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Die Raumflotte von Axarabor #36: Eine andere Phase

2018 70 Seiten

Leseprobe

Die Raumflotte von Axarabor #36: Eine andere Phase

Axarabor, Volume 36

Wilfried A. Hary

Published by BEKKERpublishing, 2018.

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Eine andere Phase

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Die Raumflotte von Axarabor -  Band 36

von Wilfried A. Hary

Der Umfang dieses Buchs entspricht 73 Taschenbuchseiten.

Zehntausend Jahre sind seit den ersten Schritten der Menschheit ins All vergangen. In vielen aufeinanderfolgenden Expansionswellen haben die Menschen den Kosmos besiedelt. Die Erde ist inzwischen nichts weiter als eine Legende. Die neue Hauptwelt der Menschheit ist Axarabor, das Zentrum eines ausgedehnten Sternenreichs und Sitz der Regierung des Gewählten Hochadmirals. Aber von vielen Siedlern und Raumfahrern vergangener Expansionswellen hat man nie wieder etwas gehört. Sie sind in der Unendlichkeit der Raumzeit verschollen. Manche errichteten eigene Zivilisationen, andere gerieten unter die Herrschaft von Aliens oder strandeten im Nichts. Die Raumflotte von Axarabor hat die Aufgabe, diese versprengten Zweige der menschlichen Zivilisation zu finden - und die Menschheit vor den tödlichen Bedrohungen zu schützen, auf die die Verschollenen gestoßen sind.

Welten, auf denen sich sämtliche Siedler ohne erkennbaren Grund gegenseitig umbrachten, werden zu verbotenen Welten erklärt. Eine davon, die als besonders gefährlich galt, wurde sogar vollständig vernichtet.

Doch jetzt ist sie wieder da...

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Copyright

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Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author /COVER AD3000 123rf Steve Mayer

© Serienidee Alfred Bekker und Marten Munsonius

© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

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Phillis von den Sternen hatte es angeregt: Sie holten vom Gewählten Hochadmiral von Axarabor eine Liste ein mit sämtlichen als verbotene Welten klassifizierten Planeten, auf denen sich die Siedler ohne nachvollziehbarem Grund gegenseitig umgebracht hatten. Weil sie sich mit ihrer Crew eben auf einer solchen Welt befanden.

Zwar gelang es ihnen bisher nicht, die uralte Station zu finden, die sie für das Massaker von damals verantwortlich machten, aber vielleicht fiel es auf einer der anderen Welten leichter? Denn sie vermuteten, dass es sich jedes Mal um eine dieser uralten Stationen handelte, einer Hinterlassenschaft aus einer Zeit vor Millionen von Jahren.

Die Liste war allerdings länger als erwartet, und der Gewählte Hochadmiral ließ seinen Telepathen mitteilen, dass er vollstes Verständnis dafür hatte, wenn die Suche diesmal etwas länger dauerte.

Vor allem eine betroffene Welt fiel dabei allerdings ganz besonders auf: Vor etwas mehr als fünftausend Jahren wurde sie nach der dritten gescheiterten Besiedlung von der Raumflotte von Axarabor vollständig ausgelöscht!

Damit hatte die Raumflotte sozusagen zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen wollen: Erstens beseitigte man damit eine tödliche Gefahr, der nun schon so viele Siedler immerhin in drei Siedlungswellen zum Opfer gefallen waren. Zweitens, man konnte erfolgreich eine Waffe testen, die sich dazu eignete, ganze Welten zu zerstören.

Die Psychonauten-Crew, der Phillis angehörte, wurde sich irgendwann endlich einig: Dorthin wollten sie mit ihrem namenlosen Schiff als erstes fliegen!

Obwohl es bis zur Einigung eine heftige Debatte gab: Warum sollten sie ausgerechnet dorthin fliegen, wo es doch überhaupt keine Welt mehr zu erforschen gab?

Andererseits jedoch musste man berücksichtigen, dass die Stationen der Erbauer, wie sie die Wesen nannten, die einst solche Stationen weit verteilt in diesem Quadranten der Galaxis hinterlassen hatten, eigentlich kein Interesse daran haben konnten, einfach so vernichtet zu werden. Trotzdem hatte es laut Protokoll der Raumflotte von damals keinerlei Gegenwehr gegeben.

Man stelle sich vor: Eine Station, die Menschen beeinflusste, sobald sie es wagten, auf einer solchen Welt sich anzusiedeln. Nach den persönlichen Erfahrungen der Crew in den letzten Wochen und Monaten taten diese Stationen das nur deshalb, um die Entwicklung der Menschen zu beschleunigen. Aber anstatt dies zum Erfolg zu bringen, machte es die Betroffenen wahnsinnig.

Bis sie sich ohne ersichtlichen Grund gegenseitig umbrachten.

Diese Stationen gingen jedes Mal so vor. Wie unter einem Zwang, gegen den sie sich anscheinend selber nicht wehren konnten.

Einmal abgesehen davon, dass man sich fragen musste:

„Was ging da eigentlich schief, als man die Stationen programmierte?“

...blieb die eigentlich noch interessantere Frage: Wieso hatte sich die betroffene Station damals nicht gegen die totale Vernichtung gewehrt? Weil sie keine Möglichkeiten dazu gesehen hatte? Oder was konnte sonst noch der Grund sein?

Hinzu kam immerhin der Umstand, dass sogar die Crew mit ihren enormen PSI-Möglichkeiten keine Chance hatte, die Station auf ihrem Planeten HOFFNUNG zu finden, der um die gelbe Zwergsonne IRIDANO kreiste. Sämtliche Bemühungen waren bislang zum Scheitern verurteilt gewesen. Die Station war zwar zweifelsohne vorhanden, doch sie verstand sich dermaßen perfekt zu tarnen, dass diese Tarnung unmöglich zu knacken war.

Und da ließ eine solche Station es einfach so zu, vernichtet zu werden?

Also warf Phillis von den Sternen als schlagendes Argument ein:

„Was, wenn diese Station damals gar nicht vernichtet wurde? Weil sie sich nicht nur perfekt zu tarnen, sondern auch perfekt zu schützen versteht?“

Dem konnte niemand länger widersprechen. Daher wurde dem Vorschlag einstimmig stattgegeben, genau diesem System mit dem zerstörten Planeten den ersten Besuch abzustatten.

Denn falls eine solche Station sogar die Zerstörung der Welt überstehen konnte, auf der sie sich befand, war es auf jeden Fall viel einfacher, sie zu finden, als würde man einen kompletten Planeten nach ihr absuchen müssen.

Deshalb waren sie jetzt hier vor Ort – und kamen aus dem Staunen gar nicht mehr heraus.

Aus dem Staunen wurde schließlich nacktes Entsetzen.

Aber dann fingen sie sich und fragten sich ernsthaft, wie denn wohl die Behauptung zustande gekommen sein konnte, diese Welt hier vor ihnen sei vollständig vernichtet worden, wenn sie groß und deutlich in der Erfassung stand?

Und sämtliche Werte, die sie durch Fernscan ermittelten, waren übereinstimmend mit den gemessenen Werten damals vor der vollständigen Vernichtung...

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Das Votum des, den sie mittels einer rasch einberufenen Séance kontaktierten, war eindeutig:

„Das kann nicht sein!“

Der Telepath, wie sie ihn nannten, war ihre Verbindung zum gewählten Hochadmiral. Er gab ihnen ihre Befehle.

Zumal es eine umfassende Dokumentation der Totalvernichtung gab. Der Planet war ja nicht in Sekundenschnelle untergegangen, sondern das hatte immerhin Wochen beansprucht. Jede einzelne Phase des Geschehens war genauestens festgehalten worden.

Erst hatte man die Atmosphäre regelrecht brennen lassen, was sämtliches Leben vernichtete. Dann hatte man strategisch verteilt Superladungen angebracht, mit denen man den planetaren Mantel sprengen konnte.

In das somit freigelegte kochende Glutinnere hatte man Energie gepumpt, die man direkt von der Sonne bezogen hatte.

Das als Gesamtpaket war der eigentliche Weltenzerstörer gewesen, die Waffe eben, die man so nannte.

Die in Gang gesetzte Kettenreaktion hatte bei der riesigen Masse immerhin eines kompletten Planeten weitere Wochen benötigt, um ihr Zerstörungswerk zu vollenden.

Am Ende waren nur noch Staub und Trümmerstücke übrig geblieben, die sich eigentlich in den letzten Jahrtausenden hätten ringförmig um das Zentralgestirn verteilen müssen, als ein neuer Asteroidengürtel...

Bis zum Zeitpunkt der vollständigen Vernichtung und darüber hinaus waren die Beobachtungen erfolgt. Es war alles allein schon deshalb so akribisch dokumentiert worden, weil es sich eben um einen Testlauf für den Weltenzerstörer gehandelt hatte.

Zu jeder Zeit hätte die vorhandene Station etwas gegen die Zerstörung unternehmen können. Zumindest jedoch in den Anfangsphasen, während der Vorbereitung zur eigentlichen Zerstörung.

Hatte sie aber nicht.

Und jetzt war der komplette Planet wieder vorhanden, als sei er niemals vernichtet worden?

Es fehlte demgemäß auch der Trümmerring, der ganz klar hätte vorhanden sein müssen.

Der Telepath des Gewählten Hochadmirals war genauso klar der Überzeugung, dass es sich bei solch umfassender Dokumentation niemals um eine Fälschung handeln konnte. Wie aber war dann das erneute Auftauchen dieser Welt dort vor ihnen zu erklären?

„Als hätte die Station aus den vorhandenen Trümmern wieder die ganze Welt neu auferstehen lassen“, murmelte Phillis brüchig.

Kanot Borglin neben ihr schüttelte den Kopf.

„Eine Art Zombiewelt oder was? Das ist doch wohl nicht dein Ernst?“

„Ist es!“, widersprach sie. „Was sonst?“

Er schaute sie von der Seite an.

„Ich frage mich ernsthaft, wieso du alles getan hast, um uns ausgerechnet hierher fliegen zu lassen.“

„Wieso, war doch erfolgreich, oder?“ Phillis deutete auf die detaillierte Bildwiedergabe. „Wie man deutlich sieht!“

Jetzt mischte sich auch Derwinia Tuamor ein:

„Das hast du doch nicht so schon im Voraus gesehen oder wie?“

„Nein!“, antwortete Phillis und schüttelte jetzt ihrerseits den Kopf. „Ich hatte wirklich nur gehofft, dass wir hier die Station leichter finden könnten. Wenn sie sich nicht auf einer kompletten Welt verstecken kann.“

„Immerhin hast du anscheinend fest damit gerechnet, dass sie die totale Vernichtung hat überstehen können!“, hielt ihr Derwinia vor.

„Nein, Derwinia, nicht fest damit gerechnet, aber gehofft.“

Kommandant Xirr Prromman, der Echsenmann, zischelte mit dem für Echsenmenschen typischen Akzent:

„Wir führen jetzt erst einmal einen gründlicheren Scan durch. Zunächst technisch basiert. Und dann schließen wir uns erneut zu einer Séance zusammen, um neue Order vom Gewählten Hochadmiral einzuholen.“

„Was wirst du ihm vorschlagen?“, erkundigte sich Kanot.

„Wir werden dann wohl mit Genehmigung des Gewählten Hochadmirals als nächstes einen PSI-Scan durchführen. Darin sind wir ja sozusagen routiniert. Vielleicht ergibt sich daraus etwas Neues?“

„Und wieso machen wir das nicht gleich?“

„Weil ich darin ein gewisses Risiko sehe – diesmal!“, antwortete Xirr zur Überraschung aller. „Was wir hier erleben, widerspricht nicht nur jeglicher Erfahrung, sondern ist nachgerade absurd.“

„Nun“, sagte Phillis und schürzte nachdenklich die vollen Lippen, „dass diese Stationen PSI-Fähigkeiten haben, liegt auf der Hand, sonst könnten sie nicht normale Menschen in den Wahnsinn treiben bis zur gegenseitigen Selbstauslöschung.“

„Du meinst, zwar konnten wir einem solchen Einfluss bislang erfolgreich widerstehen, aber in einer solchen Situation...?“

Derwinia hatte es ausgesprochen.

Xirr ergänzte ihre Frage:

„In einer solchen Situation müssen wir eigentlich mit allem rechnen, vor allem mit dem Schlimmsten.“

Zum ersten Mal meldete sich Forsan Kumir zu Wort.

Nachdenklich sagte er:

„Wir glauben, was wir sehen – und es ist sogar technisch nachweisbar. Aber lehrt uns die Erfahrung nicht auch, dass wir niemals unseren Augen trauen können? Auch nicht all dem, was messbar ist? Wenn jemand PSI-Phänomene kennt, dann sind wir das. Wir sind sozusagen die größten Experten darin, wie ich das sehe. Also halte ich gesteigerte Vorsicht durchaus für angebracht...“

„Die Spannung wächst!“, meinte Derwinia leichthin und grinste dabei anzüglich, was ihr überaus hübsches Gesicht ein wenig weniger hübsch erscheinen ließ.

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Diesmal war es schwieriger, den Telepathen des Gewählten Hochadmirals von Axarabor zu erreichen. Die Psychonauten-Crew musste sich gedulden, was während einer Séance nicht gerade leicht fiel.

Und dann war er plötzlich wieder da.

„Es gibt keine Befehle für Ihr weiteres Vorgehen. Das müssen Sie vor Ort entscheiden. Aber es gibt natürlich eine Empfehlung des Gewählten Hochadmirals.“

Seit wann machte der Telepath es so spannend?

„Die wäre?“, hakte die Crew nach.

Die telepathische Verbindung lief in Nullzeit ab. Es gab keinerlei Verzögerung. Genauso gut hätte sich der Telepath mitten unter ihnen befinden können.

„Eine schnelle Eingreiftruppe wird entsendet, zur Unterstützung, bestehend aus fünf Kampfeinheiten der Kreuzerklasse, hoch bestückt. Die Empfehlung lautet also: Abwarten, bis die Eingreiftruppe vor Ort erscheint.“

„Also erst einmal keinen PSI-Scan durchführen?“

„Wie gesagt, das bleibt Ihnen überlassen. Sie können bis zur Ankunft der Eingreiftruppe warten oder auch jetzt schon tätig werden, wie belieben. Es wird allenfalls empfohlen, den Planeten nicht direkt anzufliegen.“

„Den Planeten, den es eigentlich sei rund fünftausend Jahren gar nicht mehr gibt!“, betonte die Crew.

„Vorsicht wäre allemal geboten. Wie gesagt, das sind nur Empfehlungen, keine Befehle.“

„Ganz neue Töne sind das auf jeden Fall.“

„Gemäß der Situation!“

„Gut, wir werden uns beraten. Wer wird unser Ansprechpartner sein, wenn die Eingreiftruppe hier auftaucht?“

„Admiral Sandor Shatmari!“

„Nie gehört. Aber gleich ein Kommandant im Admiralsstand?“

„Diese Eingreiftruppe ist so geheim wie ihr. Es wäre möglicherweise angebracht, die Truppe zu schicken, der Kanot Borglin als Captain angehört hat, bestehend aus ausschließlich Cyborgs, aber Kanot Borglin gilt unter diesen immer noch als Geächteter. Es erscheint nicht angebracht, ein dahingehendes Risiko einzugehen.“

„Das finden wir auch“, entgegnete die Crew. „Also gut, noch so eine Geheimeinheit. Wie viele Geheimeinheiten gibt es eigentlich innerhalb der Raumflotte von Axarabor?“

Es war logisch, dass es darauf keine Antwort geben konnte.

Der Telepath übermittelte nur noch:

„Der Admiral befindet sich bereits auf dem Weg. Er wurde dahingehend eingeweiht, dass ihr eine ungewöhnliche Entdeckung gemacht habt. Unterwegs wird er noch mit den Einzelheiten versorgt, was die Zielwelt betrifft. Allerdings wird er im Unklaren gelassen, was euch betrifft. Sobald die fünf Einheiten bei euch auftauchen, wird sich der Admiral persönlich bei euch melden. Per Funk. Alles Weitere wird von Ihnen in Zusammenarbeit mit dem Admiral vor Ort entschieden.“

Damit scherte der Telepath aus der Verbindung aus.

Xirr ließ die Séance abschließen. Sie fanden sich allesamt am Boden der Zentrale wieder, als wären sie aus einem tiefen Schlaf erwacht.

Phillis sprach als erste:

„Das ist mindestens so ungewöhnlich wie der wiederaufgetauchte Planet!“

„Was denn?“, erkundigte sich Derwinia.

„Was denn wohl? Na, das Verhalten des Telepathen unseres hochverehrten Gewählten Hochadmirals!“

„Falls dieser nicht mit dem Telepathen sogar identisch ist!“, gab Kanot Borglin zu bedenken. „Das wissen wir nach wie vor nicht mit Sicherheit. Wir wissen noch nicht einmal, ob der Telepath ein Mensch ist. Allerdings finde ich es gut, dass er meine ehemalige Truppe nicht schickt. Das könnte tatsächlich unangenehm werden.“

„Die wissen doch gar nicht, dass du bei uns bist!“, wandte Xirr ein.

„Das zwar nicht, aber wer weiß, ob wir ihre Hilfe wirklich benötigen? Und dann würde es sich möglicherweise nicht mehr länger verheimlichen lassen?“

Alle schauten jetzt Xirr an.

Forsan Kumir sprach aus, was allen auf der Seele brannte:

„Was werden wir jetzt tun? Erst mal abwarten, bis dieser Admiral Sandor Shatmari hier erscheint, oder sollen wir tatsächlich vorher schon das Wagnis einer Séance eingehen, um auf PSI-Ebene vielleicht mehr zu erfahren über eine Welt, die es gar nicht geben kann?“

„Vorschläge?“, fragte Xirr in die Runde.

Niemand sagte etwas.

„Also gut!“, seufzte Xirr. „Dann hört meinen Vorschlag: Wir gehen das Wagnis ein. Vielleicht haben wir ja schon neue Erkenntnisse, wenn der Admiral mit seinen Leuten hier auftaucht?“

Jeder von ihnen hatte Bedenken, aber keiner äußerte sie. Also war es beschlossene Sache: Sie blieben, wo sie waren, reichten sich erneut die Hände, um gemeinsam einen Kreis zu bilden, bis Xirr als Medium ihre Seelen vereinte.

Sobald dies geschehen war, vereinigten sie sich zusätzlich mit Grüni, wie sie den überall wuchernden Grünschimmel beinahe liebevoll nannten.

Er war der entscheidende Faktor, der dafür sorgte, dass sie niemals den Kontakt zum Schiff verloren, während sie als geistige Einheit auf dem Weg sein würden, um eine Welt zu erforschen, die es halt eben gar nicht mehr geben durfte...

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Die PSI-Einheit verließ das Schiff. Die Außenhaut war kein Hindernis für sie. Unter der Führung von Xirr und mit Hilfe von Grüni gelang die Orientierung so gut, als würden sie sich körperlich dort draußen befinden.

Der wieder aufgetauchte Planet war nur fünf Millionen Kilometer entfernt. Kosmisch gesehen also ganz nah, wenn auch für menschliche Begriffe unvorstellbar weit weg.

Sie hätten die Entfernung trotzdem in Nullzeit überbrücken können, aber sie hatten sich vorgenommen, vorsichtig zu sein. Gemäß den Umständen halt.

Auf dem Weg zu der Welt, dessen Namen sie gar nicht wussten, weil sie ja gar nicht mehr hätte existieren sollen, erweiterten sie ihre Sinne. Das war so, als würden sie den Raum ausfüllen. Da gab es nichts, was ihnen verborgen blieb.

Und auch da half ihnen Grüni, zu sondieren, das Wichtige vom Unwichtigen zu trennen, bis nur noch die Erkenntnis übrig blieb:

Alles völlig normal!

Es war, als wäre niemals etwas Ungewöhnliches in diesem Sonnensystem passiert.

Vernichtung einer ganzen Welt?

Fehlanzeige!

Laut astrophysikalischem Gutachten musste die Vernichtung der Welt vor ihnen Auswirkungen auf das gesamte System gehabt haben. Jetzt erst wurde ihnen bewusst, dass sie das nicht überprüft hatten. Weil das Vorhandensein des eigentlich zerstörten Planeten sie von allem anderen abgelenkt hatte.

Was, wenn laut Systemanalyse hier gar kein Planet existieren durfte, er aber trotzdem vor ihnen im Raum stand?

Sie näherten sich bis auf eine Million Kilometer. Der Planet war von ihrer Warte aus gesehen wie eine kleine Scheibe. Nichts Bemerkenswertes.

Oder vielleicht doch?

Sie sondierten alles erneut auf PSI-Ebene. Der Planet hatte niemals einen Mond besessen. Wenn doch, war es zumindest nicht erwähnt worden.

Aber warum hätte man ihn unerwähnt lassen sollen?

Weiter bis auf fünfhunderttausend Kilometer. Der Planet als größere Scheibe.

Nichts Ungewöhnliches. Es geschah... nicht das Geringste.

Sie pirschten sich noch näher heran, relativ langsam, auf jeden Fall vorsichtig. Es dauerte auf diese Weise mehrere Minuten, bis sie beinahe die obersten atmosphärischen Schichten erreicht hatten.

Sie hätten sich jederzeit zurückziehen können, in Sekundenbruchteilen. Um in ihren Körpern aufzuwachen, an Bord ihres namenlosen Schiffes. Aber es bestand noch immer kein Anlass dafür.

War es richtig gewesen, zu versuchen, auf PSI-Ebene den Planeten zu erforschen?

Bis jetzt jedenfalls sprach nichts dagegen.

Eine ganz normale Welt, wie es schien.

Über die besonderen Fähigkeiten von Phillis riefen sie die Daten der Bord-KI ab und verglichen sie mit dem, was sie hier vorfanden.

Keinerlei Abweichungen. Es war haargenau die gleiche Welt, wie sie vor der Vernichtung bestanden hatte.

Das hieß: Eigentlich hatte sich in Tausenden von Jahren nichts verändert. Zumindest nicht im Gesamten. Wenn doch, dann waren es wohl nur Kleinigkeiten.

Die Atmosphäre bestand zu knapp achtzig Prozent aus Stickstoff und zu fast zwanzig Prozent aus Sauerstoff. Es gab eine üppige Flora und Fauna.

Weitere Einzelheiten interessierten sie jetzt überhaupt nicht mehr. Sie wollten einfach nur noch wissen, wie das Unmögliche hatte wahr werden können. Das konnte doch damals keine Illusion gewesen sein, als diese Welt vernichtet wurde?

„Zombiewelt“ hatte Kanot Borglin gesagt. Oder war es Forsan Kumir gewesen? Sie hatten es vergessen.

Es war gerade die vorgefundene Normalität, was ihr Misstrauen schürte. Sollten sie abbrechen und zurückkehren an Bord, um auf den Admiral und seine schnelle Eingreiftruppe zu warten? Vielleicht wäre es angebracht gewesen, erst einmal ein Kriegsschiff hier landen zu lassen, ehe sie es erneut wagten, hierher zurückzukehren auf PSI-Ebene?

Doch dazu konnten sie sich nicht entschließen, obwohl alles in ihnen regelrecht danach schrie. Die schiere Neugierde war stärker als jegliche Vernunft hätte sein können.

Ja, alle atmosphärischen Werte waren normal.

Wo hatten die ersten Siedler ihre Siedlung errichtet? Bei der zweiten und dritten Welle war keine neue Siedlung mehr gebaut worden. Alles war ja nach wie vor vorhanden gewesen. Man hatte lediglich die Leichen entfernt und alles gesäubert, um es danach erst einmal sich selbst zu überlassen.

Eigentlich hätte es niemals eine zweite und dann sogar auch noch eine dritte Siedlungswelle hierher geben dürfen, aber die planetaren Bedingungen waren dermaßen ideal erschienen, dass man sämtliche Warnungen vor der unbekannten Gefahr ignoriert hatte. Die Siedler hatten sich freiwillig gemeldet. Für sie war das hier wie ein wahres Paradies erschienen. Die Gefahr war ja anfangs nicht erkennbar.

Bis es zu spät war.

Bis sie ein Jahr später alle tot waren.

Jedes Mal.

Die PSI-Einheit breitete sich aus, erfasste zwar nicht den gesamten Planeten, weil dann sämtliche Erkenntnisse zu ungenau geworden wären, aber doch eine Fläche von vielen Quadratkilometern. So schwebten sie unsichtbar und für jedes normale Wesen auch unmerklich über der Oberfläche, nur wenige hundert Meter hoch am Ende.

Alles normal. Wie jetzt nur noch zu erwarten eben. Keinerlei Hinweise auf so etwas wie intelligentes Leben. Und natürlich keinerlei Hinweis auf eine etwaige Station der Erbauer, die es seit Jahrmillionen hier geben musste.

Dort war die Siedlung.

Seltsam erschien ihnen, dass die bestehende Natur diese Fläche auch nach Jahrtausenden nicht wieder zurück erobert hatte. Waren Roboteinheiten eingesetzt worden, um die ganze Siedlung sauber zu halten?

Jedenfalls war das so auf dem Planeten gewesen, den sie HOFFNUNG genannten hatten, bevor er zu ihrer Basis im System IRIDANO geworden war.

Das mussten sie sich immer vor Augen führen:

Im Grunde genommen war dies hier genauso eine Welt wie ihr Basisplanet. Allerdings mit dem Unterschied, dass HOFFNUNG einfach nur zu verbotenen Welt erklärt worden war, während diese Welt hier...

„Keinerlei Anzeichen irgendeiner Vernichtungsaktion!“, blieb das Fazit ihrer Untersuchung auch auf PSI-Ebene.

Und nichts und niemand stellte sich ihnen entgegen. Alles  blieb friedlich.

Eigentlich war es beinahe enttäuschend, als die Psychonauten-Crew endlich beschloss, wieder zurückzukehren an Bord. Sie konnten die Séance nur eine gewisse Zeit lang aufrecht erhalten. Es kostete sie sonst zu viel Kraft. Jetzt schon waren sie nahe dem Limit. Sie würden eine Weile benötigen, um sich davon zu erholen. Bis dahin würde wohl der Admiral mit seiner schnellen Eingreiftruppe angelangt sein.

Hofften sie zumindest, als sie aus der Séance erwachten.

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Sie blieben am Boden sitzen, um ihre Erschöpfung zu überwinden. Das Ganze hatte sie mehr angestrengt als sonst. Es war die ständige Furcht gewesen, auf etwas Unvorhergesehenes zu stoßen, was ihnen schaden könnte. Das hatte sie zusätzlich erschöpft.

Der technische Scan, durchgeführt von der Bord-KI, ergab jedenfalls, dass die schnelle Eingreiftruppe immer noch nicht angelangt war.

Ungewöhnlich. Wieso nannte sie sich schnelle Eingreiftruppe, wenn sie so lange brauchte wie ein Handelsschiff?

Als sich alle einigermaßen erholt hatten, begannen sie, sich Sorgen zu machen über den Admiral. Ja, es war mehr als ungewöhnlich, dass dieser immer noch nicht eingetroffen war. Also setzten sie sich wieder zur Séance zusammen und riefen nach dem Telepathen des Gewählten Hochadmirals von Axarabor.

Er war nicht mehr erreichbar!

Egal, was sie auch anstellten: Es kam kein Kontakt mehr zustande.

Verwirrt lösten sie die Séance wieder auf.

Phillis hatte die Idee:

„Versuchen wir es doch einmal über Hyperfunk!“

Das musste keiner von ihnen persönlich durchführen. Es genügte ein entsprechender Befehl an die Bord-KI.

Diese meldete sich schon nach weniger als einer Minute:

„Es kommt keinerlei Funkverbindung zustande! Es gibt auch keinen Empfang. Die Überprüfung der Technik ergibt keinen Fehler.“

Sie sahen sich erschrocken an.

Was war passiert?

Phillis, die als das absolute technische Genie galt, machte sich an den Kontrollen zu schaffen. Sie arbeitete sämtliche Tests durch, die ihr einfielen, verband sich auf PSI-Ebene sogar mit der KI.

Das Ergebnis blieb gleich:

Sie waren vollkommen abgeschnitten vom Rest des Universums. Um wieder Kontakt zu bekommen, hätten sie wohl mit ihrem namenlosen Raumschiff das System verlassen müssen.

Und der Admiral war immer noch nicht angelangt, den Messungen zufolge.

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Der letzte Raumsprung brachte die Eingreiftruppe bis an die Massenballung des Systems. Bis zur eigentlichen Zielwelt waren es jetzt nur noch wenige Millionen Kilometer.

Falls es überhaupt eine Zielwelt gab, hieß das.

Admiral Sandor Shatmari, groß, vierschrötig, Nussknackerkinn, Bürstenhaarschnitt und für gewöhnlich ziemlich bärbeißig, alles in allem halt wie der Admiral aus dem Bilderbuch, war jedenfalls mehr als skeptisch. Die Vernichtung der Zielwelt war ein wesentliches Thema bei der Ausbildung führender Offiziere in der Raumflotte von Axarabor gewesen. Jeder führende Offizier kannte sie also, und jeder hatte schon einmal Einsicht bekommen in die Aufzeichnungen von damals.

Alles war akribisch dokumentiert worden. Zumal der Weltenzerstörer in den vergangenen Jahrtausenden selbstverständlich weiter entwickelt worden war.

Die grausigen Bilder allein schon genügten jedoch den meisten, zu hoffen, dass er niemals wieder zum Einsatz kommen würde.

Und jetzt wurde behauptet, der zerstörte Planet wäre einfach wieder aufgetaucht und würde so aussehen, als sei dies alles niemals geschehen?

Kein Wunder, dass der Admiral seine berechtigten Zweifel daran hatte. Es konnte ja nur ein Fehler sein. Doch wie kam ein solcher Fehler überhaupt zustande? Wer konnte denn so verrückt sein?

Die Scans liefen längst. Auf allen fünf Schiffen, die sofort Gefechtsformation einzunehmen begannen. Das hieß, sie gingen auf genügend großen Abstand zueinander. Falls ein Angriff erfolgen sollte, waren nicht alle fünf gleichermaßen gefährdet.

„Nichts!“, meldete der Ortungsoffizier des Führungskreuzers.

Der Admiral überzeugte sich persönlich davon: Auf der großen Bildwidergabe sah er den Trümmerring, der sich rund um das Zentralgestirn zog. Von einer heilen Welt fehlte jegliche Spur.

Wie zu erwarten!

Und wo befand sich nun jenes Schiff, das angeblich anstelle des Trümmerringes eben diese heile Welt entdeckt hatte?

„Kein Kontakt!“, meldete der Funkoffizier.

Details

Seiten
70
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783738923506
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v446834
Schlagworte
raumflotte axarabor eine phase

Autor

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Titel: Die Raumflotte von Axarabor #36: Eine andere Phase