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HOLZKIRCHNER G´SCHICHTEN #4: Dr. Kastners Bestimmung

©2018 120 Seiten

Zusammenfassung

Wenn jemand alles Mögliche tut, um seinen Patienten zu helfen, dann ist es Dr. Martin Kastner. Für ihn und sein Team der Krebsstation im Klinikum Rechts der Isar in München stellt jeder Tag eine neue Herausforderung dar. Manchmal gelingt es ihm und seinen Kollegen, ein Patientenleben zu verlängern und den Betroffenen dadurch eine neue Perspektive zu geben. Aber manchmal muss Dr. Kastner auch erkennen, dass alle Bemühungen letztendlich vergeblich sind.
Er selbst flüchtet sich sehr oft in die Arbeit, denn privat ist er schon lange Zeit allein. Auch wenn er sich nach einer Frau sehnt, so hat er bisher kein Glück gehabt. Träume und Wünsche sind eine Sache - die Realität dagegen eine ganz andere. Und so hofft er darauf, eines Tages in seine alte Heimat Holzkirchen zurückkehren und dort eine Praxis eröffnen zu können.
Als ein kleiner Blechschaden auf dem Parkplatz des Klinikums für etwas Aufregung sorgt, ahnt Dr. Kastner noch nicht, dass sich sein Leben bald von Grund auf ändern wird ...

Leseprobe

Table of Contents

Title Page

Dr. Kastners Bestimmung

Klappentext:

Roman:

HOLZKIRCHNER G´SCHICHTEN

 

Band 4

 

Dr. Kastners Bestimmung

 

Ein Roman von Franz Mühlbauer

 

 

 

 

IMPRESSUM

 

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© Roman by Author / Cover 2018: Nach Motiven von Pixabay

Redaktion und Korrektorat: Alfred Wallon

© dieser Ausgabe 2018 by Alfred Bekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

Klappentext:

Wenn jemand alles Mögliche tut, um seinen Patienten zu helfen, dann ist es Dr. Martin Kastner. Für ihn und sein Team der Krebsstation im Klinikum Rechts der Isar in München stellt jeder Tag eine neue Herausforderung dar. Manchmal gelingt es ihm und seinen Kollegen, ein Patientenleben zu verlängern und den Betroffenen dadurch eine neue Perspektive zu geben. Aber manchmal muss Dr. Kastner auch erkennen, dass alle Bemühungen letztendlich vergeblich sind.

Er selbst flüchtet sich sehr oft in die Arbeit, denn privat ist er schon lange Zeit allein. Auch wenn er sich nach einer Frau sehnt, so hat er bisher kein Glück gehabt. Träume und Wünsche sind eine Sache - die Realität dagegen eine ganz andere. Und so hofft er darauf, eines Tages in seine alte Heimat Holzkirchen zurückkehren und dort eine Praxis eröffnen zu können.

Als ein kleiner Blechschaden auf dem Parkplatz des Klinikums für etwas Aufregung sorgt, ahnt Dr. Kastner noch nicht, dass sich sein Leben bald von Grund auf ändern wird ...

 

 

 

Roman:

„Ich weiß, dass das keine guten Nachrichten sind, Frau Paulsen“, sagte Dr. Martin Kastner zu der 40-jährigen Frau, die mit angespannten Gesichtszügen in seinem Büro saß und gerade ihren Befund erhalten hatte. „Aber es gibt für einen Menschen Ihres Alters noch so viele unterstützende Therapien Gerade im Bereich Brustkrebs ...“

„Das sagen Sie, Herr Doktor“, erwiderte Nora Paulsen und hatte Mühe, ihre Tränen angesichts dieser fatalen Diagnose zurückzuhalten. „Sie sind gesund – und ich bin es nicht mehr.“

„Ich weiß das, und ich kann mich sehr gut in Sie hineinversetzen, Frau Paulsen“, entgegnete der Arzt. „Aber glauben Sie mir eins – ich hatte schon Patienten mit einer weitaus ungünstigeren Prognose als Sie. Wenn wir möglichst bald mit den entsprechenden Therapien beginnen, dann besteht auch eine reelle Chance auf Heilung.“

Irgend etwas klang in seiner Stimme an, was den momentanen Schockzustand bei Frau Paulsen wieder löste und ihr etwas Hoffnung gab.

„Was … was meinen Sie damit genau?“

„Die Chemotherapie kann stationär oder ambulant erfolgen“, klärte er sie auf. „Wri haben mittlerweile auch gute Chancen, dass ...“

„Ich mache keine Chemotherapie!“, unterbach ihn Frau Paulsen. „Das, was ich darüber gelesen habe, gibt mir zu denken. Welche Alternativen gibt es dazu?“

„So einige“, seufzte Dr. Kastner. „Aber nur wenige davon sind auch effektiv genug, um die Krankheit wirksam zu bekämpfen. In diesem Bereich wissen wir noch zu wenig über andere Heilmethoden. Deswegen steht für mich die Schulmedizin an erster Stelle, Frau Paulsen. Das werden Sie sicher verstehen.“

„Verstehen schon“, lautete die Antwort der Krebspatientin. „Aber ob ich das auch akzeptieren werde, ist eine ganz andere Sache. „Ich muss darüber in Ruhe nachdenken und mich informieren. Dann erst kann ich eine Entscheidung treffen.“

„Natürlich“, nickte Dr. Kastner. „Aber Sie sollten sich in Ihrem eigenen Interesse rasch entscheiden. Jeder Tag ist kostbar – und je schneller wir beginnen, umso größer sind die Chancen. Ich würde gerne noch gegen Ende dieser Woche mit Ihnen weitere Einzelheiten besprechen, Frau Paulsen.“

„Einverstanden“, nickte Frau Paulsen und verabschiedete sich dann von Dr. Kastner. Als die Krebspatientin das Zimmer verlassen hatte, erhob sich der Arzt von seinem Schreibtisch und ging zum Fenster. Dutzende von Gedanken gingen ihm in diesen Minuten durch den Kopf.

Was für ein schönes Wetter da draußen, dachte er. Die Sonne scheint – es ist herrliches Wetter, und ich muss hier jeden Tag Krankheiten bekämpfen, die die betroffenen Menschen im Lauf der Zeit verändern.

Die Hitze war unerträglich. Schon seit Tagen hielt sie an, und vorläufig war kein Ende abzusehen. Gewiss, man freute sich im allgemeinen, denn die großen Ferien hatten begonnen. Wer es sich leisten konnte, hatte schon vor Tagen die Stadt verlassen und lag jetzt am kühlen Strand oder befand sich im Gebirge. Aber diejenigen, die zurückgeblieben waren, mussten mit dieser Hitze fertig werden. Irgendwie! Ganz besonders schwer hatten es die Kranken. Ans Bett gefesselt - was an und für sich schon eine Qual war - lagen sie in den drückend heißen Krankenzimmern und griffen gierig nach jeder Abkühlung.

Aber die war leider nicht sehr groß.

Dr. Martin Kastner hatte auch bei dieser Gluthitze Dienst. Wie in so vielen Jahren durfte er in den schönsten Sommermonaten - während viele seiner Kollegen fort waren - Dienst tun. Viele nannten das eine Ungerechtigkeit. Man hätte nicht jedes mal Kastner dazu verdammen müssen, diese Station im Sommer zu leiten. Er war überhaupt schon so lange hier »vor Ort«, wie man es im Krankenhaus Rechts der Isar nannte, wenn jemand eine Station leitete.

Andere nannten den Arzt zu gutmütig, einige sprachen respektlos von Trottel.

»Er ist es selbst schuld, wenn er so dumm ist und sich alles gefallen lässt. Pah, ich würde da ganz was anderes tun! Und überhaupt, er hätte schon längst die Privatstation haben müssen.«

Darum rissen sich die Ärzte im allgemeinen; denn sie war natürlich am lukrativsten.

Dr. Kastner stand in diesem Augenblick am Fenster und sah in den vermauerten Innenhof herunter. Überall standen die Fenster weit offen. Aber nicht ein Lüftchen regte sich.

Vor Stunden schon hatte er angeordnet, dass man jede Krankentür offenließ, obwohl sie dadurch jetzt dem Lärm der Station ausgesetzt waren. Aber da die Türen den Fenstern genau gegenüberlagen, regte sich jetzt ein kleiner Luftzug in den Zimmern.

Außerdem hatte er in der Hauptküche angerufen und um viele Eisstücke gebeten. Ihm wurde jeder Sonderwunsch erfüllt, auch wenn es sich um ein ausgefallenes Menü handeln sollte. Diese Station besaß so etwas wie Sonderrechte.

Im Haus nannte man sie die »Sterbestation«. Für ihn war es die Krebsstation - wenn auch eine besondere. Denn diese Abteilung des Krankenhauses nahm Krebsfälle auf, die man anderswo für aussichtslos erklärt hatte. Für die meisten von ihnen konnte er tatsächlich nicht mehr viel tun, aber im Grunde genommen gab er keinen seiner Patienten auf. Bis zum Schluss kämpfte er um jedes Leben. Und manchmal, in seltenen Fällen, schaffte er auch diesen Kampf. Und diese wenigen Erfolge brauchte er, um weitermachen zu können.

Er wusste, dass die übrigen Kollegen sich sträubten, diese Station zu übernehmen. Er war jetzt seit vier Jahren hier und dachte nicht daran fortzugehen.

Obwohl ihm andere gute Posten angeboten wurden. Irgendwie konnte er sich jetzt noch nicht davon lösen. Da waren zu viele Schicksale, die er kannte. Menschen, die ihn brauchten, ihn liebten, ihre ganze Hoffnung auf ihn, den Arzt, setzten. In den Augen der Kranken war er eben mehr, ein Halbgott in Weiß!

In diesem Augenblick sah er eine junge Schwester über den Flur eilen. Sie verteilte wieder Eis für Getränke. Er lächelte vor sich hin.

Er wusste, dass er sich dadurch wieder einmal Schwester Renates Unmut zugezogen hatte. Sie regierte die Station wie ein Feldwebel. Und sie wollte nun einmal, dass sich alles nach ihrer Nasenspitze richtete.

Die anderen Schwestern hatten es nicht leicht bei ihr, und die kleinen Anfängerinnen erst recht nicht. Sie taten dem Doktor oft leid, aber er konnte nicht viel für sie tun. Er fürchtete Schwester Renate selbst ein wenig; er zeigte es nur nicht. Sonst wäre sie mit ihm umgesprungen, wie es ihr passte.

Oft hörte er die Schwestern seufzen: »Ich würde sogar doppelten Dienst tun, wenn dieser Schrecken endlich verschwinden würde.«

Sie war eigentlich nett, diese Stationsschwester, besonders wenn sie lächelte. Das tat sie leider nicht oft. Sie war voller Energie und stets bereit, etwas für die Patienten zu tun. Dr. Kastner konnte sich keine bessere Kraft wünschen. Doch als Frau bedeutete sie ihm nichts. Er schätzte sie, aber mehr auch nicht. Die Frauen, die ihm gefielen, mussten weicher, anschmiegsamer sein. Schwester Renate war ihm zu herrisch. Vielleicht musste sie sich so geben, damit man den nötigen Respekt vor ihr hatte. Obwohl sie manchmal reizend sein konnte, machte sie es den Kolleginnen und Ärzten nicht leicht, mit ihr auszukommen. Das war der Grund, warum sich alle von ihr zurückzogen.

Besonders gehässige Seelen meinten: »Sie braucht einen Mann, dann würde sie sanfter werden. Sammeln wir doch mal und kaufen ihr einen; dann haben wir Ruhe vor ihr. Was meint ihr?«

Man lachte und kicherte verstohlen, aber dann beugte man sich doch, stellte einen Antrag auf Versetzung und arbeitete dann auf einer anderen Station. Der Arzt blieb, aber die Schwestern wechselten sehr oft. Und das war nicht gut für diese Station.

Dr. Kastner hatte alles Mögliche versucht, konnte sie aber nicht halten. Ja, er war sogar einmal in die Verwaltung gebeten worden, weil man wissen wollte, weshalb seine Schwestern immer fortliefen.

Er hatte brüsk geschwiegen. Nicht einen Augenblick hatte er daran gedacht zu sagen, dass es an Schwester Renate liege. Dazu war er viel zu gradlinig.

Er war bescheiden und still. So ahnte er nicht, dass es nicht nur die Schwester war, die die anderen vertrieb, sondern auch seine Person. Hätte er es erfahren, wäre er bestimmt geschockt gewesen.

Kastner war Arzt aus Leidenschaft. Er vergaß alles darüber. Er grübelte oft nächtelang darüber nach, wie er die Leiden seiner Patienten mildern könnte. So kam es, dass die Jahre verflossen und er noch immer nicht verheiratet war. Zudem war er auch ein wenig schüchtern. In seiner Studentenzeit hatte es ein Mädchen gegeben - ein wundervolles Geschöpf, zart wie eine Elfe und mit einem perlenden Lachen, blauen Augen und blonden Haaren. Er hatte sie leidenschaftlich geliebt, und sie hatten damals geplant, auf dem Land gemeinsam eine Praxis zu eröffnen. Wie verliebt waren sie damals gewesen! Aber dann hatte sein bester Freund sie ihm gestohlen. Er war ein Sohn reicher Eltern und musste sich nicht erst mühselig eine Praxis aufbauen, und schon gar nicht auf das Land flüchten. Er setzte sich, wie gesagt, ins gemachte Nest; denn sein Vater war ein bekannter Professor und besaß sogar eine Privatklinik am Chiemsee.

Lilian, so hieß das Mädchen, hatte gemeint, er müsse das doch verstehen. Das sei ihr Glück!

Dass sein Herz darüber gebrochen war, hatte er ihr nicht gesagt. Es hätte wohl auch nicht viel genützt. Er hatte nur stammelnd gefragt: »Aber du liebst mich doch; du hast es mir doch so oft gesagt!«

»Lieben, man sagt so vieles. Martin, wirklich, es war eine schöne Zeit, aber ich muss auch an mich denken!«

»Ich verstehe«, hatte er leise gesagt.

Sie war froh gewesen, dass sie so leicht von ihm loskam; hatte ihm noch ewige Freundschaft vorgeschlagen. Aber sie hatten sich nie mehr wiedergesehen. Auch die Freundschaft war für alle Zeiten zerbrochen.

Er hatte oft den Arbeitsplatz gewechselt und war dann endlich hier in München gelandet. Aber heimisch fühlte er sich hier dennoch nicht. Er hatte ein kleines Zimmer in unmittelbarer Nähe der Klinik gemietet, damit er schnell kommen konnte, wenn man ihn brauchte. Aber seine Heimat war Holzkirchen im Allgäu. Hier waren seine Wurzeln, und hier lebte seine Mutter, die er trotz der Entfernung zwischen München und Holzkirchen fast jedes Wochenende und auch ab und zu während der Woche besuchte.

Die alte Dame hätte es gern gesehen, wenn ihr Sohn geheiratet hätte.

Oft sagte sie: »Sie müssen mich ja alle für einen Schrecken halten und denken womöglich noch, ich hielte dich davon ab. Martin, überdenke das doch einmal. Ich lebe nicht immer. Und wenn ich nicht mehr bin, dann bist du ganz einsam. Und die Landpraxis? Davon hast du doch schon als Junge geträumt. Und jetzt klebst du in diesem kleinen Zimmer in Müchen fest. Das ist doch kein Leben für dich.«

»Aber sie brauchen mich auf der Station, Mutter. Ich kann sie jetzt noch nicht verlassen.«

Wie oft hatte er das schon gesagt!

Ja, er merkte nicht, dass er in dieser Klinik so etwas wie Freiwild war. Gar nichts merkte er; und er erfuhr es auch vorläufig nicht, weil seine grauen Augen immer so prüfend und durchdringend blickten, dass selbst die größten Spötter nicht den Mut hatten, es ihm zu sagen. Nicht einmal seine Kollegen machten sich lustig über ihn und hielten ihm vor, dass sämtliche Mädchen in der Klinik hinter ihm her waren.

Ein lediger Arzt! Wo gab es das schon! Alle glaubten, sie könnten ihn fangen. Alle strengten sich ungeheuer an. Ja, es standen immer eine Menge Schwesternnamen auf der Warteliste, die auf Station fünf Dienst tun wollten.

Deshalb war es ja für die Verwaltung so verwunderlich, dass diese Schwestern sich dann nach kurzer Zeit wieder versetzen ließen. Musste das nicht an Dr. Kastner liegen?

Sie merkten sehr schnell, dass er sie gar nicht wirklich sah. Sie konnten sich noch so hübsch machen, sich noch so oft buchstäblich anbieten, er merkte es nicht einmal. Da wurden sie natürlich wütend. Besonders, weil sie von den Kolleginnen aufgezogen wurden. Und dann kam noch Schwester Renate hinzu. So flüchteten sie immer sehr schnell.

Blieb Dr. Kastner bei einer Schwester einmal etwas länger als gewöhnlich stehen, . dann glaubten schon die anderen, jetzt wäre es soweit. Dass es immer nur um Patienten ging, klärte die jeweilige Schwester selbstverständlich nicht auf.

Vielleicht war Schwester Renate auch deswegen so bärbeißig geworden, weil sie sich Dr. Kastner auch in den Kopf gesetzt hatte. Sie sagte sich mit Recht: Ich bin achtundzwanzig Jahre alt und er ist achtunddreißig; was will er denn mit jungem Gemüse? Ich passe doch viel besser zu ihm.

Ich werde nicht aufgeben. Eines Tages werden sie alle sehen, dass ich es geschafft habe. Dann zeige ich ihnen mein hochmütigstes Gesicht, dann werde ich Frau Doktor sein!

Das Dumme an der Sache war nur, dass er sie gar nicht als Frau sah. Und das ärgerte sie natürlich maßlos. Sie hatte seinetwegen eine Freundschaft beendet. Damals hatte sie einen jungen Mann aus der Nachbarschaft gekannt. Sie hatten sich gemocht, und Renate hatte mit dem Gedanken gespielt, ihn zu heiraten. Sie wäre jetzt schon lange glückliche Ehefrau. Aber dieser junge Mann war nur ein kleiner Angestellter bei der Behörde gewesen. Gewiss, er hatte nicht schlecht verdient, und sie hätte ja auch weiterarbeiten können. Aber dann hatte Dr. Kastner hier zu arbeiten begonnen, und sofort hatte sie den anderen Mann fallen lassen - in dem Glauben, es würde nicht lange dauern, bis sie Dr. Kastner eingefangen hätte.

Ja, so konnte man sich täuschen!

 

*

 

Dr. Kastner ging vom Fenster weg. Er hatte noch drei Stunden Dienst. Da waren noch die Krankengeschichten, die aufgearbeitet werden mussten. Das würde er jetzt tun. Heute Abend könnte er vielleicht für kurze Zeit ins Bad fahren und ein paar Runden schwimmen.

Als er über den Flur ging, kam er an Frau Schmidts Tür vorbei. Sie lag im Bett und sah ihn an - eine Frau an die siebzig Jahre alt. Um sie stand es schlecht. Sie würde wohl die nächste sein ... Er konnte einfach nicht weitergehen.

So betrat er ihr Zimmer und lächelte sie an.

»Na, Oma Schmidt, hat das Eis gut getan?«

Sie lächelte zurück.

»Ja, es war gut.«

»Das freut mich. Vielleicht ändert sich bald das Wetter, dann ist alles viel leichter zu ertragen.«

»Meinen Sie?«

Dr. Kastner wusste nicht, ob sie den Ernst ihrer Lage erkannte. Wenn Patienten es verlangten, sagte er ihnen natürlich die Wahrheit. Aber wenn er nicht gefragt wurde, zog er es vor, darüber zu schweigen.

Bis jetzt hatte ihm Oma Schmidt nie viel Arbeit gemacht. Sie war ein stilles und bescheidenes Persönchen. Sie hatten schon viele lange Gespräche miteinander geführt. Vor Wochen war dieser böse Rückfall gekommen. Er hatte damals schon gedacht, sie würde jene Nacht nicht überstehen.

Obwohl er keinen Nachtdienst hatte, war er bei ihr geblieben. In den Jahren seiner Erfahrung hatte er festgestellt, dass das Sterben selbst nicht so schrecklich war - aber einsam zu sterben, das war schlimm! Oma Schmidt hatte keine Verwandten hier. Er hatte ihr also erzählt, er hätte Dienst, und es sei ihm im Arbeitszimmer zu langweilig geworden. Ob er ein wenig bei ihr sitzen dürfe?

Zuerst hatte sie schwach gelächelt und ihn dann sehr aufmerksam angesehen. Dann hatte sie eine ganze Weile reglos dagelegen, und irgendwann war eine Träne über ihr Gesicht gerollt. Sein Herz hatte sich zusammen gekrampft. In solchen Augenblicken fühlte er sich immer entsetzlich hilflos. Da hatte man nun studiert, wusste eine Menge, aber dann waren einem doch die Hände gebunden. Dieses Sterben musste jeder mit sich selbst durchmachen. Man konnte nur dasitzen und zeigen: Ich bin da, du bist nicht allein. Wenn du mich brauchst - ich bin da!

Sie war eingeschlummert und später unruhig geworden. Er hatte ihren Puls fühlen wollen, aber sie hatte seine Hand festgehalten und war dann ganz ruhig geworden. Gegen Morgen war sie dann wieder wach geworden. Sie hatte es geschafft, war dem Tod noch einmal von der Schippe gesprungen.

Bis der normale Dienst auf der Station begonnen hatte, waren noch Stunden vergangen, und sie hatte aus ihrem Leben erzählt. Ihr Mann war Botschaftssekretär gewesen; sie hatten viele Länder kennengelernt. Sie konnte so interessant und lustig erzählen; er würde dieses Gespräch nie vergessen.

Seit jener Nacht fühlte er sich ihr besonders verbunden. Immer kam er auf einen kurzen Sprung zu ihr, plauderte ein wenig, brachte ihr hin und wieder Blumen aus dem Garten seiner Mutter mit. Sie bekam ja nie Besuch. Obwohl sie sehr reich war, war sie jetzt der einsamste Mensch auf dieser Station.

»Na, wie ist es? Sollen wir mal wieder eine Partie Schach spielen? Wenn Sie das letzte Mal nicht so schamlos geschummelt hätten, wäre ich Sieger geworden!« Er tat empört.

Sie lächelte leicht und gab ihm einen Klaps auf die Hand.

»Sie sind ein Dummkopf und werden es nie lernen, Doktorchen. Das ist alles!«

»O nein, ich kann sehr gut spielen!«

»Ein andermal fordere ich Sie wieder. Heute ist es zu heiß.«

»Soll ich Ihnen neues Eis holen?«

»Ach nein, lassen Sie nur.«

»Was kann ich denn für Sie tun, Oma Schmidt? Irgend etwas, um Sie bei guter Laune zu halten! Vielleicht lassen Sie mich dann das nächste Mal gewinnen?«

»Wollen Sie mich bestechen?«

»Vielleicht?«, sagte er verschmitzt.

In diesem Augenblick ging Schwester Renate vorbei. Er sah sie nicht, aber sie sah ihn, hörte ihn sprechen und presste unwillkürlich die Lippen zusammen.

Ich begreife nicht, wie er mit todkranken alten Frauen so scherzen kann, wo er doch mich hat - wo ich doch nur warte!

Oma Schmidts Blick wurde nachdenklich.

»Also soll ich doch etwas tun?«

»Vielleicht.«

»Also ein schwieriger Liebesdienst? Lassen Sie mich mal überlegen? Irgendeine Köstlichkeit zu essen?«

Sie schüttelte den Kopf. Sie hatte Magenkrebs und konnte schon seit Monaten kaum etwas essen.

»Nein!«

»Mhm - eine Spazierfahrt?«

Er überlegte blitzschnell, ob das überhaupt machbar war. Gewiss, an das Krankenhaus grenzte ein großer Park - und es dürfte nicht das erste Mal sein, dass Dr. Kastner mit einer Kranken durch das ganze Haus fuhr, um ihr im Garten eine besonders hübsche Rose zu zeigen.

Draußen war es drückend heiß, nicht einmal unter den Tannen würde es kühl sein. Aber wenn es ihr Wunsch war?

Oma Schmidts Augen wurden einen Augenblick lang wehmütig.

»Wir hatten früher immer Gärten, wissen Sie? Um die Botschaftsgebäude herum waren immer wundervolle Gärten angelegt. Und ich habe oft geholfen, sie zu pflegen, aus. Leidenschaft. Aber oft habe ich mich auch mit den einheimischen Gärtnern schrecklich gezankt. Da war einer in Afrika, so ein alter Schwarzer mit weißen Haaren ... Ach, du liebe Güte, natürlich hatte der alte Bursche recht, aber ich wollte es einfach nicht, wissen Sie! Und dieser Schelm merkte, dass ich wiederum wusste, dass er recht hatte - und so hatten wir unseren Spaß und taten immer sehr grimmig, wenn wir uns trafen. Mein Mann glaubte schon an eine echte Feindschaft und wollte ihn zum Teufel jagen ... Ja, das war sehr hübsch.«

»Also doch der Garten?«, sagte Dr. Kastner und strich im stillen schon die Krankenakten aus seinem Gehirn. Ach was, dachte er, ich nehme sie einfach mit nach Hause. Heute Abend geh ich nicht schwimmen.

»Ach nein«, hörte er sie leise sagen. »Vielleicht, wenn es nicht mehr so heiß draußen ist. Später einmal. Nein ...«

»Was dann?«

Sie zwinkerte ihm zu.

»Leider werden Sie es doch nicht tun.«

»So sagen Sie es doch!«

»Würden Sie mir ein paar Liebesromane besorgen? Sie wissen schon, diese Heftchen. Man kann da so schön mitleiden und sich mitfreuen und herzlich über fremde Schicksale weinen.«

Für einen Augenblick war er verwirrt.

Sie war doch eine gebildete Frau!

Sie lächelte ihn wieder an.

»Aber wir haben doch eine Bücherei. Hat man Sie vielleicht die ganze Zeit übergangen?«

»Ach wo! Aber ich habe sie doch schon alle durchgelesen, und Krimis mag ich nicht!«

Er musste lachen.

»In Ordnung. Ich werde es mir merken. Ich werde bestimmt daran denken.«

»Wenn ich Ihnen auch nicht zu viele Umstände mache?«

Sie war immer bescheiden; das imponierte ihm am meisten an dieser alten Dame. Ein ganz klein wenig erinnerte sie ihn an seine Mutter. Wenn er nur dachte, sie läge jetzt irgendwo allein und verlassen - nein, schon deswegen würde er die Hefte für sie besorgen.

Er sah, dass das Gespräch sie erschöpft hatte und ging.

Zwei Zimmer weiter lag Frau Bartels. Sie war fünfzig Jahre alt und wusste, dass sie sterben würde. Zuerst hatte sie es ganz tapfer aufgenommen, aber nach ein paar Tagen weinte sie nur noch. Und auch jetzt hörte er sie leise vor sich hinweinen. Jetzt, wo die Türen offenstanden, konnte man es einfach nicht überhören.

Er trat an ihr Bett.

Sofort wandte sie den Kopf zur Wand; sie schämte sich!

»Frau Bartels, haben Sie Schmerzen? Kann ich etwas für Sie tun?«

»Herr Doktor, Sie tun schon das Menschenmögliche für mich. Es ist nichts!«

»Doch«, sagte er beharrlich, »ich fühle es ganz deutlich. Wollen Sie sich mir nicht anvertrauen?«

Sie wischte sich über die feuchten Augen. Er wusste, dass sie keine sehr glückliche Ehe geführt hatte. Auch jetzt konnte sich der Mann nicht dazu aufraffen, ein wenig netter zu seiner Frau zu sein, obwohl er auch ihm die Wahrheit gesagt hatte. Ja, er war sogar so weit gegangen, den Mann zu bitten, seiner Frau doch jetzt zu helfen. Sie brauche ihn. Aber er hatte nur die Schultern gezuckt und gefragt: »Wird es noch lange dauern?«

»Das kann man nie wissen. Blutkrebs geht mal schnell, mal langsam voran. Ich kann Ihnen kein Datum nennen«, hatte er brüsk beantwortet.

Die Antwort des Mannes war:

»Wenn sie schon ins Gras beißen muss, warum muss ich dann noch so lange warten? Das ist ja zum Verrücktwerden! Daheim hat sie schon so lange gekränkelt; ich will endlich wieder eine gesunde Frau, verstehen Sie mich, Doktor! Aber das verstehen Sie wohl nicht, denn Sie leben ja von den Krankheiten der Menschen. Für Sie kann es wohl gar nicht lange genug sein!«

Zum ersten Mal war er richtig zornig gewesen und hatte den Mann angeschrien und dann aus dem Zimmer gewiesen. Er hatte ziemlich böse Worte gebraucht, und Herr Bartels war blass geworden und hatte sich ein wenig geduckt.

Kastner hatte sich wenig später geschämt, dass er sich nicht besser beherrscht hatte. Aber am Nachmittag, seinem freien Tag, hatte er Herrn Bartels mit einem jungen Mädchen in der Stadt getroffen. So war das also! Die erste Frau war noch nicht tot, da suchte er sich schon eine andere. Deshalb hatte er nicht so viel Zeit, sich um seine Frau zu kümmern.

Es hatte ihn sehr geschmerzt. Aber er wusste aus eigener Erfahrung, wie bitter das Leben sein konnte, wie hässlich und gemein.

Und jetzt stand er vor ihrem Bett und versuchte, sie zu trösten. Mit der Zeit war er auch so etwas wie der Seelendoktor auf dieser Station geworden. Viel Hilfe konnte er ihnen ja nicht mehr bieten, konnte nur das Sterben etwas erleichtern. Und da gab es doch noch so viel zu tun.

Sie war verzweifelt.

Er machte sich Vorwürfe, dass er ihr die Wahrheit gesagt hatte. Sollte er sich denn zum ersten Mal getäuscht haben? Ansonsteri überprüfte er diese Antwort vorher immer sehr gründlich.

Nur wenige Patienten waren in der Lage, die volle Wahrheit zu verstehen, zu begreifen und anzunehmen. Sagte man ihnen, wie es um sie stand, dann gab es Augenblicke, in denen sie ganz friedlich waren. Dann aber bäumten sie sich gegen dieses Schicksal auf, tobten, schrien und wehrten sich verzweifelt gegen den Tod. Einige fanden Zuflucht in der Religion.

Frau Bartels hatte es ganz gelassen, ja friedlich aufgenommen. Sollte sie es jetzt nicht mehr verkraften können? Seiner Meinung nach konnte sie noch vier bis fünf Monate leben. Er hatte zu ihr von acht Monaten gesprochen.

Er setzte sich, und das hieß dann: Ich habe Zeit, ich kann warten.

Nur langsam beruhigte sich die Frau. Er fragte sich, ob sie vielleicht Besuch gehabt hatte, ob man vielleicht so gemein gewesen war, ihr das Treiben ihres Mannes zu schildern. Kinder hatte sie nicht. Hin und wieder kamen aber zwei Nachbarinnen.

Vorsichtig versuchte er, sie auszuhorchen. Aber nach wenigen Augenblicken wusste er, dass seine Vermutung nicht richtig war. Etwas anderes musste sie quälen.

»Soll ich mal Pastor Krampe vorbeischicken, Frau Bartels? Er hat neulich noch nach Ihnen gefragt, aber da waren Sie gerade unten im Labor.«

Langsam sagte sie:

»Sie müssen jetzt nicht glauben, dass ich nicht mit der Wahrheit fertigwerde, Doktor Kastner. Nein, das ist es nicht. Ich danke Ihnen, dass Sie mir die Wahrheit gesagt haben. In den anderen Kliniken habe ich immer danach gefragt, aber man hat mir Sand in die Augen gestreut. Wissen Sie, wenn man so krank ist, dann fühlt man doch selbst, dass der Körper verbraucht ist, dass es dem Ende zugeht. Aber wenn dann gescheite Ärzte große Reden schwingen und einen noch ausschimpfen, wenn man sagt, man wisse Bescheid, dann kommen doch wieder Zweifel. Aber dann sind da wieder die Schmerzen und die langen Nächte. Das quält mich nicht, nein, das ist es wirklich nicht. Ich habe nie Böses getan, und so wird unser Herrgott wohl nicht arg mit mir schimpfen. Wir sind alle kleine Sünder, davon kann sich keiner freisprechen, nur ...«

»Was ist – nur?«, fragte er behutsam einhakend.

»Ach, es ist so: Ich habe noch eine Schwester, Lotti heißt sie, sie ist achtundfünfzig Jahre alt.«

»Aber das haben Sie mir ja nie erzählt, Frau Bartels! Weiß Ihre Schwester von Ihrer Krankheit? «

»Sie weiß, dass ich im Krankenhaus liege, aber die Wahrheit hab ich ihr nicht geschrieben. Es ist ja so sinnlos ...« Dann kamen ihr wieder die Tränen.

Kastner dachte: Ich habe sie noch nie gesehen, vielleicht wohnt sie weiter entfernt. Und wenn Frau Bartels nicht einmal schreibt, dass sie ernstlich krank ist, dann will sie vielleicht die weite Reise nicht unternehmen.

Und so fragte er, nur, um sie abzulenken:

»Wo wohnt sie denn, Ihre Schwester?«

»Das ist es ja«, weinte sie jetzt laut auf. »Das ist es ja, was das Sterben so schwer werden lässt! Jetzt ist sie achtundfünfzig Jahre alt. Noch fünf Jahre, dann hätte sie es geschafft; dann hätten wir uns endlich wiedersehen können. Aber dann bin ich ja schon lange tot. Ja, Lotti hätte ich gern noch einmal vor meinem Tod gesehen und gesprochen. Aber jetzt ...«

»Soll ich sie anrufen? Oder ihr schreiben, Frau Bartels? Fühlen Sie sich zu schwach? Wenn sie die Wahrheit weiß, wird sie bestimmt kommen!«

»Wie gern würde sie kommen«, sagte sie stammelnd. »Als ich daheim schon so krank war, wäre sie schon gern gekommen, um mich zu pflegen; aber man lässt sie ja nicht raus. Man hält sie doch fest!«

Und dann hatte er endlich verstanden.

Die Schwester lebte drüben, im anderen Teil Deutschlands.

»Ja, Lotti, die gute Seele. Aber nun ist der Tod halt schneller. So ist das nun einmal. Man hatte nie genug Geld, um mal rüberfahren zu können. Wir dürfen das ja. Aber das Geld, Herr Doktor. Der Mann, ach ...« Und wieder schämte sie sich so sehr, dass sie den Kopf zur Wand drehte.

Er ließ sie ein wenig weinen. Doktor Kastner wusste, wie gut es war, wenn man weinen konnte. Dann löste sich alles, was auf dem Herzen lag, dann konnte man für eine Weile wieder besser atmen.

Er strich sanft über ihre Hand.

»Sehen Sie, Herr Doktor, Sie sind so lieb - und Sie können mir auch nicht helfen.«

Draußen wurde nach ihm gerufen, er musste gehen.

 

*

 

In Zimmer zwanzig war wieder eine Spritze fällig. Der alte Bolte konnte ohne sie nicht mehr leben, die Schmerzen waren zu stark.

Als er wieder auf dem Flur war, sagte Schwester Renate:

»Dr. Kastner, niemand muss sich um die Privatangelegenheiten der Patienten kümmern. Dafür sind wir nicht zuständig, das würde uns zu viel Zeit wegnehmen.«

»Ich weiß, ich weiß«, sagte er höflich und sah sie wieder mit seinen grauen Augen durchdringend an. Oft fragte er sich: Ist sie wirklich so kalt, oder täuscht sie das nur vor? In unserem Beruf darf man kein Mitleid zeigen, das ist nicht gut. So schirmen sich viele ab und manche werden dann richtig kalt.

Mitleid nicht, dachte er. Nein, das wollen diese Patienten auch nicht. Das vertragen sie genausowenig.

»Wissen Sie«, sagte er ruhig, »Menschlichkeit kann man auch nicht anordnen. Aber, Schwester Renate, wollen Sie mir vielleicht einen Vorwurf machen?«

Es sollte amüsiert klingen, aber sie spürte den Tadel deutlich heraus. Hektisch rote Flecken zeigten sich auf ihrem Gesicht. Sie war deswegen allein schon wütend, weil gerade Schwester Ursula vorbeiging und das sicher gehört hatte.

»Das steht mir nicht zu«, sagte sie spitz. »Ich wollte Sie nur darauf aufmerksam machen. Ich meine - ich dachte, Sie opfern sich für die Kranken auf und gönnen sich selbst gar nichts.«

»Das ist meine Sache, liebe Schwester. Liegt sonst noch etwas vor?«

»Nein!«

»Gut, wenn etwas sein sollte - ich bin in meinem Zimmer. Die Krankengeschichten müssen erledigt werden.«

Er ging den Flur entlang und sein offener Kittel wehte hinter ihm her.

Schwester Renate presste die Lippen zusammen. Mein Gott, dachte sie, jede Stelle könnte ich kriegen, jede! Ich bin perfekt, aber ich bleibe auf dieser miesen Station, wo das Arbeiten keine Freude macht. Es deprimiert einen wirklich, wenn man immerzu Todkranke vor sich hat. Nur selten können Gesunde entlassen werden. Aber die wenigen kommen dann nach ein paar Jährchen meistens auch wieder.

Aber ich bleibe. Ich dulde, ich halte das alles aus - und warum? Er arbeitet sich ab, hat keinen Ehrgeiz, nichts. Du meine Güte, wenn ich ihn leiten könnte, ganz anders stünde er jetzt da.

Schwester Elisabeth kam arglos vorbei. Und weil Schwester Renate wieder einmal ihre Launen hatte, war ihr das Opfer gerade recht. Sie fuhr diese herrisch an. Nichts hatte sie heute angeblich richtig gemacht, und faul wurde sie außerdem genannt.

»Sie können es nur nicht haben, dass ich bei den Patienten so beliebt bin«, sagte sie wütend.

Schließlich war sie fünfundzwanzig Jahre alt und brauchte sich nicht mehr alles gefallen zu lassen. Sobald in diesem Krankenhaus die Stelle einer Stationsschwester frei wurde, bekam sie die, dem Alter nach. Das wussten alle.

Schwester Renate presste die Lippen zusammen.

»Das ich nicht lache!«, sagte sie wütend.

»Ja. Sie machen ja nur ein hochmütiges Gesicht und brummen die armen Kranken an, aber ich lache mal mit ihnen, bin nett - verstehen Sie?«

Schwester Renate dachte im letzten Augenblick daran, dass alle Türen offenstanden und man überall den Streit mit anhören konnte. Wütend rannte sie davon.

»Das war fein«, flüsterte Schwester Angelika hinter ihr her. »Wenn ich nur den Schneid dazu hätte, dann hätte ich ihr auch schon einmal meine Meinung ins Gesicht gesagt.«

»Herrje, die erstickt noch mal an ihrer eigenen Galle!«

Schwester Angelika kicherte:

»Ich hab was gehört: Sie soll in vierzehn Tagen in Urlaub gehen.«

»Und du glaubst, wir haben dann Ruhe vor dem Besen? Pass nur auf, die geht doch nicht fort. Wohin denn auch? Und mit wem? Die schaut jeden Tag hier herein, ehrlich. Im letzten Jahr hat sie das auch gemacht.«

»Glaubst du, dass Kastner doch noch anbeißen wird?«

»Wieso denn das?«, fragte die andere spitz.

»Na ja, ich hab so etwas gehört.«

»Nie im Leben! Die möchte das wohl gerne; sie streicht ja wie eine liebestolle Katze um ihn herum. Musst mal zusehen, wenn die beiden Visite machen, wie nah sie dann immer neben ihm steht und wie vertraulich sie tut.«

»Ich würde auch ehrlich traurig werden, wenn das so wäre.«

»Wieso? Weil du dir dann keine Hoffnungen mehr machen kannst?«, fragte die andere lachend.

»Quatsch!«

»Mann, das sieht doch ein Blinder mit Krückstock, dass du ihm schöne Augen machst.«

Die Kameradschaft hatte mal wieder einen Riss. So war das immer. Keiner gönnte der anderen den dicken Fang.

 

*

 

Doktor Martin Kastner saß inzwischen arglos über seinen Akten und versuchte sich darauf zu konzentrieren. Aber er musste immer wieder an Frau Bartelss Worte denken. Konnte man denn da wirklich nichts mehr machen? Wirklich nicht? Wie sehr würde sie sich freuen.

Allmählich verrannte er sich in diese Idee. Und als dann seine Sekretärin erschien, sprach er mit ihr darüber. Sie war ein hübsches Ding, ganze zwanzig Jahre jung, lustig und fidel. Aber sie war schon verlobt, und darum tändelte sie mit Kastner nur so zum Spaß. Sie war es, die ihm augenzwinkernd sagte: »... um alle Ihre Bräute eifersüchtig zu machen.« Sie wusste um den tollen Wirbel. Er lächelte nur und glaubte, sie mache einen Witz und bestritt immer sehr ernsthaft, er habe keine Bräute!

»Na, na, stille Wasser sind tief! Eines Tages überraschen Sie uns damit, dass Sie plötzlich verheiratet sind. Und alle ledigen Schwestern kündigen dann auf der Stelle.«

»Bitte, sagen Sie doch nicht solchen Unsinn.«

Heute also sprachen sie über Frau Bartels.

»Ist sie wirklich so schwer krank?«

»Ja, Sie kennen doch die Akte.«

»Ich meine, wenn Sie ein Attest ausstellen, dann dürfte es gehen!«

»Was gehen?«

»Wenn man dieses Attest rüberschickt, dann dürfen die Verwandten sie besuchen; ich meine, wenn jemand lebensgefährlich krank ist. Zumindest könnte man es versuchen.«

Er sah sie groß an.

»Das geht wirklich?«

»Doch, ja! Vor drei Monaten hatten wir einen ähnlichen Fall. Ich kann mich erinnern, dass wir eine Bescheinigung ausgestellt haben. Aber ich kann mich bei der Verwaltung genau erkundigen, ob das noch immer geht.«

»Würden Sie das wirklich für mich tun?«, fragte er mit dankbarem Lächeln.

»Aber sicher!«, sagte sie heiter. »Für Sie tue ich doch alles, mein Lieber!«

Er dachte wehmütig: Fräulein Böttcher ist ein wenig wie Lilian. Ich hätte sie vielleicht lieben können, aber sie ist ja schon verlobt.«

»Na, dann spielen Sie mal Detektiv!«

»Wieso denn das?«

»Schließlich brauchen wir doch die Adresse, nicht wahr?«

»Du meine Güte - richtig! Ich werde Frau Bartels danach fragen. Sie wird sie mir bestimmt geben.«

Fräulein Böttcher legte den Kopf schief: »Ich weiß nicht, ob das richtig ist. Dann freut sie sich so sehr - und dann geht vielleicht etwas schief.«

»Sie haben recht. Ich muss zuerst erfahren, ob es wirklich klappt.«

»Ich würde erst etwas sagen, wenn sie wirklich da ist - ich meine, diese Schwester der Frau Bartels.«

»Aber wie erfahre ich denn die Adresse?«

»Das ist Ihre Sache. Ich muss mich jetzt sputen.«

Sie warf ihm ein Kusshändchen zu und öffnete die Tür. Als sie Schwester Renate in der Nähe stehen sah, warf sie ihm noch ein paar lustige Artigkeiten an den Kopf. Das Gesicht der Schwester war reif für eine hübsche Fotografie. Fräulein Böttcher stöckelte an ihr vorüber und grinste sie an.

Schwester Renate ballte die Hände.

Am liebsten wäre sie jetzt zu ihm gegangen, um zu wissen, ob er wirklich Feuer gefangen hatte. Aber in der Eile fiel ihr kein Grund ein, und sie wollte an diesem Tag nicht noch einmal von ihm gerügt werden.

Dr. Kastner dachte über eine List nach. Aber dann wurde er telefonisch gestört. Erst in der folgenden Nacht kam er wieder darauf zurück.

 

*

 

Er hatte wieder einmal außer der Reihe Nachtdienst übernommen. Der Kollege, der dafür zuständig war, wollte zu einer Verlobungsfeier. Zwar sagte er sehr nett: »Sie können es mir ruhig sagen, Kastner, wenn Ihnen das unpassend ist. Dann muss ich eben den Dienst machen und meine Verlobte muss allein hingehen.«

»Nein, nein - ich habe wirklich nichts vor.« Und das stimmte auch.

Als dieser Kollege sich bedankt hatte und fortging, blieb er eine Weile am Fenster stehen und dachte: Ich habe nie etwas vor. Nie - von den wenigen Theaterbesuchen mit Mutter mal abgesehen. Im Sommer ist der Garten zu versorgen, und dann ist es auch schon aus mit der großartigen Freizeit.

Und etwas wie Schmerz nistete sich in seinem Herzen ein. Eine Familie haben, ein Heim und Kinder - etwas, worauf man sich wirklich freuen kann.

Er war ein Holzklotz. Und dann war eben die große Angst im Herzen, wieder enttäuscht zu werden. Alle jungen Mädchen im Krankenhaus spazierten vor seinem geistigen Auge auf und ab. Er wusste, sie alle wollten nur einen Arzt - von Liebe war kaum die Rede.

Martin Kastner war groß und kompakt gebaut. Auch sein Gesicht hatte nichts Anziehendes. Außerdem wirkte er linkisch, war kein Tänzer und in Gesellschaft ein sehr schwerfälliger Typ. Er konnte sich nicht so leicht und locker geben wie die anderen Kollegen, die buchstäblich umschwärmt waren. Mit ihm konnte man einfach keinen Staat machen.

Nur eines machte ihn unsagbar glücklich: Seine Patienten liebten ihn. Und das gab ihm tiefe Befriedigung. Für sie war er wertvoll und wichtig. Durfte man eigentlich mehr verlangen?

Er wandte sich um und widmete sich wieder seiner Arbeit.

 

*

 

Als er die Nachtwache übernahm, verliefen die ersten Stunden vollkommen ruhig. Er musste drei Stationen gleichzeitig bewachen, aber die Patienten schienen alle zu schlafen. So döste er in seinem Sessel vor sich hin.

Die Nachtschwester brachte ihm hin und wieder einen starken Kaffee.

Es war eine resolute vierzigjährige Frau. Sie hatte fünf Kinder und machte nur Nachtdienst, um sich Geld dazu zu verdienen. Vier Nächte Dienst, zwei Nächte frei - diesen Dienst versah sie jetzt schon viele Jahre.

Sie kam immer lautlos; denn sie lief auf Strümpfen. Sie hatte Krampfadern und die Schuhe drückten enorm nach so einer langen Nacht. Und die Wege auf den langen Fluren waren wirklich anstrengend. Sie hatte sich dicke schafswollene Strümpfe gestrickt.

In diesem Augenblick stand sie vor ihm und sagte:

»Warum legen Sie sich nicht ein wenig aufs Ohr? Ich wecke Sie schon, wenn es etwas gibt.«

Er lächelte sie an.

»Kommen Sie, ich habe noch einen Schluck in der Flasche. Haben Sie Zeit?«

Sie blickte auf die kleine Armbanduhr.

»Na ja, die Spritzen haben noch eine halbe Stunde Zeit. Na, dann prost!«

Viele Patienten bekamen auch nachts Spritzen, aber dabei weckte man sie nicht.

Plötzlich fiel Martin wieder etwas ein.

»Würden Sie mir einen Gefallen tun?«

»Aber gern«, sagte sie spontan. Frau Wegner mochte ihn gern und freute sich immer, wenn sie gemeinsam Nachtdienst hatten.

»Worum geht es denn? Wenn es nicht gerade ein Mord ist, dann bin ich mit von der Partie. Wollen Sie den Schwestern einen Streich spielen?«

»Wo denken Sie hin!«, sagte er erschrocken.

Sie grinste breit. »Na, haben Sie nicht oft unter diesem Besen zu leiden.«

»Ich wehre mich«, sagte er mit würdevoller Stimme.

»Ich würde sie pfeffern. Das ist ein Biest, die Renate. Vier Wochen hab ich mal mit ihr zusammen Dienst getan. Du meine Güte, lieber geh ich Steine kloppen!«

»Sie ist eine perfekte Schwester.«

»Jawohl, ein Roboter. Dr. Kastner, die hat doch ein Herz aus Stein. Sehen Sie sich bloß vor, sie hat die Netze um Sie geworfen.«

Kastner lachte.

»Sie machen Witze!«

»Nein«, sagte sie resolut. »Sie merken ja gar nichts, mein lieber Doktor. Sie tun mir leid, ehrlich. Sie sind ein Pfundskerl, und ich möchte nicht, dass Sie mal bei so einer landen.«

In der nächsten halben Stunde erfuhr er nun alles, was in der Klinik vor sich ging. Er war einfach sprachlos und hätte sein Anliegen darüber fast vergessen.

»Na, jetzt muss ich aber die Spritzen verteilen. Ich komme aber gleich wieder.«

Er saß nachdenklich im Lehnsessel und dachte über alles nach. Nun verstand er so vieles Er war Frau Wegner sehr dankbar. Ich bin ein Schafskopf, dachte er. So etwas hätte ich doch wissen müssen! Du meine Güte, da muss ich mich ja vorsehen.

Es dauerte über eine Stunde, bis die Nachtschwester wieder erschien.

»Wollten Sie nicht einen Gefallen von mir? Soll ich vielleicht noch einen Kaffee kochen?«

»Nein, danke. Aber ich wäre Ihnen sehr dankbar, wenn Sie mit mir kämen, damit alles seine Richtigkeit hat. Ich tue es nicht gern, aber mir bleibt keine andere Wahl. Ich brauche etwas von Frau Bartels, und da muss ich ein wenig in ihren Schubladen suchen.«

Er schaute verlegen drein.

Frau Wegner sah ihn durchdringend an. Es war selbstverständlich verboten, in den Sachen der Patienten zu stöbern. Es sei denn, diese verlangten es ausdrücklich.

Hastig erklärte er ihr, worum es ging.

»Ich kann ihr unmöglich vorher etwas sagen, Frau Wegner. Sie wissen ja, wie die Behörden da drüben sind. Wenn es dann nicht klappt ...«

Details

Seiten
120
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783738923605
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2018 (Oktober)
Schlagworte
holzkirchner g´schichten kastners bestimmung
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Titel: HOLZKIRCHNER G´SCHICHTEN #4: Dr. Kastners Bestimmung