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SALTILLO #13: Der König von New Orleans

©2018 120 Seiten

Zusammenfassung

Layla Sheen musste einst aus New Orleans fliehen, weil man ihr einen Mord in die Schuhe schieben wollte. Dies wurde mittlerweile zu ihren Gunsten geklärt, aber nach wie vor gibt es noch immer Männer, die ihren Tod wollen. Einer von ihnen ist Jean Lafitte, den man auch den König von New Orleans nennt. Jetzt, wo er weiß, dass Layla in Texas lebt, sind Revolvermänner unterwegs, um Layla endgültig aus dem Weg zu räumen.
Mit Hilfe ihres Freundes Saltillo kann das zum Glück verhindert werden. Layla ist jedoch fest entschlossen, nun ein für allemal einen Schlussstrich unter ihre Vergangenheit zu ziehen. Und das ist nur möglich, wenn sie nach New Orleans zurückkehrt, um Lafitte endgültig in seine Schranken zu verweisen.
Ohne Saltillo vorher davon in Kenntnis zu setzen, reist sie nach New Orleans. Und als Saltillo davon erfährt, gibt es für ihn nur noch eins – er muss Layla folgen, um das Schlimmste zu verhindern. Die Entscheidung über Leben und Tod fällt während des Mardi Gras, dem alljährlichen Karneval ...

Leseprobe

Table of Contents

Title Page

Der König von New Orleans

Klappentext:

Roman:

SALTILLO

 

Band 13

 

Der König von New Orleans

 

Ein Western von John F. Beck

 

 

 

IMPRESSUM

 

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© Roman by Author / Cover 2018: Klaus Dill

Redaktion und Korrektorat: Alfred Wallon

© dieser Ausgabe 2018 by Alfred Bekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

Klappentext:

Layla Sheen musste einst aus New Orleans fliehen, weil man ihr einen Mord in die Schuhe schieben wollte. Dies wurde mittlerweile zu ihren Gunsten geklärt, aber nach wie vor gibt es noch immer Männer, die ihren Tod wollen. Einer von ihnen ist Jean Lafitte, den man auch den König von New Orleans nennt. Jetzt, wo er weiß, dass Layla in Texas lebt, sind Revolvermänner unterwegs, um Layla endgültig aus dem Weg zu räumen.

Mit Hilfe ihres Freundes Saltillo kann das zum Glück verhindert werden. Layla ist jedoch fest entschlossen, nun ein für allemal einen Schlussstrich unter ihre Vergangenheit zu ziehen. Und das ist nur möglich, wenn sie nach New Orleans zurückkehrt, um Lafitte endgültig in seine Schranken zu verweisen.

Ohne Saltillo vorher davon in Kenntnis zu setzen, reist sie nach New Orleans. Und als Saltillo davon erfährt, gibt es für ihn nur noch eins – er muss Layla folgen, um das Schlimmste zu verhindern. Die Entscheidung über Leben und Tod fällt während des Mardi Gras, dem alljährlichen Karneval ...

 

 

 

 

Roman:

Mühsam hob Dan Marlow den Kopf. Er lehnte an einem von Büschen umstandenen Felsblock. Der Schmerz grub dunkle Linien in sein Gesicht. Der trübe Blick heftete sich auf den schnurrbärtigen, ledergekleideten Reiter, der sich eben in den Sattel schwang und nun auch Marlows Pferd am Zügel nahm.

»Noch ’ne Viertelstunde, Burke«, keuchte der Verwundete, »dann bin ich wieder fit.«

Der Mann auf dem grobknochigen Pferd musterte ihn kalt. Das kantige Gesicht mit dem blonden Schnurrbart blieb ausdruckslos.

»In ’ner Viertelstunde haben wir Lafittes Killer am Hals. Ich kann drauf verzichten, auf sie zu warten.« Er spuckte aus. »Mach dir nichts vor, Marlow, du schaffst es nicht mehr zum Rio Bravo.«

»Ich hab dir fünfhundert Bucks gegeben, damit du mich zu Layla nach Nuevo Saltillo bringst, Burke. Es war alles Geld, das ich hatte.« Schweißrinnsale glitzerten auf dem fahlen Gesicht des städtisch gekleideten Mannes. Mit der Rechten schob er langsam die zerknitterte Anzugsjacke hinter den Knauf des Revolvers. »Verdammt, Burke, du weißt, was für mich auf dem Spiel steht.«

Die schlanke, ringgeschmückte Hand umschloss den Kolben der Waffe.

Der Schatten des breitkrempigen Hutes verdeckte den kalten Glanz in Jim Burkes Augen.

»Du wirst sterben, Marlow«, erwiderte er achselzuckend. »Ob hier oder in dem Greaserdorf, das spielt doch keine Rolle. Für ’nen ehemaligen Kartenhai hast du dich ziemlich gut gehalten. Pech, dass die Kerle dich gleich beim ersten mal so schlimm erwischt haben. Ich bin nicht scharf drauf, dass es mir ebenso ergeht - auch nicht für lumpige fünfhundert Bucks.«

»Dann geh zum Teufel«, stieß Marlow hervor, »aber lass mir wenigstens den Gaul da.«

»Tut mir leid, Amigo, ich brauch beide Tiere. Zudem, du kannst mit dem Braunen ja doch nichts mehr anfangen.«

Ein hartes Lächeln umspielte Burkes Lippen. Gleichzeitig zog er seinen Falben halb herum. Jetzt erst sah Dan Marlow den Colt, den der Schnurrbärtige schon die ganze Zeit in der Hand hielt.

»Als Spieler solltest du wissen, dass einer nicht ständig gewinnen kann.«

Marlow starrte ihn an. Sekundenlang spiegelte sich alle Verzweiflung in seinem Gesicht. Dann flog sein fünfschüssiger Paterson Colt aus der Halfter. Gleichzeitig schleuderte er sich zur Seite. Es war wie ein letztes Aufbäumen gegen den Tod. Das Krachen von Burkes Waffe füllte Marlows Ohren.

Er prallte hart auf. Steinsplitter spritzten auf ihn.

Jim Burkes breitschultrige, von Pulverdampf umwallte Gestalt erschien wieder in seinem Blickfeld. Wut und Enttäuschung verzerrten Burkes Gesicht. Ehe er erneut feuern konnte, blitzte der Fünfschüsser in Marlows ausgestreckter Hand. Da ließ Burke den Colt fallen, hob eine Hand an die Brust und stürzte aus dem Sattel.

Die Pferde schnaubten und stampften. Erschöpft ließ Marlow den Paterson sinken. Die Wunde war wieder aufgebrochen und blutete. Die Kugel steckte noch im Muskelfleisch. Doch weit und breit gab es keinen Arzt, der sie herausholen konnte. Der Schmerz brannte wie Feuer, die Schwäche kroch wie flüssiges Blei durch seine Adern. Marlow wehrte sich dagegen. Wenn Lafittes Killer die Schüsse gehört hatten, würden sie alles daransetzen, die Jagd zu einem Ende zu bringen.

Marlow biss die Zähne zusammen und stemmte sich hoch. Schweiß brach ihm aus allen Poren, seine Knie zitterten, um ihn drehte sich alles. Er schaffte einen Schritt, noch einen. Dann kam ihm die Erde entgegen. Die Pferde wieherten. Marlow stöhnte und zitterte. Keuchend kroch er auf die Tiere zu.

 

*

 

Marlows heftige Atemzüge füllten die dämmrige Kammer neben der Bodega. Die hübsche, schwarzhaarige Frau tupfte ihm behutsam den Schweiß von der Stirn. Der Tod hatte bereits Marlows Züge gezeichnet.

Ein Wunder, dachte Layla Sheen, dass der Mann so lange ausgehalten hat. Lafittes Revolverschwinger hatten ihn quer durch Louisiana und Texas gehetzt. Dieser Mann, der nun mit zittriger Hand nach ihrem Arm tastete, war nur noch ein Schatten jenes erfolgreichen Spielers, der damals in New Orleans in Laylas Delta Star Palace gearbeitet hatte.

Bilder der Vergangenheit bestürmten die junge Kreolin. Das Flackern in Marlows Augen erinnerte sie an die Schreie und Schüsse jener Nacht, in der auch sie vor Lafittes Revolverhaien fliehen musste.

»Sie werden bald hier sein«, keuchte Marlow. »Verlier keine Zeit, Layla; flieh! Bring dich in Sicherheit.«

»Keine Sorge, Dan.« Die Frau beugte sich lächelnd über ihn. Ihre Hand berührte eine kalte, blasse Wange. »Wir sind hier nicht im Hafenviertel von New Orleans, sondern in Nuevo Saltillo am Rio Bravo. Lafittes Schießer haben hier keine Macht.«

Sie verschwieg jedoch, dass die meisten Mexikaner ahnungslos auf den Feldern arbeiteten, die sich bis zur Grenze von Saltillos Weidegebiet erstreckten. Nur ein paar Frauen, Kinder und alte Männer waren im Dorf - und Alonso, der hagere, einäugige Vaquero von der Hazienda del Saltillo. Er hatte Marlow am Rand der Buschwildnis an der Mündung des Alamo Creek aufgelesen. Er wartete nun im Schankraum. Aus fiebrig glänzenden Augen blickte Marlow zu Layla empor.

»Tilburn ist ihr Anführer«, berichtete er stockend. »Sie haben den Auftrag, niemand am Leben zu lassen, der Lafitte noch irgendwann gefährlich werden kann. Seit Lafitte erfuhr, dass du damals nach Texas entkommen bist, stehst du mit oben auf seiner Strichliste für den Sensenmann. Er beherrscht inzwischen nicht allein das Hafenviertel, sondern alle Saloons und Spielhöhlen bis hinauf zum Bourbon Square. Eine Armee von Kartenhaien, Messer- und Revolverkünstlern, Bankhaltern und Prostituierten hört auf sein Kommando.

Sie nennen ihn den König von New Orleans. Mit Falschspiel, Raub und Mord terrorisieren sie die Stadt. Die Behörden sind machtlos. Ihnen gehen immer nur die kleinen Fische ins Netz. Gegen Lafitte gibt es keine Beweise. Er lässt andere die Dreckarbeit verrichten. Wer ihm lästig fällt, verschwindet plötzlich. Später wird dann die Leiche aus dem Hafenbecken gefischt, und jeder weiß, dass Lafittes Bluthunde wieder zugebissen haben. Jean Lafitte selbst bleibt der King mit der weißen Weste, an den keiner rankommt.«

Marlow verstummte und lauschte erschrocken.

»Da sind sie schon!«, stieß er hervor.

Layla hatte das dumpfe Pochen der Hufe, das die Hütten von Nuevo Saltillo erreichte, ebenfalls wahrgenommen. Doch sie ließ sich nichts anmerken. Marlow hatte es verdient, in Ruhe zu sterben.

»Das sind Männer von der Hazienda«, beschwichtigte sie. »Bleib ruhig liegen, Dan. Gleich wird die alte Juana kommen. Sie versteht von Schussverletzungen mehr als mancher Arzt. Sie wird auch dich wieder in Ordnung bringen.«

Marlow lächelte angestrengt.

»Gib dir keine Mühe, Layla. Ich weiß, wie’s um mich steht. Gerade deshalb hab ich keine Angst mehr. Tilburn und seine Revolverwölfe können mir nun nichts mehr anhaben. Ich wünsche nur, dass auch dieser teuflische König von New Orleans eines Tages seinen Meister findet. Möglichst bevor seine Schießer auch noch Lilly O’Connor und Lon Bennet erledigen. Nur sie sind von Lafittes Gegnern übrig.

Zu dritt versuchten wir den Delta Star gegen ihn zu halten, nachdem du die Stadt hast verlassen müssen. Lilly verlor ihr Midnight House und Lon die Diamond Inn an Lafitte. Doch wir hielten die Stellung und gaben die Hoffnung nicht auf, dass du eines Tages zurückkehren würdest. Erst recht, nachdem voriges Jahr dein Steckbrief plötzlich eingezogen wurde und die Zeitungen berichteten, dass deine Unschuld erwiesen ist.«

Layla schluckte. »Tut mir leid, Dan. Ich hatte hier inzwischen eine neue Heimat gefunden und Lafitte fast schon vergessen.«

»Er dich nicht«, murmelte Marlow mit verlöschender Stimme. »Als er den Delta Star schließlich mit einer gefälschten Besitzurkunde übernahm, mussten auch Lilly, Lon und ich vor seinen bezahlten Mördern flüchten. Wir wurden getrennt. Wer weiß, was aus Lilly und Lon geworden ist. Lafitte wird nicht ruhen, bis auch sie auf der Strecke geblieben sind.«

»Ich werde das verhindern«, erklärte Layla entschlossen. »Ich kehre zurück, Dan. Ich werde Lafitte dahin bringen, wo er längst hingehört - an den Galgen.«

Marlow starrte sie an, aber er hatte nun keine Kraft mehr zum Sprechen. Sein Gesicht verfiel. Er hörte nicht mehr das Wiehern der Pferde von der Bodega. Er bemerkte auch nicht, dass Alonso den Kopf hereinstreckte und »Sie sind da« raunte.

Layla nickte dem Vaquero nur zu. Marlows Rechte lag in ihren Händen, während sie den schwächer werdenden Atemzügen lauschte. Heisere Stimmen und Sporengeklirr drangen durch die Lehmziegelwand, die die Kammer von der Bodega trennte.

Layla blieb kein Fluchtweg mehr. Doch sie harrte bei Marlow aus, bis sein Atem erlosch.

 

 

 

Ed Tilburn hatte schon einmal die Jagd auf Layla angeführt. Er war ein knochiger Bursche, dessen Gesicht sich zu einem hässlichen Grinsen verzog, als Layla die Bodega betrat. Rasch stellte er einen mit Mescal gefüllten Krug auf die Theke zurück.

»Da bist du ja, Schätzchen«, lachte er rau. »Meine Amigos konnten es kaum mehr erwarten, dich wiederzusehen. Du bist eigentlich viel zu hübsch für die Kugel, die der Boss dir zugedacht hat. Schade, Sweetheart, du hättest dich damals nicht mit ’nem Bleigruß verabschieden sollen. Ein Mann wie Lafitte vergisst das nicht.«

Tilburns Kumpane belauerten sie wie Wölfe. Layla kannte sie alle.

Brodock war der Mann mit dem Stiernacken und den Fäusten, die aussahen, als könnte er damit einem Longhornbullen die Hörner abreißen.

Dawson war ein sehniger, falkenäugiger Bursche, der auch auf dem langen Ritt durch das wilde Land auf seinen maßgeschneiderten Prinz Albert-Rock nicht verzichtet hatte. Die Enden eines dünnen Sichelbarts hingen über seine Mundwinkel. Er stand ebenfalls an der Theke.

Brodock hatte die Beine unter einem der runden Tische ausgestreckt. Eine bastumwickelte Flasche und ein halbvolles Glas standen vor ihm. Daneben lag ein schwerer 44er Colt.

Der eher schmächtige, wieseläugige Leary lehnte an der Adobewand neben der Tür. Grinsend zielte er mit dem Revolver auf den hageren Mexikaner, der mit dem Rücken zu ihm an einem Tisch saß.

Alonso, der Vaquero mit der schwarzen Augenklappe, gab sich unbeteiligt. Er blickte weder Layla noch die Lafitteschießer an. Seine Hände ruhten auf der rissigen Holzplatte. Die Colthalfter war leer. Leary hatte ihm das Schießeisen abgenommen. Der Vaquero hatte nicht darauf reagiert. Ein Rauchfaden kräuselte sich vor der Maisstrohzigarette, die in seinem Mundwinkel klebte.

Tilburn und seine Kumpane ahnten nicht, dass er unter Saltillos Vaqueros der Mann mit der schnellsten Colthand war. Sie sahen in ihm einen »lausigen Greaser«, der eine Kugel einfangen würde, wenn er aufmuckte.

Layla erfasste die Szene mit einem Blick. Die vollbusige Kreolin hatte eine fransenverzierte Mantilla umgehängt, die sie mit einer Hand zusammenhielt. Mit der anderen strich sie unbewusst über die kleine, sternförmige Narbe am Haaransatz. Sie war ein Andenken an jene Zeit, da Layla den Delta Star in New Orleans übernommen hatte. Damals hatte sie gelernt, sich durchzusetzen.

Ruhig schloss sie die Tür hinter sich. Mit einem herben Zug um den Mund trat sie dicht vor Ed Tilburn.

Der Vorhang aus bunten Perlenschnüren, der die Tür ersetzte, filterte das grelle Sonnenlicht.

Layla musste den Kopf zurücklegen, um dem großen Anführer der Revolvermänner in das verlebte Gesicht zu blicken.

»Du gehörst auch zu denen, die’s nie lernen, Tilburn. Du hast schon mal zu früh triumphiert - damals im Hafen, erinnerst du dich?«

Tilburns Grinsen schwand jäh. Mit verkniffener Miene packte er die schwarzhaarige Frau am Arm.

»Diesmal läuft es anders, Honey. Du kannst wählen, ob du in diesem stinkenden Greaserkaff begraben werden willst oder mit uns nach New Orleans zurückkehrst. Marlows Pferd steht noch draußen. Er braucht es sicher nicht mehr. Wir nehmen dich mit wie du bist. Was hältst du davon?«

»Viel«, lächelte Layla zur Verblüffung der Revolverschwinger, »wenn ich nicht gerade als Gefangene reiten soll.«

Brodock warf den Kopf zurück und lachte schallend.

»Du wirst dich dran gewöhnen, Herzchen - wie an anderes.«

Er stützte die muskelbepackten Arme auf und musterte die Frau mit glitzernden Augen.

Mit einem Ruck befreite Layla sich aus Tilburns hartem Griff. Der knochige Anführer blieb an der Theke, als sie ihr Frösteln bezwang und langsam auf Brodock zuging. Sie vermied es, einen Blick in Alonsos Richtung zu werfen. Die Blicke der Männer folgten ihr. Keiner konnte sich der Faszination entziehen, die sie ausstrahlte.

Sie blieb vor Brodocks Tisch stehen, den Kopf erhoben, eine Hand auf die Hüfte gestützt. Brodock leckte sich die Lippen und streckte eine behaarte Pranke nach ihr aus.

»Setz dich, Schätzchen, ich lade dich zu ’nem Drink ein.«

Er wollte sie auf seinen Schoß ziehen, aber sie wich geschmeidig aus. Mit einer Handbewegung fegte sie Flasche und Glas vom Tisch.

Brodock fluchte und packte seinen vor ihm liegenden Colt. Doch er vergaß die Waffe, als Layla einen prallen Lederbeutel unter der Mantilla hervorholte und auf den Tisch warf. Beim Aufprall löste sich die Verschnürung. Gebannt starrte der massige Schießer auf die herausrieselnden glitzernden Körnchen, die ein kleines Häufchen neben dem Beutel bildeten.

»Gold!«, keuchte er. Die zitternden Finger krochen wie von eigenem Leben erfüllt darauf zu.

»Gold im Wert von mindestens zehntausend Dollar«, erklärte Layla kalt. »Ich denke, das ändert einiges. Es gehört euch, wenn ihr die Seiten wechselt.«

Verblüfftes Schweigen herrschte.

»Verdammt!«, stieß der sichelbärtige Dawson schließlich hervor. Er stieß sich von der Theke ab und kam sporenklirrend zu Brodocks Tisch.

Auch Tilburn setzte sich in Bewegung. Leary vergaß, dass er eigentlich den einäugigen Mexikaner bewachen sollte. Der Beutel mit dem Goldstaub zog die Männer wie ein Magnet an.

»Das gibt’s doch nicht«, zischte Leary misstrauisch. »Kein Mensch hat jemals Gold am Rio Bravo gefunden. Dieses Biest will uns reinlegen, Leute.«

Brodock rieb ein paar Goldkörnchen wie Sand zwischen seinen Fingern. Dicke Schweißtropfen glänzten auf seiner Stirn.

»Red keinen Unsinn, Mann! Schau’s dir an. Das ist pures Gold, Jungs, wie sie’s drüben in Kalifornien aus der Erde buddeln.«

Brodock traf damit den Nagel auf den Kopf. Saltillo hatte den Goldstaub aus dem Tal des Sacramento River mitgebracht. Er und die Vaqueros hatten sich auf ihre Weise am großen Goldrausch beteiligt, der die Glücksritter und Abenteurer aus aller Welt wie Heuschreckenschwärme anlockte. Sie hatten eine dreitausendköpfige Rinderherde quer durch die Wildnis nach Kalifornien getrieben und dort in den Diggercamps abgesetzt.

Dieser Beutel mit Gold war Laylas Anteil, eine Art Lebensversicherung für den Fall, dass Saltillo etwas zustieß. Außerdem sollte es Laylas Unabhängigkeit sichern. Saltillo wollte, dass sie sich weder von ihm noch der Bodega abhängig fühlte. Layla hatte es zuerst nicht nehmen wollen. Schließlich hatte sie nachgegeben und den Goldstaub in einer Truhe aufbewahrt, ohne Gedanken daran, einmal Gebrauch davon zu machen.

Tilburn, Dawson und Leary standen nun ebenfalls an Brodocks Tisch. Der knochige Anführer fischte ein haselnussgroßes Nugget aus dem Beutel. Prüfend biss er darauf.

»Du hast recht, Brodock. Weiß der Teufel, wo die Puppe das Gold her hat.« Er drehte sich zu Layla um.

Unbemerkt war sie an die Theke zurückgewichen. Der violette Schimmer ihrer Augen wirkte kälter als sonst. Ein entschlossener Zug spannte die vollen Lippen.

Tilburn kannte sie. Er hatte nicht vergessen, dass sie mit einem Revolver mindestens so gut umgehen konnte wie ein Mann. Er senkte die Rechte auf den Coltknauf.

»Du meinst also, Honey, dass du uns kaufen kannst?«

»Zehntausend Dollar in Gold sind ein Revolverlohn, den auch King Lafitte nicht überbietet. Ich verlange dafür nichts weiter, als dass ihr mich sicher zum Delta Star bringt.«

Dawsons Kommentar war ein erneutes heiseres »Verdammt!« Leary blinzelte nervös, und Brodock schnaufte wie ein von der Reata erwischter Bulle. Tilburns Hand umschloss den Coltgriff. Plötzlich grinste er wieder.

»Du bist schon ein gerissenes Biest, Layla-Darling. Doch deine Rechnung hat ’nen klitzekleinen Fehler. Mit dem Rücken zur Wand lassen sich schwerlich große Geschäfte abschließen. Wir werden Lafittes Prämie und dein Gold kassieren. So einfach ist das.«

Mit hartem Grinsen machte er einen Schritt auf sie zu.

»Irrtum«, kam es da schleppend von dort, wo Alonso noch immer mit der Zigarette im Mundwinkel reglos am Tisch verharrte. Die Banditen schenkten dem scheinbar unbewaffneten Mexikaner längst keine Beachtung mehr.

Tilburn stockte. Gleichzeitig mit ihm fuhren auch Brodock, Dawson und Leary herum.

Alonso hatte sich auf seinem Stuhl zurückgelehnt. Der kurzläufige Revolver, den er vor der Ankunft der schießer unter seiner hüftlangen Vaquero jacke verborgen hatte, lag nun in seiner Faust.

Tilburn versuchte es trotzdem, überzeugt, dass kein mexikanischer Kuhtreiber es an Treffsicherheit mit ihm und seinen Kumpanen aufnehmen konnte.

Es war Ed Tilburns letzter Fehler.

Alonso wartete noch, bis die Waffe des sich jäh duckenden Schießers hochkam. Im selben Augenblick, als Tilburn glaubte, dass er es wieder mal geschafft hatte, traf ihn das tödliche Blei.

Pulverrauch umhüllte den noch immer sitzenden Vaquero. Sein dunkles Gesicht blieb ausdruckslos.

Brodock, Dawson und Leary hatten sich ebenfalls geduckt und die Revolver gepackt. In diesem Augenblick vergaßen sie das Gold, ihren Auftraggeber und auch Layla. Mordlust glühte in ihren Augen.

Layla schleuderte die fransenbesetzte Mantilla von sich. Eine doppelläufige Derringer-Pistole lag in ihrer schmalen Hand. Die typische Saloonwaffe war auf kurze Distanz nicht weniger gefährlich als ein schwerkalibriger Colt.

»Lasst die Eisen stecken!«

Laylas Stimme traf die Männer wie ein Peitschenhieb. Doch erst als der hagere Alonso sich schweigend erhob, entspannten sie sich. Mit fahlen Gesichtern blickten sie auf Tilburn.

Alonso überließ Layla die Entscheidung, was mit ihnen geschehen sollte.

»Verschwindet!«, befahl sie. »Versucht es nicht wieder. Ihr wisst nun, dass Lafittes Macht nicht bis zum Rio Bravo reicht.« Sie wies mit einer Kopfbewegung auf Tilburn. »Nehmt ihn mit.«

 

*

 

Vielleicht war es ein Abschied für immer.

Layla zügelte das Pferd auf einer grasbewachsenen Kuppe. Wehmütig blickte sie über das weite, grüne Becken, das im Norden und Westen von der blauen Silhouette der Tierra Vieja Mountains und im Osten von den bewaldeten Höhen der Cuesta del Burro Range begrenzt wurde. In der Mitte leuchteten die weißen Mauern und roten Ziegeldächer von Saltillos Hazienda als einsames Bollwerk in einem kaum besiedelten Land. El Paso, die nächste größere Stadt, lag hundertfünfzig Meilen entfernt weiter oben am Fluss.

Jenseits der Berge begann das Jagdgebiet der Comanchen. Saltillo, Sohn eines irischen Mountain Man und einer Penateka-Squaw, lebte in Frieden mit ihnen. Nach dem Tod der Eltern hatte er viele Jahre unter den Comanchen verbracht.

Dieses Tal bedeutete Layla viel. Hier hatte auch die ehemalige Saloonbesitzerin aus New Orleans eine neue Heimat gefunden. Dazu einen bemerkenswerten Mann: Saltillo.

Eine Flut von Erinnerungen bannte sie. Namen und Bilder erwachten zu neuem Leben. Es kam ihr vor, als wären nicht Jahre, sondern gerade Wochen verstrichen, seit sie nach jenem entscheidenden Gefecht um Saltillos Hazienda dem indianerhaften Kämpfer in die Arme gesunken war. Das ungeduldige Schnauben des Packpferdes holte sie in die Wirklichkeit zurück und erinnerte daran, dass sie nicht allein war.

Sie wandte sich Saltillos grauhaarigem Mayordomo zu. Sein Blick ruhte sorgenvoll auf ihr. Er schwieg, als sie ihm die Zügel des Packpferdes aus der Hand nahm.

»Ich kann nicht länger warten, Ramon«, sagte sie leise. »Saltillo und Buck werden frühestens in vier Tagen, wenn sie die Pferde verkauft haben, aus El Paso zurückkehren. Jeder Tag entscheidet aber womöglich das Schicksal meiner Freunde in New Orleans. Sie haben mir all die Jahre hindurch die Treue gehalten. Begreifen Sie doch, Ramon: Ich bin es Dan Marlow schuldig, dass ich ihnen beistehe.«

»Wie denn?«, wandte Ramon Ruidosa kehlig ein. »Wenn es stimmt, was Marlow berichtete, braucht Lafitte nur zu winken, um eine Armee von Schnüfflern auf Sie anzusetzen. Sie werden allein gegen einen Verbrecher stehen, der mit seinen Pistoleros und Kartenhaien eine ganze Stadt beherrscht.« Bekümmert schüttelte er den Kopf. »Der Patron wird mich zur Verantwortung ziehen, Layla, wenn ich Sie nicht zurückhalte.«

»Ich werde nicht allein sein, wenn ich verhindere, dass Laffites Banditen Lilly O’Connor und Lon Bennet erwischen. Außerdem besitze ich einen Revolver und zehntausend Dollar in Gold. Und ich hab nicht verlernt, mit den Karten und dem Roulettrad umzugehen.« Laylas Augen funkelten. Ein ungewohnt kaltes Lächeln ließ sie dem Verwalter der Hazienda für einen Moment fremd erscheinen. »Ich werde den König von New Orleans - wenn nötig - mit seinen eigenen Waffen schlagen, Ramon. Der Delta Star Palace gehört überdies rechtmäßig noch immer mir. Und die Behörden warten nur auf eine Handhabe gegen Lafitte.«

Sie reichte Ruidosa die Hand,

»Machen Sie sich keine Sorgen, Ramon, ich komme wieder. Vielleicht ist es ganz gut, dass Saltillo und Buck unterwegs sind. Saltillo hat oft genug seinen Kopf für mich riskiert. Er würde sich auch mit King Lafitte anlegen. Doch dieser Kampf geht nur mich und meine Freunde in New Orleans etwas an. Saltillo wird das verstehen.«

Ruidosa seufzte. Er wusste genau, dass es nichts mehr gab, womit er die Frau umstimmen konnte.

»Sagen Sie ihm«, fuhr Layla fort, »dass er mir nicht folgen soll. Ich werde von Galveston aus per Schiff weiterreisen. Er kann mich nicht einholen, bevor ich Lafitte meine Rechnung präsentiere.«

Der Mayordomo räusperte sich. Sein Blick forschte in Laylas Gesicht.

»Ist das alles, was ich ihm bestellen soll?«

Laylas Augen verdunkelten sich. Sie presste einen Moment die Lippen zusammen.

»Alles«, murmelte sie dann. Ein Zittern schwang in ihrer Stimme mit. »Er weiß, dass ich ihn liebe ...«

Sie brach ab. Hastig zog sie das Pferd herum. Ruidosa bemerkte trotzdem noch den feuchten Glanz ihrer Augen.

Da trieb ein Reiter sein Pferd über einen knapp hundert Yard entfernten Hügelkamm. Der wagenradgroße Sombrero baumelte an der Windschnur auf seinem Rücken. Die Silberknöpfe an den Seitennähten einer engen Chivarra-Hose blinkten.

Es war Alonso. Sein hagerer Körper schien mit dem herangaloppierenden Braunen verwachsen. Die Halfter mit dem schweren Whitneyville Walker Colt war mit einer zusätzlichen Lederschnur am Oberschenkel befestigt. Ein zweiter kurzläufiger Revolver steckte vorn im Hosenbund.

Der Schaum vor den Nüstern des Wallachs verriet, wie hart der Vaquero geritten war. Ihm selbst war keine Anstrengung anzumerken. Mit keiner Regung zeigte er sich von Laylas beabsichtigtem Aufbruch überrascht.

»Sie haben Tilburn begraben, denken aber allem Anschein nach nicht daran, unverrichteter Dinge nach New Orleans zurückzukehren. Ich bin ihrer Fährte in die Berge gefolgt. Vielleicht liegen sie jetzt schon irgendwo da drüben auf der Lauer und beobachten uns.«

Ruidosa blickte die schwarzhaarige Kreolin erwartungsvoll an. Layla schüttelte jedoch den Kopf. Ihre rechte Hand lag am Kolben des Sechsschüssers, der in einer Halfter an ihrem Sattel steckte.

»An meinem Entschluss ändert das nichts. Ramon, einer der Männer muss sich um die Bodega in Nuevo kümmern. Adios, Amigos.«

Ein letztes Zögern, dann stampften die Hufe des Falben und des Packpferdes in die Richtung davon, aus der Alonso eben gekommen war. Layla blickte nicht mehr zurück.

Es dauerte nicht lange, bis Alonso sein Pferd neben sie lenkte. Der hagere Mexikaner, der wenig sprach und selten lächelte, reagierte mit einem sparsamen Grinsen auf Laylas Stirnrunzeln.

»Ich wollte schon immer mal New Orleans kennenlernen. Deshalb hab ich eben meinen Job gekündigt und reite mit.«

 

*

 

Buck Mercer, genannt Tortilla-Buck, klemmte das Monstrum einer Zigarre zwischen die Zähne und riss an der Adobemauer der verfallenen Hütte ein Streichholz an.

Das Peitschen eines Schusses aus der mondhellen Nacht konnte ihn ebensowenig stören wie die quer durch den dunklen Raum spritzenden Lehm- und Mörtelbrocken.

Die beiden Pferde in der Hüttenecke schnaubten.

Buck paffte ungerührt. Unter halb gesenkten Lidern blickte er auf die im Mondlicht über den Felsen vor der Hütte zerflatternde Pulverrauchfahne.

»Hätt mich auch gewundert, wenn den Kerlen bereits der Appetit auf die Moneten vergangen wäre«, brummte er. »Was meinst du, Amigo, wie viele es sind?«

»Genug, um uns eine schlaflose Nacht zu bereiten«, erwiderte Saltillo genauso gelassen, Er kauerte neben der im Gemäuer klaffenden Türöffnung. Die hereinsickernde Helligkeit reichte gerade aus, die richtige Pulvermenge für die leergeschossenen Kammern des 44er Colts abzumessen.

»Wenn’s weiter nichts ist.« Grinsend griff Buck nach der Flasche, die neben ihm stand. Er entkorkte sie mit den Zähnen und genehmigte sich einen kräftigen Schluck. »Ich hab’s nicht eilig, von hier wegzukommen, solange der Vorrat an Zigarren und Tequila reicht. Willst du ’nen Schluck?«

Er hielt derm Freund die Flasche hin. Ein Mondstrahl, der sich durch das scheibenlose Fenster verirrte, brach sich auf dem Glas. Sofort krachte es drüben bei den weißen Felsen. Der bullige Kentuckier mit der blonden Zottelmähne fluchte heftig, als er plötzlich den gezackten Flaschenhals in den Fingern hielt. Er lehnte mit dem Rücken an der Wand. Scherben bedeckten nun seine ausgestreckten Beine. Die Hose war klatschnass.

»Diese Hundesöhne schrecken aber auch vor gar nichts zurück.«

»He, Gringos!«, schallte es durch die Senke. »Werft die Satteltaschen mit dem Geld raus, das ihr in El Paso für die Pferdeherde kassiert habt. Dann könnt ihr auf eure Klepper steigen und verschwinden, Compadres.«

»Der Teufel ist dein Compadre!«, schrie Buck. »Wenn ihr so versessen auf die Bucks seid, müsst ihr euch schon ein bisschen was einfallen lassen, ihr stinkenden Paviane.«

Ein wütender Bleihagel aus mindestens einem halben Dutzend Revolvern und Gewehren ließ die verfallene Hütte in allen Fugen erbeben.

Doch Buck grinste nur. Er hatte vorgesorgt. Während ein ohrenbetäubendes Krachen und Splittern die mit Felsen und Kakteen durchsetzte Senke erfüllte, zog er eine zweite, noch volle Flasche aus der ausgebeulten Jackentasche.

»Tequila in der Not hilft gegen Pest und Tod«, lachte er mit blitzenden Zähnen, ohne dabei die Zigarre aus dem Mund zu nehmen.

Zu Saltillos Verwunderung stellte er die Flasche jedoch plötzlich ab. Vorsichtig, damit die Bewegung draußen nicht entdeckt wurde, schob er den Lauf seiner Harpers Ferry Rifle in die Fensterluke.

»Pass auf, da drüben in der Rinne zwischen den Steinen kommt einer, Amigo. Jetzt liegt er neben dem Chollakaktus und stellt sich tot. Na warte, Bürschchen ...«

Wieder blitzte und krachte es an verschiedenen Stellen. Mondlicht tränkte die Pulverdampfschleier, die sich aus dem Schatten hoben. Die Stimme meldete sich erneut:

»Wir haben noch ’ne Menge Blei, ihr verdammten Gringos, das ihr schließlich bezahlen werdet.«

»Der Bastard will uns bloß ablenken«, knurrte Tortilla-Buck. »Halt die Augen offen, Amigo. Da kriecht der Kerl in der Rinne tatsächlich schon weiter. Wie nah will er denn noch an die Hütte ran? Tut mir leid, Freundchen, jetzt bist du fällig...«

»Schieß nicht, Buck!«, unterbrach Saltillo, als Bucks bläulich schimmernder Gewehrlauf sich ein paar Zoll nach rechts bewegte. Bucks Finger krümmte sich bereits am Abzug.

»Das ist kein Bandolero.«

Der große, ganz in abgewetztes Antilopenleder gekleidete Haziendero richtete sich neben dem von Kugeleinschlägen gezeichneten Eingang geschmeidig auf. Aus funkelnden Augen spähte er zu der Gestalt zwischen den mondbeschienenen Steinen.

Der Mann hatte das Ende der schmalen, von einem lange zurückliegenden Wolkenbruch ausgewaschenen Rinne erreicht. Der bizarre Schatten eines Kaktus fiel auf ihn. Vor ihm lag deckungslose Fläche.

»Das ist Antonio«, stieß Saltillo hervor.

Bucks Schädel ruckte herum.

»Einer von uns beiden, schätze ich, hat zu tief in die Flasche geguckt«, schnaufte er. »Und ich kann mich nicht erinnern, dass ich’s gewesen bin.«

Antonio mit der Gitarre war Saltillos jüngster Vaquero. Kaum jemals war er ohne sein geliebtes Instrument anzutreffen. Buck starrte seinen Freund an, als zweifelte er an seinem Verstand. Immerhin lag diese verfallene Hütte, in der sie vor den plötzlich aus dem Hinterhalt auf sie feuernden Bandoleros Zuflucht gefunden hatten, über hundert Meilen von Saltillos Weidegrenze entfernt. Bucks Meinung nach hätte Saltillo ebensogut behaupten können, dass dort draußen der Gouverneur von Texas zwischen den Steinen nach Veilchen suchte.

Zwei Sekunden später traute Tortilla-Buck seinen Augen nicht: Der vermeintliche Bandit, auf den noch immer die Mündung seiner Harpers Ferry deutete, hob vorsichtig den Kopf und winkte kurz. Die Geste sollte bedeuten, dass er ohne Feuerschutz aus der Ruine keinen Yard mehr vorankam.

Bucks Kinnlade klappte herab. Ehe er jedoch einen Ton herausbrachte, gellte zwischen den Felsen ein heiserer Alarmschrei.

Die Bandoleros hatten entdeckt, dass es plötzlich einen Mann zuviel in ihren Reihen gab. Im selben Moment begann Saltillos Whitneyville Walker-Colt zu dröhnen.

»Lauf, Antonio!«

Eine schmale, drahtige Gestalt schnellte aus der Rinne. Der junge Mexikaner war barfuß. Seine weiten Hemdsärmel flatterten. Die aus Rohleder gefertigte Hose umschloss seine Beine wie eine zweite Haut.

»Ich werde verrückt«, krächzte Tortilla-Buck. Er biss vor Aufregung fast die dicke Zigarre durch. »Nicht mal jetzt kann sich dieser Teufelsbraten von seiner Gitarre trennen.«

Antonio hatte es tatsächlich nicht über sich gebracht, das Instrument am Sattel seines Pferdes zurückzulassen. Sie hing an einem bestickten Riemen an seiner Seite. Er hielt sie mit einer Hand fest, während er über die mondhelle Fläche auf die Hütte zurannte.

Mit der anderen Hand umklammerte er einen Revolver. Ein Bandit mit einem Gewehr tauchte zwischen den Felsen hinter ihm auf. Doch das Blei aus Saltillos Sechsschüsser trieb ihn rasch wieder in die Deckung.

Dann mischte auch Bucks »Betsy«, die langläufige Harpers Ferry-Rifle mit. Buck sprang auf und vertauschte hastig das leergefeuerte einschüssige Gewehr mit dem 44er. Zehn Sekunden lang krachte und flammte es, als wäre ein Vulkan in der Senke ausgebrochen. Blei umschwirrte den jungen Vaquero. Doch die Banditen hinter den Felsen und Kakteen erwiesen sich nicht gerade als Meisterschützen.

Saltillo jagte mit starrer Miene die letzte Kugel aus seinem Whitneyville Walker, als Antonio fünf Schritte vor der Tür hinschlug. Staub quoll auf. Der junge Mexikaner verlor zwar den Revolver, schaffte es jedoch, sich im Sturz so zu drehen, dass die Gitarre unbeschädigt blieb. Wuchtige Kugeleinschläge schleuderten Sandfontänen neben ihm in die Höhe.

»Schieß, Buck!«, schrie Saltillo. Er stieß den leergehämmerten Colt in die Halfter am Büffelledergurt und sprang hinaus.

Krampfhaft presste Antonio die Gitarre an sich. Saltillo duckte sich unter den heranfauchenden Geschossen und riss ihn hoch.

»Verletzt?«

Der Junge war so außer Atem, dass er nur den Kopf schütteln konnte. Er stolperte, als Saltillo ihn zur Tür zerrte. Schweißverklebte Strähnen hingen ihm in die Stirn. Drinnen taumelte er gegen die rissige Adobewand. Nach Atem ringend sank er an ihr nieder.

 

*

 

Das Dröhnen der Schüsse war verhallt. Nur mehr das Schnauben und Stampfen der Pferde füllte die Dunkelheit. Der Geruch von verbranntem Schießpulver hatte sich zwischen den kahlen Mauern festgesetzt. Buck hielt dem erschöpft an der Wand kauernden Jungen die entkorkte Flasche an den Mund. '

»Trink, Amigo. Diese Medizin treibt sogar ’nen toten Comanchen wieder aufs Pferd.«

Antonio schluckte zweimal. Dann begann er zu würgen und zu husten, bis ihm die Tränen in die Augen stiegen. Buck bequemte sich erst jetzt dazu, die qualmende Zigarre aus dem Mund zu nehmen, aber nur, um sich selbst die scharfe Flüssigkeit in die Kehle zu gießen.

»Wenn du erst auf den Geschmack gekommen bist, Amigo, kannst du gar nicht genug davon kriegen.« Er schnalzte genießerisch mit der Zunge. »Well, wo stecken die anderen?«

»Welche anderen?«, keuchte Antonio.

Buck grinste.

»Na jene, die uns hier raushauen wollen. Du willst uns doch nicht erzählen, dass du allein bist.«

»Ruidosa schickt mich. Er hat mir aufgetragen, wie der Teufel zu reiten, damit der Patron rechtzeitig erfährt ...«

Er schluckte. Sein flackernder Blick suchte Saltillos große, sehnige Gestalt, die wie ein Schatten neben dem Eingang verharrte. Der Haziendero hatte die leergeschossene Colttrommel ausgewechselt. Wachsam beobachtete er den felsbedeckten Senkenhang. Jetzt wandte er den Kopf.

»Was soll ich erfahren?«

Antonio wischte sich mit dem Ärmel den Schweiß vom Gesicht.

»Die Senorita«, begann er stockend, »sie hat die Hazienda verlassen. Sie will nach New Orleans. Alonso begleitet sie.«

Tortilla-Buck rutschte die eben erst angebrochene Flasche aus der Hand. Der Kentuckier reagierte jedoch nicht auf das Gluckern der auslaufenden Flüssigkeit. Sein Blick war fassungslos.

Saltillo starrte den jungen Mexikaner ebenfalls ungläubig an. Drüben bei den Felsen blitzte es wieder. Eine Kugel meißelte Splitter von der Türkante.

»Auch zu dritt habt ihr keine Chance!«, gellte die wütende Stimme des Anführers der Bandoleros. »Keiner von euch wird diesen verdammten Bau lebend verlassen. Bevor die Sonne aufgeht, haben wir Geld und Skalpe.«

Buck hätte sich bei anderer Gelegenheit eine bissige Erwiderung gewiss nicht entgehen lassen. Jetzt prallte die Drohung des Banditen an ihm ebenso ab wie an seinem Freund. Auch das Schnappen der Gewehrschlösser, das die nun lastende Stille durchbrach, berührte sie nicht. Plötzlich bewegte sich Saltillo. Mit drei langen, gleitenden Schritten war er bei Antonio. Seine Hände schnappten zu. Er zog den jungen Vaquero auf die Beine.

»Weshalb?«, war alles, was er hervorstieß. Als er das Flackern in Antonios Augen erkannte, ließ er ihn los.

Der Junge berichtete, was er wusste und Saltillos Mayordomo ihm aufgetragen hatte. Er war zwanzig Stunden ununterbrochen im Sattel. Er hatte außer einem Reservepferd für sich selbst die zwei schnellsten Renner der Hazienda für Saltillo und Tortilla-Buck mitgebracht. Die Tiere standen auf einer von Mesquites umschlossenen Lichtung dreihundert Yard von der Senke entfernt. Das Krachen der Schüsse hatte Antonio die Richtung gewiesen. Er wäre sonst, ohne etwas von der Hütte zu bemerken, auf dem Weg nach El Paso weitergeritten.

Mit steinerner Miene hörte Saltillo ihm zu. Nur die rauchgrauen Augen funkelten.

Als Antonio schwieg, verstrichen mehrere Sekunden, bis Saltillo sich erneut bewegte. Er legte dem Jungen die Hand auf die Schulter.

»Gracias, Amigo. Ich werde nicht vergessen, was du riskiert hast, diese Botschaft zu überbringen.«

Seine Stimme wirkte so ruhig wie zuvor. Nur Buck hörte das unmerkliche Vibrieren heraus. Er folgte ihm zu den Pferden, die sich in der hintersten Ecke zusammendrängten. Saltillos Bewegungen waren ruhig und entschlossen. Buck blieb hinter ihm stehen, als Saltillo den Sattelgurt straffte.

»Es ist also soweit. Du willst nicht länger warten, wie?«

Details

Seiten
120
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783738923445
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2018 (Oktober)
Schlagworte
saltillo könig orleans
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Titel: SALTILLO #13: Der König von New Orleans