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ROY MATLOCK #14: Kennedys Entführung

2018 120 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Title Page

Kennedys Entführung

Klappentext:

Roman:

ROY MATLOCK

 

Band 14

 

Kennedys Entführung

 

Ein Western von Glenn Stirling

 

 

 

IMPRESSUM

 

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© Roman by Author / Cover 2018: Tony Masero

Redaktion und Korrektorat: Alfred Wallon

© dieser Ausgabe 2018 by Alfred Bekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

Klappentext:

Rex Kennedy, der Bos der AUREA Mining Company soll entführt werden! Roy Matlock, der Eisenbahn-Marshal erfährt zufällig von den finsteren Plänen – und das will er jetzt natürlich verhindern. Jedoch ist das leichter gesagt als getan, denn Kennedy ist ein ziemlich arroganter Zeitgenosse, der sich für besonders schlau hält und Matlock kein Wort glaubt. Also bleibt Matlock nichts anderes übrig, als Kennedy auf seiner Zugreise zu begleiten und dafür zu sorgen, dass ihm nichts zustößt.

Der zunächst anstrengende Job hat auch angenehme Seiten – in Form von Kennedys Tochter Audrey, die ein Auge auf Matlock geworfen hat. Solch eine Gelegenheit lässt Matlock natürlich nicht ungenutzt verstreichen. Sein Pech ist nur, dass er sich ausgerechnet dann von Audrey ablenken lässt, als ihr Vater entführt wird. Und als Matlock es bemerkt, ist es schon zu spät.

Die Entführer wollen Lösegeld erpressen und glauben fest daran, dass die Minengesellschaft dieses Geld auch bezahlen wird. Denn sonst muss Kennedy sterben. Aber Roy Matlock ist den Halunken bereits auf den Fersen!

 

Roman:

Er wusste von Anfang an, dass Kathy es auf ihn abgesehen hatte. Roy Matlock deutete die Blicke der geschminkten Saloonlady richtig, als er den Saloon betrat. Eigentlich hatte er nur einen Drink zu sich nehmen wollen. Aber verdammt noch mal, wenn sich ihm solch eine Chance bot – sollte er dann nein sagen?

Noch unternahm er nicht direkt etwas, sondern ließ erst einmal seine Blicke in die Runde schweifen, während er sich einen Weg zum Tresen bahnte und dort ein Bier bestellte. Er musste nicht lange darauf warten. Matlock nahm einen tiefen Schluck und nickte anerkennend. Der Keeper musste irgendwo im Keller eine Möglichkeit gefunden haben, um das Bier zu kühlen. Dafür bezahlte er gerne ein paar Cents mehr – aber dafür war das Bier umso besser.

Kathy hatte ihn immer noch nicht aus den Augen gelassen. Jetzt wird sie gleich eine Ausrede finden, um zu mir an den Tresen zu kommen, dachte Matlock, wartete aber weiterhin ab wie ein Unbeteiligter, der immer noch nicht zu ahnen schien, dass es die Frau auf ihn abgesehen hatte.

Sein distanziertes Verhalten löste bei Kathy genau das Gegenteil aus. Jetzt machte sie keinen Hehl mehr daraus, was sie von ihm wollte. Sie setze ein betörendes Lächeln auf, das so manch anderer der Saloongäste gerne für sich in Anspruch genommen hätte – aber Kathy zeigte ihnen allen die kalte Schulter. Obwohl es da einen Typen gab, dem es gar nicht zu passen schien, dass Kathy ihre ganze Aufmerksamkeit Matlock schenkte – und nicht ihm.

Aber Matlock hatte registriert, dass der Bursche immer wütender dreinblickte. Was das bedeutete, konnte er sich denken. Nun war eigentlich Vorsicht geboten – aber andererseits war Matlock auch bekannt dafür, dass er nichts anbrennen ließ, wenn sich ihm solch eine Gelegenheit bot.

Jetzt rief er etwas zu Matlock herüber und grinste dabei provozierend. Es war klar, worauf das hinauslaufen würde – aber dann war es eben so. So schnell warf Matlock die Flinte nicht ins Korn!

„Es ist doch ewig schade um herzige Jungs wie dich“, jammerte die kesse Kathy und schob ungeniert ihre Rechte in den Ausschnitt, um die pralle Fülle ihrer Reize wieder an den rechten Ort zu bringen. Der erste Schreck hatte sie nicht nur die Fassung, sondern auch einen Teil ihrer Figur verlieren lassen. „Wetten, Matlock, der Kerl da drüben stemmt dich so hoch, dass du nie wieder herunterkommst! Schätze, ich hab’ mich zu früh auf dich gefreut. Ja, verdammt schade.“

Roy Matlock schob den Stuhl zurück. Er stand auf. „Halt mir den Platz warm, Kathy!“

Bevor das Saloonmädchen genügend Luft hatte, um mit der zweiten Rate ihres Gejammers zu beginnen, war Roy Matlock schon fünf Schritt vom Tisch entfernt. Lässig schlenderte er auf den Tresen zu. Genau in die Richtung, wo sich ein wuchtig gebauter Schlägertyp an den Tresen stemmte.

Zwei Schritt vor dem anderen blieb Matlock stehen. Er schnippte die Zigarettenkippe weg.

„He, sag das noch mal!“

Der Angesprochene schnappte nach Luft. Er stieß einen überraschten Grunzlaut aus, stellte ein wenig zu hastig sein Bierglas ab, dass der Inhalt auf den Tresen schwappte, dann zog er die Stirn hoch.

„Ach, du willst es noch einmal hören, wie? Kannst du haben. Du bist ein gottverdammter Scheißer, Mann! Verstehst du mich? Ein Scheißer! Kommt einfach daher und reißt sich die Puppe untern Nagel. He, falls du das nicht wissen solltest, die ist nicht für dich allein da! Los, hau ab! Verdufte, sonst müssen sie dich zusammenkehren!“

Er hatte die Breite eines mittleren Schrankes. Durch das verschwitzte Hemd waren seine mächtigen Muskeln zu sehen. Und er überragte Roy Matlock um gut einen halben Kopf.

Doch Matlock beeindruckte das wenig. Er knickte ein wenig in die Knie. Aber gleich darauf schoss seine Rechte vor wie der Kopf einer zustoßenden Klapperschlange. Die geballte Faust detonierte am Kinn des Schlägers wie ein Huftritt. Und noch ehe das krachende Geräusch vorüber war, fegte die Linke steil nach oben. Der Schlag war so hart, dass es dem Getroffenen fast den Schädel abriss.

Mit einem langgezogenen Schnaufer rutschte der Mann am Tresen entlang. Seine Beine gaben nach. Er kippte zur Seite, stürzte, schlug lang hin.

Das ging so rasch, dass die anderen Männer im Saloon zwar den stürzenden Mann, nicht aber die beiden Fausthiebe erblickten.

Einer sprang vom Stuhl auf. Er rannte zum Tresen.

„Verdammt, du hast ihn ...“

Matlocks Blick ließ ihn schlagartig verstummen. Der Mann wandte sich ab.

„Was hab’ ich?“

„Nichts“, gab der Gefragte kleinlaut zurück. Er trollte sich.

Matlock wandte sich auch ab. Er ging, als wäre nichts gewesen, wieder an seinen Tisch.

Die kesse Kathy griff sich schon wieder in den Ausschnitt. Hatte sie schon nicht begreifen können, dass Matlock sich auf eine Auseinandersetzung mit dem anderen einließ, fasste sie es nun erst recht nicht, dass er jetzt so lässig zurückkam, wie er hinübergeschlendert war zum Tresen, während der andere bewusstlos vor der Theke lag.

Matlock setzte sich. Er nahm einen Schluck Whisky. Dann drehte er sich gelassen eine Zigarette.

„Du ... Mann, hast du Eisen in den Fäusten?“

„Kann sein. Aber meine Finger sind ziemlich weich“, gab Matlock zurück. Er schmunzelte.

„Das kann ich nicht glauben.“ Kathy griff tastend nach seinen Händen, um sich zu vergewissern.

„Ich kann es dir ja beweisen, Kathy.“

Sie zögerte, überlegte, und dann lachte sie froh auf.

„Ja, Matlock, das tu mal! Komm mit! Sofort! Ich will diesen Beweis sofort haben!“

Sie zerrte ihn hoch. Mit einem schiefen Blick sah sie hinüber, wo der Bewusstlose lag. Keiner kümmerte sich um ihn. Alle sahen einfach darüber hinweg. Und wenn sie zum Tresen mussten, stiegen sie über den Mann hinweg oder machten einen großen Bogen um ihn.

Die kesse Kathy, die einen Narren an Matlock gefressen hatte, interessierte sich bestimmt weniger aus beruflichen Gründen für die zarten Finger des Eisenbahn-Marshals, als dass sie ihn rechtzeitig aus dem Saloon lotsen wollte, um eine wüste Schlägerei zu verhindern.

Matlock hatte das längst begriffen. Aber er ging dennoch mit Kathy hinaus. Im Saloon war es stickig und schwül. Draußen war ein Windhauch zu spüren. Angenehm und wohltuend.

Kathy hängte sich bei Matlock ein. Sie ging rasch.

„Was hast du es so eilig, Kathy? Wir haben eine ganze Nacht vor uns.“

Sie sah sich um.

„Mir ist wohler, wenn wir in meiner Wohnung sind, Matlock. Dieser Sid ist ein Teufelsbraten. Wenn er dich noch einmal sieht, bringt er dich um.“

Matlock grinste.

„Von der Sorte kenne ich eine ganze Menge. Aber ...“

„Hier sind wir“, fiel Kathy ihm ins Wort. „Komm herein! Ich hab’ alles da, was wir brauchen, um uns einen schönen Abend zu machen.“

Sie zwinkerte ihm zu. Im Dämmerlicht einer Straßenlaterne konnte es Matlock mehr ahnen als sehen. Dafür aber spürte er Kathys Hand auf seiner. Er folgte ihrem Zug und tastete gleich darauf an jener Stelle, an der Kathys Hand an diesem Abend schon mehrmals ordnend tätig gewesen war.

Weiche Haut, die ihn auf verdammt andere Gedanken bringen konnte. So weich und geschmeidig, dass Matlock auf einmal stehenblieb.

„Teufelsweib“, sagte er heiser. Er drückte Kathy an sich und küsste sie.

Wenige Mädchen hatte Roy erlebt, die stürmischer gewesen waren als die kesse Kathy. Jetzt begriff er allmählich, woher sie diesen Namen hatte. Denn kess war sie ohne Zweifel. Und überall, wo ihre Hände ihn berührten, hinterließen sie ein Chaos der Erregung.

Es hatte einen Hauch von Romantik an sich, wie sie sich in der dunklen Türnische liebkosten. Aber Kathys Sinn für Romantik würde sich wohl erst so richtig entwickeln, wenn sie bei ihr in der Wohnung angelangt waren.

Plötzlich schob sie Matlock zurück. Sie löste seine zärtlichen Finger von ihrer aufreizenden Figur.

„Nicht hier, Matlock! Komm schon mit nach oben! Da haben wir keine Zuschauer. Und niemand wird uns stören.“

„Teufel noch mal, du kannst ja mächtig kühl sein, was?“

„Denkst du vielleicht, dass mir das nicht schwerfallen würde?“

Sie zog ihn hinter sich her durch den dunklen Flur, die Treppe hinauf, öffnete eine Tür und schob ihn in ein Zimmer.

Matlock wartete, bis sie eine Lampe angesteckt hatte. Er sah sich in dem Raum um.

„Nicht übel“, befand er. „Ein richtiges kleines Nest. Wie oft ist es denn besucht?“

Kathys erste Tat war ein Befreiungsakt. Sie löste die Haken und Schnüre ihres offenherzigen Kleides, dann gleich die des Mieders und stand Sekunden später in üppiger Nackheit vor ihm. Nur noch die Strümpfe und ein Dingsda aus Seide bedeckten sie vom Nabel abwärts.

Süß und betörend lächelte sie Matlock an.

„Bist du gekommen, um Fragen zu stellen?“, fragte sie leicht vorwurfsvoll.

Matlock konnte seinen Blick nicht von ihr lösen. Er schluckte, genoss den Anblick Kathys, folgte dem Verlauf ihrer rundlichen Formen, und dann trat er nach vorne.

„Wie soll einer da noch tatenlos herumstehen?“, fragte er gepresst, als er sie in die Arme nahm und dann mit ihr zum breiten Bett eilte.

Kathy stieß einen Jubellaut aus, als Matlock sie mit wenigen, anscheinend geübten Griffen ihrer restlichen Dessous entledigte. Und erst als sie seinen muskulösen Körper ganz nahe an ihrem spürte, verwandelte sie sich von der hinschmelzenden sanften Göttin in eine rasende Furie, die Matlock den Verstand nahm ...

Eine Nacht im Rausch der Leidenschaften hatte ihren Anfang genommen. Und diese Leidenschaft schien im Verlauf dieser Nacht nicht ab-, sondern zuzunehmen.

 

*

 

Weit nach Mitternacht, als Matlock nur noch den seligen Wunsch hatte zu schlafen, rüttelte sie ihn erneut wach.

„Mann“, sagte sie mit belegter Stimme, „du machst mich noch völlig verrückt. Was ist das nur mit dir, Matlock? Wenn ich deine Hand spüre, dann kribbelt es bei mir am ganzen Körper.“

„Hm“, tat er uninteressiert und wollte sich umdrehen. Aber Kathy ließ es nicht dabei bewenden. Sie war munter und voller Begeisterung.

„Wach doch auf!“.

„Keine Lust. Lass mich schlafen!“

„Ich will aber mit dir reden.“

„Reden?“

„Ja, reden. Einen Mann wie Matlock sollte man besser kennenlernen.“

„Meinetwegen. Aber nicht mitten in der Nacht. Irgendwann braucht jeder normale Mensch einen Hut voll Schlaf. Sei ein liebes Mädchen und schlaf weiter, Kathy!“

Sie rüttelte ihn.

„Fällt mir nicht ein, Matlock. Wenn man schon mal das Glück hat, einen Burschen von deiner Sorte mit niemandem teilen zu müssen, dann muss man diese Gelegenheit nützen. weißt du, solche Männer kommen einem nicht jeden Tag in die Finger.“ Sie streichelte ihn. Als Matlock unwillig knurrte, kicherte Kathy. „Du brummst wie ein wütender Grizzly. Aber ich weiß, wie ich dich munter machen kann. Wetten, dass du spätestens in einer Minute hellwach bist!“

Sie war sich mächtig sicher.

Matlock räusperte sich. „Müsste schon ein Wunder geschehen“, kam es undeutlich zwischen den Kissen heraus.

„Nicht nötig“, gab Kathy fröhlich zurück. „Das ist gar nicht nötig. Ich hab’ nämlich einen Tipp für dich, Matlock, der dich glatt umhaut!“

„Spuck’s aus!“

Matlock war bereits neugierig geworden, wenn er auch so tat, als interessierte ihn nicht übermässig, mit welcher Neuigkeit Kathy aufwarten wollte.

Was sollte es auch sein; was sie ihm sagen konnte? Kaum mehr als das übliche Geschwätz. Oder doch mehr?

Er schielte aus dem Kissen, versuchte, aus ihrer Miene zu erkennen, wie wichtig die Neuigkeit wohl sein sollte, die ihm Kathy andrehte. Viel Bedeutung brauchte er ihrem strahlenden Blick nicht beizumessen.

Ob er wollte oder nicht, Matlock merkte, wie seine Müdigkeit verging.

„Na, mach doch endlich!“, drängte er, als Kathy noch immer auf die Wirkung ihrer Ankündigung wartete. „Los, mach es nicht so spannend!“

Wieder kicherte das Mädchen.

„Ich hab’ doch gewusst, dass du nicht mehr schlafen kannst, wenn man dich mit einer Neuigkeit ködert. Du siehst, ich kenne dich schon besser, als ich gedacht habe. Überrascht, was?“

Matlock setzte sich auf. Er wischte sich den Schlaf aus den Augen.

„Sei ein Schatz, Kathy! Bringen wir dieses Ratespiel hinter uns, und dann lass uns endlich schlafen! Ich hab’s verdammt nötig.“

„Du schläfst bestimmt nicht mehr, wenn ich dir das gesagt habe, Matlock.“ Kathy schmunzelte, dann zog sie einen Schmollmund, legte die Stirn in nachdenkliche Falten und meinte: „Eigentlich dürfte ich ja nichts verraten. Wenn Rocky was spitzkriegt, erschlägt er mich.“

„Mach’s nicht so dramatisch!“

„Mach’ ich gar nicht. Es ist wirklich so. Sag mal, Matlock, kennst du einen Kerl, der Kennedy heißt?“

Matlock schüttelte den Kopf. „Schätze, dass es wenigstens tausend Männer mit diesem Namen geben sollte.“

„Aber nicht jeder ist Präsident einer Minengesellschaft“, gab Kathy triumphierend zurück.

„Ach?“

„Dämmert es bei dir?“

„Bis jetzt noch nicht.“

„Dann sag’ ich noch mehr. Aber du musst schwören, dass du nicht ein Sterbenswörtchen davon verraten wirst! Rocky schlägt mich tot, so wahr ich hier neben dir im Bett liege.“

Kathys Gesichtsausdruck wurde tatsächlich ängstlich. Ihre Augen wanderten unruhig hin und her.

„Ist geritzt. Also, was ist nun mit diesem Kennedy?“

„Rocky“, begann Kathy, „er heißt Rocky Left. Ein mächtig raffinierter Kerl. Der weiß, was er will. Und er hat sich was ausgedacht. Verstehst du, Matlock? Etwas, wie er auf die schnelle Tour zu einem Haufen Geld kommen kann. Weil nämlich Kennedy, der Präsident von dieser Minengesellschaft, eine längere Reise unternehmen wird. Und du kannst Gift darauf nehmen, dass die Gesellschaft einen schweren Batzen Geld ausgibt, wenn sie ihren Präsidenten wiederbekommt. Schließlich ist so ein Präsident nicht irgendwer. Und ...“

„Halt mal die Luft an, Kathy!“ Matlock hatte die Hand an die Schläfe gelegt. Er kniff die Augen zu und atmete ganz langsam. „Was du mir erzählt hast, soll heißen, dieser Kennedy soll von einem lausigen Schuft geschnappt und entführt werden, damit man für ihn Lösegeld zahlt, nicht wahr?“

„Richtig“, bestätigte Kathy.

„Aber ich verstehe nicht, was das mich angehen sollte, Mädchen. In diesem Land werden täglich Menschen verletzt, getötet, beraubt oder umgebracht und entführt. Das ist nicht meine Aufgabe, mich um solche Verbrechen zu kün^mern.“

„Doch, Matlock. Das hier ist genau deine Aufgabe als Eisenbahn Marshal. Weil dieser Kennedy mit eurer Gesellschaft reist. Mit der UPRR, und bei der bist du doch angestellt, was?“

Roy Matlock musterte seine Bettgefährtin.

„Das soll ich dir glauben?“

„Du kannst es lassen.“

„Wie sicher ist dieser Tipp?“

„Vollkommen sicher. Verstehst du, Matlock, Rocky belügt mich nicht. Er hat mich noch nie belogen.“

„Dann kannst du mir auch sagen, wann der Plan steigen soll?“

Kathy zuckte die Schultern. Bedauernd zog sie die Mundwinkel nach unten.

„Kann ich nicht. Hat mir nämlich Rocky nicht gesagt. Aber es muss in den nächsten Tagen sein, denke ich. Er hat mir versprochen, dass er in vier Tagen kommt. Und dann will er mich mitnehmen. Nach Frisco. Ich bin zu hübsch für diese Bauern hier, sagt er. In Frisco kann ich mir eine goldene Nase verdienen in meinem Job.“

Matlock hatte sich aus dem Bett geschoben. Er war gerade dabei, das Hemd zuzuknöpfen. Als Kathy ihren Satz zu Ende gesprochen hatte, hielt er ein und begann spöttisch zu grinsen.

„He, warum grinst du mich an? Willst du mich auslachen?“

„Nicht die Spur. Aber ob es wirklich eine goldene Nase ist, die du dir in Frisco verdienst, solltest du dir noch einmal überlegen!“

Kathy begriff den Sinn nicht. „Wieso?“ fragte sie, wobei sie ihn mit großen Augen naiv ansah. „Was meinst du, Matlock?“

Der Eisenbahn-Marshal legte den Waffengurt um. Als er die Gürtelschnalle schloss, wurde es Kathy erst bewusst, dass er drauf und dran war, sie zu verlassen.

Mit einem großen Satz war sie auch schon aus dem Bett, flog förmlich auf Matlock zu, umklammerte seinen Oberarm.

„Du hast sie wohl nicht alle, Matlock? Willst einfach abhauen? Ausgerechnet jetzt? Mitten in der Nacht? Mensch, das kannst du nicht machen!“

„Ich komme wieder.“

„Wann, Matlock?“

Schmunzelnd zuckte er die Schultern.

„Das wird sich zeigen, Kathy. Aber jetzt muss ich rasch zum Telegrafenbüro.“

„Nein, Matlock!“

„Sei ein Schatz, Kathy! Leg dich in die Federn! Irgendwann stehe ich wieder vor deinem Bett. Versprochen!“

„Du bist ein Scheusal! Wie lange muss ich wohl darauf warten?“

Matlock löste sanft ihre Hand von seinem Arm und schob Kathy auf das Bett zu.

„Nicht sehr lange, Mädchen. Du wirst es ertragen.“

„Aber...“, wollte Kathy noch protestieren, doch Matlock stand schon an der Tür.

„Ach, was ich noch sagen wollte, Kathy: Du kennst Rockys Schlupfwinkel nicht, wie?“

Sie gab ihm keine Antwort. Matlock zog die Tür hinter sich zu. Er hörte ein ersticktes Schluchzen hinter sich.

 

*

 

Nat Jackson blies seine Backen auf. Als er die Luft entweichen ließ, hörte sich das an wie das Pfeifen eines Blasebalgs, den man mit einem Bowiemesser kitzelt.

„Soll ich mal was dazu sagen, Inspektor?“, fragte Bully, wie er von seinen Freunden genannt wurde. Er hob seine Rechte, die sich nur unwesentlich von der gewaltigen Schaufel unterschied, die der Heizer bei seiner Arbeit auf der Lok benötigte. „Soll ich was sagen, Inspektor?“

Richard Mullingham hob den Kopf. Er hatte einen etwas unwilligen Zug um die Lippen. Die ein wenig schwerfällige Art von Bully, der sich häufig wiederholte, um seine Worte bedeutungsschwerer klingen zu lassen, zerrte an Dick Mullinghams Nerven.

„Na, raus mit der Sprache, Jackson! Raus damit!“

„Gut“, brummte Bully. „Also, ich sage, die sollen nur kommen, wenn sie mal richtig auseinandergenommen werden wollen. Ja, sollen sie nur kommen, was, Hank? Wir sorgen schon dafür, dass ihnen auf den Augendeckeln Veilchen blühen! Mir ist sowieso wieder mal richtig nach einer feinen Schlägerei. Mann, ist schon eine Ewigkeit her, dass ich mich zuletzt richtig ausgetobt hab’. Ist immer gefährlich, Inspektor, wenn ich zu lange nicht richtig zupacken kann. Da weiß man nie genau, wenn’s richtig losgeht bei mir. Und verdammich, es ist nich’ einfach, da beherrscht zu bleiben, wenn einer einen dumm anquatscht. Das ist nämlich so, Inspektor, dass ...“

Dick Mullingham stieß mit beiden Händen senkrecht in die Luft.

„In Ordnung, Jackson! Ist ja schon in Ordnung, Mann! Ich glaub’ ja, was Sie sagen. Ich weiß, dass Sie ein Stier sind, wenn Sie mal loslegen. Aber das ist doch jetzt nicht so wichtig. Und außerdem glaube ich nicht, dass die Banditen sich von Ihren Fäusten abschrecken lassen. Da wäre es wahrhaftig besser, wenn Sie und Bronson eine Büchse hätten. Davor haben auch die frechsten Halunken Respekt.“

Bully hielt abermals die Luft einige Sekunden an, bevor er sie pfeifend entweichen ließ. Er verdrehte die Augen. Dann ging er unabsichtlich einen Schritt nach vorn.

Mullingham, dem die Worte Bullys noch im Ohr klangen, fasste das falsch auf. Vermutlich dachte er, Bully wäre böse, weil er ihn unterbrochen hatte. Und eilends wich er drei Schritte zurück.

Bronson grinste spöttisch.

Bully riss die Augen auf. Er schüttelte schwerfällig den Kopf.

„Nein“, sagte er heiser, „nein, Inspektor, Ihnen würd’ ich doch nie was antun. Sie denken wohl, dass ich auf Sie losgehen würde, was? Mann, das ist ja kein feiner Eindruck, den Sie von mir haben. Teufel auch.“ Er spie aus.

Mullingham verscheuchte den Anflug von Verlegenheit.

„Unsinn“, brummte er. „Mir ist nur was eingefallen. Ich muss noch rasch in die Station, bevor der Zug abfährt. Bin gleich wieder da.“

Schon war er weg. Er eilte mit großen Schritten zum Stationsgebäude. Hank Bronson, der Lokführer, zog seine schwere Taschenuhr heraus.

„Zehn Minuten noch“, sagte er vor sich hin, „dann fahren wir los. He, Bully, hast du das Mädchen auch ordentlich gepflegt, dass es uns keinen Kummer macht?“

Das Mädchen, von dem Hank Bronson sprach, nannte er meistens Prinzessin. Das war die 440-Lok, auf der sie fuhren. Eine zuverlässige Maschine, an der Hank Bronson mehr hing als jemals an einem Menschen. Er behandelte die Prinzessin so zartfühlend, pflegte sie so liebevoll, dass manche Reisende, die dies sahen, mit bissigen Kommentaren aufwarteten. Die Palette der Sprüche reichte vom harmlosen „Tick“ bis zum „verrückten alten Narren, dem man sich eigentlich gar nicht anvertrauen sollte.“

Hank wusste, dass seine geradezu familiäre Bindung an die Prinzessin keineswegs bei allen so gesehen wurde, wie sie gemeint war. Aber was kümmerte es ihn, wenn andere falsch urteilten. Wenn er sich manchmal ärgerte, dann nicht seinetwegen, sondern seines alten Mädchens wegen, das solche abfälligen Bemerkungen ganz sicher nicht verdiente.

„Du fragst bei jeder Station dasselbe, Hank. Klar, dass ich deine Prinzessin wie meinen Augapfel behandle.“

Hank nickte. Plötzlich schoss ein schwarzweißes Knäuel auf die beiden Männer zu, das wie verrückt kläffte.

„He, Miss Rose, hat dich ein Affe gebissen?“

Bully ließ sich auf die Knie nieder und nahm den Mischlingsköter auf den Arm. Mit seinen mächtigen Pranken fuhr er dem Hund durchs dichte Fell. .

„Was hast du denn?“, fragte er, als der Vierbeiner sich beruhigt hatte.

Hank schielte misstrauisch zu der Lokomotive, die fauchend auf den Gleisen stand. Miss Rose hatte die Angewohnheit, ganz aufgeregt zu bellen und zu kläffen, wenn sich ein Fremder der Lok näherte. Man konnte meinen, dass sie sich der Lok ebenso verbunden fühlte wie Hank Bronson.

„Denke, ich seh’ mal nach, ob sich einer bei meiner Prinzessin herumtreibt“, bemerkte Hank und trollte sich.

Bully schüttelte den Kopf.

„Alter Kindskopf“, brummte er vor sich hin. „Wer sollte sich in diesem menschenleeren Kaff schon an der Lok zu schaffen machen, nicht wahr, Miss Rose?“

Die Hündin leckte dem bulligen Burschen rasch über die Wange. Bully lachte auf. Er ließ sie wieder auf den Boden nieder.

Bahninspektor Mullingham kam zurück. Er steuerte genau auf Bully zu.

„Wo ist Bronson?“

„Bei seiner Lok. Gibt’s was Besonderes, Inspektor?“

„Ich hab’ ein Telegramm von Matlock erhalten. Er will unterwegs zusteigen.“

Bully grinste breit.

„Hab’ ihn schon eine Weile nicht mehr gesehen. Wissen Sie was, Inspektor?“

„Ich hab’ so ein komisches Gefühl, Inspektor, dass es bald ordentlich rundgeht“

„Hoffentlich nicht“, erwiderte Mullingham düster. „Mr. Kennedy ist einer von unseren Aktionären. Wenn es zu Zwischenfällen kommt, dann gibt es bestimmt Zunder.“

„Es wird rundgehen. Wenn Matlock kommt, dann geht es immer rund. Ich habe eine Nase dafür. Ehrlich gestanden, Inspektor, ich freue mich sogar darauf. Verdammich, wenn meine Fäuste wieder mal ein paar Knochen treffen, lacht das Herz. Sagen Sie, Inspektor, von welcher Stadt aus hat Matlock telegrafiert?“

„Keine Ahnung. Aber bei der nächsten oder übernächsten Station, vielleicht auch bei einem Wasserspeicher, wird er zusteigen. Ihr seht ihn rechtzeitig.“

Bully nickte.

Von der Lok aus pfiff Hank Bronson. Er winkte dem Heizer zu.

„Ich muss unsere Prinzessin füttern, Inspektor, sonst haben wir keinen Dampf. Fahren Sie mit uns?“ Mullingham schüttelte entschieden den Kopf.

„Bin ich verrückt? Wenn ich einen Kerl in diesem Land möglichst nicht treffen will, dann ist es Matlock.“ Bully lachte auf. Dröhnend klang seine tiefe Bassstimme.

„Das heißt wohl, Sie haben Angst um die Unschuld Ihrer Schwester, was?“

Mullingham lief rot an im Gesicht. „Nein, zum Teufel!“ stieß er wütend heraus. „Das hat mit meiner Schwester nichts zu tun. Wie kommen Sie überhaupt ...“

„Weil sie ein hübscher Käfer ist, Inspektor. Und wie ich Matlocks Geschmack kenne, wird er an dieser wundervollen Blüte nicht einfach vorübergehen. Nicht, ohne wie eine Biene daran zu naschen. Verflixt noch mal, dieser Matlock ist ein Teufelskerl, Inspektor. Der kann es mit den Weibern. Eine Schönheit ist er nicht Ich meine, er ist nicht so ein Bild von einem Mann wie Sie, Inspektor.“

Bully machte eine Pause und musterte den Inspektor erwartungsvoll. Er war gespannt, wie Mullingham reagieren würde. Der Inspektor tat, als hätte er die Bemerkung nicht gehört. Er wollte sich abwenden, um Bully nicht zu zeigen, wie wütend er war.

Da redete Bully weiter.

„Aber das macht nichts bei Matlock. Wenn sich der in den Kopf gesetzt hat, ein Mädchen rumzukriegen, dann schafft er das. Möcht’ nur wissen, was es ist, das diesen Burschen so verdammt anziehend macht. Er muss ein Geheimnis haben, was?“

„Wird wohl so sein“, gab Mullingham mit saurer Miene zurück. Er kam um eine Antwort nicht herum.

„Tja, Inspektor, und wie ich Ihre kleine Schwester vor ein paar Wochen getroffen hab’, da hat sie mich nach Matlock gefragt.“

Bully machte es einen Riesenspaß, den Inspektor bis zur Weißglut zu reizen. Dabei spielte er den Naiven.

„Na und?“, fauchte Mullingham böse. „Interessiert mich nicht.“

„Aber das war mehr als Neugier, Inspektor. Wenn Sie die Augen des Mädchens gesehen hätten, Mann! Da hat die Sehnsucht herausgeleuchtet. Teufel auch, die brennt ja richtig. Und wenn sie sich treffen, Inspektor, dann würde ich an Ihrer Stelle ...“

„Verdammt, wie lange willst du noch quatschen, Bully? Mach endlich Dampf! Wir müssen weiter!“, brüllte Hank.

Hank Bronson unterbrach damit das für den Heizer so amüsante Spiel mit dem aufgebrachten Gemüt des Bahninspektors.

Mullingham stapfte davon. Den Kopf gesenkt. Mit hartem Tritt. Das ermöglichte es ihm, sich wenigstens ein wenig abzureagieren.

Bully ging hinüber zur Lok. Miss Rose war schon vorausgerannt. Mit einem oft geübten Satz gelangte sie auf die Lok, und von dort aus auf den Tender, wo sie auf der Holzladung ihren üblichen Platz einnahm. Hank schüttelte den Kopf.

„Möchte nur wissen, was du mit dem so lange zu quatschen hast, Mensch! Wenn ich mich recht erinnere, hast du noch vor drei Stunden über diesen Hundesohn gewettert, dass ihm die Ohren geklungen haben müssen.“

Bully schmunzelte, als er sich bückte und nach Feuerholz griff.

„Ich hab’ meine Meinung über ihn nicht geändert. Wollte ihn nur ärgern. Matlock hat mir erzählt, dass Mullinghams kleine Schwester ein ziemlich kesses Kindchen ist. Weißt doch, dass Mullingham und Matlock sich nicht riechen können, Hank.“

Der Lokführer grinste.

„Und ob ich das weiß. Aber wie kommst du auf Roy Matlock?“

„Er wartet irgendwo an der Strecke auf uns. Will zusteigen, um den komischen Präsidenten persönlich zu beschützen. Mullingham hat die Hosen gestrichen voll, wenn er nur daran denkt, dass jemand diesem Minenkönig an den Kragen will.“

„Glaubst du an diese Geschichte?“ Bully wiegte den Kopf hin und her.

„Wenn’s von Mullingham kommen würde, dann würd’ ich es nicht glauben. Aber wenn es von Matlock .kommt, dann glaub’ ich das. Weil Matlock nicht die Pferde scheu macht, wenn es keinen Anlass dazu gibt, Hank. Und wenn Matlock irgendwann auf der Strecke zusteigt, um den fetten Präsidenten in seinem Luxuswagen zu beschützen, dann erfahren wir bestimmt mehr von ihm. Komm, mach Dampf!“

Hank Bronson gab Signal. Miss Rose bellte ein paar mal. Dann setzte sich die Lok dampfend und stampfend in Bewegung. Sie gewann rasch Geschwindigkeit. Und bald schon flogen die Telegrafenmasten vorbei, als würden sie nur in einem Abstand von wenigen Metern voneinander in den Boden gerammt sein.

Hank Bronson und Bully Jackson waren ein gut eingespieltes Team. Hank fuhr die Lok so, dass sie verhältnismäßig wenig Brennstoff und Wasser brauchte. Das machte Bullys Job angenehmer.

Bully hatte auch schon andere Lokführer erlebt, die so gefahren waren, dass Holz und Kohlen geradezu zum Schornstein hinausgeflogen waren. Da hatte es reichlich zu schuften gegeben. Selten, dass er die Feuerbüchse für ein paar Minuten sich selbst überlassen konnte.

Sie hatten eine ebene Fläche vor sich. Der Zug ratterte über die Schienen. Hank war sichtlich zufrieden. Die Gesten, wie er die Armaturen bediente, glichen einem Streicheln, das seiner Prinzessin galt.

Bully legte eine Pause ein, als er die Glut in der Feuerbüchse gleichmäßig verteilt hatte. Er steckte sich eine Pfeife an.

„Und wenn die Halunken die Gleise aufgerissen haben?“, fragte er plötzlich.

Hank zuckte zusammen. Er beugte sich nach rechts aus dem Führerstand und spähte auf die Schienen.

„Möglich wär’ das wohl“, brummte er böse. „Aber wenn sie das getan haben, dann bestimmt nicht in der Ebene. Könnte mir denken, dass sie uns frühestens bei den Hügeln überfallen würden, wenn sie es überhaupt versuchen.“

Bully senkte den Schädel.

„Warum muss man ein so verdammtes Theater um einen einzigen Mann machen?“

Hank grinste.

„Weil er eine Menge Geld hat. Und eine hübsche Tochter dazu.“

„Tochter? Er hat seine Tochter bei sich?“

Hank nickte.

„Hm“, tat Bully. „Wenn das so ist, dann kann ich mir denken, was es mit diesem angeblichen Überfall auf sich hat.“

„Was meinst du?“

„He, denk doch mal an Matlock und seine Vorliebe für alles, was Kleider trägt!“

 

*

 

Rocky Left stand auf der Plattform des letzten Wagens. Er kaute auf seinem Zigarrenstummel. Ab und zu spuckte er aus. Dabei beugte er sich etwas über das Geländer. Anschließend lehnte er sich wieder an die Wand des Wagens. Unter seinen Füßen rasten die Schwellen dahin. Manchmal trug der Fahrtwind dicke Schwaden vorbei, die allmählich in der sonst klaren Luft zerfledderten.

Die Station verschwand in der Ferne.

Erst als von den Häusern nichts mehr zu sehen war, wandte sich Rocky um. Er öffnete die Tür, die in den Wagen führte.

Überraschte Blicke richteten sich auf ihn.

„He, Mister!“ Ein Mann in der Uniform der Union Pacific Railroad ging auf Rocky zu. „Woher kommen Sie, Mister?“

Rocky Left deutete mit dem Daumen hinter sich.

„Von da draußen. Was dagegen?“

„Allerdings. Zu diesem Wagen haben Fahrgäste keinen Zutritt. He, haben Sie überhaupt eine Fahrkarte?“

Rocky Left schüttelte grinsend den Kopf.

„Hab’ ich nicht. Aber Sie werden mir eine geben.“

Der Zugschaffner machte eine ärgerliche Miene.

„In Ordnung. Aber dann klettern Sie nach vorne! Der übernächste Wagen hat noch ein paar Plätze.“

Left nickte. Er nannte irgendein Fahrziel, bezahlte den Preis dafür, steckte den Fahrschein in seine Hosentasche, dann ging er nach draußen. Er warf die Tür hinter sich zu.

Bevor er auf den Wagen vor ihm kletterte, spie er den Zigarrenstummel aus. Dann ging er über den Perron zum nächsten Wagen.

Er ließ sich viel Zeit. Denn er wusste, dass in dem Pullman-Salonwagen jener Mann die Reise genoss, auf den es Left abgesehen hatte.

Weiter vorne im Zug musste sich irgendwo Ted Sharp befinden. Er war mit den Männern eine Station früher zugestiegen. Und sicher hatte er bereits alle Einzelheiten herausgefunden, die für ihre Absicht von Bedeutung waren.

Left wollte gerade aufs Außentrittbrett klettern, um am nächsten Wagen außen entlangzuhangeln, als unerwartet die Tür des Pullman-Wagens geöffnet wurde.

Rocky zuckte unwillkürlich zusammen. Er fuhr herum.

Eine junge, verdammt hübsch aussehende Frau stand in der Abteiltür. Sie sah Rocky stirnrunzelnd an. „Wollen Sie zu meinem Vater?“ Rocky brauchte eine Sekunde, um seine Überraschung zu verwinden. Dann schüttelte er den Kopf.

„Nein, Miss. Wüsste nicht, was ich für Ihren Vater tun könnte. Wieso fragen Sie?“

„Na, hören Sie, Mister, Sie stehen vor unserem Wagen. Da werde ich wohl so frei sein dürfen und fragen, was Sie hier wollen. Das ist der Wagen meines Vaters. Und Leute, die nicht hergebeten werden, haben hier nichts verloren.“

Hochnäsig war sie anscheinend. Sie behandelte Rocky Left wie einen stinkenden Kuhtreiber. Und das ging Rocky entschieden gegen den Strich. Er hatte nämlich sehr eigene Vorstellungen davon, wie sich eine Frau einem Mann gegenüber zu verhalten hatte.

„Wenn ich Ihnen einen Rat geben darf, Miss, dann drehen Sie sich besser ganz schnell um, machen die Tür zu und so rasch auch nicht wieder auf, weil ich kleine Mädchen fresse, die so vorlaut und hochnäsig sind!“

„Was erlauben ...“

„Tür zu!“, brüllte Rocky wütend. Er vollführte eine drohende Gebärde. Das wirkte.

Blitzschnell war die junge Frau verschwunden.

Sie sah recht reizvoll aus. Schwarzhaarig, mit einer guten Figur, volle rote Lippen, ein schlanker Hals, vornehm gekleidet. Und in ihrem Blick hatte sie einen seltsamen Ausdruck, der einen Mann auf den Gedanken bringen konnte, sie wäre zu einer kleinen höchst vergnüglichen Sünde jederzeit zu haben.

„Dumme Ziege“, knurrte Rocky Left. Und damit war für ihn dieser Zwischenfall abgetan. Was ihn mehr interessierte als ihr Auftritt, war, dass sie sich als die Tochter von Kennedy bezeichnet hatte. Diese Information war bares Geld wert. Sie würde vielleicht dazu führen, dass Rocky seinen schlau eingefädelten Plan in einigen Bereichen verändern sollte.

Er atmete ein, dann kletterte er hinüber zum anderen Wagen. Er sah sich um. Einer seiner Männer saß am anderen Ende des Waggons auf der glattgescheuerten Sitzbank. Er schielte nur kurz herüber, dann sah er interessiert aus dem Fenster.

Rocky setzte seinen Weg fort. Zwei Wagen weiter vorne traf er mit Sharp zusammen.

Ein paar Kinder, die von den Eltern nur mühsam gebändigt werden konnten, tollten durch das Abteil. Dicke Schwaden von Tabaksqualm hingen unter der Decke. Einige Frauen schnatterten eifrig über die neuesten Skandale in ihrer Stadt.

Sharp tat, als würde er Rocky nicht kennen. Er wartete, bis Left den Wagen wieder verlassen hatte. Einige Minuten später stand er auf und ging ebenfalls hinaus auf die Plattform, wo er Rocky traf.

„Und?“

Ted Sharp räusperte sich gründlich, bevor er zum Sprechen ansetzte.

„Ich hab’ ein schlechtes Gefühl bei dieser Geschichte, Rocky.“

Der magere Bandit drehte sich zu Sharp um. Er streckte die Rechte aus und stieß dem Untersetzten den Zeigefinger in den Bauch.

„Idiot!“, fauchte er wütend. „Was für ein Gefühl du hast, ist mir verdammt noch mal egal. Und wenn du noch einmal eine so blödsinnige Antwort auf meine Frage gibst, dann spürst du genau an dieser Stelle nicht meinen Finger, sondern ein Messer, klar?“

Sharp wurde bleich.

Rocky Left war nicht der Mann, der drohte. Wenn er etwas ankündigte, setzte er das bei nächster Gelegenheit in die Tat um.

„Hol’s der Teufel, Boss. Der Kerl reist nicht allein. Hat eine Frau dabei.“

„Seine Tochter.“

„Du weißt das schon?“

Rocky nickte und grinste überlegen. „Ich weiß es schon. Ich weiß sogar noch mehr. Das Lösegeld wird sich verdoppeln, wenn wir geschickt vorgehen.“

Sharp schluckte. Er hatte wieder einmal den Beweis erhalten, dass Rocky ihm und den anderen haushoch überlegen war. Wenn er zu denken anfing, steckte er die anderen glatt in die Tasche.

„Hast du schon einen Plan, Rocky?“

„Ich hab’ zehn Pläne, bis ihr überhaupt einmal eure müden Kadaver hochkriegt. Hör zu, Sharp! Wir warten, bis es dunkel ist. Bis dahin kannst du die Männer verständigen. Sie sollen sich bereithalten. Ich gebe euch das Zeichen rechtzeitig genug.“

„Ist gut. Was sollen wir tun?“

Noch blieb Rocky Left geduldig. Fast sanft klang seine Stimme, als er sagte: „Was wir verabredet haben, Sharp.“ Und plötzlich wurde sein Ton schärfer. „Du blutiger Narr, was fragst du noch? Wir haben hundert mal darüber gesprochen! Ihr tut genau das, was wir durchgekaut haben! Und für den Rest sorge ich selbst!“

Details

Seiten
120
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783738923193
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2018 (Oktober)
Schlagworte
matlock kennedys entführung

Autor

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Titel: ROY MATLOCK #14: Kennedys Entführung