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Schwert und Schild – Sir Morgan, der Löwenritter Band 17: Im Bann der schönen Hexe

2018 120 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Schwert und Schild – Sir Morgan, der Löwenritter Band 17: Im Bann der schönen Hexe

Klappentext:

1.

2.

3.

4.

5.

5.

6.

7.

8.

9.

10.

11.

12.

13.

14.

15.

16.

17.

18.

19.

20.

21.

Nachspiel

Schwert und Schild – Sir Morgan, der Löwenritter Band 17: Im Bann der schönen Hexe

 

 

von Joachim Honnef / Tomos Forrest

 

 

Zyklus: Wilde Jugendjahre in Cornwall, Band 8

 

 

 

IMPRESSUM

 

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© Roman by Author

© Titelbild: nach einem Motiv von Edmund Blair Leighton mit Steve Meyer, 2018

Lektorat: Kerstin Peschel

Ceated by Thomas Ostwald, Alfred Bekker und Jörg Martin Munsonius

© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

 

Klappentext:

 

Im Land geht die Kunde um, dass im Wirtshaus in Burrington eine wunderschöne Magd die Gäste bedienen soll, dass sie jeden Mann in ihren Bann zieht, der sie erblickt, ihn regelrecht liebestoll macht. Leise Stimmen sprechen davon, dass sie eine Hexe sei, die in der Lage ist, die Männer zu verzaubern. Einige von ihnen sind regelrecht blind vor Liebe, dass sie alles, aber auch wirklich alles für sie tun, um ihr zu gefallen.

Sogar Sir Morgan of Launceston und seine Getreuen Cynan und Rhodri sind ihr verfallen. Morgan ahnt jedoch, dass sie ein überaus finsteres Geheimnis in sich birgt und als er dahinterkommt, verschlägt es ihm nicht nur die Sprache …

 

 

***

 

 

1.

 

Durial hatte keine Chance.

Die Übermacht war zu groß. Ein wuchtiger Keulenhieb schleuderte ihn gegen den Schanktisch. Ein Bierhumpen fiel um, und der Inhalt schwappte bis zu dem Mädchen, das mit einem Aufschrei hinter dem Schanktisch zurücksprang.

Sir Morgan erfasste die Situation mit einem Blick.

Der Mann, der sich gegen fünf verwegen aussehende Kerle zur Wehr setzte, war ein alter Bekannter: Durial, ein schlanker, hellblonder Draufgänger Ende Dreißig, dessen markantes Gesicht mit den blaugrauen Augen stets lächelnd wirkte, sogar jetzt, als eines der Augen geschwollen war.

Durial war kein Bekannter, an den sich Sir Morgan nicht gern erinnerte. Er war einer jener Gesellen, bei denen man seine Finger nachzählen musste, wenn man ihm die Hand gereicht hatte. Doch er brauchte Hilfe. Und Sir Morgan war kein Mann, der tatenlos zusah, wenn fünf wilde Kerle einen Mann zusammenschlugen. Auch wenn dieser ein zwielichtiger Bursche wie Durial war.

Der Ritter griff in den ungleichen Kampf ein.

Durial trat verzweifelt nach dem Mann mit der Keule. Der Kerl jaulte auf und taumelte zurück. Die Keule entglitt ihm. Zwei seiner Kumpane packten Durial und pressten ihn mit hartem Griff gegen den Schanktisch. Ein breitschultriger, hünenhafter Mann mit kahlem Haupt und wucherndem rotem Bart holte mit der geballten Rechten aus, wie um Maß zu nehmen.

Sir Morgan war mit drei langen Sätzen hinter dem Kerl. Seine Rechte packte den vorschnellenden Arm des Angreifers, umklammerte das Handgelenk und riss den Mann herum. Die Faust streifte Durial nur noch an der Schulter.

Erst jetzt schienen sie ihn wahrzunehmen.

Durial reagierte als Erster. Er nutzte die Überraschung seiner Gegner und riss sich los.

Sir Morgan sah es nur aus den Augenwinkeln. Der Schläger fuhr zu ihm herum. Morgan blickte in ein gerötetes, zorniges Gesicht mit funkelnden grünen Augen und sah eine Faust auf sich zurasen. Gedankenschnell riss er den Kopf zur Seite und schlug selbst mit der Linken zu, wobei er das Handgelenk des Gegners losließ. Der Hieb trieb den Mann gegen den Schanktisch.

Die Magd schrie auf.

Einer der fünf wilden Gesellen sprang Sir Morgan von hinten an. Hände krallten sich um seinen Hals.

Der Ritter ging in die Hocke, packte die Unterarme des Angreifers und warf ihn über seinen Kopf hinweg. Der Bursche schrie auf und krachte gegen den Hünen, der sich vom Schanktisch abgestoßen hatte und gerade wütend auf Morgan zustürmen wollte. Beide stürzten zu Boden, als Durial mit einem Fußtritt in die Kehrseite des Hünen nachhalf. Schon wirbelte Durial zu einem weiteren Angreifer herum, wich einem wilden Schwinger aus und schlug dem Gegner die Rechte ans Kinn. Der Mann taumelte auf Sir Morgan zu und hatte die Arme ausgebreitet, als wolle er Morgan in die Arme schließen. Nun, Morgan hatte nicht vor, sich von dem verkommenen Kerl umarmen zu lassen. So sprang er flugs zur Seite, und der schon angeschlagene Geselle krachte der Länge nach hin.

Das Mädchen hatte sich vom Schreck erholt und ergriff die Flucht. Sie verschwand durch die Tür hinter dem Schanktisch. Augenblicke später hörte Morgan sie laut um Hilfe rufen.

Durial ging gerade von einem Fausthieb getroffen zu Boden.

Sir Morgan musste auch einige Hiebe einstecken. Und von Durial war keine Unterstützung mehr zu erwarten. Einen Moment lang bedauerte Morgan, nicht gleich zum Schwert gegriffen zu haben. Doch es war eines Ritters unwürdig, mit dem Schwert gegen Fäuste zu kämpfen, und Durial wäre von der Faust des Hünen schlimm getroffen worden, wenn Morgan nicht sofort eingegriffen hätte. Außerdem hatten zwei der Kerle Durial festgehalten, und einer hätte Durial oder gar das Mädchen mit einem Messer bedrohen und Morgan zur Aufgabe zwingen können.

Morgan erwehrte sich eines Angreifers und schleuderte ihn gegen zwei Kumpane. Alle drei gingen zu Boden. Das verschaffte Morgan Luft, und er griff zum Schwert. Er wollte sich und dem arg mitgenommenen Durial eine Fortsetzung des Kampfes ersparen. Schließlich war er auf ein Bier in die Schenke gegangen und nicht auf eine Schlägerei.

„Schluss!“, sagte er und hielt dem nächsten Angreifer das Schwert unter die Nase.

Der Kerl verharrte stocksteif, als sei seine Nase schon aufgespießt, und er wurde blass. Angst flammte in seinen dunklen Augen auf.

„Nicht, bitte, Herr!“

„Wenn ihr vernünftig seid …“, sagte Morgan und zog das Schwert zurück. Der Gesell, der sich vorhin noch so tapfer gefühlt hatte, als er mit vier Kumpanen auf einen hilflosen Mann eingeprügelt hatte, warf sich herum und hetzte zur Tür, als sei der Leibhaftige hinter ihm her.

Der Ritter ließ den Feigling laufen, auch die anderen Kerle, die sich inzwischen aufgerappelt hatten und ebenfalls Fersengeld gaben.

Der kahlköpfige Hüne sprang zu der Keule, die am Boden lag, doch Sir Morgan klopfte ihm mit der Breitseite des Schwertes auf die Finger. Da vergaß der Mann die Keule. Und so groß und kräftig er auch war, einer der Tapfersten schien auch er nicht zu sein. Oder er war nicht so dumm, wie sein einfältiges Gesicht vermuten ließ und erkannte, dass er waffenlos gegen einen Schwertkämpfer nicht bestehen konnte. Auch er ergriff die Flucht.

Sir Morgan steckte sein Schwert zurück in die Scheide.

Auf der Straße riefen aufgeregte Stimmen durcheinander. Schritte nahten. Hufschlag klang auf und entfernte sich. Dann tauchte die Magd in der Tür auf, gefolgt von einem halben Dutzend Männern, wohl Bewohner des Dorfes, die sie alarmiert hatte.

Das Mädchen sah Morgan aus großen, schwarzen Augen an. Immer noch flackerte Furcht in ihren Augen. Ihr Blick glitt zu Durial, der sich gerade am Schanktisch hochstemmte und dabei ächzte und stöhnte, als liege er in den letzten Zügen.

Einer der Männer schob das Mädchen zur Seite und riss sein Schwert hoch.

„Du Hundsfott!“, brüllte er und stürmte auf Morgan zu.

Dem Ritter blieb keine Zeit für lange Erklärungen. Er riss das Schwert erneut heraus, parierte den Angriff und kreuzte mit dem zornigen Mann die Klinge. Hell klirrten die Schwerter durch die aufgeregten Rufe.

Alle in der Schenke schrien durcheinander.

Die aufgebrachten Bewohner des kleinen Ortes, die in Sir Morgan, dem Fremden, offenbar den Bösewicht wähnten, feuerten ihren unerschrockenen Freund an.

„Mach ihn fertig!“, war nur einer der Schlachtrufe.

Durial brüllte etwas von „Missverständnis“, und „Aufhören“, und auch das Mädchen versuchte sich in dem allgemeinen Durcheinander Gehör zu verschaffen.

Morgan war gewiss kein schlechter Schwertkämpfer, doch der Gegner wusste, wie man ein Schwert führte. Vielleicht verlieh ihm auch das Gefühl, für eine gute Sache zu streiten, ungeahnte Kampfkraft. Zudem war Morgan noch mitgenommen vom vorherigen Kampf, sein Gegner erwies sich als ebenbürtig, und es war nur eine Frage der Zeit, wann Morgans Kräfte erlahmen würden. Der Angreifer kämpfte geschickt und griff überlegt an. Morgan parierte seine Angriffe, doch im Zurückweichen rutschte er in einer Bierlache aus. Er strauchelte und stürzte.

Panik stieg in ihm auf. Schon wollte der andere das Schwert an seine Kehle setzen.

Da traf ihn die Keule.

Durial hatte sich und die Keule aufgerafft und Morgans Gegner hinterrücks niedergeschlagen. Der Schwertkämpfer verdrehte die Augen und sank über Morgan, der sich schnell zur Seite rollte, um ihm Platz zu machen und nicht von dem Schwert getroffen zu werden.

Mit einem dumpfen Laut prallte der Mann neben ihm auf, und die Dielen der Schenke erzitterten.

Morgan riss sein Schwert hoch und sprang auf, denn da waren noch ein halbes Dutzend Männer, die immer noch nicht wussten, was los war und ihrem bewusstlosen Freund zu Hilfe eilen wollten. Sie waren nicht mit Schwertern bewaffnet, doch einer schwang eine Mistgabel, einer hatte ein Messer in der Hand, und einer hatte sich mit einem Eisenstab aus der Schmiede bewaffnet.

Sie verharrten, als Morgan das Schwert hob und Kampfstellung einnahm. Der Besiegte war weit über den Ort hinaus als hervorragender Schwertkämpfer bekannt, und dieser fremde Recke dort hatte sich gut zu verteidigen gewusst. Das warnte sie. Plötzlich herrschte Totenstille, bis auf Morgans und Durials keuchende Atemzüge. Morgan sah Furcht in den Augen der Dörfler, die auf sein Schwert starrten.

Er lächelte.

„Gewiss seid Ihr jetzt so nett und erklärt alles“, bat er die Schankmagd.

Das tat sie dann, unterstützt von Durial.

Sie war die Tochter des Wirtes, der gerade Waren im Nachbarort einkaufte. Fünf Strolche hatten sie belästigt. Durial, der sechste Tagedieb – was nur Morgan wusste – war ihr tapfer zu Hilfe gekommen, doch er wäre verloren gewesen, wenn Morgan nicht im rechten Moment aufgetaucht wäre und die Kerle in die Flucht geschlagen hätte.

Geraune setzte ein, als Durial Morgan als den Ritter des Sheriffs vorstellte. Die Kunde von seinen Taten war auch bis in diesen Ort gelangt, und immer mehr Leute eilten herbei, um den Ritter leibhaftig zu sehen.

Der einzige Schwertkämpfer des kleinen Ortes war wieder zu sich gekommen; jemand hatte ihm einen Eimer Wasser über den Kopf geschüttet. Er zürnte mit Durial, weil er ihm „den Kampf seines Lebens“ vermasselt hatte.

„Es wäre gewiss dein letzter geworden“, sagte Durial und betastete grinsend seine Beulen. „Morgan hätte dich mit seinem berühmten Trick reingelegt, wenn ich dich nicht gnädig flachgelegt hätte.“

Der Mann blinzelte. „Trick?“

Durial grinste. „Ja, er lässt sich fallen, um den Gegner auf sich zu ziehen, und dann …“

Er beließ es bei dieser Andeutung, und das war gut so.

In Wahrheit hatte es rabenschwarz für Morgan ausgesehen, und er war ehrlich genug, sich das selbst einzugestehen. Doch die anderen brauchten das nicht zu wissen. So lenkte er geschwind von dem vermeintlichen „Trick“ ab. Er reichte dem Mann die Hand und lobte ihn als vorzüglichen Schwertkämpfer.

Irgendjemand wollte wissen, wer die fünf Tagediebe gewesen seien, die den Streit vom Zaun gebrochen hatten. Es waren Fremde, und sie waren wie von Furien gehetzt zu ihren Pferden gelaufen und davon galoppiert. Man war sich darin einig, dass es keinen Sinn hatte, kurz vor Einbruch der Dunkelheit ihrer Fährte zu folgen.

Durial gab die nächste Runde Bier aus, und bald herrschte eine recht gemütliche Stimmung in der Schenke. Durial versuchte mit der Schankmmagd zu schäkern, doch sie war zu beschäftigt. Fast alle Dorfbewohner hatte es in die Herberge gezogen und wollten etwas zu trinken haben. Morgan zog sich mit Durial an einen Tisch im Hintergrund zurück. Er musterte Durial.

Er hatte blaugraue Augen und einen Unschuldsblick, auf den schon viele Leute hereingefallen waren, bis sie ihn besser kennengelernt hatten. Jetzt war sein linkes Auge klein und geschwollen, und trotz seines Grinsens loderte Zorn in seinem Blick.

„Diese Dreckskerle“, sagte er mit seiner rauen Stimme. „Wollten mir doch tatsächlich die Schankmagd vor der Nase wegschnappen!“

Morgan stellte den Bierhumpen ab und sah Durial an. Das klang anders als vorhin, als er Morgan zugeflüstert hatte: „Ist meine neue Freundin nicht ein prächtiges Weibsbild?“, Im Nachhinein betrachtet, fiel Morgan auf, dass sich das Mädchen Durial gegenüber eher reserviert verhalten hatte, keineswegs wie eine Freundin. Sie hatte ihn – Morgan – mit einem scheuen Lächeln bedacht, als sie das Bier an den Tisch gebracht hatte, doch sie hatte kein Lächeln für Durial gehabt und auch kein Wort mit ihm gewechselt.

„Kennst du sie schon länger?“, klopfte Morgan auf den Busch.

„Seit heute Mittag“, erwiderte Durial.

„Sie ist also gar nicht deine Freundin“, stellte Morgan fest.

Durial warf einen schnellen Blick zum Schanktisch, wo das Mädchen hantierte, und zwinkerte Morgan dann verschwörerisch zu.

„Noch nicht. Aber ich werde sie schon erobern. Ich habe noch immer bekommen, was ich wollte, keine Sorge.“

Nun, Morgan hatte gewiss keine Sorge in dieser Hinsicht, eher in einer anderen. Durial war bekannt dafür, dass er sich einfach nahm, was man ihm nicht geben wollte.

Dreimal war Morgan Durial bisher begegnet. Und nie unter erfreulichen Umständen.

Beim ersten Mal war Durial noch ein kleiner Dieb und Wegelagerer gewesen. Morgan hatte ihn laufen lassen, nachdem Durial seine Kumpane verpfiffen und das Versteck der Beute preisgegeben hatte, genauer gesagt, er hatte auf eine Verfolgung verzichtet, als sich der Bursche aus dem Staub gemacht hatte. Durial hatte zuvor treuherzig Besserung gelobt. Doch wenn er die guten Vorsätze tatsächlich gehabt hatte, so waren sie von kurzer Dauer gewesen.

Bei der zweiten Begegnung hatte Morgan diesen windigen Burschen vor einem Lynchmob retten müssen. Durial hatte sich als Wunderdoktor ausgegeben, vornehmlich bei den Damen, und er hatte einfaches Brunnenwasser als Zaubermittel und einfaches Mehl als „Liebespulver“, zu Wucherpreisen verkauft. Weder bei den Damen noch bei den Herren hatten sich die erhofften Erfolge eingestellt. Man war Durial auf die Schliche gekommen, und die aufgebrachten Geschädigten hatten sich zusammengerottet und ihn erschlagen wollen.

Morgan hatte das verhindert. Beinahe hätte man ihn mit erschlagen.

Durial hatte dann im Kerker einige Zeit gehabt, um über seine Sünden nachzudenken und sich auf Besserung vorzubereiten. Gewiss hatte er all die Mußestunden ungenutzt verstreichen lassen. Denn als Morgan ihm zum dritten Mal begegnet war, hatte sich Durial kein bisschen gebessert. Im Gegenteil. Er war Mitglied einer Räuberbande geworden, die Mädchen entführte und Lösegeld erpresste. Morgan war von der Bande gefangengenommen worden, als er ihr Versteck entdeckt hatte. Der Anführer hatte ihn umbringen wollen. Doch Durial hatte Morgan befreit. Als er dabei ertappt worden war und ein Kumpan im Räuberlager Alarm geschlagen hatte, war Durial mit Morgan geflüchtet. Mithilfe seiner Tipps war es Morgan und einem Trupp des Sheriffs gelungen, die Bande samt Anführer in eine Falle zu locken und die gefangenen Mädchen zu befreien. Morgan hatte alles angeführt, was zu Durials Gunsten sprach – was nicht viel war – und die Strafe war milde ausgefallen …

Doch Morgan hegte Zweifel daran, dass aus dem schwarzen Schaf inzwischen ein Unschuldslamm geworden war.

„Wie kommst du überhaupt her?“, fragte Durial und riss Morgan aus seinen Gedanken.

„Mit dem Pferd“, erwiderte Morgan trocken.

Durial lachte. „Wieder einer großen Sache auf der Spur?“

Er fragte es immer noch in heiterem Tonfall, doch Morgan hatte das Gefühl, dass die Heiterkeit nur vorgetäuscht war und dass die Frage irgendwie lauernd geklungen hatte.

Natürlich wollte er dem Kerl seine Pläne nicht auf die Nase binden.

Er sah Durial prüfend in die Augen und gab mal einen Schuss ins Blaue ab. „Ich wollte mal sehen, was du so treibst. Du weißt doch, dass ich im Auftrag des Sheriffs von Cornwall unterwegs bin. Der Sheriff ist mein Vater, was mich besonders verpflichtet.“

Durial hielt dem Blick mit einem großen und einem geschwollenen Auge stand. Der Schuss war wohl kein Volltreffer gewesen. Der ehemalige Räuber hatte mit keiner Wimper gezuckt. Allerdings hatte Durial schon immer eine Unschuldsmiene aufsetzen können, selbst wenn er gerade bei einem neuen Raubzug ertappt wurde. Der Kerl hätte Mime statt Räuber werden sollen.

„Ich bin auf Brautschau“, erklärte Durial mit einem schnellen Blick zur Schankmagd.“Ich bin verrückt nach ihr.“

„Sie scheint nicht so verrückt zu sein“, bemerkte Morgan.

Durial grinste. „Das kommt noch. Ich habe noch immer bekommen, was ich wollte.“

„Auch die Kerkerzeit, die du vermutlich nicht wolltest“, erinnerte Morgan.

Durials Grinsen wurde etwas säuerlich. „Lass doch die alten Geschichten. Die sind doch längst vorbei.“

„Hoffen wir das“, murmelte Morgan.

Durial trank hastig aus dem Bierkrug und wischte sich mit dem Handrücken Bierschaum von den Lippen.

„Ich werde ihr Herz erobern“, fuhr er wie im Selbstgespräch fort. Dann zwinkerte er Morgan wieder in seiner treuherzigen Unschuldslamm-Miene zu. „Sie tut zwar, als würde sie mich nicht bemerken, aber ich werde sie schon noch erobern.“

„Hoffentlich nicht mit Gewalt“, sagte Morgan und musterte ihn prüfend.

Diesmal wich Durial seinem Blick aus. Seine Miene nahm einen beleidigten Ausdruck an.

„Warum hackst du dauernd auf mir herum?“, fragte er in weinerlichem Tonfall. „Ich sagte doch, die alten Zeiten sind vorbei. Ich bin jetzt sauber. Seit der letzten Sache habe ich wie ein Mönch gelebt, ach was, noch braver als der bravste dieser Brüder.“ Er konnte die tiefbetrübte Miene nicht beibehalten. Ein Grinsen stahl sich um seine Mundwinkel. „Das musst du mir glauben. Ehrlich. Glaubst du mir das?“

Die blaugrauen Augen blickten jetzt beschwörend.

Morgan drückte sich um eine Antwort, indem er Bier trank.

Durial verfolgte das Thema nicht weiter. Er schwärmte von der Schankmagd, sprach von Liebe auf den ersten Blick, und Morgan gewann den Eindruck, dass Durial ehrliche Absichten hatte.

Morgan übernachtete in der Herberge, und als er den Ort verlassen wollte, lief ihm Durial wieder über den Weg. Die Schwellungen und blauen Flecke waren etwas abgeklungen, und der Mann sah trotz der blauen und gelben Flecken im Gesicht recht passabel aus. Er berichtete freudestrahlend, dass sein Buhlen um das Mädchen die ersten Erfolge zeitigte. Seine Einladung zu einem abendlichen Spaziergang am Ententeich hatte sie mit „vielleicht mal an meinem freien Tag“ beantwortet, und Durial strotzte vor Optimismus.

„Na, ich hoffe, du kannst dich benehmen!“, mahnte Morgan, obwohl er wusste, dass solche Ratschläge nur selten etwas nutzten. Und er reichte Durial die Hand. Es war ein windiger Bursche und ehemaliger Räuber, doch er hatte Morgan das Leben gerettet, und so etwas vergaß der Ritter nie.

Vielleicht war bei Durial doch noch nicht Hopfen und Malz verloren.

Durial lachte. „Klar, muss ja nicht gerade wie ein Mönch sein, wenn du in Hinblick auf das Mädchen verstehst, was ich meine.“

Morgan trieb lächelnd sein Pferd mit leichtem Schenkeldruck an. Er hoffte Durial nicht so bald wiederzusehen. Und wenn, dann allenfalls als glücklichen Familienvater und ehrbaren Bürger.

Doch diese Hoffnung sollte sich nicht erfüllen …

 

 

2.

 

Evan of Torrington hatte Schwein.

Die Wahrsagerin hatte ihm das Richtige prophezeit. Glück im Spiel, Glück in der Liebe. Beides schien ihm an diesem Tag hold zu sein.

Beim Turnier in Torrington hatte Evan zwar nicht den Sieg davongetragen, doch einen achtbaren dritten Platz bei äußerst starker Konkurrenz errungen, was ihm als Preis eine stattliche Sau eingebracht hatte – und das verheißungsvolle Lächeln der schönen Eyra. Evan war überzeugt davon, dass beim Turnier nicht die Dame Fortuna, sondern allein sein Können ausschlaggebend gewesen war. Doch jetzt war nur Glück im Spiel. Er hatte den ganzen Abend beim Kartenspiel gewonnen. Und auch jetzt, als er die neuen Karten entgegennahm und auseinander fächerte, lachte ihm der größte Trumpf – die Sau entgegen.

Evan bemühte sich um eine gleichgültige Miene. Er spürte die Blicke der Mitspieler auf sich gerichtet. Lauernde, angespannte Blicke, wie es ihm schien.

Er schaute von einem zum anderen.

Der Wirt der Schenke schwitzte. Mit fahriger Hand wischte er sich eine rötlichblonde Haarsträhne aus der Stirn. Er hatte bisher nur verloren, und der Verlust war schmerzlich für ihn, denn das Geschäft lief in der letzten Zeit schlecht.

Der dicke, rotgesichtige Fuhrunternehmer trank seinen Weinbecher leer. Er war recht betucht und konnte gelassen verlieren, doch er war ein leidenschaftlicher Spieler, der sich auch aufgeregt hätte, wenn er in einem Spiel ohne Einsatz verloren hätte.

Der Schmied verlor mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Er hatte gerade einen fetten Auftrag von Burg Torrington bekommen, und es war gut, wenn man als Handwerker den Sohn und Erben der Torringtons bei Laune hielt. Die großen Geschäfte machten den kleinen Verlust beim Kartenspiel bei Weitem wett. Er schob sich ein Stück Speck in den Mund und kaute schmatzend. Er wischte sich die fettigen Finger an der Hose ab und sah seine Karten an.

Evan erkannte an der angewiderten Miene, dass sein Mitspieler kein gutes Blatt haben konnte. Er war gewiss kein abgebrühter Spieler. Man konnte ihm jede Gefühlsregung an der Miene ablesen. So wie jetzt. Enttäuschung und Ärger spiegelten sich auf seinem breiten Gesicht mit der Knollennase.

Weder Evan noch die anderen Mitspieler ahnten, dass er absichtlich seine Karten verriet, wenn er selbst keinerlei Siegchance hatte, um Evan in die Hand zu spielen.

„Mich dünkt, dies ist nicht mein bester Tag“, murmelte er kauend und griff von Neuem nach einem Würfel Speck.

Der Mann an seiner Seite blickte von den Karten auf.

Er war der Einzige in der Runde, den Evan nicht kannte. Ein schwarzbärtiger, verwegen aussehender Mann. In Diensten irgendeines Ritters, hatte Arian erklärt, als er den Fremden, der bei ihm logierte, zum Mitspielen aufgefordert hatte.

Der Schwarzbart war Cynan, Sir Morgans Gefolgsmann und Soldat des Sheriffs.

Er lächelte seinen Nebenmann an.

„Vielleicht solltest du dir mal die Finger waschen“, bemerkte er mit tiefer Stimme. „Die Karten werden schon ganz fettig.“

Die anderen Mitspieler lachten, bis auf den Angesprochenen. Der Schmied kaute genussvoll Speck und wischte sich mit der fettigen Hand über den feisten Bauch.

„So fettig die Karten auch sind, bei mir lässt sich keine Sau blicken“, erklärte er mit einem Schulterzucken und verriet damit den Mitspielern, dass er wiederum ein schlechtes Blatt bekommen hatte.

Evan frohlockte. Er war überzeugt davon, dass er auch diese Partie gewinnen würde. Der gute, einfältige Schmied, dachte er. Ein schlechter Kartenspieler, aber ein guter Schmied. Ich werde Vater empfehlen, alle Arbeiten bei ihm in Auftrag zu geben …

„He, wenn mich das Glück bei den Karten im Stich lässt, sollte ich vielleicht tatsächlich mal … Ja, vielleicht sollte ich mal mein Glück bei Eyra versuchen.“

„Eyra?“

Zwei Männer stießen den Namen gleichzeitig überrascht hervor.

Evan of Torrington.

Und der Soldat Cynan.

Sie schauten sich nach diesem Ausruf gegenseitig an, verwundert, irgendwie betroffen. Und dann blickten sie fragend zum Schmied, der sich die plötzlich spannungsgeladene Atmosphäre nicht recht erklären konnte.

„Warum nicht?“, murmelte der Schmied mit einem Schulterzucken.

Der rotgesichtige Fuhrmann schien noch eine Spur roter zu werden, als er den Namen hörte, und seine kleinen, braunen Augen nahmen einen schwärmerischen Ausdruck an.

„Ein tolles Weibsbild“, sagte er. „Aber ich bezweifle, dass da was zu machen ist.“

„Warum nicht?“, fragte der Schmied und nahm von Neuem einen Speckwürfel vom Holzbrett.

„Spielen wir oder quasseln wir über die verdammte Eyra, die ganz Burrington verrückt macht?“, sagte Arian verdrossen. Er schob seinen Einsatz in die Mitte des Tisches. Auch die anderen setzten.

Evan und Cynan dagegen wirkten immer noch angespannt.

„Es kann ein Zufall sein“, sagte Evan wie im Selbstgespräch. „doch es würde mich interessieren, von welcher Eyra die Rede ist.“ Er sah den Schmied fragend an.

„Der Engel von Burrington“, erklärte der Schmied und rollte verzückt mit den Augen. „Das müsste sich doch bis zur Burg Torrington herumgesprochen haben.“ Er streifte Cynan mit einem schnellen Blick. „Selbst Fremde reisen schon an, um Eyra zu sehen, oder sollte ich mich da irren?“

Alle schauten jetzt Cynan an.

Der Gewappnete zwang sich zu einem Lächeln. Es war kein Geheimnis mehr. Bei seiner Ankunft hatte er den Wirt nach Eyra gefragt.

„Gewiss will ich eine Eyra in Burrington besuchen“, bekannte er. „Doch ich weiß nicht, ob es die gleiche Frau ist, die ihr meint. Eyras gibt es schließlich viele.“

„So eine nicht“, sagte der Schmied mit einem Seufzen. „Von diesem Prachtexemplar gibt es bestimmt nur eins auf der ganzen Welt.“

„Man sollte sie als Hexe verbrennen“, giftete der Wirt. „Wenn sie weiterhin allen Männern in Burrington die Köpfe verdreht, kann ich meinen Laden hier glatt dichtmachen. Mein Umsatz ist rapide zurückgegangen, seit dieses Weib drüben in der Schenke an der Fernstraße bedient.“ Missmutig blickte er auf seine Karten. „Also was ist, spielen wir endlich weiter?“

„Erst will ich wissen, von welcher Eyra die Rede ist“, sagte Evan und dachte im Augenblick nicht an seine guten Karten. „Wie heißt sie mit Nachnamen?“

Der Schmied zuckte mit den Schultern. „Weiß ich nicht. Das weiß wohl keiner hier. Alle nennen sie nur Eyra mit der süßen …“

„Wie sieht sie aus?“, unterbrach Evan angespannt.

Der Schmied beschrieb sie wortreich. Demnach war sie groß, schlank, doch an den richtigen Stellen rund. Nach seinen verzückten Gesten musste sie eine vollendete Figur haben.

„Ein Traumweib“, endete er, als ihm nicht mehr einfiel, wie er Eyras Schönheit weiter preisen konnte.

„Das ist sie“, murmelte Evan.

Cynan nickte.

Sie starrten einander an.

Evans jungenhafte Miene verhärtete sich. Das Blut schoss ihm in die Wangen. In seinen Augen blitzte es feindselig auf.

Er sah vor seinem geistigen Auge Eyra, ihr Lächeln, ihre sanften Worte. Sofort nach dem Turnier war er nach Burrington geritten, um sie wiederzusehen, nachdem er sie in einer Pause kurz gesehen hatte. Sie hatte nicht bis zum Ende des Turniers bleiben können. Sie sei ab zehn am Abend in der Schenke an der Fernstraße, hatte sie gesagt. Voller Ungeduld freute er sich auf das Wiedersehen. Mit dem Kartenspiel hatte er nur die Zeit totschlagen wollen, die so quälend langsam verging. Gewiss, er freute sich über seine Glückssträhne, doch mehr noch freute er sich auf Eyra.

Und dieser Schwarzbart dort war nach Burrington gekommen, um sie ebenfalls zu besuchen!

Der fette Schmied sprach von ihr, als sei sie eine Frau für jedermann. Und der Wirt wollte sie gar als Hexe verbrannt wissen!

Zornig blickte Evan von einem zum anderen, bis er schließlich wieder dem schwarzbärtigen Fremden in die Augen sah:

„Die Dame gehört mir!“, stieß er mit belegter Stimme hervor.

Die Bürger von Burrington blickten überrascht. Sie kannten Evan of Torrington seit vielen Jahren. Sie wussten, dass ihm die unermesslichen Reichtümer seines Vaters in den Schoß fallen würden, wenn er das Zeitliche segnen sollte. Alle paar Wochen kam Evan nach Burrington, um zu trinken und zu spielen, und gelegentlich ließ er die Zeche anschreiben, weil ihn der Vater knapp bei Kasse hielt, denn er kannte die wilden Eskapaden seines einzigen Sohnes nur zu gut.

Ein Torrington bekam immer Kredit, denn jeder wusste, dass der Alte sofort die Schuld begleichen würde, wenn er davon erfuhr. Doch man hütete sich, es ihm zu sagen. Keiner wollte es sich mit Evan, dem Erben von Burg Torrington, verderben, und von Zeit zu Zeit tauchte Evan ja auch mit genug Silberlingen auf, um zu bezahlen, was er auf dem Kerbholz hatte. Wie dieses Mal.

Seit Langem rätselte man im Lande, für welche adlige Schöne sich der reiche und gutaussehende Evan entscheiden würde. Er hatte wirklich eine große Auswahl. Und jetzt hatte er sich entschieden. Doch nicht für irgendeine von seinem Stande, sondern für Eyra, die Schankmagd. Die Sensation war perfekt. Das klang ja fast wie ein Märchen!

Keiner hatte gewusst, dass Evan Eyra überhaupt kannte. Seit sie in Burrington arbeitete, war er nicht mehr hier gewesen.

Die Bürger von Burrington bestürmten Evan mit Fragen. Sie wollten wissen, ob sein Vater Bescheid wusste, ob er die Wahl billige, wann die Hochzeit sei, warum Eyra die Sache geheim halte und dergleichen mehr.

Evan hüllte sich in geheimnisvolles Schweigen.

Das hatte einen triftigen Grund.

Weder sein Vater noch Eyra wussten etwas von der Sache. Bis vor einer Minute hatte er selbst nicht im Traum daran gedacht, Eyra zu ehelichen.

Das war auch gar nicht möglich.

Sein Vater würde sofort das Testament ändern.

Eine Bürgerliche kam für den alten Tyrannen niemals in Frage.

Und Eyra? Sie kannten sich ja gar nicht! Außer ihrem Lächeln und ein paar artigen Worten war da nichts gewesen. Er hatte an ein kurzes Abenteuer gedacht, hatte gehofft, von der schönen Frau für eine Nacht oder zwei erhört zu werden.

Jetzt hatte er sich mit seinen unbedachten Worten praktisch in einen Erfolgszwang hineinmanövriert. Wenn Eyra ihn abwies, machte er sich zum Gespött im ganzen Land. Niemand hatte etwas davon erfahren sollen, dass er – der zukünftige Herr von Burg Torrington – einem einfachen Mädchen aus dem Volke nachstieg. Wenn die Kunde davon bis zu seinem Vater drang, würde der ihm glatt das ohnehin zu knapp bemessene Taschengeld streichen. Der Alte hatte kein Verständnis für seine Abenteuer.

Einen Augenblick lang spielte Evan mit dem Gedanken, die ganze Sache als Scherz abzutun. Doch da war dieser schwarzbärtige Fremde mit der imponierenden Gestalt, der eigens nach Burrington gekommen war, um Eyra zu besuchen. Der Mann, der jetzt ganz ruhig fragte:

„Habt Ihr irgendwelche Rechte auf Sie?“

Hätte ich doch meine Zunge gehütet!, dachte Evan. Wenn er jetzt einen Rückzieher machte, verlor er das Gesicht. Man würde überall im Lande erzählen, dass Evan of Torrington vor einem Nebenbuhler gekniffen hatte. Und dass es ein Nebenbuhler war, spürte Evan ebenso wie die anderen Männer der Schenke.

„Die Dame gehört mir!“, wiederholte Evan zornig.

Wenn Blicke töten könnten, wäre Cynan auf der Stelle umgefallen. Doch so zuckte er nur gelassen mit den Schultern und sagte mit ruhiger Stimme:

„Ihr habt meine Frage nicht beantwortet. Die Dame sagte, sie sei ungebunden, als sie mich ermunterte, sie hier zu besuchen. Ich glaube, wir sollten doch lieber die Dame entscheiden lassen, oder?“

Plötzlich herrschte Totenstille in der Schenke, wenn man von dem Summen eines Fliegenpärchens absah, das um das Speckbrett herumschwirrte.

Immer noch maßen sich Evan und Cynan mit Blicken.

„Wer Eyra zu nahe tritt, ist des Todes“, sagte Evan fast flüsternd in die lastende Stille.

Cynan zeigte sich unbeeindruckt. „Ich habe nicht vor, dem Mädchen zu nahe zu treten“, sagte er gelassen.

Evan entspannte sich sichtlich. Gewiss hatte er den Schwarzbart mit seiner Drohung genug eingeschüchtert. Er begann triumphierend zu lächeln.

Da fügte Cynan hinzu: „Aber ich habe auch nicht vor, mir irgendwelche Drohungen gefallen zu lassen, Kleiner.“

Evans Lächeln erstarb im Ansatz.

„Was soll das heißen?“, fragte er.

„Das soll heißen, dass Ihr den Mund nicht so voll nehmen sollt.“

Der Wirt bewies in dieser gespannten Situation wenig Einfühlungsvermögen und Geschick. Als Wirt hätte er eigentlich wissen sollen, wie man mit Taktik vermittelt und die Wogen glättet. Doch er verstand sich mehr aufs Ausschenken von Wein und Bier, als auf das Glätten von Wogen. Er war von schlichtem Gemüt, und deshalb lachte er über Cynans Worte. Der Schmied und der Fuhrmann konnten sich ein Grinsen nicht ganz verkneifen. Konnte dem Papasöhnchen Evan nicht schaden, wenn ihm mal jemand die Stirn bot, oder?

Dann erinnerte sich der Schmied an den Auftrag von Burg Torrington und schlug sich geschwind auf Evans Seite.

„He, wie sprichst du mit Evan of Torrington?“, sagte er und blickte Cynan böse an.

Der Gewappnete lächelte. „Auch ein von Dingsbums sollte seine Zunge im Zaum halten und sich überlegen, was er sagt.“

Evan lächelte nicht. Der junge Heißsporn war es als einziger Sohn und Erbe gewohnt, dass man in Ehrfurcht vor ihm erstarrte, wenn man nur den Namen hörte.

Arians Lachen hallte wie Hohngelächter in seinen Ohren.

Und die ruhige, selbstsichere Art des Schwarzbartes war wie eine zusätzliche Herausforderung.

Mit einem Wutschrei sprang er auf und griff den Fremden mit den Fäusten an.

„Dich Großmaul werde ich lehren …“

Weiter kam er nicht mehr.

Cynan wich gedankenschnell der vorschnellenden Faust aus, und im nächsten Augenblick klatschte seine flache Hand in Evans Gesicht. Evan strauchelte, als er bei der überraschenden Ohrfeige zurückzuckte. Er prallte gegen die Tischkante. Münzen fielen vom Tisch und rollten klimpernd über den Boden. Geistesgegenwärtig fing der Fuhrmann seinen Weinbecher auf, der ins Tanzen geraten war, und der Schmied riss den letzten Speckwürfel vom Brett, das vom Tisch zu rutschen drohte.

Evan hätte von der schnellen Aktion des schwarzbärtigen Rivalen gewarnt sein sollen. Doch in seinem Zorn konnte er keinen klaren Gedanken fassen. Blindlings drosch er auf Cynan ein. Seine Faust streifte Cynan am Kinn, strich über den Bart, und der nächste Hieb hätte gewiss die Nase des Soldaten getroffen, wenn Cynan nicht instinktiv die Linke hochgerissen und den Schlag abgeblockt hätte.

Im nächsten Augenblick war Cynan auf den Beinen. Sein Stuhl kippte polternd um.

Und jetzt gingen auch Cynan die Gäule durch. Der Soldat des Sheriffs war für sein feuriges Temperament bekannt. Wie oft hatte Morgan ihn schon ermahnt, ruhig Blut zu bewahren, wenn auch der Zorn noch so heiß in ihm aufloderte! Doch jetzt war Morgan nicht zur Stelle, um mäßigend eingreifen zu können. Der Ritter und der Soldat Rhodri würden erst später in Burrington eintreffen. Cynan war voraus geritten.

Cynan machte es kurz. Er packte Evan, der gewiss nicht schmächtig und fast ebenso groß war, am Kragen und versetzte ihm links und rechts schallende Ohrfeigen. Als Evan darauf immer noch nicht zur Vernunft kam und weiterhin angriff, ließ Cynan seine Fäuste wirbeln.

Evans Oberlippe platzte auf. Eine Beule wuchs an seiner Wange. Benommen fand er sich plötzlich am Boden wieder. Cynan hatte ihn mit einem letzten Schwinger niedergestreckt.

Cynan rieb sich mit der Linken über die rechte Faust. Die Knöchel schmerzten ein wenig, und die Haut war aufgeschrammt.

„Ich denke, jetzt sollten wir alle einen trinken und friedlich …“, weiterspielen, hatte Cynan sagen wollen. Sein Zorn war verraucht, und er war nicht nachtragend. Sein Gefühl sagte ihm dass sich der junge, hochmütige Evan in seiner Eifersucht vergessen hatte. Offenbar machte er sich Hoffnungen auf Eyra und das konnte Cynan nur zu gut verstehen. Auch ihn hatte Eyra mit ihrem Lächeln verzaubert. Und bis vorhin hatte er gar nicht in Betracht gezogen, dass andere Männer natürlich ebenfalls um die Gunst dieses schönen Mädchens buhlten. Eyra hatte mit keinem Wort anklingen lassen, dass es einen anderen für sie gab. Im Gegenteil, sie hatte ihn ermuntert, sie in Burrington zu besuchen. Nun, wenn Evan berechtigte Hoffnungen hatte, würde sich das ja bald klären lassen. Cynan war also bereit, den kleinen Zwischenfall zu vergessen.

Doch Evan war auf einmal wie von Sinnen.

Plötzlich hielt er einen Dolch in der Hand.

Cynan sah es fast zu spät. Er blickte zum Wirt, um Bier zu bestellen. Da bemerkte er, wie sich dessen Augen entsetzt weiteten. Der Mund des Wirtes klaffte auf, als wollte er schreien.

Cynan wirbelte herum.

Gerade als Evan mit einem Wutschrei aufsprang und mit dem Dolch zustoßen wollte.

Cynan sah die Klinge im Kerzenschein funkeln, sah die Hand mit dem Dolch auf sich zu schnellen und handelte im Reflex. Er ließ sich hintenüber fallen. Die Hand mit dem Dolch stieß dicht über seinem Kopf durch die Luft. Im Fallen riss Cynan die Beine hoch, und als Evan, von seinem Schwung auf ihn zugetragen, die Hand mit dem Dolch zurückriss, um von Neuem auszuholen, trat der Soldat zu.

Seine Stiefel trafen Evans Knie und schleuderten ihn zurück. Evan taumelte ein paar Schritte von Cynan fort und prallte gegen den Schmied. Er plumpste ihm auf den Schoß. Dem massigen Schmied kam der Speck hoch. Er versetzte Evan mit beiden Händen einen Stoß, um ihn von seinem bedrückten Bauch zu befördern. Evan taumelte wieder auf Cynan zu.

Cynans Stiefelspitze schnellte vor.

Doch er verfehlte die Hand mit dem Dolch.

Evan stieß zu. Er raste vor Zorn. Die Klinge streifte Cynan an der rechten Schulter, schnitt durch den Stoff seines Waffenrockes und riss eine blutige Furche in seinen Oberarm. Cynan hechtete auf Evan zu und riss ihn zu Boden. Er umklammerte das Handgelenk und schlug es auf die Dielen, bis Evan schreiend den Dolch losließ.

Evan stieß Cynan mit dem Knie in den Leib.

Da schlug der Soldat mit der geballten Rechten zu.

Evan verdrehte die Augen und sank bewusstlos zurück.

Cynan erhob sich schwer atmend. Er blickte zu seiner Schulter. Blut tränkte den Stoff an der aufgeschlitzten Schulter.

Mit finsterem Blick streifte er Evan. Dann bückte er sich und hob den Dolch auf. Er nahm ihn an sich. Es war ein fein gearbeiteter Dolch mit einem besonderen Griff.

„Den behalte ich als Pfand“, erklärte er den anderen.

Evan regte sich. Ächzend stemmte er sich auf und tastete an sein Kinn. Er sah recht lädiert aus. Als er die Hand vom Gesicht fortzog, bemerkte er das Blut an seinen Fingern. Am Kinn war die Haut aufgeplatzt. Er starrte einen Augenblick lang verständnislos auf das Blut an seiner Hand, und sein Blick war noch glasig. Dann nahm seine Miene einen weinerlichen Ausdruck an. Sein Blick suchte Cynan, und als er ihn klarer sah, glomm Hass in seinen Augen auf.

Kalt erwiderte Cynan den Blick.

„Das war kein Spaß mehr, sondern ein Mordversuch“, sagte Cynan, und seine Stimme bebte leicht vor mühsam unterdrücktem Zorn.

Er warf einen Blick zu den drei Männern am Tisch, die immer noch stumm starrten. „Ihr seid meine Zeugen.“

„Ich habe nichts gesehen“, sagte der Schmied hastig. „Es ging alles so schnell und …“

Er verstummte unter Cynans eisigem Blick.

„Beschwören könnte ich auch nicht …“, begann der Wirt. Auch er wollte es sich nicht mit denen von Torrington verderben. Cynan verzog angewidert das Gesicht. Es war ihm klar, dass er sich nicht auf die Aussagen der drei verlassen konnte. „Gibt es hier einen Büttel?“

„In Torrington“, erwiderte der Wirt. „Aber der …“

„Liegt vermutlich krank im Bett“, unterbrach Cynan ihn gereizt. „Na, lassen wir das.“ Er heftete seinen Blick auf Evan.

„Du hast genau eine Minute, um von hier zu verschwinden. Und ich rate dir gut, mir nicht mehr unter die Augen zu kommen, solange ich hier in Burrington bin. Du hast einen Soldaten des Sheriffs angegriffen. Sei froh, wenn du so davonkommst!“

Evan setzte zu einer Erwiderung an, doch etwas an Cynans Miene und dem Ausdruck seiner Augen ließ ihn schweigen.

Hastig klaubte er seinen Gewinn auf. Es dauerte keine Minute, bis er an der Tür war.

„Wie lange wollt Ihr denn bleiben?“, fragte der Wirt den Soldaten.

„Das weiß ich noch nicht“, erwiderte Cynan. Das kommt auf Eyra an und auf die Pläne Sir Morgans, dachte er.

„Du wirst nicht mehr lange in Burrington sein!“, rief Evan hasserfüllt von der Tür her. „Höchstens unter der Erde von Burrington!“

Dann knallte er die Tür hinter sich zu, und seine Schritte entfernten sich.

Einen Augenblick lang herrschte Stille in der Schenke.

Der Wirt seufzte. „Unter dieser Voraussetzung muss ich Euch bitten, die Zeche sogleich zu bezahlen.“ Er wich Cynans grimmigem Blick aus. „Nicht, dass Ihr meint, ich hielte Euch für einen Zechpreller … aber Tote können nicht mehr zahlen, wenn Ihr versteht, was ich meine … Ich werde sofort Euer Pferd satteln.“

Cynan winkte ab. „Ich habe nicht vor, zu reiten.“

„Er will nicht reiten!“, sagte der Wirt verwundert und tauschte einen Blick mit dem Schmied.

„Ich würde die Drohung nicht auf die leichte Schulter nehmen“, murmelte der Schmied. „Nicht, dass ich Evan einen Mord zutraue“, fügte er hastig hinzu. „Aber …“

„Der Klügere sollte nachgeben“, stimmte der Wirt zu. „Ihr könntet Ärger mit Sir Torrington bekommen, und der ist mächtig und hat viele Mannen …“

„Mörder?“, fragte Cynan spöttisch.

„Nein – nein – gewiss nicht. Aber er könnte Euch davonjagen lassen. Er hat schon einmal einen Mann auspeitschen lassen, der Evan verprügelte.“

„Wie der Sohn, so der Vater?“, fragte Cynan. Sie wichen seinem Blick aus.

„Evan ist sein und alles“, sage der Wirt. „Er wird höchstpersönlich her kommen, wenn er erfährt, dass jemand Hand an seinen Evan gelegt hat.“

„Soll er kommen“, sagte Cynan. „Ich bleibe. Ich halte Evans Worte für eine leere Drohung. Was tut es dem Mond, wenn ihn ein Köter ankläfft?“

Er nahm wieder am Tisch Platz und bestellte Bier.

Doch ganz so selbstsicher, wie er sich gab, fühlte Cynan sich nicht. Bei Evans Worten, die wie ein Racheschwur geklungen hatten, war ein unbehagliches Gefühl in ihm aufgestiegen. Keine Furcht, sondern eher eine Ahnung, dass der Köter bald nicht nur kläffen, sondern zuschnappen würde. Heimtückisch, unerwartet. Mehr als die Worte hatte ihm Evans hasserfüllter Blick gesagt, dass die Drohung ernst zu nehmen war.

Cynan nahm sich vor, auf der Hut zu sein.

 

 

3.

 

„Küss mich, Durial.“

Das schwarzhaarige, vollbusige Mädchen schmiegte sich an ihn. Durial küsste sie. Doch er war nicht recht bei der Sache.

Er dachte an eine andere.

Er begehrte sie nicht mehr. Aus den hell auflodernden Flammen der Leidenschaft war ein Flämmchen der Zuneigung geworden.

Und wie sehr hatte er sie begehrt, als er sie damals in der Schenke kennengelernt hatte! Flüchtig dachte er an den Zwischenfall in dem kleinen Gasthof, als er sich für sie geschlagen hatte und ihm Ritter Morgan zu Hilfe gekommen war. Gegen eine Übermacht hatte er gekämpft, weil das Mädchen ihn vom ersten Augenblick an entflammt hatte. Wie ein verliebter Gockel hatte er sie anschließend umworben. Er lächelte unbewusst bei dem Gedanken daran, wie leicht es schließlich beim Stelldichein am Ententeich gewesen war.

Er war schnell ans Ziel seiner Wünsche gelangt, und die Wirtstochter hatte ihm gestanden, dass er ihr auch von Anfang an gefallen hatte und dass sie sich nur geziert hatte, weil es sich für eine Frau so geziemte.

Sie schlang die Arme um seinen Nacken und zog ihn zu sich. In ihren Augen schimmerte Zärtlichkeit.

Sie liebt mich!, durchfuhr es ihn. Ein seltsames Gefühl stieg in ihm auf, eine eigenartige Mischung aus Dankbarkeit für ihre Liebe, aus Zuneigung und – Mitleid.

Sie konnte nichts dafür, dass sich seine Gefühle von einem Augenblick zum anderen geändert hatten. Sie war mit ihm von zu Hause durchgebrannt, nur mit dem, was sie auf dem Leib getragen hatte, und sie hatte für ihn, Durial, ihre Familie und ihr Heim verlassen.

Sie wusste nichts von seiner Vergangenheit als Räuber, und sie wusste nichts von seinen gegenwärtigen Taten. Ihr Vertrauen in ihn war grenzenlos. Sie stellte keine Fragen, wenn er sich verabschiedete, um mit seiner kleinen Räuberbande auf Beutezug zu gehen. Sie beklagte sich nicht, dass sie in der Abgeschiedenheit des Waldes in einer alten Jägerhütte hausen musste. Sie war ganz Hingabe und Liebe.

Sie hätte einen besseren verdient, dachte Durial mit Bitterkeit.

Er erwiderte ihre Zärtlichkeiten, doch sie weckte kein Verlangen in ihm, eher ein Schuldgefühl und das Bedauern, dass es nicht die andere Frau war, die er in den Armen hielt.

Eyra.

Seit er sie in Burrington gesehen hatte, war er in ihrem Bann. Mit einem Blick, einem Lächeln hatte sie ihn verzaubert. Es war wie ein Fieber in ihm. Vielleicht war sie tatsächlich eine schöne Hexe, wie einer der Männer neulich in Burrington behauptet hatte? Nein, sie war keine Hexe. Der Kerl war nur wütend gewesen, weil sie ihn mit einem Lächeln abgewiesen hatte. Für alle war sie wie eine unerreichbare Göttin.

Er unterdrückte ein Seufzen.

Es war hirnverbrannt.

Hier hielt er ein schönes, hingebungsvolles Mädchen in den Armen, das ihn liebte. Er hätte sich glücklich preisen können. Doch er konnte nur noch an Eyra denken. Ihr Bild verfolgte ihn des Nachts in seinen Träumen und selbst tagsüber.

Sie löste sich aus seinen Armen und setzte sich auf dem Lager auf. Der flackernde, rötliche Schein des Feuers schimmerte auf ihrem nackten Körper. Mit einer anmutigen Bewegung strich sie eine schwarze Haarsträhne aus der Stirn.

„Du hast dich verändert, Durial“, sagte sie leise.

Er kam sich wie ein ertappter Sünder vor.

„Wieso?“

Er erhob sich vom Felllager, schritt zu dem wackligen Tisch und schenkte Rotwein in einen Becher. Hastig trank er.

„Du bist in letzter Zeit so still, so anders – wie soll ich das erklären?“

Ja, es war schwierig zu erklären.

Er hatte sich in der Tat verändert.

Eyra hatte ihn verändert.

Lyall hielt die Hände im Schoß gefaltet und senkte den Kopf.

„Bist du meiner überdrüssig geworden?“

Durial trank hastig Rotwein.

„Hast du eine andere im Sinn – etwa dieses Weib in Burrington?“

Durial verschluckte sich fast.

Er flüchtete sich in gespielten Zorn. „Wie kommst du denn auf so was? Deine Eifersucht ist unerträglich und völlig …“

„Unbegründet?“

Er spürte ihren prüfenden Blick und zwang sich, sie anzusehen. Ihr Blick schien bis in die Tiefen seiner Seele zu dringen.

Sie ahnt etwas!, durchfuhr es ihn.

„Ich kann keine eifersüchtigen Weiber leiden!“, schrie er.

„Und ich keine untreuen Männer“, erwiderte sie leise.

„Wir sind nicht verheiratet!“, fuhr er sie an.

Sie nickte, und der schmerzliche Ausdruck in ihren Augen rührte ihn. Er bereute seine harten Worte. Das hatte sie nicht verdient.

Sie senkte den Blick.

„Ich habe dich geliebt“, sagte sie, „und ich glaube, ich liebe dich immer noch. Obwohl …“ Sie wischte sich über die Lider, und als sie ruckartig den Kopf hob und ihn ansah, schimmerte es feucht in ihren Augen.

„Obwohl …?“, murmelte er und glaubte einen Kloß in der Kehle zu haben.

„Obwohl du mich belogen hast. Ich wusste um deine Vergangenheit, als ich mit dir ging.“

Er hatte Mühe, seine Überraschung zu verbergen.

„Ich wusste, dass du ein Räuber warst und im Kerker für deine Taten gebüßt hast.“

Sie sah kurz auf. Er schwieg. Ihre Worte hatten ihm die Sprache verschlagen.

„Ich wusste es, doch ich gab trotzdem deinem Werben nach. Es – es war stärker als mein Wille.“

Er schluckte. „Woher …?“, hörte er sich fragen.

„Mein Bruder belauschte durch Zufall dein Gespräch mit Sir Morgan. Er kam erst nach dem Kampf im Gasthof ins Dorf zurück. Er wollte durch die Hintertür eintreten, da hörte er dich und den Ritter, wurde neugierig und lauschte. Er hörte, dass du dem Ritter sagtest, du liebst mich, und du seist jetzt sauber. Er warnte mich vor dir, doch ich wollte nichts davon hören. Es war bei mir gewiss wie bei dir und Eyra.“ Sie lächelte schmerzlich.

Sie weiß es genau!, dachte er.

„Eyra?“, tat er erstaunt.

„Gib dir keine Mühe. Ein Pilzsammler erzählte mir, was in Burrington los ist. Ich bat ihn um den Gefallen, herauszufinden, ob du auch hinter diesem Weibsstück her bist. Er berichtete mir, dass du um sie buhlst.“

„Wer ist dieser verdammte …“, brauste Durial auf und tastete unbewusst zum Dolch unter seinem Hemd. Zu spät erkannte er, dass sein Ausbruch einem Schuldbekenntnis gleich kam. „Dieser infame Lügner, dieser …“

„Es hat keinen Sinn zu leugnen. Ich weiß, dass du hinter Eyra her bist, wenn du angeblich Geschäfte erledigst oder mit deinen Freunden am Spieltisch sitzt.“

Er atmete auf. Immerhin wusste sie nicht, welcher Art die Geschäfte waren und um welche Freunde es sich handelte. Sie konnte ihm nichts anhaben, wenn er ihr den Laufpass gab. Sie konnte sich nicht rächen, indem sie ihr Wissen preisgab. Gut, dass sie in nichts eingeweiht war.

Unruhig schritt er auf und ab. Sein Schatten geisterte über die Hüttenwand. Eine Weile herrschte Schweigen.

„Liebst du sie?“, fragte Lyall leise.

Er fuhr auf dem Absatz zu ihr herum und konnte sich nicht mehr zurückhalten. Das Versteckspiel war ohnehin vorbei. Sie hatte ihm nachspioniert. Sie hatte ihm nicht so vertraut, wie er geglaubt hatte …

„Ja, ich liebe sie!“, schrie er. „Sie hat nur gelächelt, und ich liebe sie! Was kann ich dafür?“ Er presste die Hände an die Schläfen, und ein stöhnender Laut kam tief aus seiner Kehle.

Lyall erhob sich. Sie schritt zu ihm. Ihre Augen hatten sich mit Tränen gefüllt. Sie streckte die Hand aus und streichelte sanft seine Wange. Es war eine Geste voller Zärtlichkeit. Sie rührte ihn.

„Du weißt nicht, wie das ist“, sagte er, und es klang entschuldigend und war auch so gemeint.

Sie sah ihm in die Augen.

„Doch“, sagte sie. „ich weiß, wie das ist. Es ist bitter und süß zugleich. Es schmerzt und doch glaubt man, das Herz müsste einem vor Glück zerspringen. Ich weiß, wie das ist.“ Von Neuem streichelte sie seine Wange. „Du musst dich entscheiden – für sie oder mich. Willst du mich behalten, dann mach Schluss mit ihr.“

„Aber es war doch noch gar nichts“, begehrte er auf.

„Doch“, sagte sie, und ihr Blick schien ihn zu durchdringen. „Ich weiß, dass sie dich noch nicht erhört hat. Doch sie ist in deiner Seele, deinem Herzen, deinem Blut. Sie wird dich nicht mehr loslassen. Sie hat dich verhext – wie du mich verhext hast!“

Zornig fuhr er sie an. „Na schön! Hat sie mich eben verhext! Dann passen wir ja prächtig zusammen. Die Hexe und der Hexer!“

Wütend kleidete er sich an.

Details

Seiten
120
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783738923308
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v445415
Schlagworte
schwert schild morgan löwenritter band bann hexe

Autoren

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Titel: Schwert und Schild – Sir Morgan, der Löwenritter Band 17: Im Bann der schönen Hexe