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Dr. Laura Leitner #1: Geheilt durch Liebe

2018 120 Seiten
Reihe: Dr. Laura Leitner, Band 1

Leseprobe

Table of Contents

Title Page

GEHEILT DURCH LIEBE

Klappentext:

Roman:

Glenn Stirling

 

 

 

GEHEILT DURCH LIEBE

 

 

 

DR. LAURA LEITNER – INTERNISTIN AUS LEIDENSCHAFT

Band 1

 

 

 

 

 

IMPRESSUM

 

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© Roman by Author/ Titelbild: Aleksandr Khakimullin/123RF - Logo Steve Mayer

© Serientitel by Edition Bärenklau

Korrektorat und Bearbeitung: Dr. Frank Rossnagel

© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

 

 

Klappentext:

Die junge Christine Becker leidet an spontan auftretenden, heftigen Magenschmerzen und -krämpfen, die keine organische Ursache zu haben scheinen. Von ihrem Mann fühlt sie sich diesbezüglich alles andere als ernst genommen. Überhaupt hat Christine den Eindruck, dass ihre Ehe mit Georg nur noch durch die gemeinsame Tochter Petra zusammengehalten wird. Im Elbkrankenhaus lernt sie Dr. Laura Leitner kennen, eine Internistin, die Christine darauf bringt, dass ihre Magenschmerzen psychosomatische Ursachen haben könnten. Als Christine einen Mann kennen- und liebenlernt, bietet sich ihr die Chance auf ein neues Leben. Aber würde Georg sie gehen lassen? Würde Petra einen anderen Mann an Mamas Seite überhaupt akzeptieren? Allen Widrigkeiten zum Trotz ist Christine willens, um ihr Glück – und ihre Gesundheit – zu kämpfen…

 

 

 

 

 

Roman:

Christine hatte kaum noch Magenschmerzen, als sie vom Arzt nach Hause zurückkehrte. Und sie fühlte sich völlig wohl beim Anblick des Tanksattelzuges, der vor der Tür des Mietshauses stand. Georgs Sattelschlepper!

Er ist da!, dachte sie überglücklich und beschleunigte ihre Schritte. Mit ihrem Mann hatte sie noch gar nicht gerechnet. Und als sie die Haustür öffnete, dachte sie: Vielleicht muss er eine längere Auslandstour machen und kommt deshalb noch einmal hier vorbei. Ich bin so froh! Es ist schön, ihn mal außer der Reihe zu sehen.

Sie ging rasch die Treppe hinauf bis zum ersten Stock, steckte den Schlüssel ins Schloss und öffnete.

Als sie eintrat, hörte sie die Klospülung und brauchte nicht zu fragen, wo Georg war. Sie ging rasch zum Garderobenspiegel, warf einen prüfenden Blick hinein und ordnete ihr langes blondes Haar. Was sie aus dem Spiegel heraus ansah, war eine attraktive Erscheinung. Die blauen Augen und das schmale Gesicht passten zum Haar. Sie wusste selbst, dass sie hübsch war. Nur von der Bräune des letzten Urlaubes war jetzt im September kaum noch etwas zu spüren.

Bei dem Gedanken an den Urlaub musste sie lächeln. Die schönste Zeit im Jahr!

Den ganzen Tag und die ganze Nacht mit Georg zusammen, und nicht wie sonst nur an den kümmerlichen Wochenenden. Und manchmal kam er selbst da nicht, wenn er Auslandsfahrten hatte und länger weg blieb.

Ihr Gesicht näherte sich dem Spiegel. Sie suchte nach Fältchen in den Augenwinkeln. Aber da gab es so gut wie keine. Mit ihren achtundzwanzig Jahren hatte sie noch ein sehr jugendliches Gesicht. Ihr Körper war schlank und wohlproportioniert. Obgleich sie ein Kind hatte, waren ihre Brüste relativ fest geblieben. Seit Georg einmal gesagt hatte, wie gut ihm dies gefiel, fürchtete sie, die Brüste könnten erschlaffen.

Bevor sie mit ihren Gedanken zu Ende war, öffnete sich die Toilettentür, und Georg trat in den Korridor.

Sie blickte ihn nur ganz kurz an. Er war noch blonder als sie, groß, kräftig in den Schultern und schlank. Ein gutaussehender Mann, wie sie immer gefunden hatte. Aber eben ein Mann, mit dem sie viel zu selten zusammen war. Ein schmerzlicher Gedanke für sie, und oft hatte sie sich gefragt, ob

die Ehe wirklich für sie ein Paradies war.

Jetzt allerdings dachte sie nicht daran. Froh, Georg jetzt mitten in der Woche zu sehen, flog sie auf ihn zu, umarmte ihn und erwartete seinen Kuss.

Statt dessen machte er sich sanft von ihr frei, lächelte kurz, doch dann nahm sein Gesicht einen mürrischen Ausdruck an. „Wo ist der verdammte Gaskocher?“, hörte sie ihn fragen.

Er hatte eine spröde Baritonstimme.

„Was für ein Gaskocher?“, erkundigte sie sich verwirrt.

„Na, das Ding mit der Kartusche. Ich muss nach Saudi-Arabien,“

Ein Schreck durchfuhr sie. Solche langen Fahrten bedeuteten, dass sie sich möglicherweise zwei oder drei Wochenenden lang nicht sehen konnten.

„Ach so, den Gaskocher, ja, ich habe ihn auf dem Speicher stehen. Aber die Kartusche ist leer.“

„Macht nichts, ich habe schon eine neue gekauft.“

Sie hätte viel lieber gehabt, von ihm geküsst zu werden, seine Nähe zu spüren. Statt dessen unterhielten sie sich über diesen blödsinnigen Gaskocher.

„Wo hast du überhaupt gesteckt?“ Er blickte an ihr herunter. „Warst du einkaufen?“

Sie schüttelte den Kopf. „Nein, ich bin beim Arzt gewesen, eigentlich bei zwei Ärzten. Erst beim Frauenarzt und dann bei unserem Hausarzt.“

„Was hast du denn?“, fragte er ungeduldig. „Was ist denn mit dir? Dir fehlt doch nichts?“

„Beim Frauenarzt war ich dran, ich gehe zweimal im Jahr hin, das weißt du doch. Und bei unserem Doktor bin ich wegen der Magenschmerzen gewesen.“

„Magenschmerzen?“ Er zog überrascht die Brauen hoch. Davon weiß ich doch gar nichts!“

„Ich habe es dir am Wochenende gesagt, aber du hast wahrscheinlich nicht hingehört“, erwiderte sie ein wenig gekränkt. Er hat die Zeitung gelesen, dachte sie. Die Sportmeldungen waren ihm wichtiger.

„Was Schlimmes? Was sagt der Doktor?“, wollte er wissen. Ohne ihre Antwort abzuwarten, ging er zur Garderobe und zog aus seiner Lederjacke die Zigaretten,.Er nahm eine heraus, und während er sie anzündete, blickte er kurz zu ihr hin.

„Er findet nichts“, berichtete sie. „Er will, dass ich eine Woche zur Beobachtung ins Elbkrankenhaus gehe.“

„Und was wird aus unserer Tochter? Wo soll Petra die ganze Zeit bleiben?“

„Mutti käme her. Wann kommst du denn wieder?“

„Saudi-Arabien“, meinte er trocken, „zwei Wochen sind da immer drin, wenn nichts schief geht. Vielleicht dauert es länger. An jeder Grenze stehst du herum wie ein Denkmal: Na ja, so ist das nun mal.“

„Fährst du allein?“

„Kannst du dich erinnern, dass ich einen Beifahrer habe, seit ich den Tankzug fahre?“, erwiderte er spöttisch.

Sie kannte diesen Ton, wenn er mit ihr sprach wie mit einem Kind. Sie konnte es auf den Tod nicht ausstehen und schwieg daher lieber, ehe sie noch weitere Fragen stellte, die solche überheblichen Antworten heraufbeschworen.

„Nun steh mal nicht herum und mach einen anständigen Kaffee. Ich habe zwei Stunden Zeit, und die wollen wir nutzen. Was ist nun mit deinem Magen, wie schlimm ist das denn?“

Es tat ihr gut, dass er sich wenigstens noch mal erkundigte. Vor zwei Jahren, als sie einmal Gürtelrose gehabt hatte, war er eher ungehalten als besorgt gewesen.

„Im Augenblick merke ich nichts“, erklärte sie ihm. „Aber es kommt ganz plötzlich, es ist wie ein Krampf. Alles zieht sich zusammen, und es ist ein böser Schmerz.“

„Magengeschwür?“, fragte er, denn er hatte selbst mal eins vor vielen Jahren gehabt.

„Nein, nein, das hat er ausgeschlossen, er hat mich ja geröntgt. Aber er meint, es müsste ganz genau festgestellt werden, und das könnte man am besten in der Klinik.“

„Diese Burschen haben gut reden. Der braucht sich ja um alles andere keine Gedanken zu machen“, erwiderte er mürrisch.

„Es passt dir nicht, dass Mutti kommt, nicht wahr?“

Er zuckte die Schultern und grinste. „Mir tut es nicht weh, ich bin ja nicht da. Fast hätte ich gesagt, zum Glück.“

Wie schön wäre es gewesen, dachte sie, könnte er mich im Krankenhaus besuchen. Aber gut, er hat seinen Beruf, und ich habe es gewusst. Er ist Fernfahrer gewesen, als ich ihn heiratete. Nur habe ich mir darunter etwas ganz anderes vorgestellt. Wenn ich daran denke, was wir einmal träumten, von einem eigenen Lastzug, mit dem wir beide gemeinsam fahren wollten Einmal hat er mit mir an einem Sonnabendnachmittag auf dem Parkplatz des Supermarktes fahren geübt . Ach, wie lange ist das schon her?

Ihre Gedanken kehrten rasch in die Gegenwart zurück, als er sagte:

„Nun mach schon den Kaffee und dann hol mir den Koffer! Nicht, dass ich den am Ende noch vergesse. Und ein paar warme Klamotten muss ich mir noch einpacken. Wer weiß, was mich da unten wieder erwartet, wenn es durch den Balkan geht. Vor dem Autoputt könnte einem grausen. Und dann die Fahrerei bei den Türken. Also komm, mach schon, setz das Wasser auf!“

Die nächsten Minuten war sie völlig beschäftigt und kam gar nicht zum Nachdenken. Sie hätte sich gewünscht, dass er zu ihr in die Küche käme, und wenn es nur war, um ihr die Hände auf die Schultern zu legen, ihren Nacken zu küssen, wie er es früher getan hatte. Aber mit Zärtlichkeiten war er in letzter Zeit sehr sparsam geworden. Einmal hatte sie sich sogar gefragt, ob da nicht eine andere Frau im Spiel war. Aber daran glaubte sie nicht. Er war einfach viel zu viel unterwegs, um dafür Zeit zu haben.

Als sie sich ihm dann gegenüber setzte und den Kaffee einschenkte, las er die Zeitung. Sie selbst hätte um diese Zeit keinen Kaffee getrunken, aber sie wollte ihm Gesellschaft leisten. Doch statt in sein Gesicht schaute sie auf das Kopfblatt der Zeitung.

„Dein Kaffee ist eingegossen“, sagte sie.

Er brummte etwas Unverständliches, und ihre Hoffnung, er werde die Zeitung beiseite legen und sich ihr widmen, schmolz dahin.

Sie spürte, wie eine tiefe Depression in ihr aufstieg. Und jetzt waren mit einem Schlag auch diese merkwürdigen Magenschmerzen wieder da. Sie hatte das Gefühl, sich übergeben zu müssen, stand auf und ging leise hinaus. An der Tür drehte sie sich noch einmal um.

Georg schien gar nicht bemerkt zu haben, dass sie ihm nicht mehr gegenübersaß. Er las, tastete mit der rechten Hand, ohne von seiner Zeitung aufzusehen, nach seiner Tasse.

Christine verschwand in die Küche, ging zum Fenster und presste ihren heißen Kopf an die kühlen Scheiben. Sie blickte nach draußen. Wolkenbänke hatten sich zwischen das Land und die Sonne geschoben. Das Zwielicht deutete auf kommenden Regen hin. Aber sie nahm das gar nicht wahr. Sie begann über sich und Georg nachzudenken. Warum ist er überhaupt gekommen, haderte sie, wenn, er sowieso nur dasitzt und die Zeitung liest? Dann hätte er ebensogut wegbleiben können. Ein Telefonanruf wäre dann genug gewesen.

Der Schmerz in der Magengegend nahm zu. Sie presste beide Hände an diese Stelle, schloss die Augen und versuchte gleichmäßig zu atmen, wie es ihr der Arzt geraten hatte. Doch davon wurde es nicht besser.

Ihr fielen die Tropfen ein, die ihr der Arzt verschrieben hatte. Die waren noch in der Handtasche. Sie raffte sich auf, ging in den Flur, holte das Fläschchen mit den Tropfen heraus, und die Beschäftigung lenkte sie eine Weile ab. Der Schmerz ließ sogar nach. Sie nahm die Tropfen mit einem Stück Zucker und stand, während der Zucker in ihrem Mund zerschmolz, wieder am Fenster und schaute nach draußen. Doch in Wirklichkeit nahm sie gar nichts von dem wahr, was sie sehen konnte.

Ich bin verheiratet und doch allein, dachte sie. Und jetzt diese Geschichte mit meinem Magen. Was kann das nur sein? Vielleicht verschweigt mir der Arzt nur, dass es etwas ganz Schlimmes ist, wagt es mir nicht zu sagen, obgleich ich ihn dringend gebeten habe, mir die Wahrheit zu sagen. Vielleicht ist es eine unheilbare Krankheit.

Der Gedanke peinigte sie. Schweißperlen traten auf ihre Stirn, und sie spürte, wie es ihr kalt den Rücken heraufkroch. Aber wenigstens ließen jetzt die Schmerzen nach. Eben hatte sie noch leicht verkrümmt gestanden, nun richtete sie sich auf und wandte sich um. Sie hörte Georg husten, und kurz darauf fragte er mit seiner rauen, bellenden Stimme:

„Wo steckst du denn? Hast du mir den Koffer und die warmen Sachen bereitgelegt?“

Er hat immer einen Auftrag für mich, dachte sie. Früher, da ist er zärtlich gewesen. Aber jetzt tut er, als sei ich nur seine Magd. Und ich Närrin freue mich noch jedes Mal darauf, wenn er kommt. Und ebenso oft ist es eine Enttäuschung.

Sie spürte, wie wütend sie wurde. Bisher hatte sie nie dagegen aufbegehrt. Aber jetzt wehrte sie sich. Alles in ihr sträubte sich, gegen dieses Leben, das sie an Georgs Seite führte.

„Hörst du nicht?“, rief er vom Wohnzimmer.

„Ja, ja, ich höre schon“, erwiderte sie abweisend und beschloss, jetzt nach oben zu gehen und diesen verfluchten Koffer zu holen, um den sich alles zu drehen schien.

Eine Viertelstunde später stand sie im Schlafzimmer und packte ihm die warmen Sachen zusammen in seine Tragetasche. Auch der Kocher war schon drinnen.

Da tauchte Georg auf. Er lehnte sich in den Rahmen der Schlafzimmertür und schaute sie an.

„Ich hätte Lust darauf, mit dir zu schlafen“, sagte er.

Vor einer halben Stunde hatte sie diese Lust auch empfunden. Aber jetzt war in ihr alles wie tot.

Sie schaute ihn an, und in ihrem Blick lag die ganze Ablehnung, die sie empfand. „Ich habe keine Lust“, sagte sie kühl.

Er grinste und kam auf sie zu. Er streckte die Hände nach ihr aus, aber sie wich vor ihm zurück.

„Da sind deine Sachen, du wolltest sie ja unbedingt haben.“

„Was ist bloß mit dir los?“, fragte er und blieb stehen. Seine Hände sanken herab. Kopfschüttelnd blickte er sie an. „Was hast du denn mit einem Mal?“

„Ich habe die Nase voll“, erwiderte sie und wunderte sich selbst darüber, dass sie so mit ihm sprach, denn das hatte sie in dieser Form noch nie getan. „Ich habe es einfach satt. Wenn du kommst, dann liest du Zeitung, schickst mich dahin und dorthin. Und ich habe mich so gefreut, als ich deinen Zug vor der Tür sah. Aber du machst immer alles kaputt. Genau wie an den Wochenenden, wenn du deine Freunde einlädst. Ich verstehe es nicht. Ich habe es eigentlich nie verstanden. Sie alle sind Männer, die eine Frau zuhause haben. Aber du triffst dich an den Sonntagvormittagen und spielst bis in den Nachmittag hinein mit ihnen Karten. Am Sonnabend, wenn du da bist, da hast du dieses und jenes vor, irgendein Fußballspiel oder etwas anderes. Dabei waren wir die ganze Woche über nicht zusammen. Erst abends erinnerst du dich an mich. Aber das tust du auch nur, um dir eine

Freude zu verschaffen.“

„Willst du damit sagen“, herrschte er sie an, „dass es dir keinen Spaß macht?“

„O ja, nur nicht so. Das ist immer wie ein Überfall.“

Er begann schallend zu lachen. „Soll ich dir vielleicht vorher einen Brief schicken und eine Uhrzeit aushandeln?“, meinte er höhnisch. „Du hast vielleicht einen Stich. Was ist dir denn in die Krone gefahren?“

Die Magenschmerzen kamen wieder. Diesmal so stark, dass sie sich krümmte, beide Hände vor die Brust presste.

„Ah so, jetzt kommt die Flucht in die Krankheit“, hörte sie ihn spotten. „Mein Gott, dieses Affentheater! Irgendwer hat dir was in den Kopf gesetzt.“

Sie sah, wie er sich abwandte und hinausging. Dann kam er noch einmal zurück, packte seine Tragetasche, sah Christine kurz an und knurrte: „Ich bin jedenfalls weg. Wenn etwas ist, wird dich deine Mutter sehr gut beraten. Vielleicht verdanke ich ihr“, fügte er nachdenklich hinzu, „deine prächtige Laune und diese spleenigen Ideen.“

Ihr war schwindlig zumute. Sie konnte ihm nicht antworten und zuckte nur zusammen, als die Tür hinter ihm ins Schloss fiel.

Am liebsten hätte sie sich aufs Bett fallen lassen, um nur einfach so dazuliegen. Sie hatte das Gefühl, in ihr sackte alles zusammen.

Aber dann dachte sie an ihre fünfjährige Tochter Petra. Die musste sie gleich vom Kindergarten abholen.

Sie raffte sich auf, fuhr sich mit der Hand über die Stirn und versuchte, einen klaren Kopf zu behalten. Unten hörte sie, wie der Tankzug Georgs gestartet wurde. Dann fuhr Georg damit davon.

Diesmal ging sie nicht zum Fenster, um ihm nachzuschauen.

Als sie ein paar Minuten später das Haus verließ, um Petra vom Kindergarten zu holen, traf sie mit einer Hausnachbarin zusammen. Aber entgegen ihrer sonstigen Gewohnheit, wenigstens ein paar nette Worte zu sagen, beließ sie es diesmal bei einem knappen Gruß. Verwundert schaute ihr die Nachbarin nach.

Auf dem Weg zum Kindergarten begegnete ihr ein anderer der beigefarbenen Tankzüge mit der Aufschrift Hoyer, wie ihn ihr Mann fuhr. Es war ein Kollege ihres Mannes. Er entdeckte sie auf dem Fußweg, hupte kurz und winkte ihr zu.

Es war einer von seinen Skatbrüdern, und sie wusste nicht, ob sie diesen Mann dafür hassen sollte, dass er zu denen gehörte, die ihr die gemeinsame Freizeit mit Georg verkürzten.

Er strahlte so von seiner Kabine zu ihr herunter, dass sie gar nicht anders konnte, als zu lächeln und zurückzuwinken. Aber dann war er schon vorbei, und sie war froh darüber.

Ein paar Minuten später stand ihre kleine strohblonde Tochter vor ihr, und Christine vergaß all ihren Kummer, spürte auch keine Magenschmerzen mehr.

Petra plapperte, wie es ihre Art war, munter drauflos, erzählte von dem, was sie im Kindergarten gemacht hatten und zeigte Christine stolz ein Bild, das am Vormittag entstanden war. Berge mit Tannen darauf und einer Almhütte. Jedenfalls behauptete Petra, dass es eine Almhütte sei.

Der Heimweg verging Christine Wie im Flug. Petras munteres Erzählen lenkte sie ab. Und als sie dann doch wieder an Georg dachte, sagte sie sich tröstend: Ich habe ja Petra. Ein Glück, dass sie wenigstens bei mir ist Aber nächste Woche werde ich ganz allein sein, wenn ich stationär in die Klinik muss.

Der Gedanke daran lähmte ihr beinahe den Atem. Die Angst kam wieder und fraß sich wie mit Krallen in ihr Herz. Die Angst, dass es etwas war, das ihr der Arzt nur nicht sagen wollte …

 

*

 

Christine hatte die ersten beiden Tage im Elbkrankenhaus mit zwei jungen Frauen im Zimmer gelegen, die ständig Besuch bekamen, was Christine auf die Nerven ging. Auf ihre Bitte hin lag sie seit heute Morgen zusammen mit einer älteren herzkranken Frau zusammen in einem Raum. Diese alte Frau sprach wenig, las die meiste Zeit oder hörte mit dem, Kopfhörer Musik. Christine war es fast ein wenig zu ruhig, und doch tat ihr diese Ruhe gut.

Sie hatte gehofft, dass Georg von unterwegs einmal anrufen würde. Aber nichts dergleichen. Auch zu Hause, wo sich Christines Mutter um den Haushalt kümmerte, hatte er die ganze Zeit noch nicht angerufen.

Mutti und Petra kamen jeden Tag für eine Stunde. Länger hielt es Petra nicht aus, und Christine hatte großes Verständnis dafür. So krank fühlte sie sich auch gar nicht. Nur ab und zu kamen diese Krämpfe.

Während der drei Tage war sie laufend untersucht worden. Röntgen mit Kontrastbrei und Einläufen, Blutentnahmen, Harnproben, und immer wieder war etwas anderes.

Die Ärztin, die sich am meisten um sie kümmerte, war Frau Dr. Laura Leitner. Christine fand die junge, rotblonde Ärztin vom ersten Augenblick an sympathisch und freute sich, wenn sie in der Tür auftauchte. Auch die Stationsschwester Britta gefiel ihr gut. Professor Bernhard, den Chefarzt, hatte sie erst einmal gesehen. Der schwergewichtige Mann mit der dröhnenden Stimme flößte ihr dabei Furcht ein. Aber später hatte Frau Dr. Leitner sie getröstet und ihr erklärt, dass die raue Art des Chefs nur einen weichen, sehr herzlichen Kern verberge. Den Oberarzt Dr. Hartmann mochte sie nicht sonderlich. Seine schneidend scharfe Stimme, die ein wenig arrogant wirkende Art, wie er sich den Patienten gegenüber gab, stießen sie ab.

Sie war noch mitten in ihren Gedanken, als Dr. Laura Leitner eintrat und erst Christines Zimmergenossin und dann Christine selbst freundlich zulächelte. Sie warf einen prüfenden Blick auf die Tropfflasche, mit der Frau Feiler, Christines Zimmergenossin, verbunden war, wandte sich dann aber Christine zu und sagte:

„Heute Nachmittag muss ich Sie noch einmal in die Mangel nehmen. Und danach sind wir mit allem fertig. Ich habe nahezu alle Ergebnisse. Nach der Untersuchung heute Nachmittag sprechen wir beide darüber. Wie fühlen Sie sich denn?“

„Ganz gut“, erwiderte Christine. Aber ihre Stimme klang dabei nicht gerade überzeugend und optimistisch, Dr. Laura Leitner schaute Christine zweifelnd an. „Na, es hört sich aber nicht so an, als könnten Sie Bäume ausreißen. Sind die Krämpfe noch einmal wiedergekommen?“

„Heute Morgen ein bisschen, seitdem nicht mehr.“

„Haben Sie das eigentlich, wenn Ihre Tochter und Ihre Mutter zu Besuch kommen?“

Christine schüttelte den Kopf. „Nein, da nicht.“

„Nun, ich glaube, meine Diagnose stimmt. Ich habe von Anfang an den Verdacht gehabt, dass es bei Ihnen so etwas wie eine Neurose ist, Nervosität also. Nur musste ich sichergehen.“

„Heißt das, Sie haben auch nichts gefunden bis jetzt?“

Dr. Laura Leitner schüttelte lächelnd den Kopf. „Nein, nichts Organisches. Ich will damit sagen, nichts, weshalb Sie sich fürchten sollten.“

„Wirklich nicht, Frau Doktor?“

„Da bin ich jetzt ganz sicher“, entgegnete Dr. Laura Leitner. „Ich weiß, was Sie befürchten, aber das ist ganz sicher nicht der Fall. Nichts Bösartiges, auch kein sonstiger Tumor, und das betrifft nicht nur den Magen, sondern auch Zwölffingerdarm und Bauchspeicheldrüse. Da ist wirklich alles in Ordnung. Auch Ihre Leber und die Nieren sind tadellos. Die Blutsenkung ist völlig normal. Auch die übrigen Werte geben nicht zur Sorge Anlass. Ihr Blutdruck ist etwas niedrig, aber nicht zu sehr, und damit können Sie hundert Jahre alt werden. Das Einzige, was mir Sorgen macht, sind ganz andere Dinge, und die liegen eben nicht im organischen Bereich. Darüber werden wir heute Nachmittag reden, nicht jetzt.“ Dr. Laura Leitner warf einen kurzen Seitenblick auf die alte Frau, die aber offenbar nicht mehr zuhörte, sondern wieder las.

„Wir sehen uns dann gegen halb vier. Kommen Sie in die ambulante Sprechstunde nach unten. Sie wissen ja Bescheid, Sie waren ja gestern auch da.“

„Da muss man immer so lange warten“, meinte Christine stöhnend.

„Heute nicht, heute habe ich nur vorgemerkte Patienten.“ Sie lächelte Christine noch einmal ermutigend zu, dann war sie schon wieder draußen.

Die alte Frau Feiler legte ihr Buch beiseite und schaute Christine mit einem milden Schmunzeln an. „Wenn sie die nicht hätten!“, sagte sie mit ihrer brüchigen Stimme. „Das ist der gute Geist in diesem Haus. Warum machen Sie so ein trauriges Gesicht? Sie können doch froh sein, sie hat nichts gefunden bei Ihnen. Sagen Sie nichts, ich weiß, dass Sie Angst gehabt haben. Ich hatte mein ganzes Leben lang Angst vor Krebs, und jetzt ist es das Herz. Und ich hatte mir immer eingebildet, ich hätte ein gutes Herz, ein kräftiges Herz, dabei ist es schwach. Früher, als ich jung war, hatte ich gar keine Zeit zum Nachdenken. Die Kinder, mein Mann, eben die Familie, die viele Arbeit im Geschäft, na ja, man kam eben gar nicht dazu zu überlegen, ob einem etwas weh tut. Aber jetzt will das alte Herz nicht mehr. Sie sind jung. Nervosität, so etwas geht vorbei. Sie lachen einfach zu wenig, das ist es. Ich habe Sie noch nie lachen sehen. Was bedrückt Sie denn? Sie müssen nicht mit mir darüber reden, wenn Sie nicht wollen. Aber falls Sie einmal Ihr Herz ausschütten möchten, ich höre Ihnen zu.“

Christine zwang sich nun doch zu einem Lächeln, schüttelte dann aber den Kopf und sagte leise: „Ich muss es mit mir selbst abmachen. So richtig weiß ich es ja gar nicht.“

„Meistens sind es die Männer“, erklärte die alte Frau.

Christine schwieg.

Frau Feiler sprach weiter: „Es ist auch schwer für die Männer, uns zu verstehen. Wir verstehen sie ja auch nicht. Früher, als ich jung war, da habe ich immer gedacht, dass ich meinen Mann sehr gut verstehe, dass ich weiß, was er denkt, was er tun wird. Und. manchmal stimmte es sogar. Aber das ist Zufall gewesen. In Wirklichkeit entdeckte ich erst nach vielen Jahren, dass er mir in vielen Punkten fremd war und fremd geblieben ist, so wie ich ihm. Es ist ein Kunststück, wenn zwei Menschen ein Leben lang zusammen sein sollen und dann in der Lage sind, sich immer zu verstehen. Es ist wirklich ein großes Glück, wenn das so klappt. Krach gibt es überall. Aber es fragt sich nur, ob es eine Brücke über diese Kluft gibt, die da jedes Mal entsteht. Und immer bleibt eine Narbe zurück, manchmal eine größere, manchmal eine kleine. Mit der Zeit sieht man über vieles hinweg. Aber manchmal, da schmerzen einen noch die Narben. Und jeder Krach, den man in einer Ehe hat, hinterlässt so eine Narbe. Wenn Sie einmal so alt sind wie ich, dann verstehen Sie mich besser als jetzt. Sie denken, dass ich lauter Unsinn rede.“

„Aber nein“, protestierte Christine, „das denke ich gar nicht, ich höre Ihnen ja zu. Ich glaube, dass Sie recht haben.“

„Sie glauben es, aber ich weiß, dass ich recht habe. Es lohnt auch nicht, sich das Leben zu vergällen, sich gegenseitig zu ruinieren. Leider kommen die Menschen erst viel später dahinter, wie die Zeit vergeht, wie der Zeiger der Uhr sich immer weiter bewegt. Keine Stunde kann man zurückholen, keine Minute, keine Sekunde, alles ist unwiederbringlich. Man wird älter, und wissen Sie, wenn man so jung ist wie Sie, da weiß man, dass man irgendwann einmal stirbt. Und wenn man über fünfzig ist, dann, liebe Frau Becker, werden Sie erfahren, dass Sie es selbst sind, der stirbt, dass es Sie persönlich betrifft. Und in meinem Alter ist man sich darüber klar, dass jeder Tag der letzte sein kann. Man empfindet es als eine Gnade, wenn man früh aufwacht und sich halbwegs wohlfühlt. Wenn man die Sonne sieht, die Blätter, die sich im Wind bewegen, wenn man die Stimmen der Vögel hört oder das Lachen eines Kindes. In meinen Ohren ist so etwas Musik. Und ich denke, dass es vielen alten Menschen so geht. Manche sind verbittert, weil sie alt werden, weil sie wissen, dass sie der große Sensenmann bald holen wird. Ich habe keine Angst vor dem Tod. Ich habe nur Angst davor, dass es eine endlose Quälerei sein könnte.“

Christine sagte nichts dazu. Nachdenklich schaute sie die alte Frau an, in deren Gesicht das Leben seine Runen gegraben hatte. Aber die Augen wirkten jung, jung und lebendig. Und als müsste sie Christine noch einmal an die Worte von eben erinnern, sagte Frau Teller: „Grämen Sie sich nicht so viel. Die Lebensuhr geht immer weiter. Und irgendwann bereuen Sie, nicht mehr daraus gemacht zu haben. Ich meine, aus Ihrer Jugend. Sie sind so jung, Sie haben noch so viel vor sich. Quälen Sie sich nicht mit irgendetwas herum, vermiesen Sie sich nicht dieses Leben.“

 

*

 

Die e Worte hatte Christine noch im Ohr, als sie am Nachmittag zur ambulanten Sprechstunde zu ihrer Stationsärztin Frau Dr. Laura Leitner ging.

Und als hätten sich die Ärztin und Frau Feiler abgesprochen, sagte Dr. Laura Leitner zu Christine, als die ihr gegenübersaß:

„Ich bin zu dem Schluss gekommen, dass es wirklich nur Nervosität ist. Irgendetwas beschäftigt Sie derart, dass Ihr Körper vollkommen außer Rand und Band zu sein scheint. Sie können auch die Hände nicht stillhalten. Ich habe Sie schon die ganze Zeit, seit Sie hier sind, beobachtet.“ Sie lächelte. „Zur Beobachtung sind Sie ja auch hier. Und ich muss mir den ganzen Menschen ansehen, nicht nur Ihren Magen zum Beispiel. Ich habe das Gefühl, dass Sie übererregt sind, dass es etwas gibt, das Sie aus der Fassung gebracht hat. Vielleicht wissen Sie es nicht einmal selbst, aber Sie befinden sich in einer ständigen Stresssituation. Sind Sie unglücklich?“

Christine hatte in den letzten Stunden besonders intensiv darüber nachgedacht. Auch sie suchte nach einer Antwort auf diese Frage und konnte noch immer nicht beantworten, ob sie glücklich war. Bis jetzt hatte sie geglaubt, mit Georg und mit Petra sehr glücklich zu sein. Sie hielt ihr Leben für ausgeglichen, glaubte, eine ausgesprochene Liebesehe zu führen. Seit Georg so sang und klanglos die Wohnung verlassen hatte, um seine Fahrt nach Saudi-Arabien anzutreten, betrachtete sie dies allerdings ein wenig anders.

Dr. Laura Leitner beugte sich vor und blickte Christine aufmerksam an. „Ich habe Ihnen die ganze Zeit keine Beruhigungsmittel gegeben, keine Tropfen, keine Tabletten. Ich weiß, dass Sie sich einmal bei der Stationsschwester darüber beschwert haben, dass man Ihnen nichts gibt, das Ihnen diese Magenkrämpfe nimmt. Es sind meines Erachtens tatsächlich Magenkrämpfe. Die Magenschleimhaut reagiert auf Nervosität sehr heftig. Früher oder später könnte sogar ein Magengeschwür aus Ihrer Hypernervosität entstehen. Die Stresssituation, in der Sie sich befinden, wird vom Körper nicht lange toleriert. Über kurz oder lang kommt es zu einer Reaktion. Irgendein Organ spielt dann nicht mehr mit. Jetzt hat es mit der Magenschleimhaut angefangen, und vielleicht ist es morgen die Bauchspeicheldrüse, übermorgen der Zwölffingerdarm. Was ist es, was Sie in solchen Stress versetzt?“

Christine zuckte die Schultern. „Seit Petra da ist … ich meine, mein Kind, habe ich nicht mehr gearbeitet. Ich wollte eigentlich wieder anfangen, aber mein Mann meinte, es sei besser, wenn ich mich um Petra kümmere. Und er hat recht. Die letzten fünf Jahre hatte ich also ein sehr ruhiges Leben. Die kleine Wohnung, und Petra, die vormittags im Kindergarten ist, das war nicht viel Arbeit.“

„Was tut Ihr Mann?“

„Er ist Fernfahrer bei der Firma Hoyer. Er fährt Tanklastzüge.“

„Und ist die ganze Woche unterwegs?“, wollte Laura wissen.

Christine nickte. „Mitunter auch länger“, erklärte sie. „Aber meistens nur die Woche über.“

„Könnte es sein, dass Sie das Gefühl haben, Ihr Leben sei nicht ausgefüllt? Dass Sie mehr erwarten, als nur Ihre Tochter und die Wohnung zu versorgen und am Wochenende Ihren Mann?“

„Ich bin eigentlich ganz zufrieden gewesen“, behauptete Christine. „Das Einzige, worüber ich so traurig bin, ist, dass mein Mann so wenig Zeit für mich hat. Wenn er am Wochenende wirklich da ist, dann …“ Sie hielt inne, als spräche sie über etwas, das andere nichts angeht.

„Was ist dann?“, erkundigte sich Laura Leitner forschend. „Reden Sie weiter. Geht er weg? Hat er vielleicht eine Freundin?“

„Nein!“, rief Christine in heller Empörung. „Um Gottes willen, so ist er nicht. Er hat auch gar keine Zeit dazu. Nein, aber er geht immer zum Fußball am Sonnabendnachmittag, und dann sitze ich herum. Die einzige Zeit, wo ich richtig glücklich bin, ist eigentlich der Urlaub.“

„Hatten Sie im Urlaub Magenkrämpfe?“

Christine hätte noch gar nicht darüber nachgedacht. Aber jetzt, wo Laura Leitner diese Frage stellte, wurde ihr zum ersten Male richtig bewusst, dass sie sich im Urlaub Tag für Tag wohlgefühlt hatte. Keine Magenbeschwerden, nichts.

„Nein“, sagte sie, „ich hatte nichts.“

„Und wenn Sie mit Ihrem Mann zusammen sind, wenn er einmal Zeit für Sie hat?“

Auch darüber dachte Christine zum ersten Mal in ihrem Leben nach. Und sie konnte sich nicht erinnern, außer bei Georgs kurzer Stippvisite vor seiner Saudi-Arabien-Fahrt einmal Magenkrämpfe in seiner Gegenwart bekommen zu haben. Höchstens dann, wenn er zum Fußballplatz ging oder am Sonntagmorgen zum Frühschoppen, wie er es nannte.

„Nein“, sagte Christine daher, „wenn wir zusammen waren und er bei mir blieb, dann nicht“

Dr. Laura Leitner schaute Christine prüfend an. „Gut. Und wie ist es mit der Familie? Verstehen Sie sich mit seinen Eltern?“

„Nur seine Mutter lebt noch. Sie wohnt bei meinem Schwager, beim Bruder meines Mannes. Mit meinem Schwager verstehe ich mich nicht sonderlich gut. Weihnachten kommt meine Schwiegermutter schon mal, aber im Grunde nur Petras wegen.“

„Und prompt haben Sie Weihnachten Magenkrämpfe, nicht wahr?“

„Letzte Weihnachten ja. Das war überhaupt das erste Mal, dass ich es gespürt habe. Damals war es noch sehr schwach.“

„Eine Abwehrreaktion also. Dagegen helfen letztendlich keine Pillen. Ist Ihnen klar, was ich damit meine?“

„Das schon, aber …“

Christine hatte nicht weitergesprochen und blickte Dr. Laura Leitner fragend an. Die nickte leicht, führ sich mit der rechten Hand über ihr schmales Gesicht und meinte dann nachdenklich:

„Um das Übel zu beheben, müssen wir die Ursache zu fassen bekommen. Wir wissen zwar inzwischen, was Sie beunruhigt und letztendlich in diese Stresssituation bringt. Aber so richtig haben wir es doch noch nicht erfasst. Da müsste noch etwas anderes sein. Etwas, das Ihnen wirklich im Unterbewusstsein zusetzt. Sind Sie tatsächlich glücklich in Ihrer Ehe?“

„Ja, ich habe das bisher immer angenommen. Bei unserem letzten Zusammensein, mein Mann kam nur für eine Stunde, hatten wir eine kleine Auseinandersetzung. Zum ersten Male habe ich mich darüber beklagt, dass er nie Zeit für mich hat.“

„Ich muss Ihnen einmal eine sehr indiskrete Frage stellen, aber sie ist nicht so unwichtig, wie Sie vielleicht glauben.“

„Fragen Sie doch, Frau Doktor“, entgegnete Christine.

Dr. Laura Leitner zögerte noch, doch dann stellte sie doch die beabsichtigte Frage:

„Wie sieht es denn mit dem ehelichen Verkehr aus? Nun denken Sie ja nicht, dass ich Sie aushorchen will. Sind Sie glücklich mit Ihrem Mann in dieser Beziehung? Oder haben Sie das Gefühl, unbefriedigt zu sein? Sehnen Sie sich nach mehr Zärtlichkeit, nach einem häufigeren Zusammensein in diesem Punkt mit Ihrem Mann?“

Christine wollte erst den Kopf schütteln, aber dann empfand sie es selbst als unaufrichtig. Gerade in letzter Zeit hatte sie es oft empfunden, dass sie Zärtlichkeit und körperliche Liebe entbehrte. Manchmal sehnte sich ihr Körper nach einer Berührung durch Georgs Hände. Oft hatte sie auch nachts davon geträumt, Georg sei bei ihr. Aber dann, als sie aufgewacht war, hatte sie doch feststellen müssen, allein im Bett zu liegen. Und er fuhr irgendwo nachts mit seinem schweren Lastzug über die Autobahn oder eine Landstraße.

„Ach, wissen Sie, Frau Doktor, Sie haben recht, ich vermisse es mitunter. Und in den letzten Monaten ist es mir sogar ganz deutlich geworden. Doch es ist ungerecht. Er hat ja auch keine Möglichkeit, er muss auch so leben. Und er versorgt uns doch. Uns geht es gut. Er fährt sehr häufig gefährliche Ladung, da bekommt er Zuschläge. Und er verdient gut. Ich kann mir eine Menge leisten. Ich habe sogar ein Auto zur Verfügung. Ich nehme es nur selten und fahre lieber mit dem Bus. Doch ich könnte mir die Zeit damit vertreiben. Vieles wäre möglich. Und er versorgt uns wirklich gut. Ich habe keine Geldprobleme. Natürlich muss ich vernünftig wirtschaften.“

„Wir reden jetzt nicht vom Wirtschaften“, wurde Christine von Dr. Laura Leitner unterbrochen. Der Blick der Ärztin, so kam es Christine vor, schien in sie einzudringen. Christine hatte plötzlich das Gefühl, dass Frau Dr. Leitner ihre intimsten Gedanken erraten könnte.

Christine schwieg verwirrt, und Dr. Laura Leitner erinnerte sie noch einmal daran, worüber sie eben noch gesprochen hatten.

Als Christine antwortete, senkte sie den Blick. „Früher habe ich das nicht so empfunden, aber in letzter Zeit eben mehr und mehr.“

Details

Seiten
120
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783738923247
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2018 (Oktober)
Schlagworte
laura leitner geheilt liebe

Autor

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Titel: Dr. Laura Leitner #1: Geheilt durch Liebe