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Dr. Laura Leitner #4: Lauras schwere Stunden

2018 120 Seiten
Reihe: Dr. Laura Leitner , Band 4

Leseprobe

Table of Contents

Title Page

Klappentext:

Roman:

Glenn Stirling

 

 

Dr. LAURA LEITNER – Internistin aus Leidenschaft

Band 4

Lauras schwere Stunden

 

 

 

 

 

IMPRESSUM

 

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© Roman by Author/Titelbild:

Korrektorat: Dr. Frank Roßnagel

© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

 

 

 

Klappentext:

Für Laura Leitner scheint ein Alptraum Wirklichkeit zu werden: Ihr Freund Michael Krämer, der mit einem internationalen Ärzteteam in Äthiopien arbeitet, hat wohl eine Geliebte und ist Laura untreu geworden. Diesen Eindruck macht jedenfalls ein Foto, das Laura zufällig in die Hände bekommt. In dieser Situation macht ihr ein Kollege, mit dem sie Notarztdienst hat, Avancen. Auch lernt Laura Verena Bilg kennen, mit der Michael eine Affäre haben soll, und erfährt außer der Wahrheit um sie und Lauras Freund Schreckliches: Verena ist todkrank; nur eine höchst riskante OP kann sie noch retten. Zusammen mit Verena fliegt Laura nach Athen, um dort sich mit Michael zu treffen und ihre Zukunft zu entscheiden – und zu versuchen, Verenas Leben zu retten …

 

 

 

 

Roman:

Der Schock traf Dr. Laura Leitner kurz vor Dienstschluss. Und sie war völlig ahnungslos gewesen.

Schon am Vormittag hatte sich Gabi Hellering bei ihr gemeldet und sie um ein Gespräch ersucht. Immerhin war Laura Vertrauensärztin der Auszubildenden, und wenn die ein Problem hatten, dann kamen sie zu ihr.

Laura hatte die Neunzehnjährige gebeten, so kurz vor vier zu ihr zu kommen, dann habe sie Zeit. Aber dann, als es so weit war, musste sie noch einmal in die Notaufnahme, und es war fast schon halb fünf, als sie in ihr Arztzimmer auf der Station zurückkehrte und dort Gabi Hellering vorfand, die wohl die ganze Zeit gewartet hatte.

Gabi war ein schlankes, hübsches blondes Mädchen, das mitten in der Ausbildung zur medizinisch-technischen Assistentin steckte.

Nach der Begrüßung kam sie dann mit ihren Fragen heraus. Medizinische Fragen, die ihr wohl keiner so genau hatte erklären können.

Laura gab ihr die Antworten darauf, und Gabi notierte alles auf einem Blatt Papier.

„Sonst gefällt es Ihnen?“, fragte Laura schließlich, als alle Fragen beantwortet waren.

„Ja, Frau Doktor“, erwiderte Gabi und blickte voller Sympathie auf die rotblonde schlanke Ärztin. Laura war unheimlich beliebt im Hause, besonders bei den Auszubildenden, die

sie einstimmig zur Vertrauensärztin gewählt hatten. Eine solche einstimmige Wahl hatte es hier im Elbkrankenhaus dafür noch nie gegeben.

Und alle wussten, dass Laura sich einsetzte.

„Ja, Frau Doktor, es gefällt mir gut hier, mit ein paar Abstrichen, sozusagen mit Streifen.“

„Und was sind das für Streifen?“, wollte Laura wissen.

„Na ja, die Unterbringung. Das Zimmer ist zwar nett, aber zu klein für zwei. Und außerdem …“

Sie sprach nicht weiter und senkte den Kopf, starrte auf ihren Schoß und schien wohl nicht die Absicht zu haben, Laura das näher zu erklären.

„Nun haben Sie A gesagt, sagen Sie jetzt auch B. Was ist es denn?“, fragte Laura.

„Na ja, wenn man schon zu zweit liegt … ich meine, da sollte man vielleicht mit jemandem, der auch in der Ausbildung ist wie ich, zusammen sein.“

„Und mit wem sind Sie zusammen?“, erkundigte sich Laura.

„Mit einer Operationsschwester. Sie ist vor zwei Wochen gekommen. Sie war irgendwo in einem Notstandsgebiet eingesetzt. Und war wohl früher mal bei uns. Sie sagt zwar immer, sie bliebe nicht lange hier im Hause und wollte sich selbst ein Zimmer suchen, aber sie wissen ja, was das hier kostet. Und vielleicht ist sie ganz froh, dass sie so billig wohnen kann. Nur, ich meine, eine Operationsschwester verdient

ganz gut. Im Gegensatz zu uns, die wir in der Ausbildung sind und uns kein Zimmer draußen leisten können, es sei denn, wir haben unsere Familie hier in Hamburg. Bei mir und all den anderen Auszubildenden, die im Personaltrakt wohnen, ist das nicht der Fall.“

„Dann werden Sie mal konkret! Wer ist diese Person?“

„Sie heißt Verena Bilg. Ich schätze sie auf sechs-, siebenundzwanzig.“

„Und was stört sie an Frau Bilg?“, wollte Laura wissen.

„Da kommen immer noch andere Schwestern sie besuchen, und manchmal taucht sie erst mitten in der Nacht auf. Aber sie hatte keinen Dienst. Sie war eben weg. Und sie breitet sich im Zimmer aus, als gehöre es ihr allein. Dabei spricht sie kaum mit mir. Und wenn sie es tut, dann so von oben herab. Aber ich will Sie damit nicht behelligen. Dafür sind Sie ja auch nicht zuständig, Frau Doktor, soviel ich weiß.“

„Das wollen wir erst einmal sehen, ob ich nicht dafür zuständig bin“, entgegnete Laura. „Ich glaube, es ist das Beste, ich sehe mir Ihr Zimmer erst einmal an. Dann werde ich mit der Ausbilderin sprechen, und die kann ja Abhilfe schaffen.“

„Ich wollte Sie wirklich nicht damit belästigen. Aber Sie haben so bohrend gefragt, Frau Doktor.“

„Richtig. Und Sie haben es sich von der Seele geredet, Gabi. Und so wollen wir es auch immer halten.“ Laura schaute auf die Uhr. „Ja, ich habe noch etwas Zeit, und in der Station ist glücklicherweise nicht allzu viel los. Gehen wir also in den Personalbau hinüber und sehen wir uns das an!“ Laura sagte noch der Stationsschwester Bescheid und der Zentrale, dann begleitete sie Gabi zum Personalbau, wo das Zimmer der Auszubildenden im dritten Stock lag.

Auf dem langen Flur waren viele Türen. Die vorletzte rechts führte ins Zimmer von Gabi Hellering.

Bevor Gabi die Tür öffnen konnte, fragte Dr. Laura Leitner leise: „Ist diese Frau Bilg jetzt da?“

Gabi schüttelte den Kopf. „Nein. Vormittags ist sie bis zwei im OP. Sie muss ja schon um fünf dort sein. Und nachmittags geht sie meistens weg. Oft kommt sie erst spät abends nach Hause. Ich weiß nicht, wie sie das macht. Sie schläft sehr wenig.“

„Das dürfte ja nicht unser Problem sein. Machen Sie auf!“

Gabi machte auf, warf einen Blick ins Zimmer, schaute dann wieder Laura Leitner an und schüttelte den Kopf. „Sie ist nicht da.“

Sie betraten zu zweit das Zimmer. Ein an sich freundlicher Raum mit großem Fenster, mit Wandschränken, einem Tisch direkt am Fenster, zwei Stühlen, ein Bett links, ein Bett rechts. Das linke gemacht, das rechte nicht. Auf den Stühlen lagen Kleidungsstücke. Auch der Tisch, in dessen Mitte ein kleiner Gummibaum stand, rundum belegt mit allerlei Krimskrams.

Auf dem Fußboden vor dem ungemachten Bett lagen Schuhe, eine Strumpfhose am Boden, Papierknäuel, ein Karton und Packpapier. Es sah aus, als sei eben etwas ausgepackt worden.

„Sehen Sie, wie es aussieht, Frau Doktor. Und so ist es immer. Ich hatte mein Zimmer zuerst mit einer Auszubildenden geteilt. Wir hielten auf Ordnung. Aber sie ist mit der Ausbildung fertig. Eine Zeitlang war ich alleine. Aber jetzt habe ich Schwester Verena mit im Zimmer. Und sehen Sie, wie es aussieht.“

„Ziemlich liederlich. Na, ich glaube, ich rede mal mit der Ausbilderin. Und dann …“

In diesem Augenblick entdeckte Laura Leitner das Bild.

Ein Foto in einem kleinen Rahmen auf dem Nachttisch neben dem Bett dieser Verena Bilg.

Sie stand etwa zwei Meter davon entfernt und erkannte Michael, ihren Freund, sofort auf diesem Bild.

 

*

 

Sie ging näher, hielt es erst für eine optische Täuschung. Aber es war keine.

Sie nahm den Rahmen in die Hand, drehte ihn etwas um, dass das Licht vom Fenster aus voll darauf fiel.

Michael mit einer aschblonden Frau, die er in den Armen hielt. Beide sahen sich sehr liebevoll an.

Laura verschlug es die Sprache. Was tut Michael mit dieser Frau?, dachte sie. So wie er sie im Arm hält, ist das nicht nur irgendein Foto. Sie bedeutet ihm etwas. Und ich habe ihm vertraut. Laura nahm sich zusammen. Aber der Stachel saß tief. Sie brachte es noch fertig, Gabi, der die Überraschung Lauras wohl entgangen war, zu fragen: „Ist das diese Frau Bilg, ich meine Schwester Verena?“

Gabi nickte ohne lange hinzusehen. „Ja, ja, das ist. sie. Und der Mann ist ein Arzt. Mit dem ist sie zusammen in Äthiopien gewesen. Aber das Bild wurde in Genua aufgenommen.“ „Woher wissen Sie das?“, fragte Laura, die große Mühe hatte, weiterhin beherrscht zu bleiben.

„Weil sie es mir erzählt hat. Sie sagt, es wäre ein ganz toller Kerl. Ein Narkosearzt. Sie haben da in den Notstandsgebieten in einem Notkrankenhaus zusammengearbeitet. So eine Art Feldlazarett, wie sie es immer nannte.“

„Wieso ist dieses Bild in Genua aufgenommen?“

„Ja, bevor sie hierherkam, hat das Internationale Rote Kreuz in Genua für alle, die in dieser Gruppe bei dieser Aktion dabei waren, so eine Party oder ein Fest, oder was weiß ich, gegeben. Und da ist das Foto auf genommen.“

„Das ist aber doch im Freien hier, irgendwo vor einem Haus.“

„Ja, ja, das war bei dieser Gelegenheit, hat sie jedenfalls erzählt. Ganz am Anfang hat sie mir das gesagt. Ich hatte so das Gefühl, dass sie damit angeben will. Sie wollte auch sehen, was ich für einen Freund habe.“

„Und haben Sie es ihr gesagt?“, fragte Laura.

Gabi schüttelte den Kopf. „Ich habe keinen Freund. Ich hätte einen zu Hause. Aber nun bin ich hier, schon die ganze Zeit, und wir haben uns auseinandergelebt. Es ist einfach kaputt gegangen durch die Trennung.“

Laura nickte gedankenverloren. Kaputtgegangen durch die Trennung, dachte sie. Da scheint bei Michael auch einiges durch die Trennung kaputtgegangen zu sein.

Sie wandte sich Gabi zu. „Und sie hat Ihnen erzählt, er sei ihr Freund?“

„Ja, ja. Ist er auch. Er hat ihr auch geschrieben. Sie hat die Briefe irgendwo in ihrer Schublade. Aber …“

Laura, ahnte, was kam. „Um Himmels willen! Sie sollen mir keine Briefe zeigen. Ich frage nur aus Interesse.“ Sie stellte das Bild wieder weg. Aber so gleichmütig wie sie tat, war ihr, weiß Gott, nicht zumute. Im Gegenteil. Sie hatte das Gefühl, den Boden unter den Füßen zu verlieren.

Michael betrügt mich mit einer anderen, dachte sie. Er betrügt mich, und ich habe ihm so vertraut, ihn so geliebt. Liebe ihn noch. Er hat mir seine Liebe geschworen.

Gabi merkte nicht, was mit Laura passierte. Sie plapperte munter darauf los. Erzählte, ob Laura es nun hören wollte oder nicht, noch mehr von dieser Verena Bilg und ihrer Korrespondenz. Gabi kannte sogar den Namen. „Herr Doktor Krämer ist es.“ Gabi lachte. „Sie nennt ihn Braunbär. Einmal hat sie, so schlampig wie sie ist, einen Brief verräumt. Er lag auf meinem Bett. Er war völlig offen. Ich habe nur die Anrede gelesen. ,Mein lieber Braunbär' hat darauf gestanden, und weiter mochte ich nicht lesen. Als ich ihn ihr zurückgab, da fauchte sie mich an, was mir einfiele, den Brief einfach an mich zu nehmen. Dabei hatte ich das gar nicht getan. Sie ist immer so. Sie verräumt etwas, und ich soll es gewesen sein. Frau Doktor, ich weiß, dass Sie mir dabei nicht helfen können, aber vielleicht ist es nett, wenn Sie mit Frau Berlinger sprechen. Die kann mir vielleicht doch jemand anderen ins Zimmer tun oder mich verlegen. Schließlich ist sie die Ausbilderin.“

„Auch sie hat damit nichts zu tun, liebe Gabi“, sagte Laura, die sich wirklich sehr beherrschen musste, um jetzt auf das einzugehen, was Gabi wirklich wollte. „Aber Sie haben recht. Frau Berlinger kann sich in der Verwaltung darum kümmern. Ich gehe jetzt wohl besser.“ Sie blickte auf ihre Armbanduhr. „Inzwischen ist sogar schon Feierabend.“

„Sie machten ein so trauriges Gesicht, Frau Doktor. Bestimmt bin ich Ihnen mit meiner Sache lästig geworden, nicht wahr?“, meinte Gabi.

Laura schüttelte den Kopf und zwang sich zu einem verkrampften Lächeln. „Nein, nein. Es ist schon gut. Ich kümmere mich darum.“

Als sie das Zimmer verlassen hatte, wurde sie von Gabi noch bis zur Treppe begleitet. Laura zwang sich, auch jetzt, so gut es ihr eben möglich war, Gabi nichts von dem anmerken zu lassen, was in ihr vorging. Aber dann, als sie allein war, und zurück zum großen Haus ging, da wirkte der Schock erst richtig.

 

*

 

Mit einer OP-Schwester betrügt er mich! Seine Anrufe sind auch seltener geworden. Seine Briefe sowieso. Aber ihr schreibt er Briefe. Mein Gott, es liegt ja letztlich an mir. Vielleicht, weil ich ihm nicht nachgegeben habe, zu heiraten. Und doch hat mich immer eine innere Stimme davor gewarnt. Ich liebe ihn, aber ich fürchte mich vor einer Ehe mit ihm. Habe ich vielleicht doch kein Vertrauen?

Als sie wieder auf der Station war und direkt zum Arztzimmer ging, um sich umzuziehen, begegnete ihr Dr. Ohlenschläger, der ebenfalls Stationsarzt auf der Inneren Abteilung war.

Der große breitschultrige Mann ging direkt auf sie zu und sagte: „Was treibst du noch hier? Es ist längst Feierabend.“

Laura musste sich zusammenreißen. „Auch für dich“, sagte sie und versuchte, ihrer Stimme einen fröhlichen Ton zu geben. Aber genau das misslang ihr gründlich. Ohlenschläger, ihr älter Freund, hörte das auf der Stelle heraus.

„Hoppla, Laura. Welche Laus ist dir über die Leber gelaufen?“

Sie vermied es ihn anzusehen, spürte, wie die Tränen ihr in die Augen stiegen. „Nichts“, sagte sie. „Mir geht heute eben einiges verquer. Lass mich am besten in Ruhe! Sei mir nicht böse, bitte!“ Nun schaute sie doch auf, und prompt entdeckte er die Tränen.

„Du weinst, Laura. Oder zumindest bist du kurz davor. Geh mal ins Arztzimmer! Ich komme mit!“

Als sie drinnen waren, und sie zu ihrem Spind ging, ihren Kittel auszog, da lehnte er sich mit dem Rücken an die Tür und sagte tröstend: „Ich weiß nicht, was es ist, und ich will es auch nicht wissen, aber ich hoffe, du denkst daran, dass Marina und ich deine Freunde sind.“

„Ja, ich weiß. Es ist auch nichts weiter.“

Hans Ohlenschläger hatte schon immer ein Talent gehabt, sofort auf den dunkelsten Punkt zu tippen. Und das tat er auch jetzt, indem er fragte: „Ist irgendetwas mit Michael?“

Sie gab ihm keine Antwort, hängte ihren Kittel in den Spind, nahm ihre Jacke und ihre Handtasche heraus, und als sie die Jacke anzog, rührte er keine Hand, um ihr zu helfen. Sie rechnete wohl auch gar nicht damit, dann wandte sie sich um, lächelte wieder so verkrampft und sagte: „Ich gehe jetzt! Machst du nicht Schluss?“

Er blieb in seiner ganzen Breite vor der Tür stehen und gab ihr den Weg nicht frei. Er war größer als sie, blickte sie an und sagte in beinahe väterlichem Ton: „Laura, jetzt machen wir erst reinen Tisch. Es ist also irgendetwas mit Michael. Du bist dahintergekommen, nicht wahr?“

 

*

 

Das war die zweite Überraschung für Laura an diesem Tag.

„Was weißt du?“, fragte sie und sah ihn anklagend an.

Er lächelte sanft. „Du brauchst mich nicht so anzusehen, Laura. Ich wusste ja nicht, was dahinter steckt. Ich habe ihn dreimal mit dieser Frau gesehen als er zuletzt hier war, und bin dann der Frau hier begegnet. Sie ist also aus unserem Haus. Ich weiß inzwischen auch, wer sie ist.“

„Eine OP-Schwester“, sagte Laura.

„Richtig. Schwester Verena aus dem OP. Nach Mitteilung unserer Kollegen von der Chirurgie eine begnadet tüchtige Operationsschwester mit einem wahnsinnigen Erfahrungsschatz.“

„Sie ist aber noch nicht lange da.“

„Nein. Und ich habe nicht viel Mühe gehabt, herauszufinden, wo sie vorher gewesen ist. Ganz früher war sie einmal hier. Dann hat sie lange irgendwo in Westdeutschland gearbeitet, Düsseldorf oder Köln. So genau ich das nicht. Und dann eben das Internationale Rote Kreuz in Äthiopien.

„Mit Michael zusammen“, stellte Laura fest.

Er nickte nur. „Ich habe nicht den Eindruck, dass es eine ernste Sache ist für Michael“, erklärte er. „Eine Spielerei. Und ich muss dir etwas sagen, Laura, so ganz unschuldig bist du daran nicht. Das solltest du wissen.“

„Ich?“, rief sie empört.

„Ja, du“, sagte er ernst. „Weißt du, du machst dich ihm gegenüber sehr rar. Ihr wart so lange getrennt.“

„Aber das ist doch Unsinn“, widersprach sie und wurde ärgerlich. „Er hat doch diese Frau schon als Freundin gehabt, als sie beide da unten waren. Ich habe heute ein Foto gesehen. Nur ein Foto. Und diese Schwester Verena ist hier im Hause. Ich hatte durch Zufall in demselben Zimmer zu tun, in dem sie lebt, das sie teilt mit einer Auszubildenden. Und da stieß ich auf dieses Bild.“ Sie wandte sich ab ging zum Fenster, presste die Stirn an die Scheibe und starrte hinaus. Dass es draußen regnete, passte genau zu ihrer Stimmung.

Ohlenschläger kam von der Tür her zu ihr, blieb hinter ihr stehen und legte seine Pranke von Hand auf ihre rechte Schulter.

„Vielleicht ist alles nicht so ernst, wie du denkst. Und wenn, du bist eine attraktive Frau, du bist ein gescheites Mädchen. Es gibt noch massenhaft Michaels auf dieser Welt. Du solltest dir das Herz nicht kaputtmachen damit.“

„Du hast Michael nie gemocht, nicht wahr?“, sagte sie und hätte Mühe, ein Schluchzen zu unterdrücken.

„Das ist nicht wahr. Ich habe ihn sogar recht gerne gehabt. Er ist ein richtiger Mann. Ein Draufgänger. Aber, wie oft bei dieser Sorte Männer, auch ein wenig leichtsinnig und nicht immer so treu, wie eine Frau das erwarten darf. Ich habe mich überhaupt gewundert, dass es bei euch beiden bisher so gutgegangen ist.“

„Du hast keine Ahnung, wie es mich trifft. Ich glaube, ich gehe jetzt. Es ist sehr lieb von dir, Hans, dass du dich um mich kümmern wolltest.“

„In deinem Zustand solltest du vielleicht nicht Auto fahren. Vor allen Dingen mit deiner alten Klappermühle.“

Sie lächelte gequält. „Ich habe für sechshundert Mark die Reparaturen machen lassen. Der geht wieder prima.“

„Diese uralte Karre wird eines Tages unter dir zusammenbrechen“, sagte er. „Soll ich dich nach Hause bringen? Ich muss nur den Kittel ausziehen, genau wie du, dann bin ich fertig. Ich habe ja auch Feierabend. Komm, ich bringe dich nach Hause! Lass deine Klapperkiste hier stehen! Das ist besser für dich. Ich habe ein Auge dafür, wenn ein Mensch kurz vor dem Ausflippen ist. Lass mich dich nach Hause bringen!“

Aber sie wollte es nicht, widersprach und ließ es nur zu, dass er sie nach unten begleitete bis zu ihrem Wagen. Er verabschiedete sich, und sie dankte ihm mit spröder Stimme für seinen Trost. Dann fuhr sie los.

„Hoffentlich geht das gut“, murmelte Hans Ohlenschläger, als er ihr nachblickte, wie sie davonfuhr …

 

*

 

Laura kam das Haus wie verlassen vor. Da erst fiel ihr ein, dass Tante Erika zu ihrer Freundin hatte fahren wollen und übers Wochenende weg im Alten Land blieb. Und Opa war ja schon seit zwei Tagen in Braunschweig bei einem langjährigen Freund.

Mürrisch und deprimiert setzte sich Laura im Esszimmer an den Tisch, stützte den Kopf auf die Arme und starrte vor sich hin.

Erst nach einer Weile fiel ihr die Post ein, die draußen auf der Kommode lag. Sie ging noch mal in den Hausflur zurück, nahm die Post zusammen und versuchte, sich damit abzulenken.

Aber das Gegenteil war der Fall. Außer drei unwichtigen Drucksachen war da noch ein Brief.

Ein Brief von Michael!

Sie sah, dass er in Athen abgeschickt war. Sogar das Datum war zu erkennen. Der Brief hatte eine Woche bis hierher gebraucht.

Aber sie zögerte, ihn zu öffnen, starrte darauf und fragte sich, ob sie ihn nicht gleich, so wie er war, verbrennen sollte. Doch dann riss sie das Kuvert auf. Ihre Neugier überwog, was er ihr geschrieben hatte.

Sie merkte, wie sie zitterte, als sie den Brief aus dem Kuvert nahm, auseinanderfaltete und dann las. Es war nicht so einfach, seine Handschrift zu entziffern. Aber sie war es gewohnt.

Schon die Anrede setzte ihr Blut in Wallung. Ihr Zorn wuchs. Er schrieb: Meine geliebte Laura!

Geliebte, dachte sie. Er liebt eine andere. Er weiß sich zu trösten. Vielleicht, hat er inzwischen noch eine weitere, wo diese Verena hier ist.

Er teilte ihr mit, dass er einem Kollegen den Brief mitgeben würde, einem griechischen Kollegen, der ihn dann in Athen aufgeben wollte. Dann schilderte er seine Arbeit, die so trostlos und so erschütternd war, wie es Laura aus seinen Berichten und aus seinen Briefen kannte. Vor einiger Zeit war er ja noch einmal da gewesen, hatte wieder ein paar Monate in seiner alten Klinik gearbeitet, musste dann aber erneut in die Notstandsgebiete zurück. Oberarzt Hartmann hingegen war damals nicht mehr zurückgeflogen, sondern im Elbkrankenhaus geblieben. Professor Bernhard gab seinen Oberarzt nicht mehr her.

Eigentlich war alles, was Michael schrieb, für sie im Grunde nichts Neues. Doch dann teilte er mit, er werde wohl sehr bald zurückkommen und für längere Zeit oder sogar für immer bleiben. Er freue sich sehr darauf, endlich wieder mit Laura zusammen zu sein. Ein herzlicher Gruß, ein paar intime Worte, die Laura wiederum aufregten und dann die Unterschrift. Eigentlich kein sehr langer Brief. Aber lange Briefe hatte er sowieso nie geschrieben.

„Du Heuchler!“, murmelte sie. „Du gemeiner, hinterhältiger Heuchler!“

Ihr kamen wieder die Tränen. Verzweifelt rannte sie die Treppe hinauf, den Brief zerknüllt in ihrer Rechten, ging in ihr Zimmer und warf sich aufs Bett. Und dann überwältigte sie das ganze Elend ihrer Lage.

Mit dem Tränenfluss kam die Erleichterung. Danach fühlte sie sich etwas besser und begann über alles nachzudenken.

Vielleicht, kam ihr plötzlich ein, ist alles ganz anders. Vielleicht tu ich ihm Unrecht! Vielleicht brüstet sich diese Schwester Verena nur mit ihm, und dann ist es gar nicht wahr. Das kann sie dieser Gabi aufschwatzen, und die nimmt es für bare Münze. Mein Gott, und die plaudert mir alles aus. Aber ein Glück, jetzt weiß ich Bescheid.

 

*

 

Erneut kamen ihr Zweifel. Und wenn es nun gar nicht stimmt?, fragte sie sich. Wenn ich Michael etwas andichte, was so gar nicht war? Doch das Foto!, dachte sie wieder. Ich kenne Michael. So wie er sie im Arm hält, ist sie ihm nicht gleichgültig. Das würde er nie machen, wenn sie ihm tatsächlich nichts bedeutete. Doch ihre Zweifel schwanden, und

sie wurde immer sicherer, dass es wirklich eine ernste Sache war mit dieser Verena. Sie fühlte sich betrogen, belogen und war so enttäuscht, dass sie Michael am liebsten einen bitterbösen Brief geschrieben hätte. Sie überlegte schon, ob sie es tun sollte oder nicht, aber dann ließ sie es. Nein, dachte sie, das wäre zu viel der Ehre. Wenn er demnächst kommt, da wird er sich wundern. Es ist aus und vorbei.

Sie versuchte, Michael aus ihren Gedanken zu verbannen. Aber es gelang ihr nur teilweise. Obgleich sie sich bemühte, sich durch Arbeit abzulenken. Dabei kenne ich diese Frau gar nicht, dachte sie. Alle scheinen über sie Bescheid zu wissen. Was Hans mir da gesagt hat, bestätigt es ja. Nur ich habe nicht die mindeste Ahnung. Habe sie noch nicht einmal gesehen, kenne sie nur vom Foto. Erneut überkam sie das heulende Elend. Sie zog sich aus, kroch in ihr Bett und hoffte, dass der Schlaf sie von ihren trüben Gedanken befreite.

Sie schlief auch wirklich ein, doch immer wieder wachte sie auf und wurde sich bewusst, dass alles, woran sie dachte, kein schlechter Traum war, sondern die Wirklichkeit. Sie

hatte eine entsetzliche Nacht hinter sich. Als am Morgen der Wecker läutete, empfand sie es wie eine Befreiung. Nach dem Duschen fühlte sie sich besser, aß ein paar Happen und fuhr dann in die Klinik.

Dort erwartete sie eine neue Überraschung.

 

*

 

Oberarzt Dr. Hartmann, der seinerzeit monatelang zusammen mit Michael Krämer unten in Äthiopien gewesen war, begrüßte sie knapp und sagte: „Frau Leitner, wir müssen sie heute als Notärztin abstellen. Tut mir leid. Ich habe niemand anderen frei, und es muss ein ausgebildeter Facharzt sein. Die Chirurgie hat den Kollegen Becker abgestellt. Seien Sie so freundlich und melden Sie sich, sobald Sie soweit sind, in der Notrufzentrale.“

Das hatte Laura gerade noch gefehlt. Notarztdienst! Das war für sie immer das Schlimmste. So abgebrüht kann kein Arzt sein, um das einfach so wegzutun, was seine Augen bei vielen Unfällen sehen müssen.

Sie kannte den Chirurgen Dr. Becker nicht. Jedenfalls war ihr der Name nicht geläufig. Aber das kümmerte sie im Augenblick auch wenig. Sie fühlte sich wie zerschlagen und keinesfalls ausgeruht. Und auch noch Notarztdienst machen, von einem Rettungssanitäter der Feuerwehr herumgefahren zu werden, von einem Unfall zum nächsten, von einem Selbstmord zum anderen, Notgeburten, und was alles anfiel. Und dann die Herzinfarkte. Das war besonders ihr Gebiet. Immerhin ging das sie als Internistin etwas an.

Beim Einsatz der Notärzte wechselten sich die verschiedenen Krankenhäuser und Kliniken Hamburgs mit der Entsendung von geeigneten Medizinern ab. Jetzt war das Elbkrankenhaus mit Dr. Uli Becker und Dr. Laura Leitner dran.

Vielleicht ganz gut, dachte Laura. Dann komme ich hoffentlich auf andere Gedanken. Sie zog ihren Kittel wieder aus, nahm ihre Sachen und verließ die Klinik. Mit dem Wagen fuhr sie nach Eppendorf zur Universitätsklinik und meldete sich in der Notarztbereitschaft.

Insgesamt taten fünf Ärzte Dienst. Zwei waren unterwegs. Aber im Bereitschaftsraum saß nur Dr. Uli Becker vor dem Fernseher.

Als Laura ihn entdeckte, wusste sie, dass sie ihn kannte. Nur seinen Namen hatte sie nie gewusst. Ein brünetter Arzt, etwa Mitte dreißig, schlank, sehr männlich wirkend. Ein ausgesprochen sympathischer Typ.

Er lächelte Laura entgegen, stand auf und sagte: „Wenn mich nicht alles täuscht, sind Sie Frau Leitner. Gesehen habe ich Sie schon oft.“

„Und Sie Herr Becker“, meinte Laura und lächelte. An ihren Kummer dachte sie im Augenblick nicht mehr.

Der Fernseher lief. Sie setzte sich, und auch Dr. Uli Becker nahm wieder Platz.

Auf dem Bildschirm war ein junges Liebespaar, das im Gras saß und sich unterhielt.

„Ist der Film was?“, fragte Laura.

„Ich sitze schon eine halbe Stunde hier. Aber ich habe das Gefühl, es ist ein Edeka-Film.“

„Edeka-Film?“, fragte Laura überrascht und lachte. „Was ist denn das?“

„Sie wissen doch, was Edeka ist. Und beim Fernsehen bedeutet das soviel wie: erfolglos denken, es käme Aufregendes.“

Laura lachte schallend. „Also ist der Film nichts.“

„Ich warte darauf, dass er was wird. Aber wie gesagt, bis jetzt hat sich nichts ereignet. Die quatschen die ganze Zeit. Es ist eine Wiederholung von gestern Abend.“

„Dann schalten Sie doch einfach ab“, riet Laura und ging zum Fenster, wo auf einem Bord ein Stapel Illustrierten in Lesezirkelmappen lag. Sie nahm sich eine und begann darin zu blättern. „O Gott“, meinte sie, „die ist ja noch aus der Steinzeit.“

„Da wird man richtig wild darauf“, meinte Becker, „endlich einen Einsatz zu bekommen, nicht wahr. Das Fernsehen tote Hose, die Illustrierten aus der Steinzeit. Was willst du mehr. Dann freust du dich richtig, wenn du raus kannst aus diesem Affenkäfig. Ich habe vielleicht eine Wut.“

Sie blickte ihn interessiert an. „Wieso Wut? Versäumen Sie etwas?“

„O ja“, behauptete er. „Ich hätte heute meinen freien Tag gehabt. Sie haben mir schon gestern Abend gesagt, dass ich um Biegen und Brechen kommen sollte. Den freien Tag könnte ich mir ein andermal nehmen. Ich bin nur gespannt, wann? Keiner weiß in welchem Jahr, ist das nicht wunderbar?“,

„Sie tragen’s aber mit Humor, wie mir scheint“, meinte Laura.

„Dieser Schein trügt eben“, erklärte er sarkastisch. „Ich bin so sauer wie ein Hering nach zehn Tagen Essiglauge.“

Laura sah ihn amüsiert an. „Erzählen Sie doch einfach einen Schwank aus Ihrem Leben. Ich glaube, ich kann das auch gebrauchen, dass jemand so launig wie Sie etwas zum Besten gibt.“

„Launig ist gut“, meinte er brummig. „Was würden Sie sagen, wenn Ihnen einer einen freien Tag wegnimmt, an dem sie sich verdammt viel vorgenommen hatten.“

„Zerfließt jemand Ihretwegen jetzt in Tränen?“, fragte Laura spöttisch.

Er schüttelte den Kopf. „Nein. Nicht was Sie denken. Ich sollte angeln. Hören Sie, meinetwegen haben zwei Freunde alles über den Haufen geworfen, um heute den freien Tag zu haben, um sich nach mir zu richten. Und ausgerechnet ich muss jetzt passen. Wir hatten es so schön vor. Und ein Bombengewässer.“

„Fischen Sie denn auch etwas, wenn Sie angeln gehen? Oder ist es nur eine feuchtfröhliche Runde?“, fragte Laura.

„Natürlich fangen wir etwas. Alkohol hilft nicht. Sie irren sich. Nein, nein. Sie machen sich da falsche Vorstellungen. Natürlich könnte es etwas wärmer sein. Um diese Zeit ist sowieso nicht allzu viel los. Das tröstet mich ein bisschen. Aber gefreut hatte ich mich trotzdem. Und außerdem ist es unfair, einem einen freien Tag wieder wegzunehmen.“ Er sah sie interessiert an. „Und Sie? Sie sehen auch nicht gerade aus, als würden Sie vor Jubel an die Decke springen.“

Sie machte eine säuerliche Miene. „Ich mache mir nicht viel aus dem Notdienst. Wissen Sie, für mich ist das schrecklich. Wenn man dann ah die Unfallstellen kommt und …“

„Ach so. Natürlich, das auch. Meinen Sie, das geht mir so glatt herunter? Auch nicht. Wirklich nicht. Es wühlt einen jedes Mal auf. Aber bis jetzt hatten wir ja Ruhe.“

„Beschreien Sie es nur nicht“, sagte Laura und warf einen skeptischen Blick zum roten Telefon hinüber.

Sie wandte sich gerade wieder ab, da schellte es.

 

*

 

„Wenn man den Teufel nennt, kommt er gerannt“, stellte Uli Becker fest, stemmte sich aus dem Stuhl und ging zum Telefon, meldete sich. Und Laura hörte ihn sagen:

„ Ja, geht in Ordnung … ein Internist, ein Chirurg … ja, ich habe verstanden. Wir kommen!“

Er legte auf und betätigte gleichzeitig die Alarmglocke für den Rettungssanitäter. Dann wandte er sich Laura zu. „Freihafen. Betriebsunfall. Eingeklemmter Mann im Aufzug. Wir müssen sofort los.“

Laura hörte schon, wie der Notarztwagen vorfuhr. Auch der Rettungswagen hatte sich in Bewegung gesetzt.

Im Notarztwagen war neben dem Sanitäter nur für einen Arzt Platz. Laura wusste das und rief Becker zu, als sie losrannten: „Ich fahre mit dem Rettungswagen!“

Er winkte nur. Und kurz darauf fuhren beide Fahrzeuge mit Blaulicht und heulendem Martinshorn davon.

Bei diesem Unfall kam der Hafenarbeiter noch mal mit ein paar Quetschungen davon. Für Dr. Uli Becker gab es nichts,und für Laura nicht allzu viel zu tun. Aber des blieb nicht so. Verkehrsunfälle folgten, und entweder mussten sie beide oder einer von ihnen hin. Dann passierte etwas in einer Schule. Ein Kind war die Treppe heruntergestürzt. Danach Blutsturz einer Frau auf der Straße. Anschließend musste sie zum Hauptbahnhof, wo die Polizei sie in die Toiletten führte zu einem reglosen jungen Mann, den sie auch nicht mehr retten konnte. Ein Drogentoter. Er hatte sich den sogenannten Goldenen Schuss gesetzt.

Unmittelbar danach hatte sie wieder einen gemeinsamen Einsatz mit Uli Becker. Wieder der Hafen, wieder ein Betriebsunfall. Jemand war abgestürzt. Ihre Hilfe kam zu spät. Ein deprimierendes Erlebnis für beide.

So ging es den ganzen Tag weiter. Von der Geburt eines Kindes im Sanitätsraum eines Kaufhauses bis zum Herzinfarkt eines Büroangestellten. Und zwischendurch immer wieder Verkehrsunfälle.

Aber dann war Dienstschluss und Schichtwechsel. Als die Folgeschicht noch nicht gekommen war, aber der Zeitpunkt der Ablösung immer näherrückte, da hofften Laura und ihre Kollegen, es würde nichts mehr passieren. Denn wenn sie jetzt noch einmal raus mussten, dann konnte es sehr lange dauern, bis sie wieder zurückkehren würden.

Es war kurz nach halb vier, als wieder drei Kollegen raus mussten, ungeachtet der Tatsache, dass die Ablösung kurz vor vier stattfinden würde.

Uli Becker und Laura Leitner waren allein. Auch die Rettungssanitäter schielten immer wieder nervös zum roten Telefon hinüber.

„Wer Glück hat“, meinte Uli Becker, „dem kälbert ein Ochs. Vielleicht klingelt es nicht.“ Er lachte Laura an wie ein Lausejunge. „Haben Sie übrigens anschließend etwas vor, Frau Kollegin?“

Laura überlegte. Ihr graute vor zu Hause. Sie hatte sich eigentlich vorgenommen, nach langer Zeit wieder einmal in ein Kino zu gehen oder einen Stadtbummel zu machen.

„Nichts Bestimmtes“, sagte sie.

„Sie machen plötzlich so ein trauriges Gesicht. Ich weiß einen ganz tollen Film. Haben Sie Lust?“

Warum eigentlich nicht, dachte Laura. Michael hat mich so jedenfalls nie gefragt. Und damit waren ihre Gedanken wieder bei Michael.

Uli Becker beobachtete sie.

Sie wandte sich ihm wieder zu. „Also gut“, erklärte sie und ihr Gesicht entspannte sich. „Gehen wir ins Kino. Wenn der Film etwas ist?“

„Und danach lade ich sie zum Essen ein.

„Auch nicht schlecht“, erklärte sie spontan und wunderte sich über ihre eigene Bereitwilligkeit.

 

*

 

Er machte schmale Augen, und sie spürte, dass dieses plötzliche Entgegenkommen ihn in Zweifel geraten ließ.

„Ich traue dem Braten nicht.“

Sie blickte ihn überrascht an. „Wie meinen Sie das?“

Er blieb ernst, als er erwiderte: „Sie kommen mir wie ein Mädchen vor, dass sich revanchieren möchte. Ich bin aber kein Ersatzreifen, falls Sie mich als solchen sehen sollten.“

„Können Sie mir mal erklären, was Sie damit meinen?“, sagte Laura, obgleich sie sehr genau wusste, wie er es meinte.

Er nickte. „Ich könnte mich irren. Aber ich bin ziemlich sicher, dass Sie Krach mit irgendeinem Mann haben. Einem, der Ihnen nahe steht. Kurzum, Sie sind stocksauer, und jetzt wollen Sie ihm einen überbraten. Nur ist das vielleicht die falsche Einstellung. Wir kennen uns zwar noch nicht lange, aber wir hätten doch heute Gelegenheit, mehrmals einander zu zeigen, dass wir uns ganz gut verstehen. Und das betrifft nicht einmal bloß die Arbeit.“

„Stimmt“, gab sie zu. Sie lächelte. „Also gut, ich bin ehrlich“, fuhr sie, fort, „ich wollte Sie wirklich als eine Art Ersatzrad benutzen. Es ist unfair. Streichen wir das mit dem Kino.“

„Nein“, widersprach er und legte seine Hand auf ihren rechten Unterarm. „Das genau wäre die falsche Konsequenz. Ich finde Sie okay, und wenn das bei Ihnen mit mir auch so ist, werden wir erst recht ins Kino gehen. Vielleicht wird aus dem Ersatzreifen ein vollwertiger Reifen für rechts oder links vorn. Was halten Sie davon?“

Sie nickte. „Stimmt. Und jetzt, wo Sie es wissen, ist es auch nicht mehr unfair.“

„Tut mir leid. Ist es etwas Ernstes?“, fragte er teilnahmsvoll.

„Ja. Es war etwas sehr Ernstes. Er war immerhin mein Lebensgefährte.“

„Hat er sich anderweitig getröstet oder ist sonst etwas Schlimmes passiert?“

„Ich möchte nicht darüber reden“, erklärte Laura.

In dem Augenblick, als er gerade etwas antworten wollte, klingelte das rote Telefon.

 

*

 

Schimpfend stand Uli Becker auf, nahm den Hörer, machte ein Gesicht, als wollte er ein Haus abreißen.

Laura hörte nur, wie er sagte: „O Gott! … ja, ja … ja, sofort.“ Dann legte er auf. „Da wird der Hund in der Pfanne verrückt. Das wird ein abendfüllendes Programm.“

„Was ist?“, fragte Laura und sah ihn gespannt an.

„Entgleister Triebwagen, hinter dem Hauptbahnhof.“

„Wie viele Verletzte?“, wollte Laura sofort wissen.

„Er sagte nur viele.“ Uli Becker drückte den Alarmknopf. Aber die Fahrzeuge rückten schon aus. Offenbar hatten sie von der Leitstelle schon direkten Alarm bekommen.

„Das hört sich ja an wie ein Großeinsatz“, meinte Laura.

„Das hört sich nicht nur an, liebe Frau Leitner, es ist einer. Feierabend ade. Vielleicht erwischen wir noch den Spätfilm.“ Er lächelte trotz allem wieder.

Und sie lächelte zurück. Kein Gedanke an Michael. Das, was vor ihr stand, beschäftigte sie mehr als alles andere. In den nächsten Stunden würde sie diesen Uli Becker noch besser kennenlernen, als sie ihn im Laufe des heutigen Tages schon kennengelernt hatte.

Diesmal fuhren sie beide im Rettungswagen mit. Die Notarztwagen waren alle unterwegs.

Polizeifahrzeuge tauchten auf. Fuhren vor und hinter ihnen her. Dann stießen noch weitere Rettungswagen zu ihnen. Und schließlich hatten sie noch das Klinomobil vor sich.

„Das sieht ja wirklich gewaltig aus“, meinte Laura.

„Vielleicht ist das Ding umgekippt“, erwiderte Uli. „Könnte ja sein. Und immer alles zur selben Zeit. Wenn die Rushhour anfängt, dann geht es los. Verkehrsunfälle, Betriebsunfälle, immer zum Schichtwechsel oder wenn Feierabend ist.“

Ein Polizeiwagen hatte die Führung übernommen. Sie fuhren jetzt am Hauptbahnhof vorbei ein ganzes Stück weiter und dann in eine sonst für andere Fahrzeuge gesperrte Einfahrt.

Bis an die Unglücksstelle konnten sie nicht direkt heranfahren. Über Treppen ging es nach oben an die Gleisanlage. Und dort war die Bescherung zu sehen. Ein Schienenbus war aus den Gleisen gesprungen, direkt an einer Weiche, und dann neben den Gleisen weitergerast, um mit vollem Schwung gegen ein Transformatorhäuschen zu prallen. Das Häuschen war halb abgerissen von dem Zusammenstoß. Der Schienenbus sah schlimm aus. Und das Wimmern und Brüllen der Verletzten war bis nach draußen gut zu hören.

Laura musste sich überwinden wie jedes Mal. Aber das dauerte nur zwei, drei Sekunden. Dann hatte sie es gepackt und folgte Uli Becker in den zertrümmerten Wagen. Hinten war noch eine Tür. Feuerwehrleute hatten bereits eine Leiter angelegt. Bahnpolizisten, es waren erst wenige da, hatten wohl die weniger oder gar reicht verletzten Fahrgäste herausgeholt.

Sanitäter kamen mit den Tragen. Verletzte, die geborgen werden konnten, wurden zu den Rettungswagen geschafft.

Details

Seiten
120
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783738923490
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2019 (Mai)
Schlagworte
laura leitner lauras stunden

Autor

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Titel: Dr. Laura Leitner #4: Lauras schwere Stunden