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Dr. Laura Leitner #2: Halte zu mir, Tina

2018 120 Seiten
Reihe: Dr. Laura Leitner , Band 2

Leseprobe

Table of Contents

Title Page

HALTE ZU MIR, TINA

Klappentext:

Roman:

Glenn Stirling

 

 

 

HALTE ZU MIR, TINA

 

 

 

DR. LAURA LEITNER – INTERNISTIN AUS LEIDENSCHAFT

Band 2

 

 

 

 

 

IMPRESSUM

 

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© Roman by Author/ Titelbild: Aleksandr Khakimullin/123RF - Logo Steve Mayer

© Serientitel by Edition Bärenklau

Korrektorat und Bearbeitung: Dr. Frank Rossnagel

© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

 

 

Klappentext:

Es hätte alles so schön sein können für Tina, die junge Auszubildende am Elbkrankenhaus, und ihren Freund, den Arzt Fred Wingsen. Doch über ihrem Glück brauen sich dunkle Wolken zusammen: Tinas Eltern möchten wieder nach Hause nach Griechenland, und Tina soll, so will es ihr Vater, entweder mitgehen oder für alle Zeit aus der Familie ausgeschlossen werden. Fred wird von Chefarzt Dr. Bernhard übel drangsaliert und schikaniert und sogar aus dem Krankenhaus geworfen – und niemand weiß, warum. Laura Leitner nimmt sich der beiden an und versucht mit aller Macht, das junge Glück nicht zerstören zu lassen. Doch weder Tinas Vater noch der Chefarzt lassen mit sich reden…

 

 

 

 

 

Roman:

Es war Dienstschluss. Dr. Laura Leitner hatte ihren Kittel bereits ausgezogen, nahm ihre Handtasche und wollte gerade gehen, als Frau Berlinger ins Arztzimmer trat und mit der ihr eigenen Freundlichkeit grüßte.

Sie war eine blonde Frau Mitte vierzig und wurde als Leiterin des Labors auch als Ausbilderin eingesetzt.

„Sie wollen doch nicht zu mir?“, fragte Laura, die einen schweren Tag hinter sich hatte und nichts mehr wünschte, als so rasch wie möglich nach Hause zu kommen.

„Doch, Frau Doktor“, sagte Frau Berlinger noch immer mit strahlender Freundlichkeit, „ich wollte zu Ihnen. Ich habe eine gute Nachricht für Sie.“

Laura hatte schon eine schroffe Antwort geben wollen, sah Frau Berlinger aber jetzt erstaunt an. Das Gesicht der jungen Ärztin entspannte sich. „Eine gute Nachricht? Das wäre heute die erste.“

„Aber Frau Doktor, da wird es höchste Zeit, dass ich Ihnen ein Erfolgserlebnis übermittle. Haben Sie nicht wenigstens zwei Minuten Zeit für mich?“

Also gut, dachte Laura und verkniff sich das Seufzen. Sie deutete auf den Stuhl, der vorn neben dem kleinen Behandlungstisch stand, und setzte sich selbst auf den Drehschemel am Schreibtisch.

Frau Berlinger, die eine Mappe unter dem Arm hielt, legte diese Mappe jetzt auf den kleinen Tisch, setzte sich und zog ihren Kittel zusammen. Dann sah Sie Laura lächelnd an. „Die Auszubildenden, Frau Doktor, haben Sie einstimmig zu Ihrer Vertrauensärztin gewählt.“

„Ach, du lieber Himmel! Und was bedeutet das für mich?“, fragte Laura.

„Erst einmal“, sagte Frau Berlinger weiter, „ist es noch nie vorgekommen, dass alle Auszubildenden, und das sind hier im Hause immerhin zweiundvierzig, einstimmig einen Arzt zum Vertrauensarzt gewählt haben. Der Begriff „Vertrauensarzt“ ist dabei etwas irreführend.“

Laura nickte. „Ich weiß, was es bedeutet, Frau Berlinger. Man könnte also viel besser sagen „Vertrauensfrau“ oder „Vertrauensmann“, nur, was kommt da auf mich zu?“

Frau Berlinger lächelte milde. „Aber Frau Doktor, im Grunde nur Gutes. Wenn die jungen Leute einmal Sorgen haben und glauben, man behandle sie nicht richtig, dann kommen sie zu Ihnen. Und wenn irgendein Arzt oder eine Oberschwester Probleme mit den Auszubildenden hat, wird sie sich ebenfalls an Sie wenden. Im Grunde haben wir sehr viel Glück mit unseren Auszubildenden. Die meisten sind ja schon über zwanzig. Oder wenigstens achtzehn. Viele haben Abitur. Eine ganze Reihe von ihnen Mittlere Reife. Es sind also keine Kinder mehr. Natürlich haben die auch Probleme. Aber ich bin sehr zufrieden mit den jungen Leuten. Die meisten sind Mädchen. Aber wir haben auch ein paar Jungen dabei. Und als Vertrauensärztin gilt auch ihr Urteil, Frau Doktor.“

„Mein Urteil. Die sind doch immer nur einen Monat oder zwei bei mir.“

„Ja, das kommt darauf an, Frau Doktor. Manche sind sogar ein Vierteljahr bei Ihnen. Es hängt davon ab, welche Richtung sie lernen. Die sind ja alle schon bei Ihnen gewesen.“

„Ich kann mich über keinen davon beklagen“, erwiderte Laura.

„Es sieht aus“, meinte Frau Berlinger, die jetzt ernst wurde, „als seien Sie nicht sehr begeistert davon.“

Laura zuckte die Schultern. „Ich kann mir nicht richtig vorstellen, was ich da tun muss. Ich habe so etwas noch nie gemacht.“

„Die jungen Leute haben Sie gewählt und gleichzeitig erklärt, zu Ihnen hätten sie das meiste Vertrauen.“

„Aber, ich bitte Sie!“, rief Laura verwundert. „Soviel ich weiß, ist der letzte Vertrauensarzt von der Chirurgie …“ Frau Berlinger unterbrach sie. „Ja, das stimmt. Aber er wollte nicht wiedergewählt werden. Und die jungen Leute sind wohl auch nicht so begeistert von ihm gewesen. Er hat sich nie um sie gekümmert und sich auch nicht so sehr für sie verwendet, wie sich das junge Menschen erhoffen. Das ist eine Aufgabe, Frau Doktor. Und der Vertrauensbeweis, den Ihnen unsere Auszubildenden entgegenbringen, das wäre doch auch für Sie, nun sagen wir mal, eine Ehre.“

„Ja, es rührt mich ans Herz. Das stimmt. Ich habe nur Angst, dass ich dieser Aufgabe nicht gerecht wäre oder womöglich auch nicht genug Zeit haben könnte.“

„Frau Doktor, ich weiß, dass Sie das können. Ich bitte Sie, die Wahl anzunehmen!“

Laura lächelte. „Natürlich. Aber sagen Sie den jungen Leuten, dass sie mir auch ein bisschen dabei helfen. Ich bin da ganz neu und unerfahren.“

Frau Berlinger schmunzelte. „Aber Frau Doktor, ich kenne Sie ja nun auch schon lange. Ich habe, wie Sie wissen, Ihren Herrn Vater noch gekannt. Wenn jemand für diese Aufgabe geeignet ist wie kein zweiter, dann sind Sie es, Frau Doktor. Das ist meine persönliche Überzeugung und nicht nur die der jungen Leute.“

„Na“, rief Laura und hob mahnend den Finger, „haben Sie vielleicht noch am Ende diesen Vorschlag gemacht? Ich traue es Ihnen zu, Frau Berlinger.“ Sie lachte und entschärfte damit ihre Worte.

Frau Berlinger schüttelte den Kopf. „Nein. Aber ich habe Ihnen etwas mitgebracht. Das sind die Personalbogen. Sie wollen sich ja sicher mit allen Auszubildenden vertraut machen, Frau Doktor.“ Sie lächelte wieder. „Immerhin haben Sie ja das Vertrauen der jungen Menschen.“

Laura seufzte doch und meinte: „Na ja, Frau Berlinger, so etwas geht einem ja wie Öl hinunter. Ich müsste mir nur einen anderen Tag anschaffen. Einen, der vielleicht statt vierundzwanzig Stunden derer achtundzwanzig hat. Aber gut. Sobald ich kann, schaue ich einmal hinein.“

Laura hatte geglaubt, damit sei alles erledigt, aber Frau Berlinger schien noch etwas auf dem Herzen zu haben.

„Da ist noch eine Kleinigkeit, Frau Doktor. Das heißt, es ist keine Kleinigkeit. Es ist eine sehr ernste Sache, und irgendwie müssen wir beide noch einmal darüber reden, aber wenn Sie jetzt keine Zeit haben …“

„Ich höre, Frau Berlinger! Schießen Sie los! Machen Sie aus Ihrem Herzen keine Mördergrube! So viel Zeit habe ich ja nun auch noch“, erwiderte Laura und setzte sich wieder.

Frau Berlinger war sehr ernst geworden. „Eine von unseren Auszubildenden, eine unserer besten überhaupt, ist diese nette Griechin Tina Anapoulos.“

„Meinen Sie dieses nette schwarzhaarige Mädchen, die Zierliche?“, fragte Laura.

Frau Berlinger nickte. „Ja, die. Wir haben nur diese eine Tina.“

„Sie ist eine Griechin? Das habe ich gar nicht gewusst. Sie spricht doch Deutsch wie Sie und ich.“

Frau Berlinger lachte. „Ja, das ist ganz logisch, Frau Doktor. Sie ist ja in Hamburg geboren. Sie hat nie woanders gelebt als hier in Hamburg und war höchstens einmal in den Ferien in ihrer Heimat.“ Frau Berlinger wurde wieder ernst. „Aber dieser Tina wegen habe ich ein sehr, sehr ernstes Problem. Und es lässt sich auch nicht aufschieben, Frau Doktor. Tut mir sehr leid. Es wird nicht lange dauern, aber es ist sehr wichtig. Und eilig dazu …“

 

*

 

Tina fröstelte, als sie mit den Röntgenaufnahmen über den Flur ging. Es war jetzt Mittagszeit, und sie verspürte grimmigen Hunger in ihrem Bauch. Doch erst musste sie die Aufnahmen noch zu Professor Bernhard schaffen.

Vielleicht treffe ich Fred nachher, dachte sie, als sie in den Fahrstuhl stieg und den Knopf der zweiten Etage drückte.

Auf der Fahrt vom Untergeschoss zum zweiten Stock war sie allein im Lift. Der Fahrstuhl hielt an, die Türen gingen auf, und da kam ihr Frau Berlinger entgegen.

„Hallo, lassen Sie ihn nicht abfahren!“, rief Frau Berlinger schon von weitem, und Tina blieb in der Tür stehen, um den Lichtstrahl zu unterbrechen! Dann war Frau Berlinger bei ihr. Sie lächelte noch und sagte aufmunternd: „Es wird alles wieder gut, Fräulein Tina. Ich habe eben mit Frau Doktor Leitner gesprochen, die Sie und die anderen Auszubildenden zur Vertrauensärztin gewählt haben. Sie wird sich darum kümmern.“

Tina erschrak. Verstört schaute sie in das Gesicht von Frau Berlinger, aus denen ein gütiges Augenpaar sie anschaute.

„Aber ich will nicht, dass jemand …“

Weiter ließ Frau Berlinger sie nicht kommen. Tina spürte, wie ihr Frau Berlinger die Hand auf den Arm legte und sagte: „Aber Fräulein Tina. Wir wollen wirklich nur ihr Bestes. Wir sind auf Ihrer Seite. Vielleicht kann Frau Doktor Leitner mit Ihrem Vater reden.“

Tina schüttelte energisch den Kopf. „Man kann mit ihm nicht darüber reden. Und ich möchte es auch nicht.“

Frau Berlinger trat verwundert einen Schritt zurück. „Haben Sie etwa resigniert, Fräulein Tina? Wollen Sie aufgeben?“

Tina sagte gar nichts.. Aber sie spürte, wie die Tränen aus ihren Augen strömten. Rasch wandte sie sich ab, und ohne Frau Berlinger noch einmal anzusehen, sagte sie hastig: „Ich muss die Aufnahmen wegbringen. Es ist ganz eilig.“

Kopfschüttelnd schaute Frau Berlinger ihr nach. Aber das sah Tina nicht. Tina musste an all das denken, was sie jetzt schon seit länger als einem Monat aufwühlte, genau von dem Tag an, als ihr Papa sein Vorhaben mitgeteilt hatte.

Professor Bernhards Sekretärin war nicht im Zimmer, und Tina legte ihr das Kuvert mit den Aufnahmen auf den Tisch. Als sie gerade das Zimmer wieder verließ, traf sie Fred. Er musste sie wohl eben schon gesehen haben und kam, den Kittel vorn offen, mit langen Schritten stürmisch auf sie zu. „Hallo, Tina!“

Ihr war so flau zumute gewesen. Aber jetzt, als sie ihn sah, lebte sie auf. Sie spürte, wie in ihr alles wieder in Bewegung geriet und freute sich über nichts mehrmals ihn zu sehen. Ihre Lippen formten das Wort Fred, ohne dass sie es wirklich aussprach.

Wären sie jetzt allein gewesen auf dem Flur, hätte er sie in die Arme gerissen. Aber dann tauchten plötzlich zwei Schwestern auf. Fred stand plötzlich wie erstarrt und wischte sich verlegen eine Tolle seines blonden Haares aus der Stirn, rückte sich nervös die Goldrandbrille gerade und sagte befangen, als die Schwestern vorbeikamen:

„Sind die Aufnahmen gelungen?“ Er sprach etwas lauter als gewöhnlich, und die beiden Schwestern schauten nicht einmal zu ihm hin. Aber als sie weit genug waren, dass er sich mit Tina unterhalten konnte, ohne von ihnen gehört zu werden, sagte er etwas leiser: „Tina, irgendeiner muss Frau Doktor Leitner von uns beiden erzählt haben.“ Tina lächelte. „Aber Fred, das weiß doch jeder hier im Haus. Sie wird es auch wissen. Warum sagst du das?“

„Sie möchte, dass ich ihr beim Mittagessen Gesellschaft leiste. Ich wollte mit dir essen. Aber sie sagt, sie will mit mir über dich reden. Ich begreife gar nicht, was sie will?“

„Ich ahne, was sie will. Ich habe eben Frau Berlinger getroffen.“

„Ach ja, das ist ja die Ausbilderin. Eigentlich ist sie ganz nett, nicht wahr?“ Er lächelte auf Tina hinab, die einen Kopf kleiner war als er. Überhaupt kam ihre Zierlichkeit, wo sie so neben ihm stand, besonders zum Ausdruck. Tina hätte ihn am liebsten umarmt und geküsst, hätte sich an ihn gekuschelt und die Geborgenheit gesucht, die er ihr immer vermittelte, wenn sie zusammen waren. Aber hier im Krankenhaus konnten sie das nicht tun. Jeden Augenblick konnte wieder jemand den Gang entlang kommen.

„Weißt du“, hörte sie ihn sagen, „ich werde es wohl annehmen. Ich habe gehört, dass man sie zur Vertrauensärztin gewählt hat, ihr Auszubildenden.“

Tina nickte. „Sie hat auch meine Stimme. Doch ich habe, nicht geahnt, was sich daraus entwickelt.“

„Jedenfalls ist sie eine großartige Frau“, stellte Fred fest. „Aber dass sie sich da einmischen will …“

„Mir ist es auch nicht recht. Sag es ihr doch! Und geh ruhig mit ihr essen! Immerhin meint sie es gut.“

„Hast du heute Schluss wie immer?“, wollte er wissen. „Ich hole dich ab!“

„Nein, Fred. Heute geht das doch nicht. Du weißt doch, ich habe schon früher Schluss, und Papa wartet schon.“

Fred biss sich wütend auf die Zähne. Aber er sagte keinen Ton. Er wusste ja jetzt schon, wie Tina darauf reagierte. Sie sah es ihm an, dass er sich zusammennahm.

Sie lächelte mitfühlend, sah sich dann rasch um, und als sie niemand auf dem Flur gewahrte, stellte sie sich auf die Zehenspitzen und küsste ihn richtig. Danach sagte sie:

„Fred, ich weiß, dass du wütend bist auf Papa. Aber das ist bei uns nun mal so. Ich finde es furchtbar. Er begreift auch nicht, dass wir hier in einer anderen Welt leben. Aber es ist meine Welt. Mir graut davor, was kommt. Aber was soll ich denn machen?“

„Was du machen sollst? Du sollst nicht mit ihm zurück nach Griechenland gehen. Diese verdammte Gastwirtschaft oder Hotel oder was immer es sein wird, kann er doch mit anderen machen. Wieso musst du mit? Und dein Bruder auch? Er reißt euch mitten aus

der Ausbildung. Dein Bruder wird übernächstes Jahr Abitur machen. Und du bist auch fast fertig. Die Klinik hier hätte, dich übernommen. Mit Kusshand hätten sie das getan. Und jetzt kurz vor Schluss gehst du weg, um deinem Vater beim Bedienen zu helfen, möglichst

noch beim Bedienen der Touristen.“

„Natürlich, Er hat schon einen Namen. Er will es „Taverne“ nennen. Nur „Taverne“. Und es ist genau dort, wo die meisten Touristen sind. In der Nähe vom Strand. Mit dem Blick aufs Meer. Ich kann mich auch erinnern. Er hat mir das Haus einmal vor zwei Jahren gezeigt. Er ist damals schon ganz verrückt gewesen, es einmal zu kriegen. Jetzt hat er es.“

„Das heißt doch nicht, dass du ihm helfen wirst. Verdammt noch mal, du sprichst niemals von zuhause, wenn du von Griechenland redest. Dein Zuhause ist Hamburg, das hast du mir selbst gesagt.“

„Aber für Papa und Mama ist es eben nicht ihr Zuhause. Sie wollen heim. Sie haben jetzt so viel Geld, dass sie zurückfahren. Und das mit dem Restaurant, das ist ein Glücksfall gewesen.“

„Für dich der Beginn des Elends. Du darfst nicht mitgehen. Ich weiß, dass du es auch nicht willst. Mit deinem Bruder, da hat er immerhin vor, ihn auf diese deutsche Schule in Athen zu schicken. Der wird dort sein Abitur machen. Und du bist Serviererin. Hast die Mittlere Reife, hast hier einen hervorragenden Ausbildungsplatz gehabt, und alle sind begeistert von dir. Ich höre es immer wieder. Und jetzt gehst du weg, gehst in irgendein schäbiges Restaurant für Touristen, und selbst wenn es nicht schäbig ist, für mich bleibt es das.

Ich hasse dieses Restaurant, und ich habe Mühe, deinen Vater nicht zu hassen für seinen Einfall. Wieso kann er dich nicht hier lassen? Du bist erwachsen. Du bist achtzehn Jahre. Du bist mündig nach unseren Gesetzen.“

„Die geschriebenen Gesetze“, sagte Tina leise und hatte Mühe, ihre Tränen zurückzuhalten. „Die geschriebenen Gesetze interessieren Papa nicht. Ihn nicht und auch nicht andere Familienoberhäupter. Die alten Gesetze, die überlieferten, zählen. Ich muss mich der Familie fügen. Und das musst du verstehen.“

„Nein, das verstehe ich nicht. Und mein Vater hätte nie so etwas verlangt, würde er noch leben. Niemals!“

„Ich weiß, dass es hier anders ist. Ich kann es ja selbst nur mit Mühe begreifen.“

„Und dein Bruder, weil er ein Junge ist, darf weiter studieren. Für dich ist alles aus. Es war ja schon schlimm, dass er dich nicht auf ein Gymnasium geschickt hat. Du hättest es spielend geschafft. Mit den guten Noten, die du in der Realschule hattest, wäre ein Weitermachen möglich gewesen.“

„Ich wollte ja weitermachen. Ich hätte auf dem Gymnasium die Oberstufe vollenden können. Aber Papa hat es nicht erlaubt. Er hat gesagt, ich sollte etwas lernen. Damals wusste er natürlich nicht, dass er zurück nach Griechenland geht. Dass das mit dem Restaurant einmal klappen wird.“

„Scheißrestaurant. Was wird aus uns?“, hörte sie Fred sagen, und die ganze Verzweiflung, die ihn beherrschte, kam hoch.

„Aus uns?“ Sie senkte den Kopf, und jetzt kamen die Tranen doch. Ihr ganzer Körper schien zu beben. Sie konnte sich nicht mehr zusammenreißen. „Was soll schon aus uns werden?“, schluchzte sie. „Wir werden uns sicher nie wiedersehen.“

„Niemals? Dann werde ich mir eine Stelle als Arzt in Griechenland suchen.“

„O Gott! Du weißt doch, was mein Onkel dir gesagt hat. Ärzte gibt es wie Sand am Meer. Früher, da ist es anders gewesen. Aber jetzt …“

„Und außerdem kann ich nicht Griechisch“, brummte Fred mürrisch. „Komm, wir gehen zusammen essen. Das mit Frau Doktor Leitner können wir vertagen.“

Tina blickte auf. Die Tränen rannen über ihre Wangen. „Nein“, sagte sie mit gepresst klingender Stimme, „geh doch zu ihr hin! Bitte! Sie wird bei Papa nichts ausrichten, aber sie meint es doch so gut. Und vielleicht gibt es doch noch einen Weg. Ich hoffe immerzu. Ich höre nie auf zu hoffen.“

„Wir sehen uns nachher. Ich gehe zu ihr. Tina, heute Abend werde ich dich aber noch sehen, nicht wahr?“

Sie nickte stumm und sah ihn aus tränenverschleierten Äugen an. Dann wandte sie sich rasch ab und ging auf die Stationsküche zu. Sie hatte sich entschlossen, nicht in der Kantine zu essen. All die Leute dort, die sie dann anstarren würden. Nein, dachte sie, ich werde allein irgendwo in einer Ecke sitzen und ein paar Brote essen oder gar nichts. Eigentlich habe ich überhaupt keinen Hunger mehr. Der ist mir jetzt wieder gründlich vergangen. Oh, könnte ich doch hierbleiben! Könnte ich doch bei Fred sein! Warum nur muss Papa zurückgehen? Er zerstört mein Leben damit. Und er begreift mich nicht …

 

*

 

Als sie gegen halb drei die Klinik verließ, sah sie ihren Vater am Steuer seines VW-Busses sitzen. Er blickte zu ihr hinüber. Sein dunkles Haar war an den Schläfen stark ergraut, das Gesicht kantig, wie geschnitzt. Zwanzig Jahre Blohm & Voss, dachte sie. Bei Wind und Wetter draußen auf der Werft. Schweißarbeiten, Tag für Tag. Sie musste daran denken, wie abgekämpft er mitunter abends von der Arbeit gekommen war. Aber jetzt machte er nicht diesen Eindruck. Seit er das Projekt mit dem Restaurant verfolgte, wirkte er frisch, unternehmungslustig, vital.

Der VW-Bus, dessen aufdringliches Blau regelrecht leuchtete, war fast neu. Papas ganzer Stolz, dachte Tina. Aber da muss er wohl schon den Plan mit dem Restaurant gehabt haben, sagte sie sich.

 

*

 

Als sie neben den Wagen trat, lächelte er. Seine dunklen Augen sahen sie dabei forschend an. „Na, Tina?“, fragte er. Und wie immer in letzter Zeit wurde ihr richtig bewusst, dass er Griechisch sprach, er sprach es mit dem harten Akzent des Nordgriechen.

„Ja, Papa?“, fragte sie nur, ging vorne um den Wagen herum und öffnete die Beifahrertür. Als sie einstieg, schaute er sie wieder an. „Wir werden die Kleinigkeiten jetzt schon wegschaffen. Die Möbel werden morgen abgeholt. Wir nehmen alles mit. Es ist schließlich gut und teuer gewesen, und alles noch nicht sehr alt. Wir können es zu Hause gebrauchen“, hörte sie ihn sagen.

Sie saß auf ihrem Sitz, hatte sich angeschnallt und faltete die Hände im Schoß wie zum Gebet. Sie starrte geradeaus und überlegte, ob das, was er Zuhause nannte, auch jemals ihr Zuhause sein würde. Der schmerzliche Gedanke, dass sie Fred nie vergessen würde, aber ihn womöglich ihr ganzes Leben nicht mehr sah, fraß sich schmerzhaft in ihr Herz.

Ich sollte doch hierbleiben, dachte sie. Und sie achtete gar nicht darauf, wie er den Wagen anließ und losfuhr.

Als sie an einer Ampel hielten, schrak sie zusammen, als ihr Vater sagte: „Warum siehst du es nur nicht ein. Wir sind keine Deutschen. Wir sind Griechen. Und wir kehren nach Hause zurück.“

Ohne ihn anzusehen sagte sie trotzig: „Ich bin hier geboren. Was du zurück nennst, ist für mich nur hin. Zurück wäre hierher. Ich bin hier zu Hause. Ich fühle mich nicht als Griechin.“

„Fängst du jetzt schon wieder an? Du bist eine Griechin. Und für die Deutschen bist du das auch. Außerdem liegt eine herrliche Zukunft vor uns. Die Abfindung, die sie mir gezahlt haben, und das Ersparte, das reicht für dieses Restaurant. Und es ist ein wunderschönes Haus direkt am Meer. Du weißt es ja. Ich habe es dir voriges Jahr gezeigt. Dieses Jahr bist du nicht mitgefahren. Da wolltest du bei diesem jungen Arzt bleiben. Du glaubst doch nicht im Ernst, dass er dich heiratet. Das glaubst du doch nicht. Und außerdem weißt du ganz genau, dass du einen anderen Mann heiraten wirst.“

Sie sah ihn mit flammendem Blick an. „Nein, das werde ich nicht, Papa. Ich heirate einen Mann, den ich liebe. Nicht einen, den du mir aussuchst.“

„Aussuchst. Wie du das sagst! Es ist eine reiche Familie. Wir sind miteinander befreundet, seit wir Kinder waren. Deine Mutter und ich, wir kennen Antonis schon so lange. Seit seiner Geburt. Deine Mutter ist seine Patin. Antonis ist ein sehr guter Mensch. Und er ist ein Grieche. Am Ende kann nur ein Grieche dich verstehen.“

„Papa“, sagte sie eindringlich, „ich bin nicht so wie ihr. Ich kann euch verstehen, aber ich bin anders. Ich bin hier geboren. Ich bin hier aufgewachsen. Meine Muttersprache ist nicht Griechisch, wie du immer sagst. Meine Muttersprache ist Deutsch. Sogar Stellios und ich sprechen miteinander Deutsch, wenn wir allein sind. Nur ihr wollt immer, dass wir Griechisch sprechen.“

„Es ist eure Muttersprache“.

„Ja, Mama spricht Griechisch. Aber du sprachst doch auch schon ganz gut Deutsch. Nach zwanzig Jahren kein Wunder. Und ich bin achtzehn Jahre alt, fast neunzehn. Und all diese Jahre war ich hier. Nach Griechenland bin ich nur in den Ferien gefahren. Das ist für mich so fremd wie für die Deutschen auch. Ich kann nicht wie eine Griechin denken. Das glaubst du nur. Versteh mich doch endlich!“

Sie sah, wie er den Kopf schüttelte. Natürlich glaubte er ihr nichts. Nein, er konnte es nicht verstehen, würde es nie begreifen.

„In deinen Adern fließt das Blut von uns Griechen. Du bist eine Hellenin, niemals eine Deutsche. Man sieht es dir auch an.“

Sie sagte nichts. Knetete verzweifelt ihre Finger und starrte wieder geradeaus.

„Es war „Grün“, und sie fuhren weiter. Papa hatte mit dem Verkehr zu tun und war vollauf beschäftigt. Dann bogen sie in diese Wohnstraße ab, wo sie in einem alten Haus im zweiten Stock eine große und schwer beheizbare Wohnung besaßen. In nächster Zeit sollten die Häuser hier abgerissen werden. Kein Baum, kein Strauch vor dem Haus und nicht dahinter. Aber billig. Papa hatte immer Wert darauf gelegt, dass sie billig wohnten, damit er viel sparen könnte.

Sie sah ihren Bruder, wie er mit dem Rad kam und direkt vor dem haltenden VW-Bus anhielt, seinem Vater zuwinkte. Ein dunkler Lockenkopf mit schmalem Gesicht und blauen Augen. Ein Kontrast, der einen aparten Reiz ausstrahlte. Mutter hatte auch helle Augen. Sie selbst ebenfalls. Fred gefiel das so sehr.

Sie konnte gar nicht mehr an Fred denken. Es tat so weh, ihn zu verlieren. Aber sie wollte ihn nicht verlieren. Ich muss um ihn kämpfen, sagte sie sich. Ich werde hierbleiben. Aber um welchen Preis? Kann ich das? Papa hat mir schon gesagt, was mir dann droht. Aber vielleicht meint er es gar nicht so böse? Er muss mich doch lieben, ich bin seine Tochter. Ich liebe ihn doch auch. Warum ist er so hart zu mir? Tut mir das an? Zerstört mein Leben?

Sie stieg aus, und ihr Bruder sagte auf Deutsch zu ihr: „Was ist los? Warum machst du so ein miesepetriges Gesicht?“

„Ach, lass mich doch!“ erwiderte sie nur.

Er wurde siebzehn. Ein hübscher Bengel. Sie wusste, dass die Mädchen ihn mochten. Aber ihm bedeutete das Weggehen nichts. Er konnte ja in Athen weiter in eine Schule gehen. Auch noch in eine deutsche Schule. Und da war ein Internat. Dieses Geld hatte Papa für ihn übrig. Denn Stellios war ein Junge. Und die Jungen bedeuten den griechischen Vätern mehr als die Töchter.

 

*

 

Eigenartig. Hier gibt es das gar nicht mehr. Und ich werde die Touristen bedienen. Nein. Ich hänge so an meinem Beruf, ich werde hierbleiben. Papa muss es begreifen.

Sie gingen die Treppe hinauf. Eine Holztreppe. Knarrende Stufen. Die Farbe an den Wänden abgeblättert. Im ganzen Haus der Geruch von Essen. Hinter einer Tür im ersten Stock eine keifende, schimpfende Frau. Der Lärm war bis vor die Tür im dritten Stock zu hören.

Und jetzt wechselten die Gerüche. Direkt vor der Tür mit dem Schild „Anapoulos“, da duftete es anders. So, wie sie es von den Ferien in Griechenland kannte. So wie sie es auch gewohnt war, dass es in der Wohnung roch. In den deutschen Wohnungen roch es niemals so. Auch bei Fred nicht. Sie liebte diese Gerüche. Eine Zeit, als sie sechzehn war, hatte sie es gehasst. Da wollte sie nicht, dass man in ihr eine Griechin sah. Jetzt sah sie das alles ganz anders. Aber zugleich sträubte sich alles in ihr dagegen, der Anweisung ihres Vaters zu folgen. Am meisten bangte sie dabei um ihre Liebe zu Fred, fürchtete, ihn zu verlieren.

Sie zog ihre Jacke aus, hängte sie auf den Bügel und ging, wie es immer geschah, zuerst in die Küche. Mama stand da. Und wie immer, wenn Tina nach Hause kam, sah sie ihre Mutter lächeln.

Sie sah noch sehr gut aus. Sparte nicht am Friseur und trug auch nicht diese unansehnlichen Kleider oder Kittelschürzen wie viele ihrer Landsleute. Sie hatte ein hübsches weinrotes Kleid an, trug eine Perlenkette und hatte sich nur die Schürze vorgebunden. Aber die harten Jahre hier waren auch an ihr nicht spurlos vorübergegangen. Anfangs, als die Kinder noch nicht dagewesen waren, hatte sie in einer Packerei gearbeitet. Dann vier Jahre lang Heimarbeiten gemacht. Mit einer Strickmaschine Pullover gefertigt. Alles im Akkord. Später, als Tina schon zur Schule ging und ihr Bruder noch in den Kindergarten, hatte sie in einer Großküche gearbeitet. Den Erzählungen nach war sie vor ihrer Ehe auch Köchin gewesen. Ihre Arbeit machte sie noch immer. Als erste verließ sie früh das Haus. So gegen vier ging sie los, war aber dann schon kurz nach eins wieder da.

Seit zwei Jahren strickte sie nachmittags wieder. Ein Beruf reichte ihr nicht aus. Mit Papa war es ähnlich. Er schuftete in einer Frühschicht, und nachmittags half er in einer Gastwirtschaft. So ging das seit Jahren. Heute war der freie Tag, die Gastwirtschaft geschlossen. Und deshalb holten sie die Sachen zusammen.

„Hast du schon etwas gegessen?“, erkundigte sich Mama.

Tina nickte. „Ja, wie immer. Wo soll ich anfangen?“

„Im Schlafzimmer haben wir schon alles zusammengestellt Es muss nur noch verpackt werden. Fang damit an!“

„Kann Stellios mir helfen?“, wollte sie wissen.

„Nein“, hörte sie ihren Vater vom Flur her rufen. „Stellios muss etwas anderes machen. Er kann schon einige der ausgeräumten Schränke zerlegen.“

Sie verstand sich gut mit ihrem Bruder. Aber seit sie wusste, dass er seine Ausbildung in Griechenland fortsetzen konnte und sie nicht, spürte sie in sich so etwas wie Eifersucht. Warum er? Warum nicht sie?

Sie wandte sich ab und wollte zum Schlafzimmer gehen. Da hielt sie der Ruf ihrer Mutter fest. Sie blieb stehen, als sie ihren Namen hörte, wandte sich der Mutter zu, und die sah sie kopfschüttelnd an und sagte schließlich: „Tina, so geht es doch nicht weiter. Wir müssen miteinander reden.“

„Es hat keinen Zweck. Ich habe heute mit Papa versucht zu reden. Es ist sinnlos.“

„Du musst doch einsehen, dass wir so handeln müssen. Es ist doch auch für euch. Und zu Hause ist es doch so schön. Sieh mal, die Deutschen fahren dahin in Urlaub, weil es so schön ist. Du kannst das ganze Jahr da wohnen. Es ist dein wahres Zuhause. Und hier ist es immer kalt und feucht und neblig. Und es regnet so viel. Wie selten scheint hier die Sonne. Bei uns zu Hause scheint sie fast das ganze Jahr. Es ist so schön daheim. Hier ist es nicht schön. Hier kann man nur viel Geld verdienen. Aber das werden wir zu Hause auch bald. Jetzt haben wir endlich die Möglichkeit. Dafür haben Papa und ich die ganze Zeit geschuftet. Nur dafür. Aber jetzt ist es so weit.“

Tina zog die Küchentür hinter sich zu und lehnte sich dagegen. „Mama“, sagte sie beschwörend, „und ich? Für mich ist alles aus.“

Die Mutter lächelte begütigend. „Aber nicht doch, Kind!“, rief sie, trat zu Tina hin und strich ihr übers Haar. „Du wirst dort unten glücklich sein. Es ist ja schließlich unsere Heimat.“

„Nein, Mama, ich werde nicht glücklich sein, und ich werde auch nicht hingehen. Jetzt weiß ich, dass ich hierbleiben, will. Ja, ich bleibe hier. Und ich bin erwachsen. Ich bin kein Kind mehr, das ihr mitschleppen könnt, wohin ihr auch wollt. Ich habe Fred.“

 

*

 

Das Gesicht der Mutter verzog sich im Zorn. Ihre Hand sank schroff von Tinas Haar herab. Mit hängenden Armen stand sie vor ihrer Tochter. Sie waren etwa gleich groß. Aber Tinas Mutter wirkte breiter in den Schultern. Eine Frau mittleren Alters eben.

„Tina“, sagte sie, und es klang drohend, „er ist ein Deutscher, und er ist anders als wir. Du kannst mit ihm auf die Dauer nicht glücklich sein. Das geht nicht gut. Ich kann dir ein Dutzend Beispiele aus unserem Bekanntenkreis erzählen, wo wir …“

„Mama, hör auf! Das alles hast du schon getan. Da ist es doch anders herum. Da haben die Söhne deutsche Mädchen. Und das kann ich sogar verstehen. Wenn die einmal nach Griechenland kommen, wo die Frau nicht so viel gilt wie der Mann, das lassen die sich nicht bieten. Und sie würden sich nie daran gewöhnen, dass sie für jede Sache ihren Mann fragen müssen.“

„Auch die griechische Frau ist eine Königin. Sie bestimmt im Haushalt. Da hat ihr der Mann nichts hineinzureden.“

„Ich will in keinem Haushalt bestimmen, Mama. Versteh mich doch endlich! Ich möchte einen Beruf ausüben. Ich möchte ein gleichberechtigter Mensch sein. Und ich liebe Fred. Antonis kenne ich kaum. Den habe ich erst dreimal gesehen.“

„Aber er ist ein lieber Junge. Gewiss, ich denke da anders als Papa“, meinte sie einschränkend und sah Tina entschuldigend an. „Aber Papa meint es gut mit dir. Die Eltern von Antonis sind sehr vermögend. Du wirst eine reiche Frau sein. Und wenn ich an meine Eltern denke, die sehr arm sind, und ich hatte eine erbärmliche Kindheit, dann weiß ich, was ich dir sage. Du wirst ohne dem Zutun mit einem Male reich.“

„Ohne mein Zutun?“ Tina sah ihre Mutter protestierend an. „Ich gebe mein Leben dafür. Ist das kein Zutun? Ich opfere mich einem Manne, den ich nicht liebe, nur um reich zu sein? Das glaubst du doch selbst nicht! Das würde ich nie tun.“

„Was hat denn dein Fred?“, fragte die Mutter. „Er hat nichts. Er wird irgendwann mal mit seiner Facharztausbildung fertig sein und sich vielleicht als Internist niederlassen. In Ordnung. Dann verdient er Geld. Aber jetzt hat er doch nicht viel. Es reicht kaum für ihn selbst. Er hat keine Angehörigen, ist ganz auf sich gestellt. Das hast du mir alles selbst erzählt. Ach, weißt du, er ist ein gebildeter Mann, ein Arzt. Alles schön. Aber wir sprechen nicht dieselbe Sprache. Und das hat nicht nur damit zu tun, dass er Deutsch spricht und wir Griechisch. Soviel Deutsch verstehen wir, um mit ihm zu reden. Ich meine es anders. Er ist aus einer anderen Kaste.“

„Aber Mama, ich flehe dich an!“, rief Tina aufbegehrend und schlug die Hände über dem Kopf zusammen. „Du redest, als wären wir im Mittelalter. Eine andere Kaste. Alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich. Natürlich gibt es Reiche und Arme. Aber keiner ist deshalb mehr wert, weil er reich ist. Das ist doch Unsinn. Das gibt es hier gar nicht mehr. Das gibt es vielleicht in Griechenland.“

„Das gibt es überall auf der Welt“, wurde Tina von ihrer Mutter belehrt. „Ob es nun dransteht und so genannt wird, es ist einfach so. Überall ist es so. Und das weißt du auch ganz genau.“

„Nein, Mama, ich gehe nicht mit zurück. Das könnt ihr euch aus dem Kopf schlagen. Ich bleibe hier. Ich gebe Fred nicht auf. Um meine Liebe kämpfe ich.“

„Und deine Familie?“ Der Ton von Tinas Mutter wurde schärfer und schneidender.

„Meine Familie? Wenn meine Familie mich zwingt, unglücklich zu sein, dann meint es die Familie nicht gut mit mir, auch wenn ihr es immer wieder beteuert. Ihr meint es nur gut, wenn ihr mich glücklich sein lasst. Hier bin ich glücklich. In Griechenland, das du Zuhause nennst und das gar nicht mein Zuhause ist, bin ich nicht glücklich. So lange ich lebe, bin ich hier. Und Stellios geht es genauso. Aber ihm lasst ihr wenigstens die Möglichkeit, seine Ausbildung zu vollenden. Doch mir räumt ihr noch nicht einmal das ein.“

„Du bist ungerecht und undankbar. Wir haben geschuftet, um für euch Kinder etwas auf zubauen und …“

„Ihr wolltet es nicht für mich. Sei ganz ehrlich! Für mich hattet ihr Antonis vorgesehen. Und ihr seid euch mit den Eltern von Antonis einig. Aber ob Antonis und ich uns einig sind, danach habt ihr nie gefragt.“

„Antonis würde dich gerne zur Frau nehmen“, behauptete die Mutter.

„Ich habe noch nicht mit ihm darüber gesprochen. Aber ich glaube es nicht. Und wenn es so wäre. Ich möchte es jedenfalls nicht. Ich will nicht seine Frau werden! Wenn ich heiraten sollte, dann wünschte ich mir, ich würde die Frau von Fred.“

„Du bist nur verliebt. In kurzer Zeit wird sich das Strohfeuer in eine sterbende Glut verwandeln. Eines Tages ist die Asche kalt. Und dann stehst du hier in einem fremden Land. Du bist eine Fremde unter ihnen.“

„Ich nicht. Ich spreche ihre Sprache wie sie selbst. Und die meisten halten mich mir eine Deutsche.“

„Das bildest du dir ein, Kind“, widersprach die Mutter schon ein wenig nachgiebiger. Dann seufzte sie. „Papa kannst du nie überzeugen. Und ich verstehe Papa. Wir gehören alle zusammen. Es kann nicht einfach einer von uns hier alleine zurückbleiben in einem fremden Land.“

„In diesem fremden Land, wie du es nennst, Mama, habt ihr beide zwanzig Jahre gearbeitet. Das ist ein ganzer Teil eures Lebens. Vielleicht ein Drittel oder ein Viertel eures Lebens. Und dann tust du so, als sei das etwas ganz Fremdes, Unbekanntes für dich.“

„Für sie sind wir Ausländer.“

„Du hast das nie erdulden müssen. Wir Griechen haben nicht unter den Deutschen zu leiden. Wir sind hier sehr beliebt. Und wir kommen auch gut mit ihnen zurecht. Ich jedenfalls hatte noch nie ein Problem. Ganz im Gegenteil. Bis jetzt waren die meisten zu mir ausgesprochen nett. Und ich arbeite auch gern in der Klinik. Und mag es hier oft regnen und kalt sein, mich kümmert es nicht. Für mich ist das normal. Ich bin hier aufgewachsen. Ich habe mich daran gewöhnt von Kind an. Ich verstehe, wenn ihr anders denkt. Mir gefällt es hier besser. Viel besser.“

Die Mutter trat wieder einen Schritt näher und fasste ihre Tochter am Arm. „Tina, weißt du, was du sagst? Wenn du hier bleibst, löst du dich von der Familie. Die Ehre von uns Griechen ist eine eigene Sache. Und die griechischen Männer sind stur. Die Ausländer wissen das nicht. Aber wir wissen es. Du kannst niemals zurück, wenn Papa dich verstößt. Und er wird dich verstoßen, wenn du dich nicht bereit erklärst, mitzugehen. Dein Name darf dann nicht mehr genannt werden. Du wirst ganz allein sein. Du wirst keinen Punkt mehr haben, zu dem du zurückkehren kannst. Dein Nest, dein Zuhause, das wird es nicht mehr geben. Du bist dann wie ein Waisenkind, das man ausgesetzt hat und das nicht mehr weiß, wer seine Familie ist. Überlege es dir gut! Tina, überlege es dir sehr gut! Sprich lieber heute nicht mehr davon! Schlaf noch, eine Nacht darüber, bevor du dich entscheidest! Es ist eine Entscheidung, die du nicht mehr rückgängig machen kannst.“

„Ich werde hierbleiben. Ich gehöre zu Fred. Vielleicht haben wir mal eine Familie. Vielleicht. Ich hoffe es jedenfalls.“'

Die Mutter wischte sich mit der rechten Hand über Stirn und Augen. Dann seufzte sie, wandte sich ab und sagte mit stöhnender Stimme: „Du willst mich nicht verstehen. Nein, du willst nicht. Ich sehe schon kommen, dass es einen großen Krach mit Papa gibt. Und was darin ist, das weißt du ja.“

Tina machte sich daran, die Pakete zu packen. Mit verbissenem Eifer, ohne rechts noch links zu blicken. Später kam Stellios, ihr Bruder. Sonst hatten sie sich immer unterhalten, aber ihr war heute nicht danach. Schließlich tauchte auch noch Papa auf. Sie wusste, dass er beim Arbeiten gerne pfiff oder sang, aber heute war er genauso verbiestert wie Tina. Er sagte kein Wort. Als Stellios seiner Meinung nach etwas falsch machte, knurrte er nur. Dann ging er einmal hinaus, und Stellios fragte auf Deutsch, wie sie sich immer untereinander unterhielten: ,,Was ist denn mit dem Alten los? Dreht der jetzt durch? Er hat mich vielleicht angegiftet.“

 

*

„Das hat nichts mit dir zu tun, Stellios. Ich denke, dass Mama mit ihm gesprochen hat. Ich habe ihr gesagt, dass ich hierbleibe.“

Sie hatte sich schon öfter mit Stellios darüber unterhalten. Und er zuckte nur die Schultern und meinte:

„Kann ich verstehen. Würde ich an deiner Stelle auch tun. Aber ich kapiere auch, was in denen ihrem Kopf vorgeht. Die schnallen das nicht, verstehst du?“ Tina mochte nicht weiter darüber reden. Dann rief Mama nach Stellios, und der verschwand. Papa kam zurück.

Sie sah ihm an, dass er innerlich kochte. Der Blick, mit dem er sie maß, war böse und voller Zorn. Gleich explodiert er, dachte sie.

Aber es passierte nichts. In einer Arbeitswut schuftete er, als sei dies alles hier im Akkord zu bewältigen. Schließlich schleppte er die Pakete aus dem Zimmer. Als sie ihn fragte, ob sie ihm nicht helfen sollte beim Tragen, gab er ihr keine Antwort.

Sie nahm einfach zwei Pakete und schleppte sie ebenfalls hinaus, obgleich sie noch gar nicht wusste, wohin sie gebracht werden sollten. Sie folgte einfach ihrem Vater durch die Wohnungstür ins Treppenhaus.

Als sie hinaustrat, war er schon auf der halben Treppe weiter unten, wandte sich zu ihr hoch und sagte nur: „Stell die Pakete ab und geh wieder hinein! Ich will nicht, dass du das tust.“ Es gab nichts mehr einzupacken, die Pakete waren verschnürt, und Tina ging in die Küche, wo ihre Mutter mit Stellios einen Teil des Geschirrs verpackte.

„Kann ich dir helfen, Mama?“

Ihre Mutter schaute nur auf, schüttelte schweigend mit dem Kopf.

Stellios sprach mit einem deutlichen Akzent. Nicht so flüssig, wie Tina die Sprache ihrer Eltern beherrschte. Und er sprach auch nicht gern Griechisch. Weil er wusste, dass seine Eltern beide recht gut Deutsch sprachen und verstanden, versuchte er es immer wieder, sich mit ihnen Deutsch zu unterhalten, was der Vater empört ablehnte.

Tinas Mutter sagte gar nichts, als habe sie die Worte von Stellios völlig überhört.

„Es ist zum Verzweifeln. Eine Atmosphäre ist das“, schimpfte Stellios auf Deutsch. „Wenn das so weitergeht, bleibe ich auch hier. Das ist ja jetzt schon wie im Gefängnis.“

Tina gab Stellios ein Zeichen, dass er lieber schweigen sollte. Aber den reizte das, nur noch mehr zu sagen. Er stellte sich, die Arme in die Hüften gestemmt, vor seine Mutter hin und sagte auf Griechisch: „Ihr könnt nicht mit uns umspringen, wie ihr das von zu Hause gewohnt seid. Wir sind nicht wie die Kinder in Griechenland. Wir sind wie Deutsche aufgewachsen. Warum lasst ihr sie nicht in ihrem Beruf weiterarbeiten? Und wenn es da in Griechenland keine Möglichkeit gibt, dann wird sie ihre Ausbildung eben hier abschließen. Was ihr da tut, macht Tina fix und fertig.“

„Du brauchst dich nicht für mich einzusetzen“, flehte Tina. „Lass es doch! Ich will nicht, dass du Krach mit den Eltern hast.“

Bis jetzt hatte Mama geschwiegen. Aber nun ließ sie die Tasse, die sie gerade in der Hand hatte, los, dass sie klirrend zu Boden fiel. Tina und auch Stellios zuckten zusammen, als die Scherben klirrten.

Tinas Mutter schleuderte ihrer Tochter die Worte entgegen: „Jetzt hast du ihn auch schön aufgehetzt. Alles bringt ihr hier durcheinander. Wir sind eine Familie, und eine Familie gehört zusammen. Papa ist nicht nach Deutschland gekommen, um hier zu bleiben. Er hat zwanzig Jahre hier gearbeitet. Es war nicht immer gut, und es war nicht immer schlecht. Wir haben uns so durchgeschlagen. Aber das, was ihr jetzt sagt und was ihr jetzt tun wollt, zerstört unsere Familie. Ihr seid keine Deutschen. Ihr seid Griechen. Und ihr werdet mit uns zurückgehen!“

Details

Seiten
120
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783738923292
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2018 (Oktober)
Schlagworte
laura leitner halte tina

Autor

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Titel: Dr. Laura Leitner #2: Halte zu mir, Tina