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Vier Leichen für die Rache: Krimi

2018 130 Seiten

Leseprobe

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Vier Leichen für die Rache

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Krimi von Manfred Weinland

Der Umfang dieses Buchs entspricht 94 Taschenbuchseiten.

Als ein Kollege von FBI Agent Trevellian ermordet wird, schreckt das die Agenten auf. Ein wohlbekannter Verbrecher macht dem FBI das Leben schwer. Er nimmt eine andere Identität an, mit der er das ganze FBI zum Narren hält – und er versucht weiter zu morden, um sich zu rächen. Selbst als die FBI Agents Trevellian und Tucker die Identität aufgedeckt haben, hängen die Leben von Jonathan McKee und dem alten Neville am seidenen Faden.

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Copyright

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Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker.

© by Author / Titelbild Firuz Askin

© dieser Ausgabe 2017 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

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Prolog

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»Jetzt aber ’raus hier!«, befahl der Mann vor dem Spiegel. »Den letzten Schritt will ich allein tun!«

Die Gestalt hinter ihm wankte leicht. Sie war kaum größer als ein Liliputaner. Nur der Zwerg selbst wusste, wie sehr er zitterte, als er den Raum verließ.

Eine Weile saß der Mann mit dem Kopfverband reglos wie eine Mumie vor seinem Spiegelbild.

Schließlich durchlief ihn ein merklicher Ruck, und er begann, den Verband aufzuwickeln. Stück für Stück der blassen Haut kam zum Vorschein, bis am Ende ein triumphaler Schrei über seine Lippen kam.

Weit beugte er sich vor und betrachtete das Instrument seiner Rache im Spiegel.

Es war perfekt.

Zufrieden rief er den kleinen Mann zu sich zurück.

»Das hast du prima gemacht!«, lobte er. »Ganz prima ...«

Dann erschoss er ihn.

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Als er die Frau kennenlernte, dachte er: Keine Chance. Die ist ganz andere Klassen gewöhnt. Vergiss es.

Aber dann lächelte sie ihm zu - wobei »Lächeln« eine höchst unzureichende Umschreibung für den Vorgang war. Ihre Zunge tanzte spielerisch über die feucht glänzenden, sinnlichen Lippen.

Harper Macintosh korrigierte spontan die Haltung seines fülligen Körpers. Der Gameboy rutschte ihm aus der Hand. Finger mit rot lackierten Nägeln griffen entschlossen zu.

»Darf ich mal ...?«

Macintosh verfolgte wie hypnotisiert die Finger, die das elektronische Spielzeug ganz selbstverständlich von einer bestimmten Wölbung seiner Badehose pflückten.

Er brachte kaum ein Nicken zustande.

Das Traumgirl setzte sich mit Schwung neben ihn auf das viel zu schmale Badetuch. Unbeholfen huschten ihre Finger über die Tastatur.

Macintosh stellte sich vor, dass sie andere Situationen mit wesentlich mehr Talent meisterte.

Altes Ferkel!, schimpfte eine Stimme, die er getrost ignorieren durfte. Das war sein Gewissen. Ein altbekannter Spielverderber.

Macintosh überwand seine Scheu. Ältere Triebe erwiesen sich als stärker. Nachdem er ihr das Spielzeug erklärt hatte, setzten sie sich an die Pool-Bar und plauderten weiter.

Sie erregten als Paar einiges Aufsehen. Der Grund war allerdings wenig schmeichelhaft für Macintosh. Die meisten Leute dachten: Was findet die Kleine bloß an dem Fettkloß?!

Zwei Stunden später wussten sie immer noch nicht viel mehr als die gegenseitigen Vornamen. Aber sie verabredeten sich für den kommenden Abend ...

Die Falle war perfekt inszeniert.

Harper Macintosh, Sonderagent des FBI, zur Zeit auf Urlaub, hatte nicht den Hauch einer Chance.

Aber das ahnte er noch nicht, als die Sexbombe ihn nach einem exzellenten Essen und mehreren Gläsern Wein bereitwillig auf sein Hotelzimmer begleitete.

Mittlerweile kannte er immerhin schon ihren vollen Namen.

Judy Love.

Das klang genau so, wie sie sich benahm: nuttig. Aber irgendwie faszinierte es ihn auch. Die ganze Zeit wartete er darauf, dass sie ihm ihren Preis nennen würde. Und obwohl er sich vornahm, den gemeinsamen Abend dann sofort abzubrechen, war er sich nicht sicher, ob er es wirklich tun würde.

Sie war von einer Klasse, die man selten traf. Nicht gerade geeignet für hochgeistige Gespräche - aber danach war ihm seit ihrer Begegnung ohnehin nicht mehr.

»Darf ich kurz dein Bad benutzen?«, fragte sie kehlig, nachdem sie ihn mit einem Kuss erregt hatte.

Er wies ihr den Weg und schenkte sich erst einmal einen Drink an der Zimmerbar ein.

Macintosh schaltete bis auf eine schummrige Lampe am Bett alle Lichter aus und begann, sich zu entkleiden. Aus dem Bad hörte er ein paar undefinierbare Geräusche. Mit den Handflächen prüfte er die Matratze auf ihre Belastbarkeit. Er grinste dabei wie ein Schuljunge, immer noch nicht ganz sicher, ob er das alles nicht nur träumte.

Dann kehrte sie zurück und beendete jeden Zweifel an einen Traum.

Sie war splitternackt.

Aber sie hatte etwas in der Hand.

Macintoshs Mund wurde trocken. »Was ... soll das werden?«

Sie trat so nahe zu ihm, dass er ihr Parfüm wahrnahm. »Sei kein Spielverderber«, gurrte sie. »Ich brauch’ das. Es wird dir auch gefallen ...«

Spielerisch legte sie ihm eine Handschelle an. Es klickte leise, als das Schloss einschnappte. Judys Kuss erstickte Macintoshs Protest. Und das, was ihre Zunge mit ihm anstellte, überredete ihn vollends - machte ihn erst richtig heiß.

Wenig später hatte Judy ihn vollständig entkleidet und an Händen und Füßen an die Bettpfosten gefesselt. Sie setzte sich rittlings auf ihn. Macintosh stöhnte. Daraufhin stopfte sie ihm einen Knebel in den Mund und zauberte von irgendwoher einen Klebstreifen, mit dem sie seine Lippen versiegelte.

Er verdrehte die Augen und bäumte sich auf.

Sie lachte.

Dann stand sie auf, verschwand im Bad, kehrte mit ihren Kleidern zurück und zog sich vor seinen Augen vollständig an.

Macintosh warf sich auf dem Bett hin und her.

Mit Kusshand verabschiedete sie sich.

Das letzte, was Macintosh von ihr sah, war ihr herrlich wippender Hintern.

Er verstand überhaupt nichts mehr. Sie hatte ihm nicht einmal die Brieftasche geklaut.

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Die Todesnachricht flatterte fast gleichzeitig mit seinen Urlaubsgrüßen auf unseren Tisch.

Mein Freund Milo Tucker ulkte gerade über die offenherzigen Badegirls auf der Vorderseite der Karte, als die Tür temperamentvoll aufgestoßen wurde und unser blonder Italo-Kollege Clive Caravaggio mit Begräbnislaune eintrat.

»Eine verdammte Sauerei ist passiert. Haltet euch fest ...«

Er sagte es leise, gepresst. Deshalb horchten wir sofort auf. Er legte das Fax auf die Nahtstelle zwischen unseren beiden Schreibtischen und ließ uns Zeit, den Inhalt zu verarbeiten.

Es war wie ein Hammerschlag vor die Stirn.

Als ich »Unmöglich!« hervorstieß, hatte ich das immer noch nicht ganz geschafft. Milo ging es nicht anders. Aber er schwieg, presste die Lippen zusammen.

»Es stimmt«, erklärte Clive. »Zweifel unmöglich. Die Identifizierung ist bereits abgeschlossen. Harper wurde in seinem Hotelzimmer ermordet – hingerichtet wäre wohl der treffendere Ausdruck!«

Ich brachte es immer noch nicht auf die Reihe.

Wir arbeiteten nicht ständig so eng zusammen, dass wir täglich mit Sektion C, in der Macintosh als Computer-Experte arbeitete, in Tuchfühlung kamen. Von seinem Urlaub hatte ich beispielsweise überhaupt nichts gewusst.

Aber das milderte nicht den Schock, den diese Nachricht bei mir verursachte. Wieder einmal hatte der Tod in nächster Nähe zugeschlagen!

Mein Blick glitt fast selbständig über das Papier. Oriental Beach ... Das lag praktisch vor unserer Haustür, unten bei Manhattan Beach an der Schafskopfbucht.

So sah es auch Milo.

»Wer hat ihn gefunden?«

»Das Zimmermädchen. Die Hotelleitung hat sofort die City Police gerufen. Das Fax stammt von Hywood.«

Das hatte ich bereits gesehen. »Wann war das?«, fragte ich.

»Das Fax? Vor zwei Minuten - die Entdeckung vor knapp einer Stunde. Hywood war nicht selbst am Tatort.«

»Okay«, nickte ich Milo zu. »Fahren wir gleich hin!«

An Clive gewandt, fragte ich noch: »Informierst du den Chef?«

Er bejahte.

Mit meinem roten Flitzer fuhren wir über die Manhattan Bridge nach Brooklyn und weiter durch Gravesend nach Manhattan Beach. Wir gerieten voll in den Stau rein, der sich täglich auf dem Shore Parkway Richtung Coney Island mit seinen Vergnügungseinrichtungen bildet. Zum Glück orientierten wir uns genau entgegengesetzt.

Während der ganzen Fahrt herrschte ziemliche Stille zwischen Milo und mir. Wir hingen beide unseren Grübeleien nach. Richtig fassen konnten wir es immer noch nicht.

Harper Macintosh war tot!

Harper war eine verrückte, unkonventionelle, humorige Type gewesen, vielleicht etwas zu dick und manchmal etwas zu einsiedlerisch - aber ein Freund, wenn es drauf ankam. Sein Leben als Einsiedler in seiner Computer-Eremitage im FBI-Gebäude an der Federal Plaza hatte ihm manche Stichelei unter den Kollegen eingebracht. Vielleicht spielte auch eine Rolle, dass er nie der wagemutige Frontkämpfer gewesen war. Sein Plus waren seine Intelligenz und seine bisweilen auf Umwegen zum Ziel führenden Schlussfolgerungen - wobei sich die Umwege meist nachträglich als Abkürzungen herausstellten. Mit seiner Hilfe hatten wir vor einiger Zeit einen gerade im Entstehen begriffenen Ring illegaler Organhändler auffliegen lassen. Mehr noch: Das einträgliche Geschäft mit lebensrettenden Transplantaten war mit einem noch viel mieseren Verbrechen gekoppelt gewesen: Kinderhandel! Babys waren von falschen Babysittern geraubt und meistbietend auf dem Schwarzen Markt verschachert worden.

Der Drahtzieher des Ganzen, ein Newcomer im Reigen der Mafiosi, hatte uns damals blutige Rache geschworen.

Sein Name: Laurel Custer!

»Vorsicht!« Das war Milos Stimme. Aber ich hatte bereits vor der roten Ampel gestoppt.

»Ich dachte schon ...«, setzte er an. Mein Blick ließ ihn verstummen. Er brauchte nichts zu sagen. Er verstand mich, und ich verstand ihn.

Am Kingsborough Community College vorbei erreichten wir den Oriental Beach mit seinen gefälligen Hotelbauten. Es war typisch für Harper, dass er hier Erholung gesucht hatte. Andere fuhren nach Europa, schauten sich die weite Welt an - er blieb hier, einen Katzensprung vom Moloch Manhattan entfernt, immer in Reichweite seines heißgeliebten Arbeitsplatzes.

Die Kleine an der Rezeption des »Beach Palace« war ganz meine Kragenweite. Aber in Gedanken war ich viel zu weit weg, um ihre erotischen Signale zu nutzen. Nach Vorzeigen unserer Dienstmarken verständigte sie die Geschäftsführerin, und die war, obwohl ebenfalls weiblichen Geschlechts, vollends sicher vor mir.

»Diskretion!«, war das erste Wort, das sie uns zur Begrüßung entgegenschleuderte. »Bitte! Seien wenigstens Sie etwas diskret! Die Cops haben unser friedliches Haus bereits in einen Taubenschlag verwandelt.«

Ich musterte sie im Schnellverfahren.

Kalt wie eine Porzellanpuppe kam sie uns in ihrem farbenprächtigen Kimono entgegen. Sie musste Japan-Fan sein. Ihr Teint war weiß, der Mund grellrot geschminkt, fast losgelöst vom übrigen Gesicht. Im ersten Moment war es faszinierend, die Lippenbewegungen zu verfolgen. Aber dann registrierte ich aus den Augenwinkeln das kaum merkliche Ducken meiner Favoritin hinter dem Tresen. Damit wusste ich bereits mehr, als mir die weibliche Repräsentationsmaschine je selbst über sich verraten hätte.

»Sind Sie nicht auch der Auffassung, dass nicht die Cops, sondern der Mörder die Schuld daran trägt?«, fragte ich sanft.

Mein Ton ließ sie aufhorchen. Das einstudierte Lächeln verfiel. Darunter kam der Drache zum Vorschein, der sie in Wirklichkeit war.

»FBI!«, zischte sie verächtlich, mit Blick auf unsere immer noch gezückten Marken. »Was hat das FBI mit diesem Mord zu tun? Gehörte das Opfer zu Ihnen?«

Fein kombiniert, dachte ich. Doch statt einer Erklärung ließ ich sie auflaufen, und um die Sache zu forcieren, verlangten wir Harpers Zimmernummer. Gemeinsam mit Milo betrat ich kurz darauf den Lift.

Der Boy feixte uns an. Der Drache im Kimono feixte auch.

Aber dazwischen lagen Welten.

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Der Zwei-Meter-Mann schien über bislang unbekannte telepathische Fähigkeiten zu verfügen. Als die Lifttür im 3. Stock des Hotels aufglitt, stand er bereits mit ausgestreckter Hand da und begrüßte uns mit einem Handschlag, der unsere Finger zum Knirschen brachte.

Der unbekannte Detective Sergeant erinnerte vom Äußeren her an Ed Schulz, den »Schatten« des von uns hochverehrten Leiters der Mordkommission Manhattan Süd, Harry Easton. »Schatten« deshalb, weil sie ein schier unzertrennliches Paar bildeten.

Er stellte sich als Clyde Jasper vor. Vom Büro war er bereits auf uns eingestimmt worden.

»Kommen Sie mit!«

Durch die Phalanx der Cops und Gaffer dirigierte er uns in ein Zimmer, das etwa in der Mitte des langen Flurs lag.

Ich rechnete mit dem Schlimmsten und versuchte, mich dagegen zu wappnen.

Das Bild, das sich uns bot, schlug dennoch jede Vorstellungskraft. Ruckartig wandte ich mich ab. Der Inhalt meines Frühstücks drängte mit unwiderstehlicher Macht nach oben. Ich spürte Milos Hand auf meiner Schulter. Aber es dauerte eine ganze Weile, bis ich mich gefangen hatte.

Der Tod war unser ständiger Schatten.

Täglich begegneten wir ihm in neuen Gesichtern.

Aber es blieb etwas anderes, einen Freund so zu sehen.

»Wer kann das getan haben?«, hörte ich Milos Stimme wie durch dichten Nebel.

Jasper antwortete: »Wir haben eine Spur. Zwei junge Mädchen, die genau gegenüber in einem Doppelzimmer wohnen, wollen etwas gesehen haben.«

Ich riss mich von dem Anblick los, der sich wie eine Momentaufnahme in mein Gehirn geschweißt hatte. Das blutgetränkte Bett ... Harpers nackter, mit Handschellen gefesselter Körper ... Der Ausdruck unglaublichen Grauens in den aufgerissenen Augen ...

Wie aus dem Nichts tauchte Doc Howard neben uns auf. Er schien schon etwas länger als wir hier zu sein.

»Ich lasse ihn jetzt in mein Labor bringen, wenn keine Einwände bestehen.«

»Erste Erkenntnisse?«, fragte ich dumpf.

Er nickte verhalten. Seine Stimme war leidenschaftslos wie immer, aber es gab Unterschiede zu sonst. Auch er hatte Harper gekannt.

»Der Mörder hat ihm eine Unzahl an sich nicht tödlicher Stich- und Schnittwunden beigebracht, ihn dann aber verbluten lassen.«

»Bringen Sie uns zu den Zeuginnen«, forderte ich Jasper auf, um endlich von hier wegzukommen.

Ich nickte Milo zu. Wir gingen ins gegenüberliegende Zimmer. Aus den Augenwinkeln sah ich Warren Clymer, den FBI-Spezialisten für Spurensicherung, mit seinem Team am Ende des Ganges auftauchen. Er würde die Männer der City Police ablösen. Ich nickte grimmig. In mir staute sich ein Gefühl an, das nichts mit blinder Rachsucht zu tun hatte. Wohl eher mit dem tiefen Bedürfnis, diese Bestie, die Harper auf schreckliche Weise ermordet hatte, aus dem Verkehr zu ziehen.

Lizzy und Mindy Philips hießen die beiden Schwestern, die uns in Gegenwart eines Cops auf dem Balkon des Hotelzimmers erwarteten. Sie trugen Strandkleidung. Beide waren rothaarig. Beide trugen mehr Sommersprossen als Stoff am Leib. In einer anderen Situation hätte ich die Einblicke, die sie uns ohne Scheu gewährten, genossen.

Aber Harpers Bild schob sich immer wieder wie eine Doppelbelichtung vor meine Augen.

»Eine Frau«, sagte Lizzy, nachdem wir uns ausgewiesen hatten.

»Ein Männer verschlingender Vamp!«, ergänzte Mindy mit Neid im Blick, der absolut unnötig war. »Die wickelte den Dicken um den kleinen Finger. Ich habe sie schon unten am Strand bemerkt - und später auf dem Flur. Was ist überhaupt passiert? Der Dicke wurde ermordet? Etwa von ihr?«

»Ein Hotelgast?«, fragte ich.

Die Respektlosigkeit, mit der sie über Harper sprachen, versetzte mir einen Stich. Aber wer konnte es den beiden Girls schon übelnehmen, die sicherlich mit allem gerechnet hatten, als sie in Urlaub fuhren, nur nicht damit, als Zeugen in einem Mordfall aussagen zu müssen.

Sie zuckten mit den Schultern.

Eine Frage für den »Drachen«. Jasper bot sich an, dies zu übernehmen.

Milo ließ sich eine Beschreibung des Vamps geben. Anschließend baten wir sie, sich für einen Blick in unsere Verbrecherkartei zur Verfügung zu halten. Zunächst aber musste Prewitt ran, um mit ihrer Hilfe ein verwertbares Fahndungsfoto zu erstellen.

Die Philips-Schwestern fanden das aufregend und stimmten sofort vorbehaltlos zu.

Mit Clymer verabredeten wir, dass er uns seine Erkenntnisse sofort vorlegen würde, sobald sie spruchreif waren.

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Sogar Mandy trug Trauer, als wir zum Chef gerufen wurden. Mr. McKees Sekretärin und Lichtblick im Vorzimmer führte uns wortkarg ins Allerheiligste.

Clive war bereits anwesend. Es war nicht schwer zu erraten, worüber sie sich unterhalten hatten. Im Moment gab es nur ein Thema. Und an uns war es nun, die Details zu liefern.

Die Betroffenheit war groß, als wir berichteten, auf welch bestialische Weise Harper getötet worden war.

Eine Weile herrschte Schweigen.

Ich musterte Mr. McKees Gesicht. Mehr als üblich wirkte er übernächtigt und erschöpft. Seine Hände, die einem Künstler zu gehören schienen, traktierten einen Bleistift, mit dem er wenig künstlerische Kritzeleien auf das Papier vor sich brachte. Seine gewohnte Souveränität schien durch die Hiobsbotschaft ärger gelitten zu haben, als es ein Außenstehender vermuten konnte.

Endlich erhob er das Wort: »Sobald Prewitt das Foto fertig hat, werden alle verfügbaren Kräfte für die Fahndung eingesetzt.«

Sein Blick war auf Clive geheftet, der die Sache organisieren sollte. »Jesse, Milo - Sie sind von allen anderen Aufgaben entbunden! Wir werden den Killer finden - das sind wir Harper und der Sicherheit dieser Stadt schuldig!«

Das waren genau die Worte, die wir hören wollten.

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Der Tag endete mit einer Überraschung: Die Philips-Schwestern wurden fündig, noch ehe Prewitts Phantomzeichnung in der Fahndung richtig greifen konnte.

Wir hatten die »Schwarze Lola«, den FBI-Computer, und die Rechner der City Police mit der Personenbeschreibung des Vamps gefüttert. Aus den insgesamt etwa tausend Möglichkeiten der engeren Wahl hatten Lizzy und Mindy in mühsamer Kleinarbeit schließlich eine Karte herausgezogen, bei der sie mit ziemlicher Übereinstimmung behaupteten, dies sei die tödliche Lady!

Zehn Minuten später waren wir unterwegs nach Brooklyn.

New Utrecht Avenue lautete die Adresse, die der Computer als letztbekannten Aufenthaltsort von Judy Hazelwood ausgespuckt hatte - ein kriminelles Callgirl mit langem Vorstrafenregister. Bislang allerdings nur kleinere Delikte, hauptsächlich Beischlafdiebstähle. Was mit Harper passiert war, passte nicht in dieses Bild.

»Vielleicht war sie stoned, als sie ausflippte«, argwöhnte Milo während der Fahrt. »Verdammtes Rauschgift!«

Ich beteiligte mich nicht an solchen Spekulationen.

Es dämmerte bereits, als wir vor dem gepflegten Apartmenthaus im Schatten einer Grünanlage eintrafen. Die Gegend war eine der besseren.

An der Eingangstür fanden wir unter einem Wust von Schildern problemlos den Namen, den wir suchten.

Judy Hazelwood.

Wir klingelten. Manchmal ist der direkteste Weg der erfolgversprechendste.

Diesmal klappte es nicht.

Milo drückte bei einem anderen Namen. Ein Frau keifte entnervt: »Wer ist da?« Babygeschrei im Hintergrund.

Wir sagten die Wahrheit. Und brauchten eine Weile, um die los sprudelnde Stimme zu stoppen. Nur mit Mühe konnten wir sie davon überzeugen, dass wir von ihr oder ihrer Familie nichts wollten. Nur hinein wollten wir!

»Können Sie sich denn ausweisen?«

Wir konnten, aber nicht über drei Stockwerke hinweg!

Sie belehrte uns eines Besseren.

Hoch über uns klapperte ein Fenster. Der Lockenschopf einer italienischen Muster-Mama schob sich ins Freie, ein Kind wie eine Puppe auf dem Arm jonglierend. Das Kind brüllte. Aber bestimmt nicht vor Vergnügen.

»Zeigen Sie mir Ihre Ausweise!«, schallte es uns mit der dezenten Diskretion einer Zirkusfanfare entgegen.

Ehe uns endgültig der Frust packte, taten wir ihr den Gefallen.

Worauf sie sich mit der freien Hand eine Art Opernglas vor die Augenwülste klemmte. Kurz danach zog sie sich wortlos zurück.

Es dauerte zehn Sekunden, bis der elektrische Türöffner summte. Weitere zehn Sekunden später drängte ein anderer Hausbewohner mit gezücktem Haustürschlüssel, von draußen kommend, an uns vorbei.

Milo brachte es auf den Punkt: »Shit!«

Wir losten mit einer Münze, wer die Treppe und wer den Aufzug nehmen durfte.

Zähneknirschend hechelte Milo die Stufen hinauf.

Ich vertraute mich der engen Liftkabine an, die in solch gemächlichem Tempo nach oben zuckelte, dass Milo fast gleichzeitig mit mir eintraf.

»Du kommst spät«, kam ich seiner Bemerkung zuvor.

Er winkte ab. »Im zweiten Stock hatte ich eine unheimliche Begegnung der soundsovielten Art. Unsere Türöffnerin!«

Mehr brauchte er nicht zu erklären.

Vor Judy Hazelwoods Apartmenttür zückten wir unsere Waffen.

Dass die Killerlady nicht geöffnet hatte, besagte nicht, dass sie nicht da war!

Und auch die Geräusche, die durch das dünne Türblatt auf den Flur drangen, nährten berechtigte Zweifel.

»Da drin geht was ab«, kommentierte Milo.

Die Laute waren ziemlich eindeutig.

Das Schloss bot unseren Schultern wenig Widerstand. Knallend sprang die Tür unter der Wucht unseres gemeinsamen Ansturms nach innen. Wir folgten, von unserem Schwung getragen. Über einen kurzen Korridor erreichten wir die offenstehende Schlafzimmertür, wo zwei Gestalten inmitten ihres Treibens erstarrt waren.

»Die Stellung kannte ich noch gar nicht«, frotzelte Milo neben mir.

Unsere Smith & Wessons zielten im Beidhandanschlag auf die ineinander gewundenen Körper, bei denen sich nur mit Mühe bestimmen ließ, wer das Männlein und wer das Weiblein war.

»Mach keinen Fehler!«, schnauzte Milo den drahtigen Typen an, der gerade seine rechte Hand befreite und zu der Waffe auf dem Nachttisch zucken lassen wollte. »Es wäre vermutlich dein letzter!«

Der behaarte Unterarm zog sich wie eine Schlange in ihren Korb zurück.

Milo nahm die Artillerie an sich. Danach gaben wir beiden Gelegenheit, sich aus ihrer gegenseitigen Verkrampfung zu lösen.

Irgendwo kam das Gesicht einer Frau zum Vorschein.

»Sie sind verhaftet wegen des dringenden Mordverdachts an Special Agent Harper Macintosh!«, empfing ich sie.

Sie glotzte uns an wie Marsianer. Ihre Stimme, die eben noch problemlos Arien aller Tonlagen geschmettert hatte, kippte.

»Seid ihr des Wahnsinns?!«

»Wir nicht, Lady«, versetzte ich kühl.

Einen Moment lang ließen wir den Kerl im Adamskostüm etwas außer Acht. Woher er die zweite Pistole zauberte, blieb rätselhaft. Ich registrierte nur noch die blitzschnelle Bewegung und ließ mich mit einem an Milo adressierten Warnruf fallen.

Milo ruckte herum.

Aber auch er konnte nicht mehr verhindern, dass sich der Südländer mit dem dunklen Kraushaar die ebenfalls splitternackte Lady schnappte und im Würgegriff an sich heranzog - fast so eng wie beim vorhergehenden Liebesspiel. Nur nicht annähernd mit denselben Absichten.

»Fallen lassen!«, brüllte er uns an.

Hysterie verfärbte seine Stimme. »Schnell! Schnell! – Sonst leg’ ich sie um!«

Er stieß den Lauf unter ihr Kinn. Judy Hazelwoods Augen quollen hervor.

Während ich beide im Visier behielt, tauschte ich rasche Blicke mit Milo. Indessen schoben sich »Adam & Eve« eng umklammert immer näher auf die Tür zu.

»Okay«, sagte ich schließlich. »Ganz ruhig. Wir können miteinander reden ...«

Wie wenig er an gepflegter Konversation interessiert war, bewies er, indem er uns urplötzlich die nackte Lady entgegenschleuderte und Haken schlagend wie ein Feldhase in den Korridor tauchte.

An einen kontrollierten Schuss war nicht zu denken. Wir hätten höchstens die Frau getroffen.

»Kümmere dich um sie«, rief ich Milo zu. Ich war näher zur Tür und jagte dem Flüchtenden sofort hinterher.

Dass er nicht auf den Aufzug spekulierte, war klar. Also schlug ich sofort den Weg Richtung Treppe ein. Ich konnte die Endbewegung der sich schließenden Tür sehen und wusste Bescheid.

Auch ich hatte keine Lust auf den Lift. Aber wenn ich jetzt durch die Glastür folgte, würde mich ein Kugelhagel empfangen - soviel war sicher.

Ich hob einen schweren Metallabfalleimer hoch, der im Flur stand, und schleuderte ihn durch die Türscheibe hindurch.

Durch den berstenden Splitterhagel waren Schüsse, Flüche und hastende Schritte zu hören.

Ich tauchte durch die gewaltsam geschaffene Öffnung, ritzte mir den Anzug, aber nicht die Haut an den Scherben und ging dicht an der Wand in die Knie.

Von dem Fliehenden war nichts zu sehen und auch nichts mehr zu hören. Wenn er schlau war, befand er sich bereits auf der nächsten Etage.

Aber er hatte ein Handicap.

Er war splitternackt!

Die gewundenen Treppenstufen als Deckung nutzend, bewegte ich mich dicht an der Wand in geduckter Haltung abwärts. Jeden Moment erwartete ich von irgendwoher heißes Blei. Aber ich erreichte die nächste Etage unbehelligt.

In Gedanken ließ ich noch einmal das Geräusch seiner Schritte auf mich wirken und kam zu dem Schluss, dass er es nicht weiter als bis hierher geschafft haben konnte.

Ich riss die Tür auf, hechtete mit schussbereiter Waffe in den hellen Korridor - und landete genau vor den Füßen einer ältlichen Jungfer, die mich pikiert, aber keineswegs erschrocken anstarrte. Aus ihren Ohrmuscheln ragten zwei unförmige Stöpsel aus der technologischen Steinzeit hervor, und ihre Brillengläser besaßen die Stärke von Panzerglas.

»Haben Sie etwas verloren, junger Mann?«

Ihre Stimme zitterte wie ein trällernder Vogel, und ich begriff. Offenbar hörte und sah sie nicht sonderlich gut. Damit entging ihr vieles - aber es ersparte ihr auch einen gehörigen Schreck. Wenn nicht sogar mehr.

Glücklicherweise war ihr der Nackte nicht über den Weg gelaufen.

»Gehören Sie zu dem freundlichen Mann im fleischfarbenen Overall, der mir meine Einkaufspakete und meine Enkelin abgenommen hat?«

Ich erstarrte.

Dann machte ich aus der Not eine Tugend und bejahte die Frage.

Was ich erst jetzt erkannte: Die Lady war hochgradig verkalkt. Anders ließ sich das, was sie auf meine Frage hinzufügte, nicht erklären.

»Er bot mir an, alles in meine Wohnung zu bringen.« Ihr Arm wies in eine unbestimmte Richtung irgendwo im Flur.

Mein Herz schlug höher, als ich an der nächsten Tür klingelte und die Oma mit wenigen Worten und einem Blick auf meine Dienstmarke dort abgab. »Kümmern Sie sich um sie«, bat ich. »Und gehen Sie um Himmels Willen nicht vor die Tür, bis alles vorüber ist!«

Der bierbäuchige Mann in Unterhemd und Trainingshosen nickte militärisch knapp. Sein ohnehin gerötetes Gesicht lief noch dunkler an vor Aufregung. Erst als sich die Tür hinter beiden schloss, war mir wohler. Zuvor hatte mir die alte Dame noch ihre Apartmentnummer verraten.

Die entsprechende Tür war geschlossen. Ich fragte mich, wie viel Naivität dazugehörte, einem Wildfremden seine Enkelin, die Wohnungsschlüssel und alle Einkäufe auszuhändigen. Einem nackten Fremden. Und das in einer Stadt wie New York mit einer Kriminalitätsziffer, die die Inflationsrate jedes Bananenstaates noch um Längen schlug!

Mit der Faust klopfte ich gegen die Tür und rief: »FBI! Kommen Sie unbewaffnet und mit erhobenen Händen heraus! Sofort! Lassen Sie Ihre Geisel frei! Sie machen alles nur noch viel schlimmer!«

Eine Kugel durchschlug das dünne Türholz und machte ein hässliches Loch in ein Stillleben an der gegenüberliegenden Wand.

Mir passierte nichts. Ich stand in sicherer Deckung daneben.

Dem Schuss folgte ein hässliches Lachen, in das sich das Weinen eines Mädchens mischte.

»Ihr Scheißkerle kriegt mich nicht! Ich verlange freien Abzug, oder die Kleine geht hops! Sofort! Auf der Stelle! Und als erstes lässt du jetzt deine Waffe fallen!«

Die Tür schwang auf.

Der Kerl aus Judy Hazelwoods Wohnung hatte sich den erstbesten Fetzen Stoff, den er finden konnte, übergezogen. Es war ein Morgenmantel der alten Lady. Gelbrot geblümt. Er sah aus wie eine Schwuchtel. Aber die weinende Vierjährige auf seinem Arm rückte das groteske Bild gleich wieder zurecht. Der Bursche war völlig ausgerastet. Man musste ihn mit Samthandschuhen anfassen, sonst passierte ein Unglück.

Die Pistole auf das Kind gerichtet, trat er mir entgegen.

»Fallen lassen!«, wiederholte er mit irrem Blick.

Ich zögerte nicht länger.

»Wo ist der andere?« Gehetzt blickte er sich um.

»Oben«, sagte ich. »Bei der Nutte.« Der Lauf der Pistole richtete sich auf mich. Einen Moment glaubte ich, er würde abdrücken.

Doch er fragte: »Hast du ein Auto dabei?«

Ich nickte.

»Dann unternehmen wir jetzt eine kleine Spritztour. Du, ich und die Kleine.«

»Es reicht, wenn Sie mich als Faustpfand mitnehmen. Lassen Sie das Kind frei.«

Wieder hatte ich den Eindruck, der Druck seines Fingers am Abzug würde ausreichen, mir das Lebenslicht auszublasen. Aber er beruhigte sich ebenso schnell wieder.

»Nein! Ich kenne euch Bullen! Im Fallenstellen seid ihr Spezialisten. Mit der Kleinen habe ich wenigstens den Hauch einer Chance.«

Er ließ sich nicht davon abbringen.

Im Aufzug fuhren wir nach unten. Ich hatte ihn ständig im Rücken. Das Kind hatte aufgehört zu schreien. Es tat mir am meisten leid.

Ich trat voraus auf die Straße.

Alles wirkte wie ausgestorben. Kein Mensch begegnete uns. Vielleicht nahm ich auch alles nur mit ungewohnter Schärfe wahr.

Mein roter Flitzer parkte neben einer Litfaßsäule.

Ich musste auf die Fahrerseite wechseln, aufschließen und einsteigen. Als ich die Beifahrerseite von innen entriegelte, sah ich plötzlich das Kind fallen. Es verschwand einfach aus meinem Blickfeld. Dafür rutschte der erschlaffte Körper des Geiselnehmers erst das Dach entlang, dann über die Seitenverglasung des Sportwagens - und ich blickte in Milos erleichtertes Gesicht.

Er beugte sich hinab und hob das Kind auf.

So schnell war ich noch nie aus dem Wagen gewesen.

Das Mädchen war bis auf ein paar Schrammen unverletzt.

Ich erfuhr, dass Judy Hazelwood mit Handschellen an den Heizungsstäben in ihrer Wohnung auf uns wartete. Milo war mir gefolgt, hatte alles mitbekommen, die richtigen Schlüsse gezogen und sich dann im Schatten der Litfaßsäule versteckt, bis wir herausgekommen waren. Dann hatte er zugeschlagen.

»Dafür hast du was gut«, sagte ich.

Er schüttelte lächelnd den Kopf. »Wenn wir damit einmal anfangen, führen wir in Zukunft nur noch Listen.«

Er hatte recht.

Über Funk riefen wir einen Wagen, der uns helfen sollte, den Gangster und Judy abzutransportieren.

Das Mädchen kam zu seiner Oma zurück, die immer noch nicht wusste, was eigentlich vorgefallen war. Später vermisste sie nur irgendwann ihren Morgenmantel.

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Die Geschichte der Professionellen, die wir in flagranti mit einem kleinen Licht der New Yorker Unterwelt, das dann in Panik geriet, erwischt hatten, klang so unglaublich, dass sie fast schon wieder wahr sein konnte!

Jimmy Stone und Dirk Baker, unsere beiden Vernehmungsspezialisten, riefen uns schon nach kurzem Verhör dazu. Da war Judy Hazelwood bereits mürbe. Völlig aufgelöst hing sie halb über dem kleinen Tisch in der Mitte des Raumes. Der Aschenbecher darauf quoll über vor halb gerauchten Kippen.

Milo und ich hatten die Gelegenheit genutzt, um uns einen Automatenkaffee und zwei Hamburger zu genehmigen.

Die sofortige Gegenüberstellung mit den Philips-Schwestern hatte bestätigt, dass Judy Hazelwood mit jener Frau identisch war, die Harper auf sein Hotelzimmer mitgenommen hatte. Damit war sie nicht nur die letzte, die ihn lebend gesehen hatte, sondern automatisch auch die Hauptverdächtige!

Zumal die bizarre Art und Weise, wie wir unseren Kollegen vorgefunden hatten, auf genau das »Vorspiel« hinwies, das man einer Frau wie ihr zutraute...

Aber sie leugnete den Mord.

Nachhaltig.

Und sie hatte eine eigene Version, die das Ganze in einem neuen Licht erscheinen ließ.

»Wie oft muss ich es noch wiederholen?«, fuhr sie auf, als wir uns in das Verhör einschalteten. »Ja, ich habe diesen Fettwanst angemacht! Und ja, ich bin mit ihm auf sein Zimmer! Ich habe ihn sogar so zurückgelassen, wie Sie es mir schilderten: An Armen und Beinen gefesselt, dazu noch mit einem kleinen Knebel versehen. Aber da lebte er noch - und wie er lebte! Verdammt! Sie können mir keinen Mord anhängen!«

»Sie bleiben also dabei, dass Sie den Zimmerschlüssel außen ins Schloss steckten und dann ohne jeden weiteren Aufenthalt nach Hause abzogen?«

»Ja, mein Gott! Ist das so schwer zu begreifen? Der Kerl, der mir fünfhundert Dollar für den Spaß zahlte, wollte es so!«

Ein Spaß!

Mir verdrehte es fast den Magen.

»Und Sie haben Ihren Auftraggeber nie gesehen? Nur einen Umschlag mit den genauen Anweisungen und einem Foto Ihres Opfers erhalten?«

Sie nickte.

Ihre Blicke schleuderten Blitze.

»Haben Sie diese Sachen noch?«

Ihr Lächeln gerann. »Bis auf die Mäuse - alles!«

Und das konnte sie beweisen. Eine eilige Durchsuchung ihres Apartments brachte Brief und Foto ans Licht. Ein Brief, dessen menschenverachtende Häme, vom jetzigen Erkenntnisstand aus betrachtet, kaum zu ertragen war.

Judy Hazelwood hatte demnach im guten Glauben gehandelt, an einem Streich beteiligt zu sein, den Freunde Macintoshs ausgeheckt hatten, um ihm einen Denkzettel zu verpassen. Judys Rolle in diesem dreckigen Spiel sollte mit dem Verlassen des Hotelzimmers enden. Danach war geplant gewesen, dass die Freunde bei Harper hereinplatzen sollten!

Stattdessen war der Mörder gekommen.

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7

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Ehe wir Feierabend machten, rief Howard uns noch zu sich. Der Doc empfing uns im Büro seines pathologischen Labors. Wer zum ersten Mal hier eintrat, erschrak über die Kaltschnäuzigkeit, die der Raum ausstrahlte. Überall an den geweißten Wänden hingen, wie an eine riesige Pinnwand genagelt, zahllose, mitunter uralte, schon vergilbte Kopien von Autopsieberichten, die für Howard immer noch von herausragendem Interesse waren. Fälle, die aus dem gewöhnlichen Alltag herausstachen. Absurde Verbrechen, die er in mühsamer Kleinarbeit aufgedeckt hatte. Nur mit Kopf und Skalpell. Howard war eine Kapazität auf seinem Gebiet und Gott sei Dank alles andere als kaltschnäuzig. Die Atmosphäre täuschte. Wahrscheinlich war dieser Ort eine Art Refugium, in das er sich bei Bedarf zurückziehen konnte.

Details

Seiten
130
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783738923346
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2018 (Oktober)
Schlagworte
vier leichen rache krimi

Autor

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Titel: Vier Leichen für die Rache: Krimi