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Der unliebsame Zeuge (Tödliches Wissen #5)

©2018 70 Seiten

Zusammenfassung

Schlafende Höllenhunde sollte man nicht wecken…
Drei deutsche Polizisten werden bei Recherchen um den Schuldigen der Morde durch den Goldenen Schuss entführt. Wie steht es um sie? Können sie noch lebend gefunden werden? Steckt Dr.Helmut Gottwald wirklich hinter all diesen Verbrechen? Wenn ja, welches Motiv hat der Mann? Und wer von den vier, die in die Linienmaschine nach Tunis gestiegen sind, muss am Ende der Reise mit seinem Leben bezahlen? Dort, in diesem idyllischen Urlaubsort, wo das Morden kein Ende nimmt, scheinen alle Fäden zusammenzulaufen, und es sieht so aus, als wenn es endlich all die Antworten auf die noch offenen Fragen gibt…

Dieses ist der fünfte und letzte Band und damit die Fortsetzung vom vierten Band – Ein unheilvolles Geständnis

Leseprobe

Table of Contents

Tödliches Wissen Band 5 – Der unliebsame Zeuge

Klappentext:

Roman:

Tödliches Wissen Band 5 – Der unliebsame Zeuge

 

Corinna Kosche

 

 

Krimi in 5 Bänden; Band 5

 

 

 

IMPRESSUM

 

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© Roman by Author

© Cover: Pixabay mit Kathrin Peschel, 2018

Korrektorat und Redaktion: Kerstin Peschel

Früherer Titel: Gefährliches Wissen

© dieser Ausgabe 2018 by Alfred Bekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

 

Klappentext:

 

Schlafende Höllenhunde sollte man nicht wecken …

Drei deutsche Polizisten werden bei Recherchen um den Schuldigen der Morde durch den Goldenen Schuss entführt. Wie steht es um sie? Können sie noch lebend gefunden werden? Steckt Dr. Helmut Gottwald wirklich hinter all diesen Verbrechen? Wenn ja, welches Motiv hat der Mann? Und wer von den vier, die in die Linienmaschine nach Tunis gestiegen sind, muss am Ende der Reise mit seinem Leben bezahlen? Dort, in diesem idyllischen Urlaubsort, wo das Morden kein Ende nimmt, scheinen alle Fäden zusammenzulaufen, und es sieht so aus, als wenn es endlich all die Antworten auf die noch offenen Fragen gibt …

 

Dieses ist der fünfte und letzte Band und damit die Fortsetzung vom vierten Band – Ein unheilvolles Geständnis

 

 

 

Roman:

Deutschland 1997

 

… Ines Bleckert zitterte am ganzen Körper, als sie ihre Dessous entdeckte. Hier musste ein Wahnsinniger gewütet haben, denn einzig und allein ihre Unterwäsche war mit einem Messer bearbeitet worden. Zu der Angst kam jetzt auch noch ein Gefühl von Scham hinzu.

Sie ging weiter und kam so an der Küche vorbei. Sämtliche Lebensmittel waren aus ihren Dosen, Gläsern, Tüten und sonstigen Behältern geholt worden und hatten sich mit dem Inhalt mehrerer Tüten Milch zu einem Brei vereint, der nun die gesamte Küche und den PVC-Fußboden zierte. Ines Bleckert konnte es nicht glauben.

Sie ging ins Wohnzimmer, wohl wissend, dass auch hier totales Chaos herrschte. Wie Recht sie doch hatte! Der Farbfernseher war hinten aufgeschraubt, ebenso der Videorecorder, die Stereoanlage bestand nur noch aus Einzelteilen, da auch sie total auseinandergenommen worden war. Der Inhalt der Schränke lag hier ebenfalls auf dem Teppich und die Wohnzimmercouch war regelrecht aufgeschlitzt worden.

Plötzlich hörte sie hinter sich ein Geräusch. Entsetzt drehte sie sich um und erkannte einen der beiden Männer sofort wieder. Es war Michael Wagner. Der andere kam ihr zwar bekannt vor, sie konnte ihn im Moment aber nicht einordnen.

„Ganz ruhig bleiben, Ihnen passiert überhaupt nichts!“, versuchte Michael Wagner Ines Bleckert zu beruhigen. Langsam ging er auf sie zu. Die hob jedoch mit der linken Hand drohend ihren Regenschirm hoch. Der rechte Zeigefinger legte sich gleichzeitig auf den Sprühknopf des Deos.

„Keinen Schritt weiter oder sie werden einparfümiert. Ihre Augen werden begeistert sein!“

Michael Wagner blieb sofort stehen. Er schien keine Bekanntschaft mit dem Zeug machen zu wollen. Aus sicherer Entfernung sagte er etwas, was Ines Bleckert zumindest neugierig machte:

„Ich weiß, was die hier gesucht haben. Sie haben es aber nicht gefunden. Weil ich es habe!“

 

*

 

Ines Bleckert fragte Michael Wagner daraufhin interessiert:

„Was haben diese Einbrecher denn nicht gefunden?“

Trotz aller Neugier blieb sie den beiden Männern gegenüber misstrauisch und senkte weder Regenschirm noch Deo.

Michael Wagner rührte sich angesichts dieser drohenden Gefahren keinen Millimeter von der Stelle.

Es war ein komisches Bild, aber es passte zu dem Chaos, das zu dem Zeitpunkt in der ganzen Wohnung herrschte.

„Ein Fotograf hätte jetzt bestimmt seine helle Freude“, versuchte Michael Wagner die Situation zu entkrampfen. Doch das funktionierte noch nicht.

„Werden Sie jetzt bloß nicht witzig, verstanden?!“

Er nickte gehorsam und vergaß für einen Moment, dass hinter ihm noch jemand stand.

Einige Sekunden herrschte totale Funkstille in der durchwühlten Wohnung und Michael Wagners Gedanken glitten für einen kurzen Augenblick in die Vergangenheit ab.

Plötzlich schüttelte er den Kopf, als wenn er sie damit wieder loswerden könnte.

Diese unvorsichtige Bewegung setzte Ines Blekkert zu seinem Bedauern wieder in höchste Alarmbereitschaft. Sie drückte instinktiv kurz auf den Sprühknopf ihre Deos und schon steckten beide mitten in einer Duftwolke.

„So, jetzt reicht’s mir aber“, meinte der Mann im Hintergrund. Wütend hielt er sich die Hand vor Nase und Mund und schob sich an Michael Wagner vorbei, der gerade mit Husten beschäftigt war.

Da es der Frau nicht viel besser erging, war es für ihn nun kein Problem mehr, sie zu überwältigen. Im Handumdrehen nahm er ihr die „Waffen“ weg und stellte mit Unbehagen fest, dass Ines Bleckert damit leider immer noch nicht außer Gefecht gesetzt war. Sie schrie plötzlich mit krächzender Stimme laut um Hilfe. Das konnte er sich natürlich nicht gefallen lassen und er hielt ihr deshalb unsanft den Mund zu.

„Lass sie los“, schimpfte Michael Wagner, dem diese rohe Behandlung offenbar gar nicht gefiel.

„Aber was soll ich denn machen? Die kapiert anscheinend immer noch nicht, dass wir ihr nichts tun wollen!“

„Wenn du ihr so ankommst, wird sich dieser Verdacht auch bestimmt nicht legen.“

„Also gut, Frau Bleckert, ich lass sie sofort los, wenn Sie mir versprechen, dass Sie nicht mehr schreien“, meinte der Mann nun bedeutend sanfter.

Die Frau nickte ergeben und riss die Augen weit auf, als nun auch Michael Wagner auf sie zukam. Waffenlos befand sie sich zwischen zwei Männern, die ihr gefährlich nahe auf die Pelle rückten. Dass sie ihr nichts tun wollten, glaubte sie den beiden nicht die Bohne. Sie war nahe dran, ihre Nerven zu verlieren. Das war alles zu viel für sie. Erst das stundenlange Warten auf ihre Freundin, dann die Nachricht von ihrer Ermordung und die Identifizierung der Leiche, dieses Chaos in ihrer Wohnung und nun auch noch den Hauptverdächtigen in unmittelbarer Nähe. Sie bedauerte zutiefst, sich nicht in irgendein Mauseloch verkriechen zu können. Als Michael Wagner dann auch noch die Hand auf ihre linke Schulter legte, zuckte sie wie unter einem Stromschlag zusammen und sie hatte Mühe, nicht in Ohnmacht zu fallen. Sie fragte sich, wie viel ein Mensch wohl noch aushalten konnte.

„Bitte glauben Sie mir doch. Wir wollen Ihnen wirklich nichts tun!“, versicherte der Mann ihr gerade hoch und heilig.

Ines Bleckert schloss ergeben die Augen. Die konnten ihr jetzt erzählen, was sie wollten, sie würde das Spiel erst mal mitmachen und auf ihre Chance warten, sich aus dieser ziemlich miesen Lage zu befreien.

Wenn sie Angst hatte, wurde sie oft sarkastisch:

„Ach bitte, möchten Sie sich nicht setzen?“, fragte sie daher übertrieben höflich und machte dabei eine einladende Handbewegung.

Michael Wagner warf einen Blick durch das verwüstete Wohnzimmer und meinte lächelnd:

„Humor ist, wenn man trotzdem lacht.“ Und ehe sich Ines Bleckert versah, verzogen sich auch bei ihr ungewollt die Mundwinkel. Sie ärgerte sich sehr darüber.

„Na also, wer sagt’s denn. Sie hat es kapiert“, freute sich der Mann, der ihr gerade noch den Mund zugehalten hatte.

Michael Wagner reagierte nicht darauf und stellte sich und seinen Begleiter stattdessen erst mal vor:

„Mich kennen Sie ja bereits. Ich habe angeblich Ihre Freundin auf dem Gewissen. Dass ich es nicht war, glauben Sie mir im Moment ja sowieso nicht, was ich unter diesen Umständen auch durchaus verstehen kann. Das ist übrigens mein Freund und Arzt Dr. Schäfer.“

„Was für ein Arzt?“, fragte Ines Bleckert automatisch.

„Urologe“, beantwortete der Mediziner die Frage selbst. „Wir haben uns übrigens schon einmal ganz kurz gesehen. Auf dem Polizeipräsidium nämlich, da sind Sie an mir vorbeigerauscht.“

Jetzt erinnerte sie sich wieder. Deshalb war er ihr so bekannt vorgekommen.

„Und um endlich mal ihre Frage zu beantworten, was die hier gesucht haben“, setzte Michael Wagner zu einer Erklärung an, „sie haben versucht, die Filme zu finden.“

„Aha, Filme“, wiederholte Ines Bleckert und verstand überhaupt nichts. „Wie konnten die es wagen, wegen läppischer Filme die ganze Wohnung zu verwüsten?“, regte sie sich auf und warf erneut einen Blick über das angerichtete Chaos. Was sie sah, tat ihr in der Seele weh.

„Es tut mir leid, dass sie hier nichts gefunden haben“, meinte Michael Wagner leise und schien es ehrlich zu meinen.

„Glaubst du etwa, die hätten hier wieder aufgeräumt, wenn sie fündig geworden wären?“, fragte Dr. Schäfer voll beißendem Spott.

„Ach, ich weiß auch nicht. Es ist so schrecklich, solch eine Zerstörungswut zu sehen. Wer weiß, ob sie gerade in meiner Wohnung dasselbe veranstalten.“

„Und wenn sie da logischerweise auch nichts gefunden haben, gehen sie wahrscheinlich anschließend noch zu mir. Die haben uns doch bestimmt längst beschattet.“

Dr. Schäfer verdrehte kurz die Augen, denn diese Aussicht gefiel ihm verständlicherweise überhaupt nicht.

„Was sind denn das nun eigentlich für Filme und warum haben Sie keine Angst, dass man die Dinger bei Ihnen findet? Ich denke, Sie haben sie?“

„Sie sind an einem sicheren Ort versteckt“, lautete die Antwort. Das klang überzeugend.

„Sie haben die Dinger einfach in mehrere Plastiktüten gesteckt und im Wald vergraben“, schmunzelte Dr. Schäfer.

„Stimmt, und zwar ganz in der Nähe von Dr. Gottwalds Waldhütte“, bestätigte Michael Wagner.

„Würden Sie jetzt bitte endlich mal deutlicher werden? Ich verstehe immer nur Bahnhof!“, beschwerte sich Ines Bleckert zu recht.

„Okay“, nickte dieser. „Also, ich kann Ihnen sagen, als wir entdeckten, was da für eine Schweinerei im Gange war, da standen uns die Haare zu Berge.“

„Total verständlich“, unterbrach Dr. Schäfer die geforderte Erklärung und erntete dafür zwei missbilligende Blicke.

Beleidigt ging er daraufhin einen Raum weiter, nämlich in die Küche, und ließ die beiden erst mal allein. Er hob gerade einen umgeworfenen Stuhl auf, um es sich wenigstens ein bisschen bequem zu machen, als er Michael Wagner nebenan sagen hörte:

„Cornelia und ich, wir haben uns durch Dr. Gottwald kennengelernt.“

„Das ist für mich nichts Neues“, unterbrach Ines Bleckert ihn gleich wieder und hoffte, bald mal etwas Außergewöhnliches zu hören. Wenn die beiden Männer so unschuldig waren, wie sie behaupteten, dann wurde es langsam Zeit, dass diese sie auch davon überzeugten.

„Es war zwischen uns beiden nicht gerade Liebe auf dem ersten Blick“, setzte Michael Wagner seine Ansprache unbeirrt fort. „Ich hatte von Frauen im Prinzip die Nase voll und Cornelia stand erst nur auf ältere Männer. Im Laufe der Therapie änderte sich das dann. Eins muss man diesem Dr. Gottwald nämlich lassen. Er versteht was von seinem Handwerk. Die Gruppentherapie lief wirklich gut. Er konnte uns beiden und auch einigen anderen Leidensgenossen in der Tat weiterhelfen.“

„Netter Mensch, ich habe ihn bereits kennenlernen müssen“, warf Ines Bleckert ein.

„Das Vergnügen kann nur groß gewesen sein, denn wenn er will, hat der Mann eine wahnsinnige Ausstrahlung. Wie gesagt, fachlich war an ihm überhaupt nichts auszusetzen. Aber was der in seinem Privatleben veranstaltet hat, das war wirklich unter aller Würde! Da mussten wir einfach was gegen unternehmen.“

„Mal ganz davon abgesehen, dass ich da eine ganz andere Meinung von Dr. Gottwald habe, was hat der Mann denn nun verbrochen?“ Langsam riss Ines Bleckert der Geduldsfaden.

Michael Wagner ging nicht sofort darauf ein, sondern holte noch einmal weiter aus.

„Wie gesagt, durch Dr. Gottwalds Hilfe lösten Cornelia und ich tatsächlich unsere Probleme so gut wie vollständig und wir verliebten uns nach und nach ineinander. Aber ein bisschen litt ich immer noch unter der Sache mit meiner Frau. Das wusste auch Dr. Gottwald. Er beobachtete uns eine Weile, sah, wie Ihre Freundin und ich uns immer näher kamen und schlug uns eines schönen Tages vor, einmal ein Wochenende in seiner Hütte zu verbringen. Ganz zwanglos und unverbindlich. Zwei Tage in der totalen Abgeschiedenheit, Urlaub von allen Problemen, die uns belasteten. Wir nahmen das Angebot dankend an. In der Hütte kam es dann tatsächlich dazu, zumindest mehr oder weniger, wenn sie verstehen was ich meine. Wie vorausgesehen, hatten wir unsere Schwierigkeiten beim Sex. Wir mussten wie zwei junge Teenager wieder ganz von vorne anfangen.“

Ines Bleckert war von diesem offenen Geständnis peinlich berührt und wurde im Gesicht erst blass dann rot.

Michael Wagner bemerkte das sofort:

„Keine Angst, ich gehe nicht weiter ins Detail. Aber können Sie sich vielleicht vorstellen, wie geschockt wir waren, als wir nach mehreren Wochenenden dort zufällig bemerkten, dass wir bei all diesen Dingen von einer versteckten Kamera gefilmt wurden?“ „Oh, mein Gott! Das ist ja abartig! Dass der Mann ’ne Macke hatte, also, das war mir ja von Anfang an klar. Aber so was?“ „Wir haben nach Entdeckung der Kamera sofort die ganze Hütte durchsucht und sind dann schließlich auch fündig geworden. Es waren eine Menge Filme. Natürlich haben wir uns die nicht erst angesehen, sondern gleich in der Nähe der Hütte im Wald vergraben.

Anschließend haben wir Dr. Ulrich Braun angerufen, da er es ja schließlich war, der uns beide an Dr. Gottwald überwiesen hatte. Wir haben ihn sofort mit unserem Verdacht konfrontiert, dass er mit seinem Kollegen unter einer Decke steckte und nur ganz bestimmte Patienten an ihn überwies. Cornelia war zu diesem Zeitpunkt besonders geschockt. Wie sie mir gestand, dass sie mit Dr. Braun ein Verhältnis gehabt hatte, schrillten in mir dann endgültig sämtliche Alarmglocken! Ich war fest davon überzeugt, dass beide Männer sich entweder an solchen heimlichen Videoaufnahmen ergötzten oder aber, was ich noch viel schlimmer fand, an entsprechende Abnehmer verkauften.“

„Oder die Opfer wurden erpresst, um genau das zu verhindern“, schlug Dr. Schäfer vor, der inzwischen endgültig keine Lust mehr hatte, sich im Hintergrund aufzuhalten. Unauffällig war er ins Wohnzimmer zurückgekehrt und froh, dass ihn jetzt keiner wieder ’rauswarf. Nur leider strapazierte er den Geduldsfaden von Ines Bleckert aufs Neue, als er hinzufügte:

„Aber das ist ja noch längst nicht alles! Michael, erzähl ihr den Rest doch auch noch, vielleicht glaubt sie uns dann endgültig, dass wir harmlos sind.“

Michael Wagner nickte und erklärte weiter:

„Ich wusste wohl, dass Cornelia ein Verhältnis mit Dr. Braun gehabt hatte, aber das war vor unserer Beziehung.“

„Und wussten Sie auch, dass sie schwanger war?“, fragte Ines Bleckert.

Michael Wagner sah sie entsetzt an.

„Nein, das wusste ich nicht!“

Er schien wirklich geschockt zu sein. Ganz blass wurde er im Gesicht und Dr. Schäfer kam sofort auf ihn zugelaufen, um ihm schützend den Arm um die Schulter zu legen. Ein Bild echter und tiefer Freundschaft, was Ines Bleckert nicht entging. Sie fing langsam an, sich zu entspannen. Vielleicht waren diese beiden Männer doch harmlos und sie hatte ihnen Unrecht getan.

„Ich wollte es dir nicht sagen“, meinte Dr. Schäfer gerade behutsam.“

„Du wusstest es?!“ Michael Wagner schüttelte jetzt den Arm seines Freundes wie eine lästige Fliege ab. „Seit wann?“

„Noch nicht lange“, versuchte der Arzt ihn zu beruhigen. „Als Frau Bleckert heute Morgen auf dem Präsidium so stürmisch an mir vorbeirauschte, beschloss ich, noch ein bisschen zu lauschen. Ich hörte mir eine Weile das Gespräch zwischen den beiden Beamten und dieser Dame hier an, dann drehte ich mich schnell um und lief ein paar Schritte in die entgegengesetzte Richtung, als ich hörte, wie du mit dem einen Polizisten aus dem Büro kamst.

Er durfte schließlich nicht merken, dass ich gelauscht hatte. Das konnte er aber annehmen, wenn ich mich immer noch direkt neben der Tür aufhielt. War er doch schon bei meiner eigenen Aussage im Raum und hätte mich mit Sicherheit wiedererkannt.

In Windeseile suchte ich also nach einem geeigneten Versteck. So blöd das klingt, aber ich hockte mich hinter den ersten großen Blumenkübel, der ganz in der Nähe stand. Die Pflanzen darin waren hoch genug, um vom Flur aus nicht gesehen zu werden. Direkt daneben befand sich eine Sitzgruppe. Ich hab ein unverschämtes Glück gehabt, dass dort gerade keiner saß, der mich hätte verpfeifen können. Durch die Blätter hindurch beobachtete ich also den Flur und bekam auf einmal esstellergroße Augen.

Da lief doch glatt jemand auf das Büro zu, den ich schon aus Studentenzeiten kannte. Ein unliebsamer Zeitgenosse. Ich habe damals nie verstanden, was mein Freund an diesem Kerl fand. Die beiden waren jedoch eng miteinander befreundet und fast wäre ich eifersüchtig geworden. Aber Uli hat es immer wieder verstanden, mir das Gefühl zu geben, kein Außenseiter oder drittes Rad am Wagen zu sein. Er traf sich mal mit mir, mal mit ihm, nur unternahmen wir nie zu dritt etwas.“

„Und wer war das nun?“, fragte Ines Bleckert, obwohl sie die Antwort schon im Voraus kannte.

„Natürlich unser lieber Dr. Gottwald. Jetzt platzte ich geradezu vor Neugier. Kaum war er im Büro der beiden Kripobeamten verschwunden, stellte ich mich auch schon wieder direkt neben der Tür auf. Nachdem, was ich da zu hören bekam, verstehe ich Uli erst recht nicht mehr, was er an diesem Kerl fand.“

„So pervers der Mann auch sein mag. An seiner Arbeit war nichts auszusetzen“, warf Michael Wagner erneut ein, der hin- und hergerissen zu sein schien.

„Der Mann war schon immer ein brillanter Schauspieler. Kein Wunder also, dass er es gut verstand, andere Menschen einzulullen. Aber wenn er seine Samariter-Maske fallen ließ, war er wirklich erbärmlich.“

„Ich habe den Kerl auch erlebt. Einfach ekelhaft“, bestätigte Ines Bleckert. Dabei nickte sie energisch. Obwohl er ihr vorhin den Mund zugehalten hatte, wurde Dr. Schäfer ihr langsam aber sicher immer sympathischer.

Auch Michael Wagner schienen alle zu Unrecht zu beschuldigen. Es war zwar mehr ein Gefühl, aber sie hoffte, dass auch bald ihr Verstand derselben Meinung war, denn wenn sie ihn sich so ansah, dann bekam sie große Probleme mit sich selbst. Einerseits konnte er durchaus der Mörder ihrer besten Freundin sein, andererseits sah er für ihre Begriffe traumhaft gut aus. Sie hoffte, dass der Mann wirklich nichts verbrochen hatte und sie sich nach Aufklärung des Falles unter anderen Umständen etwas näher kennenlernen würden. Vielleicht würden sie dann ja irgendwann mal durch ihre gemeinsame Trauer näher zusammenrücken. Wer konnte das so genau sagen?

Ihr augenblicklicher Wunschtraum ließ sie jedoch nicht unvorsichtig werden. Drohend fragte sie:

„Würden Sie mir jetzt endlich mal diesen berühmten Rest auch noch erzählen, damit ich Sie tatsächlich für harmlos halten kann? Michael Wagner nickte und bat sie um Entschuldigung:

„Es tut mir leid, aber dass Cornelia schwanger war, hat mich echt umgehauen. Das muss ich jetzt erst mal verdauen. In welchem Monat war sie denn?“

„Hat das was mit dem Mord an meiner Freundin zu tun?“, fragte Ines Bleckert ungeduldig. „Wenn nicht, möchte ich Sie nämlich bitten, endlich zur Sache zu kommen. In welchem Monat sie war, können wir nachher immer noch klären, oder? Die Hauptsache ist doch, dass Sie mir endlich Ihre Unschuld beweisen!“ „Also gut. Cornelia rief mich am Tag ihrer Ermordung an und bat mich aufgeregt, in Dr. Gottwalds Waldhütte zu kommen. Sie erwarte mich dort dringend.“

„Um wie viel Uhr war denn das?“

„Das war so gegen siebzehn Uhr.“

„Da war sie also noch am Leben“, murmelte Ines Bleckert. „Aber nicht mehr lange, denn als ich etwa eine Stunde später in der Waldhütte ankam, war sie bereits tot“, bemerkte Michael Wagner leise. Dabei senkte er den Kopf, was Ines Bleckert zutiefst bedauerte, da sie ihm gerne bei dieser Aussage in die Augen gesehen hätte, um auf diese Weise herauszufinden, ob er die Wahrheit sagte. Wie zum Trotz hielt er sich jetzt auch noch die Hände vors Gesicht und sie hörte einen tiefen gequälten Seufzer. Die Erinnerung an diesen Abend schien ihn zu überwältigen.

Oder tat er nur so?

All diese Fragen beschäftigten Ines Bleckert im Moment, aber sie fand noch keine Antworten darauf. Sie beschloss, erst mal neutral zu bleiben, auch wenn ihr das schwer fiel, zumal Michael Wagner jetzt auch noch zu weinen anfing. Sie mochte ihn dadurch nur noch mehr, denn sie hatte noch nie einen Mann kennengelernt, der es wagte, vor ihr solche Gefühle zu zeigen. Am liebsten hätte sie ihn getröstet, doch sie rührte sich nicht von der Stelle. Erst musste er ihr alles erzählen.

„Als ich kam, war sie schon tot!“, wiederholte Michael Wagner. „Das müssen Sie mir glauben! Und die anderen beiden haben dort auf mich gewartet. Diese Schweine! Sie haben mich überwältigt und mir diese verdammte Spritze gegeben. Ich habe mich gewehrt, aber es hat nicht geklappt. Die waren einfach stärker als ich. Irgendwann bin ich dann wieder aufgewacht. Das war genau in dem Moment, wo die Polizei vor mir stand. Die hatten nämlich die Tür aufgebrochen und durch den Krach bin ich wieder zu mir gekommen. Ich war zwar noch ganz beduselt, wusste aber auch, dass Cornelia nur einen Raum von mir entfernt lag, erdrosselt. Wäre ich doch bloß früher gekommen.

Was wollte sie da überhaupt? Ich verstehe das alles nicht. Naja, und als ich die Polizei sah, da fiel mir im ersten Moment nichts Besseres ein als einen auf Gedächtnisschwund zu machen. Ich weiß, das war ziemlich blöd von mir, aber mir war klar, dass man mich verdächtigen würde. Und hinterher mein Gedächtnis wiedererlangen, das ging ja nun auch nicht. Ich saß und sitze ziemlich in der Klemme“, stellte Michael Wagner mit einem tiefen Seufzer fest.

„Erzähl das doch noch mit dem Wagen!“, schaltete sich Dr. Schäfer wieder ein.

„Ach so, ja, also das war auch ziemlich komisch. Als ich abgeführt wurde, habe ich gesehen, dass mein Auto verschwunden war. Dabei hatte ich es neben das von Dr. Gottwald abgestellt. Bevor ich in den Streifenwagen geschoben wurde, musste ich dagegen feststellen, dass beide Wagen verschwunden waren.“

„Ich verstehe meine Freundin nicht. Wenn sie doch wusste, wie gefährlich dieser Dr. Gottwald ist, warum ist sie dann allein in seiner Waldhütte gewesen? Als sie von hier wegging, sagte sie noch etwas von ‚dringend erledigen, was keinen Aufschub duldet‘. Was meinte sie da bloß mit? Was hatte sie vor?“, dachte Ines Bleckert laut und völlig zusammenhanglos. Dabei runzelte sie die Stirn. Sie war wütend über sich selbst, weil sie einfach nicht darauf kam, was ihre beste und langjährige Freundin alles so beschäftigt hatte. Waren sie doch nicht immer ehrlich zueinander gewesen? Es schien fast so, denn nach ihrer Ermordung erfuhr Ines Bleckert immer mehr Dinge über Cornelia Clemens, von denen sie nie etwas geahnt hatte. Sie war total verwirrt.

„Und was machen wir jetzt?“, fragte Dr. Schäfer ganz ungeniert. Er schien fest davon auszugehen, dass sie von nun an die nächsten Schritte alle drei gemeinsam bewältigen würden.

„Zuerst fahren wir mal in meine Wohnung und dann machen wir uns auf den Weg zur Waldhütte, die Filme holen“, schlug Michael Wagner vor.

Dr. Schäfer hatte jedoch andere Pläne:

„Warum willst du den Umweg über deine Wohnung machen? Sie wird garantiert ebenfalls durchwühlt worden sein und das, was sie so suchten, werden sie trotzdem nicht gefunden haben. Lass uns gleich die Filme holen. Was hältst du davon?“

„Das ist mir im Moment zu gefährlich. Wenn die uns beschatten, sind wir dran. Dann fahren die uns hinterher und lassen uns in aller Gemütsruhe buddeln. Wenn wir dann so weit sind, sagen sie freundlich aber bestimmt ‚Guten Tag‘ und alles war umsonst!“ „Wir müssen uns trennen“, stellte Ines Bleckert fest. Sie konnte es zwar kaum noch abwarten, sich diese Filme mal genauer anzusehen, trotzdem meinte sie jetzt:

„Wir könnten einen Ort ausmachen, an dem wir uns alle zu einer bestimmten Uhrzeit treffen. Am besten heute Abend, kurz vorm Dunkelwerden.“

Sie kam nicht weiter, denn Michael Wagner legte auf einmal den Finger an seine Lippen. Sofort verstummte sie erschrocken. Hatte er bessere Ohren als sie und ein Geräusch gehört? Doch schon flüsterte er den beiden leise zu:

„Wer weiß, ob die hier nur die Wohnung durchwühlt haben. Vielleicht haben sie auch Wanzen angebracht?“

Ines Bleckert drehte sich postwendend um und suchte in dem ganzen Chaos nach etwas zu schreiben. Nach einigen Schwierigkeiten hatte sie endlich etwas Passendes gefunden. Sie winkte daraufhin den beiden Männern zu und sorgte so dafür, dass sich alle drei anschließend in einem engen Kreis aufstellten, ganz nah zusammengerückt und die Köpfe zusammengesteckt. Ihre Schultern berührten sich wie selbstverständlich. Dann schrieb sie:

„Für den Fall, dass hier nicht nur Wanzen sind, sondern auch noch eine versteckte Kamera ist. Was wir hier schreiben, braucht keiner außer uns drei zu wissen.“

Sie erntete für diesen Vorschlag heftiges Kopfnicken, auch wenn die beiden Männer dadurch Gefahr liefen, sich eine Beule zu holen, weil fast kein Löschblatt mehr zwischen die drei gepasst hätte.

Sie einigten sich dann auf ein Ausflugslokal, welches ganz in der Nähe des Waldstückes lag, wo sich auch Dr. Gottwalds Hütte befand und zufällig alle Anwesenden kannten. Sie machten noch die genaue Uhrzeit aus, dann trennten sie sich wieder.

Da Ines Bleckert es in ihrer durchwühlten Wohnung nicht länger aushielt, folgte sie den beiden Männern erst noch in die Tiefgarage, setzte sich dann aber allein in ihr Auto und fuhr los. Oben auf der Straße angekommen, blinkte sie nach rechts und verschwand in Richtung Innenstadt. Ständig beobachtete sie während der Fahrt den Verkehr hinter sich, konnte aber keine Verfolger ausmachen. Sie war sich aber absolut nicht sicher, dass auch wirklich keine hinter ihr waren. Sie war ja schließlich kein Profi in solchen Dingen.

Auch von Michael Wagner und Dr. Schäfer sah sie nichts mehr. Die beiden Männer waren zusammen in den Wagen des Urologen gestiegen, wahrscheinlich würden sie sich zu einem späteren Zeitpunkt trennen.

In der Stadt angekommen, unternahm Ines Bleckert dann einen ausgedehnten Stadtbummel, wechselte von einem Kaufhaus ins nächste und hoffte so, mögliche Verfolger abzuschütteln.

Gegen zehn Uhr abends saß sie dann am vereinbarten Treffpunkt. Zu dem Lokal gehörte ein Biergarten, der um diese Zeit und vor allem bei dem Wetter nicht besonders gut besucht war. Außer ihr befanden sich nur noch fünf weitere Personen dort. Zwei davon waren Michael Wagner und Dr. Schäfer. Der Arzt sah besonders unauffällig aus. Er hatte auf einmal einen Schäferhund dabei, mit dem sie überhaupt nicht gerechnet hatte. Vor ihm stand ein halbvolles Glas Bier und gerade hatte er sich eine Zigarette angezündet. Er machte ganz den Eindruck eines harmlosen Hundebesitzers, der auf seinem Spaziergang durstig geworden war.

Am nächsten Tisch saß Michael Wagner.

Ines Bleckert ging grußlos an ihm vorbei und setzte sich schräg gegenüber an einen kleinen Tisch, sodass sie jetzt beide gut im Blickfeld hatte. Der Kellner kam vorbei und sie bestellte sich eine Cola. Sie wusste, dass sie sie nicht mehr austrinken würde und bezahlte deshalb sofort, nachdem sie diese erhielt.

Sie hatten ausgemacht, getrennt zu kommen und getrennt zu gehen. Um ganz sicher zu sein, dass sie wirklich niemand verfolgte, war ein Zusammentreffen ein gutes Stück vor dem Lokal auf einer jetzt kurzgeschorenen Wiese vereinbart worden. Diese versprach freien Überblick. Keine Büsche oder Bäume befanden sich in der Nähe, also bot sich diese Stelle an, von dort aus zu einer Ausgrabung aufzubrechen, bei der sie wirklich nicht gestört werden wollten.

Alle drei warteten noch etwa fünf Minuten, dann, kurz bevor die Sonne unterging, standen sie, zeitlich etwas versetzt, wieder auf und machten sich auf den Weg zum vereinbarten Treffpunkt. Stumm nickten sie sich, dort angekommen, zu und gingen dann gemeinsam weiter. Kurz darauf hatten sie den Wald erreicht.

Plötzlich blieben sie stehen und sahen sich um, konnten aber niemanden entdecken.

„Wir haben es wohl geschafft“, stellte Ines Bleckert fest und mit einem Seitenblick auf den Hund meinte sie zu Dr. Schäfer:

„Soll der die bösen Buben beißen?“

„Machen Sie sich bloß nicht lustig über mich. Auch meine Wohnung war durchwühlt. Wie sah es bei dir aus Michael?“

„Dasselbe“, stöhnte dieser. „Sag mal, wo hast du den Hund eigentlich her?“

„Reine Vorsichtsmaßnahme. Meine Nachbarin hat das Tier zurzeit gerade in Pflege. Da kam ich auf die Idee, mir den Hund mal ein wenig auszuleihen. Ich klingelte bei ihr und fragte sie, ob ich nicht den Abendspaziergang übernehmen sollte. Ich hätte keine Lust, alleine zu wandern, wolle aber noch einmal an die frische Luft. Und für sie alleine wäre das in der heutigen Zeit ja sowieso viel zu gefährlich. So nach dem Motto ging das keine zwei Minuten, dann hatte ich ihr den Hund abgeluchst. Du kennst die Dame übrigens Michael. Erinnerst du dich noch an Isolde Kretschmer.“

„Oh ja, die mit der kaputten Hüfte?“

„Genau die“, bestätigte der Urologe.

„Wenn uns hier im Dunkeln jemand verfolgt, wird er es nicht mit einem Auto tun. So hätten wir ja wenigstens die Scheinwerfer sehen können, weil man hier im Dunkeln ohne Licht schlecht fahren kann“, meinte Ines Bleckert gerade gedankenverloren.

„Ohne Licht ist hier gar nichts mehr zu machen. Deshalb habe ich auch meine Taschenlampe mitgenommen, sonst finde ich die Stelle nie wieder“, sagte Michael Wagner.

Ines Bleckert war bereits weitergegangen und stellte nun fest:

„Wenn uns jemand zu Fuß verfolgt, dann nützt es dem oder denjenigen auch nichts, wenn er oder sie kurzfristig ihre Taschenlampen oder sonst was ausmachen, der Hund wird auf jeden Fall anschlagen.“

„Sie sagen es“, freute sich Dr. Schäfer. Sie hatte offenbar verstanden, worauf es ihm angekommen war.

Es dauerte noch ein paar Minuten, dann hatten sie die Stelle erreicht, an der Michael Wagner und Cornelia Clemens die Filme vergraben hatten. Es war hier inzwischen total dunkel. Nur der Strahl der Taschenlampe fiel auf ein aufgebuddeltes Loch, in dem vielleicht mal etwas gelegen hatte, aber jetzt nicht mehr. Die Filme waren jedenfalls weg!

Jetzt bekam es Ines Bleckert erneut mit der Angst zu tun. Ihr wurde auf einmal wieder bewusst, dass sie allein mit zwei Männern im Wald war. Zwei Männer, denen sie nach einigem Hin und Her doch noch vertraut hatte. Hatte sie wirklich Grund dazu?

Der Schäferhund an ihrer Seite beruhigte sie nun keineswegs mehr. Sie betrachtete ihn jetzt eher als zusätzliche Bedrohung.

Irgendwo schrie plötzlich ein Käuzchen.

Ines Bleckert dagegen gab keinen Laut von sich. Stocksteif sah sie die beiden Männer lauernd an und wartete auf den Angriff. Sie war sich jetzt ganz sicher, dass sie direkt in eine Falle gelaufen war. Eine so super dämliche Falle, dass sie fast schon darüber lachen konnte.

Aber die Lage war ernst, sehr ernst sogar. Das war ihr in diesem Augenblick klar. Sie war wie gelähmt, apathisch.

Auch Michael Wagner und Dr. Schäfer rührten sich für einen Augenblick nicht von der Stelle.

Erst in dem Moment, als der Arzt dann doch noch den rechten Arm hob, schrie sie los.

Sie schrie und schrie und schrie.

Ihre ganze Todesangst brach auf einmal aus ihr heraus. Ihre Wut und Enttäuschung über ihre eigene Dämlichkeit und ihr Vertrauen, dass die beiden offenbar so schändlich missbraucht hatten. Dabei wusste Ines Bleckert doch, wie sinnlos diese Schreie waren. Sie waren allein hier, niemand war ihnen gefolgt, dafür hatten sie schließlich gesorgt.

Wieder legte sich eine Hand auf ihren Mund, der Hund bellte auf einmal wie verrückt. Dann kam sie, die heiß ersehnte und doch so gefürchtete Ohnmacht, die sie im falschen Augenblick so wehr- und schutzlos machte. Während sie zu Boden sackte, griffen vier Arme nach ihr, aber das bekam sie nicht mehr mit …

 

*

 

Nachdem klar war, mit welchem Flugzeug und um welche Uhrzeit sie in Tunis landen würden, hatte Walter Schroth noch einmal mit seinen Kollegen in der tunesischen Hauptstadt Verbindung aufgenommen. Die teilten ihm mit, dass man sie am Flughafen erwarten würde.

So war es denn auch. Kurz vor dem Landeanflug wurde der Leiter des Rauschgiftdezernats ins Cockpit beordert und gebeten, dass er, Bettina Braun und seine beiden deutschen Kollegen das Flugzeug erst zusammen mit den Piloten und den Stewardessen verlassen sollten.

Kurz nachdem sie wieder festen Boden unter den Füßen hatten, erreichten sie die Büros der Flughafenpolizei. Die Passkontrolle hatten sie ignoriert.

Der extra für sie frisch aufgebrühte Kaffee dampfte bereits in den Tassen, als ihr Führer, der Chefpilot, die Tür zum obersten Boss höchstpersönlich öffnete und die vier Deutschen geradezu ehrfurchtsvoll ankündigte.

Der Mann war aber auch wirklich eine Respektsperson. Er war zwar nicht dick, aber sehr muskulös, was von außen her ungefähr genauso wirkte. Der Körper steckte in einer schicken Uniform, aber er machte nicht den Eindruck, als wenn er Wert auf Formalitäten legte. Die Beine hatte er auf den Tisch gelegt, die Lippen umschlossen eine dicke Zigarre und sein Vollbart, der sein halbes kleines Gesicht einnahm, ließen ihn fast ein wenig verwegen aussehen.

Er kniff die Augen zusammen, als er seine Kollegen und die Frau erblickte, änderte aber nicht im Mindesten seine Haltung. Er wackelte nur kurz mit seinem rechten Fuß, was man mit etwas gutem Willen durchaus als Begrüßung deuten konnte. Ansonsten wies der Mann die vier Deutschen stumm aber mit einer eindeutigen Handbewegung an, Platz zu nehmen.

Der Chefpilot hatte sich schnell wieder verzogen, denn der Raum drohte jetzt wegen Überfüllung zu platzen. Fünf Stühle standen vor dem altmodischen Schreibtisch des Leiters der Flughafenpolizei.

Knolle warf einen überraschten Blick auf den freien Platz neben ihm und fragte sich, für wen dieser wohl gedacht war.

Die Antwort erhielt er recht schnell, denn der Tunesier schien auf dem ersten Blick zwar behäbig zu sein, aber über eine rasche Auffassungsgabe zu verfügen:

„Es kommt gleich noch ein Kollege von uns“, erklärte er in halbwegs gutem Deutsch.

Knolle nickte und gab sich vorerst mit dieser Aussage zufrieden. Auch wenn er insgeheim vor Neugier fast platzte, äußerlich merkte man ihm das nicht an. Er lehnte sich nun seinerseits in dem ziemlich unbequemen Stuhl zurück, dessen Sitzkomfort nun wirklich nicht deutschen Verhältnissen entsprach und wartete geduldig.

Er musste nicht lange warten, dann ging erneut die Tür auf und ein Tunesier kam schwungvoll herein. Der Mann trug ein ärmelloses, knallrotes T-Shirt und eine schwarze Jeans. Er sah von Natur aus schon nicht so besonders gut aus, fand Knolle, aber mit dieser hässlichen Narbe auf seinem Arm konnte er nun wirklich keinen Schönheitswettbewerb mehr gewinnen. Es schien sich dabei um eine schlecht verheilte Schusswunde zu handeln.

„Hallo, guten Tag Frau Braun, meine Herren Kollegen. Ich möchte mich erst mal bei Ihnen vorstellen. Mein Name ist Wahid Ben Ali und ich arbeite für die tunesische Polizei, Abteilung Rauschgift. Ich bin hier, um Sie abzuholen und nach Hammamet zu begleiten. Dort haben wir für Sie im Hotel „Green Palms“ vier Einzelzimmer reservieren lassen. Wenn Sie mir bitte zu meinem Wagen folgen würden? Ihr Gepäck ist bereits im Kofferraum verstaut.“

Knolle bedauerte es sehr, den kühlen Wind des großen Deckenventilators mit dem garantiert heißen Auto tauschen zu müssen, fügte sich aber notgedrungen in sein Schicksal.

Der bärtige Leiter der Flughafenpolizei schmunzelte, denn er hatte das leichte Stirnrunzeln seines Kollegen gesehen und sofort richtig gedeutet.

Lächelnd wünschte er den vier Männern eine gute Reise.

Auch Bettina Braun, deren Aussehen ihn stark beeindruckt hatte, wurde entsprechend verabschiedet, allerdings mit einem kleinen Zusatz. Er zwinkerte ihr dabei nämlich ziemlich eindeutig und unverschämt zu, was diese zu seinem tiefsten Bedauern jedoch geflissentlich übersah.

Als er wieder allein in seinem Büro saß, sah er verzweifelt an sich herunter und fragte sich, etwas geschockt von diesem Desinteresse, was es um Himmels Willen denn auf einmal an seinem Aussehen zu bemängeln gab, denn die Frauenwelt schien auf einmal überhaupt nicht mehr von ihm beeindruckt zu sein. Das war ihm in letzter Zeit schon häufiger aufgefallen.

Etwa zwei Stunden später standen die Polizisten und die Witwe des Psychologen in einer gemütlichen Hotelhalle.

„Das ist ja wirklich toll hier“, stellte Hans-Jörg Krause anerkennend fest.

„Im „Omar Khayam“ ist die Hotelhalle nicht so schön. Das liegt wohl daran, dass das „Green Palms“ zwei Sterne mehr hat und auch noch nicht so alt ist“, bestätigte Wahid Ben Ali.

Dabei warf er einen Blick über die verschiedenen Sitzgruppen, die mit hellem Leder bezogen und noch nicht sehr abgenutzt waren. Überall standen üppige Blumen und Grünpflanzen herum, der Fußboden und die Wände waren aus Marmor.

Der wuchtige Kronleuchter und ein Stück weiter der kleine Springbrunnen konnten jeden auch noch so gefühlskalten Touristen in Urlaubsstimmung bringen.

Während sie gemeinsam auf die Zimmerschlüssel warteten, schlug der tunesische Polizist vor:

„Sie sollten zuerst einmal in Ruhe ihre Koffer auspacken. Ein bisschen frisch machen wollen Sie sich doch bestimmt auch, oder? Wir könnten uns dann in genau einer Stunde an der Bar wieder treffen. Was halten Sie davon?“

„Gute Idee“, murmelte Hans-Jörg Krause abwesend. Er war gerade anderweitig beschäftigt. Mit einem gewissen Leuchten in den Augen betrachtete er sich gerade eine Bikinischönheit von hinten. Der lachsfarbene Stoff diente eigentlich nur noch als kleiner Farbtupfer auf sonnengebräunter Haut, denn er war so knapp bemessen, dass man schon gut hingucken musste, um ihn zu erkennen. Neidlos stellte er fest, dass sie sich so einen Aufzug figurmäßig durchaus erlauben konnte.

„Denk dran, Hans-Jörg, du bist verheiratet“, meinte Knolle gehässig. Die Begeisterung seines Kollegen war ihm natürlich nicht entgangen.

„Du gönnst einem aber auch gar nichts“, behauptete der, grinste aber dabei. Schließlich hatte sein Chef ja so recht.

Sie hätten sowieso nicht länger über Untreue und schöne Urlauberinnen diskutieren können, denn ein Tunesier kam plötzlich auf sie zu, schnappte sich Bettina Brauns Koffer und forderte die drei Polizisten auf, ihm zu folgen. Ihr Gepäck mussten die Männer notgedrungen selber tragen. Das machte allerdings nichts, da sie sowieso nicht sehr voll waren. Sie hatten nur das Nötigste in ihre Koffer gepackt, da sie nicht von einem langen Aufenthalt ausgingen.

Knolle setzte sich schwitzend ans Ende der Gruppe und sehnte sich paradoxerweise nach einem zünftigen Platzregen. Die vielen Palmen und Blumen, die auch diesen Hotelgarten in eine blühende Oase verwandelten, waren da für ihn keine angemessene Entschädigung.

Als er schließlich seinen Bungalow betrat, schielte er sofort zur angelehnten Badezimmertür. Die Dusche, die er dahinter vermutete, war jetzt bestimmt das Einzige, was ihn wieder auf die Beine bringen konnte. Dessen war er sich ganz sicher.

Kaum war die Bungalowtür hinter ihm ins Schloss gefallen, warf er auch schon seinen Koffer entsprechend schwungvoll auf das frischbezogene Bett, zog hektisch Schuhe und Socken aus und warf sie anschließend achtlos in die nächstliegende Zimmerecke. Hier brauchte er diese Sachen vorläufig nicht mehr. Zumindest entschied er das in diesem Augenblick.

Danach riss er sich seine bunte Krawatte vom Hals und öffnete sein biederes weißes Hemd, das durch die dunkelblauen Streifen im Stoff auch nicht poppiger wurde.

Anschließend atmete er die warme Luft, die in dem Bungalow herrschte, wie ein Ertrinkender tief ein.

Dabei fasste er sich an die Kehle und kratzte geistesabwesend an seinem Adamsapfel herum. Er war wirklich froh, die Krawatte los zu sein. Manchmal hasste er dieses Ding wie die Pest, auch wenn er die Notwendigkeit, sich so einen Strick um den Hals zu legen, durchaus einsah.

Kurz darauf öffnete er die Tür zum Bad und betrachtete für einen kurzen Moment die Dusche.

Wehmütig sah er dann doch wieder weg, ging zurück zum Bett und kramte im Koffer nach seinem Waschzeug.

Als Nächstes befreite er sich von seiner Anzugshose. Diese legte er sorgsam auf Bügelfalte und anschließend ans Ende des Bettes.

Nun stand er da. Weiße Doppelripp-Unterwäsche in guter Qualität, in der linken Hand sein Kulturbeutel.

Ein heimlicher Beobachter wäre spätestens jetzt erwischt worden, denn bei Knolles Anblick konnte kein Auge trocken bleiben.

Doch es kam noch schöner, denn er wollte gerade in Richtung Dusche starten, als er vom Klingeln des Telefons unterbrochen wurde. Das kam so unerwartet, dass er erschrocken zusammenzuckte. Aufgeregt drehte er sich in eine andere Laufrichtung als geplant.

Bevor er den Hörer abnehmen konnte, stieß er laut fluchend auf ein Hindernis. Er war mit dem rechten kleinen Zeh an der Bettkante hängen geblieben.

In diesem Moment beschloss er, seine Wohnung zu einer telefonfreien Zone zu machen, wenn er erst mal seine Pensionierung antreten würde. Er hatte keine Lust mehr auf Überraschungen, die ja sowieso meist unangenehm waren.

 

*

 

Kaum waren seine Kollegen und Bettina Braun aus seinem Blickfeld verschwunden, visierte Wahid Ben Ali eine kleine Sitzgruppe nahe der Rezeption an.

Dort angekommen nahm er auf einem der wuchtigen Sessel Platz und zündete sich eine Zigarette an.

Während er rauchte, beobachtete er seine nähere Umgebung.

Im Moment herrschte hier reges Treiben.

Er sah ein paar Touristen, die entweder eifrig umherliefen oder aber es sich in den verschiedenen Sitzecken bequem gemacht hatten.

Kinder liefen kreischend umher, an einem Tisch spielten gerade zwei rothäutige Pärchen Karten, wahrscheinlich um sich von ihrem ersten Sonnenbrand zu erholen.

Tunesische Kellner versuchten am laufenden Band, Bestellungen aufzunehmen oder sich mit ihren vollen Tabletts heile durch das Chaos zu manövrieren, ohne dabei zu stolpern.

Das war gar nicht so einfach, denn nicht nur die Kinder liefen dabei ständig vor ihre Füße, sondern auch ein paar abgemagerte Katzen, die sich in die Hotelhalle verirrt hatten.

Gerade, als zwei rivalisierende Tiere ihr selbsternanntes Revier verteidigen wollten, drückte Wahid Ben Ali seine halb aufgerauchte Zigarette im Aschenbecher aus und erhob sich gemächlich.

An der Rezeption sprach er kurz mit seinem Landsmann auf der anderen Seite des Tresens, zeigte ihm so unauffällig wie möglich seine Dienstmarke und griff dann anschließend zum Hörer des Telefons, welches ihm der Angestellte freundlich überreichte.

Dann rief er nacheinander seine drei Kollegen an und meinte:

„Entschuldigen Sie bitte, dass ich den Zeitplan ein wenig durcheinander bringen muss, aber ich wollte auf jeden Fall verhindern, dass Frau Braun bei unserer kleinen Besprechung dabei ist. Die Dame muss schließlich nicht alles wissen. Ich weiß aber auch, wie wichtig sie für uns ist und dass wir sie nicht verärgern dürfen, sonst behält sie ihre Informationen erst recht für sich. Hätten Sie in diesem Sinne etwas dagegen, wenn wir uns schon jetzt in der Bar treffen? Es lohnt sich auf jeden Fall.“

Es dauerte keine zehn Minuten, da saßen Wahid Ben Ali, Hans-Jörg Krause und Walter Schroth bereits in der Bar und warteten ungeduldig auf Knolle.

Der ließ sich jedoch zu ihrem Bedauern noch weitere zehn Minuten Zeit. Dann stieß auch er auf die kleine Gruppe. Mit nassen Haaren tippte er Hans-Jörg Krause auf die Schulter und nickte den anderen sichtlich glücklich zu. Er hatte sich seinem unwiderstehlichen Waschzwang hingegeben und trotz der gebotenen Eile geduscht. Mochte sein tunesischer Kollege noch so triftige Gründe haben, sich so schnell wie möglich ohne Bettina Braun zusammenzusetzen.

Er hatte sich inzwischen ein sportlicheres Outfit zugelegt. Dunkelblaue Jeans steckten unter einem weiten hellblauen Jeanshemd, welches sich über dem stattlichen Bauch zwar ziemlich spannte, ihn aber trotzdem erstaunlich jünger aussehen ließ.

Hans-Jörg Krause war sehr überrascht, hatte er seinen Chef doch noch nie so salopp herumlaufen sehen.

Details

Seiten
70
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783738923575
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2018 (Oktober)
Schlagworte
zeuge tödliches wissen

Autor

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Titel: Der unliebsame Zeuge  (Tödliches Wissen #5)