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G.S. Friebel Auswahlband 5 Romane einer großen Autorin – Oktober 2018

2018 600 Seiten

Leseprobe

G.S. Friebel Auswahlband 5 Romane einer großen Autorin – Oktober 2018

G. S. Friebel

Published by Cassiopeiapress Extra Edition, 2018.

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G.S. Friebel Auswahlband 5 Romane einer großen Autorin – Oktober 2018

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Dieses Buch enthält folgende Romane:

G.S.Friebel: Lilly erobert ein einsames Herz

G.S.Friebel: Ein Job für Anita

G.S.Friebel: Josse, Liebling und Schrecken der Nonnen

G.S.Friebel: Vater auf Probe

G.S.Friebel: Der Vater befahl die Heirat

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PETER HAT SICH VIEL zu lange in seiner Arbeit vergraben. Er hat kaum auf andere Menschen geachtet, seit seine Frau gestorben ist. Doch eines Tages findet er im Vorzimmer zu seinem Büro ein lustig plapperndes Mädchen und seine Sekretärin erzählt ihm verlegen, dass sie das Kind für die nächsten zwei Tage mitbringen müsse, weil sie es anders nicht unterbringen könne. Peter ist begeistert von dem Kind und nimmt sogar die Einladung zur Geburtstagsfeier von ihr an. Bei Kuchen und Kakao lernt er dann auch seine Sekretärin besser kennen.

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Copyright

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Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

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Lilly erobert ein einsames Herz

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von G. S. Friebel

Der Umfang dieses Buchs entspricht 119 Taschenbuchseiten.

Peter hat sich viel zu lange in seiner Arbeit vergraben. Er hat kaum auf andere Menschen geachtet, seit seine Frau gestorben ist. Doch eines Tages findet er im Vorzimmer zu seinem Büro ein lustig plapperndes Mädchen und seine Sekretärin erzählt ihm verlegen, dass sie das Kind für die nächsten zwei Tage mitbringen müsse, weil sie es anders nicht unterbringen könne. Peter ist begeistert von dem Kind und nimmt sogar die Einladung zur Geburtstagsfeier von ihr an. Bei Kuchen und Kakao lernt er dann auch seine Sekretärin besser kennen.

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Copyright

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Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

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© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

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1

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Lilly hatte eine Klassefigur, wie man so schön im Volksmund sagt. Sie war einfach tadellos, und auch die schlimmsten Klatschbasen konnten an ihr nichts aussetzen. Dazu hatte sie blondes Haar, blaue Augen, eine Stupsnase und einen süßen kleinen Mund, der immer zum Lachen aufgelegt war. Sie trug mit Leidenschaft die kürzesten Minis, und wenn sie durch die Straßen ging, blieben die Leute stehen und sahen ihr bewundernd nach. Lilly genoss das, und die Funken in ihren Augen tanzten vor Freude.

Doch niemand ist ganz makellos; irgendwo gibt es immer etwas, das störend wirkt. So war es auch bei Lilly. Ihr blondes Haar war nie ordentlich, stets zerzaust; denn so fühlte sie sich am wohlsten. Und dann ihre Hände! Es war einfach eine Schande!

Eben noch blitzsauber und im nächsten Augenblick . . .

Aber Lilly fand, so ganz ordentlich brauche man nicht zu sein. Ein bisschen Unordnung, das war schick! Lilly störte es überhaupt nicht, wenn man an ihren Schwächen Anstoß nahm, sie war mit sich selbst ganz zufrieden. Schließlich war Lilly auch erst fünf Jahre alt.

In diesem Augenblick saß sie auf einem großen Bürodrehstuhl, ließ die Beine baumeln, in der nicht ganz sauberen Hand einen dicken roten Bleistift, und versuchte mit Hingabe, ein Kunstwerk fertigzustellen. Das war so anstrengend, dass sie hin und wieder mit der kleinen Zunge die Lippen befeuchten musste.

Zuerst einmal wurde ein birnenförmiger Kopf gemalt, dazu ein dicker Bauch und darunter Elefantenbeine. Dafür wurden die Arme eben spindeldürr gezeichnet. Lilly nahm das nicht so genau. Das Wesen bekam grüne Haare, einen lila Mund, eine blaue Nase und karierte Augen. Jetzt lehnte sich die kleine Person zurück und betrachtete das Bild eingehend. Sie fand es so lustig, dass sie laut zu lachen begann.

„Aber Lilly!“, mahnte eine Stimme, aus dem Hintergrund.

Die Blauaugen des kleinen Mädchens plinkerten, und das Lachen wurde ein wenig leiser. Aber man konnte es noch draußen auf den langen Gängen hören. Peter Jensen war verblüfft. Kam das etwa aus seinem Vorzimmer? Er hatte sich doch nicht verlaufen? Nein, was für dumme Gedanken, natürlich befand er sich in seiner Fabrik. Doch er hatte eine schlechte Nacht hinter sich, und seine Nerven spielten ihm mitunter einen bösen Streich. Man müsste mal Urlaub machen, sinnierte er, doch dann dachte er an seine vielen Verpflichtungen und verdrängte den begreiflichen Wunsch wieder.

Da hörte er abermals das helle Kinderstimmchen. Mit einem Ruck öffnete er die Vorzimmertür und blieb einigermaßen verwirrt auf der Schwelle stehen.

Lilly hatte ihn kommen gehört. Sie wandte sich lebhaft um und wackelte mit den langen seidigen Wimpern wie ein Schmetterling mit seinen Flügeln.

„Eh“, sagte Peter Jensen verdutzt und starrte die winzige Portion Frau vor sich mit großen Augen an.

Lilly rutschte von ihrem hohen Sitz, machte einen hübschen Knicks und piepste lautstark:

„Ich bin Lilly Sommer. Ich bleibe jetzt hier, das heißt, heute und morgen. Mein Kindergarten hat nämlich geschlossen. Alle Kinder haben nämlich Masern. Ich nicht! Meine Freundin Betti sieht lustig aus. Sie hat überall rote Punkte, auf’n Bauch und im Gesicht. Hast du auch schon mal überall Punkte gehabt?“

„Wie?“, sagte Peter Jensen nicht gerade sehr gescheit. „Warum sollte ich Punkte haben?“

„Die hat man doch, wenn man die Masern kriegt“, belehrte ihn Lilly altklug.

„Ach so“, murmelte der Mann noch immer verständnislos.

Die kleine Maid irritierte ihn. Nun hörte er seine Sekretärin sagen: „Aber, Lilly, ich habe dir doch gesagt, du sollst nicht so vorlaut sein. Das tut man nicht. Setz dich schon still auf deinen Platz und male weiter.“

„Guten Morgen, Frau Sommer“, beeilte sich Peter zu sagen.

Marge Sommer machte ein besorgtes Gesicht. „Ich hoffe, Herr Jensen, Sie sind mir nicht böse, dass ich Lilly, meine kleine Tochter, einfach mitgebracht habe, aber ich wusste mir beim besten Willen keinen anderen Rat. Der Kindergarten hat tatsächlich geschlossen, und ich kann das Kind nicht allein zu Hause lassen. Sie stört auch ganz bestimmt nicht. Sie ist ein braves Kind, nicht Lilly?“

„Natürlich“, brummte sie wie ein Bär.

Peter hatte gar nicht gewusst, dass seine Sekretärin eine Tochter hatte. Er wusste nur, dass sie seit zwei Jahren Witwe und außerdem sehr tüchtig und flink war. Eigentlich sah er sie immer nur wie einen grauen Schatten in seinem Zimmer hin und her huschen.

Er beeilte sich, zu versichern, dass er nichts gegen die Einquartierung habe. Besser das Kind hier, als ohne Sekretärin zu sein. Wenn Marge Sommer nicht da war, fühlte er sich immer hilflos.

„Aber selbstverständlich kann sie bleiben“, sagte er lächelnd und sah auf Lilly herab.

„Da, ich schenke es dir, weil du so nett bist“, sagte Lilly. „Das bist du!“, setzte sie noch großmütig hinzu.

Peter nahm das Blatt entgegen, sah auf die urkomische Gestalt und da er eine ganze Portion Humor besaß, fragte er belustigt: „Habe ich etwa grüne Haare und karierte Augen?“

„Warum nicht?“, zwitscherte die Kleine. „Ist doch viel hübscher. Die anderen Bilder sind so langweilig.“

„Da hast du auch wieder recht“, sagte der Mann sehr ernsthaft, dann ging er in sein Zimmer.

Aber mit seiner Arbeitslust war es heute nicht weit her. Obwohl seine Tür gepolstert war, hörte er doch immer wieder das helle Kinderstimmchen.

Merkwürdige Gedanken stiegen in ihm auf. Ich hätte auch so eine süße Tochter haben können, überlegte er. Wie man doch die Zeit vergaß. Da hatte man geheiratet, hatte einen halbwüchsigen

Sohn, dann war die Frau gestorben und die Oma ins Haus gezogen. Man war all die Jahre mit dem Aufbau der Fabrik beschäftigt gewesen und hatte darüber das Privatleben völlig vergessen. Seltsam, dass er ausgerechnet heute daran denken musste. Fühlte er sich alt und verbraucht? Mit Vierzig stand man doch in der Blüte seiner Jahre und hatte noch eine ganze Menge schöner Jahre vor sich. Aber war Arbeit wirklich das einzig Beglückende im Leben? Wenn er so zurückdachte, hatte er bis jetzt nur geschuftet und sich wenig Freude gegönnt. Sein Sohn machte sich ganz gut, alles ging seinen Lauf. Aber war das genug?

Wieder drang das helle Kinderlachen zu ihm herein.

Marge musste für einen Augenblick ihr Büro verlassen und schärfte ihrer Tochter ein, ja keine Dummheiten zu machen. Als sie kurze Zeit später zurückkam, war die Chefzimmertür geöffnet und Lilly stand, ein Bein um das andere gewickelt, die Söckchen verrutscht, vor Peters Schreibtisch. Sie konnte gerade mit ihrer kleinen Stupsnase darüber blicken.

Sie schien sich köstlich zu amüsieren. Auch Peter lachte in diesem Augenblick hell auf. Als Marge das Zimmer betrat, sahen beide betreten drein, so, als hätte sie zwei Sünder ertappt.

„Was habe ich dir gesagt, Lilly?“, fragte sie streng.

„Wieso?“, verteidigte sich die Kleine keck. „Herr Peter hat mich gerufen und wollte sich mit mir unterhalten, und du hast immer zu mir gesagt, ich soll freundlich und höflich zu großen Leuten sein!“

Marges Gesicht war vor Verlegenheit rosig angehaucht.

Peter räusperte sich. „Es stimmt wirklich. Bitte, schimpfen sie nicht mit dem Kind. Ich bin der Schuldige!“ Er stand auf und kam hinter dem Schreibtisch vor.

„Wie ist es, Lilly, fährst du mit? Ich muss in der Stadt etwas erledigen.“

„Prima. Mit dem Auto?“

„Mit dem Auto.“ Er lächelte auf sie herab.

„Aber sie wird Ihnen bestimmt lästig werden, Herr Jensen.“

„Ach wo, ist mal etwas anderes. Außerdem kann das Kind nicht den ganzen Tag still im Büro sitzen. Ich nehme sie gern mit.“

Und so zogen die beiden ab. Ein drolliges Gespann waren sie.

Marge sah ihnen mit gemischten Gefühlen nach.

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Die beiden blieben ziemlich lange fort, und Marge machte sich langsam Sorgen, aber dann hörte sie Lillys Stimme auf dem Flur und ging ihnen erleichtert entgegen.

„Sie haben doch nicht etwa auf uns gewartet, Frau Sommer?“

Die junge Frau lächelte kurz. So hatte sie ihren Chef noch nie gesehen. Richtig verjüngt sah er aus, und die Sorgenfalten auf seiner Stirn waren wie weggeblasen.

„War Lilly auch brav?“

„Sehr. Sie ist ein sehr liebes Mädchen, und wir haben viel Spaß miteinander gehabt. Übrigens haben wir beide schon zu Mittag gegessen.“

„Ja, ja“, sagte Lilly. „Mein Bauch ist zum Platzen voll.“

Marge nahm sie bei der Hand.

„Es ist zu liebenswürdig von Ihnen, Herr Jensen. Ich bin Ihnen wirklich sehr dankbar.“

„Ach, lassen Sie das doch. Wissen Sie, Lilly hat mir gezeigt, dass es auch noch etwas anderes gibt als die Arbeit. Ich bin ihr dankbar für die schönen Stunden. Sie ist wirklich unschlagbar. Wenn ich da an meinen Jungen denke! Mädchen sind doch viel niedlicher und kecker!“ Schmunzelnd ging er in sein Zimmer und schloss die Tür hinter sich.

„Herr Peter ist wirklich sehr nett“, sagte Lilly und hopste im Zimmer umher.

„Er heißt nicht Herr Peter, sondern Herr Jensen, Lilly“, sagte die Mutter belehrend. 

„Er hat gesagt, ich darf ihn so nennen. Du, Mutti, ich habe ihn zu meinem Geburtstag eingeladen.“ Als sie die erschrockenen Augen der Mutter sah, setzte sie schnell hinzu: „Durfte ich das denn nicht? Du hast mir doch gesagt, ich dürfe alle einladen, die ich will!“

Nun musste Marge doch lachen. „Du, damit habe ich deine Freunde und Freundinnen aus dem Kindergarten gemeint. Herr Jensen ist doch ein großer Mann.“

„Aber er hat mir gesagt, er würde ganz bestimmt kommen“, sagte Lilly ein wenig weinerlich. „Ich hab’ gesagt, es gibt massenhaft Kuchen und Kakao, und er hat mir gesagt, das mag er sehr gern!“ Nun heulte sie fast.

Marge wusste nicht, was sie darauf erwidern sollte. Jensen hatte das bestimmt nur so gesagt. Sicher würde er es in einer Viertelstunde schon wieder vergessen haben. Aber wie sie Lilly kannte, würde sie fest mit seinem Besuch rechnen. Sie verstand das Kind ja. Alle ihre Freunde hatten Eltern, Großeltern oder wenigstens eine Tante oder einen Onkel, der sie besuchen kam, aber sie beide waren völlig allein. Ihr Mann und sie hatten keine Geschwister gehabt, und die Eltern waren schon lange gestorben.

Das Kind lehnte sich an ihre Schulter und rieb den Blondkopf an ihrer Wange.

„Bist du mir böse, Mutti?“

„Nein, mein Häschen“, sagte Marge gerührt.

„Ich dachte, weil du so traurige Augen machst und gar nicht mit mir sprichst.“

„Ach, mein Kleines.“ Marge schloss das Kind in ihre Arme. „Die Mutti hat immer soviel zu tun. Wenn ich doch nur mehr Zeit für dich hätte!“

„Aber du musst doch Geld verdienen, sonst können wir nichts essen“, sagte das Kind ernsthaft.

Ja, so hatte sie dem Kind erklärt, warum es alle Tage in den Kindergarten gehen musste und sie zur Arbeit. Lilly war ein sehr verständiges kleines Mädchen, und Marge liebte sie abgöttisch. Die Kleine war der einzige Lichtblick in ihrem Leben. Wenn sie damals das Kind nicht gehabt hätte, damals, als man zu ihr kam, um ihr zu sagen, dass ihr Mann bei einem Unfall ums Leben gekommen sei... Nein, sie durfte nicht an die Vergangenheit denken, das machte sie nur traurig. Und sie wollte doch eine fröhliche Mutter für ihr Kind sein. Musste sie ihm doch jetzt beides sein: Vater und Mutter.

Lilly hatte sich schon wieder in ihre Ecke verkrochen und versuchte, aus einem Taschentuch eine Maus zu knüpfen. Die junge Frau ging an ihre Schreibmaschine zurück, und bald waren beide emsig bei der Arbeit.

Das Licht flutete voll in das Zimmer und ließ die Züge der jungen Mutter weich und zärtlich erscheinen. Wenn sie auch vieles verloren hatte, aber einen Schatz besaß sie, einen sehr kostbaren.

Peter Jensen kam noch einmal durch das Zimmer, und dann sahen sie ihn den ganzen Tag nicht mehr. Er musste zu einer Konferenz und hatte wichtigere Dinge zu erledigen, als sich um ein kleines fremdes Mädchen zu kümmern.

Lilly schloss mit jedem Freundschaft, der in das Zimmer der Mutter kam, um etwas zu holen oder zu bringen. Alle waren von dem niedlichen Mädchen bezaubert.

Dann war Büroschluss, und Lilly hüpfte wie ein Gummiball an Marges Seite und freute sich wie ein gefangenes Vögelchen auf ihre Freiheit.

Noch ein Tag, und die Kleine konnte wieder in den Kindergarten gehen und mit ihren Spielgefährten beisammen sein.

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Der Sonntag brach an. Hell und klar schien die Sonne vom wolkenlosen Himmel. Heute war Lillys großer Tag. Da die Mutter in der Woche arbeiten musste, wurden die Geburtstage immer Sonntags gefeiert. Das war sehr praktisch. Lilly war am frühen Morgen schon wie aufgezogen. Sieben kleine Mädchen und Jungen hatte sie zu diesem Schmaus eingeladen, und natürlich Herrn Peter. Marge wusste nicht, wie sie dem Kind erklären sollte, dass ihr Chef bestimmt nicht kommen würde. Das kleine Mädchen war felsenfest davon überzeugt. Resigniert hatte sie die Waffen gestreckt und wünschte nur, die Tochter möge über den vielen Spielgefährten seinen Besuch vergessen.

Gleich nach dem Frühstück wurde die Kindertafel im Kinderzimmer gedeckt. Marge besaß eine hübsche kleine Zweizimmerwohnung im Grünen. Jeder hatte darin sein Reich für sich. Lilly half fleißig mit und schleppte Tassen und Teller herbei. Lustig wurde es mit Girlanden geschmückt, und in der Mitte prangte der große Kuchenberg. Nun konnten die hungrigen Mäuler kommen.

Gleich nach dem Mittagessen ging die Türglocke ununterbrochen. Lilly freute sich über die vielen niedlichen Geschenke, die ihr die Freunde mitbrachten. Es herrschte ein unbeschreiblicher Tumult in dem Zimmer, und man konnte sein eigenes Wort nicht mehr verstehen. Marge bediente die kleinen Gäste und schleppte Riesenkannen Kakao heran.

Gegen halb vier ertönte abermals die Glocke. Sollte sich ein Kind verspätet haben? Sie ging zur Tür und öffnete. Oben am Geländer blieb sie stehen und sah ins Treppenhaus.

Peter Jensen kam, in der einen Hand einen Blumenstrauß und in der anderen ein umfangreiches Paket.

„Dass Sie wirklich gekommen sind!“, rief Marge erfreut.„Da wird sich Lilly aber freuen. Sie hat also doch recht behalten.“

Peter begrüßte seine Sekretärin und überreichte ihr die Blumen.

„Ich habe es ihr doch versprochen, meine Liebe.“

„Ja, ich weiß“, sagte sie etwas verwirrt. „Aber ich dachte, Sie hätten es nur so dahin gesagt, oder würden es vergessen.“

Peter Jensen stand im Flur und sah sie lächelnd an. „Ich weiß“, sagte er gut gelaunt. „Aber damit ich es nicht vergesse, habe ich es in meinem Terminkalender vermerkt. Und wenn man Kindern etwas verspricht, dann muss man es auch halten. Ich weiß aus eigener Erfahrung, wie demütigend es sein kann, wenn man vergebens hofft. Als kleiner Junge versprach mir ein Onkel, er werde am Sonntag kommen und mit mir segeln gehen. Ich habe den ganzen Sonntag auf ihn gewartet, und als er dann nicht kam, glaubte ich an ein Unglück. Bis man mir sagte, er habe gar nicht mehr daran gedacht. Es war nur eine Redewendung gewesen. Ich habe sehr unter dieser Demütigung gelitten, und es mir fürs Leben gemerkt. Und Sie dürfen nicht vergessen, ich habe selbst einen Sohn. Ich erwarte von ihm, dass er sein Wort hält, so wie ich das meine halte.“ 

Marge kannte ihren Chef gar nicht wieder. Im Werk war er ganz anders. Dort hatten sie nie über persönliche Dinge gesprochen. Immer war alles trocken und nüchtern zugegangen.

Lilly musste seine Stimme gehört haben. In diesem Augenblick kam sie aus dem Kinderzimmer gestürmt. Das Haar wie immer zerzaust, mit einem kakaoverschmierten Gesicht, die Söckchen hingen unordentlich um die Beinchen. Strahlend sprang sie auf den Gast zu.

Marge schämte sich für ihre Tochter.

„Fein, dass du gekommen bist, Herr Peter. Ein bisschen Kuchen haben wir noch und auch Kakao. Schau mal, ich habe ein neues Kleid bekommen und Schuhe, siehst du, und ein Rüschenhöschen. Wenn ich mich bücke, siehst du so“, sie setzte es gleich in die Tat um, „dann habe ich einen Hühnerpopo, hat Mutti gesagt. Wegen der vielen Spitzen, weißt du?“

Peter konnte sich das Lachen nicht verkneifen. Er hatte noch nie mit einer Dame Bekanntschaft gemacht, die ihm strahlend erzählte, sie habe ein neues Kleid und lustige Höschen an. Es sah einfach urkomisch aus, wie Lilly ihm das demonstrierte.

Marge musste mitlachen, und sie führte den Gast ins Kinderzimmer. Er prallte zurück, als er den Lärm vernahm. Lilly hatte schon das umfangreiche Paket in Empfang genommen und knubbelte den Faden auf. Ein Paar funkelnde Rollschuhe kamen zum Vorschein. Jubelnd wurden sie begrüßt. Und ehe sich der edle Spender versah, schlangen sich zwei weiche Ärmchen um seinen Hals,

und er wurde stürmisch abgeküsst. Wenn Lilly jemanden liebte, dann musste sie es auch zeigen.

Ihm wurde ganz seltsam zumute. Einen Augenblick dachte er an seinen Sohn. Er hatte ihn nie so stürmisch umarmt. Er war so still und sensibel, damals als kleiner Junge und jetzt erst recht. Mit lächelnden Augen löste er die Ärmchen, und Lilly hatte jetzt auch keine Zeit mehr für ihn, sie musste ihren Gästen ihren Schatz zeigen.

„Wollen Sie nicht ins Wohnzimmer eintreten? Dort ist es ruhiger, und ich mache uns eine Tasse Kaffee. Ich glaube, ich habe sie jetzt auch verdient. Oder möchten Sie Kakao?“, fragte Marge spitzbübisch.

Peter drohte ihr mit dem Finger und folgte ihr.

Das Zimmer war nicht groß, aber hübsch und gemütlich eingerichtet. An der Wand hing das Bild eines Mannes. Er betrachtete es. Das musste Lillys Vater sein. Seltsame Empfindungen zogen durch sein Herz. Er hatte ein hochherrschaftliches Haus und eine kostbare Einrichtung, Personal und die Mutter, die sich um alles kümmerte.

Aber zu Hause war es längst nicht so gemütlich wie hier. Dort war Stille, und niemand wagte ihn zu stören. Seine Nerven brauchten Ruhe, hörte er die Mutter immer wieder sagen. Doch hier ging es wie in einem Taubenschlag zu, und seltsam, er fühlte sich gar nicht gestört, im Gegenteil. Und wenn er an Lilly dachte, dann ging ihm das Herz auf. Warum hatte er nicht so eine süße kleine Tochter?

Marge deckte mit geschickter Hand den Kaffeetisch. Er saß im Sessel, sah ihr dabei zu und rauchte. Zum ersten Mal sah er sie nicht als seine Angestellte, sondern als das, was sie im Grunde genommen immer noch war: eine bezaubernde junge Frau, die es nicht leicht hatte im Leben, aber versuchte, das Beste daraus zu machen. Hier in der Wohnung trug sie ein farbenfrohes Sommerkleid, das braune Haar war schlicht gescheitelt und mit einem grünen Band zusammengehalten. Sie hatte ein sehr ausdrucksvolles Gesicht und schöne Augen. Marge,war schlank und anmutig in ihren Bewegungen Sie mussten wohl gleich groß sein. Sie hatte eine so seltene Art an sich. Er konnte es nicht in Worte fassen, aber man fühlte sich bei ihr geborgen. Älter als neunundzwanzig konnte sie bestimmt nicht sein. Jetzt, da sie mitten im Sonnenlicht stand, sah er die kleinen Fältchen um ihre Augen und ein paar Silberfäden in dem braunen Haar.

Eine Witwe mit einem Kind hatte es nie leicht. Nie klagte sie, sondern füllte gewissenhaft ihren Posten bei ihm aus. Ob sie wohl genug bei mir verdient, überlegte er. Nicht einmal das wusste er. Aber fragen? Sicher würde sie zu stolz sein, um ihm eine Antwort darauf zu geben.

Sie saßen sich gegenüber, tranken Kaffee und plauderten miteinander. Immer wieder schweifte sein Blick über ihre märchenhafte Gestalt. Warum hatte er nur in all den Jahren nicht entdeckt wie hübsch sie war?

Und wenn ich es entdeckt hätte?. grübelte er weiter. Nichts wäre geschehen. Auf einmal fühlte er sich vom Leben betrogen, aber er war gerecht genug, um zu erkennen, dass er selbst es ja nicht anders gewollt hatte. Er konnte sich noch gut daran erinnern, dass seine Mutter ihm immer wieder in den Ohren gelegen hatte, sich doch wieder eine Frau zu nehmen. Vielleicht wäre Thomas dann nicht so isoliert aufgewachsen. Warum hatte er nur nie an diese Möglichkeit gedacht, sich ein neues Glück ins Haus zu holen?

In diesen Minuten fühlte er, wie einsam er überhaupt war. Mit niemandem konnte er über seine Probleme und Sorgen sprechen. Immer fraß er alles in sich hinein. Man müsste eine Frau wie Marge besitzen, durchfuhr es ihn. Sie war freundlich und still, und doch würde Leben in sein Haus einkehren. Was würde sie sagen, wenn sie um seine Gedanken wüsste? Er ertappte sich dabei, dass er rot wurde.

Marge wunderte sich einen Augenblick, dass er so still war, aber sie wagte nicht ihn zu stören. Sicher hatte er Kopfschmerzen und bereute schon, gekommen zu sein. Nach einer Weile stand sie auf und sorgte dafür, dass die Kinder einigermaßen still wieder nach Hause gingen. Nun war Lilly wieder allein. Sie packte sich den Arm voll Spielsachen und kam ins Wohnzimmer zu den Erwachsenen. Sie setzte sich auf den Teppich mitten in den Sonnenfleck und spielte selbstvergessen.

Marge und das Kind waren eins. Sie hatte etwas Lebendiges, das sie lieben durfte, das sich an ihr Herz anschmiegte. Er durchlebte noch einmal den kurzen Augenblick, da diese Ärmchen um seinen Hals gelegen hatten und er ihr Herzchen hatte klopfen hören. Fast brüsk stand er plötzlich auf und verabschiedete sich.

„Ich habe Ihre Zeit schon viel zu lange in Anspruch genommen“, sagte er laut.

„Oh, du gehst schon?“, fragte Lilly enttäuscht.

„Soll ich denn bleiben?“, fragte Peter lächelnd.

„Warum nicht?“, meinte das Kind unbefangen.

„Aber, Lilly, Herr Jensen hat auch einen Sohn, und der möchte doch auch am Sonntag seinen Vater um sich haben!“

„Warum hast du deinen Jungen nicht mitgebracht? Das wäre doch lustig gewesen“, sagte Lilly mit ihrer hellen Stimme.

„Thomas?“ Peter musste bei diesem Gedanken lachen. „Nein, weißt du, Thomas ist schon sechzehn Jahre alt und fühlt sich sehr erwachsen. Ich glaube, er findet kleine Mädchen scheußlich.“

„Das sagen die blöden Jungen immer“, meinte Lilly lakonisch, „und dann kommen sie doch und wollen mit uns spielen, komisch, was?“

Die Erwachsenen mussten über den drolligen Ausspruch lachen.

„Kommst du bald wieder?“

Eine Sekunde zögerte er. Warum sollte er das Angebot nicht annehmen? Es war einmal eine hübsche Abwechslung.

„Wenn ich darf?“, fragte er weich und sah Marge forschend an.

Die junge Frau errötete leicht. „Aber natürlich, Sie können jederzeit kommen, Herr Jensen.“

„Ja, und ich freue mich auch. Jetzt habe ich auch endlich einen Onkel wie die anderen Kinder in der Straße. Du musst recht oft kommen, Herr Peter!“

Die kleinen schmalen Fingerchen lagen in seiner Hand. Er blickte in die Vergissmeinnicht-Augen und lächelte. Eines Tages, wenn sie groß war, würde sie sämtlichen jungen Männern den Kopf verdrehen. Er hatte schon jetzt Mitleid mit seinem Geschlecht. Hatte sie ihm denn nicht schon den Kopf verdreht?

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Der Alltag ging seinen gewohnten Gang. Lillys Kindergarten war wieder geöffnet, und sie war sehr glücklich darüber. Marge ging wie jeden Tag ins Büro und arbeitete still und gewissenhaft. Peter sah oft den leeren Stuhl am Fenster und erkundigte sich jetzt immer nach seiner kleinen Freundin.

Wenn Marge zum Diktat kam, dann geschah es oft, dass Peter sie versonnen ansah, sich plötzlich räusperte und sich dann auf seine Arbeit konzentrierte.

Eines Tages fragte er unvermittelt: „Würde Lilly sich freuen, wenn ich sie zu einer Autofahrt abholen würde?“ Marge war ein wenig verlegen. „Es ist sehr nett von Ihnen, noch immer an das Kind zu denken, aber wir möchten Ihnen keinesfalls zur Last fallen.“

„Das tun Sie ganz und gar nicht. Ich bin es doch, der den Vorschlag macht. Also abgemacht? Darf ich am Sonntag kommen?“

„Aber werden Sie sich mit dem Kind nicht langweilen? Außerdem kann sie einem ganz schön auf die Nerven gehen.“

„Ach, das glaube ich nicht, und außerdem sind Sie natürlich mit eingeladen!“, fügte er lächelnd hinzu.

Marge stand auf, nahm den Stenogrammblock und ging zur Tür. Plötzlich drehte sie sich um und sah ihn groß an. „Warum tun Sie das, Herr Jensen?“

Er konnte ihr keine Antwort darauf geben. Hatte er nicht ganz spontan gehandelt?

„Muss man immer einen Grund haben?“, fragte er zurück.

„Ich glaube, ich bin sehr dumm. Statt mich zu freuen, stelle ich dumme Fragen. Verzeihen Sie! Aber wissen Sie, ich bin es nicht mehr gewohnt, dass sich jemand um uns kümmert.“

„Sie haben keine guten Freunde oder Bekannten?“ ,

Sie schüttelte den Kopf. „Nein, als mein Mann noch lebte, da kamen oft seine Freunde, und wir hatten sehr viel Spaß. Doch später..“  Sie brach hilflos ab und floh aus dem Zimmer.

Er sah ihr nachdenklich nach und dachte sich seinen Teil. Marge fühlte, dass ihr Herz unruhig war, und konnte sich kaum auf ihre Arbeit konzentrieren. Seit Tagen hatte sie schon dieses unruhige Gefühl in sich. Was sollte das noch werden? Sah sie nicht Gespenster am helllichten Tage? Es war dumm. Sie kannte das Leben und machte sich keine Illusionen. Und für Träume hatte sie schon gar keine Zeit.

Viele junge Sekretärinnen träumten davon, die Frau des Chefs zu werden. Nein, sie war kein junges Mädchen mehr; sie hatte alles hinter sich. Liebe und Leid, Freude und Sorgen, das waren ihre ständigen Begleiter, und so würde es auch bleiben.

Sie lächelte bitter vor sich hin, und dann nahm die Arbeit sie wieder gefangen.

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Am Sonntag kam Peter tatsächlich mit seinem Wagen vorgefahren. Lilly war ganz aus dem Häuschen, und als er ihr noch eine große Türe Süßigkeiten überreichte, war sie selig.

„Warum hast du deinen Jungen nicht mitgebracht?“, fragte sie kauend.

„Du weißt doch, er mag keine Mädchen.“

„Aber du magst Mädchen, oder?“

Er lachte. „Ich glaube schon. Bestimmt solche wie dich!“

Sie zwinkerte ihm zu. Wie zwei Verschwörer, fand Marge und sah aus dem Fenster. Fühlte sie Eifersucht, weil er sich so gut mit ihrer Tochter verstand und sie nicht mehr allein in deren Herzen wohnte?

Die junge Frau fühlte sich von zwei Kinderärmchen umschlungen, und Lilly sagte: „Ich bin sehr froh, dass du auch mitfahren darfst. Herr Peter ist doch ein sehr netter Mann, nicht?“

Tränen traten ihr in die Augen, und sie wischte sie heimlich fort. Peter tat so, als sähe er es nicht. Sie fuhren aus der Stadt hinaus und in einen großen Wald hinein. Er stellte den Wagen ab, und sie durchstreiften die Wildnis. Lilly war immer ein Stück voraus. Marge und er unterhielten sich angeregt, und ehe er sich versah, sprach er auf einmal von seinen Problemen und Kümmernissen. Sie war eine gute Zuhörerin und konnte ihm oft einen guten Ratschlag geben.

Als sie einen Graben überspringen mussten, reichte er ihr seine Hand und sie klammerte sich daran fest. Er spürte die Wärme, und ein Beben ging durch seinen Körper. Er sah ihr aufmerksam ins Gesicht. Noch immer hielten sie sich bei den Händen. Langsam, ein wenig schüchtern löste sie sich aus seinem Griff und ging voraus. Er sollte nicht sehen, wie rot sie geworden war.

„Ich glaube, wir benehmen uns wie zwei Kinder“, sagte er und eilte ihr nach.

„Heute ist wirklich ein schöner Sonntag, und ich freue mich für Lilly, dass sie sich mal so richtig austoben kann“, erwiderte sie ausweichend.

„Marge“, zum ersten Mal sprach er sie mit dem Vornamen an. „Ich meine, wir sollten mal vernünftig miteinander reden, glauben Sie nicht auch?“

Sie wandte den Kopf zur Seite.

„Ich weiß, Sie wollen es nicht“, meinte er zögernd. „Zwar kennen wir uns schon seit Jahren und doch auch wieder nicht. Erst das Kind hat mich wachgerüttelt. Man sollte nicht so gleichgültig nebeneinander leben, meinen Sie nicht auch? Man sollte den Menschen in dem Anderen sehen. Man sollte ihm eine Chance einräumen. Ich weiß nicht, vielleicht breche ich da in etwas ein, was Ihnen heilig ist, wo kein Raum für mich ist. Aber ich wollte Ihnen nur sagen, Ihnen hiermit zu verstehen geben, es ist mir, als wäre ich aus einem tiefen Winterschlaf aufgewacht. Die Welt ist plötzlich ganz anders geworden. Ich hab das Gefühl, sehr viel versäumt zu haben, und meine jetzt, man sollte die Zeit nützen. Man sollte versuchen, vielleicht noch einen Zipfel vom Glück zu erhaschen und festzuhalten.“

Marge war blass geworden. Sie zitterte leicht, obwohl es sehr heiß war. Spürte sie sie Werbung des Mannes? Wie sollte sie sich entscheiden?

„Wenn ich nur wüsste, Marge, wenn ich genau wüsste, dass ich Ihnen nicht unsympathisch bin, ich meine, ich will gern warten und Ihnen Zeit lassen, vielleicht, ich wage den Gedanken nicht zu Ende zu denken, aber vielleicht könnten Sie sich eines Tages dazu entschließen, Marge!“

Die Frau blieb stehen, sah ihn an und blickte in seine klugen Augen. Ein Lächeln verschönte ihr Gesicht. „Man mag ihn schon“, sagte sie leise. „Man ist nur so erschrocken, man will es nicht glauben. All die Jahre haben wir gleichgültig nebeneinander gelebt, und auf einmal ... Es ist zu neu; ich muss erst mit dem Gedanken warm werden. Ich bin es nicht mehr gewöhnt, umsorgt zu werden, jemanden zu haben, dem man vertrauen kann. Ich muss das alles erst wieder lernen. Aber ich glaube, ich ...“

Seine Augen leuchteten auf. Wieder fasste er nach ihrer Hand. Er hatte sie verstanden. Sie waren beide reife Menschen und hatten einiges durchgestanden. Da musste man erst wieder lernen, glücklich zu sein. Er wollte behutsam vorgehen.

Plötzlich war ihm ganz leicht ums Herz. Marge und er! Wenn er dann nach Hause kam, würde es sonnig sein, und er würde sich freuen, heimzukommen. Es würde nie mehr sein wie jetzt, da es ihm gleichgültig war. Sein Sohn, dieses stille merkwürdige Geschöpf, würde auch aufleben und vielleicht froh und heiter werden. Warum lachte er denn so selten? Weil er keine Nestwärme spürte, das war es.

„Marge, dann darf ich also hoffen? Ich werde also warten, aber es wird kein qualvolles Warten sein. Und eines Tages, ach, glauben Sie, dass auch wir noch einmal glücklich sein werden?“

Sie saßen nebeneinander auf einer Grasnarbe. Ameisen huschten über ihre Beine. Die Sonne schien warm, und Marge sah auf einmal aus wie ein ganz junges Mädchen.

„Warum nicht? Glück? Was ist es? Vertrauen? Ist das nicht schon eine sehr gute Grundlage? Liebe?“ Ihre Lippen zitterten leicht, als sie das Wort aussprach. „Ich habe einmal sehr geliebt. Es war wie ein Rausch, wie ein Sichversenken in den Anderen. Man war eins. Vielleicht kommt es wieder, füllt einen aus, und dann ist man bereit, ja, dann kommt das Glück!“

Lilly kam angehüpft, schmutziger denn je und mit einem Riss in ihrem Kleid. Sie hatte Kühe gesehen und ein dickes Pferd und wollte unbedingt reiten. Ihre Bäckchen waren hochrot. Peter streckte die Hand nach ihr aus, und sie flog auf ihn zu.

„Hast du Pferde, Herr Peter?“

„Nein, aber möchtest du eines?“

„O ja, ich glaube schon.“

„Wer weiß“, murmelte er lächelnd und strich über ihr zerzaustes Haar.

„Ich möchte dich mit meiner Mutter bekannt machen, Marge.“

Die junge Frau zögerte einen Augenblick mit der Antwort.

Peter fuhr fort: „Sie wundert sich schon die ganze Zeit, wo ich in meiner Freizeit immer hingehe. Ich glaube aber, sie ahnt schon so etwas.“

Nun lächelte sie und drückte das Kind an sich. Sie saßen im Wohnzimmer und tranken Kaffee. Wochen waren seit ihrem Ausflug in den Wald vergangen. Sie hatten gemeinsam Theater und Veranstaltungen besucht. Langsam waren sie sich nähergekommen und hatten dabei verblüfft festgestellt, dass sie viele gemeinsame Interessen hatten.

„Ja, wenn du meinst! Wann wird es ihr recht sein? Ich möchte sie nicht überrumpeln.“

Er blies zu Lillys Entzücken große Rauchkringel in die Luft. Vorsichtig streifte er die Asche ab, sah Marge lächelnd an und meinte: „Ich werde sie natürlich vorbereiten, hab’ keine Angst. Mutter ist schon alt und ein wenig komisch, aber sonst eine ganz patente Frau. Man muss sie nur halt so nehmen, wie sie ist, und ich kann sie nicht vor die Tür setzen, wenn wir mal heiraten, sie hat fast ihr ganzes Leben bei mir gelebt. Es wäre grausam.“

„Aber das will ich doch gar nicht, Peter. Natürlich wird sich für sie nichts ändern. Sie kann das gleiche Leben weiterführen wie bisher.“

„Du bist eine sehr selbständige Frau, meine Liebe, aber Mutter regiert gern. Willst du dir das gefallen lassen? Willst du nicht die Herrin im Haus sein?“

„Warum sollten wir über etwas debattieren, was noch gar nicht spruchreif ist? Ich bin der Ansicht, man sollte alles auf sich zukommen lassen, dann kann man darüber nachdenken. Du bist ein Mann und siehst das alles mit ganz anderen Augen, mein Lieber!“

Sie beschlossen, dass sie und Lilly am nächsten Sonntag Besuch machen sollten bei der alten Dame und Peters Sohn. Marge war voller Zuversicht und glaubte an eine neue Zukunft. Lilly hatte sie allmählich beigebracht, dass Peter Jensen bald ihr neuer Vater sein würde. Sie hatte nichts dagegen einzuwenden, sondern fand es sogar sehr lustig und prahlte mächtig damit im Kindergarten.

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6

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Der Sonntag kam heran, und sie machten sich beide hübsch. Marge kämmte Lilly das Haar und ermahnte sie, artig, nicht vorlaut und wirklich mal ein nettes kleines Mädchen zu sein.

„Warum?“, schmollte die Kleine. „Das ist doch schrecklich langweilig.“

„Bitte, tu mir den Gefallen, hörst du? Es ist eine alte Dame, und sie ist bestimmt nicht an Krach gewöhnt. Womöglich wird sie dann krank, und was dann?“

Lilly versprach alles, aber ob ihre Vorsätze lange anhalten würden, das wusste nur der liebe Gott.

Marge hatte gesagt, sie wolle allein kommen, Peter solle sie nicht abholen. So wanderten sie durch die Stadt. Am Rande, in einem weiten Grüngürtel, lag die wunderhübsche Villa, versteckt hinter Sträuchern und Bäumen. Riesige Rasenflächen und Blumenrabatten umgaben das Haus. Lilly war entzückt und wollte gleich einen Purzelbaum schlagen. Marge hielt sie noch im letzten Augenblick zurück.

Das Haus kam in Sicht. Für einen kurzen Augenblick blieb sie stehen. Hier also sollte sie in Zukunft wohnen. Peter hatte sie wohl kommen sehen; er trat aus dem Eingang heraus und lief

ihnen entgegen. Lilly schwenkte er durch die Luft, und anschließend küsste er Marge herzlich.

Frau Jensen, zart und zerbrechlich, aber mit gütigen Augen, stand im Salon und erwartete die Gäste.

„Mutter, das ist Marge Sommer. Ich habe dir schon von ihr erzählt.“

Die klugen Augen forschten in dem Gesicht der jungen Frau, und ein Lächeln glitt um ihren Mund.

„So hast du also meinen Rat endlich befolgt. Wie ich sehe, hast du eine gute Wahl getroffen. Willkommen, Frau Sommer!“

Marges Wangen färbten sich rosig. Es stand ihr bezaubernd.

„Wissen Sie, Frau Sommer, viele Leute glaubten all die Jahre, ich wäre ein Drachen und gönnte meinem Sohn keine zweite Frau, aber genau das Gegenteil war der Fall. Aber Männer können schrecklich dickfällig sein, nicht wahr?“

„O ja“, sagte Marge spitzbübisch und sah Peter von der Seite an.

Verblüfft starrte er die beiden Frauen an. Zum Teufel, sie verstanden sich ja prächtig und schienen sofort ein Komplott gegen ihn zu schmieden.

Lilly zupfte ihn am Hosenbein. „Du, gibt es bei euch keinen Kuchen?“

Frau Jensen blieb stehen und betrachtete das winzige Persönchen.

„Natürlich, mein Kind. Entschuldige bitte, dass wir dich übersehen haben. Du bist also die Lilly. Ich freue mich, dich kennenzulernen. Sicher werden wir noch gute Freunde, was?“

Lilly reckte ihr Stupsnäschen in die Höhe, sah die alte Dame prüfend an und meinte schließlich seufzend: „Na ja, und ich werde auch immer brav sein und nie Krach machen, damit Sie nicht umfallen tun und dann krank sind; das will ich nämlich nicht.“

„Was sagst du da, mein Kind?“, fragte die alte Dame verblüfft.

„Ich will immer artig sein“, brüllte Lilly, da sie glaubte, Frau Jensen sei ein wenig taub.

Die Erwachsenen zuckten zusammen.

„Aber, Lilly“, sagte Marge leise und wollte sie bei der Hand fassen, aber sie hatte sich schon hinter Peter verkrochen.

„Wieso, ich war doch gar nicht böse! Ich hab’ doch nur gesagt, dass ich immer artig sein will.“

„Warum denn, mein Kind? Sehe ich denn so streng aus?“

„Nein“, sagte Lilly lächelnd, und die Grübchen in ihren Wangen vertieften sich, „aber Mutti hat gesagt, vielleicht kannst du keinen Krach vertragen und fällst dann vor Schreck um.“

Nun musste die alte Dame herzlich lachen. „Ach, Kindchen, wenn’s weiter nichts ist. Ich hab’ früher vier Buben gehabt, und die haben mächtig viel Krach gemacht. Nein, du kannst ruhig lustig und fröhlich sein. Ich freue mich, wenn endlich mal Leben in dieses Haus kommt. Das war es ja, was ich in all den Jahren so vermisst habe. Leben, Kinder!“

Sie gingen weiter in den Salon. Marge wunderte sich einen Augenblick. Hatte sie denn nicht Peters Sohn aufgezogen? Wo war er überhaupt? Bis jetzt hatte sie ihn noch nicht zu Gesicht bekommen.

„Hast du Geburtstag gehabt?“, fragte Lilly die alte Frau.

„Wieso?“ Frau Jensen ließ sich auf einem Sofa nieder und forderte Marge auf, Platz zu nehmen.

„Na ja, weil du so schöne blanke neue Schuhe anhast. Sie sind noch kein bisschen zerkratzt. Ich habe nur immer so feine, wenn ich grad Geburtstag hatte!“

Wieder mussten die Erwachsenen herzlich lachen. Dieses Lachen drang durch die Wände und Türen bis in die weite Halle, und dort stand jemand und lauschte.

Der Vater hatte ihm von der neuen Frau erzählt, und dass sie auch ein kleines Mädchen mitbringen würde. Heute waren sie also gekommen. Thomas Jensen, sechzehn Jahre alt, hatte es nicht vergessen. Er stand in der Halle. Durch die bunten Glasfenster schien die Sonne auf den Marmorfußboden. Zögernd stand er am Fuß der breiten Treppe und wagte sich nicht weiter.

Er war in einem Alter, wo man mit sich selbst nie zufrieden ist, wo die Beine und Arme zu lang scheinen, man sich selbst schrecklich findet und gegen alles eine Abneigung hatte.

Aber ewig konnte er nicht hier stehenbleiben. Großmutter würde sonst noch das Mädchen nach ihm schicken, und das war dann schrecklich peinlich. Wieder hörte er das Lachen, nicht nur das des fremden Kindes, sondern auch die Großmutter und der Vater lachten herzlich mit. Das war er gar nicht gewohnt. Schritt für Schritt ging er auf die Tür zu und öffnete sie behutsam. Niemand bemerkte ihn. Alle sahen auf das winzige Persönchen, das in der Mitte stand und seine Lebensweisheiten zum Besten gab.

In diesem Augenblick hob Marge den Kopf und sah den Jungen an der Tür stehen. Ihr Lachen brach unvermittelt ab. Für ein paar Sekunden begegneten sich ihre Blicke.

Mein Gott, dachte Marge erschrocken, das ist Peters Sohn? Schlank, groß und sehr blass, beinahe fad sah er aus, mit seinem schmalen Gesicht und der dunklen Tolle. Er wirkte wie ein Musterschüler. So gar nichts Fröhliches oder Heiteres war an dem Jungen. Scheu, mit sich selbst im Unreinen, so beurteilte sie ihn. Mitleid wallte in ihrem Herzen auf.

Dann sah auch die Großmutter den Enkel. „Thomas, komm näher und begrüße unsere Gäste. Wir warten schon die ganze Zeit auf dich. Wo hast du nur gesteckt?“

Wie weit doch der Weg durch das Zimmer war. Und alle starrten ihn jetzt an. Er kam näher, blutrot, verbeugte sich tadellos vor Marge, sah Lilly kaum an und berührte ihre kleine Hand nur mit den Fingerspitzen. Es war, als wäre ein Frosthauch ins Zimmer gedrungen. Marge spürte es fast körperlich.

Ob der Junge immer so gewesen war? All die Jahre? Sie hatte ja nicht erwartet, dass er sie gleich mit offenen Armen aufnehmen würde Ganz gewiss nicht. Aber über sein seltsames Wesen war sie denn nun doch sehr erschrocken. Lilly musste wohl auch diese seltsame Atmosphäre spüren. Sie sah den fremden Jungen unverwandt an.

„Ich war oben auf meinem Zimmer“, sagte er spröde und blieb steif im Zimmer stehen.

Die Großmutter nahm ihn in Schutz. „Thomas ist ein kluger Junge. Er lernt den ganzen Tag und gönnt sich fast keine Ruhe, obwohl ich schon so oft geschimpft habe. Aber er macht sich nichts aus Vergnügungen und Spielen.

Aber nun kommt, nun wollen wir endlich Kaffee trinken, bevor er uns kalt wird!“

Ob Peter gar nicht merkt, wie seltsam sein Sohn ist?, dachte Marge verwundert. Er muss es doch sehen. Warum hat er es zugelassen, dass er so erzogen wurde? Das soll einmal sein Nachfolger werden?

Als sie ihm an der Kaffeetafel noch einmal kurz in die Augen sah, da spürte sie, dass diese voller Hass waren, und ein kalter Schauer rann ihr den Rücken hinunter.

Die Anderen schienen es nicht zu bemerken. Lilly tat das einzig Richtige. Sie ignorierte ihn und amüsierte sich auf ihre Art, und bald war sie wieder der Mittelpunkt der Gesellschaft. Die Großmutter lachte Tränen über das ulkige Kind.

„Möchtest du dir nicht den Park und Garten ansehen?“, schlug Marge nach einer Weile vor. „Später kannst du ja wieder zu uns zurückkommen.“

Sie glaubte, das Kind würde sich bald langweilen, da sie das lange Stillsitzen nicht gewohnt war.

„Komm“, sagte Peter und stand auf. „Ich werde dir alles zeigen. Du wirst dich wundern, was wir hier alles haben. Sogar Kaninchen, ganz weiße mit roten Augen!“

„Wirklich?“ Lillys Augen leuchteten auf.

Peter nahm das Kind, schwenkte es einmal durch die Luft und ging dann mit der sich kugelnden Lilly aus dem Zimmer.

Thomas saß auf seinem Stuhl und rührte sich nicht. Die ganze Zeit hatte er kein Wort gesprochen, wortlos den Kaffee und Kuchen genossen. Marge hatte das Gefühl, als wäre es ihm völlig gleichgültig, was er aß und trank. Steif wie ein Ladestock saß er da, mit seltsamen Augen und verstörtem Gesicht. Sie hatte Mitleid mit ihm. Ihr erster Impuls war, aufzustehen, zu ihm zu gehen und einmal über sein Haar zu streichen. Aber sie wusste, dass es grundfalsch gewesen wäre. Wenn sie das Herz dieses Jungen erobern wollte, musste sie sehr behutsam vorgehen.

Frau Jensen forderte sie wieder auf, sich mit ihr aufs Sofa zu setzen, dort konnte man sich ungestörter unterhalten und hatte gleichzeitig einen wunderschönen Ausblick in den Garten. Ganz hinten am Gatter stand Peter mit Lilly auf seinen Schultern. Wärme durchströmte ihr Herz. Sie war ihm dankbar, dass er ihre kleine Tochter liebte.

Was dröhnte und pochte da nur so im Haus? Dumpf und hohl klang es. Thomas hob lauschend den Kopf. Plötzlich wurde ihm bewusst, dass es sein eigenes Herz war. Hart ging sein Pulsschlag. Seine rechte Hand umkrampfte die Serviette. Ganz allein und verlassen saß er am Kaffeetisch. Alle hatten ihn verlassen. Er hörte die Stimme der Großmutter, und durch das Fenster sah er den Vater.

Alles in ihm krampfte sich zusammen. Fast körperlich fühlte er den Schmerz. Langsam füllten sich seine Augen mit Tränen. Nein, niemand sollte sehen, wie es um ihn stand.

Unendlich einsam, scheu und voller Sehnsucht nach Liebe, so hatte er sein bisheriges Leben zugebracht. Er hatte sich fast krankhaft nach dem Vater gesehnt, doch dieser hatte nie Zeit für ihn gehabt. Immer war er fort. Was blieb, war das Personal und die Großmutter, aber sie hatte soviel zu tun, dass sie sich nicht ausschließlich mit dem Jungen beschäftigen konnte. Er war immer so still gewesen all die Jahre, dass man ihn mitunter einfach vergaß. Thomas spürte das, und doch fühlte er sich beinahe glücklich dabei. Bei seinen Büchern oben in seinen Zimmer fand er Trost. Eines Tages würde er erwachsen sein und seinem Vater zur Seite stehen. Auf diese Zeit hatte er sich immer gefreut. Der Vater würde ihn loben und sehen, wie klug sein Junge war.

Nun war die Fremde gekommen. Sie störte seinen Frieden, nahm ihm den Platz fort. Sie war nun an die erste Stelle gerückt; nur sie sah der Vater noch, nicht den Sohn, der doch das meiste Anrecht auf seine Liebe hatte. Wie er sie hasste, sie und das Kind! Wie sie sich alle um sie scharten, sogar die Großmutter. Als wäre sie etwas Besonderes.

Er wollte aufschreien: Warum lasst ihr mich im Stich? Warum seht ihr mich nicht mehr an? Aber seine Lippen blieben geschlossen, und fahle Blässe überzog sein Gesicht.

Mit flatternden Lidern beobachtete er die Frau am Fenster. Die Sonne spielte mit ihrem Haar, und sie sah so lächerlich jung und hübsch aus. Für einen winzigen Augenblick wünschte er sich, sie möge aufstehen, zu ihm kommen, ihm gut sein! Er hatte ihre Augen gesehen, als sie den Vater und das Kind betrachtete. Frohe und gute Augen waren das. Nein, er durfte nicht weich werden; er wollte sie hassen.

Aber seltsam, er hasste den Vater mehr als diese Frau. Wie er sich mit diesem Kind abgab! Thomas hatte nie mit dem Vater gespielt, war immer einsam und allein gewesen. Lilly und er schienen schon recht gute Freunde zu sein.

Warum hatte der Vater nur soviel Freude an dem fremden Kind? Weil es ihr Kind war? Und nun würde sie mit in dieses Haus ziehen und immer da sein.

Da hörte er die Stimme der Großmutter.

„Thomas, mein Junge, willst du nicht auch ein wenig nach draußen gehen? Es ist doch so hübsch dort. Geh zu deinem Vater, leiste ihm Gesellschaft.“

Blutübergossen stand er auf, sah die fremden Augen auf sich gerichtet, und bevor er die Tür erreicht hatte, hörte der Junge die alte Frau sagen: „Immerzu muss man ihm sagen, er soll ’raus gehen, sich ein wenig vergnügen. Von allein kommt er nie auf die Idee. Ein scheues, seltsames Kind. Er muss viel von meiner Schwiegertochter geerbt haben. Ich hoffe, Sie werden ihn verstehen, Sie müssen Geduld mit ihm haben.“

Mehr hörte er nicht mehr, da hatte er schon die Tür hinter sich geschlossen. Mit brennenden Wangen durchquerte er die Halle. Was sollte er draußen? War es nicht besser, er verkroch sich wieder in seinem Zimmer? Was sollte er beim Vater? Sie hatten sich nichts zu sagen, standen sich steif gegenüber, so dass es immer peinlich wurde.

Thomas ging die Treppe hoch, blieb am Flurfenster stehen und sah in den Garten. Peter tollte mit dem kleinen Mädchen herum, und er hörte ihr Lachen.

Er wusste nicht, was Marge der Großmutter geantwortet hatte; er wollte es auch gar nicht wissen. Niemand sollte ihn bemitleiden. Er brauchte keinen Trost.

Da waren die beiden im Garten hinter der Hausecke verschwunden. Langsam schloss er das Fenster und ging auf sein Zimmer. Er verschloss hinter sich die Tür und warf sich auf das Sofa und sah mit starren Augen zur Decke.

Er hörte nicht, wie der Vater und auch die Großmutter nach ihm riefen; er wollte nie mehr ’runtergehen.

„Ich weiß nicht, was mit dem Jungen los ist“, sagte Peter langsam. „Sonst ist er doch nicht so störrisch!“

„Lass ihn doch“, bat Marge leise. „Er hat es nicht leicht. Wir müssen Nachsicht mit ihm haben, sonst wird es noch schlimmer.“

„Nachsicht?“ Er runzelte die Stirn. „Ich habe die ganzen Jahre viel zu sehr Nachsicht geübt“, sagte er langsam. „Er ist ein Waschlappen und kein Junge. Er hat einfach keinen Mumm in den Knochen. Es ist unerträglich mit ihm. Ich möchte wissen, warum er so ist. Niemand hat ihm je etwas Böses getan; er hatte alles, was er sich wünschte, und das ist nun der Dank!“

„Vielleicht fehlt ihm doch etwas“, sagte sie leise.

„Was denn?“

„Liebe.“

„Aber wir lieben ihn doch alle“, Peter verstand Marge nicht.

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7

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Die Hochzeit fand in kleinem Kreise statt. Die Großmutter war der Ansicht, man solle nicht noch länger warten. Sie wäre auch nicht mehr die Jüngste und wolle sich endlich einmal ausruhen. Marge verstand sie, und Peter hatte plötzlich ein schlechtes Gewissen. Er hatte seiner Mutter all die Jahre tatsächlich zu viel zugemutet, aber sie hatte sich nie beklagt, und so hatte er es einfach versäumt, sie zu fragen, ob sie überhaupt alles bewältigen konnte. Jetzt merkte er erst, dass er vieles falsch gemacht hatte.

Immer war er nur in der Fabrik gewesen und hatte sein Privatleben völlig vergessen. Es hatte ihm einfach eine Frau gefehlt.

Lilly war natürlich enttäuscht. Sie hatte sich das so schön gedacht, wollte Blümchen streuen und ein hübsches Kleid tragen. Sie hatte mal eine Hochzeit in der Kirche gesehen.

Aber trotzdem wurde es ein sehr schöner Tag. Nur die engsten Freunde von Peter waren eingeladen worden.

Lilly trug ein niedliches Kleid. Sie war sehr aufgeregt und flüsterte nur, als sie in der Kirche waren. Marge trug ein schlichtes weißes Kostüm und wirkte wie ein junges Mädchen. Die Sorgen waren wie weggewischt, und ihr Gesicht strahlte vor Glück und Heiterkeit.

Lilly stand neben Thomas und sah mit glänzenden Augen zu. Sie schob langsam ihre kleine Hand in die des Jungen. Dieser schien es gar nicht zu bemerken. Seine Gedanken waren weit fort. Es sah so aus, als klammerten sich die Kinder aneinander. Die Orgel spielte, und man verließ die Kirche.

„Du, Thomas, das war doch hübsch, nicht?“, fragte Lilly und hob ihr glühendes Gesichtchen zu ihm empor.

Für den Bruchteil einer Sekunde starrte er in die blauen Augen des Kindes. Dann spürte er ihre heiße feuchte Hand in der seinen. Wie eine heiße Kartoffel ließ er sie los und rückte ein Stück von ihr ab.

„Lass mich“, sagte er unwirsch.

Lilly hatte bis jetzt von den Menschen nur Liebe empfanden. Sie hatte es noch nicht gelernt, dass es auch einige gab, die sie nicht lieben wollten, die sie womöglich hassten. Warum Thomas auf einmal ihre Hand losließ, das verstand sie nicht. Scheu kam sie näher. In der dunklen Kirche zwischen den fremden Menschen fühlte sie sich einsam und verschüchtert. Dort drüben ging die Mutti mit Peter wie sie ihn jetzt nannte. Thomas kannte sie, und so hielt sie sich an den Jungen.

Seine dunklen Augen durchbohrten das Kind. „Lass mich“, sagte er noch einmal sehr leise, aber mit grollender Stimme.

Lilly spürte, er war anders, er war nicht freundlich zu ihr. Um ihre Lippen zuckte es. Langsam blieb sie zurück und fühlte ihr kleines Herz heftig schlagen. Die Leute gingen weiter; niemand kümmerte sich um das Mädchen. Plötzlich war ein großer Schatten über ihr und streckte ihr seine Hand entgegen.

„Aber Mäuschen, warum bleibst du denn zurück? Wir haben dich schon überall gesucht. Komm, wir warten auf dich!“

Schluchzend warf sie sich Peter an den Hals. Gerührt strich er der Kleinen über das Köpfchen.

„Du hast wohl Angst gehabt in der Kirche?“

Lilly schüttelte den Kopf. Sie wollte sagen, Thomas war nicht lieb zu mir, aber da brachte Peter sie schon hinaus in den hellen Sonnenschein, und da war die Mutter, und alles war wieder gut.

„Sie hat sich gefürchtet“, sagte Peter.

Marge nahm das Kind in ihre Arme. Da fühlte sie sich beobachtet, und als sie den Kopf wandte, bemerkte sie Thomas, der sie mit brennenden Augen anstarrte. Hass loderte aus diesem Blick. Mechanisch ließ sie das Kind zu Boden gleiten. Der Junge war ihr unheimlich. Warum hasste er sie? Fühlte er sich verraten, weil sie jetzt die Stelle seiner Mutter einnahm? Aber er war doch noch so klein gewesen, als sie gestorben war. Er konnte sich doch gar nicht mehr an sie erinnern.

Peter und Marge hatten ursprünglich keine Hochzeitsreise machen wollen, aber Frau Jensen hatte ihnen dazu geraten.

„Ihr fangt schon mit zwei Kindern an, da solltet ihr euch ruhig die paar sonnigen Wochen gönnen. Lilly bleibt bei mir, nicht wahr? Sie ist doch ein so liebes Mädchen, und wir werden uns prächtig verstehen. Fahrt nur; die kurze Zeit kann ich auch noch das Haus versorgen. Hab’ es ja all die Jahre tun müssen.“

„Ja, wenn du meinst“, sagte Marge zögernd.

Lilly hatte nichts dagegen, dass die Mutter mit Peter fortfuhr. Sie kam ja bald wieder, und außerdem hatte sie ihr versprochen, wenn sie recht brav sei, werde sie ihr etwas Hübsches mitbringen, und Peter hatte ihr heimlich ins Ohr geflüstert, sie solle sich schon mal einen Namen für ein niedliches Pony ausdenken.

Lilly stand am Gatter und ließ das Taschentuch flattern, aber dann war das Auto verschwunden, und sie schlenderte zum Haus zurück. Zwischendurch machte sie ein paar Purzelbäume auf dem grünen Rasen. Er war einfach zu verlockend. Dann trollte sie sich zu den Kaninchenställen und amüsierte sich mit dem Gärtner über diese possierlichen Tierchen.

„Kann ich sie nicht mal anfassen?“, fragte sie sehnsüchtig auf die Wolltierchen starrend.

„Lieber nicht“, meinte der gutmütige Mann.

„Warum nicht? Sieh mal, sie haben ein so niedliches Stummelschwänzchen und die süßen Ohren! Nur einmal, ich tu ihnen auch bestimmt nicht weh!“

„Das glaub’ ich dir ja gerne, Lilly, darum ist es auch nicht, aber diese niedlichen Tiere haben scharfe Zähne, und sie beißen zu, ehe du dich versiehst. Ritsch, und sie haben dich in den Finger gezwickt.“

Lilly nagte an der Unterlippe. „Schade, dass so niedliche Tiere nicht zum Spielen sind.“

Später half sie aber, Futter und Wasser heranzuschleppen. Überhaupt machte sie sich überall nützlich. Langeweile kannte sie nicht. Hin und wieder rannte sie mit erhitzten Bäckchen in den Salon, um die Oma, wie sie diese nannte, ein wenig zu unterhalten. „Womöglich langweilte sie sich.

Frau Jensen musste immer herzlich lachen. Das Kind war einfach bezaubernd, und was sie nicht alles wissen wollte.

„Du bist ein lebendiges Fragezeichen“, sagte sie eines Tages.

„Das hat die Schwester im Kindergarten auch gesagt“, kicherte Lilly und ließ die Beine vom Sofa baumeln.

„Ja, ja, sie wird wohl froh sein, dass du endlich fort bist, wie?“, neckte die alte Frau sie.

„Iwo, sie konnte mich immer gut gebrauchen“, sagte Lilly. „Nein, sie wird bestimmt sehr traurig sein. Aber jetzt bin ich ja hier und habe keine Zeit mehr für den Kindergarten. Außerdem komme ich bald in die Schule. Du, Oma glaubst du, dass Peter das süße Pony gleich von der Reise mitbringt?“

„Hat er dir das denn versprochen?“

Sie nickte eifrig.

Thomas ertappte sich bei dem Gedanken, wie er gerade die Kleine ermordete. Seine Hände führten unbewusst diesen Befehl aus. Er sah sie entsetzt an und rannte in sein Zimmer zurück. Eben, ja eben hatte er den heißen Wunsch in sich verspürt, seine Hände um den weißen Kinderhals zu legen und solange zuzudrücken, bis sie keinen Mucks mehr von sich gab.

Er schlug die Hände vor das Gesicht und stöhnte wild auf. Was war er doch für ein schlechter Junge! Wie konnte man so etwas überhaupt denken!

Das Herz lag ihm schwer wie ein Stein in der Brust. Seit das Kind für immer in ihr Haus gezogen war, fand er keine Ruhe mehr. Er konnte sich nicht mehr konzentrieren, nicht mehr an seine Schularbeiten denken. Immer hob er lauschend den Kopf. Überall hörte er diese hohe helle Stimme und ihr Lachen.

Oh, wie hasste er sie; er hasste sie abgrundtief, wie er noch nie gehasst hatte in seinem Leben. Sie nahm ihm alles. Was blieb ihm denn noch? Unwirsch wurde er von der Großmutter angefahren, wenn es um Lilly ging. Lilly, immer wieder Lilly, sogar die Großmutter, die er so heiß und innig liebte, hatte sich zu Lilly geschlagen, sah sie mit lachenden Augen an, ließ es zu, dass das Kind auf ihren Schoß krabbelte und sie abküsste. Nein, sie schimpfte auch nicht, wenn ihr Kleid dabei zerdrückt wurde, die Löckchen anschließend schief auf dem Kopf lagen.

Was sie doch für ein schreckliches Getue um das Kind machten. Der Gärtner, der Chauffeur, alle waren wie vernarrt. Nie hatte einer so mit ihm gespielt, gelacht und herumgetollt.

Heiß fielen die Tränen auf das Heft und hinterließen einen feuchten Fleck. Thomas war schrecklich einsam und hilflos. Er wusste nicht, wie er in dieser Welt zurechtkommen sollte.

Alles war zusammengebrochen. Seine ganze schöne Welt, die er sich mühselig aufbauen wollte, war verloren. Wie hatte er nach einem lieben Wort sich gesehnt. Er hatte gelernt, bis ihm schwarz vor Augen wurde, aber ein Lob aus dem Mund der Großmutter und des Vaters machten ihn schon glücklich. Wenn die Großmutter über sein Haar strich, der Vater das Wort an ihn richtete, da war er so glücklich gewesen. Nie war er ungezogen gewesen, nie ungestüm, immer darauf bedacht, der Großmutter keinen Kummer zu machen. All die Jahre hatte sie ihm gehört, ihm allein. Ihre Gedanken und Sorgen galten dem Enkelkind. Sie erkundigte sich nach der Schule, nach seinen Wünschen. Und jetzt? Wieder stöhnte er wild auf.

Seit zwei Wochen war das Kind hier, seit zwei Wochen sah sie nur noch Lilly. Was Lilly sich wünschte, wurde gekocht. Lilly konnte ins Zimmer stürmen, wenn die Großmutter ein Nickerchen machte, und er, Thomas ging dann auf Zehenspitzen umher. Nein, die Oma lachte nur über das Kind.

„Thomas, bitte rück den Stuhl für Lilly heran“, hieß es dann. „Würdest du wohl bitte in der Küche Bescheid sagen, Lilly möchte noch ein wenig Kakao!“ So ging es den ganzen Tag.

Und das kleine Mädchen selbst? Das Erlebnis in der Kirche lag weit zurück. Sie hatte es vergessen. Sie hatte ein gutes Herz und wollte alle mit ihrer Liebe glücklich machen. Auch Thomas. Oft kam sie die Treppe hinaufgetrippelt, Öffnete seine Tür und blieb an seinem Schreibpult stehen, ihre großen runden Augen unverwandt auf ihn gerichtet, die Puppe an ihr Herz gedrückt. Meistens sprach sie dann halblaut mit ihrem Puppenkind.

„Schau mal, Mia, wie fleißig der Thomas ist!“

Der Junge rührte sich nicht.

Dann vergaß sie sich wohl, lehnte an ihn und flüsterte.ihm zu: „Du, Thomas, glaubst du, ob ich das alles auch mal schaffe? Ich meine die ollen Zahlen und Buchstaben? Ich komm doch im Herbst zur Schule. Du kannst das fein, aber ich!“

Unwirsch wandte er sich zur Seite und sah sie an. Diese leuchtenden Augen, die so voller Zuversicht auf ihn gerichtet wurden. Nein, er las keinen Hass darin, nur Liebe und den Wunsch, dass man gut zu ihr sei.

Thomas schluckte und schob sie von sich. „Lass mich in Ruhe“, knurrte er sie an. „Hau ab aus meinem Zimmer. Das ist mein Zimmer.“

Lilly ging rückwärts zur Tür, Mia fest an sich gepresst. „Er muss lernen Mia, wir dürfen ihn nicht stören. Hörst du, du musst ganz leise sein.“

Dann fiel die Tür ins Schloss, und er war wieder allein. Klappernd fiel der Federhalter aus seiner Hand, und er starrte blicklos vor sich hin.

Nirgends fand er Ruhe. Überall war sie. Er schluckte. Wenn doch der Vater endlich wiederkäme! Aber gleichzeitig fiel ihm ein, dass er jetzt ja eine Frau hatte und ihn, seinen Sohn bestimmt darüber vergessen würde.

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Die Eltern waren zurück. Ein Trubel herrschte in der weiten Halle. Lachend umarmte Marge ihre kleine Tochter. Es war das erste Mal gewesen, dass sie getrennt waren, aber Lilly war gar nicht traurig.

„Na, mein kleiner Schnickschnack, wie war es denn? Warst du brav?“

„Immerzu, den ganzen Tag, nicht, Oma?“ Lilly lachte und sprang von einem Bein aufs andere.

„Ja, dann hast du also die hübschen Sachen verdient, die ich dir mitgebracht habe? Schau mal, was es ist!“

Ein kleines rotes Köfferchen voller Puppensachen für Mia. Das kleine Mädchen war völlig aus dem Häuschen. Glückselig kniete es mitten in einem Sonnenfleck und bewunderte die schönen Sachen.

„Das Pony kommt morgen“, sagte Peter an ihrer Seite.

Sie legte für einen kurzen Augenblick die Arme um seinen Hals und küsste ihn feucht. „Du bist der beste Peter, den ich kenne!“, sagte sie schelmisch.

„Aber du kennst ja nur einen“, meinte Marge, die mitgehört hatte.

„Und? Er ist aber der Beste.“

Alles lachte herzhaft.

Bei der Begrüßung war auch Thomas heruntergekommen, weil die Großmutter es gewünscht hatte. Stumm und hilflos stand er in der Halle, und das lustige Treiben der Anderen brandete wie eine Meereswoge um ihn herum. Er fühlte sich fehl am Platze, ausgestoßen, weggeworfen. Niemand schien sich um ihn zu kümmern. Kaum dass der Vater ihm die Hand gereicht hatte. Die neue Frau hatte sich gleich auf ihr kleines Mädchen gestürzt.

Was soll ich noch hier?, dachte er erbittert. Ich werde wieder gehen. Ich habe meine Pflicht getan. Großmutter kann also nicht böse werden. Schon wandte er sich zur Treppe und wollte sich heimlich fortschleichen. In diesem Augenblick gewahrte ihn Marge, und ihre Augen wurden dunkel.

„Thomas“, sagte sie leise, „bitte, hast du noch einen Augenblick Zeit für mich? Verzeih, dass ich dich noch nicht begrüßt habe. Ich hätte es bald vergessen.“

Der Junge wandte sich linkisch um, nahm ihre Hand und murmelte unverständlich: „Willkommen daheim. Ich freue mich, dass du wieder da bist!“

„Aber doch nicht so“, ermahnte ihn die alte Frau.

„Bitte schimpf nicht“, bat Marge. „Ich kann ihn verstehen. Ich bin für ihn noch eine Fremde. Aber komm, Thomas, ich habe dir auch etwas mitgebracht von der Reise. Ich hoffe nur dass ich die richtige Wahl getroffen habe. Weißt du, mit Jungen in deinem Alter kenne ich mich noch nicht so aus. Aber ich werde es lernen, wenn du mir dabei hilfst, willst du das?“

Seine Wangen waren puterrot geworden, und er wusste keine Antwort darauf. Er stand steif da und wartete auf das, was kommen würde.

Marge hatte in der Tat lange nachdenken müssen, was sie Peters Sohn mitbringen sollte. Peter selbst konnte ihr keinen Rat geben. Er wusste selbst nichts über seinen Sohn. Nicht mal, ob er ein Hobby hatte oder dergleichen.

„Schau hier. Aber wenn es dir nicht gefällt, können wir es wieder hinschicken; ich habe das mit dem Geschäft vereinbart!“

Mit diesen Worten überreichte sie dem Jungen eine Schreibtischgarnitur aus dunkelgrünem Leder. An den Ecken war jeweils sein Name in Goldbuchstaben eingraviert. Es war eine sehr schöne und wertvolle Ausstattung.

Lilly ließ ihre Sachen im Stich, kam näher und bewunderte sie. Ihr gefiel besonders der feine Duft, den das Leder ausströmte, und die Weichheit. Es war eine Schreibunterlage, ein Löscher, Federschale und Briefständer, alles aus demselben Leder. Selbst die Großmutter fand das Geschenk sehr passend.

Und Thomas?

Im ersten Augenblick hatte noch keiner einen Blick auf ihn geworfen. Nur Marge, und sie rührte sich nicht. Etwas Eiskaltes griff an ihr Herz und presste es für einen Augenblick zusammen.

Der Junge war schneeweiß geworden, zitterte an allen Gliedern, und seine Augen traten fast aus den Höhlen, so intensiv starrte er auf sein Geschenk. Und dann stieg da etwas in ihm hoch, heiß und wild, von unten her aus der Magengrube; er hatte das Gefühl, der ganze Raum drehte sich um seine Person. Alles verschwamm vor seinen Augen. Hatte er überhaupt noch Macht über seine Glieder?

Mit letzter Kraft hob er den Kopf und sah Marge an. Ein Hundeblick. Marge hielt diesem Blick stand. Sie wollte lächeln, aber das Lächeln gefror auf ihren Lippen, bevor es überhaupt zustande kam.

Und ehe es sich einer versah, sprang der Junge wie ein gehetztes Wild die Treppe hinauf.

Peter lief ihm nach und rief scharf: „Sofort kommst du herunter! Was sind das für Manieren? Kannst du dich denn nicht mal bei Marge bedanken? Das ist doch das Wenigste, oder? Wird’s bald!“

Marge legte eine Hand auf den Arm ihres Mannes. „Lass ihn gehen, Peter. Lass ihn.“

„Aber“, unwillig wandte er sich nach ihr um „die Höflichkeit gebietet es doch, Thomas!“

Der Junge stand auf dem oberen Treppenabsatz und regte sich nicht.

„Geh nur“, sagte Marge leise. „Wir sprechen uns später wieder, nicht wahr?“

Es war nur ein leichtes Nicken, dann war der Junge fort.

„Marge, ich verstehe dich nicht! Wie kannst du seine Unhöflichkeit noch in Schutz nehmen? Ich wünsche nicht, dass er dich so brüsk behandelt. Es ist mein Sohn, und ich werde ihn nachher zur Rede stellen. Was ist das denn für ein Benehmen?“

Sie strich ihm leise über die gefurchte Stirn. „Aber ich stoße mich doch gar nicht daran, lieber Peter. Wir müssen dem Jungen Zeit lassen, hörst du? Ich will nichts mit Gewalt erreichen. Später wird er einsehen, dass ich es nur gut mit ihm meine.“

Peter beruhigte sich langsam und versprach, seinen Sohn in Ruhe zu lassen. Die Großmutter hatte zu allem geschwiegen und die Schwiegertochter aufmerksam angesehen. Als sie nun in den Salon schritten, sagte sie langsam: „Es war das einzig Richtige, was du tun konntest! Ich weiß, Thomas ist nicht so, wie er sein müsste, wie es sich für einen Jungen in seinem Alter geziemt. Aber meine Schwiegertochter war ein schwerblütiger Typ. Er muss sehr viel von ihr geerbt haben. Er ist ein guter Junge; man muss ihn nur zu nehmen wissen!“

Marge dachte an den Blick, den er ihr zugeworfen hatte, und nickte nachdenklich. Eine schwere Aufgabe stand ihr bevor, das erkannte sie.

Thomas ließ sich an diesem Abend nicht mehr blicken. Er hatte sich wieder einmal eingeschlossen. Was hätten die da unten wohl gesagt, wenn sie ihn jetzt hätten sehen können? Ausgestreckt auf seinem Sofa und weinend, so hemmungslos weinend, wie nur ein hilfloses Kind weinen konnte. Dabei war er doch schon lange kein Kind mehr. Wie ein Ertrinkender sich an einen Strohhalm klammert, so umkrampfte er die Schreibtischgarnitur. Und wenn er sie anblickte, kamen erneut die Tränen.

Was hatte ihn nur so aus dem Gleichgewicht geworfen? Das Geschenk selber, oder weil sie an ihn gedacht hatte? Ach, es war sein sehnlichster Wunsch gewesen, so eine Garnitur zu besitzen; er wollte so sein wie sein Vater; auch er hatte eine in seinem Schreibzimmer. Aber Thomas war zu scheu gewesen, um diesen Wunsch jemals auszusprechen. Und nun kam diese Fremde und dachte an ihn, machte sie ihm zum Geschenk. Sie hatte nicht nur an ihn gedacht, sondern auch überlegt, wie sie ihm eine Freude machen könnte. Wieder rannen die Tränen über seine Wangen. Wenn es der Vater gewesen wäre, er hätte ihm voller Dankbarkeit die Hände geküsst, aber es war die neue Frau. Er war einfach nicht fähig gewesen, sich zu bedanken, da unten in der Halle. Dann wäre es um seine Fassung geschehen gewesen. Er hätte seinen Schmerz hinausgeschrien, und alle hätten es gehört.

Stunde um Stunde lag er so da und sah mit blinden Augen zur Decke. Endlich, als die Dämmerung hereinbrach, stand er auf, machte Licht und räumte seinen Schreibtisch ab. Er legte die neue Garnitur darauf und starrte sie an. Ganz vorsichtig strichen seine Hände darüber hin, und etwas löste sich in seinem Innern. Ein Lächeln spielte um seine Lippen.

Er wollte sich ja bedanken, wollte ihr gut sein, war ihr im Grunde genommen gar nicht böse! Aber es war ihm, als lebe er in einem Glaskasten; er konnte einfach nicht anders sein, konnte nicht zu den Anderen gelangen, so sehr er es sich auch wünschte. Sie war gut, das wusste er jetzt. Sie war es auch gewesen, die nicht darauf bestanden hatte, dass er sich sofort bedankte. Wenn er eine hasste, dann war es Lilly. Nicht die Frau. Wäre sie allein ohne das Kind gekommen, er hätte sie angebetet vom ersten Augenblick an.

Unwillkürlich spürte er, dass sie ihn verstehen, ihm helfen wollte. Warum war er all die Jahre nur so schrecklich einsam und allein gewesen? Niemand hatte sich um seine Gedanken und Gefühle gekümmert.

Zwei Tage später trat Marge wie zufällig in sein Zimmer. Seit sie verheiratet war, ging sie nicht mehr ins Büro. Peter hatte sich eine neue Sekretärin gesucht. Nur zu Hause war sie ihm eine Stütze und half ihm in seinen geschäftlichen Sachen, aber sie achtete sehr darauf, dass er sich nicht übernahm und sich Zeit zum Ausruhen gönnte. Peter betete seine junge Frau an; er liebte sie mit heißem Herzen; er vergötterte sie. Das Leben mit Marge ließ sich wundervoll an. Er konnte sich ihr anvertrauen und seine Sorgen bei ihr abladen.

„Oh, ich habe nicht gewusst, dass du hier bist, Thomas. Ich wollte dich nicht stören“, sagte sie, als sie den Jungen am Schreibtisch sitzen sah.

Sofort stand er auf und blieb linkisch neben dem Tisch stehen.

„Ich wollte mich nur ein wenig umsehen. Mach nur weiter. Ich will dich nicht bei deinen Schularbeiten stören.“ Noch immer schwieg er und sah sie flehend an. Als sie sich jetzt umwandte, um das Zimmer wieder zu verlassen, da druckste er hervor: „Ich möchte mich bedanken, ich habe es noch nicht getan, für das Geschenk. Ich freue mich!“ Marge kam wieder zurück und blieb neben ihm stehen. Mit den Fingerkuppen berührte sie die grüne Unterlage und sah ihn aufmerksam an.

„Weißt du, als ich sie kaufte, da musste ich an meinen früheren Mann denken. Er hat mir mal erzählt, wie stolz er war, als ihm sein Vater so etwas schenkte. Er hätte sich richtig erwachsen gefühlt, sagte er, und alle Jungen in der Klasse hätten ihn beneidet. Daran habe ich gedacht. Sie gefällt dir also auch? Das freut mich. Ich habe lange gesucht, weißt du.“

„Sie ist sehr schön“, brachte er mühsam hervor.

„Ich weiß, dass du dich freust, ich wusste es schon in der Halle. Dein Blick hat es mir verraten. Du brauchst dich nicht mit Worten zu bedanken. Ich weiß, wie schwer das ist. Nicht wahr, wir beide verstehen uns auch ohne Worte? Und wenn es etwas gibt, so komm zu mir.

Ich will dir gerne helfen, Thomas. Bestimmt werde ich auch zu dir kommen, wenn ich einen Rat brauche, dies hier ist doch alles so neu für mich!“

Und als sie seinen ungläubigen Blick auf sich gerichtet sah, sagte sie mit ihrer lieben Stimme: „Auch Erwachsene wissen nicht immer alles und brauchen mitunter einen Rat. Und weißt du, du musst versuchen, deinen Vater zu verstehen. dass er soviel arbeitet, das tut er doch nur für dich, damit du es später einmal gut hast. Alles wirst du einmal erben, nur darum tut er es, hörst du?“

Dieser Gedanke war ihm völlig neu. So hatte er es noch nie gesehen. Langsam nickte er, als verstünde er sie.

Marge strich ihm einmal kurz über das Haar, dann ging sie aus dem Zimmer. Thomas blieb ganz still stehen und sah auf die geschlossene Tür. Ein leiser Schauer rann über seinen Rücken.

Sie nahm ihm ja gar nicht den Vater fort! Was war er doch für ein Dummkopf, dass er das die ganze Zeit gedacht hatte! Wie konnte man nur so dumm sein!

Dann hörte er Lillys Lachen, und sein Gesicht verschloss sich wieder.

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9

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Es war das erste Mal, dass Thomas nicht wusste, was er für den morgigen Tag in Englisch auf hatte. In letzter Zeit musste er so viel denken und grübeln, dass er es einfach vergessen hatte. Nun stand er da und wusste nicht, was er machen sollte. Einen richtigen Freund besaß er nicht. Thomas wurde von der Klasse ausgelacht und gehänselt. Man nannte ihn einen Streber, Dummkopf und Drückeberger, wenn es darum ging, dem Lehrer einen Streich zu spielen. Thomas war zu willenlos und schwach, um sich behaupten zu können. Er war glücklich; wenn sie ihn in Frieden ließen. Früher hatten sie versucht, ihn zu verprügeln, aber über dieses Alter waren sie Gott sei Dank hinaus.

Ratlos hockte er vor seinem Schreibtisch und sah in den Garten. Dabei bemerkte er Lilly, die ihre ersten Reitversuche auf dem Pony unternahm. Es war ein sanftmütiges und freundliches Tier. Thomas hatte sich zu ihm hin geschlichen und es betrachtet, als niemand in der Nähe war. Er machte sich nichts aus Sport und Reiten. Lilly hingegen war hingerissen von ihrem neuen Spielgefährten.

Dann bemerkte er wieder das aufgeschlagene Heft und die leeren Seiten, die ihn anstarrten. Er dachte nach. Der Einzige, der es nicht so schlimm mit ihm getrieben hatte, war Willi Wetter, ein kleiner schmächtiger Junge armer Leute. Er war eine Leuchte und lernte leicht, war aber schrecklich faul und trieb sich lieber draußen mit den Freunden herum, als dass er für die Schule lernte. Die Eltern wollten, dass etwas aus ihrem einzigen Sohn wurde, und arbeiteten sich krumm für ihn, damit er es im Leben mal besser hatte. Bei Willi löste das nur Unwillen aus.

„Ich werde Willi fragen“, murmelte Thomas halblaut vor sich hin und stand auf.

Willi wohnte nur ein paar Straßen weiter. Sein Vater war Arbeiter in Jensens Fabrik. Wie Thomas vom Vater wusste, war Herr Wetter ein guter und zuverlässiger Mann. Peter hielt große Stücke auf ihn. Zum Glück trug Willi es Thomas nicht nach, dass er höher stand. Willi war zu faul, um sich über so etwas Gedanken zu machen.

Thomas traf ihn an, als er gerade dabei war, sein Rad aus dem Schuppen zu holen. Er staunte nicht schlecht, als er Thomas neben sich auftauchen sah.

„He, hast du dich verlaufen, oder was ist los? Brennt es irgendwo? Hoffentlich die Schule!“

Thomas wurde rot und sagte verlegen: „Verzeih, dass ich dich störe, aber kannst du mir vielleicht sagen, was wir für morgen in Englisch auf haben?“

„Nee“, sagte Willi in aller Gemütsruhe. „Glaubst du, damit belaste ich mich? Weißt doch, ich habe immer Dusel und flutsche durch. Glaubst du, ich lerne dafür?“

„Ja du“, sagte Thomas bewundernd. „Dir fliegt alles zu. Aber ich muss schon lernen, sonst ist es aus bei mir!“

Willi kratzte sich am Kopf. „Tut mir leid. Täte dir gern den Gefallen. Weißt du was? Ich bin unterwegs zur Bande. Komm doch mit. Die halbe Klasse ist dort versammelt. Einer wird es schon wissen.“ 

„Bande?“, wiederholte Thomas erstaunt.

„Ach ja, du weißt ja nichts davon. Dem Höller sein Alter ist ja auch so stinkreich. Die haben da einen Pavillon im Garten, und den haben wir uns zurechtgemacht. Feine Sache sage ich dir. Da treffen wir uns alle Nachmittage, machen unseren Ulk und rauchen und so. Komm mit!“

„Aber wird der Klaus mich denn haben wollen?“ 

„Nur nicht lange fragen. Los, ich habe keine Zeit! Ich lasse meinen Drahtesel im Stall. Wir gehen zu Fuß.“

Versteckt hinter Büschen und Sträuchern stand der Pavillon, ein hübsches Stuckhäuschen, das einmal als Teehaus gedacht war. Aber nun sah es ziemlich verwahrlost aus. Außerdem hatten die Jungen mit Brettern und Farbe ihr übriges getan, um ihm einen anderen Charakter zu geben.

Der Krach, der drinnen herrschte, war unbeschreiblich. Thomas zuckte zusammen. Willi grinste. „Das ist noch gar nichts. Du musst mal hier sein, wenn eine Fete startet. Mann, dann ist was los!“

Als sie eintraten, herrschte für einen Augenblick verblüfftes Schweigen. Alle blickten auf den Musterschüler Thomas Jensen.

„Streber, was willst du denn hier? Machst dir doch bestimmt die Hosen voll vor Angst, wie?“ Klaus stand langsam auf und kam näher:

Stühle gab es nicht in dem Raum nur Kissen und alte Matratzen.

„Wieso hast du denn den mitgebracht, Willi?“, fragte er und kniff die Augen zusammen.

„Er will wissen, was wir morgen in Englisch aufhaben. Ich wusste es nicht, weiß es einer von euch?“

Man zuckte mit den Schultern und lachte. Welch dumme Frage.

Man kam sich so schrecklich erwachsen vor. Eine Flasche machte die Runde, und Thomas sah, dass fast alle rauchten.

„Los, setzt euch irgendwohin. Ich werde nachher ins Haus gehen und nachschauen“, sagte Klaus. Seine Augen ließen Thomas nicht los. Plötzlich stand ein Grinsen auf seinen Zügen.

„Na, Bubi, hier herrscht ein anderer Wind als zu Hause hinterm Ofen und mit der Milchflasche, wie?“

„Wieso?“, fragte Thomas sehr verlegen. „Ich verstehe dich nicht!“

„Kannste auch nicht, weil du noch ein Wickelkind bist. Wir aber sind schon richtige Männer! Hier, willste mal rauchen? Das macht stark!“

Nun blickten alle Jungen im Raum auf die beiden. Sie versprachen sich einen köstlichen Spaß. Klaus hatte immer die tollsten Ideen.

„Ich habe noch nie geraucht“, sagte Thomas leise.

Man wieherte und wälzte sich auf dem Boden.

„Bubi, lass dich einpacken! Was biste doch für eine Flasche. Na ja, bist noch zu jung. Wirst dir die Hosen voll machen. Soll ich dir Milch aus der Küche holen?“

Thomas spürte, dass sie ihn reizen wollten. Früher mit Prügel und jetzt mit einer Zigarette. War er wirklich so ein Schwächling in ihren Augen? Er sann nach. Wenn er all das tat, was die Anderen auch taten, vielleicht erkannten sie ihn dann an, stießen ihn nicht immer fort. Vielleicht gewann er dann in ihren Augen. Warum sollte er nicht? War doch nichts dabei.

„Gib eine her!“, sagte er laut.

Klaus blickte ihn von unten herauf an. „Kinder, er will rauchen. Haben wir noch eine Spezielle für den lieben Thomas? Los, her damit. Wir wollen mal sehen, ob er es schafft! Los, hier ist sie!“ Liebevoll drehte er den weißen Stängel zwischen seinen Fingern.

„Feuer für den gnädigen Herrn, und tief einziehen, hörst du, sonst vergeht dir der Spaß.“

Thomas zitterte innerlich. Hoffentlich wird mir nicht schlecht, dachte er inbrünstig. Willi stand neben ihm und warf einen Blick auf die Zigarette. Er machte kugelrunde Augen und öffnete den Mund.

„Das ist gemein!“, zischte er Klaus ins Ohr.

„Halt die Klappe, Kleiner, oder du fliegst ’raus! Hier bestimme ich. Du hast selbst gehört, er will rauchen.“

Thomas zündete sich die Zigarette an, drei Streichhölzer verbrannten, ehe er sie in Brand gesteckt hatte. Ein pelziger Geschmack lag auf seiner Zunge.

„Los, tief einatmen, nicht wie ein Säugling nuckeln!“

Thomas gehorchte. Der Magen wurde nicht rebellisch. Er sog den Rauch in die Lungen und stieß ihn nach einer Weile wieder aus. Der Geschmack des Tabaks war bitter. Er brannte auf der Zunge. Zuerst hatte er das Gefühl, als bekäme er einen Schlag auf den Kopf, dann drehte sich das Zimmer und die Jungen wurden riesengroß. Das Bild änderte sich. Blaue und rote Kringel gaukelten vor seiner Nase. Hastig sog er weiter. Donnerwetter, ich kann ja rauchen, staunte er. Was für ein Kerl ich doch bin!

Thomas wusste nicht, dass es eine Haschischzigarette war, die Klaus ihm angeboten hatte. Die Welt stand für den Jungen auf dem Kopf; er wurde gesprächig, brachte seine Kameraden in Erstaunen, pöbelte sie an, ließ sich auf einmal nichts mehr gefallen. Stark wie ein Tiger fühlte er sich. Alles Schüchterne und krankhaft Scheue fiel von ihm ab.

Die Freunde erkannten ihren Kameraden nicht mehr wieder. Sie hatten sich erst an das Zeug gewöhnen müssen.

„Los, gib mir mal die Flasche, Klaus. Wird’s bald? Mann, ist das ein müder Laden hier!“ Thomas spielte sie alle an die Wand. Sie gehorchten ihm, und das machte ihn noch stärker und mutiger.

„Wer hat vorhin gesagt, ich sei ein Waschlappen?“

Niemand sagte ein Wort. Klaus selbst war über die Wirkung maßlos verblüfft.

„Los, halt die Klappe. Mach keinen Stunk hier, sonst kommt mein Alter und merkt was!“

„Was soll er merken? Wer macht hier Stunk?“ Thomas warf sich herum und stemmte die Hände in die Seiten.

Klaus wich zurück. „Bin ja schon still!“

Die Zigarette war längst aufgeraucht. Aber da Thomas weder Nikotin noch Alkohol gewohnt war, war die Wirkung sehr andauernd. Er randalierte und hielt sich für einen ganz tollen Kerl. Es machte ihm Spaß. Endlich hatte sich das Blatt gewendet. Was er sich in seinen kühnsten Träumen ausgemalt hatte, das war er jetzt.

Willi bekam Furcht vor dem Freund und ging als erster. Er wusste, dass man in der Bande Hasch rauchte, hatte es die ganze Zeit gewusst, sich aber wegen Geldmangel nie daran beteiligt. Außerdem wagte er es nicht, da er wusste, wie schnell man von dem Zeug abhängig wurde. Einen Nachbarsjungen hatte man dieser Tage in eine Heilanstalt bringen müssen, so toll war er geworden.

Klaus war ein gemeiner Hund, Thomas so ’reinzulegen. Willi hatte ein erbärmlich schlechtes Gewissen. Hätte er ihn nicht warnen müssen?

Fast alle hatten sich schon verkrümelt, als Thomas auch endlich nach Hause ging. Langsam ebbte die Wirkung ab, und ein schales, flaues Gefühl blieb in seiner Magengrube zurück. Er fühlte Ernüchterung in sich aufsteigen und glaubte, all dies nur geträumt zu haben.

Als er sein Zimmer betrat, sah er das leere Heft, aber seltsamerweise ließ es ihn völlig kalt.

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10

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Willi riss sich die Mütze vom Kopf und stotterte arg. Er war so aus dem Gleichgewicht gebracht, dass er im ersten Augenblick keinen klaren Gedanken fassen konnte. Er starrte mit runden Augen Marge an und schluckte heftig: „Ich — ich wollte zu Thomas, er, ich glaube — er wartet auf mich!“

Marge schien erfreut zu sein, als sie den Jungen vor der Tür stehen sah. Bis jetzt war noch nie ein Freund Thomas besuchen gekommen.

„Komm rein, du brauchst keine Angst vor mir zu haben, natürlich kannst du Thomas besuchen. Bist du sein Freund?“

Willi wusste nicht, was er darauf antworten sollte. Er war nicht Thomas’ Freund, in gewisser Weise schon, aber nicht das, was er sich unter einem Freund vorstellte.

Aber die junge Frau irritierte ihn so sehr, und er hatte das dumpfe Gefühl, sie sähe es vielleicht ganz gerne, dass Thomas einen Freund hatte.

„Na — na ja“, stotterte er.

Zum Teufel, wenn er nur wüsste, wer sie war, dann wäre alles viel leichter durchzustehen. Er wusste doch, dass Thomas keine Mutter mehr hatte. Wer war aber diese junge hübsche Frau? Eine Angestellte war sie bestimmt nicht!

Marge wollte den Jungen von seiner Verlegenheit befreien und plauderte mit ihm, während sie die Treppe nebeneinander hoch schritten. Aber Willi war so sehr mit seinen Gedanken beschäftigt, dass er nur ja, oder nein sagte. Die ganze Mission, die er hier zu erfüllen hatte, war ihm gar nicht recht. Ein Zentner Blei lag auf seiner Seele, richtig schlecht kam er sich vor, und die Frau war so nett zu ihm und hatte Vertrauen. Ob er sich ihr anvertrauen sollte? Doch seit Wochen hatte er Angst vor Thomas, wie würde er es auffassen?

Willi kniff die Lippen zusammen und stapfte weiter. Hoffentlich hinterließ er keine Fußspuren. Stinkvornehm war es hier ja. Himmel, hier ließ es sich schon leben, aber Thomas schien es nichts auszumachen. Wenn er auch viele Fehler hatte und kein guter Kamerad war, eins war er nie gewesen: eingebildet. Das musste man ihm lassen. Klaus dagegen, protzte doch, wo er nur konnte. Zum Kotzen war das.

Marge öffnete die Tür und sagte: „Thomas, du hast Besuch“, und damit trat Willi über die Schwelle.

Thomas stand schnell auf und kam ihm entgegen. „Tag, Willi. Hab’ schon auf dich gewartet!“

„Soll ich euch Kaffee und Kuchen ’raufbringen lassen?“, fragte Marge freundlich.

Thomas fühlte sich seltsamerweise gehemmt in Willis Gegenwart. Er schüttelte den Kopf und war froh, als sie endlich ging. Willi sah sich in dem Zimmer um und pfiff durch die Zähne, dann blieb er vor ihm stehen und sagte: „Du wer war das? Etwa deine Mutter? Die ist aber dufte! Ich denke, du hast gar keine mehr?“

„Hab’ ich auch nicht“, sagte Thomas gönnerhaft. „Die ist schon lange gestorben. Das ist Vaters zweite Frau. Weißt du, Personal bekommt man ja heutzutage so schlecht, also eine bessere Haushälterin. Hat mir aber nicht zu befehlen. Ich tue und lasse, was ich will!“

Willi setzte sich in einen Sessel. „Ich finde die aber nett, wirklich, und du redest wirklich blöd. Ich würde mich freuen, wenn ich so eine nette Mutter hätte, auch wenn es nicht die leibliche ist.“

„Kannst ja anbändeln“, höhnte Thomas. „Wenn sie dir so gut gefällt, und ein kleines Mädchen ist auch noch da. Kannst sie haben, Mensch, hau ab, du stinkst mir. Hast du das Zeug mit?“

Ein lauernder Zug lag um seine Augen, sie verengten sich zu einem Spalt, und der Atem kam stoßweise. Fahrig gingen seine Hände über den Schreibtisch. Eine innere Unruhe machte sich breit. Er sehnte sich nach dem Stoff, war wie ausgepumpt. Willi sollte es ihm besorgen.

Widerwillig warf der Junge das Päckchen auf den Tisch.. Thomas’ Hände griffen hastig danach, rissen die Verpackung auf und schon brannte er sich eine Haschzigarette an. Danach fühlte Thomas sich merklich ruhiger. Das schöne Gefühl der Überlegenheit stellte sich wieder ein. Nun war er der Herr der Lage. Er war groß, kraftvoll und stark. Willi war eine Memme. Alles hatte sich zum Guten gewendet.

Fast gönnerhaft richtete er das Wort an seinen Klassenkameraden.

„Willst du auch eine? Komm, sei nicht schüchtern, ich bin heute in Geberlaune. Komm schon, ich weiß ja, dass du dir das nicht leisten kannst. Aber ich habe Geld genug. Hier, der abgemachte Preis, und was darüber ist, kannste behalten für deine Bemühungen. War nett von dir. Kannst dir so Geld verdienen. Brauchst mich nur immer zu versorgen. Ich bin es leid, Klaus um das Zeug anzubetteln. Der tut ja so, als stelle er’s selber her.“

Willi blieb stumm in seinem Sessel hocken, die Beine angezogen und mit einem Faltengesicht wie ein Dackel.

„Thomas“, kam es stockend über seine Lippen, „hör lieber auf damit. Das ist eine schlimme Sache. Ich kenne das. Der Wilfried bei uns nebenan ist übergeschnappt von dem Zeug. Du sollst nicht auf Klaus und seine Blase hören. Ich will das nicht. Sie haben dich damals verführt mit dem Zeug, und jetzt kommst du nicht mehr davon los. Du bist ja schon süchtig, wenn das dein Vater wüsste..Weiter kam er nicht. Ein gurgelnder Laut drang aus seiner Kehle.

Thomas war wie ein Tiger aufgesprungen, packte den schmächtigen Willi beim Kragen und beutelte ihn wie eine Ratte hin und her.

„Du verfluchter Hund, willst du mich etwa verklatschen? Bist du so ein Stinktier? Was fällt dir ein? Was ich tue, geht dich nichts an! Und wenn du mich anschwärzt, breche ich dir alle Knochen im Leib. Ich bin kein Schwächling, merk dir das!“

Willi hatte schon ein krebsrotes Gesicht und bekam kaum noch Luft. Thomas ließ ihn los, Willi fiel zurück und atmete mühsam. Mit der einen Hand tastete er nach der Stelle am Hals, wo Thomas zugedrückt hatte. Süchtige waren unberechenbar, das wusste er von Wilfried und dessen Freunden. Er kannte sie alle, hatte alles mit angesehen und war vor Entsetzen geflohen, als es zu immer schlimmeren Ausschweifungen kam. Klaus war ein Angeber. Er fühlte sich zu den Großen hingezogen. Dass diese ihn aber nach Strich und Faden betrogen, merkte er nicht. Der war schon glücklich, wenn sie nur das Wort an ihn richteten.

Willi war nicht schlecht, und er hatte echtes Mitleid mit Thomas. Seit Wochen nahm er nun schon dieses Zeug. Und heute war Willi selbst der Überbringer gewesen, er hatte es getan, weil er vernünftig mit Thomas reden wollte, allein, nicht auf dem Schulhof, wo andere mithören konnten, und wo sie ständig gestört wurden. Aber Thomas nahm einfach keine Vernunft an. Was war nur aus ihm geworden?

Willi stand langsam auf, da fauchte Thomas ihn an: „Vergiss meine Worte nicht, Bürschchen, sonst geht es dir dreckig, merk dir das!“

Willi machte ein verächtliches Gesicht. „Mir ist es jetzt egal, ob du vor die Hunde gehst oder nicht, Thomas. Ich wollte dich nur warnen, dir helfen, weil du zu dumm bist, um die Gefahr zu erkennen. Aber du fühlst dich ja so stark, so mutig, wenn du das Zeug intus hast. Merk dir aber eins: Du bist und bleibst ein Versager! Wer Aufputschmittel gebraucht, um sich überhaupt als Mann zu fühlen, der ist und bleibt ein kleiner Junge. Eines Tages werden dir noch die Augen aufgehen, denn du rennst in dein Unglück, ich sehe es. Mir ist es egal, du kannst verrecken, und ich werde noch über dich lachen. Und das will einmal der kluge Thomas gewesen sein!“ Er spuckte aus.

Thomas wurde weiß im Gesicht. Schon wollte er wieder auf springen, aber noch hielt er sich zurück. Er war hier im Hause, und Willi würde womöglich zu schreien anfangen.

„Spuck’s ruhig aus, sag noch mehr. Ich höre genau zu“, zischte er.

„Das Zeug kannst du dir allein besorgen. Ich will nicht dein Handlanger sein. Und dein Geld brauche ich schon gar nicht. Hier, da hast du es wieder. Ich verdiene mir durch ehrliche Arbeit alles, was ich brauche. Mach doch, dass du umkommst. Ich gehe meinen geraden Weg. Ich habe endlich eingesehen, wo dieser ganze Blödsinn endet. Ich werde jetzt ernsthaft für die Schule lernen und gebe mich nicht mehr mit solchen Kindereien ab.“

„Du kleiner Stinker, man sollte dir wirklich den Hals umdrehen, 'raus aus meinem Zimmer, und lass dich nicht mehr bei mir sehen, hast du verstanden?“

„Ich gehe schon freiwillig. Ich habe gute Ohren. Und viel Spaß! Morgen schreiben wir eine Lateinarbeit. Vielleicht macht dich das wieder nüchtern!“

Das Buch, das Thomas ihm nachwarf, erreichte ihn nicht mehr. Willi hatte schon die Tür hinter sich geschlossen. Marge sah ihn die Treppe herunterkommen.

„Du gehst schon wieder? Und ich dachte, du würdest Thomas ein wenig aufmuntern. Schade. Komm bald wieder, ja?“

Willi Wetter verabschiedete sich artig und verließ das Haus, innerlich völlig aufgewühlt.

Die alte Standuhr in der Halle holte dumpf zum Schlag aus. Es dröhnte durch das stille Haus. Elfmal, Marge hatte unbewusst mitgezählt. Schon wieder war es so spät geworden, und Peter saß noch immer über seinen Arbeiten. Langsam schritt sie die Treppe hinunter. Die Diele war nur matt beleuchtet. Alle schliefen schon, nur sie und Peter waren noch wach. Er übernimmt sich, dachte sie bekümmert.

Vorsichtig klinkte sie die Arbeitszimmertür auf. Nur die Tischlampe brannte. Der Aschenbecher quoll von Zigarettenstummeln über, und die Luft war verbraucht und muffig. Peter hockte regungslos vor seinem Schreibtisch. Als sie näher trat, bemerkte sie, dass er eingenickt war. Zärtlichkeit durchströmte ihr Herz, als sie ihn so sitzen sah. Dummerchen, dachte sie bei sich. Warum schindest du dich nur so ab?

Auf Zehenspitzen huschte sie zum Fenster, um frische Luft hereinzulassen. Das hielt ja keiner aus. Sie hatte geglaubt, leise zu sein, doch als sie sich jetzt umwandte, bemerkte sie den Blick ihres Mannes. Peter sah sie mit einem entschuldigenden Lächeln an.

„Schon wieder eingeschlafen?“

Er nickte müde.

Sie trat näher, strich ihm über das Haar und küsste ihn auf die Schläfen. Er hielt sie umfangen. So blieben sie eine ganze Weile.

„Peter...“

Er verschloss ihr den Mund. „Nicht schimpfen, Liebes, bitte. Sobald wir den Umbau bewältigt haben, verspreche ich dir, nur noch im Betrieb zu arbeiten und nie mehr zu Hause.“

Sie schüttelte besorgt den Kopf. „Nein, du musst es mir jetzt schon versprechen. Du begehst Raubbau. Schau dich doch mal im Spiegel an, dann siehst du es selbst.“

Das saß. Marge spürte es, und genau das hatte sie ja auch bezweckt. Die meisten Männer waren eitel auf ihr Aussehen.

Marge sah ihn unverwandt an. „Du weißt ganz genau, dass ich das nicht meine. Außerdem habe ich immer gewusst, dass du älter bist als ich. Das stört mich nicht, aber es würde mich stören, wenn du dich selber alt machst. Was hast du mir doch alles auf der Reise versprochen? Wo sind sie, deine Schwüre?“

Er ließ sich an ihrer Seite auf die Couch nieder, nahm ihre Hände auf und küsste sie. „Tyrannin“, murmelte er.

„Peter, es geht ja nicht nur um mich. Wenn es das wäre, dann würde ich mir lieber die Zunge abbeißen, als etwas zu sagen.“

„Es soll sich aber alles um dich drehen, Geliebte, hörst du!“ Seine Augen flammten auf. Für den Bruchteil einer Sekunde spürte sie sein heißes Begehren auf sich überspringen. Aber jetzt durfte sie daran nicht denken. Sie war heute aus einem ganz anderen Grund gekommen, um mit ihm zu reden. Sie konnte es nicht mehr aufschieben.

Peter hatte verstanden. Er stand auf, holte sich eine Zigarette und bot ihr eine an.

„Es geht um Thomas, Peter!“

„Um den Jungen?“, fragte er erstaunt. „Ich denke, es ist alles klar, er benimmt sich manierlich dir gegenüber, wie ich sehe. Macht er dir Schwierigkeiten? Dann werde ich natürlich mit ihm reden. Er hat dir Respekt entgegenzubringen.“

„Ach, Peter, du verstehst mich nicht. Ich ärgere mich nicht über Thomas, nein, ganz bestimmt nicht. Es ist etwas anderes, weißt du? Ich mache mir große Sorgen um den Jungen. Ich weiß auch nicht, warum, aber er ist in letzter Zeit so anders. Ich kann dir das schlecht erklären, aber mein Gefühl sagt mir, dass der Junge leidet. Ich möchte ihm helfen, aber ich komme nicht an ihn heran, er verschließt sich wie eine Auster vor mir.“

„Also wieder der weibliche Instinkt?“, wollte er sie necken.

Aber Marge war nicht zum Scherzen aufgelegt.

„Egal, wie du es nennst, aber es stimmt etwas nicht mit dem Jungen. Wir müssen ihm helfen.“

„Willst du, dass ich mit ihm spreche? Ehrlich gesagt, meine Liebe, ich wüsste gar nicht, was ich Thomas sagen soll! Er ist mir auf eine Art unheimlich, begreifst du das?“

Die junge Frau nickte. „Ich weiß. Ich habe es von Anfang an gewusst. Was Thomas all die Jahre vermisst hat, ist Liebe. Ich habe es dir schon mal gesagt. Er sehnt sich nach Liebe, aber ist zu scheu, um es einzugestehen. Du hast dich nie um dein Kind gekümmert, und er betet dich an, Peter. Jawohl, das weiß ich alles. In Gedanken habe ich mich schon sehr viel mit dem Jungen beschäftigt. Eines Tages sah es auch schon so aus, als würde ich den Schlüssel zu seinem Herzen finden. Aber nun ist alles aus. Wenn ich nur wüsste, warum.“

Peter schritt auf dem Teppich auf und ab. Marge hatte ihm das schon einmal gesagt, und sie hatte auch recht. Er wusste es. Aber was erwartete sie jetzt von ihm? Sie war doch in einer bestimmten Absicht zu ihm gekommen.

„Du vergisst, dass Mama zur Kur gefahren ist. Vielleicht hat er Heimweh nach seiner Großmutter? Sie war noch nie fort.“

Marge drückte ihre Zigarette aus.

„Es klingt herzlos, aber ich glaube, Thomas hat es noch gar nicht bemerkt, dass sie nicht mehr da ist. Er ist völlig anders geworden. Ich kann sein Wesen einfach nicht enträtseln, und vor allen Dingen erschrecken mich seine Augen: ja, seine Augen!“

„Vielleicht wäre es das Beste, wenn wir ihn in ein Internat geben, dann hätten wir unsere Ruhe!“

Sie sprang auf und sah ihren Mann empört an. „Ich sage dir das doch nicht, weil der Junge mir lästig ist, Peter. Nein, wie kannst du nur so etwas denken!“

Der Mann beruhigte sie. Es tat ihm leid; er kannte ja das weiche Herz seiner jungen Frau.

„Verzeih mir. Ich bin wirklich ein Tollpatsch. Aber nun sag mir doch, was ich tun soll!“

„Wenn ich das wüsste“, murmelte sie an seiner Schulter. „Wenn ich das selber wüsste, würde ich dich gar nicht damit behelligen. Manchmal denke ich nur, er kommt jetzt ins flegelhafte Alter; er war zu lange still und sittsam. Ich will ja auch, dass er endlich auftaut und ein richtiger Junge wird. Nichts würde mir mehr Freude machen. Aber ich glaube, ich bin auf dem Holzweg.“

„Ja, wenn du es schon nicht weißt, wie soll ich da helfen? Du warst bis jetzt die Einzige, die einigermaßen mit ihm umzugehen verstand.“

„Glaubst du, er würde mir seinen Kummer beichten, wenn ich ihn dazu auffordere?“

Peter machte ein skeptisches Gesicht. „Vielleicht malst du auch den Teufel an die Wand!“

Sie antwortete lange nicht und starrte nur vor sich hin.

„Man hört und liest doch heute soviel in der Zeitung. Ich will ja nur das Schlimmste verhindern. Ich meine es gut mit ihm. Vielleicht ist er in schlechte Gesellschaft geraten. Er geht so häufig fort, und, Peter“, ihre Augen weiteten sich, „man liest doch soviel, dass die Rauschgiftwelle nun auch Deutschland überrollt hat. Glaubst du, dass Thomas so etwas machen würde?“

Er lachte auf. „Mein kleines besorgtes Häschen! Keine Sorge, dazu ist Thomas viel zu ängstlich und labil, und außerdem sind es meistens Kinder, die kein Zuhause haben und um die sich niemand kümmert.

Nein, mach’ dir nicht solche Sorgen. Ich rechne es dir hoch an, dass du es tust, aber du siehst so bekümmert aus, und das möchte ich nicht. — Komm, gehen wir schlafen. Das wird schon vorübergehen, und wenn nicht, dann nehme ich mir den Knaben mal ernsthaft vor und lese ihm die Leviten, und damit hat sich’s!“

Sie seufzte und stand auf. „Mir kam nur eben dieser schreckliche Gedanke. Wenn man nur wüsste.“

Er löschte das Licht, und sie stiegen die Treppe zu ihrem Schlafzimmer hinauf. Für eine Weile hatte die junge Frau ihren Kummer und die Sorgen wieder vergessen. Peter liebte sie und sie liebte ihn, und alles war gut. Das Schicksal hatte es gut mit ihr gemeint und ihr einen wundervollen Mann beschert.

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Thomas Jensen kam die breite Treppe herunter. Marge durchquerte gerade den Wintergarten, als sie ihn kommen hörte. Sie ging in die Halle und wartete, bis er auf sie zukam. Thomas runzelte für einen kurzen Augenblick die Stirn und wollte dann stumm an ihr vorbeigehen.

„Thomas, wohin gehst du?“

Er blieb stehen, wandte sich langsam um und sagte mit ausdrucksloser Stimme: „Was geht es dich an? Ich kann gehen und kommen, wie es mir beliebt. Du hast mir nichts zu sagen.“

Sie zuckte unter den harten Worten des Jungen zusammen, ließ sich aber ihre Verstimmung nicht anmerken. Er stand vor ihr, hielt den Kopf schief und sah sie mit seltsam leeren Augen an. Sein ganzes Wesen hatte sich in letzter Zeit erschreckend verändert. Sie verstand ihn einfach nicht mehr. Er machte ihr Angst. Ein Frösteln überkam sie.

„Ich glaube schon“, erwiderte sie mit belegter Stimme. „Wenn nicht ich, so doch dein Vater. Ich will dir nichts befehlen, sondern habe dich nur etwas gefragt, und das darf ich doch noch, oder? Außerdem ist es viel zu spät, um jetzt noch wegzugehen.“

Thomas fühlte das heiße Begehren in sich aufsteigen; er brannte förmlich nach einer Haschzigarette. Er hatte keine mehr im Hause und musste sich welche besorgen. Das verteufelte Gift hatte ihn willensschwach gemacht. Er musste es haben, oder er wurde verrückt. Seit er das Zeug rauchte, stellte er fest, dass er mitreden konnte, und alle glaubten plötzlich, er sei ein Erfolgsmensch. Die Welt war auf einmal großartig. Er wusste, er hätte nicht damit anfangen sollen; er würde immer mehr zum Sklaven dieses Gifts werden, aber er konnte jetzt auch nicht mehr aufhören.

Seine Augen begannen zu glitzern. Sie sollte ihn ja nicht daran hindern. Sie schon gar nicht. Er musste weg, und wenn sie die Türen verrammelte, er würde ausbrechen.

„Lass mich gehen. Ich bin gleich wieder da. Muss noch etwas erledigen!“

Seine Hände waren schweißnass. Ein merkwürdiges Gefühl brannte in seinem Magen. Es fühlte sich wie Hunger an, aber das war jetzt nicht mehr wichtig. Er brauchte eine Zigarette, dann war er wieder ansprechbar.

„Thomas, ich meine, wir sollten mal miteinander reden.“

„Warum? Jetzt habe ich keine Zeit!“

„Du hast dich so verändert. Ich habe das Gefühl, du brauchst Hilfe, und ich möchte dir helfen. Ich meine es doch nur gut mit dir. Warum können wir nicht vernünftig miteinander reden? Vielleicht wird dann vieles besser!“

Er lachte heiser auf. „Mir braucht keiner zu helfen. Ich helfe mir selbst. Außerdem habe ich dich nicht gerufen. Ich kann ganz gut ohne dich auskommen. Du spionierst mir nur nach. Glaubst du, ich merke das nicht? Was willst du von mir? Sag es schon. Los, heraus mit der Sprache! Was willst du?“

Sie wich einen Schritt zurück. „Du bist so anders geworden, Thomas. Hat das etwas damit zu tun, dass ich jetzt hier lebe? Sag es mir doch!“

Er wollte sich nicht mehr mit ihr unterhalten. Er brauchte das Zeug, und wenn er sich nicht beeilte, würde Klaus nicht mehr in der Bande anzutreffen sein. Dieser verfluchte Willi, er kam auch nicht mehr. War stolz, der Popanz!

Thomas schritt zur Tür. Marge lief ihm nach und hielt ihn am Ärmel fest. Sie wollte ihn davon abhalten, etwas Unrechtes zu tun. Früher war er nie ausgegangen, und jetzt war es schon bald einundzwanzig Uhr, da gehörte er ins Haus. Er war im Grunde genommen doch noch ein Kind.

Thomas riss sich los, starrte sie an und sagte leise: „Wenn du mich nicht in Frieden lässt, dann passiert etwas. Ich bin kein Kind mehr, ich lasse mich nicht mehr gängeln. Den Vater hast du einlullen können, aber ich werde mich hüten, in deine Fänge zu geraten. Ich bin klüger, viel klüger!“

Er lachte hässlich auf, als er ihr entsetztes Gesicht sah.

Dann war er verschwunden.

Marge hatte nicht mehr die Kraft, ihm nachzulaufen. Sie hatte auch kein Recht dazu, sie war ja nicht seine Mutter. Müde und erschöpft schloss sie die Tür und lehnte sich einen Augenblick dagegen. Was war nur mit dem Jungen los? War es Aufsässigkeit ihr gegenüber? Wehrte er sich nur gegen den weiblichen Einfluss? Sie konnte es kaum glauben. Nur weil sie jetzt hier lebte, sollte sich sein Charakter so gewandelt haben? Sie wollte ja, dass er ein richtiger Junge wurde, aber was er jetzt tat, das war doch nicht gut, konnte einfach nicht gutgehen.

Die junge Frau steckte sich eine Zigarette an und setzte sich in den Sessel neben der Marmortreppe. Wenn Peter sich doch nicht so sehr in seine Arbeit verkriechen würde! Sie hatte es ihm gesagt, aber er war zu sorglos, nahm alles auf die leichte Schulter. Sah sie denn tatsächlich Gespenster?

Sie dachte an Thomas’ Worte und begann zu frösteln. Dieser Hass, der aus seinen Augen gelodert hatte.

Wenn ich doch nur wüsste, wohin er gegangen ist, dachte sie bekümmert.

Peter war für zwei Tage zu einer internationalen Konferenz nach Stockholm gefahren. Die Großmutter weilte immer noch zur Kur, und sie war hier, um die Kinder und das Haus zu versorgen. Sie tat es gern und ging ganz in ihrer neuen Arbeit auf. Es war etwas anderes, mit Menschen umzugehen, als nur im Büro zu sitzen. Aber Thomas entglitt ihr immer mehr. Thomas war für sie ein Rätsel, ein beängstigendes Rätsel.

Wen sollte sie um Rat fragen? Sie musste sich Rat holen; so ging das nicht weiter. Marge wusste, dass die Jugend sich gerade jetzt gegenüber ihren Eltern aufsässig benahm. Aber er hatte doch gar keinen Grund dazu! Er hatte doch alles. Oder hatte sie ihm zu wenig gezeigt, dass sie ihn gern hatte, ihm nahe sein wollte? Sie war ja bereit dem Jungen das zu geben, was er in all den Jahren so sehr vermisst hatte: Liebe und Geborgenheit. Sie hatte ein gütiges Herz und konnte es einfach nicht über sich bringen, einen Menschen auszuschließen. Sie hatte ihn wirklich gern. Er war so unbeholfen und linkisch gewesen damals, als sie ihm die Garnitur geschenkt hatte. Damals hatte sie geglaubt, sie hätte den Weg zu diesem schwierigen Jungen gefunden.

Was hatte ihn nur so verändert?

Die Uhr schlug elf, als sie endlich Schritte auf dem Kies hörte. Die Glocke wurde gezogen, und sie stand sofort auf und öffnete die Tür. Thomas stand im Türrahmen, starrte sie mit trotzigen Augen an und wollte an ihr vorbeihuschen und auf sein Zimmer gehen.

Ihre Stimme war sehr scharf, als sie ihn anrief: „Thomas, bitte bleib, ich muss mit dir reden!“

Das Haar hing ihm wirr ins Gesicht, die Kleidung war unordentlich.

Sie achtete nicht auf sein störrisches Schweigen. „Komm mit in die Bibliothek!“

Er schlurfte hinter der Frau her, ballte die Fäuste in der Hosentasche und scharrte mit den Füßen. Sein Atem ging schnell, der Pulsschlag raste. Er hatte mehr geraucht, als ihm guttat, aber das war schließlich seine eigene Angelegenheit.

„Ich war bei einem Freund, Klaus Höller“, stieß er widerwillig hervor. „Wir haben zusammengesessen und uns unterhalten. Kann ich jetzt gehen?“

Sie knipste die Tischlampe an und drehte sich um. Langsam ging sie auf dem kostbaren Teppich auf und ab.

„Vorhin bist du mir entwischt, und du hast mir gesagt, ich hätte kein Recht, dir zu befehlen. Da hast du recht. Aber ich habe deinen Vater geheiratet und somit einen Teil seiner Pflichten dir gegenüber mit übernommen. Und ich nehme es ernst mit diesen meinen Pflichten, Thomas. Ich wünsche, dass du dich danach richtest.

Ich will keinen absoluten Gehorsam von dir, ich will dir nur zu verstehen geben, dass ich es gut mit dir meine, und dass du jederzeit zu mir kommen kannst, wenn du Kummer oder Sorgen hast.

Ich bin ehrlich betrübt über dich. Ich mache mir große Sorgen, Thomas. Ich möchte dir sagen, dass du mir vertrauen kannst.

Hör mal, mein Junge, ich habe Lilly, meine kleine Tochter, und ich liebe sie von ganzem Herzen. Und wäre mein Mann nicht so früh gestorben, hätte ich jetzt bestimmt auch einen Jungen. Ich möchte, dass du dieser Junge bist, Thomas! Ich wünsche es mir sehr. Warum können wir uns nicht verstehen?“ Ihre Stimme klang so bekümmert, dass Thomas sie ungläubig anstarrte.

Sie sprach ja wie ein Erwachsener zu ihm und legte ihr Herz ihm gegenüber bloß. Er spürte den Strom der Liebe, der von ihr ausging. Sie meinte es tatsächlich gut mit ihm.

Er sah sie an, wie sie dastand, von Licht umflossen, eine mädchenhafte Gestalt, so zart und zerbrechlich. Sie machte sich Sorgen um ihn, wollte ihn gern haben, so gern wie sie Lilly hatte. Das hatte sie doch gesagt.

Plötzlich hatte er nur noch den Wunsch, ihr zu zeigen, dass er sie auch mochte. Er fiel vor ihr auf die Knie und legte seinen Kopf in ihren Schoß. Er fühlte ihre Nähe und war wie berauscht, ein Glücksschauer durchrann seinen Körper. Schluchzend klammerte er sich an die Frau.

Marge ließ ihn gewähren. Sie durfte jetzt nichts sagen, musste ihn ausweinen lassen. Im Grunde genommen war er noch immer der Junge von damals. Sein Herz war aufgewühlt.

Thomas weinte noch immer und vergrub seinen Kopf noch tiefer. Er bejammerte sich selbst, übersah sein Leben ganz klar und verfluchte sich in diesen Sekunden. Er hasste seine angeblichen Freunde, doch er wusste, wenn die Wirkung des Gifts nachgelassen hatte, würde er wieder so sein wie vordem. Immer kürzer war die Wirkung; er brauchte ständig neuen Stoff.

Dann stand er auf, lächelte verschämt und schlich wie ein geprügelter Hund aus dem Zimmer.

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12

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Am Mittwochabend entwich der Anstaltsinsasse Otto Koller, fünfzig Jahre alt, aus der Heilanstalt. Da er sich seit Jahren friedlich gab, hatte man nichts dagegen gehabt, ihn in der Gärtnerei zu beschäftigen. Otto war ein williger und freundlicher Insasse gewesen, und man mochte ihn auf seine Art. Es schien Ihm auch nichts auszumachen, in diesem Haus leben zu müssen. Otto weilte nun schon über sechs Jahre auf Gerichtsbeschluss in der geschlossenen Abteilung.

Am Mittwoch geschah es, dass er sich heimlich aus der Gärtnerei entfernen konnte. Für einen Augenblick war der Torhüter durch einen Lieferanten abgelenkt worden, und Otto suchte das Weite. Sein Fehlen merkte man erst, als man zum Essen gongte. Die Anstaltsleitung verständigte sofort die Polizei.

Man war ziemlich in Aufregung. Obwohl Otto in der Anstalt ein friedlicher Geselle gewesen war, so erinnerten sich noch viele an ihn, den berüchtigten Frauenschänder, der wochenlang sein Unwesen in der Stadt getrieben hatte. Otto war krank und konnte für seine Triebhaftigkeit nichts. So hatte man ihn damals in eine Anstalt statt in ein Gefängnis eingeliefert.

Otto war und blieb verschwunden. Die Polizei war in höchster Bedrängnis; zumal sie die Bevölkerung nicht beunruhigen wollte. Zuerst versuchte sie, seiner unauffällig habhaft zu werden. Für kurze Zeit konnten sie seine Spur verfolgen, dann war es aber, als habe sich der Entsprungene in Luft aufgelöst.

Seit zehn Stunden geisterte er nun schon irgendwo in der Stadt umher, und niemand schien ihn bis jetzt gesehen zu haben. Otto trug Anstaltskleidung; er musste demnach sofort auffallen.

„Mir bleibt nichts anderes übrig, als morgen früh der Presse eine Mitteilung zu machen. Wir müssen die Bevölkerung vor dem Mann warnen, so leid es mir tut. Besonders die Frauen sollen nicht allein auf abgelegenen Wegen gehen.“

Direktor Körner biss sich auf die Lippen. „Sie glauben gar nicht, wie peinlich mir das ist. Die Leute glauben dann noch, wir würden nicht gründlich genug auf unsere Leute aufpassen. Und das tun wir doch.“

Der Kommissar sah auf seine Schuhspitzen und dann auf den Mann vor sich. „Wer sagt denn, dass man Ihnen einen Vorwurf machen wird? Niemand ist unfehlbar; das kann jedem mal passieren. Aber wenn wir jetzt noch länger mit der Nachricht warten, dann kann ein Unheil geschehen, und was dann? Was ist, wenn Otto in seine alte Triebhaftigkeit zurückfällt, sobald ihm eine Frau

begegnet. Wollen Sie das etwa verantworten?“

„Otto ist ein ruhiger Mensch geworden, aber Sie haben recht. Wir können nicht in das Gehirn dieser Leute schauen und wissen nicht, was sie wirklich denken. Vielleicht hat er all die Jahre nur auf diese Gelegenheit gewartet?“

„Möglich. Ich muss jetzt gehen und Bericht erstatten. Bis morgen früh werden wir uns also noch ruhig verhalten. Ich werde die Nachtstreife in der Stadt verdreifachen, und vor allem abgelegene Parks und Anlagen überwachen lassen. Meine Leute haben eine genaue Beschreibung von Otto Koller. Hoffen wir, dass wir ihn so schnell wie möglich fassen. Mehr kann ich nicht dazu sagen.“

„Ich verstehe, Herr Kommissar. Sie müssen Ihre Pflicht tun und ich die meine. Auch ich werde meine Leute losschicken.“

Der Kommissar, ein noch junger Mann, grüßte und verließ das riesige Gebäude. Der Direktor stand am Fenster und sah ihm nach. Tiefe Furchen durchzogen sein Gesicht. Es war nicht einfach, allen gerecht zu werden. Ganz gleich, was einer getan hatte, wenn er bei ihm eingeliefert wurde. Für ihn waren das nur kranke Menschen, die nichts dafür konnten, dass sie so waren. Viele nannten sie Bestien und den Abschaum der Menschheit.

Müde senkte er den Kopf. Er musste versuchen, Otto vor den Beamten zu bekommen.

Aber wo war Otto?

Otto Keller, ein Frauenschänder schlimmster Art, seit zwanzig Stunden auf freiem Fuß. Er musste doch Hunger bekommen und Durst. Wo trieb er sich herum? Das Heim selbst lag am Rande der Stadt, und dazwischen war ein kleines Wäldchen. Unbemerkt konnte er es durchschritten und sich dann im Gewühl der Straßen und Häuser verloren haben.

Der Mann am Fenster stöhnte auf. Hoffentlich ging alles gut!

Wo war Otto?

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13

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Thomas saß auf seinem Zimmer und blätterte lustlos in einer Zeitung herum. Seine Bücher lagen aufgeschlagen auf dem Schreibtisch. Er hätte noch eine Menge Arbeit gehabt, aber er konnte sich einfach nicht dazu aufraffen.

Es war schon nach 20.00 Uhr, und im Haus herrschte Stille. Dann aber vernahm er hastige Schritte auf der Treppe und hatte das ungute Gefühl, dass sie zu ihm wollten.

Tatsächlich wurde an seine Tür geklopft. Mürrisch rief er: „Herein!“

Als Marge auf der Schwelle stand, wurde er verlegen, stand auf, versuchte, mit einer Hand ein wenig Ordnung zu schaffen und hatte ein seltsames Gefühl in der Magengrube. Seit der Unterredung damals in der Nacht war er ihr aus dem Weg gegangen. Und nun kam sie schon wieder zu ihm.

„Ja?“ Unsicher klang seine Stimme. Seine Augen gingen unruhig hin und her, nur um sie nicht ansehen zu müssen.

„Thomas“, Marge zögerte einen kurzen Augenblick, lächelte scheu und kam langsam näher.

Jetzt sah der Junge auch, dass sie in festlicher Abendgarderobe war.

„Thomas, ich komme mit einer Bitte zu dir!“

Pause.

Er blickte sie kurz an, ging zum Fenster, kam zurück und fragte langsam: „Was soll ich tun?“

„Ich, das heißt dein Vater und ich, sind zu einer Abendgesellschaft eingeladen. Dieses Fest ist sehr wichtig für ihn, und er wünscht, dass ich ihn begleite. Leider hat er mir erst vor einer Stunde von dieser Einladung erzählt, und nun habe ich der Köchin und dem Mädchen Ausgang gegeben und kann sie auch nicht mehr erreichen. Würdest du wohl so freundlich sein und auf Lilly achten?“ Nun war es heraus.

Thomas hob für ein paar Sekunden den Kopf und starrte sie an. Das Licht spiegelte sich in seinen stecknadelgroßen Pupillen.

„Was soll ich?“ Sein Mund war leicht geöffnet.

„Du brauchst nicht den Babysitter zu spielen, wirklich nicht, Thomas, aber Lilly war noch nie allein in einem Haus, und sie fürchtet sich, wenn sie ein Geräusch hört. Du brauchst nur hierzubleiben, mehr verlange ich nicht von dir.“

Langsam stieg das Rot in die Wangen des Jungen. Er wusste, woran sie dachte. Sie hatte Angst, er würde wieder zu später Stunde das Haus verlassen. Das hatte er ja auch schon oft genug getan, um sich neue Zigaretten zu holen.

Thomas wusste ganz genau, wenn sie dem Vater davon Mitteilung gemacht hätte, dann hätte er bestimmt ein Donnerwetter auf ihn niederprasseln lassen. Sie hatte aber geschwiegen und ihn somit in Schutz genommen. Warum sollte er ihr dann nicht den Gefallen tun?

Er wischte sich kurz über die Haare und lächelte sie an. „Gut, es macht mir nichts aus. Du kannst ruhig gehen. Ich bleibe zu Hause. Ich gehe nicht mehr fort.“

Ein erleichtertes Lächeln huschte über ihre Züge. „Ich danke dir, Thomas. Sonst wäre ich geblieben. Lilly ist noch so ein kleines Ding.“

„Mach dir keine Sorgen um sie. Amüsier dich ruhig!“

Von unten hörten sie die Stimme Peters: „Marge, bist du endlich fertig?“

„Ja, ich komme sofort, Peter!“, rief sie durch den Türspalt.

„Gut, ich fahre schon mal den Wagen vor!“

Marge drehte sich noch einmal zu dem Jungen um. „Gute Nacht, Thomas“, sagte sie mit ihrer weichen Stimme.

Thomas würgte, und als sie aus dem Zimmer gehen wollte, sagte er stockend: „Ich danke dir, dass du mich nicht verraten hast!“

„Ach!“ Ihre Augen glänzten wie die eines jungen Mädchens. „Müssen wir denn nicht zusammenhalten?“

Der Junge schwieg. Solche Vertrautheit war er nicht gewöhnt. Sie war seine zweite Mutter geworden, aber er hatte das Gefühl, eine große Schwester bekommen zu haben.

Er stand am Fenster und sah sie in der erleuchteten Auffahrt stehen. Peter, sein Vater kam mit dem Wagen, stieg aus, half seiner jungen Frau beim Einsteigen und dann fuhren sie davon. Nachdenklich biss er sich auf die Lippen. Seit Marge hier weilte, war sein Vater anders geworden, wie anders, das konnte er schlecht sagen. Aber er war aufgeschlossener, heiter und ruhiger, blieb jetzt öfter zu Hause und war nicht mehr so abgehetzt. Direkt jünger wirkte er in letzter Zeit.

Thomas setzte sich wieder auf seine Liege und blätterte in der Illustrierten herum, aber sie war fad und langweilig. Im Radio war nicht viel los! Ob er hinuntergehen sollte, um den Fernseher anzuschalten? Jetzt war er mit Lilly ganz allein im Hause.

Für einen Augenblick dachte er an das kleine Mädchen, und sein Blick verdüsterte sich. Ja, er würde hinuntergehen, sich ein Programm ansehen und in Ruhe rauchen.

Seine Hände durchwühlten das Geheimfach im Schrank, doch sie kamen leer wieder zum Vorschein. Er sah gründlicher nach, wurde nervös und riss dann die Kleidung zur Seite. Das Fach war leer. Er hatte keine Haschzigaretten mehr.

Thomas überlegte fieberhaft. Die letzte hatte er vor drei Stunden geraucht, sie also aus der Hosentasche genommen und nicht aus dem Fach. Er war der Ansicht gewesen, noch fünf zu haben, aber er musste sie schon verbraucht haben.

Nun stand er hier und hatte nichts zu rauchen. Er brauchte aber unbedingt Zigaretten. Seine Hände begannen zu zittern. Klaus hatte welche, und er konnte sie jederzeit bei ihm erstehen. Zwar wurden dessen Preise immer unverschämter, aber er bekam das Zeug. Was sollte er nun machen? In wenigstens einer Stunde brauchte er eine Zigarette, das wusste er.

Sollte er Klaus anrufen, dass dieser sie ihm brachte? Aber im gleichen Augenblick wusste er, der Kerl würde ihn nur auslachen aber nicht kommen. Willi hatte sich von ihm abgewandt. Außerdem besaßen seine Eltern kein Telefon.

Schweiß bedeckte sein Gesicht. Er hatte Marge versprochen, nicht mehr auszugehen. Er hatte es ihr fest versprochen. Unruhig ging er in seinem Zimmer auf und ab. Wenn er doch vorher gewusst hätte, dass er sich noch welche besorgen musste, dann hätte er dieses Versprechen nicht abgegeben.

Was sollte er tun? Sein Blick fiel auf die Uhr. Inzwischen war wieder eine Stunde verstrichen. Wenn er gehen wollte, musste er es bald tun.

Seine Bewegungen wurden fahrig: Er setzte sich, sprang wieder auf, trank Wasser, aß gedankenlos einen Apfel, aber seine Gedanken waren nur auf einen Punkt ausgerichtet.

Wenn ich ganz schnell renne, bin ich in einer halben Stunde wieder da, überlegte er. Es kann ja gar nichts passieren. Sie sagte, ich brauche nur im Haus zu bleiben. Lilly schläft doch bestimmt schon lange, und sie wird es auch bestimmt nicht merken, wenn ich für eine halbe Stunde fort bin. Ich werde mich beeilen.

Dieser Entschluss machte ihn wieder ruhiger und gelöster. Hauptsache, er hatte wieder etwas zu rauchen. Vielleicht konnte er auch zusätzlich Tabletten bekommen. Klaus hatte ihm gesagt, das wäre noch besser. Thomas zählte sein Taschengeld nach. Für fünf Zigaretten reichte es, und morgen bekam er wieder welches.

Er zog sich die Schuhe an, warf die dunkle Jacke über und machte dann das Licht aus. In der Halle und im großen Treppenhaus brannte das Nachtlicht. Das Mondlicht fiel durch die Spitzbogenfenster. Er sah durch den Türspalt den Gang hinunter. Nichts rührte sich, und doch klopfte sein Herz stürmisch. So muss sich ein Dieb vorkommen, durchfuhr es ihn.

Auf Zehenspitzen schlich er die Marmortreppe hinunter und wollte gerade die Portaltür öffnen, als er die Stimme hörte:

„Thomas, Thomas!“

Ruckartig drehte er sich um und gewahrte oben an der Balustrade das kleine Mädchen in ihrem Nachtgewand.

„Thomas, lass mich nicht allein. Ich hab’ solche Angst, bitte!“

Ihre großen Augen blickten ihn furchtsam an.

Thomas fluchte innerlich und stieg die Treppe wieder hoch.

„Ich geh’ ja gar nicht fort, du irrst dich. Ich wollte nur die Tür schließen.“ Lilly presste Mia an sich und sah ihn an. „Ich hab’ Angst. Geh nicht, Mutti ist fort, bitte, bleib!“

„Ich bleibe ja, und jetzt geh wieder in dein Bett!“

Sie schüttelte den Kopf und sagte: „Nein, dann gehst du bestimmt weg. Ich will das nicht.“

„Unsinn“, er beherrschte sich mühsam, „ich gehe nicht fort. Schlaf jetzt weiter.“

Lilly ging einen Schritt zurück und sah ihn immer noch an. „Aber ich hab’ doch solche Angst!“

Thomas brachte das Kind in sein Zimmer. Er hatte es noch nie betreten und war von dem hübschen Anblick ganz bezaubert. Er musste das dumme Ding davon überzeugen, dass er bestimmt nicht wegging.

Lilly ließ sich zudecken und sah ihn aufmerksam an. „Wenn man etwas verspricht, dann muss man es auch halten, nicht wahr? Mutti sagt das immer. Und du hast mir versprochen, du bleibst!“ Plötzlich stieg eine unsinnige Wut in ihm hoch. Wie kam er eigentlich dazu, diese dumme Göre zu beaufsichtigen. Er war doch kein Kindermädchen.

„Schlaf jetzt und untersteh dich, noch einmal aufzustehen! Dann kommen die bösen Männer und holen dich. Das tun sie mit ungehorsamen kleinen Mädchen. Schlaf!“

Lilly kroch ganz tief unter die Decke. Ihr kleines Herz klopfte zum Zerspringen. Thomas verließ das Zimmer, blieb noch eine ganze Weile im Gang stehen und lauschte. Aber er hörte nichts außer seinem eigenen Herzschlag.

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14

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Otto leckte sich die Lippen und kicherte vor sich hin. Seine dicken Wurstfinger umschlossen den Hals der Bierflasche. Wieder gluckerte es durch seine Kehle. Ah, das tat gut; das war ja wie in alten Zeiten. Die Brüder in der Anstalt ließen einem nie Bier zukommen, immer diese alte Suppe. Das war doch nichts für einen Mann wie Otto.

Behaglich lehnte er sich an den Baum und war mit sich und der Welt zufrieden. Das Gebüsch verdeckte ihn, aber den Weg hatte er gut im Auge. Nein, Otto war nicht blöd. Er war schlau wie ein Fuchs. Das Kichern stieg wieder in ihm hoch, doch er hielt inne und sah sich schnell um. Laut durfte er nicht sein.

Richtig fein hatte er es getroffen. Als er geflohen und in die erste Straße eingebogen war, hatte er einen Kinderwagen mit einer gefüllten Einkaufstasche stehen sehen. Wie dumm die Leute doch waren. Das war ein feiner Schmaus gewesen in der Scheune drüben. Und Geld hatte er auch noch gefunden und sich vorhin in der Kneipe mit Bier eingedeckt. Nein, Otto war nicht in der Kneipe geblieben, sondern versteckte sich lieber draußen. Bestimmt suchten ihn die Bullen schon wieder. Aber Otto ließ sich nicht fangen.

Die Sterne glitzerten am Himmel, und es zirpte im Gebüsch aber sonst hört er keinen Laut. Verdammt, warum kam kein Weib vorbei! Wie lange schon hatte er kein Turteltäubchen mehr gehabt. Zwar quietschten die Dinger immer, wenn man sie mal zärtlich anpackte, aber Otto ließ sich dadurch nicht stören.

Früher hatte er hier mal eine erwischt; er konnte sich noch gut erinnern. Es war in diesem Park gewesen. Das waren noch Zeiten gewesen. Nur die eine blöde Gans war ihm entwischt und hatte ihn dann erkannt und angezeigt. Heute wollte er sich besser vorsehen und gleich das Schreihälschen zudrehen, wenn er nur erst mal eine zwischen den Fingern hatte.

Der Alkohol durchwärmte seine Glieder. Ob er es vielleicht an einer anderen Stelle versuchte? Aber dann musste er wieder durch die Straßen gehen, und er hatte noch die blöde Anstaltskleidung an. Lieber nicht. Man musste nur Zeit haben.

Und dann sah er das Kind.

Otto verharrte regungslos. Seine scharfen Augen spähten durch das Laubwerk. Vorsichtig legte er die Flasche ins Gras. Er bemerkte gar nicht, dass sie umkippte und auslief. Wie ein Tiger auf seine Beute lauert, so hockte er im Gebüsch.

Das Kind kam näher, rufend und angstvolle Laute ausstoßend.

Thomas konnte sich jetzt nicht mehr beherrschen. Er musste gehen. Bestimmt hatte es jetzt soviel Angst, dass es liegenblieb. Er huschte die Treppe hinunter und schlüpfte durch die Tür. Der Park lag dunkel vor ihm, und der Kies knirschte unter seinen Schuhen. Mit einem Sprung war er auf dem Rasen und rannte zur Straße.

Sie wohnten in einer einsamen Villenstraße. Gegenüber den Grundstücken befand sich ein großer Park mit Spielplatz, und dahinter kamen erst die vielen Häuser der Stadt. Alles war ruhig, und nur ganz selten kam ein Auto vorbei. An der Querstraße befand sich eine Kneipe, aber das Gelände gehörte schon nicht mehr zum Villenviertel.

Thomas rannte die Straße entlang. Das Blut rauschte in seinen Ohren. Narrten ihn seine Sinne, oder hörte er wirklich seinen Namen rufen?

„Thomas! Thomas!“

Er wandte sich im Lauf um und gewahrte am unteren Ende der Straße Lilly im Nachtgewand. Sie lief hinter ihm her und rief seinen Namen. Seine Hände ballten sich zu Fäusten. Dieses verdammte Ding, was unterstand sie sich! Sein erster Impuls war, zurückzulaufen, sie ins Haus zu treiben, aber die Gier und die Sucht waren stärker.

Er überquerte die Straße und rannte in den Park, um den Weg abzukürzen.

„Hau ab, geh nach Hause!“, schrie er einmal und glaubte schon, Lilly würde tatsächlich umkehren.

Aber Lilly wollte nicht zurück. Das Haus war so düster, und es knisterte in allen Ecken. Thomas sollte bei ihr bleiben.

„Thomas, Thomas, bleib doch, bleib bei mir. Ich hab’ Angst!“ Die nackten Füßchen rannten über den Bordstein, der kühle Abendwind zerrte an dem leichten Nachthemd.

Tränen rannen über das Gesicht des Kindes, aber sie sah nur den Jungen.

„Thomas, Thomas!“

Schrei du nur, dachte der Süchtige. Schrei dir meinetwegen die Kehle aus.

Und dann hörte er einen Schrei. Es war ein entsetzlicher Schrei, wie ihn ein Tier ausstößt, wenn es in Todesnot ist.

Die Beine versagten ihm den Dienst. Er sah sich um, und da entdeckte er einen riesigen Schatten unten auf der Straße. Jetzt beugte sich der Schatten über Lilly, und das kleine Mädchen schrie.

Thomas glaubte, Gespenster zu sehen. Das war nicht mehr die Wirklichkeit. Dann hörte er einen anderen Laut, ein Knurren und Grunzen. Lilly war verstummt.

Wie irrsinnig rannte er los. Lilly war in Gefahr.

Thomas rannte, stolperte, taumelte weiter, und dann war er an der Stelle, wo er das Kind zuletzt gesehen hatte. Die Laterne beschien den Park. Er brauchte nur den Grunzlauten nachzulaufen.

Und dann sah er den Mann und Lilly. Er schluckte für einen kurzen Augenblick. Rote Schleier tanzten vor seinen Augen. Ein Würgen war in seiner Kehle, als müsse er sich jeden Augenblick erbrechen.

Otto sah den Jungen auf sich zustürzen, und der Zorn sprang in seinen Augen. Das Kind war schon verstummt, und er grinste auf das weiße Gesicht hinab. Niemand sollte seine Freude stören. Die Haut des Kindes fühlte sich weich und samtig an. Das kleine Hemd hatte er ihr schon vom Leib gerissen. Wie ein Stier fühlte er sich. Die Männlichkeit und die Gier, das waren zwei Dinge, die ihn in diesem Augenblick berauschten. 

„Geh weg!“ Ein tückisches Feuer brannte in seinen Augen.

Thomas sah nur Lilly, die wie tot in den Armen des Menschen lag. Er kam näher.

„Hau ab!“, knirschte Otto. „Ich bring das Kind um. Hau ab, sage ich dir!“

Thomas fühlte nichts; er spürte in diesem Augenblick nicht einmal sein Herz. Er wusste nur eins: Er musste diesem Unhold das Kind entreißen. Ob Lilly noch lebte? Entschlossenheit stand auf seinem Gesicht.

Otto sah sich in seinem Vergnügen gestört. Er war wie ein Hund, dem man den Knochen rauben will.

„Lass das Kind los!“ Der Junge hatte gar nicht gewusst, dass seine Stimme so brutal klingen konnte.

„Ich bring sie um!“ Otto fühlte sich in die Enge getrieben. Er wusste keinen Ausweg mehr.

„Ich bring sie um!“, fauchte er, und dann lag das Messer in seiner Hand.

Denken konnte Thomas jetzt nicht. Ich muss ihm Lilly entreißen, dachte er nur. Otto wich einen Schritt zurück. Thomas setzte nach. Das Gebüsch hielt den Irren auf, und dann stieß er zu. Im selben Augenblick stürzte sich Thomas auf den Mann und Lilly.

Er war nur ein Junge und nicht sehr stark gebaut. Otto hingegen war wie ein Bulle. Sie verkrallten sich ineinander. Thomas hatte plötzlich Bärenkräfte. Er wusste, er kämpfte um das Leben des Kindes und um das seine.

Otto wehrte ihn zuerst ab wie eine lästige Fliege, dann ließ er das Kind zu Boden gleiten, packte das Messer fester, bückte sich und sah den Jungen auf sich zukommen.

„Du Hund!“, schrie Thomas und stürzte sich blindlings auf ihn.

Otto fegte ihn zur Seite und stieß mit dem Messer auf den Jungen ein. Thomas spürte einen stechenden Schmerz, der durch seinen Körper raste. Der Mann stieß wieder zu. Thomas fühlte einen brennenden Stich im Gesicht. Blut rann aus der Wunde, und er wurde blind; er taumelte hin und her. Otto gab keine Ruhe.

„Umbringen, umbringen!“, murmelte er immer wieder vor sich hin. „Alle umbringen!“

Thomas hörte es nicht mehr. Ein letzter Hieb, und er brach in die Knie, fiel über Lilly und bedeckte sie so mit seinem blutenden Körper. Reglos blieb er liegen.

Die plötzliche Stille verwirrte den Irren. Er keuchte und leckte sich die Lippen. Verwundert starrte er auf die dunkle Gestalt am Boden. Mit gespreizten Beinen stand er über seinem Opfer. Das Kind hatte er vergessen. Er sah es ja auch nicht mehr.

Von seinen Händen tropfte Blut, das Messer blinkte im Mondlicht.

Der Rausch war vorüber. Betroffen sah der Irre an sich herab. Angst kroch in ihm hoch, und er winselte wie ein Hund.

„Himmel!“, keuchte er. „Tot, alles tot! Otto unschuldig. Blut, alles Blut! Otto braver Junge!“

Die Büsche knackten unter der Last seiner schweren Schritte. Otto floh, ohne sich noch einmal umzusehen.

„Blut, Blut“, murmelte er verstört vor sich hin.

Der unmenschliche Schmerz riss ihn in die Wirklichkeit zurück. Thomas richtete sich halb auf, fiel aber wieder zurück und spürte Erde zwischen den Zähnen. Alles klebte, und dann war da wieder der heftige Schmerz in seinen Rippen. Die Beine fühlten sich an, als gehörten sie nicht zu ihm.

Instinktiv wusste er, dass er Hilfe holen musste, sonst würde er verbluten. Er durfte nicht wieder ohnmächtig werden. Der Weg lag abseits, vor morgen früh würde man ihn bestimmt nicht finden. Und dann erinnerte er sich wieder an Lilly; Auch sie war blutüberströmt und ohnmächtig. Nur schwach schlug das Herz des Kindes noch.

Thomas fühlte bleierne Schwere in seinen Gliedern. Er raffte sich hoch, fiel immer wieder um, und endlich stand er an einen Baum gelehnt und das Kind an seine Brust gebettet. Wie leicht sie doch war. Die Straße. Dort waren Häuser und Menschen. Soweit konnte er noch denken.

Taumelnd setzte er sich in Bewegung. Jeder Schritt war für ihn eine unendliche Qual. Die Bestie musste ihn mehrere Male getroffen haben. Aber jetzt durfte er nicht daran denken. Auf dem Bordstein brach er wieder zusammen. Ein Schwindelgefühl erfasste ihn. Alles tanzte vor seinen Augen wie in einem Haschrausch, nur dass er dabei keinen Schmerz verspürte, sondern nur Erleichterung.

Schritte wurden laut. Sie kamen näher. Thomas kroch weiter, das Kind noch immer an sich gepresst.

„Guck’ mal das besoffene Schwein!“, sagte eine männliche Stimme.

„Helfen Sie mir doch“, murmelte Thomas leise.

„Komm’, Gitte, gehen wir schnell weiter. So was! Und noch dazu in dieser Gegend!“

Klappernde Absätze, und dann war wieder Stille um ihn herum. Er dachte an die Kneipe unten auf der Straße. Dort war jetzt Betrieb, dort waren Menschen. Auf Händen und Füßen kriechend legte er diesen Weg zurück. Ein paarmal brach er zusammen, kauerte am Boden und schöpfte neue Kraft. Das man sich so schwach fühlen konnte!

Dann sah er endlich den Lichtschein, der aus den Fenstern fiel. Stimmengewirr und Gläserklirren erreichte sein Ohr. Noch einmal nahm er seine letzte Kraft zusammen, raffte sich hoch und taumelte zur Tür. Die Schwingtür öffnete sich, und Thomas stürzte mitten in den Raum und blieb in einer Bierlache liegen

Das Männergespräch am Tresen verstummte.

„Charly, sieh mal nach, wer sich da eingeschlichen hat“, sagte der Wirt.

Der Kellner, ein junger Kerl, ging lustlos vorwärts.

„Wenn er besoffen ist, schmeiß ihn gleich ’raus!“, rieten ein paar Männer.

Thomas hörte alles und sah die Füße auf sich zukommen, und dann sah Charly ihn und das viele Blut.

Thomas wollte etwas sagen, das Blut quoll aus seinem Mund und hinderte ihn daran. Er legte sich auf den Rücken, streckte die Arme aus, und Lilly rollte von ihm und blieb bewegungslos an seiner Seite liegen. Seine Augen wurden gläsern.

„Himmel, der hat ja ein Kind bei sich, und wie der blutet!“, schrie Charly auf.

Plötzlich kam Leben in die Wirtsstube. Der Wirt kam hervor, und auch die Gäste umdrängten den Verletzten. Ein Mann kniete sich neben Thomas nieder.

„Wer war das?“, fragte er rau und sah erschüttert das kleine Mädchen an.

„Ein Mann im Park, ein Irrer!“ Thomas lallte es hervor.

„Schnell, den Krankenwagen und die Polizei verständigen. Hier ist ein Verbrechen geschehen. So macht doch schon, Leute!“

„Habe schon angerufen“, sagte Charly und musste sich auf den Tisch aufstützen. Himmel, was waren die beiden zugerichtet.

Der Junge war wieder ohnmächtig geworden. Die Männer wollten die Kinder aufheben, aber dann entschieden sie sich doch dafür, sie so zu lassen, bis ein Arzt kam.

Es dauerte nicht lange, dann hörten sie die Sirenen und Bremsen vor dem Haus quietschen. Die Polizisten stürmten das Lokal und sahen die beiden am Boden liegen. Der Unfallarzt kümmerte sich um sie. Zwei Tragen standen bereit. Die Polizei verhörte die Anwesenden, aber sie konnten nicht mehr sagen als das, was der Junge zuletzt hervorgestoßen hatte. Das genügte, sie wussten Bescheid.

Man brachte die Verletzten fort und bettete sie in den Unfallwagen. Ein Wagen fuhr durch die Stadt dem Krankenhaus entgegen. Man hatte schon telefonisch das Nötigste durchgegeben. Für eine Operation würde alles bereit sein, wenn sie ankamen. Der ganze Apparat lief geräuschlos schnell, wenn es hieß, Menschenleben zu retten.

Würden sie den Wettlauf mit dem Tod gewinnen?

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Ich sage dir, Marge, du machst dir unnötige Sorgen. Die Kinder werden längst schlafen.“

Die junge Frau sah mit angespanntem Gesicht auf die Straße. Jetzt wandte sie den Kopf und lächelte gequält.

„Ach, Peter, ich würde es ja so gern glauben, aber ich weiß nicht, mir war schon den ganzen Abend so eigenartig zumute. Ich kann dir das nicht erklären, aber alles in mir ist unruhig. Verzeih, dass ich dir die Feier verdorben habe.Du hättest mich ja allein fahren lassen können.“

Peter bugsierte den Wagen durch die engen Straßen der Altstadt. „Das ist doch selbstverständlich, meine Liebe, dass ich mitkomme. Wenn zu Hause alles in Ordnung ist, dann können wir ja noch einmal zurückfahren, einverstanden?“

„Ja!“; sagte sie erleichtert.

Marge konnte es kaum erwarten, endlich zu Hause zu sein. Vor Stunden hatten sie schon versucht, Thomas telefonisch zu erreichen, aber es hatte sich niemand gemeldet. Ihr Mann meinte, er schlafe wohl schon und höre deshalb nichts.

Warum konnte sie nicht so unbekümmert sein? Warum musste sie immer gleich an ein Unglück denken? Endlich hatten sie die Einfahrt erreicht. Peter fuhr bis zum Eingang. Er hatte den Motor noch nicht abgestellt, da war Marge auch schon aus dem Wagen gesprungen. Wie ein gehetztes Reh rannte sie auf das Haus zu.

Plötzlich hörte Peter einen Schrei und kam rasch näher. Marge war ganz weiß und zitterte.

„Peter, die Haustür steht offen!“

„Aber das ist doch nicht möglich! Ich habe sie hinter mir fest verschlossen!“

„Sieh doch, weit offen ist sie. So habe ich sie vorgefunden! Was hat das zu bedeuten?“

Peter bekam es jetzt auch mit der Angst zu tun und stürzte ins Haus. Sein erster Gedanke war, dass Einbrecher am Werke waren, aber das Türschloss war unbeschädigt.

Marge lief schon die Treppe hinauf und rannte zum Kinderzimmer. Auch diese Tür stand offen, und das Bett war leer. Der Schock war so groß, dass sie sich für einen kurzen Augenblick setzen musste. Als sie aufsah, stand Peter neben ihr und hielt sie fest.

„Du darfst dich nicht aufregen, Marge. Vielleicht stellt sich alles als ganz harmlos heraus. Vielleicht ist Lilly bei Thomas. Sie hat bestimmt Angst bekommen und ist zu ihm gelaufen. Du kennst doch unser Häschen.“

Marge nickte mechanisch mit dem Kopf, aber sie konnte seinen Worten keinen Glauben schenken. Und dann sahen sie, dass auch Thomas nicht im Haus war.

Marge begann zu weinen und wollte, dass Peter sofort die Polizei anrief. Er ging die Treppe hinunter und war gerade im Begriff, die Nummer zu wählen, als sie einen Wagen die Auffahrt heraufkommen hörte. Angespannt lauschten sie. Er hielt, Türen wurden zugeschlagen, und dann kamen Schritte. Peter öffnete die Tür, bevor einer die Klingel betätigen konnte. Als Marge im Hintergrund die Polizeiuniformen erblickte, schrie sie leise auf.

„Bitte, meine Herren, treten Sie doch näher!“

Der Kommissar sah sich um.

„Wir sind eben erst von einem Fest gekommen. Meine Frau hatte ein ungutes Gefühl, und es bewahrheitete sich leider. Ich war gerade im Begriff, Sie anzurufen. Unsere Kinder sind verschwunden. Wieso kommen Sie schon?“

Der Beamte machte ein ernstes Gesicht.

„Wir haben Ihre Kinder gefunden. Ein Junge und ein kleines Mädchen. Als wir sie ins Krankenhaus einlieferten, kam der Junge noch einmal zu sich und nannte seinen Namen. Daraufhin kamen wir hierher, um zu erfahren, was sich abgespielt hatte.“

Marge sprang auf. „Ins Krankenhaus gebracht!“, stöhnte sie. „Sind sie verletzt. So sprechen Sie doch endlich. Was ist geschehen?“

„Sie wurden von einem ausgebrochenen Anstaltsinsassen im Park angegriffen und niedergestochen!“

„Nein!“ Der Schrei gellte von den Wänden wider. Sie war sich gar nicht bewusst, dass sie so geschrien hatte.

Peter wurde kreidebleich. „Ich möchte zu den Kindern. Ist das möglich? Später möchte ich aussagen, sofern es überhaupt etwas zu reden gibt. Wir wissen ja selbst nichts.“

„Kommen Sie“, sagte der Kommissar. „Der Arzt wird Ihnen Näheres sagen können. Wir haben zum Glück den Mann gefasst, bevor er noch mehr Unheil anrichten konnte.“

Mehr tot als lebendig saß Marge im Wagen. Ihre Gedanken gingen wie ein Mühlrad durch ihren Kopf. Ihr kleines Mädchen niedergestochen im Park, zu einer Zeit, da sie schlafend in ihrem Bettchen liegen sollte, zu einer Zeit, da Thomas versprochen hatte, auf sie zu achten. Unaufhaltsam rannen ihr die Tränen über das Gesicht.

Peter fuhr übervorsichtig. Noch wusste er nichts über den Tathergang, aber eins war ihm klar: Sein Sohn hatte versagt, er hatte etwas angestellt und somit das kleine Mädchen dieser schändlichen Tat ausgesetzt.

Das Krankenhaus lag düster im Park, und nur wenige Fenster waren erleuchtet. An der Pforte wurden sie in Empfang genommen. Man wusste schon Bescheid.

„Die Ärzte operieren noch“, sagte die Schwester leise. „Wollen Sie bitte solange hier warten?“

Marge nickte. Sie ließ sich auf einen Sessel fallen und faltete die Hände. Peter schritt im Zimmer auf und ab. Hin und wieder warf er einen Blick auf seine Frau, aber er spürte, er durfte ihr jetzt nicht zu nahe kommen; sie war mit ihren Gedanken weit fort bei der kleinen Tochter. Er spielte jetzt keine Rolle mehr. Der Schmerz hatte alles aufgerissen. Jetzt erst wurde ihm bewusst, dass auch Thomas verletzt sein musste, denn sonst hätte man ihm doch gesagt, dass er gesund sei.

Die Minuten krochen dahin und wurden lang wie Stunden. Dieses Warten war entsetzlich, aber sie waren dazu verurteilt und konnten sich nicht dagegen auflehnen. Irgendwo im Haus schlug eine Tür zu. Hastige Schritte, Flüstern auf den Gängen, dann war wieder für eine ganze Weile Stille. Einmal ertönte der Ruf: „Wo ist die Blutkonserve?“ Wieder hastiges Laufen. Hatte man sie womöglich vergessen? Wie erstarrt saß Marge da. Sie sah und hörte nicht, was um sie herum geschah. Ihr Herz war wie tot.

Endlich ging die Tür auf. Ein großer hagerer Mann betrat den Raum. Er hatte noch die Operationskleidung an und wirkte müde und ausgelaugt.

„Sie sind die Eltern?“

Peter nickte.

„Wie geht es Lilly?“ Marge flüsterte es nur, aber er hatte es gehört.

Dr. Han streifte sich die Gummihandschuhe von den Händen und sagte: „Kommen Sie, ich führe Sie zu ihr.“

Die weiten Glastüren taten sich in diesem Augenblick auf und zwei Tragen wurden rausgerollt.

Dr. Han musste Marge stützen, so taumelte sie, als sie ihr Kind erblickte. Zwischen weißen Laken und Kissen lag ein winziger Kopf, aschfahl das süße Kindergesicht, bläuliche Schatten um die eingesunkenen Augen, Blut in den blonden Haaren. Ganz still, wie tot, lag das Kind da. Die kleinen Finger waren wie müde, tote Blütenstängel auf der Bettdecke.

„O nein!“, rief sie erstickt. Sie hielt sich das Taschentuch vor den Mund, um nicht aufzuschreien.

„Sie lebt noch“, sagte der Arzt still. Er gab den Pflegern einen Wink, die Kinder in die vorbereiteten Zimmer zu fahren.

Marge ging hinter der Trage her, ohne sich noch einmal umzusehen, ohne den Mann und den Sohn zu sehen. Sie sah nur das Kind vor sich und glaubte zu sterben.

Sie lebt noch! Das war das Einzige, was sie denken konnte. Noch? Was sollte das bedeuten? Wollte er damit sagen, dass es dem Ende zuging, dass Lilly sterben musste?

Das Kind wurde von den Schwestern mit unendlicher Behutsamkeit ins Bett gelegt und zugedeckt.

„Ich bleibe hier und halte Wache“, sagte Marge.

Die Schwestern nickten scheu und verließen auf Zehenspitzen das Zimmer.

Sie holte sich einen Stuhl und setzte sich ans Bett. Die kleine Nachtlampe erhellte das Krankenzimmer schemenhaft. Irgendwann einmal ging die Tür auf und Dr. Han betrat das Zimmer. Er beugte sich über das Kind, fühlte den Puls und machte ein ernstes Gesicht.

„Was fehlt ihr?“

Erst jetzt bemerkte er die Frau.

„Sie hat sehr viel Blut verloren, und außerdem ist ihr Brustbein durch den Messerstich verletzt. Ich weiß noch nicht, ob sie auch innerlich verletzt ist. Wir konnten nicht wagen, nachzusehen, sonst wäre sie uns unter den Händen weggestorben. Wir können nur auf ein Wunder hoffen, gnädige Frau. Das ist alles, was ich dazu sagen kann!“

Tränen rollten über ihr Gesicht, und sie machte keine Anstalten, sie fortzuwischen.

„Ich — ich danke Ihnen“, flüsterte sie mühsam.

Er lächelte kurz. „Aber das ist doch meine Pflicht.“

Und dann brach es aus ihm heraus. „Wie konnte der Unhold das nur tun. So ein kleines zartes Ding! Mein Gott.“ Er wischte sich über die Augen, dachte an seine eigenen Kinder und sah sie im Geist so vor sich liegen.

„Ja, wie konnte er das tun?“ Fast erstickte sie an diesen Worten. „Wie konnte er nur?“

Sie warf sich über das Bett, ergriff die kalten Händchen und küsste sie immer wieder. „Sie darf nicht sterben. Lilly darf nicht sterben. Meine süße kleine Lilly!“

„Und Ihr Sohn?“, fragte der Mann.

Maige blickte auf. Plötzlich waren ihre Augen dunkel vor Hass. „Thomas!“ Ihre Lippen zitterten. „Er ist schuld, er allein, und wenn mein kleines Mädchen stirbt, wenn es von mir geht, dann, dann . . Sie kam nicht weiter. Es war zu viel für ihr Herz. Ohnmächtig fiel sie dem fremden Mann in die Arme.

Peter Jensen zündete sich mit nervösen Händen eine Zigarette an. Seine Augen waren umschattet. Er hatte die ganze Nacht bei seinem todkranken Sohn zugebracht. Ständig hatte es so ausgesehen, als würde jeden Augenblick sein Lebenslicht verlöschen. Nur schwach und unregelmäßig ging das Herz des Jungen.

Aber Peter war ein Mann, der den Tatsachen ins Auge sah. Er wollte, wenn es eben ging, die ganze Wahrheit erfahren.

„Geben Sie meinem Sohn noch eine Chance?“ Seine Nerven waren bis aufs äußerste angespannt.

„Das kann ich schlecht sagen. Solange ein Mensch lebt, geben wir nie die Hoffnung auf. Das ist unser Beruf, und schon oft ist ein Wunder geschehen. — Thomas ..der Arzt zögerte und blickte aus dem Fenster. Grau hing der neue Tag über den Dächern der Stadt.

„Er hat viele Messerstiche abbekommen. Besonders im Gesicht wird er eine entstellende Narbe zurückbehalten. Aber die Schönheitschirurgen schaffen da schon eine Menge. Zum Glück ist das linke Auge nicht getroffen worden. Er ist an Armen, Beinen und am Rücken verletzt worden. Wie Ihre kleine Tochter so hat auch er sehr viel Blut verloren. Es ist ein Wunder, dass er sich vom Tatort bis zur Kneipe mit dem Kind schleppen konnte. Medizinisch war das überhaupt nicht mehr drin. Muss wohl der eiserne Wille des Jungen gewesen sein.“

Peter's Augen leuchteten für einen kurzen Augenblick auf. Sein Sohn hatte sich also vorbildlich benommen.

Der Arzt fuhr fort: „Nach den ersten Berichten der Polizei stellen sie den Hergang so hin, dass der Unhold das kleine Mädchen zuerst angegriffen hat. Ihr Sohn muss ihr zu Hilfe gekommen sein. Der Kerl wurde wütend und stach dann sinnlos auf die Kinder ein. Es muss wie ein Rausch für ihn gewesen sein. Da das kleine Mädchen nur einen Messerstich abbekommen hat, muss der Junge buchstäblich mit seinem Leib das Kind gedeckt haben. Sehr mutig von ihm, wenn man bedenkt, dass er noch so jung ist.“

Peters Hände zitterten stärker.

„Es ist seine Stiefschwester“, sagte er rau. „Ich kann es immer noch nicht fassen, hielt ihn für einen Feigling, labil und nicht fähig, sich zu behaupten. Aber was Sie mir da alles über meinen Sohn sagen! Ich habe ihn die ganzen Jahre verkannt.“

Der Arzt hörte aufmerksam zu. Dann stand er auf, ging zum Fenster, wandte sich dann um und sah auf den Mann.

„Wenn Ihr Sohn stirbt, dann nicht, weil er so viele Wunden abbekommen hat, sondern weil sein Körper verbraucht ist, weil er vielleicht nicht mehr in der Lage ist, Abwehrstoffe zu sammeln und einzusetzen, weil er einfach ausgebrannt ist!“

„Mein Sohn?“ Peter stand nun auch auf. „Ich verstehe Sie nicht, Dr. Han. Was soll das bedeuten? Thomas ist doch noch jung, und er wird damit fertig werden. Was reden Sie denn da von verbraucht? Er ist doch kein alter Mann mit einem schwachen Herzen.“

„Nein, das nicht, aber er hat sich buchstäblich selbst zerstört. Wir haben es sofort festgestellt, leider!“ Der Arzt zuckte mit den Schultern. „Wir tun natürlich alles, was in unserer Macht liegt. Aber diese verdammte Jugend, man könnte hinauslaufen, und es ihnen ins Gesicht schreien: .Merkt ihr denn nicht, was ihr tut, dass ihr euch selbst zugrunde richtet!“ Er hielt inne, erschöpft und mutlos.

Peter verstand den Arzt einfach nicht. Plötzlich kam Dr. Han der Gedanke, dass der Vater womöglich gar nichts davon wusste.

„Wissen Sie denn nicht, dass Ihr Sohn rauschgiftsüchtig ist, und das schon eine ganze Weile?“

Das Zimmer drehte sich vor Peters Augen. Seine Beine versagten ihm den Dienst, und er musste sich wieder setzen. Marge hatte mal davon gesprochen, und er hatte sie ausgelacht. Dabei war es die blanke Wahrheit gewesen.

Mit der rechten Hand wischte er sich über die zuckenden Lippen.

„Ich kann das nicht glauben, nicht begreifen! Thomas und dieses Gift?“ Er schüttelte verwirrt den Kopf und sprach mehr zu sich selbst: „Warum?“

„Warum?“, wiederholte Dr. Han. „Nur der Süchtige selbst weiß, was ihn persönlich zum Rauschgift treibt. Nur er kann ermessen, was ihm das Paradies bedeutet, in das er sich begibt.“

Peter sah ihn nur fassungslos an.

„Aus einer Einsamkeit heraus, aus sozialem Notstand, immer jedoch leiden Süchtige an einer seelischen Fehlhaltung. Sie suchen einen Ersatz.“

„Ich kann das nicht verstehen. Thomas hatte doch alles, ein schönes Zuhause, meine Mutter war immer für ihn da. Er konnte sich doch nicht über irgendetwas beklagen. Warum hatte er nur diesen Wunsch, und warum habe ich es nicht bemerkt? Warum nicht, Herr Doktor?“

„Ihr Junge muss seelisch sehr einsam gewesen sein, so einsam, dass er einfach einen Ausweg brauchte. Sie fragen, warum Sie es nicht bemerkt haben? Nun, weil Sie ihren Jungen nie beobachtet haben, weil Sie ihm gegenüber gleichgültig waren. Gutes Essen und Trinken, Kleidung, Taschengeld, das ist nicht alles. Man muss für die Kinder da sein, sie nicht aus den Augen lassen, Verständnis für ihre Kümmernisse haben. Wenn Sie all das beachtet hätten, dann wäre Ihnen ein Licht aufgegangen.

Haben Sie denn seine Augen nicht gesehen, nicht bemerkt, wie sich sein Charakter schlagartig veränderte? Seine ganze Persönlichkeit muss sich doch gewandelt haben, und das wollen Sie nicht bemerkt haben?“

„Das sind sehr harte Worte, Doktor, nach einer solchen Nacht!“

„Sie haben mich danach gefragt, und ich habe geantwortet.“

Peter nickte schwerfällig. „Ich habe mich nicht genug um meinen Jungen gekümmert. Sie haben recht. Die Arbeit hat mich aufgefressen, und darüber habe ich alles vergessen. Aber warum ist er denn nicht gekommen und hat mir gesagt, wie es um ihn steht?“

„Niemand kann hingehen und um Liebe betteln“, belehrte ihn der Arzt. „Das würden selbst Sie nicht tun, und da verlangen Sie es von einem Kind? Vielleicht hat er es auch getan, all die Jahre hindurch, und Sie haben es nur nicht gemerkt!“

„Er sollte auf das Kind aufpassen, hat es meiner Frau versprochen, und dann muss er doch fortgegangen sein. Ich verstehe das nicht. Das Kind muss ihm nachgelaufen sein!“

„So könnte es gewesen sein, und wenn er tatsächlich ging, dann nur, weil er wieder neuen Stoff brauchte, weil er ausgelaugt war!“

Peter starrte den Arzt an. „Er wollte also Rauschgift holen und vergaß darüber seine Schwester.“

„Das ist ja das Schreckliche an diesem Zeug. Wenn sie einen neuen Schuss brauchen, ist nur das wichtig. Alles andere zählt nicht mehr. Sie könnten ruhig nebenan liegen und eines schlimmen Todes sterben, der Süchtige sieht nur sich.“

„Ist das denn nicht animalisch?“

Han schwieg und blickte aus dem Fenster. Peter erhob sich. Der Mann hatte ihm jetzt alles gesagt. Er wusste Bescheid.

Thomas hatte versagt. Peter schluckte. Nein, Thomas nicht, sondern er, die ganzen Jahre. Marge hatte mehr Verständnis für sein Kind aufgebracht als er.

In diesen entsetzlichen Minuten schwor er sich, wenn beide Kinder wieder gesund würden, dann wollte er ein anderes Leben beginnen, nicht als Außenseiter der Familie, sondern mit ihnen gemeinsam. Aber war das Schicksal noch einmal barmherzig?

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Marge stand in ihrem Schlafzimmer und packte einen Koffer. Ihre Bewegungen waren eckig. Es war, als befände sie sich in einem Traum, als müsse sie noch aufwachen. Unbewusst führten ihre Hände die Bewegungen aus. Unordentlich wurden die Sachen in den Koffer geworfen.

Die Tür öffnete sich, und Peter betrat im Morgenmantel den Raum. Als er gegen morgen die Klinik verlassen hatte, war er so müde, so ausgelaugt gewesen, dass er zu Hause wie ein Stein ins Bett gefallen und traumlos eingeschlafen war. So hatte er alles vergessen können. Aber irgendein Geräusch hatte ihn geweckt; er war aufgestanden und stand jetzt vor Marge.

Er runzelte die Stirn.

Marge bemerkte ihn nicht. Sie schluchzte leise vor sich hin und lief hastig zwischen Schrank und Koffer hin und her.

„Marge?“ Peter wischte sich mit einer Hand das Haar aus dem Gesicht und kam näher. „Marge, was machst du denn da?“

Er fasste nach ihren Händen, hielt sie ganz fest und zwang sie so, ihn anzusehen. Vor ihren Augen erschrak er zutiefst. Sie waren tot, leer und eingefallen. Dass sich ein Mensch in wenigen Stunden so verändern konnte.

„Liebe Marge, du bist müde. Geh’ schlafen. Du musst dich ausruhen, hörst du, dann wird alles wieder gut. Du bist jetzt erschöpft und müde!“ Er sprach zu ihr wie zu einem Kind. Er wollte sie trösten, obwohl er selbst des Trostes bedurfte.

„Schlafen?“, sagte sie leise. Dann schüttelte sie den Kopf. Ihr Blick glitt von seinem Gesicht; ihre Augen suchten den Ausgang.

„Ich darf jetzt nicht schlafen. Ich muss zu meinem Kind. Ich muss bei ihr bleiben, bei ihr wachen, sonst stirbt sie. Aber sie darf nicht sterben, sie darf nicht. Sie ist das Erbe meines Mannes. Ich muss sie hüten, beschützen!“

Es gab ihm einen Stich. Zum ersten Mal nach langer Zeit erwähnte sie ihren ersten Mann wieder. Hatte er ausgespielt? War alles vorbei?

„Marge“, seine Stimme klang spröde, „die Schwestern werden für das Kind sorgen. Sie tun alles, was in ihrer Macht liegt. Du musst bei Kräften bleiben. Du darfst dich nicht verausgaben. Ruh dich aus. Du musst doch müde sein.“

„Nein, ich gehe ins Krankenhaus zurück. Ich bleibe bei meinem kleinen Mädchen. Die Schwester stellt ein Bett in ihr Zimmer, und ich bleibe bei Lilly.“ Nun rannen die Tränen unaufhaltsam über ihr Gesicht.

Peter ließ die Arme sinken.

„Ist das das Ende, Marge? Soll alles vorbei sein? Gehst du von mir fort? So?“

Ihre nervösen Hände zerrten an dem Taschentuch. Sie wischte sich über das Gesicht, sah ihn aber nicht an.

„Ich muss zu ihr, du verstehst das nicht. Ich bin doch ihre Mutter. Meine kleine Lilly“

„Auch Thomas ist schwerkrank, und ich bin sein Vater. Und auch ich liebe Lilly als wäre sie meine Tochter. Hast du das vergessen, Marge?“ Es klang bitter.

„Thomas?“ Marges Augen weiteten sich. „Er ist Schuld. Er hat Lilly immer gehasst. Er hat gewollt, dass sie stirbt, und jetzt geht sein Wunsch womöglich in Erfüllung. Er mochte das Kind nie. Er ist fortgelaufen. Er ist der Schuldige!“

„Thomas soll Lilly gehasst haben?“, fragte Peter erstaunt.

„Ja, vom ersten Augenblick an. Ich habe es die ganze Zeit gewusst. Trotzdem bin ich zu euch mit Lilly gekommen. Ich habe mir Mühe gegeben. Ich habe versucht, ihn zu verstehen. Ich liebte ihn. Ich war bereit, alles für ihn zu tun. Aber er hasste mein kleines Mädchen. Er hat mich belogen. Er versprach, auf Lilly acht zu geben, und hat es nicht getan. O mein Gott!“

Das waren harte Worte. Peter fühlte sich unbehaglich, aber was sollte er darauf antworte? Einesteils hatte sie ja recht. Thomas hatte versagt, aber dann erinnerte er sich wieder an das Gespräch mit dem Arzt. Er musste es ihr sagen. So durfte sie nicht von seinem Jungen denken.

„Es war nicht seine Schuld. Das darfst du ihm nicht aufbürden, Marge, Thomas ist unschuldig!“

Sie sah ihn mit einem so seltsamen Ausdruck an, dass er erschrak.

Unsicher fügte er hinzu: „Er ist dem Rauschgift verfallen. Der Arzt hat es mir heute früh gesagt. Thomas war nicht zurechnungsfähig. Er wusste nicht, was er tat. Wir dürfen nicht so grausam sein, Marge!“

Die Frau war aufgestanden, sehr ruhig und beherrscht. Sie schloss den Koffer und streifte sich die Kostümjacke über.

„Ich gehe jetzt.“

„Wohin?“

„Ins Krankenhaus.“

Er konnte sie nicht zurückhalten.

„Wirst du wiederkommen? Ich meine, wenn alles überstanden ist?“

Marge blieb an der Tür stehen und sah ihn an. „Wenn Lilly stirbt, wenn sie stirbt...“, dann hörte er nichts mehr. Sie rannte wie eine Irre die Treppe hinunter. Unten schlug die Tür zu, und dann war es still im Haus.

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Verzweiflungsvolle Tage und Nächte brachen an. Die Verletzungen stellten sich als schwerer heraus, als es zu Anfang den Anschein hatte. Lillys Leben war am Erlöschen. Das kleine Mädchen war noch nicht wieder erwacht. Es rang mit dem Todesengel. Und auch Thomas ging es sehr schlecht. Nicht nur, dass er den Verlust des Blutes überwinden musste, sein Körper war auch so völlig geschwächt und ausgelaugt. Es war nur gut, dass er nicht bei Bewusstsein war; so nahm er das Schreckliche nicht wahr.

Die Großmutter war sofort zurückgekommen und wollte Marge am Sterbebett ihrer kleinen Tochter ablösen. Die junge Frau war ja nur noch ein Schatten ihrer selbst. Aber Marge schüttelte nur den Kopf und wies alle von sich.

Stunde um Stunde saß sie am Bett, sah auf das eingefallene Gesichtchen ihres Kindes und fühlte immer wieder den Pulsschlag. Wie erstarrt saß sie da und sah und hörte nichts um sich herum. Sie fragte nicht nach ihrem Mann und dem Jungen. Für sie galt nur dieses Leben, das ihr so kostbar erschien. Und das sollte sie nun opfern? Sinnlos opfern?

Ärzte und Schwestern redeten auf die Frau ein, aber sie ließ sich nicht davon abbringen. Niemand brachte es übers Herz, ihr zu sagen, es bestehe keine Hoffnung mehr. Es war ergreifend, wenn man die Mutter sah. Still und gedrückt verließen die Schwestern das Zimmer.

Auch Peter sorgte sich um das Leben des kleinen Mädchens, denn er hatte Lilly auch sehr liebgewonnen. Aber Marge ließ ihn nicht heran. Sie wollte niemanden sehen. Jeden Tag kam er in die Klinik, blieb Stunden bei seinem Sohn und ließ sich vom Arzt Bericht erstatten. Er hatte Geld genug, aber konnte er damit das Leben der beiden Kinder retten?

In diesen schrecklichen Stunden ging ihm auf, wie sinnlos es doch war, immer dem Geld und dem Erfolg nachzujagen. Wenn die Kinder starben, dann hatte er nichts mehr. Im selben Augenblick würde sich auch Marge von ihm abwenden. Sie gab seinem Sohn die Schuld und gleichzeitig auch ihm, dem Vater, dem der Zustand des Jungen entgangen war.

Jeden Tag musste er nach Hause gehen und seiner Mutter Bericht erstatten. Sie sah ihn bekümmert an.

„Warum hat er das nur getan? Warum, Peter?“

Er konnte keine Antwort darauf geben.

Thomas lag in tiefem Koma und war noch nicht erwacht.

„Wenn ich hiergeblieben wäre, wäre es nicht passiert. Glaubst du, Peter, dass sie wieder gesund werden? Sie müssen einfach gesund werden!“

„Nach unseren Wünschen wird nicht gefragt. Wenn der Herrgott es nicht will, dann können wir nichts machen. Nur warten, immer nur warten.“

„Ja“, sagte die alte Dame. „Aber es ist so schwer, so schrecklich schwer. Arme kleine Lilly!“

Peter verließ hastig das Zimmer.

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Immer war der Vater nur auf einen Sprung bei ihm gewesen. Nun saß er hier an seinem Bett, als könne ihn keine Macht der Welt von diesem Platz vertreiben.

Impulsiv streckte der Vater die Hand aus und legte sie über die des Sohnes. Sie fühlte sich kalt und welk an. Ein Frösteln rieselte seinen Rücken hinunter, aber er nahm sie nicht fort.

„Thomas“, sagte er leise. Und noch einmal: „Thomas, Junge!“

Schweigen.

„Wie geht es dir? Hast du noch große Schmerzen? Möchtest du etwas? Sprich doch. Ich bin so froh, dass du endlich wieder aufgewacht bist. Wir haben uns Sorgen um dich gemacht, mein Junge.“

Diese Worte erwärmten das Herz des Jungen. Er hatte Vorwürfe erwartet, aber nicht warme, herzliche Worte. Und dann noch von seinem Vater. Er begann zu weinen. Er konnte nicht anders. Aber er hatte nicht einmal die Kraft in den Armen, die Tränen fortzuwischen.

Peter ließ ihn gewähren. Er spürte, dass es Thomas gut tat. Und nach langer Zeit hatte der Junge sich wieder gefangen. Seine Lippen öffneten sich. Er wollte etwas sagen, aber es fiel ihm noch schwer zu sprechen. Peter beugte sich über ihn, um ihn zu verstehen.

„Ja? Was willst du sagen?“

„Lilly?“, brachte der Junge mühsam hervor.

Der Vater richtete sich wieder auf. Thomas las in seinen Augen. Er hatte Angst.

Peter Jensen schluckte.

Er hatte schon viel im Leben gesehen und erlebt, aber er war nie so erschüttert über seinen Anblick wie in diesem Augenblick. Fast schämte er sich, als ihm bewusst wurde, das er am Bett Halt suchte. Hart umfassten seine Hände das Holz, und die Knöchel traten weiß hervor. Der Mann schluckte.

Das sollte sein Sohn sein? Er hatte sich über Nacht erschreckend verändert.

Ein greisenhaftes Gesicht blickte Peter an. Die gelbe Haut spannte sich über die scharf hervortretenden Backenknochen. Nur die Augen lebten in diesem Gesicht. Der weiße Verband um den Kopf machte alles noch schlimmer und grauenhafter.

Seine Hände lagen leblos auf der Bettdecke. Erschöpft und ausgelaugt wirkte der Junge. Er hatte viel durchmachen müssen, und nun war er endlich aus dem Koma erwacht.

Als Thomas seinen Vater am Fußende des Bettes gewahrte, versuchte er ein kleines Lächeln. Doch der Schnitt quer durch das Gesicht schmerzte immer noch, und so unterließ er es und sah seinen Vater nur unverwandt an.

Peter fühlte, er musste jetzt etwas sagen, tröstend auf ihn einreden. Aber er war so verwirrt, so durcheinander. Hoffentlich bemerkte der Junge es nicht. Langsam kam er näher, schob einen Stuhl an das Bett und setzte sich.

Sie sahen sich unverwandt an. So nahe waren sie sich noch nie gewesen.

Was sollte er dem Jungen sagen? Ihn noch mehr aufregen? Musste er nicht an seine Gesundheit denken? Würde es nicht zu einem Rückschlag kommen?

„Wo ist Lilly?“, stieß Thomas hervor. „Wo?“

Zögernd begann Peter: „Sie ist auch hier, die kleine Lilly. Sie ist noch krank.“

Thomas schloss erschöpft die Augen und dachte über die Worte nach. Er sah alles wieder vor sich und stöhnte. Der Vater war so seltsam. Verschwieg er ihm etwas?

Ein Zittern ging durch seinen Körper. Bei jedem Atemzug taten die Wunden weh.

„Sie wird doch nicht sterben?“

Peter schlug schnell die Augen nieder, aber Thomas hatte genug gesehen. Er stöhnte wild auf, wollte aus dem Bett springen. Peter hielt ihn zurück.

„Mach’ keine Dummheiten, hörst du! Du musst jetzt sehen, dass du gesund wirst; das Andere wird schon werden.“ Wie ein kleines Kind legte er ihn in die Kissen zurück. Thomas griff wie ein Ertrinkender nach den Händen des Vaters.

„Sie wird sterben, ich weiß es, und es ist meine Schuld. Ich habe versagt. Und Marge“, er schloss für Sekunden die Augen, „Marge war immer gut zu mir. Sie hat es gut mit mir gemeint, aber jetzt wird sie nichts mehr mit uns zu tun haben wollen. Vater, ich schäme mich so. Ich habe mir eine schreckliche Schuld aufgeladen.“

„Ruhig, Thomas. Bitte sprich doch nicht so viel!“

„Doch, ich muss jetzt alles sagen, sonst ersticke ich. Ich wollte ja bleiben, wollte aufpassen, aber das Andere war stärker. Ich habe mich dagegen aufgelehnt, aber ich hatte keinen eigenen Willen mehr. Ich musste gehen, verstehst du das?“

„Du meinst, weil die Gier nach dem Zeug stärker war?“

„Du weißt es?“, stammelte Thomas leise.

„Ja, der Arzt hat es mir gesagt.“

Mit weit geöffneten Augen lag der Junge da und starrte zur Decke.

„Man vergisst alles um sich herum“, sagte er leise. „Man ist kein Mensch mehr.“

„Warum hast du es getan, Thomas? Warum?“

„Ich fühlte mich verraten, zur Seite geschoben, von dir und von der Großmutter. Ich hasste Lilly und Marge. Sie waren in mein Reich eingedrungen. Ich war so schrecklich einsam. Alles drehte sich nur um das Kind. Auch du hattest nur noch Augen für sie, und deine Frau war dir wichtiger als ich. Ich war nur ein Schatten.

Bei Freunden gab man mir die erste Zigarette, und ich kam nicht davon los. Es gab mir ein Gefühl, wie soll ich sagen? Ich war stolz, überlegen, ich fühlte mich als ganzer Kerl. Die Welt änderte sich schlagartig für mich. Es war wundervoll, aber nur solange der Rausch anhielt. Dann brauchte ich neuen Stoff, und wenn man eine bestimmte Zeit damit wartet, dann wird man ganz wild danach.“

Thomas atmete schwer. Hektische rote Flecken bildeten sich auf seinen Wangen, aber er wollte jetzt alles sagen. Er musste sich endlich von diesem Alpdruck befreien.

„Ich hatte mich geirrt. Mein Leben lang habe ich mich immer nur geirrt. Marge hat mich gern; sie hat es mir gesagt. Sie hat sich um mich gekümmert. Sie meinte es gut mit mir, aber ich erfuhr es erst, als ich das Zeug schon nahm. Ich hatte nicht die Kraft, davon loszukommen. Vielleicht hätte ich es geschafft, wenn ich ihr alles gesagt hätte, aber ich habe mich so geschämt, kannst du das verstehen? Ich wollte nicht als Versager gelten. Außerdem hätte ich ihr dann auch sagen müssen, wie sehr ich ihr Kind gehasst habe.“

Peter war erschüttert. Alles war so, wie der Arzt und Marge es ihm gesagt hatten. Fremde Menschen hatten seinen Sohn besser verstanden als er.

„Doch jetzt ist es zu spät. Jetzt wird sie von mir nichts mehr wissen wollen. Ich habe versagt. Und wenn Lilly stirbt..“

„Noch lebt sie“, sagte Peter rau. „Du darfst nicht so reden. Man darf die Hoffnung nie aufgeben, hörst du?“

„Wo ist Marge jetzt?“

„Wo schon? Bei ihrem Kind. Es liegt nebenan. Aber nun sag’ mir auch, wie es in der Nacht war. Was hat sich zugetragen? Wie ist das passiert?“

„Ich wollte schnell wieder zurück sein, aber Lilly lief mir nach. Ich hörte sie rufen, hatte aber einen unbändigen Zorn auf das Kind. Und dann schrie sie fürchterlich. Diesen Schrei werde ich mein Leben lang nicht vergessen, dann sah ich den Kerl, und plötzlich wusste ich nur eins: Ich musste Lilly helfen. Ich rannte hin und entriss ihm Lilly. Ja, und dann stach er immer wieder auf mich ein. Aber nur ein Gedanke war wichtig für mich: Lilly musste weg. Alles andere war egal, und dann wurde ich irgendwann einmal wach und schleppte mich zur Kneipe.“

Peter hatte glänzende Augen. „Wenn du nicht zurückgelaufen wärst, Thomas, dann wärst du nicht verletzt worden. Du hast dein Leben für Lilly aufs Spiel gesetzt. Du hast Lilly das Leben gerettet. Ist dir das noch nicht klar geworden?“

„Du glaubst das wirklich?“, fragte Thomas erregt.

„Ja, du hast vorbildlich gehandelt. Du bist also gar nicht so schlecht, wie du dich selbst sieht. Du bist Lillys Lebensretter, und daran musst du jetzt denken. Alles andere wollen wir vergessen, hörst du? Auch der Großmutter erzählen wir nichts davon.“

Wieder liefen Tränen über das Gesicht des Jungen. Sein Puls ging schnell, die Brust hob und senkte sich. Mit geschlossenen Augen flüsterte er: „Wenn du doch früher so zu mir gewesen wärst wie jetzt, Vater! Wie glücklich hättest du mich gemacht. Wie stolz wäre ich gewesen. Wie sehr habe ich immer auf ein liebes Wort von dir gewartet. Ich habe nur immer gewartet.“

Peter strich dem Jungen unbeholfen über die wirren Locken. Der Junge fühlte diese Geste, und sie war Balsam für sein wundes Herz.

„Ich weiß, mein Junge. Jetzt erst weiß ich, was für ein Narr ich all die Jahre gewesen bin. Aber ich schwöre dir, es wird alles anders werden, und ich bitte dich, mir zu verzeihen. Kannst du das?“

„Ich habe dir schon verziehen.“

„So wollen wir ganz von vorn beginnen, du und ich!“

Nun lächelte er trotz der Schmerzen. „Und Marge und Lilly?“

Peter stand schnell auf. Er hatte jetzt nicht mehr die Kraft, dem Jungen zu sagen, dass seine Ehe zerbrochen war. „Wirst du wiederkommen?“

„Ich bin doch jeden Tag gekommen, mein Junge, und so wird es auch bleiben. Großmutter wird auch kommen. Sie wartet schon voller Sehnsucht darauf, dich endlich besuchen zu dürfen.“ Peter verließ das Zimmer.

Thomas lag ganz ruhig in seinem Bett und blickte auf die Tür.

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Niemand hatte den Mut, der verzweifelten Mutter die Wahrheit zu sagen.

Marge klammerte sich mit einer solchen Leidenschaft an das Kind, dass die, die es sahen, erschüttert davongingen. Mittlerweile wussten alle im Krankenhaus, wie sich diese Tragödie zugetragen hatte.

Alle hofften auf das große Wunder, aber der Todesengel stand schon im Zimmer des kleinen Mädchens. Es war zu schwach und hatte nicht mehr genug Lebenskraft in sich. Langsam zerrann das junge Leben.

Dr. Han wollte nicht aufgeben. Er ging zum Professor, um sich dort einen Rat zu holen. Müde wirkte er in diesen Minuten. Niemand wusste, wie sehr sich dieser Arzt verausgabte. Er gönnte sich kaum Schlaf. Immer war er bereit, zu helfen.

„Wenn das Kind stirbt, stirbt auch die Mutter!“ Mit fahrigen Händen zündete er sich eine Zigarette an.

„So ist nun mal das Leben, lieber Doktor. Wir sind nicht allmächtig. Leider!“

„Aber ich kann nicht einfach herumsitzen und zusehen wie Kind und Mutter sterben. Ich kann das nicht; ich bin nicht so abgestumpft. Immerzu denke ich daran, es könnte auch meine kleine Tochter sein. Herr Professor, geben Sie mir einen Rat. Was kann ich tun. Sie muss am Leben bleiben.“

„Ihr Wunsch und Ihre Bemühungen ehren Sie, lieber Kollege, aber was soll ich Ihnen raten? Haben wir nicht alles Menschenmögliche getan?“

Dr. Han schüttelte den Kopf.

Es war sinnlos, er wusste es. Man musste sich ins Unvermeidliche schicken, das gehörte auch zu seinem Beruf. Aber es war verdammt schwer. Wie viel gäbe er darum, wenn er dieses Zimmer nicht mehr betreten müsste. Der Junge war endlich auf dem Weg der Besserung.

Der Professor hatte Mitleid mit dem jungen Arzt. Er war früher selbst einmal so gewesen. Aber wenn man solange diesen Beruf ausübte wie er, dann wurde man genügsam und haderte nicht mehr mit dem Schicksal. Aber er wusste auch, er musste etwas sagen, musste dem Kollegen raten. Deswegen war Dr. Han ja gekommen. Tatenlos herumsitzen und warten, das war dem Kollegen zuwider.

„Vielleicht versuchen wir es noch einmal mit einer Blutübertragung. Das hat oft schon Wunder gewirkt. Was meinen Sie, Kollege?“

Dr. Hans Augen leuchteten. „Ich selbst habe schon daran gedacht. Warum nicht? Ja, ich werde es tun.“ Er sprang elastisch auf und fühlte sich offensichtlich wohler. Er hatte eine Aufgabe zu erledigen.

„Warten Sie, ich komme mit. Ich will selbst das kleine Mädchen noch einmal sehen!“ Der Professor erhob sich hastig.

Stumm schritten sie über den Flur, und als sie die Tür öffneten, sahen sie beide die Frau. Marge saß neben dem Bett. Für sie hatte die Welt aufgehört zu existieren. Sie sah nur das kleine eingefallene Gesicht ihres Kindes. Noch hob und senkte sich die Brust.

„Frau Jensen!“

Sie blickte für einen kurzen Augenblick auf, aber ihre Augen wirkten wie erloschen.

„Was wollen Sie?“ Brüchig klang ihre Stimme.

„Wir möchten uns Lilly noch einmal ansehen“, sagte der Professor behutsam.

Dr. Han schob das Bett aus dem Zimmer, da erwachte Marge aus ihrer Erstarrung. Wie eine Tigerin stürzte sie sich auf den Arzt und wollte ihn zurück reißen.

„Nein! Sie stehlen mir mein Kind. Nein, es bleibt hier! Ich lasse mir nicht mein Kind fortnehmen. Lilly wird wieder gesund, Sie dürfen sie nicht fortbringen, nein!“ Der Schrei gellte durch die Gänge.

Peter hörte ihn und rannte den Flur entlang.

Der Professor hielt die Rasende zurück. „Aber wir wollen Lilly doch helfen. So hören Sie doch. Wir wollen eine nochmalige Blutübertragung vornehmen!“

„Sie werden sie töten“, schluchzte Marge.

Peter war an ihrer Seite. Der Professor gab ihm einen Wink. Kraftlos glitten ihre Hände vom Ärmel des jungen Arztes.

Dann war sie allein. Dort, wo eben das Bett gestanden hatte, war jetzt gähnende Leere. Langsam ließ sich Marge in den Sessel gleiten und weinte bitterlich.

„Marge“, würgte Peter hervor. „Marge, sie meinen es doch nur gut.“

Jetzt erst bemerkte sie ihren Mann. „Glaubst du?“ Aber sie erwartet gar keine Antwort. Sie sprach zu sich.

„Bestimmt. Sie würden es doch nicht tun, wenn nicht noch ein Hoffnungsfunke bestünde.“

„Ja, aber Lilly darf nicht sterben. Ich hätte nicht weggehen dürfen. Thomas hat sie auf dem Gewissen. Er wollte, dass sie stirbt, und jetzt geht sein Wunsch in Erfüllung. Dabei habe ich es immer gut mit ihm gemeint.“

Die Transfusion dauerte lange, aber das Kind lebte noch. Dann endlich war sie wieder in ihrem Zimmer. Die Nacht war bereits angebrochen.

In dem Augenblick, als Marge ihr Kind wieder bei sich hatte, musste Peter gehen. Sie wollte allein sein. Mit dem jungen Arzt wachte sie die Nacht durch. Nichts regte sich in dem Bettchen. Noch immer lagen die schmalen Händchen leblos auf der Bettdecke. Die Augen lagen tief in den Höhlen. Wächsern wirkte das Gesicht, als wäre das Kind schon gestorben.

Und dann bemerkte der Arzt gegen Mitternacht eine Veränderung. Die bleichen Wagen bekamen etwas Farbe, die Starre der Glieder löste sich. Eine Bewegung ging durch das Kind. War das etwa das Ende?

Und dann geschah das Wunder, auf das niemand mehr gehofft hatte.

Lilly schlug die Augen auf. Mutter und Arzt sahen atemlos zu. Sie erkannte ihre Mutter, wollte lächeln, war aber noch zu schwach und müde.

„Ist der böse Mann fort?“, piepste sie.

„Ja, mein Liebes, jetzt bin ich bei dir!“

Das Kind schloss die Augen und lächelte. „Gut, jetzt habe ich keine Angst mehr. Wo ist Mia?“

„Sie meint ihre Puppe“, flüsterte Marge dem Arzt zu.

Dr. Han ergriff die Hände der jungen Mutter und sagte leise: „Wir haben es geschafft, gnädige Frau!“

„Ja?“

„Ja, es gibt keinen Zweifel mehr.“

Endlich, konnte Marge sich ausruhen und schlafen.

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Lilly erwachte. „Mama?“, rief sie leise. Als sie keine Antwort erhielt, stützte sie sich auf und sah im Zimmer umher. Sie wurde von Tag zu Tag kräftiger. Bald würde sie das Krankenhaus verlassen dürfen, und darauf freute sie sich schon. Seit Tagen lernte sie wieder laufen; noch waren die Beine dünn und schwach, aber die Mutter hatte ihr versprochen, mit ihr an die See zu fahren. Dort würde sie wieder ganz gesund werden.

Eben hatte sie von der See geträumt und wollte es der Mutti erzählen. Ob sie fortgegangen war? Aber da sah Lilly die Mutter schlafend im Bett liegen. Das kleine Mädchen stülpte die Lippen vor und überlegte. Nein, wecken wollte sie die Mutti nicht. Sie sah so müde und traurig aus. Aber es war schrecklich langweilig im Bett. Was sollte sie tun?

Ob ich aufstehe und zu den netten Schwestern gehe?, überlegte Lilly. Ich kann ja schon wieder laufen, zwar bin ich noch ein bisschen wacklig, aber das macht doch nichts. Ihr Blick ging durch das Zimmer. Dort standen die roten Hausschuhe und daneben hing der Bademantel. Bevor die Mutti wach wird, werde ich längst wieder da sein, beruhigte Lilly sich selbst.

Behutsam öffnete sie die Tür, aber auf den langen Gängen war keine Schwester zu sehen. Zu dumm. Was sollte sie nun beginnen? Sie konnte nicht mal in den Garten schauen, so hoch waren die Fenster.

Und dann erinnerte sich Lilly an die Worte des Arztes, die er an ihre Mutter gerichtet hatte. Thomas war ja auch im Krankenhaus, und er lag direkt neben ihr. Wäre das nicht lustig, wenn sie ihn besuchen ging? Thomas musste ja viel länger bleiben und hatte noch arge Schmerzen.

Die erste Tür, die sie öffnete, war nicht die Richtige, aber die Nächste. Ganz leise schlich sie ins Zimmer. Am Fenster stand das Bett. Zuerst sah sie nur die vielen Kissen darin. Auf Zehenspitzen balancierte sie näher.

„Thomas?“, rief sie ängstlich.

Nun bewegte sich der Kissenberg. Sie sah eine schmale, abgemagerte Hand und dann den ganzen Thomas.

„Huhu, Thomas, ich bin’s, Lilly. Schau mal, ich darf schon laufen!“

Der Junge richtete sich mühsam auf. Der Verband um seinen Kopf war verschwunden. Dafür überzog eine große entstellende Narbe das ganze Gesicht.

Lilly sah ihn groß an. „Du siehst so anders aus, Thomas. Bist du es wirklich?“

Der Junge schluckte. Es war die erste Begegnung zwischen den Kindern.

„Natürlich bin ich es“, sagte er rau.

Das kleine Mädchen kletterte auf den Stuhl, um ihn besser sehen zu können.

„Ich darf bald nach Hause, du auch?“

„Nein, noch nicht!“

Sie überlegte. Er machte ein so trauriges Gesicht, und sie hatte den Wunsch, ihn zu trösten.

„Ich werde dich oft besuchen kommen, das verspreche ich dir ganz fest.“

„Fein, Lilly!“ Und nach einer Weile setzte er behutsam hinzu: „Du bist mir nicht mehr böse? Ich meine, wegen damals?“

„Weil du fortgelaufen bist! Ich hatte ganz tolle Angst, aber du wirst es doch nicht mehr tun, nicht wahr, sonst kommt der olle Mann wieder. Huch, hatte ich eine Angst! Und mit dem Messer hat er mich gestochen. Willst du mal sehen? Auf meinem Busen, jawohl! Aber der Doktor hat das wieder zugenäht mit richtigen Bindfäden, hat er mir gesagt. Aber die Bindfäden kann man nicht mehr sehen, nur noch die Punkte, wo er genäht hat.“ Das Plappermäulchen stand nicht mehr still.

Thomas hatte fiebrigglänzende Augen und sah das Kind unverwandt an. Er versuchte zu lächeln. Lilly war ihm nicht mehr böse. Sie schien überhaupt alles Schlimme vergessen zu haben, und das war auch gut so. Nein, er würde seine kleine Schwester nie mehr im Stich lassen. Jetzt konnte er gar nicht mehr begreifen, wie er sie damals hatte hassen können.

„Du, Thomas, darf ich zu dir ins Bett? Ich fände das ulkig, ja?“

„Komm’ nur, wenn du willst!“

Das brauchte man ihr nicht zweimal zu sagen. Ehe der Junge es sich versah, lag sie an seiner Seite. Sie rückte hin und her, und er fühlte Stiche in der Brust, wenn sie sich bewegte. Aber er sagte nichts und biss die Zähne zusammen. Eine zärtliche Wärme ging von dem kleinen Körper aus. In seiner Armbeuge ruhte der Blondkopf, und sie lachte und plauderte unbefangen mit ihm.

„Ich freue mich schon, wenn ich wieder zu Hause bin. Sicher ist mein Pony schon schrecklich traurig, weil ich so lange nicht mehr zu ihm gekommen bin.“

„Der Gärtner wird schon für das Tier gesorgt haben, glaubst du nicht?“

„Schon, aber es ist mein süßes Pony, und es ist traurig, wenn ich nicht komme. Ich hab’ es doch lieb, so wie dich, aber du bist jetzt nicht mehr so garstig wie früher, nicht? Jetzt bist du immer nur nett zu mir und Mia und schickst uns nicht fort aus dem Zimmer, ja?“

Weiche Kinderarme schlangen sich um seinen Hals, und ehe der kranke Junge es sich versah, küsste Lilly ihn auf die Lippen. Er wurde puterrot, hatte aber nicht die Kraft, das Kind von sich zu schieben.

In diesem Augenblick ging die Tür auf. Beide merkten es nicht. Schritte kamen näher.

„Lilly?“, rief eine Stimme erstaunt.

Das Mädchen wandte sich um und lächelte unter den langen Wimpern hervor.

„Peter!“ Sie klatschte in die Hände und lachte laut auf. „Du bist da? Fein. Ich bin der Mutti fortgelaufen. Sie schläft.“

„Sie weiß gar nicht, dass du hier bist?“

„Nee, sie schläft doch, hab’ ich gesagt.“

Peter war ganz verdattert. Beklommen sah er Thomas an. Der Junge machte ein verklärtes Gesicht.

„Peter, weißt du, wo meine Mia ist? Ich möchte sie so gern bei mir haben. Manchmal mopse ich mich schrecklich, wenn die Mutti schläft.“

Der Kragen wurde ihm eng. „Sie ist bei uns zu Hause“, murmelte er.

„Ich werde der Mutti sagen, sie soll mir Mia holen. Immer vergisst sie das, wenn sie mal weggeht. Du musst ihr genau sagen, wo sie ist, nicht, Peter?“

Der Mann betrachtete seine Hände. Wie sollte er diesem Kind erklären, dass Marge seit jener Nacht sein Haus nicht mehr betreten hatte, und dass sie es wohl auch nicht mehr tun würde? Das Band, das sie gehalten hatte, war zerbrochen. Er wusste es schon lange.

Thomas sagte leise: „Lilly sagt, sie fährt zur See, fährst du auch mit?“

Der Vater schüttelte den Kopf. „Nein, sie fahren allein.“

Der Junge wurde blass. Langsam sagte er: „Dann stimmt es also? Sie wird nicht zu uns zurückkommen?“

Er kämpfte gegen die Tränen an. Sie wollten kommen, aber er durfte vor Lilly nicht weinen. Schließlich war er kein Kind mehr.

„Ich hab’ das alles vermasselt. Es ist meine Schuld“, er schluckte. „Und jetzt habe ich sie so lieb, ich meine, das Kind!“

„Du sollst dir keine Vorwürfe machen, Junge.“

„Aber ich tue es. Ich kann nicht anders. Es tut schrecklich weh; denn jetzt weiß ich, wie gern du sie hast. Du musst nun meinetwegen auch noch leiden. Das halte ich nicht aus. Das geht über meine Kraft!“

Was sollte Peter darauf antworten? Er konnte den Jungen weder trösten noch das Gegenteil behaupten. Es war doch so, wie der Junge gesagt hatte.

Lilly verstand kein Wort von der Unterhaltung. Es wurde ihr zu dumm, als sich eine Weile niemand um sie kümmerte. Darum rief sie laut dazwischen: „Ich werde die Mutti fragen. Sicher nimmt sie den Thomas dann mit, der sieht doch auch ganz blass aus, nicht, Peter?“

Der Mann strich über das zerzauste Haar des Kindes. „Ach du“, sagte er leise, „du wirst mir fehlen; uns allen wirst du fehlen. Warst doch unser Sonnenschein!“

„Wenn du so traurig bist, fahr’ doch einfach mit. Dann fahren wir alle, das gibt viel Spaß. Viel mehr, als wenn ich nur mit der Mutti fahre.“ Sie klatschte in die Hände und konnte sich vor Freude über diesen guten Einfall kaum halten.

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Mit einem Ruck war Marge hoch und sah mit ängstlichen Augen auf das andere Bett. Sekunden verstrichen, bis ihr klar wurde, dass Lilly verschwunden war. Ihre Nerven versagten. Sie hatte in den letzten Wochen so viel mitgemacht, dass die kleinste Aufregung sie schon umwarf. Wie gehetzt sprang sie aus dem Zimmer und rannte den langen Flur entlang. Nirgends konnte sie das Kind entdecken.

Lilly war fort.

Dann sah sie die Stationsschwester und stürzte wie eine Ertrinkende auf sie zu. Schwester Elisabeth war erstaunt, als sie plötzlich der völlig verstörten Frau gegenüber stand.

„Wo ist Lilly, mein Kind?“

„Ist sie denn nicht in ihrem Zimmer?“

„Nein, nein. Von dort komme ich ja gerade!“

„Aber sie muss doch in der Nähe sein. Sicher ist sie ein wenig auf Entdeckungsreise gegangen. Warten Sie, gnädige Frau, die werden wir schnell finden.“

Elisabeth rief nach ein paar Lernschwestern, und gemeinsam begannen sie mit der Suche. Aber das Kind tauchte nicht auf. Marge befürchtete schon das Schlimmste. Doch die Fenster waren geschlossen, und das Kind konnte unmöglich hinausgestürzt sein.

„Haben Sie denn schon mal bei Thomas nachgesehen, Frau Jensen? Vielleicht ist sie zu ihrem Bruder gegangen?“

„Thomas?“ Marge wurde blass.

„Ja, das könnte sein. Er liegt doch direkt nebenan. Haben Sie das denn nicht gewusst?“

Gewusst vielleicht, aber in den schrecklichen Wochen war alles, was nicht mit Lilly zusammenhing, an ihr abgeglitten.

Marge lief über den Flur und blieb mit klopfendem Herzen vor der Tür stehen, dann drückte sie die Klinke herunter und betrat das Zimmer. Das Erste, was sie sah, war Lilly, die neben Thomas im Bett lag und den Jungen anlachte.

Sie wankte bis zum Fußende und blickte die Kinder an.

„Lilly“, sagte sie nur immer wieder. „Lilly!“

Peter war aufgesprungen. Marge sah ihn gar nicht. Sie sah nur ihr Kind. Ein Stein fiel ihr von der Seele, und sie atmete erleichtert auf.

Lilly rief fröhlich: „Ich glaube, wenn ich groß bin, werde ich Thomas heiraten, jaja!“

„Lilly, warum bist du fortgelaufen?“

„Guten Tag, Marge“, flüsterte Thomas, dessen Gesicht über und über rot geworden war.

Nach Wochen sahen sie sich das erste Mal wieder. Marge hatte gewusst, dass Thomas im Krankenhaus lag. Warum, das war ihr nie zum Bewusstsein gekommen. Sie hatte nur an ihr Kind gedacht. Und nun blickte sie auf den Jungen, der bald den Tod des kleinen Mädchens verschuldet hätte, den sie gehasst hatte in den schrecklich langen Nächten.

Aber er war kein trotziges Kind mehr; er sah so anders aus. Sie kannte ihn kaum wieder. Die Narbe, die eingefallenen Wangen, die abgezehrten Hände ließen ihn rührend hilflos erscheinen.

Unverwandt blickte sie Thomas an. Sie öffnete die Lippen und wollte etwas sagen, brachte aber lange Zeit keinen Ton hervor.

„Du bist krank?“, fragte sie scheu.

Peter kam näher. „Hast du das denn nicht gewusst? Thomas hat, um Lilly zu retten, sein Leben aufs Spiel gesetzt. Er ist arg zugerichtet worden!“

„Ist das wahr, Thomas?“

Er schlug die Augen nieder.

Sie schluckte, streckte langsam die Hand aus und berührte seinen Arm. Er ließ es geschehen.

„Ich habe es nicht gewusst. Ich habe es die ganze Zeit nicht gewusst!“

Lilly kroch auf den Schoß der Mutter und bettelte: „Wir wollen alle an die See fahren, Peter, Thomas, du und ich, ja? Nicht wahr, das wird fein, und vielleicht nehmen wir auch die Oma mit. Mal sehen, ob die schwimmen kann.“

Sie mussten alle lachen, ob sie wollten oder nicht.

„Ja, wenn du meinst“, sagte Marge langsam, und sie sah Peter fragend an.

„Marge“, er griff nach ihren Händen. „Marge!“

„Du kannst es nicht wirklich wollen“, sagte Thomas, „denn du musst mich doch hassen, ich weiß es. Ich bin ein Schuft!“

„Wärst du es wirklich, mein Junge, dann würdest du jetzt nicht hier liegen!“

Er starrte sie an.

„Soll das heißen ...?“ Seine Stimme wurde brüchig. Er konnte nicht weiterreden.

Marge errötete wie ein junges Mädchen. Sie legte die Wange auf das Haar ihres Kindes.

„Es ist wahr, ich habe dich gehasst, Thomas. Warum soll ich das abstreiten? Aber damals habe ich auch nicht die ganze Wahrheit gewusst. Lassen wir das, was war, hinter uns. Sollen wir alle nicht noch einmal ganz von vorn beginnen, du, Peter, Lilly und ich?“

Peter zog sie an sich und küsste sie ganz zart. Lilly drängte sich dazwischen.

„Ist das wirklich dein Wunsch, Marge? Wir hatten schon aufgegeben, Thomas und ich!“

„Der Sturm ist über uns hinweggebraust. Wir hatten nicht damit gerechnet. Aber nun wissen wir, dass wir zusammengehören, und wir werden uns auf jeden einzelnen verlassen können. Ich habe das Gefühl, dass wir erst jetzt eine richtige kleine Familie geworden sind!“

Da gab es nicht mehr viel zu sagen. Für große Worte waren sie alle nicht. Sie wussten nur, dass eine bessere Zukunft für sie alle anbrechen würde.

Wieder gingen ein paar Wochen ins Land, und dann war der Tag gekommen, an dem sie auch Thomas aus dem Krankenhaus holen durften. Sie waren alle gekommen: Peter, Marge, die Oma und Lilly. Thomas ging noch ein wenig steif und unbeholfen. Seine Narbe war brandrot und schmerzte ihn.

Als der Junge die Kleine sah, nahm er sie und hob sie hoch in die Luft, und sie lachten sich an.

„Ich habe schon mit einem Arzt gesprochen“, sagte Peter leise zu seiner Frau. „Wenn ein wenig Zeit verstrichen ist, will er sich die Narbe vornehmen. Durch plastische Operationen kann heute viel gemacht werden.“

Sie gingen zum Wagen. Lilly hüpfte neben Thomas her und strahlte ihn aus ihren Blauaugen an.

„Bin ich jetzt auch dein Sonnenschein?“, fragte sie mit spitzbübischem Lächeln.  ,

„Mein ganz großer Sonnenschein!“, erwiderte Thomas lachend, während Peter zärtlich Marges Hand drückte.

ENDE

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Ein Job für Anita

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von G. S. Friebel

Der Umfang dieses Buchs entspricht 105 Taschenbuchseiten.

Anita Gerdes arbeitet in einer Drogerie. Die Arbeit selbst gefällt ihr, jedoch die Zusammenarbeit mit ihren Kolleginnen nicht. Vor allem von der Ersten Verkäuferin wird sie immer wieder schikaniert. Eines Tages hat Anita genug. Sie findet in einer Zeitung eine Annonce, die sie interessant findet. Mit der Hoffnung, dass es nun für sie besser wird, kündigt sie, um die neue Stelle anzutreten, ohne jedoch zu wissen, was das für ein Geschäft ist, in dem sie arbeiten soll. Und dann betritt sie dieses und muss fassungslos feststellen, dass es ein Sex-Shop ist ...

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Copyright

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Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de 

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Man konnte wirklich nicht behaupten, dass sie beliebt war. Sie tat aber auch alles, um sich unbeliebt zu machen. So sahen es jedenfalls die Kolleginnen in der vornehmen Drogerie. Ja, sie waren sogar der Ansicht, dass sie vollkommen fehl am Platze war.

Anita Gerdes merkte das sehr wohl. Doch anfangs ließ es ihr Stolz nicht zu, dass sie es zeigte, wie weh man ihr damit tat. Gewissenhaft und ordentlich verrichtete sie ihre Arbeit. Der Chef war mit der Kraft zufrieden. Doch die Kolleginnen eben nicht.

»Sie gehört in einen kleinen Laden. Meinetwegen in der Stadtrandsiedlung. Das ist der reinste Stilbruch. Ich verstehe den Chef wirklich nicht. Wieso merkt er das nicht?«

Die Erste Verkäuferin, Fräulein Wittler, hatte eine besonders scharfe Zunge. Das kam daher, dass sie nicht verheiratet war und sich auch so grässlich benahm, dass sie nie einen Freund hatte. Natürlich hatten die anderen die Schuld. Andere Frauen hatten ihr die besten Männer weggeschnappt. Und jedem, der es hören wollte oder auch nicht, erzählte sie, wie gemein und widerwärtig die Freundinnen waren. Dabei habe sie so nette Männer gehabt. Wirklich! Nein, heiraten habe sie nicht gewollt. Man lebt ja nur einmal, und die Welt und ihre Ansichten waren ja so modern geworden. Warum sollte man sich da einen Ehemann zulegen? Frei und ungebunden hatte sie leben wollen. Leider war es nicht so. Also brauchte sie andere Opfer, um sich zu rächen, um ihre Launen abzureagieren. Die anderen kleinen Verkäuferinnen ließen sich nichts bieten. Im Gegenteil, da war eine, die war so schnippisch, man höre und staune, sie hatte der Wittler glatt auf den Kopf zugesagt, sie bilde sich das alles nur ein. Die Männer würden im Gegenteil einen großen Bogen um sie machen. Die Wittler war puterrot geworden. Das Früchtchen konnte es sich ja leisten. Sie war so kess und süß, die jungen Männer standen abends buchstäblich Schlange, um sie abzuholen. Sie war stets fröhlich und guter Laune.

»Was bilden Sie sich ein?«, keuchte die Wittler. »Das brauche ich mir nicht gefallen zu lassen.«

»Nein, ganz gewiss nicht«, sagte das freche Ding ernsthaft. »Was halten Sie davon, wenn Sie uns jetzt das Gegenteil beweisen? Dann nehme ich vor allen Kolleginnen mein Wort zurück. Na?«

Jetzt hatte ihr Gesicht eine fast grüne Farbe.

»Mit solch kindischen Dingen gebe ich mich nicht ab«, rief sie hochmütig und ging davon.

Es war ausgerechnet die bescheidene Anita, die ihr daraufhin über den Weg lief. Die Wittler drehte sich sofort um und rief: »Immerhin habe ich mehr Chancen als die Gerdes. Die kann doch wirklich keinen Hund hinterm Ofen hervorlocken.«

Die fünf Verkäuferinnen blickten Anita an. Diese wurde verlegen und huschte davon.

So war es gekommen, dass die Wittler sie ständig mit ihrer spitzen Zunge verfolgte. Und die anderen machten fröhlich mit, ohne überhaupt mal richtig nachzudenken, warum eigentlich. Anita hatte ihnen ja nichts getan. Im Gegenteil, sie übernahm oft noch Arbeit von anderen Kolleginnen, ohne etwas zu sagen. Ja, man konnte sie richtig ausnutzen.

Warum zog sie sich auch so altmodisch an? Und dann ihre Frisur! Dies war doch nun ein Geschäft, auf das man stolz sein konnte. Wer hier einkaufen kam, war wer. Diese Preise! Bloß weil sie mitten in der City arbeiteten, bildeten die Mädchen sich schon eine Stange darauf ein.

Anita verstand es einfach nicht. Wieso?, fragte sie sich immer wieder. Wir sind doch alle nur Verkäuferinnen. Warum tragen sie die Nasen so hoch?

Sie hatte solche Freude daran gehabt, als sie diese Stelle bekam. Sie umgab sich sehr gern mit schönen Sachen. Denn privat konnte sie sich das leider nicht leisten. Ihre Eltern waren arm. Sie erhielt auch keinen Zuschuss von daheim. Im Gegenteil, sie musste noch Geld heimschicken. Von dem, was da übrigblieb, konnte sie sich nur eine kleine Mansardenstube leisten, und an die Anschaffung von Kleidung war nur zu denken, wenn sie billig angeboten wurde.

Anita dachte an später. In ein, zwei Jahren würde sie auch mehr verdienen. Jetzt hatte sie ja erst mal gerade als Verkäuferin angefangen. Kurz nach der Lehre konnte man nicht so viel verlangen. Anita wusste außerdem nicht, dass der Chef sie unterbezahlte.

Am Montag war es ganz schlimm. Dann erzählten die anderen immerzu davon, was sie alles erlebt hatten. Ein paar hatten Freunde, die ein Auto besaßen. Sie waren oft unterwegs, oder sie gingen tanzen. Selbst die Wittler hatte dann immer eine Menge zu erzählen. Bei ihr strotzte alles vor Vornehmheit. Und welch nette Leute sie kannte, nein, da konnte einem wirklich das Herz schwer werden.

Auch die Kundinnen behandelten Anita recht kühl und von oben herab.

Dabei gebe ich mir die größte Mühe, dachte sie verzweifelt. Und doch tun sie so, als wäre ich ein Putzlappen.

Wie gesagt, seitdem die Wittler sie jetzt quälte, war es noch viel schlimmer geworden. Es dauerte nicht lange, da fühlte Anita, dass man sie rausekeln wollte. Regelrecht hinausjagen. Der Chef bemerkte nichts davon. Er kam ja auch immer nur ganz kurz, er besaß noch ein paar andere Zweigstellen und musste sich um diese kümmern.

Die Erste Verkäuferin hatte sehr schnell begriffen, dass die Kleine wenig Geld besaß. Also konnte sie sie damit am besten treffen. Auch heute sprach sie Anita an.

»Also, meine Liebe, Sie müssen jetzt mehr auf sich achten, ja? Eben noch hat mich eine Kundin angesprochen und gefragt, ob wir jetzt auch unsere Putzfrau verkaufen lassen. Ihre Haare, wirklich, Sie sollten zum Friseur gehen. So geht das nicht mehr weiter. Die Kundinnen haben ein Recht, von gepflegten Verkäuferinnen bedient zu werden. Gerade unser Kundenkreis wünscht es. Wir geben uns alle die größte Mühe, Anita. Wenn Sie sich nicht endlich ändern, dann muss ich mit dem Chef reden.« Ihre Worte klangen hochmütig und arrogant. Anita in ihrer Verzweiflung wusste ja nicht, dass die Wittler es niemals wagen würde, mit dem Chef über Anita zu reden. Bis jetzt hatte sich noch keine Kundin so geäußert. Aber das konnte sie ja wirklich nicht ahnen.

»Wenn Sie es sich nicht leisten können, meine Liebe, warum gehen Sie dann nicht in einen Supermarkt? Dort achtet man nicht so auf das Äußere einer Verkäuferin. Oder in eines dieser ausländischen Geschäfte?«

Das Blut schoss Anita in die Wangen. Sie stand da, und gab keine Antwort.

»Reden Sie endlich!«, zischte die Wittler sie an. Nichts brachte sie mehr auf die Palme, als wenn jemand verbissen schwieg. Damit nahm man ihr allen Wind aus den Segeln.

Anita hob ihren Kopf und sah sie mit ihren großen dunkelbraunen Augen stumm an. Dabei war sie nicht mal hässlich. Sie hätte wirklich ganz reizend aussehen können, ja, wenn sie sich ein wenig vorteilhafter gekleidet hätte und eben auch das schwarze Haar anders frisiert hätte. Dann hätten die anderen vielleicht sogar neidische Augen bekommen.

Anita wusste nicht, was sie ihr antworten sollte. Außerdem hatte die Erfahrung sie gelehrt, dass sie dann nur noch bösere Worte gegen sie fand. So nahm sie schweigend den Korb und ging ins Lager.

»Das ist wirklich die Höhe«, zischte die Wittler.

»Na, keinen Erfolg gehabt?«

»Es ist wirklich eine Zumutung.«

»Nun, als Verkäuferin ist sie aber sehr gut.«

»Habe ich dich um deine Meinung gefragt?«

In der Mittagspause ging Anita wie üblich in den nahen Park. Sie brachte sich immer Brote mit. Dort verzehrte sie sie auf einer Bank. Anita grübelte über ihre Lage nach. Lange würde sie das nicht mehr durchhalten. Es war ihr aufgefallen, dass sie schon nervös wurde, wenn sie nur die Wittler sah. Also würde sie auch bald Fehler machen, und dann hatte der Chef einen Grund, sie zu feuern. Eine gefeuerte Verkäuferin bekam sehr schlecht eine neue Stelle. Also musste sie ihm zuvorkommen.

Sie fühlte sich elend. Andere Mädchen in ihrem Alter waren fröhlich und lustig, schienen gar keine Sorgen zu kennen.

»Ich habe mir anscheinend das falsche Elternhaus ausgesucht«, murmelte sie vor sich hin.

Ein älterer Herr blieb stehen und sah sie an.

»Haben Sie mich angesprochen?«

Anita wurde rot.

»Nein, nein«, antwortete sie hastig.

»Komisch, mir war, als wenn ich Sie reden gehört hätte.«

Er ging weiter.

So ist das, dachte sie, alte Männer bleiben stehen. Meine Güte, bin ich denn wirklich so langweilig mit meinen neunzehn Jahren? Ich möchte auch glücklich und zufrieden sein. Ein aufregendes Leben führen. All das erleben, wovon die anderen jeden Morgen berichten.

Die nahe Turmuhr schlug zur vollen Stunde. Schon legte sich wieder ein Eisklumpen auf ihren Magen. Sie musste in das Geschäft zurück. Hastig zerknüllte sie das Papier und warf es in den nächsten Abfalleimer.

»Mir muss etwas einfallen, und zwar schnell.«

Sie rannte das ganze Stück und kam nur eine halbe Minute zu spät. Die Wittler stand schon in der Tür und sah sie vorwurfsvoll an.

»Zu spät kommen Sie jetzt auch noch. Wo soll das nur hinführen? Eine Moral ist das.«

Anita wagte nicht zu entgegnen, dass sie selbst doch jeden Morgen an die zwanzig Minuten zu spät kam. Hätte sie es nur getan, hätte sie sich gewehrt, dann wäre sie nicht mehr das Opfer gewesen.

Sie zog sich schnell die Jacke aus und stand dann wieder im Laden. Das verzweifelte junge Mädchen dachte nicht mal daran, dass sie nur angaben, denn wenn sie wirklich so vornehm gewesen wären, wie sie ständig vorgaben, dann wären sie bestimmt nicht Verkäuferinnen geworden, sondern hätten sich einen anderen Beruf gesucht. Auf alle Frauen, die ihnen überlegen waren, hatten sie einen Hass. Uber jede wurde abfällig geredet. Wohlgemerkt, erst wenn die Kundin den Laden verlassen hatte. Vor ihnen waren sie katzenfreundlich.

Die Zeit zog sich ereignislos dahin. Anita war froh, als endlich Feierabend war. Bevor man sich wieder auf sie stürzen konnte, hatte sie den Laden schon verlassen.

Befreit atmete sie auf. Jetzt war sie ein freier Mensch.

So konnte es wirklich nicht weitergehen. Sie wollte es nicht mehr. Auch ein gekrümmter Wurm tritt mal zurück. Anita musste mit dem Bus zu ihrer kleinen Mansardenstube fahren. Dabei fiel ihr eine Zeitung in die Hand. Viele ließen sie einfach liegen, wenn sie sie ausgelesen hatten. Anita nahm sie und dachte: Das Beste wird es sein, wenn ich sie studiere und mir dann eine neue Stelle suche.

Daheim machte sie sich ein Brot und Tee und setzte sich dann hin und begann zu lesen. Am meisten suchte man Putzfrauen. Nein, das kam nicht in Frage, obschon sie erstaunt war, als sie las, wieviel Geld man damit verdienen konnte. Ob sie vielleicht nach Feierabend putzen gehen konnte? Dann konnte sie sich Geld hinzuverdienen.

Ach nein, dachte sie, bestimmt leiden meine Hände darunter, und die Kolleginnen merken es sofort.

Dann kam die Spalte, in der Verkäuferinnen und Verkäufer gesucht wurden. Die meisten Stellenangebote kamen aus der Textilbranche, und man bevorzugte erfahrene Kräfte. Aber das war sie ganz bestimmt nicht. Außerdem hatte sie ja in einer Drogerie gelernt und würde sich in einem Textilgeschäft nur fehl am Platze fühlen. Wenn, dann musste sie schon einen ähnlichen Job finden, um nicht gleich wieder zu versagen. Dann fiel ihr eine kleine Anzeige in die Augen. Sie las sie dreimal.

»Wir suchen eine junge, frische Verkäuferin. Sie wird von uns angelernt. Gutes Klima. Sie kann selbständig arbeiten. Monatslohn 3000 DM.«

Anita starrte die Zahl an.

»Das gibt es doch nicht! Nie und nimmer kriegt man so viel Geld!«

Die Telefonnummer stand daneben. Anita stand auf und ging hin und her, grübelte darüber nach.

»Das ist doch nur ein Scherz. So viel Geld verdient niemals eine Verkäuferin. Nein, nie, nie!«

Sie dachte, sie werden sich verdruckt haben, und warf die Zeitung fort.

Am nächsten Morgen im Bus fand sie wieder eine herrenlose Zeitung.

»Also suchen wir weiter«, murmelte sie vor sich hin. Ganz in Gedanken schlug sie gleich den richtigen Teil auf, und sie traute ihren Augen nicht, die gleiche Anzeige stand wieder dort. Die gleiche Gehaltsangabe. Also zweimal unterläuft denen dieser Druckfehler bestimmt nicht, dachte sie. Dann wird es wohl seine Richtigkeit haben. Das gibt es doch nicht. Dreitausend! Du liebe Güte, ich darf gar nicht daran denken. Ich würde toll vor Freude sein. So viel Geld. Meine Güte, was könnte ich mir nicht alles dafür kaufen.

Zum ersten Mal war sie während ihrer Arbeit überhaupt nicht bei der Sache. Ständig musste sie an die Anzeige denken.

Und wenn ich anrufe? Das kostet nur zwei Groschen. Sicher ist die Stelle schon vergeben. Aber anrufen kann man trotzdem, und dann frage ich auch gleich, ob es stimmt, dass man ein so hohes Gehalt bekommt.

»Hören Sie mir eigentlich zu?«

Sie hob den Kopf. Die Wittler stand vor ihr, eine Augenbraue hochgezogen.

»Haben Sie etwas gesagt?«

»Ja, Sie werden es nicht glauben«, sagte sie spitz. »Da hinten steht eine Kundin und möchte bedient werden.«

Anita blickte hin. Es war eine einfach gekleidete Frau. Ach ja, das kannte sie schon. Um solche Kundinnen kümmerten sich die anderen Verkäuferinnen nicht. Und wenn, dann ließen sie die Kundin spüren, dass sie fehl am Platze war.

Anita ging zu ihr und fragte sie freundlich, ob sie ihr helfen könne.

»Ja, ich suche einen goldenen Gürtel, wissen Sie!«

»Wenn Sie bitte mitkommen möchten, dann zeige ich sie Ihnen«, sagte sie freundlich.

Wenig später verließ die Kundin den Laden. Sie hatte den teuersten Gürtel gekauft, den man im Geschäft hatte. Zufällig war der Chef anwesend. Er hatte es gesehen und kam jetzt zu Anita.

»Das haben Sie gut gemacht. Jetzt bekommen Sie die Prämie.«

Anita sah ihn groß an.

»Ja, wissen Sie denn nicht, dass Sie für den Verkauf sehr teurer Artikel eine Prämie erhalten? Wenn eine Verkäuferin es schafft, diese zu verkaufen, erhält sie einen Bonus von zehn Prozent des Verkaufspreises. Er hat hundertfünfzig gekostet, also erhalten sie fünfzehn Mark. Bitte kommen Sie mit zur Kasse!«

Die Wittler schnappte nach Luft.

Anita war glücklich über das unverhoffte Geld. Für sie war es eine ganze Menge.

»Danke«, sagte sie leise.

Als der Chef fort war, ging ihr endlich ein Licht auf. Deswegen ließ man sie kaum einmal die reichen Kundinnen bedienen. Jetzt hatte sie das Ganze durchschaut. Die Wittler war sauer, dass sie nicht erkannt hatte, dass diese Kundin in der Lage war, eine teure Ware zu kaufen.

Anita presste die Lippen zusammen.

Wieviel mögen sie sich schon eingesteckt haben, dachte sie verzweifelt. Die ganze Zeit habe ich es nicht gewusst. Ich habe so wenig Geld und könnte zusätzliche Einnahmen dieser Art gut gebrauchen. Sie ballte die Hände.

»Ich werde anrufen«, murmelte sie leise. »Ja, ich werde es zumindest versuchen. Ich bin hier nicht mehr das Aschenbrödel. Dann können sie selbst all die Schmutzarbeit machen, die sie mir immer zuschanzen.«

Anita war zum ersten Mal bereit, sich gegen die ungerechte Behandlung zu wehren.

Merkwürdigerweise hielt sich die Erste Verkäuferin im Hintergrund. Fühlte sie, dass in Anita eine Veränderung vorgegangen war?

Mittagszeit!

Sie nahm ihre Tasche und die Zeitung und verließ das Geschäft. Am Weg zu dem kleinen Park stand eine Telefonzelle.

»Wenn sie nicht besetzt ist, dann ist es Schicksal«, murmelte sie leise vor sich hin.

Sie war nicht besetzt. Anita suchte zwei Groschen, wählte mit zittrigen Fingern die Nummer. Wenig später meldete sich eine weibliche Stimme.

»Ja, bitte?«

»Ich rufe wegen der Anzeige an. Ist die Stelle noch frei?«

Die Stimme zögerte einen Augenblick.

Anita dachte: Ich hab es ja gewusst. So viel Glück kann man einfach nicht haben.

»Ja«, sagte die Stimme. »Die Stelle ist noch frei!«

»Wie?«

»Hören Sie, was sind sie jetzt von Beruf? «

»Ich bin Verkäuferin in einer Drogerie. Ich habe die Lehre bestanden und bin jetzt seit einem Jahr angestellt.«

»Hm, das klingt nicht schlecht.«

Anita atmete tief durch.

»Wie alt sind Sie?«

»Neunzehn«, sagte Anita. Sie hatte auf einmal einen Kloß in der Kehle.

»Ich kann mir denken, dass Sie sich vorher alles ansehen möchten?«

»Sicher, aber ist denn die Stelle noch zu haben?«

»Ich sagte doch schon, sie ist noch frei.«

»Dann nehme ich sie«, sagte Anita spontan.

»Hören Sie, ich würde doch lieber vorschlagen, Sie kommen erst hierher und sehen sich alles an.«

»Ach, wenn ich nur die Stelle bekomme. Übrigens, stimmt die Gehaltsangabe wirklich?«

»Ja!«

»Ich sage jetzt schon zu. Ich meine, es könnten doch noch mehrere Interessentinnen anrufen und die Stelle haben wollen. Bitte, ich nehme sie wirklich.«

Die Stimme antwortete kühl: »Es würde mich ja freuen, Kindchen. Wirklich. Wir suchen schon lange eine gute Verkäuferin. Also gut, ich merke Sie vor. Aber jetzt sagen Sie mir, wann Sie kommen können. Ich meine, um sich vorzustellen. Sofort können Sie wohl nicht anfangen?«

»Nein, ich muss die Kündigungsfrist einhalten. In drei Wochen könnte ich kommen. Ich bin hier noch auf eine Art Probezeit. Das heißt, sie ist eigentlich herum, aber der Chef hat wohl vergessen, den Anstellungsvertrag auszustellen. Jetzt bin ich froh darüber.«

»Na, das freut mich. Also kommen Sie heute?«

»Ich habe bis abends Dienst!«

»Das macht nichts, kommen Sie nur vorbei. Wir sind noch da. Wir haben andere Dienstzeiten, wissen Sie!«

Anita war selig.

»Wenn Sie mir bitte die Adresse nennen würden, dann schreibe ich sie mir auf.«

Die Dame nannte Straße und Hausnummer.

»Und wie heißt das Geschäft?«

»Gehen Sie nur in das Haus mit der angegebenen Hausnummer. Sie können es wirklich nicht verfehlen.«

Anita wunderte sich nicht, obwohl es doch ein wenig seltsam war, dass die Dame bis jetzt noch nicht gesagt hatte, um was für ein Geschäft es sich handelte. Und sie wollte Anita auch sofort, nur schien sie zu befürchten, dass sie, Anita, vielleicht doch einen Rückzieher machte.

Sie hängte den Hörer ein und ging nach draußen. So erregt war sie schon lange nicht mehr gewesen.

»Ich bin frei, mein Gott, ich bin wirklich frei«, sagte sie leise vor sich hin.

Dann sah sie auf ihren Stadtplan. Die Straße lag ein wenig abseits. Anita biss sich auf die Lippen. Ob man dort wirklich so gute Geschäfte machte, dass man einer Verkäuferin ein solches Gehalt zahlen konnte?

Sie war so freudig erregt, dass sie nicht mal Hunger verspürte. Das sollte wirklich etwas heißen.

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Sie kam zwei Minuten zu spät.

Die Wittler sagte: »Er scheint Ihnen wohl zu Kopf gestiegen zu sein, der kleine Erfolg, wie?«

»Was meinen Sie?«, fragte Anita.

»Nun, der Verkauf am Morgen. Das war ein reiner Glücksfall. Eigentlich müsste ich ja die Hälfte des Gewinns abbekommen. Schließlich habe ich Ihnen die Kundin zugewiesen.«

Die Erste Verkäuferin war sich so sicher, Anita unter ihrer Fuchtel zu haben. Also hatte sie sich in der Mittagspause ausgedacht, dass man sie auch so noch schröpfen konnte. Jetzt standen sie sich gegenüber.

Anita hatte die Gewissheit: Ich werde bald sehr viel Geld verdienen. Diese alte Spinatwachtel kann mir nichts mehr anhaben. Sie nicht!

Sie starrte sie aus übergroßen Augen an.

Die anderen Verkäuferinnen waren jetzt auch eingetrudelt. Sie hatten alles mit angehört und fanden es von der Wittler doch ein wenig unverschämt. Aber sich auf Anitas Seite zu stellen, dazu hatten sie auch keine Lust. Sie dachten: Erst mal stehenbleiben, mal sehen, wie die kleine Naive sich jetzt verhält.

Die dunkelbraunen Augen bohrten sich in die verwässerten von der Wittler. Die Erste Verkäuferin trank heimlich, deswegen hatte sie auch immer den etwas glasigen Blick. Aber das wusste man hier im Geschäft nicht.

Die Wittler wurde ein wenig nervös.

»Verstehen Sie unsere Sprache nicht mehr?«

»Ich verstehe Sie sehr gut«, sagte Anita laut. »Wenn ich Ihnen etwas von den fünfzehn Mark abgeben soll, nun denn, dann müssen Sie mir erst mal all die Gewinne auszahlen, die Sie eingestrichen haben, wenn ich mal ein teures Stück verkauft habe und der Chef nicht anwesend war. Das hat man mir ja verschwiegen. Ich habe ein sehr gutes Gedächtnis, Fräulein Wittler.« Sie betonte das »Fräulein«, da sie wusste, dass die Wittler sehr viel Wert darauf legte, mit »Frau« angesprochen zu werden.

Die Wittler lief rot an.

»Sie unverschämte Person«, kreischte sie los. »Was für Frechheiten nehmen Sie sich da heraus? Hören Sie, wenn Sie das nicht sofort zurücknehmen, dann ...«

Alles hielt den Atem an.

»... dann wollen Sie mich feuern?«, fragte Anita. Sie fühlte sich wie auf einer Wolke. Mein Gott, war das schön, sich für alles rächen zu können. Richtig frei wurde man. Man war wer, man fühlte sich nicht mehr so zerdrückt und an die Wand geschoben.

Diesmal ging die Erste Verkäuferin zu weit.

»Das sage ich Ihnen«, zischte sie die kleine Angestellte an. »Wenn Sie sich nicht mäßigen und sich vor allen Dingen für diesen Ton bei mir entschuldigen, dann werde ich wirklich dem Chef Mitteilung machen. Dann können Sie sich an zwei Fingern abzählen, dass Sie dann gefeuert werden.«

»Wirklich?«

Die anderen Verkäuferinnen im Hintergrund dachten: Sieh mal an, die Kleine hat ja doch Schneid. Sie nimmt es tatsächlich mit der Giftnudel auf.

Die Wittler bekam keinen Ton heraus vor Staunen über Anitas verändertes Verhalten.

»Wissen Sie, wenn das so ist, dann ersparen Sie mir das Kündigungsschreiben. Ich wäre Ihnen also von Herzen dankbar, wenn Sie gleich den Chef anrufen und ihm alles sagen. Und bitte richten Sie ihm aus, dass ich auch gleich das Zeugnis haben möchte.«

»Sie können mich nicht bluffen«, schrie die Wittler, die allmählich die Sprache wiedergefunden hatte.

»Ich bluffe nicht«, sagte Anita ruhig. »Ich bin es nur leid, mich hier als Putzlappen behandeln zu lassen. Und jetzt soll ich Sie auch noch schmieren, das ist wirklich zu viel! Bitte, es ist mein voller Ernst. Sie haben ja eben selbst gesagt, wenn ich mich nicht entschuldige, werden Sie dafür sorgen, dass der Chef die Kündigung ausspricht. Also, ich entschuldige mich nicht. Ich habe Zeugen genug, die es gehört haben. - So, jetzt habe ich keine Zeit mehr. Wir müssen das Geschäft öffnen. Draußen warten schon die Kunden.« Anita ging davon.

Wie zu Stein erstarrt stand die Wittler da. Die anderen Verkäuferinnen, die sonst mit ihr gemeinsame Sache gegen Anita gemacht hatten, fielen ihr jetzt gleich in den Rücken.

»Damit hast du wohl nicht gerechnet, wie? Tja, so kann man sich irren. War auch nicht klug von dir, Geld zu verlangen. Sie hat wirklich recht in dieser Sache.«

Die Erste Verkäuferin fühlte sich betrogen. Ihr war so übel, dass sie sich erst einmal setzen musste. Was hatte sie da angerichtet? Noch vor ein paar Stunden hatte der Chef die Kleine wegen ihrer Bescheidenheit gelobt. Arbeitswillig, zuvorkommend hatte er sie genannt. So etwas würde man in der heutigen Zeit nur noch sehr selten finden.

Es war doch sicher bloß ein Schuss ins Blaue gewesen, die Kleine wollte bestimmt nicht fort. Sollte sie das einfach übergehen?

Am Nachmittag herrschte hektischer Betrieb. Niemand konnte sich jetzt um den anderen kümmern. Es war kurz vor Ladenschluss, als endlich die letzte Kundin den Laden verließ. Nachdem Anita jetzt wusste, dass man sich zusätzlich Geld verdienen konnte, strengte sie sich besonders eifrig an. Sie schaffte es auch tatsächlich, noch zwei weitere teure Artikel über hundert Mark zu verkaufen.

Die Wittler ließ sich zu der Bemerkung herab: »Nun lernen Sie es ja auch endlich.«

Anita warf ihr einen raschen Blick zu.

»Wirklich? Wenn man mich früher richtig angelernt hätte, stünde ich jetzt ganz anders da.«

»Nun, es ist ja noch nicht zu spät«, säuselte die Erste Verkäuferin. Sie hatte sich doch jetzt wirklich versöhnlich gezeigt. Also weiter konnte sie ihr nicht entgegenkommen.

Da hörte sie das junge Mädchen sagen: »Zu spät. Jetzt lohnt es sich auch nicht mehr.«

»Was wollen Sie damit sagen, es ist zu spät? Es ist nie zu spät. Bestimmt werden Sie noch mal eine gute Verkäuferin.«

Anita dachte: Das Leben ist doch wirklich recht komisch. Vor ein paar Stunden hatte ich noch schreckliche Angst vor der Wittler. Jetzt, wo ich weiß, dass ich eine gute Stelle bekomme, ist mir hier alles gleichgültig. Zum ersten Mal schweige ich nicht mehr, und schon geht alles besser. Es ist wirklich schade, dass ich jetzt gehe.

»Sie haben vergessen, dass ich kündigen möchte.«

Die Wittler wurde blass.

»Kommen Sie, Kleine, das ist doch längst vergessen.«

Neugierig gruppierten sich die anderen Verkäuferinnen um die beiden.

»Nein, denn ich gehe wirklich.«

Antia sagte es mit so viel Nachdruck, dass selbst die Wittler spürte, dass sie an Boden verlor.

»Aber das geht doch nicht. So schnell finden Sie keine neue Anstellung. Und wir sind ein ausgezeichnetes Geschäft. Man wird sich die Finger nach Ihrer Stelle lecken. Wir nehmen nicht jede.«

»Das ist mir alles egal. Ich gehe am Ersten. Bitte richten Sie das dem Chef aus. Das hatten Sie ja sowieso vor, wenn ich mich nicht entschuldige, und das werde ich nicht.«

»Ich habe es vergessen«, sagte sie hitzig.

»Fräulein Wittler, Sie verlieren Ihr Gesicht, wenn Sie das sagen.«

Anita war selbst über ihren Mut erstaunt. Aber man hatte sie so lange gedemütigt. Sie musste es einfach sagen. Schlimmer konnte es ja jetzt nicht mehr werden. Und die Dame am Telefon hatte ja gesagt, es wäre sogar gut, wenn sie gleich anfangen könnte.

Jetzt mischte sich Susi ein.

»Wovon willst du denn leben? Du musst doch erst mal eine neue Stelle finden, Kleine. Glaube mir, im Augenblick sieht es nicht rosig aus. Die Urlaubszeit steht vor der Tür. Da stellt man ganz gewiss nicht eine neue Verkäuferin ein. Überleg es dir noch mal!«

»Das brauche ich gar nicht. Ich habe schon eine neue Stelle.«

»Was?«, entfuhr es den anderen.

Anita lächelte.

»Als was denn? «

»Als Verkäuferin natürlich. Wenn ich euch das Gehalt sage, dann fallt ihr um.«

»Na, so umwerfend wird es wohl nicht sein«, sagte die Wittler spitz. »Ich muss sagen, wir zahlen sehr gut.«

»Sie sprechen, als würde der Laden Ihnen gehören«, sagte Susi lachend.

Die Wittler warf ihr einen bösen Blick zu.

»Na, was kriegst du denn?«, wollten die Kolleginnen wissen.

»Dreitausend«, sagte Anita stolz.

Alle lachten schallend.

»Sag mal, willst du uns einen Bären aufbinden? So viel kriegt man nicht mal auf dem Büro. Also, da musste schon eine ganz tolle Mieze sein und ein paar Fremdsprachen vorweisen, ja, dann kann man schon so viel verlangen. Und du willst als Verkäuferin so viel verdienen?«

»Ja!«

»Da hat dich aber einer gründlich verulkt, meine Liebe.«

»Nein. Damit ihr seht, dass ich nicht lüge, hier steht es in der Zeitung.«

Sie rissen sich das Blatt gegenseitig aus der Hand. Die Erste Verkäuerin bekam Stielaugen. Nein, so viel verdiente sie nicht mal mit ihren vielen Zulagen, die sie im Monat bekam.

»Und Sie wollen uns weismachen, dass man ausgerechnet Sie dafür nimmt?«

Anita reckte sich.

»Ja, man hat mich genommen.« Und jetzt flunkerte sie ein wenig. »Anscheinend sind andere davon überzeugt, dass ich gut verkaufen kann.«

Der Hieb saß.

»Also, richten Sie dem Chef bitte aus, dass ich mein Zeugnis haben möchte.«

»Das kann ich nicht kapieren«, keuchte Susi. »Wieso ist mir das nicht aufgefallen?«

»Weil du keine Zeitung liest«, sagte Anita achselzuckend.

Sie waren nämlich alle keine großen Leuchten. Es reichte kaum dazu, dass sie die Zahlen zusammenzählten, wenn die Rechenmaschine mal ausfiel.

Anita schlüpfte in ihre Jacke.

»Ich habe jetzt keine Zeit mehr.« Damit verschwand sie.

Fräulein Wittler stand noch lange auf derselben Stelle. Sie fühlte sich gar nicht wohl. Was hatte sie nur angerichtet? O mein Gott, das hatte sie doch wirklich nicht gewollt. Langsam begriff selbst ihr schwerfälliger Geist, dass sie diesmal zu weit gegangen war. Anita würde sich nicht umstimmen lassen. Wie würde der Chef wohl auf die Kündigung reagieren? Ihr schwante nichts Gutes.

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Anita Gerdes hingegen befand sich im Augenblick in Hochstimmung.

»Das hat mir richtig gutgetan«, murmelte sie fröhlich. »Der habe ich es gründlich gegeben. Nein, die wird sich nicht mehr so schnell an kleinen Verkäuferinnen vergreifen.« Im Augenblick befand sie sich, auf dem Weg zu diesem neuen Geschäft. »Dreitausend, mein Gott, ich werde mir lauter neue Sachen kaufen. Und vielleicht kann ich mir dann auch eine kleine nette Wohnung leisten. Alles wird anders sein. Endlich aufleben. Endlich glücklich sein. Nicht mehr auf der Schattenseite des Lebens stehen müssen.« Sie verließ den Bus.

Sehr schnell fand sie die richtige Straße, und dann suchte sie die Hausnummer. Als sie diese gefunden hatte, blieb sie erst mal stehen und holte tief Luft. Dann las sie die Aufschrift über dem Schaufenster!

»Sex-Shop!«

Es war, als hätte sie in diesem Augenblick ein Keulenschlag getroffen.

»Nein!«, ächzte sie.

Ihr schwanden fast die Sinne. Jetzt war sie so sprachlos wie vorhin Fräulein Wittler.

Anita begriff alles! Darum das hohe Gehalt!

Das Blut schoss ihr in die Wangen. Da stand sie nun und fühlte, wie ihr der Boden unter den Füßen fortgezogen wurde.

»O mein Gott!« Sie schloss wie betäubt die Augen.

Anita hatte zu hoch gepokert. So viele Vorteile hätte sie in der Drogerie jetzt haben können. Jetzt, wo sie sich endlich durchgesetzt hatte. Hätte sie doch nur nichts von dieser neuen Stelle erzählt. Alles hätte ganz natürlich ausgesehen. Sie hätte so tun können, als hätte man sie noch einmal überredet.

Wenn sie jetzt klein beigab, dann würde sie für alle Zeiten das Gesicht verlieren. Sie mochte sich gar nicht ausmalen, wie man sie dann erst behandeln würde.. Die Wittler würde ihr die heutige Blamage nie verzeihen.

Sie musste kündigen!

Gleichzeitig wusste sie auch, dass sie so schnell nirgendwo eine andere Stelle bekommen würde. Und dann mitten im Quartal gekündigt! Jeder würde Lunte riechen! Nur nicht dieses Geschäft. Die mussten nehmen, wen sie bekamen. Deswegen auch der hohe Verdienst!

Anita biss die Zähne zusammen.

»Ich will«, sagte sie mutig. »Was ist denn schon dabei? Ich will ja nur als Verkäuferin hier arbeiten. Mehr nicht! Das ist ein ehrbarer Beruf. Ich werde viel Geld verdienen. Und wenn ich mir alles gekauft habe, was ich gern haben möchte, dann will ich mir eine neue Stelle suchen. Jawohl!«

In diesem Augenblick dachte sie nicht daran, dass es sehr schwierig sein würde. Denn was würde man von ihr halten, wenn sie sich mit einem Zeugnis von diesem Unternehmen bewarb? Man würde denken ...?

Sie war jung, und sie wollte ihren Stolz behalten!

Fest klemmte sie sich die Tasche unter den Arm. Mutig schritt sie auf den Eingang zu. Ein melodisches Klingeln empfing sie gleich auf der Schwelle. Leise Musik ertönte aus dem Hintergrund.

»Ja bitte?«

Sie war von dem vielen Licht so geblendet, dass sie im ersten Augenblick gar nichts richtig wahrnahm.

»Ja bitte? Womit kann ich dienen?« Die Stimme klang ein wenig erstaunt.

Anita sah sich die Frau, die vor ihr stand, genau an. Sie trug eine lila Perücke und einen knallgelben Pulli mit sehr weitem Ausschnitt. Ihr schwarzer Rock hatte an der Seite einen Schlitz. Hochhackige Schuhe! Sie war starkbusig, sehr grell geschminkt und auch nicht mehr die Jüngste.

»Äh«, stammelte sie, »ich komme auf die Anzeige. Ich habe angerufen.«

Zwei schwarze Äuglein musterten sie scharf.

»Ach so, Sie sind das!« Ein glucksendes Lachen ertönte an ihrem Ohr. »Meine Liebe, Sie sind die erste, die Mut hat.«

»Wwwieso?«, stammelte sie.

»Nun, es haben schon sehr viele angerufen. Wir haben seit vierzehn Tagen die Anzeige in der Zeitung. Es haben sich massenhaft viele junge Mädchen gemeldet. Alle wollten sie kommen und sich vorstellen, aber alle haben dann kehrtgemacht, als sie unseren Laden entdeckten. Sie sind also das erste Mädchen, das über diese Schwelle tritt. Das ist wirklich mutig. Das muss gefeiert werden.« Ehe sich Anita versah, wurde sie am Arm gefasst und in eine Art Hinterstübchen gezogen. Hier standen viele Flaschen und Gläser auf einem Regal.

»Hm, was nehmen wir denn mal? Sekt, ja das ist gut. Wir trinken Sekt!«

»Aaaber ...«, stotterte Anita.

»Kein Aber, mein Kind. Das geht auf Kosten des Hauses.« Und wieder kicherte sie los.

Die Frau ließ sie in einem weichen Sessel Platz nehmen, drückte ihr ein Glas in die Hand und schenkte dann ein.

»Prost! Prost auf ein mutiges Mädchen!«

Anita dachte: Ich träume das alles. Das gibt es doch nicht. Ich habe mich doch noch gar nicht geäußert. Du meine Güte!

Sie musterte die Frau verstohlen. Ungeniert saß sie da, lächelte mit ihrem zu groß geschminkten Mund, und ihre roten Fingernägel sahen aus, als hätte sie die Fingerspitzen gerade eben in Blut getaucht.

Die Musik spielte ununterbrochen. Jetzt sah Anita sich auch um. Überall Samt und weiches Licht. Viel Glas und viele Spiegel. Dann die Regale und die Theke. Alles war so anders. Außerdem lag ein schwerer Duft in der Luft.

»Moschus«, sagte die Dame, ohne gefragt zu werden.

»Wieso wissen Sie, dass ich daran gerade gedacht habe?«, fragte Anita verdutzt.

»Weil Sie geschnuppert haben.«

»Ach so!«

Die füllige Dame sprang mit einem Satz aus ihrem Sessel.

»Also, dann zeige ich jetzt Ihnen mal den ganzen Laden. Erst ansehen und dann reden, das ist meine Devise. Nur damit kommt man zurecht in dieser verflixten Welt.«

Details

Seiten
600
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783738923537
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v446855
Schlagworte
friebel auswahlband romane autorin oktober

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Titel: G.S. Friebel Auswahlband 5 Romane einer großen Autorin – Oktober 2018