Lade Inhalt...

Ein Urlaub in Tunesien (Tödliches Wissen #2)

2018 120 Seiten

Zusammenfassung

Silvia König wird, vermutlich auf dem Flughafen Monastir, der Reisepass gestohlen. Damit fängt ihr ersehnter Urlaub völlig anders als erwartet an. Doch sie ist zuversichtlich; kann es doch von jetzt an nur noch besser werden. Wie sehr sie sich in diesem Punkt irren sollte, hätte sie sich in ihren schlimmsten Albträumen nicht vorstellen können…
Und in Deutschland glaubt man bei der Vielzahl durch einen Goldenen Schuss „verstorbenen“ Personen längst nicht mehr an einen Zufall. Doch damit stellt sich die Frage nach den Hintergründen. Die Polizei steht vor einem Rätsel und ermittelt auf Hochtouren. Sie bekommt zahlreiche Hinweise. Ist da eine heiße Spur bei, die sie der Lösung einen Schritt näher bringt? Die Zeit drängt, denn man befürchtet weitere Tote, die sich „freiwillig“ den Goldenen Schuss geben.

Dieses ist der zweite von insgesamt fünf Bänden und damit die Fortsetzung vom ersten Band – Der Goldene Schuss.

Leseprobe

Table of Contents

Tödliches Wissen Band 2 – Ein Urlaub in Tunesien

Klappentext:

Roman:

Tödliches Wissen Band 2 – Ein Urlaub in Tunesien

 

Corinna Kosche

 

 

Krimi in 5 Bänden; Band 2

 

 

 

IMPRESSUM

 

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© Roman by Author

© Cover: Pixabay mit Kathrin Peschel, 2018

Korrektorat und Redaktion: Kerstin Peschel

Früherer Titel: Gefährliches Wissen

© dieser Ausgabe 2018 by Alfred Bekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

 

Klappentext:

 

Silvia König wird, vermutlich auf dem Flughafen Monastir, der Reisepass gestohlen. Damit fängt ihr ersehnter Urlaub völlig anders als erwartet an. Doch sie ist zuversichtlich; kann es doch von jetzt an nur noch besser werden. Wie sehr sie sich in diesem Punkt irren sollte, hätte sie sich in ihren schlimmsten Albträumen nicht vorstellen können …

Und in Deutschland glaubt man bei der Vielzahl durch einen Goldenen Schuss „verstorbenen“ Personen längst nicht mehr an einen Zufall. Doch damit stellt sich die Frage nach den Hintergründen. Die Polizei steht vor einem Rätsel und ermittelt auf Hochtouren. Sie bekommt zahlreiche Hinweise. Ist da eine heiße Spur bei, die sie der Lösung einen Schritt näher bringt? Die Zeit drängt, denn man befürchtet weitere Tote, die sich „freiwillig“ den Goldenen Schuss geben.

 

Dieses ist der zweite von insgesamt fünf Bänden und damit die Fortsetzung vom ersten Band – Der Goldene Schuss.

 

 

Roman:

 

 

Tunesien, 1997

 

… Für einen kurzen Augenblick kam Silvia König der wahnwitzige Gedanke, dass Thomas Herden selbst ihren Pass gestohlen haben könnte, als er ihr mitten im Gewühl den Koffer aus der Hand genommen hatte. Was wusste sie denn schon im Grunde genommen von ihm. Doch eigentlich überhaupt nichts! Und war es nicht ein seltsamer Zufall, dass sie im selben Flugzeug nebeneinander saßen und dann auch noch beide einen dreiwöchigen Urlaub im selben Hotel verbrachten?

Silvia König schüttelte abermals den Kopf. Nein, das konnte einfach nicht wahr sein, denn es würde ja gleichzeitig bedeuten, dass man sie absichtlich in den Urlaub geschickt hatte. Und ihr Chef konnte doch unmöglich etwas mit ihrem verschwundenen Pass zu tun haben.

Nach kurzem Zögern beschloss sie, solch dumme Gedanken nie wieder aufkommen zu lassen. Das war doch einfach lächerlich! Wie konnte sie zwei so nette Menschen derart verdächtigen. Sie war im Moment bloß etwas mit den Nerven runter, da konnte man schon mal auf so einen Blödsinn kommen. Nein, sie machte eindeutig aus einer Mücke einen Elefanten.

Irgendwelche Gauner hatten ihr wahrscheinlich den Pass gestohlen. Nach Aussagen des Portiers war das nicht weiter schlimm und ihre Reiseleiterin würde bestimmt auch bald kommen. Die würde dann schon alles Nötige in die Wege leiten. Trotzdem, ein komisches Gefühl blieb zurück. Sie ahnte irgendwie, dass dies noch lange nicht die letzte Überraschung sein würde.

Wie sehr sie doch Recht behalten sollte …

 

*

 

Silvia König fühlte sich hundeelend, ihr Reisepass war verschwunden. Lockerheit und Zuversicht waren im Moment Fremdwörter für sie.

Auch Thomas Herden wirkte angespannt.

Für einen kurzen Augenblick kam ihr der wahnwitzige Gedanke, dass er selbst ihren Pass gestohlen haben könnte, als er ihr mitten im Gewühl des Flughafens den Koffer aus der Hand genommen hatte. Was wusste sie denn schon im Grunde genommen von ihm. Doch eigentlich überhaupt nichts! Und war es nicht ein seltsamer Zufall, dass sie im selben Flugzeug nebeneinander saßen und dann auch noch beide einen dreiwöchigen Urlaub im selben Hotel verbrachten?

Silvia König schüttelte abermals den Kopf. Nein, das konnte einfach nicht wahr sein, denn es würde ja gleichzeitig bedeuten, dass man sie absichtlich in den Urlaub geschickt hatte. Und ihr Chef konnte doch unmöglich etwas mit ihrem verschwundenen Pass zu tun haben.

Nach kurzem Zögern beschloss sie, solch dumme Gedanken nie wieder aufkommen zu lassen. Das war doch einfach lächerlich! Wie konnte sie zwei so nette Menschen derart verdächtigen. Sie war im Moment bloß etwas mit den Nerven runter, da konnte man schon mal auf so einen Blödsinn kommen. Nein, sie machte eindeutig aus einer Mücke einen Elefanten.

Irgendwelche Gauner hatten ihr wahrscheinlich den Pass gestohlen. Nach Aussagen des Portiers war das nicht weiter schlimm und ihre Reiseleiterin würde bestimmt auch bald kommen. Die würde dann schon alles Nötige in die Wege leiten. Trotzdem, ein komisches Gefühl blieb zurück. Sie ahnte irgendwie, dass dies noch lange nicht die letzte Überraschung sein würde.

Eine Weile hatten Silvia König und Thomas Herden noch planlos in der Hotelhalle gesessen.

Ganz in der Nähe wartete ungeduldig ein tunesischer Junge darauf, endlich die Koffer nehmen und die beiden Gäste auf ihr Zimmer bringen zu können. Für seinen Geschmack viel zu spät meinte Thomas Herden irgendwann:

„Komm Silvia, erlösen wir unseren Gepäckträger und ziehen uns zurück. Aber nicht lange, nur um uns frisch zu machen und die Koffer auszupacken. In einer halben Stunde möchte ich dich am Swimmingpool sehen. Dann zeige ich dir die Gegend. Das wird dich bestimmt ein bisschen ablenken.“

Silvia König nickte nur kurz. Sie war nicht gerade guter Laune, mochte Thomas Herdens Angebot, ihr die Gegend zu zeigen, aber auch nicht ablehnen. Er hatte ja recht. Es war nur so, dass sie sich ihren Urlaubsanfang irgendwie schöner vorgestellt hatte.

Als sie endlich in ihrem Bungalow angekommen war, packte sie erst mal ihre Sachen aus, ging anschließend duschen und machte sich daraufhin Gedanken darüber, welchen Bikini sie denn jetzt nun eigentlich anziehen sollte. Sie wollte besonders für Thomas Herden schön sein.

Silvia König entschied sich nach einiger Überlegung für den dunkelblauen, der ihr ihres Erachtens am besten stand. Dazu warf sie sich ein saloppes weißes T-Shirt über und schlüpfte in dazu passende Sandalen.

Danach machte sie sich, immer noch geschockt über ihren gestohlenen Reisepass, auf den Weg. Dieser führte sie durch einen wunderschön angelegten Garten mit viel Palmen und blühenden Sträuchern.

Doch diese Schönheit fiel ihr im Moment nicht besonders auf. Sie war einfach noch zu sehr mit ihren Problemen beschäftigt. Hoffentlich gelang es Thomas Herden wirklich, sie ein wenig abzulenken.

Dies war dann auch tatsächlich der Fall, und das allein durch den Anblick, der sich ihr bot, als sie ihn am Swimmingpool entdeckte. Er trug eine schwarzweiß gemusterte Badehose, die ziemlich knapp saß. Ein buntes Strandtuch hing über seiner linken Schulter.

Für einen kurzen Augenblick blieb Silvia König die Luft weg. Sie verfluchte den Umstand, dass er so unverschämt gut aussah. Das würde es ihr schwer machen, standhaft zu bleiben. Sie wollte keinen dreiwöchigen Urlaubsflirt. Sie wollte mehr von ihm. Aber das würde nie der Fall sein. Oder vielleicht doch? Sie müsste irgendwie unauffällig herausfinden, wo er in Deutschland lebte. Wenn sein Heimatort nicht allzu weit weg von ihrem lag und er außerdem keine feste Bindung hatte, würde sie sich das alles vielleicht noch einmal überlegen.

Ziemlich verunsichert begrüßte sie ihn.

„Hallo Thomas.“

„Hallo Silvia. Mensch, du siehst ja immer noch so geknickt aus. Komm, lass uns an den Strand gehen. Vielleicht geht es dir dort ein bisschen besser.“

Sie hatte zwar überhaupt keine Lust, wollte andererseits aber auch nicht, dass Thomas Herden sich wieder vorschnell von ihr zurückzog, weil er sie vielleicht für zickig und theatralisch halten könnte. Außerdem taten ihr seine aufmunternden Worte und Versuche, sie abzulenken, wenn sie genau darüber nachdachte, doch eigentlich auch ganz gut. Also gab sie sich innerlich einen Ruck und folgte ihm.

Als sie schließlich mit ihm zusammen am Wasser stand, war sie ihm für seine Hartnäckigkeit dankbar. Ihre schlechte Laune legte sich tatsächlich ein wenig. Sie blickte auf das Meer und entdeckte einige Schwimmer, die sich in den seichten Wellen treiben ließen. Dazwischen versuchten ein paar Surfer ihr Glück und hier und da konnte sie Tretboote entdecken. Aber auch sonst herrschte hier reges Treiben. Ein Stück weiter befand sich der Start- und Landeplatz für Gleitschirmflieger. Ein Stück außerhalb der Schwimmzone dümpelte im Moment ein kleines Motorboot, das durch eine lange Leine mit diesem Schirm verbunden war. Silvia König blieb kurz ehrfürchtig stehen und betrachtete die Startvorbereitungen eines mutigen Touristen. Es dauerte gar nicht lange, da legte das Motorboot auf einmal los, die Leine straffte sich und der Tourist ging, ehe er sich versah, in die Luft.

Sie schüttelte sich unwillkürlich.

„Interessierst du dich fürs Gleitschirmfliegen Silvia?“

„Was soll ich denn noch alles machen? Ein Kamelritt reicht dir wohl nicht was? Jetzt soll ich auch noch mit so einem Ding abheben? Ich werde mich hüten!“ Auf keinen Fall wollte sie ihren Schutzengel mit so einer Aktion herausfordern.

„Hab’ ich alles selbst schon gemacht. Ist ein einmaliges Erlebnis da oben, glaub’ mir. Vielleicht kann ich dich ja doch noch überreden.“

Silvia König schüttelte energisch Kopf. Sie würde sich in diesem Fall zu wehren wissen. Allerdings konnte sie nichts dagegen unternehmen, als er sie auf einmal an die Hand nahm und sie mit sich zog. Es machte sie so nervös, dass sie um ein Haar nicht bemerkt hätte, wie schön weich und warm der Sand unter ihren Füßen war. Sie hatte die Sandalen inzwischen ausgezogen und schlenkerte sie jetzt in ihrer linken Hand hin und her.

Um sich ein wenig von Thomas Herdens Nähe abzulenken, sah sie nach einigen Metern noch einmal aufs Meer hinaus. Sie waren im Moment an einem etwas einsameren Strandabschnitt und in der Richtung, die Thomas Herden eingeschlagen hatte, waren immer weniger Leute zu sehen.

Nach ungefähr fünf Minuten ließ er sich an einem breiten Stück Strand einfach mitten in den Sand fallen.

In einiger Entfernung sah Jutta Steinert vor sich das Meer, hinter ihr im Rücken lag eine Villa, die von einer schneeweißen Mauer umgeben war. Sie sah ein paar Touristen durch die Brandung laufen, der Strand selbst war hier menschenleer.

Thomas Herden lag lang ausgestreckt im Sand, das Strandtuch benutzte er als Kopfkissen. Er blinzelte in die Sonne und seufzte zufrieden.

„Ach, mein Gott, es ist so friedlich hier, findest du nicht auch?“

Silvia König kam nicht umhin, zustimmend zu nicken. Sie hatte, trotz all ihrer Sorgen, den gleichen Eindruck.

„Immer, wenn ich hier sitze, du musst wissen, dies ist in den letzten Jahren mein Stammplatz gewesen, habe ich das Gefühl, von Deutschland meilenweit weg zu sein. Es ist, als ob ich all meine Sorgen und Probleme in Monastir abgegeben habe. Wenn ich in drei Wochen wieder zurückfliege, hole ich sie mir am Flugschalter wieder ab.

Silvia König lachte bitter und meinte:

„Meine Probleme fingen leider erst auf dem Flughafen in Monastir an.“

„Da hast du natürlich recht. Komm, versuch’ doch einfach, dich ein bisschen zu entspannen. Genieße diese Stille hier und freu’ dich auf die nächsten drei Wochen. Du wirst begeistert sein, das verspreche ich dir hoch und heilig.“

Fest entschlossen, Thomas Herdens Ablenkungsmanöver ein wenig zu unterstützen, legte sie sich nun neben ihn ebenfalls in den Sand. Bis jetzt hatte sie nämlich nur total verkrampft neben ihm gesessen. Während sie in den wolkenlosen blauen Himmel starrte, fragte sie, wie nebenbei:

„Sag mal, wo wohnst du eigentlich in Deutschland? Erzähl’ mir mal ein bisschen von dir.“

„Da gibt’s nicht viel zu erzählen. Ich bin dreiunddreißig Jahre alt, Junggeselle, was heißen soll, dass mir die große Liebe noch nicht über den Weg gelaufen ist, und außerdem bin ich in Brilon, also im Sauerland zu Hause.“

Silvia König stockte schon wieder der Atem. Das war ja ganz in ihrer Nähe! Und unverheiratet war er auch noch! Jetzt durfte sie sich bloß nichts anmerken lassen. Er durfte auf keinen Fall erraten, wie sehr er sie durcheinanderbringen konnte.

„Reicht das, oder möchtest du noch mehr von mir wissen?“, fragte Thomas Herden und grinste von einem Ohr zum anderen.

Sie fühlte sich ertappt. Bestimmt hatte er sie doch längst durchschaut. Fieberhaft suchte sie nach einer lustigen Ausrede und glaubte nach einigem Überlegen auch eine gefunden zu haben: „Meine Mutter sagte immer, ich solle nie mit fremden Männern mitgehen. Wenn ich dich jetzt nicht ausgehorcht hätte, würde ich Gefahr laufen, dass sich meine Mutter im Grabe umdrehen würde.“

Thomas Herden lachte leise auf, sagte aber nichts.

Für eine Weile schwiegen sie beide wieder. Dann drehte er sich auf einmal zu ihr herum, sah ihr tief in die Augen und meinte: „Weißt du was Silvia, ich glaube das wird wirklich ein toller Urlaub.“

Silvia König erschrak fürchterlich. Er musste jetzt in ihren Augen lesen können, wie in einem Buch. Sie war sich ziemlich sicher, dass er ihre Gefühle für ihn bereits bemerkt hatte.

Oh Gott, jetzt sah es auch noch ganz so aus, als wenn er sie gleich küssen würde. Sie schloss einen Moment die Augen, weil sie einfach nicht ruhig bleiben konnte, wenn sein Gesicht so nah an ihrem war. Während sie noch überlegte, ob sie sich wohl gegen seinen Kuss wehren sollte, anstandshalber natürlich, spürte sie auf einmal, wie sein Finger zärtlich über ihre Nase strich. Im nächsten Augenblick sprang er auf.

Irritiert schlug sie die Augen auf, unfähig, sich zu bewegen. Ihr Gesicht war ein einziges Fragezeichen. Sie sah, wie er lächelte. Oh Gott, sie hatte sich abgrundtief blamiert! Er machte sich ganz offensichtlich lustig über sie und ihre Gefühle zu ihm. Dass sah sie ihm an der Nasenspitze an. Als wenn er sie auch noch zusätzlich ärgern wollte, sagte er jetzt auch noch:

„Komm, lass uns zurück an den Pool gehen. Ich möchte noch ein paar Runden schwimmen.“

Enttäuscht stand sie ebenfalls auf und folgte ihm. Er war schon ein Stück vorgelaufen, ganz so, als wenn er es gar nicht abwarten könnte, dieses einsame Stück Strand zu verlassen.

Auf dem Rückweg herrschte eisige Stille. Der Zauber des Augenblicks war wie weggeblasen. Er hatte ihn mit voller Absicht zerstört. In was für einen gemeinen Kerl hatte sie sich da eigentlich verknallt?

Am Pool angekommen, setzte er sich erst wie selbstverständlich neben sie. Doch Stimmung wollte nicht mehr aufkommen. Beide versuchten, sich so normal wie nur möglich zu verhalten, sich nichts anmerken zu lassen, aber es klappte nicht. Eben am Strand war etwas geschehen, was sie beide nicht mehr rückgängig machen konnten. Sie hatte sich unbegründete Hoffnungen gemacht und er suchte nur eine nette Urlaubsbekanntschaft, sonst gar nichts. Das war ja wohl offensichtlich.

„Ich schwimme noch ein bisschen, kommst du mit Silvia?“

Sie schüttelte nur den Kopf. Sie war wütend, am meisten auf sich selbst.

Nachdem sie ein paar Minuten vor Selbstmitleid zerfloss, hörte sie ihren Namen über Lautsprecher:

„Frau Silvia König, kommen Sie bitte zur Rezeption, Frau Silvia König bitte!“

Was hatte das denn nun schon wieder zu bedeuten? War ihr Pass etwa gefunden worden?

Eilig sprang sie auf, zog ihr T-Shirt über und legte die wenigen Schritte zur Rezeption in Rekordtempo zurück. Etwas außer Atem sah sie den Portier fragend an. Es war immer noch derselbe wie vorhin.

Thomas Herden hatte sie derweilen hinter sich zurückgelassen. Er schwamm gerade seine neunte Runde im Pool und hatte bestimmt kein Interesse daran, ihr zu folgen.

„Hallo Frau König“, begrüßte der Tunesier sie, „es tut mir leid, aber ich muss ihnen leider mitteilen, dass sich die Sache mit dem Pass wahrscheinlich noch ein bisschen in die Länge ziehen wird.“ „Warum denn das? Was ist passiert?“

„Also gut, bis vor zwei Tagen war hier eigentlich alles ganz normal. Dann aber hatte die Vorgängerin von Frau Steinert, Frau Bergner, einen schweren Autounfall …“

„Was? Oh mein Gott! Ich hoffe, sie hat ihn überstanden?“

„Ja, aber sie liegt seitdem im Koma und kein Mensch weiß, ob sie je wieder aufwachen wird. Und jetzt ist ihre neue Reiseleiterin, Frau Steinert, wie vom Erdboden verschwunden. Sie sollte von einem Kollegen von uns vom Flughafen abgeholt werden. Meine Nachforschungen haben ergeben, dass Frau Steinert tatsächlich mit derselben Maschine angekommen ist, in der Sie gesessen haben. Seitdem hat sie sich irgendwie in Luft aufgelöst. Aber wahrscheinlich hat das alles überhaupt nichts zu bedeuten. Wir warten noch bis morgen früh, dann werden wir vorsichtshalber die Polizei benachrichtigen.“

„Das sollten Sie wohl auch tun!“

Silvia König drehte sich erschrocken um. Dort stand Thomas Herden, nur notdürftig abgetrocknet. Das Handtuch hatte er sich um die Hüften geschlungen.

Der Tunesier wendete sich ab. Für ihn war das Thema erledigt. „Das ist ja herrlich. Solange diese Sache mit meinem Pass nicht in Ordnung ist, kann ich diesen Urlaub nicht genießen.“

Mit einem Blick auf Thomas Herden stellte Silvia König fest, dass es auch mit Pass sehr schwer für sie werden würde. Abrupt drehte sie sich um und sagte hastig:

„Tschüs Thomas. Bitte entschuldige mich. Ich werde mich jetzt etwas auf mein Zimmer zurückziehen.“

„Okay, aber nur wenn du mir versprichst, dass wir uns um halb acht vor dem Restaurant treffen. Kommst du?“

Sie blieb ihm die Antwort schuldig. So schnell es ging, verschwand sie aus seiner Hör- und Sichtweite. Sollte er doch denken, was er wollte.

Nachdem sie die restlichen Sachen am Pool eingesammelt hatte, ging sie schnurstracks zu ihrem Bungalow.

Im Zimmer warf sie sich einfach total entnervt aufs Bett und schluchzte. Was für ein verdorbener Urlaubsanfang! Ihr Reisepass war weg, Thomas Herden machte sich über ihre Gefühle lustig und wollte offenbar nichts von ihr wissen. Dann war die eine Reiseleiterin schwer verunglückt und die andere spurlos verschwunden! Es war zum Verrücktwerden!

Nachdem sie sich ausgeweint und wieder etwas beruhigt hatte, kam ihr Optimismus jedoch erneut zurück. Sie setzte sich vor den großen Spiegel, der über dem Schreibtisch hing, sah ihre verheulten Augen und sagte zu sich selbst:

„Es kann nur noch besser werden!“

Dessen war sie sich ganz sicher.

Leider sollte sich Silvia König in diesem Punkt gewaltig irren …

 

*

 

Ines Bleckert schreckte aus einem ziemlich unruhigen Halbschlaf hoch.

Ihre schlimmsten Befürchtungen, die sie diese Nacht so schlecht schlafen ließen, hatten sich leider zu ihrem größten Bedauern bestätigt. Cornelia Clemens, ihre beste Freundin, war wieder nicht nach Hause gekommen. Das hätte sie schließlich sofort gehört. Wo zum Donnerwetter steckte sie bloß? Sie war wie vom Erdboden verschluckt. Klar, Cornelia hatte zwar durchaus ihre Macken, aber unpünktlich war sie nie. Und zwei Tage überfällig schon mal überhaupt nicht. Ines Bleckert machte sich echte Sorgen.

Sie musste daran denken, dass ihre Freundin, mit der sie seit einigen Monaten die Wohnung teilte, in letzter Zeit so ein merkwürdiges Verhalten an den Tag gelegt hatte.

Sie schüttelte den Kopf, bereute das aber gleich darauf wieder, denn sie hatte das Gefühl, dieser würde auf der Stelle zerspringen. Daran waren nur der wenige Schlaf und die Aufregung schuld. Einen Tag vorher hatte sie mit allen Bekannten, Verwandten und Freunden von Cornelia telefoniert und nach ihr gefragt, aber keiner hatte sie gesehen. Ines Bleckert wusste nicht, was sie noch tun sollte. Es war ihr ein absolutes Rätsel. Ihre Freundin war und blieb verschwunden.

Heute wollte sie nun zur Polizei gehen und eine Vermisstenanzeige aufgeben.

Doch erst musste sie dringend duschen und wenigstens ein kleines bisschen frühstücken. Vielleicht hatte sie ja dann wieder einen klaren Kopf und würde plötzlich ganz von selbst darauf kommen, wo Cornelia stecken könnte.

Nachdem sie endlos lange geduscht hatte, ging sie, nur mit einem Bademantel bekleidet in die Küche. Dort machte sie sich erst mal eine ganze Kanne voll Kaffee.

Danach setzte sie sich an den Küchentisch und stützte ihren Kopf mit beiden Händen ab. Wie ein Häufchen Elend sah sie aus.

Die Kaffeemaschine machte einen ohrenbetäubenden Krach. Sie musste mal wieder entkalkt werden, aber im Moment hatte sie wirklich andere Sorgen.

Eine ganze Weile rührte sie sich nicht vom Fleck. Schließlich deckte sie doch noch entschlossen den Tisch. Sie hatte Schwierigkeiten, nur für eine Person zu decken, denn sie war es schließlich seit Längerem gewohnt, dass ihre Freundin ihr bei den Mahlzeiten Gesellschaft leistete.

Was war bloß los? Ob sie wohl bei ihrer neuen großen Liebe war?

Ines und Cornelia hatten sich im zarten Teenageralter von vierzehn Jahren auf einer Jugendfreizeit kennengelernt. Das war jetzt ein Jahrzehnt her. Seit damals waren die beiden ein Herz und eine Seele. Alles vertrauten sie sich an. Bis auf eine Ausnahme. Cornelia Clemens erzählte so gut wie nichts von ihren Männern. Während Ines da ein ganz anderer Typ war, hüllte ihre Freundin sich stets in vornehmes Schweigen. Das Einzige, was sie offen zugab, war die Tatsache, dass sie auf verheiratete ältere Männer fixiert war. Sie hatten oft über Cornelias Probleme mit ihrem Vater gesprochen, sonst hätte Ines auch dies nicht gewusst. Tja, so war sie nun mal und Ines war nicht der Mensch, der der Freundin ständig Löcher in den Bauch fragte. Leben und leben lassen, das war ihre Devise.

Das Einzige, was Ines Bleckert von der neuen Liebe ihrer Freundin wusste, war, dass er unheimlich süß sein sollte. Diesmal sei ja alles so völlig anders. Das äußerte sie ihr gegenüber jedenfalls vor einigen Wochen. Kennengelernt hatte Ines Bleckert diesen Mann natürlich nie. Da hielt ihre Freundin es genauso wie mit all den Männern vorher auch. Die kannte sie ebenfalls nur aus den seltenen Erzählungen von Cornelia Clemens.

Das Verhalten ihrer Freundin in letzter Zeit ließ jedoch darauf schließen, dass es sie diesmal tatsächlich vollkommen erwischt hatte. Sie war anders als sonst, sanfter, fröhlicher, gelassener.

Vor ein paar Tagen kippte Cornelias Euphorie dann allerdings plötzlich um. Ines konnte machen, was sie wollte, aber ihre Freundin war einfach nicht mehr ansprechbar. Von einem Tag auf den anderen war sie total depressiv.

Dann, vor zwei Tagen, es geschah beim gemeinsamen Mittagessen, wurde sie auf einmal wieder richtig redselig:

„Du, ich muss gleich noch weg, bin aber heute Abend wieder da.“

„Wo willst du denn hin?“, hatte Ines Bleckert sie noch verwundert gefragt.

„Wo ich hin will ist uninteressant. Ich muss nur dringend etwas erledigen. Ich habe mir das in den letzten Tagen reiflich überlegt. Die Sache duldet keinen Aufschub mehr.“

Mit diesen Worten lief Cornelia aus der Küche und knallte kurz darauf die Wohnungstür hinter sich zu.

Verblüfft hatte Ines Bleckert ihr hinterhergesehen. Nie hätte sie in dem Moment gedacht, dass dies das letzte Mal gewesen war, wo sie Cornelia Clemens lebend gesehen hatte.

Nach dem spärlichen Frühstück schlich sie sich vorsichtig auf den Hausflur und stahl, wie gewohnt, ihrem Nachbarn die Tageszeitung, die immer bei ihm auf der Fußmatte lag. Das hatten sie und Cornelia schon oft gemacht, ohne dass es ihrem Nachbarn irgendwie aufgefallen wäre. Nach dem Durchlesen wurde die Zeitung nämlich wieder fein säuberlich zusammengefaltet und dem alten Herrn, der immer etwas länger schlief als die beiden Frauen, wieder artig auf die Fußmatte zurückgelegt.

Doch diesmal würde er sie nicht wiederbekommen. Ines Bleckert hatte es sich gerade im Wohnzimmer auf der Couch bequem gemacht und die Tageszeitung auseinandergefaltet, als sie diese vor lauter Schreck fast fallen gelassen hätte. Zwei große Bilder auf der Titelseite ließen ihr das Blut in den Adern gefrieren.

Mein Gott, was machte Cornelia denn bloß da auf dem Bild? Und wie sie jetzt aussah! Das war ja entsetzlich! Durch einen Tränenschleier hindurch las sie die dicke Überschrift:

„Unbekannte Tote in Waldhütte entdeckt! Mutmaßlicher Täter bereits in Haft!“

Der Mann auf dem zweiten Bild war ihr gänzlich unbekannt. War er wirklich der Mörder ihrer Freundin? Er sah so lieb und nett aus. Aber doch, er musste es ja einfach sein, denn beim Durchlesen des Artikels stellte sie fest, dass der mutmaßliche Mörder nur wenige Meter neben der Leiche entdeckt wurde.

Ines Bleckert legte geplättet die Zeitung zur Seite und entschloss sich, diesem Herrn Knoll, der die sachdienlichen Hinweise in dem Mordfall entgegennahm, einen Besuch abzustatten.

Sie verstand überhaupt nichts mehr. Cornelia Clemens war tot. Warum hatte man sie denn bloß nicht identifizieren können? Sie hatte doch immer ihre Papiere bei sich gehabt.

Sie zog sich in Windeseile an und verließ kurz darauf die Wohnung.

Unten in der Tiefgarage brauchte sie ganze sechs Anläufe, bis ihr alter Kadett endlich ansprang. Das brachte ihr die verlorene Fassung auch nicht wieder zurück. Mit quietschenden Reifen fuhr sie schließlich los.

Ines Bleckert hatte große Mühe, sich auf den Straßenverkehr zu konzentrieren. Es war fast ein Wunder, dass sie heil bei der Polizei ankam. Doch selbst, wenn sie nicht so durcheinander gewesen wäre, nie im Leben wäre sie darauf gekommen, dass sie während der ganzen Fahrt von einem dunkelblauen BMW hartnäckig verfolgt wurde …

 

*

 

Kurz vor halb acht traf Thomas Herden vor dem Restaurant ein. Er sah sich suchend um, konnte Silvia König aber nirgendwo entdecken. Nach einem kurzen Blick auf seine Armbanduhr bewegte er sich auf den Tisch zu, auf dem einige dicke Ordner lagen. Dort konnte man allerlei Wissenswertes über das Land, die Leute und die Kultur erfahren. Außerdem waren dort die Ausflüge erklärt. Das ‚Omar Khayam‘, konnte man über mehrere Reiseveranstalter buchen. Jede Reiseleiterin hatte einen eigenen Ordner angelegt. Auch verschiedene Sprachen waren vertreten. Dieses Hotel wurde nicht nur von Deutschen besucht. Das Publikum war international. Hier machten auch einige Engländer, Franzosen und Holländer Urlaub. Gelangweilt blätterte Thomas Herden den für ihn zuständigen Ordner durch, kannte er dessen gesamten Inhalt doch schon zur Genüge. Eigentlich wollte er sich so nur die Zeit vertreiben bis Silvia König erschien.

Diese saß etwa zur gleichen Zeit erneut vor dem Spiegel in ihrem Bungalow und gab sich heute ganz besondere Mühe mit ihren Haaren.

Danach legte sie noch etwas Makeup und Lidschatten auf. Wimperntusche, Rouge und ein knallroter Lippenstift vervollständigten das Ganze.

Sie war mit dem Endergebnis sehr zufrieden.

„Was machst du hier eigentlich für einen Aufstand?“, fragte sie sich selbst.

Sie hatte vorhin ihren Wecker auf sieben Uhr gestellt und noch ein bisschen geschlafen.

Die Stunde Schlaf war offenbar zu kurz und nicht besonders erholsam gewesen, denn als der Wecker sie aus den tiefsten Träumen riss, war sie noch müder als vorher gewesen.

Doch nach der Dusche ging es ihr wieder etwas besser.

Allerdings hatte sie jetzt ziemlich schlechte Laune. Entsprechend gereizt dachte sie daher gerade:

Dieser Thomas Herden kann mir gestohlen bleiben! Es gibt hier auch noch andere Männer und ich brauche aus Liebeskummer nicht wie Aschenputtel durch die Gegend zu laufen, nur weil der gnädige Herr nichts von mir wissen will.

Trotzig zog sie daher ein weißes Leinenkleid an, das in Kniehöhe aufhörte. Das war aber auch das einzig Züchtige daran. Ansonsten war an diesem Kleid so ziemlich alles erotisch. Der Ausschnitt war tief genug, um sich ernsthaft Gedanken darüber zu machen, was wohl darunter lag, der enge Schnitt betonte ihre gute Figur. So, jetzt noch ein paar Spritzer Parfüm und ihre Stimmung besserte sich auf einmal erheblich. Sollte Thomas Herden es doch bedauern, sie nicht gewollt zu haben! Längst hatte sie ihm innerlich den Kampf angesagt. Die Abfuhr am Strand war nicht vergessen.

Als sie schließlich in der Hotelhalle ankam, sah sie ihn sofort. Dieses verflixte Kribbeln im Bauch! Es machte all ihre schönen Pläne in Sekundenschnelle zunichte und sie bedauerte es sehr, dass er ihr nach allem, was er ihr angetan hatte, immer noch so sympathisch war.

Nervös setzte sie sich auf ein abgenutztes Sofa in der Nähe der Restauranttür und strich ihr Kleid glatt, obwohl keine Knitterfalten zu entdecken waren.

Hoffentlich sieht er mich nicht, dachte sie. Natürlich wusste Silvia König selbst, dass sie ihm die nächsten drei Wochen schlecht aus dem Weg gehen konnte. Aber man brauchte das unvermeidliche Wiedersehen ja andererseits auch nicht unbedingt unterstützen.

Vorsichtig schielte sie zu ihm hinüber. Das durfte ja wohl nicht wahr sein! Was hatte dieser Mann doch bloß für Chancen beim anderen Geschlecht! Sie entdeckte jetzt ganz in seiner Nähe eine gutaussehende junge Frau, die ihn voll anvisierte. Kurz darauf stellte sie sich wie zufällig neben ihn und blätterte ebenfalls in einem Ordner herum.

Aus den Augenwinkeln heraus betrachtete Silvia König Thomas Herden weiterhin und musste zugeben, dass er in seinen hellblauen Jeans und dem bunten Hemd einfach zu süß aussah. Sie konnte die andere Frau gut verstehen.

Ihre Gedanken wurden jäh unterbrochen, als sich plötzlich ein Tunesier neben sie setzte. Was hatte der denn hier verloren?

Er war doch bestimmt nicht in diesem Hotel angestellt. Der Mann schien in seinem eigenen Land Urlaub zu machen.

Oder war er vielleicht auf der Durchreise und hatte nur für eine Nacht ein Zimmer gebucht?

Sie sah ihn irritiert an. Er war gepflegt und europäisch gekleidet.

Als sie merkte, dass sie genauso intensiv gemustert wurde, sah sie unsicher weg.

Ein Räuspern ließ sie erschrocken zusammenzucken. Sie blickte auf und musste zu ihrem Bedauern Thomas Herden entdecken. Es schien ihn schon wieder etwas zu amüsieren.

„Hallo Silvia“, meinte er fröhlich.

„Guten Abend“, sagte sie förmlich. Zu mehr war sie nicht bereit.

Details

Seiten
120
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783738923391
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2018 (Oktober)
Schlagworte
urlaub tunesien tödliches wissen

Autor

Zurück

Titel: Ein Urlaub in Tunesien (Tödliches Wissen #2)