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Schwert und Schild – Sir Morgan, der Löwenritter #18: Ein Engel als Köder

von Tomos Forrest (Autor:in) Joachim Honnef (Autor:in)
2018 120 Seiten

Leseprobe

Schwert und Schild – Sir Morgan, der Löwenritter Band 18: Ein Engel als Köder

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VON JOACHIM HONNEF / Tomos Forrest

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ZYKLUS: WILDE JUGENDJAHRE in Cornwall, Band 9

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IMPRESSUM

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© Roman by Author

© Titelbild: Nach einem Motiv von Julius Kronberg  mit Steve Meyer, 2018

Mitwirkung: Ines Schweighöfer

Lektorat: Kerstin Peschel

Ceated by Thomas Ostwald, Alfred Bekker und Jörg Martin Munsonius

© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

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Klappentext:

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Sie waren nicht zu ihrem Vergnügen unterwegs. Morgan hatte von seinem Vater, Sir Ronan of Launceston, dem High Sheriff of Cornwall den Auftrag erhalten, zusammen mit den beiden Kriegsknechten Rhodri und Cynan eine Gruppe von Räubern, die kürzlich eine Verwandte seiner Mutter überfallen und dabei überaus reiche Beute gemacht hatte, aufzustöbern, ihr das Handwerk zu legen und das Diebesgut zurückzubringen.

Auf ihrer Suche nach den Dieben begegneten sie der schönen allein reisenden Comtesse Elisabeth Tercier und boten sich an, sie auf ihrer Reise vor Schurken zu beschützen. Doch was die drei nicht wussten, nicht einmal im Entferntesten erahnen konnten, die Räuber waren nicht ihre einzigen Todfeinde, die ihnen nach dem Leben trachteten und auch das Schicksal hat hier eine entscheidende Hand im Spiel ...

***

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1.

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Der Mond, der durch das kleine Fenster der Herberge in die Kammer lugte, schien auf eine seltsame Szene. Da lag auf der Bettstatt eine wunderschöne Frau unter einer dünnen Decke. Und auf dem Fußboden davor lag ein junger Ritter, zusammengerollt, das Schwert neben sich.

Morgan auf Launceston hatte wieder einmal eine ehrenvolle Aufgabe erhalten. Es ging um Elisabeth Terciere, eine Comtesse aus Burgund, über die er wachen musste. Plötzlich wurde er durch ein Knarren aus seinem leichten Schlaf geweckt.

Die Tür.

Wie von Geisterhand schwang sie langsam auf!

Mit dem Schwert in der Hand sprang Morgan auf.

Drei Männer stürmten in den Raum, drohende Schatten im Halbdunkel der Kammer.

Der Mann an der Spitze hielt ein Schwert in der erhobenen Rechten, die beiden anderen waren mit Keulen bewaffnet. Ebenso der vierte Kerl, der sich jetzt durch das Fenster herein schwang.

Elisabeth Terciere schrie unterdrückt auf und zog die Decke hoch.

Morgan stellte sich tollkühn der Übermacht.

Der Mann mit dem Schwert verharrte wie vom Donner gerührt. Gewiss hatte er sich alles viel einfacher vorgestellt. Er hielt die Hand mit dem Schwert erhoben, doch er war wohl zu überrascht von Sir Morgans blitzschneller Reaktion, um zu handeln.

Auch die beiden Kerle hinter ihm blieben unvermittelt stehen, und der Mann am Fenster verlor vor Schreck gar seine Keule.

Er hatte gedacht, es sei die einfachste Sache der Welt, einen Mann im Schlaf zu überraschen. Doch dieser Mann musste einen äußerst leichten Schlaf gehabt haben, und er kam über sie wie der Teufel.

Der Anführer des Quartetts schrie auf, als Morgans wuchtiger Hieb sein Schwert traf. Fast wäre es Morgan gelungen, ihm das Schwert aus der Hand zu schlagen, doch der Gegner strauchelte nur, konnte sich fangen und hielt das Schwert fest.

Elisabeth stieß einen gedämpften Schrei aus. Wie gebannt starrte sie auf die Kämpfenden.

„Ergib dich!“, keuchte der Kerl mit dem Schwert.

Morgan prallte gegen die Bettkante und taumelte. Der Kerl mit dem Schwert sah seine große Chance gekommen, als Morgan auf dem Bett lag.

Er stürmte mit einem triumphierenden Schrei auf den Ritter zu.

Verzweiflung stieg in Morgan auf. Er hatte sich noch nicht gefangen, und wenn der Kerl mit dem Schwert zustieß, war alles aus. Es blieb keine Zeit mehr, seinen Stoß zu parieren.

Doch zu seiner grenzenlosen Erleichterung stieß der Angreifer nicht mit dem Schwert zu, sondern er schwang es plötzlich, als wollte er Morgan mit mächtigem Streich enthaupten.

Blitzschnell zog der jedoch beide Beine an und stieß sie mit aller Kraft vor, just in dem Moment, in dem der Mann mit dem Schwert heran war.

Er traf den Angreifer in die Magengrube. Brüllend taumelte der Mann zurück, flog gegen seinen keulenschwingenden Kumpan und ging mit ihm zu Boden.

Morgan schnellte sich vom Bett hoch.

Mit zwei Sätzen war er bei den beiden.

Der eine presste stöhnend eine Hand auf seinen Leib. Der andere tastete nach seiner Keule, die ihm der eigene Kumpan beim Aufprall aus der Hand gestoßen hatte.

Morgan verlor keine Zeit. Er hieb dem Burschen, der die Keule ergreifen wollte, die Breitseite der Klinge auf die Finger und schlug mit einem weiteren schnellen Hieb den Anführer nieder, der nach dem Schwert greifen wollte, das ihm beim Sturz aus den Fingern geglitten war.

Der zweite Keulenschwinger und der Mann am Fenster lösten sich aus ihrer Erstarrung. Beide griffen ungestüm an.

Der eine hielt wohl nichts vom Nahkampf. Er warf seine Keule mit voller Wucht.

Morgan duckte sich geistesgegenwärtig, packte den jetzt keulenlosen Mann am Gewand und schleuderte ihn gegen den Kumpan. Beide gingen zu Boden, und Morgan glaubte die Atempause zu haben, die er dringend brauchte.

Doch daraus wurde nichts.

Der Schwertkämpfer war zu sich gekommen; Morgan hatte ihn wohl nicht richtig getroffen. Der Kerl sprang mit dem Schwert in der Hand auf.

Morgan konnte gerade noch den Kopf zur Seite reißen. Doch das Schwert streifte ihn an der Schulter, und ein heißer Schmerz zuckte durch seinen Arm.

„Du Hund!“, keuchte der unbekannte Angreifer, der das Schwert schwang. „Ich werde dich ...“

Er konnte nicht zu Ende reden.

Morgans mächtiger Schwerthieb fegte ihn zu Boden. Doch diesmal blieb der Anführer liegen und rührte sich nicht mehr.

Jetzt lagen zwei Männer bewusstlos am Boden, und Sir Morgan war von grimmiger Zuversicht erfüllt.

Diese Lumpen hatten sich verrechnet.

Morgan wirbelte zu den beiden anderen herum, die sich inzwischen aufgerappelt hatten. Die Kerle sollten ihr blaues Wunder erleben. Aber für sie schien der Kampf vorüber zu sein. Der erste warf sich kopfüber aus dem Fenster, und auch der zweite ergriff panikartig die Flucht.

Die Burschen hatten es so eilig, dass sie sogar vergaßen, ihre Keulen mitzunehmen.

Morgan hob eine auf und warf ihnen ihr Eigentum nach. Er hörte ein dumpfes Klatschen und einen Fluch, der in ein Ächzen überging. Treffer!

Schritte entfernten sich eilig.

Morgan warf einen schnellen Blick durch die Kammer. Zwei reglose Gestalten am Boden, von denen eine Weile gewiss keine Gefahr drohte. Elisabeth, die sich ihre Decke bis zum Busen gezogen und im Bett aufgesetzt hatte, starrte ihn aus großen Augen entsetzt an, fast so, als sei er der Bösewicht.

Gewiss war sie immer noch zu Tode erschrocken.

Die Gefahr war gebannt. Doch Morgan wollte die beiden anderen nicht entkommen lassen. Elisabeth hatte voller Sorge von den Räubern gesprochen, die in dieser Gegend Reisende überfielen. Die Kerle waren zielstrebig in Elisabeths Kammer eingedrungen, und sie konnten weitere Scherereien machen, wenn sie entkamen.

Morgan zögerte nicht.

„Bringt Euch in Sicherheit und holt den Wirt!“, rief er Elisabeth zu und lief zum Fenster.

Sie streckte eine Hand aus, als wollte sie ihn festhalten.

„Bleibt, Sir Morgan ...“

Er sprang bereits durch das Fenster hinaus und landete weich auf dem Kerl, den er mehr oder weniger zufällig mit der Keule getroffen hatte, und der sich gerade stöhnend aufstemmen wollte.

Mit einem schnellen Fausthieb legte Morgan ihn wieder hin.

Sein Blick zuckte über den Hinterhof.

Der Letzte des üblen Quartetts hatte einen Bretterzaun am Ende des Hofes erreicht und kletterte gerade hinauf.

„Bleib stehen!“, rief Morgan. Der Mann kümmerte sich jedoch nicht um seinen Ruf.

Morgan zögerte einen Lidschlag lang. Ob er nicht doch besser bei der Comtesse Elisabeth blieb? Vielleicht war sie zu erschrocken, um die paar Schritte aus der Kammer zu tun und sich in Sicherheit zu bringen. Morgans Blick flog zum Fenster zurück. Dort war jetzt der Schein einer Lampe zu sehen und das tiefe Organ eines Mannes zu vernehmen. Der Mann erkundigte sich, was der Lärm zu bedeuten habe. Elisabeths aufgeregte Stimme antwortete. Morgan atmete auf. Er erkannte die Stimme des Mannes wieder. Es war einer der Gäste, die er am Abend kennengelernt hatte. Er würde sich um Elisabeth kümmern.

„Hier liegt noch einer!“, rief Morgan. „Hebt ihn gut auf.“

Dann lief er auf den Zaun am Ende des Hofes zu.

Sir Morgan zog sich am Zaun hoch und spähte hinüber. Der Bursche war nur etwa zwanzig Klafter entfernt. Gehetzt blickte er zurück und übersah dabei ein Loch im Boden. Er stolperte und stürzte.

Morgan sah es mit grimmiger Zufriedenheit.

Er warf das Schwert über den Zaun, weil es ihn beim Klettern behinderte und sprang hinterher. Federnd landete er, packte das Schwert und eilte weiter. Der Räuber hatte sich gerade aufgerappelt. Jetzt rannte er davon, als sei der Leibhaftige persönlich hinter ihm her.

Er schlug einen Haken und verschwand hinter einem dunklen Schuppen. Seine Schritte hämmerten durch die Stille der Nacht. Hühner begannen zu gackern, aus einem anderen Stall war das Grunzen von Schweinen zu vernehmen.

Morgan bog vorsichtig um die Ecke des dunklen Stalles. Er hielt das Schwert in der vorgereckten Rechten, weil er mit einem Angriff aus dem Dunkel rechnen musste. Doch der Mann dachte offenbar nicht an Kampf. Morgan konnte ihn nicht sehen, doch er hörte die Schritte in einer Seitengasse jenseits der Stallgebäude davoneilen.

Morgan erreichte die Gasse und sah den Flüchtenden gerade noch an ihrem Ende über einen Zaun klettern.

Der Ritter rannte durch die Gasse.

Als er an die Stelle gelangte, an der der Flüchtende verschwunden war, zog er sich am Zaun hoch und spähte vorsichtig hinüber.

Tiefe Finsternis nistete zwischen den Apfelbäumen und dunklen Gebäuden, die sich am Rande eines kleinen Gartens abhoben.

Morgan lauschte mit angehaltenem Atem. Er glaubte nur das Pochen seines Herzens zu hören. Kein fliehender Schatten war zu sehen, und er konnte keine Schritte hören.

Morgan sprang über den Zaun hinab in den Garten.

Dann fluchte er.

Er landete weich, doch leider in einem recht würzig riechenden Misthaufen. Den Duft hatte er schon wahrgenommen, doch nicht gedacht, dass der Haufen ausgerechnet unterhalb des Zaunes war.

„Verdammt!“

Fluchend kämpfte sich Morgan aus dem Misthaufen. Als er stand, rutschte er aus und landete in der Vertiefung, die er zuvor mit seinem Aufprall geschaffen hatte.

Von Neuem rappelte er sich auf und wischte sich über Mund und Wangen.

Angestrengt spähte er durch die Dunkelheit. Wo sollte er jetzt nach dem Entkommenen suchen? Vermutlich kannte sich der Kerl besser in den Örtlichkeiten aus. Vielleicht versteckte er sich ja auch.

Morgan wurde aus seinen Überlegungen gerissen. Hufschlag klang auf und entfernte sich nach Nordwesten. Nun, das konnte auch Zufall sein, doch er glaubte nicht an solche Zufälle.

Der Mann war entkommen.

Es blieb ihm nichts anderes übrig, als zur Herberge zurückzukehren. Er tröstete sich mit dem Gedanken, dass immerhin drei der üblen Gesellen geschnappt worden waren.

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2.

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Der Ritter kletterte wieder über den Zaun und schritt durch die Gasse, in die nur ein Streifen Mondlicht fiel.

„Oh!“

Der Laut ließ Morgan herumwirbeln.

Instinktiv riss er die Hand mit dem Schwert hoch.

Dann entspannte er sich. In einem offenen Fenster konnte er den schwachen Umriss einer Gestalt ausmachen. Unverkennbar eine weibliche Gestalt.

Morgan atmete auf. Es drohte keine Gefahr.

„Was – was tut Ihr da?“

Eine süße, aber etwas furchtsame Stimme.

„Keine Sorge, gute Frau“, sagte Sir Morgan beruhigend. „Ich mache nur einen kleinen Spaziergang.“

Er wollte sich in Bewegung setzen, doch offenbar deutete die Maid das falsch.

„Rührt Euch nicht von der Stelle, oder ich schreie um Hilfe!“

Morgan verharrte.

„Ihr braucht Euch nicht zu ängstigen“, sagte er und lächelte, obwohl sie das in der Dunkelheit gewiss nicht erkennen konnte. „Ich gehe zurück zur Herberge und ...“

Morgan verstummte, denn die Frau hielt eine Laterne aus dem Fenster und beleuchtete ihn.

„Wer seid Ihr?“ Es klang wie ein Hauch.

„Morgan ist mein Name.“

Morgan war die Situation ein wenig peinlich weil er so stank, und er fühlte sich bemüßigt, eine Erklärung abzugeben. Doch es wollte ihm nichts Gewandtes und Charmantes einfallen, und während er noch überlegte, nahm sie ihm das Wort aus dem Munde:

„Ihr seid in einen Misthaufen gefallen“, stellte sie heiter fest, und im Schein der Laterne sah Morgan ihr Lächeln. Es war ein süßes Lächeln, sogar bar jeder Schadenfreude, doch Morgan ärgerte sich in seiner beschämenden Situation darüber.

„So ist es, und wenn Ihr mich jetzt entschuldigen wollt ...“

Damit ging er weiter. Er spürte förmlich ihren Blick auf seiner nackten Kehrseite, doch es war ihm gleichgültig.

„So wartet doch, Ihr könnt bei mir ...“

Morgan schluckte. Hatte er da gerade so etwas wie eine Einladung vernommen?

Er wollte schon stehenbleiben und nachfragen, wie ihre hastig hervorgestoßenen Worte zu verstehen waren, als in dem Haus eine tiefe, grollende Stimme ertönte:

„Anne, was ist da los?“

Gewiss Annes Mann!

„Nichts!“, beteuerte Anne zwar, doch Morgan hörte ein Poltern und stampfende Schritte, und er machte sich davon. Schnell tauchte er in der Dunkelheit unter. Als er einen Blick über die Schulter warf, sah er Anne, die sich immer noch weit aus dem Fenster lehnte und die Laterne vorreckte, als wolle sie noch bis zu ihm leuchten.

Sofort dachte er an die Lumpen, die er bewusstlos bei Elisabeth zurückgelassen hatte, und sein Grinsen verschwand.

Die Burschen würden ihm ein paar harte Fragen beantworten müssen.

Das taten sie jedoch nicht. Als Morgan durch das Fenster in die Kammer stieg, lag nur noch einer am Boden neben dem Bett.

Die Comtesse Elisabeth war weg.

Morgan zündete schnell die Öllampe an. Der Mann am Boden war keiner der Räuber. Es war der Gast, mit dem Morgan am Abend geplaudert hatte, ein dicker Weinhändler, der ihm beim Essen mit seinem Geschwätz auf die Nerven gegangen war.

Der Dicke regte sich. Er stemmte sich ungeschickt auf und tastete stöhnend an seinen Hinterkopf. Dann blinzelte er zur Lampe und zu Morgan hin.

„Was ist passiert?“, ächzte er.

„Das möchte ich auch gern wissen“, erwiderte Morgan.

„Die Räuber!“, stieß der dicke Weinhändler hervor. „Sie lagen hier, als ich ins Zimmer kam! Und die arme Dame! Ich fragte sie gerade, was los war, da hörte ich hinter mir ein Geräusch, und gleich darauf traf mich etwas am Kopf.“

Ein schlimmer Verdacht stieg in Morgan auf. Wenn der Weinhändler niedergeschlagen worden war, dann war möglicherweise nicht alles so abgelaufen, wie er gedacht hatte.

„Hat der Wirt nicht die Kerle ...“

Morgan verstummte und hob lauschend den Kopf. Ein Fuhrwerk verließ den Ort. Hufschlag und Räderrasseln entfernten sich in der Nacht. Flüchtig fragte er sich, wer zu dieser späten Stunde durch die Nacht fuhr.

Dann dachte er an Elisabeth Terciere, und er fluchte lautlos.

„Was geht hier vor?“

Ein kleiner, kahlköpfiger und krummbeiniger Mann stürmte mit allen Anzeichen von Aufregung in das Zimmer. Sein graues Schnurrbärtchen, die letzte Bastion seiner Haare, sträubte sich. Die blauen Schweinsäuglein blickten Morgan vorwurfsvoll an.

Morgan berichtete mit knappen Worten und gürtete sein Schwert.

„Wo sind die Kerle, und wo ist die Lady?“, fragte er schließlich.

Die Antwort war wie ein Fausthieb für ihn.

„Welche Kerle? Hab’ keine Kerle gesehen. Und die Dame?“ Der Kleine zuckte mit den schmächtigen Schultern. „Soeben abgereist.“

„Abgereist?“, entfuhr es Morgan verblüfft. „Wieso habt Ihr überhaupt nichts gehört?“

Der Wirt zuckte mit den schmalen Schultern.

„Ich schlief. Da weckte mich die Comtesse und verlangte, dass ich auf der Stelle anspanne.“

Sonderbar!, dachte Morgan. Weshalb diese überstürzte Abreise?

„Hat sie etwas gesagt?“, erkundigte er sich.

Er konnte sich einfach nicht vorstellen, dass Elisabeth in der Nacht die Reise fortsetzte. Voller Sorge hatte sie von den Gefahren gesprochen, die einer nur mit zwei Kutschern reisenden Dame in dieser Gegend drohten.

Irgendetwas stimmte da nicht!

Der Wirt nickte heftig, und sein Adamsapfel zuckte auf und ab.

„Gewiss hat sie etwas gesagt.“

„Spann mich nicht auf die Folter!“, sagte Morgan schroff.

„Sie sagte – auf Wiedersehen.“

Morgan unterdrückte ein Seufzen.

„Sonst nichts?“, vergewisserte er sich.

„Sonst nichts.“

„Ich verlange eine Erklärung!“, sagte der Weinhändler zornig.

Auch Morgan hätte gern eine Erklärung gehabt, doch von dem Wirt war nichts zu erfahren. Die Räuber waren weg und mit ihnen auch Elisabeth. Zum Glück nur mit ihren Kutschern und wohlbehalten, wie der Wirt beteuerte, der bei der Abfahrt zugegen gewesen war. Morgan hatte schon an eine Entführung gedacht.

Trotzdem war die ganze Sache recht seltsam.

Er ließ sich noch einmal alles durch den Kopf gehen und kam zu dem Schluss, dass er ein rechter Dummkopf gewesen war. Vermutlich waren die Eindringlinge kleine Räuber gewesen, die schnelle Beute hatten machen wollen. Er hätte bei Elisabeth und den Bewusstlosen bleiben sollen, anstatt wie ein Tölpel auf Verfolgungsjagd zu gehen und in einem Misthaufen zu landen. Er ärgerte sich über sich selbst, und als er den Wirt grinsend schnuppern sah, juckte es ihm in den Fingern.

„Ich denke, das riecht nach ...“ Der Wirt kratzte sich am Kinn und legte die Stirn in Falten. „Lasst mich raten ...“

„Ja, verdammt!“, fuhr Morgan ihn so zornig an, dass der kleine Wirt erschrocken zurückhüpfte.

Die Schweinsäuglein blickten entgeistert, dann trotzig, dann verschlagen und schließlich schadenfroh.

„Ich glaube, Ihr seid schlechter Laune“, sagte er hämisch. „Doch Ihr solltet Euch mäßigen, anstatt Eure Wut an mir auszulassen.“

Morgans Zorn war verraucht, und es tat ihm jetzt leid, dass er den Wirt etwas unfreundlich behandelt hatte. Schließlich konnte der nichts für die Ereignisse.

Kurz spielte er mit dem Gedanken, der Kutsche nachzureiten, doch schließlich entschied er sich dagegen. Sie hätte nicht so überstürzt abzureisen brauchen. Er konnte sich ihr Verhalten nicht erklären. Ritterlich hatte er ihren Schutz übernommen, aus dem sie sich selbst nun entlassen hatte. Jetzt galt es, auf das Eintreffen der Kriegsknechte Rhodri und Cynan zu warten, die am nächsten Morgen eintreffen würden.

Sie waren nicht zum Vergnügen unterwegs.

Sie sollten den Räubern das Handwerk legen, die offenbar nun auch Morgan und Elisabeth überfallen hatten. Gewiss hätte sein Vater, Sir Ronan of Launceston, der High Sheriff of Cornwall, ihn nicht damit beauftragt, wenn die Burschen sich bisher mit bescheidener Beute zufrieden gegeben hätten. Doch die Bande hatte, wahrscheinlich ohne es zu wissen, bei einem ihrer Überfälle ein prominentes Opfer ausgenommen, eine Verwandte seiner Frau Lady Gilian, Morgans Mutter. Die beiden Kriegsknechte hatten sich einer Reisegesellschaft angeschlossen, während Morgan den Schutz der Comtesse auf ihrer Durchreise übernommen hatte.

„Kann man hier baden?“, fragte Morgan den Wirt, der sich immer noch mit dem Weinhändler herumstritt.

Er grinste, als er Morgans grimmige Miene sah.

„Da müsst Ihr schon zu Annes Badehaus gehen“, fuhr er fort. „Aber das kostet einiges. Anne nimmt bestimmt den doppelten Preis, wenn Ihr zu dieser späten Stunde Einlass bei ihr begehrt.“

Morgan überlegte, ob er sich in diesem stinkenden Zustand zur Ruhe begeben sollte. Nein, das kam nicht in Frage.

„Wo ist der Brunnen?“, fragte Morgan sein Gegenüber.

„Am anderen Ende der Stadt. Aber da könnt Ihr gewiss nicht baden.“

„Wo ist dieses Badehaus?“, fragte er interessiert.

Der Wirt erklärte ihm den Weg. Durch die Gasse jenseits des Hofes und links das fünfte Steinhaus.

Kein Zweifel, es konnte sich bei Anne nur um die Frau handeln, die er flüchtig kennengelernt hatte. Im Nachhinein musste Morgan schmunzeln. Jetzt wurde ihm klar, weshalb sie ihn hatte zurückhalten wollen. Sie hatte in ihm nichts anderes als einen Kunden gewittert.

Der Gedanke an ein Wiedersehen mit dieser Anne amüsierte ihn.

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3.

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Das Fuhrwerk rumpelte durch die Nacht. Die beiden Kriegsknechte dösten vor sich hin. Cynan und Rhodri waren die einzigen Passagiere. Beim Überrollen eines größeren Steines wachte Cynan auf. Gelangweilt blickte er aus dem Fenster. Bäume und Büsche schienen vor der hellgelben Scheibe des Mondes vorbeizufliegen.

Es war eine milde Juninacht. Bestimmt lagen alle vernünftigen Menschen in ihren Betten, statt in einer ungemütlichen Kutsche zu hocken und durch die Nacht zu rumpeln.

Cynan dachte an den Auftrag und gähnte. Morgan hatte sie vermutlich umsonst auf Reisen geschickt. Seit vier Tagen gondelten sie schon durch die Gegend, um Hinweise auf die Räuber zu finden oder gar selbst überfallen zu werden. Doch nichts hatte sich getan. Und ihre Reisegruppe hatte sich im letzten Ort aufgelöst.

Plötzlich gellte ein Schrei, und mit einem Ruck kam das Fuhrwerk zum Stehen, als sei es gegen eine Barriere geprallt.

Cynan und Rhodri flogen durch den Passagierraum und fanden sich benommen auf den gegenüberliegenden Bänken wieder.

Ein Pferd wieherte schrill und gequält. Hufe stampften. Die Kutsche ruckte auf und ab.

„Ergebt euch, ihr habt keine Chance!“, ertönte eine raue Stimme aus der Nacht. „Runter vom Bock, ihr beiden!“

„Und jetzt?“, flüsterte Rhodri und suchte im Halbdunkel der Kutsche Cynans Blick.

„Ruhe bewahren und tun, was sie sagen“, raunte der Freund. „Merk dir genau die Typen und die Richtung, in die sie verschwinden. Dann brauchen wir nur noch die Verfolgung aufzunehmen und festzustellen, wo ihr Versteck ist.“

Er lauschte angespannt.

Eines der Pferde schnaubte. Hufe stampften. Schritte näherten sich.

„Runter, hab’ ich gesagt!“, rief die raue Stimme. „Wird’s bald, oder sollen wir nachhelfen?“

„Neeei...“

Der Aufschrei verstummte wie abgeschnitten. Ein dumpfer Aufprall folgte.

„Wer nicht hören will, muss fühlen“, sagte die raue Stimme. Jemand kicherte.

„He, ihr da in der Kutsche! Kommt alle mit erhobenen Händen heraus!“

Cynan nickte Rhodri aufmunternd zu. Beide legten die Schwerter auf die Sitze. Es war abgesprochen, dass sie bei einem Überfall keinerlei Gegenwehr leisten sollten. Sie sollten nur beobachten und Hinweise sammeln. Bei den meisten Überfällen war alles zu schnell gegangen, und die Reisenden waren so erschrocken gewesen, dass sie kaum etwas Brauchbares ausgesagt hatten.

Cynan stieg als Erster aus. Sein Blick glitt nach vorne an dem Wagen entlang. Ein Baumstamm blockierte den Fahrweg. Die ersten beiden Gespannpferde lagen zusammengebrochen im Geschirr. Pfeile ragten aus ihrem Fell. Die anderen vier Tiere scheuten und wollten zurückweichen, doch der Kutscher hatte die Bremse festgedreht, und es gab kein Vor und Zurück für die erschreckten Pferde.

Einer der Fahrer stand mit erhobenen Händen neben dem Wagenbock. Sein Gefährte lag reglos und verkrümmt am Boden.

Ein hünenhafter Kerl mit wirr abstehendem, blonden Bart und Haupthaar stand mit einer Keule in der Hand neben ihm. Cynan sah einen Bogenschützen und zwei weitere Männer, die mit Schwertern bewaffnet waren. Die Kerle sahen bis auf einen, der offenbar der Anführer war, recht zerlumpt aus. Der war groß und schlank und gut gekleidet. Vermutlich hatte er die Cotte einem reichen Reisenden ausgezogen.

„Ist das alles?“, fragte der Elegante. Es war eine raue Stimme, und für die Soldaten bestand kein Zweifel mehr, dass es sich um den Anführer handelte.

Der zweite Schwertträger sprang auf die beiden zu und fuchtelte Cynan mit dem Schwert vor der Brust herum.

„Antworte, Schwarzbart, wenn wir dich etwas fragen!“

Der Bursche beging einen großen Fehler. Er fühlte sich zu sicher. Cynan hätte das Handgelenk packen und den Kerl überrumpeln können. Es juckte ihm in den Fingern, doch er bezwang sich. Da waren die anderen, vor allem der Bogenschütze, der abseits stand und nachlässig einen Pfeil auf der Sehne hielt.

„Wir sind die einzigen Reisenden“, sagte Cynan und bemühte sich, seinen Zorn zu unterdrücken und ruhig zu sprechen.

Der Kerl in der zerlumpten Kleidung zog sein Schwert zurück und blickte den Anführer an.

„Magere Beute“, murmelte er.

Der Anführer gab einen herrischen Wink. „Sieh mal nach.“

Der Mann mit der Keule eilte zur Kutsche. Er verschwand darin.

Sie hörten einen dumpfen Aufprall wie von einem Schlag. Die Haltung des Eleganten straffte sich, und er hob das Schwert.

„Was ist los?“, rief er angespannt.

„Zwei Schwerter“, meldete Tyrus aus der Kutsche. „Sonst nichts.“

„Ist doch schon mal was“, sagte der Anführer. „Hol das Gepäck!“

Der Mann warf die Beutel der Soldaten neben die Kutsche. Er durchwühlte sie und meldete ein wenig enttäuscht, dass sie nicht viel von Wert enthielten.

„Zieht euch aus, ihr beiden!“, sagte der Anführer und gab Cynan und Rhodri einen Wink mit dem Schwert.

Die Soldaten tauschten einen schnellen Blick. Damit hatten sie nicht gerechnet. Bisher hatten die Überfallenen nur die Taschen leeren müssen.

„Ich habe fünf Kupferstücke und einen Silberling, und ...“, begann Cynan.

„Ausziehen!“, unterbrach ihn der Räuber. „Oder wir ziehen euch aus. Dann aber entkleiden wir eure Leichen!“

Rhodri schluckte. Hastig begann er sich auszuziehen. Nach kurzem Zögern gehorchte auch Cynan.

Der andere nahm ihnen die Sachen weg. Er probierte sofort einen von Cynans Stiefeln an.

„Genug der Kleideranprobe“, rief der Anführer. „Sorgt dafür, dass uns keiner folgen kann.“

Der Bogenschütze nickte.

Er spannte den Bogen, zielte und traf das nächste Pferd.

Das gepeinigte Wiehern der gequälten Kreatur stach Cynan ins Herz.

„Lasst die Tiere am Leben!“, rief er wütend.

„Du hältst das Maul, oder ich schieße dir einen Pfeil in den Hintern!“, rief der Bogenschütze und zog bereits den nächsten Pfeil, aus dem Köcher.

Cynan ballte die Hände in ohnmächtigem Zorn.

„Lasst meine guten Pferde!“, flehte auch der Kutscher. „Ihr könnt sie doch mitnehmen.“

„Wir haben bereits genug Pferde!“, antwortete der Anführer.

„Aber ...“

Ein Keulenhieb schleuderte den Kutscher zu Boden.

Rhodri vergaß, dass er sich Gesichter und Kleidung der Räuber einprägen sollte. Er schloss die Augen, als er das qualvolle Wiehern sterbender Pferde und das Schlegeln der Hufe im Todeskampf hörte.

Cynan indessen beobachtete genau. Er hatte sich die Gesichter und Stimmen eingeprägt, und er glaubte, die Kerle wiederzuerkennen.

Doch was nutzte das?

Sie verschwanden schließlich im Dunkel der Nacht, und bald darauf entfernte sich Hufschlag nach Norden.

Zurück blieben zwei bewusstlose Kutscher, sechs tote Pferde und zwei Soldaten in ihren Bruchen und Beinlingen.

„Oh Gott“, murmelte Rhodri. „Was wird nur Sir Morgan sagen, wenn er vergebens auf uns wartet?“

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4.

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Anne, die auf sein Klopfen hin geöffnet hatte, lächelte. Sie hatte ein bezauberndes Lächeln, bei dem sich Grübchen um ihren Mundwinkel bildeten und Morgan die ebenmäßigen weißen Zähne sehen konnte. Große haselnussfarbene Augen strahlten Morgan an. Ihr langes blondes Haar fiel wie ein goldenes Vlies über ihre Schultern und reichte fast bis zum Ansatz des Busens.

„Verzeiht, dass ich zu so später Stunde störe, aber ...“

Sie unterbrach ihn lachend. „Ich weiß, Ihr wollt baden. Das Wasser ist schon angeheizt.“

Morgan blickte verdutzt.

„Ich wusste, dass Euch der Wirt zu mir schickt“, erklärte Anne. „Er ist ein Verwandter, und er schickt uns immer Kunden, die baden wollen. Und dass Ihr baden wolltet, verriet mir meine Nase.“

Sie krauste das zierliche Näschen, und der Blick dieser großen seelenvollen Augen beunruhigte ihn.

„Kommt Ihr mit mir?“, fragte sie und musterte ihn irgendwie prüfend.

„Nur zu gerne“, entfuhr es Morgan.

Sie lachte leise und wandte sich um. Sie nahm die Laterne vom Tisch und schritt zum Nebenzimmer. Eine einfache Kammer, die zweckmäßig eingerichtet war. Ein großer Holzzuber, in dem Wasser dampfte. Daneben ein Lager aus Decken.

Anne wirkte verlegen. „Nun, sprechen wir über die Preise“, sagte sie plötzlich ganz geschäftsmäßig. „Fünf Kupferstücke für ein Bad, und wenn Ihr besondere Wünsche habt ...“

„Zum Beispiel?“, hörte Morgan sich fragen.

„Zum Beispiel eine Massage zur besseren Gesundheit“, antwortete Anne, ohne ihn anzusehen. „Das macht drei weitere Kupferstücke.“

Fünf Kupferstücke für ein Bad war ein stolzer Preis. Da kam es auf die drei auch nicht mehr an.

„Gemacht“, antwortete Morgan.

Sie sah ihm lächelnd in die Augen, und ihre Lider flatterten leicht.

Details

Seiten
120
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783738923612
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2018 (November)
Schlagworte
schwert schild morgan löwenritter band engel köder

Autoren

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Titel: Schwert und Schild – Sir Morgan, der Löwenritter #18: Ein Engel als Köder