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JIM SHANNON #13: Shannon und die Geisterreiter

©2018 120 Seiten

Zusammenfassung

Der Südstaaten-Offizier Colonel Lonnegan und seine Leute wollen die Stadt Longhorn City dem Erdboden gleichmachen. Für Lonnegan und seine Männer ist der blutige Bürgerkrieg immer noch nicht zu Ende, denn sie haben sämtlichen Bewohnern der Stadt Rache geschworen.
Jim Shannon und Jonah Layne geraten in diese Auseinandersetzungen, als sie einer jungen Frau helfen wollen, die von den ehemaligen Rebellen gejagt wird, die man auch hinter vorgehaltener Hand Geisterreiter nennt. Weil sie eigentlich gar nicht mehr am Leben sein dürften. Aber die Bedrohung ist real, und schon bald müssen die Bewohner von Longhorn City erkennen, dass ihr aller Leben auf Messers Schneide steht – und Shannon und Layne ebenfalls ...

Leseprobe

Table of Contents

Title Page

Shannon und die Geisterreiter

Klappentext:

Roman:

JIM SHANNON

 

Band 13

 

Shannon und die Geisterreiter

 

Ein Western von John F. Beck

 

 

 

IMPRESSUM

 

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© Roman by Author / Cover 2018: Klaus Dill

Redaktion und Korrektorat: Alfred Wallon

© dieser Ausgabe 2018 by Alfred Bekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

 

Klappentext:

Der Südstaaten-Offizier Colonel Lonnegan und seine Leute wollen die Stadt Longhorn City dem Erdboden gleichmachen. Für Lonnegan und seine Männer ist der blutige Bürgerkrieg immer noch nicht zu Ende, denn sie haben sämtlichen Bewohnern der Stadt Rache geschworen.

Jim Shannon und Jonah Layne geraten in diese Auseinandersetzungen, als sie einer jungen Frau helfen wollen, die von den ehemaligen Rebellen gejagt wird, die man auch hinter vorgehaltener Hand Geisterreiter nennt. Weil sie eigentlich gar nicht mehr am Leben sein dürften. Aber die Bedrohung ist real, und schon bald müssen die Bewohner von Longhorn City erkennen, dass ihr aller Leben auf Messers Schneide steht – und Shannon und Layne ebenfalls ...

 

 

 

Roman:

Schwarze Wolken segelten am Mond vorbei. Der Wind, der in den Büschen am Brazos-Ufer raschelte, trug einen gellenden Schrei über die nächtliche Prärie.

Shannon sprang auf. Seine Rechte senkte sich auf den Hickorykolben des tiefgeschnallten 44er Colts. Neben ihm richtete sich sein junger, hünenhafter Sattelpartner Jonah Layne mit der Hand an der Waffe auf. Jonah war stumm, aber er konnte sich mit Shannon auch ohne Worte verständigen.

Geduckt wies er auf einen windumtosten, grasbewachsenen Hügelrücken im Westen. Die schwankende Gestalt einer jungen Frau zeichnete sich dort vor dem Hintergrund der dahinstürmenden Wolkenfetzen und bleich funkelnden Sterne ab. Ihr helles Kleid flatterte. Ein seltsames, fast unwirkliches Bild!

Gehetzt blickte die Fremde auf ihrer Spur zurück. Dann lief sie keuchend den Hang herab auf die Sträucher zu, zwischen denen die Partner ihr Nachtlager aufgeschlagen hatten. Sie lief um ihr Leben.

„Warte, bleib hier!“, raunte Shannon seinem Gefährten zu. Hufschlag klang auf. Ein Reiter erschien auf dem Höhenrücken. Shannon traute seinen Augen kaum: Der breitschultrige Mann auf dem heftig stampfenden Pferd trug die komplette graue Uniform der ehemaligen Südstaaten-Armee. An seinen Ärmeln waren Sergeantenwinkel. Messingknöpfe, Koppelschnalle und der Lauf des Karabiners, den er quer vor sich hielt, blinkten im Mondlicht. Shannon hatte plötzlich einen bitteren Geschmack im Mund. Ihm war, als würden die Geister einer unheilvollen Vergangenheit in dieser winddurchbrausten Texasnacht auferstehen.

Der Bürgerkrieg war seit sieben Jahren vorbei. Aus dem Chaos und Elend der Niederlage war dem Süden, und damit auch Texas, ein neuer Anfang erwachsen, Die Konföderation gab es nicht mehr, wenn auch der Hass zwischen Nord und Süd in manchen Herzen weiterlebte. Vor sieben Jahren, nach Lees Kapitulation bei Appomatox, waren jene grauen Uniformen nicht bloß einfach an den Nagel gehängt, sondern haufenweise verbrannt worden. Nicht alle jedoch, wie Shannon und sein junger Partner nun mit eigenen Augen sahen.

Der Uniformierte jagte sein Pferd mit einem heiseren Schrei hinter der flüchtenden Frau her. Stolpernd, mit angstverzerrtem Gesicht, brach sie in das Gestrüpp. Zweige peitschten ihre Arme. Sie stürzte, wollte hoch, verfing sich aber mit dem Kleid an einem Busch. In hartem Galopp sprengte der Verfolger heran.

„Nein!“, schrie die Fliehende verzweifelt. „Lasst mich in Ruhe, ihr Teufel! Hilfe!“

Wildes, grausames Lachen übertönte das Sausen des Windes. Ein Strahl Mondlicht streifte das eckige, rohe Gesicht des Reiters. Das Lachen darauf fror ein, als Shannon plötzlich zwischen ihm und der gestürzten Frau stand, groß, schlank, lässig. Die Schussnarbe an seiner rechten Schläfe schimmerte wie ein Kreidestrich. Der Wind zauste sein dunkles Haar. Locker hing Shannons nervige Rechte neben dem Colt.

„Keine Sorge, Ma’am, Sie sind in Sicherheit“, sagte er ruhig. Dabei blickte er den Uniformierten an, der ruckartig seinen schnaubenden Gaul zügelte. „Das wird auch dieser wild gewordene Hombre verteufelt schnell begreifen.“

Die Miene des Sergeants verzerrte sich vor Wut. Wortlos riss er das Gewehr hoch. Es war ein Enfield-Karabiner. Damals im Bürgerkrieg waren große Truppenteile des Südens damit ausgerüstet gewesen. Die schwarze Mündung starrte Shannon wie ein Todesauge an. Doch der schlanke, sonst so revolverschnelle Mann bewegte sich nicht. Da schnellte auch schon ein großer Schatten zwischen den Cottonwoods neben dem Reiter hervor: Jonah. Trotz seiner bärenhaften Figur war er schnell und geschmeidig.

Ein einziger Fausthieb schleuderte den Sergeant aus dem Sattel. Wiehernd stob das Pferd zwischen den Sträuchern davon. Der Mann in der Uniform einer Armee, die es längst nicht mehr gab, wälzte sich keuchend im Gras herum und versuchte den Revolver zu ziehen. Seine lautlose Verbissenheit war unheimlich.

Aber Jonah hatte dagegen genau die richtige Medizin. Er riss den großen schweren Mann wie ein Stoffbündel hoch und knallte ihm nochmals die Faust an den Kopf. Shannon konnte sich ein grimmiges Lächeln nicht verkneifen. Er hatte es noch nicht erlebt, dass ein Mann mehr als zwei Schmetterhiebe des junge Hünen verdauen konnte, ohne sich „schlafen“ zu legen. Der Sergeant machte da keine Ausnahme. Mit glasigen Augen sank er friedlich nieder.

Shannon half der jungen Frau hoch. Langes blondes Haar umrahmte ihr hübsches schreckensbleiches Gesicht. Zitternd hielt sie sich an dem großen Mann fest.

„Helfen Sie mir! Sie wollen mich töten ...“

„Es ist alles gut, Ma’am. Niemand wird Ihnen etwas tun. Mein Name ist Jim Shannon. Das ist mein stummer Freund Jonah Layne. Wir kommen von New Mexico herüber. Jonah will zu Verwandten in Little Rock. Ich begleite ihn dorthin. Nach unserer Karte ist die nächste Stadt Longhorn City, zehn Meilen von hier am Fluss. Wenn Sie wollen, bringen wir Sie dorthin, Miss ...“

„Ich bin Nancy Kilrone“, stammelte die junge Frau. „Onkel Andrew ist noch auf der Farm. Sie haben ihn zum Tode verurteilt. Sie wollen ihn erschießen.“

„Wer?“

„Die Geisterreiter!“, stöhnte Nancy Kilrone schaudernd. „Sie haben die Farm meines Onkels überfallen, bei dem ich seit dem Tod meiner Eltern lebe. Plötzlich waren sie da, und ...“

Mit entsetzt aufgerissenen Augen starrte sie über Shannons Schulter. Ein Schrei kam über ihre Lippen.

Shannon reagierte mit jener Schnelligkeit, die ihm schon oft das Leben gerettet hatte. Sein durchtrainierter Körper glich einer Stahlfeder. Im Herumwirbeln stieß er die junge Frau zu Jonah hinüber und zog den Colt. Peitschend fetzte ein Schuss neben ihm ins Gebüsch. Da krachte auch schon der Sixshooter in Shannons hochzuckender Faust. Das ging so unheimlich schnell, dass die Detonationen zu einem Knall verschmolzen.

Auf dem Hügelkamm hielt ein zweiter ebenfalls grau uniformierter Reiter. Der Gewehrkolben ruhte noch an seiner Schulter. Einen Moment saß er reglos auf dem Pferd, dann neigte er sich langsam zur Seite. Der Karabiner fiel ihm aus den Händen. Er stürzte hinterher und rollte mit grotesk schlenkernden Armen den steilen Grashang herab.

Mit dem Colt in der Faust lief Shannon zu ihm. Eine Wolke verfinsterte den Mond. Aber als Shannon sich über den Getroffenen beugte, sah er sofort, dass dem Mann nicht mehr zu helfen war. Müde halfterte der Satteltramp die Waffe. Sinnlos, sich Vorwürfe zu machen. Er hatte nur sein Leben verteidigt. Es war wie ein Fluch, dass er immer wieder kämpfen musste, und nirgends stand einem der Tod näher als in diesem Land, wo noch jeder Mann auf sich allein gestellt war. Trotzdem wurde Shannon den bitteren Geschmack im Mund nicht los. Er stieg den Hügel hinauf. um das fremde Pferd zu holen.

Leer und friedlich dehnte sich das hügelige Grasland im Schein der zwischen den Wolken hervorschwimmenden Mondsichel. Shannon starrte auf das Brandzeichen an der Hinterhand des Tieres. Drei Buchstaben: CSA - die Abkürzung für Confederated States of America. Da stimmte jedes Detail. Maskerade? Aber wozu? Oder tatsächlich Reiter aus der Vergangenheit?

Shannon lud den leblosen Körper über den leeren Sattel. Mit ausdrucksloser Miene kehrte er zu Jonah und der fremden jungen Frau zurück. Jonah hatte noch seinen Arm um sie gelegt. Es war, als suchte sic Schutz bei dem etwa gleichaltrigen bulligen Mann mit den ernsten blauen Augen.

„Reitet zur Stadt voraus“, sagte Shannon entschlossen. „Ich komme nach. Ich werde erst nach sehen, was mit Ihrem Onkel los ist, Miss Kilrone. Wo liegt die Farm?“

„Drei Meilen westlich von hier, hinter den Hügeln.“ Verzweifelt schüttelte Nancy den Kopf. „Niemand kann ihm mehr helfen. Wer den Geisterreitern in die Hände fällt, ist verloren. Reiten Sie nicht!“

„Wer sind diese Kerle?“

„Ich weiß nicht ...“ Die junge Frau vermied es krampfhaft, die schlaffe Gestalt auf dem Pferderücken anzusehen. „In Longhorn City heißt es, sie seien aus dem Jenseits zurückgekehrt, um sich an allen zu rächen, von denen sie sich im Stich gelassen glauben. Die ganze Stadt zittert vor ihnen, nachdem es schon mehrfach zu Überfällen und Anschlägen kam. Aber Onkel Andrew wollte nicht glauben, dass auch ihm Gefahr drohte - bis heute Nacht. Es war schrecklich. Ich entkam nur, weil mein Onkel sich verzweifelt wehrte und die Angreifer ablenkte. Ich hörte noch, wie er einen Namen rief: Colonel Lonnegan ...“

„Wer ist das?“

Nancy Kilrone fröstelte. „Er befehligte vor sieben Jahren die Überlebenden der Texas-Brigade, die sich den einmarschierenden Nordstaaten-Truppen nicht ergeben wollten. Er wurde mit seinen Leuten in der Bank von Longhorn City eingeschlossen und umzingelt. Drei Tage dauerte die Belagerung. Dann fuhren die Nordstaatler Kanonen auf. Weder Colonel Lonnegan, noch einer seiner Männer kam damals mit dem Leben davon.“

Shannon wusste. nicht, ob er lachen oder eine Verwünschung brummen sollte. Nancy sah nicht so aus, als würde sie abergläubisches Geschwätz nach plappem.

Shannon kratzte sich hinterm Ohr und blickte Jonah an, der genau wie er einfache Reitertracht trug. Nichts erinnerte mehr an seine Vergangenheit in einer Spielhölle im fernen Las Cruces, wo Shannon einer gefährlichen Verbrecherbande das Handwerk gelegt hatte. Seit damals, seit Shannon Jonahs sterbender Schwester versprochen hatte, ihn nicht im Stich zu lassen, ritten sie Seite an Seite.

„Glaubst du an Gespenster, Amigo?“

Jonah antwortete mit flinker Zeichensprache, die Shannon mittlerweile wie das Alphabet beherrschte. Der dunkelhaarige Satteltramp nickte zustimmend.

„Na also, ich auch nicht!“

 

*

 

Sie hatten Andrew Kilrone gefesselt und an die Bretterwand des Schuppens gestellt. Auf seiner Brust hing ein Pappschild mit der Aufschrift „Verräter“. Der Schweiß auf dem ledrigen Gesicht des Farmers glitzerte im Mondlicht. Aus flackernden Augen starrte er auf die Männer, die Gewehr bei Fuß zwölf Yard vor ihm Aufstellung genommen hatten. Männer in grauen Uniformen. Ihre mondbeschienenen Gesichter wirkten wie aus Stein gehauen. Ihre Blicke schienen durch den keuchenden, schwitzenden Mann an der Schuppenwand hindurchzugehen.

„Nein!“, schrie Kilrone. „Das könnt ihr nicht tun! Dazu habt ihr kein Recht! Colonel, um Himmels willen, sagen Sie Ihren Leuten, dass sie verschwinden sollen!“

Sein verzweifelter Blick heftete sich auf den hageren, schnurrbärtigen Mann mit den Rangabzeichen eines Südstaaten-Colonels. Der zog mit der behandschuhten Rechten den Kavalleriesäbel aus der Scheide und hielt die funkelnde Klinge senkrecht vor sich. Im selben Moment erklang ein dumpfer Trommelwirbel. Der Wind trieb dünne Staubschleier über den Hof der einsamen Farm. Pferde schnaubten. Ein Fensterladen am Farmhaus klapperte.

„Im Namen der konföderierten Armee und im Namen des freien Texas bist du wegen Landesverrats zum Tode verurteilt worden, Andrew Kilrone“, leierte der hagere Offizier die Formel herunter. „Jeder Einspruch gegen dieses Urteil wird verworfen. Es wird auf der Steile vollstreckt!“

„Wahnsinn!“, keuchte der Farmer und zerrte verzweifelt an den Riemen, mit denen seine Handgelenke zusammengebunden waren. „Was ihr vorhabt ist Mord! Mein Gott, wofür kämpft ihr denn eigentlich noch? Die konföderierte Armee gibt es schon lange nicht mehr.“

„Es gibt sie, solange wir die Macht haben, Verräter wie dich zu bestrafen!“, unterbrach ihn der Colonel hart. „Deswegen sind wir zurückgekommen. Nach dir werden noch andere an die Reihe kommen, alle, die damals mit den verfluchten Yankees im Bunde standen.“

„Um Himmels willen, Lonnegan, das ist nicht Ihr Ernst!“, schrie Kilrone entsetzt. „Westham, Allister, McLeod, ich und die anderen, wir sind keine Verräter! Wir haben doch nichts getan!“

„Eben!“ Die Stimme des Offiziers war kalt und spröde wie brechendes Eis. „Ihr habt keinen Finger gerührt, uns zu helfen, als wir in Riordans Bank zusammengeschossen wurden! Alle in der Stadt haben den Kopf eingezogen und sich in ihren Häusern oder auf den umliegenden Gehöften verkrochen, während die Blauröcke entschlossen waren, uns keine Chance mehr zu lassen. Du und die anderen, ihr alle habt den Tod verdient!“

„Großer Gott, was hätten wir denn tun sollen?“, stöhnte der Gefangene. „Der Krieg war längst verloren. Die Nordstaatler hatten Longhorn City fest in ihrer Hand ...“

„Genug davon! Du hast das Urteil Gehört, Kilrone. Achtung, Exekutionskommando!

Stillgestanden!“

Hacken knallten zusammen. Der Trommelwirbel schwoll an. Erschöpft lehnte sich Kilrone an die rissige Bretterwand. Die Beine trugen ihn kaum noch. Er sah die exakt ausgerichtete Reihe der Todesschützen wie durch einen Schleier.

„Die Gewehre - legt an!“, peitschte Colonel Lonnegans Kommando über den Hof.

Ruckartig flogen die Waffen hoch. Kalt und drohend funkelten die stählernen Läufe im Mondlicht Die Trommel dröhnte so laut, dass Kilrone sich am liebsten die Ohren zugehalten hätte.

Seine mageren Schultern zuckten unter dem von brutalen Fäusten zerrissenen Baumwollhemd. Er sah die Finger an den Abzugsbügeln, die mitleidlosen Gesichter über den Gewehren. In dem Augenblick, da Lonnegans Säbel niedersauste, würde alles vorbei sein. Nochmals bäumte sich der Todgeweihte auf.

„Pete, Johnny, helft mir doch! Wir waren Freunde. Ihr wisst, dass ich nie etwas gegen euch gehabt habe. Ihr werdet diesen Wahnsinn doch nicht mitmachen und wirklich auf mich schießen! Sagt doch was, Jungs! Tut doch was, ehe es zu spät ist!“

Keines der angespannten, auf den bevorstehenden Schuss konzentrierten Gesichter verriet auch nur mit dem leisesten Zucken, welche Männer in der Reihe gemeint waren. Keine Karabinermündung kam aus der Richtung. Die Trommel schwieg plötzlich. Der Wind raunte um die niedrigen Gebäude. Wolkenschatten glitten lautlos über die Farm. Andrew Kilrone schloss die Augen.

„Es ist ja alles gar nicht wahr“, flüsterte er am Rand des Wahnsinns. „Ich träum ja alles nur. Ihr seid tot, schon lange tot Keiner von euch ist damals aus der Bank entkommen. Eure Grabkreuze stehen auf dem Boothill von Longhorn City.“ Plötzlich lachte er. „Tot seid ihr!“, krächzte er. „Ihr könnt mir nichts mehr tun!“

Colonel Lonnegans Säbel zuckte nach unten.

„Feuer!“

Mündungsblitze stachen über den Hof. Die Salve presste den mageren Körper des Farmers gegen die Schuppenwand. Mit verkrampften Schultern rutschte er an ihr nieder und fiel schlaff auf die Seite.

 

*

 

Das Krachen der Schüsse traf Shannon wie ein Faustschlag. Mit einem letzten verzweifelten Satz erreichte er die Hügelkuppe über der einsamen Farm und warf sich zwischen den im Wind schwankenden Wacholdersträuchern ins Gras.

Zu spät!

Dort unten im fahlen Mondlicht lag Kilrone wie ein Stoffbündel an der Schuppenwand. Shannons Herz hämmerte hart. Schweißbäche sickerten über seine Wangen. Seine Fäuste waren um die Winchester 66 gekrampft. Wie von selbst wanderte der Lauf der Waffe in die Höhe und richtete sich auf die hagere Gestalt des Mannes, der dort unten das tödliche Kommando gegeben hatte.

Colonel Lonnegan, angeblich zurückgekehrt aus dem Reich der Toten! Ein Verrückter? Ein Fanatiker? Oder ein gewöhnlicher Verbrecher? Shannon ließ das Gewehr sinken. Er konnte verdammt hart zurückschlagen, wenn er in die Enge getrieben wurde. Aber er würde es nie über sich bringen, aus dem Hinterhalt auf einen Gegner zu schießen.

Er zwang sich, jetzt nicht an die junge Frau zu denken, die er in Jonahs Obhut zurückgelassen hatte und die nun ganz allein auf der Welt stehen würde. Mit schmalen, gefährlich glitzernden Augen beobachtete er, wie die Soldaten auf Kilrones Farm in Reih und Glied zu ihren Pferden marschierten. Alles ging nach Lonnegans schneidenden Kommandos.

Härte spannte Shannons Miene. Die Männer dort unten hatten nicht das Recht, sich Soldaten zu nennen und in den Uniformen einer nicht mehr existierenden Armee ihr Unwesen zu treiben. Das waren Mörder, egal aus welchen Motiven. Shannon überlegte noch, ob er ihnen heimlich folgen oder zu Jonah zurückkehren sollte, da unterbrach eiliges Hufgetrappel seine Gedanken. Ein Reiter näherte sich der Farm.

Lonnegans Männer waren inzwischen aufgesessen. Im Nu hielten sie wieder ihre Karabiner im Anschlag. Nur ihr Anführer stand noch breitbeinig, die Hand am Säbelknauf, mitten auf dem mondbeschienenen Hof. Der Wind trieb das Schnappen der Gewehrschlösser bis zu Shannon herauf.

„Nicht schießen, Jungs! Ich bin’s - Sergeant Finley!“

Ein breitschultriger Reiter spornte sein grobknochiges, eisengraues Pferd aus dem Schatten der Hügel. Shannon erkannte ihn sofort. Da war der Kerl, der hinter Nancy Kilrone hergewesen war und dabei Bekanntschaft mit Jonahs Fäusten gemacht hatte. Shannon presste die Lippen zusammen. Er ahnte, was nun kommen würde. Doch es hatte keinen Zweck, über einen nicht mehr gutzumachenden Fehler zu fluchen. Der Ankömmling zügelte vor Lonnegan sein schweißbedecktes Pferd. Eine Staubwolke umhüllte ihn.

„Colonel, Tom hat’s erwischt, und das verflixte KilroneGirl ist auf und davon! Da waren ...“

„Was fällt Ihnen ein, Sergeant Finley!“, schnauzte Lonnegan wie auf dem Exerzierfeld. „Ich verlange eine anständige Meldung, verdammt noch mal!“

„Jawohl, Sir, Verzeihung, Sir!“ Finley, atemlos nach dem harten Ritt, sprang aus dem Sattel, schlug die Hacken zusammen und legte die Hand än den Mützenrand. Während er seine Meldung hervorsprudelte, schob sich eine massige Wolkenbank vor den Mond. Die Dunkelheit senkte sich wie ein schwarzer Schleier über die Farm. Auf einmal war nichts mehr zu hören. Nur der Wind jammerte zwischen den Hütten und raschelte in den Wacholderzweigen.

Dann riss die Wolke auf, bleiche Helligkeit ergoss sich auf die Farm, aber da war niemand mehr. Der Wind hatte die Spuren mit Staub zugedeckt. Kein Hufschlag, keine Stimme! Alles hätte tatsächlich wie ein Spuk gewirkt, wäre die dunkle, reglose Gestalt an der Schuppenwand nicht gewesen.

Vorsichtig zog Shannon sich zurück. Er hatte keinen Zweifel, dass es von jetzt an um seinen Skalp ging. Lonnegan und seine Geisterreiter waren nicht die Typen, die sich mir nichts, dir nichts aus dem Staub machten, wenn man ihnen zu nahe aufs Fell rückte. Das waren vogelfreie Killer. Zweibeinige Wölfe, die erbarmungslos jedermann bekämpften, der nicht zu ihrem unheimlichen Nachtrudel gehörte. Sie hatten nicht mal Kilrones Nichte schonen wollen. Erst recht würde Shannon keine Gnade von ihnen zu erwarten haben. Da verließ der Satteltramp sich lieber auf den 44er an seiner Hüfte und die Winchester in seinen Fäusten - auch wenn das verteufelt mäßige Trümpfe gegen eine solche Übermacht waren. Entscheidend war, dass er so schnell wie möglich wieder in den Sattel kam.

So tief geduckt, dass sein Gewehr fast die vom Wind gebeugten Grashalme streifte, eilte der katzenhaft geschmeidige Mann den Hang hinab. Ein Schnauben aus der Dunkelheit zwischen den Hügeln warnte ihn. Es kam nahe von dort, wo er seinen Braunen zurückgelassen hatte. Shannon sackte nieder, wie von einer Kugel getroffen. Ein Schatten, der mit der Erde, dem Grammagras, den Salbeistauden verschmolz.

Stille. Sogar der Wind ließ nach. Dann ein Geräusch, als würde Metall über Leder schaben, sonst nichts. Minuten verstrichen, aber Shannon besaß die Geduld eines Indianers. Erst als der Mond wieder hinter einer Wolke verschwand. kam Bewegung in ihn. Er sprang auf und lief im Bogen um den nächsten Präriehügel herum. Jetzt erwies es sich als Vorteil, dass er nicht die üblichen hochhackigen Cowboyboots trug, sondern flachsohlige Weichlederstiefel, die geschmeidig wie Apachenmokassins waren.

Als es wieder hell wurde, kauerte Shannon zehn Schritte von seinem Pferd entfernt hinter einem Ginsterbusch. Schemenhafte Gestalten bewegten sich vor ihm: Männer auf Pferden, deren Hufe mit Stofflappen umwickelt waren. Darum die Stille! Shannon grinste säuerlich. Diese Kerle dachten aber auch an alles!

„Zum Teufel, Joe, und ich sag dir, der Bastard hat Verdacht geschöpft, sonst wär er längst hier!“, flüsterte eine raue Stimme.

„Klappe!“, zischte der andere. „Der Colonel lässt dich glatt an die Wand stellen, wenn du anfängst, rumzunörgeln. Ohne Gaul hat der Bursche sowieso keine Chance, mit dem Leben davonzukommen. Und wenn wir ihn erst haben, erwischen wir auch den anderen Kerl und das Kilrone-Girl. Der Teufel soll sie alle holen!“

„Ich wette, der hält sich lieber an euch!“, sagte Shannon trocken. Er stand blitzschnell auf und feuerte zweimal von der Hüfte aus mit der Winchester. Es klang wie ein Schuss. Echos wogten zwischen den mondbeschienenen Hängen.

Die Kerle, die auf Shannon gelauert hatten, stürzten schreiend aus den Sätteln, jeder mit einer Kugel in der Schulter. Shannon versuchte gar nicht erst, eines der Pferde zu erwischen. Die erschreckten Tiere, zwischen ihnen Shannons Brauner, warfen sich wiehernd herum und flohen. Die hämmernden Hufe fetzten Erdbrocken und Grasbüschel hoch. Der große geschmeidige Satteltramp war schon wieder in den Schatten zurückgetaucht. Was jetzt kam, war ein Spiel für eiserne Nerven.

Die Schüsse waren noch nicht verhallt, da wurde es ringsum lebendig. Es war gespenstisch, wie auf jeder Hügelkuppe um die Senke plötzlich Reiter in grauen Uniformen mit blitzenden Beschlägen und kalt funkelnden Waffen auftauchten. Rufe gellten. Das Dröhnen der vielen Hufe schlug wie eine Woge über dem verborgenen Mann zusammen. Von allen Seiten schienen die Feinde direkt auf seine Deckung zuzustürmen. Shannon packte die Winchester fester. Jetzt kam es darauf an, sich nicht von der Panik mitreißen zu lassen, sondern ruhig abzuwarten.

Eine dünne Staubfahne flatterte in der Hügelkerbe, wo die reiterlosen Gäule verschwunden waren. Und dorthin jagten auch die Männer, vor deren Gewehren Andrew Kilrone gestorben war. Alles ging so schnell, dass sie sich nicht einmal Zeit nahmen, nach ihren verletzt im Gras liegenden Kameraden zu sehen. Ein paar von den Kerlen preschten so nahe an Shannon vorbei, dass der Ginsterstrauch, hinter dem er lag, wie von einer Sturmbö geschüttelt wurde.

„Jagt ihn! Schnappt ihn tot oder lebendig! Pumpt ihn voll Blei!“

Das war Sergeant Finleys hasserfüllte Simme. Die Erde zitterte unter den trommelnden Hufen, dann war die wilde Meute vorbei.

Es war nur eine Frage der Zeit, bis sie merkten, dass sie auf einen ganz gewöhnlichen Trick hereingefallen waren. Trotzdem wartete Shannon. Das Stöhnen der Verwundeten war verstummt. Sie hatten die Besinnung verloren. Dumpfes Hufepochen näherte sich aus der Richtung, wo Kilrones Farm lag. Dann sah Shannon den Reiter.

Colonel Lonnegan!

Ein scharfes Grinsen huschte über die Lippen des Versteckten. Er hätte doch gewettet, dass der Anführer der Geisterreiter sich nicht an der wütenden Hetzjagd beteiligen würde.

Der schnurrbärtige, hagere Mann saß mit durchgedrücktem Kreuz in der typischen Haltung des altgedienten Kavalleristen im Sattel eines prächtigen Falben. Er ritt nahe an Shannons Deckung vorbei, hielt und stützte abwartend die behandschuhten Fäuste auf das Sattelhorn. Den wie tot im zertrampelten Gras liegenden Männern gönnte er keinen Blick. Es war, als würde er auf etwas lauschen, was nur er hören konnte. Eine seltsam kalte Atmosphäre umgab diesen Mann.

Shannon trat mit der Winchester im Hüftanschlag hinter dem Busch hervor. „Hallo, Colonel!“

Lonnegan zuckte weder zusammen, noch machte er den Versuch, zum Revolver zu greifen. Langsam wandte er den Kopf. Sein schmales, hartes Gesicht glich im Mondlicht einer Kreidemaske. Der Mund war ein dunkler Strich, die Augen kalt.

„Ich brauch Ihr Pferd, Colonel“, sagte Shannon gelassen. „Nehmen Sie meins dafür, wenn Ihre Leute es eingefangen haben.“

„Sie haben keine Chance, mit dem Leben davonzukommen“, erklärte der Südstaaten-Offizier dumpf. „Es heißt, wer die Geisterreiter einmal gesehen hat, ist dem Tod geweiht.“

„Es heißt auch, dass gegen eine gut gezielte Winchesterkugel kein Kraut gewachsen ist“, grinste Shannon. „Sparen Sie sich Ihre Drohungen. Steigen Sie ab!“

Die wackelnde Gewehrmündung unterstrich die Aufforderung. Ohne Hast stieg Lonnegan vom Pferd. Er wich nicht zurück, als Shannon mit der angeschlagenen Winchester auf ihn zuging und nach den Zügeln griff.

„Sie sind ein Narr, dass Sie sich in Dinge mischen, die Sie nichts angehen. Wer sind Sie überhaupt? Texaner? Yankee?“

„Spielt das denn eine Rolle? Mein Name ist Jim Shannon. Ich bin nirgends und überall zu Hause. Ein friedlicher Mann, solange nicht Wehrlose vor meinen Augen abgeknallt werden. Genau da hört meine Gutmütigkeit auf.“

Ein Zug harter Verachtung kerbte Lonnegans Mundwinkel.

„Andrew Kilrone hat bekommen, was er verdiente. Jedem, der sich gegen uns stellt, wird es so ergehen wie ihm. Von jetzt an wird auch Ihr Name auf unserer Liste stehen. Sie werden mit dem Leben dafür bezahlen, dass Sie ...“

„Sie wiederholen sich, Colonel.“

Shannon schwang sich geschmeidig aufs Pferd. Dabei brachte er es fertig, die Winchester nicht aus der Richtung geraten zu lassen. Doch Lonnegan beachtete die Waffe nicht. Er stand nicht da wie ein Besiegter, sondern wie ein Mann, der genau weiß, dass er zum Schluss die Oberhand behalten wird.

„Meine Männer suchen überall in den Hügeln nach Ihnen. Sie werden bald zurück sein. Dann nützt Ihnen auch das Gewehr nichts mehr, Shannon.“

„Ich habe Sie als Faustpfand“, lächelte der dunkelhaarige Mann grimmig. „Das ist mehr wert als das beste Gewehr. Sie werden mich begleiten.“

„Sie irren sich!“

Shannon brauchte nur in diese eisig glitzernden Augen zu sehen, um zu erkennen, dass bei Lonnegan kein Bluff verfing. Dieser Mann hatte vor sieben Jahren die Hölle gesehen. In ihm war keine Furcht mehr. Stahl traf hier auf Stahl.

„Schießen Sie doch!“, rief der Colonel höhnisch. „Kein Mensch stirbt zweimal, und jedermann in der Gegend um Longhorn City weiß, dass. die verfluchten Blaujacken mich schon vor sieben Jahren getötet haben.“

Ein wildes Feuer loderte sekundenlang in seinen Augen. Dann war sein Gesicht schon wieder zur Maske erstarrt. Ein Verrückter? Oder versuchte er nun seinerseits einen Bluff?

Shannon knurrte: „Ich werde schießen, wenn Sie nicht sofort Ihren Colt wegwerfen. Ich riskiere keine Kugel in den Rücken."

Langsam und vorsichtig zog Lonnegan den Sechsschüsser aus der Armeehalfter. Genauso langsam, damit Shannon auf keinen falschen Gedanken kam, richtete er den stählernen Lauf gen Himmel. Peitschend brach sich der Schuss an den Hügeln. Mit unbewegter Miene ließ der Colonel die Waffe fallen.

„Reiten Sie nur. Jetzt sind Sie trotzdem geliefert.“

Die Knöchel von Shannons Fäusten schimmerten weiß. Er hatte gute Lust, diesem unbeugsamen Kerl das Gewehr wie eine Keule über den Kopf zu schlagen. Lonnegan duckte sich. Seine Rechte umschloss den Säbelknauf. Hufgetrappel kam hinter den grasbewachsenen Kämmen heran, dazu heisere Rufe. Shannon zerrte den Falben herum. Ein Glück, dass das Tier nicht auch noch widerspenstig war. Eine Menge, vielleicht sogar alles, würde jetzt von ihm abhängen. Wieder einmal musste Shannon um sein Leben reiten.

Er war darauf gefasst, dass Lonnegan seinen Rebel-Colt hochreißen würde. Aber der Hagere verschränkte selbstsicher die Arme vor der Brust. Er riskierte nichts mehr. Er überließ es seinen Reitern, Shannon zur Strecke zu bringen. Nicht aus Feigheit, sondern aus typischem Südstaatler-Stolz. Geduckt jagte der Satteltramp los, schien verwachsen mit dem vorwärts schnellenden Pferd.

Da tauchten sie auch schon wieder vor ihm auf. Waffenstahl blinkte. Mündungsfeuer glühten von den Hügeln. Shannon stieß einen Schrei aus, warf die Arme hoch und kippte seitlich aus dem Sattel. Der Falbe raste weiter.

„Wir haben ihn!“, brüllte Sergeant Finley triumphierend. Allen voran galoppierte er auf die niedrigen Sträucher zu, zwischen denen Shannon liegen musste. Die Stelle war leer. Kein Abdruck eines vom Pferd gestürzten Körpers. Der Schatten einer Wolke verdeckte Finleys hassverzerrtes Bulldoggengesicht. Sein Kopf flog herum.

Im selben Moment sickerte wieder bleiches Mondlicht zwischen den treibenden Wolken hervor. Das Pferd des Colonels stürmte eben über einen langgestreckten Höhenrücken. Eine dunkle, drahtige Gestalt, die minutenlang wie hingeklebt an seiner Flanke verborgen gewesen war, schwang sich in den Sattel.

Dem bulligen Sergeant blieb der Fluch in der Kehle stecken, als Shannon mit dem Gewehr zurückwinkte.

 

*

 

Longhorn City. Ein Nest wie hundert andere im einsamen texanischen Rinderland. Niedrige Hütten, die sich hinter falschen Bretterfassaden versteckten, dazwischen eine breite staubige Main Street, da und dort das dunkle, satte Grün einer Baumkrone. Der Brazos River schlängelte sich wie ein breites Silberband vorbei. Weiden und Cottonwoods säumten seine Ufer. Sonst gab es nur den Ausblick auf ein endloses Gewoge grasbewachsener Hügel, deren Konturen am Horizont in bläulichem Dunst verschwammen. Es war früher Vormittag, als Shannon, Jonah und Nancy Kilrone aus diesen Hügeln heraus in die Town ritten.

Geschäftiges Treiben füllte die hölzernen Gehsteige und Vorbauten. Die Stadt war voller Stimmen. Einige Fuhrwerke knarrten vorbei. Lärmende Kinder und kläffende Hunde tollten zwischen ihnen. Zuerst streiften nur die üblichen neugierigen Blicke Shannon und seine Begleiter. Ein paar Frauen mit großen Einkaufskörben blieben stehen und steckten die Köpfe zusammen. Männer verharrten im Schritt, starrten durch den Tabakqualm ihrer Pfeifen oder Zigarren und wollten achselzuckend weitergehen. Aber dann fiel ihr Blick auf den staubbedeckten Braunen, der hinter Shannons Falben trottete. Ihre Augen weiteten sich. Eine schlaffe, grau uniformierte Gestalt lag über dem Sattel. Arme und Beine baumelten im Rhythmus der Hufe. Es war jener Mann, den Shannons Kugel niedergestreckt hatte.

Von da an veränderte sich die Szene. Das Durcheinander der vielen Stimmen verstummte. Die Menschen entlang der Häuserfronten standen plötzlich wie gelähmt. Nur ihre aufgerissenen Augen wanderten mit den Reitern, die weder links noch rechts schauten. Die Straße leerte sich. Die schwankenden Frachtwagen bogen, in eine Seitengasse. Ein hohlwangiger, zerlumpter Mann schälte sich aus dem Staub, den ihre Räder aufwirbelten. Hinkend lief er einige Schritte in sicherem Abstand neben den Neuankömmlingen her und versuchte dabei das Gesicht des Toten zu sehen, der über dem Pferd hing.

Plötzlich prallte er mit entsetzt hochgerissenen Händen zurück. Sein krächzender Schrei hallte durch die ganze Town. „Es ist Tom Dexter!“

Der Ruf schlug wie eine Bombe ein. Alle Farbe wich aus den Gesichtern. Mehrere Frauen bekreuzigten sich. Dann, wie auf ein Kommando, machten alle kehrt und hasteten davon. Türen knallten zu, Fenster klirrten, Mütter schrien nach ihren Kindern. Gleich darauf lag Longhorn City wie ausgestorben in der Vormittagssonne. Einige bleiche Gesichter hinter staubblinden Scheiben, ein paar gebauschte Vorhänge, sonst; nichts mehr.

Nur vor dem einzigen massiven Steingebäude der Town, über dessen Eingang ein Schild mit der Aufschrift „Longhorn City Bank“ hing, standen noch fünf Männer. Einer in Hemdsärmeln mit einer rußverschmierten Lederschürze, die anderen in grauen oder schwarzen Stadtanzügen. Sie hatten Revolvergurte umgeschnallt. Aber keiner von ihnen sah aus, als würde er sich damit besonders wohl fühlen.

Shannon warf rasch einen Blick auf Kilrones Nichte, ehe er sein Pferd auf die Gruppe zulenkte. Nancy schien kaum zu bemerken, was rings um sie vorging. Zusammengesunken, bleich und mitgenommen von den Erlebnissen der vergangenen Nacht, saß sie vor Jonah auf dem Pferd. Der junge Hüne hatte beschützend einen Arm um sie gelegt und es sah aus, als würde er sich eher in Stücke reißen lassen als dulden, dass ihr etwas geschah. Shannon hielt vor dem Bankgebäude, schob den Stetson mit zwei Fingern nach hinten und nickte kühl.

„Ich weiß nicht, ob es einen Sinn hat, Gentlemen, Ihnen einen guten Morgen zu wünschen.“

Keine Antwort. Misstrauische Augenpaare starrten ihn an. Ein graubärtiger, untersetzter Mann in zerknittertem Anzug trat an die Gehsteigkante. „Nancy!“, rief er besorgt. „Um Himmels willen, was ist passiert?“

Die junge Frau hob langsam den Kopf. Es war, als würde sie aus einem schlimmen Traum erwachen. Ein Zucken lief über ihr hübsches blasses Gesicht. Plötzlich schossen ihr Tränen in die Augen. Sie rutschte aus dem Sattel und warf sich dem Graubärtigen schluchzend an die Brust.

„Onkel Andrew ist tot, Mr. McLeod! O mein Gott, es war alles so schrecklich ...“

Unbeholfen streichelte der Alte das zerzauste blonde Haar. „Andrew tot?“ Er schluckte schwer und starrte Shannon und Jonah leer an. „Waren es die ... Geisterreiter?“ Er zögerte, das Wort auszusprechen.

Shannon nickte grimmig. „Sie waren auch hinter Miss Nancy her. Das ist einer von ihnen.“ Er wies mit einer Kopfbewegung auf das Pferd hinter sich. Der Mann mit der Lederschürze stieg auf die Straße und ging zögernd um die Gäule herum. Ein Mann wie ein Klotz, breit, massig, aber nicht besonders groß.

„Ich werd’ verrückt!“, keuchte er. „Das ist tatsächlich Tom Dexter!“ Dann wurde seine Stimme rau und gefährlich. „He, Mister, woher hast du den Gaul? Er trägt den Stempel der konföderierten Armee.“

Lächelnd wandte Shannon den Kopf. „Colonel Lonnegan war so freundlich, ihn mir zu leihen. Was dagegen?“

Der Schmied sprang einen Schritt zurück und zog einen schweren, altmodischen Patersoncolt aus der verrutschten Halfter. „Merk dir eins, Mister: Späße dieser Art mögen wir hier nicht! Wenn ihr zu den verdammten Kerlen gehört, die seit Wochen ihr Unwesen in der Gegend um Longhorn City treiben, dann könnt ihr gleich euer Testament machen. Raus mit der Sprache: Wer seid ihr?“

Shannon blickte seinen jungen Partner an. „Hast du je eine so gastfreundliche Stadt erlebt, Jonah?“

Jonah schüttelte grinsend den Kopf. Nancy löste sich hastig von dem Graubärtigen. Tränen glitzerten noch auf ihren Wangen, aber ihre Stimme klang gefasst.

„Mr. Shannon und Mr. Layne haben mit den Geisterreitern nichts zu tun. Sie haben mir das Leben gerettet. Als Mr. Shannon versuchte, Onkel Andrew zu helfen, hätten ihn Lonnegans Reiter um ein Haar erwischt.“

„Steigen Sie ab!“, sagte der Graubärtige. „Seien Sie uns willkommen. Ich bin Jake McLeod. Mir gehört der einzige Store in Longhorn City. Andrew Kilrone war mein bester Freund. Was Sie für seine Nichte getan haben, werde ich nie vergessen. Meine Frau und ich werden Nancy gern bei uns aufnehmen. Mach dir nur deswegen jetzt keine Sorgen, Nancy. Du wirst es gut bei uns haben. Ruth wird dich verwöhnen, da bin ich ganz sicher.“

Er drückte Shannon und Jonah die Hand, als diese abgestiegen waren. Dann stellte er die anderen vor. Der Schmied, der verlegen sein Monstrum von Schießeisen wegsteckte, hieß Burt Westham. Dann kamen Nelson Bliss, der Saloonkeeper, und Floyd Allister, der Hotelier, an die Reihe. Bliss schwarzbärtig, stämmig, mit einer kriegerischen Narbe auf der linken Wange. Allister schmächtig, unscheinbar, nervös und dauernd damit beschäftigt, seine dünngeränderte Brille zu putzen.

Der fünfte Mann nannte selbst seinen Namen. „Ed Riordan, Bankier und Bürgermeister von Longhorn City.“ Ein großer, schlanker Mann in einem eleganten dunklen Anzug. Ein energisches Gesicht mit kühlen, grauen Augen. Ein fester Händedruck.

„Und Sie sind sicher, dass es sich wirklich um Colonel George C. Lonnegan von der Texas-Brigade handelt?“, fragte er stirnrunzelnd.

Shannon berichtete kurz. Er schloss: „Alles, was ich mit Sicherheit weiß, ist, dass wir es nicht mit Gespenstern, sondern gefährlichen Schießern zu tun hatten.“

Beklommenes Schweigen herrschte.

Ed Riordan zündete sich eine Zigarette an. Seine schlanken gepflegten Hände waren ganz ruhig.

„Sehen Sie sich dieses Haus an“, sagte er zu Shannon. „Vor sieben Jahren stand hier eine verkohlte Ruine. Ich habe die Bank neu aufgebaut. Jeder, der damals dabeigewesen ist, wird beschwören, dass Colonel Lonnegan und die letzten Männer seiner Truppe hier gestorben sind. Sie hatten keine Chance. Die Yankees zerschossen das Gebäude systematisch mit Kanonen, nachdem Lonnegan und seine Leute sich drei Tage lang geweigert hatten, aufzugeben. Sie wollten lieber sterben, als in einem von der Union beherrschten Texas leben. Fanatiker? Verrückte? Es war eine wilde, von Hass und Leid geprägte Zeit. Es gab viele Texaner, die auch noch nach General Lees Kapitulation auf eigene Faust weiterkämpften, die den Norden bis aufs Blut hassten und es auch heute noch tun.

Darüber wollen wir jetzt auch gar nicht reden. Tatsache ist jedenfalls, dass es damals im Umzingelungsring der Unionssoldaten keine Lücke gab, durch die auch nur eine Maus hätte schlüpfen können. Fragen Sie MacLeod, fragen Sie Westham oder irgendeinen anderen Mann in der Town. Sie werden immer nur eine Antwort erhalten: Colonel Lonnegan und seine Rebellen sind tot.“

Er trat zurück und wies auf die blankpolierte beschriftete Marmorplatte, die in die Steinmauer eingelassen war. „Da stehen ihre Namen, dem Rang nach. Hier ganz oben: Colonel George C. Lonnegan. Und hier, weiter unten, Corporal Tom Dexter. Er stammt aus Longhorn City. Sein Vater war Stellmacher, ein alter gebrochener Mann, der den Tod seines einzigen Jungen nicht überlebte.“ Und mit einem bedeutungsschweren Blick auf die reglose Gestalt über dem braunen Kavalleriepferd: „Damals vor sieben Jahren ...“ Shannon blickte gebannt auf die Gedenktafel. Ein eingravierter verschnörkelter Rahmen umschloss die lange Namenreihe. Darüber stand in vergoldeten Lettern: „Sie starben für Texas am 12. Mai 1865.“ Shannons Lippen formten lautlos einen der Namen, der ihm besonders in die Augen stach: Benjamin Kilrone.

„Nancys Bruder“, sagte der schlanke Bankier und Bürgermeister leise neben ihm. „Ben war auch einer von Lonnegans letzten Kämpfern.“

Die junge blonde Frau hatte ihn trotzdem gehört. Sie fuhr herum. „Ben ist tot!“, stieß sie mit zuckenden Lippen hervor. „Seit sieben Jahren.“

„Schon gut, Nancy, schon gut“, murmelte der alte McLeod beschwichtigend. „Komm, ich bring’ dich nach Hause.“

Shannon schaute Riordan scharf, an. „Glauben Sie an Gespenster?“

Der Bankier seufzte. „Ich wünschte, es wäre so. Dann müsste ich mir nicht dauernd das Hirn zermartern.“

„Haben Sie die Toten damals vor sieben Jahren gesehen?“

Riordan überzeugte sich erst, dass der graubärtige Storebesitzer mit Nancy schon ein Stück entfernt war, ehe er antwortete. „Meine Bank war damals ein flammenübersäter Trümmerhaufen. Da blieb nicht viel von Lonnegan und seinen Leuten übrig. Die Nordstaatler haben keinen von uns herangelassen. Aber wie gesagt, es gibt keinen Zweifel, dass ...“

Der Peitschenknall eines Schusses unterbrach ihn. Die Kugel pfiff haarscharf an Shannons Kopf vorbei und zertrümmerte eines der vergitterten Fenster der Longhorn City Bank. Allister ließ vor Schreck die Brille fallen. Der schwarzbärtige Bliss fluchte. Die Detonation hallte noch zwischen den Häusern, da war Shannon bereits geduckt herumgewirbelt und hielt den Colt in der Faust. Viel zu langsam zogen die Bürger ihre Waffen. Nur Jonah hatte gleichermaßen flink reagiert. Er zeigte mit ausgestreckter Hand auf eine schattige Hausecke, wo noch ein dünner Pulverdampfschleier wehte.

In Zickzacksprüngen rannte Shannon über die Straße. Kein Schuss fiel mehr. Zwischen den scheinbar so friedlich in der Sonne dösenden Häusern klang Hufgetrommel auf. Gellendes Hohngelächter schallte durch die Stadt. Ein Reiter sprengte in halsbrecherischem Tempo zwischen den verwinkelten Hinterhöfen, Schuppen, Zäunen und Gärten davon. Als Shannon die Ecke erreichte, leuchtete ihm ein weißer Papierbogen von einem rostigen Nagel an der Bretterwand entgegen. Einige Zeilen waren darauf gekritzelt.

Shannon las laut, während Jonah, Riordan und die anderen schweigend hinter ihn traten. „In Abwesenheit wurden folgende Bürger von Longhorn City vom Kriegsgericht der Texas-Brigade wegen Landesverrats zum Tode verurteilt: Nelson Bliss, Saloonbesitzer - Floyd Allister, Hotelier - Burt Westham, Schmied - Jake McLeod, Storebesitzer - Edward Riordan, Bankier.“

Die Namen fielen wie Hammerschläge in das bleierne Schweigen. Westham schimpfte: „Diese Hundesöhne! Jetzt wagen sie sich schon am hellichten Tag mitten in die Town. Der Teufel soll sie alle holen!“ Aber der Schreck glühte auch in seinen Augen.

Allister stöhnte: „Sie sind tatsächlich zurückgekommen. Lonnegan will seine Drohung von damals wahrmachen und uns alle bestrafen, weil wir ihm die Hilfe gegen die Blauröcke verweigert haben.“

„Was hätten wir denn tun sollen?“, brummte der schwarzbärtige Bliss. „Die Yankees hätten uns alle an die Wand gestellt, wenn ...“

„Genug!“, winkte Riordan energisch ab. „Wir dürfen uns nicht verrückt machen lassen. Darauf läuft doch die Sache offensichtlich hinaus. Wir müssen jetzt mehr denn je zusammenhalten und uns endlich zur Gegenwehr aufraffen, wenn wir nicht wollen, dass es uns so geht wie Andrew Kilrone. Longhorn City braucht einen Marshal. Als Bürgermeister steht es mir zu, einen solchen in Notsituationen ohne vorherige Wahl einzusetzen. Shannon, wäre das nicht der richtige Job für Sie? Ich hab’ noch keinen Mann gesehen, der so höllisch fix mit dem Colt ist wie Sie. Ihr junger Freund würde einen prächtigen Deputy abgeben.“

Shannon lächelte freudlos. „Ich hab schon alle möglichen Jobs ausprobiert. Aber ich glaube nicht, dass ich dazu tauge, das Gesetz zu vertreten.“

„Gesetz hin, Gesetz her!“, brummte Westham, der Schmied. „Was wir brauchen, ist ein tüchtiger Revolvermann, Und ich fress ’ne Handvoll rostiger Hufnägel, wenn Sie keiner sind, Shannon.“

„Ich kämpfe nicht für Geld.“

„Schon möglich“, meinte Riordan mit schmalem Lächeln. „Aber Ihr Freund Mr. Layne scheint noch andere Gründe zu haben, trotzdem zu bleiben.“

Jonah zuckte wie ein ertappter Schuljunge zusammen und wurde rot. Shannon waren seine Blicke zur anderen Straßenseite nicht entgangen. Dort stand Nancy neben einer grauhaarigen, gütig aussehenden Frau auf dem Vorbau des Stores. Shannon grinste.

„Ich dachte, du hättest es eilig, nach Little Rock zu kommen, Amigo.“

Jonah grinste zurück und antwortete mit flinker Zeichensprache. Achselzuckend wandte sich Shannon an den Bankier. „Sie haben recht. Irgend etwas scheint ihm an Longhorn City so gut zu gefallen, dass er unbedingt noch ein paar Tage bleiben will. Ich werde nicht darum herumkommen, mich in Mr. Allisters Hotelbuch einzuschreiben ...“

 

*

 

Nancy wusste nicht, was sie geweckt hatte. Bleiches Mondlicht füllte ihr kleines, einfach möbliertes Zimmer im Erdgeschoss von McLeods Haus. Die Vorhänge waren nicht ganz zugezogen. Durch das halboffene Fenster kam der Duft wilder Rosen, die sich draußen an der Hauswand rankten. Es war so still, dass Nancy das Ticken der alten Standuhr im angrenzenden Zimmer hörte. Von jäher, unerklärlicher Unruhe erfasst, stand sie auf, warf den leichten Schlafmantel über und trat ans Fenster.

Das Mondlicht verzauberte den kleinen Garten hinter McLeods Store. Die Obstbäume glichen dunklen schweigenden Wächtern. Eine reglose Reitergestalt verharrte am Zaun. Ein hochgewachsener, schlanker Mann in mondbeglänzter grauer Uniform, deren Knöpfe und Schnallen silbern blinkten. Nancy spürte das heftige Pochen ihres Herzens plötzlich bis in die Kehle. Bevor sie sich ins Zimmer zurückziehen konnte, wandte der Mann am Zaun langsam den Kopf. Es war, als hätte er die Bewegung am Fenster erahnt. Der Mond beleuchtete voll sein ernstes, verschlossenes Gesicht.

Nancy schwankte. Ihre Kniekehlen zitterten. Sie griff sich an die Kehle, wollte schreien, aber nur ein tonloses Flüstern kam über ihre blutleeren Lip pen.

Details

Seiten
120
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783738923452
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2018 (Oktober)
Schlagworte
shannon geisterreiter

Autor

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Titel: JIM SHANNON #13: Shannon und die Geisterreiter