehlt. Für einen Schwerthieb war die Distanz zu groß. So schleuderte ich mein Schwert. Ich zielte auf die Schulter, doch er sprang ausgerechnet zur falschen Seite  und so erwischte ich ihn voll. Sein Messer zischte keine Handbreit an meinem Ohr vorbei.“

Das schreckliche Röcheln des Mannes war leiser geworden. Sein Kopf war zurückgesunken. Blut sickerte aus seinem Mundwinkel.

Morgan kniete sich neben dem Mann nieder. Er sah bereits den glasigen Frost des nahen Todes in den Augen des Mannes.

„Hilfe!“

Kaum hörbar war der wimmernde Laut des Verbrechers. Eine Blutblase zerplatzte vor seinem Mund.

Morgan wusste, dass keine Macht der Welt dem Mann mehr helfen konnte.

„Erleichtere dein Gewissen“, sagte Morgan ruhig, doch eindringlich. „Wer hat dich beauftragt, mich aus dem Hinterhalt zu töten?“

Die Brust des Mannes hob sich unter einem ächzenden Atemzug. Es war ein schlimmer Anblick, denn das Schwert, das aus der Brust ragte, hob und senkte sich mit.

„Wie heißt der Mann?“, fragte Johel drängend.

Wieder ein zitternder Atemzug, ein rasselnder Laut. Die Augen des Mannes schienen für einen Moment klarer zu werden.

„Kein ... Mann ...“, sagte der Sterbende mit erstickter, doch deutlich vernehmbarer Stimme.

Morgan und Johel tauschten einen überraschten Blick.

„Kein Mann?“, wiederholte Morgan.

Die Lippen des Sterbenden zuckten. Es war, als sammele er noch einmal Kraft.

„Lady ...“

Das klang wie ein Hauch, doch Morgan hatte es ebenso deutlich verstanden wie Johel.

„Eine Frau hat dich beauftragt?“, vergewisserte sich Morgan. „Welche Frau?“

Er bekam keine Antwort mehr.

Es hatte den Anschein, als wollte der Sterbende noch etwas sagen, doch plötzlich sank sein Kopf zur Seite.

Der Mann war tot.

Im Angesicht des Todes überwand Morgan seine Abscheu vor dem verhinderten Mörder.

Er drückte dem Toten die Augen zu.

Kurz darauf blickte er zu Johel, der ebenso benommen war wie er. Und Johel sprach aus, was Morgan dachte:

„Kein Zweifel, er hat den Mordauftrag von einer Frau erhalten!“

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7.

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Der Sheriff von Cornwall hörte sich mit ernster Miene den Bericht seines Sohnes an.

„Wir wollten den Kerl natürlich lebend“, sagte Johel zerknirscht, „doch er schleuderte sein Messer, und mein Schwert traf ihn unglücklich ...“

Sir Ronan winkte mit einer Handbewegung ab. „Ich bin sicher, dass ihr beide euer Bestes getan habt.“

Er blickte Morgan an.

„Als ich mit der Frau sprach, dieser Fryska, sagte auch sie, dass der Sterbende von einer Frau gesprochen hat.“

Der Sheriff musterte Morgan. „Fryska?“

„Sie hatte den sterbenden Fuhrknecht gefunden“, erklärte Morgan. „Ja, sie sagte, er erwähnte eine Frau, doch sie nahm an, dass damit die Ehefrau gemeint war. Doch offenbar haben die Räuber über diese Frau geredet, die auch der Mann meinte, der mich töten wollte.“

„Dann müsste sie die Verräterin sein“, murmelte Johel.

Der Sheriff schüttelte den Kopf.

Details

Seiten
120
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783738923629
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2018 (November)
Schlagworte
schwert schild morgan löwenritter band verrat

Autoren

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Titel: Schwert und Schild – Sir Morgan, der Löwenritter Band 22: Verrat!