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SHENG #18: Sheng zähmt die Schießergarde

2018 120 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Title Page

Sheng zähmt die Schießergarde

Klappentext:

Roman:

SHENG – Der Kung Fu-Kämpfer

 

Band 18

 

Sheng zähmt die Schießergarde

 

Ein Western von John F. Beck

 

 

 

IMPRESSUM

 

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© Roman by Author / Cover 2018: Tony Masero

Redaktion und Korrektorat: Alfred Wallon

© dieser Ausgabe 2018 by Alfred Bekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

 

 

Klappentext:

Sheng ist auf dem Weg nach Rockville. In der Nähe dieser Stadt lebt der Chinese Yen Shao. Genau wie Sheng trägt er ebenfalls einen Teil der Schriftrolle bei sich, die für den Geheimbund des Schwarzen Drachen so wichtig ist, dass man sogar Morde begeht, um in deren Besitz zu kommen. Sheng weiß, dass Yen Shao in Gefahr ist, und er will das Schlimmste verhindern.

Dann gerät er in Rockville mit Ronald Mackenzie und dessen Revolvermännern aneinander. Man hält ihn für einen Bankräuber, nur weil er zufälligerweise in der Nähe war, als Bloody Bill Dawson und seine Leute den Überfall begingen. Sheng kann vorerst entkommen, aber schon bald bekommt er noch mehr Ärger. Denn nun haben es sowohl Mackenzies Männer als auch Dawsons Banditen auf ihn abgesehen!

 

 

 

 

Roman:

„Ihn zuerst!“

Die knochige Hand des dunkel gekleideten, hageren Anführers der Männer aus Rockville wies herrisch auf Sheng, der ein Stück abseits von den fünf gefesselten Banditen reglos auf dem Boden kauerte.

Ein großer, schlanker Mann in staubbedeckter Kleidung. Sein fremdartig geschnittenes Gesicht mit den dunklen, leicht geschlitzten Augen war ausdruckslos. Sein Blick wie in unwirkliche Ferne gerückt. Er schien losgelöst von allem, was ringsum geschah. Ein leichtes Deckenbündel lag neben ihm.

Zwei von Ronald Mackenzies Aufgebotsmitgliedern traten zu ihm. Kräftige, derb gekleidete Kerle. Mitleidlose Gesichter. Ein Fußtritt traf den schlanken Halbchinesen.

„Los, Schlitzauge! Steh auf! Der Strick wartet auf dich!“

Shengs Gedanken kamen von weit her. Zurück aus seiner Vergangenheit im Kloster vom Weißen Lotus, wo er nach den Lehren des Tao Chi erzogen und zum ersten Kung Fu-Kämpfer ausgebildet worden war. Dort, in China, hatte er gelernt, dass jedes Menschen innere Kraft, das Chi, stark genug sein konnte, alles, auch die Furcht vor dem Tod, zu überwinden.

Shengs Körper war taub gegen den Griff der rohen Fäuste, die ihn hochzerrten. Sein Blick glitt über die finsteren, angespannten Gesichter. Dann zu dem knorrigen Baum, aus dessen kahlem Geäst sechs Schlingen baumelten.

Ein stahlblauer Himmel wölbte sich über dem von zerklüfteten Felsen umschlossenen Platz. Ringsum Stille, Hitze, raues, einsames Land.

Die fünf anderen Gefangenen hatten aufgehört, zu fluchen, an den Fesseln zu zerren. Schweiß perlte über ihre harten, sonnenverbrannten Gesichter. Gesichter, die von einem wüsten, gesetzlosen Leben gezeichnet waren.

Die Männer des Aufgebots waren abgesessen. Nur Ronald Mackenzie, Besitzer der ertragreichsten Goldminen in den südlichen Guadalupe Mountains und Boss von Rockville, verharrte noch im Sattel. Groß, hager, mit vorgezogenen Schultern. Kalte, tiefliegende Augen glitzerten in seinem faltendurchfurchten Gesicht. Sheng blickte ihn an.

„Es ist Mord“, sagte er ruhig. „Egal, was diese Männer verbrochen haben, sie gehören vor ein ordentliches Gericht.“

Mackenzies Lippen wurden noch dünner als sie ohnehin schon waren.

„Nimm dein Maul nicht so voll, Chink! Mord? Mord war es, als ihr Dreckskerle den Kassierer meiner Bank über den Haufen geknallt habt, nur weil er das Geld nicht schnell genug herausrückte! Das Gericht findet hier statt. Diese Männer sind eure Jury, ich bin der Richter! Da ist keiner, der anderer Meinung ist als ich. Ihr alle habt den Strick verdient, basta!“

Kein Muskel zuckte in Shengs Gesicht. Kein Schwanken in seiner Stimme. „Niemand hat das Recht, über Leben und Tod eines anderen Menschen zu bestimmen.“

„Recht?“ Der knochige Mann in dem dunklen, zerknitterten Anzug lachte krächzend. „Ich habe die Macht dazu, du Narr! Nur das zählt. Niemand wird mich daran hindern.“

„Ich habe mit dem Überfall nichts zu tun, Mackenzie“, erklärte er fest. „Ich bin nur zufällig auf diese Männer gestoßen. Ich kam an ihr Feuer, um einen Schluck Wasser, ein Stück Brot zu erbitten. Dawson, sag ihm, dass es so war, sag ihm die Wahrheit! Du hast nichts davon, wenn ich unschuldig mit euch sterbe.“

Der Anführer der Bankräuber hob den Kopf. Ein bulliger, gedrungener Mann. Sein eckiges, schnurrbärtiges Gesicht war von der Texassonne dunkel gebräunt. Wasserhelle Augen, ebenso kalt wie die von Mackenzie, blitzten darin. Er spuckte in die halb erloschene Glut des Feuers, dass es zischte.

„Lass mich in Ruhe, Schlitzauge! Was geht es mich an, was aus dir wird? Verdammt, meinst du denn, Mackenzie, dieser Aasgeier, würde mir glauben? Ausgerechnet mir?“ Er warf den massigen Schädel zurück und lachte gehässig.

„Schafft ihn zum Baum!“, befahl der Minenbesitzer den Kerlen, die Sheng festhielten.

Sie zögerten, als Hufschlag zwischen den Felsen trommelte. Eine Staubwolke stand in der flimmernden Luft.

„Halt!“, schrie eine zornige Stimme. „Seid ihr verrückt geworden? Greerson, Wallace, lasst ihn los!“

Zögernd sanken die Waffen der Minenarbeiter und Stadtbewohner herab. Ein großer, breitschultriger Reiter preschte auf den Lagerplatz. Knapp über dreißig. Scharfe blaue Augen in einem energischen Gesicht. Ein blinkender Stern an der ärmellosen Lederweste. Shengs Bewacher schauten auf Mackenzie. Männer, die gewohnt waren, keine eigene Entscheidung zu treffen, sondern immer nur das zu tun, was Mackenzie ihnen befahl.

Der Minenbesitzer starrte den Reiter, der seinen Braunen in einer Staubwolke zügelte, aus zusammengekniffenen Augen an. Sein schmales, wie ausgetrocknetes Gesicht spannte sich.

„Mischen Sie sich nicht in Dinge, die Sie nichts angehen, Hardin!“, sagte er scharf und feindselig. „Sie sind Town Marshal von Rockville. Außerhalb der Stadt ist Ihr Stern nur ein wertloses Stück Blech.“

„Ich werde trotzdem nicht zusehen, wie hier sechs Männer ohne Gerichtsverhandlung und ohne Urteil aufgeknüpft werden!“

„Dann hätten Sie früher da sein müssen!,“ versetzte Mackenzie bissig. „Spätestens, als diese Halunken wild schießend aus meiner Bank kamen, in der sie Riley, den Kassierer, umgelegt hatten. Aber nein, da war ja weit und breit nichts von Ihnen und Ihrem lausigen Blechstern zu sehen, Hardin! Da waren Sie wohl wieder mal auf der Jagd oder bei Ihrer hübschen kleinen Freundin drüben in Twin Falls. Jetzt sind Sie mit Ihrer Pflichterfüllung ein bisschen spät dran, zu spät! Pfuschen Sie mir nur nicht ins Handwerk! Erwarten Sie ja nicht, dass ich diese Schurken laufen lasse!“

„Davon ist keine Rede! Ich werde diese Männer nach Rockville schaffen, einsperren und den Richter in Pecos verständigen/*

Hardin saß aufrecht, mit zurückgebogenen Schultern im Sattel. Mackenzie lachte wütend.

„Den Teufel werden Sie! Sie wollen ja nur beweisen, was für ein toller Bursche Sie sind! Wie wenig Sie meine Macht, meinen Einfluss respektieren, die Ihnen schon lange ein Dorn im Auge sind! Weiß der Teufel, was Sie sich auf dieses Blechding einbilden, das Ihnen ein paar Narren angesteckt haben! Es ändert nichts daran, dass ich der Boss in Rockville und in fünfzig Meilen Umkreis bin. Ich habe diese Hundesöhne zur Strecke gebracht, also werde ich bestimmen, was mit ihnen geschieht. Ich riskiere nicht, dass diese Halunken aus Ihrem Jail türmen und ...“

Hardins Blick jagte zum Galgenbaum. Schweißtropfen auf seiner Stirn. „Sie wagen es nicht!“, stieß er rissig hervor. „Es wäre Mord!“

Mackenzie breitete theatralisch die dürren Hände auseinander. „Ich tue nur, was ich für meine Pflicht halte“, grinste er spöttisch. Im nächsten Atemzug peitschenscharf: „Los, zum Teufel, hängt endlich diesen verdammten Chink auf!“

Sheng schloss die Augen. Ein Moment äußerster Konzentration. Shengs Füße waren wie festgenagelt. Er rief sein Chi. Er sammelte alle Kraft, die in seinem drahtigen, durch jahrelanges Training gestähltem Körper steckte. Dann ein Ruck. Seine Hände fuhren auseinander. Die Enden der Fesseln baumelten von seinen Gelenken.

Bevor einer seiner Bewacher begriff, was los war, hielt Sheng einen langläufigen 45er Colt in der Faust. Der Kerl mit der plötzlich leeren Halfter prallte erschrocken fluchend zurück. Der andere wollte Sheng die Waffe entreißen. Ein blitzschneller Hieb schleuderte ihn nieder. Im nächsten Augenblick deutete der matt glänzende Lauf des Sechsschüssers auf Ronald Mackenzie.

Shengs Stimme war ohne Hass, ohne Panik, fast sanft. Aber nur ein Dummköpf hätte die eiserne Entschlossenheit in ihr überhört.

„Ich will niemand verletzen. Mackenzie, sorgen Sie deshalb dafür, dass keiner Ihrer Männer einen Fehler begeht. Denn Sie wären der erste, den es trifft.“

Mackenzie starrte ihn so ungläubig, so fassungslos an wie alle anderen. Sein Faltengesicht verfärbte sich. Es schien, als wolle er im nächsten Augenblick vor Wut explodieren. Etwas hinderte ihn daran. Der kalte Glanz in Shengs dunklen Augen? Die Art, wie Sheng mit dem angeschlagenen Colt ruhig und entschlossen auf ihn zukam? Mackenzie schluckte. Seine Stimme klang mühsam! gepresst.

„Werft die Waffen weg, Leute! Dieser Bastard meint es ernst.“

„Nennen Sie mich nicht Bastard. Mein Name ist Sheng.“

„Ein Name, der bald auf einem Grabstein stehen wird!“, knirschte der hagere Minenbesitzer.

Die fünf gefesselten Banditen waren aufgesprungen. Wildheit leuchtete auf ihren Gesichtern. Whitey war der gedrungene, weißblonde Bursche mit der Narbe über der rechten Braue. Lefthand, ein hagerer, schweigsamer, düster wirkender Mann mit Augen wie Eis. Seine Colthalfter hing links. Dann Blackjack. Ein Spielertyp. Eine drahtige Gestalt in einem ehemals eleganten, mittlerweile ziemlich ramponierten Streifenanzug. Ein glattes, gutgeschnittenes, aber grausames Gesicht mit dunklen Augen. Der sehnige Laredo dagegen sah mit seinem karierten Baumwollhemd und den dornenzerkratzten Chaps wie ein ehemaliger Cowboy aus. Unstete Augen flackerten in seinem pockennarbigen Gesicht. Dawson, der bullige Anführer, lachte rau.

„Teufel, wie hast du das bloß gemacht, Schlitzauge! Großartig! Zeig’s diesem räudigen alten Hundesohn nur! Und pass auf den Sternträger auf! Der wartet nur auf die Chance, seine Kugelspritze doch noch in die Hand zu bekommen. Das ist einer von der Sorte, die für den Stern Kopf und Kragen riskieren. Komm her, Amigo! Du wirst ja hoffentlich nicht nachtragend .sein. Da liegt mein Messer. Schneide mich los, und du kannst darauf wetten ...“

„Du irrst dich, Dawson. Ich werde euch nicht helfen. Alles, was ich will, ist Gerechtigkeit.“

Das Grinsen fiel aus Dawsons schnurrbärtigem Gesicht.

„Bist du verrückt, Mann? Gerechtigkeit? Da drüben in meinen Satteltaschen stecken vierzigtausend Dollar aus Mackenzies Bank. Das ist die Gerechtigkeit, an die ich glaube! Zehntausend für dich, wenn du ...“

Sheng hörte schon nicht mehr hin. „Tun Sie Ihre Pflicht, Marshal. Ich werde auf Mackenzie achten.“

Dawson und seine Kumpane fluchten. Sheng war taub dafür. Hardin zog die Brauen hoch. „Du gehörst nicht zu der Bande?“

„Ich traf sie zufällig. Ich bin auf dem Weg zu einem alten Freund, der meine Hilfe braucht. Er besitzt in der Nähe von Rockville eine kleine Farm. Mackenzie wollte mir nicht glauben.“

Der Town Marshal warf Mackenzie einen glühenden Blick zu. „Eine Schuld mehr auf Ihrem Konto! Höchste Zeit, dass jemand kommt und Sie von Ihrem hohen Ross holt!“

„Ihr beide werdet das ganz bestimmt nicht sein!“, zischte der Hagere. „Ich sehe euch schon neben Dawson und seinen Mördern am Seil baumeln! Versucht nur, diese Kerle nach Rockville zu bringen! Ihr werdet nicht weit kommen!“

Sheng lächelte kühl. „Weit genug, denn Sie werden uns begleiten!“

 

*

 

Im Marshal’s Office herrschte ein undeutliches Halbdunkel, das die Konturen der Möbel verwischte. Eine Gitterwand, in der eine Tür offen stand. Mehr war nicht zu erkennen.

Aber war da nicht plötzlich der Eishauch einer tödlichen Gefahr? Eine veränderte Atmosphäre, die nur der spürt, dem die Nähe des Todes vertraut ist? Shengs Sinne waren hellwach, angespannt. Die geschärften Sinne eines zweifachen Meisters im Kung Fu.

„Umdrehen! An die Wand mit euch!“, befahl Hardin grimmig. „Sie auch, Mackenzie! Sheng, pass auf sie auf, bis ich die Lampe angezündet habe.“

„Das wird Ihnen noch leid tun, Hardin!“, murmelte Mackenzie. „Die ganze Stadt wird zusehen, wenn ich Sie davonjage!“

„Nur weiter so, wenn Sie zusammen mit Dawson und seinen Leuten eingesperrt werden wollen!“

Hardin brannte den Lampendocht an, setzte den Glaszylinder darüber. Sein Schatten wuchs groß und grotesk an der Bretterwand empor.

Das Licht fiel zwischen die dicken Eisenstäbe auf den Mann, der in der leeren Zelle auf sie gewartet hatte. Er war kaum älter als neunzehn, fast noch ein Junge, schlank, mittelgroß, strohblond. Ein hartes Lächeln auf dem scharfzügigen Gesicht. Lautlos, mit katzenhafter Geschmeidigkeit erhob er sich von einer schmalen Holzpritsche.

„Da seid ihr ja endlich!“

Eine lässige und doch von einer unmissverständlichen Drohung erfüllte Stimme. Noch deutlicher aber war der 38er Remingtonrevolver in seiner nervigen Rechten. „Bleib so stehen, Hardin! Lass den Colt auf dem Tisch liegen! Eine falsche Bewegung, und es knallt!“

Die Banditen fuhren herum. Einen Moment war Dawson sprachlos vor Überraschung, dann lachte er wild. „Kid, du Teufelsbraten! Wie kommst du hierher?“

Ein Achselzucken, ein Grinsen. „Ich war draußen in den Bergen. Ich hab’ euch auf dem Weg zur Stadt gesehen. Kein besonders erhebender Anblick, nachdem ihr Mackenzie bereits um vierzigtausend Bucks erleichtert hattet.“

Er trat lässig aus der Zelle. Die Lässigkeit einer Raubkatze, die im nächsten Moment erbarmungslos zuschlagen kann. Es gab ein paar dunkle feine Linien in seinem jungen Gesicht. Seine grünen Augen funkelten wie Wolfslichter, wild, verwegen, unberechenbar. Die eingefettete, unten offene Halfter hing tief auf seinem rechten Oberschenkel, mit dünnen Lederschnüren festgebunden. Erfahrene, zumeist professionelle Schießer trugen ihre Waffe so.

„Pass auf den Chink auf, er ist gefährlich!“, warnte Dawson. Plötzlich lachte er wieder. „Ich wusste ja, dass du uns nicht im Stich lassen würdest, Kid, auch wenn du bei dem Banküberfall nicht mitmachen wolltest. Whitey, dieser Idiot, dachte schon, du hättest uns verpfiffen! Was sagst du jetzt, Whitey, he? Willst du dich nicht bei ihm entschuldigen?“

Der untersetzte, weißblonde Bandit bewegte mürrisch die Schultern. „Jeder kann sich mal irren, oder?“

„Binde sie los, Chinese!“, befahl der Junge. „Versuch’ keinen faulen Dreh! Wenn du nicht tust, was ich sage, fällt Hardin auf die Nase!“

„Kid, weiß der Henker, was du mit diesen Burschen zu schaffen hast!“, keuchte der Town Marshal. „Aber vielleicht weißt du noch nicht, dass sie nicht nur Mackenzies Bank ausgeraubt, sondern dabei auch Riley erschossen haben. Es sind Mörder! Um Himmels willen, Kid, sei vernünftig und ...“

„Ich schieße, wenn du dich umdrehst, Sternträger! Halte mir keine Predigten. Ich weiß schon, was ich tue!“

„Kid, du gibst alles auf! Dein ganzes bisheriges Leben! Vor allem dich selber! Dabei hättest du gewiss das Zeug und die richtige Hilfe für einen neuen Anfang gehabt! Wie kannst du ihm das nur antun, nachdem ...“

„Sei still!“

Einen Moment war Kids junges hartes Gesicht wild verzerrt. Dann klang seine Stimme so frostig, als gäbe es nichts, was in sein Inneres vordringen und ihn erschüttern könnte. „Was willst du eigentlich, Hardin? Die ganze Stadt hat doch nur darauf gewartet, dass ich eines Tages in Bloody Bills Fußstapfen trete. Hier traut mir doch jeder alles zu, nur nichts Gutes. Eine Chance für Bloody Bills Sohn? Dass ich nicht lache! Ein neuer Anfang? Ich pfeife darauf! Nur die Angst vor meinem schnellen Revolver hielt diese Bastarde davon ab, mich mit einem Seil um den Hals an einem Ast hochzuziehen! Frag doch Mackenzie!“

„Ja, zum Teufel, und wir werden es nachholen, verlass dich darauf!“, zischte der Minenbesitzer hasserfüllt.

Dawson, der eben noch grinste, fuhr herum und schlug mit seinen gefesselten, zusammengeballten Fäusten so wuchtig zu, dass Mackenzie wie ein Stoffbündel gegen die Wand sauste. Ächzend rutschte der Minenbesitzer an ihr nieder, rollte auf die Seite und rührte sich nicht mehr. Dawson versetzte ihm noch einen wütenden Fußtritt. Dann hielt er Sheng die gebundenen Hände hin. Seine hellen Augen glitzerten wild. „Losbinden, verdammt noch mal!“

„Nein, Sheng, tu's nicht!“, rief Hardin.

Kids Revolverhammer knackte. „Glaub ja nicht, ich bluffe nur! Sei nicht verrückt, Hardin! Zwing mich nicht, zu schießen! Ich habe nichts gegen dich, sondern nur gegen deinen Stern und deinen verdammten Job! Aber wenn du ...“

Hardin packte den auf dem Tisch liegenden Colt und warf sich herum. Ein großes, deutliches Ziel vor der Petroleumlampe. Er war unheimlich schnell. So schnell, dass Sheng nicht mehr eingreifen konnte. Es war, als erstickte eine unsichtbare Faust den Warnschrei in Shengs Kehle.

Blitz und Donner füllten das Office. Ein Pulverdampfschleier zog an Kids steinernem Gesicht vorbei.

Einen Augenblick lang war es Sheng, als schwanke der Boden unter seinen Füßen. Er sah das Loch in Hardins Lederweste, das Blut. Hardin hielt sich noch eine Sekunde am Tisch fest. Dann knickten seine Beine durch. Mit einer halben Drehung schlug er schwer zu Boden.

Langsam sank Kids Waffe herab. Hardin bewegte sich stöhnend. Sofort lief Sheng zu ihm, kniete bei ihm nieder. Alles andere war wie ausgelöscht: das Durcheinander der rauen, heftigen Stimmen, die hämmernden Tritte, das Knarren der Tür. Sheng war allein mit dem Marshal. Vorsichtig wälzte er ihn herum. Blut an seinen Händen. Ein trübes Flackern in Hardins blauen Augen.

Mühsam hob Hardin eine Hand, griff nach Shengs Ärmel.

„Lass es nicht zu!“, keuchte er. „Folge ihm! Bring’ ihn zur Strecke, bevor er noch mehr Unheil anrichtet! Ich kenne dich kaum, aber ich weiß, dass du ein Mann bist, der auf der richtigen Seite steht. Wenn es in Rockville jemand gibt, der es mit Revolver-Kid und seinen neuen Freunden aufnehmen kann, dann bist du es. Diese Schurken werden das Land nicht ohne Beute verlassen wollen. Beute, an der Blut kleben wird. Nimm meinen Stern, Sheng! Tu es für ...“

Seine Stimme erlosch. Mit letzter Kraft löste er das Abzeichen von seiner Weste und drückte es Sheng in die Hand, ehe er das Bewusstsein verlor. Sein sonst so hartes, einsames Gesicht wirkte seltsam friedlich. Sheng war es, als hätte er Hardin schon immer gekannt. Ein Mann, der sein Leben gewagt hätte, um ihn, den Unschuldigen, vor dem Lynchstrick zu bewahren.

Sheng blickte auf den Stern in seiner Hand. Er war wie eine Verpflichtung, der er sich nicht entziehen konnte - ebensowenig wie der Aufgabe, Yen Shao vor den Menschenjägern des Schwarzen Drachen in Sicherheit zu bringen. Er schob den Fünfzack in die Tasche. Sein Gesetz war nicht etwas, was auf Papier stand, was eines äußeren Zeichens bedurfte. Es war in ihm, so tief verwurzelt wie die Uhr, nach der sein Leben ablief.

„Nimm meinen Stern, Sheng!“ Die Worte klangen in seinen Ohren nach. Dann hörte er die aufgeregten Stimmen und eiligen Tritte, die sich auf der Straße näherten.

Rasch nahm er Hardins Halstuch, presste es auf die blutende Wunde unter dem Hemd. Mehr konnte er jetzt nicht für ihn tun. Er musste es den Männern dort draußen überlassen, sich um Hardin zu kümmern, ihn zum Arzt zu bringen. Er musste hier fort, bevor Mackenzie aus seiner Besinnungslosigkeit erwachte und seinen Hass an ihm ausließ. Sheng erhob sich geschmeidig, blies die Lampe aus. Lautlos wie der Tiger im Bambus-Dschungel verließ er das dunkle Office und tauchte in die Nacht ein.

 

*

 

Der Reiter kam wie ein Spuk aus den graugelben Staubschleiern, die über dem, bis auf ein schmales Rinnsal ausgetrockneten Flussbett hingen. Eine hohe, düstere Gestalt in einem lang wallenden Staubmantel. Eine mit Silbernägeln verzierte Winchester 73 lag schräg vor ihm auf dem Sattel. Das knochige Gesicht unter dem breitkrempigen, von einem Kinnriemen gehaltenen Stetson verzog sich zu einem grausamen Grinsen. Mit einem Blick erfasste er die niedrigen, mit Erdschollen gedeckten Lehmziegelhütten der kleinen Farm. Ein Blick aus kalten, stechenden Augen. Er blieb an dem Mann beim Ziehbrunnen hängen, der ihn gleichzeitig entdeckt hatte und wie erstarrt war.

Es war ein magerer alter Chinese in ärmlicher Farmerkleidung. Ein faltiges Gesicht, von Einsamkeit, Not und Entbehrung gezeichnet. Dunkle Schlitzaugen. Ein dünner grauer Kinnbart. Der Blecheimer auf dem Brunnenrand entglitt den plötzlich zitternden Händen und sauste an der rasselnden Kette in den tiefen dunklen Schacht hinab.

Das Rascheln und Raunen des Windes in den vertrockneten Mesquite- und Kreosotsträuchern übertönte das Stampfen der Hufe. Staub hing wie Nebel über dem sandigen Boden, so dass es aussah, als würden die Hufe des großen, grauen Pferdes die Erde nicht berühren. Der Mann mit dem flatternden Mantel und dem silberbeschlagenen Gewehr ritt lautlos auf den Brunnen zu. Das scharfe Grinsen wie eingefroren auf seinem Gesicht.

Ein Aufflackern von Panik in den Augen des graubärtigen Chinesen. Ein paar Schritte rückwärts. Dann flog sein Kopf herum. Ein verzweifeltes Abschätzen der Entfernung zur offenen Hüttentür. Zu spät!

Das metallene Schnappen eines Gewehrschlosses kam von rechts. Ein stämmiger Kerl in einem ebenfalls vorne offenen Mantel trieb grinsend seinen Gaul aus der Buschmauer und legte seinen Karabiner auf den Farmer an. Dann ein höhnisches Lachen von links. Dort hielt ein dritter mit einem Gewehr bewaffneter Bursche an der Ecke des niedrigen, fensterlosen Schuppens.

Keiner sprach. Grinsend ritten sie von drei Seiten auf den alten Mann zu. Eine tödliche Drohung ging von ihnen aus. Der Chinese duckte sich wie ein in die Enge getriebenes Tier. Kein Ausweg. Keine Chance, an den drei matt glänzenden Stahlläufen vorbeizukommen.

Er schloss die Augen. Als er sie wieder öffnete, war keine Panik, keine Verzweiflung mehr in ihnen, nur das Wissen, das niemand seinem Schicksal entkam. Eine einsame, verlorene Gestalt im raunenden Wind, der immer neue Staubwolken über den sonnenbeschienenen Hof jagte. Die Männer in den flatternden Staubmänteln hielten. Ihre Pferde bildeten ein drohendes Dreieck um den Überrumpelten. Der mit dem knochigen Gesicht spuckte einen Strahl braunen Tabaksaft aus.

„Yen Shao?“

Eine gefühllose, blecherne Stimme. Augen, die den alten Farmer wie ein Stück Schlachtvieh taxierten. Die magere Gestalt des Chinesen straffte sich, hielt dem eisigen Blick stand.

„Ich bin es. Ich weiß, dass ihr Männer seid, die der Schwarze Drache angeworben hat.“

Der mit dem silberbeschlagenen Gewehr deutete auf seine beiden hämisch grinsenden Kumpane, dann auf sich selber.

„Latimer! Bancroft! Finmore! Vielleicht hast du schon von uns gehört, Schlitzauge. Menschenjagd ist unser Job. Wir sind bekannt dafür, dass wir uns nie mit langen Reden aufhalten. Du weißt, warum wir hier sind.“

„Ihr wollt die Schriftrolle“, antwortete Yen Shao leise.

Finmore hielt ihm die Mündung der Winchester vors Gesicht. „Richtig, Freundchen! Also her damit!“

Das Faltengesicht des alten Mönchs, der sich hier in mühsamer Arbeit eine Existenz als Farmer geschaffen hatte, erstarrte zur Maske. „Ihr seid umsonst gekommen.“

Finmore lachte kalt. „Nur ein Narr würde für ein Stück beschriebenes Papier ins Gras beißen!“

„Es gibt Dinge, die du nie begreifen wirst, Bandit. Dinge, die wichtiger sind als das Leben eines alten Mannes, dem sowieso nur noch wenige Jahre bleiben.“

Finmore hob das Gewehr zum Schlag, ließ es aber gleich wieder mit einem Achselzucken sinken. „Alles der Reihe nach! Durchsucht ihn! Nehmt ihm das verdammte Schriftstück ab, das unseren Auftraggebern so viel Geld wert ist!“

Latimer und Bancroft sprangen aus den Sätteln. Beides stämmige Kerle mit rohen, unrasierten Gesichtern und wild blitzenden Augen. Kerle, die nur ein Gesetz anerkannten - das Gesetz der harten Fäuste und schnellen Colts. Gesichter, die den Stempel eines gewalttätigen, zügellosen Lebens trugen. Rücksichtslos rissen sie Yen Shao die schäbige Jacke herab, zerfetzten sein dünnes Hemd. Wütend schleuderte Latimer die Jacke auf den Boden, stampfte mit den Stiefeln darauf. „Nichts, verdammt noch mal!“

„Na und?“ Finmore schob in aller Ruhe ein neues Stück Kautabak in den Mund. „Seht in der Hütte nach!“

Er stützte lässig die Unterarme aufs Sattelhorn, die Winchester unverwandt auf den alten Chinesen gerichtet. Zeit schien für ihn keine Rolle zu spielen. Der Wind, der Staub, die glühende Sonnenscheibe, die immer wieder zwischen den tanzenden grauen Schleiern hervorleuchtete, das alles existierte für ihn nicht. Ein Mann, dessen Inneres nur aus Eis zu bestehen schien.

Die beiden anderen dagegen tobten wie Wilde in der Hütte herum. Es krachte, schepperte, polterte. Ein Stuhl, der einem der Kerle im Wege stand, flog aus der offenen Tür, ein paar Pfannen und Töpfe sausten hinterher. Dann tauchte Bancroft mit zornrotem Gesicht auf der Schwelle auf.

„Hölle und Verdammnis! Wieder nichts, Joe! Weiß der Teufel, wo dieser Coyote die verfluchte Schriftrolle versteckt hat!“

Sie kamen auf den Hof zurück. Ein wütender Fausthieb schmetterte den Mönch zu Boden. Kein Klagelaut. Schwankend erhob er sich. Wieder starrte ihn Finmores Winchestermündung an.

„Lasst ihn in Ruhe!“

Das an und abschwellende Jaulen des Windes schien für einen Moment auszusetzen. Aber es war nur der stählerne Klang der fremden Stimme, der sekundenlang alles andere für die drei Halunken auslöschte. Sie fuhren herum, schwangen die Waffen hoch. Bereit, sofort abzudrücken, wenn auch nur das geringste Anzeichen einer Gefahr drohte.

Doch der große, schlanke Mann, der aus den Staubfahnen über dem Arroyo trat, war ohne Waffen, ohne Pferd. Sein einziger Besitz war das leichte Deckenbündel am Riemen auf seinem Rücken. Mit ausdrucksloser Miene ging er langsam auf die Banditen zu. Drei Gewehre bewegten sich mit ihm. Ein kaltes, überlegenes Grinsen erschien auf den verrohten Gesichtern. Finmore spuckte abermals einen dicken Strahl Tabaksaft aus.

Finmore beugte sich auf dem Pferd vor. Ein Mann ohne Schießeisen zählte sonst nicht in seinen Augen, aber etwas an der Haltung, dem Blick, der ruhigen, entschiedenen Stimme dieses Fremden warnte den Boss der Menschenjäger.

„Wer bist du?“

Sheng blieb stehen. Langsam, dass die Banditen jeder Bewegung folgen konnten, zog er das köcherförmige Lederetui, das er an einem Riemen um den Hals trug, aus dem Hemdausschnitt. Er öffnete es, holte den ihm anvertrauten siebenten Teil der kostbaren Schriftrolle ins fahle Licht. Das Siegel des Weißen Lotus. Der siebente Schlüssel zum größten Geheimnis des Tao Chi, mit dem der Schwarze Drache den Zugang zur Herrschaft über den ganzen Erdball an sich reißen wollte. Nie durfte dies geschehen! Jeder der sieben Behüter dieses kostbarsten Schatzes vom Weißen Lotus war bereit, sein Leben dafür einzusetzen.

„Ist es das, was ihr sucht?“

Ein kaltes, verächtliches Lächeln auf Shengs Lippen. Ein Lächeln, das nichts vom heftigen Pochen seines Herzens verriet, vom Bewusstsein des Risikos, das er hier einging. Die Schriftrolle glitt in den Lederköcher zurück, verschwand wieder im Hemdausschnitt. Da hatten die Schurken Yen Shao schon vergessen.

Mit einem Satz war Finmore aus dem Sattel. Zu dritt, mit angeschlagenen Gewehren, kamen sie auf Sheng zu. So nahe, dass ihre Waffen ihn fast berührten. Sie ahnten nicht, welchen Fehler sie damit begingen.

„Wer bist du?“, wiederholte der Knochige zischend.

Wieder ein Anflug des kalten Lächelns. Mit genauso ruhigen, bedächtigen Bewegungen wie zuvor streifte Sheng die Ärmel seines Baumwollhemdes hoch. Er reckte die Hände wie zum Gebet. Gebannt starrten Finmore und seine Kumpane auf die Tätowierungen an den Unterseiten seiner Arme.

Die Zeichen des Tigers und der Schlange! Die Symbole zweifacher Meisterschaft im Kung Fu! Es gab nur einen Überlebenden aus dem vom Schwarzen Drachen zerstörten Kloster vom Weißen Lotus, der sie trug! Jeder Killer, ob weiß oder gelb, der für den Schwarzen Drachen ritt, kannte seinen Namen.

„Der Tigermann!“, krächzte Latimer erschrocken.

Sie brauchten nur ihre Finger zu krümmen. Aber sie kamen nicht mehr dazu. Ihre Augen waren den Bruchteil einer Sekunde zu lange von den Tätowierungen gebannt. Sheng explodierte.

Was nun kam, hatten die drei Menschenjäger noch nie erlebt.

Ihre Gewehre wurden wie von unwiderstehlicher Gewalt davongewirbelt. Unglaublich schnell zuckten Shengs Hände und Füße nach allen Seiten.

Ein Mann wie ein Tornado.

Eine rasende Folge von präzisen kraftgeballten Bewegungen. Schlangenstoß - Tigerschlag - Drachensprung ...

Die Killer des Schwarzen Drachen wurden wie von Keulenhieben niedergeworfen. Aber nun zeigten sie, was in ihnen steckte. Kerle wie aus Eisen. Kampf war ihr Beruf. Fluchend sprangen sie auf, schlugen die Mäntel auseinander, packten die tiefgehalfterten Colts.

Sheng blieb in Bewegung. Ein huschender, rasend schneller Schatten. Seine Muskeln und Sehnen waren wie Stahlfedern. Latimer sah ihn noch wie einen Tiger auf sich zuschnellen, sah die Faust, der er nicht mehr ausweichen konnte. Dann lag er am Boden. Sheng war bereits bei Bancroft, wirbelte den schwergebauten Kerl mit einem mühelos wirkenden Hebelgriff über die Schulter.

Finmore stieß seinen Colt hoch und feuerte. Doch Sheng war schon an einem anderen Fleck. Die Kugel schmetterte zwischen die Pferde, die schrill wiehernd auseinanderstoben. Finmore drehte sich, schoss wieder. Da war ein Schatten, der hoch vor ihm in der staubvernebelten Luft emporwuchs. Eine drahtige, wie von einer Dynamitexplosion hinaufgeschleuderte Gestalt mit hochgeworfenen Armen. Der Drache, der auf dem Wind reitet!

Finmore konnte der zuckenden stahlharten Fußspitze nicht mehr auswei chen. Ein Stoß gegen die Schläfe riss ihn halb herum und warf ihn aufs Gesicht. Sein 45er rutschte durch den Staub. Federnd setzte der Kung Fu-Kämpfer auf, wandte sich wieder Latimer und Bancroft zu. Sie hatten noch immer nicht genug. Mit hassverzerrten Gesichtern rappelten sie sich hoch.

Sheng duckte sich, winkelte die Arme an. Seine Hände bewegten sich gleitend. Die Verteidigungsposition der Schlange, deren Meister er war.

Yen Shaos Warnschrei kam zu spät. Ein Schnauben war hinter Sheng. Hufe hämmerten. Dann traf ihn der Anprall eines von Finmores zweiter Kugel gestreiften Banditengauls. Sheng stürzte, versuchte sich abzurollen, wie er es tausend mal geübt hatte, damals im Kloster vom Weißen Lotus. Ein wirbelnder Huf schrammte über seine linke Kopfseite. Ein heftiger Schmerz lähmte für Sekunden seine Glieder. Er lag im Sand. Für einen Augenblick schien alles in Dunkelheit zu versinken. Er biss die Zähne zusammen, rief sein Chi. Sein Wille war stärker als der Schmerz, die Schwäche.

Er wollte hoch. Aber da war schon der schimmernde Lauf einer Waffe über ihm. Dahinter Bancrofts breitflächiges, wutgerötetes Gesicht mit den kleinen glitzernden Augen. Augen, in denen Shengs Todesurteil stand.

„Komm nur, du Bastard, jetzt bist du dran!“

Es war ein Moment, in dem die Zeit stehenblieb.

Die auf Shengs Kopf gerichtete dunkle Mündung wirkte übergroß. Da gellte ein wilder Schrei durch den Wind.

Bancroft zuckte herum, feuerte noch aus der Drehung. Im selben Augenblick wurde er getroffen. Sein schwerer Körper krümmte sich. Der Colt entglitt ihm. Ein ungläubiger Ausdruck in seinen aufgerissenen Augen. Dann fiel der Menschenjäger nach vorne.

Sheng, eben noch auf dem Boden, schnellte wie eine Raubkatze hoch, bereit sich auf Latimer zu stürzen. Doch Latimer und Finmore, der sich ebenfalls wieder aufgerichtet hatte, starrten an ihm vorbei in die Richtung, aus der der Schuss gefallen war. Sheng drehte sich, und jetzt erst drohte die maskenhafte Starre seiner Miene zu zerbröckeln.

Revolver-Kid!

Er stand neben der armseligen Farmhütte, so wie Sheng ihn zum letzten mal in Hardins Office gesehen hatte. Schlank, drahtig, mit bleichem, kantigem Gesicht, ein wildes Feuer in den Augen, den 38er Remington in der nervigen Faust.

„Verschwindet! Lasst euch hier nie wiedersehen!“

Finmore zog die nach dem am Boden liegenden Colt ausgestreckte Hand zurück und richtete sich auf. Er hatte den Stetson verloren. Sein strähniges Haar flatterte im Wind. Sein knochiges, fahles Gesicht wirkte wie ein Totenschädel. Schweigend, mit zusammengepressten Lippen, ging er zu seinem Pferd, ergriff die schleifenden Zügel. Sheng spürte die Gefährlichkeit dieses Mannes.

Finmore stellte keine Fragen, stieß keine wüsten Drohungen aus. Als er im Sattel saß, sagte er nur: „Ich habe noch jedes Wild zur Strecke gebracht, auf dessen Fährte ich ritt. Ich werde es auch diesmal schaffen.“

Er wartete nicht darauf, bis Latimer aufs Pferd stieg. Mit wehenden Mantelschößen sprengte er davon. Latimer folgte ihm nicht. Er hatte seinen Job aufgegeben. Er ritt in entgegengesetzter Richtung fort. Die treibenden Staubwolken verschluckten die beiden Killer des Schwarzen Drachen.

 

*

 

Yen Shao kam langsam, mit gemessenen Schritten auf Sheng zu. Ein warmes Leuchten' in seinen Augen. Ein freudiges Beben in seiner brüchigen Stimme.

„Sheng, mein Freund und Bruder vom Weißen Lotus! Ich bin ein alter Mann. Ich hatte schon keine Hoffnung mehr, dich jemals wiederzusehen.“

Er umarmte ihn, und für einen erlösenden Augenblick war es Sheng, als sei er nach langer Einsamkeit in den Kreis seiner Freunde und Lehrer im Kloster vom Weißen Lotus zurückgekehrt. Er brauchte nur die Augen zu schließen, um den hageren, graubärtigen Mönch im lang wallenden orangefarbenen Gewand auf den weißen Stufen zum Tempel des Tao Chi zu sehen ...

Ein anderes Bild verdrängte diese Erinnerung. Hardins schweißbedecktes graues Gesicht. Der beschwörende Ausdruck in seinen Augen. Die zitternde Hand, die Sheng den fünfzackigen Marshalstern reichte.

Auch die Hand des alten chinesischen Mönchs zitterte, als sie wie segnend Shengs Stirn berührte. Dann kniete Yen Shao, der Älteste der Überlebenden aus dem vom Schwarzen Drachen zerstörten Kloster, bei Bancroft nieder. Dunkle Trauer war in seiner Stimme.

„Du hast ihn getötet, Kid.“

Der junge Mann kam näher, die Zügel seines braunen Pferdes um das linke Handgelenk geschlungen. Er blickte nur Sheng an. Sein Finger lag immer noch am Abzug.

„Ich hatte keine andere Wahl.“

Sheng kreuzte die Arme über der Brust, neigte den Kopf. „Du hast mir das Leben gerettet.“

Kid spuckte aus. Augen wie funkelnde Wolfslichter. „Ich habe es nicht für dich getan, sondern für Yen Shao. Du schuldest mir nichts.“

Der Graubärtige erhob sich. Eine leise, müde, bittere Stimme. „Ich hatte immer gehofft, dass es nie so weit kommen würde. Ja, vielleicht hattest du wirklich keine andere Wahl. Aber jeder Mann, der ständig eine Waffe bei sich trägt und ihrer falschen Macht vertraut, wird einmal schießen, ohne dass es unbedingt nötig ist. Dabei gibt es nichts Wertvolleres als ein Menschenleben. Willst du mir nicht endlich deinen Revolver geben, Kid?“

„Ich brauche ihn noch“, erwiderte der Junge gepresst. Mit einer heftigen Kopfbewegung wies er auf Sheng. „Sieh ihn dir an! Er ist meinetwegen hier. Er wartet nur auf die Gelegenheit, wie ein Tiger auf mich loszuspringen.“

Jetzt erst bemerkte der alte Mann, wohin Kids Waffe zielte. Ein Aufflackern von Angst in seinen Augen. Eine Handbewegung an die Kehle. „Sheng, sag, dass es nicht wahr ist!“

„Er hat in Rockville einen Mann niedergeschossen, der nur seine Pflicht erfüllte. Einen Mann, in dessen Schuld ich stehe. Deshalb muss ich versuchen, ihn zurückzubringen, damit er sich vor einem Gericht verantwortet.“

„Versuch es nur!“, zischte Kid. „Meine Kugel ist schneller als du.“

„Es tut mir leid, Yen Shao“, sagte Sheng zu dem reglosen graubärtigen Chinesen. „Ich wusste nicht, dass er dein Freund ist. Es gibt kein Zurück mehr.“

Eine Weile gab es nur das Raunen des Windes, das Rascheln der vertrockneten Sträucher. Yen Shaos magere Schultern sanken ein.

„Er ist mehr als mein Freund“, erklärte er tonlos. „Ich habe ihn als Sohn zu mir genommen. Er war genauso einsam, ausgestoßen, gehetzt wie ich. Er brauchte meine Hilfe so wie ich seine benötigte. Alles, was du hier siehst, haben wir gemeinsam geschaffen, wie Vater und Sohn. Er hat meine Fährte vor dem Schwarzen Drachen verwischt, er hat mich beschützt. Dafür versuchte ich seinem Leben einen neuen Sinn zu geben. Es fällt mir schwer zu glauben, dass er ein Verbrechen begangen hat.“

„Frag ihn selber.“

„Ich musste schießen!“, schrie Kid. „Hast du denn nicht gesehen, dass Hardin mir keine andere Wahl ließ?“

„Du hast den Town Marshal von Rockville getötet?“, stieß Yen Shao erschrocken hervor.

„Hardin ist nicht tot, aber immerhin schwer verletzt“, murmelte Sheng. „Ich weiß nicht, ob er durchkommt.“

„Ich habe versucht, seine Schulter zu erwischen! Glaub mir, Yen Shao!“, keuchte der junge Revolverheld. Ein Anflug von Verzweiflung in seiner Stimme. Echt? Nur gespielt? „Hardin war einfach zu schnell. Er drehte sich mitten in meinen Schuss hinein.“

„Du hast geschossen, um die Männer zu befreien, die Mackenzies Bank ausraubten und einen Angestellten dabei töteten! Verbrecher! Männer wie Wölfe, die in ihrer Gier nach Beute vor nichts zurückschrecken werden!“

„Was geht dich das alles an?“

Sheng wies ruhig auf den alten Mönch, der mit verkrampften Schultern dastand. „Wirst du das auch zu ihm sagen?“

Kid ließ die Zügel los, trat schweratmend zu Yen Shao. „Ich werde fortreiten. Ich bin gekommen, um mich von dir zu verabschieden.“

„Es ist sinnlos, wenn du fliehen willst“, antwortete Yen Shao leise. „Kein Mann kann vor sich selbst und seinen Taten davonlaufen.“

„Die Männer, die er aus dem Gefängnis befreite, warten in den Bergen auf ihn“, berichtete Sheng hart. „Ich habe ihre Spuren auf dem Weg hierher gesehen.“

„Reite nicht zu ihnen, Kid!“

„Es sind Freunde meines Vaters. Männer, die ich schon als Kind kannte, die ich nicht im Stich lassen durfte. Ich werde bei ihnen sicher sein.“

„Sicher vor der Gerechtigkeit? Sicher vor dir selber?“, fragte der Alte bitter.

„Ich habe keine andere Wahl! Soll ich denn mit Sheng nach Rockville zurück, wo Mackenzie schon mit dem Strick auf mich wartet?“

Sheng schüttelte den Kopf. „Ich werde verhindern, dass du Mackenzie in die Hände fällst. Deine Chance für die Zukunft liegt nicht bei Dawson und seinen Kumpanen. Du hast sie nur, wenn du dich vor einem Richter dafür verantwortest, was du getan hast.“

„Hör auf damit! Es gibt keine Chance mehr, seit ich auf Hardin geschossen habe. Vielleicht für einen anderen, bestimmt nicht für Bloody Bills Sohn! Gib dir keine Mühe, Sheng! Ich bin nicht verrückt genug, meinen Kopf freiwillig in die Schlinge zu stecken!“

„Wenn ein Mann zwischen Gut und Böse wählt, sollte er dabei nicht an seine Sicherheit denken“, sagte Yen Shao leise.

Kid lachte rau. „Du hast mich vieles gelehrt, was ich nicht verstehe und nie verstehen werde. Ich will es auch gar nicht mehr. Ich hab’ begriffen, dass ich nicht in deine Welt gehöre. Revolver-Kid als Adoptivsohn eines Mönchs vom Weißen Lotus! Ein verrückter Traum, Yen Shao! Vergiss ihn! Ich würde letzten Endes ja doch immer nur bei Kerlen wie Dawson landen, denen der Revolver vertrauter ist als irgendwelche weisen Sprüche, die ja doch niemand kapiert. Wir sind hier nicht in China, sondern westlich vom Pecos. In einem Land, wo nur der besteht, der besser als die anderen mit einem Schießeisen umgehen kann. Hier, nimm zurück, was dir gehört.“

Er griff in seine Jacke und reichte dem alten Chinesen die versiegelte Schriftrolle, die Finmores Kumpane vergeblich in der Hütte gesucht hatten. Shengs Herz zog sich zusammen. Es gab keinen deutlicheren Beweis dafür, wie sehr Yen Shao diesem jungen wilden Burschen vertraut hatte. Als der Mönch mit zittriger Hand die Schriftrolle nahm, handelte er.

Nur einen Augenblick war Kids Wachsamkeit abgelenkt. Shengs Körper bog sich wie eine Stahlfeder zurück. Sein Fuß sauste hoch, das Bein gestreckt. Alles eine blitzschnelle Bewegung. Kid stieß einen Schrei aus, als sein Revolver davonflog. Rasch sprang er zurück.

Details

Seiten
120
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783738923476
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2018 (Oktober)
Schlagworte
sheng schießergarde

Autor

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Titel: SHENG #18: Sheng zähmt die Schießergarde