Lade Inhalt...

Tod am Smoky-River

©2018 120 Seiten

Zusammenfassung

Der Scout Derek Carpenter stößt am Ufer des Smoky River auf einen Toten - einen von Indianern ermordeten Weißen. Bei der Durchsuchung der Leiche findet er einen mysteriösen, von Frauenhand verfassten Brief, der Hinweise auf einen vereinbarten Treffpunkt erhält.
Derek beschließt, die Frau vom Tod des Mannes zu unterrichten und zu besagtem Treffpunkt zu reiten. So gelangt er zu einer Farm am Ufer des Flusses, die von zwei attraktiven Schwestern betrieben wird. Die beiden können jede Unterstützung gebrauchen, gilt es doch, die Farm für einen bevorstehenden Ansturm feindlicher Indianer zu rüsten…

Leseprobe

Table of Contents

TOD AM SMOKY RIVER

Klappentext:

Roman:

TOD AM SMOKY RIVER

 

von Timothy Kid

 

WESTERN

 

 

 

IMPRESSUM

 

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© Roman by Author/ Titelbild: Klaus Dill, 2018

© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

 

 

Klappentext:

Der Scout Derek Carpenter stößt am Ufer des Smoky River auf einen Toten - einen von Indianern ermordeten Weißen. Bei der Durchsuchung der Leiche findet er einen mysteriösen, von Frauenhand verfassten Brief, der Hinweise auf einen vereinbarten Treffpunkt erhält.

Derek beschließt, die Frau vom Tod des Mannes zu unterrichten und zu besagtem Treffpunkt zu reiten. So gelangt er zu einer Farm am Ufer des Flusses, die von zwei attraktiven Schwestern betrieben wird. Die beiden können jede Unterstützung gebrauchen, gilt es doch, die Farm für einen bevorstehenden Ansturm feindlicher Indianer zu rüsten…

 

 

 

Roman:

Derek Carpenters braune Stute soff gierig aus dem klaren Wasser des Flusses, der sich vor dem Reiter seinen Weg durch die Landschaft bahnte. Der Smoky River strömte in einem Bett aus Sand und Kies dahin, Sträucher und Felsen säumten seine Ufer. Die Sonne brannte mit verzehrender Kraft vom wolkenlosen Himmel, nur das Rauschen des Wassers störte die Stille. Es war ein Bild perfekter Harmonie an einem Sommertag in Wyoming.

Das Einzige, was diese Harmonie störte, war die reglose Gestalt eines Mannes, der rücklings auf einer weit in den Fluss reichenden Kiesbank lag, knapp fünfzig Yards zu Dereks Rechter.

Dereks Blick saugte sich für Sekunden an der Gestalt des Mannes fest, die jäh zur übermächtigen Wahrnehmung für ihn wurde. All die Unbeschwertheit, die er angesichts der malerischen Landschaft und des prächtigen Wetters empfunden hatte, war plötzlich wie weggewischt. Lauernde Wachsamkeit lag im Blick seiner grauen Augen, im scharfgeschnittenen, sonnengebräunten Gesicht des Reiters regte sich kein Muskel. Mit seinem schulterlangen Haar, der fransenverzierten Wildlederkleidung und den kniehohen Mokassins wirkte er wie ein Teil dieses weiten, wilden Landes, das seinen Körper gestählt und seinen Charakter geprägt hatte.

Der Mann auf der Kiesbank konnte tot sein oder auch nur verletzt; wenn er aber verletzt war, benötigte er Hilfe – und um das herauszufinden, musste Derek zu dem Fremden vordringen. Auf jeden Fall lag die Vermutung nahe, dass er einem Verbrechen zum Opfer gefallen war, und diese Vorstellung erfüllte Derek mit Unbehagen.

„Hätte ein schöner Tag werden können, aber was soll’s“, murmelte Derek. Seine drahtige Gestalt straffte sich im Sattel, dann zog er die Stute am Zügel herum und berührte mit den Fersen leicht ihre Flanken. Little Lady setzte sich gehorsam in Bewegung und folgte flussaufwärts der Buschwand, durch deren Blattwerk das Wasser des Smoky River glitzerte. Das Tacken der Hufe auf dem felsigen Boden wähnte Derek unnatürlich laut.

Er zügelte die Stute, als die Sträucher zu seiner Linken zurücktraten und den Blick freigaben auf jene Kiesbank, die er vorhin vom Ufer aus bemerkt hatte. Die Landzunge war nicht sehr breit, reichte aber fast bis zur Mitte des Flusses, in den sie schräg hinauswuchs. Ihr helles Gestein lag gleißend im Schein der Sonne, angeschwemmtes Treibholz staute sich an der der Strömung zugewandten Seite. Der Mann, dessen Füße in Dereks Richtung wiesen, lag fast am Ende der Kiesbank, die zum jenseitigen Ufer hin in einer Furt auslief.

 

Derek glitt aus dem Sattel, schlang Little Ladys Zügel um den Ast eines Strauches und marschierte los. Die weichen Sohlen seiner Mokassins verursachten kaum ein Geräusch, als er auf den Fremden zuschritt, dabei die nähere Umgebung und das jenseitige Ufer nicht aus den Augen lassend. Seine angewinkelte Rechte schwebte dicht über dem Kolben des Revolvers, bereit, den Colt beim geringsten Anzeichen einer Gefahr aus dem Holster zu reißen. Vier Jahre als Scout der US-Kavallerie, für die er immer noch tätig war, hatten seine Sinne ebenso geschärft wie seine Reaktionsfähigkeit und ihn zu einem erfahrenen Kämpfer geformt. Schon in wenigen Tagen sollte er in Fort Casper abermals einen Auftrag übernehmen – wenn nichts dazwischenkam…

Mittlerweile hatte er sich dem Fremden bis auf wenige Schritte genähert, sodass er nun auch Details erkennen konnte, die ihm bisher verborgen geblieben waren – und eines dieser Details sprang ihm förmlich ins Auge. Derek glaubte plötzlich zu spüren, wie eine eiskalte Faust nach seinem Herzen griff, während er jäh in der Bewegung verhielt.

Der Mann vor ihm benötigte mit Sicherheit keine Hilfe mehr. Er war so tot, wie jemand nur sein konnte, dem ein gefiederter Pfeil die Brust durchbohrt hatte und dessen Jackett rot von geronnenem Blut war.

 

* * * * *

Derek atmete gepresst aus, gleichzeitig warf er die Erstarrung ab, die ihn beim Anblick des Toten befallen hatte, und sein Gehirn dachte wieder in klaren, logischen Bahnen.

Der Mann war Indianern zum Opfer gefallen – und Indianer bedeutete hier, im südlichen Wyoming, Cheyennes. Ihr weitläufiges Stammesgebiet umfasste auch den Smoky River, und sie waren durchaus in der Lage, ihre Jagdgründe zu verteidigen – das hatte auch der Fremde erfahren müssen, der hier erst vor wenigen Stunden sein Leben gelassen hatte. Der Scout überwand die Distanz zu dem Toten, hielt vor ihm an, und wie Derek nun feststellte, wies der Fremde noch weitere Verletzungen auf, die allerdings von Projektilen stammten. Das Gesicht des Mannes, der auf dem Rücken lag und alle viere weit von sich streckte, die Rechte immer noch um den Colt geschlossen, war unversehrt, seine geöffneten Augen starrten gläsern zum Blau des Himmels empor. Er war mittelgroß, schlank und dunkelhaarig – und dass ihn die Indianer nicht skalpiert hatten, wies darauf hin, dass er sich bis zuletzt erbittert gewehrt hatte. Die Cheyennes respektierten stets die Tapferkeit eines Feindes und brachten dies dadurch zum Ausdruck, dass er nicht ohne Haupthaar ins Jenseits treten musste.

 

Dereks Blick glitt über die Kiesbank und die angrenzenden Ufer, wo er nun einzelne geknickte Zweige bemerkte, und vor seinem geistigen Auge wiederholten sich mit rasender Geschwindigkeit die dramatischen Ereignisse, die hier erst kürzlich ein Menschenleben gefordert hatten:

Der Mann hatte den Fluss von der gegenüberliegenden Seite her überqueren wollen, angelockt von der Furt und der anschließenden Kiesbank, die ein bequemes Durchqueren der Fluten versprachen. Dabei war er in der Mitte des Flusses, wo es keinerlei Deckung gab, von den Indianern überrascht worden, die am diesseitigen Ufer schon auf ihn gelauert hatten.

Bronzefarbene Körper, die jäh hinter Felsen emporwuchsen, Pulverdampf, der plötzlich zwischen Sträuchern schwebte – und dann der Griff zum Colt, um vom Sattel des Pferdes aus auf die roten Angreifer zu feuern. Der verzweifelte Versuch, den Hinterhalt der Cheyennes zu durchbrechen, weil eine Umkehr bedeutet hätte, den Indianern den ungeschützten Rücken zuzuwenden; ein, zwei hastig abgegebene Schüsse, das Surren einer Bogensehne – und schließlich der Sturz vom grell wiehernden Pferd, den todbringenden Pfeil bereits in der Brust. Das Tappen weicher Mokassins auf dem steinigen Untergrund, auf den plötzlich gefiederte Schatten fielen – und dann die ewige Schwärze des Todes…

Der Kampf musste sich erst kürzlich ereignet haben, andernfalls wären bereits Kojoten am Ufer herumgestrichen, angelockt von dem Leichnam, der leichte Beute versprach. Allerdings war es auch möglich, dass die scheuen Tiere von der Anwesenheit verborgener Menschen abgeschreckt wurden; von Menschen, deren Gesichter mit Kriegsbemalung beschmiert waren und die Derek seit Minuten beobachteten…

Vielleicht war die Sehne schon gespannt, die im nächsten Moment den tödlichen Pfeil abschnellen würde, vielleicht zielte der Lauf eines federngeschmückten Gewehres bereits auf seinen Rücken? Das malerische Bild des Smoky River erschien Derek auf einmal wie eine trügerische Kulisse, hinter der die Cheyennes schon auf ihn lauerten. Trotz der sengenden Hitze kroch plötzlich ein eisiger Schauer über seinen Rücken.

Gleich darauf verwarf er seine Befürchtung wieder. Hätten sich tatsächlich Indianer am Ufer verborgen, wären sie von Dereks Stute verraten worden, die ihn durch ihr nervöses Wiehern gewarnt hätte. Ein Cheyenne vermochte sich noch so gut zu tarnen – die empfindlichen Nüstern eines Pferdes konnte auch er nicht täuschen. Außerdem besaßen die Indianer keinen Grund, einen Leichnam zu bewachen. Es konnte Stunden, wenn nicht Tage dauern, bis ein weiterer Weißer in dieser Abgeschiedenheit zufällig des Weges kam, da erschien es klüger, dass die Cheyennes das erbeutete Pferd des Toten in ihr Lager brachten. Ja, so musste es gewesen sein, denn Derek konnte das Pferd des Mannes nirgends entdecken, und zu Fuß war er bestimmt nicht durch die Wildnis marschiert.

Einem ersten Impuls folgend, wollte Derek den Toten von der Kiesbank schleppen und Steine über seinen Körper häufen, damit sich Bussarde und Kojoten nicht über die Leiche hermachen konnten. Im nächsten Moment besann er sich eines Besseren.

Wenn hier abermals Cheyennes auftauchten, würde ihnen der steinerne Grabhügel nicht entgehen, den nur ein Bleichgesicht errichtet haben konnte – ein Bleichgesicht, das so dumm gewesen war, eine deutlich sichtbare Spur zu hinterlassen! Derek aber wollte seinen Skalp noch so lange wie möglich behalten und allfällige Indianer nicht zwangsläufig auf seine Fährte locken. In der Zivilisation des Weißen Mannes wäre es als barbarisch empfunden worden, den Toten den Aasfressern zu überlassen – hier draußen wäre es töricht gewesen, ihn zu bestatten und somit das eigene Leben aufs Spiel zu setzen.

Zumindest aber wollte Derek versuchen, etwas über die Identität des Toten herauszufinden. Vielleicht traf er noch auf Angehörige oder Freunde des Mannes, und dann sollten diese über sein Schicksal nicht im Unklaren bleiben.

 

Es widerstrebte ihm zwar, den blutbefleckten Leichnam zu durchsuchen, aber eine andere Möglichkeit gab es nicht. So ging er in die Knie, öffnete zunächst die Brusttasche am Jackett des Toten und griff hinein. Nachdem er festgestellt hatte, dass die Tasche leer war, schlug er das Kleidungsstück auf und machte sich an die Durchsuchung der Innentasche.

Dereks Hand war kaum in der Stofföffnung verschwunden, als seine Finger ein Blatt Papier ertasteten. Er zog die Hand wieder hervor, entfaltete das Papier, das sich als Brief entpuppte, und überflog die wenigen, mit schwarzer Tinte geschriebenen Zeilen, deren Federführung eine Frauenhand verriet:

Sehr geehrter Mister Sullivan!

Ich bin bereit, auf Ihre Bedingungen einzugehen, und erwarte Sie so rasch wie möglich am vereinbarten Ort, um alles Nähere zu besprechen.

Diane Shepherd

Dem Text schloss sich die Skizze einer Landkarte an, die außer den Abkürzungen der vier Himmelsrichtungen noch eine dicke, gewundene Linie zeigte, die nach rechts hin in einem Pfeil auslief. Die Linie wurde an einer Stelle von einem geraden, dünnen Strich durchkreuzt, etwas weiter rechts davon war ein kleiner schwarzer Kreis abgebildet.

Nachdenklich ließ Derek den Brief wieder sinken. Immerhin wusste er jetzt, wie der Mann geheißen hatte und dass er von jemandem erwartet wurde – von jener Diane Shepherd, die den Brief verfasst hatte. Die gewundene Linie stellte offensichtlich den Smoky River dar, die dünne Linie bezeichnete die Kiesbank und die Furt, an der sich Derek soeben befand. Der Kreis musste der im Text erwähnte vereinbarte Treffpunkt sein, vermutlich eine Ranch oder Farm, die flussabwärts am diesseitigen Ufer lag.

Eigentlich hatte sich Derek schon bald wieder vom Lauf des Flusses entfernen wollen. Nun aber beschloss er, dem Smoky River zu folgen, bis er auf besagtes Anwesen stieß, um die Frau vom Tod Sullivans zu unterrichten und sie außerdem vor den Indianern zu warnen. Da er seinen Dienst in Fort Casper erst in einigen Tagen antreten musste, konnte er sich diesen Umweg leisten.

Derek faltete den Brief wieder zusammen, verstaute ihn in der Brusttasche seines Jagdhemds und ging er zurück zu seiner Stute. Er band sie los und schwang sich in den Sattel, dann zog er die Zügel herum, um flussabwärts am Ufer des Smoky River entlangzureiten.

„Schätze, du wirst noch etwas warten müssen, bis du wieder im Stall von Fort Casper gestriegelt wirst“, sagte er zu seinem Pferd. „Allerdings hat die Gegend um den Smoky River auch ihren Reiz, wart’s nur ab.“

Der Spruch war ihm locker über die Lippen gekommen – aber in Wahrheit wollte er so nur seine Furcht vor dem Ungewissen bekämpfen.

 

* * * * *

Derek folgte dem blauen Band des Smoky River noch knapp eine Stunde. Je länger er ritt, desto unzugänglicher wurde das Ufer, da sich schroffe Steilhänge immer näher an den Fluss heranschoben und dabei stetig höher wurden. Als ein schmaler Kiesstreifen in einer glatten Felswand auslief, lenkte er die Stute nach links und trieb sie eine Rinne hinauf, die Regen und Schmelzwasser im Laufe der Jahrhunderte aus dem Fels gewaschen hatten. Die Windungen des Grabens führten ihn schließlich auf eine Hochebene, die einen grandiosen Ausblick auf das umliegende Land bot.

Die ausladenden Schleifen des Smoky River glichen von hier aus dem Leib einer riesigen, glitzernden Schlange – aber Derek nahm sich nicht die Zeit, die urtümliche Landschaft zu bewundern. Sein erhöhter Standort, hart am Rand der Felswand, gestattete ihm nicht nur einen hervorragenden Weitblick, sondern sorgte auch dafür, dass sich seine Konturen für eine kurze Zeitspanne deutlich vom Blau des Himmels abhoben – und die Augen indianischer Späher waren scharf. Vielleicht hatten sie ihn eben entdeckt, vielleicht würden sie erst später auf seine Spuren stoßen. Es war allerdings auch möglich, dass die Cheyennes ihm überhaupt keine Beachtung schenkten, weil sie nach dem Überfall am Fluss längst in eine andere Richtung weitergezogen waren – niemand vermochte das mit Sicherheit zu sagen. Auf jeden Fall war Vorsicht angebracht, weshalb Derek die Stute rasch vom Rand des Plateaus trieb und sich geschickt im Schutz der Sträucher und Felsbuckel hielt, die die Hochebene bedeckten.

Diese ging allmählich in einen sanft abfallenden Hang über, der wieder eine üppigere Vegetation aufwies. Am Fuß des Hanges angelangt, konnte Derek das Rauschen des Flusses nur noch gedämpft hören.

Die Geräuschkulisse des Smoky River verstummte vollends, als Derek zügig geradeaus ritt, hinein in ein waldiges Hügelland, das bis zum Horizont reichte. Schließlich schlug er einen Bogen, sodass sich die das Flussufer begrenzenden Felsmassive zu seiner Rechten befanden, wo sie sich wie ein steinerner Wall über das Grün der Wildnis erhoben. Dieser Wall wurde erst nach einigen Meilen wieder flacher, und dort wollte sich Derek erneut dem Ufer des Flusses zuwenden.

Zunächst allerdings musste er sich nach einem Platz für die Nacht umsehen. Die Sonne war bereits weit nach Westen gewandert, schon wurden die Schatten länger und flossen unaufhaltsam aus Wäldern und Schluchten. Auf Derek wirkten die Vorboten der Finsternis plötzlich beklemmend, und die im schwindenden Tageslicht rötlich leuchtenden Felsen schienen ihm rot wie Blut. War es ein böses Omen?

Er verscheuchte seine düsteren Gedanken und wählte als Lagerplatz eine buschumsäumte Senke, in die niemand vordringen konnte, ohne verräterische Geräusche zu verursachen. Nachdem er Little Lady in die Senke geführt hatte, verließ er das Versteck noch einmal, um seine Spuren zu verwischen, und kehrte anschließend in die Mulde zurück. Er schlug sein Lager auf, sattelte die Stute ab und ließ sie aus der Vertiefung einer Felsplatte saufen, in die er Wasser aus seiner Feldflasche füllte. Dann schlang er ihre Zügel um einen Strauch, unter dem saftiges Gras wuchs, an dem sie augenblicklich zu rupfen begann. Dereks eigenes Mahl bestand aus Dörrfleisch und Zwieback, den Durst löschte er mit Wasser. Zwar lechzte sein Gaumen förmlich nach Kaffee, aber dazu wäre ein Feuer nötig gewesen, dessen Brandgeruch ihn unweigerlich verraten hätte. So verzichtete er auf das heiße Getränk und rollte sich schon bald in seine Decke – in voller Wildlederkluft, um beim geringsten Anzeichen einer Gefahr keine wertvolle Zeit mit dem Überstreifen der Kleidung zu verlieren. Als Polster diente ihm der Sattel, neben dem sein Revolvergurt lag, seine Rechte ruhte auf dem Kolben des fünfzehnschüssigen Henrygewehres.

Mittlerweile hatte sich die Dunkelheit über das Land gesenkt, und der Abend mündete in eine laue Nacht. Am Himmel begannen die ersten Sterne zu blinken, der Mond ging auf und sandte sein geisterhaft bleiches Licht auf die Täler und Wälder Wyomings. In der Ferne heulten Kojoten – und Derek fragte sich unwillkürlich, ob sie sich bereits um den erkalteten Körper des Toten stritten, den er heute gefunden hatte. Vielleicht liefen die Kojoten aber auch auf zwei Beinen herum und waren mit Speeren und Tomahawks bewaffnet. Die Krieger der Cheyennes konnten nicht nur Tierlaute täuschend echt nachahmen, sie kämpften wie alle Stämme der nördlichen Prärien auch nachts. Der Glaube, dass die Seele eines Getöteten bei Dunkelheit den Weg in die Ewigen Jagdgründe nicht fand, war ihnen fremd – im Gegensatz zu den Apachen des Südwestens, die nächtliche Angriffe weitgehend mieden.

Über diesen Gedanken wurden Derek die Lider schwer, und er schlief ein. Mochten da draußen in der nächtlichen Wildnis noch so viele Gefahren lauern, der Körper forderte nun mal sein Recht – und wenn er morgen seinen Weg fortsetzte, musste er ausgeruht sein. Ein übermüdeter Mann im Sattel war ein unachtsamer Mann, und ein unachtsamer Mann konnte rasch ein toter Mann sein…

Wirkliche Erholung fand Derek allerdings nicht, denn dazu waren seine Instinkte zu ausgeprägt. Mal ließ ihn ein Knacken im Unterholz hochfahren, dann riss ihn der krächzende Ruf eines Nachtvogels aus dem Schlaf. Erst nachdem er jeweils sicher war, dass keine Indianer um das Lager schlichen, fiel er wieder in einen leichten Schlummer.

So verstrich die Nacht, und als die ersten Strahlen der Morgensonne in die Senke fielen, war Derek bereits hellwach. Er schälte sich aus seiner Decke und nahm ein karges Frühstück zu sich, dann brach er das Lager ab und sattelte die Stute. Vorerst schwang er sich nicht auf ihren Rücken, sondern führte sie am Zügel zum Rand des Strauchgürtels, wo er kurz innehielt und seinen Blick schweifen ließ.

Das Land lag menschenleer vor ihm, nichts wies auf die Anwesenheit von Indianern hin. Dunstschleier zerrissen unter den Lichtspeeren der aufgehenden Sonne, Tautropfen glitzerten wie Diamanten auf Grashalmen und Blättern. Noch war es angenehm kühl, aber auch der heutige Tag versprach wieder brennend heiß zu werden.

Derek stieg in den Sattel und galoppierte los, hinein in die wellige Prärie, die sich nun bis zum Horizont erstreckte. Die Senke fiel hinter ihm zurück, und die Weite des Landes nahm den einsamen Scout auf, der im Auftrag eines Toten ritt.

 

Nicht nur dieser Umstand bereitete Derek Unbehagen. Das Gefühl, beobachtet zu werden, wurde stärker und stärker in ihm – und er hatte gelernt, auf seine Gefühle und Instinkte zu vertrauen, die ihm ein Überleben in der Wildnis erst ermöglich hatten.

Im nächsten Moment wurde seine Vorahnung grausame Wirklichkeit.

Eben noch war der sanft geschwungene Höhenkamm knapp zweihundert Yards voraus völlig leer gewesen – jetzt verhielten dort drei Reiter, als wären sie eben aus dem Boden gewachsen. Schulterlanges schwarzes Haar umrahmte ihre mit Kriegsfarben bemalten Gesichter, ihre halb nackten Körper steckten in fransenverzierten Leggins und Mokassins. Die Mähnen und Schweife ihrer Ponys wehten im leichten Wind, was den Ausdruck kriegerischer Wildheit noch verstärkte. Zwei Cheyennes waren mit Pfeil und Bogen bewaffnet, der dritte hielt ein Gewehr in der Rechten, dessen Kolbenplatte auf seinem Oberschenkel ruhte.

Derek zügelte die Stute und riss die Henry aus dem Scabbard. Der Repetierbügel glitt klirrend vor und zurück, die erste Patrone sprang ins Lager. Hinter der Stirn des Scouts jagten die Gedanken.

Dass die Cheyennes hier auftauchten, kaum dass er in den Sattel gestiegen war, konnte nur eines bedeuten: Sie hatten gewusst, dass er in der Senke genächtigt hatte, und abgewartet, bis er sein Versteck verließ. In der Mulde hätte sich Derek hervorragend verteidigen können – hier hingegen, im deckungslosen Grasland, war er ohne jeden Schutz. Wahrscheinlich waren die Indianer schon gestern auf seine Fährte gestoßen; nun wollten sie ihre bessere Kenntnis des Geländes dazu nutzen, ihn zu überwältigen. Dass sie sich ihm offen stellten, entsprach der bevorzugten Kampfweise der Präriestämme. Ansehen als Krieger konnte bei ihnen nur gewinnen, wer dem Feind von Angesicht zu Angesicht gegenübertrat.

Derek wusste nicht, ob es sich um dieselben Cheyennes handelte, die gestern den Weißen am Ufer des Smoky River getötet hatten, aber das spielte jetzt auch keine Rolle. Die Indianer wollten seinen Skalp – das bewies auch der schrille Schrei, der nun über das Land zitterte, ausgestoßen von einem der Krieger, der drohend die Rechte mit dem Gewehr hochriss.

 

* * * * *

 

Der Schrei war kaum verklungen, als die Cheyennes schon den Hang herabpreschten. Donnernder Hufschlag füllte Dereks Ohren, die bemalten Gesichter über den mähnenumflatterten Pferdehälsen nahmen rasch an Schärfe zu.

Für Derek war es das Signal, die Henry an die Schulter zu schwingen. Er zielte auf jenen Indianer, der am weitesten rechts ritt, aber die Linie der Angreifer fächerte plötzlich auseinander. Der Scout unterdrückte einen Fluch und ließ das Gewehr wieder sinken, gleichzeitig begann Little Lady nervös umherzutänzeln.

 

Der kurze Moment seiner Irritation hatte den Cheyennes genügt, um bis zum Fuß des Hanges vorzudringen. Zwei Indianer trieben ihre Pferde von Derek aus gesehen nach links, der dritte schlug einen Bogen nach rechts. Trillerndes Geheul schlug von zwei Seiten her über Derek zusammen, der plötzlich in der Falle saß. Wohin er sich auch wenden würde – stets würde er seinen Feinden auch den ungeschützten Rücken zukehren.

Dereks Inneres wurde plötzlich kalt wie Eis. Er schwenkte die Henry nach rechts, ohne lange zu überlegen, und folgte mit dem stählernen Lauf kurz dem dahinjagenden Krieger. Der griff mit einer Hand soeben nach dem prall gefüllten Köcher auf seinem Rücken.

Noch bevor der Indianer einen Pfeil ziehen konnte, trieb das Peitschen des Schusses über die Ebene. Der Cheyenne verlor seinen Bogen und stürzte rücklings vom Pferd, Derek sah ihn fallen und verschwendete keinen Gedanken mehr an ihn.

Er riss die Stute halb nach links, um sich den beiden verbliebenen Gegnern zu widmen, und diese Bewegung rettete ihm das Leben. Die Kugel, die eigentlich seinen Rücken hätte treffen sollen, jaulte so haarscharf an seiner Zügelhand vorbei, dass er den Gluthauch des Projektils auf seiner Haut spürte. Der rote Schütze, der sein Pferd nur mit den Schenkeln dirigierte, stieß einen wütenden Schrei aus. Bruchteile eines Augenblicks später leckte eine Mündungsflamme aus Dereks Henry, aber der hastig abgefeuerte Schuss traf keinen der Angreifer – weder den Cheyenne mit dem Gewehr noch seinen Stammesbruder, auf dessen Brust ein knöcherner Harnisch prangte. Vielleicht würden Dereks Knochen bald ebenso bleichen, und niemand in Fort Casper würde je erfahren, welches Drama sich hier ereignet hatte…

Von der Bogensehne des zweiten Kriegers löste sich ein dünner schwarzer Strich, flog rasend schnell heran und nahm dabei die Form eines Pfeils an. Derek warf sich über Little Ladys Mähne und hieb ihr die Fersen in die Flanken, dass die Stute wiehernd zur Seite sprang, hinaus aus der Bahn des Pfeils, der dicht über die Kruppe des Pferdes hinwegstrich.

Das waghalsige Manöver, ausgeführt mit nur einer Zügelhand, hatte Derek zwar vor der rasiermesserscharfen Feuersteinspitze bewahrt, brachte ihn aber aus dem Gleichgewicht. Er kämpfte einige schreckliche Sekunden lang um Sitz und Bügel, löste die Rechte vom Gewehr und griff auch mit der zweiten Hand nach dem Zügel – gerade noch rechtzeitig, um nicht aus dem Sattel zu stürzen. Die Indianer erkannten seine sekundenlange Wehrlosigkeit und stürmten heran, ihr triumphierendes Geheul ging Derek durch Mark und Bein.

Der Scout riss den Revolver aus dem Holster und spannte noch in der Bewegung den Hahn. Dann stieß er die Rechte schräg über den Kopf der Stute und feuerte auf die Cheyennes.

Seine Kugel traf den mit dem Gewehr bewaffneten Krieger, der sich ihm mittlerweile bis auf Schussweite genähert hatte. Der Cheyenne stieß einen erstickten Schrei aus, verlor sein Gewehr und krümmte sich über dem Pferdehals, ehe er kopfüber vom Rücken des Ponys stürzte.

Derek Arm schwenkte nach links, in Richtung des letzten verbliebenen Angreifers, doch die Satteldecke seines Pferdes war auf einmal leer. Der Krieger hatte sich auf der Derek abgewandten Seite an die Flanke seines Tieres sinken lassen, wo er nun seinen Bogen spannte. Es war ein zutiefst beeindruckendes Beispiel indianischer Reit- und Kampfeskunst, aber Derek vermochte dafür nun keine Bewunderung aufzubringen. Er kämpfte um sein Leben – und das hing nach wie vor an einem seidenen Faden, auch wenn er bereits zwei Gegner erledigt hatte.

Der Pfeil ritzte Dereks Jagdhemd, kaum dass er sich an den Hals der Stute geschmiegt hatte. Blut rieselte über seinen Rücken, die Wunde brannte wie Feuer.

Das Pony bog ab wie von Geisterhand gelenkt und beschrieb einen Halbkreis, erst in sicherer Entfernung glitt der Krieger wieder auf die Satteldecke. Er hielt sein Pferd an und warf es herum, ein heftiger Ruck am Zügel zwang das Tier zum Aufbäumen. Seine Vorderhufe wirbelten durch die Luft, grelles Wiehern trieb über die Prärie und vermischte sich mit dem kehligen Zuruf in der Sprache der Cheyennes, den der Reiter nun ausstieß, während er die Rechte mit dem Bogen hochriss.

Es war ein Bild von barbarisch anmutender Schönheit – gleichzeitig wusste Derek, dass nun der letzte Akt in einem Kampf auf Leben und Tod bevorstand. Natürlich hätte der Krieger jetzt auch das Weite suchen können, aber das ließ seine Ehre nicht zu. Ein einzelnes Bleichgesicht hatte zwei seiner Stammesbrüder getötet, und wenn er mit dieser Botschaft in sein Dorf zurückkehrte, wären ihm Schmach und Spott sicher gewesen. Der Indianer musste einfach versuchen, Derek zu töten – eine andere Möglichkeit gab es nicht.

Die Vorderhufe des Ponys waren kaum wieder auf die Erde geprallt, da startete der Cheyenne schon seinen nächsten Angriff. Sein Oberkörper wippte im Rhythmus des wie rasend dahingaloppierenden Pferdes und sank im nächsten Moment abermals an die Flanke des Tieres.

„Vorwärts, Little Lady!“ Derek schnalzte mit den Zügeln, und die Stute preschte los.

Ein bewegliches Ziel war immer schwieriger zu treffen als ein unbewegliches – darauf baute der Scout nun, während die Landschaft beiderseits nur so an ihm vorbeiflog. Er entfernte sich zunächst etwas von seinem Gegner, riss das Tier dann aber herum, sodass er nahezu parallel zu dem heranstürmenden Indianer ritt. Die seitliche Distanz zwischen dem Weißen und dem Roten betrug knapp zehn Yards. Es war fast wie bei einem mittelalterlichen Turnier, bei dem zwei Ritter in voller Rüstung aufeinanderstießen – und auch am Ende dieses Kampfes würde einer der Kontrahenten aus dem Sattel stürzen…

Zwei, drei Pfeil schnitten dort durch die Luft, wo sich Derek eben noch befunden hatte, dann schwang sein Revolver schräg nach links. Es war ihm verhasst, auf das Pferd des Indianers zu feuern, aber anders konnte er den Cheyenne nicht besiegen.

Dereks Colt brüllte dreimal hintereinander auf, Pulverdampf wölkte vor dem stählernen Lauf und zerflatterte einen Lidschlag später im Reitwind. Das Pony knickte mit einem schrillen Wiehern auf der Vorderhand ein und kippte zur Seite, der Krieger ließ seinen Bogen los und sprang gewandt wie eine Katze vom stürzenden Pferd. Noch während das Tier ein letztes Mal mit den Hufen schlegelte, federte der Cheyenne wieder hoch. Seine Rechte stieß zum Lendenschurz und schwang mit einem Tomahawk wieder empor, das stählerne Blatt der Waffe glänzte silbern im Schein der Sonne.

Derek zügelte die Stute so abrupt, dass sie auf der Hinterhand einsank. Er warf sein Pferd herum, zielte kurz und zog dann den Abzug durch.

Fahlrotes Mündungsfeuer brach aus dem Lauf des Colts, die Kugel durchschlug den knöchernen Harnisch des Indianers. Schmerz zerwühlte seine Gesichtszüge, als er einige Schritte vorwärtswankte, das Kriegsbeil immer noch erhoben, die Linke auf die blutige Brust gepresst. Schließlich ließ er den Tomahawk sinken, drehte sich halb um die eigene Achse und schlug hart zu Boden.

Dereks Atem flog, die schweißnasse Kleidung klebte ihm wie eine zweite Haut am Körper. Der Revolver in seiner Faust schien plötzlich überschwer zu wiegen.

 

Er schob den Colt zurück ins Holster und tätschelte anschließend Little Ladys Hals.

„Das hast du fein gemacht, meine Gute“, lobte er das Pferd, wohl wissend, dass er seinen Sieg auch der hervorragend dressierten Stute verdankte. Hätte sie gescheut, in Panik versetzt vom Krachen der Schüsse und dem Geheul der Indianer, wären Dereks Chancen wesentlich schlechter gestanden. Die Einheit von Reiter und Pferd war ein Kriterium, das gar nicht hoch genug geschätzt werden konnte. Eine verlorene Waffe konnte man leicht ersetzen – ein Pferd zu einem verlässlichen Partner abzurichten, dauerte hingegen Monate.

Little Lady stieß ein leises Schnauben aus, als hätte sie Dereks Worte verstanden, und der Scout ließ seinen Blick noch einmal über den Kampfplatz schweifen. Bis vor wenigen Minuten war dies hier ein Ort tiefsten Friedens gewesen – nun hatte der Tod reiche Ernte gehalten, davon zeugten die reglosen Gestalten dreier Indianer sowie der Kadaver des erschossenen Ponys. Die beiden ledigen Pferde der gefallenen Krieger standen etwas abseits in der Prärie und sahen neugierig zu Derek herüber.

Eigentlich hätte er sie auch erschießen müssen, denn über kurz oder lang würden sie bestimmt ins Lager der Indianer zurücklaufen und so weitere Krieger auf seine Fährte locken. Das allerdings brachte Derek nicht übers Herz. An diesem Ort war heute schon genug heißes Blei verfeuert worden – aber der schale Geschmack in seinem Mund rührte nicht nur von dem beißenden Pulverdampf her, der noch immer seine Schleimhäute reizte. Er war Ausdruck des Wissens, dass er soeben gegen jene gekämpft hatte, die sich eindeutig im Recht befanden.

 

Derek respektierte die Cheyennes nicht nur als tapfere Krieger, er empfand auch Achtung vor ihrer Lebensweise – ein Punkt, der ihn von vielen Menschen seiner Hautfarbe unterschied. Er war sich durchaus im Klaren darüber, dass die Indianer nichts anderes taten, als ihre angestammte Heimat zu verteidigen – und wäre er ein Cheyenne gewesen, er hätte bestimmt nicht anders gehandelt. Er war aber kein Cheyenne, er war ein Weißer, der ebenfalls in diesem Land geboren war, und er hing genauso an seinem Leben wie jeder andere auch. Das waren die Karten, die das Schicksal verteilt hatte, das war die ihm auf Erden zugedachte Rolle, ob es ihm nun passte oder nicht. Mochte er auch darüber grübeln und diesen Zustand verdammen, ändern konnte er ihn nicht.

Vorerst bestand seine Rolle jedenfalls darin, den Brief des Toten bei jener Frau abzuliefern, die das Schreiben verfasst hatte – und dazu musste er seinen Weg unverzüglich fortsetzen.

Derek zog seinen Colt, stieß die leeren Patronenhülsen aus der Trommel und füllte die Waffe mit neuer Munition aus den Schleifen seines Revolvergurts. Dann holsterte er den 45er, griff nach seiner Feldflasche und ließ etwas Wasser über die Pfeilwunde auf seinem Rücken rinnen, um sie so zu reinigen und einer Entzündung vorzubeugen. Wasser war kostbar, aber Derek würde die Feldflasche bestimmt bald wieder auffüllen können, und eine Wundinfektion konnte in der Wildnis böse Folgen haben. Nachdem er das Behältnis wieder am Sattel befestigt hatte, trieb er Little Lady zu jener Stelle, wo er vorhin die Henry hatte fallen lassen. Er schwang sich vom Pferd, nahm sein Gewehr an sich und schob es in den Scabbard, anschließend stieg er in den Sattel, um weiter Richtung Smoky River zu reiten.

Wie verschmolzen mit dem Körper der Stute, jagte er jenen Hang empor, über den noch vor wenigen Minuten der rote Tod gegen ihn angestürmt war…

 

* * * * *

 

„Was ist los, Diane, träumst du schon mit offenen Augen?“ Die tiefe männliche Stimme in ihrem Rücken riss die schlanke junge Frau abrupt aus ihren Grübeleien.

Diane Shepherd löste ihren Blick vom in der Sonne glitzernden Band des Flusses, der wenige Yards vor ihr schäumend und tosend die Landschaft kerbte. Für eine kurze Zeitspanne waren ihre Gedanken in den klaren Fluten versunken, die sich ihren Weg durch Schotter und Felsen bahnten, kleine Strudel bildeten und in der tiefen Mitte des Flusses ungehindert dahinströmten. Sie nahm ihre Arme von den Hüften, strich sich eine Strähne ihres langen blonden Haares aus der Stirn und wandte sich jenem Mann zu, der knapp zehn Schritte hinter ihr vor einem langgestreckten Holzhaus stand und sie skeptisch musterte.

„Nein, Dad, ich habe bloß einen Blick in die Zukunft geworfen“, erwiderte Diane mit einem Lächeln auf den kirschroten Lippen und ging auf ihren Vater zu. Der wadenlange Rock umspielte bei jeder Bewegung ihre schlanken Beine, unter Dianes Bluse zeichneten sich kleine, feste Brüste ab.

„Wie ich es mir gedacht habe“, meinte Ron Shepherd und verzog verärgert die Miene. „Hast du denn gar nichts anderes mehr im Kopf?“ Seine sehnige Gestalt steckte in ausgebleichten Levis-Hosen, die aufgerollten Hemdsärmel ließen kräftige, gebräunte Unterarme erkennen. Das kantige Gesicht des Mannes drückte Härte und Güte zugleich aus, sein zurückgekämmtes blondes Haar war kurz geschnitten.

„Mein Plan muss eben gut überlegt sein“, sagte Diane, als sie vor ihrem Vater stand. „Wart’s nur ab, bald wirst auch du von meiner Idee begeistert sein.“ Wie zur Bestätigung ihrer Worte hob sie ihr schmales Kinn etwas an, und die blauen Augen über ihrem Stupsnäschen leuchteten entschlossen auf.

„Ich war bisher von der Sache nicht begeistert, und ich kann mir nur schwer vorstellen, dass sich daran etwas ändern wird“, knurrte Ron Shepherd. „Das Einzige, was ich in dieser Hinsicht bewundere, ist deine Sturheit. Aber deinen Dickkopf hattest du ja schon, als du noch ein kleines Mädchen warst.“

In seinen letzten Worten klang versteckte Anerkennung mit, auch wenn Ron Shepherd das nicht beabsichtigt hatte. Vordergründig gab er sich zwar skeptisch bis ablehnend, in Wahrheit jedoch imponierte ihm der Tatendrang seiner Tochter. Dass er ihr Vorhaben für nicht durchsetzbar hielt, stand auf einem anderen Blatt.

„Als du hier vor Jahren dein Heim errichtet hast, fernab von jeglicher Zivilisation, hielten dich auch alle für verrückt“, fuhr Diane fort. „Eine Farm mitten in der Wildnis, meilenweit entfernt von der nächsten größeren Ansiedlung, in der man Waren kaufen und verkaufen könnte, sei nicht existenzfähig – das war die einhellige Meinung deiner sogenannten Freunde. Du aber hast auf ihre guten Ratschläge gepfiffen und begonnen, hier eine Farm aus dem Boden zu stampfen – weil die unmittelbare Nähe zu einem Fluss, der das ganze Jahr über Wasser führt, sämtliche Dürreprobleme von vornherein ausschließt. Das Ende der Geschichte kennst du: Dein Anwesen existiert noch immer, und es steht wesentlich besser da als so manch anderes Gehöft in der Nähe einer Stadt, eben weil sich die Lage am Smoky River als besonders vorteilhaft erwiesen hat. Die meisten Siedler, die dir damals das große Scheitern prophezeit haben, sind hingegen in den Ruin geschlittert oder wirtschaften mehr schlecht als recht vor sich hin.“

„Das war doch etwas ganz anderes“, gab Ron Shepherd unwillig zur Antwort. „Eine Farm zu errichten, wo auch immer, ist nichts Besonderes. Tausende Pioniere haben das schon getan, Hunderte sind gescheitert, aber mit Fleiß und zugegebenermaßen auch mit etwas Glück ist so etwas zu schaffen. Was dir vorschwebt, ist damit aber nicht zu vergleichen, es stellt etwas völlig Neues dar. Ich zumindest kenne niemanden, der …“

„Hätte die Menschheit nicht ständig nach Neuem gestrebt, könnten wir heute nicht einmal ein Feuer entfachen“, unterbrach Diane ihren Vater. „Amerika wäre dann noch nicht einmal entdeckt.“

„Ich geb’s auf.“ Ron Shepherd unterstrich seinen letzten Satz mit einer resignierenden Handbewegung. „Diskussionen mit dir führen zu nichts. Hoffentlich gelingt es diesem Mister Sullivan, dir deine Flausen auszutreiben, auf mich hörst du ja sowieso nicht.“

„Dass du dich da nur nicht täuscht“, beharrte Diane. „Mister Sullivan wird mich bei meinem Vorhaben unterstützen! Wenn er von dem Plan nicht überzeugt wäre, würde er gar nicht erst hierher kommen!“

„Wahrscheinlich hat er nur zugesagt, weil er einen Batzen Geld wittert. Aber müsste er nicht schon längst eingetroffen sein?“ In der Stimme des Farmers schwang plötzlich Besorgnis mit.

„Eigentlich schon“, bestätigte Diane nachdenklich. „Allerdings weißt du selbst, dass es bei einem Ritt durch die Wildnis immer zu unvorhersehbaren Zwischenfällen kommen kann. Vielleicht ist er vom Weg abgekommen und hat seinen Irrtum erst nach Stunden bemerkt, da ist ein Tag rasch verstrichen. Immerhin ist Sullivan ein Stadtmensch, kein Trapper oder Scout.“

Ron Shepherd brummte misstrauisch vor sich hin. „Möglich, dass er nur eine falsche Route gewählt hat. Es könnte ihm aber auch etwas zugestoßen sein.“

„Woran denkst du dabei genau?“

„Im günstigsten Fall ist sein Pferd verunglückt, und er muss zu Fuß marschieren, was die Dauer der Strecke natürlich erheblich verlängert. Vielleicht wurde er auch von einem Puma oder Bären angegriffen und liegt nun verwundet irgendwo zwischen unserer Farm und der Stadt. Ich möchte allerdings nicht ausschließen, dass er es mit menschlichen Gegnern zu tun bekommen hat. Die Berge und Wälder ringsum ziehen immer wieder Banditen an, die sich hier vor Sheriffs und Marshals verbergen. Ein einzelner Reiter, den sie überfallen und ausrauben können, käme diesem Gesindel gerade recht. Möglicherweise – möglicherweise wurde Sullivan aber auch in ein Gefecht mit den Cheyennes verwickelt.“

Einige Sekunden lang stand Schweigen als unsichtbare Mauer zwischen Vater und Tochter und verstärkte noch die Bedeutung von Ron Shepherds Vermutung.

 

„Cheyennes?“ Diane riss vor Erstaunen die Augen weit auf. „Mit denen hatten wir doch noch nie Probleme.“

„Wir nicht, aber woher sollen die Indianer wissen, dass Sullivan zu uns will? Für sie ist er ein Weißer, der durch ein Gebiet reitet, das sie nach wie vor für sich beanspruchen. Dass sich die Cheyennes momentan nicht auf dem Kriegspfad befinden, hat nichts zu bedeuten. Oft genügt schon irgendeine Kleinigkeit, um ihren Unmut heraufzubeschwören. Wer kann schon hinter die Stirn eines roten Kriegers blicken? Ich jedenfalls nicht, und ich wage zu behaupten, dass ich die Indianer einigermaßen kenne, immerhin sind sie quasi unsere Nachbarn. Ohne ihre Zustimmung hätte ich diese Farm niemals errichten können – und die Verhandlungen, die ich damals mit ihnen führte, waren wahrlich nicht einfach. Erst nachdem ich sie davon überzeugt hatte, dass ich nicht weiter in ihr Land eindringen will, sondern nur diesen Platz am Smoky River beanspruche, ließen sie mich gewähren.“

Ron Shepherd legte eine kurze Pause ein und starrte kurz gedankenverloren vor sich hin, als würde die Vergangenheit in diesem Moment vor seinem geistigen Auge wieder lebendig. Dann fuhr er fort:

„Du erinnerst dich doch noch daran, wie aufgeregt du als kleines Mädchen jedes Mal warst, wenn die Cheyennes hier auftauchten, um Handel zu treiben oder einfach nur ein paar Worte zu wechseln?“

Diane nickte stumm. Natürlich erinnerte sie sich an das erste Erscheinen und die folgenden Besuche der damals so fremdartig wirkenden Krieger. Bis zu ihrem siebenten Lebensjahr hatte sie Indianer nur von Abbildungen in Büchern her gekannt, aber plötzlich waren sie völlig real gewesen. Die in Wildleder gehüllten Gestalten, die Federn im langen schwarzen Haar trugen, Speere sowie Pfeil und Bogen benutzten, zottige Ponys ritten und sich in ihrer gutturalen, für Diane unverständlichen Sprache verständigten, hatten das kleine Mädchen erschreckt und fasziniert zugleich. Anfangs waren ihr die Cheyennes wie Wesen aus einer anderen Welt erschienen, aber bald hatte kindliche Neugier ihre Furcht besiegt, und sie hatte Vertrauen zu den Indianern gefasst. Ein Krieger hatte ihr sogar einmal eine indianische Puppe geschenkt, die Diane heute noch aufbewahrte. Später, als junges Mädchen, hatte sie festgestellt, dass es auch bei den Cheyennes attraktive Männer gab, und die durchtrainierten bronzefarbenen Körper der Krieger mit manch begehrlichem Blick bedacht.

Natürlich war es auch in dieser Gegend Wyomings immer wieder zu kämpferischen Konflikten mit den Cheyennes gekommen, aber die kleine Farm am Ufer des Smoky River war davon nie betroffen gewesen. Sollte das alles jetzt vorbei sein? Ballte sich das Unheil schon zusammen wie eine düstere Gewitterwolke, die baldigen Blitz und Donner ankündigte?

„Ist dir noch nicht aufgefallen, dass sich die Cheyennes in letzter Zeit hier nicht mehr haben blicken lassen?“, setzte Ron Shepherd das Gespräch fort. „Ich wollte dich nicht vorzeitig darauf hinweisen, um dich nicht zu beunruhigen, aber unter den gegebenen Umständen wäre es töricht, die Augen vor der Wahrheit zu verschließen.“

„Bestimmt wird Mister Sullivan schon bald hier eintreffen, dann kann er uns selbst erzählen, weshalb sich seine Ankunft verzögert hat.“ Dianes Erwiderung klang selbstsicher, aber in Wahrheit wollte sie so nur ihre eigenen Ängste überspielen. Vielleicht war dem Mann, dessen Eintreffen sie so sehr erwartete, ja wirklich etwas zugestoßen – und vielleicht steckten tatsächlich die Cheyennes dahinter…

Die Antwort auf diese Frage kannte nur der Smoky River, der einige Meilen flussaufwärts eine Kiesbank mit einem Toten umfloss – und ein einsamer Reiter, der seit Kurzem nicht nur im Auftrag der US-Kavallerie ritt, sondern auch im Schatten des Kriegsbeils…

 

* * * * *

Je länger Derek im Sattel saß, desto mehr erwärmte die Sonne das Land – und desto augenscheinlicher veränderte dieses Land seinen Charakter.

Die weitgehend flache Prärie lief in bewaldeten Höhenzügen aus, stellenweise durchbrachen schartige Felszinnen das Grün der Bäume und Sträucher. Am Horizont zu Dereks Rechter senkten sich die Ausläufer jener Hochebene, die Derek gestern überquert hatte, und in diese Richtung trieb er nun auch seine Stute. Bald kerbten zahlreiche Bäche das Land – Zubringer des Smoky River, dessen silbernes Band der Scout um die Mittagszeit erreichte.

Bisher war es zu keinen weiteren Zusammenstößen mit feindlichen Indianern gekommen, was sicher auch daran lag, dass Derek geschickt jede Deckung genutzt hatte. Nun aber musste er dem Lauf des Flusses folgen, um sein Ziel zu erreichen, und entlang des Smoky Rivers war es nahezu unmöglich, sich vor den Blicken allfälliger Gegner zu verbergen. Unter normalen Umständen hätte der Scout einige falsche Fährten gelegt, um die Cheyennes in die Irre zu führen, aber dazu fehlte ihm jetzt einfach die Zeit. Er musste so rasch wie möglich die Verfasserin des Briefes an Sullivan informieren – an jenen Sullivan, um dessen erkalteten Körper sich bestimmt schon Bussarde und Kojoten stritten…

Was die Frau wohl von ihm gewollt hatte? Dem Wortlaut des Briefes nach zu schließen, konnte es sich bei Sullivan durchaus um einen Erpresser gehandelt haben, schließlich hatte die Frau geschrieben, sie sei bereit, auf seine Bedingungen einzugehen. In diesem Fall kam Sullivans Tod der Lösung eines Problems gleich. Vielleicht gab es aber auch eine völlig harmlose Erklärung für die mysteriösen Zeilen, und Derek reimte sich bloß etwas zusammen. Wie auch immer, das alles betraf ihn nicht. Er musste lediglich dafür sorgen, dass der Brief in die richtigen Hände gelangte, und seine Verfasserin vor den Indianern warnen.

Knapp zwei Stunden lang ritt Derek noch flussabwärts, nur begleitet vom Rauschen des Smoky River zu seiner Rechten und seinem eigenen Schatten, denn die Strahlen der Sonne auf das sand- und kiesbedeckte Ufer malten. Dann gelangte er auf einen Pfad, der sich zunächst vom Fluss entfernte, schließlich aber flach abfiel und in eine Halbinsel mündete, um die herum der Fluss eine Schleife bildete. Am höchsten Punkt der sanft ansteigenden Landzunge drängten sich ein Blockhaus und ein Stall samt angeschlossenem Corral, in dem einige Pferde sowie eine Milchkuh zu sehen waren. Landeinwärts erstreckten sich Mais- und Weizenfelder, durch die hindurch der zum Weg verbreiterte Pfad auf das Anwesen zuführte.

Derek zügelte Little Lady im Schatten einer Kiefer und nickte anerkennend. Wer auch immer der Eigentümer dieser Farm war, er hätte keinen besseren Platz wählen können.

Die unmittelbare Nähe zum Smoky River versprach eine optimale Bewässerung der Felder, gleichzeitig bildete der Fluss eine natürliche Barriere gegenüber allfälligen Angreifern. Das an drei Seiten vom Smoky River umströmte Haus musste nur Richtung Festland verteidigt werden – hier aber fand ein Feind kaum Deckung und konnte schon von Weitem gesehen werden. Einzunehmen war die Farm nur durch eine längere Belagerung, aber davor war selbst die massivste Festung nicht gefeit.

Ob dies wohl das auf der Zeichnung eingetragene Anwesen war? Eigentlich musste es so sein, denn Derek hatte bisher keine menschliche Behausung passiert. Nun, in wenigen Minuten würde er sich Klarheit verschafft haben.

 

Ein leichter Schenkeldruck trieb die Stute wieder in den Galopp, und Little Lady trug ihren Herrn den Weg hinab. Sofort trat ein Mann aus dem Haus, angelockt von dem pochenden Hufschlag. Seine Hände umklammerten ein Gewehr, Misstrauen glomm in seinen zusammengekniffenen Augen, aus denen er dem Scout entgegenspähte.

Derek zügelte Little Lady vor dem Farmer und tippte mit der Rechten lässig an seine imaginäre Hutkrempe.

„Tag, Mister“, grüßte er freundlich. „Wohnt hier eine gewisse Diane Shepherd?“

 

„Was geht Sie das an, wenn ich fragen darf?“, erwiderte der Farmer barsch. Seine Hände schlossen sich unwillkürlich fester um den Kolben der Winchester. „Wer sind Sie überhaupt, und was wollen Sie auf meinem Grund und Boden?“

Details

Seiten
120
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783738923230
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2018 (Oktober)
Schlagworte
smoky-river
Zurück

Titel: Tod am Smoky-River