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Pulverrauch in Santa Cruz

2018 120 Seiten

Zusammenfassung

Clint Willard, der Marshal von Santa Cruz, hat mehr Feinde, als ihm lieb sein kann: Ron Ketlow der Besitzer des Stores, verkauft den Apachen im Reservat gepanschten Whisky. Obendrein hat er auch ein Auge auf Willards Verlobte Alissa geworfen und sähe es nur zu gerne, wenn dieser eine Kugel in die Brust bekäme. Dieses Ziel verfolgt auch Lopez, der brutale und gewissenlose Jefe einer Bande von Bandoleros. Lopez will sich an Willard rächen, weil der ihn verhaften und ins Gefängnis sperren ließ. Auch seinem ehemaligen Freund, Sharango, einem Mestizen, kann Willard nicht trauen. Sharango hat Rache geschworen, weil Willard in Notwehr seinen Bruder erschossen hat. Als Willard schwer verletzt wird, ist Sharango der Einzige, der ihm hilft. Was bezweckt er damit?

Leseprobe

Table of Contents

Title Page

Pulverrauch in Santa Cruz

Klappentext:

Roman:

John F. Beck

 

 

Pulverrauch in Santa Cruz

(ehem. Titel: Der Schrecken von Santa Cruz)

 

(alter Z-Silber Western Nr. 1577)

 

 

 

 

 

 

 

IMPRESSUM

 

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© Roman by Author/Titelbild:

Korrektorat: Dr. Frank Roßnagel

© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

 

 

Klappentext:

Clint Willard, der Marshal von Santa Cruz, hat mehr Feinde, als ihm lieb sein kann: Ron Ketlow der Besitzer des Stores, verkauft den Apachen im Reservat gepanschten Whisky. Obendrein hat er auch ein Auge auf Willards Verlobte Alissa geworfen und sähe es nur zu gerne, wenn dieser eine Kugel in die Brust bekäme. Dieses Ziel verfolgt auch Lopez, der brutale und gewissenlose Jefe einer Bande von Bandoleros. Lopez will sich an Willard rächen, weil der ihn verhaften und ins Gefängnis sperren ließ. Auch seinem ehemaligen Freund, Sharango, einem Mestizen, kann Willard nicht trauen. Sharango hat Rache geschworen, weil Willard in Notwehr seinen Bruder erschossen hat. Als Willard schwer verletzt wird, ist Sharango der Einzige, der ihm hilft. Was bezweckt er damit?

 

 

 

 

 

Roman:

Rote Staubschleier wogten über die Ausläufer der Chiricahua Mountains. Die Wagenplane knatterte. Zwei Revolver bedrohten den Reiter, der sich dem windumtosten Fahrzeug näherte.

»Stop, Sharango!«, schrie Ben Flaherty. Der bärtige Bandit hielt dicht neben dem Murphy-Schoner. Ein zweites Pferd war an seinem Sattel festgeleint. »Bleib, wo du bist, sonst knallt’s!«

Doch der breitschultrige, indianerhafte Mann ritt unbeirrt auf sie zu. Er trug die Kleidung der Reservations-Apachen: buntes Hemd, verwaschene Leinenhose, kniehohe Mokassins. Ein um den Kopf geschlungenes rotweißes Tuch bändigte die schulterlangen Haare. In der Lederscheide am Gürtel steckte ein Bowiemesser. Außerdem hielt er eine Winchester quer über dem Sattel. Das bronzefarbene Gesicht war ausdruckslos. Die hellen Augen bildeten einen auffälligen Kontrast. Sie verrieten das »weiße Blut« in Sharangos Adern. Die Sechsschüsser des Wagenlenkers und Begleitreiters bewegten sich mit ihm. Fünf Yards vor den beiden Gespannpferden zügelte Sharango den gescheckten Mustang.

»Kehrt um! Ich lass nicht zu, dass ihr noch mehr gepanschten Whisky in die Reservation bringt. Ihr habt schon genug Unheil damit angerichtet.«

»Du redest wie der verdammte Sternträger in Santa Cruz!« Gil Thompson, der Fahrer, lachte . »Hau ab, Mann, sonst geben wir dir statt Feuerwasser Blei zu schlucken!«

»Einen von euch würde ich mitnehmen.« Kein Muskel bewegte sich im Gesicht des Halbindianers. Der Wind zauste das rabenschwarze Haar. Die Augen funkelten.

Böse starrten die Whiskyschmuggler ihn an. Dann wickelte Thompson die Zügel um die Seitenlehne. Die Narbe über seinem linken Auge glühte.

»Wetten, dass du nicht schießt.« Ohne Sharango aus den Augen zu lassen, schlug er die Plane zurück.

»Wenn du nämlich abdrückst, Rothaut, stirbt auch deine hübsche Freundin«, meldete sich der dritte, zwischen den Whiskyfässern kauernde Bandit. Raf Malone hielt der jungen Gefangenen ein Messer an die Kehle.

Die Squaw war gefesselt. Ein riss klaffte im einfachen Kattunkleid. Angst spiegelte sich auf dem mädchenhaften Gesicht. Sharangos Fäuste schlossen sich fester um das Gewehr.

»Nachita.«

Melone grinste.

»Einer von deinen roten Vettern hat uns ’nen Tipp gegeben. Der Umweg zu deinem Rancho hat sich gelohnt. In Zukunft mischst du dich nicht mehr in unsere Geschäfte. Wirf die Knarre weg, wenn du nicht willst, dass der Kleinen was zustößt.«

Die Indianerin zitterte. Kein Laut drang über ihre Lippen. Ein Blutfaden lief an ihrem Hals hinab.

»Wird’s bald!«, zischte Malone.

»Lasst sie erst gehen.«

»Freundchen, wir stellen die Bedingungen!«

»Ich gehorche nur, wenn ich Nachita in Sicherheit weiß«, erwiderte Sharango kehlig. »Ihr würdet uns sonst beide töten. Flaherty, du bist der Boss. Sag Malone, er soll sie wegschicken.«

Die Winchester zielte auf Ben Flahertys Gürtelschnalle. Sharango musste nicht erst damit drohen, dass er noch abdrücken konnte, falls sie das Feuer eröffneten. Die Schultern des Bärtigen verkrampften sich.

»Dein Wort, Sharango?«

»Mein Wort.«

Da ließ der Bandit den Revolver sinken.

 

*

 

»Lass sie laufen, Raf.«

»Bist du Verrückt? Ohne die Squaw …«

»Tu, was ich sage, verdammt noch mal!«, schnappte Flaherty. »Ich kenne ihn. Er ist der Sohn eines Häuptlings, der in der Schlacht im Lost Creek Canyon fiel. Er hält sein Wort, auch wenn es ihn den Skalp kostet.« Ein wildes Grinsen verzog Flahertys Miene. »Stimmt’s, Sharango?«

Sharango schwieg. Widerstrebend gab Malone die Apachensquaw frei. Sie fuhr sofort hoch.

»Bleib!«, befahl Sharango ruhig. Er ließ sich von Thompsons Revolver nicht beeindrucken. »Malone, zertrenne erst ihre Fesseln!«

Fluchend gehorchte der Bandit. Sharango nickte der Indianerin zu. Geschmeidig schwang sie sich vom Wagen, wich Flahertys tänzelndem Pferd aus und lief zu ihm. Ihre kleinen, aber festen Brüste hoben und senkten sich.

»Sie haben den Rancho niedergebrannt und alle Pferde erschossen«, berichtete sie keuchend in der Stammessprache. »Es war Tatseh, der ihnen verriet, dass du hier auf sie wartest – für eine Flasche ihres verfluchten Feuerwassers. Töte sie! Den mit der Narbe zuerst! Dann haben wir vielleicht noch eine Chance! Gib mir dein Messer!«

»Geh«, antwortete Sharango nur. Er wies mit einer Kopfbewegung auf den felsbedeckten Steilhang rechts vom Wagen. Kein Reiter konnte Nachita dort folgen.

Inzwischen trieb der Wind immer neue Staubfahnen von Süden heran. Ein Raunen und Wispern durchlief die Senken.

Nachitas Blick suchte das starre Gesicht des Reiters.

»Geh!«, wiederholte Sharango.

Das Funkeln in Nachitas Augen erlosch. Sie senkte den Kopf, berührte mit einer Hand Sharangos Knie und wandte sich dem Felshang zu. Der Wind presste das dünne Kleid an ihre Schenkel. Das lange, schwarze Haar flatterte. Katzenhaft kletterte sie von Fels zu Fels. Nun hielt auch Malone den Colt. In seinem Raubvogelgesicht zuckte es.

»Worauf wartest du, Rothaut? Weg mit der Knarre!«

Sharango erkannte die mitleidlose Entschlossenheit der Weißen. Er wartete, bis Nachita das letzte Hangstück erreichte. Dann ließ er das Gewehr fallen.

»Gratuliere, Ben!« Thompson halfterte grinsend den Colt. »Es war dein Risiko. Er gehört dir.«

Die Anspannung der Halunken löste sich in heiserem Gelächter. Flahertys Pferd stampfte. Nachita schaute zurück. Ihre Stimme klang dünn und verloren durch den Wind.

»Flieh, Sharango!«

Doch Flahertys Sechsschüsser bannte den Mestizen. Plötzlich ruckte die Waffe. Ein Feuerstrahl peitschte aus dem Lauf.

Nachita, die eben den Kamm erreichte, stieß einen Schrei aus und wirbelte mit schlenkernden Gliedern den Hang hinab, bis sie sich an einem Felsen verfing. Ihr Kopf hing nach unten. Der Wind bauschte das fächerförmig ausgebreitete Haar.

Sharango saß wie versteinert auf dem Pferd. Im selben Moment, als Nachitas Mörder wieder den Revolver auf ihn richtete, sauste er mit einem Schrei aus dem Sattel. Sein Bowiemesser blitzte. Die schwirrende Klinge ritzte Flaherty am Arm.

Sharango prallte hart auf, erwischte das Gewehr und schwang es hoch.

Flahertys Wallach rammte ihn. Die Winchester wirbelte weg, ein Huf streifte den Halbapachen an der Schläfe. Trotzdem kam Sharango hoch. Seine Hände krallten sich in die Jacke des Mörders.

Da schlug Flaherty mit dem Sechsschüsser zu. Erneut krachte Sharango auf die von der Arizonasonne hartgebackene Erde. Blut floss über seine linke Gesichtshälfte. Aber er gab nicht auf, wälzte sich herum und wollte sich nochmals aufrichten.

»Keine Kugel, Ben!«, schrie Malone. »Ein Strick ist für den Bastard gerade gut genug!«

Johlend stürzten sie sich auf ihn.

 

*

Clint Willard verlor die Spur in einem ausgetrockneten Flussbett. Der Boden war steinig. Der Staub, den der Wind von der mexikanischen Grenze heranwehte, deckte die wenigen Kratzer zu, die die Hufe und Räder hinterlassen hatten.

Rötliche Schwaden umwogten den hochgewachsenen Reiter. Die vors Gesicht gebundene Bandana und die vom Wind nach unten gedrückte Stetsonkrempe ließen nur die Augen frei. Der Sheriffstern an der ärmellosen Weste blinkte matt.

Clint hielt sich nicht auf. Er kannte jetzt die Richtung des Fahrzeugs. Das Ziel war die Reservation.

Das bestätigte Clints Verdacht, dass er auf der Fährte der Whiskyschmuggler ritt, denen er seit Monaten das Handwerk zu legen versuchte. Der Falbe prustete unwillig, als Clint ihn aus dem Arroyo trieb. Die mit Felsen und halbverdorrten Mesquitesträuchern bedeckten Hänge rückten dichter zusammen. Kupfern schimmerte die Sonne durch den Staub. Tumbleweedballen rollten an dem Reiter vorbei.

Senke reihte sich an Senke. Vergeblich hielt Clint Ausschau nach einem Hufabdruck oder einem abgebrochenen Zweig. Die zerklüfteten Flanken der Chiricahua Mountains ragten vor ihm auf. Allmählich flaute der Wind ab. Ein Schuss krachte. Es war ein kurzes, dumpfes Dröhnen wie von einem Axtschlag.

Der Sheriff hielt, lauschte, aber nichts rührte sich mehr. Die wogenden Schleier rissen auf. Einen Moment wirkten die Berggipfel zum Greifen nahe. Clint zog die Winchester aus dem Scabbard und hebelte eine Patrone in die Kammer.

»Dann mal los, Amigo!«, feuerte er den Hengst an.

Der Falbe stampfte einen buschbewachsenen Hang hinauf. Zwei Kämme weiter stieß Clint wieder auf die Wagenspur. Dann dauerte es nur mehr eine Viertelstunde, bis er die von der Sonne angeleuchtete Fahrzeugplane in einer Senke unter sich sah. Inzwischen regte sich kein Lüftchen mehr. Blauer Himmel leuchtete über der ausgedörrten Wildnis.

Der Planwagen stand ungefähr zehn Schritte von einer abgestorbenen Sykomore entfernt, dem einzigen Baum im Umkreis.

Thompson schwang sich eben auf den Bock. Flaherty und Malone saßen auf ihren Pferden, zwischen ihnen ein dritter Reiter: Sharango.

Seine Hände waren auf dem Rücken zusammengebunden, die linke Gesichtshälfte blutverkrustet.

Malone hielt den Mustang fest, Flaherty streifte dem Gefangenen die Schlinge über den Kopf. Das Seil spannte sich über einen knorrigen Ast.

»He, Gil, passt ihm die Hanfkrawatte nicht großartig?«, rief Malone dem Fahrer zu. Thompson schimpfte: »Beeilt euch, verdammt noch mal! Wenn wir noch lange ausbleiben, werden Sharangos Vettern ungemütlich!«

Der Schatten zerklüfteter Felsen lag auf Clint. Er glitt aus dem Satter und zog die Bandana vom kantigen Gesicht. Hinter einem klobigen Quader richtete er die Winchester auf die Banditen.

»Ich bin dafür, ihn noch ein Weilchen schmoren zu lassen«, hörte er Flahertys Stimme. »Wir kommen auf dem Rückweg hier sowieso noch mal vorbei. He, Sharango, wenn du’s schaffst, dass dein Klepper sich vier Stunden lang nicht rührt, sehen wir uns wieder. Lass dir die Zeit nicht lang werden!«

 

*

 

Die Schurken lachten. Sharangos Miene blieb starr. Sein Pferd stampfte, als Flaherty und Malone zum Wagen ritten. Sharango presste die Unterschenkel an den Leib des Tieres. Der Strick schnürte sich um seinen Hals.

Die Weißen blickten zu ihm. Ihr erneutes Lachen jagte eine Welle des Zorns in Clint empor. Aber er wusste, dass der plötzliche Knall eines Schusses Sharangos Todesurteil besiegeln würde.

Der Schecke war zu aufgeregt. Schnaubend warf er den Kopf hin und her. Leise redete Sharango ihm zu. Clint sah nur seine Lippenbewegungen.

»Wartet noch!«, grinste Flaherty, als Thompson die Zügel ergriff und die Peitsche hob.

Die Peitsche, durchfuhr es Clint. Sie würde Sharangos Pferd ebenso erschrecken wie das Krachen des Gewehrs. Flaherty verhöhnte den Gefangenen. Aber Clint achtete jetzt nicht mehr auf ihn. Die Mündung der Winchester bewegte sich tastend, bis Clint das Seil über Sharangos Kopf ins Visier bekam. Seine Kehle wurde trocken.

Er war ein guter Schütze. Doch mit diesem einen Schuss musste er sich selbst übertreffen. Damit vergab er aber auch die Chance, die Weißen zu überrumpeln. Ihm blieb keine Wahl. Er zwang sich, ruhig zu atmen. Das Seil spannte sich noch mehr, als der Schecke sich halb drehte. Die Gewehrmündung wanderte mit. Sharango saß schief im Sattel, damit die Schlinge ihm nicht vollends die Luft abdrückte.

»He, Rothaut, ich fürchte, so wirst du nicht alt!«, spottete Malone und ritt auf den Hügeleinschnitt unter Clint zu. Auch die Hufe von Flahertys Braunem pochten. Wiehernd hob Sharangos Mustang den Kopf. Thompson schwang die Peitsche.

»Hüüyah!«

Der Schecke tänzelte. Das Seil riss Sharango nach hinten. Seine Füße rutschten aus den Bügeln. Clint Willard feuerte. Schuss und Peitschenknall fielen zusammen. Mit der Schlinge um den Hals stürzte Sharango aus dem Sattel. Staub wallte. Das Pferd stieg.

Clint sprang auf. »Ergebt euch!«

»Verdammt, der Sternträger!«, brüllte Ben Flaherty. Sein Revolver blitzte. Die Kugel schmetterte gegen den Felsen, neben dem Clint breitbeinig stand. Clints erster Schuss streifte Flahertys Wallach, der zweite schmetterte den bärtigen Mann in den Staub.

Nun krachte auch Malones Sechsschüsser.

»Fort!«, kreischte er und preschte, ohne sich um den Kumpan zu kümmern, aus der Senke. Malone schwang wieder die Peitsche. Wahrscheinlich rechneten die Weißen damit, dass Clint nicht allein war.

Der Wagen raste an Flaherty vorbei, der sich, die Zügel ums linke Handgelenk geschlungen, schwankend erhob. Seine Jacke war an der rechten Schulter blutbesudelt. Kugeln pfiffen an Clint vorbei. Er zielte auf die Wagenpferde. Es war die einzige Möglichkeit, das durch die Senke fegende, mit Fusel beladene Fahrzeug zu stoppen.

Es dröhnte und splitterte, als hätte eine Granate den Murphy-Schoner getroffen. Malone sauste wie ein Bündel durch die Luft. Die Pferde verwickelten sich in den Sielen, die Deichsel barst, der Wagen krachte auf die Seite. Die Plane zerriss, Whiskyfässer rollten heraus.

Fluchend zog Flaherty sich wieder in den Sattel. Malone stolperte zu ihm und schwang sich hinter ihm hinauf. Geduckt jagten sie davon.

Clint feuerte, traf aber nur mehr einen der Felsen, zwischen denen die Fliehenden verschwanden. Mit verkniffener Miene lud er die Winchester nach.

 

*

 

Clint zügelte seinen Falben neben dem umgestürzten Planwagen. Er musste nicht erst absteigen, um festzustellen, dass das Fahrzeug außer den Fässern nichts enthielt, was seinen langgehegten Verdacht gegen den Auftraggeber der Whiskyschmuggler bestätigte.

In jedem Fass befanden sich zehn Gallonen mit Methylalkohol, Brunnenwasser und Cayennepfeffer versetztem Whisky. Der Repetierbügel von Clints Winchester schnappte.

Gleich darauf durchlöcherte ein Stakkato von Schüssen die Ladung. Plätschernd lief der Fusel in den Sand. Es stank wie in einer Kaschemme.

Clints Hengst drängte vom Wagen weg. Aber erst nachdem Clint ein brennendes Schwefelholz auf die mit Schnaps bespritzte Plane warf, ließ er die Zügel locker. Eine Stichflamme fauchte hinter ihm empor.

Der Sheriff ritt zu Sharango, der unter dem Baum stand. Das zerschossene Seil hing über ihm. Der Schecke rieb die Nüstern an Sharangos Schulter. Clint erkannte keine Regung auf dem bronzefarbenen Gesicht. Er schob die Winchester in den Scabbard und zerschnitt die Fesseln.

»Alles in Ordnung?«

»Nichts ist in Ordnung.« Das Halbblut spuckte aus. »Außerdem wäre es gelogen, wenn ich behauptete, dass ich mich freue, dich wiederzusehen. Du hast mir zwar das Leben gerettet, Willard. Trotzdem werd’ ich nicht vergessen, dass du Kentoh getötet hast. Irgendwann, wenn ich meine Schuld beglichen habe, werde ich dafür Rechenschaft von dir fordern – mit dem Gewehr.«

Ihre Blicke trafen sich. Sie waren ungefähr gleich alt, Ende zwanzig, gleich groß und gleich unbeugsam. Sie kannten sich seit Jahren. Einige Zeit hatten sie im Tonto-Gebiet gemeinsam Wildpferde gejagt.

Dann hatte Clint Alissa Montego kennengelernt und in Santa Cruz das Amt des Sheriffs übernommen. Sharango war damals zum Volk seines Vaters zurückgekehrt, ein Mann zwischen zwei Welten, der keine Freunde besaß.

Ein bitterer Zug spannte Clints Mundwinkel.

»Du weißt, dass dein Bruder mir keine Wahl ließ. Er griff mich an, als ich die Männer verfolgte, die eine Pferdeherde von Montegos Weide raubten. Er gehörte zu ihnen.«

»Kentoh war betrunken, wie seine Freunde. Flaherty, dieser Schuft, hatte sie zu dem Überfall angestiftet. Mein Bruder hatte gegen dich keine Chance.«

»Wie, zum Teufel, würdest du reagieren, wenn dir ’ne Kugel plötzlich ein Haarbüschel wegreißt? Es war Notwehr. Wenn ich nur einen Augenblick gezögert hätte …«

»Eines Tages hole ich nach, was Kentoh nicht gelang.« Der Halbindianer wandte sich ab. Mit einem Satz, ohne die Bügel zu benutzen, landete er im Sattel. Ein wildes Grinsen überflog sein Gesicht. »Du hättest warten sollen, bis ich am Strick hing.«

»Wo willst du hin?«

»Wohin würdest du reiten, wenn drei verdammte Hundesöhne deine Squaw erschossen hätten?«

Clint zuckte zusammen. »Nachita …«

»Ja, Nachita!«, knirschte Sharango. Seine Augen flammten. Dann fing er sich wieder. »Flaherty und seine Kumpane nahmen sie als Geisel. Sie wussten, dass ich versuchen würde, sie aufzuhalten. Es geschah nur eine halbe Meile von hier. Ich kenne den Namen des Verräters. Er kommt auch noch dran. Aber zuerst hol ich mir die Skalpe von Nachitas Mördern. Was dagegen, Willard?«

Clint schluckte. Seine Rechte näherte sich dem 44er-Colt in der auf dem Oberschenkel ruhenden Halfter.

»Es ist mein Job. Flaherty, Thompson und Malone gehören dem Gesetz.«

»Ich bin unter Apachen aufgewachsen. Ich handle nach ihrem Gesetz.« Sharango schüttelte den Kopf, als Clints Hand die Waffe umschloss. »Ich bin unbewaffnet. Du wirst nicht schießen. Der Stern verbietet es dir. Reite nach Santa Cruz. In spätestens einer Woche bring ich dir die Skalpe der Killer.«

»Du wirst die Finger von Flaherty und seinen Kumpanen lassen, weil ich sie brauche, um an den Auftraggeber ranzukommen. Er ist der wahre Schuldige an Nachitas und Kentohs Tod.«

Eine Weile war nur das Prasseln der Flammen zu hören. Das vom Alkohol getränkte Wagenholz brannte wie Zunder. Die beiden Männer starrten sich an.

»Du verlangst viel, Willard«, murmelte der Halbindianer schließlich, »aber ich stehe in deiner Schuld.«

 

*

Clint erkannte Flahertys Pferd am weißen »Strumpf« an der rechten Vorderfessel. Es döste am Zügelholm vor dem Frontier Saloon. Die sonst um diese Zeit belebte Plaza der grenznahen Stadt war leer. Der Schatten des Glockenturms lag auf ihr. Die tief stehende Sonne übergoss die Bretter und Lehmziegelgebäude mit flammendem Rot. Hinter den nach Westen gewandten Fenstern schienen Feuer zu lodern. Ein hochrädriger Ranchwagen stand vor Ketlows Store.

Die Frau auf dem Bock hatte eben die Zügel ergriffen. Nun blickte sie gebannt zu Clint herüber. Mehrere Kisten waren auf der Ladefläche hinter ihr verstaut. Clint erkannte Ketlows dunkelgekleidete Gestalt unter dem Vordach. Er lenkte den Falben über den Platz.

»Hallo, Alissa! Du warst lange nicht in der Stadt. Ich hab dich vermisst.«

Felipe Montegos Tochter war sechsundzwanzig Jahre alt, eine glutäugige Schönheit, deren Anblick das Herz des Sheriffs unwillkürlich schneller schlagen ließ. Das schmale, gebräunte Gesicht besaß exotischen Reiz. Die schwarzen Haare waren im Nacken zusammengebunden. Rock und Bluse betonten eine hinreißende Figur.

Alissa trug dazu glänzende schwarze Stiefel. Ihr Vater besaß acht Meilen südwestlich von Santa Cruz eine große Hazienda, deren Weide sich über die Grenze nach Mexiko erstreckte.

Clint und Alissa waren verlobt. Doch keine Wiedersehensfreude erhellte das Gesicht der schönen Mexikanerin. Krampfhaft vermied sie den Blick in Richtung Saloon.

»Du schuldest uns noch einen Besuch, Clint. Pa hat einen neuen Zuchtstier gekauft. Er wartet darauf, dass du ihn dir ansiehst. Du weiß, dass er viel von deinem Urteil hält.«

Clints Blick wanderte zu dem Pferd vor dem Saloon zurück. »Sag ihm, ich komme, sobald ich Zeit finde.«

Ein spöttisches Lachen erklang unter dem Vordach.

»Es ist ein Kreuz mit Ihnen, Willard. Wann sind Sie mal nicht im Dienst?«

Ron Ketlow schob sich an die Vorbaukante. Der sehnige Mann sah mit dem dunklen Anzug, dem weißen Hemd und der Kragenschleife wie ein Berufsspieler aus. Als er sich eine Zigarette anzündete, traten die scharfen Konturen seines Gesichts im Flackern des Schwefelhölzchens deutlich hervor. Der schmale Oberlippenbart verstärkte noch den Eindruck von Verwegenheit.

»Ich versteh nicht, wie Alissa so viel Geduld aufbringt. Vielleicht überlegt sie’s sich doch noch und nimmt mich.« Er lachte wieder. Es war ein Lachen, das die Augen nicht erreichte. »Übrigens, Sie werden erwartet.«

»Das sehe ich.«

»Flaherty behauptet, Sie hätten ihm in den Apachenbergen eine Kugel aufgebrannt, weil Sie ihn für einen der Whiskyschmuggler hielten, hinter denen Sie seit langem vergeblich her sind. Er ließ sich von Doc Maxwell verarzten. Nun steht er an Bensons Bar, pumpt sich mit Brandy voll und schwingt wilde Reden. Wenn Sie mich fragen, Willard …«

»Tu ich aber nicht. Ich lass Flaherty nicht warten.«

»Flaherty ist nicht allein«, rief Alissa. »Ein fremder Revolvermann hält sich im Saloon auf. Er nennt sich John Randlett und hat nach dir gefragt.«

Eine Falte grub sich zwischen Clints Brauen.

»Er wird nicht verhindern, dass ich Ben Flaherty ins Jail stecke, bis ich rausbekomme, in wessen Auftrag er und seine Kumpane die Apachen mit gepanschtem Whisky beliefern.«

»Warum sagen Sie nicht gleich, dass Sie mich im Verdacht haben, Sheriff?« Ketlows Gesicht verschwamm im Rauch der Zigarette.

Clint lenkte sein Pferd um den Buggy herum.

»Sobald ich einen Beweis habe, Ketlow, werde ich nicht reden, sondern handeln.«

»Sie müssen andere Mittel und Wege finden, mich aus dem Weg zu räumen, Willard. Es passt Ihnen nicht, dass ich mich ebenfalls um Alissa bemühe.« Der Storebesitzer lachte leise. Es klang überlegen und amüsiert. Das Glitzern seiner dunklen Augen verriet jedoch, dass er Clints Angriff erwartete. Mit einer scheinbar zufälligen Bewegung schob er die Anzugjacke hinter den Revolverknauf.

Clint drehte das Pferd.

»Wir sprechen uns noch, Ketlow. Erst ist Flaherty dran.«

»Vergessen Sie Randlett nicht. Der Mann ist gefährlich, ein berüchtigter Killer, dem’s nichts ausmacht, einen Sheriffstern als Ziel zu benutzen.«

»Freuen Sie sich nicht zu früh, Ketlow.«

»Clint, du hast der Webster-Bande das Handwerk gelegt und Domingo Lopez hinter Schloss und Riegel gebracht!«, beschwor ihn die junge Frau. »In knapp einem halben Jahr hast du Recht und Ordnung in Santa Cruz hergestellt. Niemand wird dir einen Vorwurf machen, wenn du jetzt den Stern ablegst und mit auf die Hazienda kommst – für immer, Clint!« Alissas Augen flehten.

»Ein guter Rat«, bemerkte der Storekeeper. »Der beste überhaupt, dem man einem Hombre geben kann, auf den John Randlett wartet. Ich fürchte nur, Alissa, dass dem guten Willard der Stern mehr bedeutet …«

»Das reicht, Ketlow.« Clints schneidender Ton und sein funkelnder Blick ließen den Storebesitzer verstummen. Ketlow begnügte sich mit einem Achselzucken. Clint ignorierte es. Er wandte sich wieder an die Frau.

»Ich hab einen Eid auf das Gesetz geleistet, Alissa. Ich kann den Stern nicht zurückgeben, solange irgendwelche Halunken die Apachen mit gepanschtem Whisky zu Überfällen aufstacheln und sich mit Gold und geraubten Pferden bezahlen lassen.«

»Ich hab Randlett gesehen, Clint. Er macht mir Angst.«

»Ich bin sicher, dass derselbe Mann, der auch Flaherty bezahlt, ihn nach Santa Cruz gerufen hat. Ich lauf’ nicht vor ihm davon.«

Clint hob zwei Finger an die Stetsonkrempe. Sein Lächeln wirkte starr. »Bis bald, Alissa.«

 

*

Die Schwingtür knarrte. Die Männer an Bensons Theke rückten sofort von Flaherty ab. Der Bärtige sah das Blinken von Clints Abzeichen im Spiegel über dem Flaschenregal. Grinsend drehte er sich um.

»Da bist du ja endlich, verdammter Schnüffler!«

Schweißverklebte Strähnen hingen ihm in die Stirn. Seine rechte Schulter war verbunden, der Arm ruhte in einer Schlinge. Das konnte aber ebenso wie sein Schwanken ein Täuschungsmanöver sein. Flaherty war ein Bursche, der auch noch mit einer Bleibohne zwischen den Rippen auf den Gegner losging. Außerdem vertrug er mehr Alkohol als alle anderen Männer im Frontier Saloon. Die leere Flasche, die er auf die Theke stellte, hatte nicht viel zu bedeuten.

Eilig verdrückte sich der dürre Salooner in der Küche. An den Tischen wurde es still. Irgendwo klapperte noch ein Würfel, ein Glas klirrte, dann rührte sich nichts mehr. Flaherty lachte rissig.

»Was ist? Hast du die Hosen voll, Sternträger?«

»Gedulde dich ein wenig«, antwortete Clint kalt. Sein Blick schweifte über die Tischreihen. Er blieb an einem knochigen, ganz in abgewetztes Leder gekleideten Mann hängen, der mit Trafford, dem Schmied, und Jones, einem Cowboy der Baxter-Ranch, an einem Tisch saß. Jeder hielt ein auseinandergefächertes Pokerblatt. Münzen und Geldscheine lagen auf dem Tisch.

Der Fremde musterte den Sheriff ausdruckslos. Er trug keinen Hut. Verfilzte Zotteln hingen in das hohlwangige Gesicht. Die schmalen Lippen wirkten wie ein Strich. Ein schwerkalibriger Colt und ein breitklingiges Green-River-Messer hingen am Büffelledergurt. Um den Hals trug er eine ausgefranste Bandana. Ein Lederband, dessen Schlaufen mit Patronen gefüllt waren, umspannte den rechten Oberarm. Der Mann strömte Gefühllosigkeit aus.

»Randlett?«, fragte Clint.

Der Knochige legte die Karten ab und erhob sich. Der Kolben seines 45ers war mit Kerben bedeckt, die Halfter am Oberschenkel festgebunden.

»Du weißt Bescheid, Blechstern.«

Die Stimme passte zu Randletts Aussehen. Keine Unruhe, aber auch keine Feindseligkeit war herauszuhören. Randletts Mitspieler hockten verkrampft auf den Stühlen. Clint hob die Schultern. Seine Hände hingen locker herab.

»Ich weiß, dass du auf mich wartest, Randlett, mehr nicht.«

Der Revolvermann trat in die freie Bahn zwischen den Tischen. Eine schmale, wacklige Treppe schwang hinter ihm ins Obergeschoss.

»Es gibt immer nur einen Grund, weshalb ich auf jemand warte. In deinem Fall sind’s tausend Bucks, die ich kassiere, wenn ich ein Loch in dein verdammtes Abzeichen puste.«

»Von wem?«

Randletts dünne Lippen verzogen sich zu einem Grinsen.

»Ich würde rasch keine Aufträge mehr bekommen wenn ich anfange, neugierige Fragen zu beantworten.«

Flaherty lachte.

»He, Willard, ich lade dich ein. Dein letzter Drink geht auf meine Kosten, Schnüffler!«

Clint hörte, wie er den Korken aus einer neuen Flasche zog. Er ließ sich nicht ablenken. Mit jeder Faser spürte er Randletts Gefährlichkeit.

»Du deckst einen Banditen, Randlett. Ich werde dich zusammen mit Flaherty in eine Zelle stecken, bis ich den Namen weiß.«

Der Revolvermann duckte sich, als Clint auf ihn zuging.

»Du bist närrisch, Blechstern!«

»Überleg dir gut, was du tust, Randlett. Wenn du mich tötest, werden auch die tausend Dollar nichts dran ändern, dass dein Steckbrief bald in jedem Sheriff’s Office hängt.«

Ein Flackern erschien in Randletts Augen.

»Bleib stehen, du verdammter Narr!«

Clints Stiefel pochten.

»Im Namen des Gesetzes«, begann er.

Da zog Randlett. Kein Auge konnte der blitzschnellen Bewegung folgen. Randlett knickte leicht ein, und im selben Moment hielt er auch schon den feuerspuckenden 45er.

Der Versuch, ihm zuvorzukommen, hätte den Sheriff zweifellos das Leben gekostet.

Er warf sich zu Boden, spürte noch den Luftzug der vorbeipeitschenden Kugel und stieß den Sechsschüsser hoch. Die Detonation mischte sich in das Grollen von Randletts Schuss.

Der Revolvermann prallte gegen den Treppenpfosten. Verblüffung malte sich auf seinem Gesicht. Er wollte nochmals den Colt heben, da gaben die Beine nach. Leblos rollte er unter einen Tisch.

Clint fuhr herum. Flaherty hielt zwar noch die buntetikettierte Flasche. Aber seine Rechte ruhte nicht mehr im Dreiecktuch, sondern umklammerte den Revolver. Die Mündung stieß in Clints Richtung.

Trotzdem zielte der Sheriff. Alles hing davon ab, dass er Nachitas Mörder lebend bekam.

Da krachte es beim Eingang. Der Einschlag riss Flaherty halb herum. Die Brandyflasche zerschellte. Mit einem hässlichen Loch in der Stirn stürzte der Bandit in die Scherben. Niemand rührte sich. Nur ein Keuchen kam aus der Ecke.

Clint stand auf.

Ron Ketlows sehnige Gestalt schälte sich aus dem ins Freie wogenden Pulverrauch. Einen Moment zielte Ketlows Waffe wie zufällig auf Clint, dann sank sie herab.

»Alissa wird sich freuen, wenn sie erfährt, dass ich Ihnen das Leben rettete, Willard. Eine Einladung zu ’nem Drink nehm ich gern an.«

 

*

 

Das Feuer bohrte einen roten Lichtfleck in die Dunkelheit. Ein Nachtvogel strich über die bizarren Mauerreste der ehemaligen spanischen Mission. Weit entfernt heulte ein Kojote.

Ron Ketlow packte das neben ihm hegende Gewehr, lauschte und verschwand dann mit einem Satz in der Schwärze, die das versteckte Camp umgab. Huf schlag näherte sich, Metallzeug klirrte.

Gleich darauf tauchen Gil Thompson und Raf Malone zwischen den Ruinen auf. Auch sie hielten Gewehre. Malone saß auf einem Apachenmustang. Eine Staub und Schweißkruste bedeckte ihre unrasierten Gesichter. Misstrauisch schauten sie sich um.

»Keine Mätzchen, Ketlow! Wir wissen, dass du hier bist.«

»Ich dachte schon, ihr kommt nicht mehr.« Der Storekeeper kam ans Feuer zurück. Er trug einen schwarzen Umhang und einen flachkronigen schwarzen Hut. Er hielt die Winchester am Lauf, den Kolben auf der rechten Schulter. »Seit der verdammte Sternträger Flaherty erschoss, bin ich auf alles gefasst.«

»Red kein Blech, Mann!« Malone spuckte ins Feuer. »Wir sind doch nicht blöd. Wir wissen, dass du Ben umgelegt hast.«

»Na schön, dann wisst ihr’s eben. Hätte ich vielleicht warten sollen, bis dieser Verrückte mich an den Galgen bringt, um die eigene Haut zu retten? Wieso, zum Teufel, habt ihr nicht verhindert, dass er nach Santa Cruz kam?«

»Ben wollte zum Knochenflicker. Seine Kanone, die er uns unter die Nase hielt, war ein überzeugendes Argument. Reg dich ab, Ketlow. Wir sind nicht hergekommen, weil wir dir wegen Ben ans Leder wollen.«

»Sondern?«

»Wir möchten, dass du uns auszahlst. Wir haben die Schnauze voll, verstehst du? Gegen diesen Höllenhund Willard, der in nicht mal sechs Monaten erreichte, dass kein Hartgesottener sich mehr nach Santa Cruz wagt, ist ja doch kein Kraut gewachsen.«

»He, ihr wollt abhauen?«

»Nenn es, wie du willst, aber zahl uns aus. Du findest sicher ein paar andere Dumme, die deinen Fusel in die Reservation schmuggeln – solange sie nichts von Willard wissen.«

Ketlow musterte sie mit zusammengekniffenen Augen.

»Ich versteh ja, dass euch Randletts Tod in die Knochen fuhr. Trotzdem seid ihr zu voreilig, Amigos. Es gibt wirksamere Geschütze gegen den Sternträger als Randlett.«

»Zum Beispiel?«

»Domingo Lopez.«

Thompson lachte krächzend.

»Vor fünf Tagen haben sie ihn drüben in Nogales zum Tod verurteilt, nachdem ausgerechnet dein spezieller Freund Willard ihn knapp vor der Grenze erwischte.«

»Ich weiß. Deswegen kocht Lopez ja vor Wut auf unseren tüchtigen Sheriff. Er schwor blutige Rache. Und Domingo Lopez ist genau der Bursche, der einen solchen Schwur auch hält. Ich schätze ihn als den derzeit gefährlichsten Bandenführer von Sonora und Chihahua ein. Sein Pech, dass Willard ihn allein erwischte, noch dazu im Schlaf. Jenseits der Grenze, in dem von ihm kontrollierten Gebiet, wäre Lopez das nicht passiert. Da drüben braucht er nur mit dem Finger zu schnippen, und schon sausen ein paar Dutzend verwegene Hombres für ihn die Sattel.«

»Kalter Kaffee«, knurrte Thompson. »Bis wir seine Leute davon verständigen, dass er im Jail des Marshals von Nogales hockt, baumelt er doch längst.«

»Dann holen wir ihn eben heraus.«

Die beiden hageren Kerle starrten den Storebesitzer an, als zweifelten sie an seinem Verstand. Ketlow lächelte starr.

»Ich weiß auch schon, wie. Wenn euch die Sache zu heiß ist, sagt es und verschwindet. Aber lasst euch dann auch nicht mehr sehen, wenn ihr erfahrt, dass Willard auf dem Boothill hegt und ich Santa Cruz regiere.«

Malone schluckte.

»Hombre, du gehst aber ran!«

»Das Geschäft mit den Rothäuten ist nichts im Vergleich zu den Bucks, die wir kassieren, wenn ich als Montegos Schwiegersohn die Hazienda del Sol übernehme.«

Thompson pfiff durch die Zähne.

»Daher weht der Wind!«

»Ja, zum Teufel! Ich lass mir weder von Willard den Whiskyhandel verderben, noch die Frau wegschnappen, hinter der ich seit zwei Jahren her bin. Niemand kann uns was am Zeug flicken, wenn Lopez und seine Bandoleros ihn über den Jordan schicken. Also, seid ihr dabei?«

Die Reiter wechselten einen Blick. »Alles eine Frage der Bezahlung«, grinste Malone.

»Fünfhundert für jeden.«

Malone schnalzte mit der Zunge. »Gemacht.«

 

*

 

Der Town Marshal von Nogales ließ den Colt sinken, als er Ketlow erkannte. Ein Blechschild schirmte das Licht der auf dem Schreibtisch stehenden Petroleumlampe von ihm ab, während der späte Besucher geblendet eine Hand vor die Augen hielt.

Die Läden waren von innen verriegelt. Eine Winchester lehnte neben dem bulligen, haarigen Sternträger. Die dampfende Kaffeekanne auf dem Tisch verriet, dass er darauf eingerichtet war, die ganze Nacht wach zu bleiben. Er nahm das Schild weg und drehte den Lampendocht niedriger.

»Sperren Sie die Tür zu, Ketlow, bevor Sie mir erzählen, weshalb Sie um Mitternacht noch bei mir aufkreuzen.«

Ketlow drehte den Schlüssel um und klopfte mit dem Hut den Staub vom schwarzen Umhang. Missbilligend legte der Marshal sein Bulldoggengesicht in noch mehr Falten. Der Ankömmling grinste entschuldigend.

»Man hat Sie anscheinend schon gewarnt, Higgins«, begann er, als der Marshal ihm einen Stuhl anbot. »Als ich Ihre Kanone sah, dachte ich, es wäre aus mit mir.«

»Wenn Sie nicht zu den Männern von Willards Aufgebot gehörten, die neulich Lopez bei mir ablieferten, säßen Sie jetzt auch nicht hier. Nächstes Mal klopfen Sie gefälligst. Übrigens, was heißt das: schon gewarnt?«

Higgins sank schnaufend wieder in den Sessel und goss sich eine Tasse Kaffee ein.

Ketlow streckte die Beine aus.

»Weshalb, glauben Sie, bin ich wie der Teufel geritten? Willard schickt mich. Er bekam Verdruss mit einigen aus Lopez’ Bande. Weiß der Satan, wie die Halunken so schnell von der Verhaftung ihres Anführers erfuhren. Jedenfalls steht für unseren Sheriff fest, dass sie versuchen werden, Lopez herauszuhauen.«

»Dazu bleibt ihnen nicht mehr viel Zeit.« Der bullige Sternträger klappte den Sprungdeckel seiner Taschenuhr auf. »Genau sechs Stunden. Bei Sonnenaufgang ist Lopez dran.«

»Unterschätzen Sie seine Leute nicht. Das sind Burschen, die für ihren Jefe durchs Feuer gehen.«

Higgins schlürfte den Kaffee.

»Sollen sie. Wir haben genug Blei, ’ne halbe Armee zum Teufel zu schicken.«

»Wir?« Ketlow zog die Brauen hoch.

»Ich hab draußen keinen Wachtposten gesehen.«

»Aber er Sie.« Der Marshal grinste grimmig. »Wesley hockt mit ’ner Knarre auf dem Hausdach gegenüber. Ich sagte ja: Wenn Sie nicht mit Willards Aufgebot geritten wären, säßen Sie nicht hier. Außerdem …« Higgins’ massiges Kinn wies auf die Bohlentür zum Jail. »Ohne Klopfzeichen kommt da keiner rein. Meine beiden Deputies haben sich mit Lopez eingeschlossen. Wenn die Greaser hier ein Massaker veranstalten, geht auch Lopez drauf.«

»Ich bin trotzdem dafür, dass … was war das?«

Ketlow spannte sich. Ein dumpfer Schrei wehte von der anderen Straßenseite. Es hörte sich an, als würde dem Rufer der Mund zugehalten. Higgins sprang so heftig auf, dass sein Sessel umkippte. Mit der Winchester lief er zur Tür.

»Wesley!«, keuchte er und lauschte.

Ketlow trat zu ihm.

»Soll ich Ihren Deputies Bescheid sagen? Welches Klopfzeichen haben Sie …«

»Still, da kommt jemand!«

Der Town Marshal richtete das Gewehr auf die verschlossene Tür. Er drehte dem Storebesitzer aus Santa Cruz den Rücken zu. Ketlow hielt plötzlich einen schmalen, zweischneidigen Mexikanerdolch. Blitzschnell legte er von hinten einen Arm um Higgins’ Kehle und stach zu.

 

*

 

Das Gewehr polterte auf die Bretter. Ketlow hielt den Marshal fest, bis sein Körper erschlaffte. Dann zerrte er ihn zur Wand, an der Domingo Lopez’ Steckbrief klebte.

Zweitausend Dollar Belohnung waren für die Ergreifung des berüchtigten mexikanischen Bandenführers ausgesetzt. Vor nicht ganz einem Jahr hatte er mit seiner wilden Horde das Wells-Fargo-Depot in Nogales ausgeraubt. Zwei Angestellte der Frachtfirma waren dabei von Lopez über den Haufen geschossen worden. Zeugen hatten den Bandolero-Jefe einwandfrei identifiziert.

Nun hörte auch Ketlow die schleichenden Schritte. Ein Lauern spannte seine Miene. Er band eine schwarze, mit Augenschlitzen versehene Tuchmaske vor das Gesicht, ehe er die Tür aufschloss.

Thompson und Malone huschten hinein, jeder mit einem Revolver bewaffnet,

»Es war nur einer«, berichtete Malone. »Er beobachtete das Office vom gegenüberliegenden Dach.« Der Bandit warf einen Blick auf Higgins. »Niemand sonst?«

»Zwei Deputies. Sie haben sich mit Lopez eingeschlossen und öffnen nur auf ein bestimmtes Klopfzeichen. Leider konnte Higgins es mir nicht mehr verraten.«

»Verdammt!«

»Es wäre gelacht, wenn wir Lopez nicht trotzdem aus dem Bau holten.«

Ketlow bückte sich nach Higgins’ Gewehr, ging zur Gefängnistür, klopfte dreimal, wartete und wiederholte das Klopfsignal. Es war nicht mehr als ein Versuch. Als er das Knirschen des Riegels hörte, stellte er sich rasch neben die Tür. Sie schwang auf.

»Marshal, was …« Der junge, kräftige Mann mit dem Abzeichen am Hemd starrte Malone und Thompson verblüfft an. Ketlow sprang auf die Schwelle und schlug ihn mit dem Gewehr nieder.

»Knarre weg!«, schrie er dem zweiten Deputy zu, der völlig verdattert mitten in der Zelle stand. Das Licht aus dem Office flutete in den kahlen Raum, dessen Einrichtung aus vier an den Wänden befestigten Holzpritschen, einem wurmstichigen Tisch und dem Latrinenkübel bestand.

Thompson und Malone tauchten hinter dem Maskierten auf. Da ließ der Deputy kreidebleich den Karabiner fallen.

»Um Himmels willen, schieß nicht!«

Ketlow trat zu ihm. Der zuckende Winchesterlauf streckte den Gehilfen des Marshals nieder.

Lopez klatschte. Die Stahlkette zwischen seinen Handgelenken schepperte.

»Bravo, Amigos!«

Lopez hockte auf der Pritsche unter dem vergitterten Fenster, ein Bär von Mann, barfuß, nur mit zerschlissenem Hemd und Hose bekleidet. Ein schwarzer Vollbart umrahmte das wilde Gesicht. Der massige Schädel war ratzekahl. Lopez’ Zähne schimmerten wie ein Raubtiergebiss.

»Willkommen im Jail von Nogales, Muchachos. Wo sind meine Companeros?«

»Daheim in Mexiko, nehm ich an.« Die schwarze Tuchmaske dämpfte Ketlows Stimme. »Dein Pferd steht hinter dem Office. Wenn du dich beeilst, Lopez, bist du morgen bei deinen Leuten. Pass auf, es wird ein bisschen laut, wenn ich die Kette zwischen deinen Armbändern zerschieße.«

Lopez kniete sich auf den Zellenboden und spannte die Stahlfessel. Drei Schüsse zerschmetterten sie. Das Krachen schallte durch die halbe Stadt.

Details

Seiten
120
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783738923544
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2018 (Oktober)
Schlagworte
pulverrauch santa cruz

Autor

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Titel: Pulverrauch in Santa Cruz