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CALLAHAN #16: Stampedesturm

2018 120 Seiten

Zusammenfassung

Ich hatte nur noch fünf Dollar in der Tasche und brauchte dringend einen Job. Freunde von mir hatten erfahren, dass ein Mann namens Maugham einen gut bezahlten Job anzubieten hatte, und das machte mich neugierig. Wir sollten nach Mexiko reiten und eine Rinderherde über die Grenze treiben. Maugham versprach sich davon ein großes Geschäft, und die Prämie, die er uns in Ausicht stellte, gefiel uns. Trotzdem hatte ich von Anfang an das Gefühl, dass es nicht nur um die Herde ging, sondern auch um eine ganz persönliche Angelegenheit. Denn Maughams Frau war durchgebrannt – und seltsamerweise war sie auch in Mexiko. Ganz in der Nähe des Ortes, wo wir die Herde abholen sollten. Damit begannen die eigentlichen Probleme, die Maugham uns gegenüber natürlich verschwiegen hatte. Und als wir begriffen, worum es in Wirklichkeit ging, da war es für einen von uns bereits zu spät!

Leseprobe

Table of Contents

Title Page

Stampedesturm

Klappentext:

Roman:

CALLAHAN

 

Band 16

 

Stampedesturm

 

Ein Western von Glenn Stirling

 

 

 

IMPRESSUM

 

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© Roman by Author / Cover 2018: Tony Masero

Redaktion und Korrektorat: Alfred Wallon

© dieser Ausgabe 2018 by Alfred Bekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

Klappentext:

Ich hatte nur noch fünf Dollar in der Tasche und brauchte dringend einen Job. Freunde von mir hatten erfahren, dass ein Mann namens Maugham einen gut bezahlten Job anzubieten hatte, und das machte mich neugierig. Wir sollten nach Mexiko reiten und eine Rinderherde über die Grenze treiben. Maugham versprach sich davon ein großes Geschäft, und die Prämie, die er uns in Ausicht stellte, gefiel uns. Trotzdem hatte ich von Anfang an das Gefühl, dass es nicht nur um die Herde ging, sondern auch um eine ganz persönliche Angelegenheit. Denn Maughams Frau war durchgebrannt – und seltsamerweise war sie auch in Mexiko. Ganz in der Nähe des Ortes, wo wir die Herde abholen sollten. Damit begannen die eigentlichen Probleme, die Maugham uns gegenüber natürlich verschwiegen hatte. Und als wir begriffen, worum es in Wirklichkeit ging, da war es für einen von uns bereits zu spät!

 

 

 

 

Roman:

Das Erwachen kam wie mit einem Paukenschlag. Eben hatte ich noch schläfrig im Sattel gesessen und mich mit den Bewegungen des Pferdes hin und herschaukeln lassen. Plötzlich ging ein Ruck durch das Tier! Ich verlor den Halt im Sattel, weil ich viel zu spät begriff. Und erst als ich flog, da wurde mir klar, dass mein Pferd unter mir stürzte. Ich wurde über den Hals des Tieres hinwegkatapultiert und schlug ziemlich unsanft auf die rechte Schulter.

Als ich mich aufrappelte, sah ich die Bescherung.

Da lag mein Brauner, das linke Vorderbein oberhalb der Fessel gebrochen. Für den Braunen gab’s da nur noch die Kugel. Es würde eine Gnade sein.

Die nächste kleine Stadt war über siebzig Meilen entfernt. Zwischen ihr und mir lag die texanische Wüste.

Ich erhob mich und tastete nach meinem Revolver. Aber er steckte nicht mehr im Holster, sondern lag ein Stück entfernt am Boden. Als ich ihn aufgehoben hatte, ging ich zu meinem Pferd, das vergeblich versuchte, wieder aufzustehen. Der linke Vorderhuf lag ganz verdreht. Das Tier musste unsägliche Schmerzen leiden. Es hob den Kopf, wollte sich mit dem rechten Vorderhuf einstemrnen, aber zu mehr kam es nicht.

Ich kniete mich neben das Tier, streichelte ihm den Hals, um es etwas zu beruhigen; ich spürte, wie schnell und hart der Puls ging.

„Armer Bursche“, murmelte ich, hielt den Revolver hinter das rechte Ohr des Tieres und drückte ab. Das war die Erlösung. Es hätte nichts und niemanden gegeben, der meinen Braunen retten konnte. So sollte er nicht unnötige Schmerzen erleiden.

Der Körper des Tieres wurde schlaff, der Kopf fiel dumpf auf den Boden, und ich erhob mich.

Es nützte mir wenig, dass ich erkannte, was die Ursache des Sturzes gewesen war: ein Präriehundbau. Mein Wallach war in den dicht unter der Erdoberfläche befindlichen Bau eingebrochen und gestürzt.

Ich löste den Sattelgurt, zerrte den Sattel unter dem Körper meines toten Pferdes heraus und musste zu meinem Zorn feststellen, dass auch noch das Gewehr am Kolbenhals gebrochen war. Der Braune war direkt darauf gestürzt mit seiner ganzen Körperlast.

Das Pferd verloren, das Gewehr kaputt, und ich selbst siebzig Meilen von der nächsten Siedlung entfernt. Dazu der Sattel, den ich keinesfalls hierlassen wollte. So ein Sattel war ein 'Vermögen wert. Den wollte ich nicht opfern.

Ich sah mich um und entdeckte außer ein paar Fettholzsträuchern nur Mesquite. Dazwischen kaum Gras, meist nur karstiger Boden.

Zum Glück war meine Wasserflasche heil geblieben. Ich trank einen Schluck, dann beschloss ich erst einmal auf den Abend zu warten. Jetzt in dieser Gluthitze zu marschieren, erschien mir absolut sinnlos. Ich nahm eine meiner Decken und hängte sie an einen Strauch, so dass ich ein Plätzchen im Schatten fand. Dort hockte ich mich auf den Sattel, rollte mir eine Zigarette und spähte missmutig in die Runde. Aber wenn ich hoffte, dass sich irgendwo ein Lebewesen zeigte, war das ein Irrtum. Noch nicht einmal Geier konnte ich am Himmel oben erkennen.

Bis auf das Singen des Windes, der über die Hügel strich, und das Rascheln der Blätter, die davon bewegt wurden, gab es keine anderen Geräusche. Es war eine fast schmerzhafte Ruhe hier.

Ich war auf dem Wege nach Sherwood. Das war die übernächste Stadt. Von hier aus fast noch hundertfünfzig Meilen entfernt. In Sherwood warteten ein paar Freunde auf mich, mit denen ich gemeinsam eine texanische Herde nach Kansas treiben wollte. Was mich dabei reizte, war nicht die mörderisch harte Arbeit, sondern das Geld, das ich dringend nötig hatte, um wieder flüssig zu werden. Ich besaß gerade noch fünf Dollar, und ich fragte mich, wie ich davon ein Pferd bekommen sollte. Aber ein Pferd musste ich haben. Es war also mit diesem Sturz ein Problem entstanden, dessen Lösung noch nicht in meiner Tasche steckte.

Verdammt noch mal! Was sollte ich tun? Die siebzig Meilen mit dem Sattel auf dem Kreuz konnten die Hölle werden. Dazu noch mit Stiefeln, die zum Marschieren nicht geeignet waren. Mir graute vor diesem Marsch! Aber es gab keine andere Lösung.

Ich beschloss, nachts zu marschieren, am Tage zu rasten. Mein Wasser würde nicht reichen. Es gab nur eine Wasserstelle bis dahin. Um dahinzugelangen, hätte ich noch einen Umweg von weiteren zwölf Meilen machen müssen. Ich beschloss, lieber auf das Wasser zu verzichten und damit auch auf den Umweg.

Es waren also nicht die allerbesten Gedanken, die mich bewegten, als ich mich ausstreckte, um wenigstens etwas zu schlafen.

 

*

 

Ich weiß nicht, ob ich lange oder sehr fest geschlafen habe, jedenfalls schreckte mich ein Geräusch auf.

Ich brauchte ein paar Sekunden, bis ich begriffen hatte, in welcher Lage ich mich befand. Und es war eben gar kein schlechter Traum gewesen, sondern verdammte nackte Wirklichkeit.

Das Geräusch! Was war das? Hufschlag?

Ich hob vorsichtig den Kopf, spähte erst nach links, dann nach rechts. Das Geräusch schien von rechts zu kommen.

Und da sah ich ihn!

Er ritt auf einem Falben und hielt ziemlich genau auf mich zu. Offenbar musste er mein Pferd schon gesehen haben.

Ich richtete mich auf, hielt schirmend die Hand über die Augen, um gegen die grelle Sonne besser zu erkennen, wer da kam. Ich sah einen mittelgroßen Mann, der Cowboykleidung trug.

Damit er mich sehen sollte, stand ich auf und winkte. Einen Schuss aus dem Revolver abzufeuern, hielt ich für Vergeudung. Er sah mich auch so und kam direkt herüber.

Jetzt, wo er näherkam, erkannte ich sein kantiges Gesicht und das lockige Haar, das unter dem Hut hervorquoll. Seine weiten Beinschützer klatschten beim Reiten gegen das Sattelzeug.

„Howdy!“, rief er, als er vor mir sein Pferd parierte. Das Tier schnaubte und wieherte erschrok ken, als es seinen toten Artgenossen näher beäugte.

„Ich bin Storney“, sagte der Cowboy und tippte mit zwei Fingern an die Hutkrempe. Dabei grinste er ein wenig mitleidig.

Ich grinste zurück. „Und ich Jed Callahan.“

„Die Balken-C .ist in der Nähe. Ich würde dich hinbringen. Vielleicht gibt der Colonel dir ein Pferd.“

Es war für mich, als wäre die Sonne aufgegangen. „Ich habe gar nicht gewusst, dass es hier eine Ranch gibt.“

Er nickte. „Es gibt sie. Wir haben nur auf dieser Seite kaum Vieh. Du siehst ja selbst, dass hier nichts wächst; nicht genug jedenfalls. Unsere Herden stehen auf der anderen Seite drüben. Du hast unheimlich Schwein gehabt, dass ich hier die Runde geritten bin. Ab und zu suchen wir hier nach versprengten Tieren.“

Ich hielt ihm meinen Tabaksbeutel hin. Er schwang sich aus dem Sattel, klatschte seinem Pferd dann liebevoll auf den Hals und kam dann zu mir herüber. Als ich ihm den Beutel zuwarf, fing er ihn geschickt auf und rollte sich dann im Handumdrehen eine tadellose Zigarette. Als er sie anleckte und mich dann anschließend angrinste, sah ich, dass ihm zwei Vorderzähne fehlten. Das ist ein häufiger Makel bei Cowboys. Es passiert beim Bulldogging, wenn sie nicht aufpassen und ihnen das Horn eines jungen Stieres ins Gesicht gerät.

Er war also mein rettender Engel. Glück für mich in diesem Pech, aber ich glaubte nicht, dass sie mir für fünf Dollar ein Pferd geben würden.

„Wer ist dieser Colonel, von dem du sprichst?“

„Colonel Maugham“, erwiderte Storney, als er die Zigarette anbrannte. „Und wohin warst du unterwegs?“

„Sherwood. Ich wollte mich da mit ein paar Jungs treffen, die gemeinsam mit mir eine Herde nach Kansas bringen wollen.“

„O Hölle!“, rief er und wurde schlagartig ernst. „Ich glaube nicht, dass du dir den Weg machen musst. Eine ganze Reihe von Männern sind bei uns auf der Ranch. Vielleicht sind das deine Freunde. Der Colonel hat sie alle aufgenommen. Es gibt keine Herde mehr zu treiben.“

Ich starrte ihn verständnislos an. „Kannst du mir das näher erklären?“

Er nickte. „Kann ich, Callahan. Der Colonel hat die Herde gekauft.“

„Ach so, verdammt! Da hab ich den ganzen Weg umsonst gemacht.“

Storney zuckte die Schultern. „Kann sein, kann nicht sein. Ich würde vorschlagen, du kommst mit auf die Ranch. Und ich wette, es sind deine Freunde, die sich da bei uns versammelt haben.“

Er verzog das Gesicht, und ich hatte das Gefühl, dass ihm irgend etwas an dieser Geschichte nicht zu schmecken schien.

„Hör mal, Storney. Was ist denn faul an der Sache?“

Er blickte mich forschend an, doch dann wandte er sich wieder ab und murmelte: „Nicht wichtig. Du wirst schon sehen.“

„Also gut denn! Können wir den Sattel mitnehmen, oder muss ich den später holen?“

„Den nehmen wir mit. Man soll nie einen Weg zweimal machen, wenn man das vermeiden kann“, erklärte er grinsend. Seine frohe Laune war offenbar zurückgekehrt.

Wir beluden das Pferd mit dem Sattel, den Storney vor sich auf den Schoß nahm, und dann setzte ich mich hinter Storney. Für das Pferd war das eine ungeheure Last. Das Cowpony ging zwar nur im Schritt, aber mit solchem Gewicht musste es schwer kämpfen.

„Wie weit ist es bis zur Ranch?“

„Acht Meilen“, erklärte Storney. „Kann auch etwas weniger sein.“

Acht harte Meilen für den Falben. Aber Storney ließ ihm Zeit, und er ritt zwischen den Hügeln, in den Mulden und Tälern entlang, bis wir die Hügelkette passiert hatten. Und da auf einmal verwandelte sich die Landschaft. Dass es hier so etwas wie Prärie gab, war mir völlig neu. Aber es gab sie wirklich. Sie dehnte sich fast eben von den Hügeln nach Osten aus. Und in der Ferne sah ich die Windräder. Rauch stieg aus einem Kamin auf. Der Wind blies ihn nach Norden zu weg.

Mensch, Callahan, dachte ich, hast du ein Glück gehabt! Und ich versuchte mir vorzustellen, wie ich mit dem Sattel auf dem Kreuz die siebzig Meilen hätte bewältigen wollen, dazu bei der mörderischen Hitze und nur mit einer Flasche voll Wasser.

Aber hatte ich wirklich Glück gehabt?

 

*

 

Das erste, was ich von der Ranch außer den beiden Windradtürmen und dem Rauch sah, war der Wachturm. Sie hatten mitten auf dem Hof einen gewaltigen hölzernen Wachturm aufgebaut, der rundum mit Rundholz beschlagen war. Solche Wachtürme gab es in dieser Gegend auf den Ranches häufig, und sie stammten alle noch aus der Zeit, wo man sich gegen die Lipan-Apachen verteidigen musste.

Auch auf dem Dach des Hauses zeugten die Schießscharten in einer Brüstung von den Kämpfen gegen Indianer, aber auch gegen Mexikaner.

Auf der Nordseite befand sich ein riesengroßer Wassertank, der aus gebrannten Lehmziegeln gebaut worden war. Das war der Schlüsselpunkt einer Berieselungsanlage, wie ich sie so noch nie gesehen hatte. Herrlich grünes Land wuchs auf der Nordseite der Ranch. Es gab dort Koppeln, auf denen sich Pferde aller Schattierungen tummelten, und weiter vorn, wo das Gras am allersaftigsten war, standen solide gebaute Korrals, und darin entdeckte ich junge schwarze Black Angus-Stiere. Das sind die schönsten vierbeinigen Steaks, die man sich denken kann.

Hauptbau und alle beide Nebengebäude waren aus Adobelehm gebaut. Der Hauptbau war jener mit der Brüstung und den Schießscharten; ein Cowboyschlafhaus schloss sich rechts an und führte, langgestreckt, auf die Koppel zu. Stallungen befanden sich links. Ein mächtiger Heuschober war, aus Sicherheitsgründen wegen der Brandgefahr gut hundert Schritt von den Häusern entfernt, auf der Südostseite des Grundstücks aufgestapelt.

Mitten auf dem Hof stand ein weiterer Wassertank, der von der zweiten Windradpumpe gespeist wurde. Neben diesem Wassertank gab es eine Tränke.

Der Falbe stampfte zielstrebig auf diese Stelle zu, und ich glitt vom Rücken des Falben herunter und nahm Storney den Sattel ab, ohne dass das Pferd deshalb stehenblieb.

Ich ließ den Sattel in den Staub sinken und stand ein wenig unschlüssig, während Storney vor der Tränke absaß und zunächst einmal seinem Pferd den Sattel abnahm.

Kein Mensch zu sehen.

Ich achtete auf die Haustür; die ging auf, und dann flog schon der Hund wie ein Geschoss heraus und fegte kläffend auf mich Zu. Es war so ein typischer kleiner Rattenfänger; schwarzweiß, ungemein hässlich, aber von einem Mut beseelt, um den ihn manch großer Hund beneiden müsste.

Storney schrie: „Tiff! Lass es bleiben, Tiff! Hörst du, Tiff!“

Tiff dachte überhaupt nicht daran, auf Storney zu hören.

Ich achtete auf den Hund und sah deshalb den Mann nicht, der aus der Tür getreten war. Aber dann hörte ich seine Stimme, bevor der Hund mich erreicht hatte. „Tiff!“, brüllte er, und das hallte wie ein Schuss über den Platz.

Es war, als wäre Tiff gegen eine Wand gelaufen. Er stemmte alle vier Beine in die Erde, heulte enttäuscht auf, blieb dann stehen, neigte den Kopf und sah mich an, aber er bellte nicht mehr. Dann zog er seinen Stummelschwanz nach unten und trabte zurück zu dem Mann, der groß und wuchtig in der Tür stand.

Bevor ich etwas sagen konnte, rief Storney: „Er heißt Jed Callahan und hat sein Pferd verloren. Es ist in einen Präriehundbau getreten. Ich hab’ ihn mitgebracht.“

Ich musterte den Mann. Er füllte fast völlig die Tür aus und schien mindestens einen halben Kopf größer als ich zu sein. Und ich bin gewiss nicht klein.

Meiner Schätzung nach musste er so fünfundvierzig sein. Er hatte ein bartloses, wie geschnitzt wirkendes Gesicht, trug einen silbergrauen, sehr teuren Hut, das einzige wohl, was an seiner Kleidung kostbar zu sein schien. Sein kariertes Hemd, die abgewetzten Hosen und ramponierten schiefgelaufenen Stiefel waren es ganz sicher nicht. Er hatte Fäuste wie die Schmiedehämmer. Und als er sich jetzt bewegte, kam er mir vor wie ein Bär. Ein wenig schwerfällig wirkend stieg er von der letzten Stufe herunter und kam auf mich zu.

„Callahan, hast du gesagt?“, fragte er Storney, ohne in seine Richtung zu blicken; er sah nur mich an. Und ich hatte das Gefühl, er blickte durch mich durch.

Als er vor mir stand, grinste er, streckte mir die Hand entgegen, und ich nahm sie. Sein Händedruck war, als wollte er mir die Knochen zerquetschen. Aber ich finde so etwas gut. Ich drückte zurück, und er sagte: „Willkommen, Callahan. Ihr Name ist mir nicht so unbekannt, wie Sie vielleicht denken. Ich freue mich, dass Sie da sind.“

Ich hatte ein warmes Gefühl ums Herz. Irgendwie freute ich mich auch und fand diesen Mann großartig.

„Mein Name ist Maugham. Sie können Colonel zu mir sagen. Das sagen sie alle hier, obgleich ich darauf keinen Wert lege. Aber man gewöhnt sich an so etwas wie an einen Spitznamen“, fügte er lächelnd hinzu. Dann schlug er mir auf die Schulter, dass ich meinte, mir wäre ein dicker Balken draufgestürzt. „Gehn Sie sich waschen, Callahan. Und dann, wenn Sie fertig sind, wird etwas auf dem Tisch stehen, das Ihren Hunger beseitigt. Es ist bald Abend, dann kommen auch die Männer zurück, die Sie hier bestimmt nicht erwartet haben. Storney!“, rief er, ohne sich nach Storney umzusehen. „Hast du ihm erzählt von den Jungs, die hier auch meine Gäste sind?“

Ich sah kurz auf Storney. Der verzog das Gesicht, als wäre das Wort Gäste der reinste Essig für ihn. „Ich habe ihm etwas angedeutet. Aber ich bin ja nicht sicher, dass es die Leute sind, mit denen er sich in Sherwood treffen wollte.“

„Haben Sie gehört, Callahan? Toller Zufall, was? Aber ich habe nicht nur die Herde gekauft, ich habe auch Ihre Freunde übernommen, die genau wie Sie, Callahan, ein paar Dollars mit dieser Herde verdienen wollten. Aber ihr werdet bei mir Geld verdienen, viel mehr, als der Treiberlohn ausgemacht hätte.“

Ich sagte nichts. So sicher, wie er sich in dieser Beziehung war, war ich mir da gar nicht. Ich wollte mir meine Arbeit selbst aussuchen. Auf der anderen Seite zwang ich mich dazu, nichts zu sagen, um nicht gleich einen Streit vom Zaun zu brechen. Dieser Mann war sehr anständig zu mir, er lud mich ein, und wäre Storney nicht gewesen, befand ich mich auf dem Weg nach Sherwood zu Fuß und mit dem Sattel auf dem Kreuz. Und genau das wäre noch alles umsonst gewesen, wenn die Jungs, mit denen ich mich treffen wollte, hier bei diesem Colonel Maugham steckten.

„Also, mein Freund“, erklärte er und knallte mir noch einmal auf die Schulter, „jetzt schwemmen Sie sich den Staub herunter und kommen dann herein. Da drüben, die erste Tür, ist die Küche. Und dahinter befindet sich der Speiseraum. Wenn Sie kommen, wird etwas auf dem Tisch für Sie stehen.“

Er machte kehrt und stapfte genauso schwerfällig wieder zurück zum Haus. Tiff, der schwarzweiße Hund, sprang um ihn herum, wollte ihm die Hand ablecken, aber es schien dem Colonel nicht zu behagen, und er knurrte nur, und Tiff trabte mit hängenden Ohren davon und verschwand noch vor dem Colonel im Haus.

„Du kannst dich da drüben waschen“, sagte Storney und deutete auf einen großen Bottich.

Ich hatte das Gefühl, dass Storney gar nicht mehr so fröhlich war wie während des Rittes. Er wirkte ernst, fast gedrückt.

 

*

 

Nachdem ich mich gewaschen hatte und mir noch das Wasser mit dem Halstuch aus dem Gesicht wischte, suchte ich vergeblich nach Storney. Sein Pferd hatte er noch in den Korral gebracht, aber er selbst war verschwunden.

Ich schnappte mir meinen Sattel und ging dann genau auf jene Tür zu, die mir der Rancher gewiesen hatte.

Es war genau, wie er mir gesagt hatte. Vorn war die Küche; sie war ziemlich einfach eingerichtet, besaß in der Mitte ein offenes Feuer. Von daher war wohl auch der Rauch gekommen, den ich schon von weitem gesehen hatte. Ein alter, sehnig und verwittert aussehender Mexikaner stand vor dem Feuer und angelte gerade mit einem Spieß Frijoles aus den Flammen.

Er schaute nur kurz in meine Richtung, und als ich grüßte, nickte er; verzog aber keine Miene, sondern begann sofort die heißen Teigfladen auf ein langes Holzbrett zu legen und dann mit einem Fleischragout zu bestreichen.

„Das Essen steht drin“, sagte er auf spanisch. Dann schielte er in meine Richtung, wohl um zu sehen, ob ich ihn verstanden hatte.

Ich erwiderte ihm in seiner Sprache: „Danke! Hoffentlich hast du es nicht so verpfeffert, dass mir die Flammen aus den Ohren kommen.“

Jetzt grinste er, richtete sich auf und sah mich an. „Du sprichst unsere Sprache sehr gut, Fremder.“

Ich nannte ihm meinen Namen, und er erwiderte: „Ich heiße Lancero. Aber du kannst Mano zu mir sagen.“

Wir gaben uns die Hand, und irgendwie mochte ich ihn von Anfang an.

Er mich wohl auch, denn als ich an dem langen Tisch im Speiseraum saß, brachte er zwei von den heißen und mit Ragout bepackten Frijoles herein. „Da!“, rief er. „Die werden dir schmecken. Sie sind zwar nicht für dich, aber ich mache neue.“ Schon war er wieder draußen.

Auf dem Tisch standen außerdem noch eine Blechtasse und eine dampfende Kanne mit Kaffee, außerdem lag noch Sauerteigbrot mit Pökelfleisch auf einem Brett.

Ich aß zuerst die herrlich duftenden Frijoles, und sie schmeckten köstlich. Ich hatte sie kaum vertilgt, da tauchte Mano wieder auf, nahm die geleerten Teller und raunte mir zu: „Der Boss kommt! Sag ihm nichts von den Frijoles!“ Weg war er.

Wenig später hörte ich den schweren, dröhnenden Schritt des Ranchers. Er kam herein, schob sich seinen teuren Hut ins Genick und ließ sich dann auf der Bank gegenüber nieder. Schwer stützte er seine Ellenbogen auf die Tischplatte, stemmte den Kopf auf die Hände und sah mich prüfend an.

Ich kaute an einem zähen Stück Fleisch, schlürfte den kochend heißen Kaffee und erwiderte seinen Blick. Keiner von uns sprach.

Ich fragte mich abermals, was ich von ihm halten sollte. Aber irgendwie war ich ihm so dankbar, dass ich mir den Weg nach Sherwood hatte sparen können und von ihm so gut aufgenommen zu sein, dass ich diesen Mann sehr wohlwollend beurteilte.

Man sieht dem Teufel ja nicht an, dass er der Teufel ist. Wäre das der Fall, bildete kein Teufel eine Gefahr. Dieser Colonel Maugham war ein Teufel und ein verrückter Narr dazu. Aber dafür hätte ich ihn nie gehalten. Im Gegenteil, er wirkte sympathisch auf mich.

Er lächelte. „Sie haben ganz schön Hunger, Callahan, was?“

Kauend nickte ich.

„Ich will die Sache kurz machen. Ich habe die Rinder gekauft und sie mit meiner eigenen Herde vereinigt. Trotzdem brauch’ ich eine sehr gute Mannschaft. Ich habe einen tüchtigen Vormann. Schon mal den Namen Bill Rawlins gehört?“

„Ich kenn’ einige Rawlins. Aber ob ein Bill dabei ist ...“

„Bill Rawlins ist der beste Vormann, den es auf einer Ranch geben könnte. Ich habe diesen Mann. Er wird nachher mit den Männern kommen. Sie sind bei mir eingestellt, Callahan, wenn Sie wollen. Ich zahle Ihnen fünfzig Dollar. Aber das ist nicht alles. Wir haben etwas vor, und da wird es eine Prämie geben. Ihre Freunde, die in Sherwood auf Sie gewartet haben, sind auch bei mir. Flicflac, Honkytonky, Greyhound Jackson und ein Mexikaner.“

Mit dem Mexikaner meinte er meinen Freund Benito Vara. Ein Mann, mit dem ich schon fünf Treiben nach Dodge City mitgemacht hatte. Einen besseren Kameraden konnte ich mir gar nicht vorstellen.

Dass er ihn nur den „Mexikaner“ nannte, störte mich. Aber dann sagte ich mir, dass ich mich ja in Texas befand und die Leute eben nicht aus ihrer Haut können, was ihr Verhältnis zu den Mexikanern angeht.

„Ich hoffe jedenfalls“, fuhr er fort, „dass es Ihnen hier gefällt. Also, wollen Sie bei mir bleiben?“

„Ich möchte erst eine Nacht darüber schlafen, Colonel. So mache ich es grundsätzlich. Keine Entscheidung, ohne eine Nacht darüber zu schlafen.“

Sein Gesicht entspannte sich, er lachte, schlug mit der flachen Hand auf den Tisch, dass alles auf der Platte herumsprang. Und dann schrie er poltrig: „Alte Armeeregel, was? Habe ich auch immer beherzigt. Klug, Callahan, sehr klug! Gefällt mir großartig! Also, Mann, schlafen Sie drüber. Morgen früh sprechen Sie mit Rawlins. Bill vertritt mich völlig. Dem können Sie alles anvertrauen. Er ist wie eine Mutter.“

Er lachte wieder schallend, dann stemmte er sich hoch und stampfte hinaus, ohne mich noch eines Blickes zu würdigen.

Ein merkwürdiger Mann, dachte ich. So richtig schlau war ich doch nicht aus ihm geworden. Und ich grübelte noch darüber nach, wie ich ihn einzuordnen hatte, da kam Mano mit einem Stück Käse.

„Hier! Mexikanischer Käse. Kennst du?“

„Natürlich kenn’ ich den, Mano.“

„Aber meinen kennst du nicht! Probier mal!“

Es war fantastisch guter Käse. Die Mexikaner hatten dafür ein ganz bestimmtes Rezept und nahmen noch Ziegen- oder Schafsmilch dazu. Hier war Ziegenmilch drin. Er schmeckte sehr gut.

„Habt ihr so viel Weide, dass ihr eine große Herde dazukaufen konntet?“, erkundigte ich mich und sah Mano an. Aus seinem Gesicht war alle Fröhlichkeit wie weggewischt.

„Ich weiß nicht. Ich verstehe nichts von der Weide, von Rindern; ich bin nur Koch, claro?“

Er wollte also nichts sagen. Das gefiel mir nicht. Wäre da alles in bester Ordnung gewesen, hätte er es mir ja erzählen können. Aber das machte mich stutzig.

Ich beschloss, ihn nicht weiter zu fragen. Aber ich hätte es tun sollen. Ganz sicher wäre mir das eine oder andere doch noch zu Ohren gekommen. So aber wollte ich rücksichtsvoll sein und hielt den Mund. Das war ein entscheidender Fehler. Denn Mano hätte mir am Ende dieses oder jenes doch gesagt. Und alles das, weil ich ein so gutes Mexikanisch-Spanisch sprach.

„Wo steckt eigentlich Storney?“

„Storney hat ein anderes Pferd genommen und ist zum Outfit Camp geritten.“

Ich dachte mir dabei nichts. Aber mir war doch, als hätte Mano noch etwas sagen wollen. Und wieder fragte ich nicht. Ich ließ es einfach dabei. Mano wandte sich ab und marschierte wieder hinaus, während ich ihm noch meinen Dank für den Käse nachrief. Als ich dann ging und durch die Küche musste, war von Mano keine Spur zu sehen.

 

*

 

Mein Problem war nach wie vor, ein Pferd zu bekommen. Wenn ich allzu großspurig auftrat, würde mir der Colonel keins geben. Auf der anderen Seite hatte ich mich durchaus noch nicht entschlossen, für ihn zu arbeiten. Vor allen Dingen wollte ich zunächst einmal mit meinen Kameraden sprechen. Wer weiß, was hinter allem steckt.

Ich hockte mich also irgendwo in den Schatten, döste und wartete eigentlich mehr oder weniger darauf, dass irgendwer auftauchen könnte, vielleicht einer von meinen Freunden.

Sie kamen erst bei Sonnenuntergang. Nebeneinander ritten sie in den Hof. Tiff, der Hund, fegte ihnen wieder entgegen, und da sah ich, wie Greyhound Jackson seine Bullpeitsche vom Sattelhorn wickelte, ausholte und dicht neben dem Hund so laut knallen ließ, dass es sich wie ein Schuss anhörte. Tiff machte einen Satz und schoss dann wie von der Sehne geschnellt zum Haus zurück. Meine Freunde lachten, und ich musste mitlachen.

Da sahen sie mich plötzlich neben dem Schlafhaus stehen. Sie parierten ihre Pferde auf der Stelle, und Greyhound Jacksons Bass dröhnte über den Platz.

„Jetzt schlägt es aber dreizehn! Ich mache doch jede Wette, dass ich diesen Banditen und Halsabschneider, der da drüben steht, schon einmal in meinem Leben gesehen habe.“

Die anderen brachen in brüllendes Gelächter aus, und Honkytonky meinte mit seiner ständig heiseren, krächzenden Stimme: „Die Wette hast du schon gewonnen. Ich halte nicht dagegen. Mir kommt er auch bekannt vor, dieser adleräugige Pferdeschinder.“

Sie lachten wieder alle, und dann waren sie bei mir. Zuerst Greyhound Jackson, der Älteste von ihnen, ein Mann, der den Trail nach Kansas wie seine Tasche kannte. Vielleicht der erfahrenste Herdentreiber, den es überhaupt in ganz Amerika gab. Er hatte schneeweiße Haare und einen eisgrauen Bart. Deswegen nannten sie ihn Greyhound.

Und dann Honkytonky, dieser schiefmäulige Kerl mit dem ewigen Grinsen im Gesicht. Aber ein phantastischer Kamerad und zuverlässiger Cowboy. Und ich schüttelte Flicflac die Hand. Er stammte aus Frankreich und hatte den Akzent bis heute nicht ablegen können. Aber von uns allen war er der beste Revolverschütze. Er hätte ein Revolvermann sein können. Aber er wollte nicht. Er wollte lieber Cowboy sein.

Und dann war auch noch mein langjähriger Freund Benito Vara, den der Colonel einfach einen Mexikaner genannt hatte.

Benito war groß, schmal, hatte einen schwarzen Schnauzbart und schönes, welliges schwarzes Haar. Ich wusste, dass auf ihn die Frauen wie wild waren und er wohl auch auf sie. Den sechsten von uns hatte Maugham gar nicht erwähnt. Es war Red Eagle. Er trug Cowboykleidung, und man sah ihm den Indianer eigentlich gar nicht so an, aber er war ein vollblütiger Cherokee.

Ohne Red Eagle wäre ich damals vor fünf Jahren im Cimarron River ertrunken. Es war Red Eagle, der mich herauszog.

Nach der Begrüßung stiegen sie von den Pferden, sattelten ab, und während ich ihnen half, erzählte ich ihnen, was mir widerfahren war.

„Wir legen zusammen, und du bekommst ein neues Pferd“, meinte Greyhound Jackson und klopfte mir auf die Schulter. Dann sah er den schlanken, drahtigen Indianer an und fragte: „Oder glaubst du, dass wir in dem Tal, was wir gestern gesehen haben, ein paar Broncos erwischen?“

„Vielleicht“, erwiderte Red Eagle. Er sprach etwas steif, ein eigenartiges Englisch, aber wir hatten uns daran gewöhnt. Nur Fremde stutzten, wenn sie ihn hörten.

Sie gingen mit mir in den Schlafsaal, und ich holte meinen Sattel. Es war üblich, dass jeder der Männer seinen Sattel hinter seinem Bett aufbewahrte. Es gab eine Menge freie Betten in diesem Raum, und Greyhound Jackson erklärte mir: „Die Mannschaft ist noch draußen im Outfit-Camp. Er holt selten seine Männer hier herein. Und im Herbst schmeißt er sie raus. Über den Winter hält er keinen Mann, außer seinem Vormann. Und das ist eine eigene Sache. Darüber können wir später reden.“

„Und was will er überhaupt von uns? Er wollte mich einstellen.“

Jetzt sahen mich alle gespannt an. „Und was hast du gesagt?“

„Ich habe gesagt, dass ich eine Nacht darüber schlafen will“, erklärte ich ihnen.

Sie wirkten allesamt erleichtert. „Keiner von uns hat ihm zugesagt, für ihn zu arbeiten.“

„Und was hat er wirklich vor? Uns als Cowboys einzustellen? Er hat von einer Sonderprämie gesprochen.“

„Ja, das hat er. Die will er uns auch zahlen“, erwiderte Greyhound Jackson. „Er besitzt zwei riesige Herden, und eine dritte will er noch von Mexiko heraufbringen lassen. Das sollen wir für ihn besorgen.“

„Und dann?“, wollte ich wissen. GreyhoundJackson lächelte hintergründig. „Das fragst du? Das fragen wir uns auch! Und dann, du bist noch nicht auf dem Land herumgeritten. Wir haben gar nicht gewusst, dass es dieses Land in dieser Gegend gibt.“

„Ich auch nicht“, gab ich zu. „Ich war drauf und dran, durch die Wüste zu marschieren. Von der Ranch und der Tatsache, dass hinter den Hügeln Prärieland ist, hatte ich nicht die mindeste Ahnung.“

„Siehst du. Uns erging es nicht anders. Aber dieses Land ist nicht so groß, dass es die zwei Herden, die er schon hat, ernähren kann. Jetzt will er noch eine dritte holen. Ihm fehlt vor allen Dingen das Wasser. Wasser gibt es hier noch weniger als Gras. Was also hat er vor?“

„Gibt es Nachbarn?“

„O ja, die gibt es“, erwiderte mir Greyhound Jackson, „kleine Drei Kühe-Rancher, Mexikaner, nicht sehr bedeutend. Ich glaube nicht, dass er irgendwas mit denen zu tun hat.“

„Gibt es hier auf der Ranch überhaupt keine Frauen?“

„Keine?“ Greyhound Jackson lachte, und dann sah er die anderen an, und die grinsten ebenfalls. „Zwei haben wir hier, und was für welche!“

„Wirklich“, bestätigte Flicflac und leckte sich dabei über die Lippen, als hätte er sich Appetit gemacht. „Die eine ist seine zweite Frau, viel jünger als er. Ein Klasseweib, sage ich dir. Und die Tochter, na ja, siebzehn Jahre, noch ein bisschen jung, aber schon alles da.“

Draußen ertönte der Hufschlag eines einzelnen Pferdes. Red Eagle beugte sich zurück, dass er durch das Fenster sehen konnte. Es waren schmale Fenster, die ebensogut auch als Schießscharten dienen konnten.

„Ah, der Vormann!“, rief Red Eagle.

„Da bin ich aber gespannt, was der uns erzählen will, der ist schon die ganze Zeit hinter uns her“, meinte Greyhound Jackson, „irgendwie fällt er mir langsam auf die Nerven. Es kommt der Tag und die Stunde, da muss ich ihm eins in seine blöde Schnauze hauen.“

„Das klingt ja nicht sehr freundlich“, stellte ich fest. „Wollt ihr nun anbeißen an dieses Treiben oder nicht? Ich für meinen Teil sitze etwas in der Patsche wegen des Pferdes.“

„Du sitzt überhaupt in keiner Patsche. Wieviel hast du noch?“

„Fünf Dollar.“

„Na prima, wenn wir alle zusammenlegen, reicht es, dir ein Pferd zu kaufen. Es muss nicht bei ihm hier sein. Aber er will anständig bezahlen. Und wenn er das tut für eine ordentliche, ehrliche Arbeit, warum sollten wir da nichts für ihn machen?“

„Was habt ihr heute getrieben, wenn ihr nicht für ihn arbeitet?“, wollte ich wissen.

„Wir haben natürlich etwas für ihn getan. Fürs Essen, würde ich sagen. Außerdem hat er uns ein paar Dollar versprochen. Aber wir sind damit fertig gewesen und deshalb hergeritten. Es war genug.“

Ich konnte jetzt durch das Fenster den Vormann sehen. Er war so etwa in meinem Alter, aber er sah wie ein Schläger aus. Sein ganzes Gesicht war eine einzige Herausforderung. Und er schien vor Wut zu schnauben. Jetzt sprang er vom Pferd und stürmte direkt auf unsere Tür zu. Kaum war er mir aus dem Gesichtsfeld, donnerte es schon gegen die Tür, und sie flog auf, knallte hinten gegen die Wand, und Bill Rawlins stand im Raum.

Er sah wirklich wie ein Schläger aus, und da brüllte er schon los:

„Wer hat euch gesagt, dass ihr schon Schluss machen könnt? Die Arbeit war draußen noch nicht beendet.“

Wir sahen uns an, Greyhound Jackson wandte sich an mich und sagte: „Gibt es hier jemanden im Raum, mit dem er sprechen könnte?“

„Euch meine ich!“, brüllte Bill Rawlins.

Greyhound Jackson drehte sich ganz langsam um. „Und? Wieso schreist du uns so an? Hast du uns was zu sagen?“

„Ich bin euer Boss!“

Greyhound Jackson sah sich wieder um, als könnte Bill Rawlins einen anderen meinen, und dann sagte er: „Er ist der Boss. Wo ist der Bursche, dessen Boss er ist? Kennt ihn einer von euch? Hat sich hier einer versteckt, der diesen Rawlins zum Boss hat?“

Erst war Rawlins rot gewesen vor Zorn, jetzt wurde er blass. Mir war klar, dass er jeden Augenblick explodieren musste. Aber was sollte er da tun? Irgendwie schien ihm völlig klar zu sein, dass wir zusammenstanden wie eine Wand. Und das schien ihm doch zuviel.

Details

Seiten
120
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783738923384
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2018 (Oktober)
Schlagworte
callahan stampedesturm

Autor

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Titel: CALLAHAN #16: Stampedesturm