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Dr. Laura Leitner #3: Steffis letzte Entscheidung

2018 123 Seiten
Reihe: Dr. Laura Leitner , Band 3

Leseprobe

Table of Contents

Title Page

Steffis letzte Entscheidung

Klappentext:

Roman:

GLENN STIRLING

 

 

Steffis letzte Entscheidung

 

 

Dr. LAURA LEITNER – Internistin aus Leidenschaft

Band 3

 

 

 

IMPRESSUM

 

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© Roman by Author/Titelbild:

Korrektorat: Dr. Frank Roßnagel

© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

 

 

Klappentext:

Steffi Hames, eine ehemalige Studienkollegin von Laura Leitner, hat einen inoperablen Tumor und liegt im Sterben. Ihr letzter Wille ist es, dass Laura Steffis neugeborenen Sohn zu sich nimmt und sich um ihn kümmert. Damit jedoch stürzt sie Laura in große Gewissensnöte. Einerseits möchte sie Steffis letzte Entscheidung mittragen, andererseits weiß sie, dass sie als Ärztin nur schwerlich in der Lage sein würde, sich ausreichend um den Kleinen zu kümmern. Doch wer ist geeignet genug, sich um den Jungen zu kümmern? Obendrein geht Lauras Freund Michael für ein Vierteljahr nach Äthiopien, um dort als Arzt zu helfen, und bittet Laura, ihn zu begleiten. Zu guter Letzt erreicht Laura auch noch ein Brief aus den USA. Steffis Schwager erhebt Ansprüche auf das Kind, obwohl dessen Familie sich nicht um Steffi gekümmert hat …

 

 

 

 

 

 

 

Roman:

„Frau Doktor Leitner, der Notar ist da.“

Die junge, rotblonde Ärztin, die gerade eine Patientin untersucht hatte, richtete sich auf und blickte zur Tür hin, wo die Stationsschwester stand.

„Ja, ich komme gleich, Schwester Britta. Wo haben Sie ihn?“

„Vorn, im Wartezimmer vom Chef.“

„Gut, ich bin gleich da.“ Sie wandte sich wieder der Patientin, einer älteren Frau, voll zu, lächelte und sagte: „Na ja, das sieht gar nicht so schlecht aus. Heute Nachmittag sehe ich mir das noch einmal an.“ Sie nickte der alten Frau zu, wandte sich um und ging an Schwester Britta vorbei, die ihr die Tür offenhielt.

Als Schwester Britta die Tür geschlossen hatte, sagte Dr. Laura Leitner, nun gar nicht mehr lächelnd: „Wir müssen wegen dieser Patientin doch mal mit den Chirurgen sprechen. Ich fürchte, wir kommen um keine Operation herum.“

„Der Chef meinte das auch“, erwiderte Schwester Britta. „Übrigens geht es Ihrer Bekannten nicht gut. Hoffentlich steht sie das mit dem Notar durch.“

„Ja, ich hoffe das auch.“

Die schlanke Schwester blickte Dr. Laura Leitner fragend an. „Sind Sie wieder mal bei dem Kind gewesen?“

Lauras Gesichtszüge verklärten sich. „Ach, der kleine Bastian! Alles könnte so schön sein. Das Kind ist gesund und die Mutter todkrank. Ein entsetzlicher Gedanke. Ist der Notar allein?“

„Nein, nein, er hat eine junge Dame mitgebracht, vermutlich seine Schreibkraft.“

„Also gut, Schwester, ich kümmere mich darum. Wir sehen uns später.“

Sie waren in Höhe des Stationszimmers angekommen, und Schwester Britta betrat dieses Zimmer, während Dr. Laura Leitner weiterging bis nach vorn, wo die Praxis von Professor Dr. Bernhard, dem Chefarzt der Inneren Abteilung, lag. Und hier befand sich auch das Wartezimmer. Jetzt, wo keine Sprechstunde war, warteten dort keine Patienten.

Der Notar, den Laura dann am Fenster neben einer zierlichen jungen Frau stehen sah, war ein untersetzter, beleibter Typ mit Glatze. Er hätte vom Alter her gut und gerne Lauras Vater sein können. Sie wusste, dass Dr. Teuscher ein Freund von Professor Bernhard war. Sie begrüßten sich und machten einander bekannt, dann sagte Dr. Teuscher:

„Mein Freund Bernhard hat mich informiert. Es steht sehr schlimm um diese Patientin, nicht wahr?“

Laura nickte bekümmert. „Ja, sehr schlimm“, entgegnete sie, „ich hoffe, dass sie in der Lage ist, das durchzustehen, was sie Ihnen sagen möchte.“

„Ja, wohl ein Testament würde ich meinen.“

„So ähnlich. Kommen Sie nur. Sie hat heute keine Schmerzmittel bekommen und wird unter wahnsinnigen Kopfschmerzen leiden. Es ist eine Rosskur für sie, das durchzustehen. Aber sie möchte im Vollbesitz ihrer geistigen Kraft sein, wenn sie mit Ihnen spricht. Und ich kann das verstehen. Wenn es vorbei ist, werde ich ihr sofort wieder eine Schmerzspritze geben.“

Das junge Mädchen, das Dr. Teuscher begleitete, war blass geworden. Offenbar fürchtete es sich davor, mit einer Todkranken konfrontiert zu werden.

Laura kannte das. Das ging vielen Menschen so. Wenn der Tod einmal im Zimmer steht, spüren das alle. Selbst Ärzte sind nicht abgebrüht genug, um so etwas einfach abzuschütteln.

Sie gingen den Flur, entlang, und wenig später standen sie vor Steffi Hames.

 

*

 

Die junge Frau hatte kaum noch Haar auf dem Kopf. Nach der Geburt ihres Kindes hatte man es riskieren können, ihr wirksame Medikamente gegen ihren Hirntumor geben zu können. Aber diese Medikamente hatten Nebenwirkungen und bewirkten Haarausfall. Die Bösartigkeit des Tumors war damit nur zu bremsen gewesen, nicht aufzuhalten. Seit zwei Tagen bekam sie nur noch Schmerzspritzen. Auf ihren eigenen Wunsch waren die stark wirksamen Krebsmittel abgesetzt worden.

Kreidebleich lag Steffi Hames in den Kissen. Trotz des Schmerzes, den sie haben musste, erschien ein gequältes Lächeln um ihre Lippen.

„Steffi“, sagte Laura, die die junge Frau seit ihrer Studienzeit kannte, „das ist der Notar, den du haben wolltest. Mein Chef hat ihn dir ja empfohlen. Herr Doktor Teuscher ist bereit, das, was du ihm zu sagen hast, zur Kenntnis zu nehmen.“

„Danke, Laura“, kam es schwach über die Lippen der jungen Frau. Und dann ein flehender Blick auf Laura. „Wie geht es Bastian?“

Laura hatte Mühe, die schwache Stimme ihrer früheren Studienkollegin überhaupt zu verstehen. Aber sie hatte verstanden. „Es geht Bastian gut, sehr gut. Ich gehe jede freie Minute zu ihm.“ Steffi streckte ihre magere, knochige Rechte in Lauras Richtung aus.

Laura ergriff sie mit beiden Händen, strich ihr mit der Linken sanft über den Handrücken und sah Steffi an. Das vom Tode gezeichnete Gesicht war mit einem Male sehr ernst.

„Kümmere dich um Bastian“, sagte Steffi sehr leise, und Laura musste sich nach vorn beugen, um verstehen zu können. „Bitte, Laura, kümmere du dich um ihn! Ich werde … ich werde dafür sorgen, dass du dazu imstande bist. Bitte!“

Laura hätte hundert Dinge sagen können, zum Beispiel, dass sie gar keine Zeit hatte, sich um ein Kind zu kümmern und sie sich selbst ein Kind angeschafft hätte, wäre es ihr möglich gewesen, ein Kind aufzuziehen. Und sie hätte ihr sagen können, was ihr Freund Michael einmal erklärt hatte, dass für eine Ärztin die Karriere so gut wie beendet war, wenn sie Kinder hatte, kleine Kinder, die sie zwangen, zuhause zu bleiben und sich um diese Kinder zu kümmern, worauf die ein Anrecht hatten. Vieles gab es zu sagen, sehr vieles. Doch Laura schwieg. Sie lächelte nur und nickte. Und dann versprach sie: „lch werde alles für Bastian tun, was für ihn gut ist.“

Seit ein paar Tagen wusste Steffi Hames, dass sie sterben würde, dass dieser Tumor, der in ihrem Kopfe wuchs und wuchs, nicht zu bremsen war, nicht operiert werden konnte und sich auch nicht mehr durch Medikamente bremsen ließ.

„Der Notar ist hier und hört dir zu“, sagte Laura und wandte sich dann an Dr. Teuscher. „Herr Notar, Sie müssen sehr nah an sie herangehen. Das Sprechen kostet sie viel Kraft.“

Dr. Teuscher nickte nur, sah sich nach einem Stuhl um, nahm sich einen von der Wand und stellte ihn direkt neben Steffi Hames’ Bett. Dann ließ er sich darauf nieder und sah die Todkranke abwartend an.

„Ich glaube, ich gehe jetzt“, sagte Laura. „Wenn irgendetwas ist“, wandte sie sich an den Notar, „da ist die Schelle, drücken Sie. Ich werde eine Schwester beauftragen, dass sie sofort kommen kann. Und ich bin auch greifbar; ich bleibe jetzt auf der Station.“

Laura hatte bemerkt, dass sich Steffi auf die Lippen biss. Vermutlich war der Schmerz so groß. Kopfschmerz, der sie bald wahnsinnig machen musste. Und doch stand sie es durch. Stand es durch, um klar im Kopf zu sein, wenn sie jetzt mit dem Notar sprach. Die Spritze, ihr nach dem Gespräch mit dem Notar den Schmerz zu nehmen, lag schon drüben auf der Anrichte bereit.

Laura verließ das Zimmer und wurde wenig später zu einer anderen Patientin gerufen. Diesen Monat hatte Laura die Frauenstation. Es gab sehr viel zu tun, so viel, dass Laura die nächste halbe Stunde nicht dazu kam, an Steffi Hames zu denken. Doch dann, als sie sich zwischendurch einmal im Stationszimmer eine Tasse Kaffee erbat und es drei, vier ruhige Minuten gab, musste sie sofort wieder an Steffi denken.

„Ist der Notar noch drin?“, erkundigte sich Laura bei Schwester Britta, die zufällig auftauchte, um ebenfalls eine kleine Pause einzuschieben.

„Ja, er ist noch drinnen. Ich habe Schwester Angela gebeten, in der Nähe zu bleiben.“

Laura sah es Schwester Britta an, welche Fragen der auf der Zunge brannten. Aber Laura tat so, als bemerke sie das nicht, und Schwester Britta war zu taktvoll, um diese Fragen auch auszusprechen.

Ein paar Minuten später war Laura bei einer Leberkranken und hatte eben den Tropf neu eingestellt, als Schwester Angela kam und ihr von der Tür aus zuwinkte. „Ob Sie mal kommen können, Frau Doktor? Sie wissen schon.“

Ja, Laura wusste. Du lieber Gott, dachte sie, was soll bloß aus dem Kind werden? Ich habe großartig versprochen, mich darum zu kümmern. Aber wie soll ich das können? Und jetzt noch die Probleme mit Michael!

Aber den Gedanken an ihren Freund verdrängte sie rasch. Nachdem sie mit der Leberpatientin fertig war, ging sie mit Schwester Angela zu Steffi Hames.

Steffi lag mit schmerzverzerrtem Gesicht im Bett. Das Einzige, was sie jetzt erflehte, war die schmerzstillende Spritze. Und die gab ihr Laura sofort. Welch ein Häufchen Elend unter meinen Händen, dachte Laura, als sie die Spritze abzog. Du lieber Gott, was ist das früher für ein kräftiges, kerngesundes Mädchen gewesen. Und jetzt …

Dieses Lächeln, das in Lauras Gesicht stand, war einstudiert. Sie hatte gelernt, so zu lächeln, auch wenn ihr innendrin ganz anders zumute war.

Da ist sie nun extra von Amerika herübergekommen, dachte Laura, und keiner hat ihr helfen können, so reich wie sie ist.

Der Notar und seine zierliche Sekretärin standen wie überflüssig am Fenster herum. Laura hatte jetzt für die beiden keine Zeit. Sie musste sich ganz und gar um Steffi kümmern. Die bedurfte dieser Hilfe und Pflege.

Obgleich die Spritze noch gar nicht wirken konnte, entspannte sich Steffis Gesicht zu einem Lächeln, und sie sagte leise: „Ich glaube … ich glaube, ich habe es gut gemacht. Du wirst mir helfen, ich weiß es. Und ich habe alles getan, dass du es auch kannst. Ich fühle, dass es bald vorbei ist.“

O nein, dachte Laura, so schnell ist es nicht vorbei. Aber vielleicht ist der Himmel gnädig und lässt dich vorher bewusstlos werden. Dann ist es wirklich besser für dich. Aber es wird noch eine ganze Zeit dauern, eine schlimme, harte Zeit.

„Ist alles zu deiner Zufriedenheit gelaufen?“, fragte Laura und lächelte wieder dieses einstudierte Lächeln.

Steffi hatte die Augen geschlossen. Ihr bleiches Gesicht, die hervortretenden Wangenknochen, diese wie modelliert wirkende Nase, die schmalen, beinahe blutleeren Lippen. „Es ist alles gut“, sagte sie. „Und ich weiß, dass du mir hilfst. Aber ich bin sehr müde jetzt.“

„Ruh dich aus“, sagte Laura nur. „Ruh dich aus.“ Und sie legte wie einem Kind die Hand auf Steffis Stirn, strich ihr sanft übers kaum noch vorhandene Haar und machte dann eine Kopfbewegung in Richtung des Notars, die so viel bedeutete, dass die beiden nun gehen sollten.

„Ich komme nachher wieder, Steffi. Am besten ist, wenn du jetzt schläfst.“

Die Spritze begann zu wirken. Laura sah es. Die Müdigkeit überzog lähmend und befreiend Steffis Nervensystem.

Als Laura schon an der Tür war und noch einmal zu Steffi zurückblickte, schlief die bereits. Nun folgte Laura dem Notar und seiner Begleiterin.

 

*

 

„Frau Doktor Leitner, ich habe auch mit Ihnen etwas zu besprechen“, sagte der Notar. „Wenn Sie mir ein paar Minuten Zeit schenken könnten? Frau Hames hat eine Bestimmung getroffen, die Sie etwas angeht.“

Jetzt kommt das mit Bastian, dachte Laura, mit innerlichem Erschrecken. Aber irgendjemand, sagte sie sich sofort, muss sich ja um den kleinen Kerl kümmern. Steffi hat niemanden mehr außer ihrem Schwager. Und mit dem scheint sie sich nie sonderlich verstanden zu haben.

„Die Verfügung“, sagte der Notar, „die Frau Hames getroffen hat, betrifft einen Scheck über hunderttausend Dollar, der für Sie bestimmt ist, unter der Voraussetzung, dass Sie sich um den Sohn von Frau Hames kümmern und für seine Erziehung sorgen.“

„Hunderttausend Dollar?“, fragte Laura verwirrt. „Soll das bedeuten, es ist eine Art Lohn für die Erziehung des Kindes?“

Der Notar zuckte die Schultern. „Ich weiß nicht, wie man es erklären soll. Aber vermutlich ist es so gedacht, Sie hat mir offenbart, dass sie zwar nach dem Tode ihres Mannes vor einem Vierteljahr sehr vermögend geworden ist, dass aber ein Großteil des Erbes ihres Mannes an dessen Bruder ging. Eine Vereinbarung, die wohl noch von den Eltern des verunglückten Mannes stammt. Die Grundstücke also und die Fabrik bleiben ungeteilt und fallen an den Bruder. Ihre Bekannte erbt das Barvermögen. Das ist ein Betrag von einer dreiviertel Million Dollar. Sollte Ihre Bekannte sterben, kann man davon ausgehen, dass dieses Kind der Erbe sein wird. Aber natürlich nach amerikanischem Recht und erst auszahlbar zur Volljährigkeit. Bedauerlicherweise ist seinerzeit von beiden Elternteilen, Ihrer Bekannten und ihrem Mann also, eine Vereinbarung getroffen worden, die auch notariell festgelegt ist und nach amerikanischem Recht nicht einfach umgestoßen werden kann. Und das Geld, verehrte Frau Doktor Leitner, liegt nun mal in Amerika. Nach diesem Abkommen würde, kämen die Eltern vor der Volljährigkeit des Kindes beide ums Leben, der Bruder dieses verunglückten Vater des Kleinen, der Schwager Ihrer Bekannten also, zum Vormund bestimmt. Und er und dessen Frau könnten dann auch Maßnahmen treffen, das Erbe des Kindes in dessen Interesse nutzbringend anzulegen. In anderen Worten, sie könnten das Geld in irgendein Unternehmen stecken, vielleicht sogar ins eigene, ohne dass man daran etwas ändern könnte. Weil das so ist, hat Ihnen Frau Hames dieses Geld, ich meine die hunderttausend Dollar, zugesprochen.“

Laura schüttelte den Kopf. „Wenn ich jemandem helfe, will ich kein Geld,“ ,

Der dicke Notar hob mahnend den Finger. „Frau Doktor, werfen Sie es nicht so schnell weg! Mal langsam mit den jungen Pferden! Die Erziehung eines Kindes kostet wahnsinnig viel. Ich kann da mitreden, ich habe drei Kinder aufgezogen. Alle drei studieren jetzt. Gott sei Dank sind zwei in Kürze fertig. Das hat mich ein Wahnsinnsgeld gekostet. Ich glaube, dass eine Familie mit vier Kindern entschieden mehr Geld aufbringen muss, als das Wenige, das Kinderlose an Steuern mehr zahlen. Ein Kind aufzuziehen und es möglicherweise auch studieren zu lassen, kostet so viel wie ein halbes Haus. Wenn Sie drei haben, können Sie sich selbst ausrechnen, was Sie ausgeben. Und das ist nicht einmal eine luxuriöse Erziehung, sondern eine ganz einfache. Sie werden dieses Geld, und das sind zum gegenwärtigen Wechselkurs nicht ganz dreihunderttausend Mark, auch dringend benötigen. Ich würde Ihnen empfehlen, den Scheck schnellstmöglich einzulösen. Sie müssen ihn mir nur quittieren; hier ist er.“

Fast widerstrebend nahm Laura den Scheck, blickte auf die zittrige Unterschrift. Alles andere schien der Notar ausgeschrieben zu haben.

„Und das wollte sie wirklich?“, fragte Laura.

Der korpulente Notar nickte. „Ja, das wollte sie, Frau Doktor. Ich hatte ja eine Zeugin mit.“ Er machte eine Handbewegung auf die junge zierliche Dame, ohne sie dabei anzusehen.

„Aber es ist eine Verpflichtung. Ich habe natürlich zugesagt“, erklärte Laura. „Doch ich bin mir selbst noch nicht darüber klar, wie ich das verwirklichen, soll. Sehen Sie, ich bin den ganzen Tag in der Klinik. Und zuhause macht mir meine Tante die Wirtschaft. Sie ist jetzt auch schon Ende fünfzig, dazu noch gehbehindert. Es könnte etwas viel für sie werden.“

„Frau Hames verlangt nicht von Ihnen, Frau Doktor, dass Sie selbst dieses Kind erziehen, sondern sich nur darum kümmern, dass es eine schöne Jugend hat. Diesen Satz hat sie mir selbst gesagt.“

Das junge Mädchen an seiner Seite nickte bestätigend.

„Ich muss erst mal mit allem ins reine kommen“, sagte Laura.

„Wenn Sie wollen“, erklärte der Notar, „errichte ich ein Sonderkonto. Sie müssten nur irgendwann einmal zu dieser Bank gehen und Ihre Unterschrift leisten, damit Sie über das Geld auch verfügen können.“

Laura nickte. „ Ja, tun Sie das“, und gab ihm den Scheck zurück. „Vielleicht am besten eine Bank in Blankenese, irgendeine Sparkasse oder dergleichen, dass ich es in der Nähe habe. Aber wie ich den Kleinen, der ja zum Glück noch hier ist und in unserer Säuglingsstation versorgt wird, dann zu Hause pflegen und mich um ihn kümmern kann, das weiß ich im Moment noch nicht. Aber Sie können sich darauf verlassen, dass ich zu meinem Wort, das ich gegeben habe, auch stehe.“

„Sie werden sicher jemanden finden, der das Kind pflegt. Vielleicht eine Säuglingsschwester oder eine Kindergärtnerin. Von dem Geld, das sie Ihnen vermacht hat, könnten Sie ja jemanden bezahlen. Und vielleicht“, fügte der Notar mit einem väterlichen Lächeln, hinzu, „macht es Ihnen dann auch Spaß, so ein kleines Würstchen zu Hause zu haben. Mein ältester Sohn ist verheiratet. Ich bin zweifacher Großvater. Am Anfang hat sich alles in mir dagegen gesträubt, plötzlich Großvater zu sein. Aber jetzt kann ich mich da selbst nicht mehr verstehen. Meine beiden Enkel und ich, wir sind ein Herz und eine Seele, wenn wir zusammen sind. Da müssten Sie mich einmal sehen. Dann bin ich jedenfalls“, fügte er lachend hinzu, „nicht mehr der gestrenge Herr Notar, sondern ein Spielgefährte, der mit den Kleinen herumtobt, notfalls auf allen vieren.“

Laura lächelte, und die junge Frau an Dr. Teuschers Seite lachte mit.

Wenig später trennte sich Laura vom Notar, denn sie hatte noch viel zu tun.

 

*

 

Eine halbe Stunde später kam sie dazu, wieder zu Steffi zu gehen. Aber die schlief tief und fest. Die Beruhigungsspritze war sehr stark gewesen. So stark, wie es Laura verantworten konnte, um Steffi diese wahnsinnigen Schmerzen im Kopf zu nehmen.

Etwas später ließ Professor Bernhard, der Chef der Abteilung, Laura rufen, um etwas mit ihr zu besprechen.

Der schwergewichtige Chefarzt stand mit offenem Kittel am Fenster, als Laura eintrat, nickte ihr grüßend zu und deutete nach draußen. „Sehen Sie mal, Leitnerin, die Forsythien bekommen schon Knospen. Noch drei, vier Wochen, und alles wird gelb sein. Das Gras unten im Park wird auch grün. Vielleicht bekommen wir bald Frühling. Es ist ein schönes Gefühl, wenn man den Sommer vor sich hat.“

Warum erzählt er mir das?, fragte sie sich.

Er wandte sich ihr jetzt zu, deutete auf den Besucherstuhl am Schreibtisch und setzte sich dann selbst in Bewegung, um sich in seinen Sessel sinken zu lassen, in dem er dann wie ein Falstaff Laura gegenüber thronte.

Ein Mann, der isst und trinkt, ein Schlemmer, ein starker Zigarrenraucher, der jeden Tag einige Gläser Rotwein trinkt und das sichtlich zu genießen scheint. Zu dick, zu viel Cholesterin im Blut, der Blutdruck an der oberen, gerade noch erträglichen Grenze, und dazu einer der fähigsten Internisten, die es gibt, der seinen Patienten das Rauchen verbietet, das Trinken untersagt und alle die Fehler selbst begeht, die er seinen Patienten vorwirft. Der eine Grippe mit einem heißen Bad und einer halben Flasche Schnaps bekämpft und stolz darauf ist, selbst nie Medikamente zu nehmen. Laura musste bei dem Gedanken lächeln, dass er mit dieser Einstellung immerhin schon Mitte sechzig geworden war und nichts darauf hinwies, dass er nicht noch viel älter werden würde. Seine Vitalität und sein Temperament waren im ganzen Hause ein fester Begriff.

„Mein Freund Teuscher war bei Ihnen, nicht wahr? Ist alles erledigt?“

Laura nickte. Und sie wusste, dass Professor Bernhard den Fall Steffi Hames nur medizinisch kannte. Der berühmte Professor war ihre letzte große Hoffnung gewesen. Eine vergebliche Hoffnung. Unmögliches konnte auch ein Mann wie Professor Bernhard nicht möglich machen.

„Sagen Sie mal, sie hat mir mal beiläufig erzählt, dass sie vor kurzem ihren Mann verloren hat. Wissen Sie, wie?“

„Ja, Herr Professor. Er ist mit einem Flugzeug gegen einen Berg gerast. Das war vor einem Vierteljahr.“

„Woher kennen Sie sie eigentlich so genau? Sie selbst sagten einmal, sie sei eine Studienkollegin gewesen. Medizin?“

Laura nickte. „Ja. Aber nur bis zum Physikum. Das hatte sie sogar noch glänzend bestanden. Aber dann trat James B. Hames in ihr Leben. Ich habe ihn damals auch ein paarmal gesehen. Man könnte ihn als eine Art Playboy bezeichnen. Er hatte unbegrenzte Mengen Geld zur Verfügung und war nach Deutschland gekommen, weil er Jahre zuvor eine Zeitlang als Soldat in Süddeutschland gewesen war. Nun wollte er den Teil unseres Landes erforschen, den er seinerzeit nicht gesehen hatte, den Norden also. Ein lebenslustiger Bursche, ein Hansdampf in allen Gassen, und Steffi Petzold, wie Mrs Hames damals hieß, lernte ihn auf irgendeiner Party kennen. Es muss wohl Liebe auf den ersten Blick gewesen sein. Drei Wochen danach heirateten sie. Das war noch hier in Hamburg. Dann nahm er sie mit in die Staaten. Ich habe noch einmal eine Karte bekommen, das muss so ein halbes Jahr nach ihrer Reise in die Staaten gewesen sein. Eine Karte, aus der Glück und Zufriedenheit sprachen. Danach hörte ich nie mehr etwas von ihr.“

„Waren Sie Freundinnen gewesen?“, wollte Professor Bernhard wissen.

Laura zuckte die Schultern. „Wenn man den Begriff Freund nicht allzu eng sieht, dann sind wir Freunde gewesen, obgleich ich da für mich strengere Maßstäbe anlege. Ja, und dann kam sie nach dem Tod ihres Mannes hierher. Hochschwanger, und wie Sie selbst wissen, Herr Professor, war sie todkrank. Sie hatte schon vor dem Tod ihres Mannes viele Ärzte konsultiert. Eine Operation war versucht worden. Die musste aber abgebrochen werden, weil man nach der Schädelöffnung erkannte, dass nichts mehr zu machen war. Sie bekam anfangs Bestrahlungen, aber dann lehnte sie die ebenso ab, wie sie zuvor schon Medikamente abgelehnt hatte, ihres Kindes wegen.“

„Was das Kind angeht“, erklärte Professor Bernhard, „war das ein weiser Beschluss. Aber für sie selbst ist damit das Rennen sehr rasch gelaufen.“

Laura nickte betrübt. „Es ist so, ich weiß. Und doch ist diese Rücksichtnahme von ihr großartig, finde ich.“

„Sie hätte, wäre sie zeitig genug im Bilde gewesen, welche Art Tumor sie hat, das Kind auch abtreiben können“, meinte Bernhard. „Vielleicht hätte ihr das das Leben gerettet oder zumindest ihren Tod um ein oder zwei Jahre hinausgezögert.“

„Sie hat dieses Kind gewollt“, sagte Laura. „Und ihr Mann war sehr glücklich gewesen, dass er Vater werden sollte. Leider hat er es nicht mehr erlebt. Nach meiner Einschätzung hat sie noch etwa drei Wochen zu leben. Vielleicht auch vier, aber so genau weiß man das ja nicht!“

„Die Agonie“, erklärte Professor Bernhard, „wird meiner Überzeugung nach schon sehr bald einsetzen. Wir werden sie in die Intensivstation bringen, dazu sind wir verpflichtet, und müssen versuchen, ihr Leben zu verlängern. Obgleich ich persönlich der Meinung bin, dass dies nichts Menschenwürdiges mehr an sich hat, zumal wir ja wissen, wie es um die Aussichten steht. Aber das Gesetz verpflichtet uns dazu, also tun wir es.“

„Es gibt nichts, auch gar nichts, nicht wahr?“

„Wenn Sie glauben, dass man sie noch retten kann, so gibt es wirklich nichts“, bestätigte Professor Bernhard. „Was wird aus dem Kind?“

„Ich habe mich verpflichtet, mich darum zu kümmern.“

„In anderen Worten, liebe Leitnerin“, meinte Bernhard und sah Laura mit bitterem Lächeln an, „haben Sie ein Baby geerbt oder werden es in Kürze erben. Ein ganz kleines Kind, was sehr viel Liebe, sehr viel Zärtlichkeit und Zuneigung braucht. Hier in unserer Säuglingsstation hat es diese Zuneigung nicht, so sehr sich auch die Schwestern darum bemühen. Der enge Kontakt mit einer immer gleichen Person ist wichtig, wenn aus diesem Kind etwas werden soll. Ich bin kein Kinderarzt, aber alt genug, um das beurteilen zu können. Liebe Leitnerin, Sie haben sich da ganz schön etwas aufgebürdet. Wie wollen Sie das denn verwirklichen?“

„Ihr Freund Doktor Teuscher hat mir den Rat gegeben, eine Kinderschwester zu engagieren. Und mir scheint, dass es im Grunde gar keine andere Lösung gibt.“

„Und Was wird Tante Erika sagen? Weiß die es schon?“

Laura seufzte und versuchte sich vorzustellen, wie Tante Erika auf diese Neuigkeit reagieren würde. Aber dann sagte sie:

„Ich muss es ihr schonend beibringen. Bei Tante Erika weiß man nie, wie sie reagiert. Es kann sein, dass sie ganz begeistert ist, oder voller Entsetzen. Aber ich glaube, sie wird begeistert sein.“

„Und sich dabei übernehmen“, meinte Professor Bernhard. „Sie ist jemand, der immer alles gibt. Schonen Sie Ihre Tante, Leitnerin. Ich kenne sie ja. Sie droht sich zu übernehmen.“

„Das ist es eben. Daran habe ich auch gedacht. Na ja, wir werden sehen. Ich gehe mal nach oben zu dem Kleinen.“ Sie lachte. „Jetzt bin ich auf einmal Mutter und weiß gar nicht, wie ich dazu komme.“

„Entscheidend sind die ersten Monate. Die sind wirklich sehr entscheidend“, meinte Professor Bernhard. „Obgleich man glaubt, dass diese Kleinen das alles gar nicht mitbekommen, werden da schon die Weichen für die Zukunft gestellt. Kümmern Sie sich um den Kleinen. Und wenn Sie einmal früher nach Hause wollen und es sich mit der Arbeit hier halbwegs einrichten lässt, dann gehen Sie. Was nun die Kinderschwester anbetrifft, so sollten Sie mal mit dem Chef der geburtshilflichen Abteilung reden. Vielleicht kann der Ihnen einen Tipp geben. Aber zuallererst müssen Sie wohl mit Tante Erika klarkommen“, fügte er schmunzelnd hinzu. „Und wie ich Tante Erika einschätze, hat die sicher noch viel bessere Tipps als ich oder der Kollege von der geburtshilflichen Abteilung.“

„Ja“, meinte Laura überzeugt, „das glaube ich auch.“

Professor Bernhard beugte sich ein wenig vor und sah Laura fest an. „So, Leitnerin, gibt es noch etwas sehr Wichtiges auf der Station zu tun?“

„Im Moment nicht, aber es kann natürlich jederzeit … “

„In Ordnung. Ich bin ja schließlich auch noch da. Und Sie, Leitnerin, manchen, dass Sie hinaufkommen zu diesem kleinen Würstchen. Und dann fahren Sie heute früher nach Hause. Schließlich wird es nicht so einfach sein, Tante Erika völlig zu überzeugen.“

Laura lächelte ihn dankbar an. Eine Minute später war sie schon auf dem Weg zur geburtshilflichen Abteilung.

 

*

 

Als sie die Säuglingsstation betrat, kam die Oberschwester ihr schon entgegen. Eine resolut wirkende Frau Ende dreißig, mit rotblondem Haar und einem Gesicht voller Sommersprossen. In ihren hellblauen Augen blitzte der Schalk, als sie sagte:

„Oh, Frau Doktor, kommen Sie Bastian besuchen?“

Laura nickte. „Wie geht es ihm?“

„Sehen Sie selbst, wozu sind Sie Ärztin?“ meinte die Oberschwester lachend. „Er liegt immer noch im selben Bett. Im Moment hat er wohl die Hosen voll. Ich werde gleich nach ihm sehen.“

„Trinkt er gut?“, fragte Laura, bevor sie an das Bettchen des kleinen Bastian ging.

„Sehr gut. Ich versuche, ihm auch die Streicheleinheiten zuzuteilen, die er eigentlich nötig hätte. Man müsste nur mehr Zeit haben. Es ist ein Jammer mit dieser Mutter. Furchtbar, so etwas! Ich habe das in meiner Praxis schon mehrmals erlebt, und es geht mir noch jedes Mal unter die Haut.“

Das Gesicht der Oberschwester wirkte bekümmert. Und eine der Säuglingsschwestern, ein junges Ding noch, die gerade hereinkam, ahnte wohl, worüber gesprochen wurde und machte ebenfalls ein trauriges Gesicht

Die Oberschwester und Laura gingen zum Bett des Kleinen, das vorn am Fenster stand, flankiert von zwei anderen Bettchen, in denen Neugeborene lagen.

„Eigentlich“, sagte die Oberschwester, als sie beide auf den elf Tage alten Jungen blickten, „müsste er längst nach Hause. Aber wohin? Vielleicht findet man Adoptiveltern für ihn.“

„Das Problem ist schon gelöst“, erklärte Laura. „Ich werde ihn zu mir nehmen.“

„Sie, Frau Doktor?“ wunderte sich die Oberschwester. „Geht das denn?“

„Vielleicht haben Sie einen Ratschlag für mich. Ich suche eine Kinderschwester, die ich anstellen möchte.“

Die Oberschwester wirkte erst verwirrt. Aber dann lachte sie: „Oh, welch, ein Glück für den Kleinen! Ich könnte mir niemand Besseren wünschen, den Jungen aufzuziehen.“ Sie wurde wieder ernst. „Wie geht es denn der Mutter?“

„Schlecht. Sehr schlecht“, erwiderte Laura.

„Es ist absolut hoffnungslos, nicht wahr?“ Die Frage der Oberschwester klang eher wie eine Feststellung. Und Laura nickte dazu.

„Sie wollte heute morgen unbedingt, dass wir den Kleinen zu ihr bringen“, berichtete die Oberschwester. „Das haben wir natürlich sofort gemacht. Sie hatte ihn auf der Brust liegen. Auf einer Brust, die keine Milch hat. Nun ja, wir ernähren den Kleinen ja. Und es ist wohl wichtiger, er hat Hautkontakt mit seiner Mutter. Sie wirkte so glücklich, so schlecht sie auch sonst aussieht. Ich bin selbst mit hinunter gegangen.“

„Wenn sie morgen früh wach ist, können Sie ihr das Kind wieder bringen. Ich rufe Sie an oder sage Schwester Britta Bescheid, dass sie bei Ihnen oben anruft. Bringen Sie ihr das Kind. Wer weiß, wie lange sie noch bei Bewusstsein ist.“

Die Oberschwester nickte. „Natürlich, ich verstehe das doch. Wie sieht es denn überhaupt aus?“

„Es sieht so aus, dass sie jeden Tag bewusstlos werden kann. Und diese Bewusstlosigkeit ist, wenn man so will, fast eine Gnade. Wir müssen sie ja so voll Schmerzmittel pumpen, dass sie kaum noch richtig bei sich ist.“

„Aber heute morgen, da schien sie hellwach zu sein.“

„Ja, sie hatte keine Medikamente genommen wegen des Notars, der bei ihr war. Sie wollte geistig völlig im Vollbesitz ihrer Kräfte sein. Aber das ist jetzt nicht mehr erforderlich. Diese Kopfschmerzen hält kein normaler Mensch aus.“

Laura blickte wieder auf den Kleinen. Elf Tage alt; das Haar war dunkel, das Gesicht fing allmählich an, sich zu glätten. Die roten Flecken, die er noch vor Tagen gehabt hatte, waren weg. Ein hübscher kleiner Bursche mit blauen Augen.

Als hätte die Oberschwester geahnt, was Laura dachte, sagte sie: „Das Haar wird sicher blond. Teilweise fällt es etwas aus, aber das ist völlig normal. Die Haare, die nachwachsen, sind ganz hell, sehen Sie hier?“ Sie deutete auf den oberen Teil der Schläfe. „Hier bekommt er schon die neuen Haare.“

„Ein hübscher kleiner Bursche. Man kann sich in ihn verlieben“, meinte Laura und entdeckte Gefühle und Empfindungen in sich, die ihr bisher verborgen geblieben waren.

Was wird Michael dazu sagen?, dachte sie. Eigentlich war ihr das noch wichtiger, welchen Standpunkt er dazu einnahm, als die Meinung von Tante Erika …

 

 

*

Stürmische Begeisterung hatte Laura von Michael keinesfalls erwartet. Aber als er dann vor ihr saß und sich den Bericht Lauras bis zum Ende angehört hatte, da machte er ein so betretenes Gesicht, dass Laura bereute, ihm ihre Absicht überhaupt kundgetan zu haben.

Michael war das, was man einen hübschen Mann nannte. Und er war durch und durch ein Mann, kräftig, sportlich, mittelblond, blaue Augen, die fast ins Grau gingen und daher zu leuchten schienen, wenn Licht darauf fiel: Ein markantes Kinn machte den Narkosearzt für viele Frauen in der Klinik, in der er arbeitete, zum Idol. Auch Laura hätte sich seinerzeit nicht nur von seinem Wesen, sondern auch von seinem Äußeren beeindrucken lassen. Er war ein paar Jahre älter als sie und arbeitete als Anästhesie-Oberarzt in der Frauenklinik.

„Also, wenn du mich fragst“, sagte er jetzt auf dieses kurze Schweigen nach Lauras Bericht hin, „so finde ich das ein wenig verrückt von dir. Du setzt dich freiwillig hinter Gitter.“

Michael ist also dagegen, dachte Laura. Und sie fragte gereizt: „Wie meinst du das denn?“

„Ein Kind bedeutet so viel für eine Frau wie ein Anker für ein Schiff. Es ist mir natürlich klar, dass viele Frauen so ein Kind anstreben, dass sie gar nicht erpicht darauf sind, sich noch vom Wind über die Meere treiben zu lassen, dass sie lieber im Hafen liegen.“

„Entschuldige bitte, bis jetzt kam der Vorschlag Ehe immer nur von dir, und ich war dagegen.“

„Bist ,du es nicht mehr?“, wollte er wissen und lächelte spöttisch.

„Ich denke noch immer so wie vorher“, erklärte sie, ohne auf seinen spöttischen Unterton einzugehen. „Es hat überhaupt nichts mit dir zu tun. Hast du denn kein Mitleid mit diesem Kind?“

„Ich bin nicht herzlos“, erklärte er widerstrebend, „aber wir zwei lieben uns doch. Und wir haben noch eine Menge vor. Ich habe mittlerweile erkannt, dass du recht hast, wenn du unabhängig bleiben willst. Es tut auch unserer Beziehung gut. Da ist keine Kette, kein Band, das uns miteinander verschlingt und aneinander bindet. Wir sind frei, auch gegenseitig können wir uns immer wieder lösen. Wenn wir zusammen sind, dann aus freien Stücken, weil wir uns lieben, aber nicht, weil wir durch ein Kind oder durch ein gemeinsames Eigentum aneinander gekettet sind. Ich möchte mich an keinen ketten und möchte auch andere nicht an mich ketten.“

„Vor kurzem noch wolltest du um Biegen und Brechen heiraten“, erwiderte sie. Komisch, dachte sie, während sie das sagte, dass er seine Einstellung plötzlich geändert hat. Überhaupt haben wir in letzter Zeit viele Auseinandersetzungen. So harmonisch wie früher und so glücklich sind wir eigentlich auch nicht mehr. Stirbt unsere Liebe ab? Sucht er jetzt Vielleicht die Möglichkeit, sich von mir zurückzuziehen? Und ist der kleine Bastian der Vorwand? Aber nein, das kann eigentlich nicht sein. Es ist doch zu viel, was uns zusammenhält. Warum nur sträubt er sich gegen Bastian?

„Was sagt denn Tante Erika dazu?“, wollte er wissen.

„Sie weiß es nicht. Ich werde es ihr noch sagen. Sie ist bei ihrer Freundin im Alten Land. Ich hatte gar nicht daran gedacht. Wenn sie kommt, werde ich mit ihr reden.“

„Es wird wichtiger sein“, bemerkte Michael, „du redest mit ihr als mit mir. Es ist deine Entscheidung, und du kannst tun, was du willst. Aber dieses Kind deiner ehemaligen Studienkollegin, das ist doch überhaupt nichts. Du bist nicht die Mutter, du hast einen Scheck über hunderttausend Dollar, und verdammt noch mal, den wirst du brauchen. Wenn du auch noch eine Kinderschwester einstellst, wird dieses Geld nicht einmal

reichen. Und unglücklicherweise ist auch noch dieser Schwager, mit dem sich diese Steffi Hames nie verstanden hat, der Vormund des Kleinen. Er kann, wenn er will, das Kind zu sich nach Amerika holen, jederzeit. Wenn der Kleine aus dem Gröbsten heraus ist, dann kommt der Pfiff, und die Behörden werden dafür sorgen, dass du dieses Kind hergeben musst. Du kannst nichts dagegen tun. Du hast dir die Arbeit gemacht, und du hast … “

„Weißt du, Michael, wie sehr ein Kind eine Bezugsperson braucht? Dazu noch ein so kleines Kind. Es braucht Liebe, es braucht sogar Körperkontakt, und den ganz stark. Sachen, um die du dich nie kümmerst. Auch wenn du kein Kinderarzt bist, solltest du das wissen.“

„Natürlich weiß ich das, aber es interessiert mich nicht. Ich habe keine Kinder. Und wenn ich meine eigenen Kinder hätte, wüsste ich genau, was ich tun muss. Die würde ich auch lieben. Aber ich kann doch kein Kind auf Kommando lieben. Ein Kind von einem anderen Mann, einer anderen Frau. Kannst du das denn?“

„Vielleicht nicht so, wie es eine Mutter tut“, sagte Laura. „Aber doch immerhin aus Mitgefühl und, wenn man so will, aus einer Pflicht heraus. Wir Menschen haben auch eine Pflicht zueinander. Wir müssen einander helfen.“

„Gut, dass du das sagst, Laura“, erwiderte Michael und schien froh zu sein, das Thema wechseln zu können. „Ich wollte es dir eigentlich gestern Abend schon sagen, und im Grunde hättest du es dir längst denken können. Du weißt, dass die Zeitungen, das Fernsehen, ja überhaupt alle Medien voll von dieser Hungerkatastrophe in Äthiopien sind. Und nicht nur dort herrscht Hunger. In den angrenzenden Ländern Afrikas ebenfalls.“

Laura konnte sich den Rest denken. Jetzt will er wieder dahin, sagte sie sich. Er ist ja immer noch in diesem Ärzteausschuss des Internationalen Roten Kreuzes in Genf. Und vielleicht haben sie ihn gerufen, vielleicht tut er es freiwillig. In dieser Beziehung habe ich Michael immer bewundert. Und doch war ich irgendwie auch ein Opfer seines selbstlosen Einsatzes.

Details

Seiten
123
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783738923469
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2018 (Oktober)
Schlagworte
laura leitner steffis entscheidung

Autor

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Titel: Dr. Laura Leitner #3: Steffis letzte Entscheidung