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Die Raumflotte von Axarabor #37: Die Bacarya-Verschwörung

2018 70 Seiten
Reihe: Axarabor , Band 37

Leseprobe

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Die Bacarya-Verschwörung

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Die Raumflotte von Axarabor -  Band 37

von Bernd Teuber

Der Umfang dieses Buchs entspricht 82 Taschenbuchseiten.

Zehntausend Jahre sind seit den ersten Schritten der Menschheit ins All vergangen. In vielen aufeinanderfolgenden Expansionswellen haben die Menschen den Kosmos besiedelt. Die Erde ist inzwischen nichts weiter als eine Legende. Die neue Hauptwelt der Menschheit ist Axarabor, das Zentrum eines ausgedehnten Sternenreichs und Sitz der Regierung des Gewählten Hochadmirals. Aber von vielen Siedlern und Raumfahrern vergangener Expansionswellen hat man nie wieder etwas gehört. Sie sind in der Unendlichkeit der Raumzeit verschollen. Manche errichteten eigene Zivilisationen, andere gerieten unter die Herrschaft von Aliens oder strandeten im Nichts. Die Raumflotte von Axarabor hat die Aufgabe, diese versprengten Zweige der menschlichen Zivilisation zu finden - und die Menschheit vor den tödlichen Bedrohungen zu schützen, auf die die Verschollenen gestoßen sind.

Bei seinen Nachforschungen auf dem Planeten Bacarya stößt der Geheimagent Ta Shiik auf eine Gefahr für die Regierung des gewählten Hochadmirals von Axarabor. Doch bevor er etwas unternehmen kann, verschwindet er spurlos. Commander Overdic, ein Besatzungsmitglied des Raumschiffs STARFIRE, begibt sich auf eine gefährliche Mission, um die Hintergründe in Erfahrung zu bringen.

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Copyright

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Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author / COVER 3000AD 123rf Steve Mayer

© Serienidee Alfred Bekker und Marten Munsonius

© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

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Grellrote Neonbuchstaben leuchteten an der Hauswand. SUNRISE-BAR. Eine schmale Tür führte ins Lokal. Aber sie war mit einem eisernen Laden verschlossen. Ta Shiik sah auf die Armbanduhr. Viertel vor zehn. Vielleicht gab es einen Hintereingang? Durch die Toreinfahrt nebenan ...?

Sollte er lieber umkehren und am Abend wiederkommen, wenn die Bar geöffnet hatte? Irgendetwas musste er nun unternehmen. Er konnte nicht auf der Straße herumstehen. Das wäre zu auffällig gewesen. Rasch trat er in den Schatten der Hauseinfahrt. Dann wartete er einen Moment. In der Nähe spielte jemand auf einem kratzenden Streichinstrument. Eine monotone Melodie. Die Toreinfahrt endete auf einem unübersichtlichen Hinterhof. Allerlei Gerümpel lag herum. Leere Kisten, Flaschenberge und rostige Metalldosen.

Auf der rechten hinteren Hofseite befand sich ein schuppenartiges Gebäude, aus dem dichter, weißer Qualm drang. Vermutlich die Küche eines Restaurants. Plötzlich erinnerte sich Ta Shiik an die gleißende Neonbeleuchtung über dem Eingang der Bar. Wieso hatte man sie nicht ausgeschaltet? Tagsüber war sie doch sinnlos. Der Laden öffnete erst nach Einbruch der Dunkelheit. Ein paar dreckige Kinder spielten in einer Pfütze. Sie blickten verwundert auf, als Ta Shiik vorbeikam. Dann rannten sie ängstlich über den Hof und verschwanden zwischen dem Gerümpel.

Langsam stellte sich Ta Shiik auf die Zehenspitzen und versuchte, durch die vergitterten Fenster zu blicken. Ein Büro mit Schreibtisch und Schrank, Kommunikationsanlage und einem roten Teppich. Der Raum musste zur SUNRISE-BAR gehören. Ta Shiik versuchte es an der Hintertür. Knarrend ließ sie sich öffnen. Ein düsterer Gang lag vor ihm. Zwei Türen links, eine rechts. Er lauschte. Nichts rührte sich. Die Luft war verbraucht. Es roch nach billigem Alkohol.

„Hallo!“

Seine Stimme klang seltsam unwirklich und hallte von den Gangwänden wider. Irgendwo tropfte Wasser. Als er drei Schritte gegangen war und an dem dichten Perlenvorhang ankam, der die rückwärtigen Räume der Bar vom eigentlichen Lokal trennte, entdeckte er einen feuchten Fleck auf dem Boden. Ein dunkler, klebriger Fleck, um den einige Insekten kreisten. Die Läden zur Straße waren dicht. Das einzige Licht drang durch ein schmales Seitenfenster hinter dem Tresen, warf drei schmale Streifen über die Theke und lag direkt auf dem Gesicht des Toten.

Das war auch kein Wasser, was da tropfte – das war Blut.

Ta Shiik ging vorsichtig um den Tresen herum. Der Mann konnte noch nicht lange tot sein, sonst wäre das Blut längst geronnen. Er griff mit zwei Fingern seiner rechten Hand an die Halsschlagader des Mannes. Kalt ...

Jemand hatte ihm die Kehle durchgeschnitten. Ta Shiik sah sich nach der Mordwaffe um. Nichts. Es musste ein schneller, sauberer Schnitt gewesen sein, der den Dicken auf der Stelle tötete. Er war mit dem Oberkörper über den Tresen gestürzt, hatte die rechte Hand um den Wasserhahn des Spülbeckens gekrallt und sich so im Gleichgewicht gehalten.

Plötzlich begann der Tote sich zu bewegen. Der schwere Körper rutschte hinter den Tresen, für einen Augenblick ruckte der Kopf, zwei starre Augen sahen Ta Shiik ins Gesicht, dann gab es einen klatschenden Schlag. Die klammernde Hand hatte sich gelöst. Der Ermordete war hinter die Theke gesunken. Ta Shiik kam zu spät. Hier war nichts mehr zu erwarten. Der Mann, der den Kontakt zu dem Informanten hergestellt hatte, war tot. Das konnte nur bedeuten, dass der Informant ebenfalls nicht mehr lebte. Ta Shiik hatte seine Gegner unterschätzt. Doch dann fiel sein Blick auf die linke Hand des Toten. Die Finger umklammerten etwas Weißes. Der Mörder musste es übersehen haben.

Vorsichtig nahm Ta Shiik das Stück Papier an sich und faltete es auseinander. Ein seltsames Zeichen befand sich darauf. Ein stilisierter Dominostein. Ta Shiik wusste sofort, was das bedeutete. Allerhöchste Gefahr. Er musste die Regierung des gewählten Hochadmirals von Axarabor informieren. Als er sich umdrehte und zum Vorhang zurückgehen wollte, hörte er ein leises Geräusch.

Jemand kam vom Hinterhof ins Lokal herein. War es der Mörder? Mit drei lautlosen Schritten erreichte Ta Shiik den Durchgang und lehnte sich mit dem Rücken gegen die Wand. Seine rechte Hand verschwand unter der Jacke. Er zog den Blaster. Licht flammte in der Bar auf. Eine kalte, nackte Beleuchtung, die von den Deckenlampen kam. Gleich darauf klapperte ein Eimer. Wasser gurgelte. Jemand kam, um die Bar zu säubern.

Das hat mir gerade noch gefehlt, dachte Ta Shiik. Ausgerechnet jetzt! Ich darf mich hier nicht erwischen lassen. Auf einen Geschäftsmann wie mich kann man hier sicherlich verzichten. Eilig verließ Ta Shiik die Bar auf dem gleichen Weg, wie er gekommen war. Es gelang ihm, unbemerkt zu bleiben. Die Kinder konnten sich unmöglich an sein Gesicht erinnern. Für sie war er einer von vielen Menschen. Spätestens in einer halben Stunde würde die Polizei hier erscheinen. Wenn sie überhaupt eine halbe Stunde dazu brauchte.

Auf alle Fälle musste Ta Shiik bis dahin ein ganzes Stück fort sein. Möglichst jenseits dieses Viertels. Er versuchte nicht zu rennen, sondern gemächlich durch die lange Toreinfahrt zu schlendern, als habe er alle Zeit der Welt. Ein Mann, der rannte, erweckte immer Verdacht. Eine alte Frau drängte sich murmelnd an ihm vorbei. Sie schleppte einen großen Korb mit Früchten auf der Schulter. Freundlich grinste sie Ta Shiik an. Er lächelte zurück und entfernte sich. Die drängende, schiebende und schreiende Menge zwängte ihn ein. Er ließ sich einfach treiben.

An der übernächsten Querstraße hörte er das gellende Heulen der Polizeisirene. Die Leute drängten sich erschrocken gegen die Hauswände und machten die Straße frei. Ein Gleiter kam, mit drei Polizisten besetzt. Schwarze Uniformen, Schildmützen und schwere Blaster am Gürtel. Ta Shiik hatte sich in den Ladeneingang eines Antiquitätenhändlers gestellt und wartete, bis der Gleiter vorbei war. Dann ging er weiter. Der Händler lief noch ein paar Schritte neben ihm her.

„Sehr schöne Arbeiten. Erstklassige Materialien ... Alles ist echt. Vertrauen Sie mir. Ich habe Beziehungen zu vielen Handelsplaneten. Bitte, werfen Sie nur einen kurzen Blick ...“

Ta Shiik schob den lästigen Händler zur Seite. Er war nicht an den Waren interessiert. Gleich darauf hatte er einen Platz erreicht, auf dem mehrere Taxis auf Kundschaft warteten. Er setzte sich auf den Rücksitz und nannte dem Computer seine Adresse. Sofort setzte sich das Fahrzeug in Bewegung. Zwei Polizeigleiter rasten vorbei. Verstärkung für die SUNRISE-BAR. Zehn Minuten später erreichte er das zwanzigstöckige Haus, in dem sich seine Wohnung befand. Mit einem der zahlreichen Lifte im Eingangsbereich fuhr er in die achtzehnte Etage.

Als er die Tür seiner Wohnung erreichte, entschärfte er die Sicherheitsvorrichtungen, die verhindern sollten, dass sein Quartier von unerwünschten Eindringlingen aufgesucht wurde. Aus Erfahrung wusste er, dass solche Vorsichtsmaßnahmen notwendig waren, wenn man keine bösen Überraschungen erleben wollte. Ta Shiik sperrte die Tür hinter sich ab, holte einen seiner Koffer hervor, öffnete ihn und baute die komplizierten Kommunikationsgeräte auf, die darin verstaut waren. Dann schickte er ein verschlüsseltes Signal über mehrere Zwischenstationen nach Axarabor. Die Nachricht lautete: Die Dominosteine fallen.

Dieses Codezeichen bedeutete Lebensgefahr für den im Einsatz befindlichen Agenten, und zugleich höchste Alarmstufe für die Regierung des gewählten Hochadmirals von Axarabor!

Mehrmals versuchte man, mit Ta Shiik Verbindung aufzunehmen, doch der Agent meldete sich nicht mehr.

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Zwei Wochen später näherte sich das Raumschiff STARFIRE dem Daryyk-System und bezog seine Position nahe der Sonne. Der starke Ortungsschutz schloss den unberechenbaren Zufall aus, von einem fremden Raumschiff angepeilt zu werden. Captain Simon Hackett, Kommandant der STARFIRE, stand in der Zentrale und betrachtete gedankenversunken das gelbrote Leuchten der Sonne. Sie war ein Stern unter vielen, der Pol eines Planetensystems wie es sie zu hundert Millionen im All gab. Viel wichtiger war der zweite Planet, der mit noch sechs anderen das Muttergestirn umkreiste, von ihrem Licht lebte und eine lebendige Welt war.

Bacarya nannten die Bewohner den Planeten. Er war eine feuchte warme Welt mit großen Meeren und gewaltigen Urwäldern auf den Kontinenten. Seine Schwerkraft betrug 0,7 g. Bacaryas Bedeutung lag nicht in der Tatsache, dass Varod, die Hauptstadt dieser Welt einen hochmodernen Raumhafen besaß und Umschlagplatz all der Güter und Waren war, die es zwischen den Sternen zu transportieren gab, sondern Ta Shiiks Notruf.

Die Regierung des gewählten Hochadmirals von Axarabor hatte Dutzende von Agenten mit der Aufgabe betraut, die Verhältnisse auf den Planeten innerhalb ihres Einflussbereichs zu studieren und Informationen zu sammeln. Offenbar war Ta Shiik bei seinen Nachforschungen auf etwas sehr Wichtiges gestoßen, etwas, dass die Existenz von Axarabor bedrohte. Captain Hacketts Blick wanderte vom Bildschirm zu Commander Gavin Overdic, der soeben die Zentrale betreten hatte.

„Ich bin soweit“, sagte er.

Hackett nickte. „Wir bleiben in Warteposition. Bedenken Sie, dass unsere Existenz und die von Axarabor davon abhängen kann, wenn wir nicht bald herausfinden, was Ta Shiik in Erfahrung gebracht hat. Handeln Sie, falls es die Lage erfordert, nach eigenem Ermessen. Gute Reise, Commander.“

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Zwanzig Minuten später wurde eine Landefähre mit Überlichtantrieb aus dem Hangar der STARFIRE ausgeschleust. Commander Overdic saß im Sitz des Copiloten und schien sich nicht das Geringste daraus zu machen, dass es um einen lebensgefährlichen Einsatz ging. Major Miguel Yacoban ließ seine Finger über die Tastatur der Steuerkonsole gleiten. Er war der erfahrendste Mann an Bord der STARFIRE, wenn es darum ging, ungeortet einen Planeten anzufliegen.

Er hatte den Monitor auf stärkste Vergrößerung eingestellt. Die Stellung der sieben Planeten im Daryyk-System war in seinem Gehirn festgebrannt, ebenso wie das planetarische Gesicht von Bacarya. Nach Auswertung aller zur Verfügung stehenden Daten hatte man herausgefunden, dass Ta Shiiks Nachricht von der Hauptstadt Varod aus gesendet worden war. Allerdings bestanden kaum noch Chancen, den Agenten lebend anzutreffen. Zeit war nun ein entscheidender Faktor. Die STARFIRE war das nächstgelegene Schiff mit geeigneter Besatzung und Ausrüstung.

Commander Overdics Einsatz war von der Regierung des gewählten Hochadmirals von Axarabor bis ins Detail vorbereitet worden, so schnell es in der Kürze der Zeit möglich war. Man hatte nichts dem Zufall überlassen. Sämtliche Dokumente, die er bei sich trug, waren echt. Die letzten zweitausend Kilometer legte die Fähre mit höchster Geschwindigkeit zurück. Ein Drittel aller Energien benutzte Major Yacoban für den Ortungsschutz. Trotzdem reichte diese Maßnahme nicht aus, um die Fähre unbemerkt nach Bacarya zu bringen, wenn er nicht eine besondere Einflugschneise benutzt hätte, in der es einen knapp kilometerbreiten Streifen gab, der nicht hundertprozentig von den Überwachungsstationen erfasst wurde.

Es war der gleiche Kurs, der auch benutzt worden war, um seinerzeit Ta Shiik auf diesen Planeten zu bringen. Die Fähre ging tiefer, durchbrach eine Lücke riesiger Bäume von fremdartigem Aussehen und befand sich dann im Schutz des Dämmerlichts einige Kilometer weit vom Waldrand entfernt. Overdic verließ den Sitz des Copiloten. Bevor er von Bord ging, unterzog er seine Ausrüstung noch einmal einer Prüfung. Er hatte sich für einen Blaster und ein Messer entschieden, das er in seinem rechten Stiefel verbarg. Overdic dachte nicht daran, sich mit Strahlengewehren und Thermorit-Bomben zu belasten. Sie waren nur hinderlich.

„Viel Glück“, sagte Yacoban.

„Vielen Dank, ich kann es brauchen.“

Das Schott öffnete sich und die Rampe wurde ausgefahren. Overdic schaute sich vorsichtig nach allen Seiten um, bevor er die Fähre verließ. Doch seine Sorge war unbegründet. Nirgendwo gab es einen heimlichen Beobachter. Die Rampe wurde eingefahren. Das Schott schloss sich. Wenige Sekunden später hob die Fähre wieder ab.

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Commander Overdic wartete bis zum Morgen, ehe er etwas unternahm. Nach einem zweistündigen Fußmarsch, durch eine fremdartige Flora erreichte er das freie Land. Eine Stunde später gelangte er zu einer Straße, der er jedoch sofort wieder auswich, um nicht zufällig von einer Polizeipatrouille aufgebracht zu werden. Immer öfter musste er an Ta Shiik denken. Er kannte ihn nicht, aber er war davon überzeugt, dass der Agent nicht mehr lebte. Und seinen Platz einzunehmen war hundertmal gefährlicher, als eine Mission von Grund auf neu aufzubauen.

Die Sonne stieg immer höher und sorgte dafür, dass Overdic ins Schwitzen kam. Unverdrossen stampfte er an langstieligen Farnen vorbei, wich vorsichtig einer gelb schimmernden Flechtenart aus, die bei der geringsten Berührung eine ätzende Flüssigkeit nach allen Seiten verspritzte und sich somit gegen etwaige Feinde zur Wehr setzen konnte.

Am frühen Nachmittag erreichte Overdic endlich Varod, die Hauptstadt von Bacarya. Das Häusermeer kam in Sicht. Overdic ließ sich von einem Robot-Taxi ins Technologieviertel bringen. Sein Ziel war Ta Shiiks Stützpunkt. Das Verkehrsgetümmel interessierte ihn nicht, ebenso wenig die pompösen Prachtbauten und die großen Plätze mit ihren überlebensgroßen Statuen. Bacarya war eines der wichtigsten Handelszentren in diesem Sektor des Reiches von Axarabor. Außerdem befanden sich hier viele Firmen, die sich mit Hochtechnologie beschäftigten.

Am Rande der breiten Alleen erhoben sich in großen Abständen hohe Gebäude. Sie waren von einem Kranz von Grünanlagen umgeben, deren Bäume sich scharf gegen den hellen Hintergrund der gläsernen Fassaden abzeichneten. Dieses Vorübergleiten war wie ein kilometerlanger, feierlicher Marsch düsterer bewaldeter Inseln, von denen Türme gen Himmel ragten. Unten zog sich die glatte, breite Oberfläche der Straße hin. In den Tunneln pulsierte der Verkehr wie in einem Adernetz.

Über jeden Platz, über jede Straße sausten Fahrzeuge dahin, die infolge ihrer Geschwindigkeit als lange, farbige Streifen erschienen. Unaufhörlich zirkulierendes Blut in den Arterien eines gigantischen Organismus. Der Glanz, den das kristallene Untergeschoss der Stadt ausströmte, vermischte sich mit dem Farbenregen, der von oben herabflutete. Die goldenen und roten, grünen und violetten Lichtfontänen der Werbeschilder flammten an den Häusern auf und versprühten.

In den Schaufenstern funkelten die Auslagen der Geschäfte wie große Diamanten. Humanoide und echsenartige Lebewesen kamen und gingen, beladen mit Päckchen, stiegen in die wartenden Gleiter, die auf den Parkplätzen standen und sich dann mit ihren Passagieren in die Luft erhoben. An den Kreuzpunkten des Luftverkehrs zwinkerten die farbigen Augen der Signale. Auf den Straßen wälzten sich wahre Lawinen von Fahrzeugen.

Überall herrschte eine erregende, nervöse Hast. Das Taxi bewegte sich ruhig, unberührt und kühl inmitten dieses brodelnden Durcheinanders. Hin und wieder warf Overdic einen Blick durch das Rückfenster, um festzustellen, ob er verfolgt wurde. Aber es war ein sinnloses Unterfangen. Hinter dem Taxi befanden sich Dutzende Fahrzeuge, die alle in dieselbe Richtung fuhren.

Die Straße weitete sich. Sekunden später gab die Robot-Stimme des Taxis bekannt, dass Overdic sein Ziel erreicht hatte. Das Technologieviertel wurde von Hochbauten dominiert, die mehr als fünfhundert Meter in den Himmel ragten. Overdic sah Wesen fremder Völker, von denen er noch nie gehört hatte. Manche trugen Druckanzüge, andere machten mit jedem Schritt riesige Sprünge, weil sie offenbar von Welten mit höherer Schwerkraft stammten. Er sah riesige Kreaturen von mehr als fünf Meter Höhe und winzige Wesen mit Fell.

Ta Shiiks Stützpunkt hatte sich in einem Hochhaus befunden, in dem etwa achthundert Firmen ihre Büros unterhielten. Unauffällig betrachtete Overdic das Gebäude. Gleichzeitig sah er sich immer wieder unauffällig um, aber niemand beobachtete ihn. Durch das große Portal betrat er die Empfangshalle. Sofort kam ein Roboter auf ihn zu und erkundigte sich nach seinen Wünschen. Im 108. Stockwerk befand sich das Büro der Firma Loubar-Enterprises. Unter diesem Namen hatte Ta Shiik seinen Stützpunkt eingerichtet.

Der Lift brachte Overdic innerhalb weniger Minuten nach oben. Der breite Gang war leer. Während er auf Ta Shiiks Büro zuging, öffnete sich eine Tür. Eine junge Frau trat in den Gang und blickte Overdic neugierig an.

„Entschuldigung“, sagte er. „Ich suche die Firma Loubar-Enterprises.“

Die Frau zuckte unmerklich zusammen. Obwohl ihr Gesicht freundlich blieb, klang ihre Stimme abweisend.

„Fünfte Tür rechts. Sie sind schon der Zehnte, der heute zur Loubar-Enterprises will.“

Ihre blauen Augen zeigten keine Neugierde mehr. Sie wandte sich ab und ging in Richtung des Lifts davon. Overdic sah ihr nicht nach. Die Bemerkung der Frau, dass er schon der Zehnte war, hatte ihn nachdenklich gemacht. Um keinen Verdacht zu erregen, ging er zur fünften Tür auf der rechten Seite. Sie war verschlossen. Aber seinem geschulten Blick entging nicht, dass man sie vor Kurzem gewaltsam geöffnete hatte.

Overdic kehrte zurück zum Lift und fuhr wieder nach unten. Er hatte nicht erwartet, dass sein erster Versuch, mit Ta Shiik Kontakt aufzunehmen, erfolgreich sein würde. Aber die Bemerkung der jungen Frau ging ihm nicht aus dem Kopf. Während er in der Empfangshalle einer Gruppe Männer auswich, die beinahe mit ihm zusammengestoßen wäre, bemerkte er plötzlich, dass er beobachtet wurde.

Mit unbeteiligter Miene verließ er das Gebäude. Gleichzeitig musterte er seine nähere Umgebung und ließ eine Hand in die Tasche gleiten. Seine Finger berührten den metallischen Griff des kleinen Blasters. Langsam drängte er sich durch das Gewühl, das auf der Straße herrschte. Seine Sinne waren angespannt. Nun war er absolut sicher, dass man ihn verfolgte.

Zwei Polizisten standen auf dem Platz neben der Statue eines berühmten Raumfahrers. Sie starrten Overdic so auffällig an, dass er es nicht übersehen konnte. Ohne zu zögern ging er auf die Männer zu.

„Ja?“, fragte er und blickte die Polizisten seinerseits herausfordernd an. Gleichzeitig sah er sich unauffällig nach seinem Verfolger um, konnte ihn jedoch nirgendwo entdecken.

„Haben wir Sie angesprochen“, fragte der ältere Polizist.

„Nein, das haben Sie nicht. Aber angestarrt. Laufe ich vielleicht ungewöhnlich?“

„Wir haben den Auftrag, einen Verdächtigen festzunehmen“, erwiderte der Jüngere. „Wenn wir ihn sehen, sollen wir ihn unverzüglich festnehmen. Sie haben eine gewisse Ähnlichkeit mit dem Gesuchten, aber alles andere ...“

„Aha.“

Overdic nickte, verabschiedete sich von den Polizisten und tauchte im Gewühl unter. Er dachte nicht daran, den Platz zu verlassen. Die Suche nach ihm passte nicht in den normalen Rahmen. Weshalb waren die Sicherheitskräfte über seine Ankunft informiert? Gab es irgendwo einen Verräter? Er ging wieder zu dem Gebäude, in dem sich das Büro der Loubar-Enterprises befand. Plötzlich zuckte er zusammen. Unweit des Eingangs entdeckte er die Frau aus dem 108. Stockwerk. Sie sah zu ihm herüber.

Overdic ließ sich nicht anmerken, dass er sie entdeckte hatte. Sie war ihm beim Verlassen des Gebäudes gefolgt. Den Grund für ihr Verhalten kannte er im Augenblick noch nicht. Hatte sie die Sicherheitskräfte informiert? Overdic wandte sich ab und machte sich auf die Suche nach einem Hotel. In einer schmalen Seitenstraße wurde er schließlich fündig. Es gehörte nicht zu den ersten Adressen in Varod, aber es war auch keine billige Absteige.

Die Empfangshalle wirkte ziemlich altmodisch. Die Wände waren mit Stuckaturen verziert. Sechs Säulen stützten die Decke. Der Boden bestand aus einem Geräusch dämmenden, dunkelroten Material. Auf der rechten Seite befanden sich fünf Stühle, eine Bank, ein niedriger Tisch und ein runder Bottich mit einer künstlichen Pflanze. Die Einrichtung wirkte sehr unpersönlich und vermittelte den Eindruck, als stamme sie von einem Müllplatz. Hinter dem Empfangstresen stand ein schlanker Roboter. Overdic war so geräuschlos eingetreten, dass ihn die Maschine erst wahrnahm, als der Commander auf die Klingel drückte. Mit kleinen ovalen Augen blickte er den Besucher an.

„Kann ich Ihnen helfen?“, erkundigte sich der Roboter mit einer kalten elektronischen Stimme.

„Ja, ich möchte ein Zimmer.“

„Haben Sie reserviert?“

„Nein.“

Der Roboter warf einen kurzen Blick auf den Computermonitor neben sich. „Sie haben Glück. Es gibt noch zwei freie Zimmer.“

„Mir genügt eins.“

„Sehr wohl.“ Der Roboter schob ein kleines, flaches Gerät über den Tresen. „Würden Sie sich bitte identifizieren.“

Overdic holte seinen Ausweis hervor, der auf den Namen Dado Natazun ausgestellt war, und hielt ihn so dicht an den Scanner, dass er von dem grünen Lichtstrahl, der aus einem Schlitz an der Oberseite des Geräts hervorkam, abgetastet werden konnte. Jetzt würde sich zeigen, wie gut die Fälschungsabteilung auf Axarabor gearbeitet hatte. Sollte der Scanner den Ausweis als echt ansehen, würde es keine Probleme geben. Andernfalls ...

Doch Overdics Sorge erwies sich als unbegründet. Das Gerät löste keinen Alarm aus.

„Herzlich willkommen“, sagte der Roboter. „Haben Sie Gepäck?“

Overdic zeigte ihm seinen Koffer.

„Für wie viele Tage möchten Sie das Zimmer mieten?“

„Ich weiß es noch nicht. Hängt davon ab, wie schnell ich meine Geschäfte erledigen kann.“

„Ich verstehe. Sie haben Zimmer 508 im fünften Stock.“ Er überreichte Overdic einen elektronischen Schlüssel. „Ich wünsche Ihnen einen angenehmen Aufenthalt.“

„Vielen Dank.“

Overdic nahm den Schlüssel und ging zu einem der Fahrstühle im hinteren Bereich der Halle. Nachdem er die Kabine betreten hatte, drückte er den Knopf für den fünften Stock. Die Tür glitt zu und der Lift setzte sich in Bewegung. Während der Fahrt überlegte Overdic immer wieder, auf was Ta Shiik gestoßen sein mochte. Was war so schlimm, dass es eine Gefahr für die Regierung des gewählten Hochadmirals von Axarabor darstellte. Und wer hatte die Sicherheitsbehörden über seine Ankunft auf Bacarya informiert? Gab es auf Axarabor einen Verräter?

Die Kabine kam zum Stehen. Die Tür glitt zur Seite. Overdic stieg aus und sah sich nach beiden Seiten um. Der Flur war leer. Er ging zu seinem Zimmer und hielt den Schlüssel an den Scanner neben dem Rahmen. Geräuschlos öffnete sich die Tür. Das Zimmer zwar sparsam eingerichtet, dafür jedoch blitzsauber. Weiße Wände, ein dreidimensionales Bild, das eine felsige Landschaft mit einer roten Sonne zeigte. Kleiderschrank und Bett waren aus einem dunklen Holz gefertigt, desgleichen der flache Tisch. Die einzige Sitzgelegenheit bestand aus einem dunkelroten Sessel. An der Wand gegenüber dem Bett hing ein großer Bildschirm. Das Bad war durch eine Nebentür zu erreichen.

Overdic legte seine Tasche aufs Bett und begann, das Zimmer zu inspizieren. Er brauchte keine zehn Minuten dafür. Anschließend war er sicher, dass es keine verborgenen Abhöreinrichtungen gab. Er trat ans Fenster. Der Ausblick war nicht gerade berauschend. Das Einzige, was man sehen konnte, war ein Innenhof, auf dem mehrere Gleiter parkten.

Details

Seiten
70
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783738923315
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2018 (Oktober)
Schlagworte
raumflotte axarabor bacarya-verschwörung

Autor

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Titel: Die Raumflotte von Axarabor #37: Die Bacarya-Verschwörung