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Gefunden und verschwunden

von Horst Bieber (Autor:in) Bernd Teuber (Autor:in)
©2018 100 Seiten

Zusammenfassung

Gefunden und verschwunden
Krimi von
Horst Bieber und Bernd Teuber

Wolfgang Wegner und Jutta Schopf waren scheinbar die Letzten, die den schwerreichen Wilhelm Zöllner lebend gesehen hatten. Nach dessen Verschwinden werden sie auch prompt beschuldigt, den alten Mann umgebracht zu haben. Auch die Tatsache, dass die beiden eine Menge Geld von Zöllner erhalten hatten, macht sie für die Polizei verdächtig. Die Beschuldigten wenden sich an den Privatdetektiv Rolf Kramer, damit der Lichts ins Dunkle bringt. Im Rahmen seiner Ermittlungen stellt der Detektiv fest, dass die Bewohner der Zöllner-Villa sich ihm gegenüber verschlossen verhalten ...

Leseprobe

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Gefunden und verschwunden

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KRIMI VON

Horst Bieber und Bernd Teuber

Der Umfang dieses Buchs entspricht 72 Taschenbuchseiten.

Wolfgang Wegner und Jutta Schopf waren scheinbar die Letzten, die den schwerreichen Wilhelm Zöllner lebend gesehen hatten. Nach dessen Verschwinden werden sie auch prompt beschuldigt, den alten Mann umgebracht zu haben. Auch die Tatsache, dass die beiden eine Menge Geld von Zöllner erhalten hatten, macht sie für die Polizei verdächtig. Die Beschuldigten wenden sich an den Privatdetektiv Rolf Kramer, damit der Lichts ins Dunkle bringt. Im Rahmen seiner Ermittlungen stellt der Detektiv fest, dass die Bewohner der Zöllner-Villa sich ihm gegenüber verschlossen verhalten ...

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Copyright

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EIN CASSIOPEIAPRESS Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© Roman by Author/ Titelbild: Nach Motiven von Pixabay mit Steve Mayer, 2018

© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

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Personen:

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WOLFGANG WEGNER – UNTERNEHMER, wird beschuldigt, Wilhelm Zöllner entführt und ermordet zu haben.

Jutta Schopf – Angestellte in einem Handarbeitsgeschäft und angebliche Komplizin.

Heidrun Osten – Stieftochter von Wilhelm Zöllner.

Martin Arens – Chauffeur im Hause Zöllner

Christa Bode – Köchin, Haushälterin und Hausmädchen.

Rolf Kramer – Privatdetektiv, wird engagiert, um das Verschwinden von Wilhelm Zöllner aufzuklären.

Martens – Hauptkommissar.

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FRAU SCHOPF, HERR Wegner, was kann ich für sie tun?“, fragte Privatdetektiv Rolf Kramer, nachdem seine Besucher Platz genommen hatten.

Wolfgang Wegner zögerte einen Moment, bevor er antwortete. „Also, Herr Kramer, Sie können uns aus einer ganz blöden Situation heraushelfen.“

„Ihnen beiden?“

Jutta Schopf nickte. „Ja, wir beide stecken drin.“

„Kurz gesagt, die Polizei verdächtigt uns, einen alten Mann entweder entführt oder ermordet zu haben“, erklärte Wolfgang Wegner.

„Gegen uns spricht“, ergänzte Jutta Schopf, „dass wir beide den alten Mann als Letzte gesehen und gesprochen haben ...“

„Halt“, rief Wegner. „Soweit bis jetzt bekannt ist, sind wir die Letzten gewesen.“

„Richtig“, stimmte die Frau ihm zu. „Für uns spricht, dass wir drei Tage später in aller Harmlosigkeit versucht haben, zwei Verrechnungsschecks des Verschwundenen einzureichen.“

„Moment, Moment!“ Kramer hob abwehren die Arme. „Können Sie nicht alles der Reihe nach erzählen?“

„Okay, Sie haben völlig recht“, entgegnete Wegner lachend.

„Wir – also Wolfgang und ich – haben uns schon so häufig darüber unterhalten“, sagte Jutta Schopf, „dass wir uns gar nicht mehr vorstellen können, jemand wüsste nicht Bescheid.“

„Das verstehe ich gut“, entgegnete Kramer. „Also: Wer ist verschwunden?“

„Der Mann heißt Zöllner, Wilhelm Zöllner“, antwortete Wegner. „Er ist Mitte achtzig und wohnt draußen in Tannkirchen.“

„Moorweg 18“, fügte die Frau hinzu. „Eine wunderschöne Jugendstilvilla.“

„Wir – Jutta und ich – waren vor genau einer Woche bei ihm abends zum Essen eingeladen.“

Kramer beugte sich über seinen Terminkalender. „Das war also Freitag, der 3. März.“

„Ja“, bestätigte Wegner. „Zöllner hatte am Telefon gesagt, wir sollten doch zwischen 18 und 19 Uhr kommen. Punkt sieben würde das Essen aufgetragen.“

„Er legt großen Wert auf Pünktlichkeit“, erklärte Jutta Schopf.

„Das kann man wohl sagen“, pflichtete Wegner ihr bei. „Ich kam so gegen halb sieben. Jutta etwa zehn Minuten später.“

„Waren Sie die einzigen Gäste?“, wollte Kramer wissen.

Jutta nickte. „Ja, das hatte er schon am Telefon erzählt. Nur wir drei.“

„Frau Bode hatte mehrere Platten vorbereitet“, sagte Wegner. „Und davon ...“

„Entschuldigung“, unterbrach ihn Kramer. „Wer ist Frau Bode?“

Jutta Schopf zögerte einen Moment, bevor sie antwortete. „Ich weiß nicht, wie man sie bezeichnen soll. Köchin und Haushälterin und Hausmädchen. Sie versorgt Zöllner seit mehr als fünfundzwanzig Jahren.“

Kramer nickte. „Gut. Frau Bode hatte also etwas vorbereitet.“

„Ja“, antwortete Wegner. „Das stellte sie Punkt sieben auf die Warmhalteplatten und sagte dann zu Zöllner, sie würde jetzt also gehen.“

„Wohin gehen?“

„In die Stadt. Ins Kino.“

„Sie hatte ihren freien Abend“, erklärte Jutta Schopf.

„Sie wollte also nicht zurückkommen?“, fragte Kramer. „Oder wie soll ich das verstehen?“

„Jetzt kapier ich“, sagte Jutta Schopf. „Nein, nein, Frau Bode wohnt im Hause Zöllner. Sie ging nur an diesem Abend fort.“

„Um ganz genau zu sein – der Chauffeur brachte sie in die Stadt“, fügte Wegner hinzu. „Arens heißt er, Martin Arens. Zöllner sagte zu Frau Bode – als wir dabei waren –, der Martin muss ohnehin noch mal zur Post, um ein paar wichtige Briefe einzuwerfen. Er soll sie mitnehmen. 'Und zurück nehmen Sie sich ein Taxi.'“

„Dieser Chauffeur wohnt übrigens auch da“, ergänzte Jutta Schopf. „Nicht direkt im Haus, sondern hinten über den Garagen. Da hat er eine eigene Wohnung.“

„Wenn Ihr Herr Zöllner zwei Hausangestellte bezahlen kann, scheint er kein ganz armer Mann zu sein“, folgerte Kramer.

„Das ist die Untertreibung der Woche“, erwiderte Jutta.

„Na fein“, sagte der Detektiv. „Frau Bode und Martin fuhren also fort.“

„Ja“, bestätigte Wegner. „Das haben wir noch gesehen und gehört.“

„Danach waren Sie mit Wilhelm Zöllner allein im Haus.“

„Sekunde! Das wissen wir nicht. Im Haus wohnt nämlich noch die Stieftochter von Herrn Zöllner ...“

„Osten heißt sie“, ergänzte Jutta Schopf. „Heidrun Osten.“

„Sie hat oben, im ersten Stock, eine eigene, abgeschlossene Wohnung“, erklärte Wegner. „An dem Freitag voriger Woche haben wir sie allerdings nicht gesehen.“

„Aber wenn sie da gewesen wäre, hätte sie doch sicherlich mit Ihnen zu Abend gegessen“, meinte Kramer.

„Das ist nicht gesagt“, widersprach Jutta Schopf. „Zöllner und seine Stieftochter verstehen sich nicht sehr gut.“

„Deswegen ist gut möglich, dass sie an dem Freitagabend doch im Haus gewesen ist“, antwortete Wegner. „aber nicht herunterkam, weil Zöllner sie nicht dabei haben wollte.“

„Na gut“, sagte Kramer. „Sie haben also zu dritt gegessen ...“

„Genau“, bestätigte er. „Und dann ging‘s mit den Merkwürdigkeiten los. Gegen Viertel vor acht hat das Telefon geklingelt, unendlich lange, bis Zöllner ziemlich gereizt aufstand und ins Wohnzimmer ging.“

„Wir saßen noch am Tisch im Esszimmer“, ergänzte Jutta Schopf.

„Nach zwei, drei Minuten kam er zurück und war irgendwie verändert“, fuhr Wegner fort.

„Was heißt das?“, wollte Kramer wissen.

„Das ist schwer zu beschreiben“, meinte Wegner. „Ärgerlich oder angespannt, nervös, nicht richtig aufgeregt ...“

„Nein, aber mit den Gedanken woanders“, erklärte seine Begleiterin. „Er sagte dann auch sofort, er sei gezwungen, sich zu entschuldigen, aber gegen halb neun käme ein Besucher, mit dem er unbedingt sprechen müsse. Es ließe sich nicht ändern. Ob er uns dann eine halbe Stunde allein lassen dürfe.“

„Wer ihn besuchen wolle, hat er nicht gesagt?“

Sie schüttelte mit dem Kopf. „Nein, mit keinem Wort.“

„Wir hatten nur den Eindruck, es sei ein Mann“, erklärte Wegner.

„Wie ging‘s dann weiter?“, wollte Kramer wissen.

„Wir waren mit dem Essen fertig und setzten uns ins Wohnzimmer“, antwortete Jutta Schopf. „Ziemlich genau um halb neun klingelte es an der Haustür. Zöllner stand auf und sagte so etwa, na ja, bringen wir‘s hinter uns.“

„Er fürchtete also, es würde eine unangenehme Unterredung?“, fragte Kramer.

Die Frau nickte. „Den Eindruck hatte ich schon.“

„Nein, Jutta“, widersprach Wegner. „Das hat er selbst gesagt.“

„Was hat er gesagt?“, fragte sie.

„Nun ja, nicht direkt gesagt ... er war doch schon halb zur Tür raus, da machte er kehrt, kam zurück und holte sich eine Flasche Cognac aus der Anrichte.“

„Genau, Wolfgang“, bestätigte sie. „Er nahm die Flasche, hielt sie hoch und griente schief. Die würde er lieber mitnehmen, denn jetzt brauchte er sicherlich mehrere Cognacs.“

„Mehr hat er nicht angedeutet?“, fragte Kramer.

Wegner schüttelte den Kopf. „Leider nein – halt, er knurrte noch, dem Kerl würde er einheizen.“

„Aber dabei machte er so ein Gesicht, dass wir lieber nichts gefragt haben“, sagte seine Begleiterin.

„Schade“, meinte Kramer. „Sie haben den Besucher nicht gesehen oder gehört?“

Abermals schüttelte Wegner den Kopf. „Nein, Zöllner machte die Tür hinter sich zu ...“

„Und das sind altmodische, dicke Türen“, ergänzte Jutta.

„Und wir warteten“, sagte Wegner.

„Bis halb zehn“, meinte sie.

„Wie bitte?“, fragte Kramer überrascht.

„Ja, wir saßen eine Stunde allein im Wohnzimmer und warteten auf Zöllner.“

„Und dann wurden wir unruhig“, sagte Wegner.

„Na komm, Wolfgang, geärgert haben wir uns.“

„Das auch“, stimmte er ihr zu. „Aber es war nicht nur Ärger, Herr Kramer. Zöllner ist ein ...“ Er suchten nach den richtigen Worten. „Ein schwieriger Mann, dickköpfig, eigensinnig, manchmal sehr kurz angebunden. Aber uns gegenüber war er immer höflich und korrekt ...“

„Mit altfränkischen Manieren“, fügte sie hinzu. „Für eine halbe Stunde hatte er sich bei uns entschuldigt. Eigentlich hätte ich erwartet, dass er nach der halben Stunde gekommen wäre, um uns zu sagen, dass es noch länger dauert. 'Geben Sie mir bitte noch dreißig Minuten.'“

„Ist das auch Ihre Meinung, Herr Wegner?“, fragte der Detektiv.

„Ja, Wort für Wort. Deswegen haben wir um halb zehn angefangen, Zöllner zu suchen.“

„Das verstehe ich nicht.“

„Meine Güte, Herr Kramer, das liegt doch auf der Hand. Zöllner ist Mitte achtzig. Er könnte gestürzt sein ...“

„Die Kellertreppe zum Beispiel ist verflixt steil ...“, sagte Jutta.

„Oder einen Schlaganfall bekommen haben“, ergänzte Wegner. „Oder was weiß ich.“

„Ist er denn kränklich oder schwach?“, erkundigte sich Kramer.

Sie schüttelte energisch den Kopf. „Nein, nein, im Gegenteil. Für sein Alter noch unverschämt gesund und rüstig.“

„Und geistig völlig klar“, fügte Wegner hinzu. „Aber irgendetwas musste doch passiert sein.“

„Sonst hätte er uns nicht da sitzen lassen“, meinte Jutta nachdenklich.

„Einen Augenblick. Was ist mit dem Besucher, der um halb neun gekommen ist?“, erkundigte sich Kramer. „War der inzwischen wieder fortgegangen?“

„Das wissen wir eben nicht“, antwortete Jutta. „Wir saßen im Wohnzimmer, alle Türen fest geschlossen, und die Fenster gehen nach hinten in den Garten.“

„Da hätten viele Leute kommen und gehen können, ohne dass wir es bemerkt hätten“, sagte Wegner.

„Wir sind durchs ganze Haus marschiert“, berichtete Jutta. „Keller, Dachboden, sogar in den Garagen waren wir. Aber keine Spur von Zöllner. Oder von diesem Besucher.“

„Und kein Mensch im Haus“, ergänzte Wegner. „Außer uns.“

„Moment. Sind Sie denn auch in der Wohnung dieser Stieftochter gewesen?“

Jutta schüttelte den Kopf. „Nein, das nicht. Bei Heidrun Osten war alles Dunkel und verschlossen. Wir haben geklopft und geklingelt, aber sie war nicht da.“

„Wo liegt denn diese Wohnung?“

„Im ersten Stock, neben Zöllners Arbeitszimmer.“

„Heidrun Osten benutzt also auch die allgemeine Haustür, um in die Wohnung zu kommen?“, fragte Kramer.

Jutta nickte. „Ja, doch, warum fragen ... ach so, ich verstehe. Ja, sie hätte an diesem Freitag kommen und gehen können, und wir hätten sie so wenig bemerkt wie diesen Besucher.“

„Bei Martin Arens, diesem Chauffeur, standen wir übrigens auch vor verschlossener Tür“, meinte Wegner.

„Sie sagten eben, die Fenster des Wohnzimmers gingen nach hinten ...“

„Ja.“ Wegner nickte. „Aber die Garagen liegen auf der anderen Seite des Hauses.“

Kramer überlegte einen Moment. „Also hätte theoretisch auch dieser Chauffeur seine Wohnung betreten und verlassen können, ohne Ihnen aufzufallen?“

„Ja“, stimmte Wegner ihm zu. „Und wenn Sie‘s ganz genau nehmen, auch Frau Bode, die Haushälterin, hätte zurückkommen und in ihre Wohnung im Dachgeschoss gehen können.“

„Na gut“, meinte Kramer schließlich. „Sie haben gesucht, niemanden gefunden und sind dann gegangen.“

„Ja, so fünf oder zehn nach zehn“, erwiderte Wegner.

„Ziemlich geladen“, fügte seine Begleiterin hinzu. „Wie Sie sich vorstellen können.“

„Und am Montag kamen dann diese Briefe“, sagte er.

„Welche Briefe?“, fragte Kramer.

„Von Zöllner. Einer an mich, mit einem Verrechnungsscheck über 40.000 Euro ...“

„Und einer an mich“, ergänzte Jutta. „Mit einem Scheck über 30.000 Euro.“

„Wie bitte?“ Erstaunen spiegelte sich auf Kramers Gesicht. „Kann ich die Briefe mal sehen?“

„Nein“, antwortete Jutta. „Die hat die Kripo. Aber den Inhalt kann ich fast wörtlich zitieren: Liebe Jutta. Ihre Pläne mit der Knopf-Kiste sind so vernünftig, dass ich Ihnen helfen möchte. Nach unserem Gespräch am Freitag soll es an der fehlenden Summe nicht scheitern. Viel Glück und Erfolg wünscht Ihnen Ihr Wilhelm Zöllner.“

„Was soll das bedeuten?“, fragte Kramer.

„Ich mach abends den Bürokram für ein Handarbeitsgeschäft, diese „Knopf-Kiste“. Die Eigentümerin will sich zur Ruhe setzen. Sie verlangt 100.000 in bar, um sich in ein Heim einzukaufen, und will eine Leibrente. Die Rente ist kein Problem, aber zu den 100.000 fehlen mir noch 30.000.“

„Dafür war also das Geld – der Scheck gedacht?“, fragte Kramer.

„Ja“, bestätigte Jutta. „Aber an dem Freitag haben wir nicht eine Silbe über meine Pläne gesprochen.“

„Merkwürdig“, entgegnete der Detektiv.

„Eben“, stimmte Wegner ihm zu. „Jutta und ich vermuten deshalb, dass Zöllner es tun wollte, aber wegen dieses Besuchers nicht mehr dazu kam.“

„Trotzdem“, erwiderte Kramer. „Hm. Und Ihre 40.000 Euro, Herr Wegner?“

„Ich habe eine neue Umwälzpumpe für Heizungsanlagen entwickelt, aber das hat so viel gekostet, dass ich fast pleite bin.“

„Und auch darüber hat Wolfgang am Freitagabend nicht eine Silbe verloren“, sagte Jutta.

„Das ist wirklich eine komische Kiste“, meinte Kramer nachdenklich. „Na, Frau Schopf, Herr Wegner, dann machen wir mal einen Vertrag. Über Geld müssen wir leider auch reden, damit Sie später keine böse Überraschung erleben.“

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KRAMER BRACHTE SEINE Klienten zur Tür, verabschiedete sich von ihnen und setzte sich wieder an seinen Schreibtisch. Einige Augenblicke starrte er grübelnd vor sich hin und holte im Geiste die Bedienungsanleitung für Privatdetektive aus der Schublade. Natürlich wusste er genau, was da als Grundregel stand: Jede Ermittlungsarbeit beginnt mit den angemessenen und notwendigen Routineuntersuchungen. Und das bedeutete, das er nachprüfen musste, wer sich wann und wo zur Tatzeit aufgehalten hatte. Ob es Verbindungen zwischen den einzelnen Verdächtigen gab. Und so weiter. Kramer nahm er den Hörer vom Telefon, wählte eine Nummer und wartete, bis am anderen Ende abgenommen wurde.

„Hauptkommissar Martens. Was kann ich für Sie tun?“, fragte eine tiefe Stimme.

„Hier ist Kramer.“

„Ach nee, unser Privater. Tach, Herr Kramer. Was haben Sie denn auf dem Herzen?“

„Ich habe gerade einen Vertrag mit Wolfgang Wegner und Jutta Schopf geschlossen.“

„Wegner? Schopf?“ Eine kurze Pause entstand. „Ach, der Fall Zöllner“, sagte Martens mit einem spöttischen Unterton in der Stimme. „Sie haben uns gerade noch gefehlt.“

„Davon gehe ich aus, Herr Hauptkommissar Martens. Ich habe Ihnen gefehlt, und mir fehlen ein paar polizeiliche Auskünfte.“

„So, so. Und welche?“

„Diese Briefe, die Zöllner an Wegner und Jutta Schopf geschrieben hat. Mit den Schecks. Sind die echt?“

Martens stieß einen lauten Seufzer aus. „Leider. Mit der Hand geschrieben. Und unser Sachverständiger sagt, eindeutig Zöllners Handschrift. Die Schecks sind übrigens auch echt.“

„Wenn Zöllner am Freitagabend verschwunden ist und die Briefe am Montag angekommen sind – wann hat er die Briefe denn dann geschrieben? Und die Schecks ausgestellt?“

„Am Freitagnachmittag“, antwortete Martens. „Die Schopf hat den Umschlag aufgehoben. Und wegen des Stempels wissen wir, dass dieser Chauffeur, ein gewisser Martin Arens, die Briefe am Freitagabend an der Hauptpost eingeworfen hat.“

„Die Briefe waren also vor dem Treffen Zöllners mit Wolfgang Wegner und Jutta Schopf fertig?“, fragte Kramer.

Mertens zögerte einen Augenblick, bevor er antwortete. „Im Moment sieht es so aus.

„Aha, im Moment“, wiederholte der Detektiv. „Wissen Sie etwas über den Besucher, der in das Abendessen hineingeplatzt ist?“

„Nix, nicht die Bohne. Und ehrlich gesagt: An den glaub ich so wenig wie an den Weihnachtsmann.“

Eine kurze Pause entstand.

„Sie haben nichts dagegen, wenn ich mitmische?“, fragte Kramer vorsichtig.

„Wir sind ein freies Land“, antwortete Martens. „Und die Gesetze über die Behinderung polizeilicher Arbeit sind Ihnen ja bekannt.“

„Sie haben sie mir oft genug eingebläut, Herr Mertens.“

Kramer verabschiedete sich und legte den Hörer auf den Apparat. Großartiges Ermittlungsergebnis, dachte er. Der Detektiv legte seine Stirn in Falten und versuchte, nachzudenken. Irgendwo musste er schließlich anfangen.

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KRAMER PARKTE SEINEN Wagen am Straßenrand, stieg aus und überquerte die Fahrbahn. Fast im selben Augenblick zerriss das schrille Quietschen von Autoreifen und Bremsen die Luft. Ein Lieferwagen kam nur wenige Zentimeter vor dem Detektiv schleudernd zum Stehen. Erst der Aufschrei des Fahrers brachte Kramer zur Besinnung. Von einem lauten Hupkonzert begleitet, sprang er auf die Motorhaube seines Fahrzeugs.

Sein Herz klopfte wie rasend, als er dem weiterfahrenden Lieferwagen nachstarrte. Derartige Zwischenfälle waren in letzter Zeit ein bisschen zu häufig vorgekommen. Ihm wurde klar, dass seine Lebenserwartung rapide sank, wenn er so unbedacht weitermachte.

Diesmal wartete er geflissentlich, bis kein Auto mehr nahte, und sah aufmerksam nach links und rechts, bevor er die Straße überquerte. Gegenüber befand sich ein kleines Café. Er trat ein und sah sich um. Die Frau, die er suchte, saß an einem Tisch in der hinteren, linken Ecke. Sie entsprach genau der Beschreibung, die sie ihm am Telefon gegeben hatte. Er ging zu dem Tisch, stellte sich kurz vor und nahm Platz.

„Zuerst musst ich mich bedanken, Frau Osten“, sagte er, „dass Sie sich die Zeit genommen haben.“

„Keine Ursache, Herr Kramer“, entgegnete sie lächelnd. „Ich war neugierig. Ich habe noch nie mit einem Privatdetektiv zu tun gehabt.“

„Hoffentlich enttäusche ich Sie nicht. Über meinen Beruf ...“

Eine junge Frau in einem kurzen, schwarzen Kleid und mit einer weißen Schürze näherte sich dem Tisch.

„Guten Tag. Haben Sie schon gewählt?“, erkundigte sie sich mit einer piepsigen Stimme.

„Was nehmen Sie?“, fragte Kramer. „Kaffee?“

„Ja, gern“, antwortete Heidrun Osten.

„Zwei Kännchen Kaffee bitte“, sagte er zu der Bedienung.

„Zwei Portionen.“ Sie drehte sich um und ging. Kramer wandte seine Aufmerksamkeit wieder Heidrun Osten zu. Sie schien weder in dieses Café noch in die Kleidung zu passen, die sie trug. Im Übrigen wirkte sie selbstbewusst und arrogant. Sie trug grob gesteppte Stiefel, eine enge Jeans und eine grobe Tweedjacke. Ein schwacher Parfümgeruch strömte von ihr aus, als käme sie gerade aus einem Rosengarten.

„Wo fangen wir an?“, wollte Heidrun Osten wissen.

„Am besten mit dem 3. März“, entschied Kramer. „Dem Freitag.“

„Gut.“

„Wussten Sie, dass Wolfgang Wegner und Jutta Schopf abends zu Ihrem Stiefvater kommen würden?“

„Ja, er hat es mir irgendwann unter der Woche erzählt.“

„Sie sollten nicht an dem Essen teilnehmen?“, fragte der Detektiv.

„Nein, ich sollte nicht und ich wollte auch nicht. Ach, Herr Kramer, es ist kein Geheimnis, das ich mich mit meinem Stiefvater sehr schlecht verstehe.“

„Aber Sie wohnen in seinem Haus.“

„Das ja, sogar mietfrei. Der alte Herr legt großen Wert auf Formen. Die Familien-Fassade muss gewahrt bleiben. Aber dahinter gehen wir uns aus dem Weg.“

„Sie sagten, Sie wollten auch nicht ...“

„Nein“, unterbrach sie ihn. „Ich hatte an dem Freitagabend was Besseres vor.“

„Darf ich fragen, was, Frau Osten?“

Sie zögerte einen Moment. „Eigentlich geht Sie das nichts an ...“, sagte sie leise.

Schritte näherten sich. Die Bedienung brachte die Bestellung.

„Zwei Kännchen Kaffee.“

Sie stellte die Tabletts mit den Tassen und Kannen auf den Tisch.

„Danke“, sagte Kramer.

Die junge Frau nickte und entfernte sich.

„Aber weshalb soll ich“, begann Heidrun Osten. „Also, ich bin befreundet mit einem – ich habe ein Verhältnis mit einem verheirateten Kollegen aus der Firma. Seine Frau war am Tag zuvor in den Skiurlaub gefahren, und ich bin am Freitag nach dem Büro gleich zu ihm gegangen. Und dort blieb ich bis zum Sonntagmittag.“

„Und als Sie am Sonntag in das Haus Ihres Stiefvaters kamen, herrschte dort helle Aufregung?“, fragte Kramer.

„Bei Frau Bode, ja. Sie war ganz aus dem Häuschen, weil sie halt nicht wusste, was sie tun sollte.“

„Im Hause, also über den Garagen wohnt doch Herr Arens ...“

„O ja, Herr Kramer, Frau Bode würde sich lieber die Zunge abbeißen, als Martin Arens um Rat oder Hilfe zu bitten.“

„So ist das! Sie haben dann am Montagmorgen Vermisstenanzeige erstattet?“

„Ja.“

„Haben Sie eine Vermutung, was mit Ihrem Stiefvater geschehen ist?“

„Nicht den Schimmer einer Idee“, antwortete die junge Frau. Sie nahm die Kaffeekanne und goss etwas von der dunkelbraunen Flüssigkeit in die Tasse.

„Ist Wilhelm Zöllner denn schon mal verschwunden?“, erkundigte sich Kramer. „Untergetaucht? Einfach verreist?“

Sie schüttelte den Kopf. „Nein, nie. Natürlich hockt er nicht die ganze Zeit über im Haus, aber entweder ist er mit dem Fahrer unterwegs, oder er hat Frau Bode einen ausführlichen Schrieb hingelegt, wann er wo zu erreichen ist.“

„Kennen Sie Freunde, Bekannte, Kollegen, Verwandte, zu denen er jetzt gefahren sein könnte?“

Sie nahm den kleinen Milchbehälter, riss die Deckelfolie ab und goss die Milch in die Tasse. „Nein – nein, er trifft sich auch selten mit anderen Menschen.“

„Aber Sie sagten doch eben, er führe ab und zu weg.“

„Ach so, das.“ Heidrun Osten tunkte den Löffel in den Kaffee und rührte um. „Meistens geht es dann um seine Briefmarkensammlung. Er tauscht oder kauft oder besucht – wie nennt man das? – Börsen oder Messen.“

„Hm, ja“, sagte Kramer. „Kennen Sie eigentlich Frau Schopf und Herrn Wegner?“

„Nur flüchtig.“

„Sie haben doch sicherlich von den Schecks gehört, die ...“

„Und ob!“, sagte sie, ohne zu zögern.

„Können Sie sich diese ... diese Großzügigkeit Ihres Stiefvaters erklären?“

„Überhaupt nicht!“ Sie legte den Löffel auf die Untertasse. „Der alte Herr ist nicht geizig, das nicht, aber weiß Gott auch nicht so spendabel.“

„Seit wann verkehren Frau Schopf und Herr Wegner bei Ihnen?“

Frau Osten legte die Stirn in Falten. „Genau kann ich das nicht sagen. Seit gut einem Jahr, würde ich denken. Ich muss mich aber wiederholen, Herr Kramer – wir gehen uns aus dem Weg.“

„Wäre es sehr indiskret zu fragen, warum?“

Sie nahm die Tasse, trank einen Schluck und stellte sie wieder ab.

„Ich nehme an, Sie wollen auch mit Frau Bode sprechen?“, fragte sie dann.

„Ja“, bestätigte Kramer. „Gleich nachher.

„Nun ja, Christa Bode trägt ihre Seele auf der Zungenspitze, und deswegen erzähle ich Ihnen lieber vorher meine Version. Mein Stiefvater hat sehr früh geheiratet. Eine jüngere Frau, die ihm Zwillinge geboren hat.“

„Wann? Ich meine, in welchem Jahr?“

„1942, glaube ich. Zwei Jahre später sind Frau und Kinder verschollen, wahrscheinlich bei einem Bombenangriff. Mein Stiefvater war damals Offizier an der Front. Der alte Herr hat diesen Schlag nie verwunden. Und wenn ich ganz ehrlich sein soll, verstehe ich bis heute nicht, warum er später meine Mutter geheiratet hat. Sie war Witwe. Mein Vater war einen Monat nach meiner Geburt tödlich verunglückt, und ich werfe Zöllner bis heute noch vor, dass er nie versucht hat, mir ein Vater zu sein.“

„Ihre Mutter lebt nicht mehr?“, fragte Kramer, während er sich ebenfalls Kaffee einschenkte.

„Nein, sie ist schon vor über zehn Jahren gestorben.“

„Hat sie sich denn in der Ehe – hm – glücklicher gefühlt?“

„Nein, Herr Kramer, das hat sie nicht. Es war eine sehr miese Ehe. Und weil ich Ihre nächste Frage schon ahne, die Antwort vorweg: Zöllner ist reich, sehr sogar. Deswegen lebe ich in seinem Haus. Ich werde ihm keinen Vorwand bieten, mir das Erbe ganz oder teilweise vorzuenthalten.“

Kramer verzichtete auf Milch. Er trank seinen Kaffee schwarz.

„Sie sind sehr offen, Frau Osten“, sagte er dann.

Sie nickte. „Ja, weil ich keine Lust mehr habe, Theater zu spielen.“

Details

Seiten
100
Jahr
2018
ISBN (ePUB)
9783738923223
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2018 (Oktober)
Schlagworte
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Titel: Gefunden und verschwunden