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Die Raumflotte von Axarabor #35: Tödlicher Schlaf

2018 80 Seiten

Leseprobe

Die Raumflotte von Axarabor #35: Tödlicher Schlaf

Axarabor, Volume 35

Bernd Teuber

Published by BEKKERpublishing, 2018.

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Tödlicher Schlaf

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Die Raumflotte von Axarabor -  Band 35

von Bernd Teuber

Der Umfang dieses Buchs entspricht 82 Taschenbuchseiten.

Zehntausend Jahre sind seit den ersten Schritten der Menschheit ins All vergangen. In vielen aufeinanderfolgenden Expansionswellen haben die Menschen den Kosmos besiedelt. Die Erde ist inzwischen nichts weiter als eine Legende. Die neue Hauptwelt der Menschheit ist Axarabor, das Zentrum eines ausgedehnten Sternenreichs und Sitz der Regierung des Gewählten Hochadmirals. Aber von vielen Siedlern und Raumfahrern vergangener Expansionswellen hat man nie wieder etwas gehört. Sie sind in der Unendlichkeit der Raumzeit verschollen. Manche errichteten eigene Zivilisationen, andere gerieten unter die Herrschaft von Aliens oder strandeten im Nichts. Die Raumflotte von Axarabor hat die Aufgabe, diese versprengten Zweige der menschlichen Zivilisation zu finden - und die Menschheit vor den tödlichen Bedrohungen zu schützen, auf die die Verschollenen gestoßen sind.

Mehrere Besatzungsmitglieder der STARFIRE fallen ohne ersichtlichen Grund in einen komatösen Zustand. Was ist der Auslöser? Gab es einen Strahlenunfall oder wurden die Betroffenen vergiftet?

Für die Ärzte beginnt ein Wettlauf gegen die Zeit.

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Copyright

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Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author / COVER AD 3000 123rf Steve Mayer

© Serienidee Alfred Bekker und Marten Munsonius

© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

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Ein bizarrer Anblick bot sich der Besatzung der Landefähre, während sie sich dem Raumschiff näherten, das antriebslos im Weltall schwebte. Ein stummer Zeuge einer längst vergangenen Zeit. In den letzten Wochen hatte keine Peilstation im Theta-Sektor ungewöhnliche Flugbewegungen registriert. Abgesehen von einigen Passagierschiffen und Transportern gab es keinen nennenswerten Betrieb.

Doch plötzlich tauchte auf den Ortungsschirmen ein Schiff auf. Die Peilstationen sandten ein Routine-Checksignal, bekamen jedoch keine Antwort. Sämtliche automatischen und bemannten Stationen wurden alarmiert. Es gehörte durchaus zur Routine, denn es war nicht ungewöhnlich, dass Frachtschiffe trotz hoher Geldstrafen unangemeldet von den äußeren Welten eintrafen. Raumschiffe dieser Größenordnung gehörten jedoch meistens zu den wichtigsten Transportfirmen und verstießen nur selten gegen diese Vorschriften. Trotzdem war die Angelegenheit mysteriös.

Die Regierung des gewählten Hochadmirals von Axarabor beauftragte Captain Simon Hackett, sich mit der STARFIRE dem fremden Schiff zu nähern und herauszufinden, weshalb niemand auf die Funksprüche reagierte. Nach einem Flug von sechshundertsiebzig Lichtjahren beendete die STARFIRE ihren Überlichtflug. Die konturlosen Schatten des Überlichtfluges, verschwanden vom Panoramabildschirm. Stattdessen wurden auf der Fläche Milliarden verschiedenfarbiger Sterne erkennbar.

Die STARFIRE, ausgerüstet mit den modernsten Triebwerken axaraborischer Wissenschaft und den besten Waffen der Gegenwart, verringerte die Geschwindigkeit. Im Theta-Sektor wurde der Raumflug problematisch. Selbst einfache Lichtgeschwindigkeit im Bereich des Normaluniversums brachte Gefahren mit sich, die nur noch von exakt arbeitenden Computern gesteuert werden konnten. Überlichtflüge waren nur auf kurze Distanz möglich.

Flammende Gasnebel, physikalisch seltsame Erscheinungen und zahlreiche Planeten mit extremen Umlaufbahnen behinderten den Flug noch zusätzlich. Eine Reise durch den Theta-Sektor wurde grundsätzlich zu einem Hindurchwinden ohne Aussichten auf weitreichende Distanzüberbrückungen. Doch die Besatzung war daran gewöhnt. Man flog in erster Linie nach einem System, das auf Erfahrungswerten basierte. Nirgendwo sahen sich die Sterne so ähnlich wie in diesem Sektor. Nirgendwo waren ihre physikalischen Eigenschaften so artverwandt. Irrtümer in der Ortsbestimmung gehörten zum Alltag.

Doch dann führte ein findiger Wissenschaftler namens Kadavo Weex das Weex-Verfahren ein. Bei dieser Methode wurden die Positionen nach Flugzeit, zurückgelegter Wahrscheinlichkeitsentfernung und annähernd berechenbaren Abdriftungen durch kosmische Magnetstürme und anderweitige Energiegattungen ermittelt. Alle Werte waren und blieben jedoch Weex-Werte. Unter den Besatzungen der Schiffe, die in den Theta-Sektor vordringen mussten, sagte man schlicht „Viel-Glück-Verfahren“.

Funkfeuer, sogar solche auf hyperenergetischer Überlagerungsbasis, waren hier unzuverlässig. Es hatte sich als wenig zweckmäßig erwiesen, auf Planeten mit kosmischen Positionen Peilsender zu installieren, nach deren Impulsen man sich normalerweise exakt richten konnte. Die Hyperwellen wurden durch Überlagerungen und Zerreinflüsse so gestört, dass ein Kreuzpeilverfahren nicht mehr anwendbar war.

Die letzte Möglichkeit bot sich mit der Weex-Peilung. Auch sie hatte ihre Tücken, aber man konnte wenigstens einigermaßen genau sagen, wo man sich gerade befand. Die unbekannten Faktoren, die sich aus den energetischen Wechselfeldern zwischen den Sternen und den damit verbundenen Geschwindigkeitsdifferenzen und Abdriften ergaben, beschäftigten einige Computer während der gesamten Reise. Es war und blieb ein Hindurchschlängeln.

Auf dem Panoramabildschirm der STARFIRE erschien ein silberfarbenes Gebilde von der Größe eines Langstreckenfrachters. Die Abtastung ergab, dass es sich um die ARGOSYS handelte, ein Schiff, das vor mehr als zweihundert Jahren von Axarabor gestartet war, um für die einhundertzwanzig an Bord befindlichen Siedler eine neue Heimat zwischen den Sternen zu finden. Nur das Fragment einer filmischen Berichterstattung war aus den alten Tagen erhalten geblieben.

Die Aufnahmen zeigten die Konstruktion und den Start des Schiffes. Aber seltsamerweise enthielten sie keine Informationen über das Ziel der Siedler. So etwas war nicht ungewöhnlich. In den Archiven von Axarabor gaben es viele lückenhafte Daten über die alten Tage der Kolonisierung des Weltraums. Weshalb die Informationen verloren gegangen waren, ließ sich nicht mehr so eindeutig feststellen. In einigen Fällen spielte vermutlich menschliches Unvermögen eine Rolle, manchmal war der Verlust aber auch auf schadhafte Datenträger zurückzuführen. Ein Heer von Informatikern versuchte, die Lücken zu schließen, doch sehr oft blieb ihre Arbeit ergebnislos.

Dem Film-Fragment zufolge war die ARGOSYS das letzte Schiff, das in der Orbital-Werft von Tasuma von der Firma „Omega Enterprises“ gebaut wurde. „Omega Enterprises“ war eine Tochtergesellschaft von „Consolidated Skymaster“, einem Konzern, der sich auf den verschiedensten Gebieten – Erzabbau, Elektronik, Handel mit Rohprotein, Unterhaltungsindustrie – betätigte. Vor allem der Handel war seinerzeit der Anlass für den Erwerb des in finanzielle Schwierigkeiten geratenen Herstellers „Omega Enterprises“

„Consolidated Skymaster“ unterhielt eine Reihe von Handelsposten im näheren Umfeld von Axarabor und beabsichtigte, weitere auf entfernt gelegenen Planeten zu gründen. Um diese Handelsposten mit Rohstoffen zu beliefern, benötigte man Siedler für die Herstellung. Deshalb war es nur logisch, das sich der Aufsichtsrat entschloss, die Raumschiffe, mit denen die Männer und Frauen auf diese entfernten Welten gebracht werden sollten, in eigener Verantwortung zu bauen. Auf diese Weise hofften sie, eine engere Bindung zwischen den Siedlern und der Firma herstellen zu können.

Zudem mussten die Kolonisten für den Transport kein Geld bezahlen. Die entstandenen Kosten wurden ihnen später von ihren Prozenten am Verkauf der Handelsgüter abgezogen. Auf diese Weise konnten sich auch ärmere Leute eine Kabine auf den Schiffen leisten. Und das Konzept schien aufzugehen. Fast zehn Jahre brachten die Schiffe von „Omega Enterprises“ die Kolonisten zu fernen Welten und bauten dort Handelsstützpunkte auf. Der Andrang war enorm. Es gab Wartelisten von bis zu zehn Monaten. Viele Männer und Frauen hofften, auf den neuen Planeten reich zu werden, andere trieb die Abenteuerlust. Manch einer war aber auch auf der Suche nach Freiheit.

Die ARGOSYS stellte die Krönung dieser Entwicklung dar. Sie erreichte mehr als einfache Lichtgeschwindigkeit. Nachdem das Beladen mit Ausrüstung und Proviant abgeschlossen war, nahmen die Siedler und die Besatzung Abschied von ihren Angehörigen und bestiegen die Zubringer-Fähren. Der Countdown lief ab und das riesige Raumschiff entfernte sich langsam in den Hyperraum. Dutzende von kleinen Kreuzern wirbelten um den Flugkörper der ARGOSYS. Sie wollten alle das Ereignis, diesen Triumph der Raumfahrttechnik, gebührend würdigen.

Innerhalb weniger Minuten schrumpfte das Schiff zu einem winzigen Lichtpunkt. Ihre mächtigen Triebwerke katapultierten sie auf Reisegeschwindigkeit. Dann war sie verschwunden. Und das im wahrsten Sinne des Wortes. Die ARGOSYS erreichte niemals ihr Ziel. „Omega Enterprises“ startete umfangreiche Suchmaßnahmen, jedoch ohne Erfolg. Es gelang den Experten nicht, das Schicksal der ARGOSYS zu klären.

Natürlich gab es etliche Vermutungen. Einige waren davon überzeugt, dass das Schiff von Piraten geentert und anschließend vernichtet wurde. Andere hielten einen Triebwerksschaden für wahrscheinlicher. Diese Katastrophe wirkte sich nachhaltig auf „Omega Enterprises“ aus. Die Passagierzahlen gingen rasch zurück und die Aktien sackten ins Bodenlose. Hinzu kamen Schadensersatzforderungen der Hinterbliebenen. Ein Jahr nach dem Verschwinden der ARGOSYS musste die Firma Konkurs anmelden.

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Captain Hackett ließ eine Landefähre startklar machen. Das Einsatzteam Alpha unter dem Kommando von Major Miguel Yacoban sollte sich an Bord der ARGOSYS begeben und feststellen, was mit dem Schiff passiert war. Außer ihm befanden sich noch der Pilot Josh Cully und die Leutnants Benda, Asgar und Reynolds in der Fähre. Von der Kommandozentrale kam der Startbefehl. Die Hangarschleuse öffnete sich und das kleine Schiff flog in den Weltraum hinaus. Bei der Konstruktion hatte man keine Zugeständnisse an das Äußere gemacht. Die Landefähren operierten hauptsächlich außerhalb der Atmosphäre und konnten deshalb auf einen aerodynamischen Schnitt verzichten. Man beschränkte sich auf ein Gerüst, dem je nach Bedarf die benötigten Teile angepasst wurden.

Die ARGOSYS nahm rasch an Größe zu, als würde sie aufgeblasen – eine für den leeren Raum typische Täuschung. Der Pilot verlangsamte den Flug und umkreiste das unförmige Gebilde. Die Bordwand glitt an der Fähre vorbei. Man konnte ganz deutlich die Verdickungen an den Nahtstellen der einzelnen Platten erkennen. Das, was von Weitem wie ein dunkler Fleck ausgesehen hatte, erwies sich als eine große Öffnung in der Hülle, die zweifellos durch den Einschlag eines Meteors entstanden war.

Geschickt steuerte der Pilot die Fähre neben das Schiff. Magnettrossen verankerten sie an der Hülle. Die Männer hatten sich in der Schleuse versammelt. Jeder trug einen Schutzanzug. Die Helme waren geschlossen. Die Anzüge besaßen Schwerkraftgeneratoren zur Erzeugung künstlicher Gravitation. Zudem verfügte jeder Mann über ein Jetpack, mit dem der Träger in der Lage war, sich fliegend vorwärts zu bewegen.

Über Helmfunk gab Major Yacoban den Befehl zum Ausstieg. Da es nirgendwo einen offenen Hangar gab, wollte er durch das Loch in die ARGOSYS eindringen. Über dem Schott leuchtete eine rote Lampe auf. Die Schleusenwand glitt zur Seite. Nacheinander schalteten die Männer ihre Jetpacks ein, schwebten hinaus in den Weltraum, näherten sich der Öffnung und flogen hinein. Die Wände in der Nähe des Lochs waren stark beschädigt, die Stahlbleche der Hülle zerfetzt, die Verstrebungsrippen verbogen, gerissen und zusammengedreht. Der Einschlag des Meteors musste ziemlich heftig gewesen sein.

Die Bodenplatten waren gefaltet wie der Balg einer Harmonika, sodass die Männer nur mühsam vorankamen. Das Ausmaß der Zerstörung zeugte von der schlechten Qualität des Materials aus dem das Schiff erbaut worden war. Bald gelangten die Männer zu einer halb offenen Tür in einer senkrechten, flachen Wand. Dahinter führte ein enger Durchgang in einen quadratischen Raum. In der gegenüberliegenden Wand befand sich wieder eine halb offene Tür. Yacoban trat als Erster ein. Die Männer folgten ihm nacheinander.

Sie gelangten in eine kurze Röhre, an deren Seiten sich rechteckige Glasplatten befanden, und die mit einem Schott verschlossen war. Zögernd gingen die Männer hinein. Dann drehten sie sich langsam. Die Lichtkreise ihrer Helmscheinwerfer wanderten über Metall, das an den meisten Stellen mit einem fluoreszierenden Kunststoff bedeckt war.

„Hier Overdic!“, ertönte die Stimme des Commanders in Yacobans Helmlautsprecher. „Haben Sie schon etwas Interessantes entdeckt?“

„Nein“, antwortete der Major.

„Besteht Gefahr?“

„Bis jetzt nicht.“

„Stellen Sie auf jeden Fall den Datenspeicher sicher.“

„In Ordnung.“

Yacoban richtete seine Lampe auf das Schott. Es ließ sich durch ein Handrad mit vier Speichen öffnen, durch den ein großer Riegel bewegt wurde. Obwohl die Mechanismen klar erkennbar waren, strahlten sie den Eindruck von Fremdheit aus. Yacoban unterdrückte den Schauer, der über seinen Rücken lief. Dann machte er sich an die Arbeit. Das Handrad ließ sich überraschend schnell drehen. Das Schott schwang auf. Die Helmlampen erleuchteten den Raum dahinter. Zögernd wagten die Männer einige Schritte. Der Raum war vollgestopft mit Geräten und Instrumenten. Man hatte jeden Zentimeter ausgenutzt.

Im Schein ihrer Helmlampen sahen sie, dass es sich um einen langgestreckten Raum handelte. In den Wänden befanden sich eingebaute Schränke. Einige waren geöffnet. In ihnen blinkte Glas. Auf mehreren Tischen, die in zwei Reihen angeordnet waren, lagen Glasgefäße, Destillierkolben, Retorten, Reagenzgläser und Schalen. Unter den Tischen lagen Scherben zerschlagener tropfenförmiger Gefäße.

„Ich will nicht Leutnant sein“, sagte Skot Benda, „wenn das kein Labor ist.“ Er trat an eines der Geräte heran. „Und bei diesem Ding handelt es sich zweifellos um eine Zentrifuge.“

„Labor?“ Yacoban blieb stehen, während die Männer von einem Gerät zum anderen gingen, und versuchten, hinter der Anordnung der einzelnen Elemente ein gewisses Schema zu entdecken. „Wozu braucht ein Siedlerschiff ein Labor?“

„Das lässt sich schwer sagen“, meinte Reynolds. „Hier gibt es nichts, mit dem man Experimente hätte durchführen können. Wir kehren um“, entschied Yacoban.

Die Männer verließen das Labor und schlugen einen anderen Weg ein. In dem dunklen, aufwärts führenden Korridor herrschte die Stille der Leere, in der jedes Geräusch ohne Echo blieb. Bei jedem Schritt wirbelte eine Wolke schwerelosen, feinen Staubes auf, die träge hin und her wogte und im Schein der Helmlampen flimmerte. In diesen durchsichtigen Schwaden tauchten die Wände und Gegenstände auf. Sie wirkten wie mit Raureif überzogen und standen so eng beieinander, dass man sie mit der ausgestreckten Hand berühren konnte.

Sie gelangten in einen Lagerraum, in dem bis an die Decke Stahlflaschen gestapelt waren. Der Weg führte durch einen Korridor. In den Staubwolken erzeugte das Licht der Helmlampen wirbelnde Kreise. Der Gang endete vor einer Tür, die größer war als alle anderen. Yacoban stieß sie auf und blieb wie erstarrt stehen. Die anderen Männer blickten über seine Schulter. Die Helmlampen erleuchteten ein hohes Zimmer, an dessen Längstwänden Gerüste standen, die wie Käfige aussahen.

Doch bei genauerer Betrachtung entpuppten sie sich als mehrstöckige Betten. Dicht vor Yacobans Füßen lag ein halbleerer Sack aus blauem Segeltuch. Er teilte sich an der einen Seite. Der andere Teil endete in einer kugelförmigen Verdickung. Es war kein Sack, sondern ein Mensch. Er lag auf dem Rücken, die Beine hochgezogen und die Arme an den Körper gepresst. Yacoban stieg über den Leichnam hinweg und betrat den Raum. Die Männer folgten ihm durch den schmalen Gang zwischen den käfigartigen Betten.

Der Major bemühte sich vergebens, die nächste Tür zu öffnen. Er zog den Blaster aus dem Holster und betätigte den Abzug. Der grelle Energiestrahl fraß sich in das Metall. Die Schnittstellen glühten rot und weiß. Dann drückte er das herausgetrennte Teil aus dem Türblatt. Schwerelos schwebte es in den dahinterliegenden Raum. Das Licht der Helmlampen hüpfte im Rhythmus der Schritte, als die Männer eindrangen. Die Strahlen trafen auf Tote. Ihre flachen, braunen Körper sahen aus, als wären sie vertrocknet. Leutnant Benda kämpfte gegen die aufsteigende Übelkeit. Das Blut hämmerte in seinen Schläfen und eine unsichtbare Faust schien ihm die Kehle zuzudrücken.

„Alles in Ordnung?“, fragte Leutnant Asgar.

„Ja, ja, es geht schon wieder.“

„Wirklich? Kotz bloß nicht in deinen Helm. Das ist hier im luftleeren Raum echt übel.“

„Ich gebe mir Mühe“, erwiderte Benda.

Die Bedeutung und der Zweck der meisten Gegenstände, die das Licht der Helmlampen traf, waren den Männern unbekannt. In diesem Durcheinander von Möbeln und anderen Einrichtungsgegenständen lagen Mumien mit krampfhaft verschlungenen Händen. Die Augen erinnerten an trübe Eisstücke. Hinter den erstarrten Lippen blitzten die Zähne wie blanke Knochen. Alle waren mit Staub bedeckt und bar jeden menschlichen Ausdrucks, und doch waren es menschliche Überreste.

Schweigend gingen die Männer von einer Kabine in die andere und gelangten schließlich in einen Raum, der wahrscheinlich als Küche gedient hatte. Auf dem Boden lagen Dutzende leerer Lebensmittelbehälter. An den Wasserhähnen hingen Eiszapfen. Die Männer verließen die Küche und folgten dem Gang. Als sie den nächsten Raum betraten, zuckten sie unwillkürlich zusammen. Von der gegenüberliegenden Wand kamen fünf silbrig glänzende Gestalten auf sie zu. Erst nach einigen Sekunden merkten sie, dass es sich um Abbilder handelte, die ein großer Spiegel zurückwarf.

In dem Zimmer herrschte ein ziemliches Durcheinander. Zwischen roten, vierbeinigen Stühlen und vereisten Lachen farbiger Getränke lagen mumifizierte Menschen. Einer lehnte mit dem Kopf an einem Tresen. Mit einer Hand verhüllte er sein erstarrtes Gesicht. Die andere umklammerte ein Metallrohr. Der Spiegel wies zahlreiche kleine Löcher auf, die von strahlenförmig auseinanderlaufenden Rissen und Sprüngen umgeben waren. In der Decke befand sich eine Öffnung, zu der eine Wendeltreppe emporführte.

Auf der untersten Stufe hingen zwei in sich verschlungene tote Frauen. Die Männer des Einsatzteams sahen sich etwas genauer um. An der linken Wand befand sich ein großes Bild. Es zeigte eine grüne Wiese mit einem blauen Himmel und weißen Wolken. Auf der Wiese tummelten sich allerlei fantasievolle Gestalten.

Yacoban ging auf die Wendeltreppe zu und schob die beiden Mumien zur Seite, deren Köpfe mit den Überresten einer Decke umwickelt waren. Langsam fielen sie zu Boden. Die Männer folgten dem Major, der mit großen Schritten die Stufen emporstieg. Sie gelangten in einen Raum, von dem nur ein Korridor abging. Er endete vor einer massiven Tür, die sich nicht öffnen ließ. Abermals zog Yacoban seinen Blaster und schnitt eine Öffnung in die Tür. Blätter verkohlter Lackfarbe schwebten im luftleeren Raum.

Der Major stemmte sich gegen den herausgeschnittenen Metallblock. Langsam neigte er sich nach innen und gab den Weg frei. Yacoban betrat als Erster den dunklen Raum. Der Lichtkegel seiner Helmlampe huschte über Winkel und Nischen. Das Fehlen der Gravitation erschwerte die Orientierung. Die Schwerkraftgeneratoren ermöglichten den Männern zwar zu gehen, konnten die Schwerkraft aber nicht ganz ersetzen. Große Behälter schwebten in dem Raum. Sie ähnelten dickbäuchigen Fischen. Immer wieder reflektierte ihre glatte Oberfläche das darauffallende Licht.

Erst als sie diese herumgeisternden Metallkörper herunterzogen und provisorisch befestigten, erkannten die Männer, dass sie sich in einem großen, kuppelförmigen Raum befanden. Von der Decke hing der Greifer eines Krans herab. Den Beschriftungen zufolge enthielten die Metallbehälter Saatgut. Die Männer gingen den Weg zurück, den sie gekommen waren, und gelangten wieder in den Raum mit dem Spiegel. Von hier führte ein Korridor in eine kleine Kabine.

Unter der Decke kreuzten sich ganze Bündel von Kabeln. Eine dicke Schutzhülle umgab sie, die durch den angesetzten Niederschlag noch dicker geworden war. An den Wänden standen mehrere Konsolen mit zahlreichen Tasten. Davor befanden sich Stühle, auf denen drei gebückte Menschen saßen. Ein Vierter hing über die Stuhllehne. Die Haare der Männer waren mit Eiskristallen durchsetzt. Die Augen hatten sich in trübe Eisstücke verwandelt. Der nächste Raum war sehr geräumig. An der Tür stand in silbernen Buchstaben CAPTAIN JACUZZ. Sie ließ sich ohne Schwierigkeiten öffnen.

Ein weicher Teppich bedeckte den Boden. An zwei Wänden standen verglaste Schränke mit altertümlichen Büchern. In einem breiten Sessel hinter dem Schreibtisch saß ein Mann. Sein Kopf war nach hinten geneigt, sodass der Kehlkopf deutlich hervortrat. Er trug eine Lederjacke. Vor ihm stand ein Glas mit Eiswürfeln. Welche Gedanken mochten ihn bewegte haben, als er wusste, dass er sterben würde?

Während sich die Männer dem Toten näherten, schien es ihnen, als lächelte der Captain dieses Schiffs. Yacoban ging um den Tisch herum und blickte ihm ins Gesicht. Es war dunkelgrau, reifbedeckt und ausdruckslos. Die Lippen waren eingeschrumpft und gaben die zusammengebissenen Zähne frei, zwischen denen einige glänzende Splitter funkelten.

Er beugte sich tiefer und hielt unwillkürlich den Atem an. Nun sah er, dass es ein zerbissenes Glasröhrchen war. Er wandte sich ab und gab seinen Männern ein Zeichen, ihm zu folgen. Von der Tür aus warf er noch einen Blick zurück. Das Licht seiner Helmlampe glitt über das Gesicht der Mumie und versuchte vergeblich, es zu beleben. Eingetrocknet, runzlig, schien es zeitlos zu sein, als wäre es schon immer tot gewesen.

Der nächste Raum war leer. Nur eine Reihe von Röhren zog sich an der Decke entlang. Die Männer begaben sich in die Kommandozentrale. Was dem Schiff und seiner Besatzung zugestoßen war, ließ sich nur vermuten. Eine genaue Antwort konnte bestenfalls die Auswertung der Computerdaten geben.

Während Leutnant Reynolds die Abdeckung der Konsole löste, stellte er sich unwillkürlich vor, wie diese in dem Raumschiff eingeschlossenen Menschen in den Tiefen des Alls versanken, wie sie, deren Blut allmählich erstarrte, um belebende Wärme kämpften, bis die Katastrophe ihrem Leben ein jähes Ende setzte. Fast zweihundert Jahre waren seit ihrem Tod vergangen und der stählerne Sarg trug seine erstarrte Besatzung durch den Weltraum.

Nachdem Reynolds den Datenspeicher aus seiner Halterung entfernt hatte, kehrte das Einsatzteam zur Öffnung zurück. Yacoban sprang als Erster in den Weltraum hinaus und flog in die Schleuse der Fähre. Die Männer folgten ihm. Auf dem Monitor sah der Pilot, wie die Soldaten nacheinander die Schleusenkammer betraten. Er wartete, bis das Signal kam. Das Außenschott wurde sofort geschlossen.

Dann erfolgte die Dekontaminierung. Nach wenigen Sekunden zeigte eine grüne Lampe an, dass der Vorgang abgeschlossen war. Major Yacoban nahm seinen Helm ab. Er war erleichtert, dass er bei dem Einsatz keinen seiner Männer verloren hatte. Per Funk wandte er sich an den Piloten.

„Wir können starten!“

„Verstanden!“, erwiderte Cully.

Die Magnettrossen lösten sich von dem Schiffswrack. Der Pilot beschleunigte und steuerte auf die STARFIRE zu.

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Die Landefähre flog schräg in den Hangar hinein, streifte das offenstehende Schott und drehte sich mehrmals um die eigene Achse. Mit einem harten Ruck setzte die Maschine auf. Funken sprühten, während sie über den Metallboden schrammte. Die Fähre wurde langsamer, raste aber direkt auf die linke Wand zu. Dann erfolgte der Aufprall. Für die Männer im Kontrollraum vollzog er sich vollkommen lautlos, denn im Hangar gab es keinen Sauerstoff.

Unter ihnen befand sich auch Commander Gavin Overdic. Mit bestürztem Gesichtsausdruck beobachtete er die Notlandung der Fähre. Am liebsten wäre er sofort in den Hangar gestürmt, um zu sehen, was passiert war, doch er musste alle Konzentration aufbieten, um stehenzubleiben und zu warten, bis sich das Schott geschlossen und der Raum mit Sauerstoff gefüllt hatte. Gleichzeitig stellte er sich immer wieder die Frage, weshalb der Pilot die Kontrolle über die Fähre verloren hatte. Gab es ein technisches Problem? Weshalb war der Kontakt kurz zuvor abgebrochen?

„Leutnant O‘Connor, versuchen Sie noch einmal, Verbindung mit der Fähre aufzunehmen“, befahl Overdic.

Der Mann zu seiner Rechten drückte einige Tasten auf der Konsole.

„Kommandostand an Fähre 015! Bitte melden! Fähre 015, antworten Sie!“

Er wiederholte den Anruf noch mehrere Male, doch der Lautsprecher blieb stumm. Sekunden später hatte sich der Hangar mit Sauerstoff gefüllt. Overdic öffnete die Tür, rannte zur Fähre und betätigte den versteckten Öffnungsmechanismus. Zischend glitt das Schott zur Seite. Die Rampe wurde ausgefahren. Sofort rannte Overdic hinein und begab sich ins Cockpit. Der Pilot hing regungslos in den Sicherheitsgurten. Yacoban beugte sich zu ihm hinunter und legte zwei Finger an seine Halsschlagader. Erleichtert atmete er auf. Der Mann lebte, aber er war bewusstlos.

„Was ist passiert?“, wollte Overdic wissen.

Yacoban zuckte mit den Schultern. „Ich weiß es nicht. Er ist plötzlich zusammengesackt.“

Overdic stürzte aus der Fähre und gab dem Offizier im Kontrollraum ein Handzeichen. „Schnell, wir brauchen medizinische Hilfe!“

„Kommt sofort, Commander!“

Sekunden später tauchten zwei Sanitäts-Roboter im Hangar auf. Sie trugen den Piloten aus der Fähre, legten ihn auf eine Bahre und brachten ihn zum nächsten Lift. Die Tür schloss sich und die Kabine fuhr nach oben.

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Im Untersuchungsraum der Medizinischen Abteilung brannten bereits alle Lampen. Als die Bahre mit dem Bewusstlosen herein glitt, erschienen Doktor Edward Mortimer und sein Assistent Wade Almonti. Mortimer beugte sich über den Piloten und betrachtete ihn eingehend. Das Gesicht war regungslos. Nur das schwache Zittern der Nasenflügel beim Einatmen verriet, dass er lebte. Josh Cully wurde von den beiden Sanitäts-Robotern auf den Tisch geschoben und lag nun auf der weißen, elastischen Platte, die dem Gewicht nachgab und sich den Körperformen genau anpasste.

Almonti reichte Mortimer ein Schneidwerkzeug. Behutsam schnitt er den Kampfanzug des Piloten auf. Je weiter die einzelnen Schichten auseinanderklafften, desto vorsichtiger arbeitete er. Noch einige Schnitte und sie glitt zu beiden Seiten von der Bahre zu Boden. Bis auf seine Unterhose war Josh Cully nun nackt. Mortimer trat näher an ihn heran. Schweigend betrachtete er den Bewusstlosen. Er war jung, dreiunddreißig Jahre alt. Das schweißnasse, braune Haar klebte an seinem Kopf.

Die Tatsache, dass er fast nackt war, kontrastierte auffallend zu dem dunklen Kampfanzug, in dem er gesteckt hatte und der nun wie eine abgezogene Tierhaut auf den Fußboden herabhing. Der Körper wies keine sichtbaren Verletzungen auf. Der Pulsschlag war kaum zu spüren. Doktor Mortimer zog den beweglichen Computertomographie-Schirm herunter. Langsam glitt er vom Fußende bis zum Kopf über den Körper, um die innere Struktur zu untersuchen.

Die digitalen Schnittbilder zeigten keine Auffälligkeiten. Alle Gelenke, Knochen und Gliedmaßen waren unverletzt. Mortimer schob den Schirm beiseite, der geräuschlos zur Decke empor glitt. Nun befestigte er zwei Elektroden an den Schläfen des Piloten und schaltete den Monitor ein. „Sagen Sie etwas zu ihm“, flüsterte Mortimer.

„Was soll ich sagen?“, fragte Almonti verwirrt.

„Irgendetwas“, brummte Mortimer und blickte auf den Bildschirm.

Almonti näherte seinen Kopf dem Piloten. „Sie hören mich, nicht wahr?“

Nichts änderte sich an den Kurven auf dem Monitor.

„Sagen Sie mir, wer Sie sind?“, forderte Almonti. „Wie ist Ihr Name?“

Doch die Fragen blieben ohne Antwort. Auch die Anzeigen auf dem Bildschirm veränderten sich nicht. Almonti erinnerte Cully an den Namen seines Vorgesetzten, an das Raumschiff, in dem er sich befand, nannte allgemeine Orte, doch all das blieb ohne Reaktion. Entmutigt schwieg Almonti.

Doktor Mortimer murmelte etwas vor sich hin. Dann räusperte er sich und sagte: „Es genügt.“

Almonti schien es nicht gehört zu haben. Nach einem sekundenlangen, tiefen Schweigen, fragte er: „Wie heißen Sie? Nennen Sie mir Ihren Namen.“

Plötzlich schlug eine der Kurven kurz nach oben aus, um gleich darauf wieder zurückzusinken. Mortimer schüttelte den Kopf.

„Merkwürdig“, sagte er leise.

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Mit langsamen Schritten ging Wendy Toverud den Gang entlang. Endlich war ihre Schicht in der Computer-Abteilung zu Ende. Sie fühlte sich müde, ausgelaugt. Vielleicht lag es an der Arbeit. Sie hatte schon seit Monaten keinen Urlaub mehr gemacht. Da wäre sie nur zum Nachdenken gekommen. Und das wollte sie nicht. Vierzehn Monate war es jetzt her, dass ihr Mann für immer die Augen geschlossen hatte. Nach langer schwerer Krankheit. Was das hieß, konnte niemand ermessen, der es nicht selbst erlebt hatte. Sie war kaum von seiner Seite gewichen, bis zuletzt. Hatte ihm Kraft und Zuversicht gegeben, die ihr doch selbst fehlten. Am Tag der Beerdigung war sie dann zusammengebrochen.

Mittlerweile konnte sie das Alleinsein wieder ertragen. Doch nach dem Tod ihres Mannes kam sie damit überhaupt nicht zurecht. Deshalb füllte sie die Zeit mit rastlosen Aktivitäten, um nicht nachdenken zu müssen. Aber jeder Mensch hatte ein Schicksal, und jeder musste damit fertig werden, das wurde ihr schließlich klar. Sie konnte aber nicht mehr die Wände ertragen, in denen sie so glücklich gewesen waren und wo sie alles an ihn erinnerte.

Ein Bekannter hatte ihr geholfen, das Haus zu verkaufen und in eine kleinere Wohnung zu ziehen. Er war nicht nur ihr Anwalt und Vermögensberater, er war auch ein guter, verlässlicher Freund. Er gab ihr den Rat, einen Neuanfang zu wagen. Wendy Toverud entschloss sich für einen ziemlich radikalen Schritt. Sie wollte etwas erleben, weg von Axarabor. Schon als junges Mädchen hatte sie davon geträumt, zu den Sternen zu fliegen. Aber es war immer etwas dazwischen gekommen. Doch nun wollte sie sich ihren Traum erfüllen.

Sie bewarb sich bei den Streitkräften von Axarabor, wurde für tauglich befunden und bekam eine Stelle als Programmiererin auf der STARFIRE. Es tat ihr gut, sich räumlich von der Last der letzten Monate befreit zu haben. Und dankbar befasste sie sich mit den Aufgaben, die ihr nun Ablenkung boten. Eigentlich machte ihr die Arbeit auch Spaß, nur heute fühlte sie sich aus einem unerfindlichen Grund müde und erschöpft.

Nach einer Ewigkeit, wie es Toverud schien, hatte sie ihr Ziel endlich erreicht. Auch wenn ihre Beine zitterten, Schweiß auf ihrer Stirn stand und sie vollkommen erschöpft war. Geräuschlos glitt die Tür zur Seite und schloss sich sofort wieder, nachdem sie ihre Kabine betreten hatte. Sie lehnte sich von innen dagegen. Während sie wartete, dass sich ihr Atem wieder beruhigte, schaute sie sich um. Alles in dem kleinen Raum war makellos und sauber.

Die Kabinen auf der STARFIRE verfügten im Großen und Ganzen alle über die selbe Einrichtung. Die Wand mit dem verglasten Durchgang zur Nasszelle wurde zur Hälfte von einem komfortablen Bett eingenommen. Es gab einen niedrigen Tisch, drei bequeme Sitzelemente und einen Schrank. Auf dem Regal über dem Bett standen einige Erinnerungsfotos von ihren Eltern. In einer Ecke gegenüber dem Eingang befand sich eine Multimediakonsole zum Empfang der bordeigenen Unterhaltungsprogramme. Unter der Decke hing eine faustgroße Lampe, die warmes, gelbes Licht verbreitete.

Toverud zog sich aus und ging hinüber in die Nasszelle. Mehr als zehn Minuten blieb sie unter dem warmen Wasserstrahl stehen, doch ihre Müdigkeit wollte nicht weichen. Die Heißluftdüsen in den Wänden sorgten dafür, dass ihre Haut wieder trocken wurde. Toverud verließ die Dusche und warf einen Blick in den Spiegel, der über dem Waschbecken neben der Nasszelle hing. Sie sah das hagere Gesicht mit den dunklen Augenringen. War sie das wirklich?

Erschrocken betrachtete sie ihr Spiegelbild. Bis vor Kurzem hatte man ihr die dreiundvierzig Jahre nicht angesehen. Die meisten Leute schätzten sie fast immer zehn Jahre jünger und beneideten sie um ihre klare Haut und ihr jugendliches Aussehen. Manche glaubten sogar, sie hätte sich einer Schönheitsoperation unterzogen. Aber das stimmte nicht. Und nun? Die Haut wirkte wächsern und müde. Die Wangen waren eingefallen und die Lippen seltsam blass. Dazu kamen noch die glanzlosen Augen und die stumpfen Haare.

Verwirrt schüttelte sie den Kopf. Wie hatte das geschehen können? Und vor allem wann? Sie hatte doch auch in den letzten Wochen in den Spiegel geschaut – beim Waschen, beim Schminken, beim Kämmen. Warum war ihr diese Veränderung niemals aufgefallen? Dieses Gespenst ... das bin nicht ich, dachte sie verzweifelt, und konnte nicht verhindern, dass ihr die Tränen in die Augen stiegen. Das war eine Fremde, eine mutlose, ängstliche und sich selbst bemitleidende Frau. Wie erbärmlich.

„Es wird Zeit, dass du endlich ins Bett kommst und dich ausschläfst“, flüsterte sie der traurigen Gestalt zu, die ihr aus dem Spiegel entgegenblickte. Dabei straffte sie ihre Schultern. „Und du!“ Sie wies mit dem Zeigefinger entschlossen auf ihr Spiegelbild. „Du verschwindest unwiderruflich in der Versenkung.“

Sie ging zum Schrank, holte einen Pyjama heraus und zog ihn an. Und genau in diesem Moment trat eine Veränderung ein. Sie zitterte. Ihre Augen weiteten sich und hingen wie gebannt an der gegenüberliegenden Wand, obwohl es dort nichts Besonderes zu sehen gab, außer einem Bild mit einer Landschaft, in deren Mitte ein blühender Kirschbaum stand. Sie stieß ein gedämpftes Stöhnen aus. Ihr Atem wurde hektischer, verwandelte sich in ein mühevolles Keuchen. Dann wurde sie plötzlich ganz still.

Regungslos blieb sie mitten in der Kabine stehen. Sie wusste nicht, was mit ihr geschah. Irgendetwas hatte die Kontrolle über ihr Gehirn übernommen. Sie war eine mehrfach gespaltene Persönlichkeit. Sie stand teilnahmslos in ihrer Kabine und blickte starr geradeaus. Dann war da eine Erinnerung an längst Vergangenes, die aus irgendwelchen Gehirnwindungen hervorkroch und sie bestürmte. Wenn sie glaubte, völlig normal zu überlegen, dann war es nur ein Erlebnis aus der Vergangenheit, das in allen Einzelheiten vor ihren geistigen Augen ablief.

Sie war ein Mädchen mit den dürren Ärmchen eines Kindes, den glänzenden Augen, den langen Haaren, deren Strähnen sie ständig aus dem Gesicht blasen musste, und mit dem heißen Wunsch im Herzen, in den Weltraum zu fliegen. Toverud erinnerte sich daran und vergaß es sofort wieder. Tief in ihrem Innern jedoch war ein schwaches Gefühl der Hoffnung, das immer dann, wenn ihr Widerstandswille durchbrechen wollte, aufloderte.

Details

Seiten
80
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783738923261
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v444771
Schlagworte
raumflotte axarabor tödlicher schlaf

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Titel: Die Raumflotte von Axarabor #35: Tödlicher Schlaf